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Philipp Elhaus, Christian Hennecke, Dirk Stelter,
Dagmar Stoltmann-Lukas (Hg.)
Kirche2 Eine ökumenische Vision
Philipp Elhaus, Christian Hennecke, Dirk Stelter, Dagmar Stoltmann-Lukas (Hg.)
Kirche2
Eine ökumenische Vision

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.
© 2013 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter-verlag.de
Umschlag: wunderlichundweigand.de
Satz: Hain-Team, Bad Zwischenahn (www.hain-team.de)
Druck und Bindung: CPI, Clausen & Bosse, Leck
ISBN
978-3-429-03548-8 (Print Echter Verlag)
978-3-7859-1136-5 (Print Lutherisches Verlagshaus)
978-3-429-04708-5 (E-Book PDF)
978-3-429-06122-7 (e Pub)
Inhalt
Wort zum Geleit
Kirche2 – eine Idee und ihre Geschichte
Inspirationen
Graham Cray: Kirche ganz frisch
Hans-Hermann Pompe: Im Westen was Neues? Ein Kommentar
Gisèle Bulteau: Die Ortskirche von Poitiers
Eric Boone: Eine Kirche der Nähe
Estela Padilla: „Ohne Vision verkümmert das Volk“
Aufbruch in die Lebenswelten
Heinzpeter Hempelmann: Milieugrenzen überschreiten! Das Evangelium milieusensibel und lebensrelevant kommunizieren
Matthias Krieg: Lebenswelten – terra incognita im eigenen Land
Matthias Sellmann: Glauben, oder: Vom Unterschied zwischen Teebeuteln und Piranhas
Christina Brudereck: Kirche hoch 2
Harald Schroeter-Wittke: Musik und Milieus – grundlegende Überlegungen
Gerhard Wegner: Sozialräume sind Kraftfelder Gottes. Kirche, Diakonie und die Erneuerung der Sozialität in Stadtteilen und Dörfern
Wandel gestalten
Valentin Dessoy: Rückbau – Umbau – Neubau? Eckpunkte einer systemisch fundierten und strategisch ausgerichteten Kultur des Lernens in der Kirche
Damian Feeney: Missionale Leitung
Burghard Krause: Spiritual/Missional Leadership. Geistliche Leitung in missionarischem Horizont
Hans-Hermann Pompe, Hubertus Schönemann: Was heißt – bitte schön – Mission?
Carsten Hokema: Wir gehen hin
Markus Weimer: Das Fresh-X-Netzwerk – Kirche. erfrischend. vielfältig
Michael Herbst: Wie finden Erwachsene zum Glauben?
Klemens Armbruster: Wieso verlieren Erwachsene den Glauben?
Christian Hennecke: Wandel hoch zwei – zehn Wegmarken ins Neuland
Kirchliche Orte und Kontexte
Thomas Söding: Auf hoher See. Kirchenschiffe im Neuen Testament
Jochen Arnold: Schmecket und sehet! Praktisch-theologische Überlegungen zur Feier menschenfreundlicher Gottesdienste
Stephan Winter: „Man trifft sich dann im Gottesdienst!?“ Gottesdienste in größeren Seelsorgeeinheiten als eine zentrale Herausforderung der Pastoral im pluralistischen Umfeld
Paulus Terwitte, Fabian Vogt: Leidenschaftlich predigen. Verkündigung im 21. Jahrhundert
Hans Jürgen Marcus: „Ein starkes Stück Kirche“. Die Caritas und ihre Rolle für die Zukunftsfähigkeit der Kirche
Michael Hochschild: Im Fluss fließt die Quelle. Zur Rolle der Orden und Bewegungen für die Kirche von morgen
Martin Alex, Thomas Schlegel: Von ländlicher Idylle und schrumpfender Peripherie – Hintergründe und Ausblicke
Philipp Elhaus: Kirche in der Stadt
Martin Wrasmann: Kirche als Mehrwert – lokale Kirchenentwicklung als ein konsequenter Schritt für das Ankommen im „Jetzt und Morgen“
Klaus Grünwaldt: Glaube am Montag
Maria Herrmann: (Nicht nur) Social media und der Kongress
Ausblick
Michael Herbst: Wir2 – „Wohl denen, die da wandeln“
Nicholas Baines: „Anfangen, wo die Menschen sind“ – Sendungswort
Dirk Stelter, Dagmar Stoltmann-Lukas: „… so sende ich euch“. Eine Ökumene der Sendung
Philipp Elhaus, Christian Hennecke: Kirche2 – eine ökumenische Vision
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Wort zum Geleit
Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers und das Bistum Hildesheim sehen es als gemeinsame Aufgabe, den Menschen das Evangelium zu verkünden und die Nähe des Reiches Gottes zu bezeugen.
Auf der Suche nach neuen Formen einer zeitgemäßen und authentischen Verkündigung und nach neuen Gemeinschafts- und Gemeindeformen haben Menschen aus Bistum und Landeskirche miteinander dieselben geistlichen Wurzeln entdeckt. So wuchsen im Suchen, Ausprobieren und Finden ein gemeinsamer Weg, wechselseitiges Vertrauen und die Idee, einen Kongress Kirche2 zu veranstalten. Er wurde zu einem Sammelpunkt vieler Akteure, Protagonisten und Interessierter in unseren Kirchen, denen das Evangelium und der Aufbruch der Kirche am Herzen liegen.
Es ging und geht nicht darum, Gemeinden und Kirchenleitungen zu höheren Leistungen anzustacheln. Wir sehen das Ziel der beeindruckenden Themenvielfalt des Kongresses, die sich in den anregenden Beiträgen dieses Buches niederschlägt, vor allem darin, rückwärtsgewandte Verlustangst einzudämmen und mit Gottvertrauen den Blick nach vorne zu richten. Wir sind eine starke Gemeinschaft, und das sollten wir sowohl in neuen als auch in wiederentdeckten alten Ausdrucksformen christlichen Glaubens und Lebens selbstbewusst zeigen!
„Kirche hoch zwei“ zeigt an, dass wir tatsächlich von einer Trendwende kirchlichen Lebens sprechen können: Die Diskussionen um neue Strukturen, um Geld und Mitgliedschaft treten immer mehr in den Hintergrund und machen kreativen neuen und bewährten alten Gedanken Platz. Im Zusammenspiel von Innovation und Tradition, Spiritualität und Theologie wird Neues gewagt. Wir verstehen Kirche2 als ein gemeinsames Aufbruchssignal für unsere beiden Kirchen. Die Bereitschaft, voneinander und von anderen Bewegungen zu lernen, wächst. Deshalb waren Vertreter der englischen „Fresh Expressions of Church“ zu Gast, ebenso Christinnen und Christen aus den USA, den Philippinen, Frankreich und der Schweiz. Sie alle haben neue geistliche Ausdrucksformen erprobt und ihre Erfahrungen mit uns geteilt.
Die Resonanz auf diesen Kongress war überaus positiv und sie hält an. Wo häufig von ökumenischer Eiszeit gesprochen wird, ist hier ein echter ökumenischer Klimawandel zu erahnen. Mit Begeisterung und ökumenischem Vertrauen ist diese Zusammenkunft vorbereitet und durchgeführt worden. Wir wünschen uns, dass dieser Funke überspringt und in vielen Menschen Ermutigung, Hoffnung und kreative Energie entzündet, um die Zukunft unserer Kirchen so mitzugestalten, dass wir mit dem, was wir tun, zugleich nah bei Gott und nah bei den Menschen sind.
Für uns Christinnen und Christen ist diese Aufbruchserfahrung wichtig. Und die Gesellschaft erwartet von der Kirche ein gemeinsames und überzeugendes Zeugnis für die Fülle des Lebens, die Christus schenken will.
Wir sind sicher, dass der Kongress und die daraus entstandene Bewegung Kirche2 weite geistliche Räume eröffnen und Hoffnungsbilder in Köpfe und Herzen pflanzen können. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, diese dann in die verschiedenen Orte kirchlichen Lebens zu übersetzen. Einen wichtigen Beitrag dafür leistet dieses Buch. Der Herausgeberin und den Herausgebern danken wir dafür herzlich.
| Landesbischof Ralf Meister, | Bischof Norbert Trelle, |
| Hannover | Hildesheim |
KIRCHE2 – eine Idee und Ihre Geschichte
Drei Monate vor Beginn ausgebucht, breites Medienecho, begeisterte Reaktionen – das war der ökumenische Kongress Kirche2 vom 14. bis 16. 2. 2013 in Hannover. Über 1350 Menschen teilten Ideen, Visionen und Erfahrungen und verwandelten ein Messezentrum in ein ökumenisches Laboratorium für die Zukunft der Kirche. Andere beteiligten sich per Twitter oder schauten im Livestream vorbei. Fünf große Plenarveranstaltungen, 23 Foren, 69 Workshops und 50 Stände machten den Kongress zu einem großen Forum der Begegnung und Inspiration.
Der ökumenische Kongress, den die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers und das Bistum Hildesheim in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Niedersachsen organisierten, bewegte sich im produktiven Spannungsfeld von Mission und Ökumene. „Kirche hoch zwei“ steht für Begegnung. Und was sich da beim Kongress begegnete, blockierte sich nicht oder kürzte sich gar weg, sondern potenzierte sich: Deutsche Fragehorizonte trafen auf englische Lebenswelten und Strategien. Evangelische Kirche und katholische Kirche entdeckten ihre gemeinsame Situation, ihre gemeinsame Sendung und erlebten die Dynamik, die sich entfaltet, wenn sie ihre Gaben zusammenbringen. Diese Dynamik ließ Kirche in einer neuen Dimension erfahren: traditionell verwurzelt und offen für Experimente, lokal verankert mit globalem Horizont, gottoffen und strategisch im eigenen Handeln, bei Christus zuhause und mit ihm unterwegs zu den Menschen. Deutlich wurde: Glaubwürdige Mission heißt, nah bei Gott und nah bei den Menschen zu sein. Bewährte und innovative Formen, Kirche zu sein, gehören im Sinne einer „mixed economy“ zusammen. Erfahrung vor Ort und internationale Inspirationen brauchen einander. Reale und virtuelle Kommunikation beflügeln sich wechselseitig.
Der Schwung des „hoch zwei“ wurzelte in tiefem Vertrauen: einem Vertrauen auf Gott, dass er unserer Gegenwart nicht ferner ist als einer womöglich idealisierten Vergangenheit. Und ein Vertrauen in die Teilnehmenden: dass sie keine Rezepte verordnet bekommen wollten, sondern einen Raum suchten, in dem sie im Sinne der oben genannten Begegnungspaare sich über ihre Träume und Erfahrungen austauschen, miteinander vor Gott feiern und gemeinsam Schritte in die Zukunft setzen konnten.
Der Kongress entstand nicht am grünen Tisch noch wurde er von Kirchenleitungen dekretiert. Er war kein Event ohne Bodenhaftung, sondern wuchs aus konkreten ökumenischen Begegnungen. So verkörperte er bereits in seiner Vorgeschichte das, was er initiiert hat: eine gemeinsame Suche nach einem Bild für die Kirche der Zukunft, das jetzt schon in vielen kleinen Miniaturen aufleuchtet.1
Am Anfang stand der thematische Austausch von Fachreferentinnen und -referenten aus Bistum und Landeskirche aus den Arbeitsbereichen Ökumene und Missionarische Dienste bzw. Seelsorge. Wir entdeckten Parallelen in der Wahrnehmung der Situation in unseren Kirchen. Wir teilten die Hoffnung, dass sich die schwebenden Pleitegeier über unseren Kirchenlandschaften in Hoffnungstauben des Geistes verwandeln können, der uns in schmerzhaften Umbrüchen und der herausfordernden Gestaltung des Rückbaus auf neue Wege lockt. Wir merkten, wie uns der beginnende Dialog bereicherte und wir im Spiegel der Wahrnehmung des anderen neue Facetten der eigenen kirchlichen Wirklichkeit entdeckten. Dabei öffnete sich uns sowohl biografisch als auch in der theologischen Reflexion ein neuer und vertiefter Einblick in den Ursprung der einen Kirche, die zugleich ihre Gegenwart ausmacht und ihre Zukunft eröffnet: die Sendung durch den Auferstandenen, in der sich seine Sendung durch Gott fortsetzt (Joh 20,21). Diese Dynamik verwehrt die typischen Depressionsschleifen angesichts der diversen kirchlichen Verlustszenarien und lässt ebenso neugierig und erwartungsvoll in die Zukunft blicken.
Lernen am dritten Ort – Inspiration aus England
Die Leidenschaft für eine Ökumene der Sendung führte uns an einen dritten Ort: in die anglikanische Kirche nach England. Dort konnten wir an beeindruckenden Beispielen sehen, wie eine Großkirche einen Aufbruch erlebt. In der Church of England wurden in den letzten zehn Jahren über 1000 „fresh expressions of church“ gegründet, vielfältige und kreative Gemeindeformen jenseits der bewährten Ortsgemeinde. Die beiden Erzbischöfe, Bischöfe und Kirchenleitung unterstützen dies intensiv. „Fresh expressions“ sind für die englischen Kirchen inmitten von finanziellen Abbrüchen und Mitgliederschwund ein unübersehbares Hoffnungszeichen. Ob Café-Gemeinden, „Überraschungskirche“ für junge Familien, Gemeinden für jungen Erwachsene oder diakonische Gemeindeformen in sozialen Brennpunkten – für bisher wenig erreichte Zielgruppen wird Kirche durch solche frischen Formen wieder relevant. Sie verstehen sich als Ergänzung zu vorhandenen Ortsgemeinden und wollen die bisherige Form von Kirche bereichern, nicht ersetzen. Für diese Zusammenarbeit von bewährten und neuen gemeindlichen Formen mit einer gemeinsamen missionarischen Ausrichtung – treffend mit „mission-shaped church“2 beschrieben – haben die Anglikaner den Begriff der „mixed economy“ geprägt. Die jeweiligen Stärken sind offensichtlich. Ortsgemeinden haben eine geografische Nähe mit gewachsenen volkskirchlichen Chancen und Kontaktbrücken. „Fresh expressions“, deren Sozialformen weniger vorgegeben und durch ihre jeweiligen Trägerkreise geformt werden, haben ihre Stärken eher in kirchenfernen Milieus und setzen auf Beziehungsnetzwerke und ganzheitlich gelebte Gemeinschaft. Ihr Ansatz lässt sich so zusammenfassen: Früher haben wir Menschen zu unseren Veranstaltungen in die Kirche eingeladen (Komm-Struktur). Danach sind wir zu den Menschen gegangen, um sie an ihren Lebensorten zu uns einzuladen (Geh-Struktur). Nun bleiben wir bei den Menschen, um mit ihnen in ihren Lebenswelten neue gemeindliche Formen zu entwickeln.3
Während der intensiven Reflexionsphasen auf drei ökumenischen Studienreisen nach London zwischen 2009 und 2011 und auf flankierenden Studientagen entwickelte sich nicht nur ein wachsendes ökumenisches Netzwerk in Landeskirche und Bistum, sondern auch eine vertrauensvolle Weggemeinschaft untereinander. Das Lernen am dritten Ort ermöglichte uns, jenseits von konfessioneller Trennschärfe gemeinsame Entdeckungen zu teilen und die Konsequenzen unserer Erfahrungen für unsere jeweilige Kirchenlandschaft zu bedenken.4 Unser Miteinander entwickelte sich zu einem lebendigen Kommentar der ersten vier Artikel der Charta Oecumenica5: Gemeinsam im Glauben zur Einheit der Kirche berufen, gehen wir aufeinander zu und handeln gemeinsam mit dem Ziel, das Evangelium zu verkünden.
Als im Frühjahr 2011 in Filderstadt bei Stuttgart der Kongress Gemeinde 2.0 mit dem Transfer von anglikanischen Erfahrungen in süddeutsche kirchliche Kontexte nach extrem kurzer Werbephase über 800 Menschen anlockte,6 lag der Gedanke auf der Hand: Wir möchten den uns herausfordernden Horizont einer Kirchenentwicklung in ökumenischer Weite noch weiteren Menschen mit Leidenschaft für ihre Kirche im norddeutschen Raum bzw. darüber hinaus zugänglich machen. Neben den inspirierenden fresh expressions of church in England wollen wir auch andere weltkirchliche Impulse (u. a. aus dem Bistum Poitiers7, den Philippinen sowie den USA8) und vor allem die Dynamik der vielen kleinen Aufbrüche in unseren Kirchen wahrnehmen.
Das „energetische“ Anliegen – der Horizont des Aufbruchs
Zwei Hypothesen lagen der inhaltlichen Kongressplanung zugrunde:
1. Wenn die Kirche in Zukunft nah bei den Menschen bleiben bzw. überhaupt wieder in die lebensweltliche Nähe der Menschen rücken möchte, gelingt dies nur über Netzwerke von unterschiedlichen kirchlichen Orten mit gemeinsamer, missionarischer Ausstrahlungskraft und neuen pastoralen Strukturen. Basis für diesen Ansatz bildet die gemeinsame Berufung aus der Taufe. Die unterschiedliche Differenzlogik der Konfessionen, die zwischen Laien und Klerus, Geistlichen und „Nicht-Theologen“, Ehrenamtlichen und beruflich Tätigen unterscheidet, entfaltet die verschiedenen Charismen, die mit der einen Taufe gegeben sind. Kirche baut sich von den Getauften her auf, lokal, an unterschiedlichen Orten, in verschiedenen Formen. Für diese ekklesiologische Wende muss ein bislang dominierendes Kirchenbild, das sich auf die Ortsgemeinde als die Sozialform und den Priester bzw. Pastor als die religiöse Repräsentanz von Kirche konzentriert, verflüssigt und das allgemeine Priestertum der Getauften als Ausgangspunkt von kirchlicher Entwicklung entdeckt werden. Die Frage nach einer neuen Kultur des Kircheseins, nicht nach der Struktur, wird zur Schlüsselfrage der Zukunft. Diese Frage lässt sich nicht an den konkreten Menschen als den Subjekten von Kirche vorbei beantworten – und auch nicht vorbei an jener ebenso unberechenbaren wie notwendigen Inspiration des Geistes Gottes. Wie Kirche zu gestalten ist, wird zur Frage aller, nicht nur von Expertinnen und Experten. Rückblickend formuliert eine Teilnehmerin: „Dieser Kongress hat mich beflügelt. Viele Ideen habe ich mitgenommen und einiges von dem, was uns Hauptamtliche erzählen, kann ich jetzt besser verstehen und einordnen. Vorher hatte ich oft das Gefühl, dass wir Ehrenamtlichen als Lückenbüßer, die nichts kosten, verheizt werden sollen. Nun sehe ich, dass wir gestalten können und sollen und dass wir ernst genommen werden. Hoffentlich bewahrheitet sich das auch bei uns.“
2. Der Wandel der Kirchenbilder und die Entdeckung der eigenen Berufung aus der Taufe heraus kann gewollt, aber nicht gemacht werden. Als geistlicher wie als Bildungsprozess ist er unverfügbar. Dazu braucht es einen Mentalitätswechsel, der weder angeordnet noch geplant werden kann. Es gibt jedoch ästhetische wie inhaltliche Faktoren, die eine disponierende Wirkung für diese an sich unverfügbaren Prozesse haben. Überzeugende und inspirierende kirchliche Beispiele können deutlich machen, dass Kirche noch ganz anders aussehen kann, als ich sie bisher erlebt habe. Menschen mit Passion können mir den Weg zu den Quellen weisen, die das eigene kirchliche Engagement nähren. Visionäre und prophetische Blicke können mir die Gegenwart neu deuten und Horizonte öffnen, die ich bislang nicht wahrgenommen habe – und all dies in ökumenischer Weite. Vervielfä ltigung der Wahrnehmungsperspektiven aber eröffnet die Erfahrung von Freiheit und den Zuwachs von Handlungsmöglichkeiten. Wo hier noch Begeisterung einzieht, kann ich mich neu auf den Weg machen – vom Gipfel eines Kongresserlebnisses hinab in die Niederungen meines kirchlichen Alltages, der für mich neu zum Land der Verheißung geworden ist.
