Читать книгу: «Pflege in der Epileptologie»

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Der Herausgeber


Prof. Dr. Hermann-T. Steffen, exam. Krankenpfleger und Gesundheitswissenschaftler. Nach langjähriger Tätigkeit in unterschiedlichen Praxisfeldern der Epileptologie und Psychiatrie bekleidet er eine Professur für Gesundheitswissenschaften und Versorgungsforschung an der Fachhochschule der Diakonie und ist Leiter der Epilepsie-Fachberatung, Bildung & Beratung Bethel. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind »Familie und chronische Krankheit«, »Partizipation im Gesundheitswesen« und »Anwendung von E-(Mental)Health«.

Hermann-T. Steffen (Hrsg.)

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DefinitionInformation
Hinweis für die PflegepraxisFallbeispiel

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-037302-0

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-037303-7

epub: ISBN 978-3-17-037304-4

Inhalt

1  Einleitung – Krankheitsbewältigung und Pflege bei Epilepsie

2 Hermann-T. Steffen

3  Literatur

4  1 Epileptologische Grundlagen

5 Christian Brandt

6  1.1 Einleitung

7  1.2 Klassifikation der Epilepsien und der epileptischen Anfälle

8  1.3 Pathophysiologie

9  1.4 Epidemiologie

10  1.5 Diagnostik

11  1.6 Anamnese

12  1.7 Anfallsbeobachtung

13  1.8 Elektroenzephalographie

14  1.9 Kernspintomographie und Computertomographie

15  1.10 Differenzialdiagnostik

16  1.11 Medikamentöse Epilepsiebehandlung

17  1.12 Therapiekontrolle

18  1.13 Notfallbehandlung

19  1.14 Weitere Behandlungsformen

20  1.15 Zusammenfassung

21  Literatur

22  2 Anfälle beobachten und Erste Hilfe bei Anfallsereignissen

23 Petra Ott-Ordelheide

24  2.1 Einleitung

25  2.2 Anfallsformen

26  2.2.1 Fokaler Beginn

27  2.2.2 Fokal-motorischer Beginn

28  2.2.3 Fokal-nicht motorischer Beginn

29  2.2.4 Generalisierter Beginn

30  2.2.5 Unbekannter Beginn

31  2.2.6 Anfallstestung

32  2.2.7 Dokumentation

33  2.2.8 Verhalten beim Anfall

34  2.2.9 Wenn ein Anfall zum Notfall wird

35  2.2.10 Anfälle in der Situation der Palliativpflege

36  2.2.11 Anfälle auf der Intensivstation

37  2.3 Lessons learned

38  Literatur

39  3 Pflege in der Kinderepileptologie

40 Margarete Lauber

41  3.1 Einleitung

42  3.2 Besondere Epilepsieformen und Epilepsiesyndrome im Kindes- und Jugendalter

43  3.2.1 Neugeborenenanfälle

44  3.2.2 Fieberkrämpfe

45  3.2.3 Rolando-Epilepsie (benigne kindliche Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes)

46  3.2.4 Epileptische Encephalopathien

47  3.2.5 West-Syndrom

48  3.2.6 Lennox-Gastaut-Syndrom

49  3.2.7 Dravet-Syndrom

50  3.2.8 CSWS-Syndrom (»continues spike waves during sleep«)

51  3.3 Epilepsiediagnose und ihre Folgen

52  3.3.1 Besonderheiten in der Anfallsbeobachtung

53  3.3.2 Begleitung während epileptischer Anfälle

54  3.3.3 SUDEP (sudden unexpected death in epilepsy)

55  3.4 Behandlungsmöglichkeiten

56  3.4.1 Medikamentöse Therapie

57  3.4.2 Die ketogene Ernährungstherapie (KET) – eine besondere Therapieform im Kindesalter

58  3.5 Epilepsie und Entwicklung

59  3.6 Epilepsie und Psyche

60  3.7 Epilepsie und Alltag

61  3.7.1 Photosensibilität

62  3.7.2 Sport

63  3.7.3 Familienleben

64  3.8 Schulung, Beratung und Anleitung

65  3.9 Professionalität von Pflegenden

66  3.10 Transition

67  3.11 Lessons learned

68  Literatur

69  4 Pflege in der Behandlung von jungen Erwachsenen mit Epilepsie

70 Michaela Ritze

71  4.1 Einleitung

72  4.2 Psychosoziale Situation junger Erwachsener mit Epilepsie

73  4.2.1 Autonomie und Selbstbestimmung im jungen Erwachsenenalter

74  4.3 Fallbeispiel

75  4.4 Pflegerische Anleitung und Beratung junger Erwachsener mit Epilepsie

76  4.4.1 Klinisch-pflegerische Aufgaben

77  4.4.2 Beratung junger Erwachsener mit Epilepsie

78  4.5 Organisatorische Aspekte im klinischen Setting

79  4.6 Lessons learned

80  Literatur

81  5 Pflege bei Menschen mit Epilepsie im Erwachsenenalter

82 Merle Janetzki & Petra Ott-Ordelheide

83  5.1 Einleitung

84  5.2 Der erste epileptische Anfall

85  5.3 Symptomatische Epilepsien

86  5.3.1 Infektiös: Meningitis/Enzephalitis

87  5.3.2 Strukturell

88  5.3.3 Metabolisch: Toxische Hirnschädigung

89  5.3.4 Immunologisch: Autoimmun-Enzephalitis als Ursache einer Epilepsie

90  5.3.5 Diagnostik der symptomatischen Epilepsien

91  5.3.6 Therapie der symptomatischen Epilepsien

92  5.4 Epilepsie und Schwangerschaft

93  5.5 Altersepilepsien

94  5.6 Medikamentöse Therapie

95  5.6.1 Das Konzept der Adhärenz

96  5.6.2 Nebenwirkungen von Antiepileptika – erkennen und beobachten

97  5.7 Kognitive Veränderungen im Rahmen einer aktiven Epilepsie

98  5.7.1 Gedächtnisstörungen

99  5.7.2 Sprachstörungen

100  5.7.3 Aufmerksamkeitsstörungen

101  5.7.4 Orientierungsstörungen

102  5.8 Schwerpunkte der Pflege

103  5.8.1 Begleitung von Anfällen

104  5.8.2 Sturzprävention

105  5.8.3 Epilepsie und Angst

106  5.9 Lessons learned

107  Literatur

108  6 Pflege von Erwachsenen mit einer komplexen Behinderung und Epilepsie

109 Rebekka Geelhaar unter Mitwirkung von Christian Brandt

110  6.1 Einleitung

111  6.2 Epilepsie im Zusammenhang mit komplexer Behinderung

112  6.3 Anforderungen an die Pflege von Menschen mit Behinderung und Epilepsie

113  6.4 Besonderheiten in der stationären Behandlung der Epilepsie

114  6.5 Pflegephänomene bei Menschen mit Beeinträchtigung und Epilepsie

115  6.5.1 Das Pflegephänomen der Schluckstörungen

116  6.5.2 Das Pflegephänomen der Aktivität und Ruhe

117  6.5.3 Das Pflegephänomen der Wahrnehmung und Kommunikation

118  6.5.4 Epilepsiebezogene Pflegephänomene

119  6.6 Lessons learned

120  Literatur

121  7 Pflege in der psychosomatischen Epileptologie

122 Nerissa Clavecilla & Petra Ott-Ordelheide

123  7.1 Einleitung

124  7.2 Psychogene nichtepileptische Anfälle: Der Versuch einer Begriffsbestimmung

125  7.3 Fallbeispiel

126  7.4 Ursachen und Entstehung von psychogenen nicht- epileptischen Anfällen

127  7.5 Merkmale von psychogenen nichtepileptischen Anfällen

128  7.6 Unterschiede zwischen epileptischen und psychogenen nichtepileptischen Anfällen

129  7.7 Komorbiditäten

130  7.8 Diagnose und Behandlung von psychogenen nicht- epileptischen Anfällen

131  7.9 Begleitung von psychogenen nichtepileptischen Anfällen

132  7.10 Beziehungsgestaltung mit Menschen mit psychogenen nichtepileptischen Anfällen

133  7.11 Das Pflegephänomen des verminderten Selbstvertrauens und Selbstwertgefühls

134  7.12 Lessons learned

135  Literatur

136  8 Pflege in der Epilepsiechirurgie

137 Christiane Schulte Döinghaus

138  8.1 Einleitung

139  8.2 Intensivmonitoring

140  8.2.1 Pflegephänomene im Intensivmonitoring

141  8.3 Invasive Diagnostik mit subduralen Platten- oder Tiefenelektroden

142  8.3.1 Pflegephänomene in der invasiven Diagnostik

143  8.4 Epilepsiechirurgische Eingriffe

144  8.5 Organisation der pflegerischen Versorgung

145  8.6 Lessons learned

146  Literatur

147  9 Pflege in der epileptologischen Rehabilitation

148 Christina Vollgraf

149  9.1 Einleitung

150  9.2 Einführung in die epileptologische Rehabilitation

151  9.3 Bedeutung der Pflege in der epileptologischen Rehabilitation

152  9.4 Pflegephänomen: Wissen beeinträchtigt

153  9.5 Epilepsieberatung

154  9.5.1 Medikamenteneinnahme und Adhärenz bei Epilepsie

155  9.5.2 Hilfsmittel und Sicherheitsvorkehrungen im Alltag

156  9.5.3 Sport bei Epilepsie

157  9.5.4 Reisen mit Epilepsie

158  9.6 Anschlussrehabilitation und Pflege nach einem epilepsie- chirurgischen Eingriff

159  9.7 Informationen zur sozialen Teilhabe bei Epilepsie

160  9.7.1 Berufswahl und Ausbildung

161  9.7.2 Am Arbeitsplatz

162  9.7.3 Epilepsie und Führerschein

163  9.7.4 Epilepsie und Nachteilsausgleiche

164  9.7.5 Pflegephänomen: Machtlosigkeit

165  9.8 Fallbeispiel

166  9.9 Lessons learned

167  Literatur

168  10 Epilepsieberatung in der Pflege

169 Hedwig Sudbrock

170  10.1 Einleitung

171  10.2 Psychosoziale und sozialrechtliche Epilepsieberatung

172  10.3 Patient*innenberatung in der Pflege

173  10.3.1 Beratungsprozesse gestalten und Gespräche strukturieren

174  10.3.2 Beratung, Aufklärung, Information

175  10.4 Epilepsieberatung

176  10.4.1 Inhaltliche Zielsetzung von Epilepsieberatung in der Pflege

177  10.4.2 Erfahrungen und Ergebnisse – Epilepsy Specialist Nurse

178  10.4.3 Epilepsie-Fachassistenz (EFA)/Epilepsie- Fachberatung

179  10.5 Beratungslagen und -anliegen bei Epilepsie

180  10.5.1 Das Modell der Krankheitsbewältigung nach Corbin & Strauss (2010)

181  10.5.2 Vom ersten epileptischen Anfall zur Diagnose Epilepsie

182  10.5.3 Von der Diagnose zur Behandlung

183  10.6 Lessons learned

184  10.7 Wichtige Themen in der pflegerischen Epilepsieberatung

185  10.7.1 Das Krankheitsbild

186  10.7.2 Der Anfallsablauf

187  10.7.3 Anfallshäufigkeit und Anfallsfreiheit

188  10.7.4 Behandlungsstand und Prognose

189  10.7.5 Risikoberatung

190  10.7.6 Anfallsauslöser und anfallsbegünstigende Umstände

191  10.7.7 Medikamenteneinnahme und Adhärenz

192  10.7.8 Wie über die Epilepsie sprechen – Offenbarungs- verhalten

193  10.8 Schwer behandelbare Epilepsien und Komorbidität

194  10.9 Epilepsie-Schulungsprogramme

195  10.10 Lessons learned

196  Literatur

197  Adressen und Informationsquellen

198  Die Autorinnen, die Autoren

199  Stichwortverzeichnis

Einleitung – Krankheitsbewältigung und Pflege bei Epilepsie
Hermann-T. Steffen

Epilepsien1 zählen zu den häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen weltweit (WHO 2019). Auch wenn die Remissionsrate der Epilepsien mit 70 % geschätzt wird (Beghi et al. 2015) – und die Erkrankung somit eine günstige Prognose aufweist –, gehen sie nicht selten mit langjährigen Verläufen einher (Sillanpää 2016). Zudem ist ihnen eine spezifische Verlaufsdynamik zu eigen: Je nach Frequenz und Gestalt der Anfälle – als Symptom der Epilepsien – können sich stabile, instabile und akute Phasen ablösen, zeitweise kann die Symptomatik ganz zum Erliegen kommen, um dann wieder – langsam einschleichend oder abrupt – aufzuflammen (Bartolini & Sander 2019). Auch weisen sich Epilepsien durch ihre Komplexität aus, bedingt durch fallweise auftretende kognitive Störungen, psychiatrische Komorbidität und psychosozialen Folgen (Helmstaedter 2012; Schmitz 2012). So können sich die Auswirkungen der Erkrankung nicht allein in Schule, Ausbildung und Beruf zeigen, gleichermaßen machen sie ihren Einfluss in der Gestaltung sozialer Kontakte geltend (Specht & Thorbecke 2010). Denn der Erkrankung haftet mithin ein Stigma an, das seinen Schatten auf das Selbstbild und auf die soziale Teilhabe von Menschen mit Epilepsie wirft und damit auf die Lebensqualität nachhaltigen Einfluss nehmen kann (Fiest et al. 2014). Die Folgen einer Epilepsie treffen jedoch nicht die Kranken allein, immer sind es ihre Familien, die zahlreichen alltags- und krankheitsbezogenen Anforderungen begegnen müssen (Steffen 2015). Dementsprechend zeigt sich der Gesundheitsstatus von Angehörigen Epilepsieerkrankter vielfach niedrig, derweil ihre ökonomischen, zeitlichen, emotionalen und sozialen Belastungen vergleichsweise hoch ausfallen (van Andel et al. 2009).

Die Bewältigungsarbeit von Menschen mit Epilepsie nimmt ihren Auftakt bereits mit dem Auftreten erster Anfälle. Denn in der Resonanz einer – neuen – komplexen Lebenssituation stellen sich unmittelbar Fragen nach den biographischen Konsequenzen einer mit vielfacher Unsicherheit behafteten Erkrankung (Naess et al. 2009). So müssen epilepsiebedingte Einschränkungen erkannt, künftige Handlungsspielräume austariert und ein neuer Lebensplan entworfen werden. Auch muss das durch die Epilepsie irritierte Selbstkonzept nicht nur zu Beginn, sondern zuweilen fortlaufend angepasst und aktualisiert werden.

Nicht minder anspruchsvoll sind die Aufgaben des Krankheits(selbst-)managements: Um bei wiederkehrenden Anfällen einen gewissen Grad der Kontrolle gegenüber der Epilepsie zu erlangen, gilt es, Anfallsauslöser und -muster im Krankheitsverlauf zu erkennen und zu deuten. Gelingt dies nicht, mindert es die Überzeugung, die Erkrankung kontrollieren zu können und führt mithin zu Gefühlen des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit (Velissaris et al. 2007). Aber auch ein angemessener Umgang mit dem iktalen Geschehen selbst, das zuweilen bizarr und fremd anmutend jählings jegliche soziale Interaktion unterbrechen kann, muss gefunden werden. Denn epileptische Anfälle ereignen sich nicht immer im Privaten, zuweilen treten sie vor Publikum auf und werden so zu einem öffentlichen Ereignis. Fallweise – wenn der Anfall mit Bewusstseinseintrübung einhergeht – nehmen die Betroffenen das Ereignis einzig im »Spiegel der Umwelt« (Janz 1962, S. 1386) wahr, die sich nicht selten ängstlich, verstört und besorgt zeigt. Somit sind Menschen mit Epilepsie gefordert, sich nicht nur mit der eigenen Situation, sondern auch mit der vermeintlichen Wirkung auf die Zeugen des Anfallsgeschehens auseinandersetzen. Um nicht an sozialer Integrität einzubüßen, ist ein geeignetes Informations- und Stigma-Management unabdingbar. Menschen mit Epilepsie müssen beurteilen und entschieden, wen, zu welcher Zeit, in welcher Form und zu welchem Grad sie über ihre Erkrankung informieren (Elliott et al. 2019).

