Читать книгу: «Nick Francis 4»

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Auf seiner vierten Reise ins Ungewisse landet der Buchhändler Nick Francis in Hamburg im Jahr 1982. Kaum ist er da angekommen, muss er mit ansehen, wie ein junger Mann tot aus einem Schneeberg geborgen wird. Was ist hier geschehen? Was wird noch alles geschehen? Es ist nicht das erste Verbrechen dieser Art und auch nicht das letzte. Treibt ein Serienmörder sein Unwesen, oder ist es gar kein Mensch, der diese grauenhaften Taten begeht? Nick gelingt es, mit der Polizei in Kontakt zu treten, und gemeinsam mit einigen Freunden versucht er, den Täter oder gar die Täter zu stellen. Mit jedem Tag werden das Grauen und die Angst größer. Menschen geraten in Panik, greifen zu den Waffen, obwohl sie den wahren Gegner gar nicht kennen. Das Chaos erreicht seinen Höhepunkt in jener Vollmondnacht, in der das Unvermeidliche geschieht: Ein Kampf auf Leben und Tod!
Macht euch mit Nick auf die Suche nach dem Grauen, welches die Bürger von Hamburg in Angst und Schrecken versetzt. Doch bevor es so weit ist, erzählt Nick noch von einer Theorie, die er zur Funktion des Torbuches entwickelt hat. Überlegt gemeinsam mit ihm, ob da etwas Wahres dran sein kann. Schaut ihm über die Schulter, wenn er vor Reiseantritt ein einfaches Experiment durchführt und seid dabei, wenn er am Ende eine wichtige Entscheidung trifft.

präsentiert
Nick Francis
Band 4
Der Keller
In der Nick Francis Buchreihe sind bereits erschienen
Nick Francis 1 – Die Burg
Nick Francis 2 – Die Stadt
Nick Francis 3 – Die Festung
Nick Francis 4 – Der Keller
Weitere Titel sind in Planung.
Entspricht der ungekürzten Originalausgabe des gedruckten Taschenbuches ISBN 978-3-9814313-5-3
© 2015 Noxlupus Verlag, Schwentinental
www.noxlupus.de
Alle Rechte, auch die der fotomechanischen und elektronischen Wiedergabe, sind dem Verlag vorbehalten.
ISBN: 978-3-9814313-9-1
PROLOG
Die Klingel schrillte noch, als Willi erst die Haustür und dann seine Arme öffnete, um mich in dieselben zu schließen.
»Nick! Du bist zurück!«, strahlte es aus ihm heraus, nachdem er mich wieder freigegeben hatte.
»War ich denn weg?«, fragte ich spitz.
»Wie?!«, Enttäuschung machte sich auf seinem Gesicht breit, »bist du denn nicht in Die Festung gereist?«
»Doch, doch.«
Das Strahlen kehrte augenblicklich in Willis Antlitz zurück.
»Ich habe mich sogar fast drei Wochen im Karibischen Meer bei Piraten und anderen schlagkräftigen Seemännern rumgetrieben, doch das dürftest du nicht gemerkt haben, da ich für dich gestern noch hier war und dir versprochen hatte, frische Brötchen zum Frühstück mitzubringen.«
Ich hielt Willi die Tüte mit den Rundstücken vor die Nase.
»Ja, äh, also … das stimmt schon alles … Piraten, Karibik … wie aufregend! Komm doch endlich rein.«
Ich folgte dem Hausherrn ins Esszimmer, wo seine Frau Doris den Frühstückstisch herrichtete.
»Guten Morgen, Nick!«
»Den wünsch ich dir auch«, erwiderte ich und platzierte einen Kuss auf ihre rechte Wange.
»Oh! So etwas habe ich ja schon lange nicht mehr von dir bekommen, mein Junge.«
»Mir war danach«, grinste ich.
»Ah, du hast die Brötchen«, sagte sie, als sie die Papiertüte in meiner Hand bemerkte, »sei doch so lieb und leg sie in den Korb, der noch in der Küche auf dem Tisch steht.«
»Geht los!« Ich drehte mich um und begab mich an den Ort des Korbaufenthaltes. Nachdem ich die Backwaren umgebettet hatte, ging ich mit dem gefüllten Brötchenkorb in das Esszimmer zurück, wo meine elterlichen Freunde bereits am Tisch saßen und Doris ihren Mann fragte:
»Was ist los mit dir? So wie heute hast du schon lange nicht mehr gestrahlt, und Nick gibt mir einen Kuss − was ist mit euch beiden?«
»Ach, meine Liebe, das verstehst du nicht.«
Willi war überglücklich, mich heil und gesund wiederzuhaben. Er konnte es kaum abwarten, mit dem Frühstück fertig zu werden und sich mit mir in sein Arbeitszimmer zurückzuziehen, wo ich ihm in Ruhe alles erzählen konnte, was ich in Die Festung erlebt hatte. Zuvor verabschiedete sich Doris von uns, da sie eine Verabredung mit ihren ehemaligen Arbeitskollegen hatte. Ich habe euch ja bereits bei einer anderen Gelegenheit erzählt, dass sie Teilhaberin einer Anwaltskanzlei war, bevor sie sich zur Ruhe gesetzt hat. Doris, das kleine energische Bündel, ich konnte mir richtig gut vorstellen, wie sie Richtern und Zeugen ordentlich eingeheizt hatte, wenn es nicht nach ihrer Nase lief. Ihr Temperament habt ihr beim letzten Mal ja live und in Farbe mitbekommen, als sie ihren Mann Willi, der doppelt so groß und breit ist wie sie, zurechtwies, weil der mal wieder seine Sachen überall im Haus verteilt hatte.
Doch kommen wir zurück zu Willi und mir. Ich musste also ein ausführliches Referat über meine Erlebnisse in Die Festung halten. So erzählte ich von Kapitän Quinn und seiner Mannschaft, von Rollins Eiland und seinem Herrscher, von dem ganzen Piratengewimmel und der stürmischen See. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass Willi kaum Luft holte, so gebannt folgte er meiner Erzählung, und als ich endete, atmete er laut aus und ließ sich in seinen Sessel zurückfallen.
»Puh, das war aufregender als der spannendste Krimi«, stöhnte er. »Ich brauche jetzt erst mal einen Cognac. Möchtest du auch einen?«
»Gerne, aber bleib ruhig sitzen, ich hole ihn«, bot ich Willi an.
»Danke! Du weißt ja, wo er ist.«
Ich stand auf und schlängelte mich an den umliegenden Bücherstapeln vorbei, die genauso wie Schreibtisch und Computer zu der Ausstattung des Arbeitszimmers gehörten, hin zu dem Schränkchen, in dem Willi seine flüssigen Leckereien aufbewahrte. Nebst Flasche und Gläsern zirkelte ich zurück und musste dabei an den Spruch Ordnung ist das halbe Leben denken und daran, dass Willi definitiv für die andere Hälfte des Lebens ist. Aber wem erzähle ich das, ihr kennt Willi mittlerweile ja auch schon recht gut.
»Prost, Nick!«, sagte Willi und hob das gefüllte Cognacglas.
»Zum Wohle, Willi!«, erwiderte ich und musste feststellen, dass nach all dem Rum, den ich in den letzten Wochen bei den Piraten zu mir nehmen musste, so ein Cognac besonders gut schmeckte. Als der erste Schluck unten war, fiel mir das mit dem Schwips ein.
»Ach, Willi, weißt du, was noch komisch ist? Ich hatte an dem Abend, also gestern, als ich die Festungsgeschichte verließ und mit meinen Gefährten den glücklichen Ausgang des Abenteuers feierte, ganz schön einen sitzen.«
»Niiick! Was muss ich da hören?«, schoss ein mahnender Finger in die Luft. »Du kennst doch meinen Leitspruch: Nippen statt kippen!«
»War halb so schlimm«, winkte ich ab, »wir hatten schließlich was zu feiern. Das Verrückte ist, dass der Rausch zu Hause weg und im Gegenzug meine Kniewunde wieder da war. Ich hatte mir bei einem Fahrradsturz kurz vor Beginn des Abenteuers das Knie geschrammt, und es war am Ende meines Aufenthaltes in der Karibik vollständig verheilt.« Ich schob das Hosenbein hoch. »Hier, sieh! Die Wunde ist jetzt wieder wie neu.«
»Interessant … was sagt uns das?«
»Dass mein hiesiger Körper nicht mit in eine Geschichte reist, sondern … ich sage es jetzt mal so … etwas wie Seelenwanderung stattfindet.«
»Du meinst, dein Geist, deine Gedanken, wie auch immer wir es nennen wollen, gehen ohne deinen Körper in das Buch, wo sie sich in einen Körper, der deinem vollkommen gleicht, einnisten?«
»So könnte es sein. Nehmen wir mal an, es wird eine künstliche Person hergestellt, ein Avatar, der meinem Körper in dem Moment, in dem ich mit einer Hand auf dem Buch einschlafe, aufs Haar gleicht. Es wird also auch eine Knieverletzung mit übernommen, die normalerweise nicht zur Grundausstattung des Körpers gehört.«
»Aber um diesen Avatar zu erzeugen, müsste das Buch wissen, wie du aussiehst − hat es vielleicht deine DNA?«
»Keine Ahnung, vielleicht hat es Augen, die wir noch nicht gefunden haben.« Ich grinste.
»Witzig ... Ich meine, du solltest noch einmal mit Herrn Schubert von der PC-Klinik reden und ihn fragen, ob er sich noch etwas intensiver mit dem Buch befassen kann.«
»Das würde er sicherlich gerne machen, aber dazu muss ich ihm auch mehr darüber erzählen. Er war schon beim ersten Mal nicht gerade erfreut über die dürftigen Informationen, die ich ihm gegeben habe.«
»Dann weihst du ihn eben ein!«
»Ich weiß nicht recht, ob das eine gute Idee ist. Sicher, Herr Schubert scheint sehr nett und hilfsbereit zu sein …«
»Du musst ihm ja nicht gleich alles erzählen. Denk dir eine kleine plausible Geschichte aus. Du würdest vermuten, dass das Buch einen zum Träumen bringt und sich nach dem Traum manchmal eine Buchseite geglättet hat – so was in der Art. Denn, ehrlich gesagt, wissen wir nicht hundertprozentig, ob du wirklich in ferne Länder gereist bist. Einen richtigen Beweis haben wir nicht, gerade dann nicht, wenn sich dein Körper bei der Rückkehr in demselben Zustand befindet, in dem er war, bevor du eine Geschichte erlebt hast.«
»Hallo?! Richtiger Beweis? Was ist mit der Stimme, die sich Sam nennt?«
»Hallo?! Es ist wohl ein Leichtes, von einer Stimme zu träumen.«
»Du meinst, von einer Stimme, die mal aus der Luft, mal aus einem Schlafwagenschaffner oder gar aus einem Papagei kommt?«
»Wieso nicht?«
»Du glaubst also, dass es nur Träume sind, und zweifelst an der Avatar-Theorie?
Willi zuckte mit den Schultern und ich überlegte laut:
»Zumindest können wir davon ausgehen, dass es noch weitere Geschichten in dem Buch gab.«
»Du meinst wegen der glatten Seiten, in die vermutlich auch mal Titel von Geschichten eingraviert waren? Aber wer hat die Geschichten gelebt und vor allem, wo ist derjenige jetzt?«
»Sam zufolge war das Buch doch eigentlich für jemand anderen bestimmt, vielleicht für den Verstorbenen aus Die Stadt? Der kam definitiv aus unserer Zeit.«
»Wie wir es auch drehen und wenden, wir kommen so nicht weiter. Wie gesagt, mein Vorschlag ist, dass du dich noch einmal mit Herrn Schubert unterhältst.«
»Du hast vermutlich recht, vielleicht ist meine Total-Recall-Idee, die ich hatte, als ich aus Die Stadt zurück war, doch nicht so verkehrt. Vielleicht werden mir diese Geschichten nur in Form von Gedanken eingepflanzt. Könnte doch sein, wenn man die technischen Innereien des Buches berücksichtigt, die Herr Schubert beim Durchleuchten des Buches entdeckt hat.«
»Hmm … hmm …«, brummte Willi und wir beide betrachteten nachdenklich die Zimmerdecke, bis ich damit aufhörte:
»Okay, aber bevor ich Herrn Schubert aufsuche, möchte ich noch eine Geschichte leben, vielleicht kann ich darin Sam ein bisschen mehr ausquetschen.«
»Wo soll es denn hingehen?«, fragte Willi, der seine Denkeraugen gegen Entdeckeraugen eingetauscht hatte.