Für das Konzept des Kongresses bedeutete dieser primär „energetische“ Ansatz: Wir verteilen keine fertigen Rezepte, sondern erzählen Geschichten. Wir bieten primär Anschauungsbeispiele von Lebensorten und -formen des Glaubens und weniger programmatische Soll-Abstraktionen. Wir versuchen den verhängnisvollen Konjunktiv zu vermeiden, der vielstimmig tönt, wie Kirche zu sein hätte, was sie alles noch machen müsse etc., um dann doch nur das Überforderungsgefühl zu steigern. Wir orientieren uns in der Dramaturgie des Kongresses nicht am Proporz im Blick auf die veranstaltenden Kirchen, sondern am Interesse der Teilnehmenden. Wir nehmen in den Blick, was sich in den unterschiedlichen Erfahrungen, Initiativen und Aufbrüchen als gemeinsames Bild für eine Kirche der Zukunft abzeichnet. Wir schaffen Raum für Partizipation und informelle Begegnungen, wir vernetzen – bereits im Vorfeld – über Social Media und natürlich auch auf dem Kongress. Ein Sechstel der Angebote im Bereich der Workshops und im Networkingbereich konnten wir über ein offenes Mitwirkungsportal auf der Web-site generieren. Wir bieten eine „mixed economy“ an Frömmigkeits- und Milieustilen. Und wir feiern in den liturgischen Teilen, die sich durch die Plenarveranstaltungen ziehen, dass die Geschichte der einen, allgemeinen Kirche mit einem verheißungsvollen Indikativ beginnt – „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5,13). Damit wurden die liturgischen Teile nicht zum frommen Sahnehäubchen, sondern zum selbstverständlichen Ausdruck des geteilten Lebens während der Kongresstage. Treffend formulierte es ein Teilnehmer: „Der spirituellste Raum war die ‚selbstverständliche‘ Ökumene, die über dem ganzen Kongress schwebte.“
Inspiration und Interaktion – die Struktur des Kongresses 9
Die Struktur des Kongresses bestand aus den vierstündigen Vorkonferenzen am 14. 2. und den beiden Kongresstagen am 15. und 16. 2. 2013. Die Vorkonferenzen griffen unterschiedliche Themen auf und vertieften sie mit Impulsen, Praxisbeispielen und interaktiven Formen sowie Beratungsangeboten. Hier trafen sich Experten, Expertinnen und Interessierte für ein Themenfeld. Die Themenpalette reichte von ökumenischen Werkstätten zu lokaler Kirchen- und Gemeindeentwicklung, zu Glaubenskursen und Fundraising über „Mission-shaped church“ mit englischen Gästen, kreativen Gemeindeformen „out of the box“ bis hin zu Kirche mit jungen Menschen, Impulsen aus der Weltkirche sowie einer Vorkonferenz für Theologiestudierende. Die Plenarveranstaltungen erzählten und bebilderten das Anliegen des Kongresses. Sie nahmen die Teilnehmenden mit auf die ökumenische Spurensuche nach Gemeinden für morgen und erzählten von Glaubensgeschichten und neuen Aufbrüchen in England, Frankreich und den USA. Sie zeigten, wie Wandel in einer großen Kirche wie in England möglich ist und was sich an neuen kirchlichen Erfahrungen bei uns formiert. Sie benannten die Schlüsselfaktoren für Veränderung und ermutigten für nächste Schritte.10 Die 23 Foren boten mit namhaften Referenten und Referentinnen eine ökumenisch besetzte Mischung aus Impulsen, Beispielen und Interaktion zu jeweils einem Themenschwerpunkt: z. B. Musik oder Gottesdienst, ländliche Räume oder Kirche in der Stadt, Weltkirche und geistliche Gemeinschaften, Lebensweltforschung und Kirchenentwicklung, Konversion und Glaubensweitergabe, traditionelle Verkündigungsformen und Social Media, Evangelisierung und Gemeinwesenarbeit. Die 69 Workshops öffneten Einblicke in die Praxis: Beratungs- und Gesprächsangebote, Modelle der Hoffnung, Handwerkszeug für Gemeindeentwicklung, Tipps für Haupt- und Ehrenamtliche, Bedeutung von Räumen, Fundraising und vieles mehr. Sie waren in fünf Themenrubriken geordnet, die das inhaltliche Portfolio des Kongresses deutlich machten: Kirchenentwicklung, Leitung, Lebenswelt und Kirche, Glauben entdecken und neue gemeindliche Formen.11 Im Networkingbereich begegneten sich Menschen aus unterschiedlichen Initiativen und Projekten; hier fanden sich interessante Gesprächspartner und tauschten Erfahrungen aus. Geistliche Räume setzten einen Kontrapunkt zu Kommunikation und Interaktion und luden zu einer Atempause ein.12 Ein Teilnehmer kommentiert das Veranstaltungsdesign im Rückblick so: „Das Format ist perfekt: Menschen in Verantwortung für ihre Gemeinden und Kirchen treffen sich in bunter Mischung – evangelisch und katholisch; freiwillig und beruflich; aus Nord und Süd; alt und jung; kritisch und konventionell etc. – und arbeiten an den anstehenden Fragen. Dazu helfen ihnen vielfältige Impulse, deren Auswahlkriterium Innovation und Inspiration sind.“
Die Vielfalt von Formaten und Orten verband sich mit der Architektur des Tagungsortes zu einer besonderen Momentaufnahme für die Kirche der Zukunft: „Das futuristisch anmutende Tagungszentrum, wie ein Raumschiff oder ein großes Zelt auf dem ‚Messe‘-Gelände (Missa), stellte seinerseits geeignete Räumlichkeit und Symbolik für eine Kirche dar, die sich nicht in der Sakristei verstecken will, sondern sich mit ihrem Gotteszeugnis auf die Areopage der Gesellschaft wagt, die sich so verletzlich und angreifbar macht und gerade damit ihrer Sendung (Mission) Gestalt gibt.“13
Die 1350 Teilnehmenden verteilten sich hälftig auf katholische und evangelische Kirchen. Schwerpunktmäßig kamen sie aus Niedersachsen, doch strahlte der Kongress in alle Bundesländer und bis in die Schweiz und nach Österreich aus. Neben den Angehörigen der Landeskirchen waren auch Vertreterinnen und Vertreter aus evangelischen Freikirchen angereist und wirkten bei Veranstaltungen mit.
Zum Aufbau des Buches
Die Beiträge im Buch nehmen einzelne Facetten der Dynamik des Kongresses auf, ohne seine Gesamtatmosphäre widerspiegeln zu können. Abgedruckt sind ein Großteil der Plenarbeiträge sowie ausgewählte Beiträge aus den Foren und einzelnen Workshops. Fünf große Themenblöcke zeichnen die innere Logik des Kongresses nach. Inspirationen aus der Weltkirche durchbrechen die Fixierung auf die bundesdeutsche kirchliche Situation, relativieren die eigenen Problemlagen und zeigen Möglichkeiten kirchlicher Formatierungen in anderen Kontexten und Kulturen auf. Hier wird in Ansätzen das Potenzial einer weltweiten Kirche als Lerngemeinschaft sichtbar, die aufmerksam aufeinander hört und voneinander lernt und damit das paulinische Bild der Kirche als Leib Christi anschaulich macht. Ob Berichte über die fresh expressions of church aus England mit einem deutschen Kommentar, Einblicke in den Umbau der Pastoral und der Initiative der örtlichen Gemeinden in der französischen Diözese Poitiers oder Impressionen aus der Kirchenentwicklung im asiatischen Raum – alle Beiträge bieten Momentaufnahmen aus spannenden, lokalen Prozessen. Eine Konvergenz sei vorab bemerkt: Das ereignishafte Moment von Kirche tritt in den Vordergrund. Mit Graham Cray gesprochen: „Kirche ist ein Verb“.
Die Herausforderung, das Evangelium mit jeder Generation wieder neu zu entdecken, führt zu einer neuen Aufmerksamkeit für das Lokale und Lebensweltliche sowie einer diakonalen Kontextbezogenheit. Der „Aufbruch in die Lebenswelten“ beginnt zunächst als nüchterne Wahrnehmung der Kommunikationshürden der Kirche im Blick auf die unterschiedlichen Milieus und Lebenswelten, die Heinzpeter Hempelmann und Matthias Krieg aus verschiedenen Perspektiven beschreiben. Für eine „milieuübergreifende Kommunikation des Evangeliums“ (Hempelmann) gilt es, das „kulturelle und das religiöse Kapital der Lebenswelten“ (Krieg) wahr- und aufzunehmen. Diese Herausforderung wird nicht vorschnell operationalisiert, sondern durch eine fundamentale Besinnung auf den Glaubensbegriff und eine kreative Neubestimmung des Evangeliums als „Botschaft vom Guten“ geistreich unterbrochen (Matthias Sellmann). Es ist dieses Evangelium selbst, das uns aus der „Verkirchlichungsfalle“ herausführt, mit Menschen unterschiedlicher Lebenswelten verbindet und uns an der Seite Jesu zur Kirche macht. Christina Brudereck bebildert mit ihrer poetisch erzählten Geschichte einer Gemeindeneugründung in Essen diesen Perspektivenwechsel eindrücklich. Harald Schroeter-Wittke buchstabiert am Thema Musik die „ästhetische Millimeterarbeit“ zwischen milieubezogenen und milieuverengten Ansätzen heraus. Gerhard Wegner fragt nach Gottes Gegenwart im sozialen Raum, um diesen nicht nur als Objekt kirchlicher Sendung, sondern als Ort begreifen zu können, in dem Gott bereits wirkt.
Wo sich die Kirche auf die pluralen Lebenswelten einlässt und sich damit in ihren Formen verflüssigt, stellt sich die Frage, wie sich im Rahmen der überkommenen institutionellen Gestalt der Kirche die neuen Räume für Innovation und Experimente einstellen. Wie lässt sich Wandel gestalten? Aus organisationssoziologischer Sicht beantwortete Valentin Dessoy diese Frage mit einem Plädoyer für den Umbau: „Kirche muss die Tradition wahren und systematisch Innovation vorantreiben, ausgehend vom Bestehenden unbekanntes Terrain erkunden, Trampelpfade verlassen und neue Wege gehen.“ Die von ihm angemahnten Konsequenzen für ein grundlegend gewandeltes Verständnis von Führung und Leitung beleuchten die Beiträge von Damian Feeney und Burghard Krause unter dem Stichwort der missionalen bzw. geistlichen Leitung. Der ökumenische Beitrag von Hans-Hermann Pompe und Hubertus Schönemann befragt den Missionsbegriff nach seinen Ressourcen für den kirchlichen Umbau und bezieht ihn zurück auf die gemeindlichen Wirklichkeiten. Mission setzt in Bewegung und lockt die Kirche auf ungewohnte Pfade. An diese Perspektive knüpft Carsten Hokema an, indem er unter dem Motto „Wir gehen hin“ einen Einblick in die missionarische Praxis im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland gibt. Die Verbindung von lebensweltlicher Orientierung und missionarischer Dynamik steht im Mittelpunkt des Beitrages von Markus Weimer. Er berichtet vom Transfer der anglikanischen Bewegung „Fresh Expressions of church“ in deutschsprachige Kirchenlandschaften. Michael Herbst und Klemens Armbruster fokussieren das Thema Wandel biografisch, indem sie unterschiedliche Konversionsprozesse bei Erwachsenen untersuchen und Konsequenzen für kirchliches Handeln aufzeigen. Ihre Ausführungen unter den Überschriften „Wie finden Erwachsene zum Glauben“ – „Wieso verlieren Erwachsene ihren Glauben?“ führen zu keinem Widerspruch, sondern zu einer notwendigen Ergänzung. Das Finden und Verlieren des Glaubens kann zwar Anfangs- oder auch Enddaten in einer religiösen Biografie bezeichnen, ist aber in der Regel kein einmaliger Akt, sondern ein Prozess. Glaube ist weder fixiertes Datum noch Besitz, sondern Ausdruck einer lebendigen Beziehung und daher auch als lebenslanges Lernen beschreibbar. Kirche wird damit zur Lerngemeinschaft der immer wieder neu anfänglich Glaubenden. Die hiermit implizierten ekklesiologischen Konsequenzen resümiert Christian Hennecke unter „Wandel2“ und bietet mit seinen „zehn Wegmarken ins Neuland“ eine ebenso pointierte wie wegweisende Zusammenfassung: Kirche als eine Vielfalt lokaler Ausdruckformen, die in der Bezogenheit auf ihre Mitte, Christus, ihre Einheit findet.
Diese bunte Vielfalt beschreiben die Beiträge im nächsten Kapitel, das unterschiedliche kirchliche Orte und Kontexte zum Thema hat. Der grundlegende Rückblick des Neutestamentlers Thomas Söding weist unter dem Motto „Auf hoher See“ anhand von ausgewählten biblischen Episoden der Kirche einen besonderen liquiden Ort zu. Wie sich diese Liquidität zwischen grundlegendem Auftrag und vielfältigen Formen im Gottesdienst und der Eucharistie als Grundvollzüge der Kirche ausdrückt und ihren Weg zwischen Vielfalt und Einheit findet, beleuchten aus evangelischer und katholischer Perspektive Jochen Arnold und Stephan Winter. Unter dem Motto „Leidenschaftlich predigen“ ermutigen Fabian Vogt und Br. Paulus Terwitte den Prediger und die Predigerin, persönlich Gesicht zu zeigen und sich im Gespräch zwischen Gott und der aktuellen Predigtgemeinde zu riskieren. Als Kontrapunkt stellt Jürgen Marcus mit der Caritas bzw. der Diakonie einen ebenfalls riskanten kirchlichen Ort vor. Denn hier wird das extrovertierte Evangelium ohne liturgischen Schutzraum wirksam in existenziellen Fragen und Inhalten: in Krankheiten und Krisen, in Trauer und Angst, in Ausweglosigkeit und Exklusion. Die damit verbundenen Herausforderungen für ein neues Miteinander von Gemeinde und Caritas/Diakonie werden provokant formuliert. Einen anderen kirchlichen Ort nimmt der Pariser Soziologe Michael Hochschild mit den geistlichen Gemeinschaften und Orden aus katholischer Perspektive in den Blick. Sein Titel „Im Fluss fließt die Quelle“ signalisiert, dass Orden und Bewegungen der Kirche nicht statisch gegenüberstehen, sondern sich ebenfalls in Wandlungsprozessen befinden. Ergänzend soll darauf hingewiesen werden, dass es sich bei der Bedeutung und Ausstrahlung dieser verdichteten geistlichen Erfahrungsräume für die Gesamtkirche natürlich um ein ökumenisches Phänomen handelt. Die besondere Situation der ländlichen Räume rücken Thomas Schlegel und Martin Alex als entscheidendes Experimentierfeld für die kirchliche Zukunft in den Fokus und wagen dabei auch katholische Seitenblicke. Philipp Elhaus beschreibt mit den Stichworten „Türen öffnen, Vielfalt gestalten, Experimente wagen“ Herausforderungen für eine Kirche in der Stadt. Die abschließenden Beiträge summieren unterschiedliche Aspekte und fügen einzelne Mosaiksteine zu einem Gesamtbild. Während Martin Wrasmann dem „Mehrwert“ von Kirche als einem Netzwerk unterschiedlicher kirchlicher Orte nachgeht, würdigt Klaus Grünwaldt diese als jeweils konkrete Konfigurationen von Kirche in Zeit und Raum. Wie sich diese Konkretionen verflüssigen und dabei neue Konturen bilden können, macht Maria Herrmann deutlich, indem sie die Bedeutung der Social Media auf dem Kongress reflektiert und als Ort für die Erfahrung von Kirche profiliert.
Ein vierfacher Ausblick beschließt das Buch. Die Beiträge von Michael Herbst und Nicholas Baines präsentieren noch einmal Originaltöne des Kongresses. Der Greifswalder Theologe ermutigt zu kirchlicher Vielfalt in der Mission Jesu. Der anglikanische Bischof stellt in seinem Sendungswort als Aufgabe der Kirche heraus, „einen Raum zu schaffen, in dem Menschen herausfinden können, dass Gott sie schon gefunden hat“.
Das Herausgeberquartett schließt den thematischen Spannungsbogen. Die Ausführungen zu einer Ökumene der Sendung von Dagmar Stoltmann-Lukas und Dirk Stelter zeigen programmatisch, in welchem Kraftfeld sich die Dynamik des Kongresses entwickelt hat und welches ökumenische Potenzial hier für die Praxis und das theologische Begreifen der Kirche zu heben ist. Der Schlussbeitrag von Christian Hennecke und Philipp Elhaus zeichnet die Vision nach, die im Kongress sichtbar und erfahrbar wurde, und öffnet Zukunftshorizonte. Diese verbinden sich mit der Hoffnung, dass sich dieser Aufbruch einer missionarischen Ökumene weit über das „norddeutsche Pfingsten“ im Februar 2013 in Hannover hinaus verbreitet.
Die bunte Vielfalt der Beiträge macht das Buch zu einem Vielstimmenbuch mit sowohl stilistischen als auch inhaltlichen Unterschieden. Auf dem Kongress flossen diese vielen Stimmen zu einer gemeinsamen Melodie zusammen, die das Abenteuer des Geistes intonierte: Kirche mit und bei den Menschen an vielen Orten und in vielen Formen zu entdecken. Eine beschwingte Melodie, die ohne Verlustängste mit Neugier in die Zukunft blicken lässt. Ob sich bei der Lektüre ein entsprechender Eindruck einstellt, bleibt dem Urteil der Leserin und des Lesers überlassen.
Für die Veröffentlichung haben wir den mündlichen Charakter der Beiträge beibehalten, die daher weitgehend ohne ausführliche Anmerkungen und Bezüge auf die Fachliteratur auskommen. Eine eingehendere theologische Reflexion steht noch aus. Die Tatsache, dass unmittelbar vor und nach dem Kongress sowohl in einschlägigen Zeitschriften als auch in Büchern zentrale Themen des Kongresses bedacht wurden,14 weist nicht nur auf die Aktualität der ekklesiologischen Fragestellungen hin, sondern lässt auch darauf hoffen, dass sich hier ein neuer ökumenischer Diskurs abzeichnet. Ein Diskurs, der jenseits der alten konfessionellen Trennlinien erfolgt und mit überraschenden Seitenwechseln und Konvergenzen aufwartet, die einer Ökumene der Sendung neue Impulse verleihen.
Wir danken allen Autoren und Autorinnen, dass sie uns ihre Beiträge so zeitnah zur Verfügung gestellt haben, sowie Wiebke Alex für die umsichtige Redaktion. Ein besonderer Dank gilt auch allen Einrichtungen, die uns den Kongress und damit die Realisierung dieses Buches durch ihre Unterstützung ermöglicht haben. Allen voran die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers und das Bistum Hildesheim, die die ökumenische Experimentierfreude ihrer Fachreferenten und -referentinnen in vielfacher Weise ermutigt haben und unterstützen.
Philipp Elhaus, Christian Hennecke, Dirk Stelter und Dagmar Stoltmann-Lukas
1. Vgl. ausführlich zur Vorgeschichte: Philipp Elhaus, Kirche2 – eine Vision wird Wirklichkeit, in: Lebendige Seelsorge 1/2013. Fresh expressions of church, 25–30.
2 Vgl. den gleichnamigen Buchtitel „Mission bringt Gemeinde in Form“, deutsche Übersetzung von „Missionshaped church. Church planting and Fresh Expressions of Church in a Changing Context (2004), hg. v. Michael Herbst, Neukirchen-Vluyn, BEG Praxis, 3. Aufl. 2008.
3 Vgl. umfassend Michael Moynagh, Church for every context. An introduction to theology and practice, London 2012.
4 Philipp Elhaus, Christian Hennecke (Hg.), Gottes Sehnsucht in der Stadt. Auf der Suche nach Gemeinden von Morgen, Würzburg 2011.
5 Die Charta Oecumenica wurde am 22. April 2001 in der Straßburger Kirche Saint Thomas vom Vorsitzenden der Konferenz Europäischer Kirchen und vom Präsidenten des Rates Europäischer Bischofskonferenzen unterzeichnet und damit von den Kirchen Europas angenommen. Wortlaut der Charta Oecumenica: www.oekumene-ack.de/Charta-Oecumenica.179.0.html.
6 Heinzpeter Hempelmann, Michael Herbst, Markus Weimer (Hg.), Gemeinde 2.0. Frische Formen für die Kirche von heute, Neukirchen-Vluyn 2011.
7 Reinhard Feiter, Hadwig Müller (Hg.), Was wird jetzt aus uns, Herr Bischof. Ermutigende Erfahrungen der Gemeindebildungen in Poitiers, Ostfildern 5. Auflage 2012.
8 Matthias Sellmann, Katholische Kirche in den USA: Was wir von ihr lernen können, Freiburg 2011.
9 Einen schönen Überblick zum Kongress bietet der Beitrag von Hubertus Schönemann, Mut zum Experiment. Ein ökumenischer Kongress sucht neue Wege des Kircheseins, Herder Korrespondenz (67) 4/2013, 187–191.
10 Die Vorträge sind als Videoclips eingestellt und können unter http://www.youtube.com/kirchehoch2 eingesehen werden.
11 Vgl. zum Programm die ausführlichen Informationen auf http://kirchehochzwei.hkdh.de/cms/content/programm.
12 Lesenswerte Einblicke in einzelne Veranstaltungen und den Marktbereich bietet der Medienpool unter www.kirchehochzwei.hkdh.de/cms/mediapool. Als „Storify“ lässt sich der Kongress über Twitter-Tweeds nacherleben: www.kirchehochzwei.hkdh.de/cms/blog/social-und-media.
13 Hubertus Schönemann, ebd. 188.
14 Vgl. Lebendige Seelsorge, 1/2013, Fresh expressions of church, mit katholischen und evangelischen Beiträgen; Praktische Theologie, 1/2013, Neue Formen von Gemeinde; Matthias Sellmann (Hg.), Gemeinde ohne Zukunft? Theologische Debatte und praktische Modelle, Freiburg 2013; Eberhard Hauschildt, Uta Pohl-Patalong, Kirche. Lehrbuch Praktische Theologie, Gütersloh 2013.
Inspirationen
Graham Cray
Kirche ganz frisch 1
1. Mission-shaped Church
Der Arbeitszweig „fresh expressions“ (neue Ausdrucksformen von Kirche) in der Kirche von England begann mit der Publikation des Berichts „Mission-shaped Church“ (Mission bringt Gemeinde in Form) über „Gemeindepflanzungen und neue Ausdrucksformen gemeindlichen Lebens in einem sich wandelnden Kontext“, den die Generalsynode im Februar 2004 verabschiedet hat.2
Damals waren in der Kirche von England bereits 30 Jahre lang neue Gemeinden gepflanzt worden. Der Bericht wertete diese Entwicklungen aus, führte den Begriff „fresh expressions of church“ ein und gab Empfehlungen aus. In jeder Diözese sollte es eine Strategie zur Förderung und Ausstattung von Gemeindepflanzungen und „fresh expressions of church“ geben, die der netzwerkorientierten und nachbarschaftlich geprägten Realität der Gesellschaft und der Missionssituation entspricht. Diese Strategie sollte in ökumenischer Zusammenarbeit entwickelt werden.
