Читать книгу: «Religiöse Erwachsenenbildung»
Praktische Theologie im reformierten Kontext
herausgegeben von Albrecht Grözinger, Gerrit Immink, Ralph Kunz, Andreas Marti, Christoph Morgenthaler, Félix Moser, Isabelle Noth, David Plüss und Thomas Schlag.
Band 7 – 2013
Die Reihe »Praktische Theologie im reformierten Kontext« versammelt Arbeiten aus der praktisch-theologischen Forschung, die in der konfessionellen Kultur der Reformierten verankert sind. er reformierte Kontext ist einerseits Gegenstand empirischer Wahrnehmung und kritischer Reflexion und andererseits das orientierende Erbe, aus dem Impulse für die zukünftige Gestaltung der religiösen Lebenspraxis gewonnen werden. Er bildet den Hintergrund der kirchlichen Handlungsfelder, prägt aber auch gesellschaftliche Dimensionen und individuelle Ausprägungen der Religionspraxis.

Claudia Kohli Reichenbach, Isabelle Noth (Hg.)
Religiöse Erwachsenenbildung
Zugänge – Herausforderungen – Perspektiven
TVZ
Theologischer Verlag Zürich
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.
Umschlaggestaltung: Simone Ackermann, Zürich, unter Verwendung einer Fotografie von Andreas Hoffmann (Ausschnitt) aus der Serie «Krethi & Plethi. Christliches und Nachchristliches in Zürich», 1999 © Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich und Katholische Kirche im Kanton Zürich
ISBN 978-3-290-17705-8 (Buch)
ISBN 978-3-290-17745-4 (E-Book)
|XX| Seitenzahlen des E-Books verweisen auf die gedruckte Ausgabe.
© 2013 Theologischer Verlag Zürich
www.tvz-verlag.ch
Alle Rechte vorbehalten
Dr. theol. Walter Hug zum 60. Geburtstag
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Geleitwort
Die religiöse Bildungsarbeit mit Erwachsenen gehört seit je zu den Grundaufgaben insbesondere der reformierten Kirche. Ihr Ziel ist es, Menschen in ihrer Mündigkeit zu fördern und in ihrem verantwortlichen Urteilen und Handeln zu unterstützen. Dazu eröffnet sie vielfältige Zugänge zur christlichen Tradition und bietet Raum zur eigenständigen Auseinandersetzung mit Glaubens- und Lebensfragen.
Gleichwohl hat die religiöse Erwachsenbildung derzeit keinen einfachen Stand. Der Herausforderungen gibt es einige: Die gesellschaftliche und religiöse Pluralisierung etwa erfordert vermehrt individuelle oder milieuspezifische Zugangsmöglichkeiten zur Religion. Die beobachtbare Verzweckung und Einengung von Bildung auf die berufliche Weiterbildung schränkt andererseits den Spielraum für breitere Themen und Bildungsangebote spürbar ein. Umso mehr, wenn man die gesamtgesellschaftliche Beschleunigung und Zeitknappheit mit in Betracht zieht.
Sowohl kirchliche Bildungshäuser wie auch Erwachsenenbildungsangebote in Kirchgemeinden kämpfen deshalb oft mit rückläufigen Teilnehmerzahlen und knapperen Ressourcen – was unmittelbar auch Fragen nach einer angemessenen inhaltlich-theologischen Ausrichtung und Profilierung der religiösen Erwachsenenbildung aufwirft.
Umso wichtiger und verdienstvoller sind in dieser Situation Tagungen wie die hier dokumentierte. Sie bieten den Rahmen, um sich unter Fachpersonen über die Herausforderungen klar zu werden, sich aber gleichzeitig auch über vielversprechende Ansätze und neue Perspektiven der religiösen Erwachsenenbildung auszutauschen.
Besonders beachtlich und zukunftsweisend erscheint mir, dass es der Tagung an der Theologischen Fakultät in Bern gelungen ist, dafür Fachpersonen aus Universität und Kirche zu vereinen. So konnten Erfahrungen und Neuansätze aus der erwachsenenbildnerischen Praxis mit Ergebnissen der praktisch-theologischen Forschung und Lehre in einen spannenden Dialog gebracht und die Erwachsenenbildung aus verschiedenen Perspektiven kritisch reflektiert werden.
Allen Lesenden, die mittels Tagungsband an diesen fachlichen Auseinandersetzungen und den Tagungsergebnissen teilhaben, sei eine anregende, ermutigende und neue Perspektiven eröffnende Lektüre gewünscht.
Annemarie Bieri, Pfrn.
Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn,
Gemeindedienste und Bildung, Beauftragte für kirchliche Erwachsenenbildung |8|
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Inhalt
Titel
Geleitwort
Inhalt
Einleitung
I Zugänge
Claudia Kohli Reichenbach Religiöse Erwachsenenbildung im Umbruch
Jürgen Wolff Sprachschule für die Freiheit, Option für die Armen oder perspektivenverschränkende Bildung? Zugänge zu ausgewählten Theoriemodellen der Evangelischen Erwachsenenbildung
II Herausforderungen
Isabelle Noth Das mittlere Lebensalter – terra incognita für die Religionspädagogik? Praktisch-theologische Überlegungen im Anschluss an die Psychologie der Lebensspanne
Daniel Schmid Holz Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Die Frage nach der Schwellenhöhe bei der Inszenierung religiöser Erwachsenenbildung an kirchlichen und nichtkirchlichen Orten
III Perspektiven
Monika Jakobs Welche AdressatInnen und welche Ziele hat eine zukunftsgerichtete Erwachsenenbildung?
Stefan Altmeyer Spiritualität und spirituelles Lernen in der religiösen Erwachsenenbildung |10|
Thomas Schlag Auf dem Weg der Gerechtigkeit: Was eine profilierte religiöse Erwachsenenbildung in kirchlicher Verantwortung auszeichnet
Friedrich Schweitzer Erwachsene als Theologen? Erwachsenentheologie als Perspektive für religiöse Erwachsenenbildung in der Pluralität
David Plüss Die Bildungsfunktion liturgischer Ordnung
AutorInnenverzeichnis
Fussnoten
Seitenverzeichnis
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Einleitung
Claudia Kohli Reichenbach / Isabelle Noth
Am 26. November 2012 lud die Theologische Fakultät der Universität Bern zu einer Tagung über religiöse Erwachsenenbildung ein. Getragen wurde die Veranstaltung vom religionspädagogischen Leitungsteam (Walter Hug, Andreas Kessler, Claudia Kohli Reichenbach, Isabelle Noth) der Abteilung für Seelsorge, Religionspsychologie und Religionspädagogik, unterstützt wurde sie von den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Wir widmeten die Tagung der Aufgabe, nach einer theologisch und religionspädagogisch fundierten zeitgenössischen Erwachsenenbildung sowie nach ihrer theoretisch wie praktisch relevanten Profilierung zu fragen. Fachpersonen aus Universität und Kirche sowie zahlreiche PfarrerInnen nahmen die Gelegenheit wahr, in diesem Rahmen ein kirchliches Handlungsfeld zu diskutieren, welches vor grossen Herausforderungen steht und in den letzten Jahren zumindest im akademischen Diskurs wenig bearbeitet wurde. Im vorliegenden Band stellen wir die Tagungsbeiträge einem breiteren interessierten Publikum zur Verfügung. Ergänzt werden die Referate durch Aufsätze weiterer Religionspädagogen bzw. praktischer Theologen (Friedrich Schweitzer, Thomas Schlag, David Plüss).
Ein erster Teil der Publikation fragt nach Zugängen zur religiösen Erwachsenenbildung. Claudia Kohli Reichenbach skizziert den Standort gegenwärtiger religiöser Erwachsenenbildung und beleuchtet subjekt- und biografieorientierte Konzepte, die heute besonders gewichtet werden, im Licht des Rechtfertigungsgeschehens. Jürgen Wolff analysiert die gegenwärtige Praxis, indem er verschiedene religionspädagogische Theoriemodelle seit den 1960er Jahren beizieht und anschliessend einen polyperspektivischen Ansatz entwirft.
Den gegenwärtigen Herausforderungen stellen sich die nächsten beiden Beiträge. Isabelle Noth beleuchtet im Anschluss an die Psychologie der Lebensspanne das mittlere Lebensalter und fragt, wie die spezifischen Ablösungsprozesse und Lebensaufgaben der Generation zwischen zirka 40 und 65 Jahren in religionspädagogischen Konzepten zu berücksichtigen sind. Im Fokus des Beitrags von Daniel Schmid Holz steht die Frage nach der Schwellenhöhe erwachsenenbildnerischer Angebote. Erkenntnisleitend ist für ihn die Tatsache, dass für religiöses Lernen neben Inhalten insbesondere der Zeichengebrauch zentral ist: Gerade in Anbetracht zunehmender persönlicher Entfremdung von der institutionalisierten Kirche nehmen Menschen wahr, wie inszeniert wird.