»Da ich seit der zweiten Geschichte dabei bin, das Buch der Reihenfolge nach abzuarbeiten, ist es jetzt Zeit für Der Keller.«
»Und wann willst du den Keller inspizieren?«
»Ich weiß noch nicht, so schnell wie möglich, und dann will ich mal sehen, ob nicht mehr aus Sam rauszuholen ist. In Die Festung hat er mich ziemlich gelinkt. Erst hat er mir mehr Fragen gestellt als ich ihm, und dann war er verschwunden.«
»Und wenn du wieder zurück bist, gehst du zu Herrn Schubert?«
»Ja, und du kannst in der Zwischenzeit das Internet nach der Insel Kordina und den anderen Stichpunkten durchforsten.« Ich kramte in meiner Hosentasche. »Die habe ich hier aufgeschrieben«, verkündete ich und reichte Willi den Zettel. Während er einen Blick darauf warf, bat ich:
»Versuch doch noch einmal herauszubekommen, ob nicht doch noch irgendwo so ein Buch existiert.«
»Das haben wir nun schon so oft getan.«
»Aber vielleicht nicht oft genug. Durchsuche mal die ganzen Foren im Internet, da bist du doch jetzt Experte.«
»Ich versuche es gern. Wenn ich was finde, schicke ich dir ein E-Mail-Dings.«
Das erste E-Mail-Dings kam ein paar Tage nach unserem Gespräch. Darin teilte Willi mir mit, dass er nichts über Kordina gefunden habe und auch nichts über Rollins Eiland. Na tolle Info – und so hilfreich! Über Tortuga fand er natürlich was. Kunststück, die Insel gibt es ja wirklich. Über das Torbuch ohne Titel fand er wieder nichts. Weder in den Foren noch auf irgendwelchen anderen Plattformen. Anscheinend war mein Buch das einzige seiner Art, das es in dieser, unserer Welt gab. So vergingen die nächsten Monate wie im Flug, denn in meiner Buchhandlung gab es noch diverse Bücher zu sortieren und zu katalogisieren. Allerdings wurde ich immer ungeduldiger und dachte immer öfter daran, eine weitere Reise mit Hilfe des Torbuches zu unternehmen.
Achtung, Achtung, eine wichtige Durchsage: Wer jetzt so gar nicht weiß, was für ein Buch das Torbuch ist, von dem hier die ganze Zeit die Rede ist, der kann sich auf der Homepage www.nick-francis.de den Prolog aus meiner ersten Erzählung – Die Burg – zu Gemüte führen, den habe ich da für euch hinterlegt. Darin wird alles Weitere erklärt. Oder ihr besorgt euch gleich die ersten drei Bände von meinen Abenteuern, um, wie viele andere auch, von Anfang an dabei sein zu können. Doch versteht mich nicht falsch, ich will euch auf gar keinen Fall davon abhalten, mir bei dieser Erzählung zu lauschen. Ich verspreche euch, dass ihr dem Verlauf der Geschichte auch ohne näheres Vorwissen über das Torbuch und meine früheren Erlebnisse folgen könnt. Habt also erst einmal viel Spaß mit der Geschichte, die ich in Der Keller erlebt habe. Alles andere könnt ihr später noch in Ruhe nachholen.
***
Eine Woche vor meiner geplanten Reise, als ich meine E-Mails checken und noch einige Sonderwünsche meiner Kunden erfüllen wollte − also, mich auf die Suche nach antiquarischen Büchern oder einer speziellen Ausgabe begab − passierte es wieder. So ein Mist! Da half auch kein Herumhämmern auf der Tastatur. Der olle Kasten hatte sich mal wieder aufgehängt, nichts ging mehr, festgefahren, ein glatter Absturz oder was man sonst noch dazu sagen kann. Ihr habt da bestimmt auch so eure Erfahrungen. Ich versuchte, mich zu beschwichtigen und sagte mir: »Nick, bleib ganz ruhig, nicht noch eine Tastatur zerhackstückeln, die kann gar nichts dafür.«
Was war zu tun? Computer abstöpseln und zur Reparatur bringen oder ihn gleich verschrotten? Er hatte doch schon sieben Jahre auf dem Buckel, in Menschenjahren sind das so an die siebzig. Aber als ich mir den Kabelsalat unter dem Tisch anschaute, entschied ich mich dazu, erst einmal zu Herrn Schubert in die PC-Klinik zu gehen. Vielleicht könnte er eine Ferndiagnose stellen. Man darf doch wohl noch hoffen!
»Hallo Herr Francis, wie nett, Sie zu sehen! Sie haben sich lange nicht blicken lassen.«
»Hallo Herr Schubert! Ja äh … tut mir leid, aber ich hatte so viel um die Ohren, Sie kennen das sicher aus eigener Erfahrung − wenn man einen eigenen Laden hat, ist immer was zu tun.«
»Ich erinnere mich. Sie haben eine Buchhandlung.«
»Richtig!«
»Unsereins hat selten mit Büchern zu tun. Wenn überhaupt, dann sind es falsche und umständliche, zusammengekritzelte, nutzlose Bedienungsanleitungen oder Handbücher. Aber apropos Buch, ich sehe, Sie haben Ihres heute gar nicht dabei.«
»Oh, Sie meinen das große, das wir uns letztes Mal angeschaut haben?«
»Ja, wo ist es? Haben Sie es noch?«
»Natürlich, aber deswegen bin ich heute nicht hier!«
»Schade, ich dachte, Sie wollten mich darüber auf dem Laufenden halten.«
»Das mache ich auch, nur läuft da im Moment nix. Aber in den nächsten Wochen wird sich was ergeben und dann komme ich bestimmt zu Ihnen … mit dem Buch … versprochen.«
»Ich würde mich freuen! Womit kann ich Ihnen denn heute behilflich sein?«
»Mein PC macht unanständige Sachen.«
»Nun, wenn Sie im Internet diese speziellen Seiten aufrufen, dann passiert es, dass man unanständige Bilder zu sehen bekommt.«
»Was? Nein, nein«, winkte ich ab, »solche Seiten besuche ich … ich nie. Nein, mein Computer stürzt ab, hängt sich auf und ich bin dann sozusagen abgehängt vom Informationszug.«
»Ach, diese Art von unanständigen Sachen. Das hört sich an, als habe sich Ihr RAM-Speicher verabschiedet. Eine von vielen Möglichkeiten. Eine sichere Diagnose kann ich nur stellen, wenn Sie den Patienten mitbringen und ich ihn mir einmal ansehen kann.«
»Hm, wie wäre es, wenn Sie mir einen RAM-Speicher mitgeben und ich probiere es aus? Wenn das Problem dann trotzdem noch da ist, komme ich nebst Patienten noch einmal vorbei.«
»Das können wir gerne so machen. Sie müssten mir nur sagen, welchen Speicher Sie benötigen, also welcher Speicher zu Ihrem Mainboard passt.«
»Das weiß ich natürlich nicht, aber vielleicht hilft Ihnen das nutzlose Handbuch von meinem PC doch etwas.« Ich grinste.
»Wenn wir Glück haben«, er lächelte zurück, »dann zeigen Sie mal.«
Ich holte das kleine Heftchen aus der Jackentasche und reichte es dem PC-Doktor. Er schlug es auf und stöhnte.
»Mann, ist der alt! Zum Glück ist das Handbuch nicht in Keilschrift.«
Er lachte und aus Höflichkeit machte ich mit. Ich weiß ja, dass in dieser Branche alles als Dinosauriermodell gilt, was älter als fünf Jahre ist. Aber als Herr Schubert in dem Büchlein weiterblätterte, stieg doch Hoffnung in mir auf.
»Scherz beiseite, ich glaube, den Speicher, den Sie benötigen, habe ich auf Lager. Einen Augenblick.«
Er ging nach hinten und tauchte kurze Zeit später mit einem schokoriegelgroßen Plastikbehälter auf.
»Bitte sehr, macht zwanzig Euro für Sie, Herr Francis. Sonderpreis!«
»Oh, vielen Dank.«
»Wissen Sie, wie man ihn gegen den alten auswechselt?«
»Ja, ich habe schon mal einen getauscht, weil ich einen leistungsfähigeren haben wollte. Genauso wie die Grafikkarte und den CPU-Chip. Ganz fremd ist mir das Innenleben eines Computers also nicht.«
»Dann versuchen Sie Ihr Glück und kommen Sie gleich wieder, wenn der Fehler dadurch nicht behoben ist.
»Das mache ich.«
»Auch wenn er wieder läuft, sollten wir uns demnächst mal über einen neuen PC für Sie unterhalten. Denn für Ihren wird es bald keine neuen Ersatzteile mehr geben und mit der Kompatibilität der Software ist es dann auch Essig. Demnächst werden Sie wahrscheinlich einige Seiten im Internet nicht mehr vollständig beziehungsweise gar nicht mehr angezeigt bekommen. Lassen Sie sich das mal durch den Kopf gehen. Ansonsten würde ich mich freuen, in den nächsten Wochen etwas Neues über Ihr Buch zu hören. Wenn ich ein bisschen mehr von Ihnen darüber erfahre, kann ich bestimmt helfen.«
»Davon bin ich überzeugt, ich melde mich. Bis dann, Herr Schubert!«
»Auf Wiedersehen, Herr Francis!«
***
Es ist zum Verzweifeln mit diesen kleinen Kerlen, die da geschäftig über den Monitor rennen. Entweder sie produzieren und ich habe trotzdem zu wenig Geld, weil keine Käufer für die Waren kommen, oder die Nahrung für die Bevölkerung reicht vorne und hinten nicht, dann sind die Burschen beleidigt und hauen samt ihren Familien ab. Und schon habe ich leer stehende Betriebsstätten, die einen Großteil meines virtuellen Vermögens verschlingen.
Wovon redet Nick da bloß?, fragt ihr euch sicher. Nun, ich habe seit Langem mal wieder eines meiner Computer-Strategiespiele aktiviert. Eigentlich wollte ich nur testen, ob durch das Auswechseln des RAM-Speichers alles wieder problemlos läuft. Ich rief die E-Mails ab und suchte nach den Buchwünschen meiner Kunden. Beides erledigte der Kasten ohne rumzuzicken. Dann wollte ich aufs Ganze gehen und am besten geht das, wenn man den Computer fordert, und das tut so ein Spiel. Es forderte aber nicht nur den Computer, sondern vor allem mich. Vielleicht benötige ich auch mal einen neuen RAM-Speicher.
So kurz vor meinem Aufbruch in eine neue Welt war das eine willkommene Gelegenheit, mal wieder an etwas anderes zu denken als an die bevorstehende Reise. Ich liebe diese Strategiespiele, vor allem den Bau- und Wirtschaftsteil. Wenn allerdings Krieg ausbricht, wird es richtig stressig. Krieg finde ich ziemlich blöd. Da baue ich über Stunden eine florierende Stadt mit einer vernünftigen Infrastruktur auf und dann kommen da ein paar Stinkstiefel und legen alles in Schutt und Asche, weil ich mit der Aufrüstung meines Militärs immer hinterherhinke. Wenn ich es dann doch geschafft habe, die Eindringlinge zu verjagen, darf ich meine Stadt wieder aufbauen und die versenkten Schiffe durch neue ersetzen. Kurbelt natürlich die Wirtschaft an, denn alle haben Arbeit, aber das Kapital ist durch den Krieg geschrumpft. Eben alles wie im richtigen Leben.
Mit solchen Spielen verbringe ich, wenn ich erst einmal angefangen habe, unzählige Stunden. Ihr kennt das vielleicht auch. Diese Quälgeister auf dem Monitor gönnen einem keine Ruhe. Immer wollen sie was Neues, und wenn sie das haben, wollen sie mehr davon. Fleisch, Fisch, Wolle für Kleidung, Kirchen, Schulen, Theater, Badehäuser und so weiter. Ich könnte euch jetzt noch an die hundert Dinge aufzählen, aber das würde zu weit führen, und ich bin mir sicher, dass ihr langsam anfangt, ungeduldig zu werden, und euch denkt: Mensch Nick, nun sieh mal zu, dass du endlich auf den Punkt kommst. Was ist denn jetzt mit Der Keller? Trotzdem muss ich euch noch vertrösten und ein wenig mehr von dem Spiel erzählen − wartet ab, ihr werdet gleich merken, worauf ich hinauswill. Ich finde es total faszinierend, wie exakt die Figuren im Spiel dem Menschen nachempfunden sind, wie genau sie nach ihrem menschlichen Ebenbild programmiert wurden. Auch sie kriegen nie genug und wollen immer mehr.
Ich habe schon ganze Wochenenden durchgespielt, aber das ist einige Zeit her. Doch an diesem Freitagabend hatte mich der Spielevirus mal wieder ziemlich schlimm erwischt. Ich bastelte an einem vor einiger Zeit angefangenen Spiel weiter und hörte erst am Sonntagabend damit auf. Die einzige Unterbrechung meines virtuellen Lebens waren die vier Stunden, die ich am Samstagvormittag im Laden stand.
Am Sonntag musste ich am späten Nachmittag aus dem Haus, denn es war kaum etwas zu essen im Kühlschrank. Da ich so viel damit zu tun hatte, auf meinen virtuellen Farmen Weizen, Oliven, Kakao, Kaffee und so weiter anzubauen, war ich in der realen Welt nicht zum Einkaufen gekommen. Wenn ich nicht verhungern wollte, musste ich also raus aus meiner Hütte.
Alles hatte ich in meiner virtuellen Welt eingerichtet: Die Infrastruktur und die Versorgung zu Lande und zu Wasser. Gegner gab es keine mehr, da die ganze Spielewelt erobert war. Allerdings muss ich gestehen, dass ich mit ein paar Cheats-Hilfen gearbeitet hatte … Also gut, gemogelt. Aber nur ein bisschen. Hier und da mal ein paar Militäreinheiten hingezaubert und ein paar Talerchen zusätzlich aufs Konto gebettet und schon klappte alles.