In den ersten acht Jahren nach der Veröffentlichung von „Mission-shaped church“ geschah Folgendes:
– die Einsetzung eines nationalen „Fresh-Expressions-Teams“ in Zusammenarbeit mit mehreren Konfessionen; die Methodistische Kirche war von Anfang an als Partner dabei.
– Anglikanische Missionsorganisationen (Church Mission Society und Church Army) machten dies zum Schwerpunkt ihrer Arbeit in Großbritannien. Die 24/7-Gebetsbewegung schloss sich der Partnerschaft an.
– Ein neuer Berufszweig innerhalb des ordinierten Gemeindedienstes wurde eingerichtet. 136 Kandidaten wurden in sieben Jahren für den Ausbildungsgang zum Ordinierten Pionierpastoren (Ordained Pioneer Ministers) empfohlen.
– Ein neuer kirchenrechtlicher Rahmen für Netzwerkgemeindepflanzungen, eine bischöfliche Missionsordnung (Bishop’s Mission Order), wurde geschaffen.
– Die Generalsynode bestätigte diese Strategie einstimmig nach sechs Jahren und dann noch einmal 2012 durch einen Bericht des Ausschusses für Glauben und Kirchenverfassung (Faith and Order Report).
– 2010 gab es bereits 2000 neue „fresh expressions of church“, je 1000 in der Kirche von England und in der Methodistischen Kirche.
– 60 000 Menschen zählten sich zu diesen neuen gemeindlichen Ausdrucksformen.
Nationale Strategie
Die Kirche von England setzt sich für die Teilnahme an Gottes Mission durch die Entwicklung einer Mischwirtschaft („mixed economy“) von neuen Ausdrucksformen von Kirche neben traditionellen Parochialgemeinden ein. Der Begriff der Mischwirtschaft ist von Erzbischof Rowan Williams eingeführt worden, um auszudrücken, dass wir uns sowohl dem traditionellen Gemeindedienst als auch den neuen Ausdrucksformen verpflichtet sehen. Es geht nicht um eine Entscheidung für die traditionellen oder für die neuen Formen, sondern um ein Sowohl-als-auch. „[Heute sind die neuen Ausdrucksformen] nicht mehr eine Art Randerscheinung oder Freizeitbeschäftigung der Kirche von England. In den vergangenen Jahren sind sie immer mehr zu einem selbstverständlichen Teil unserer Entwicklung und unseres Wachstums als Leib Christi geworden“ (Rowan Williams).
2. Was sind „fresh expressions“?
Wir verstehen die neuen Ausdrucksformen von Kirche als eine Kirchenform für unsere sich wandelnde Kultur, die zuallererst für jene Menschen geschaffen werden, die noch nicht Mitglieder einer Gemeinde sind.
Man beachte, dass die Kirche von England keine formale Kirchenmitgliedschaft kennt, so dass der Ausdruck „die keine Mitglieder sind“ solche Menschen meint, die nicht am Gottesdienst teilnehmen und die die Relevanz des Evangeliums für ihr Leben noch nicht entdeckt haben.
Die neuen Ausdrucksformen von Kirche können verschiedene Gestalt haben. Neuere Untersuchungen haben 17 verschiedene Modelle in einer Diözese gefunden. Es gab Zellgruppengemeinde, Café-Kirche, Jugendkirche, Überraschungskirche, Netzwerkgemeinde, neue monastische Gemeinschaften und vieles mehr.
Wie auch immer dieses jeweilige Modell konkret aussieht, eine „fresh expression“ ist durch vier Charakteristika gekennzeichnet:
– missional
Sie will für Menschen da sein, die sonst nicht zur Kirche gehen.
–kontextbezogen
Sie will in den Kontext passen, in dem sie ihren Ort hat.
– gestaltungsorientiert
Sie will ein Leben in der Nachfolge Jesu fördern.
– kirchlich
Sie will Kirche werden, eine eigenständige Gemeinde sein, nicht Brücke zu einer bereits bestehenden Gemeinde.
Diese Arbeit stellt sich einer dreifachen Herausforderung: Dem Rückzug des Christentums angesichts des veränderten Verhältnisses zwischen Kirche und Gesellschaft, massiven kulturellen Veränderungen im Westen und dem zahlenmäßigen Rückgang sowie alternden Gemeinden.
Sie ist aber auch zentralen anglikanischen Werten verpflichtet und knüpft damit an die Tradition an:
– Sorge für die Seelen (Cura Animarum): Wenn ein Priester in eine Gemeinde eingesetzt wird, erklärt der Bischof: „Empfange die Sorge für die Seelen, die du und ich gemeinsam tragen; im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des Heiligen Geistes. Amen.“ Anglikanische Priester sind nicht nur Prediger mit Zuständigkeit nur für ihre Gottesdienstgemeinden, sondern sie sind zur Verantwortung für das geistliche Wohl (die Sorge für die Seelen) aller in der Parochie berufen. Allerdings haben in England 34 % aller Erwachsenen keine Verbindung zu einer Kirche in ihrer Lebenszeit, und bei weiteren 31 % hat einmal eine Verbindung bestanden, die aber verloren gegangen ist.
– Erklärung der Einwilligung („declaration of assent“), die jeder Priester bei der Ordination und Beauftragung mit jedem neuen Amt leistet: „Die Kirche von England … bekennt den Glauben, wie er einmalig in den Heiligen Schriften offenbart und in den katholischen Bekenntnissen ausgelegt wurde, den Glauben, den die Kirche neu („afresh“) in jeder Generation zu verkünden berufen ist, um damit dieser Generation die Gnade und Wahrheit Christi zu bringen.“ Dieser Wille, das Evangelium neu zu verkünden, ist der Grund für die Begriffsprägung „fresh expression of church“.
3. Theologische Grundlagen
Es gibt weitere theologische Grundlagen dieser Arbeit:
– Die Kirche ist eine Gemeinschaft, die Jesus begegnet.
In seinem Vorwort zum Bericht „Mission-shaped Church“ schrieb Erzbischof Rowan: „Wenn ‚Kirche‘ dort Gestalt bekommt, wo Menschen dem auferstandenen Jesus begegnen und ihr Leben darauf ausrichten, diese Begegnung in der Begegnung miteinander fortzuführen und zu vertiefen, dann gibt es theologisch gesehen genügend Raum für eine Vielfalt bei Rhythmus und Stil.“3
– Die Kirche nimmt an der Mission Gottes teil.
Der zur Kirche von Schottland gehörende Theologe James Torrance schrieb: „Die Mission der Kirche ist das Geschenk der Teilnahme durch den Heiligen Geist an der Mission des Sohnes, die vom Vater ausgehend in die Welt führt.“ Dies ist nach den Worten Jesu in Joh 20,21 f formuliert: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch … Nehmt hin den Heiligen Geist!“
– Dies ist eine inkarnatorische Mission.
Die Teilnahme der Kirche an der Mission Gottes ist inkarnatorisch. Es kann nicht nur darum gehen, Menschen an bereits bestehende Formen von Kirche heranzuführen. „Wenn wir sowohl das Was als auch das Wie von Mission inkarnatorisch auslegen, dann müssen wir unbedingt immer betonen, dass die Inkarnation das einmalige Ereignis ist, das dem Zeugnis der Kirche Grund und Form gibt. … Das Ereignis bestimmt, wie es zur Gestalt gebracht und damit kommuniziert werden muss“ (Professor Darrell Guder, Princeton Theological Seminary).
Kirche ist ein Verb, sie ereignet sich. Insofern gilt: „Christlicher Glaube ist Gestalt gewordener Glaube; Christus nimmt Fleisch an inmitten derer, die ihm im Glauben begegnen. Allerdings gibt es nicht die Menschheit im Allgemeinen; Inkarnation muss immer kulturspezifisch sein“ (Andrew Walls). Mit anderen Worten: Unsere Christologie formt unsere Missiologie, die wiederum unsere Ekklesiologie formt.
– Diese Mission folgt der Leitung des Heiligen Geistes, der die Kirche erschafft als Vorgeschmack auf das Reich Gottes.
All dies erfordert in jedem Kontext neu Unterscheidungsvermögen und ein gehorsames Folgen des missionarischen Geistes. Ich zitiere den anglikanischen Missiologen Bischof John V. Taylor: „Der Hauptakteur bei der Mission der christlichen Kirche durch die Geschichte ist der Heilige Geist. Er ist der Direktor des gesamten Unternehmens. Mission besteht aus dem, was er in der Welt tut. In besonderer Weise besteht sie aus dem Licht, das er auf Jesus Christus konzentriert.“ All dies erfordert Treue gegenüber dem Evangelium, wie es uns überliefert ist, und missionarisches Sich-Einlassen auf eine veränderte und sich verändernde Welt. Dies hat besonders gut Jürgen Moltmann zum Ausdruck gebracht: „In Hinsicht auf die Rückverbindung zu den Aposteln wird die geschichtliche Kirche nach Kontinuität fragen und auf Kontinuität drängen. In Hinsicht aber auf die Zukunft, der ihr Apostolat dient, wird sie für Sprünge und überraschend Neues offen sein.“4
4. Praxis
Im Licht dieser Überzeugungen haben wir eine Praxis für die Pflanzung von neuen Ausdrucksformen von Kirche entwickelt. „Die meisten neuen Ausdrucksformen von Kirche fangen klein an mit den ausgesandten Teams, die damit beginnen, Kirche zu sein“ (George Lings). Die Form der neuen Gemeinde kann ganz verschieden sein. Die Verschiedenartigkeit der Kontexte erfordert verschiedenartige neue Ausdrucksformen von Kirche. Obwohl es eine dominante westliche Kultur gibt, liegt der Schlüssel zur Pflanzung einer neuen Ausdrucksform von Kirche im lokalen Kontext, der sehr unterschiedlich sein kann. Welche Kräfte prägen eine Lokalität? Ist es eine Nachbarschaft oder ein Netzwerk, oder eine Kombination von beiden? Gemeindepflanzen macht ein Studieren des lokalen Kontextes nötig.
Wir schlagen das folgende Vorgehen vor: Die Arbeit beginnt und wird immer durch hörendes Gebet getragen, eine Phase des geistlichen Beurteilens, wie und wo der missionarische Geist bereits am Werk ist und den Weg bereitet. Dies entwickelt sich dann zu einer geeigneten Form von christlichem Dienst in diesem Kontext. Um diese Anfänge herum formiert sich eine neue Gemeinschaft. Wir wollen christliche Gemeinschaften schaffen, nicht nur christliche Veranstaltungen. Innerhalb dieser Beziehungen wird der Ruf Christi in die Jüngerschaft erkundet. Erst dann kann eine geeignete Form von öffentlichem Gottesdienst Gestalt annehmen.
Diese Praxis hat ihren Preis. Es heißt in „Mission bringt Gemeinde in Form“: „Eine heilige Kirche wird der eigenen Kultur absterben, um für Gott in einer anderen Kultur lebendig zu werden.“5 Im Hintergrund dieser Aussage steht Joh 12,24: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein: wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Dieser Bibelvers hat uns als Arbeitsgruppe sehr betroffen gemacht und zu denken gegeben. In Jesu Beispiel erkannten wir ein Prinzip des liebevollen Opfers für andere, das wir daraufhin auf das Pflanzen neuer Gemeinden angewandt haben.
Wir nannten es „Sterben um zu leben“, denn nur dann kann etwas Unvorhergesehens wachsen: „Der Same verliert seine ursprüngliche Identität, nämlich die als Teil der aussendenden Gemeinde mit ihrer ganz bestimmten Prägung und Kultur. Er wird etwas anderes, als er es vorher war. Sterben, um zu leben ist also natürlicher Bestandteil des Pflanzungs-Prozesses.“6
Wenn eine neue Ausdrucksform von Kirche einmal zu einer Gottesdienstgemeinde geworden ist, dann entwickelt sie Trittsteine: um den Teilnehmern zu helfen, in den christlichen Glauben hinein und im Glauben zu wachsen. Diese werden im Gottesdienst gefeiert. Neue Ausdrucksformen von Kirche sind daher anfangs oft katechumenale Gemeinschaften: Menschen erkunden den Glauben oder denken über eine Rückkehr zum Glauben nach. Es ist oft notwendig, dass Menschen zur Gemeinschaft gehören, bevor sie ihre Botschaft glauben können. Oft bringen sie wenig Vorwissen mit, aber sie erwarten, teilnehmen zu können. In diesem Stadium bereitet die neue Ausdrucksform von Kirche einen Weg zu Jesus, indem sie eine Reihe von Einzelschritten auf dem Weg einrichtet – wobei Taufe/Erneuerung des Taufversprechens/Konfirmation und Heiliges Abendmahl sich ganz natürlich eingliedern lassen.
Untersuchungen in drei Diözesen (Liverpool, Canterbury und Leicester) im Jahr 2012 zeigen, dass „fresh expressions of church“ zwischen 10 und 11 % der Gottesdienstbesucherzahl insgesamt und sie 18 % der Kirchengemeinden in diesen Diözesen ausmachen. Durchschnittlich gehören ihnen 40 Personen an. Sie sind im gesamten Spektrum sozialer und ökonomischer Kontexte eingerichtet worden, die von wohlhabenden Schichten bis zu prekären Milieus, von ländlichen Räumen bis zu Großstädten reichen.
Von je fünf Mitgliedern war einer bereits zuvor Kirchgänger – meistens ein Mitglied des Pflanzungsteams, es gibt wenig Transferwachstum. Zwei waren entkirchlicht, sie hatten bereits zuvor mit Kirche zu tun, hatten aber schon länger keinen Kontakt mehr mit dem kirchlichen Leben. Zwei waren gänzlich unkirchlich, sie haben noch nie zu einer Kirche gehört.
Ein geordnetes sakramentales Leben kann in verschiedenen Entwicklungsstadien von neuen Ausdrucksformen von Kirche entstehen. In diesen Diözesen hatten 47 % der neuen Gemeinden Abendmahlsgottesdienste und 26 % Taufgottesdienste gefeiert.
Das größte Wachstum im Bereich der „fresh expressions“ in der Kirche von England verzeichnen wir in den letzten drei Jahren. Insofern setzt sich eine dynamische Entwicklung weiterhin fort.
Drei entscheidende Faktoren wirken sich dabei positiv aus: Es gibt neue Vorstellungen von möglichen kreativen Formen von Kirche auf der örtlichen Gemeindeebene, die im Zeichen einer inkarnatorischen Mission stehen. Ohne die entsprechende Dynamik an der Basis hätte eine landesweite Initiative nicht diese Resonanz. Es herrscht ein neues Klima auf kirchenleitender Ebene. Anstelle von „Der Bischof würde es nie erlauben!“ erleben Kirchengemeinden, dass der Bischof sehr enttäuscht wäre, wenn es zu keinen Experimenten käme. Es gibt neue Ressourcen zur Ideenvermittlung und Ausbildung von Mitarbeitenden.7
Vor allem aber spüren wir, dass wir von einer Bewegung des Heiligen Geistes erfasst sind.
Unser Kollege George Lings schrieb kürzlich: „Die Zunahme von neuen Ausdrucksformen von Kirche in der Kirche von England seit 1980 … ist ein deutliches Wirken des Geistes in unserer Zeit.“
1 Übersetzung Astrid Quick, Überarbeitung Dirk Stelter und Philipp Elhaus. Vgl. auch die Beiträge von Graham Cray auf der Konferenz Gemeinde 2.0: Dieser Weg wird kein leichter sein – Mut zur Veränderung, in: Heinzpeter Hempelmann, Michael Herbst, Markus Weimer (Hg.), Frische Formen für die Kirche von heute, Neukirchen-Vluyn 2011, 63–76 sowie „Ekklesiologie, Kultur und Mission“ in: Christoph Ernst, Christopher Hill, Leslie Nathaniel, Friederike Nüssel (Hg.), Ekklesiologie in missionarischer Perspektive, Leipzig 2012, 198–221.
2 Church house publishing (Hg.), Mission-shaped Church. Church Planting and Fresh Expressions of Church in a Changing Context, London 2004. Vgl. die deutsche Übersetzung: Michael Herbst (Hg.), Mission bringt Gemeinde in Form, Neukirchen-Vluyn 2006. Die folgenden Zitate stammen, soweit nicht anders benannt, aus der deutschen Übersetzung.
3 Rowan Williams, Vorwort zu „Mission-shaped Church“, in: Michael Herbst (Hg.), Mission bringt Gemeinde in Form, Neukirchen-Vluyn 2006, 25.
4 Jürgen Moltmann, Kirche in der Kraft des Geistes, München 1975, 386.
5 Michael Herbst (Hg.), Mission bringt Gemeinde in Form, Neukirchen-Vluyn 2006, 181.
6 Ebd., 78.
7 Vgl. die umfangreichen Informationen zu Trainingsprogrammen, Publikationen, DVDs und anderes mehr auf www.freshexpressions.org.uk.
Hans-Hermann Pompe
Im Westen was Neues? Ein Kommentar
1. Gott ist auf der Überholspur. Sind wir da, wo Gott ist?
Ein Schlüsselelement der Erneuerung ist für die Anglikaner: Es ist Gottes Mission. Nicht: „Die Kirche hat eine Mission“, sondern: „Mission formt und schafft die Kirche“. Gott liebt Experimente – denn er will seinen Menschen nahe sein. Die Kirche ist nicht da zu ihrer Selbsterhaltung, sondern zum Besten der Menschen, die nicht vom Evangelium erreicht wurden. Frage an uns: Wollen wir Mitglieder erreichen oder Menschen gewinnen? Das Erste kann nur eine Folge des Zweiten sein, aber nicht umgekehrt.
2. Schwarz-Weiß ist vorbei. Altes und Neues, Bewährtes und Innovatives werden parallel entwickelt.
Die deutsche Kultur des „Entweder-oder“ verhindert vieles: Wir stellen zu oft gegeneinander, was neben- oder miteinander gedacht werden muss. Manchmal habe ich den Verdacht, dass die Engländer sowohl durch eine diszipliniertere Debattenkultur als auch durch ein komplementäreres Denken gegangen sind – jedenfalls wird dort bei der Suche nach einer „Mission-shaped church“ zusammengehalten, was zusammengehört: Altes wird wertgeschätzt – und zugleich weiterentwickelt. Neues wird zugelassen, gefördert und ermutigt. Beides wird zu wechselseitiger Ergänzung verlockt.
Eine offene Frage, zumindest aus evangelischer Sicht: Die Church of England ist eine synodal verfasste Kirche. Wie kommt es zu einmütigen synodalen Bewegungen und Entscheidungen? Ist das nur mit einem Wunder zu erklären? Vermutlich gibt es eine kluge Strategie und viel Geduld derjenigen, die ihrer Kirche zu einer Neubesinnung auf ihre Mission helfen wollen.
3. Top-down und bottom-up ergänzen sich. Wir brauchen eine kluge Kombination von geistlicher Leitung und Basisverankerung.
Zumindest bei den Evangelischen gibt es ein weit verbreitetes Misstrauen gegen die nächsthöheren kirchlichen Ebenen: „Das sind die da oben, was kann von denen schon Gutes kommen!“ Parallel gibt es eine Scheu vieler Leitungsverantwortlicher vor Initiativen, Impulsen und Visionen: Sie haben aber ein Mandat, das den synodalen Interessenausgleich weit übersteigt. Als Basis müssen wir lernen, unsere Leitenden zu ermutigen: Fordert uns heraus, damit wir unseren Teil an der Veränderung entdecken und annehmen. Als Leitende werben wir um das Vertrauen der uns Anvertrauten: Wir brauchen nicht nur euer Mandat, sondern auch eure Mitarbeit, denn Leitung der Kirche geht nicht ohne euch.
4. Alles bleibt anders! Eine gesamte Kirche reagiert konsequent auf die Veränderung der Gesellschaft.
Wir können bei den Anglikanern gut lernen, wie man
– wahrnimmt, was sich ändert.
– durchdenkt und analysiert, was das für Folgen hat.
– die Veränderungen erneut im Licht der Bibel deutet.
– als Kirche sinnvoll reagiert.
All dies ist ein tief geistlich motivierter Nachvollzug des Weges Jesu. „Incarnational church“ meint: Wenn die Kirche die Hingabe Christi verkörpert, ist sie an der richtigen Stelle.
5. Vielfalt ist Stärke. Innerkirchlich und zwischen den Kirchen können wir so nur gewinnen.
„Better together as crazy apart“ – Verschiedenheit (diversity) ist keine Alternative zur Einheit (unity) der Kirche in Christus. Die wechselseitige Unterstützung nutzt Verschiedenheit als Verbreiterung der Zugänge zum Evangelium. Die Vision einer „mixed economy“ mit einem verbreiterten Angebot erweitert die Resonanz auf das Evangelium, statt Menschen von vorhandenen Angeboten abzuwerben.
Zusammengefasst: Es geht darum
– den großen Auftrag neu zu hören für eine Gesellschaft, die wenig oder gar nichts vom Evangelium gehört hat.
– Kirche von den Unerreichten her zu denken: Wenn Menschen das Evangelium nicht kennen, dann ist das unser Problem, nicht nur ihres.
– alles zu tun, damit Menschen das Evangelium so hören, dass sie reagieren können.