Schliesslich werden in einem dritten Teil verschiedene (Zukunfts-)Perspektiven entworfen. Monika Jakobs plädiert für eine differenzierte Wahrnehmung der Zielgruppen religiöser Erwachsenenbildung. So ist beispielsweise Milieusensibilität \|\1\| heutzutage gleichsam ein Gebot der Stunde. Für eine hilfreiche Planung und Analyse von Angeboten schlägt die Autorin die Unterscheidung zwischen «Kunden» und «Anhängern» vor. Um Spiritualität als Perspektive für die religiöse Erwachsenenbildung geht es im Beitrag von Stefan Altmeyer. Er begegnet diversen Vorbehalten gegenüber der gegenwärtig gleichsam boomenden Spiritualitätsthematik und entwirft eine Konzeption spiritueller Bildung, der ein reflektiertes Wechselspiel zwischen Individualität und Sozialität (u. a. als geteilte Tradition) zugrunde liegt. Thomas Schlag widmet seinen Beitrag der Suche nach einem kirchlichen und spezifisch reformierten Profil. Er warnt vor einem Rückzug auf marktgängige Themen der Innerlichkeit und Spiritualität und fordert eine öffentliche Positionierung kirchlicher Erwachsenenbildung. Friedrich Schweitzer plädiert für eine veränderte Perspektive auf die Religion Erwachsener. Analog zu Ansätzen einer Kinder- bzw. Jugendtheologie will er die (Laien-)Theologie von Erwachsenen ernst nehmen, sie in erwachsenenbildnerischen Angeboten reflektieren und vertiefen. David Plüss schliesslich verweist auf die engen Verbindungen zwischen Liturgie und Bildung, beleuchtet Bildungseffekte der Liturgie und hat dabei spezifisch auch die Formen liturgischer Kommunikation im Blick.
Religiöse Erwachsenenbildung ist in den gegenwärtigen Umbrüchen der religiösen Landschaft ein zentrales kirchliches, aber auch gesellschaftliches Handlungsfeld. Wir hoffen, dass der vorliegende Band Klärungen schafft und weitere Diskussionen anregt.
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I Zugänge
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Religiöse Erwachsenenbildung im Umbruch
Claudia Kohli Reichenbach
1. Ein schlafender Riese? Versuch einer Standortbestimmung
«Der schlafende Riese» titelte 2003 Rüdiger Sachau, zurzeit Direktor der evangelischen Akademie zu Berlin, und eröffnete damit das von Uta Pohl-Patalong herausgegebene Übersichtswerk zur religiösen Bildung mit einem provokativen Beitrag zur gegenwärtigen Situation von Erwachsenenbildung.1 Er zitierte die Bildungsstatistik und verwies auf ihre grosse Bedeutung in Deutschland.2 Ein Riese sei sie, allerdings einer, der «unscheinbar bis unsichtbar»3 sei und eigentlich, so Sachau, schlafe. Auch kirchliche Erwachsenenbildung sei erstarrt, insofern als es ihr im Blick auf die Zukunft nicht gelungen sei, ein «deutliches Selbstbewusstsein» bzw. eine «klare Vertretung ihres Anliegens» zu entfalten. Schliesslich mahnt Sachau: «Der schlafende Riese der Erwachsenenbildung muss sich rechtzeitig besinnen, sonst könnte es ihm eines Tages so gehen wie Gulliver bei den Liliputanern: gefesselt durch die Strukturen wird sie am Boden liegen und sich nicht mehr rühren können.»4 Zur Rekapitulation: Gulliver wurde im 18. Jahrhundert vom irischen Priester und Schriftsteller Jonathan Swift auf die Reise geschickt. Auf seiner ersten Fahrt war Gulliver auf einem Schiff unterwegs, das kenterte. Der Schiffbrüchige erreichte einen Strand und schlief ein. Als er schliesslich aufwachte, war er an Armen und Beinen an den Boden gefesselt. Die kleinen Wesen von Liliput waren am Werk gewesen. |16|

Abb. 1: Zeichnung von Fritz Fischer in: Jonathan Swift, Gullivers Reisen, München 1999, S. 22.
(Der Nachdruck des Bildes geschieht mit freundlicher Genehmigung von Frau Carla Bing, Korchbach.)
Wenn man heute, zehn Jahre später, aktuelle Standortbestimmungen religiöser Erwachsenenbildung konsultiert, drängt sich bisweilen der Gedanke auf, dass Gulliver eine nächste Reisedestination erreicht hat, und zwar das Land der Riesen. Dorthin gelangte er, nachdem er nach seiner Rückkehr aus Liliput erneut aufgebrochen und in See gestochen war. Im Land der Riesen muss er aufpassen, dass er nicht zertreten wird.

Abb. 2: Zeichnung von Fritz Fischer in: Jonathan Swift, Gullivers Reisen, München 1999, S. 120.
(Der Nachdruck des Bildes geschieht mit freundlicher Genehmigung von Frau Carla Bing, Korchbach.) |17|
Religiöse Erwachsenenbildung hat es gegenwärtig nicht einfach, ihren Platz zu behaupten. Ein neulich veröffentlichtes Positionspapier der evangelischen Akademien in Deutschland macht verschiedene Faktoren dafür geltend.5 Einige der im Papier genannten Aspekte fokussieren auf Herausforderungen, die unter Berücksichtigung von spätmodernen Individualisierungs- und Pluralisierungsprozessen im Besonderen die evangelischen Akademien mit ihrem Schwerpunkt im Bereich der Diskurskultur betreffen;6 andere Aspekte aber fordern religiöse Bildungsarbeit im Allgemeinen heraus. So verweist das Papier zum einen auf die Veränderung von Zeitrhythmen:7 «Wir leben in einer Gesellschaft, die sich permanent weiter beschleunigt, Momente der Besinnung sind darin kaum noch vorgesehen und das Gefühl des Gehetztseins ist für viele zu einem Dauerzustand geworden.» In der Folge werden all jene Entwicklungen erschwert, die «ihre eigene, unkalkulierbare Zeit brauchen».8 Dazu gehörten Bildungsprozesse im Rahmen von partizipativen Diskursen, wie sie Bildungshäuser vorsehen, dazu gehöre auch Persönlichkeitsarbeit, wie sie in vielen kirchlichen erwachsenbildnerischen Veranstaltungen anvisiert werde. Für die Erörterung grösserer Zusammenhänge und grundlegender Orientierung aber bleibe der Bildung heute kaum noch Zeit.
Ein zweiter im Papier genannter Aspekt ist die Verzweckung von Bildung.9 Mit der knapper werdenden Ressource «Zeit» werde Bildung zunehmend unter dem Aspekt des Nutzens betrachtet und primär in den Dienst der beruflichen Karriere gestellt: Es zähle lediglich, was beruflich oder persönlich weiterbringe. «Reflexive, kritische, interdisziplinäre und gesellschaftspolitische Fragestellungen, die keinen persönlichen Bezug haben, verlieren an Interesse.»10 Indem die Nützlichkeit zum zentralen Kriterium avanciere, büsse Bildung ihren Selbstzweck ein. Gerade im Bereich der religiösen Bildung aber werden Themen bearbeitet, die sich der Logik einer unmittelbaren Verwendbarkeit bisweilen entziehen und nicht nur den Ziel-, sondern auch den Prozesscharakter von Bildung betonen. Allerdings gerate religiöse Erwachsenenbildung mit dieser Grundausrichtung zunehmend ins Abseits. |18|
Als Folge u. a. dieser beiden Aspekte muss das Ende der «erfolgreiche[n] Ära kirchlicher Bildungsstätten im Grünen» genannt werden.11 Über Jahrzehnte standen in der Schweiz Namen wie Gwatt, Sornetan, Magliaso, Rügel usw. für hochwertige kirchliche Erwachsenenbildung. Die Bedürfnisse der Gesellschaft haben sich geändert. Mit der Zeitverdichtung besser vereinbar scheinen Abend- oder Wochenendveranstaltungen in Stadtnähe oder in der Stadt zu sein. Herbert Pachmann, der die schweizerische Situation untersucht hat, spricht von einer geradezu «tektonische[n] Verschiebung» in der Bildungslandschaft: Gefragt seien heute insbesondere urbane Lernorte, wo «schlanke, inhaltlich relevante Angebote ohne lange Anreise, Gastronomie und Hotellerie» gemacht werden.12