Da ich beim Verlassen der Wohnung vergessen hatte, auf die Pause-Taste zu drücken, lief das Spiel allein weiter. Während ich einen Döner-Teller bei meinem Dönerdealer Ibo verspeiste, rannte mein Volk auf dem Monitor arbeitswütig umher. Ungefähr eine Stunde war ich weg. Als ich wiederkam, hatte sich mein virtuelles Vermögen vermehrt. Allerdings war die Pest ausgebrochen, doch die fleißigen Ärzte machten sich schleunigst ans Werk und behandelten die virtuellen Kranken. Gespannt sah ich zu, wie alles ohne mein Eingreifen ablief. Das alles hatte ich erschaffen – ich staunte. Zuerst fiel es mir schwer, einfach nur zuzugucken, so gewohnt war ich es, mit der Maus im Spiel rumzuklicken. Doch ein Handeln meinerseits war nicht mehr erforderlich. Eine neue, eigenständige Welt war entstanden.
Warum langweile ich euch mit diesem Kram? Seht ihr vielleicht, was ich sehe? Wobei diejenigen unter euch, die diese Spiele kennen, vielleicht eher auf das kommen, was ich meine. Denn als ich dem laufenden Spiel zusah, kam mir plötzlich ein Gedanke, der mit meinem Leben in dem Torbuch zu tun hatte. Dieser Einfall dürfte für uns alle ziemlich interessant sein, deshalb behalte ich ihn für mich.
***
Nein, natürlich nicht. Selbstverständlich teile ich meine Gedanken wie immer mit euch, aber damit ich sie nicht zweimal erzählen muss, nehme ich euch mit zum Telefon, denn Willi möchte ich auch davon berichten. Wo ist denn jetzt seine Nummer? Natürlich im Telefon gespeichert. So, Achtung, es klingelt.
»Funke!«
»Hallo Willi, wie geht’s? Gerade in ein spannendes Buch vertieft, oder hast du ein wenig Zeit, mit mir zu telefonieren?«
»Klar lese ich, aber mit dir zu telefonieren kann genauso inspirierend sein.«
»Dann mach dich mal auf was gefasst. Ich hab da nämlich so eine Idee zu dem Torbuch …« weiter kam ich nicht, denn Willi fragte ziemlich aufgeregt:
»Was für eine Idee? Hast du das Geheimnis des Torbuches etwa ohne mich gelöst?«
»Nein, es ist nur eine Idee. Wie könnte ich das Geheimnis ohne dich lösen?! Also, hör zu: Ich habe dir doch vor einiger Zeit von meinem Computer-Strategiespiel erzählt.«
»Nicht nur erzählt, du hast mir mal einen ganzen Nachmittag gezeigt, was du so in manchen Nächten treibst, aber deine Begeisterung konnte ich auch nach zwei Stunden nicht einmal ansatzweise teilen. Ganz im Gegenteil, die reinste Zeitverschwendung! Du erinnerst dich?«
»Ja. Danach habe ich auch nicht mehr davon gesprochen. Aber du kannst dich sicher noch in etwa erinnern, wie das Spiel ablief.«
»Natürlich kann ich mich erinnern«, prustete er empört, »ich bin doch kein seniler alter Knacker. Soweit ich weiß, musstest du eine virtuelle Welt aufbauen, die unserer Welt im Mittelalter sehr ähnlich war.
»Ja, und um ganz genau zu sein: unserer Welt im Jahr 1503. Genau das Spiel habe ich wieder zum Leben erweckt. Dabei ist mir etwas aufgefallen.«
»Dass du eine Menge Zeit vergeudet hast?«
»Sehr witzig! Aber nein, ganz im Gegenteil. Also, hör zu, du weißt doch, dass alle Figuren in dem Spiel spezielle Aufgaben haben: Der Förster hackt Holz, der Jäger erlegt Wild im Wald und sorgt so für Fleisch, der Fischer, der Farmer, der Schmied, der Schafhirte und die Angestellten in der Weberei …«
»Ich kann mich sehr gut daran erinnern! Du brauchst mir nicht jeden Berufsstand aufzuzählen. Komm lieber zum Wesentlichen.«
»Ist ja gut. Also was ist, wenn man diesen Kameraden nicht nur ihre Aufgabe einprogrammiert hat, sondern auch … ich meine, so etwas wie ein Ich-Bewusstsein und Gefühle, eben all das, was einen Menschen ausmacht. Ich weiß zwar nicht, wie so was möglich wäre, aber jetzt mal rein theoretisch gesprochen.«
»Und was ist dann?«
»Merkst du denn nicht, worauf ich hinauswill?«
»Du meinst, dass es sich dann um eine Parallelwelt handeln würde, in der die Individuen denken, dass sie leben, und von unserer Existenz nichts wissen? Sie meinen, alles was sie tun, machen sie aus sich selbst heraus, hmm … eine interessante Überlegung, auch wenn es sich nach sehr überschäumender Fantasie anhört, doch zum Glück für dich bin ich ja ein großer Fan von überschäumender Fantasie. Und du denkst also, dass in dem Torbuch solche Welten stecken, und du jedes Mal irgendwie in einer von ihnen landest.«
»Stimmt genau, der Kandidat hat die volle Punktzahl erreicht. Einen Preis gibt es dafür aber nicht.«
Willi schwieg und ich wusste im Moment auch nichts hinzuzufügen. Dann meinte mein Gesprächspartner:
»Also, was du sagst, erinnert mich jetzt auch an etwas. Ich habe schon mal einen Roman gelesen, in dem es um ein Computerprogramm ging, das menschliches Leben simulierte, indem die Leute dachten, dass sie wirklich lebten, dabei waren es nur programmierte Schaltkreise in einem Mikrochip oder so. Ich glaube, das Buch ist aus den Sechzigern und wurde in den Siebzigern verfilmt ... ach Mensch, wie war das doch gleich? Wie kann es sein, dass ich es vergessen habe?«
Ich merkte, dass Willi vollkommen abwesend war, denn nichts wurmt ihn mehr, als sich an ein Buch zu erinnern und nicht mehr genau zu wissen, was darin passierte und wie der Titel lautete. Ich versuchte noch, mit ihm über meine Entdeckung zu sprechen, aber er war nur noch mit dem Buch aus den Sechzigern beschäftigt. Darum verabschiedete ich mich und Willi entgegnete abwesend:
»Tschüss, Nick, und gute Nacht.«
»Nacht, Willi.«
Der Arme, er wird sicher die ganze Nacht nicht zur Ruhe kommen, bis er endlich weiß, um welches Buch es sich handelt. Ich konnte ihm leider nicht helfen, denn bei mir klingelte nichts. Wisst ihr vielleicht, von welchem Roman er sprach?
***
Kaum zu glauben, aber Willi schaffte es doch tatsächlich in der ganzen Woche nicht, darauf zu kommen, welches Buch er meinte. »Ich war so beschäftigt«, entschuldigte er sich. »Doris hat mich auf Trab gehalten und auch sonst kam immer was dazwischen. Zudem habe ich mich von Professor Hinrichsen mal wieder zu einer Vorlesung an der Uni überreden lassen, ich musste mich also vorbereiten. Dann war da noch der monatliche Lesezirkel« − den leitete Willi. Da muss ich mich wohl auch mal wieder blicken lassen. – »Und zu guter Letzt noch der Theaterbesuch.« Seinen ehelichen Pflichten nachgehen, sagte er zu dem Schauspielhaus-Abonnement, das sie schon seit Jahren hatten.
Am Samstagnachmittag wählte ich wieder Willis Nummer. Solange ich noch die Möglichkeit habe zu telefonieren, sollte ich sie nutzen.
»Funke!«
»Hallo Willi, hier Nick.«
»Na, dich wollte ich auch gerade anrufen. Stell dir vor, ich habe heute herausgefunden, welchen Roman ich meinte, und ich glaube sogar, dass wir noch ein Exemplar im Laden haben. Ich würde gerne morgen zu dir kommen und danach suchen. Heute kann ich leider nicht. Karl-Heinz, einer der ehemaligen Kanzleipartner von Doris, feiert seinen Geburtstag, und wir müssen gleich los zu dieser Party, wo alle diese Wichtigtuer rumrennen und mich mit trockener Geschäftsmaterie vollquatschen werden.« Na, das klingt ja nicht gerade begeistert.
»Gerne, komm morgen vorbei, dann kann ich dir auch erzählen, wie es mir in Der Keller ergangen ist.«
»Im Keller? Was meinst du? Ist etwa wieder Wasser eingedrungen? Ich hatte doch alles sanieren lassen!«
Bevor sich mein Vermieter weiter unnötig aufregte, beruhigte ich ihn:
»Hallo?! Ich wollte nachher los in die Geschichte Der Keller, du erinnerst dich? Dieses große, in Leder eingebundene Buch, das uns schon seit einiger Zeit beschäftigt?«
»Ach, das war heute. So schnell willst du wieder los? … Finde ich gut, umso eher erfahren wir vielleicht, was es mit der ganzen Sache auf sich hat.«
»Das hoffe ich auch.«
»Schön, also viel Glück, ich komme morgen so gegen Mittag zu dir, ist dir das recht?«
»Ist es!«
Dann hörte ich im Hintergrund die Stimme von Doris:
»Willi, komm schon, wir wollen los!«
»Tut mir leid Nick, aber ich muss Schluss machen.«
»Dann will ich dich nicht aufhalten, viel Spaß auf der Party und bis morgen dann!«
»Danke, ich werde mir Mühe geben mit dem Spaß, du weißt doch, wie ich solche Veranstaltungen liebe«, erwiderte er mit einem ironischen Unterton, den ich nur allzu gut dekodieren konnte.
***
Es war wie eine Sucht. Ich musste einfach in die nächste Geschichte, die Neugier war zu groß. Besonders nach meiner Idee, die mir durch das Computerspiel gekommen ist. Ich wollte mit Sam sprechen und nahm mir vor, mich dieses Mal nicht so von der Stimme ausquetschen zu lassen. Bei unserer Begegnung würde es stattdessen heißen: Quid pro quo!
Doch bevor ich meine Reise antrat, musste ich mich noch auf ein zusätzliches Experiment vorbereiten. Ich gehöre eigentlich nicht zu denen, die sich bewusst einen antütern, aber für die Wissenschaft tut man ja so einiges, und so machte ich mich nach drei Lütt un Lütt auf den Weg in den Keller – Prost!
Die Getränke nahm ich in der Küche zu mir und torkelte … nein, ich konnte noch normal gehen, ins Schlafzimmer, wo schon alles für das Ritual vorbereitet war. Bettdecken und Kissen hatte ich vom Bett geräumt. Nur das aufgeschlagene Buch lag auf der Matratze. Ich legte mich rücklings in die Mitte und zog das Buch auf meinen Bauch. Die rechte Hand platzierte ich auf den eingravierten Titel Der Keller – das Tor zu einem weiteren Abenteuer.
Also Augen zu, ruhig atmen und Schäfchen zählen. Die Seite fühlte sich wie immer kühl und hart an, und dann passierte es. Schon im Halbschlaf und damit in dem Zustand, in dem ich in die Welt des Buches gelangen konnte, spürte ich, wie die metallähnliche Oberfläche des Buches warm und weich wurde. Meine Hand versank in der Seite wie in Schaumstoff und wurde eins mit ihr, worauf sich das bekannte Gefühl einstellte: Es war, als krabbelten mehrere tausend Ameisen aus dem Buch heraus auf meine rechte Hand. Danach kribbelte mein rechter Arm, so als würden die Ameisen ihre Reise über diesen fortsetzen. Schließlich war es, als breiteten sich die kleinen Tierchen auf meinem ganzen Körper aus. Es kribbelte überall wie bei einem leichten, sanften Stromstoß. Es war angenehm und entspannend, auch wenn der Vergleich mit den Ameisen und dem Strom was anderes vermuten lässt. Ich hatte also das erforderliche Stadium erreicht. Der Zauber erfasste mich und brachte mich in eine neue Geschichte, die dieses Mal den Titel trug: Der Keller.
Kapitel 1 Roter Schnee
Das Erste, was ich wahrnahm, war ein Knistern und eine blecherne Stimme: »Nächster Halt: Gänsemarkt!«
Langsam öffnete ich die Augen. Aus einem Fenster sah ich verschneite, in der aufgehenden Sonne liegende Häuser an mir vorbeiziehen. Zischend wie eine Schlange zog das Gefährt, in dem ich saß, über die Schienen, dann tauchte es ab in den Untergrund und schlängelte sich durch einen dunklen Tunnel. Also mal wieder ein Zug. Allerdings war dieser im Gegensatz zu dem Zug in meinem Wildwest-Abenteuer recht modern. Ich war wohl nicht in der Vergangenheit gelandet, aber auch nicht in der Zukunft. Was bleibt da noch übrig? Was sagte die Frauenstimme eben? »Nächster Halt: Gänsemarkt!« Dabei fällt mir nur Hamburg ein. Na, sehr weit ins Ausland hat es mich dann nicht verschlagen. Ich habe wohl nur die Billigreise in die nächstgrößere Stadt gewonnen. Nichts mit Karibik oder dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Neonröhren tauchten den Waggon in ein grelles Licht. Mein Kopf fühlte sich schwummerig an von der kleinen Zecheskapade, die ich vor Reiseantritt zelebriert hatte. Das Fazit lautete also: Experiment geglückt, Proband besoffen … Nein, so nun auch wieder nicht! Ich hatte genau die richtige Menge Lütt un Lütt intus. Ich war nicht betrunken, aber auch nicht nüchtern – hicks! Autofahren dürfte ich bestimmt nicht mehr, aber wozu auch, ich fuhr ja mit der Bahn.