Gisèle Bulteau
Die Ortskirche von Poitiers 1
„Mitten in der Welt gibt es christliche Gemeinden, die ihre Sendung wahrnehmen und so durch ihren Dienst Kirche aufbauen.“
Dieser Satz war für uns wesentlich und hat den Elan aller gebündelt, als es um die entscheidende Frage ging: Sollten auch wir – so wie in einer Reihe von anderen Diözesen – die bestehenden Pfarreien zusammenlegen und so zu einer begrenzten, kleineren Zahl von Pfarreien kommen? Unsere Entscheidung war ein klares Nein. Priorität war es vielmehr, die örtlichen Gemeinden neu zu beleben, gemeinsam mit Menschen, die sich aus ihrer Taufe heraus in eine Verantwortung rufen lassen; eine weitere Priorität war die Realisation des Prinzips der Nähe. So sind 1995 die ersten „örtlichen Gemeinden“ entstanden.
Ein wesentliches Prinzip der Ortskirche von Poitiers ist die Synodalität. In der Zeit zwischen 1988 und 1993 haben sich alle kirchlichen Akteure auf dem Gebiet der Diözese Poitiers, alle diakonischen Dienste, die Verbände usw. mit den kirchlichen, den gesellschaftlichen und den menschlichen Realitäten in der Diözese befasst. Dies führte zur Aufteilung der Diözese in 74 Pastoralsektoren.
Alle Erfahrungen in dieser Zeit wurden immer synodal ausgewertet und dies führte 1993 zur Feier der ersten Diözesansynode und zu einer zweiten Diözesansynode im Jahre 2003 mit den Themen: Sendung und Zusammenspiel von unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und Diensten.
Die örtlichen Gemeinden2 (nach dem Beispiel der Basisgemeinden in Brasilien)
Bald nach dem Ende der ersten Synode kam 1994 der neue Bischof, Albert Rouet. Für ihn war beim Aufbau der örtlichen Gemeinden eine Frage wichtig, zu der er immer wieder Priesterrat und diözesanen Pastoralrat konsultierte: Wie kann man Verständnis und Bewusstsein für die Priorität der Sendung schaffen, zu der ja das ganze Volk Gottes gerufen ist? Er wollte so etwas wie einen apostolischen Elan ankurbeln, gegründet in der Gnade, den Charismen und Fähigkeiten der Getauften. Die Mehrheit der Räte konnte ihm in diesem Denken folgen.
Hierbei ging es aber nicht um die Neustrukturierung eines Gebietes, vielmehr geht es um ein Suchen, ein Wahrnehmen der Sendung am jeweiligen Ort, mit den Menschen, die dort leben. Ein wesentlicher Aspekt der örtlichen Gemeinden ist daher die „proximité“ (Nähe) – nahe bei den Menschen sein. Den Menschen am jeweiligen Ort zu begegnen, ihnen zuzuhören, in ihnen den Wunsch nach örtlichen Gemeinden zu wecken, so wie sie sie brauchen, das war die Arbeit vieler Verantwortlicher in der Diözese. Oder anders ausgedrückt: Es ging darum, dass Menschen sich ihrer eigenen Taufe neu bewusst werden und entdecken, wie Taufe, wie die Taufwürde konkret gelebt werden kann.
Vor der Errichtung einer örtlichen Gemeinde gibt es eine Vielzahl von Abenden, die Schulung und Austausch dienen, und immer geht es darum, das Verständnis für die christlichen Initiationssakramente zu vertiefen, besonders für die Taufe, durch die wir zu Christen werden und die uns dazu ruft, die uns von Gott geschenkte Teilhabe am Priester-, König- und Prophetentum Christi zu leben.
Das geografische Gebiet einer örtlichen Gemeinde definiert sich durch die Christen vor Ort: Um eine Kirche herum kann eine örtliche Gemeinde entstehen, es kann aber auch nur eine örtliche Gemeinde um mehrere „Kirchtürme“ herum entstehen. Wichtig ist immer, den Beziehungsraum der Nähe zu respektieren, Beziehungen, die bereits existieren, oder solche, die man aufbauen möchte – auf Augenhöhe, in Reichweite.
In einem solchen klar definierten Gebiet können dann auch die Menschen eine Sendung wahrnehmen, die dies in einem komplexeren Gebilde nicht könnten.
Die Basisequipe in einer örtlichen Gemeinde
Eine Basisequipe besteht immer aus fünf Personen, die auf der Grundlage ihrer Taufe (Priester – König – Prophet) und entsprechend ihren Charismen gerufen werden:
– Pastoralbeauftragter – hält die Equipe lebendig, dient ihr und ist Bindeglied zwischen der örtlichen Gemeinde und den zivilen Behörden und kirchlichen Instanzen, besonders dem Pastoralsektor
– Beauftragter für materielle Belange
– Beauftragter für das Gebet
– Beauftragter für die Glaubensverkündigung
– Beauftragter für den Dienst der Nähe und der Nächstenliebe Jede Person wird in ein Mandat über drei Jahre gerufen, das einmal für weitere 3 Jahre erneuert werden kann.
In einer Eucharistiefeier, der der Bischof vorsteht, wird die neu entstandene örtliche Gemeinde der Versammlung und dem Bischof vorgestellt, der sie dann dem Priester des Pastoralsektors anvertraut. Dieser stellt dann die Mitglieder der Basisequipe dieser örtlichen Gemeinde vor.
Was daran neu ist, könnte man so beschreiben: Wir befinden uns nicht mehr in einer Situation, in der die Laien dem „Herrn Pfarrer“ helfen, sondern auf der Grundlage ihrer Taufe dienen sie dem Leben der Menschen in der örtlichen Gemeinde. Sie versuchen Antwort zu geben auf ihre Erwartungen, ihre Bitten. Jedes Mitglied der Basisequipe wird so für den örtlichen Beziehungsraum ein Gesicht von Kirche.
Eine wesentliche Aufgabe der Basisequipe ist es daher, herauszufinden, was die jeweilige örtliche Gemeinde braucht, und dann, mit den anderen Gemeinden des Pastoralsektors und dem Pastoralrat in einem Prozess geistlicher Unterscheidung zu sehen, was umgesetzt werden sollte, oder auch nicht. Denn: Keine örtliche Gemeinde genügt sich selbst, sie ist eine Gemeinschaft von Gemeinschaften im Herzen eines Pastoralsektors.
Den Aufgabenbereich in einer örtlichen Gemeinde könnte man in etwa so umreißen:
– die Einsamen und Alleinstehenden besuchen
– den Kranken die Kommunion bringen
– Gebetszeiten initiieren, z. B. im Advent oder der Fastenzeit
– über die Projekte des Pastoralsektors informieren und sie mit den örtlichen Gemeinden verbinden
– alle möglichen Wünsche und Bitten entgegennehmen und Informationen aus dem Pastoralsektor weitergeben
– Tauf- oder Ehevorbereitung usw.
– die Sonntagsliturgie vorbereiten, sei es eine Eucharistiefeier oder ein Wortgottesdienst. Dazu gehört auch, weiträumig zu informieren und Transportmöglichkeiten zu organisieren für diejenigen, die an Gottesdienstfeiern teilnehmen möchten
– Trauernde begleiten, Begräbnisfeiern vorbereiten, sei es mit oder ohne die Anwesenheit eines Priesters. Sehr oft wird in den örtlichen Gemeinden die Beerdigung von jemandem aus der Gemeinde selbst geleitet.
Für die Sakramentenvorbereitung – Taufe, Ehe –, aber auch für andere Formen von Katechese oder z. B. auch für die Jugendpastoral sind die örtlichen Gemeinden so etwas wie ein Verbindungsglied im Nahraum. Es gilt jedoch das Prinzip der Subsidiarität, sie müssen und können nicht alles vor Ort selber organisieren, dafür ist dann auch noch der Pastoralsektor als pastorale Basiseinheit da.
Nach 17 Jahren …
Einige wesentliche Aspekte möchte ich hier benennen:
Die örtlichen Gemeinden sind Wege zum Glauben. Die Beziehungen, die dort geknüpft werden – besonders mit den Schwächsten –, machen die Kirche nahbar, liebenswert. Sie sind auch ein Ort, wo Geschwisterlichkeit eingeübt werden kann. Man wählt sich ja die Mitglieder seiner Equipe nicht aus, man empfängt den anderen als einen Bruder, eine Schwester, die es zu lieben gilt. Dies ist aber zunächst einmal nicht immer naturgegeben.
Bei ihren regelmäßigen Treffen sammeln sich die örtlichen Equipen um das Wort Gottes. Das Evangelium wird in die Mitte des Lebens der Gemeinde gestellt, wie ein Licht für den Weg.
Männer, Frauen aus allen Milieus und Lebensbereichen sind ein Gesicht von Kirche. Sie lassen das Evangelium lebendig werden, selbst an den unwahrscheinlichsten Orten. Durch sie sind wir überzeugt, dass das Evangelium Nahrung für das Leben auch der Menschen ist, die wir nie in der Kirche antreffen. Sendung, das heißt, wir werden herausgefordert und befähigt, Mittel und Wege zu finden, wie alle Menschen aus dem Evangelium Jesu Christi leben können.
Der Motor dafür heißt Vertrauen. Vertrauen in die Wirkmächtigkeit der christlichen Initiationssakramente, die den Getauften und Gefirmten die Fähigkeit verleihen, das Evangelium zu bezeugen. Vertrauen in die Christen, dass sie das kirchliche Leben neu beleben und ihre Talente in den Dienst der Gemeinschaft stellen können.
Aber dieses Vertrauen zu leben, das kostet auch etwas, im Blick auf die Zeit und die Personen. Es kostet Zeit und Hingabe, diejenigen, die gerufen sind, zu begleiten, sie zu unterstützen, ihnen Wege vorzuschlagen, wie sie ihren Glauben vertiefen können, sie zu unterstützen in ihren Schwierigkeiten und Enttäuschungen – und auch sie zu begleiten, um ihren Weg des Glaubens immer wieder neu anzuschauen, zu überprüfen und zu deuten (Relecture).
Eine örtliche Gemeinde ist nur in Gemeinschaft mit den anderen und mit den Weiheämtern wirklich christliche Gemeinde. Diese müssen dort sehr präsent sein und die Gemeinde immer wieder daran erinnern, dass sie sich nicht selber Quelle sind, sondern aus der Gnade Gottes leben, besonders in den Sakramenten.
Nähe leben: dieses Leben eines Beziehungsgeflechts, das die Diözese den örtlichen Gemeinden anempfiehlt, ist auch ein Imperativ für die Diözese selbst. Es braucht eine Bewegung „hin zu …“, um der „Welt“ zu begegnen und sie zu verstehen. Durch die Beziehungsräume der Nähe in den örtlichen Gemeinden lebt die Kirche ihre Sendung inmitten der menschlichen Gesellschaft als „Salz der Erde“.
Synodalität leben: das heißt, dass wir alle gemeinsam (Bischof, Priester, Diakone, Ordensleute, Laien mit einem kirchlichen Sendungsauftrag) lernen, geschwisterlich zu leben, gemeinsam mit dem Volk Gottes hin zu seinem Reich.
Nähe, Mut, Vertrauen, Geschwisterlichkeit, Hoffnung – diese Wörter sind die kleinen Leuchtpunkte auf unserem Weg und so etwas wie Schlüsselwörter in meiner Aufgabe der Begleitung der örtlichen Gemeinden. Einige der gestern genannten Aspekte möchte ich hier noch einmal vertiefen.
Verstehen, unterscheiden und antworten
Sehr bald ging es in den örtlichen Gemeinden nicht mehr nur um Fragen der Organisation, es kamen immer häufiger Anfragen nach Vertiefung. So besuchte ich die örtlichen Gemeinden, habe mich mit den Basisequipen getroffen. Wichtig war mir im Vorfeld immer, den verantwortlichen Priester zu informieren, aber oft war es auch so, dass der Priester selber mich gebeten hatte zu kommen. Zuhören, das war und ist, was meine Aufgabe wesentlich charakterisiert. Man könnte sagen, dass Anerkennung und Sendung einer Equipe auf der Grundlage des Vertrauens den Christen die Freiheit schenkt und sie befähigt, von dem zu sprechen, was sie bewegt.
Um meine Rolle in der Begleitung der örtlichen Gemeinden noch genauer zu beschreiben, ist es auch wichtig, klar zu sehen, dass ich nicht als Verantwortliche komme, die zur Hierarchie gehört.
Oft ist es so, dass ich einen Raum öffnen kann, in dem Probleme benannt und Antworten gefunden werden können. Es kann aber auch so sein, dass ich die geeigneten diözesanen Dienste ins Spiel bringe.
Durch dieses Leben von Beziehungen im Nahraum durfte ich Menschen entdecken, die aus einem tiefen, lebendigen Glauben heraus leben, die aber vorher nicht gewohnt waren, ihren Glauben ins Wort zu bringen und sich über ihn auszutauschen. Sie waren für meine Begleitung sehr dankbar.
Nach und nach ist dank dieser Menschen das christliche Leben in den Gemeinden wieder lebendiger geworden. An den Orten, wo sie leben, sind sie zu Akteuren geworden und sagen: „Wir haben das Recht, unser Christsein da zu leben, wo wir auch wohnen.“ – ohne das swir dafür immer irgendwo hinfahren müssen (in ein Zentrum oder in die Stadt, wo der Priester ist).
Keine örtliche Gemeinde ohne Priester
Im Allgemeinen besucht im Kontext der Begleitung der örtlichen Gemeinden der Priester des Pastoralsektors regelmäßig die Gemeinden. Er ist eingeladen, sich regelmäßig mit jeder örtlichen Basisequipe zu treffen und so den Glauben und den apostolischen Elan der engagierten Christen zu stärken.
Seine Gegenwart verdeutlicht die Gemeinschaft aller Gemeinden miteinander, aller Christen, die im gleichen Sektor leben, in dem er seinen Dienst tut.
Der Priester verbindet die einzelne örtliche Gemeinde mit allen anderen Gemeinden im Sektor. Er erinnert auch an die gemeinsamen Ziele im Blick auf die Sendung im gesamten Pastoralsektor. Keine örtliche Gemeinde darf sich selber genügen oder sich in sich abschließen.
Der Priester ermutigt und hilft den Christen zu beten, das Wort Gottes zu lesen und miteinander zu teilen, die Augen offen zu halten für die Zerbrechlichkeit der menschlichen Situationen in der Gemeinde: einsame Menschen, alte Menschen, die in Altenheimen leben, Einrichtungen für Behinderte, Gewalttätigkeit in Familien oder Trauerfälle. Er unterstützt – ohne dass er immer vor Ort wäre oder alles selber machen würde – die Christen in ihrem Glaubensleben.
Menschen kommen vor Strukturen
Eine lebendige örtliche Gemeinde erkennt man daran, dass sie es versteht, eine möglichst große Zahl von Menschen zu rufen, ihnen zu signalisieren: Das, was du bist, was du kannst, genau das braucht unsere Gemeinde. Komm! Es gibt keinen „fruchtlosen“ Christen. Niemand ist überflüssig. Jeder getaufte Christ ist dazu aufgerufen, seine Taufwürde zu erkennen und anzuerkennen; die verschiedenen Dienste in der Kirche geben ihm hierzu die Möglichkeit. Der Heilige Geist, der uns in der Firmung geschenkt ist, befähigt alle, auf den Ruf des Herrn zu antworten, das Vertrauen, das Gott uns schenkt, lädt uns ein, einander zu vertrauen.
Die örtlichen Gemeinden öffnen einen Weg des Glaubens für die, die sich darauf einlassen. In einer Basisequipe lernt man – wenn auch manchmal mühsam – sich auszutauschen, einander zuzuhören, den Standpunkt der anderen in Betracht zu ziehen. Bei den gemeinsamen Initiativen geht es um konkret gelebte Solidarität. Jede Basisequipe ist so etwas wie ein Laboratorium der Geschwisterlichkeit, um so sichtbares Zeichen für die ganze örtliche Gemeinde zu sein, dass Geschwisterlichkeit möglich ist und alle dazu eingeladen sind.
Ein alter Mann, ungefähr 80 Jahre alt, war der erste Pastoralbeauftragte seiner Gemeinde für einen Zeitraum von sechs Jahren und er sagt: „ Ich habe mich immer engagiert, im Beruf, in der Zivilgemeinde … das ist auch in der örtlichen Gemeinde so weitergegangen, aber erst jetzt, wo ich alt bin, entdecke ich, dass all mein Engagement seine Wurzel in der Taufe hat.“ Und er fügt hinzu : „Was für ein Glück habe ich doch, dass ich diese Kirche kennenlernen durfte!“ Jetzt ist er nicht mehr nur ein alter Mann, sondern ein glücklicher Christ. Lernen wir durch die örtlichen Gemeinden nicht auch die Kirche zu lieben?
Die Sendung stärken
Jährliche Treffen der Priester und der Pastoralbeauftragten jeder örtlichen Gemeinde in der Diözese mit dem Bischof und den Bischofsvikaren sind – geschwisterlich, spirituell und kirchlich – Grundlage für die örtlichen Gemeinden. Durch diese Treffen hat sich ein Bewusstsein gebildet, dass nämlich alle zusammen – Dienstamt und Diener des Evangeliums – an der gleichen Sendung teilhaben.
Formation – Ausbildung, Weiterbildung, Schulung
Der Aspekt der proximité, der Nähe, ist ein absolutes Muss für alle Christen in der Diözese, welche Verantwortung sie auch immer haben mögen. Neben dem Centre Théologique haben sich nach und nach auch neue, dezentrale Modelle herausgebildet, die so etwas sind wie ein „spiritueller Zwischenstopp“. Es gibt Angebote in verschiedenen Klöstern und auch Angebote des diözesanen Dienstes für Spiritualität. Es gibt Schulungen für Glaubensverkündigung, für Trauerbegleitung, Lektorenausbildung, liturgische Ausbildung – dieses sind aber eher Angebote des Centre Théologique.
Zeiten der Relecture und Aufgabe der Unterstützungsequipen
Mit den ersten Erneuerungen der Basisequipen wurde auch deutlich, wie wichtig es ist, den Weg anzuschauen und zu deuten, den eine Equipe gemeinsam gegangen ist.
Tatsächlich ist es oft so, dass die erste Reaktion von Personen, deren Mandat zu Ende geht, die ist, dass sie nach Nachfolgern suchen. Das Risiko ist hoch, dass es nur ein Rufen in eine bestimmte Aufgabe ist, die getan werden muss, und man übersieht, dass es in erster Linie um einen spirituellen Schritt im Herzen der örtlichen Gemeinde geht. Deshalb ist es zur Norm geworden, dass es vor jeder Erneuerung einer Basisequipe eine Zeit der Relecture gibt.
Die Relecture wird geleitet von einer Person „von außen“, die nicht zur Basisequipe gehört. Es werden einige Arbeitsblätter vorbereitet, sie sind in dem Handbuch zu finden, das jeder örtlichen Gemeinde übergeben wird. Bei der Relecture geht es darum, die Früchte des Lebens der Gemeinde zu entdecken und zu ernten. Wir könnten diese Zeit auch als „Überprüfung des Lebens“ im Licht des Wortes Gottes bezeichnen, wo jedes Mitglied der Basisequipe mit den anderen teilt, was sich in ihm/ihr ereignet hat – Entdeckungen, Freude, Schwierigkeiten und den Ruf, den er/sie wahrnimmt. Was für ein Christ bin ich geworden? Das ist immer ein großer Augenblick der Gnade. Für manche Menschen mag es zunächst schwierig sein, den anderen Mitgliedern der Basisequipe vom eigenen Glaubensweg, den Zweifeln und Freuden zu erzählen. Die Aufgabe des Leiters ist es hier, zu ermöglichen, dass jede und jeder sprechen kann.
Diese Zeit des Austauschs stärkt den Zusammenhalt der Gemeinde und ermöglicht, mit Vertrauen in die Zukunft zu blicken. Es entsteht der ernsthafte Wille, den Menschen, die wenig in der Kirche engagiert zu sein scheinen, aber trotzdem großes Interesse zeigen, auch die Möglichkeit zu geben, diese Glaubenserfahrung zu machen. Deshalb haben wir auch den starken Willen, an der „Kultur des Rufens in den örtlichen Gemeinden“ zu arbeiten.
Anwesend bei der Relecture ist auch fast immer der Priester der örtlichen Gemeinde und oft ist er es, der am meisten über die Kraft der Glaubenszeugnisse staunt.
Einige Aspekte der Erneuerung der Equipen sind hier noch zu erwähnen:
Im Blick auf die immer größer werdende Zahl der örtlichen Gemeinden haben wir den Mitgliedern der ersten Equipen signalisiert, dass sie – jetzt, wo sie ihre Aufgabe erfüllt haben – nun ihrerseits die örtlichen Gemeinden in ihrer Nähe unterstützen könnten. Die Verfügbarkeit und die Großzügigkeit dieser Menschen sind bemerkenswert. In jedem der 14 Territorien der Diözese wenden sich Menschen aus den örtlichen Basisequipen an diese Unterstützungsequipen. Sie sind wie große Brüder und Schwestern – Wegbegleiter aus einer guten Distanz heraus, aber doch auf Augenhöhe mit den Engagierten in den Gemeinden. Alle tun dies ohne Bezahlung, sie übernehmen diese Aufgabe auf der Grundlage ihrer Taufe und nicht auf der Grundlage eines besonderen Dienstes.
Besonders werden sie gerufen für Zeiten der Relecture. Sie tragen zusammen, sie ermutigen, sie teilen ihre Erfahrungen, sie erinnern an die Grundlagen und berichten, falls einige Fragen, Schwierigkeiten oder Wünsche dies erfordern, den Bischofsvikaren. Sie werden auch gerufen, wenn es in den Gemeinden Schwierigkeiten oder Konflikte zwischen einzelnen Personen zu regeln gibt.