2. Wohin des Weges?
In dieser Umbruchsituation werden von verschiedener Seite Forderungen an die religiöse Erwachsenenbildung laut. In der neueren Literatur zur religiösen Erwachsenenbildung werden u. a. die folgenden drei wiederholt geäussert:
2.1 Forderung nach inhaltlicher Klärung
Vor allem im Zusammenhang mit dem grossen Bedeutungszuwachs von Veranstaltungen, die der Rubrik «Spiritualität» zuzuteilen sind, wird dringlich eine inhaltliche Klärung der Bildungsangebote gefordert. Kurse mit spirituellem und meditativem Charakter scheinen Menschen gegenwärtig für besonders relevant zu halten, wohl auch, um in der Beschleunigung bestehen zu können. In den letzten Jahren ist die Kirche als Anbieterin von spirituellen Veranstaltungen wie Pilgern, Exerzitien im Alltag, Kontemplation, spirituelles Körperlernen usw. aktiv geworden. Erfahrungsräume werden gezielt inszeniert, um Menschen eigene Erfahrungen zu ermöglichen, die dann im Gruppengespräch oder im geistlichen Begleitgespräch erkundet und in Bezug auf die eigene Lebensgeschichte reflektiert werden. Das grosse Potenzial dieser Angebote wird vielfach betont; Unbehagen bereitet offensichtlich aber vielen die Tatsache, dass in manchen Angeboten zentrale christliche Inhalte preisgegeben werden und religiöse Erwachsenenbildung zu einem flachen «Wellnessprogramm für die Seele»13 verkomme. |19|
Am prägnantesten ist die Kritik von Rudolf Englert, der seit Jahrzehnten das Praxisfeld «religiöse Erwachsenenbildung» kritisch reflektiert.14 Er ortet die Verschiebung weg von klassischen Katecheseangeboten hin zu spirituellen Angeboten in der veränderten Gestalt von Religiosität in der Postmoderne. Die Diagnose muss hier nicht wiederholt werden, Stichworte genügen: Individualisierung, Privatisierung von Religion, Traditionsabbruch, Wunsch nach eigener religiöser Authentizität usw. Mit der veränderten Nachfrage werde gegenwärtig, so Englert, der Marktlogik entsprechend, das Angebot umakzentuiert. In der Folge dessen scheine es, «als würde die prophetisch-kritische Dimension christlichen Glaubens hinter der weisheitlich-affirmativen Dimension religiöser und spiritueller Traditionen mehr und mehr zurücktreten» und Erwachsenenbildung zur «Serviceagentur zur psychischen Hygiene» umfunktioniert werden.15 Dieser Entwicklung könne nur gewehrt werden, wenn die neuen Sehnsüchte, die hinter dem religiösen Gestaltwandel stehen, in einer Weise thematisiert und bearbeitet werden, die mit den beiden zentralen Aspekten religiöser Erwachsenenbildung – der «Auffassung von der inhaltlichen Eigenwertigkeit und dem Anspruchscharakter religiöser Traditionen» und dem «Verständnis von Bildung als eigenständiger, aktiver Auseinandersetzung mit kulturellen Konzepten und Mustern» – vereinbar sei.16 Englert, der hier stellvertretend für zahlreiche AutorInnen genannt wird, fordert in Anbetracht der gegenwärtigen Verschiebungen dringlich eine Klärung der inhaltlichen Ausrichtung religiöser Erwachsenenbildung.
2.2 Forderung nach Überwindung der Milieuverengung
In religionssoziologischer bzw. religionswissenschaftlicher Perspektive wiederholt geäussert wird die Forderung, dass gegenwärtige kirchliche Erwachsenenbildung ihre Milieuverengung zu überwinden habe. In der Tat lassen Statistiken von TeilnehmerInnenprofilen aufhorchen. Die BildungsforscherInnen Aiga von Hippel und Rudolf Tippelt haben 2004 empirische Ergebnisse zum TeilnehmerInnenprofil kirchlicher Anbieter präsentiert.17 Die Statistiken zeigen: Kirchliche Erwachsenenbildung wird überdurchschnittlich oft von Menschen in Anspruch genommen, die dem konservativen bzw. traditionsverwurzelten Milieu zuzuteilen sind.18 Den Kirchen fällt es offensichtlich schwer, andere Milieus zu erreichen. Um einen Ausweg aus der Sackgasse aufzuzeigen, paaren sich in der gegenwärtigen Literatur |20| zu den nüchtern konstatierten Feststellungen bisweilen konkrete Vorschläge, wie die Milieuverengung zu überwinden sei. Die Religionswissenschaftlerin Eva Baumann-Neuhaus beispielsweise fordert, dass sich religiöse Erwachsenenbildung gezielter «auf einen dialogischen, offenen und partizipativen Kommunikationsprozess» einlasse.19 Religiöse Kommunikation muss gemäss Baumann-Neuhaus bei folgenden Lebensfeldern heutiger Menschen anknüpfen: 1) bei der «Selbstthematisierung» – dort also, wo es um Fragen der «Identitätsfindung und -performance» geht; 2) bei «Erlebnis und Erfahrung» und damit der Suche nach «Ganzheitlichkeit»; 3) bei der Sinnfrage, um «Orientierung und Nachhaltigkeit» zu bieten; 4) bei der Ethik, indem sie «Kriterien für eine ‹gute› Lebensführung» zu formulieren hilft, und schliesslich 5) bei der «Gemeinschaft» – dort also, wo «Kommunikation und Bezogenheit» Selbstverortung ermöglichen.20
Insbesondere mit den ersten drei Aspekten gelangt die Autorin allerdings unweigerlich auf heikles Terrain, werden hier doch Themenfelder benannt, in denen Kritiker besonders viel Baumaterial für flache Wellnessprogramme vermuten. Darum sind Kriterien gefragt – Kriterien, die bei der Konzeption und Durchführung von Erwachsenenbildungsangeboten dienlich sind. Kriterien sind gefragt, in denen gegenwärtig herausfordernde Spannungsfelder – zum Beispiel das Verhältnis zwischen eigener Erfahrung und religiöser Tradition – grundlegend reflektiert sind.
2.3 Forderung nach akademischer Reflexion
Genau auf der Reflexionsebene aber klaffen zurzeit Lücken. Im Unterschied zu andern Handlungsfeldern der Kirche gibt es für die religiöse Erwachsenenbildung nur wenige aktuelle theoretische Konzepte, welche die gegenwärtige Praxis analytisch durchdringen und handlungsorientierende Leitlinien formulieren.21 Zwar |21| wird rundum betont, wie wichtig religionspädagogische Forschung im Bereich der Erwachsenenbildung wäre. So schreibt beispielsweise Friedrich Schweitzer in seinem 2006 publizierten Lehrbuch zur Religionspädagogik: «Die Vernachlässigung von (religiöser) Bildung im Erwachsenenalter ist zu überwinden zugunsten einer systematischen Wahrnehmung dieses Bereichs als eines genuinen Bestandteils von Religionspädagogik und kirchlicher Bildungsarbeit. Deshalb muss die herkömmliche religionspädagogische Perspektive, die sich auf Kinder und Jugendliche beschränkt, […] ausgeweitet werden».22 Schweitzer selber beschränkt sich dann allerdings auf eher knappe Ausführungen. Ein Defizit ist sowohl im Bereich grundlagentheoretischer Forschung, also Forschung historischer und bildungstheoretischer Natur, als auch im Bereich der anwendungsorientierten Forschung, z. B. erwachsenenpädagogischer Lehr-Lernforschung auszumachen.
3. Best practice
Analysen vom schlafenden Riesen (vgl. 1.) und Behandlungsmöglichkeiten, wie sein Schlaf zu kurieren sei (vgl. 2.), werden nun für einen Moment zugunsten eines anderen Blickwinkels nicht weiterverfolgt. In der Zeit einer gewissen Verunsicherung, wohin religiöse Erwachsenenbildung steuern soll, und in der die grossen Antworten fehlen, scheint mir in einem 3. Teil ein Perspektivenwechsel verheissungsvoll: Es lohnt sich, den Blick, der bisher die grossen Entwürfe zu erfassen versuchte, zu schärfen für das, was gelingt: für innovative Einzelbeispiele der Praxis, die sich als zukunftsweisend herausstellen könnten. Sowohl die reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn23 als auch die Deutsche Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung24 haben auf ihren Homepages diesen Weg gewählt. Sie stellen Projekte vor, die gelungen sind und Beispielcharakter haben. Zwei von ihnen werden hier in aller Kürze vorgestellt.
1) In der «Nacht der Religionen», aufgeführt bei der «Ideenbörse» der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, öffnen Berner Weltreligionsgemeinschaften – Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen, Muslime, Juden, Hindus usw. – ihre Türen und laden ein, «hinein zu schnuppern und sich selber ein Bild zu machen, sich selber einen Eindruck zu verschaffen, Fragen zu stellen und ins Gespräch zu kommen».25 In der Nacht der Begegnung, die übrigens in Anlehnung an die «Museumsnacht» konzipiert wurde, sollen Differenzen nicht |22| übermalt, aber Möglichkeiten geschaffen werden, sich gegenseitig respektvoll wahrzunehmen und miteinander zu diskutieren.
Interreligiöse Verständigung gehört zu den epochalen Herausforderungen der Gegenwart. Die Berner «Nacht der Religionen» leistet dazu einen wesentlichen Beitrag und erreicht es, durch die attraktive Anlage, die konkrete Erlebnisse und Erfahrungen ermöglicht – dies war die Forderung von Eva Baumann-Neuhaus (vgl. 2.2) –, Milieus und Altersgruppen anzusprechen, die sonst in erwachsenenbildnerischen Angeboten untervertreten sind.