Doch kommen wir zurück zum Eigentlichen: Angenehmerweise befand ich mich nicht in einer unbequemen, dahinrasenden Kutsche, nicht in einem antiken Zug und schon gar nicht in einer Sklavengaleere, die mit einem Peitschenschwinger bestückt war, der mich durch einen heftigen Hieb in die Welt der Festung brachte.
Nein, ich saß in einer U-Bahn, wir fuhren durch eine Röhre und kamen nur selten ans Tageslicht. Während ich nun meinem mir noch unbekannten Ziel entgegenratterte, nahm ich die Leute in dem Waggon etwas genauer unter die Lupe.
In dieser Saison schienen für die jungen Herren der Schöpfung geföhnte, gern auch gegelte, hochstehende, mit schwarzen und blonden Strähnen versehene Frisuren angesagt zu sein. Auf einigen weniger gestylten Häuptern entdeckte man bunte, aber auch schlichte Wintermützen, vereinzelte Exemplare waren gestrickt und mit einem Bommel versehen. Die Herren trugen enge Röhrenjeans, Lederjacke mit Stehkragen, wahlweise auch Mantel und Winterjacke. Das Schuhwerk war dem Outfit angepasst: Cowboystiefel, Winterstiefel, auch Turnschuhe wurden vereinzelt getragen. Zwei Anzugträger mit langen Kaschmirmänteln waren ebenfalls an Bord.
Die meisten Mädels trugen ihre langen Haare offen. Vier Frauenköpfe waren durch Dauerwellen aufgeplustert. Einige bunte Leggins schauten unter den Winterjacken hervor, aber auch Jeans und zwei Röcke, alle Damenfüße steckten in Winterstiefeln. Dieser modische Look, der mir in die Augen sprang, kam mir total bekannt vor. Ich hatte ihn schon einmal gesehen. Und nicht nur das − ich hatte ihn auch selbst mit stolzgeschwellter Brust und aus tiefster Überzeugung getragen.
Doch nicht zu diesem Zeitpunkt, denn ich selber trug eine schlichte Winterjacke, Schal, Mütze und Handschuhe – Mann, war mir warm.
Als ich nach einigen Minuten alles um mich herum inspiziert hatte, tauchte die Neonbeleuchtung einer U-Bahn-Station auf. Erst jetzt bemerkte ich den Reisekoffer zwischen meinen Füßen. Die Lautsprecher knisterten erneut und die Blechstimme verkündete: »Gänsemarkt!«
Wir wurden langsamer, dann kam der Waggon mit einem Ruck zum Stehen. Die Reisenden, die sich bereits erhoben hatten, bemühten sich, das Gleichgewicht zu halten. Die U-Bahn stand und ich saß. Sollte ich aussteigen? Weiterfahren? Ich musste mich schnell entscheiden. Die Leute öffneten die Türen und verließen in Windeseile das Abteil, genauso schnell stiegen neue Fahrgäste ein. Als sich die Türen schon wieder zu schließen begannen, sprang ich mit einem Satz auf, griff instinktiv nach dem Gepäckstück zwischen meinen Beinen und hechtete hinaus.
Da stand ich nun auf dem Bahnsteig, die U-Bahn hinter meinem Rücken setzte sich in Bewegung. Na, wenn das hier man richtig ist. Ich entschied, der Menge zu folgen, die vermutlich zum Ausgang strömte. Nach wenigen Metern teilte sich der Menschenstrom; es gab also mehr als einen Ausgang. Ich ließ mich von der Menge, die Richtung Dammtorstraße und Staatsoper strömte, mitnehmen. Wir durchschritten einen Gang, dessen weiß gekachelte Wände Graffiti und andere Schmierereien schmückten. Einige Kunstwerke waren mit Veranstaltungsplakaten übertapeziert. Ich blieb stehen und betrachtete die Plakate genauer. Sie verkündeten, dass David Bowie am 26.06.1982 im Hamburger Volksparkstadion auftreten würde. Ich bin also wirklich in Hamburg, und zwar nicht wie bisher üblich in einer weit zurückliegenden Zeit, sondern im Jahr 1982! Ich starrte auf den Aushang und bekam kaum mit, wie die Menschenmassen an mir vorbeihasteten und mich dabei rücksichtslos anrempelten. Schließlich ließ ich mich erneut im Strom der Menge mitreißen. Es ging eine Treppe hinauf.
Also 1982 − der modische Trend meiner Mit-U-Bahnfahrer hatte mich ja schon vorgewarnt. Also, Leute! Habt ihr Bock auf die Achtziger? Dann folgt mit mir dem Sog der Menge. Macht euch, meine lieben Zuhörer, einmal mehr bereit, mich auf meiner abenteuerlichen Reise zu begleiten. Macht es euch gemütlich, stellt das Telefon auf lautlos und das Handy aus, legt die Beine hoch, schaltet ein behagliches Licht an und seid gespannt auf das, was auf uns lauern wird, wenn wir gemeinsam hinab in den Keller steigen, wo das Grauen sicher schon auf uns wartet.
***
Je höher wir die Treppe hinaufstiegen, desto schärfer wehte mir ein eisiger Wind ins Gesicht. Klasse, dass ich Mütze, Schal und Handschuhe bekommen habe! Danke, großer Unbekannter. Als ich die obersten Stufen erreichte, ertönten die verschiedensten Autohupen und allmählich wurde der Menschenstrom, der sich aus der U-Bahn-Station nach oben in den grauschummrigen Morgen hinaufarbeitete, langsamer. Grün-weiße Polizeiautos parkten mit Blaulicht zwischen den Schneebergen. Ein Martinshorn heulte auf, und der dazugehörige Krankenwagen mit hektischem Blaulicht tauchte hinter einem Häuserblock auf.
Abrupt blieben die Leute vor mir stehen. Unten waren alle noch so in Eile gewesen, als sei der Leibhaftige hinter ihnen her, und hier oben … Stillstand. Nun schienen sie alle Zeit der Welt zu haben. Die Menschentraube wurde immer größer. Wir reckten die Hälse und versuchten, über die Leute vor uns hinwegzuspähen.
Da ich trotz meiner wackeligen Versuche, auf Zehenspitzen zu stehen, nichts erkennen konnte, beschloss ich, etwas zu tun, was so gar nicht meine Art ist. Ich drängelte mich durch die Menge nach vorne. Dabei musste ich mir etliche Pöbeleien und Ellenbogen-Stöße in die Seite gefallen lassen. Ein Schaulustiger entriss mir sogar meinen Koffer und schnauzte mich an:
»He du, was fällt dir ein, glaubst du, ich will nicht auch mehr sehen? Stell dich gefälligst hinten an!«
Doch ihr kennt mich jetzt schon ein wenig länger und könnt euch denken, dass ich mich von solchen Lappalien nicht aufhalten lasse. Ich zog an meinem Koffer und erwiderte:
»Lassen Sie gefälligst los, ich bin Arzt.« Der Typ ließ tatsächlich von mir und dem Koffer ab, und ich drängelte mich dichter an das Geschehen heran. Am U-Bahn-Eingang waren Polizisten damit beschäftigt, die Neugierigen davon abzuhalten, die Absperrung durch die Drängelei zu durchbrechen. Gerade als ich mir einen Platz in der ersten Reihe erobert hatte, meinte ein Polizist:
»Seien Sie doch vernünftig, treten Sie zurück … Herrschaften … Bitte! … Hier gibt es nichts zu sehen!«
Also benahm ich mich wie jeder vernünftige Mensch in so einer Situation. Ich schenkte dem Polizisten keine Beachtung und reckte meinen Hals umso höher. Meine weit aufgerissenen Augen erspähten einen regungslosen nackten Oberkörper, der aus einem Schneeberg herausragte. Er schien mit einer rot glänzenden Schicht überzogen. Gefrorenes Blut? Roter Schnee umzeichnete den Oberkörper zusätzlich. Polizisten schaufelten den toten Mann aus dem Schnee heraus. Von hinten drängelten sich zwei Männer an mir vorbei und setzten gerade an, mit ihren gezogenen Fotoapparaten über die Absperrung zu klettern, als der Polizist sie anblaffte:
»Sind Sie denn ganz und gar verrückt?! Auch Sie bleiben gefälligst zurück – und keine Fotos!«, befahl er und drückte die Kameras runter.
Die Männer, die ich durch ihre an den Mänteln befestigten Presseausweise als Journalisten identifizierte, protestierten lautstark, wobei der eine, ein dauergewellter blonder Schönling mit Schnauzbart, besonders heftig debattierte. Leider konnte ich bei dem Getümmel um mich herum nicht verstehen, was er sagte. Ich hörte dafür noch den Beamten so etwas antworten wie: »Warten Sie auf die Pressekonferenz, da werden Sie alles erfahren«, bevor sich zwei hoch interessierte ältere Frauen zwischen uns quetschten. Gibt es hier was umsonst?
»Es soll ein junger Mann sein, der hier unter dem Schnee gefunden wurde«, begann die eine zu tuscheln.
»Ja, völlig zerfleischt soll er gewesen sein«, tuschelte die andere zurück. »Und nackt!«
»Oh! Wie schrecklich.« Sie hielt sich die Hand vor dem Mund.
»Das ist jetzt schon der Dritte, und alle noch so jung.«
»Und so etwas hier bei uns. Wie furchtbar. Man traut sich ja nachts kaum noch auf die Straße.«
Dann ließen sich die Frauen über die Arbeit der Polizei aus. Die hätte das verhindern müssen, doch stattdessen wäre sie nur damit beschäftigt, Falschparker abzuschleppen und so weiter.
In diesen ganzen Bruchstücken, die ich inzwischen erhascht hatte, steckten ein paar interessante Informationen. Ich wusste jetzt, dass der junge Mann nicht das erste Opfer war. Die Leichen waren mit Blut bedeckt und der Täter hatte bisher nur nachts zugeschlagen. Nachts, viel Blut? Habe ich es wieder mit einem Vampir zu tun? Nee, ein Vampir kann es nicht sein, der würde doch niemals so viel Blut übrig lassen. Es sei denn, er wäre auf Diät. Nick, du spinnst mal wieder.
Dann fiel mir ein großer, schlanker Mann mit grauem Wintermantel und einem schwarzen Hut auf, der in der Nähe der Leiche stand. Er diskutierte mit zwei Männern, vielleicht Kollegen, die wie er in Zivil unterwegs waren. Irgendwie erinnerte er mich an jemanden. Das Aussehen, die Körperhaltung, das wilde Gestikulieren. Mit einer ausgesuchten Höflichkeit fragte ich den Polizisten, der hinter der Absperrung stand und immer noch versuchte, uns von einem weiteren Vordringen abzuhalten:
»Entschuldigen Sie, wer ist der große Mann da hinten − der mit dem grauen Mantel?«
Ich konnte es gar nicht recht glauben, aber ich bekam tatsächlich eine, wenn auch knappe Antwort:
»Hauptkommissar Wallace. Und nun verschwinden Sie, bevor ich Sie einsperren lasse wegen Behinderung eines Polizeieinsatzes.«
»Schon gut, ich bin bereits weg«, antwortete ich und schob mich durch die Menge nach hinten. Hauptkommissar Wallace? An wen erinnert er mich nur? Fällt mir sicher wieder ein.
***
Ich entfernte mich immer weiter weg vom Schauplatz, und nach einigen Metern stand ich vor einem Denkmal. Ich schaute es mir an und las die Hinweistafel. Ach ja, das Lessing-Denkmal. Jetzt weiß ich es wieder. – Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen. – War das nicht von ihm?
In diesem Augenblick registrierte ich zum ersten Mal bewusst, wo ich mich eigentlich befand. Es kam mir gar nicht wie eine Welt aus dem Buch vor. Alles um mich herum war deutlich vertrauter als in den anderen Geschichten. Aber warum sollte es nicht so sein? Wenn ich in das Jahr 1694 reisen konnte, wieso nicht auch in das Jahr 1982, genauso hätte ich wohl auch im Jahre 2129 oder so landen können. Ich hatte zu sehr damit gerechnet, in eine weit entfernte Vergangenheit zu reisen. Ihr sicher auch – oder?