Die Bischofsvikare, die für ein Territorium verantwortlich sind, schlagen diesen Unterstützungsequipen auch Zeiten des Austauschs und der Fortbildung für sie selber vor.
Das Handbuch
Im Nachgang zur Diözesansynode wurde ein Handbuch herausgegeben, sozusagen die Charta für das Leben der Diözesankirche. Dieses Handbuch ist Bezugspunkt, Werkzeug und gibt Erläuterungen unterschiedlicher Art. Es wird an die Ausrichtung der Diözesankirche erinnert, damit das missionarische Ziel der Diözese immer lebendig vor Augen bleibt.
Das Handbuch ist auch Instrument im Dienst an der Communio der örtlichen Gemeinden. Es wurde den Priestern, den Verantwortlichen in der Pastoral und jeder Basisequipe übergeben.
… und zum Schluss
Wir sind auf einem Weg zur Errichtung von „neuen Pfarreien“. Was wir aber heute schon sagen können, ist: Dieser Weg verstärkt und wird das Leben der örtlichen Gemeinden weiter verstärken, so dass sie ihre Sendung nahe bei den Menschen leben können und so die Relevanz des Glaubens in der heutigen Zeit bezeugen, indem sie sich in den Dienst aller stellen, besonders aber in den Dienst derer, die von der Kirche am weitesten entfernt sind.
1 Adaptiert aus dem Französischen von Gabriele Viecens, Dipl.-Übersetzerin. Vgl. zu den Erfahrungen in Poitiers auch den Beitrag von Eric Boonne in diesem Buch sowie Reinhard Feiter u. Hadwig Müller (Hg.) Was wird jetzt aus uns, Herr Bischof. Ermutigende Erfahrungen der Gemeindebildungen in Poitiers, Ostfildern 22012 und Hadwig Müller, Gemeinde und Leitung im Bistum Poitiers, in: Michael Böhnke, Thomas Schüller (Hg.), Gemeindeleitung durch Laien? Internationale Erfahrungen und Erkenntnisse, Regensburg 2011.
2 Vgl. auch Gisèle Bulteau, Örtliche Gemeinden begleiten, in: Christian Hennecke, Dieter Tewes, Gabriele Viecens (Hg.), Kirche geht … Die Dynamik lokaler Kirchenentwicklungen, Würzburg 2013, 67–73 sowie den Beitrag von Martin Alex und Thomas Schlegel in diesem Buch.
Eric Boone
Eine Kirche der Nähe 1
Wenn man auf die Errichtung von örtlichen Gemeinden in der Diözese Poitiers schaut, geht es nicht einfach um eine Strukturreform der Kirche von Poitiers. Am Anfang stand nämlich eine zweifältige Dynamik:
1. der klare Wille, die Rezeption der beiden Synoden, die Partikularrecht der Diözese geworden sind, in all ihren Ausdrucksformen ernst zu nehmen, und:
2. eine auch zeitlich sehr umfassende Reflexion des Neuen Testaments – beinahe könnte man hier schon von einer Meditation sprechen.
Die Rezeption der Synode
Wenn wir von der Erfahrung der Synoden sprechen, handelt es sich nicht einfach um historisches Geschehen. Mir ist wichtig zu bezeugen, dass die Feier einer Synode ein Ereignis von höchster Bedeutung im Leben einer Ortskirche ist. Die Diözese von Poitiers hat die Entscheidung getroffen, zwei Synoden entsprechend kanonischem Recht zu feiern. Es gibt zwar eine Reihe von Diözesen, die einzelne Schritte von synodalem Charakter unternehmen, aber wir haben beschlossen, unsere beiden Synoden entsprechend dem Kirchenrecht zu feiern: Es gab also die Einberufung der Synoden, der Bischof hat ihnen vorgestanden, die dort gefassten Beschlüsse öffentlich verkündet und so sind sie zu Partikularrecht des Bistums Poitiers geworden.
In der Synode von 1993 ging es um die Frage, ob neue Pfarreien gegründet werden sollten. Das war eine Zeit, in der auch auf nationaler Ebene in Frankreich viel um Zusammenlegungen von Pfarreien gerungen wurde. Die Antwort der Synode von Poitiers war eindeutig: Bevor neue Pfarreien entstehen könnten, geht es zunächst einmal darum, die „örtlichen Gemeinden“, d. h. die Gemeinden vor Ort, im Quartier, in den Dörfern neu zu beleben.
Am Anfang hat niemand so recht auf diese Wortschöpfung geachtet: örtliche Gemeinde, das klang sehr harmlos! Erst als einige Monate nach dem Inkrafttreten der synodalen Akte Mgr Rouet Bischof der Diözese Poitiers wurde, hat er die ganze Bedeutung dieses Wortes erkannt und uns darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig diese Formulierung ist. Was genau wollten wir denn ausdrücken mit dem Wort „örtliche Gemeinde“? Er erwartete eine Präzisierung von uns, um so wirklich zu einer authentischen Rezeption der synodalen Beschlüsse zu kommen. Man könnte hier den 6. Abschnitt von Presbyterorum ordinis zitieren, das Konzilsdekret über den Dienst und das Leben der Priester, das heute eher ein bisschen in Vergessenheit geraten ist: „Die Einzelgemeinde darf darum nicht nur die Sorge für die eigenen Gläubigen fördern, sondern muss, von missionarischem Eifer durchdrungen, allen Menschen den Weg zu Christus ebnen. Ihre besondere Sorge gelte jedoch den Katechumenen und Neugetauften; sie sind schrittweise zur Erkenntnis und Führung eines christlichen Lebens zu erziehen.“
Halten wir also drei Punkte fest:
Die Erfahrung einer Synode – eine Erfahrung, die viel größer ist, als wir es sind – ist Ausdrucksform einer Kirche, die sich dem Heiligen Geist anvertraut, der sie weit mehr inspiriert, als sie sich hätte vorstellen können. Die Rezeption dieser Synode hat etwas ins Leben gerufen, das mehr erfordert, als nur auf die Zeichen der Zeit zu achten – es braucht vielmehr eine neue, eine andere Arbeitsweise, deren Kennzeichen Umkehr, Bekehrung ist. Ich wünsche auch der Kirche in Deutschland, Mut zu Synoden zu haben – im Vertrauen darauf, dass Gott selber seine Kirche baut!
Der Ausdruck „örtliche Gemeinde“ hat uns in eine missionarische Dynamik gebracht. Es geht nicht darum, religiöse Bedürfnisse zu befriedigen, sondern allen den Weg des Evangeliums anzubieten und so die Bedeutung eines Lebens nach dem Evangelium inmitten der Welt von heute zu zeigen. In ihrem Brief an die Katholiken Frankreichs – Den Glauben vorschlagen in der heutigen Gesellschaft – haben uns die Bischöfe von Frankreich dazu eingeladen, dies mutvoll zu tun.
Was eigentlich ist die Kirche?
Die Einladung unseres Bischofs, die Rede von den örtlichen Gemeinden in unseren synodalen Akten ernst zu nehmen, hat etwas Wesentliches in uns bewirkt. Um eine Antwort zu finden auf diese doch scheinbar recht simple Frage, brauchte es zunächst einmal Klärung in uns: Was ist eigentlich Kirche? Was braucht es, um Kirche zu sein – oder zu werden? Das genau zu beschreiben war uns eine sehr kostbare Arbeit: zum einen – und das möchte ich noch einmal betonen – um nicht aus einem rein organisatorischen Blickwinkel zu schauen, sondern eine Herangehensweise gemäß dem Evangelium zu finden. Wir haben immer wieder die Schriftstellen von der Auferstehung Christi gelesen, besonders die Geschichte der Emmaus-Jünger (Lk 24), wir haben verstanden, dass Kirche die Gemeinschaft derer ist, die Christus erkennen durch die Deutung der Schrift, durch das gemeinsame Teilhaben an der Eucharistie und in der Begegnung mit dem Bruder und der Schwester.
Keiner dieser drei Aspekte – martyria, liturgia und diaconia – darf in der Kirche fehlen. Und so sind die Dienste in den örtlichen Gemeinden entstanden – nicht als Aufgaben, die man eben erfüllen muss, sondern vielmehr als ein Ort, wo sich ein Gesicht von Kirche zeigt, in dem Christus zu erkennen ist.
Die Entfaltung dieser drei Dimensionen christlichen Lebens findet offensichtlich ihre Quelle in der Taufe. Der Ritus ist klar: nach dem Eintauchen oder Übergießen mit Wasser salbt der Priester die Stirn des Taufkandidaten mit Chrisam und sagt dabei: „Du wirst nun mit dem heiligen Chrisam gesalbt, denn du bist ein Glied des Volkes Gottes und gehörst für immer Christus an, der gesalbt ist zum Priester, König und Propheten in Ewigkeit.“
Christus ist der Priester, König und Prophet – und für die Getauften geht es darum, ihre Taufe zu leben, das heißt, Glied am Leib Christi zu bleiben. Die Versuchung besteht darin, die örtlichen Gemeinden als eine Notlösung zu sehen – auf dem Hintergrund der immer kleiner werdenden Zahl von Priestern. Das wäre aber ein großer Irrtum, eine völlig falsche Perspektive, denn es geht vielmehr um Kirchwerdung aus der Quelle der Sakramente, weil es ja Gott ist, von dem alles ausgeht. Es geht eben gerade nicht um eine neue Aufgabenverteilung, sondern wirklich um die Entfaltung der Sendung der Kirche Christi auf der Grundlage der Taufe, die uns zu Christen macht. Ich möchte Sie einladen, in dieser Perspektive über die Zukunft der Kirche nachzudenken: ausgehend von der Taufe, genährt durch die Eucharistie und bestärkt im Glauben. Das ist die lebendige Quelle unseres Glaubens.
Eine Kirche, die sich gesandt weiß
In unseren örtlichen Gemeinden gibt es ein radikales Erfordernis: Da wir von der Taufe ausgehen, und also von der Gnade, muss deutlich und klar werden, dass nicht eine Einzelne oder ein Einzelner quasi „im Besitz“ der Sendung ist. Es geht um die Sendung der Kirche selbst, d. h., wir sind als ein Leib gesendet. Das Konzil sagt es ganz deutlich: „Es besteht in der Kirche eine Verschiedenheit des Dienstes, aber eine Einheit der Sendung …“ (Apostolicam actuositatem, Nr. 2 Dekret über das Laienapostolat ). Die Erneuerung der Equipen in den örtlichen Gemeinden, die sich alle drei Jahre vollzieht, bezeugt, dass alle gerufen und gesandt sind und dass es nichts gibt, was ausschließlich „im Besitz“ eines oder einer Einzelnen wäre. Die Equipen bezeugen also, dass Glaube immer in der Dynamik des Rufens und des Sendens gelebt wird. Das ist ja auch die Erfahrung des biblischen Prophetentums – von Abraham bis Ezechiel, Moses, Jesaja oder Jeremia – und das ist auch die Erfahrung der zwölf Apostel und die der Jünger. Kirche entsteht und wird nicht aus sich heraus, sondern aus der Dynamik des Rufens und Sendens, so wie der Vater Christus gesandt hat. Glaube ist kein sanftes Ruhekissen, es geht nicht darum, Kirche einfach zu erbauen, sondern sie ist gesandt, Frucht zu bringen. Gegenwärtig denken wir in unserer Diözese über die Errichtung neuer Pfarreien nach. Dabei geht es nicht darum, Pfarreien nach altem Muster, so wie wir sie ja kennen, wieder zu errichten. Es geht vielmehr darum, die Pfarrei neu zu entdecken als provisorischen Ort (paroikos). Man könnte sagen, dass Abraham, auf der Pilgerschaft zu Gott hin, das erste „Pfarrkind“ war.
Eine Kirche der Nähe (proximité)
In der Sendung zeigt sich eine Kirche „der Nähe“, eine Kirche nahe bei den Menschen, inmitten aller ganz alltäglichen menschlichen Situationen. Hier verbindet sich die Stimme der Christen mit den Stimmen aller anderen. Mir ist aufgefallen, dass dieser Punkt bei der römischen Synode zur Neuevangelisierung noch einmal unterstrichen wurde. Das Evangelium wird nicht „aus der Ferne“ verkündet. Christus ist uns nahe gekommen. Zweifellos ist die Zeit des Fischfangs mit großen Netzen vorbei und es ist jetzt die Stunde des „Fischens mit der Angel“. Das ist natürlich aufwendiger, aber es ist unerlässlich in einer Zeit, wo das, was wir die „Krise“ nennen, viele Männer und Frauen hart trifft und sie sich unnütz oder überflüssig fühlen. Da ist es vielleicht eine frohe Botschaft, eine Gemeinde zu erfahren, die einfach ist, auch zerbrechlich, wo aber Geschwisterlichkeit, Nähe und Solidarität helfen, die Schwere der Existenz auszuhalten und wo sich Menschen rufen lassen sich zu engagieren.
Nähe zu leben in so einfacher Form spricht von der Großzügigkeit des Evangeliums. Und damit dies möglich ist, müssen wir Menschen ins Christsein rufen und so zeigen, wie „köstlich das Evangelium ist“. Wie könnten wir den Dialog zwischen Jesus und den Arbeitern der letzten Stunde vergessen: „Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?“ Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben.“ (Mt 20,6–7). Wir leben heute in einer Zeit, wo wir gut auf diese Sätze hören müssen. Frankreich ist heute sicher ein „Missionsland“, aber das darf uns nicht zu nostalgischem Rückblick verleiten, sondern es geht darum, zunächst einmal für uns selber den Glauben neu zu entdecken und ihn vorzuschlagen als Antwort auf einen Ruf.
Die Priester
Wenn wir von örtlichen Gemeinden sprechen, dann fragt man uns sehr oft nach den Priestern in diesem Kontext: Was wird aus ihnen? Werden sie nicht vergessen, wenn sich Kirche so organisiert? Ganz klar und zum Glück heißt die Antwort: Nein! Von der Taufe auszugehen, das heißt nicht, die Priester zu vergessen. Ganz im Gegenteil: wir gehen von der Gnade aus, für die der Priester Zeichen und Werkzeug in der Gemeinschaft ist. Ich möchte noch einmal Presbyterorum ordinis, Nr. 6 zitieren: „Darum obliegt es den Priestern als Erziehern im Glauben, selbst oder durch andere dafür zu sorgen, daß jeder Gläubige im Heiligen Geist angeleitet wird zur Entfaltung seiner persönlichen Berufung nach den Grundsätzen des Evangeliums (…). Noch so schöne Zeremonien und noch so blühende Vereine nutzen wenig, wenn sie nicht auf die Erziehung der Menschen zu christlicher Reife hingeordnet sind. Um diese zu fördern, sollen die Priester ihnen helfen, zu erkennen, was in den wichtigen und den alltäglichen Ereignissen von der Sache her gefordert ist und was Gott von ihnen will.“
Die Priester sind Erzieher im Glauben. Sie dienen dem Aufbau des Leibes Christi. Die Vielzahl ganz unterschiedlicher Christen sollen sie sammeln und zu einem Leib aufbauen. Damit dies gelingen kann, sind sie aufgerufen, auf jede und jeden Einzelnen zu schauen, jedem zu ermöglichen, das Beste, was sie oder er zu geben hat, hervorzubringen und es in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.
In diesem Text findet sich auch das Wort von der Berufung. Erziehen, das heißt auch rufen, hervorrufen – es geht darum Menschen in eine Sendung zu rufen. Es geht nicht darum, alles selber zu tun, alles zu kontrollieren, sondern es geht um Ruf und Sendung. So wird deutlich, dass alle gerufen und gesandt sind und dass alle aufgefordert sind, zu rufen und zu senden.
Man kann den Dienst des Priesters nicht auf die Summe dessen reduzieren, was er tut oder was er tun darf bzw. was die Laien nicht tun dürfen. Hier lauert eine große Gefahr, nämlich die Sakramentalität der Kirche zu ignorieren und so, mit einem Schlag das Innerste des Dienstes der Priester zu zerstören. Diese Gefahr ist nicht zu unterschätzen.
Paulus spricht von den Presbytern als „Vätern im Glauben“. Wir haben diesen Ausdruck in unserer Synode wieder aufgenommen. Im Gegensatz zu den Vorstellungen der Welt von heute, die manchmal aus den Priestern so etwas wie kirchliche Kader machen wollen, zeigt uns dieses paulinische Bild das Herzstück des priesterlichen Dienstes. Was ist ein Vater? Vater ist der, der zeugt, aber auch der, der Wachstum ermöglicht, der seinem Kind hilft, erwachsen zu werden, und es in die Welt entlässt. Genauso steht der Priester im Dienst an der Communio. Indem er der Gemeinschaft immer wieder ins Gedächtnis ruft, worauf sie gründet, was ihr Ursprung ist, verhindert er, dass sie nur um sich selber kreist.
Formation, Bildung 2
Es ist klar, dass diese Punkte, die ich hier nur kurz angetippt habe, auch Indikatoren für unsere Formation sind. Deshalb möchte ich zum Schluss hierzu einige Aspekte benennen.
Unsere Priester werden, soweit wie möglich, gemeinsam mit den Laien ausgebildet. Sicher ist es auch erforderlich, dass sie einige spezifische Kurse absolvieren, aber nichts verhindert – vielmehr spricht alles dafür –, dass sie die gleichen theologischen Ausbildungsformate mit den Laien teilen. Nicht nur im Blick auf die Inhalte der einzelnen Kurse, sondern vor allem im Blick auf die Herangehensweise: Die große Herausforderung besteht darin, dasselbe zu hören, dieselben Erfahrungen zu teilen, zu lernen, wie man andere gut kennenlernt, besonders auch die, mit denen man gerufen ist, später zusammenzuarbeiten. Das Theologische Zentrum von Poitiers, das für die Bildung zuständig ist, öffnet die meisten seiner Kurse für alle.
Natürlich soll Formation, soll Ausbildung so genau wie möglich, so ernsthaft wie nur möglich sein. Trotzdem zielen wir aber nicht in erster Linie auf gelehrtes Wissen ab, sondern wir versuchen, so etwas wie eine Kunst im Leben des Glaubens zu entwickeln. Das impliziert eine Kohärenz des Glaubens, die nicht bloße Abfolge der Lehre von Gott ist, sondern ein organisches Ganzes. Das impliziert aber auch, dass wir uns mit der Intelligenz der Welt, in der wir leben, auseinandersetzen müssen, die Mentalitäten verstehen und die Entwicklungen in der Gesellschaft analysieren können. Glaube hat ja ganz klar auch mit dem Denken zu tun, aber vor allem und in erster Linie mit dem Leben.
Und schließlich muss die Formation uns im Evangelium verwurzeln, muss das verbinden, was wir nur allzu oft trennen: Theologie, Pastoral und geistliches Leben. Das sind nicht drei entgegengesetzte Diskurse, sondern drei Realitäten, die sich gegenseitig befruchten.
Konkret zusammengefasst: Wir zielen darauf ab, so etwas wie eine „Formation der Nähe“ zu verwirklichen. Wir gehen, meistens in kleineren Gruppen, dorthin, wo die Menschen leben. Mit ihnen schlagen wir das Evangelium auf, denken über die Haltung Jesu im jeweiligen Evangelium nach und darüber, wie uns das für unser heutiges Leben inspirieren kann. Wir versuchen, so etwas wie einen „freien Raum“ anzubieten – eine zeitliche Rückzugsmöglichkeit in einer Welt, die häufig von Aufgaben und Verpflichtungen überlastet ist.
In diesem Kontext bemühen wir uns auch darum, die Dokumente des Konzils möglichst vielen bekannt zu machen und gemeinsam über die Rezeption des Konzils nachzudenken.
Sicher ist diese Art der Formation sehr einfach: ein Abend im Monat auf die Dauer von einem oder zwei Jahren. Aber ich kann das ernsthafte Engagement jeder und jedes Einzelnen bezeugen und die Früchte, die sie bringen. Viele erzählen uns von ihrer Freude, dass sie ihre Glaubenserfahrung jetzt ins Wort bringen können, dass sie ins Innerste des Glaubens vorstoßen können. Sie sprechen von Befreiung, oft im Blick auf Kindheitserfahrungen und alte Erinnerungen an den Katechismus. Für die, die diese Ausbildung oder Schulung leiten, ist die Rede von der Befreiung wesentlich, denn sie entspricht der ersten Erfahrung der Hebräer, für die Gott vor allem der ist, der sie aus Ägypten befreit hat.
1 Aus dem Französischen von Gabriele Viecens, Dipl.-Übersetzerin.
2 Vgl. auch Eric Boone, Aus- und Weiterbildung in den örtlichen Gemeinden, in: Christian Hennecke, Dieter Tewes, Gabriele Viecens (Hg.), Kirche geht … Die Dynamik lokaler Kirchenentwicklungen, Würzburg 2013, 67–73.
Estela Padilla
„Ohne Vision verkümmert das Volk“ (Spr 29,18)1
Wege zu einer gemeinsamen Visionsentwicklung
Was ist eigentlich eine Vision? Und warum ist es so wesentlich, mit einer Vision auf dem Weg zu sein? Und schließlich: Warum reicht es nicht aus, dass jemand eine Vision hat, die er dann versucht umzusetzen? Warum braucht es vielmehr eine Vision, die in ihrem Werden und in ihrer Umsetzung von möglichst vielen geteilt wird? Das sind die Fragen, die ich zunächst klären möchte, um dann in einem zweiten Teil die konkreten Schritte der gemeinsamen Visionsentwicklung darzustellen, wie wir sie auf den Philippinen an vielen Orten gestalten und durchführen.