2) «Pilgern im Pott», aufgeführt auf der Homepage der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung, ist Pilgern inmitten des Ruhrgebietes, urbanes Pilgern also. Neben Wald und Wiese ist der Weg auch gezeichnet durch Industriehallen am Wegrand, durch Gleisanlagen, Kläranlagen usw. Es wird dazu eingeladen, inmitten des Lebensraums heutiger Menschen wandernd den Blick für Spuren Gottes zu schärfen. Offene evangelische Kirchen werden zu «Pilgerkirchen». Auf einer attraktiv gestalteten Website finden sich geistliche Impulse, die gleichsam eine mystagogische Funktion übernehmen:26 Den Auftakt der aufgeführten geistlichen Impulse machen Übungen, die auch für Menschen nachvollziehbar sind, die mit dem christlichen Narrativ nicht oder nicht mehr vertraut sind. Je weiter man den spirituellen Impulsen folgt, desto mehr führen sie in den Bereich des Geheimnisses des christlichen Glaubens hinein. So laden die Wegleitungen ein, christliche Traditionsstücke probezutragen: Einen Bibelvers mit auf die Wanderung zu nehmen, am Schluss einen Segen zu sprechen und dafür «die alten kirchlichen Worte zu verwenden». Auf diskrete Weise wird mit den Pilgerveranstaltungen das Angebot gemacht, eine «Maske des Glaubens» (Fulbert Steffensky)27 auszuprobieren. Zuerst einmal auf Zeit können Menschen der Gegenwart erkunden, wie es ist, wenn man sich dem Geheimnis des Glaubens anvertraut und sich darin bewegt.
3.1 Betroffen und beteiligt
Sowohl in der «Nacht der Religionen» als auch beim «Pilgern im Pott» werden Menschen als Betroffene und Beteiligte angesprochen: In den Erfahrungsfeldern interreligiöser bzw. spiritueller Begegnung werden Lernprozesse initiiert, in denen die Teilnehmenden als Betroffene zu Beteiligten werden, indem sie sich mit sich selbst im Blick auf den Fremden bzw. im Blick auf die Transzendenz auseinandersetzen.
Die beiden Beispiele stehen exemplarisch für gegenwärtige Bildungsangebote, welche die Erfahrungsdimension besonders gewichten und dem «Kurssturz der |23| klassischen Wissensvermittlung»28 insofern Rechnung tragen, als klassische Katechese vermehrt zugunsten einer Bildung weicht, die bei der persönlichen Erfahrung und Entfaltung ansetzt. Wer die aktuelle Angebotspalette kirchlicher Bildungshäuser und Anbieter überblickt, stellt denn auch fest, dass zunehmend Themen individueller religiöser Selbstauslegung (bisweilen in Auseinandersetzung mit anderen religiösen Traditionen) und biografischer Selbststeuerung im Vordergrund stehen. Judith Könemann, die nach den Chancen kirchlicher Erwachsenenbildung fragt, ist überzeugt, dass die Kirchen ihren Bildungsauftrag gegenwärtig dann gelingend wahrnehmen können, wenn sie auf subjekt- und biografieorientierte Konzepte setzen:
«Angesichts der […] Herausforderungen moderner Lebensführung – mit all den darin liegenden Möglichkeiten und Chancen, aber auch Bedrohungen und Gefahren des Scheiterns – scheint eine Orientierung am Subjekt und dessen Biographie als Grundlage kirchlicher Erwachsenenbildung unabdingbar zu sein, denn die Auseinandersetzung mit und die Reflexion über die eigene Person stellen wichtige Elemente für die Gestaltung und (Weiter-)Entwicklung personaler Identität im Kontext gesamtgesellschaftlicher Bedingungen dar.»29
Selbstvergewisserung, -entwicklung und -verortung erweisen sich auf dem Hintergrund der pluralismusbedingt geforderten Entscheidungskompetenzen des Einzelnen und der eigenverantworteten Sinngenerierung30 als zentrale Zieldimensionen religiöser Bildung. Könemann betont allerdings, dass diese Aspekte nicht als subjektiv verengt beurteilt werden dürfen, sondern «eine fundamentale Basis für verantwortliches gesellschaftliches Leben» bieten.31 Sie schärft damit den Blick dafür, dass die Inszenierungen von Erfahrungsräumen und von Plattformen für die Selbstthematisierung nicht unbedacht dem «Wellnessverdacht» ausgeliefert werden dürfen. Auch wenn zurzeit viele erwachsenenbildnerische Angebote mit subjekt- und biografieorientierten Konzepten arbeiten, erfolgt die Behauptung, dass heutige Erwachsenenbildung im Unterschied zu denen in Zeiten mit primär innovativen Thinktanks im Rahmen von diskursiven Bildungsveranstaltungen ihr kritisches und gesellschaftsgestaltendes Potenzial eingebüsst habe, vorschnell. In Anbetracht der eingangs beschriebenen Verknappung von zeitlichen Ressourcen und der damit einhergehenden Verzweckung von Bildung scheint der Trend, auch «Entspannungsangebote», bei denen nichts geleistet werden muss, in die Angebotspalette |24| religiöser Erwachsenenbildung aufzunehmen, durchaus berechtigt. Erst solche Freiräume ermöglichen Menschen in herausfordernden Lebenssituationen – zu denken ist beispielsweise an Frauen der sogenannen Sandwichgeneration32 – sich selbst und damit ihre Verortung im gesellschaftlichen Kontext zu reflektieren.
3.2. … und befreit zum Leben
Die Neuorientierung, die sich in den letzten Jahren in der religiösen Erwachsenenbildung vollzogen hat, kommt in folgenden zusammenfassenden Sätzen von Könemann nochmals prägnant zum Ausdruck:
«Nicht der zu verkündigende Glauben steht im Vordergrund, für den und in dem das Individuum gebildet werden soll, also nicht das Konzept einer Erwachsenenbildung als Verkündigung steht im Vordergrund, sondern das Individuum mit seiner Suche nach und Gestaltung von Identität sowie den Fragen seiner Lebensführung. Die materialen Gehalte christlicher Religion und christlichen Glaubens erhalten in dieser modernen Form biographischer Aneignung von Religion ihren Raum, indem sie zum einen ein Angebot zur Auseinandersetzung und Orientierung darstellen […] und indem sie zum anderen ein Korrektiv zur individuellen Sichtweise und dem daraus folgenden Handeln darstellen, das zur Veränderung ermutigt.»33
So richtungsweisend und zentral mir – mit Könemann – die Orientierung erwachsenenbildnerischer Praxis an subjekt- und biografieorientierten Konzepten scheint, drängt sich hier dennoch ein kritischer Nachsatz auf. Wenn der Fokus in emanzipatorischer Absicht so stark auf der individuellen Gestaltung von Identität liegt, dann muss gefragt werden, ob damit nicht Bildungsziele gesetzt werden, die auch überfordern können und das Individuum in Stress versetzen. Allgemeiner formuliert: Ist die zugesprochene Möglichkeit, «Identität» selbst «gestalten» zu dürfen, im Grunde wirklich eine befreiende Aussicht? Kann man «Identität» denn überhaupt |25| selbst «gestalten»? Ist sich das Subjekt letztlich so etwas wie «zugänglich», sodass es sich selbst auslegen, verorten und umgestalten kann?
In Auseinandersetzung mit diesen Fragen hat der US-amerikanische Praktologe Tom Beaudoin einen Aufsatz mit dem selbstredenden Titel «I was imprisoned by subjectivity and you visited me» publiziert.34 Darin diskutiert er postmoderne Subjektivitätstheorien, im Besonderen diejenige von Michel Foucault, und kommt dabei auf einen Text von Dietrich Bonhoeffer zu sprechen, auf das Gedicht aus der Haft «Wer bin ich?»35
«Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest … Wer bin ich? sie sagen mir oft … Wer bin ich? Sie sagen mir auch … Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiss? Bin ich heute dieser und morgen ein anderer?»36
Beaudoin spricht von einer «Apophatik des Selbst»: Permanent distanziert sich der Schreiber von der Wahrheit über das eigene Selbst. Verborgen, nicht zugänglich ist sie ihm; wechselnd, vorläufig präsentiert sie sich, fragmentarisch und abhängig von dem, was andere dem eigenen Selbst zuschreiben.37
Wenn in unreflektierter Weiterentwicklung von Könemanns (äusserst wichtigem!) Ansatz leichthin von gelingender Identitätskonstruktion und damit verbunden von religiöser Selbstauslegung geredet wird, so gilt es kritisch anzumerken, dass die Vorstellung eines sich selbst «zugänglichen Subjekts» längst obsolet geworden ist. Jede geradlinige Rede von «Identität» hält postmoderner Wirklichkeitsdeutung letztlich nicht stand. Der Münchner Sozialpsychologe Heiner Keupp beispielsweise hat auf die brüchigen, vorläufigen Strukturen von «Identität» hingewiesen.38 Er vergleicht sie mit einem «crazy quilt», einem Flickenteppich, in dem Formen und Farben wild und nach kaum nachvollziehbaren Mustern angeordnet werden.