So stand ich einige Minuten grübelnd vor dem Denkmal, bis ein kalter Windstoß, der kleine Schneeflocken mit sich trug, in meine Jacke fuhr. Ich schaute mich um und erblickte ein großes Schild über einem einladenden Eingang. Albatros. Dem Schild zufolge ein Bistro mit integrierter Bar. Ich überquerte die Straße und betrat die rustikal gestaltete Gaststätte. An den Wänden hingen Bilder von James Dean, Humphrey Bogart, Elvis Presley, dem jungen Marlon Brando in Lederklamotten und von Marilyn Monroe. Eine Studentenkneipe der Achtziger. Das Albatros hatte anscheinend durchgehend geöffnet, denn so wie es aussah trafen hier die letzten Nachtschwärmer auf die ersten Frühaufsteher.
Ich gönnte mir eine Frühstückspause. Nachdem ich bestellt hatte, fiel mir ein, dass ich, wenn ich hier nicht abwaschen wollte, Geld benötigte. Ich durchsuchte die Jacke, die ich bereits über die Rückenlehne des Stuhls gehängt hatte, und fand in der Innentasche eine Geldbörse mit einigen großen und kleinen Scheinen unserer guten alten Deutschen Mark. Die Scheine kamen mir vertraut und gleichzeitig sehr fremd vor; es waren noch die alten Scheine, nicht die, die wir vor der Euroumstellung hatten, einige von euch werden sie sicher noch kennen. Und nun ratet mal, wie viel Geld es war. Sage und schreibe fünftausend Mark! Also genügend Knete, um den Kaffee und die beiden halben belegten Brötchen zu bezahlen und sich auch noch ein Zimmer für ein paar Tage zu mieten. So fragte ich die Kellnerin, als sie mir den Kaffee und die Brötchen brachte:
»Entschuldigen Sie, könnten Sie mir hier in der Nähe eine günstige Bleibe empfehlen?«
Sie schaute mich an und lächelte so, als wollte sie sagen: »Bei mir.« In Wirklichkeit aber sagte sie:
»In der Pension Gerhard hier am Gänsemarkt. Die ist sehr nett und vor allem sauber. Ich arbeite da oft am Wochenende zur Frühstückszeit.«
»Da auch! Dann sind Sie ja eine viel beschäftigte Frau.« Ich lächelte der Schönheit, deren Alter ich auf Anfang zwanzig schätzte, zu.
»Ich kann nicht klagen, aber ab und an ist es schon stressig, denn hauptsächlich studiere ich. Mit den beiden Arbeitsstellen finanziere ich mir das Studium. Tanzen gehen am Wochenende kommt da manchmal etwas kurz«, lächelte sie.
Ich nutzte die Gelegenheit und fragte:
»Wochenende? Ich bin ganz durcheinander, weil ich einige Tage unterwegs war, können Sie mir vielleicht verraten, welchen Tag wir heute haben?«
»Heute? – Montag!«
»Richtig, Montag der …«, ich sah sie nachdenklich an. Sie hatte rehbraune Augen, die tief in einem dunkelhäutigen Gesicht lagen.
»Montag, der elfte Januar.«
»Schon der elfte Januar?! Es kommt mir vor, als hätte das neue Jahr erst gestern begonnen. Ich habe jedenfalls fröhlich reingefeiert … Sie auch?«
»Klar! Hier war eine Riesenparty. Wir haben das Jahr neunzehnhundertzweiundachtzig gebührend empfangen.«
»Ja, das ist was! Jetzt haben wir schon neunzehnhundertzweiundachtzig«, sagte ich und dachte: Eigentlich wäre ich jetzt erst zehn Jahre alt. Und ich hörte: »Hallo, Fräulein!«
»Entschuldigen Sie, es war nett, mit Ihnen zu plaudern, aber ich darf die anderen Gäste nicht vernachlässigen.«
»Selbstverständlich, vielleicht sieht man sich mal wieder.«
»Würde mich freuen«, sagte sie lächelnd und drehte sich um. Ihre schwarzen Locken flogen hinter ihr her, als sie zum Nebentisch ging.
***
Das Leuchtschild mit der Aufschrift Pension Gerhard – Zimmer frei zeigte mir mein nächstes Ziel. Doch bevor ich mir ein freies Zimmer organisierte, besorgte ich mir erst einmal eine Zeitung an dem Kiosk, der auf dem Weg lag.
»Moin, ich hätte gern das Hamburger Abendblatt.«
»Einmal Abendblatt – bitte sehr, macht eine Mark, der Herr!«
Geld und Zeitung wechselten die Besitzer, dabei fragte ich:
»Erscheint die Zeitung täglich?«
Fragend schaute mich der Verkäufer an: »Ja, wenn sie nur einmal die Woche rauskäme, wäre es doch eine Wochenzeitung und keine Tageszeitung?!«
»Da haben Sie auch wieder recht. Wissen Sie, ich war mal an zwei besonderen Orten und da gab es nur eine Zeitung pro Woche.«
»Wenn Sie unbedingt wollen … ich habe auch Zeitungen, die nur einmal in der Woche herauskommen. Hier … die Fernsehzeitung zum Beispiel. Für achtzig Pfennig ist es Ihre.«
»Okay, nehme ich auch.«
Ein weiteres Mal wechselten Gegenstände die Besitzer. Als ich die Zeitungen zusammenrollen wollte, sprang mir die fett gedruckte Schlagzeile des Abendblattes entgegen: Wann wird der Schlächter von Hamburg wieder zuschlagen?
»So ganz aktuell ist Ihre Zeitung aber nicht.«
»Wie meinen Sie das?«
»Weil der Schlächter bereits wieder zugeschlagen hat.«
»Habe ich gehört. Das wird bestimmt morgen drinstehen.«
»Na, dann bis morgen. Schönen Tag noch.«
»Danke, Ihnen auch!«
Obwohl ich sehr neugierig auf den Schlächter-Artikel war, sodass ich ihn am liebsten an Ort und Stelle gelesen hätte, rollte ich die Zeitungen zusammen und machte mich samt Lesematerial auf den Weg zur Pension. Dort empfing mich eine rundliche kleine Frau, ich schätzte sie auf Mitte bis Ende sechzig. So wie es aussah häkelte sie gerade an einem Platzdeckchen. Als sie mich sah, legte sie ihre Handarbeit zur Seite, hieß mich herzlich willkommen und stellte sich als Frau Gerhard vor. Ich teilte ihr mit, dass ich für ein paar Tage ein Zimmer suchte. Mit einem Lächeln gab sie mir ein Formular, welches ich pflichtbewusst ausfüllte. Als ich damit fertig war, wollte sie noch meinen Ausweis sehen, doch natürlich fand ich keinen bei mir. Um nun das Ausweisdefizit auszugleichen, meinte ich, dass mir ihre Pension von der Kellnerin aus dem Albatros empfohlen worden sei, die an den Wochenenden bei ihr arbeite.
»Dann geht es schon in Ordnung, geben Sie nur Ihren Namen an. Wenn Sie von Vanessa kommen, ist das als Referenz ausreichend für mich.«
Vanessa.
Damit waren also die Formalitäten erledigt und ich bekam einen Schlüssel. Frau Gerhard ließ es sich nicht nehmen und führte ihren neuen Gast persönlich in das Zimmer, durch dessen Fenster man genau auf das Lessing-Denkmal sah. Zu dem Raum gehörte ein kleines Badezimmer. Super, endlich der ersehnte Übernachtungskomfort! Ihr wisst doch noch, wie ich sonst immer untergebracht war. Hier stand sogar ein kleiner, grüner Fernseher auf einer Kommode. Kennt ihr die Fernseher noch, die nur einen Drehknopf für die drei Programme hatten? Nach der Inspektion des Zimmers schaltete ich das Gerät kurz ein. Das rauschende Schneebild aus schwarzen und weißen Punkten wich nach kurzer Zeit einer farblosen Nachrichtensprecherin, die ich nach einer weiteren Minute auch zu hören bekam:
»Hamburg! Wie uns gerade mitgeteilt wurde, gab es letzte Nacht an der U-Bahn-Station Gänsemarkt ein weiteres Mordopfer. Ein junger Mann, dessen genaues Alter noch unbekannt ist, wurde in den Morgenstunden bei Schneeräumarbeiten gefunden. Dieser ist das dritte Opfer in den vergangenen drei Wochen. Die Polizei hat in einer kurzen Pressekonferenz angedeutet, dass es sich bei dem Mörder mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Serientäter handelt … In den USA kann Präsident Reagan seine einjährige Amtszeit feiern. Rückblickend auf das erste Jahr, meinen einige …«
Jetzt schneite es nicht nur draußen, sondern auch wieder auf dem Bildschirm. Da half kein an der Antenne rütteln und kein Klopfen auf das Gerät. Ich stellte es ab und öffnete den Koffer. Um mir einen Überblick über meine Habseligkeiten zu verschaffen, breitete ich den Inhalt auf dem Bett aus. Zwei Jeanshosen, Unterwäsche, Pullover, Hemden. Keine Pflegemittel. Wo ich hier doch so ein tolles Badezimmer habe. Aber einen aufklappbaren Reisewecker gab es als Bonus. Ich räumte die Sachen in den Schrank. Bekommt eigentlich jeder, der in die Geschichten reist, seine Kleidergröße? Wie geht das?
Dann nahm ich das Hamburger Abendblatt und setzte mich an den Tisch. Aufmerksam studierte ich den Schlächterartikel und erfuhr mehr Details als von der Schwarz-Weiß-Tante aus dem Röhrenapparat. Das Schwarzgedruckte verkündete, dass die beiden jungen Männer, die in den vergangenen Wochen getötet wurden, erst Anfang zwanzig gewesen waren und dass seit Ende letzten Jahres von drei Männern im gleichen Alter jede Spur fehle. Dazwischen wurde ein Zusammenhang vermutet. Der Autor des Artikels nannte auch den Namen des Mannes, der die Ermittlungen leitete: Hauptkommissar Wallace. Danach erging sich der reißerische Text in Spekulationen: Vieles würde darauf hindeuten, dass hinter dem Ganzen eine satanische Gemeinschaft stecke, die den Wolf verehre und sicherlich auch für den Wolfsdiebstahl aus dem Hamburger Tierpark verantwortlich sei, der sich kurz vor dem ersten Mord ereignet hatte. Der Marktschreierartikel endete mit: Bis jetzt waren die Opfer nur Männer Anfang zwanzig. Trotzdem sollte sich keiner in diesen Zeiten zu sicher fühlen … Denn wer weiß, vielleicht könnte es bald jeden jederzeit treffen!
***
Gegen Mittag verließ ich meine neue Bleibe, um mich, wenn möglich, etwas genauer am Tatort umzusehen. Doch da gab es nichts zu entdecken, alles war weggeräumt. Keiner der Passanten blieb mehr stehen, um sich umzuschauen. Der einzig Neugierige war ich, dessen Neugierde am Ende doch noch belohnt wurde. Denn etwas abseits des Leichenfundorts entdeckte ich ein Amulett, genauer gesagt ein Pentagramm, das an einem Lederband hing. Das silberne Ding hatte einen Durchmesser von ungefähr vier Zentimetern. Wie konnte die Polizei das nur übersehen? Ob es mit den Morden zusammenhängt oder hat es einer der Schaulustigen verloren?
Zum ersten Mal in all meinen Abenteuern war mir meine Aufgabe sehr schnell klar: Diese Geschichte drehte sich um die Morde, kein Zweifel. Hier in Hamburg war es nicht so wie in der Karibik, wo ich erst einige Seemeilen überwinden musste, um zu erfahren, worum es in Die Festung eigentlich ging.
Dafür hatte ich große Schwierigkeiten mir zu vergegenwärtigen, dass ich mich wirklich in einem meiner Abenteuer befand. An diesem Ort war mir einfach alles so viel vertrauter als in den anderen Geschichten des Torbuches, die ich bereits durchlebt hatte. Auch wenn ich Hamburg in Wirklichkeit zum ersten Mal 1991 mit meinen Eltern besucht hatte, um das Phantom der Oper in der Neuen Flora zu sehen. Danach waren wir zwei- bis dreimal pro Jahr in der Stadt. Entweder in einem Musical oder im Ohnsorg-Theater, und auch den Gänsemarkt hatte ich in dieser Zeit kennengelernt.
Meine Eltern … in den letzten zwei Jahren musste ich immer seltener an sie denken. Sie wären sicher stolz auf mich, wenn sie wüssten, dass ich Willis Laden übernommen habe. Und meine innige familiäre Beziehung zu Willi und Doris würde sie bestimmt beruhigen. Sie hatten die beiden schließlich auch sehr gemocht. Was würden meine Eltern wohl zu den Torbuch-Erlebnissen sagen? Mutter wäre vermutlich ganz ängstlich und Vater hätte mir das Buch mit Sicherheit weggenommen − nur um dann selbst darin zu verschwinden. Vielleicht wären wir gemeinsam in das Buch gereist. War das eigentlich möglich? Was würde passieren, wenn zwei Menschen ihre Hände gleichzeitig auf einen Titel im Torbuch legten?
Jedenfalls hätte sich mein Vater so eine Gelegenheit nicht entgehen lassen. Er war ein Abenteurer, wie oft war er mit mir zelten und fischen gegangen! Und dann die ganzen aufregenden Dinge, die ich mit ihm in der von ihm geleiteten Pfadfindergruppe erlebt hatte. Ach ja, und die riesigen Kuchen meiner Mutter, über die wir Pfadfinder uns jedes Mal wie eine Meute Wölfe hermachten. Meine Mutter … sie hatte immer als Erste die Hand gehoben, wenn in der Pfadfindergruppe Fahrer gebraucht wurden.