Aber auch die Handhabe des zuweilen komplexen Medikamentenregimes verlangt Menschen mit Epilepsie mannigfaltige Bewältigungsbemühungen ab. Denn nicht nur die Einnahmepraxis muss in die Routinen des Alltags eingebunden werden, mehr noch müssen sie ihre Haltung gegenüber der antiepileptischen Medikation entwickeln. Denn das Verhältnis von Menschen mit Epilepsie zu ihren Medikamenten ist keineswegs ungetrübt (Malek et al. 2017): Einerseits ermöglichen sie die Kontrolle über das Anfallsgeschehen und zeigen sich somit als Garant von Alltagsnormalität, andererseits bezeugen sie fortwährend die Gegenwart der Erkrankung. So erstaunt es nicht, dass die Wirksamkeit, aber auch die Notwendigkeit des medikamentösen Regimes zuweilen eigenverantwortlich überprüft wird (Conrad 1985).

Die alltagsbezogenen und biographischen Anpassungserfordernisse finden jedoch auch bei dauerhafter Anfallsfreiheit kein Ende. Vielmehr sehen sich die Erkrankten vor die Aufgabe gestellt, von der Rolle als »Kranker« in die Rolle als »Gesunder« zu wechseln (Wilson et al. 2007). Nicht selten antworten die Betroffenen mit sozialem Rückzug, aus Angst den potenziellen Erwartungen des Umfelds nicht zu entsprechen, oder mit einer übersteigerten sozialen Aktivität, aus dem Wunsch heraus, die verpassten Möglichkeiten nachzuholen. Jedoch haben nicht nur die Betroffenen diese Adaptionsleistung zu erbringen, insbesondere die Familien und das soziale Umfeld hat sich in der Bewältigung der neuen Situation zu bewähren, indem es die Bemühungen anerkennt, unterstützt und fördert, mehr noch die erforderliche Anpassung selbst vornimmt (Wilson et al. 2005). Nicht selten stellen sich Probleme ein, wenn die Betroffenen das Gefühl haben, dass Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen sie weiterhin in der Rolle als Kranker ansprechen, sie dadurch nicht den Entwicklungsmöglichkeiten nachkommen können und sich in ihrer biographischen Transition gehindert sehen. Angesichts der zahlreichen und vielschichtigen Aufgaben, die sich Menschen mit Epilepsie und deren Angehörige im Krankheits(selbst-)management stellen, wundert es nicht, dass Belastungen zeitweise überborden, Anpassungsstrategien aus dem Kurs geraten und die Bewältigungsbemühungen gar ganz zum Erliegen kommen können.

Um die Lebensqualität und Autonomie in der Lebenspraxis von Menschen mit Epilepsie zu befördern, wird deutlich, dass die Unterstützung der Bewältigungsarbeit als prioritäre Aufgabe epileptologischer Pflege verstanden werden muss. Dreh- und Angelpunkt bilden hier – neben den klinisch pflegerischen Aufgaben – vor allem kommunikative Pflegeinterventionen der Information, Aufklärung, Beratung, Edukation und Anleitung. Eingebettet in den dynamischen Pflegeprozess sollten diese Maßnahmen so geformt und organisiert sein, dass sie die je spezifischen Lebensweltbezüge aufnehmen und der verlaufsbezogenen Entwicklung der Erkrankung begegnen. Zu Beginn steht ein umfassendes, mehrdimensionales Assessment, das ermöglicht, den Stand der Krankheitsbewältigung von Menschen mit Epilepsie zu bestimmen, potenzielle Blockaden zu identifizieren, Lebensvorstellungen zu ergründen, Ressourcen zu erkennen und Optimierungspotenziale zu benennen. Auf dieser Grundlage lassen sich alsdann in einem partizipativen Prozess individuelle Ziele definieren und passende Interventionsstrategien ableiten. Für die Interventionen gilt es, eine flexible, individualisierte Form zu finden, um Veränderungen im Krankheitsverlauf, biographischen Neuausrichtungen und alltagsbezogenen Anpassungserfordernissen begegnen zu können. Die Wirksamkeit und Qualität der Interventionen zu kontrollieren, den jeweiligen Zielerreichungsgrad zu bestimmen und nötigenfalls Anpassungen vorzunehmen, ist ebenso Aufgabe der pflegerischen Praxis bei Epilepsie, wie den Erfolg der Maßnahmen abschließend zu bewerten.

Um das Themen- und Aufgabenspektrum in der Pflege von Menschen mit Epilepsie zu entfalten, sind die Kapitel im vorliegenden Buch zielgruppen- aber auch behandlungsbezogen gegliedert. Einleitend werden das Krankheitsbild und Behandlungsaspekte der Epilepsien vorgestellt. Es folgt eine Einführung in die Anfallsbeobachtung und Erste Hilfe bei Anfallsereignissen. Den Anforderungen und Interventionen in der Pflege von Menschen mit Epilepsien in bestimmten Lebensphasen (Kinder, junge Erwachsene, Erwachsene im mittleren und höheren Lebensalter), Komorbidität (komplexe Behinderung) und in besonderen Pflegesettings (Psychosomatik, Epilepsiechirurgie, Rehabilitation) gilt die Aufmerksamkeit der folgenden Kapitel. Abschließend wird der Fokus auf die methodischen und krankheitsbezogenen Aspekte der pflegerischen Epilepsieberatung gelenkt.

Literatur

Bartolini E, Sander JW (2019) Dealing with the storm: An overview of seizure precipitants and spontaneous seizure worsening in drug-resistant epilepsy, Epilepsy & Behavior, 97, S. 212–218

Beghi E, Giussani G, Sander JW (2015) The natural history and prognosis of epilepsy, Epileptic Disorders, 17(3), S. 243–253

Conrad P (1985) The meaning of medications: Another look at compliance, Social Science & Medicine 20, S. 29–37

Elliott N, Pembroke S, Quirke M et al. (2019) Disclosure strategies in adults with epilepsy when telling, »I have epilepsy«: The How2tell study, Epilepsia, 60(10), S. 2048–2059

Fiest KM, Birbeck GL, Jacoby A et al. (2014) Stigma in epilepsy, Current neurology and neuroscience reports, 14(5), S. 444

Helmstaedter C (2012) Kognitive Defizite bei unbehandelten Patienten mit neu diagnostizierter Epilepsie, Z. Epileptol., 25(4), S. 273–277

Janz D (1962) Epilepsie-Ambulanz als Institution, Deutsche Medizinische Wochenzeitschrift 87, S. 1385–1387

Malek N, Heath CA, Greene J (2017) A review of medication adherence in people with epilepsy, Acta Neurologica Scandinavica, 135(5), S. 507–515

Naess S, Eriksen J, Tambs, K (2009) Perceived change in life satisfaction following epilepsy diagnosis, Scand J Public Health 37(6), S. 627–631

Schmitz B (2012) Psychiatrische Aspekte bei Epilepsien, Der Nervenarzt 83(2), S. 205–208

Sillanpää M (2016) Natural course of treated epilepsy and medico-social outcomes. Turku studies. Part II, Journal of Epileptology, 24(1), S. 25–39

Specht U, Thorbecke R (2010) Epilepsien. In: Frommelt P, Lösslein H (Hrsg.) NeuroRehabilitation. Berlin, Heidelberg: Springer. S. 739–756

Steffen HT (2015) Epilepsie und Familie – Familialer Umgang mit chronischer Krankheit und Krankenrolle. Bielefeld: Universität Bielefeld

Velissaris SL, Wilson SJ, Saling MM et al. (2007) The psychological impact of a newly diagnosed seizure: losing and restoring perceived control, Epilepsy & Behavior, 10(2), S. 223–233

Wilson SJ, Bladin PF, Saling MM et al. (2005) Characterising psychosocial outcome trajectories following seizure surgery, Epilepsy & Behavior 6, S. 570–580

Wilson SJ, Bladin PF, Saling MM (2007) The burden of normality: a framework for rehabilitation after epilepsy surgery, Epilepsia 48, Suppl 9, S. 13–16

World Health Organization (Hrsg.) (2019) Epilepsy: a public health imperative: summary (No. WHO/MSD/MER/19.2), World Health Organization

1 Mit dem Plural »Epilepsien« wird in der medizinischen Klassifikationsterminologie der Heterogenität epileptischer Anfälle, als Symptom der Erkrankung, Ausdruck verliehen.

1 Epileptologische Grundlagen
Christian Brandt
1.1 Einleitung

Epilepsie ist eine Krankheit des Gehirns. Sie kann vielfältige Ursachen haben und ebenso vielfältige Erscheinungsformen. Etwas weniger als 1 % der Bevölkerung leidet an einer Epilepsie. Wenn Patient*innen1 mit anfallsartigen Zuständen zum Arzt gehen oder ins Krankenhaus kommen, ist es zunächst einmal wichtig sicherzustellen, ob es sich um eine Epilepsie oder um eine andere Erkrankung mit anfallsartigen Symptomen handelt. Andere Krankheiten, die sich ebenfalls anfallsartig äußern, sind z. B. Synkopen (kreislaufbedingte Bewusstlosigkeiten) oder psychogene nichtepileptische Anfälle. Die wichtigsten Schritte bei der Diagnosefindung sind die Erhebung der Anamnese, insbesondere Schilderungen oder Beschreibungen der anfallsartigen Zustände, und idealerweise die Videoanalyse eines anfallsartigen Zustandes.

Die wichtigsten apparativen Untersuchungen in der Epilepsiediagnostik sind das EEG (Elektroenzephalographie, Hirnschrift) und die Kernspintomographie (Magnetresonanztomographie, MRT). Laboruntersuchungen inklusive Liquoranalyse haben ebenfalls ihre Bedeutung.

Die Behandlung erfolgt in der Regel mit Medikamenten, den sogenannten Antiepileptika oder Antikonvulsiva. Je nach Epilepsieform kann es auch wichtig sein, bestimmte Lebensregeln, z. B. die Einhaltung eines regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus, zu befolgen. Die Prognose einer Epilepsie, also die Aussicht auf Anfallsfreiheit, ist prinzipiell gut. Sie sinkt allerdings mit der Zahl der erfolglos eingesetzten Antiepileptika. Wenn zwei korrekt ausgewählte und adäquat eingesetzte Medikamente nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben, spricht man von einer medikamentenrefraktären Epilepsie (Kwan et al. 2010). Spätestens, wenn dieses Stadium erreicht ist, sollte die Überweisung an ein spezialisiertes Zentrum erfolgen. Dort muss auch die Möglichkeit eines epilepsiechirurgischen Eingriffs geprüft werden. Psychotherapeutische Verfahren können ergänzend wichtig sein. Stationäre Rehabilitation hat ihre Bedeutung nach epilepsiechirurgischen Operationen, aber auch in vielfältiger anderer Hinsicht, insbesondere wenn die Berufstätigkeit des Betroffenen gefährdet ist.

1.2 Klassifikation der Epilepsien und der epileptischen Anfälle

Zunächst einmal geht es um die Frage, wann man überhaupt von einer Epilepsie spricht. Früher galt die Definition, dass man die Diagnose einer Epilepsie dann stellt, wenn mindestens zwei unprovozierte epileptische Anfälle aufgetreten sind. Dies hatte seinen Grund darin, dass nicht alle Menschen, die einen epileptischen Anfall erleiden, weitere Anfälle bekommen. Bei manchen bleibt es auch bei einem einzigen epileptischen Anfall. Außerdem können Anfälle als Symptom bestimmter akuter Krankheiten oder Ereignisse auftreten, z. B. bei einem Schädel-Hirn-Trauma, in den ersten sieben Tagen nach einem Schlaganfall oder bei Entzündungen des Gehirns, Stoffwechselstörungen, Vergiftungen oder Alkoholentzug.

Wichtige Ursachen akut symptomatischer Anfälle (detaillierte Informationen bei Beghi et al. 2010):

• Cerebrovaskuläre Erkrankung (Schlaganfall, Hirnblutung)

• Schädel-Hirn-Trauma

• Hirninfektion

• Akute Allgemeininfektionen

• Bestimmte Autoimmunerkrankungen

• Metabolische Störungen

• Cerebrale Hypoxie

• Alkoholentzug

• Alkoholintoxikation

• Drogeninduziert

• Fieberkrämpfe (bei Kindern)

Auch heute spricht man nach zwei unprovozierten epileptischen Anfällen von einer Epilepsie. Es ist allerdings eine Neuerung hinzugekommen:

Unprovozierte epileptische Anfälle

Wenn bei den Untersuchungen nach einem epileptischen Anfall eine Ursache gefunden wird, von der man weiß, dass sie mit einer hohen Wahrscheinlichkeit weitere epileptische Anfälle auslösen wird, stellt man die Diagnose einer Epilepsie bereits nach einem epileptischen Anfall (Fisher et al. 2014). Dies ist oft nach Schlaganfällen so.

Epileptische Anfälle nach Schlaganfällen sind ein gutes Beispiel, um die Unterscheidung zwischen akut symptomatischen epileptischen Anfällen (früher auch als provozierte Anfälle bezeichnet) und Anfällen im Rahmen einer Epilepsie zu erklären. Tritt innerhalb der ersten sieben Tage nach einem Schlaganfall ein epileptischer Anfall auf, so betrachtet man ihn als akut symptomatischen Anfall. Tritt der Anfall jenseits dieser Grenze von sieben Tagen nach dem Schlaganfall auf, wird er als epileptischer Anfall im Rahmen einer Epilepsie gewertet. Die Grenze von sieben Tagen mag etwas willkürlich erscheinen. Sie beruht jedoch letztlich auf Erkenntnissen über das Wiederholungsrisiko.

Bezüglich der Klassifikation der Epilepsien und der epileptischen Anfälle haben sich in den letzten Jahren Neuerungen ergeben. Im Jahr 2017 wurden offizielle Klassifikationen von der Internationalen Liga gegen Epilepsie in Kraft gesetzt. Früher unterschied man zwei Gruppen von Epilepsien, nämlich fokale und generalisierte Epilepsien. Je nachdem, ob die Ursache der Epilepsie bekannt oder unbekannt war oder ob man eine genetische Verursachung vermutete, ergänzte man die Bezeichnungen »symptomatisch«, »kryptogen« oder »idiopathisch«. Nach der aktuellen Klassifikation (Scheffer et al. 2017) ordnet man zunächst die Anfallsarten ein, ausgehend davon unterteilt man in fokale, generalisierte, kombiniert generalisierte und fokale Epilepsien und Epilepsien unbekannter Zuordnung. Ggf. kann man diese Epilepsietypen noch zu einem speziellen Syndrom zuordnen. Als weiterer Bestandteil geht die Ursache der Epilepsie in die Klassifikation ein. Je nach Ätiologie spricht man von struktureller, genetischer, infektiöser, metabolischer, immuner oder unbekannter Ätiologie. Begleiterkrankungen, wie sie bei einer Epilepsie typischerweise auftreten können, gehen als Komorbidität in die Epilepsieklassifikation ein.

Die grobe Einteilung in fokale Epilepsien, also solche, die von einem bestimmten Fokus (Herd) ausgehen, und generalisierte Epilepsien bleibt also bestehen.

Prinzipiell kann eine Epilepsie in jedem Hirnlappen ihren Ursprung haben. Beispielhaft seien hier die Temporallappen-Epilepsie (Schläfenlappen-Epilepsie) und die Frontallappen-Epilepsie (ausgehend vom Stirnlappen) erwähnt.

Temporallappen-Epilepsie

• Die Temporallappen-Epilepsie (TLE) ist die häufigste fokale Epilepsie bei Erwachsenen.

• Typische Anfallsformen sind epigastrische Auren (aufsteigendes Gefühl aus der Magengegend) und Déjà-vu (bewusst erlebte kognitive Anfälle).

• Manchmal haben die Betroffenen als Kinder Fieberkrämpfe erlebt. Eine Hippokampussklerose ist eine häufige Ursache einer TLE.

• Der Verlauf der TLE ist oft therapieresistent.

• Insbesondere bei Vorliegen einer Hippokampussklerose ergeben sich gute Aussichten auf einen erfolgreichen epilepsiechirurgischen Eingriff.

Frontallappen-Epilepsie

• Auch Frontallappen-Epilepsien sind häufige fokale Epilepsien.

• Oft treten fokale klonische oder hyperkinetische Anfälle auf.

• Der Epilepsieverlauf ist oft therapieresistent.

• Bei therapieresistentem Verlauf ist die Prüfung einer epilepsiechirurgischen Option erforderlich.

Innerhalb der genetisch generalisierten Epilepsien wurde für vier Syndrome der alte Begriff der idiopathischen generalisierten Epilepsie beibehalten. Es handelt sich um die kindliche Absence-Epilepsie, die juvenile Absence-Epilepsie, die juvenile myoklonische Epilepsie und die Epilepsie mit ausschließlich generalisierten tonisch-klonischen Anfällen (früher: Epilepsie mit Aufwach-Grand-mal-Anfällen).