Im Zug postmoderner Subjektivitätskritik hat sich auch Tom Beaudoin – um auf ihn zurückzukommen – von einem starken Subjektbegriff verabschiedet. Gleichzeitig empfängt er den Besuch: «You visited me», schreibt er im Titel. Mit «The center of our own lives is outside ourselves», konkretisiert er, Bonhoeffer |26| zitierend.39 Leben spielt sich auf einem Grund ab, den wir nicht selber schaffen müssen, der uns zugesagt ist.40 Diese radikale Zusage ist die letzte Wahrheit über menschliches Leben und menschliche Identität. Darum ist es auch nicht die reflexive Selbstthematisierung unserer selbst, sondern – in christlicher Perspektive – «die Konfrontation mit Gottes Selbsterschliessung in Christus», die uns erschliesst, wer wir sind.41 Dieser Spitzensatz des Dogmatikers Dalferth hat für praktisch-theologisches Nachdenken unmittelbare Relevanz. Denn nochmals muss grundlegend gefragt werden: Sollen für die reflexive Selbstthematisierung überhaupt Erzähl-, Diskussions- und Austauchgefässe geschaffen werden, wie dies gegenwärtige erwachsenenbildnerische Bildungsangebote tun, wenn die letzte Wahrheit über den Menschen in Christus verborgen liegt?
Beaudoin spricht sich für ein Ja aus und greift dabei auf eine Denkfigur aus Bonhoeffers «Ethik» zurück, wenn er sagt: Im Vorletzten hat die reflexive Selbstthematisierung ihren Platz, ihre Berechtigung und ihre Aufgabe.42 Fragmentarisch, vorläufig wird jede Selbstauslegung sein. Geschieht sie im Licht des Glaubens, dann lebt sie aber von der Wahrheit im Letzten, vom Rechtfertigungsgeschehen in Christus. Dieses anzueignen ist die verheissungsvolle Aufgabe religiöser Selbstauslegung im Vorletzten. Reformationstheologisch zugespitzt steht erwachsenenbildnerische Praxis, die mit subjekt- und biografieorientierten Konzepten arbeitet, im Dienst der Freiheit. Sie hütet sich davor, überhöhte Identitätsideale zu setzen und schöpft – ohne als reines «Verkündigungsinstrument» Menschen bloss zu bevormunden – aus der Freiheit des Evangeliums
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Sprachschule für die Freiheit, Option für die Armen oder perspektivenverschränkende Bildung?
Zugänge zu ausgewählten Theoriemodellen der Evangelischen Erwachsenenbildung
Jürgen Wolff
1. Vorbemerkungen
Die religiöse Erwachsenenbildung befindet sich im Umbruch. So lautet die Prämisse für die Tagung und dieser entsprechen auch die Wahrnehmungen aus der Bildungspraxis. Traditionelle Bildungshäuser werden aufgegeben, Planstellen werden gestrichen, staatliche und kirchliche Finanzmittel werden reduziert. Diese Veränderungsprozesse in der religiösen Erwachsenenbildung korrespondieren mit grundlegenden gesamtgesellschaftlichen Transformationsmustern, die mit den Begriffen Globalisierung, Beschleunigung, Privatisierung und Individualisierung von Weltanschauungen nur angedeutet werden können. Denn (religiöse) Erwachsenenbildung ist eine Signatur ihrer Zeit. Sie darf nicht nur individualistisch verstanden werden als organisiertes und strukturiertes Lernen von Individuen, sondern zugleich auch als Lernprozess von Erwachsenen, die in einen historischen und gesellschaftlichen Kontext eingebunden sind. Nach diesem Verständnis ist Erwachsenenbildung «sowohl Bildungsgeschehen als auch Bestandteil unseres Bildungssystems und damit Ausdruck eines gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses.»43 Sie ist eingebunden in eine konkrete kultur- und sozialgeschichtliche Situation und Konstellation, der sie Rechnung tragen muss. Diese gesamtgesellschaftlichen Veränderungen wiederum wirken zurück auf die Erwachsenenbildungslandschaft.
Die religiöse Erwachsenenbildung muss sich in einer pluralen, sich permanent verändernden Gesellschaft neu definieren und dabei ihr spezifisches Profil zwischen der Vermittlung der christlich-jüdischen Tradition, den religiös-spirituellen Bedürfnissen Sinn suchender Individualisten und den gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen finden. Welche Erkenntnisse aus der Theoriediskussion können Inspiration sein auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen religiösen Erwachsenenbildung? In einem Rückgriff auf drei exemplarische Theoriemodelle der religiösen Erwachsenenbildung soll ein theoriegeschichtlicher Zugang zu dieser Fragestellung unternommen werden, um anschliessend Perspektiven und |28| Herausforderungen für unsere Fragestellung und für die gegenwärtige Bildungspraxis zu skizzieren.
2. Annäherungen
Noch immer ist die wissenschaftliche Begleitung und Reflexion der Praxis der religiösen Erwachsenenbildung defizitär. So stellte Martina Blasberg-Kuhnke bereits im Jahr 1995 fast schon resigniert die Frage: «Wie ist das verhängnisvolle Theorie-Praxis-Problem der Erwachsenenbildung zu überwinden, das wissenschaftliche Theoretiker der Erwachsenenbildung und ihre Veranstalter aneinander vorbeiarbeiten lässt, mit der Konsequenz einer weithin theoriearmen Praxis und zahlreicher folgenloser Theorieentwürfe?»44 Leider fühlt sich – nach wie vor – keine wissenschaftliche Disziplin letztlich für dieses Handlungsfeld zuständig, weder die Praktische Theologie noch die profane Erwachsenenbildung/Weiterbildung, am ehesten noch die Religionspädagogik, die die Evangelische Erwachsenenbildung allerdings zumeist lediglich als Teilbereich der (in einem weiten Sinne verstandenen) Gemeindepädagogik thematisiert. Mit dem skizzierten Theoriedefizit korrespondiert eine defizitäre Forschungslage. Manche Dissertationen sind zweifellos kluge Werke, die inspirieren, in denen aber die konkrete Bildungspraxis nur schwache Spuren hinterlässt. Mit Rudolf Englert soll daher idealtypisch unterschieden werden zwischen:
1 Funktionärstheorien, die vorwiegend der Legitimation der eigenen Praxis dienen und häufig die Erwartungen von Zuschussgebern im Blick haben
2 Qualifikationstheorien, die vor allem als wissenschaftlicher Qualifikationsnachweis ihres Verfassers/ihrer Verfasserin dienen mit keinem oder wenig Bezug zur Praxis
3 Überschalltheorien, d. h. grossflächig angelegte, z. T. sehr innovative Theoriemodelle ohne Bezüge zu den Spezifika des erwachsenenbildnerischen Alltagshandelns.
4 Praxistheorien, bei denen es primär um die Aufklärung gegenwärtiger oder geschichtlicher Praxis geht mit der Intention, Orientierungsperspektiven für die zukünftige Praxis generieren zu können.45
Die Forderung nach Theoriemodellen, die ihren Ausgangspunkt bei der konkreten Erwachsenenbildungspraxis haben, ist nicht akademische Rhetorik, denn sowohl Grundlagenforschung als auch empirische Bildungsforschung sind notwendig, um die gesellschaftlichen und kirchenpolitischen Potenziale der religiösen |29| Erwachsenenbildung zu erkennen, zu reflektieren und zu strukturieren. Noch immer fristet religiöse Erwachsenenbildung im kirchenpolitischen Spektrum ein Schattendasein und zählt zu den verzichtbaren adiaphora. Religiöse Erwachsenenbildung darf nicht eindimensional reduziert werden auf Evangelische Akademien. Es gibt auch den Alltag, die Arbeit in Institutionen mit einer regionalen Bedeutung: Heimvolkshochschulen, städtische Bildungszentren, dekanatliche Bildungswerke, Familienbildungsstätten. Dabei sind auch die spezifischen institutionellen und strukturellen Rahmenbedingungen der jeweiligen Institution, die Bildungshandeln ermöglichen, erschweren oder auch verhindern können, zu berücksichtigen. Exemplarisch seien folgende Problemfelder gegenwärtiger Bildungspraxis genannt: Geänderte Förderrichtlinien als Folge kirchlicher und staatlicher Sparmassnahmen führen zur Notwendigkeit, zunehmend Drittmittel (Projektmittel, Gelder von Stiftungen, Sponsoring) generieren zu müssen. Inhaltliche Entscheidungen werden aufgrund dessen durch extern definierte Kriterien für eine Förderung determiniert. Qualitätsmanagementsysteme werden als Voraussetzung für eine finanzielle Förderung fast flächendeckend eingeführt, ohne jede bildungstheoretische oder theologische Begründung und ohne qualifizierte empirische Überprüfung, ob der Anspruch einer Qualitätssteigerung auch tatsächlich erfüllt wird.
3. Theoriemodelle
Im Folgenden werden drei ausgewählte Theoriemodelle vorgestellt, die einen Zugang zur Theoriediskussion eröffnen sollen. Alle drei Modelle sind nicht neu, doch sie stehen exemplarisch für Theoriebeiträge, die – aus meiner Sicht – für einen Dialog mit der Praxis inspirierend sein können. Deshalb sollen die Modelle zunächst kurz charakterisiert werden; anschliessend wird eine Perspektive für die aktuelle Bildungspraxis formuliert.