All die Erinnerungen. Nach dem Tod der beiden hatte ich sie einfach nicht ertragen. Deshalb war ich auch aus der Pfadfindergruppe ausgetreten. Jetzt kommt es mir vor, als wären die Erlebnisse meiner Jugend auch nur Abenteuer aus dem Buch. Und meine Eltern? Sie waren dabei wie die Freunde, die ich jedes Mal zurücklassen musste, wenn ich eine Geschichte verließ. Dieser Gedanke gefällt mir, denn es könnte doch vielleicht sein, dass meine Eltern in einer Parallelwelt weiterlebten?
Doch kommen wir wieder zurück zu unserer Geschichte, wo mein Blick gerade auf ein Gebäude der Deutschen Post landete. Instinktiv machte ich mich auf den Weg dorthin. Ich wollte nur eines, nach Hause telefonieren. Technisch war es möglich, aber praktisch? Aus der Reihe an Telefonbüchern der verschiedenen Regionen Deutschlands suchte ich das passende Verzeichnis heraus. Doch ich fand weder Peter Francis noch Willi Funke und das brachte mich wieder zurück in diese Welt der Nichtexistenz. Oder existiert meine Welt zu Hause ebenso wenig? Ich klappte das Telefonbuch zu und ließ es in den Ständer zurückgleiten, wo es genau wie meine Gedanken noch ein bisschen hin- und herpendelte. Ich hätte gerne noch einmal mit meinen Eltern gesprochen. Bei dem Gedanken lief mir allerdings ein kalter Schauer über den Rücken. Denn wenn das möglich gewesen wäre, hätte ich auch mit mir selbst sprechen können. So hatte ich einen Beweis mehr dafür, dass es sich bei den Geschichten nicht um Zeitreisen handelte, sondern eher um eine gleichartige Parallelwelt.
In den nächsten beiden Stunden verschwand meine melancholische Stimmung allmählich. Ich machte mich vertraut mit der Umgebung und stöberte in den Seitenstraßen des Gänsemarktes. Als Letztes schlenderte ich in die Drogerie Bukowski. Dort deckte ich mich mit ein paar Badezimmerartikeln ein. Zahnbürste, Zahnpasta, Rasierzeug, Deo, Duschgel, Shampoo und auch ein paar Tempotaschentüchern. Die sind bei diesem Wetter bestimmt angebracht. Hatschi! Als ich beim Bezahlen das überquellende Portemonnaie sah, überlegte ich mir, einen Teil des Geldes lieber irgendwo zu deponieren, um nicht immer alles mit mir herumschleppen zu müssen. Zurück in der Pension fragte ich also, ob es so etwas wie einen Safe gäbe. Es gab einen. Ich bekam einen Umschlag von Frau Gerhard und schob viertausendfünfhundert Mark hinein. Meine Wirtin quittierte den Empfang und schloss den Umschlag in ihrem Panzerschrank im Büro ein.
Ich ging in meine Kajüte, wie ich mein Zimmer in Erinnerung an mein letztes Abenteuer nannte, und deponierte die Drogerieartikel im Badezimmer. Anschließend begab ich mich nach unten in den kleinen Speiseraum, wo eine ordentliche Portion Rindsgulasch mit Nudeln auf mich wartete. Nach dem Essen verbrachte ich einige Zeit mit dem Abendblatt und der Fernsehzeitschrift. Dann – so gegen sieben Uhr – machte ich mich auf den Weg zum Albatros. Ich wollte mit den Einheimischen in Kontakt treten. Ich hoffte, dass ich so mehr über die Morde erfahren würde. Quasi aus erster Hand ohne schwarz-weiße Nachrichtensprecherin und Druckerschwärze. Im Flur vor meinem Zimmer traf ich auf Frau Gerhard und erzählte ihr von meinem Vorhaben, ausgehen zu wollen.
»Seien Sie bitte recht vorsichtig, Herr Francis, vor allem bei den U-Bahn-Stationen«, entgegnete sie fürsorglich.
»Warum gerade da?«
»Haben Sie denn noch nichts von diesen entsetzlichen Morden gehört?«
»Nicht nur gehört. Als ich heute Morgen ankam, wurde gerade ein Opfer weggebracht.«
»Oh, Herr Francis, was für ein schrecklicher Anblick.«
»Viel war nicht zu sehen, die Polizei hatte alles abgeriegelt … Äh, Sie haben eben angedeutet, dass es gerade bei den U-Bahn-Stationen gefährlich ist, wieso da?«
»Na, weil die Morde doch immer da passiert sind und immer nachts.«
»Das war heute der dritte, oder?«
»Schrecklich, nicht wahr? Und dann noch die Vermissten. Da gibt es bestimmt einen Zusammenhang, so steht das auch in der Zeitung. Ich für meinen Teil werde in nächster Zeit nicht im Dunkeln vor die Tür gehen. Und Sie sind bitte auch schön vorsichtig, denn bis jetzt waren die Opfer immer junge Burschen«, sagte sie und sah mich sorgenvoll an. Anscheinend wieder eine Wirtin, bei der ich den Beschützerinstinkt geweckt habe.
»Eben, junge Burschen«, erwidere ich, »also bin ich doch aus der Nummer raus!«
»Herr Francis, Sie sind doch noch so jung.«
»Na, und Sie erst, werte Frau Gerhard! Ihre Schulzeit kann doch noch gar nicht so lange her sein.«
Lächelnd winkte sie ab und ich verabschiedete mich von der nun deutlich weniger sorgenvoll dreinblickenden Dame. Ohne mir ein schützendes Kruzifix mitzugeben, ließ diese Wirtin mich gehen.
***
Die Stimmung im Albatros war ausgelassener als am Morgen. Da war der Laden zwar ebenfalls gut besucht gewesen, aber es war doch etwas ruhiger zugegangen. Die morgendliche Trägheit hatte den Gästen noch in den Gliedern gesteckt. Jetzt war die Musik lauter und poppiger, Billy Idol schrie rebellisch aus den Boxen. Die jungen Frauen waren greller geschminkt, die Frisuren höher gesteckt und aufgeplustert, von den Hüften standen kurze Tüllröcke ab, die Beine steckten in knalligen Neon-Netzstrumpfhosen. Und um noch eins draufzusetzen, hatten viele ihre Waden mit bonbonfarbenen Stulpen geschmückt. Nietenarmbänder waren bei Jungen und Mädchen beliebt.
An den Tischen hatten sich kleine Grüppchen versammelt. Darunter waren auch einige, die schon das mittlere Lebensalter erreicht hatten und sich, wie sagt man, locker und unauffällig kleideten; so wie ich. Ein Glück, dass sich in dem Koffer normale Klamotten befunden hatten und nicht etwa irgendwelche Jacketts mit ausladenden Schulterpolstern oder so. Ich wollte gerade am Tresen Platz nehmen, als mir jemand auf die Schulter tippte.
»Ja, bitte!«, sagte ich im Umdrehen und blickte in rehbraune Augen.
»Hi, auch wieder da.«
»Oh, arbeiten Sie etwa immer noch? Oder schon wieder?«
»Nein, ich bin mit ein paar Freunden hier … Na, und haben Sie ein Zimmer bei Frau Gerhard bekommen?«
»Oh ja, vielen Dank für den Tipp, echt super da.«
»Frau Gerhard ist eine sehr nette … Ähm, wenn Sie wollen, kommen Sie doch zu uns an den Tisch. Oder sind Sie mit jemandem verabredet?«
»Nö!« Ich schüttelte den Kopf. »Bin ganz alleine hier.«
»Dann kommen Sie, ich möchte Ihnen ein paar Freunde vorstellen. Ich bin Vanessa.«
Weiß ich doch schon längst. Ich tat aber so, als wüsste ich es nicht und stellte mich ebenfalls vor: »Hallo Vanessa, ich bin Nick.«
Wir sahen uns in die Augen. Sie lächelte. Die leuchtend roten Lippen bildeten einen Kontrast zu der hellbraunen Haut. Sie griff nach meiner Hand und zog mich mit. Während ich ihr hinterher taperte, bewunderte ich die wilden pechschwarzen Locken. Unter einer engen Hose und einer ebensolchen Bluse zeichnete sich ihr makelloser Körper ab ... Halt, Stopp! Jetzt habe ich genug geschwärmt.
Also, wie war das noch? Ich taperte hinter der zierlichen Schwarzhaarigen her, bis wir einen Tisch erreichten, an dem eine Frau und zwei Männer saßen.
»Hey Leute! Darf ich euch Nick vorstellen, einen netten Kerl, den ich heute Morgen bei meiner Frühstücksschicht kennengelernt habe.«
Freundliche Begrüßungsworte schallten mir entgegen und Vanessa zeigte auf einen nach dem anderen und nannte mir die Namen:
»Also Nick, das ist Klaus, das meine Freundin und Kommilitonin Alexandra, kurz Alex, und zu guter Letzt haben wir hier noch Dirk. Er ist Koch hier im Albatros, hat aber heute seinen freien Abend. Setz dich«, bat Vanessa und wies auf den einzigen freien Stuhl, während sie sich umdrehte und am Nebentisch fragte:
»Ist der Stuhl hier noch frei?«
»Kannste haben!«
»Danke!«
Seht ihr, mit freundlichen Worten kann man auch in einer vollen Gaststätte zu einer Sitzgelegenheit kommen. Man muss nicht unbedingt jemandem den Stuhl unterm Hintern wegreißen. Sollte sich mal ein gewisser Herr Kapitän ein Beispiel dran nehmen – Aber egal! Das war in einer anderen Geschichte.
Ich fand es sehr angenehm, dass Vanessa mich von diesem Moment an duzte, gab es mir doch gleich ein Dazugehörigkeitsgefühl und es schmeichelte mir sehr, denn ich kam mir gleich viel jünger vor. Doch zurück zu den Anwesenden. Wie dieser Klaus, den ich irgendwo schon mal zu sehen geglaubt hatte, ich wusste nur nicht wo. Doch als er erzählte, dass er Journalist sei, fiel es mir sofort wieder ein. Er war der dauergewellte Schnurbartträger, den ich am Morgen zusammen mit dem anderen Journalisten am Tatort gesehen hatte.
»Ich bin vom ersten Tag an der Story dran und bin mir sicher, dass uns die Polizei einiges verschweigt.«
»Was sollen die uns schon so Wichtiges verschweigen?«, meinte Vanessa, »glaubst du immer noch, dass es sich um Ritualmorde handelt?«
»Alles, was ich rausbekommen habe, spricht dafür. Zum Beispiel das mit dem geklauten Wolf aus dem Tierpark. Kurz danach fingen die Morde an. Die Polizei streitet natürlich ab, dass der Wolf was mit der Sache zu tun hat.«
»Hat der Wolf deiner Meinung nach auch die anderen Studenten entführt?«, fragte Vanessa spitz.
»Wenn du rechnen könntest, meine Liebe, wüsstest du, dass das nicht angehen kann, da der erste Student verschwand, als der Wolf noch in seinem Käfig saß. Aber im Ernst, ich bin mir ziemlich sicher, dass die Nightstalker für das alles verantwortlich sind.«
»Nightstalker?«, murmelte ich.
»Das ist eine sektenartige Satansgemeinschaft. Die Jünger der Nacht, wie sie sich auch nennen, bilden sich ein, sie könnten sich in alles Mögliche verwandeln. Der Wolf ist ihr Maskottchen. Sie tragen schwarze Klamotten und schmieren ihre Gesichter weiß an. Leider fehlen mir noch tatkräftige Beweise, die sie mit den Morden in Verbindung bringen, ansonsten hätte ich in meinem Artikel schon längst konkrete Andeutungen gemacht. Aber bald ist es so weit … verlasst euch drauf.«
»Schreibst du fürs Abendblatt?«
»Ganz recht! Hast du meinen Artikel in der Ausgabe heute gelesen?«
»Zeile für Zeile!«
Ich überlegte, dann zog ich das Amulett aus der Tasche.
»Hier, kannst du damit was anfangen?«
Klaus nahm es in die Hand, wiegte den Kopf und meinte schließlich:
»Interessant, ein umgekehrtes Pentagramm, das Symbol für Okkultismus und Satanismus. Wo hast du das her?«
»Habe ich in der Nähe der letzten Leiche gefunden.«
»Seht ihr, ein Beweis für meine Vermutung. Jetzt kann ich meinem nächsten Artikel den rituellen Hintergrund verleihen: Satanisches Symbol bei Leiche gefunden.«
»Na ja, nun nicht gerade bei der Leiche.«
»Das ist Journalismus, wir werden uns hier doch nicht um ein paar Meterchen streiten«, grinste er zufrieden.
Er gab mir das Amulett zurück, musterte mich und fragte:
»Hast du Lust, mich morgen zur Pressekonferenz zu begleiten?«
»Das wäre bestimmt sehr interessant, aber ist das nicht nur für Journalisten?«
»Kein Problem! Komm mal kurz mit.«
Mit einem Fragezeichen im Gesicht folgte ich Klaus.