Die Zuordnung einer Epilepsie zum Bereich der fokalen oder der generalisierten Epilepsien ist besonders wichtig, da sie die Medikamentenauswahl bestimmt. Auch ist die Einhaltung bestimmter Lebensregeln bei genetisch generalisierten Epilepsien deutlich wichtiger als bei fokalen Epilepsien.

Juvenile myoklonische Epilepsie

• Hierbei handelt es sich um eine idiopathische generalisierte (genetisch generalisierte) Epilepsie.

• Das Manifestationsalter ist in der Regel in der Jugend.

• Das Syndrom ist durch Myoklonien und tonisch-klonische Anfälle definiert, Absencen können auftreten.

• Die Einhaltung bestimmter Lebensregeln (regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, allenfalls geringer Alkoholkonsum oder der Verzicht auf Alkohol) ist anzuraten.

• Die Aussichten auf Anfallsfreiheit unter korrekt ausgewählter und eingenommener antiepileptischer Medikation sind hoch.

• Das Syndrom zeichnet sich durch typische EEG-Muster aus.

Auch die Klassifikation der epileptischen Anfälle, also der einzelnen Anfallsformen, wurde geändert. Hier werden sich jedoch im Sprachgebrauch vermutlich die früheren Bezeichnungen noch lange halten bzw. in Gesprächen oder Arztbriefen auftauchen. Deshalb werden sie an dieser Stelle kurz erwähnt. Man unterschied fokale und generalisierte Anfälle. Die fokalen Anfälle wiederum unterteilten sich in einfach-fokale (bei diesen war das Bewusstsein vorhanden) und komplex-fokale Anfälle (bei diesen wurde das Bewusstsein verloren).

Zu den generalisierten Anfällen gehörten Absencen, tonische Anfälle, klonische Anfälle, myoklonische Anfälle und generalisierte tonisch-klonische Anfälle. Bei den generalisierten tonisch-klonischen Anfällen kam die Besonderheit hinzu, dass sie primär generalisiert sein konnten (wenn von vornherein beide Hirnhälften betroffen waren) oder sekundär generalisiert (wenn sie aus einem fokalen Anfall hervorgingen).

Ein wesentlicher Kritikpunkt war, dass die Worte »einfach« und »komplex« in diesem Zusammenhang irreführend sein können. Auch war die genannte Einteilung sehr grob.

Die neue Klassifikation (Fisher et al. 2017) unterscheidet Anfälle mit fokalem Beginn, generalisiertem Beginn und unbekanntem Beginn. Wenn man einmal diese grobe Einteilung getroffen hat, wird – je nachdem, welche Informationen zur Verfügung stehen – weiter unterteilt. Fokal beginnende Anfälle werden in bewusst erlebte und nicht bewusst erlebte Anfälle gegliedert, außerdem in solche mit motorischem Beginn und solche mit nicht motorischem Beginn. Je mehr Informationen zur Verfügung stehen, desto detaillierter kann die Anfallsklassifikation werden.

Hier ist es wichtig, dass die Einteilung in bewusst erlebte und nicht bewusst erlebte Anfälle danach vorgenommen wird, ob der komplette Anfallsablauf erinnert wird oder nicht. Im letzteren Fall wird der Anfall als nicht bewusst erlebt eingeordnet. Bei den motorischen oder nicht motorischen Symptomen wird allerdings das erste Symptom, also das, mit dem ein Anfall beginnt, berücksichtigt. So kann es zu dem zunächst paradox erscheinenden Begriff eines nicht bewusst erlebten emotionalen Anfalls kommen. Der frühere sekundär generalisierte tonisch-klonische Anfall wird nun als fokal zu bilateral tonisch-klonischer Anfall bezeichnet, der frühere primär generalisierte tonisch-klonische Anfall als tonisch-klonischer Anfall.

Unabhängig von dieser offiziellen Klassifikation können im Alltag Begrifflichkeiten hilfreich sein, die es ermöglichen, über einen Anfall zu sprechen und ihn mit einem prägnanten Wort zu bezeichnen. Hierzu gehört der Begriff der Aura, also z. B. eines Anfallsvorgefühls oder eines Anfalls, den nur der Betroffene selbst erlebt. Auch die Bezeichnung »psychomotorischer Anfall«, die in der neuen Klassifikation nicht mehr erhalten ist, kann als umgangssprachliche Bezeichnung eines fokalen Anfalls mit motorischem Beginn und Automatismen sinnvoll sein. Fokal zu bilateral tonisch-klonische oder tonisch-klonische Anfälle werden sicher auch im Umgangssprachgebrauch weiterhin als Grand-mal-Anfall bezeichnet werden.

1.3 Pathophysiologie

Vereinfacht ausgedrückt liegt bei einer Epilepsie ein gestörtes Gleichgewicht zwischen hemmenden und erregenden Einflüssen im Gehirn vor. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die Botenstoffe (Neurotransmitter). Der wichtigste hemmende Neurotransmitter ist GABA, der wichtigste erregende ist Glutamat. Außerdem spielen Ionenkanäle (Natrium-, Kalzium- und Kaliumkanäle) eine Rolle. Aus diesen Mechanismen der Anfallsentstehung erklären sich die pharmakologischen Prinzipien der Epilepsiebehandlung mit Medikamenten. Einige Antiepileptika wirken an Natriumkanälen im Gehirn (sogenannte Natriumkanalinhibitoren), andere greifen in den Stoffwechsel von GABA ein oder wirken an Glutamatrezeptoren. Manche Medikamente haben mehrere Wirkmechanismen. Nicht immer ist der genaue Wirkmechanismus eines Antiepileptikums in allen Einzelheiten bekannt.

1.4 Epidemiologie

Die Epidemiologie befasst sich mit der Häufigkeit von Krankheiten. Wichtige Begriffe sind Inzidenz und Prävalenz. Die Inzidenz bezeichnet den Zugang an Kranken, im Falle einer Epilepsie also die Häufigkeit, mit der Epilepsien neu auftreten. Die Prävalenz bezeichnet den Bestand an Kranken. Am Beispiel der Epilepsie bedeutet die Prävalenz also, wie viele Epilepsiekranke es in der Bevölkerung gibt. Die Zahl der Erkrankten vermindert sich durch Heilung (Remission) oder Tod (Mortalität).

Epilepsien treten besonders häufig in den ersten Lebensjahren und dann wieder ab dem Alter von 60 Jahren auf. Während das häufige Auftreten in den ersten Lebensjahren schon lange bekannt ist, wird das häufige Auftreten im höheren Lebensalter erst in den letzten 20 Jahren deutlich. Dies hat mit der zunehmenden Lebenserwartung in der Gesamtbevölkerung und mit dem altersbedingten Auftreten von Hirnerkrankungen zu tun. Hier sind besonders Hirngefäßkrankheiten (z. B. Schlaganfälle), Demenzen und Hirntumore zu nennen. Die Prävalenz von Epilepsien liegt in den industrialisierten Ländern zwischen 0,5 und 1 %. Ungefähr 5 % der Bevölkerung erleidet mindestens einmal im Leben einen epileptischen Anfall, ohne dass gleich die Diagnose einer Epilepsie zu stellen wäre ( Kap. 1.2).

Die Prognose einer Epilepsie ist prinzipiell gut, d. h. es bestehen gute Aussichten, dass Patient*innen anfallsfrei werden können. Dies trifft für ungefähr 70 % der Betroffenen zu. Andererseits heißt es jedoch, dass 30 % der Menschen mit Epilepsie ihre Anfälle in unterschiedlichen Abständen behalten werden. Je mehr antiepileptische Medikamente bei einem Betroffenen schon erfolglos eingesetzt wurden, desto geringer werden die Aussichten, dass das nächste oder übernächste Medikament doch noch zu einer anhaltenden Anfallsfreiheit führt.

Das Risiko, an den Folgen einer Epilepsie zu sterben, ist grundsätzlich gering. Dennoch besteht ein solches Risiko. Zu den Todesursachen bei Epilepsie gehören der plötzliche unerwartete Tod bei Epilepsie (sudden unexpected death in epilepsy, SUDEP), Status epilepticus, anfallsbedingte Verletzungen und Suizide. Ein ganz entscheidendes Ziel der Epilepsiebehandlung ist es, diese Todesfälle zu verhindern. Dazu gehört zunächst einmal eine bestmögliche Behandlung der Epilepsie, im Weiteren ggf. der Einsatz von Anfallswarngeräten, die konsequente Behandlung eines Status epilepticus, Vorsichtsmaßnahmen zur Verhinderung von anfallsbedingten Unfällen, je nach Epilepsieart und Anfallsfrequenz Vermeidung bestimmter Sportarten oder Tätigkeiten, Sicherheitsvorkehrungen im Haushalt, bei häufigen Sturzanfällen auch der Einsatz eines Anfallsschutzhelmes und Bemühungen im Hinblick auf die Früherkennung von Suizidgedanken und Verhinderung von Suizidalität.

1.5 Diagnostik

Da epileptische Anfälle, wie der Name schon sagt, anfallsartig beginnen und in der Regel auch nach kurzer Zeit von selbst wieder aufhören, werden behandelnde Ärzte und Pflegende oft gar keinen Anfall mit eigenen Augen sehen.

Wenn ein*e Patient*in, der in der Öffentlichkeit einen epileptischen Anfall gehabt hat, mit dem Rettungsdienst in eine Notaufnahme gebracht wird, ist der Anfall in der Regel vorbei. Damit sind die direkten Untersuchungsmöglichkeiten des Krankheitsbildes in der Epileptologie eingeschränkt gegenüber anderen Krankheiten. Damit ist in der Diagnostik anfallsartiger Zustände immer etwas »Detektivarbeit« zu leisten. Dies mag die Diagnostik erschweren, macht aber andererseits auch den besonderen Reiz der Epileptologie aus.

1.6 Anamnese

Eine gründliche Erhebung der Anamnese ist in der Epileptologie besonders wichtig. Zunächst einmal wird man die Patient*innen über das befragen, was sie selbst erlebt haben, insbesondere zu Beginn eines epileptischen Anfalls. Dies ermöglicht ggf. Rückschlüsse auf den Anfallstyp und auf die Lokalisation des epileptogenen Fokus. Neben der Schilderung des Anfalls durch den Betroffenen selbst sind die Angaben von Beobachtern, also die Fremdanamnese, hilfreich.

Zunächst einmal ist es wichtig, Patient*innen spontan von ihren Anfällen berichten zu lassen, andererseits muss man aber auch typische Symptome ausdrücklich nachfragen, weil sie oft nicht von selbst berichtet werden.

1.7 Anfallsbeobachtung

Die Beobachtung eines anfallsartigen Zustandes, insbesondere bei gleichzeitiger Video-EEG-Ableitung, stellt den Idealfall dar. Dieser ist nicht immer zu erreichen und in der Regel spezialisierten Zentren vorbehalten, zumindest dann, wenn es um ein Video-EEG-Intensivmonitoring geht. Mit der rasanten Entwicklung von Smartphones haben Videoaufnahmen anfallsartiger Zustände, die von Angehörigen oder Betreuungspersonen gemacht wurden, eine immer größere Bedeutung gewonnen.

1.8 Elektroenzephalographie

Das EEG ist eine Schlüsseluntersuchung, wenn es um die Diagnose einer Epilepsie geht. Man untersucht das EEG insbesondere im Hinblick auf sogenannte epilepsietypische Potenziale. Das sind EEG-Veränderungen, die typischerweise bei einer Epilepsie vorkommen, ohne dass sie für sich genommen die Diagnose einer Epilepsie beweisen. Im Verlauf einer Epilepsie wird die Bedeutung des EEG häufig überschätzt. Hier sind spezielle Fragestellungen nötig.

1.9 Kernspintomographie und Computertomographie

Die Computertomographie wird in der Notfalldiagnostik eingesetzt, z. B. bei einem ersten epileptischen Anfall oder bei Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma. Zur gründlichen Abklärung bei Verdacht auf Epilepsie ist eine Kernspintomographie erforderlich. Diese Untersuchung, die nicht mit Röntgenstrahlen arbeitet, geht mit einer deutlich besseren Auflösung im Vergleich zur Computertomographie einher und bietet damit wesentlich höhere Aussichten, auch feinste Veränderungen der Hirnstruktur als mögliche Ursache einer Epilepsie zu identifizieren.

1.10 Differenzialdiagnostik

Andere Erkrankungen, die mit anfallsartigen Zuständen einhergehen, können mit Epilepsie verwechselt werden. Hier handelt es sich insbesondere um Synkopen, also um kreislaufbedingte Bewusstseinsstörungen, und psychogene nichtepileptische Anfälle. Aber auch Narkolepsie, transitorische ischämische Attacken, Panikattacken, Bewegungsstörungen und Hypereklepsie (gesteigertes Erschrecken) können mit Epilepsie verwechselt werden.

Typische Merkmale psychogener nichtepileptischer Anfälle:

• Situative Auslösung

• Undulierender Verlauf

• Asynchrone Arm- und Beinbewegungen, geballte Fäuste

• Rhythmische Beckenbewegungen, arc de cercle

• Rosige Hautfarbe

• Geschlossene Augen, Widerstand bei passivem Öffnen

1.11 Medikamentöse Epilepsiebehandlung

Mit Kaliumbromid wurde 1857 das älteste in Deutschland noch auf dem Markt verfügbare Antiepileptikum eingeführt. Erst 1912 kam Phenobarbital hinzu, das ebenfalls noch in Deutschland verfügbar ist. Beide Medikamente spielen jedoch in der Epilepsiebehandlung mittlerweile eine untergeordnete Rolle. Seit Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts hat die Zahl verfügbarer Antiepileptika stetig zugenommen ( Tab. 1.1).

Tab. 1.1: Klinische Charakteristika der Antiepileptika (Adaptiert mit freundlicher Genehmigung von Wolters Kluwer Health, Inc.: Brandt C (2019) Pharmacodynamic monitoring of antiepileptic drug therapy, Therapeutic drug monitoring, 41(2), S. 168–173, https://journals.lww.com/drug-monitoring/Abstract/2019/04000/Phar macodynamic_Monitoring_of_Antiepileptic_Drug.8.aspx)2


Eigenschaften eines »idealen« Antiepileptikums:

• Hohe Wirksamkeit

• Keine Toleranzentwicklung

• Günstiges NW-Profil

• Keine Teratogenität

• Klar definierter Wirkmechanismus

• Geringe Proteinbindung

• Wenig Interaktionen

• Geringe Kosten

Es ist nicht möglich, unter den derzeit verfügbaren Antiepileptika ein Medikament als das Wirksamste zu identifizieren. Damit richtet sich die Auswahl eines Medikaments für die Behandlung im Wesentlichen nach dem Verträglichkeitsprofil, außerdem nach Alter, Geschlecht und Lebenssituation der Patient*innen. Es ist nicht möglich, hier eine umfassende Darstellung aller einzelnen Antiepileptika zu geben. Zu einer allerersten Orientierung wird auf die Tab. 1.1 verwiesen. Die Angaben dort beruhen auf Studiendaten, reflektieren aber auch die persönliche klinische Erfahrung des Verfassers dieses Kapitels.

Als Therapieprinzip wird man zunächst ein Medikament auswählen, das eine gute Wirksamkeit erwarten lässt, bei gleichzeitig günstigem Nebenwirkungsprofil und bei Frauen im gebärfähigen Alter fehlender Teratogenität. Auf das Auftreten von Nebenwirkungen, insbesondere von kognitiven und psychischen Nebenwirkungen, muss geachtet werden.

Zunächst stellt man Patient*innen auf ein Antiepileptikum ein. Dies nennt man Monotherapie. Man stellt – in der Regel schrittweise – auf eine Dosis ein, die gute Wirksamkeit und gleichzeitig gute Verträglichkeit verspricht. Wenn das Medikament nach Erreichen dieser Dosis noch nicht ausreichend hilft, aber gut vertragen wird, erhöht man die Dosis schrittweise. Welche Maximaldosis man wählt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, u. a. vom spezifischen Medikament, von der Kooperationsfähigkeit des Betroffenen und ggf. von der Serumkonzentration. Wenn das erste Medikament auch in der Maximaldosis nicht ausreichend wirkt, stellt man in der Regel auf ein zweites Medikament um, ebenfalls in Monotherapie. Wenn auch dieses Medikament nicht ausreichend hilft, muss man entscheiden, ob man auf ein drittes Medikament in Monotherapie umstellt oder ob man eine Kombination von zwei Antiepileptika wählt.