Die Bedeutung einer „gemeinsam geteilten Vision“ (shared vision)
Es gibt natürlich verschiedene Versuche zu beschreiben, was eine Vision ist. Zwei Aspekte möchte ich unterstreichen: Zum einen ist eine Vision ein bewusstes Träumen darüber, wie man sich eine Zukunft vorstellt, die das eigene Leben wertvoller und sinnvoller macht. Zum anderen geht es um ein inneres Bild dieser sozusagen „erträumten“ Zukunft. So kann man eine Vision vielleicht vergleichen mit einem Werbeplakat in einem Reisebüro: Das Bild zeigt die paradiesische Landschaft, das Meer, die Berge eines Reiselandes – und will damit einladen, genau dorthin zu kommen. Eine Vision will also Sehnsucht und Energie wecken, um auf ein gewünschtes Ziel zuzugehen.
Und genau deswegen ist eine Vision auch so wichtig. Ohne sie, so sagt das Buch der Sprichwörter (29,18), verkümmert eine Gemeinschaft. Sie verliert die Orientierung, sie dämmert vor sich hin – sie ist in einem Kreislauf ewiger Wiederholung und hat deswegen keine Energie für ein weitergehendes Ziel. Man kann sagen: Wenn man nicht mehr weiß, wohin man geht, wo das Ziel ist, dann ist es eigentlich egal, welchen Weg man nimmt. Mich beeindruckt deswegen der Satz der bekannten Amerikanerin Helen Keller, die selbst blind war. Als man sie fragte, was für sie schlimmer wäre, als blind zu sein, antwortete sie: „Was schlimmer ist, als blind zu sein? Sehen zu können, aber keine Vision zu haben“.
Aber es reicht nicht, eine Vision zu haben. Es geht um mehr: Wir brauchen eine Vision, die von möglichst vielen Menschen geteilt wird. Das ist gar nicht so selbstverständlich. Einmal hörte ich einen Bischof sagen: „Das Bistum hat eine gemeinsame Vision, denn ich bringe meinen Leuten immer wieder und unaufhörlich meine Vision bei.“ Aber genau das ist nicht gemeint! Eine gemeinsam geteilte Vision ist eben keine mitgeteilte Vision, die man dann nur noch zu übernehmen braucht. Es geht um etwas anderes: Diese Vision will von allen geteilt werden, und dieses Teilen geht nur, wenn sie auch in allen und mit allen entsteht. Man sieht ja genau, dass es nicht funktioniert, wenn ein Pfarrer oder ein Bischof einfach seine Vision umsetzen will. Die Vision muss in den Menschen verwurzelt sein, und das geht nur, wenn sie die Vision der Leute ist – und sie sie gemeinsam entdecken und sich zu eigen machen können.
Bischof Claver, ein bekannter Theologe und Anthropologe auf den Philippinen, formuliert das so: „Ein wirklicher Wandel bei den Menschen und in den Gesellschaften wird erst dann effektiv, wenn das Volk frei und bewusst teilhaben kann an dem Visionsentwicklungsprozess, von Anfang bis Ende, wenn gemeinsam entschieden wird über Ziel, Mittel, über die konkreten Aktionen, die Verteilung der Aufgaben und ihre Durchführung – und dann gemeinsam ausgewertet wird, gemeinsam die neuen Zugänge ausprobiert werden.“ Eine Idee und ein neuer Zugang „werden nicht funktionieren, wenn sie nicht von der ganzen Gemeinschaft entwickelt und praktiziert werden, die sich selbst entsprechend dieser Vision organisiert“.2
Das gilt in besonderer Weise für die Kirche. Sie ist ja das Volk Gottes. Und eine Vision, die von den Menschen, von den Getauften her entsteht, aus ihrer alltäglichen kirchlichen Praxis heraus, gewissermaßen als von unten wachsende Ekklesiologie, wird sehr viel mehr den konkreten sozialen Kontext berücksichtigen und konkrete Antworten auf die konkreten Herausforderungen suchen (wie z. B. die Auswirkungen von Globalisierung, Pluralismus, Migration etc.).
Und das ist in der Tat unsere Erfahrung: Nichts kann Menschen so stark verbinden und ihnen Energie geben wie eine wirklich geteilte Vision. Sie macht es möglich, dass große Dinge umgesetzt werden können. Denn die Vision ist dann die Energie hinter jeder Anstrengung und die zielgerichtete Kraft, die durch alle Anstrengungen hindurch wirkt. Das gelingt, weil die Menschen spüren: Es ist unser gemeinsames Ziel, wir sind wirklich die Protagonisten und „Eigner“ dieser Vision – und so gelingt ein Miteinander und eine Zusammenarbeit im Blick auf die Verwirklichung eines gemeinsamen Ziels: Menschen fassen Mut für gemeinsame Initiativen, sie werden kreativ und versuchen neue Wege des Denkens. Sie lassen sich auf Experimente ein und sind auch bereit, Risiken auf sich zu nehmen. Mit einer gemeinsamen Vision werden alle Aktivitäten stimmig, die auf das gemeinsame Ziel ausgerichtet sind – denn sie gründen in derselben Vision.
Durch die geteilte Vision wächst ein gemeinsamer Fokus, und so entstehen Optionen und Prioritäten, die gemeinsam angegangen werden. Wenn man das große Zielbild versteht, dann gewinnen eben auch die eigenen Bemühungen einen größeren Sinn. In einer Gruppe und einer Gemeinschaft führt das dazu, dass pastorale Prioritäten gesetzt werden, die zur Erneuerung und Revitalisierung des Lebens der ganzen Pfarrei führen. Eine solche Vision ist der Ausweg aus dem richtungslosen Aktivismus, der häufig zu einem Drehen um sich selbst wird, ohne irgendwelche Ergebnisse zu erzielen.
Aber man muss unterscheiden zwischen Traum und Vision. Eine Vision hat ein konkretes Ziel, sie will umgesetzt werden und ist nicht unbestimmt. Sie ist verankert in der Wirklichkeit und wird damit ganz konkrete Zielvereinbarungen kennen. Träume sind wichtig, denn sie ermöglichen den Aufbruch, aber es ist mehr nötig, damit dieser Traum wirklich werden kann. Deswegen müssen Träume, um ernsthaft ihr visionäres Potenzial entfalten zu können, in der Wirklichkeit verwurzelt sein. Andernfalls werden sie sogar destruktiv – es sind dann Spinnereien, die uns fesseln mögen, aber nicht ins Handeln bringen.
Leidenschaft – das wesentliche Merkmal visionärer Pastoral
Oft haben Pfarreien, ja ganze Diözesen eine wirklich schöne Vision. Sie haben Leitbilder niedergelegt und veröffentlicht, die dann auch für die pastorale Planung benutzt werden – aber zuweilen werden sie dennoch nicht umgesetzt. Woran liegt das? Natürlich kann es Hunderte von Gründen geben, weswegen ein Leitbild keine Umsetzung findet. Vor allem liegt es oft daran, dass diese Visionen gar nicht wirklich gemeinsam gewachsen sind – und deswegen die Gemeinschaft der Gläubigen sie sich nicht zu eigen gemacht hat. Es kann auch daran liegen, dass die Leitung nicht glaubwürdig hinter dieser Vision steht. Es kann aber auch daran liegen, dass Strukturen fehlen oder nicht angemessen gestaltet sind, um diese Vision Fleisch werden zu lassen. Ein weiterer Grund kann darin liegen, dass die großen Ziele und Leitbilder nicht in umsetzbare kurzfristige Meilensteine umgemünzt werden. Und natürlich kann es auch daran liegen, dass einige Menschen, gerade auch aus der Leitung der Gemeinschaft, die Vision abtöten. Sofort fallen mir Beispiele ein: Da gibt es jene, die so gesättigt sind, dass sie sich gar nicht mehr auf den Weg machen wollen; es gibt die bekannte Gestalt des Bedenkenträgers, die ewigen Kritiker und auch jene, die das Misslingen vorhersagen. Hier gilt es achtsam zu sein und sich zu überlegen, wie man mit diesen Personen, die es immer und überall gibt, umgeht.
Aber vielleicht der wichtigste Faktor ist in diesem Zusammenhang einer Vision und eines Leitbildes die Frage nach der Leidenschaft. Ohne Leidenschaft ist es unmöglich, eine Vision und ein Leitbild ins Leben zu bringen. Leidenschaft antwortet auf die Frage nach dem „Warum“! Warum haben wir eine Vision, ein Leitbild? Es ist die Leidenschaft, die uns letztlich eine Vision verfolgen lässt und die dann zur Umsetzung eines Leitbildes antreibt. Ja, Leidenschaft ist so etwas wie das Blut, die Energie und der „spirit“, der eine Vision und eine Sendung durchpulsen muss.
Ohne Leidenschaft wird der ganze Weg, den wir auf ein Ziel zugehen, ein unglaublicher Kraftakt – und wir verwirklichen vielleicht einfach irgendein Projekt, irgendeinen Traum, der aber nicht unser eigener ist. Leidenschaft ist aber notwendig, denn eine Vision, die in ein Leitbild mündet, ist eine Herzensangelegenheit, und Leidenschaft ist das Herzblut, das man dafür gibt. Zuerst muss die Leidenschaft da sein, dann kann man eine Vision entfalten und sich auf einen Umsetzungsprozess einlassen.
Solche Leidenschaft ist letztlich eine Leidenschaft für Jesus, eine Leidenschaft für Gott und sein Reich der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit – und also eine Leidenschaft all derer, die ihm folgen. Es geht also immer um das Reich Gottes, das Fleisch wird in der tiefen und ehrlichen Sehnsucht des Volkes nach einem guten und sinnvollen Leben, nach einer Richtung und Orientierung für das alltägliche Leben und zugleich um die tiefen Sehnsüchte, die in jedem Menschen eingewurzelt sind.
Vision und Leitungsverantwortung
Wer leitet, ist verantwortlich für die Vision der ihm anvertrauten Gemeinschaft. Er hat dafür zu sorgen, dass es eine Vision gibt, dass sie geteilt wird von möglichst vielen und dass sie ganz und in ihrer Tiefe verstanden wird. Dabei ist und bleibt klar: Es ist nicht allein Aufgabe der Verantwortlichen, eine Vision zu schaffen und die Gruppe zu Wandlungsprozessen herauszufordern. Aber wer Verantwortung trägt, ist vor allem der Ermöglicher dieses Visionsprozesses. Er bringt den Zündfunken, er feuert den Prozess an – aber es ist das Volk, das sich eine Vision zu eigen macht, und nicht der Verantwortliche. Nur dann kann eine Vision ins Leben kommen, nur dann können große Dinge umgesetzt werden. Selbst wenn die Leitung ganz enthusiastisch eine Vision verfolgen will – zuerst muss sie dafür sorgen, dass möglichst ein großer Teil der Leute sich die Vision zu eigen macht.
Von daher können die Merkmale beschrieben werden, die es braucht, damit Leitungsverantwortung im Blick auf die Vision gut wahrgenommen werden kann: Verantwortliche müssen gute Zuhörer sein, um zu entdecken, was wirklich die Menschen leidenschaftlich bewegt. Sie müssen sehr lernbereit sein, um wirklich die Tragweite der sich abzeichnenden Vision zu entdecken. Sie sind in der Lage, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen, und verfügen über die Fähigkeit, die Ergebnisse der gemeinsamen Suche gut zusammenzufassen.
Wie kann dann also eine solche Vision, die kraftvoll ist, entstehen? Ein sechsfacher Blick ist notwendig, damit Verantwortliche verantwortlich eine Vision entwickeln helfen:
Der Blick nach innen: Was fühlen wir selbst, was ist unsere Sehnsucht und unser inneres Bild? Was will in uns geboren werden? Und wie viel Leidenschaft habe ich dafür?
Der Blick nach hinten: Was haben wir aus der Vergangenheit gelernt? Ohne das Lernen aus Erfahrungen bleiben Visionen ja purer Idealismus. Der eigene Erfahrungsschatz aber bürgt für Glaubwürdigkeit und ermöglicht, dass eine Vision angenommen und zu eigen wird. Daraus wächst die mögliche Umsetzung.
Der Blick ins Umfeld: Was ist mit den anderen Mitmenschen? Sind sie bereit und offen für eine Vision? Wer zu weit nach vorne rennt, verliert den Einfluss auf einen gemeinsamen Weg.
Der Blick nach vorne: Was ist das größere Bild? Was ist das große Ziel? Es geht nicht zuerst um Umsetzungsstrategien und Management.
Der Blick nach oben: Welchen Weg will Gott mit uns gehen? Gott schenkt mir Gaben und ermöglicht so, dass ich mein Potenzial auslebe – als Geschenk für Gott.
Der Blick zur Seite: Welche Ressourcen habe ich? Aber vor allem muss klar sein: Die größte Ressource und Kraftquelle ist das Volk Gottes.
Gemeinsame Visionsentwicklung – die Erfahrung von Bukal Ng Tipan
Auf diesem Hintergrund haben wir in Bukal Ng Tipan Werkzeuge und Methoden einer gemeinsamen Visionsentwicklung erarbeitet und führen sie in verschiedenen Diözesen Asiens durch. Wir beginnen mit den Diözesen, weil gerade die gemeinsam geteilte Vision einer ganzen Diözese eine Kontinuität pastoralen Arbeitens auch dann ermöglicht, wenn einzelne Pfarrer und Stelleninhaber wechseln. Uns geht es dabei darum, dass eine solche Vision auch immer Praxis wird, Handlung und konkrete Aktion – denn nur so kann sie inspirierend wirken und das Antlitz der Kirche vor Ort erneuern und verwandeln.
Ein solcher Entwicklungsprozess artikuliert sich in mehreren Schritten, die in gebotener Kürze dargestellt werden sollen.
Ein geistlicher Prozess
Der Kirchenentwicklungsprozess einer Diözese beginnt mit einem geistlichen Bewusstwerdungsprozess: Der Bischof nimmt zusammen mit seinen Priestern an geistlichen Tagen teil. Hier geht es darum, ein gemeinsames Bewusstsein über den Iststand des Lebens in der Diözese zu erlangen. Dabei spielen sowohl die Stärken wie die Schwächen, die Verletzungen und die Highlights eine Rolle: Sie werden ausgesprochen und auch in eine Dynamik sakramentaler Versöhnung hineingenommen. Zentrale Frage ist aber das eigene und gemeinsame Bewusstsein über das Kirchenverständnis und das Leitungsverständnis und seine Spiritualität. Es sind wirklich Exerzitien in Gemeinschaft, die eine gemeinsame Sichtweise fördern und ermöglichen wollen. Am Ende dieser Tage können das Presbyterium und der Bischof gemeinsam überlegen, ob sie einen echten Kirchenentwicklungsprozess im Blick auf eine partizipative Kirche anstreben wollen. Erst wenn hier eine gemeinsame Option getroffen wird, kann der eigentliche Weg weitergeführt werden. Es kann auch einige Jahre dauern, bis eine Diözese hier eine gemeinsame Position gefunden hat. Aber es reicht nicht, dass nur ein Teil der Priester oder etwa nur der Bischof hinter einem solchen Projekt steht.
Ein doppelter Konsultationsprozess
Ist eine solche Entscheidung erfolgt, kommt es nun zu einem umfassenden Konsultationsprozess. Das Ziel ist klar: Im Hören auf die vielen Menschen sollen eine gemeinsame Vision, gemeinsame Prioritäten und Strategien der Umsetzung entwickelt werden. Deswegen steht am Anfang dieses Prozesses eine Schulung: Engagierte Christen werden zum Hören ausgebildet – und sie werden dann auf der Graswurzelebene von Haus zu Haus ziehen (jede zehnte Familie wird besucht), um zu fragen und zu hören: Was bewegt die Menschen hier am Ort? Welche guten, welche schwierigen Erfahrungen haben sie mit der Kirche gemacht? Was wäre das Schönste, was an ihrem Ort passieren könnte und müsste? Was erwarten sie von ihrer Kirche? Was sind die Herausforderungen des Umfelds? Dieser erste Konsultationsprozess wird dann auch auf den höheren Ebenen der Pfarrei und des Dekanats durchgeführt, und so entsteht ein erster provisorischer Entwurf einer gemeinsamen Vision. Mit diesem Entwurf wird dann in einer zweiten Runde wiederum auf allen Ebenen erneut nachgefragt: Finden Sie sich darin wieder? Was müsste ergänzt werden? Wieder werden die Ergebnisse zusammengetragen und nun zu einer gemeinsamen Vision zusammengeführt. Dieser doppelte Konsultationsprozess ist eine sehr intensive Arbeit und umfasst ein ganzes Jahr.
Prioritäten und Optionen
Der Prozess der gemeinsamen Erarbeitung einer Vision will konkret werden – auf jeder Ebene. Und so werden auf den verschiedenen Ebenen nun aus dieser gemeinsam gefundenen Vision Ziele und Handlungen abgeleitet und priorisiert – von Jahr zu Jahr. Das geschieht auf der diözesanen Ebene genauso wie auf der Ebene der Pfarrei, auf der Ebene der Ortschaften als auch auf der Ebene der kirchlichen Basisgemeinschaften. Solche Prioritäten und Optionen werden dabei auf jeder Ebene entsprechend den Herausforderungen präzisiert. Nach jedem Jahr erfolgen eine geistlich geprägte Evaluation und eine entsprechende Neujustierung der Prioritäten.
Auf diese Weise entsteht ein gemeinsamer Weg des Volkes Gottes. Es ist unterwegs mit einer Vision. Wie von selbst zeigt sich dabei auch, dass Kirchenentwicklung in aller Gemeinsamkeit immer auch sehr lokal und dezentral geschieht: Es sind immer die Menschen vor Ort, die sich als Kirche entwickeln können. Fast von selbst entsteht dabei eine hohe Identifikation vor Ort – und damit wachsen kirchliche Basisgemeinden, die als Teil der Pfarrei und als Teil der Ortskirche inkulturieren und inkarnieren können, wie Kirche heute ihre Sendung leben kann.
1 Adaptiert aus dem Englischen von Dr. Christian Hennecke.
2 Vgl. Francisco Claver, The making of a local church, Manila 2008, 5 f (eigene Übersetzung).
Aufbruch in die Lebenswelten
Heinzpeter Hempelmann
Milieugrenzen überschreiten!
Das Evangelium milieusensibel und lebensrelevant kommunizieren. Wo liegen die Stolpersteine?
Milieugrenzen überschreiten! Das Evangelium milieusensibel und lebensweltrelevant kommunizieren – und das alles, natürlich, in kurzer Zeit und auf knappem Raum! Für diesen Beitrag werden Sie ca. 15–20 Minuten Lesezeit aufwenden. Zu viel? Oder darf es so viel sein für die Aufgabe, die wir uns insgesamt vornehmen mit Kirche hoch zwei, mit Gemeinde 2.0, mit der Suche nach frischen Ausdrucksformen von Kirche und Gemeinde, im Willen, endlich alle zu erreichen; nicht mehr unter uns zu bleiben; Gemeinde inkarnational zu bauen; bei den Menschen zu sein; da, wo Gott uns hinhaben will und wo er schon ist.
Meine spezielle Aufgabe besteht darin, auf die Herausforderungen, auch Barrieren und Stolpersteine hinzuweisen, die es da aller Erfahrung nach gibt. Ich soll und will nicht Wasser in den Wein der milieugrenzenüberschreitenden Denkungsart gießen. Ich will deren Umsetzung vielmehr präparieren, flankieren, ein Stück weit absichern. Wir wollen uns miteinander vergegenwärtigen, was das bedeutet: Milieugrenzen zu überschreiten, das Evangelium für nicht kirchennahe Milieus relevant zu kommunizieren.
Sie erwartet ein knapper Hinweis auf die wichtigsten Ergebnisse der Lebensweltforschung, für die meisten eine Erinnerung, für manche unter uns aber auch eine notwendige Erstinformation, ein schon dickerer Hinweis auf die Herausforderungen, Blockaden und Hindernisse, die wir im ganz persönlichen Bereich, deutlicher: bei uns selbst, zu vergegenwärtigen haben, und schließlich ein Blick auf die missionstheologische Dimension milieuüberschreitenden Handelns. Wenn Deutschland Missionsland geworden ist, wie können wir von Missionaren profitieren für unsere Situation?
Und nun:
I Was sagt uns Lebensweltforschung über den Platz und die Rolle von Kirche in unserer Gesellschaft?
a) Zentrale Ergebnisse
(1) Unsere Gesellschaft ist segmentiert und fragmentiert, auf gut Deutsch: Sie ist gespalten, ja zerstückelt. Sie bildet nur in der Theorie ein einheitliches, zusammenhängendes Ganzes. Die Redeweise von der Gesellschaft ist irreführend. Sie besteht aber auch nicht aus 81,5 Millionen Individuen. Der Mega-trend Individualisierung ist ein wichtiger, aber eben nur ein Trend. Die große, die entscheidende Entdeckung der modernen Sozialwissenschaft als Lebensweltforschung lautet: Menschen gestalten ihr Leben nicht nur als isolierte Individuen. Sie glucken vielmehr zusammen und bilden Gruppen gleich Gesinnter. Gruppen gleich Gesinnter, GgG, das ist die einfachste und behältlichste Definition von Milieu. Diese Milieus bilden gegeneinander abgegrenzte Lebenswelten mit kaum Überschneidungen und wenigen Begegnungsflächen. Die Bewohner dieser Milieus treffen nur ganz selten aufeinander, am ehesten vielleicht noch im Stau auf der Autobahn als dem großen Gleichmacher. Aber ihre Ferien werden sie an unterschiedlichen Orten und v. a. auf sehr unterschiedliche Weise verbringen; ihre Einkäufe an unterschiedlichen Orten erledigen oder direkt über das Internet; ihre Freizeit in sehr unterschiedlichen Formen der Vergemeinschaftung gestalten – im Sportverein, entre nous im Rotary-Club, zu Hause, im Kreis der Familie oder im weltweiten Netz: im Chat oder in Strategiespielen, an denen weltweit einige tausend Menschen zusammenwirken. Sinus, eine der in Deutschland führenden Einrichtungen in der Erforschung der Lebenswelten unserer Gesellschaft, unterscheidet zehn solcher Milieus. Diese zerfallen aber wiederum in eine Fülle von letztlich kaum überschaubaren Submilieus und Subsubmilieus.