»Stell dich da mal an die Wand.« Er zückte seinen Fotoapparat und schoss ein Bild von mir. Danach tat er sehr geheimnisvoll. Zurück am Tisch unterhielten wir uns weiter über dies und das, bis Alex auf ihre Uhr schaute:
»Ach du Schande, schon halb elf! Ich muss los, morgen habe ich einen anstrengenden Tag, und du solltest auch los, Vanessa, denk an die Vorlesung morgen früh.«
»Du hast wie immer recht. Würdest du nicht auf mich aufpassen, würde ich wohl sämtliche Vorlesungen verpennen.«
»Oder verquatschen,« meinte Klaus und Vanessa streckte ihm die Zunge raus. »Bäh!«
»Ich sollte auch los«, sagte Dirk, »morgen um sechs muss ich wieder in der Küche stehen. Frühstücksschicht, das bedeutet jede Menge Rührei mit Krabben … Was ist, Alex, teilen wir uns ein Taxi?«
»Gerne, aber jeder fährt in seine eigene Wohnung, du weißt, wie sonst die Nacht endet, und wir beide kriegen morgen früh kein Auge auf.«
»Ja, ja, verstehe – hast ja recht!«, murmelte Dirk und machte ein enttäuschtes Gesicht.
»Und du, Vanessa, wie kommst du nach Hause?«, fragte ich fürsorglich.
»Ich wohne nur zwei U-Bahn-Stationen von hier entfernt.«
»Ist das nicht ein bisschen gefährlich, so allein und schutzlos? Wenn man den Medien Glauben schenken darf«, ich lächelte zu Klaus hinüber, »kann es jeden jederzeit treffen«, ich schaute zurück zu Vanessa, »darum würde ich mich anbieten, dich nach Hause zu begleiten.«
»Aber die Opfer sind doch männlicher Natur«, entgegnete sie.
»Das kann sich schnell ändern. Die Jünger der Nacht warten schon«, mischte sich Klaus ein.
»Du Idiot, aber vielleicht habt ihr recht«, sagte sie und runzelte die Stirn. Dann schaute sie mich so prüfend an, als würde ich mich bei ihr um einen Modeljob bewerben. »Na ja, als Bodyguard könntest du gerade noch so durchgehen.«
***
Die zwei U-Bahn-Stationen hatten wir schnell hinter uns gebracht und so stand ich schon bald mit Vanessa vor einem Mehrfamilienhaus.
»Da wären wir! Hier wohne ich im vierten Stock. Danke, dass du mich begleitet hast.«
Ein Kuss auf meine Wange unterstrich ihre Dankbarkeit.
»Bist du morgen Abend wieder im Albatros?«
»Wenn du auch da bist, würde ich gerne kommen.«
»Super, so gegen acht könnte ich da sein.«
»Super, ich freue mich! Dann bis morgen Abend und gute Nacht, Vanessa.«
»Gute Nacht, Nick«, sagte sie, drehte sich in Richtung Haustür, steckte den Schlüssel ins Schloss und drückte die Tür auf. Dann drehte sie sich noch mal zu mir um, lächelte und verschwand im dunklen Hauseingang, wo gleich darauf das Licht anging. Durch das Glas der Haustür sah ich ihren Schatten die Treppe hinaufsteigen.
Ach, ich finde es hier ganz nett in Hamburg.
Mit geküsster und nun erröteter Wange stiefelte ich durch den Schnee zurück zur U-Bahn. Die Rückfahrt verbrachte ich mit zwei lallenden Punkern, einem Rentnerehepaar und drei kichernden Teenies. Wieder am Gänsemarkt traf ich auf drei ganz in Schwarz gekleidete Typen und eine Typeline, die mit einem von den Kerlen Händchen hielt. Ihre Gesichter waren weiß geschminkt, die Lippen und Augenränder schwarz. Auch klamottentechnisch glichen sich alle, bis auf die Beinkleidung. Statt der schwarzen Jeans trug das Mädchen schwarze Leggins und darüber einen schwarzen Rock. Der Längste von den drei Kerlen, der mit dem Mädchen an der Hand, hatte seinen schwarzen langen Ledermantel nicht ganz geschlossen und auf seiner Brust hing ein Pentagrammamulett. Vielleicht ist das Ding hier Mode und hat nichts zu bedeuten … Oder das sind Leute von dieser Sekte, von der Klaus erzählt hat. Diese, wie hat er sie noch genannt? Nightstalker!
Die Gruppe in Schwarz setzte sich auf die Rückenlehne einer Bank, die Füße stellten die vier auf die Sitzfläche, die von einer dünnen Schneedecke überzogen war. Sie kramten Bierdosen aus ihren Rucksäcken, rissen sie auf und zündeten eine selbstgedrehte Zigarette an, die aussah wie eine Miniaturschultüte. Wir können uns wohl denken, was da für eine Mischung eingerollt war. Die Tüte machte die Runde, als mich plötzlich einer der vier lallend anpöbelte:
»Was glotzt‘n so? Willste was aufs Maul?!«
»He, halt dich zurück, Tarek«, meinte der Lange und griff den Pöbler am Arm.
»Was ist, Judas, der Typ gefällt mir nicht!«, lallte Tarek, der als Einziger einen schwarzen Bürstenhaarschnitt trug. Die schwarzen Haare der anderen waren mehr oder weniger lang und glatt. Dieser Tarek hatte ein breites Kreuz und schien ganz schön muskelbepackt zu sein, so viel konnte ich trotz des Mantels erkennen. Ich antwortete ruhig: »Ich will keinen Ärger haben, Freunde, bin schon weg.«
»Wir sind nicht deine Freunde – klar?!«, fauchte die Tante nicht weniger lallend.
»Genau, lauf nach Hause zu Mutti – du blöder Wichser!«, setzte Tarek noch nach. Der Große, den sie Judas nannten, war vermutlich der Einzige von ihnen, der noch einigermaßen klar im Kopf war. Der dritte Kerl im Bunde schien schon völlig weggetreten zu sein. Der spindeldürre, etwas zu kurz geratene Jüngling kippte plötzlich von der Bank nach hinten in den Schnee.
»Oh Mann, Roger, was treibst du da wieder?«, fragte das Mädchen, und während sich alle um den im weißen, kühlen Nass liegenden Roger kümmerten, setzte ich meinen Heimweg fort. Auf eine weitere Unterhaltung oder gar eine Auseinandersetzung mit diesen Schreckgespenstern konnte ich gern verzichten.
»Ja, verpiss dich Alter!«, grölte Tarek hinter mir her.
Jo, du mich auch!
Kapitel 2 Über die Dächer von Hamburg
Das Rattern meines Reiseweckers beförderte mich aus dem Sandmännchenreich ins Hamburgreich. Gemächlich rappelte ich mich auf. Um zehn Uhr sollte die Pressekonferenz beginnen. Genug Zeit um mir eine warme Dusche zu gönnen. Ich fühlte mich richtig wohl in meinem Pensionszimmer. Nun gut, es war keine Fünf-Sterne-Suite, aber im Vergleich zu meinen sonstigen Unterkünften war es doch fürstlich.
Nachdem ich mich für den Tag fertig gemacht hatte, servierte mir in der Gaststube eine nette Dame mittleren Alters ein Frühstück. Schade, dass heute nicht Samstag ist. Ich fühlte mich geborgen wie bei Großmuttern. Dementsprechend sah auch die Einrichtung aus. Rustikale Möbel, holzvertäfelte Wände waren mit Stickbildern, die sich hinter Glasrahmen verbargen, verziert und gehäkelte Deckchen schmückten die Tische. Der Dielenboden knarrte unter den Füßen. Es roch nach kaltem Rauch und altem Holz, aber nicht unangenehm, eher gemütlich, eben alt, selbst für 1982. Ich fühlte mich in die Fünfziger- oder Sechzigerjahre versetzt.
Klaus stand mit einigen anderen Reportern vor dem Polizeipräsidium, das sich im sogenannten Berliner-Tor-Center befand. Es gab keinen Hals, der nicht mit einer Kamera behängt war, und keinen Mund, in dem nicht eine Zigarette qualmte. Als Klaus mich sah, löste er sich aus der Gruppe.
»Moin Nick!«
»Moin Klaus.«
»Hier, für dich.«
Ich nahm eine Karte entgegen und warf einen Blick darauf.
»Ah, dafür war das Foto … oh, danke, du hast mich fünf Jahre jünger gemacht.«
»Oh, bitte, keine Ursache. Ich musste mir heute Morgen schnell ein Geburtsdatum für deinen Presseausweis ausdenken – Herr Kollege!« Er zwinkerte verschwörerisch.
Plötzlich brach Hektik unter den Journalisten aus und sie hasteten zum Eingang.
»Es geht los! Auf in die Arena«, meinte Klaus und schnippte seine Zigarette in den Schnee.
Die Kontrolleure warfen nur einen flüchtigen Blick auf den Presseausweis und so war es keine große Sache, an ihnen vorbeizukommen. Es gelang uns, Plätze in der zweiten Sitzreihe zu erkämpfen. Noch unterhielten sich die Anwesenden und gestikulierten wild durcheinander, bis sich nach einer Weile eine Tür öffnete, und zwei uniformierte Politeibeamte und drei in Zivil den Raum betraten. Sie nahmen an dem länglichen Tisch vor uns Platz. Die Presseleute verstummten.
»Guten Morgen, meine Damen und Herren, mein Name ist Müller, die meisten von Ihnen kennen mich sicher, ich bin der Pressesprecher der hiesigen Polizei. Rechts neben mir sitzt Hauptkommissar Wallace und daneben der Gerichtsmediziner Dr. Kleinschmidt.«
Dann stellte er noch die beiden Grünen vor, deren Namen ich aber gar nicht mitbekam. Ich konzentrierte mich voll und ganz auf diesen Wallace, einen großen, schlanken, ernst dreinblickenden angegrauten Mann, den ich ja schon am Tatort hinter der Absperrung gesehen hatte. Er trug wieder diesen grauen Mantel und den Hut. Den Mantel behielt er an, er wollte wohl kein langes Kaffeekränzchen abhalten. Den Hut ließ er auf den Tisch fallen. Wo habe ich den Mann schon mal gesehen? Der Pressesprecher erteilte Wallace das Wort:
»Nun wird Ihnen Hauptkommissar Wallace einige Einzelheiten von den Morden berichten.«
»Guten Morgen«, begann der Angesprochene und schon bei diesen beiden Worten merkte man, dass er wenig Lust hatte, sich hier mit uns abzugeben. Routiniert begann er:
»Wie Sie alle wissen, haben wir es jetzt mit dem dritten Mord zu tun, und nach neuesten Erkenntnissen können wir davon ausgehen, dass es sich um einen Serienmörder handelt.«
»Wie kommen Sie zu dieser Annahme? Wurden die Opfer alle gleichermaßen zugerichtet?«, rief einer dazwischen.
»Würden Sie mich bitte ausreden lassen, ich wollte gerade Dr. Kleinschmidt bitten, dazu etwas zu sagen.«
»Die Opfer weisen alle die gleichen Verletzungen auf, das ist richtig«, setzte der Gerichtsmediziner an und wurde auch prompt unterbrochen.
»Und welche genau?«
»Schnittverletzungen am Hals und am Körper.«
»Was ist mit der Tatwaffe?«, rief Klaus dazwischen.
»Vermutlich wurden die Morde mit so etwas begangen«, antwortete der Gerichtsmediziner, holte aus einer Aktentasche eine Art Handschuh mit Kralle heraus und hielt ihn für alle gut sichtbar in die Luft. Plötzlich brach ein Blitzlichtgewitter über den Handschuh herein.
»Was ist das?«, fragte einer.
»Sieht aus wie eine Kletterkralle. Wollen Sie uns etwa weismachen, dass Ninjas hier ihr Unwesen treiben?«, rief ein anderer.
»Nein, natürlich nicht! So eine Kralle bekommt man in jedem Sportgeschäft.«
»Könnten die Wunden auch von Tierkrallen verursacht worden sein? Oder könnte es sich auch um Bissverletzungen handeln?«, fragte Klaus. Der Hauptkommissar antwortete:
»Ich weiß, dass Sie, Herr Faller, da eine ganz spezielle Theorie verfolgen, aber seien Sie doch mal realistisch. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wolf hier in Hamburg längere Zeit frei und vor allem unbemerkt herumlaufen kann? Außerdem wurde nichts gefunden, was darauf hinweist, dass sich ein Hund, geschweige denn ein Wolf in der Nähe der Leichen aufgehalten hat.«
»Und was sagen Sie dazu, dass in der direkten Nähe …« Klaus stupste mich an und flüsterte: »Hast du das Amulett dabei?«
»Was war in direkter Nähe? … Herr Faller! Wir warten!«, drängte der Kommissar.
Ich holte das Amulett aus meiner Jackentasche und gab es Klaus, der es sogleich triumphierend hochhielt.