1.12 Therapiekontrolle

Ein wichtiges Mittel der Therapiekontrolle ist der Anfallskalender. Nur durch eine sorgfältige Dokumentation kann gewährleistet werden, dass man ggf. auch noch Jahre später die Wirksamkeit und Verträglichkeit eines bestimmten Medikaments in einem bestimmten Zeitraum nachvollziehen kann. Wenn jemand längere Zeit anfallsfrei ist und dann erneut einen epileptischen Anfall bekommt, muss man prüfen, ob das verordnete Medikament regelmäßig eingenommen wurde. Einnahmefehler (fehlende Adhärenz bzw. fehlende Compliance) sind häufige Ursachen von Rezidivanfällen. Die Bestimmung des postiktalen Serumspiegels (Medikamentenspiegels), also eine Blutentnahme zur Bestimmung der Medikamentenkonzentration im Serum (möglichst zeitnah nach einem epileptischen Anfall), ist oft hilfreich (Brandt et al. 2008; Brandt & May 2011). Zur Therapiekontrolle gehört auch die Prüfung der Verträglichkeit. Neben Spontanschilderungen der Patient*innen oder der Angehörigen sind direkte Fragen im Hinblick auf typische Nebenwirkungen eines bestimmten Medikaments hilfreich. Nebenwirkungsfragebögen sind erprobt, werden aber letztlich in der Praxis wenig eingesetzt. Natürlich ist bei Verdacht auf Nebenwirkungen eine ärztliche Untersuchung sinnvoll, die in Teilen auch durch geschulte Mitarbeiter wahrgenommen werden kann, z. B. bei der Prüfung des Blickrichtungsnystagmus. Insbesondere kognitive Nebenwirkungen sollten quantifiziert werden, z. B. mit dem neuropsychologischen Kurztest EpiTrack® (Lutz & Helmstaedter 2005). Idealerweise erfolgt hier eine Untersuchung vor der Eindosierung eines bestimmten Medikaments (Baseline) und dann eine Verlaufsuntersuchung unter der Zieldosis.

1.13 Notfallbehandlung

Ein einzelner epileptischer Anfall limitiert sich in der Regel von selbst, d. h. er hört auch ohne die Gabe einer Bedarfsmedikation auf. Die Verabreichung eines akut wirksamen Medikaments ist deshalb bei oder nach einem einzelnen epileptischen Anfall in der Regel nicht erforderlich. Eine Ausnahme stellt der – im Fall eines Grand-mal-Status lebensbedrohlich – Status epilepticus dar. Dieser ist durch eine mehr als fünf Minuten andauernde Anfallsaktivität oder mindestens zwei Anfälle definiert, zwischen denen das Bewusstsein oder der vorherige neurologische Status nicht wiedererlangt wird. In diesem Fall ist neben der Gabe eines Bedarfsmedikaments, in der Regel eines Benzodiazepins, der Notarzt zu rufen.

1.14 Weitere Behandlungsformen

Bei Vorliegen einer Autoimmun-Enzephalitis ist ggf. eine kausale Behandlung mittels immunmodulatorischer Medikamente möglich.

Epilepsiechirurgische Eingriffe werden in resektive Eingriffe (Entfernung des epileptogenen Fokus ggf. einer Hirnhälfte) und palliative Eingriffe unterteilt. Zu den Letzteren gehören die Vagusnervstimulation und die Kallosotomie (Trennung des die Hirnhälften verbindenden Balkens). Diese führen in der Regel nicht zur Anfallsfreiheit, können aber lindernd wirken. Durch eine Kallosotomie können mit einer hohen Wahrscheinlichkeit Sturzanfälle verhindert werden.

1.15 Zusammenfassung

Dieses Kapitel ging auf grundlegende Fragen zur Epilepsie ein. Selbstverständlich ist es nicht möglich, alle wesentlichen Fakten, mit denen ja schließlich sonst ganze Lehrbücher gefüllt werden, in einem einzelnen Kapitel zu behandeln. Deshalb wird auf weiterführende Literatur verwiesen, z. B. auf das Betheler Praxisbuch (2020).

Literatur

Beghi E, Carpio A, Forsgren L et al. (2010) Recommendation for a definition of acute symptomatic seizure, Epilepsia, 51(4), S. 671–675

Bien CG (Hrsg.) (2020) Allgemeine Epileptologie. Das Bethel-Praxisbuch. Stuttgart: Kohlhammer

Brandt C, Baumann P, Eckermann G et al. (2008) Therapeutic drug monitoring in epileptology and psychiatry, Nervenarzt, 79(2), S. 167–174

Brandt C, May TW (2011) Therapeutic drug monitoring of newer antiepileptic drugs, LaboratoriumsMedizin, 35(3), S. 161–169

Brandt C (2019) Pharmacodynamic monitoring of antiepileptic drug therapy, Therapeutic drug monitoring, 41(2), S. 168–173, DOI: 10.1097/FTD.0000000000000623

Fisher RS, Acevedo C, Arzimanoglou A et al. (2014) ILAE official report: a practical clinical definition of epilepsy, Epilepsia, 55(4), S. 475–482

Fisher RS, Cross JH, French JA et al. (2017) Operational classification of seizure types by the International League Against Epilepsy: Position Paper of the ILAE Commission for Classification and Terminology, Epilepsia, 58(4), S. 522–530

Kwan P, Arzimanoglou A, Berg AT et al. (2010) Definition of drug resistant epilepsy: consensus proposal by the ad hoc Task Force of the ILAE Commission on Therapeutic Strategies, Epilepsia, 51(6), S. 1069–1077

Lutz MT, Helmstaedter C (2005) EpiTrack: tracking cognitive side effects of medication on attention and executive functions in patients with epilepsy, Epilepsy & Behavior, 7(4), S. 708–714

Scheffer IE, Berkovic S, Capovilla G et al. (2017) ILAE classification of the epilepsies: Position paper of the ILAE Commission for Classification and Terminology, Epilepsia, 58(4), S. 512–521

1 In diesem Herausgeberband wird überwiegend der »Gender-Stern« genutzt, um alle Geschlechter anzusprechen. Wenn bei bestimmten Begriffen, die sich auf Personengruppen beziehen, nur die männliche Form gewählt wurde, so ist dies nicht geschlechtsspezifisch gemeint, sondern geschah ausschließlich aus Gründen der besseren Lesbarkeit.

2 Wolters Kluwer Health, Inc. und seine Gesellschaften übernehmen keine Verantwortung für die Richtigkeit der Übersetzung des veröffentlichten englischen Originals und haften nicht für eventuell auftretende Fehler.

2 Anfälle beobachten und Erste Hilfe bei Anfallsereignissen
Petra Ott-Ordelheide
2.1 Einleitung

Anfälle und deren Formen haben eine zentrale Bedeutung für die Klassifikation eines Epilepsiesyndroms und damit sind sie wegweisend bei der Behandlung einer Epilepsie. Anfallsbeobachtung und die Beschreibung der Anfälle sind ein wichtiger Teil der Diagnosefindung und Therapieentscheidung. Handelt es sich um eine Epilepsie oder um eine andere Erkrankung? Wie soll die Epilepsie klassifiziert werden? Diese und andere Fragestellungen lassen sich nur mit Hilfe der schriftlichen Schilderung der charakteristischen Symptome eines Anfalls beantworten.

Auch die Ermittlung der Verlaufskontrolle, wie beispielsweise die Einschätzung der Anfallsfrequenz, oder die Wirkung der aktuellen antiepileptischen Therapie sind auf die Angaben in der Anfallsdokumentation angewiesen.

Freizeit, Beruf und jeder Lebensbereich im Alltag werden durch eine Epilepsie beeinflusst. In vielen Aspekten können Patient*innen mit Epilepsie auf Unterstützung angewiesen sein: Pflegende benötigen Kenntnisse der Anfallsformen und Hilfsmittel, um eine epilepsiebezogene Einzelberatung ( Kap. 10) durchführen zu können.

Nur durch die intensive Wahrnehmung der Anfälle kann beurteilt werden, welche Risiken sich aus diesen ergeben können: Bewusstseinsverlust, Stürze sowie unangemessene Handlungen während des Anfalls sind für sozialmedizinische Gutachten oder die Feststellung einer Fahrerlaubnis von zentraler Wichtigkeit.

Die Untersuchung des Anfallsverlaufes und der Frequenz der unterschiedlichen epileptischen Ereignisse sind das A und O, um das Outcome und die Prognose der Erkrankung einzuschätzen. Ein bedeutender Aspekt der Pflege von Menschen mit Epilepsie ist die Begleitung der Anfälle. Für die Beurteilung und Einordnung der Anfälle sind Kenntnisse der Neuroanatomie eine wichtige Voraussetzung, um verstehen zu können, wie sich Anfälle entwickeln können. Die Sorge für die Sicherheit der Patient*innen mit Anfallsereignissen, das Vermeiden von Komplikationen durch Anfälle und die Begleitung vor, während und nach einem Anfall sind zentrale Aufgaben der Profession Pflege.

Dokumentation und Beobachtung von Anfällen im klinischen Setting, aber auch in Einrichtungen der Eingliederungshilfe (nach Bundesteilhabegesetz, BTHG), sollen dazu beitragen, eine einheitliche Sprache der Dokumentation von Anfällen zu entwickeln und damit die Behandlung der Epilepsien zu unterstützen. Entscheidungen über die Art und den Umfang von fachlichen Betreuungsleistungen sind von der Anfallsart und -frequenz abhängig. So benötigen Patient*innen mit nächtlichen Anfällen eine Betreuung in der Nacht in ihrem persönlichen Wohnumfeld.

Die Ausbildung einer gemeinsamen Systematik zur Erfassung der Anfallsereignisse ist wichtig, um die interprofessionelle Kommunikation zu erleichtern – unabhängig vom Stationskontext –, epileptische Begebenheiten einheitlich zu benennen und mit Patient*innen in einen Dialog eintreten zu können, der eine gemeinsame Deutung der Erfahrungen in Zusammenhang mit der Epilepsie ermöglicht.

Bei der Dokumentation der Anfälle ist immer wieder ein Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Anforderungen der Berufsgruppen bezüglich der Anfallsbeschreibungen zu finden. Für Pflegende stehen Stürze und Beeinträchtigungen der Alltagskompetenzen im Vordergrund, Mediziner*innen priorisieren häufig klassifikatorische Merkmale. Dabei hat sich bewährt, dass sich die Dokumentation am Erscheinungsbild des Anfalls orientieren sollte und außerdem die Pathophysiologie berücksichtigt wird.

Im Zeitalter von vielfältigen digitalen Diagnostik-Möglichkeiten (insbesondere die Video-EEG-Diagnostik) und der Verfügbarkeit der elektronischen Dokumentationssysteme nimmt die Bedeutung der Beschreibung von Anfällen in Erzählform deutlich ab, nichtsdestotrotz ist die Wahrnehmung der Anfälle durch unterschiedliche Berufsgruppen, Angehörige und natürlich Patient*innen selbst von großer Relevanz für den Behandlungsprozess. Außerdem wird eine gemeinsame Sprache benötigt, mit der die Anfälle in der Übersicht einer Patientendokumentationskurve verdeutlicht werden, so dass sich jede*r Mitarbeiter*in des interdisziplinären Teams über die Anfalls-Situation informieren und die für seine Berufsgruppe notwendigen klinischen Entscheidungen mit den Patient*innen treffen kann.

Dabei sollte der Anfall nicht nur als Einzelereignis betrachtet werden. Auch die umfassende Wahrnehmung der Situation, in der der Anfall auftritt, ist von hoher Relevanz. So kann ein Sturzanfall in der Nacht im Bett weniger beeinträchtigend sein, wie der gleiche Anfall am Tag in einer beruflichen Situation. Hier ist von allen Pflegefachpersonen eine immer wiederkehrende Reflexion der Einschätzung notwendig, damit das individuelle Belastungserleben im Alltag der Betroffenen gesehen werden kann.

In diesem Kapitel wird eine Auswahl der wichtigsten Anfallsformen unter Berücksichtigung der neuen Klassifikation dargestellt. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Beobachtung und Dokumentation von Anfällen. Es erfolgt eine Darstellung von Untersuchungsmöglichkeiten während der Anfallsereignisse und technische Hilfsmittel zur Anfallserkennung werden vorgestellt. Abschließend werden die Themen SUDEP (sudden unexpected death by epilepsy), Erste Hilfe sowie die Thematik Anfallsereignisse in der Palliativbetreuung und Intensivpflege thematisiert.

2.2 Anfallsformen

Fisher et al. veröffentlichten 2018a und b eine veränderte Klassifikation der Epilepsien. In der neuen Klassifikation der Anfallsformen wurde eine Baumstruktur etabliert, die die verschiedenen Varianten der epileptischen Ereignisse systematisiert.

In der neuen ILAE-Klassifikation werden weiterhin fokale von generalisierten Anfällen getrennt, Schwerpunkte sind eine anatomische Orientierung der Anfallssymptome und eine Fokussierung des Anfallsbeginns. Ziel der Klassifikation ist es, die Anzahl der Betroffenen mit der Diagnose »Epilepsie, nicht näher klassifizierbar« zu senken. Die Struktur ist als Stufenmodell zu verstehen, so dass eine medizinische Diagnose auch nur auf der Grundlage einer Anfallsbeschreibung und weiterer diagnostischer Schritte, ohne Kenntnis des Anfallsbeginns durch einen Arzt gestellt werden könnte. Folgende Stufen werden in diesem Modell benannt und sollten bei einer Klassifikation durch einen Arzt berücksichtigt werden:

1. Stufe Anfallsbeginn: fokal, generalisiert oder unbekannt

2. Stufe Motorik: motorische Symptome, nichtmotorische Symptome oder Absencen

3. Stufe Bewusstsein: ungestört, gestört oder unklar

Somit gewinnt die Qualität der Anfallsbeobachtung und Dokumentation durch die neue Klassifikation zusätzlich an Relevanz für den diagnostischen und therapeutischen Prozess.

Wie bereits im einführenden Kapitel 1 beschrieben, hat die Erkrankung Epilepsie sehr viele unterschiedliche Ausprägungen, die sich vor allen Dingen durch unterschiedlichen Anfallsformen unterscheiden.

2.2.1 Fokaler Beginn

Die Begrifflichkeit »fokal« wird verwendet, wenn der Anfall an einer Stelle im Gehirn beginnt. Viele unterschiedliche Zeichen weisen auf einen fokalen Anfall hin, beweisen kann dies aber erst die EEG-Aufzeichnung eines Anfalls (NICE 2020).

Fokaler Beginn – bewusst erlebt

Der Anfall mit der Bezeichnung »fokaler Beginn – bewusst erlebt« wurde zuvor häufig unter dem Begriff »Vorgefühl« oder »Aura« subsummiert, diese epileptischen Ereignisse laufen häufig immer wieder in derselben Art und Weise ab. Dabei empfinden die Betroffenen ein Gefühl, das nicht im Zusammenhang mit einer realen Reaktion steht. Fokale Anfälle, die bewusst erlebt werden, geben Hinweise auf den Ursprungsort der Epilepsie, dies ist insbesondere im Rahmen einer prächirurgischen Diagnostik relevant. Diese Form der Anfälle ist für viele Menschen mit Epilepsie ein Warnsignal. Sie können von manchen Patient*innen dazu genutzt werden, sich mit der Methode des Bio-Feedbacks so zu entspannen, dass das Auftreten eines Anfalls vermieden wird. Von der Länge der Aura ist abhängig, ob die Patient*innen Methoden der Anfallsunterbrechung erlernen können. Die Gefühle können von Außenstehenden schlecht nachvollzogen werden, werden oft verkannt und sind für manche Patient*innen extrem belastend, z. B. das Erleben von Angstgefühlen ohne erkennbaren Grund. Typisch für eine Temporallappen-Epilepsie ist eine epigastrische Aura: aufsteigendes (häufig Wärme-, Druck-, Kribbel-, Übelkeits-)Gefühl aus dem Bauch heraus, vgl. hierzu auch das Kapitel zur Begleitung von Menschen in der prächirurgischen Diagnostik von C. Schulte-Döinghaus ( Kap. 8). Fokale Anfälle gibt es in vielen unterschiedlichen Ausprägungen:

1. Visuell-optische Halluzinationen, z. B. das Sehen von Punkten oder Luftballons

2. Auditiv – die Wahrnehmung von Tönen

3. Olfaktorisch – die Wahrnehmung von Gerüchen, z. B. Brandgeruch

4. Gustatorisch – die Wahrnehmung eines veränderten Geschmackes

5. Vertiginös – die Wahrnehmung eines Schwindelgefühles

Fokaler Beginn – nicht bewusst erlebt

Das Bewusstsein kann auch bei fokalen Anfällen zu Beginn aussetzen, so dass Menschen mit Epilepsie keine Erinnerung an den Anfall haben.