(2) Diese Segmentierung in Lebenswelten und Fragmentierung in getrennte Lebensräume, die kaum oder keine Berührung miteinander haben, setzt sich in den Volkskirchen fort. In der Kirche finden sich Mitglieder aus allen Milieus. Auch moderne und postmoderne Milieus sind vertreten. So erfreulich das ist, so alarmierend ist ein anderer Befund: Die Kirchen erreichen nur drei bis vier der zehn Milieus. Im kirchlichen Leben dominieren im Regelfall einige wenige Milieus, die der Ortsgemeinde und ihrem Leben ihre Prägung geben. Die Mehrzahl der Kirchenmitglieder, also der Menschen, die sich trotz erheblichem finanziellen Aufwand zur Kirche halten, sind im kirchlichen Leben nicht beheimatet. Das ist ein hochinteressanter und ebenso desillusionierender wie ermutigender Befund. Die allermeisten Kirchenmitglieder kommen im kirchengemeindlichen Leben nicht vor. Das wird beherrscht durch ein buchstäblich dominantes Milieu. Aber Kirche ist eben nicht gleich Kirchengemeinde. Menschen gehören zur Kirche und halten sich zur Kirche aus ganz anderen als den von uns landläufig für wichtig gehaltenen Gründen. Sie finden Beheimatung in anderen Sozialformen als dem sog. Hauptgottesdienst oder den traditionellen Zielgruppenveranstaltungen wie dem Angebot für Senioren oder Jugend- oder Frauenarbeit.
(3) Im Grundsatz gilt: Je moderner und postmoderner Menschen eingestellt sind, umso weniger lebensweltliche Kontakte oder gar Überschneidungsflächen gibt es mit dem kirchlichen Leben vor Ort.
(4) In der Dynamik der sich ständig verändernden Milieulandschaft bilden sich neue Milieus heraus, zu denen Kirchen und Christen kaum noch Zugang finden. Die beklagten Säkularisierungsprozesse wie umgekehrt die beobachtbaren Entfremdungsprozesse lassen sich lebensweltlich plausibilisieren und verstehbar machen. Konkret ist zu denken an die neue, junge, dynamische Mitte unserer Gesellschaft, das Adaptiv-Pragmatische Milieu, aber auch an das Expeditive Milieu und das der Performer.
(5) Der sog. Milieuregiotrend der Firma microm zeigt eine Hochrechnung der Milieuentwicklung. Welche werden wachsen, welche schrumpfen? Prognostiziert werden in den nächsten Jahrzehnten ausgerechnet die Milieus stark, ja teilweise dramatisch abnehmen, in denen Kirche besonders verankert ist. Umgekehrt werden die Milieus quantitativ und qualitativ, an Zahl und Bedeutung, wachsen, in denen Kirche herkömmlich nicht oder wenig verankert ist.
b) Konsequenzen
Menschen suchen vielfach
– Kirche, aber nicht die vorfindliche Kirchengemeinde vor Ort,
– Gemeinschaft, aber nicht Gemeinde,
– Sinn, Orientierung, Halt – aber nicht „Glaube“ im Sinne einer vorgegebenen christlichen Weltanschauung bzw. Doktrin,
– Gottesdienst, Nähe zu Gott, Berührtwerden von Gott, aber nicht im Sonntagvormittag-Gottesdienst um 9:30 Uhr.
Wir stehen als Kirchen und Christen jetzt vor der Entscheidung. Entweder wir erklären,
– nur die konservativ-traditionelle Prägung, die prämoderne Haltung ist die eigentlich christliche; nur die (klein)bürgerliche Formatierung von Kirche ist die eigentlich normale. Alles andere sind höchstens geduldete und eingeräumte Abweichungen;
– nur die Ortskirchengemeinde, die Gemeinde vor Ort, ist Gemeinde, normale Gemeinde; ist richtig Gemeinde;
– nur der Gottesdienst am Sonntagvormittag ist eigentlich Gottesdienst, er ist die Hauptveranstaltung, zu der sich eigentlich alle einfinden sollten. Und es muss dann auch unser gemeindebauendes Ziel sein, ihn zu stärken.
Oder wir erkennen im Licht der Lebensweltperspektive:
– Das ortsgemeindliche und parochiale System ist lange Zeit kongenialer Ausdruck einer genialen Weise gewesen, alle zu erfassen. Es ist auf optimale Weise einer Lebensweise angepasst, die auf Stetigkeit, Dauer, Ortskonstanz angelegt ist. Aber genau diese geniale Passung passt heute für die allermeisten Menschen nicht mehr. Das Prinzip Ortsgemeinde, das für Traditionelle prima passt, muss ergänzt werden, um frische, alternative, zusätzliche Formate von Kirche, die den heutigen, postmodernen Lebenswelten entsprechen, für sie anschlussfähig sind und in sie hineinreichen, ja im besten Fall aus ihnen herauswachsen.
– Unser konservativ-bürgerliches Weltordnungsdenken entspricht in genialer Weise einer über Jahrhunderte zusammengewachsenen bürgerlich-christlichen Kultur, die wir heute mühsam zu modernisieren suchen. Ich erinnere an „Kirche der Freiheit“, das Programmpapier der EKD aus dem Jahr 2006. Aber in postmoderner Welterfahrung ist diese Synthese samt ihrem weltanschaulichen Hintergrund zerbrochen, und die Frage nach Sinn und Orientierung, Sicherheit und Geborgenheit, Gott und Glaube stellt sich heute spezifisch anders, ganz anders– sicher nicht im Sinne einer transzendenten Wirklichkeit, die schließlich und endlich garantiert, dass hier auf dieser Welt alles in Ordnung ist oder kommt.
– Ein prämodernes Lebenskonzept freut sich über Stetigkeit und Konstanz eines kontinuierlich und verlässlich konservativen, allenfalls leicht modernisierten Gottesdienstangebotes am Sonntagvormittag oder auch in sog. Zweitgottesdiensten. Für die meisten Kirchenmitglieder bedeutet aber gerade diese traditionelle Prägung des Gottesdienstes, von der Ästhetik über die Liturgie, die Musik, die Konstanz von Ort und Zeit, ein kulturelles Ausschlusskriterium. Weil sie selber so nicht leben, vielfach nicht leben können, signalisiert ihnen dieses Setting: Wir gehören nicht dazu. Nicht für uns.
Bei der Weichenstellung, die hier ansteht, geht es weniger um pragmatisch-methodische Fragen. Es geht – bedrohlicherweise, oder je nach Perspektive: einfacherweise – vor allem und zunächst um uns. Damit bin ich bei
II Milieuüberschreitung fängt bei uns an
a) Unser Umgang mit dem Fremden
Wir wollen andere erreichen, nach Möglichkeit und im Prinzip alle. Und dann gibt es da die Haltung: „Komm zu Christus und werde – wie wir!“ Da gibt es in schwäbischen Dörfern am Ortseingang die gelb-violetten Schilder, die die Zeiten für den Gottesdienst angeben. Die implizite Botschaft ist: Das ist der Gottesdienst für alle. Da treffe ich bei missionarisch gesinnten Christen auf das abwehrende Diktum: Bei uns wird doch jeden Sonntag evangelisiert. Oder: Wir laden doch alle ein. Wir sind doch für alle da. Jeder kann doch kommen. Oder: Gottes Wort ist doch klar. – Und viele auch sehr engagierte Christen sehen oft nicht,
– wie sehr ihr Gemeindeleben durch ein bestimmtes Milieu buchstäblich „bestimmt“, dominiert ist,
– wie wenig die Art, wie wir ticken, „normal“ ist; dass die Normalitätsunterstellung davon lebt, dass wir vorwiegend mit unsersgleichen zusammen und unterwegs sind; dass sie zeigt, wie wenig missionarisch wir leben, wie wenig wir wirklich mit anderen Menschen, ganz anderen, Kontakt haben, wie sehr wir das im Gegenteil oft scheuen. Das Fremde, Andere, Ungewöhnliche, Ungewohnte ist immer unbequem.
– wie sehr Inklusion immer auch Exklusion bedeutet: Was die einen verlässlich anzieht: die spezielle (sub-)kulturelle und mentale, über längere Zeit gewachsene Prägung unserer Gemeinde, schließt andere ebenso zuverlässig aus. Sie, die in anderen Lebenswelten unterwegs sind, spüren es: Das ist nicht unsere Welt. Das muss man ihnen gar nicht sagen.
Auch engagierte Christen sehen oft nicht,
– wie sehr wir als Kirche von uns aus denken und dann danach fragen, was zum Bestehenden passt. Da gibt es in Württemberg eine Debatte im Evang. Gemeindeblatt über die Beteiligung von Gemeindegliedern am Gottesdienst. Und dann kommt der Einwand: Ja, aber dazu ist doch der Pfarrer da; dafür ist er ausgebildet. Sie spüren: Die Logik ist: Wenn wir etwas ändern wollen, muss das zu uns passen. Wir denken vielfach noch zu sehr von uns her, statt von den Menschen her, die wir erreichen, die wir anziehen wollen. Gott wird Mensch, wenn und weil er uns erreichen will; er gibt seine göttliche, himmlische Herrlichkeit auf, entleert sich – so der Philipperbrief (2,5 ff) – seiner kulturellen und sozialen Identität. Er kommt zu uns, tritt in unsere Lebenswelten ein, statt weiter zu erwarten, dass wir zu ihm kommen. An diesem Kommunikationsverhalten des Lebendigen können wir uns orientieren.
D. h.:
– nicht mehr nur die Komm-, sondern eben auch die Geh-Struktur!
– nicht mehr: wir zeigen euch, was richtig ist, sondern mit den Worten von Klaus Hemmerle: „Lass mich dich lernen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“
Veränderung des anderen fängt mit meiner Veränderung an. Lernen des anderen fängt mit meinem Lernen des anderen an. Sie können es auch ganz drastisch und viel säkularer ausdrücken:
– Der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.
– Der Direktor des Sinus-Forschungsinstitutes, Marc Calm-bach, spricht von der „Demut der Märkte“, die danach fragen, was die Menschen brauchen, und die nicht einfach ihr Produkt loswerden wollen. Ja! Christen und Kirchen können auch hier etwas lernen.
b) Ekelschranken – igitt!
Wir wollen Milieugrenzen überschreiten. Lebensweltforschung kann uns noch einen weiteren Dienst tun. Sie hilft uns nicht nur wahrzunehmen, wie fremd uns das wirklich andere ist. Sie deckt auch anthropologische Zusammenhänge auf, mit denen wir bei uns – auch beim besten Willen! – rechnen müssen.
Den Grundsatz „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ kennen wir alle. Milieus als Gruppen gleich Gesinnter erfüllen wichtige soziale und mentale Funktionen. Sie bieten ihren Bewohnern Sicherheit, Geborgenheit, Identität. Sie sind gerade in einem pluralen Kontext mit allen möglichen Prägungen, Einstellungen und Subkulturen enorm wichtig. Sie sind Rückzugsräume für die, die mal nicht mehr entscheiden und überlegen oder streiten wollen: Bin ich richtig? In meinem Milieu treffe ich auf Menschen, die so reden und denken, die so handeln und ticken wie ich. Hier muss ich mich nicht mehr auseinandersetzen. Hier bin ich akzeptiert, wie ich bin. Hier muss ich mich nicht mehr erklären. Diese Leistung erbringen Milieus und Submilieus dadurch, dass sie eine Identität herstellen, die sich gerade durch Abgrenzung gegen andere Milieus ergibt. Milieus leben von der Abgrenzung von anderen Menschen, die ein spezifisch anderes Milieu bilden. In der Regel leben sie – von Ausnahmen abgesehen – auch von der Abwertung der anderen. Sie sind durch Distinktionsschranken voneinander getrennt. Was so harmlos klingt, bedeutet in der Praxis:
(1) Unsere Gesellschaft verliert zunehmend ihren Zusammenhalt und ihre Einheit, weil sie sich in Lebenswelten aufspaltet, die kaum noch Kontakt haben.
(2) Es gibt ein Unverständnis für die, die so ganz anders sind. Die akademisch so harmlos klingenden Distinktionsgrenzen sind emotional hoch aufgeladen. Die Milieus sind größtenteils durch wechselseitige Ekelschranken voneinander getrennt. Der aus der Kulturanthropologie stammende Begriff der Ekelschranken bezeichnet unwillkürliche, sehr starke und kaum zu kontrollierende Reaktionen, die reflexiv und kognitiv kaum aufgefangen werden können. Auch dem verwahrlosten Prekären gehört das Evangelium! Jawohl! Was aber, wenn er stark riecht und – für meine Begriffe – ungepflegt daherkommt? Muss er da nicht mal erst unter die Dusche, damit ich mit ihm kommunizieren, ihn ertragen kann? Auch dem Konservativ-Etablierten gehört das Evangelium! Aber diese Angeberei, dieser Protz, dieses Zeigen, was man hat und was man ist, das stößt mich ab. Das passt nicht in die Gemeinde Jesu – nota bene: meine Gemeinde Jesu. Wir dürfen sicher sein, dass unsere, auch unausgesprochenen Botschaften ankommen und „richtig“ verstanden werden.
(3) Das Milieu, das ich lebe und das meine Gemeinde bestimmt, liebe ich, weil es mein Milieu ist. Es passt zu mir und ich passe zu ihm. Ich möchte es nicht ändern lassen. Hier greift der soziologisch oft beschriebene Selbstrekrutierungsmechanismus sozialer Gruppen. Diese sind nicht einfach offen, auch wenn sie das noch so sehr als ihr Selbstverständnis und ihren Anspruch proklamieren. Sie ergänzen sich zuverlässig nur um solche Leute, die zur Prägung passen, und sie schrecken ebenso zuverlässig alle ab, die nicht passen. Da kann das Selbstverständnis noch so missionarisch, evangelistisch, einladend, offen sein.
Milieugrenzen überschreitender Gemeindebau wird nicht funktionieren, wenn wir diese elementaren Sachverhalte nicht ernst nehmen und übergehen. In der Konsequenz bedeuten sie etwa:
(1) Die Möglichkeiten, mit einem Veranstaltungsformat alle zu erreichen, sind begrenzt. Wer alle erreichen will, muss alternative, ergänzende Formate von Kirche im Milieu wollen, fördern und umsetzen.
(2) Auch die konservativ-traditionelle Gemeinde hat das Recht auf ihr Profil. Wird dies verwässert, etwa durch zu große Milieuspreizung, beheimatet sie nicht mehr.
(3) Die eigenen, persönlichen Möglichkeiten, andere mit dem Evangelium zu erreichen und dafür Milieuschranken zu überwinden, sind ebenfalls sehr begrenzt. Die mehrheitlich postmateriell geprägte Pfarrerschaft, die traditionell oder hin und wieder auch sozial-ökologisch geprägte Kerngemeinde muss aber vor dieser Aufgabe nicht verzweifeln. Auch wenn wir um unsere persönlichen Grenzen wissen, einem hedonistischen Jugendlichen Freund zu sein oder mit einem „Prekären“ unterwegs zu sein, können wir für das Ganze denken und planen. Wir können nach Menschen suchen, die können, was wir nicht können; die als Brückenpersonen in Milieus fungieren können, etwa weil sie die entsprechende Prägung mitbringen. Auch wenn eine Gemeinde kaum über ihre Milieugrenzen hinauskommt, kann sie Initiativen fördern, die über die sog. Kerngemeinde hinauszielen und spezielle, kirchenferne, nota bene: kirchengemeindeferne Milieus fokussieren.
III Wunder werden sofort erledigt, Unmögliches dauert etwas länger
Wie sollen wir das alles schaffen? Zum Schluss noch ein paar Gesichtspunkte, die uns beim Projekt milieuübergreifender Kommunikation des Evangelium eine Hilfe sein können. Ich greife dabei zurück auf Erfahrungen aus der Mission.
a) Wir dürfen würdigen, was da ist
Wir müssen nicht alles machen, weil der lebendige Gott schon am Werk ist. Das ist eine der zentralen, immer wiederkehrenden Erfahrungen in der Missionsgeschichte. Wir überlegen, wie wir mit unzulänglichen Bordmitteln ein mentales Eiland gewinnen können. Und dann dürfen wir entdecken: Da sind Menschen schon bereit gemacht; da sind einschlägig Qualifizierte schon vorbereitet. Da gibt es schon Initiativen und Impulse. Sie warten nur darauf, dass ich sie entdecke, wahrnehme, würdige, wertschätze und leitend fördere. Was vielleicht abseitig erschien, am Rand der Gemeinde stand, ein G’schmäckle hatte, im Licht der Milieuperspektive bekommt es Glanz und Bedeutung.
b) Wir dürfen die Gaben und Begabungen anderer entdecken und nutzen
Wir müssen und wir sollen nicht alles selber machen. Christen und Kirchen dürfen die Chancen und Entlastungen entdecken, die sich zeigen, wenn der Blick nicht nur bis zur Grenze des Kirchturms, den Grenzen der Kirchengemeinde reicht, sondern sich weitet in die Region. Wie können wir einander entlasten,
– wenn nicht mehr jede Kirchengemeinde meint, das Komplettprogramm, nun auch noch für zehn Milieus, anbieten zu müssen;
– wenn an die Stelle der Konkurrenz die Kooperation tritt;
– wenn auf regionaler, überörtlicher Ebene Milieuschwerpunkte und -prägungen identifiziert werden;
– wenn die Arbeit in bestimmten Lebenswelten gezielt zwischen Kirchen und Gemeinden abgesprochen und gabenorientiert delegiert wird;
– wenn Kirchengemeinden und Mitarbeiter sich auf das konzentrieren, was sie wirklich gut können, und sich über die freuen, die neben ihnen noch ganz andere Dinge können;
– wenn auch ökumenisch verabredet wird, welche Gemeinde welche Lebenswelt speziell fokussiert,
– wenn nicht mehr alle im selben Karpfenteich der bürgerlichen Mitte fischen und sich – o biologisches Wunder – hinterher sheep stealing vorhalten!
c) Wir dürfen staunen, wenn wir sehen, wie das Reich Gottes in postmodernen Kontexten Gestalt gewinnt und wirksam wird
Unsere Gesellschaft ist nur zu einem kleinen Teil bewusst unchristlich und kirchenkritisch eingestellt. Sehr viele Menschen suchen heute, innerhalb wie außerhalb der Kirchen. Und wie oft wenden sie sich frustriert ab, weil sie bei Christen auf eine Gestalt von Glaube und Gemeinde treffen, die nicht zu ihrer Lebenswelt passt, die ihnen den switch zu einer aus ihrer Sicht völlig unnatürlichen Lebensweise zumutet. Gott – ja, aber doch nicht dieser erstarrte, anachronistische, unbewegliche traditionsorientierte oder bürgerliche Glaube. Wie wird christlicher Glaube neu glänzen, welche enorme Dynamik wird er neu entfalten, wenn es – vor allem den Jüngeren unter uns – gelingt, das Evangelium in postmodernen Lebenswelten zu kontextualisieren und anschlussfähig zu machen! Und wie wird uns das ermutigen, wenn wir entdecken werden: Das Reich Gottes ist nicht zum demografisch bedingten Untergang verurteilt. Es ist nicht nur die Sache eines immer älter werdenden, schrumpfenden, kulturell immer mehr an Bedeutung verlierenden Segmentes. Es erobert die Pop-Kultur und die U-Kultur, es wird lebensrelevant im Milieu der Performer und der Expeditiven; es ist der heiße Tipp für adaptiv-pragmatische Eltern, und es gibt einen christlichen Hedonismus, der sich in puncto cooler Lebensstil von nichts und niemandem überbieten lässt.
Und dann werden wir dabeistehen und nur staunen über das, was der lebendige Gott tut – wenn wir ihn nur lassen.
Literaturhinweise zur Weiterarbeit:
– Heinzpeter Hempelmann: Gott im Milieu. Wie Sinusstudien der Kirche helfen können, Menschen zu erreichen, 2. erweiterte Aufl. Gießen 2013.
– Ders.: Das Kriterium der Milieusensibilität in Prozessen postmoderner Glaubenskommunikation. Religionsphilosophische, ekklesiologische und institutionelle Gesichtspunkte, in: Matthias Sellmann / Gabriele Wolanski (Hg.): Milieusensible Pastoral. Praxiserfahrungen aus kirchlichen Organisationen, Würzburg 2013, 13–52.
– Ders.: Milieusensibles Marketing für Kurse zum Glauben. Zur Bedeutung der SINUS-Milieuforschung für missionarische Bildungsangebote, in: Handbuch Erwachsen glauben. Missionarische Bildungsangebote. Grundlagen – Kontexte – Praxis, hg. von der Arbeitsgemeinschaft missionarischer Dienste (AMD) Berlin, 2. Aufl. Gütersloh 2013, 26–86.