»Hier, dieses Amulett, ein satanisches Symbol, lag in der Nähe des Fundortes!«
»Ach, Ihr Lieblingsthema, Herr Faller. Wölfe, Satanismus, Okkultismus, Ritualmord. Wir haben doch schon einmal darüber gesprochen und es ist nichts dabei herausgekommen.«
»Weil Sie es so wollen!«
»Herr Faller, ich halte mich an Fakten und dieses Ding ist kein Beweis. Wo und wann haben Sie es denn überhaupt gefunden?«
»Gestern, ganz in der Nähe der Leiche, nachdem ihre Kollegen alles untersucht hatten und die Leiche weggeschafft worden war.«
»Also kann es auch jemand danach verloren haben?«
»Das dachte ich mir, dass Sie das sagen würden!«
»Denken Sie, was Sie wollen. Wir suchen nach Beweisen, um den Mörder zu finden. Wir jagen keinen Obskuritäten nach.« entgegnete der Kommissar scharf und ließ sich nach hinten gegen die Stuhllehne fallen und öffnete den Mantel.
»Und was ist mit den vermissten Personen? Sind Sie da endlich weitergekommen? Gibt es eine Verbindung zwischen denen und einem der Toten?«, fragte eine Journalistin aus einer der hinteren Reihen.
»In den verschiedenen Abteilungen des Dezernats wird auf Hochtouren gearbeitet«, wich Hauptkommissar Wallace aus.
»Ist das Ihre Antwort? Sollen wir unseren Lesern mitteilen, dass die Polizei auf Hochtouren arbeitet, nur leider im Leerlauf?«, konterte sie.
In das darauf folgende spöttische Gelächter rief ein aufgebrachter Journalist:
»Oder haben sich Ihre Abteilungen schon mit dem Tod der Verschwundenen abgefunden und Sie warten jetzt nur darauf, dass aufmerksame Bürger die Jungs finden?«
»Da es sich um einen Serientäter handelt, ist es doch wohl offensichtlich, dass die Verschwundenen auch tot sind«, rief ein Journalist aus der ersten Reihe. »Serientäter? Oder waren es doch Ninjas?«, rief ein anderer. Einige lachten, selbst die Herren vor uns am Tisch konnten sich ein schmunzelen nicht verkneifen. Nur der Kommissar blieb regungslos mit versteinerter Miene. Ein weiterer Journalist forderte: »Geben Sie es doch zu, Herr Hauptkommissar, Sie haben gar nichts und rätseln nur rum!«
Der Pressesprecher mahnte:
»Bitte, mäßigen Sie sich und lassen Sie den Herrn Hauptkommissar in Ruhe sprechen.«
Der Hauptkommissar ergriff wieder das Wort: »Wir haben bis jetzt noch keinen Anhaltspunkt, der uns zu dem Täter führt, das ist richtig. Die Wetterlage macht es uns unmöglich, brauchbare Spuren zu finden. Dieser ständige Schneefall und dann wieder das Tauwetter … und die Autopsien haben bis jetzt ebenfalls keinen Hinweis auf einen Täter ergeben, und auf die Auswertung des letzten Opfers warten wir noch. Mehr habe ich diesem Thema momentan nicht hinzuzufügen, und Sie, meine Damen und Herren, haben jetzt mehr als genug Material für Ihre weiteren spekulativen Schmierereien.«
Ende des Monologs, Abgang des Hauptkommissars. Der Gerichtsmediziner und die uniformierte Dekoration folgten.
Natürlich schwappte noch ein Schwall Fragen von den aufgebrachten Reportern hinter ihnen her, doch die blieben unbeantwortet im Raum stehen. Der Pressesprecher brauchte einige Minuten, um die Journalistenmeute zur Räson zu bringen. Dann sagte er:
»Sie haben Hauptkommissar Wallace gehört, es ist alles gesagt worden. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Tag.«
»Na, die haben sich ja wieder geschickt aus der Affäre gezogen«, meinte Klaus.
»Mmh«, meinte ich und fragte: »Was hältst du von dem Ganzen?«
»Bullshit! Dass ich nicht lache. Die wollen doch nur, dass die Leute nicht hysterisch werden. Sobald von Ritualmorden und einem wilden Wolf die Rede ist, werden alle ausflippen und auf die Jagd gehen. Da haben sie sich dann für das kleinere Übel entschieden, den Serienmörder. Ich bin mir sicher, die wissen mehr als sie zugeben. So blöd, wie die tun, sind sie nicht. Denn was haben wir schon erfahren? … ich sag‘s dir: Gar nichts!«
»Okay, wenn du meinst, dass uns der Kommissar etwas verschweigt, sollte ich dann nicht einmal versuchen, persönlich mit ihm zu sprechen? Er kennt mich nicht, ich könnte mich als Autor ausgeben und behaupten, dass ich an einem Buch über die verschiedenen Arten zu morden arbeite. Ein Sachbuch darüber, wozu Menschen fähig sind − das macht bestimmt Eindruck.«
»Wallace hat dich doch sicher eben gesehen.«
»Und wenn schon. Das war für meine Buchrecherche. Ich werde ihm gestehen, dass ich mich mit einem falschen Ausweis reingeschlichen habe. Oder ist das strafbar?«
»Ich glaube nicht, das gilt vielleicht als grober Unfug und du kommst mit fünfundzwanzig Mark Strafe davon!« Er grinste. »Also gut«, meinte er mit einem Blick zur Uhr, »ich muss jetzt dringend in die Redaktion, meine Schreibmaschine wartet schon auf mich. Komm doch heute Abend ins Albatros, da kannst du dann berichten, was du bei Wallace erreicht hast.«
»Ich bin sowieso da, ich habe eine Verabredung.«
»Oh! Wer ist die Glückliche?«
»Wieso glaubst du, dass es eine Frau ist?«
»Wozu ist man denn Reporter? Man hat eben seine Quellen … Also, bis dann!«
***
Nach einem Teller Linseneintopf, den ich zur Mittagszeit bei Frau Gerhard weggeputzt hatte, fuhr ich zurück zum Polizeipräsidium. Nach der Pressekonferenz hatte ich den Kommissar nicht mehr angetroffen, ich hoffte darauf, jetzt mehr Glück zu haben. Der Mann am Empfang wollte mich sofort wieder wegschicken. Er sagte, dass der Herr Hauptkommissar nicht im Hause sei. Doch das Glück war auf meiner Seite. Denn der Mann hatte seinen Satz gerade beendet, als der Kommissar durch den Haupteingang schritt. Hatte der Pförtner doch nicht gelogen, ich hatte ihm glatt unterstellt, dass er mich angeschwindelt hatte, nur damit ich mich vom Acker machte. Pfui Nick, so etwas von einem deutschen Staatsdiener auch nur zu denken.
»Da kommt er doch«, sagte ich sogleich.
»Na, schön, versuchen Sie Ihr Glück.«
»Moin Otto«, grüßte der Kommissar im Vorbeigehen. Ich war für ihn anscheinend Luft. Trotzdem sprach ich ihn an:
»Entschuldigen Sie bitte, Herr Hauptkommissar. Könnte ich Sie einen kleinen Augenblick sprechen?«
Er blieb stehen und drehte sich zu mir. »Ich habe bereits alles auf der Pressekonferenz gesagt und dem nichts hinzuzufügen.«
»Das sagten Sie, aber lassen Sie mich doch erklären. Ich bin kein lästiger Reporter, ich bin ein sehr korrekt recherchierender Buchautor. Mein Name ist Nick Francis, ich arbeite gerade an einem Buch über Mordarten. Darüber, wie sie entstehen und wie man sich vor ihnen schützen kann. Und ich dachte, dass Sie mir da ein paar Fragen beantworten könnten.«
»Und wie sind Sie in die Pressekonferenz gekommen, wenn Sie kein Journalist sind? Doch nur mit einem Presseausweis.« Der Kommissar grinste, als hätte er mich einer Lüge überführt.
»Ganz einfach, hiermit!« Ich zauberte das gefälschte Papier vor die Kommissarnase. Prüfend warf er einen Blick auf das Dokument, dann auf mich:
»Und mit diesem selbst gebastelten Teil sind Sie tatsächlich reingekommen?«
»Sie wissen doch, was das für ein Gedränge war. Die Reporter haben die Dinger hochgehalten und sind einmarschiert.«
»Also kein Journalist … Buchautor … was haben Sie denn schon so veröffentlicht?«
»Also, äh, drei Abenteuergeschichten, aber das war woanders. Wenn ich es recht bedenke, ist es hier mein erstes Buch, und es soll auch ein seröses Sachbuch sein, kein schnöder Krimi«, winkte ich ab.
Der Kommissar musterte mich stumm und ich hatte das Gefühl, dass ich bei ihm verschis… hatte. Vielleicht hatte ich mich zu dämlich angestellt. Er fühlte sich bestimmt verarsch… Doch zu meiner Verwunderung ließ er mich nicht von Otto, der mit gespitzten Ohren in seinem Glaskabuff hockte, rausschmeißen.
»So, so, und da meinen Sie, dass diese Morde hier bei uns gut in Ihr Buch passen würden?«
»Warum nicht? Und da liegt es doch nahe, so jedenfalls meine Überlegung, dass ich mal mit jemandem spreche, der sich mit so etwas praktisch auseinandersetzt und nicht nur wie ich theoretisch.«
»So, das war Ihre Überlegung! Nun, hören Sie, Sie sind einer von vielen, die mich täglich mit Fragen löchern und ich sage allen das Gleiche. Lesen Sie die Presseberichte, denn dazu sind sie da. Die werden auch Ihnen bei Ihrem Projekt weiterhelfen. Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe meine Arbeit machen. Ich hab seit gestern den dritten ungeklärten Mord und ein Ende ist nicht in Sicht. Also, junger Freund, wenn Sie mit mir reden wollen, dann nur, wenn Sie etwas zu den Taten sagen können. Wenn Sie Hinweise gefunden haben, abgesehen von irgendwelchen nichtssagenden Schmuckstückchen, dann lassen Sie es mich wissen, ansonsten wünsche ich Ihnen einen schönen Tag, und unterstehen Sie sich, sich noch einmal in eine Pressekonferenz einzuschleichen.« Mit diesen Worten drehte er sich um und erklomm die Treppenstufen.
Wenn ich mit ihm reden will, soll ich ihm also etwas sagen. Hat er mir jetzt den Auftrag erteilt, zu ermitteln? Ich finde, schon. Der Ansicht seid ihr doch auch – oder? Also aye, aye Kapitän Quinn, wie ich in einer anderen Geschichte zu dem Mann gesagt hätte, denn inzwischen dämmerte mir, an wen mich dieser Wallace erinnerte.
Während ich so dastand und dem davonsteigenden Kommissar nachschaute, spielte ich mit dem Amulett in meiner Jackentasche. Die Spekulationen von Klaus reichten also nicht, und dem Kommissar reichte es, davon zu hören. Ich brauchte richtige Beweise. Für den Moment war ich trotzdem zufrieden mit mir. Ich wünschte Otto noch einen schönen Tag und verließ das Gebäude in der Überzeugung, dass ich von Hauptkommissar Wallace persönlich den Auftrag erhalten hatte, in der Sache zu ermitteln.
Achtung! Kleine Randnotiz: Ab jetzt werde ich der Einfachheit halber von Kommissar Wallace reden. Das Haupt lasse ich unter den Tisch fallen, so wie ich es stellenweise schon getan habe. Auch wenn das dem Herrn Hauptkommissar nicht gefallen würde, denn darin ist er pingelig, wie ihr noch merken werdet. Aber mir muss er es wohl oder übel verzeihen.
***
An einem Imbiss in der Nähe des Tatortes verdrückte ich eine Currywurst mit Pommes und Mayonnaise und spülte beides mit einem Bier runter. Wenn nicht einige Passanten auf dem Platz stehen geblieben wären und dorthin gedeutet hätten, wo die Leiche gelegen hatte, um dann ihrer Begleitung etwas ins Ohr zu tuscheln und dabei das Gesicht vor Entsetzen zu verziehen, hätte nichts auf das schaurige Schauspiel hingedeutet, das sich hier im Morgengrauen des Vortages abgespielt hatte.
Während ich das Bier austrank, ließ ich meinen ersten Abend in Gedanken Revue passieren. Natürlich auch das Küsschen von Vanessa, das ich noch immer auf meiner Wange spürte. Dann war da noch die etwas unschönere Begegnung mit den drei schwarz gekleideten Gentlemen und ihrer First Lady. Ich holte das Amulett aus der Jackentasche und betrachtete es in meiner Handfläche. Ist es Zufall, dass einer der Typen genauso eines hatte? Wenn ich doch nur etwas Brauchbares für den Kommissar rausbekommen könnte! Etwas, was ihn überzeugt. Dann stünde einer Zusammenarbeit sicher nichts mehr im Wege, und er würde mir bestimmt so einiges erzählen, worüber er in der Pressekonferenz geschwiegen hat. Quid pro quo, oder wie heißt es so schön? Jedenfalls muss ich diesen Fall lösen, da es wahrscheinlich die einzige Möglichkeit für mich ist, wieder nach Hause zu kommen.
Kleine Anmerkung für diejenigen unter euch, die zum ersten Mal dabei sind: Die anderen Geschichten musste ich auch immer bis zum Ende durchleben, also bis sich alles in irgendeiner Form aufgeklärt hat. Erst dann erwachte ich wieder in meinem Bett. Und nun weiter im Text:
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