Patient*innen, die fokale Anfälle nicht bewusst erleben, haben häufig eine hohe Dunkelziffer von Anfallsereignissen, da diese nicht so prägnant sind, dass das Umfeld sie in jedem Fall wahrnimmt.

2.2.2 Fokal-motorischer Beginn

Anfälle, die von einer Stelle im Gehirn ausgehen und mit motorischen Phänomenen beginnen, werden als fokal-motorische Anfälle bezeichnet. Diese Anfallsform ist, insbesondere wenn im Verlauf ein Bewusstseinsverlust auftritt, sehr belastend für betroffene Patient*innen im Alltag.

Fokal-motorischer Beginn – Automatismus

Automatismen treten häufig im oralen Bereich als Kau- oder Schluckbewegungen auf. Diese Form eines Anfallsereignisses kann sich an allen Extremitäten zeigen, besonders häufig sind distale Automatismen der Hände: Geldscheinzählbewegung, Reiben der Hände etc. Diese Anfälle treten häufig im Zusammenhang mit Temporallappen-Epilepsien ( Kap. 8) auf.

Fokal-motorischer Beginn – atonisch

Anfälle mit atonischer motorischer Symptomatik zeichnen sich dadurch aus, dass der Körpertonus unmittelbar aussetzt (NICE 2020) und Stürze in vielen Fällen nicht vermeidbar sind.

Prävention von Sturzfolgen ist für Patient*innen mit hoher Anfallsfrequenz ein wichtiges Beratungsthema.

Fokal-motorischer Beginn – klonisch

Länger anhaltende rhytmische Zuckungen von einzelnen Muskelpartien oder -gruppen werden als klonische Anfälle bezeichnet (»Kloni« von griechisch klonos = heftige Bewegung). Häufig zeigen sich diese klonischen Anfälle an den Extremitäten: Das kann ein Zucken des kleinen Fingers sein, der sich beim Spielen mit dem Handy als störend auswirkt, aber es kann auch zu einem Sturz führen, wenn ein Bein klonische Anfallsaktivität zeigt. Diese Anfallsformen treten relativ häufig bei einer benignen (gutartigen) Epilepsie im Kindesalter auf (Dröge 2014).

Fokal-motorischer Beginn – epileptische Spasmen

Bei diesem Anfallstyp, der vor allen Dingen im Säuglingsalter vorkommt, erhöht sich der Tonus der Rumpfmuskulatur. Dies äußert sich in einer Beugebewegung des Oberkörpers, auch diese Anfallsform kommt häufig in Serien vor (NICE 2020).

Fokal-motorischer Beginn – hyperkinetisch

Bis vor wenigen Jahren wurde diese Anfallsform als hypermotorisch bezeichnet und gibt damit einen direkten Hinweis auf die in vielen Fällen heftigen Bewegungen, die mit diesem Anfallstyp verbunden sind. Dieser tritt oft aus dem Schlaf heraus auf und Menschen mit dieser Epilepsie erleben heftige, nicht rhythmische, wälzende Bewegungen, bei denen Stürze und Verletzungen häufig sind.

Der Schutz vor Sturzfolgen ist bei dieser Gruppe besonders wichtig.

In der Pflegeanamnese sollte immer intensiv befragt werden, wie die Anfälle ablaufen. Pflegende sollten prüfen, ob Glas oder andere zerbrechliche Gegenstände im Zimmer verbleiben können, welche Ecken und Kanten von Möbeln ein Verletzungsrisiko bergen und wie ein Sturz aus dem Bett vermieden werden kann (Meier 2011).

Fokal-motorischer Beginn – myoklonisch

Merkmal ist hier ein plötzlicher, kurzer (< 100 ms) und fast schockartiger unwillkürlicher einzelner oder mehrfacher Ruck aufgrund abnormaler übermäßiger oder synchroner Aktivität im Gehirn. Bei einer sitzenden Position besteht die Gefahr, im Gesicht Verletzungen zu erleiden, z. B. durch Geschirr auf einem Esstisch. Stürze sind bei dieser Anfallsform häufig (NICE 2020).

Fokal-motorischer Beginn – tonisch

Diese Anfallsform ist durch eine abrupte Muskelversteifung einer oder mehrerer Muskelgruppen gekennzeichnet. Häufig dauern diese Anfälle nur wenige Sekunden bis zu einer Minute. Die postiktale Phase ist sehr kurz und in vielen Fällen wird keine oder nur eine kurze Zeitspanne zur Erholung benötigt. Das Bewusstsein ist bei tonischen Anfällen in vielen Fällen verändert, so dass die Patient*innen das Auftreten des Anfalls nicht bemerken (NICE 2020).

Präiktal: Phase vor dem Anfall

Interiktal: Zeitraum während des Anfalls

Postiktal: Zeitspanne nach dem Anfall

2.2.3 Fokal-nicht motorischer Beginn

Anfälle, die nicht mit einer motorischen Reaktion beginnen, sind unter der Rubrik »fokal-nicht motorischer Beginn« zusammengefasst. Die Phänomene, die Ausdruck des vegetativen Nervensystems sind, z. B. Sprachstörungen, kognitive Beeinträchtigungen oder emotionale Reaktionen, werden von Betroffenen und ihren Angehörigen sehr unterschiedlich im Alltag bewältigt. Vorgefühle, die sich in Angstgefühlen äußern, sind auch über den Anfall hinaus äußerst belastend.

Fokal-nicht motorischer Beginn – autonom

Bei diesem Anfallstyp ist das autonome, vegetative Nervensystem beteiligt. Häufige Reaktionen sind Erröten, Blässe, Piloreaktion der Haut (z. B. Gänsehaut, Aufstellen der Körperbehaarung) und Reaktionen des Herzschlages (Herzrasen oder Herz-Rhythmus-Störungen) (Schulze- Bonhage et al. 2019).

Fokal-nicht motorischer Beginn – innehalten

Der Beginn dieses Anfalls ist mit einer Pause der durchgeführten Aktion gekennzeichnet. Falls die Patient*innen gesprochen haben, entsteht eine Sprechpause, in der sie ins Leere schauen.

Fokal-nicht motorischer Beginn – kognitiv

Unter diesem Begriff werden unterschiedliche Phänomene der Kognition zusammengefasst, z. B. Aphasie (Sprachstörung), Apraxie (Verlust der Handlungsfähigkeit), Neglekt (Verlust der Körperwahrnehmung), Phänomene wie Déjà-vu (Situation schon mal gesehen), Jamais-vu (Situation noch nie wahrgenommen), Illusionen oder Halluzinationen.

Fokal-nicht motorischer Beginn – emotional-affektiv

Diese Anfallsform geht mit emotionalen Phänomenen einher. Häufig sind beispielsweise Angstauren. Diese werden von vielen Betroffenen als sehr belastend erlebt.

Fokal-nicht motorischer Beginn – sensibel-sensorisch

Bei diesem epileptischen Ereignis erleben die Betroffenen sensible Empfindungen in einer oder mehreren Körperregionen. Typisch ist das Gefühl des Kribbelns, das Patient*innen in den Beinen oder Armen wahrnehmen können.

2.2.4 Generalisierter Beginn

Anfallsereignisse, bei denen von Beginn an das ganze Gehirn in die epileptische Aktivität einbezogen ist, werden als generalisierte Anfälle bezeichnet. Diese Anfälle gehen immer mit einem unmittelbaren Bewusstseinsverlust einher. Während bei Absencen keine motorischen Phänomene auftreten, sind bei klassisch tonisch-klonischen Anfällen Stürze und Verletzungen häufig (Hagemann 2017).

Generalisierter Beginn

Generalisierte Anfälle entstehen dadurch, dass das ganze Gehirn von epileptischer Aktivität gleichzeitig beeinträchtigt ist. Bezogen auf generalisierte Anfälle gibt es folgende Untergruppen: tonisch-klonische, tonische, klonische, myoklonische, myoklonisch-klonisch-tonische, atonische und epileptische Spasmen. Bei den tonischen, klonischen und atonischen Anfallsereignissen soll auf die vorhergehenden Schilderungen verwiesen werden (Hagemann 2017).

Generalisierter Beginn – tonisch-klonische Anfälle

Zu Beginn zeigt sich eine Erhöhung des Muskeltonus am ganzen Körper, gefolgt von rhythmischen Muskelzuckungen. Zungenbiss und Einnässen können diese Anfallsform begleiten.

Der generalisiert tonische-klonische Anfall gilt als die schwerste Form eines Anfalls. Falls diese Anfallsform zum ersten Mal auftritt, nicht nach fünf Minuten sistiert oder weitere Komplikationen auftreten, sollte unmittelbar der Notarzt verständigt werden.

Generalisierter Beginn – myoklonische Anfälle

Diese epileptischen Ereignisse zeichnen sich durch kurze, plötzliche und ruckartige Bewegungen aus, dabei liegt die Dauer unter 100 ms. Die Myoklonien können sowohl als einzelne Anfallsereignisse wie auch wiederholt auftreten, auch Serien dieser Anfälle sind nicht selten. Diese Anfallsereignisse entstehen durch pathologische Aktivität des Gehirnes, die sich häufig in Polyspikes im EEG zeigt (NICE 2020).

Generalisierter Beginn – nicht motorische Absence

Diese Anfallsform ist im Alltag kaum auffällig. Die Patient*innen verharren nur wenige Sekunden im Gespräch oder in ihrer Handlung. Weitergehende Unterstützung durch Pflegende ist in dieser Situation nicht notwendig. Die Diagnostik dieser Anfallsform ist für die Patient*innen von großer Bedeutung, da Absencen häufig im Grundschulalter auftreten und dazu führen, dass die Kinder dem betroffenen Schulstoff nicht folgen können und Leistungsprobleme in der Schule haben (Vrielynck 2013).

2.2.5 Unbekannter Beginn

Oftmals werden Anfälle erst in ihrem Verlauf wahrgenommen, so dass der Beginn des Anfalls unbekannt ist, deshalb wurde diese Konstellation in die Klassifikation mitaufgenommen und sollte für alle Ereignisse mit Unbekannten genutzt werden.

2.2.6 Anfallstestung

Die Testung von Anfällen stellt für Pflegefachpersonen eine wichtige Aufgabe bei der Betreuung von Menschen mit Epilepsie dar. Nur in dem Moment des Anfalls kann evaluiert werden, ob das Bewusstsein eingeschränkt ist, ob Sprache, Kognition oder Reaktionen des Betroffenen verändert sind. Wahrnehmung kann eher fokussiert werden, wenn Beobachtungskriterien im Falle eines Anfalls bekannt sind. Die Anfallsbeobachtung kann trainiert werden.

Fragen während eines Anfalls

Um ein Anfallsgeschehen korrekt zu beurteilen, ist es wichtig, dass Pflegende versuchen, mit den Patient*innen zu kommunizieren, denn viele Symptome eines Anfalls laufen still ab. Die Beeinträchtigung des Bewusstseins ist nur zu ermitteln, wenn dieses während eines Anfallsereignisses erfragt wird. Die Fragen sollten der Situation der Patient*innen angepasst werden: Kinder benötigen eine andere Form der Fragen, diese sollte ihrem Entwicklungsalter angemessen sein. Auch die Anfallsform und die kognitive Situation sollten berücksichtigt werden. Patient*innen mit schweren Gedächtnisstörungen haben nicht nur während eines epileptischen Ereignisses Probleme sich zu erinnern, so dass die Erinnerungsfrage bei dieser Patient*innengruppe nicht immer eindeutig ausgewertet werden kann.

Als Erstes sollte die Person direkt angesprochen und eventuell am Arm berührt werden. Falls keine Reaktion erfolgt, sollte eine weitere Befragung stattfinden. Folgende Fragen sind hilfreich, um unterschiedliche kognitive Funktionen während eines Anfalls zu ermitteln:

1. Merken Sie sich das Wort, z. B. »Sonnenblume« (mehrsilbiges Wort zur Erinnerung anbieten). Hiermit kann die Gedächtnisleistung im Anfall getestet werden.

2. Heben Sie Ihren rechten/linken Arm! (Um herauszufinden, ob die Motorik während des Anfalls verändert ist.)

3. Sagen Sie Ihren Vornamen! (Um die Orientierung zur eigenen Person zu testen.)

4. Nach dem Anfall sollten Sie fragen, ob das Wort, das Sie angeboten haben, erinnert wird.

Bei Patient*innen, die sich in einer diagnostischen Phase befinden, ist es wichtig, ein differenziertes Bild über die Anfälle zu gewinnen. In Absprache mit dem behandelnden Neurologen kann es wichtig sein, während der Anfälle eine Testung durchzuführen. Dabei ist es sinnvoll, für Patient*innen mit Epilepsie standardisiertes Testmaterial vorzuhalten. Die Abfolge der Fragen und Aufgaben sollte mit neuen Mitarbeiter*innen in der Einarbeitungsphase geübt werden, da das Anfallsgeschehen oft überraschend im Alltag auftritt und der Moment der Wahrnehmung der Symptome in Aktivitäten mit den Patient*innen eingebettet ist ( Abb. 2.1).

Abb. 2.1: Material zum Testen eines Anfalles (modifiziert nach einer Weiterentwicklung eines Testhefts der Univ.-Klinik für Epileptologie Bonn, das auf der Publikation Lux S et al. (2002), Brain 125(12), S. 2691–2698 beruht)

2.2.7 Dokumentation

Die Dokumentation der Anfalls-Situationen ist eine zentrale Aufgabe von Pflegenden. Hier ist es wichtig, Vereinbarungen im interdisziplinären Team zu treffen, damit aus der Dokumentation heraus die relevanten klinischen Entscheidungen für alle Berufsgruppen abgeleitet werden können.

Anfälle durch Symbole dokumentieren

In vielen klinischen Behandlungssettings wird zur Dokumentation eines Anfalls in der Patientendokumentationskurve oft ein Blitzzeichen verwendet und eine genauere Beschreibung in der Verlaufsdokumentation durchgeführt. Dies ist für die Stationen, bei denen die Behandlung einer Epilepsie nicht im Vordergrund steht, völlig ausreichend. Behandlungsteams, die häufiger Patient*innen mit Anfallsereignissen begleiten, sollten eine Methodik entwickeln, mit der die Anfälle systematisch beschrieben werden können.

Hier eignen sich insbesondere die Anfangsbuchstaben der motorischen und nicht motorischen Symptome, die bei Anfällen beobachtet werden können. Diese lassen sich auch ohne Probleme in elektronischen Dokumentationsformen abbilden. Die Klassifikation der Epilepsie stützt sich auf diese Beobachtungen und ist ein weiterer Schritt, der durch einen Neurologen erfolgen sollte.

Auch Patient*innen, bei denen sich unterschiedliche Anfallsformen zeigen, sollten darin angeleitet werden, dass sie oder ihre Angehörigen für unterschiedliche Anfälle unterschiedliche Symbole in ihrem persönlichen Anfallskalender nutzen.

Dokumente zur Anfallsbeobachtung

Damit eine strukturierte Beurteilung von Anfallsereignissen durchgeführt werden kann, ist es sinnvoll, in der Dokumentation Parameter vorzugeben, die bei jeder Episode beurteilt werden sollten. Bei einer Patient*innendokumentationsform mit Papier ist dies in einem separaten Dokument sinnvoll, bei einer elektronischen Form sind Textbausteine eine gute Unterstützung. Das Set sollte auf jeden Fall eine Beurteilung des Bewusstseins und der Motorik beinhalten sowie eine Einschätzung, ob der Anfall fokal oder generalisiert ist.

Beobachten von Anfällen durch Patient*innen selbst und Angehörige

Die Selbstbeobachtung von Patient*innen ist ein wichtiger Baustein, um die Effektivität einer Behandlung zu erfassen. Deshalb sollten alle Patient*innen mit einer aktiven Epilepsie dazu angeleitet werden, einen Anfallskalender zu führen. Durch Selbstbeobachtung werden ca. 30 % der Anfälle erfasst. Trotzdem geben Anfallskalender wichtige Hinweise für die Behandlung einer Epilepsie (Detyniecki 2014).