3.1. Ernst Lange: Evangelische Erwachsenenbildung als Sprachschule für die Freiheit 46
Die grundlegenden Veränderungen in Gesellschaft, Politik und Wissenschaft der späten 1960er und frühen 1970er Jahre unter den Leitbegriffen von Emanzipation und Mündigkeit, die einher gingen mit einem quantitativen und qualitativen Ausbau der Erwachsenenbildung, fanden auch ihren Niederschlag in Reformbestrebungen innerhalb der Evangelischen Kirche. Zu den profiliertesten Vertretern dieser kirchlichen Erneuerungsbewegung zählte zweifelsohne der ökumenische |30| Theologe Ernst Lange47, dessen Programm einer Sprachschule für die Freiheit die Theoriediskussion der Evangelischen Erwachsenenbildung aus emanzipatorischer Perspektive in dieser Phase bestimmte. Grundlegend für Langes Verständnis von Erwachsenenbildung ist sein Anspruch, Erwachsenenbildung nicht theologisch-deduktiv oder kirchlich-strukturell zu instrumentalisieren, sondern auf die wirkliche und unverfälschte Situation des Menschen einzugehen. Der Erwachsenenbildung mass Lange die Aufgabe zu, die Situation der Menschen, die er unterdrückt sah durch subtile, gesellschaftliche Zwänge im Westen oder durch massive wirtschaftliche und politische Zwänge in der Dritten Welt, zu erhellen im Lichte der biblischen Verheissungen.48 In diesen Argumentationsfiguren zeigen sich die beiden Pole von Langes Ansatz. Ausgehend von der Analyse der politischen, sozialen und psychischen Wirklichkeit der jeweiligen Gesellschaft hat die Evangelische Erwachsenenbildung die Aufgabe, bestehende Unterdrückungen aufzudecken und Lernprozesse zu initiieren, in denen als Zielhorizont die Verheissungen des Alten und Neuen Testamentes erscheinen.
Die gesellschaftliche Wirklichkeit sieht Ernst Lange charakterisiert durch die Begriffe Freizeitgesellschaft und Bildungs- oder Lerngesellschaft. Freizeitgesellschaft trägt der Tatsache Rechnung, dass in den fünfziger und sechziger Jahren die arbeitsfreie Lebenszeit durch Arbeitszeitverkürzungen, verlängerten Jahresurlaub und frühere Verrentung erheblich gestiegen war. Zudem hatten sich die Erwartungen an die arbeitsfreie Zeit grundlegend verändert. «Sie soll die Verheissungen des eigentlichen Lebens, des eigenen freien, erfüllten, humanen Lebens enthalten – im Gegensatz zur Arbeit, zum entfremdeten Leben.»49 Nicht mehr der Beruf, sondern die Freizeit wird der Ort persönlicher Identitätsfindung. In der Freizeit soll man entschädigt werden für die durch Arbeit verlorene, entfremdete und sinnleere Lebenszeit. «Die Freizeit wird zur vita activa, nicht zur vita contemplativa.»50 Allerdings können zwei Drittel der Menschheit51 an den zweifellos vorhandenen Segnungen der Freizeit nicht teilhaben, und auch das verbleibende Drittel zeigt sich häufig als unfähig, mit der gewonnenen freien Zeit sinnvoll umzugehen, denn es verharrt in einer rezeptiven, konsumierenden Fremdbestimmung. «Der Freizeitmensch ist ein Mensch auf dem Rückzug, auf der Flucht.»52 |31| Er flieht aus dem öffentlichen Leben in das private, d. h. entpolitisierte Umfeld, und sucht Liebe und Glück in Familie, Freundeskreis, Vereinen. Aus der Überforderung dieser unmittelbaren Beziehungen entstehen Enttäuschungen, die kompensiert werden durch Ablenkungen und Zerstreuung, allen voran durch Fernsehkonsum. Die ursprüngliche Intention einer selbstbestimmten, wirklich freien und privaten Zeit wird in ihr Gegenteil verkehrt: das Erleben wird determiniert durch die öffentlich angebotenen Programme des Zeitvertreibs.
Ernst Lange wendet sich nicht moralisierend gegen grundlegende Bedürfnisse des Menschen in seiner Freizeit, aber er sieht ihre Ambivalenzen. Freizeit kann zu Rückzug in die Privatsphäre und Fremdbestimmung führen, aber Freizeit eröffnet auch Chancen zur Freiheit und diese gelte es zu nutzen. Denn Glück, Autonomie und Kreativität – die Bedürfnisse des Freizeitmenschen – bilden einen pädagogischen Zielhorizont, der mit den biblischen Verheissungen des Sabbats und des Kreuzes korrespondiert. «Sabbat und Kreuz heissen: der Mensch wird entlastet, er ist entlastet von Anfang an. Der Sabbat ist im Schöpfungsbericht der erste Lebenstag des Menschen. Der Ostertag ist der erste Tag jenes Befreiungs- und Erneuerungsprozesses, den das Neue Testament Gottesherrschaft nennt.»53 «Denn das Kreuz ist Gottes Einsatz für das Glück des Menschen. Und die Liebe, die am Glück des anderen interessiert ist, macht glücklich.»54 Der Sabbat und das Kreuz, das auf die Freude der Auferstehung verweist, werden zu Verheissungen eines gelingenden Lebens.
Aus der Dialektik zwischen Langes Analyse der bestehenden Gesellschaft und den skizzierten Verheissungen ergeben sich zahlreiche Lernimpulse, die gerade für eine Evangelische Erwachsenenbildung von besonderer Bedeutung sind. «Es ist der Beruf der Kirche, Menschen zu einem volleren Menschsein zu helfen, zu einem Leben im Licht ihrer Bestimmung zur ‹Freiheit der Kinder Gottes› und zwar durch die Bezeugung der Christusverheissung in Wort, Tat und Kirchengestalt.»55 Ernst Lange wendet sich dezidiert dagegen, aus den Lernimpulsen der Verheissung vorschnell eine pädagogische Konzeption abzuleiten. Wohl aber betont er, die Dynamik, die den Verheissungen innewohnt. «Von ihrem Ursprung her ist die biblische Verheissungstradition der ständig sich erneuernde ‹Ruf nach vorwärts›, heraus aus den dogmatisierten, ritualisierten und institutionalisierten Erfahrungen von gestern in die Erfahrungen, Leiden und Herausforderungen von heute und morgen.»56
Es ist die zentrale Aufgabe der Evangelischen Erwachsenenbildung, den Lernimpulsen der Verheissung zur ‹Freiheit der Kinder Gottes› zum Durchbruch zu |32| verhelfen. Doch es gibt auch gegenläufige Tendenzen und Strömungen, die zu einer stagnierenden Lernfähigkeit Erwachsener führen. Bestehende gesellschaftliche Konflikte werden durch offene oder subtile Gewaltverhältnisse unterdrückt und hindern dadurch Menschen – gegen ihre eigenen Interessen – dem Impuls einer verheissenen Freiheit zu folgen. «Einschüchterung und Angst und ihre seelischen und sozialen Folgen machen lernunfähig. Wo Menschen im Konflikt lernunfähig geworden sind, gelingt die Wiederherstellung ihrer intellektuellen, affektiven und sozialen Kräfte, ihrer Chancen menschlichen Wachstums nur so, dass der unterdrückte Konflikt und seine Folgen thematisiert und zum eigentlichen Lernfeld gemacht werden. Eingeschüchterte Menschen lernen nur im Konflikt und am Konflikt.»57 Mit diesen Worten beschreibt Ernst Lange die Grundzüge seines Programms einer konfliktorientierten Erwachsenenbildung, einer Partei ergreifenden Erwachsenenbildung für die lernunfähig gewordenen bzw. gemachten Menschen.58 Evangelische Erwachsenenbildung habe in diesem Kontext die besondere Aufgabe, `Sprachschule für die Freiheit´ zu sein.
Ernst Lange hat keine eigenständige Theorie oder gar eine geschlossene Konzeption kirchlicher bzw. Evangelischer Erwachsenenbildung entfaltet. Seine wenigen Veröffentlichungen zur Erwachsenenbildung zwischen 1969 und 1974 waren als Vorträge für einen bestimmten Adressatenkreis konzipiert. Dennoch wurde sein Ansatz zum wichtigen Impuls für künftige Theoriemodelle und auch für die Praxis der Evangelischen Erwachsenenbildung.59 Sein Verdienst sehe ich – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – im Wahr- und Ernstnehmen der psychosozialen Wirklichkeit der Adressaten, in seinem grundlegenden Modell der Verbindung von Tradition mit Situation. Dabei betont er die Freizeit als den spezifischen Ort der religiösen Erwachsenenbildung, der er eine eigene Dignität zuspricht. Er entwickelt in den biblischen Verheissungen einen Zielhorizont, der nicht vorschnell in Lernziele überführt wird. In Zeiten permanenter Transformationen muss sein ‹Ruf nach vorwärts› allerdings durch ein reflexives Programm des Innehaltens und Entschleunigens ergänzt werden. |33|
3.2. Gottfried Orth: Evangelische Erwachsenenbildung als Option für die Armen 60
Mit seiner Habilitationsschrift «Erwachsenenbildung zwischen Parteilichkeit und Verständigung»61 legte der evangelische Theologe Gottfried Orth ein Theoriemodell zur theologischen Erwachsenenbildung62 vor, das eine grosse Nähe zur Konzeption Ernst Langes und zu dem befreiungstheologischen Ansatz Paulo Freires aufweist. Gottfried Orth, lange Jahre theologischer Referent der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (DEAE), versucht dabei explizit, sein Modell einer theologischen Bildungsarbeit im Kontext Evangelischer Erwachsenenbildung «als Bildungsarbeit der evangelischen Kirche im Rahmen des Vierten Bildungsbereichs und seiner staatlichen Rahmenbedingungen theoretisch zu begründen und konzeptionell zu entwerfen».63
Bereits in der Einleitung seiner Habilitationsschrift geht er von der Prämisse aus, es gebe keine universal gültige Theologie, denn «die konkrete Wirklichkeit als ein Ort göttlicher Offenbarung [sei] sozialwissenschaftlich zu analysieren, damit Theologie auch analytisch beschreiben kann, wovon sie spricht, wenn sie von Wirklichkeit redet».64 Nach seiner Meinung sind Gesellschaft und Kirche in Westeuropa Teil und Profiteure eines Herrschaftssystems, das fortwährend Armut, Not und Unterdrückung in Lateinamerika, Asien und Afrika produziert.