Elektronische Dokumentationsformen

Inzwischen gibt es Apps, die das Krankheitsmanagement von Patient*innen unterstützen. Hier können sowohl Arzttermine und Medikamentenspiegel als auch Anfälle eingetragen werden. Bisher gibt es wenige Studien (Le Marne et al. 2018) die Aussagen zum Krankheitsmanagement mit Epilepsie-Apps belegen. Studien zum Krankheitsmanagement allgemein sehen jedoch in der Zeitersparnis einen Vorteil. Smartphone-Apps sind immer verfügbar und die Möglichkeit, die Aufzeichnungen mit anderen (auch Pflegenden und Mediziner*innen) zu teilen, gilt als der wichtigste Vorteil (Rutz et al. 2016). Die Nutzung der Apps ist von vielfältigen Faktoren abhängig: Erwartung an die App und deren Nutzen für das Krankheitsmanagement, Geschlecht, Alter, Bildung, Dauer der Erkrankung, sozialer Einfluss, Gesundheitskompetenz, Selbstwirksamkeit im Umgang mit der Erkrankung und dem Smartphone sowie die Motivation, Apps zu nutzen (Menzel et al. 2019).

Elektronische Detektion von Anfällen

Die Erfassung von Anfällen ist inzwischen digital möglich. Sensormatten bzw. Sensortechnik wird unter die Matratze gelegt und registriert klonische Anfälle. Diese Anfallserkennung ist insbesondere zur Erkennung von Grand-mal-Anfällen im Schlaf eine wichtige Hilfestellung ( Kap. 9).

Alle Systeme können jedoch zu Fehlalarmen führen, die insbesondere nachts erheblich den Schlaf stören. Manche Systeme müssen bezogen auf das Körpergewicht und die Matratzenstärke individuell eingestellt werden, fehlende individuelle Einstellungen können zu trügerischer Sicherheit bei allen Beteiligten führen. Einige Systeme alarmieren nur, wenn ein Anfall länger als 30 Sekunden dauert. Andere alarmieren bei tonisch-klonischen Ereignissen. Es sollte individuell beurteilt werden, wie die Prophylaxe eines SUDEPs (sudden unexpected death by epilepsy) durchgeführt werden sollte (Ramgopal et al. 2014).

2.2.8 Verhalten beim Anfall

Die Beobachtung des Anfalls und die Erste Hilfe bei einem Anfall können miteinander konkurrieren. Sofern es möglich ist, sollten sich Pflegende, die zum ersten Mal einen Anfall begleiten, Unterstützung holen. In diesem Fall können die Erste Hilfe und die Beobachtung des Anfalls auf zwei Personen aufgeteilt werden.

Verhalten bei Anfällen, Erste Hilfe beim Anfall

Folgende Grundsätze gelten für die Begleitung von Anfällen:

1. Umsichtig Handeln

2. Verletzungen vermeiden: gefährliche Gegenstände aus der Reichweite der betroffenen Patient*innen entfernen

3. Stabile Seitenlage, enge Kleidung lockern, wenn die Patient*innen das Bewusstsein verloren haben

4. Menschen mit Anfallsereignissen nicht alleine lassen

5. Wenn der Anfall nach fünf Minuten nicht aufhört oder zum ersten Mal auftritt oder innerhalb einer Stunde zwei Anfallsereignisse auftreten, unmittelbar den Notarzt rufen

Keinesfalls sollte versucht werden, Gegenstände zwischen den Kiefer zu schieben, um einen Zungenbiss zu verhindern. Die Gefahr, dass Patient*innen ersticken können oder sich verletzen, steigt durch die in den Mund eingebrachten Gegenstände. Menschen mit Anfallsereignissen sollten auf keinen Fall festgehalten werden, da die Gefahr für aggressive Entgleisungen steigt (Deutsche Epilepsievereinigung 2013).

Stürze/Verletzungen dokumentieren

Verletzungen sollten ärztlich und pflegerisch beurteilt werden, bei Platzwunden sollte eine chirurgische Versorgung erfolgen. Wichtiger Bestandteil der Dokumentation ist die Auswertung von Verletzungen und Stürzen. Daraus kann sich ergeben, dass sich das Sturzrisiko erhöht. Im Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege (Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege 2013) wird u. a. gefordert, dass eine Erfassung des Sturzrisikos vorliegt und jeder Sturz systematisch dokumentiert und ausgewertet wird. Dies sollte auch auf epileptische Anfälle mit Sturzereignis übertragen werden.

1. Wurde dem Betroffenen »schwarz« vor Augen, bevor das Sturzereignis auftrat?

2. Handelte es sich bei dem Sturz um ein Herabsinken des Körperstammes oder stürzte der*die Patient*in wie ein Baum?

3. War das Bewusstsein während des Anfalls erhalten oder verändert?

4. Die Dokumentation und Differenzierung von epilepsie- und entwicklungsbedingten Stürzen im Kindesalter erfordern Training und Reflexion. Stürze beeinträchtigen den Alltag der Patient*innen erheblich.

2.2.9 Wenn ein Anfall zum Notfall wird

Status epilepticus ist die schwerste Anfallsform einer Epilepsie insbesondere bei generalisierten Anfällen. Bei dieser dauert das Anfallsgeschehen an oder hat nur wenige kurze Pausen. Bei der Entstehung eines Status werden drei Phasen unterschieden:

1. Initialphase (die ersten zehn Minuten)

2. Etablierter sekundär generalisierter tonisch-klonischer Anfall, im Zeitraum von mehr als 10 Minuten bis 60 Minuten

3. Refraktärer sekundär generalisierter tonisch-klonischer Anfall ab 60 Minuten

In der ersten Phase ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Anfall sistiert, am höchsten. Deshalb ist es wichtig, dass Patienten mit Epilepsie für diesen Fall Bedarfsmedikationen erhalten. Im Krankenhaus können diese intravenös verabreicht werden. Von Laien oder wenn kein intravenöser Zugang vorhanden ist, kann Bedarfsmedikation auch in die Wangentasche verabreicht werden.

In der zweiten Phase ist eine klinische Behandlung notwendig, in der nacheinander unterschiedliche intravenöse Antiepileptika verabreicht werden, und falls nicht wirksam, wird spätestens in der refraktären Phase die Option einer Narkose-Behandlung erwogen.

Begleitend sollten abhängig vom klinischen Verlauf Blutentnahmen, Infusionstherapien und eine intensive Überwachung der neurologischen und vitalen Parameter erfolgen (AMWF 2012).

SUDEP (sudden unexpected death in epilepsy)

Bei allen chronischen Erkrankungen ist das Risiko zu sterben ganz leicht gegenüber der Normalbevölkerung erhöht. Auch bei einer Epilepsie können lebensbedrohliche Situationen entstehen. Hier sind zwei Situationen zu nennen, bei denen das Mortalitätsrisiko erhöht ist: der Status epilepticus und die Situation nach einem Anfall mit bilateral-tonisch-klonischer Phase (SUDEP: sudden unexpected death in epilepsy). Bei einem Status epilepticus kann es durch die andauernde Anfallsaktivität zu weiteren Komplikationen im kardio-respiratorischen Bereich kommen, die lebensbedrohlich sein können und in jedem Fall einer intensiven Überwachung und Therapie bedürfen. Nach einem Anfall mit bilateral-tonisch-klonischer Phase kann es bereits während des Anfalls zu kardialen Beeinträchtigungen kommen, die wiederum durch Hypoxie oder weitere Faktoren, wie z. B. Herzrhythmusstörungen, verstärkt werden. Dies führt zu einer Zunahme von respiratorischen Defiziten, sodass ein Herz-Kreislauf-Stillstand entstehen kann (SUDEP). Dieses Phänomen ist sehr selten und wird bei May und Israel (2019) mit einer Häufigkeit von 1,2/1000 Personenjahre beziffert. Da auch jüngere Menschen betroffen sein können, ist es relevant, in Abstimmung mit dem interprofessionellen Team über präventive Maßnahmen bezüglich SUDEP aufzuklären:

1. Anfallskontrolle: Verbesserung der Anfallssituation durch optimierte medikamentöse Therapie und Verbesserung der Adhärenz der Medikamenteneinnahme vermindert das Risiko, einen SUDEP zu erleiden.

2. Anfallsüberwachung: Sensor-Überwachung der schlafgebundenen Anfälle oder das gemeinsame Übernachten mit einer weiteren Person in einem gemeinsamen Zimmer führen zu einer verbesserten Kontrolle der postiktalen Situation ( Kap. 2.2.7).

3. Ermittlung von weiteren Risikofaktoren, wie z. B. kardiale Probleme, medikamentöse Polytherapie oder therapieschwierige Epilepsie, um individuell angepasste Maßnahmen zu planen (May & Israel 2019).

Auch die Schulung von Reanimationsmaßnahmen von Professionellen und Angehörigen trägt zur Vorbeugung bei.

2.2.10 Anfälle in der Situation der Palliativpflege

Das Risiko für epileptische Anfälle ist für Menschen am Lebensende erhöht. Risikofaktoren sind alle Erkrankungen, bei denen eine Beteiligung des zentralen Nervensystems gegeben ist. Auch Entgleisungen von Stoffwechselerkrankungen führen in dieser Phase zu epileptischen Ereignissen. Die Wünsche der Patient*innen an die letzte Lebensphase sollten höchste Priorität haben und die Therapie der Epilepsie und der Anfälle sollten daran angepasst werden.

Im Vordergrund sollte die Prävention von Anfällen stehen, und eine rechtzeitige medikamentöse Therapie sollte eingeleitet werden. Alle Patient*innen mit einem Risiko für Anfallsereignisse sollten eine ausreichende Bedarfsmedikationfür das Auftreten dieser haben, so dass epileptische Anfälle schnell unterbrochen werden können.

In der palliativen Betreuung werden häufig Bedarfsmedikationen verordnet, um die Angst und Unruhe der Patient*innen zu lindern. Diese wirken in der richtigen Dosis zum Teil auch anfallsunterbrechend, so dass Angehörige über diesen Wirkungsmechanismus aufgeklärt werden sollten.

2.2.11 Anfälle auf der Intensivstation

Auf Intensivstationen sind epileptische Ereignisse häufig. Folgende Ursachen sind oft gegeben:

1. Neurochirurgische Operationen

2. Stoffwechselerkrankungen

3. Zerebrale Durchblutungsstörungen

4. Schädel-Hirn-Verletzungen

5. Akute entzündliche Erkrankungen des Gehirns

6. Alkoholüberdosierung, -entzug

7. Vorbekannte Epilepsie

8. Status epilepticus ( Kap. 2.2.9)

Für die Intensivbehandlung ist es wichtig zu berücksichtigen, dass bei Anfallsereignissen auf der Intensivstation neben der Sedierung eine Aufdosierung von Antiepileptika erfolgen sollte, wenn weitere Anfallsereignisse wahrscheinlich sind. Anderenfalls besteht bei Reduktion der Narkosemedikamente ein hohes Risiko von Anfallsrezidiven. Ein interdisziplinäres und multiprofessionelles Vorgehen unter der Beteiligung von neurologischem Fachpersonal ist in diesem Fall sehr empfehlenswert (Stolecki 2015).

2.3 Lessons learned

• Für die Anfallsbeobachtung und -dokumentation ist entscheidend und handlungsleitend, welche Indikation vorliegt.

• Je präziser die Fragestellung aus dem interdisziplinären Team für Behandlung, Diagnostik und Pflege vorliegt, umso zielgerichteter und effektiver kann beobachtet werden.

• Eine gemeinsame Sprache der unterschiedlichen Professionen zur Anfallsdokumentation ist notwendig, damit eine systematische, einheitliche und professionelle Darstellung der Anfälle ermöglicht wird und der gesamte Pflege- und Behandlungsprozess für alle Beteiligten, insbesondere für die Patient*innen, nachvollziehbar wird.

• Welche Information durch das interdisziplinäre Team für Diagnostik, Behandlung und Pflege benötigt wird, ist handlungsleitend für die Dokumentation der Anfälle.

• Eine Anfallsdokumentation ist digital und papiergestützt möglich.

• Apps für das Krankheitsmanagement bei Epilepsie wurden bereits entwickelt und unterstützen Betroffene sinnvoll im Alltag.

• Pflegende sollten eine Wissensbasis über die unterschiedlichen Anfallsformen, die es gibt, erwerben.

• Bei der Begleitung der Anfälle ist die Sicherheit das oberste Paradigma.

• Wenn möglich, sollte bei einem Anfallsereignis getestet werden, ob der Bewusstseinszustand oder die kognitiven Fähigkeiten verändert sind.

• Stürze und Sturzfolgen sind insbesondere bei tonischen und klonischen Anfällen ein häufiges Phänomen, Sturzprävention sollte von Beginn der Behandlung an aktiv durchgeführt werden.

• Langdauernde Anfälle sollten konsequent medikamentös behandelt werden und die Patient*innen sollten in dieser Phase dauerhaft in ihren Vitalfunktionen überwacht werden.

• Das Risiko für SUDEP (sudden unexpected death in epilepsy) sollte bei allen neuen Patient*innen ermittelt werden und darauf abgestimmte Interventionen sollten erfolgen.

• Auf der Intensivstation steht die Sicherung der Vitalfunktionen im Vordergrund, trotzdem sollte die Behandlung der Epilepsie in das allgemeine Behandlungskonzept integriert werden.

• Patient*innen am Lebensende sollten ausreichend Dosen eines Bedarfsmedikamentes zur Verfügung haben, um auftretende Anfälle kontrollieren und unterbrechen zu können.

Literatur

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3 Pflege in der Kinderepileptologie
Margarete Lauber
3.1 Einleitung

Nach mentalen Retardierungen und der Zerebralparese gelten Epilepsien als eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im Kindesalter (Panzer et al. 2015, S. 33). Bis zum Alter von 20 Jahren tritt etwa bei 5 % der Bevölkerung ein epileptischer Anfall auf, eine chronische Epilepsie wird bei etwa 1 % der betroffenen Kinder und Jugendlichen diagnostiziert. Etwa zwei Drittel der epilepsiekranken Kinder und Jugendlichen können gut behandelt werden und erlangen langfristig Anfallsfreiheit, ein Drittel jedoch leidet an einer therapierefraktären Epilepsie. Einflussfaktoren einer erfolgreichen Behandlung sind das Alter bei Beginn der Epilepsie, die konkrete Epilepsieform bzw. das Epilepsiesyndrom, genetische Faktoren und andere Grund- und/oder Begleiterkrankungen wie z. B. Hirnfehlbildungen, Zerebralparesen oder mentale Retardierung (Panzer et al. 2015, S. 39).

Wie bei Erwachsenen gibt es genetische und strukturelle Epilepsien sowie Epilepsien unklarer Ursache (idiopathisch). Auch die einzelnen Anfallsformen kommen sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern vor.

In diesem Kapitel finden sich eine Auswahl an besonderen Epilepsieformen und Epilepsiesyndromen im Kindes- und Jugendalter. Besonderheiten bei der Anfallsbeobachtung und im Umgang mit Anfällen, Notfallsituationen und dem Thema »plötzlicher Tod bei Epilepsie« werden ebenfalls aufgeführt.

Zudem wird auf die Auswirkungen von Epilepsie auf die Entwicklung und die Psyche der betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie auf die Auswirkungen auf das Alltags- und Familienleben eingegangen. Die damit zusammenhängende Notwendigkeit an Schulung, Beratung und Anleitung für betroffene Familien und der Professionalisierung von Pflegenden wird ebenfalls thematisiert. Ein Fallbeispiel aus der Kinderepileptologie rundet das Kapitel ab und mündet in einer Zusammenfassung der wichtigsten Punkte, die Pflegende im Umgang mit epilepsiekranken Kindern und Jugendlichen beachten sollten.

3.2 Besondere Epilepsieformen und Epilepsie- syndrome im Kindes- und Jugendalter
3.2.1 Neugeborenenanfälle

Aufgrund der Unreife des Gehirns zeigen sich Anfälle im Neugeborenenalter oft bruchstückhaft, unorganisiert und multifokal. Sie sind schwer zu erkennen und zu beschreiben. Die einzelnen Anfälle sind zwar in ihrer Grundstruktur ähnlich, unterscheiden sich jedoch in der Ausprägung, der Seitenbetonung und im Verlauf. Neugeborene können auch subtile Zeichen wie Blickbewegungen, Lidflattern und Grimassieren sowie autonome und vegetative Anfallszeichen wie Sauerstoffsättigungsabfälle, Tachy- und Bradycardien, Apnoen und Schluckauf (Singultus) zeigen. Neugeborenenanfälle können benigne sein und einen günstigen Verlauf haben (benigne neonatale oder familiäre Anfälle) oder eine ungünstige Prognose haben wie bei symptomatischen Neugeborenenanfällen und neonatalen Encephalopathien. Leider ist ein Großteil der Neugeborenenanfälle symptomatisch. Die häufigsten Ursachen sind die Hypoxie unter der Geburt, Hirnblutungen und Infektionen.

Bei Kindern, die zusätzlich andere Bewegungsstörungen und Spastiken haben, ist die Anfallsbeobachtung erschwert, da die Auffälligkeiten nicht immer eindeutig von den epileptischen Anfällen zu unterscheiden sind. Hier sind eine genaue Anfallsbeobachtung und -beschreibung notwendig sowie der Austausch im multidisziplinären Team und eine kompetente Video- und EEG-Diagnostik, um Anfälle zu klassifizieren und von anderen Bewegungsstörungen und -mustern zu unterscheiden.

Bei Neugeborenen auch auf vegetative und unterschwellige Anfallszeichen achten!

3.2.2 Fieberkrämpfe

Ein Fieberkrampf ist ein bei Fieber auftretender epileptischer Anfall im Kindesalter jenseits des 1. Lebensmonats in Verbindung mit einer fieberhaften Erkrankung, die nicht durch eine Infektion des zentralen Nervensystems ausgelöst wurde und dem kein afebriler Anfall vorangegangen ist. Auch nach Impfungen können Fieberkrämpfe auftreten.

2 bis 5 % der Kinder entwickeln im Verlauf eine chronische Epilepsie. Die meisten Fieberkrämpfe sind tonisch-klonisch, verlaufen glimpflich und sistieren von selbst unter 15 Minuten. Seltener können Fieberkrämpfe auch fokal sein und einen komplizierten Verlauf haben. Oft besteht eine genetische Veranlagung.

Nach Auftreten des ersten Fieberkrampfes ist eine Beratung der Eltern notwendig sowie die Anleitung zur Gabe von Diazepam rektal oder Midazolam buccal zur Anfallsunterbrechung. Ebenfalls ist bei einem fieberhaften Infekt die rechtzeitige Gabe von Antipyretika zur Verbesserung des Allgemeinzustandes empfohlen, auch wenn der Effekt der Verhinderung eines Anfalls damit bisher nicht wissenschaftlich bewiesen werden konnte (Neubauer 2008).

3.2.3 Rolando-Epilepsie (benigne kindliche Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes)

Dieses Epilepsiesyndrom gehört zu den idiopathisch fokalen Epilepsien und ist mit 20 % eines der häufigsten im Kindesalter und tritt zwischen dem 2. und 14. Lebensjahr auf. Die betroffenen Kinder zeigen fokale Anfälle in der Einschlaf- oder Aufwachphase, die auch im Verlauf in generalisierte Anfälle übergehen können. Die Prognose und die kindliche Entwicklung sind in der Regel günstig (Spohr 2008).

3.2.4 Epileptische Encephalopathien

Epileptische Encephalopathien

Schwer verlaufende Epilepsien im Kindesalter mit besonders ungünstiger Langzeitprognose. Massive, langanhaltende epileptische Entladungen stören auf Dauer kognitive, sensorische und motorische Funktionen des Gehirns.

3.2.5 West-Syndrom

Diese epileptische Encephalopathie tritt vom 3. bis 8. Lebensmonat auf und geht mit einer globalen Entwicklungsstörung einher. Die betroffenen Kinder zeigen im EEG zu Anfang mit einer sogenannten Hypsarrhythmie ein stark auffälliges EEG. Die typische Anfallsform sind infantile Spasmen (früher BNS-Anfälle genannt), die oft in Serien auftreten. Epileptische Encephalopathien können strukturelle (z. B. Hirnfehlbildungen), metabolische (z. B. Mitochondriopatien) oder genetische Ursachen haben. In 17 % der Fälle geht das West-Syndrom im Verlauf der Entwicklung in ein Lennox-Gastaut-Syndrom über.

3.2.6 Lennox-Gastaut-Syndrom

Dieses Epilepsiesyndrom tritt im Alter von 2 bis 6 Jahren auf. Die betroffenen Kinder zeigen unterschiedlichste Anfallsformen und ebenfalls eine psychomotorische Retardierung.

3.2.7 Dravet-Syndrom

Diese Erkrankung ist eine schwere myoklonische Epilepsie, die bereits im ersten Lebensjahr beginnt. Ein Großteil der Kinder ist Träger einer Variante im SCN1A-Gen, das den Natriumkanal in den Nervenzellen betrifft, der für die Reizweiterleitung im Gehirn mit zuständig ist. In 20 bis70 % der Fälle gibt es eine familiäre Häufung von Fieberkrämpfen und Epilepsien. Die ersten Anfälle treten bei Fieber auf und enden häufig in einem Status epilepticus. Im Verlauf kommen weitere Anfallsformen dazu, die auch ohne Fieber auftreten können. Oft sind Anfälle getriggert durch Hitze, warmes Wasser, Lichtreize und positive wie negative Emotionen und können lange andauern. Durch oft nächtlich auftretende tonisch-klonische Anfälle, die oft mit einer Zyanose einhergehen, haben Kinder ein erhöhtes Risiko an einem SUDEP zu versterben. Daher ist eine nächtliche Überwachung der Anfälle sinnvoll. Das Dravet-Syndrom gehört zu den therapieschwierigen Epilepsien (Panzer et al. 2015, S. 273 ff.)

Dravet-Syndrom

• Beginn im 1. LJ mit fiebergebundenen Anfällen

• Familiäre Häufung von Fieberkrämpfen und Epilepsien

• Häufig Variante im SCN1A-Gen

• Im Verlauf weitere Anfallsformen

• Statusneigung

• Erhöhtes SUDEP-Risiko

• Therapieresistenz

• Verhaltensauffälligkeiten

• Wahrnehmungsstörungen

• Photosensibilität

• Weitere Trigger: Hitze, warmes Wasser, Emotionen, Fieber

(Panzer et al. 2015, S. 273 ff.)

3.2.8 CSWS-Syndrom (»continues spike waves during sleep«)

CSWS ist eine epileptische Encephalopathie mit kontinuierlicher epileptischer Aktivität im Schlaf, die zwischen dem 3. und 10. Lebensjahr auftritt. Die meisten Kinder zeigen keine sichtbaren epileptischen Anfälle. Trotzdem hat das auffällige EEG im Schlaf massive Auswirkungen auf die allgemeine und kognitive Entwicklung der Kinder. Wird nicht rechtzeitig behandelt, können sich die kognitiven Fähigkeiten der Kinder bis hin zu einer demenziellen Veränderung zurückentwickeln. Auch dieses Epilepsiesyndrom gehört zu den therapieschwierigen Epilepsien. Oberstes Ziel ist hier nicht die Behandlung der Anfälle, sondern die Sanierung des hochpathologischen EEGs.

Ziel bei epileptischen Enzephalopathien:

Rechtzeitige Behandlung zur Unterbrechung des hochpathologischen EEGs, damit betroffene Kinder sich bestmöglich weiterentwickeln können.

3.3 Epilepsiediagnose und ihre Folgen

Für alle, die mit einer chronischen Krankheit konfrontiert werden, ruft sie eine existenzielle Krise hervor (Seidl & Walter 2005). Epilepsien bzw. erste Anfälle treten meist völlig unerwartet auf und lösen bei den Betroffenen und ihren Angehörigen Schock und Angst aus. Viele Eltern beschreiben, dass sie Angst um das Leben ihrer Kinder haben, wenn Anfälle dramatisch ablaufen oder ihre Kinder vital bedroht scheinen. Im Verlauf kommt Trauer hinzu, Trauer um das »normale« Familienleben und das unbeschwerte Aufwachsen ihrer Kinder, denn Epilepsien als chronische Erkrankungen haben Auswirkungen auf das gesamte Leben der Kinder und deren soziales Umfeld. Einschränkungen in der Selbstständigkeit durch Sturzgefahr oder Gefahren im Straßenverkehr durch Bewusstseinseinschränkungen, Lernschwierigkeiten und/oder eine gestörte kognitive Entwicklung durch häufige Anfälle und ein auffälliges EEG sind hier zu nennen.

Oft haben Eltern auch Schuldgefühle, wenn eine genetische Epilepsie vorliegt, oder sie haben Sorge, in der Schwangerschaft zu unvorsichtig gewesen zu sein. Bekommen die betroffenen Kinder und Jugendlichen Antiepileptika zur Behandlung der Epilepsie, kommen ggf. auch Nebenwirkungen hinzu, die die verschiedensten Organsysteme betreffen und unter Umständen auch Wesensveränderungen verursachen können.

Menschen aller Altersgruppen erfahren durch die epileptischen Anfälle einen Kontrollverlust, der Unsicherheit und Angst verursacht. Stigmatisierungen durch die Gesellschaft und das soziale Umfeld sowie Hänseleien in der Schule und das Abwenden von Freund*innen und Familienmitgliedern, die nicht mit der neuen Situation umgehen können, sind nicht selten. Im pflegerischen Alltag haben wir es mit den unterschiedlichsten Patient*innengruppen zu tun: Kinder und Jugendliche mit neurologischen Grunderkrankungen sowie Betroffene ohne jegliche Krankheitsvorgeschichte, Familien in den verschiedensten Stadien der Trauer- und Krankheitsbewältigung und mit den unterschiedlichsten Fragen zum Thema Epilepsie. Auch unterschiedliche Definitionen von Gesundheit und Krankheit und der Umgang damit in unterschiedlichen Kulturen und Religionen spielen eine Rolle in der Patient*innenbegleitung.

Pflegende sollten in der Lage sein, auf die auftretenden Pflegeanforderungen einzugehen, die Sorgen und Bedürfnisse ernst zu nehmen, die Familien zu begleiten und ihnen mit fachlicher Expertise zu verschiedensten Fragen zur Seite zu stehen. Befragt man Familien mit chronisch kranken Familienmitgliedern, ergeben sich vier Kernaufgaben für Pflegende:

• Hilfe bei der Überwindung der existentiellen Krise

• Unterstützung beim Management des therapeutischen Regimes

• Unterstützung im täglichen Leben

• Hilfe bei der Organisation der Pflege

(Seidl & Walter 2005)

Pflegenden begegnet eine Vielzahl an Pflegephänomenen, wie Schock, Angst, Trauer, Wut, Hilflosigkeit und Verzweiflung. Hier sind unterschiedliche pflegerische und kommunikative Fähigkeiten und individuell ausgerichtete Maßnahmen gefordert!

Im Folgenden werden die unterschiedlichen Herausforderungen und Besonderheiten, die mit einer Epilepsieerkrankung einhergehen, dargestellt und die damit verbundenen pflegerischen Interventionen zusammengefasst.

3.3.1 Besonderheiten in der Anfallsbeobachtung

Die Anfallsbeobachtung ist bei Patient*innen mit epileptischen Anfällen eine wichtige pflegerische Aufgabe ( Kap. 2). Die Besonderheit bei insbesondere kleinen Kindern sowie bei Patient*innen mit mentalen Retardierungen ( Kap. 6) ist die eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit. Subjektive Vorgefühle, Befinden und Wahrnehmung während und nach fokalen Anfällen können durch die betroffenen Kinder und Jugendlichen oft nur eingeschränkt kommuniziert werden. Hier spielt die pflegerische Einschätzung der nonverbalen Kommunikation, der vegetativen Zeichen, der Körpersprache, die Vitalzeichenkontrolle und der Austausch mit anwesenden Eltern oder Bezugspersonen eine große Rolle. Anfallstestungen ( Kap. 2) können auch im Kindesalter durchgeführt werden, wenn sie an das Alter und die Fähigkeiten der Patient*innen angepasst sind. Auch die korrekte Dokumentation von Anfällen ist wichtig, sowohl durch Pflegende als auch durch die Eltern. Einen Anfallskalender zu führen oder auch ein Anfallstagebuch, in dem nicht nur Anfälle selbst, sondern auch Begleiterscheinungen sowie aktuelle Medikation und Nebenwirkungen notiert werden, ist den Eltern zu empfehlen. Auch digitale Versionen von Anfallskalendern stehen den Familien mittlerweile Verfügung.

3.3.2 Begleitung während epileptischer Anfälle

Patient*innen mit Epilepsien können ganz unterschiedliche Anfallsformen zeigen: Anfälle mit fokalem oder generalisiertem Beginn, mit Bewusstseinseinschränkungen oder Bewusstseinsverlust sowie Anfälle mit motorischen oder vegetativen Zeichen. In der Regel sistieren epileptische Anfälle von selbst und die Verabreichung von Notfallmedikamenten ist nicht notwendig. Auch bei generalisiert tonisch-klonischen Anfällen, die die Atmung beeinträchtigen und mit einer Blaufärbung der Gesichtsfarbe (Zyanose) einhergehen können, ist ein Eingreifen mit Medikamenten oder Sauerstoffgabe nicht grundsätzlich notwendig. Hält der Sauerstoffmangel länger als zwei Minuten an und nimmt die Intensität des Anfalls nicht ab, so ist ggf. eine Beatmung per Beatmungsbeutel und die Gabe eines Notfallmedikaments notwendig. Treten diese prolongierten Anfälle vermehrt auf, ist die Schulung der Eltern in Reanimationsmaßnahmen sinnvoll. Insgesamt ist es eine wichtige pflegerische Aufgabe, die Eltern und Kinder während Anfallssituationen zu begleiten, Sicherheit zu geben, Maßnahmen zu erklären und Ruhe zu bewahren. Auch die Anleitung der Eltern und Bezugspersonen in der korrekten Anwendung und Gabe von Notfallmedikamenten ist sehr wichtig.

Wird durch Unsicherheit und Angst von Eltern und Betreuungspersonen bei jedem Anfall, unabhängig von der Stärke und der tatsächlichen Notwendigkeit einer medikamentösen Intervention, der Rettungswagen gerufen, hat dies unter Umständen mehr Stress für das Kind und dessen Eltern zur Folge, als Nutzen daraus entsteht. Ein individueller, mit dem behandelnden Arzt abgesprochener und festgelegter Notfallplan ist hier sinnvoll.

3.3.3 SUDEP (sudden unexpected death in epilepsy)

SUDEP ist eine seltene Komplikation bei Epilepsien und steht für den plötzlichen Tod von Menschen mit Epilepsien, der nicht durch einen Status epilepticus, durch Unfälle oder andere mögliche Ursachen erklärt werden kann.

Menschen mit Epilepsien habe statistisch gesehen eine höhere Mortalitätsrate. Ursachen sind neurologische Grunderkrankungen und Komorbiditäten, Selbstmord sowie Unfälle während eines Anfalls, z. B. durch Ertrinken oder Schädel-Hirn-Traumata in Folge eines Sturzes. Auch die Folgen eines Status epilepticus können tödlich sein. Der unerwartete Tod bei Patient*innen mit Epilepsie ist hier ebenfalls aufzuführen.

Bei allen chronischen Erkrankungen ist das Risiko zu sterben, gegenüber der Normalbevölkerung, leicht erhöht. Bei Epilepsien entstehen lebensbedrohliche Situationen bei einem Status epileticus und dem plötzlichen Tod bei Epilepsie (SUDEP). Dieses Risiko ist sehr gering und beträgt ca. 0,11 % pro Lebensjahr eines Menschen mit aktiver Epilepsie (Hampel et al. 2016, S. 230–236; Krämer 2016, S. 229).

Risikofaktor sind Betroffene mit sekundär-generalisiert-tonisch-klonischen Anfällen aus dem Schlaf heraus. Die Ursachen eines SUDEP sind ähnlich wie beim plötzlichen Kindstod noch nicht gänzlich geklärt. Ein vermuteter Mechanismus, der zum SUDEP führen kann, ist die Beeinflussung des vegetativen Nervensystems durch die Anfälle. Dies führt zu unregelmäßiger Atmung und Auffälligkeiten im Herzschlag (Hampel et al. 2016, S. 230–236; Krämer 2016, S. 229).

Die wichtigste Prävention des plötzlichen Todes bei Epilepsie besteht in einer verbesserten Anfallskontrolle von tonisch-klonischen Anfällen, Anfallsdetektion ( Kap. 3.7) und eine postiktale Überwachung der Vitalparameter nach diesen Anfällen. Auch die Schulung von Reanimationsmaßnahmen von Professionellen und Angehörigen trägt zur Vorbeugung bei (Panzer et al. 2015, S. 566).