Unter diesem Vorzeichen einer schuldhaften Verstrickung hat die Theologie bzw. theologische Erwachsenenbildung die Aufgabe, «zur Befreiung aller Menschen, zuerst der Armen und Unterdrückten beizutragen. Gott selber als Befreier wird zentrales Thema solcher Theologie sein.»65 Die unbedingte Solidarität mit den Armen wird zum konstitutiven Kriterium für glaubhafte christliche Existenz. Das bedeutet für seine evangelische Bildungsarbeit im pluralen staatlichen Weiterbildungssystem, dass «Bildungsbenachteiligte und Bildungsungewohnte – Arme, Arbeitslose, Behinderte, Frauen – erste Adressaten sowie Subjekte»66 seiner Konzeption theologischer Erwachsenenbildung sind. Es gilt daher, deren Erfahrungen von Unterdrückung und Armut sowohl biografisch aufzuarbeiten als auch die |34| gesamtgesellschaftlichen Macht- und Unterdrückungsmechanismen, die Armut und Unterdrückung produzieren, mit dem Ziel der Veränderung aufzudecken.
Den theologischen Zielhorizont für die anzustrebenden Veränderungen entwickelt Orth aus den biblischen Verheissungen. Es geht der theologischen Erwachsenenbildung «um eine Veränderung der gegenwärtigen Wirklichkeit aus der Zukunft des den Menschen vorausseienden Gottes her; dies zu denken ist freilich nur möglich, weil die Vergangenheit dieser Zukunft uns in Gottes Wort der Verheißung gegenwärtig ist».67 Die konkrete, gegenwärtige Wirklichkeit wird nicht in ihrer Faktizität, sondern von ihren zukünftigen Möglichkeiten her, für die Gott in Jesus Christus einsteht, zum Thema der Erwachsenenbildung. Er verweist auf die alttestamentlichen Propheten als Vorbilder dieser Konzeption einer theologischen Erwachsenenbildung, da sie «die alten Verheißungen und die neu ergangenen Worte Jahwes von der Gegenwart her und auf diese hin verstanden und zu konkretisieren wußten und auslegten».68 Ihre besondere Qualität habe in der Fähigkeit bestanden, die geschichtlichen Bewegungen und die Veränderungen ihrer Gegenwart wachsam wahrzunehmen und auf diese Wahrnehmungen mit ihren Verheissungen zu reagieren.
In der Bildungspraxis werden Menschen aus dem Umfeld des konziliaren Prozesses für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung faktisch zu den primären Adressaten von Orths Konzeption. Andere inhaltliche Zielsetzungen und Arbeitsschwerpunkte beurteilt er recht ungnädig, denn diese bewegten sich bezüglich der gesellschaftlichen oder politischen Organisiertheit der Teilnehmenden in einem «luftleeren Raum», die Teilnehmenden seien vor und nach den Veranstaltungen «individualisiert», die Angebote seien «folgenreich oder ebensogut folgenlos»69; solche Ansätze wollten überall sein und seien daher nirgends, da sie ihren gesellschaftlichen Ort verloren hätten.
Orths Theoriemodell besticht durch sein klares theologisches Profil und seine immanente Stringenz. Doch sein Modell ist eindimensional, es wird bestimmt durch seinen Zielhorizont und hat als Zielgruppe nur die Menschen im Blick, die seinen gesellschaftspolitischen Anspruch teilen. Die plurale soziokulturelle und psychosoziale Wirklichkeit der Adressaten wird ebenso ausser Acht geslassen wie die institutionellen Rahmenbedingungen von Institutionen der religiösen Erwachsenenbildung. |35|
3.3. Rudolf Englert: Religiöse Erwachsenenbildung als perspektivenverschränkende Bildung70
Das Christentum, vor allem aber die katholische Kirche, befindet sich durch massive gesellschaftliche und christentumsgeschichtliche Veränderungen in einer Zwischen-Zeit, in einer Jahrzehnte andauernden Zeit des Übergangs von einer volkskirchlich geprägten Sozialform des Christentums zu einer neuen, noch wenig konturierten Form kirchlich gebundenen Christseins. Mit dieser Formel charakterisiert Rudolf Englert in seiner breit angelegten Habilitationsschrift71 die religiöse Gegenwartssituation. Auch wenn Englert bereits am Beginn seines Eingangskapitels zu Recht betont, dass eine zeitgemässe Bildungstheorie eine Zeitdiagnose voraussetzt72, bezieht er sich in der Folge explizit und ausschliesslich auf die religiöse Gegenwartssituation, die er aus einer überwiegend katholisch akzentuierten Perspektive betrachtet. Denn es geht Englert um religiöse Erwachsenenbildung, die er als jenen Teilbereich kirchlicher Erwachsenenbildung definiert, «in dem es um die Bearbeitung grundlegender Lebens- und Sinnfragen im Horizont religiöser Traditionen geht».73 Erwachsenenbildung als Teil des staatlichen Weiterbildungssystems tritt ebenso zurück wie eine Analyse der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur. Ungeachtet dieser Einschränkungen beeindruckt Englerts Ansatz einer höchst differenzierten erwachsenendidaktischen Reflexion der Herausforderungen einer religiösen Erwachsenenbildung durch die Moderne, die sowohl in theoretischer Hinsicht durch die entfalteten Konvergenzen zwischen theologischen und pädagogischen Topoi als auch durch ihre bildungspraktischen Implikationen zu überzeugen weiss.
Die religiöse Gegenwartssituation stellt sich nach Englert höchst ambivalent dar. Einerseits lässt sich ein Bedeutungsverlust von Kirche und Religion an vielen Parametern aufzeigen – es kann von einer Tradierungskrise des christlichen Glaubens, einer fortschreitenden Entwicklung eines religiösen Indifferentismus gesprochen werden –, andererseits lassen sich auch eine erstaunliche Stabilität volkskirchlicher Verbundenheit, eine Renaissance von Religion(en), fundamentalistische Tendenzen und charismatische Aufbrüche inner- wie ausserhalb der Kirchen feststellen. Es bildet sich eine Pluralität von Deutungssystemen heraus, deren Wahrheitsanspruch mit dem des christlichen Glaubens konkurriert. Dieser religiöse Pluralismus führt zu einer fortschreitenden Privatisierung religiöser Auffassungen, während die einstmals geschlossenen konfessionellen Milieus immer mehr verschwinden. Englert resümiert: «Es gibt somit eine Tendenz zu immer ‹mehr› |36| (möglicher) Religion mit immer ‹weniger› (tatsächlicher) Relevanz.»74 Aus diesem christentumsgeschichtlichen Befund, der mit der gesellschaftsgeschichtlichen Zeitdiagnose Postmoderne korrespondiert, ergibt sich künftig eine deutlich grössere Bedeutung, eine kairologische Dringlichkeit, für religiöse Erwachsenenbildung als in Zeiten einer relativ stabilen Volkskirche. In dieser Phase der Transformation des religiösen Bewusstseins «leistet religiöse Bildung nicht nur einen Beitrag zur individuellen Orientierung, sondern hilft auch zukünftige Realisierungsformen von Christ-Sein und Christ-Werden zu modellieren».75
Auf der skizzierten Analyse der religiösen Gegenwartssituation gründet Englerts Konzeption von religiöser Erwachsenenbildung. Für eine von Pluralismus und Individualismus geprägte Zwischen-Zeit kann religiöse Erwachsenenbildung nicht auf eine einzige Zielsetzung beschränkt werden, sondern ein differenzielles Konzept, eine «polyperspektivische Bildungsstrategie»,76 ist gefordert. «Den Kern einer solchen Theorie stellt das Konzept einer perspektivenverschränkenden Bildung dar, das – Bildung als Transformationsprozess begreifend – bei den lebensweltlichen Deutungs- und Orientierungsmustern der Lernenden ansetzt, um diese unter Bezugnahme auf das […] Sinnangebot des Glaubens differenzieren und transzendieren zu helfen.»77 Doch zuvor muss religiöse Bildungsarbeit einen Bezug zum Alltagsleben der Teilnehmenden und den sie bestimmenden Sinnorientierungen finden. Neben dem bekannten religionsdidaktischen Korrelationsprinzip bezieht sich Englert hier vor allem auf den Begriff des Deutungsmusters. Im Anschluss an Rolf Arnold definiert er Deutungsmuster als «durch signifikante Bezugsgruppen vermittelte, gedanklich meist eher einfach strukturierte, relativ dauerhafte Sichtweisen, die es dem einzelnen ermöglichen, eine Vielzahl von Orientierungsproblemen unaufwendig, ‹plausibel› und im Einklang mit seiner lebensgeschichtlich ausgebildeten Identität zu ‹bewältigen›.»78 Der Deutungsmusteransatz konvergiert mit dem Korrelationskonzept, denn in beiden Fällen geht es darum, Lerninhalte auf die individuelle Lebensgeschichte zu beziehen bzw. beim Deutungsmusteransatz Lerngegenstände aus der Lebensgeschichte zu ermitteln. Es gilt, die (jüdisch-christliche) Tradition und individuelle (Lebens-)Situation in der Weise aufeinander zu beziehen, dass sich beide Perspektiven wechselseitig kritisch erschliessen.79 Die individuellen Sinnkonstruktionen und Orientierungsmuster der Teilnehmenden sollen dabei wahr- und aufgenommen werden, um durch die Begegnung mit und durch Impulse aus der jüdisch-christlichen Tradition weitergeführt zu werden. |37| Lernen bedeutet dann das Verändern bisheriger bzw. das Entwickeln neuer Deutungsmuster anstelle altvertrauter Sichtweisen.
Diese eher formale Begriffsklärung muss durch eine materiale Differenzierung ergänzt werden, bei der die Erwartungen an den Sinn von religiöser Bildung sichtbar werden. Englerts zentrale These lautet, dass die «Bedeutung, die jemand religiöser Bildung heute zutraut, wesentlich damit zusammenhängt, wie er sein eigenes bzw. wie er des Christentums Verhältnis zur Moderne beurteilt».80 In der unterschiedlichen Einschätzung des Verhältnisses von Christentum und Moderne, deren Kern im Programm der Aufklärung gesehen wird, liegt demnach das wesentliche materiale «Unterscheidungskriterium heute vorfindlicher Erwartungen an religiöse Bildung bzw. der ihnen zugrundeliegenden Deutungsmuster».81 Es werden drei Idealtypen unterschieden:
1 die antimodernistische Tiefenstruktur der den Vorstellungen von religiöser Bildung zugrunde liegenden Deutungsmuster (abgekürzt: antimodernistisches Deutungsmuster)
2 die moderne Tiefenstruktur der den Vorstellungen von religiöser Bildung zugrunde liegenden Deutungsmuster (abgekürzt: modernes Deutungsmuster)
3 die transmoderne Tiefenstruktur der den Vorstellungen von religiöser Bildung zugrunde liegenden Deutungsmuster (abgekürzt: transmodernes Deutungsmuster)
Diese verschiedenen Deutungsmuster werden als gleichrangig und gleichberechtigt angesehen. Mit dieser methodischen Vorgehensweise will Englert exemplarisch zeigen, worin die Aufgabe einer religiösen Bildung in der Zwischen-Zeit besteht: in der Einübung einer angemessenen Umgangsweise mit der «Ungleichzeitigkeit von Glaubensstilen und Bewusstseinsformen, die auf Diskriminierung verzichtet, ohne unkritisch zu sein, die Pluriformität begünstigt, ohne in die Beliebigkeit abzudriften».82
Es gilt daher, ein Gesamtkonzept religiöser Erwachsenenbildung zu entwickeln, das offen ist für das ganze Spektrum christlich-religiöser Milieus und Zielgruppen (Prinzip der Gleichrangigkeit) und zugleich über ein klares theologisches, pädagogisches und gesellschaftspolitisches Profil (Prinzip der Unterscheidung) verfügt. Damit ist zugleich der Anspruch beschrieben für das Konzept einer polyperspektivischen Bildungsstrategie. Diese basiert auf der These einer «inneren Entwicklungsfähigkeit aller vorfindlicher Glaubensgestalten – und zwar selbst der anscheinend nur beschränkt zukunftsfähigen».83 Das heisst: Es geht nicht darum, |38| einen Konsens zu entwickeln, denn dazu sind die Deutungsmuster und die mit ihnen korrelierenden Konzepte zu verschieden, oder unter Preisgabe des Prinzips der Gleichrangigkeit einem Modell eine höhere Wertigkeit zuzubilligen, sondern «religiöse Bildungsprozesse sollten die Teilnehmer für eine Transzendierung des eigenen Standpunktes und für Impulse in Richtung perspektivischer Verschränkung öffnen können».84 Die jeweils eigene Perspektive, die letztlich in den Deutungsmustern gründet, benötigt immer wieder «differenzierende und transzendierende Bildungsimpulse»85, um nicht durch Fixierungen das eigene Lernen und Leben zu behindern. Diese öffnende Weiterentwicklung geschieht auf der konzeptionellen Ebene durch das Entwickeln des in jeder Perspektive enthaltenen positiven Gestaltsinns. Dadurch sollen die jeweiligen religiösen Deutungsmuster ihre Enge verlieren und zu einer die jeweilige Perspektivik transzendierende Offenheit weiterentwickelt werden.
Der positive Gestaltsinn des antimodernistischen Deutungsmusters liegt in der betonten Kirchlichkeit, der Communio-Struktur des Glaubens. Die Überzeugung, dass der Glaube bezogen ist auf tradierte Überlieferungen und eine grössere Glaubensgemeinschaft, eröffnet die Perspektive auf die Fülle und Weite des Glaubens in seiner ganzen Differenziertheit. «So würde der Gedanke der Einheit im Glauben für das kontrapunktische Motiv eines polyphonen Glaubens geöffnet.»86 Dabei muss man sich nicht vom bestehenden Welt- und Kirchenverständnis verabschieden. Wenn es in einem offenen Dialog mit anderen Sichtweisen dialogisch erweitert wird, kann der Gefahr der Verschlossenheit gegenüber Andersdenkenden begegnet werden.
Der positive Gestaltsinn des modernen Deutungsmusters liegt in der Subjekthaftigkeit des Glaubens. Dies bedeutet weit mehr als eine bloss milieu- oder sozialisationstheoretisch zu erklärende Einstellung oder ein Für-Wahr-Halten definierter Glaubenssätze: Der Mensch bringt seine lebensgeschichtlich geprägte Identität in die Glaubensauslegung hinein bzw. er sieht die Zeugnisse des Glaubens im Lichte seiner eigenen Lebenserfahrungen. Allerdings realisiert sich Christ-Sein nicht in der Vereinzelung des Subjektes, sondern in der herausfordernden Beziehung einer Gemeinschaft der Glaubenden. Hierin liegt der Weg für das moderne Deutungsmuster: von der Subjekthaftigkeit des Glaubens zur «symphonischen Katholizität»87.
Der positive Gestaltsinn des transmodernen Deutungsmusters liegt in der lebenswirksamen Praxisrelevanz des Glaubens. Dieser unterliegt zugleich der Gefahr einer Gesetzlichkeit, nach der Nachfolge nur für Christen mit einem spezifischen |39| Bewusstsein, die sich in sozialen Bewegungen engagieren, reserviert ist. Hier wäre zu zeigen, dass christliche Praxis im Sinne einer Option für die Armen sich nicht im konkreten Handeln erschöpfen darf, sondern darüber hinaus auch kommunikabel bleiben muss mit anderen Formen der Nachfolge. Gegen die Gefährdungen des Dünkels empfiehlt Englert den «Virus der Selbstkritik»88 zu infiltrieren.
Mit dem nur skizzierten Modell einer polyperspektivischen, religiösen Erwachsenenbildung entwickelt Englert eine auch aus evangelischer Sicht überzeugende religionspädagogische Antwort auf die Herausforderungen der Moderne. Die bestehende religiöse Gegenwartssituation wird kategorisiert und idealtypisch verkürzt. Sie bildet – kondensiert als Deutungsmuster – die Basis für eine überaus komplexe, eher kreisende als lineare, z. T. auch redundante Theoriereflexion, die empirisch existierende Divergenzen innerhalb des katholischen Spektrums zu einem integrativen, vor allem didaktisch interessanten Modell verbindet. Das nicht bewertende Wahr- und Ernstnehmen realiter bestehender Positionen zur Verhältnisbestimmung von Christentum und Moderne, die sowohl bei Teilnehmenden an Veranstaltungen als auch bei Verantwortlichen innerhalb der (katholischen wie evangelischen) Kirche anzutreffen sind, belegen dennoch eine hohe Praxisrelevanz des Ansatzes von Englerts. Sein Theoriemodell bietet eine Fülle von Anregungen für die konkrete Makro- und Mikrodidaktik von kirchlichen Bildungsträgern.89 Die Differenziertheit und Tiefe der Reflexion lassen das Werk Englerts zu einem vorläufigen Höhepunkt der Theoriediskussion werden, angesichts dessen bestehende Vorwürfe eines generellen Theoriedefizits der kirchlichen Erwachsenenbildung zumindest relativiert werden sollten. Es ist zu wünschen, dass die Impulse Englerts auch von Bildungspraktikern wahr- und aufgenommen werden.
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