Bei Kindern ist das Risiko um das 10-Fache niedriger. Kinder mit Dravet-Syndrom haben ein hohes SUDEP-Risiko, genauso wie Kinder mit strukturellen Epilepsien, nächtlichen tonisch-klonischen Anfällen, Encephalopathien, therapieschwierigen Epilepsien und Kinder im ersten Lebensjahr sowie Jugendliche jenseits von 18 Jahren (Panzer et al. 2015, S. 565). Es ist wichtig, Eltern über das SUDEP-Risiko aufzuklären und Risikofaktoren einzuschätzen. Um einen SUDEP bei Risikopatienten zu verhindern, sollte eine nächtliche Überwachung der Kinder getestet und eingesetzt werden. Dabei gibt es unterschiedliche Methoden. Zum einen können Kinder mithilfe eines Pulsoxymeters überwacht werden, das die Sauerstoffsättigungsabfälle und Bradycardien registriert und Alarm schlägt. Eine andere Methode ist der Einsatz eines Gerätes (EpiCare®), dessen Sensor unter der Matratze die typischen rhythmischen Bewegungen eines tonisch-klonischen Anfalls registriert und Alarm schlägt. Für diese Methode muss das Kind ein gewisses Gewicht erreicht haben, damit der Sensor die Anfälle auch registrieren kann. Dieses Gerät gibt es auch für das Handgelenk (EpiWatch®), welches mittels einer App auch mit dem Smartphone verbunden werden kann. Eine neue Methode ist die NightWatch®, die mittels eines Armbands am Oberarm befestigt wird und sowohl tonisch-klonische Anfälle als auch tonische, hypermotorische und gruppierte myoklonische Anfälle melden kann. Auch Tachykadien, die während eines Anfalls häufig auftreten, können registriert werden. Bei Bedarf kann es mit dem Mobilfunkgerät verbunden werden.

Welche Überwachungsmethode für die jeweiligen Patient*innen geeignet ist, ist abhängig von der Anfallsform, den Begleiterscheinungen, wie Tachycardien, Bradycardien oder Sauerstoffsättigungsabfällen, vom Alter und Gewicht des Kindes und von der Kooperation der Kinder. Nicht bei jeder Epilepsieform ist eine nächtliche Überwachung sinnvoll. Aber bei vital gefährdeten Kindern und Jugendlichen kann eine Überwachung ein hohes Maß an Sicherheit geben und einen SUDEP verhindern. Zudem gibt es den Betroffenen u. U. ihre Privatsphäre wieder zurück, wenn Kinder wieder allein in ihrem Zimmer schlafen können und auch die Eltern ein stückweit loslassen können, weil sie ihr Kind in Sicherheit wissen.

3.4 Behandlungsmöglichkeiten

Zur Behandlung von Epilepsien stehen uns verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, die auch miteinander kombiniert werden können oder auch müssten. Je nach Epilepsiediagnose, dem aktuellen medizinischen Standard und der individuellen Situation der Patient*innen wird die Behandlungsform ausgesucht. Vor allem, weil es sich um eine längerfristige Behandlung handelt, die unter Umständen über Jahre stattfinden muss, sollte sie immer zusammen mit den Patient*innen und den Eltern entschieden werden. Das Konzept des »shared desicion making« ist besonders bei chronischen Erkrankungen nicht mehr wegzudenken und notwendig, um eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Patient*innen und medizinischem Personal und damit eine erfolgreiche Therapie gewährleisten zu können. Die Kinder und Jugendlichen sollten selbstverständlich in die Behandlung mit einbezogen werden, angepasst an das Alter und die kognitiven Möglichkeiten. Denn die subjektiven Wahrnehmungen vor, während und nach Anfällen sind wichtig für die Diagnosefindung und ernst zu nehmen. Zudem stärkt das Einbeziehen der Kinder und Jugendlichen deren Selbstbewusstsein, aber auch deren Selbstständigkeit und wirkt dem Gefühl von Kontrollverlust durch die Erkrankung und das gesteigerte Angewiesen-Sein auf Hilfe ihrer Eltern entgegen. Es ist empfehlenswert, besonders Kinder mit therapieschwierigen Epilepsien vorrangig in Epilepsiezentren zu behandeln, da die hohe Expertise in vielen Fällen zu einem schnelleren und effektiveren Behandlungserfolg führen kann.

3.4.1 Medikamentöse Therapie

Antiepileptika sind Medikamente, die an Ionenkanälen der Nervenzellen angreifen, Neurotransmitterrezeptoren beeinflussen oder den Neurotransmitterstoffwechsel verändern. Ziel ist die Hemmung der Entstehung epileptischer Aktivität (Epileptogenese) und damit die Verhinderung weiterer epileptischer Anfälle, die Verhinderung der Chronifizierung und die Vermeidung neurologischer Folgeschäden (Panzer et al. 2015, S. 387). Bei Kindern liegen weniger Studien zu Antiepileptika vor als bei Erwachsenen. Qualitativ hochwertige Studien gibt es für Kinder und Jugendliche nur für das Dravet-Syndrom und das Lennox-Gastaut-Syndrom. Die Ergebnisse der aktuellen Studien sind durch die ILAE zusammengefasst und veröffentlicht. Therapieansätze und -empfehlungen orientieren sich am aktuellen Wissensstand.

Eltern, deren Kinder an einer Epilepsie erkranken, benötigen zu Beginn der Behandlung mehr Aufmerksamkeit, Unterstützung und Beratung der behandelnden Ärzt*innen und Pflegenden. Die Suche nach der richtigen Behandlung kann manchmal Monate dauern. Ziel der Behandlung ist es, Anfallsfreiheit ohne Nebenwirkungen zu erreichen, deren Beobachtung eine gemeinsame Aufgabe von Eltern und Pflegenden ist. Um die Wirksamkeit einer antiepileptischen Therapie zu beurteilen, ist die Anfallsdokumentation, insbesondere der Anfallsfrequenz, wichtig. Die Prüfung der Verträglichkeit ( Kap. 1) ist ein wichtiger Teil der Behandlung.

Den vielfältigen Formen und Ursachen von Nebenwirkungen der Antiepileptika sollte mit differenzierten Gegenmaßnahmen begegnet werden (Dorn & Krämer 2008). In der pflegerischen Begleitung ist vor allem zu Beginn der Behandlung die Beobachtung der unerwünschten Medikamentenwirkungen wichtig. Dosisabhängige Nebenwirkungen treten in zeitlicher Nähe zur Einnahme auf und zumeist in den ersten Wochen der Behandlung. Es genügen oft kleinere Dosisreduktionen bzw. Umverteilungen der Tagesdosen, besonders in der Eindosierungsphase. Treten Nebenwirkungen dosisabhängig auf, so betreffen sie meist das Zentralnervensystem (Dorn & Krämer 2008):

• Störungen der Koordination: Schwindel, Doppeltsehen, Gang- und Standunsicherheit, Tremor, Ataxien, Nystagmus

• Kognitive Beeinträchtigungen: Müdigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Antriebssteigerung, Sprachstörungen, Stimmungsschwankungen u. a.

• Vegetative Zeichen: Nervosität, Unruhe, Schwindel, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Schwitzen, veränderte Atmung u. a.

Auch die dosisunabhängigen Wirkungen treten in der Regel in den ersten drei Monaten einer Behandlung auf. Meist sind es allergische bzw. noch nicht ausreichend verstandene Symptome, die vor allem Haut, Schleimhäute, Leber, Knochenmark sowie die Bauchspeicheldrüse betreffen. Die Schwere ist sehr unterschiedlich und reicht von Hautausschlägen (skin rash) bis zu lebensbedrohlichen Zuständen (Leberversagen, aplastische Anämie). Eine langsame Aufdosierung kann ihr Auftreten z. T. verhindern (z. B. Hautauschläge beim Lamotrigin). Auch eine Umstellung eines Präparats, z. B. von Carbamazepin auf Oxcarbazepin, ist denkbar.

Die Wirkung der Antiepileptika ist bei Kindern anders als bei Erwachsenen. Ursachen dafür sind die Unreife des Gehirns, eine veränderte Bioverfügbarkeit und Verstoffwechselung, eine veränderte Eiweißbindung, eine veränderte intestinale Transportzeit und eine veränderte Magenentleerung und Peristaltik. Deshalb sind ein langsamer Beginn und eine sensible Dosisanpassung wichtig. Die meisten antiepileptischen Medikamente sollten im Blut einen gewissen therapeutischen Bereich erreichen, der regelmäßig kontrolliert werden sollte, besonders nach Medikamentenumstellung, Anfallshäufung oder bei Gewichtsveränderung. Das gilt auch für andere Laborparameter wie Leberwerte und Blutbild, denn u. U. können pathologische Leberwerte und Blutbildveränderungen auch zu lebensbedrohlichen Situationen führen.

Um eine gute Wirkung der verordneten Medikamente zu gewährleisten, sollte auf die regelmäßige und korrekte Einnahme geachtet werden. Kinder wie Eltern müssen in der richtigen Verabreichung angeleitet und unterstützt werden. Für Säuglinge, Kleinkinder und Kinder mit Ernährungssonden sind Medikamente in Saftform oder als Suspension geeignet. Auch Tabletten, die man auflösen kann oder die gemörsert mit Joghurt, Breikost oder anderen Nahrungsmitteln verabreicht werden können, sind von Vorteil. Mit älteren Kindern kann trainiert werden, Tabletten und Kapseln zu schlucken. Wenn irgend möglich, sollten retardierte Präparate bevorzugt werden, da sie einen stabileren Medikamentenspiegel im Blut aufbauen. Sind Kinder nicht kooperativ, muss man unter Umständen kreativ werden. Bei Jugendlichen kann man beginnen, die Selbstständigkeit und ihr Selbstmanagement zu fördern und ein Dosettentraining zu starten, bei dem die Jugendlichen ihre Medikamente kennen und selbst vorbereiten lernen. Sie trainieren selbst, an die Einnahme zu denken.

Bei Medikamentenumstellungen ist es möglich, dass Anfälle sich in Länge, Intensität und Erscheinungsform verändern. Unter Umständen können Antiepileptika sogar zu einer Anfallshäufung führen. In diesem Fall sollte man eine gezielte Patient*innen- und Anfallsbeobachtung durchführen und bei tatsächlichem Zusammenhang eine Medikamentenumstellung in Erwägung ziehen. Bei der Reduktion von Medikamenten kann eine Anfallshäufung auftreten. Das Sturzrisiko und das Risiko eines Status epilepticus ist deutlich erhöht. Eltern sollten über diese Risiken aufgeklärt und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen sollten ergriffen werden. Um das Verletzungsrisiko bei einem Sturz zu minimieren, können das Tragen eines Sturzhelms, das Abpolstern der Tischkante und eine enge Begleitung notwendig sein.

Maßnahmen:

• Regelmäßige und korrekte Einnahme der Medikamente gewährleisten

• Medikamenteneinnahme kindgerecht gestalten

• Verabreichungsform individuell aussuchen (möglichst retardierte Form)

• Regelmäßige Laborkontrollen

• Patient*innenbeobachtung bezüglich der Nebenwirkungen

• Anfallsbeobachtung

3.4.2 Die ketogene Ernährungstherapie (KET) – eine besondere Therapieform im Kindesalter

Diese Therapieform ist eine fettreiche, an Kohlenhydraten stark reduzierte, streng bilanzierte Ernährungsform und ist bei Kindern und Jugendlichen eine gut untersuchte Therapieform. Bei Erwachsenen ist sie ebenfalls anwendbar, auch wenn hier weniger Erfahrungswerte und Untersuchungen vorhanden sind. Sie bewirkt eine Umstellung des Energiestoffwechsels. Die Hauptenergie wird nicht mehr aus Kohlenhydraten gewonnen, sondern aus Fettsäuren, den sogenannten Ketonkörpern, die bei Fettverbrennung im Körper entstehen und im Blut und Urin nachweisbar sind. Die Ketonkörper sollten Werte von 2–6 mmol/l im Blut erreichen, damit die ketogene Ernährungsform eine antiepileptische Wirkung erzielen kann. Steigen die Ketonwerte zu stark und zu schnell an oder wird zu wenig Flüssigkeit zu sich genommen, so übersäuert das Blut, der Blutzucker kann unter den Normwert sinken und der Allgemeinzustand kann reduziert sein, sogar lebensbedrohliche Entgleisungen können auftreten. Aus diesem Grund erfolgt die Umstellung auf die ketogene Ernährungstherapie nur unter stationären Bedingungen. Die Blutgase, die Ketonkörper und der Blutzucker werden zu Beginn der Behandlung vor jeder Mahlzeit kapillär gemessen und dokumentiert. Die Begleitung der Umstellung und die Patient*innenbeobachtung hinsichtlich der Verträglichkeit, Befindlichkeit, Verdauung und der Anfallssituation ist ebenfalls eine wichtige pflegerische Aufgabe.

Die Wirkungsweise der ketogenen Ernährungstherapie ist noch nicht vollständig bewiesen. Man geht aber davon aus, dass die Ketonkörper an sich eine antiepileptische Wirkung haben. Der Säure-Basen-Haushalt und die Zellmembran verändern sich. Das Zusammenspiel aus diesen vielen Faktoren bewirkt letztlich eine Hemmung der Übererregbarkeit der Nervenzellen, welche die epileptischen Anfälle auslöst. Das Verhältnis von Fetten zu Kohlenhydraten und Eiweiß muss zu jeder Mahlzeit gesichert sein, damit die Ketose über 24 Stunden konstant bleibt. Man beginnt mit einem Verhältnis von 1:1 und steigert je nach Entwicklung der Ketonwerte, der anderen Laborparameter und der Verträglichkeit. Da die Kohlenhydratzufuhr stark reduziert ist und damit die Auswahl an Lebensmitteln eingeschränkt ist, stehen weniger Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente zu Verfügung. Diese müssen dann über entsprechende Präparate substituiert werden. Auch Medikamente, die Zucker enthalten, müssen ggf. auf Alternativpräparate umgestellt werden. Bei Infusionstherapien muss darauf geachtet werden, wenn möglich, keine Mischlösungen mit Glucose zu verwenden. Ernährungsberater der jeweiligen Einrichtung bereiten die Ernährungsumstellung zusammen mit den Eltern vor, erstellen eine Ernährungsanamnese und beraten sie während des stationären Aufenthalts. Wird die Diät gut vertragen, sind die Blutwerte stabil und fühlen sich die Eltern sicher in der Berechnung und Durchführung der Diät, können die Kinder entlassen werden.

Sie werden regelmäßig zu Kontrolle wieder einbestellt. Insgesamt braucht der Körper ca. drei Monate, bis er sich komplett umgestellt hat. Die Dauer der Behandlung beträgt in der Regel zwei bis drei Jahre, danach kann versucht werden, die Ernährungstherapie langsam wieder umzustellen. Die ketogene Ernährungstherapie wird von den meisten Kindern gut vertragen. Zu Beginn können Hypoglykämien, Dehydratationen, Übelkeit, Durchfälle und Obstipation auftreten, die Kinder sind zudem anfänglich leicht überreizt und müde. Diese Nebenwirkungen treten jedoch meist nur vorübergehend auf. Als Nebenwirkungen auf lange Sicht können Herz-Rhythmusstörungen, eine Hypercholesterinämie, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und Nierensteine auftreten. Deshalb sind jährliche kardiologische und nephrologische Kontrollen wichtig. Ein positiver Nebeneffekt der Diät ist, dass die Kinder deutlich wacher, aufmerksamer, wahrnehmungsfähiger und lernfähiger sind und dadurch eine verbesserte Lebensqualität erlangen. Ein Drittel der Kinder werden unter ketogener Ernährungstherapie anfallsfrei, 50 % erfahren eine Anfallsreduktion. Eine Alternative zur ketogenen Ernährungstherapie ist die modifizierte Atkins-Diät (MAD). Sie entspricht in etwa einem Verhältnis von 1:1 bei der KET und ist etwas einfacher in der Berechnung und oft besser in der Akzeptanz bei den Kindern und Jugendlichen. Dabei ist der Kohlenhydratanteil festgelegt, der Fettanteil erhöht und der Eiweißanteil frei. In manchen Fällen startet man mit der MAD und entscheidet im Verlauf, je nach Ketose und Anfallssituation, ob diese Ernährungsform ausreicht oder ob doch auf die klassische KET umgestellt werden muss.

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Дата выхода на Литрес:
19 декабря 2025
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358 стр. 31 иллюстрация
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9783170373044
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