– Vgl. Sie auch die Texte zum Thema Milieu, die Sie auf meiner Homepage heinzpeter-hempelmann.de finden.
Matthias Krieg
Lebenswelten – terra incognita im eigenen Land
Historiker wissen es: Eine Epoche zu verstehen und zu beschreiben, gelingt erst aus dem Abstand der zweiten nachgewachsenen Generation. Fotografen wissen es: Eine Struktur wahrzunehmen und festzuhalten, bedarf des sensiblen Austarierens von Distanz und Nähe, Licht und Schatten. Psychologen wissen es: Eigenes Verhalten und Entscheiden in der Tiefe zu verstehen, gelingt nur auf dem Umweg über den Spiegel. – Wie also kann ich Lebenswelten verstehen, die zu meiner eigenen Gegenwart gehören, die ich in meiner Biografie berühre und deren eine ich stets auch teile?
Nur durch Perspektivenwechsel! Er ist notwendig, gehört aber, so leicht er scheinen mag, wohl zu den schwersten Schritten des Individuums: Ich teile mich. Ein Teil bleibt, und mit dem anderen trete ich aus mir heraus. Ich versuche, zwar mit meinen eigenen Augen, aber durch die Augen anderer und möglicherweise Fremder zu sehen. Ohne Zensuren und Ausblendungen, ohne tote Winkel und blinde Flecken, ohne Brett und Splitter. Ich entdecke terra incognita im eigenen Land, unbekannte Stämme im vertrauten Terrain. Dabei verändert sich nicht nur das Gesehene, auch der Sehende wird verändert. Horizonte tun sich auf, Einsichten stellen sich ein. – Lebenswelten. Modelle Kirchlicher Zukunft1 heißt die Publikation zum Projekt KirchGemeindePlus, mit dem Zürcherinnen und Zürcher im scheinbar Vertrauten das andere und Fremde entdecken. Dieser Aufsatz ist quasi ein Reisebericht aus der fremden Heimat. Einsichten dank Sehhilfen.
kleiner, ärmer, älter
Im Herbst 2010 erschien in Zürich das Buch Die Zukunft der Reformierten von Jörg Stolz und Edmée Ballif. Es basiert auf einer Umfeldanalyse, die der Schweizerische Evangelische Kirchenbund beim Observatoire des religions en Suisse in Lausanne in Auftrag gegeben hatte. Die Studie stellt gesellschaftliche Megatrends dar und gibt einen Überblick über kirchliche Reaktionen auf sie. Die erste Reaktion auf das Buch war die übliche: schon wieder eine Kirchenstudie? Die zweite war eine ärgerliche, hatten doch die Journalisten aus der ersten Aussage im summary gleich eine headline und einen negativen claim gemacht: kleiner, älter, ärmer. Das sei die Zukunft der Reformierten. – Eine Anleitung zur Abwicklung war nicht bestellt worden. Auch wollte niemand die ekklesiogene Depression nähren, nur noch die Dekadenz veredeln zu können.
Ich vermute, dass nur wenige Journalisten weitergelesen haben. Nach dem summary der Einleitung geht es erst richtig zur Sache. Ich fürchte, dass auch nur wenige Kirchenverantwortliche weitergelesen haben. Wo das Buch zur Sache gekommen ist, werden auch viele ermutigende Unternehmungen aufgelistet. Für alle Teile der Kirche aber gilt die Beobachtung des Observatoire, dass kaum eine Kirchgemeinde weiß, welche Schritte ihre Nachbargemeinde macht, kaum eine Landeskirche, welche Zukunftsprojekte ihre Nachbarin plant, kaum ein nationaler Kirchenbund, was die Schwestern und Brüder im Nachbarland unternehmen. Gastfreundlich wollen alle sein, nachbarschaftlich denkt fast niemand. Eigene Provinz statt alle Welt (Mk 16,15).
näher, vielfältiger, profilierter
Im Herbst 2011 wurde den beiden Zürcher Auftraggeberinnen, der reformierten Landeskirche des Kantons und dem reformierten Gemeindeverband der Stadt, urbi et orbi also, die bestellte Sinusstudie vorgestellt. Das Sinus-Institut hatte sie unter Leitung von Silke Borgstedt in Zürich erarbeitet. An der vorgängigen Pressekonferenz ergriff ich die Gelegenheit, einen positiven claim zu formulieren, der von einer großen Tageszeitung auch in die headline gestellt wurde. näher statt kleiner, vielfältiger statt älter, profilierter statt ärmer. Keine Kampfansage an die Realität, die ist, wie sie ist, war gemeint, sondern eine Kampfansage an die Mutlosigkeit und Verzagtheit derer, die sich nur von derjenigen Realität beeindrucken lassen, die sie bisher sehen.
Die einzige statistikähnliche Aussage der Sinusstudie bestätigte nämlich die statistikbasierte Aussage der Umfeldanalyse: Wie die deutschen Katholiken sind auch die Zürcher Reformierten nur bei zweieinhalb von zehn angenommenen Lebenswelten in der Fläche präsent, während sie bei siebeneinhalb von zehn nur Stützpunkte haben, und zwar desto kleinere, je jünger die Lebenswelten werden. – Anders gesagt: Bleibt kirchliches Agieren, wie es ist, so wird Kirche tatsächlich unaufhaltsam kleiner, ärmer und älter, denn die beiden konservativ-traditionellen Lebenswelten, die sie erreicht, sind in der Regel über fünfzig, wenn nicht bereits über sechzig Jahre alt und vertreten ein vormodernes Kirchenbild des 19. Jahrhunderts. Wendet sich kirchliches Agieren aber auch den wenig erreichten und weitgehend unerreichten Lebenswelten zu, was nur geht, wenn sie näher, vielfältiger und profilierter denkt und handelt, so wird ein turnaround denkbar. Dieses Wort wird zwar vor allem in der Wirtschaft verwendet, gewiss, es hat aber eine biblische Urgroßmutter: metánoia, was fromm die Umkehr und beschreibend eine Kehrtwende ist.
Lebenswelten im Doppelpack
Im Herbst 2012 erschien unser Arbeitsbuch. Die Zwillingsbände bieten einerseits die unberührte Sinusstudie, die Insidern elektronisch seit einem Jahr bereits zugänglich war, und andererseits die Orientierungshilfe, die wir in Jahresfrist durch Mitarbeit vieler zusammenstellen konnten. Der Doppelpack hat sich gelohnt: In der Regel erscheint eine Studie für sich und wird von wenigen Sachverständigen wirklich gelesen, während Auslegungen und Anwendungen der Studie einige Jahre später auf den Markt kommen und von Praxisleuten gelesen werden, denen die Studie aber fremd geblieben war oder bereits wieder Schnee von gestern ist. Wir wollten beide Teile zusammen in die Gemeinden geben: die Beschreibungen der zehn Zürcher Lebenswelten und die Hilfestellungen, die von soziologischen Beschreibungen zu gemeindlichen Unternehmungen führen. Die Sehhilfe möge zu Einsichten führen und Aussichten eröffnen. Zuversicht statt Nachsehen!
Zur Vernissage des Doppelpacks beschloss die Kirchenleitung, allen 179 Zürcher Kirchgemeinden ein Gratisexemplar zu geben. Im Gegenzug sollte jede Gemeindeleitung eine(n) Lebensweltverantwortliche(n) benennen. Seit der Publikation reisen Roland Diethelm und ich, die beiden Projektleiter, mit dem Milieuteppich durchs Land, eingeladen von Kirchenleitungen oder Gemeindeleitungen, Pfarrkapiteln oder Diakonatskapiteln. Das Interesse wächst, der Mix aus Beschreibung und Hilfestellung motiviert. Explorative Reisen, Kurse zur Milieusensibilität und eine Intervision für Lebensweltverantwortliche sind ausgeschrieben.
Bekanntes und Unbekanntes
Eine eigene Sinusstudie lohnt sich nur, wenn spezifische Fragestellungen über das hinausführen, was das Sinus-Institut nach über dreißig Jahren eigener Forschung und externen Aufträgen ohnehin schon bestens weiß. Das Institut ist aus der Politikforschung und Sozialforschung der Universität Heidelberg herausgewachsen. Es lebt von Aufträgen aus dem Profit- und Non-profit-Bereich. Ausgewertet werden sämtliche öffentlich zugängliche Daten. Jeder Auftrag, zumal von politischen, publizistischen oder kirchlichen Institutionen, generiert neues Wissen, das stets untereinander verknüpft wird. Die Datenmenge muss inzwischen gigantisch sein. Die Möglichkeit, bis in Wohnquartiere hinein die Anteile der Lebenswelten zu wissen, verblüfft.
Zürich stellte vier spezifische Anforderungen: Die erste fragt, wo eine Lebenswelt Sinn bezieht, setzt also einen weiten Religionsbegriff voraus, der nicht erst den manifesten output einer Religion, den Heiligen Kosmos, als Religion versteht, sondern bereits den anthropologischen input, das individuelle Transzendieren aus Sehnsucht nach Sinnerfüllung. Die zweite Anforderung fragt, wo eine Lebenswelt sich regelmäßig verortet, dies mithilfe der Trias aus Eigenort-Idiotopie, Sehnsuchtsort-Heterotopie und Unort-Utopie, wo sie sich also oft, selten bzw. nie aufhält, dies auch im Blick auf real aufsuchbare Zürcher Kirchen. Die dritte Anforderung fragt, welche Zeitdramaturgie die Regelwoche einer Lebenswelt prägt, einerseits im Verhältnis von Arbeitszeit und Freizeit, andererseits im Umgang mit Zeitfenstern wie Eigenzeit, Paarzeit, Familienzeit und Sozialzeit, dies auch im Blick auf die real gegebene kirchliche Zeitlichkeit. Die vierte Anforderung schließlich variiert den Slogan Wir sind das Volk!, indem sie wissen will, wie eine Gemeinde aussähe, wenn eine Lebenswelt sagen dürfte Wir sind die Kirche!
Kirche und Kommerz
Die Hauptkritik an der Zürcher Sinusstudie war K.-u.-K.-Kritik: Kirche biedere sich dem Zeitgeist an, lasse sich wie alle nun auch ökonomisieren, hole sich naivlings und hinterrücks Denkvoraussetzungen ins Haus, die ihr theologisch verboten seien, und erwarte Remedur genau von der Seite, die sie in Wahrheit beschädige.
Ich kann die Sorge verstehen, teile aber die Kritik nicht. Die Sinusstudie ist eine Sehhilfe. Nicht theologische Argumentation bedient sich ihrer, sondern instrumentelle Vernunft. Niemand wird bestreiten, dass für die Renovation oder den Neubau einer Kirche besser eine Architektin gefragt wird als eine Pfarrerin, wenn auch die Architektin für Fragen der Expressivität besser eine Theologin zu Rate zieht als eine Werbeagentur. Die Studie hilft zu sehen, wie die Menschen sind, stellt aber nicht die anthropologischen Grundfragen des Menschseins. Kirche hat es in Jahrhunderten verstanden, sich verschiedene Zugänge zur Wirklichkeit nutzbar zu machen, ohne ihre raison d’être schon deshalb aus dem Auge zu verlieren. So auch hier!
Die Nutzung der Studie deckt allerdings die denkwürdige Situation auf, dass längst eingetreten ist, wovor Kritiker der Studie warnen: die Ökonomisierung des ganz normalen Verhaltens im kirchlichen Alltag. Längst ist sie auch kirchlich selbstverständlich: die stille Verwandlung von Leistungen in Waren, von Gelegenheiten in Angebote, von Gliedern in Kunden, von Erfahrung in Unterhaltung, von Beteiligung in Konsum. Oft wird Kirche veranstaltet statt gelebt, Wort konsumiert statt geglaubt, Gemeinde inszeniert statt gebaut. Kirche ist aber kein service public, auch wenn sie faktisch, etwa im Kasualbereich, oft so genutzt wird. Kirche ist keine Dienstleisterin, indem sie spirituelle Waren und diakonische Hilfe über ein dichtes Filialnetz distribuiert. Kirche ist kein Kulturbetrieb, der ein Programm bietet und nach Einschaltquoten gestaltet. All dies auch zu können, tut der Kirche gewiss gut, ist aber nicht ihre raison d’être. So ist es geradezu das Alleinstellungsmerkmal einer Sinusstudie, die von Profitorientierten wie Nonprofitorientierten gleichermaßen genutzt wird, dass sie die latente Profithaltung von vielen Nonprofitorientierten ebenso aufdeckt wie die latente Nonprofithaltung von wenigen Profitorientierten!
Anglikanische Entdeckungen
Im Sommer 2011 nahm mich der Verantwortliche für die Ausbildung der Pfarrschaft mit auf die Reise. Sein Vikariatskurs sollte mit einem Besuch diverser Fresh Expressions of Church in London, Sheffield, Manchester und Liverpool zu Ende gehen. Besuche und Lektüren führten zu einer überraschenden Nähe: Was der mental-habituelle, der ethnologisch und sozialwissenschaftlich basierte Ansatz der Sinusstudie nahelegt, nämlich die postmoderne Frage how people are zu stellen statt der vormodernen Frage where people are, und was dann die Antworten aus größtmöglicher Nähe zu den Leuten erbringen, genau das ist bei den Fresh Expressions bereits Praxis und daher gut zu studieren. Sie tun, was Sinusstudien nahelegen. Sie sind den Menschen so nahe und mit ihnen so unterwegs, wie man sein muss, wenn man verstehen will, wie sie ticken. Sie liefern Empirie und Anschauung, während die Studie die soziologische Verortung auf der mental-habituellen Karte der Region ermöglicht. Sie ermutigen, sich zu den unbekannten Stämmen der terra incognita aufzumachen, während die Studie sicherstellt, dass nicht nur gewisse, sondern alle Lebenswelten in den Blick kommen. Sie veranschaulichen, wie gründlich der Perspektivenwechsel von der vormodernen Institution zum postmodernen Individuum sein muss, während die Studie die Unumkehrbarkeit der Entwicklung vom 19. ins 21. Jahrhundert aufweist.
Die englische Reise hatte Folgen. Im Zwillingsband der Orientierungshilfe sind in Gestalt eines Reiseberichts die besuchten Fresh Expressions beschrieben und lebensweltlich gemäß der englischen Milieulandschaft verortet. Interviews mit ähnlichen Gruppierungen, die es in der Schweiz bereits gibt, stehen neben Interviews mit Verantwortlichen, die in ihrer Region mit Sinusstudien arbeiten und bereits lebensweltlich unterwegs sind. So entstand der dritte Teil mit dem Titel Erfahrungen. Er möge Gemeinden ermutigen, sich auf den Weg zu machen.
Milieusklerose
Der Befund der Sinusstudie wird von den Fachleuten freundlich und weich eine Milieuverengung genannt. Unfreundlich und hart kann man ihn auch als Krankheitsbild auffassen und als institutionelle Milieusklerose diagnostizieren. Die zweieinhalb traditionell-konservativen Lebenswelten sind handlungsleitend. Sie steuern alle Expressivitäten und Investitionen. Sie beanspruchen alle Ressourcen. Sie bestimmen und erhalten die Monokulturen in vielen Bereichen. One size fits all! Sie pflegen einen morphologischen Fundamentalismus, als habe der Heiland höchstselbst verfügt, was ihnen als Regelfall von Kirche gilt. Sie haben seit den Sechzigern des 20. Jahrhunderts eine unsichtbare Diktatur des ihnen Sichtbaren errichtet.
Um ein Beispiel zu bringen: In der Stadt Zürich stellen die beiden Lebenswelten der Postmateriellen und der Experimentalisten 57 % der Gesamtbevölkerung. Von 100 % Steuersubstrat und 100 % Staatsbeitrag, die dem Verbund der 34 Kirchgemeinden als Ressourcen zur Verfügung stehen, kommen aber mutmaßlich mindestens 75 % den beiden traditionell-konservativen Lebenswelten zugute, die in der Stadt nicht einmal 10 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. Wen wundert es noch, dass Menschen austreten? Wer nicht vorkommt, ist eigentlich schon gegangen.
Milieuinkongruenz ist der zweite bedenkliche Befund der Fachleute: Wer einen kirchlichen Beruf ausübt, gehört in der Regel zur Lebenswelt der Postmateriellen. Diese Dissoziation kann bedeuten, dass er Kirche für Fremde veranstaltet statt mit Eigenen Kirche zu sein, dass er Angebote für eine Lebenswelt produziert, die ihm eigentlich wesensfremd ist. In jedem Fall fördert Milieuinkongruenz die stille Ökonomisierung der Kirche. Die Standardfragen jeder naiven Umfrage entsprechen dem: Wie finden Sie uns? Was hätten Sie denn gerne von uns? Zudem führt Milieuinkongruenz die Berufsperson in die Zerreißprobe: Macht sie es milieusensibel und lebensweltlich sehr gut, riskiert sie, sich selbst expressiv zu verlassen und selbst spirituell zu verhungern. Würdest du in deinen eigenen Gottesdienst gehen?, ist dafür die Gretchenfrage.
Freikirchen leiden übrigens ebenso an Milieusklerose, nur in einem anderen Milieu: Sie erreichen gut die Lebenswelt der Bürgerlichen Mitte, kommen aber mit ihrer Expressivität und trotz ihren Investitionen kaum über ihren Einzugsbereich hinaus. Die englischen Fresh Expressions, von denen sich mindestens 50 % evangelikal gebärden und verstehen, also zur Lebenswelt des Quiet Peaceful Britain zu zählen wäre, müssen sich, lebensweltlich betrachtet, daher fragen lassen, ob sie die Mission-shaped Church tatsächlich mit allen Lebenswelten verwirklichen oder nur einmal mehr alle anderen für Quiet Peaceful Britain erwecken und bewegen.
Öffnungspotenziale
Welche Potenziale zum Spielen kommen, sobald die Enge der kerngemeindlichen Provinz verlassen und die Weite aller Welt riskiert wird, ist von den Fresh Expressions allerdings eindrücklich zu lernen: Sobald Beziehung und Beteiligung in der ersten Reihe spielen, treten Ressourcensorge und Verteilkampf in die zweite oder dritte Reihe zurück. Der gewöhnliche Fall entpuppt sich als Stellvertreterschauplatz: Wo es nur noch um Ressourcen geht, ist längst der Auftrag entglitten. Sind aber Beziehungen erst mal geknüpft und Beteiligungen am gemeinsamen Weg geübt, dann entlasten Freiwillige die Personalressourcen, Umnutzungen die Raumressourcen und Legate die Projektkosten.
Wichtiger als das manifeste Kapital sind aber hoffentlich das kulturelle und das religiöse Kapital der Lebenswelten. Hier liegt ein riesiges, von der Kirche kaum schon gesehenes Potenzial. Der bekannte Teil auf der Lebensweltkarte, der territorial, monokulturell und institutionell funktioniert, nimmt ab, während der unbekannte Teil, der vital, divers und clustermäßig funktioniert, zunimmt. An die Stelle des gepflegten und ordentlichen output der Religion, die sichtbar ist in den großen Manifestationen des Heiligen Kosmos, tritt im selben Maß der ungepflegte und unordentliche input der Religion, die erkennbar wird in der Sehnsucht des Individuums nach Sinn. Sie äußert sich konkret als Sehnsucht nach Orientierung in der Kredibilitätskrise, nach Verortung in der Mobilitätskrise, nach Beziehung in der Medialitätskrise, nach Annahme in der Autonomiekrise. Die tägliche Sehnsucht nach Sinn ist das religiöse Kapital der Postmoderne: Wem kann ich glauben, wenn so vieles unglaubwürdig wird? Wo bin ich zu Hause, wenn mich unsere schöne Mobilität heimatlos macht? Wer bleibt mir treu, wenn die vielen Kontakte und Freunde sich ebenso rasch wegklicken wie einloggen? Wer nimmt mich an, wie ich bin, wenn ich überall zuerst wer sein muss? Vermutlich gleichen sich die postsäkulare und die präkonstantinische Zeit der Kirche genau an diesem Punkt: im religiösen Potenzial, das so groß ist wie selten in institutionellen Zeiten.
Die Fresh Expressions sind unterwegs mit diesem Potenzial. Sie sammeln quasi die Gemeindefernen, aber Kirchennahen, jene also, die sich zwar für die institutionelle parish kaum interessieren, wohl aber für die präinstitutionelle Bibel. Entsprechend versteht sich die community einer Fresh Expression nicht als congregation, sondern nennt sich church. Entsprechend sollten wir von Kirchenbildung statt von Gemeindeaufbau reden. Entsprechend ist jeder Name einer Fresh Expression ein brand, wie ihn der Wettbewerb im Dschungel der Postmoderne gewohnt ist, aber kein Ortsname, wie klassische Territorialität ihn kennt. This is our church! heißt denn auch der selbst gedrehte Film, den uns die Fresh Expression mit dem brand Sorted in Bradford stolz vorgeführt hatte: gepiercte und tätowierte Jugendliche aus der Lebenswelt der Pleasure Seekers, bei uns die Eskapisten oder Hedonisten. Was den Modelabels True Religion oder All Saints recht ist, ist den Kirchenlabels Moot oder Sanctus1 billig: Es gilt, das Potenzial religiöser Sehnsucht zu nutzen. Keine Frage, dass es der Kirche um den nonprofit, der biblisch Reich Gottes heißt, geht!
Region und Cluster
Im Herbst 2013 hat die Zürcher Kirchenleitung das Projekt KirchGemeindePlus lanciert (www.kirchgemeindeplus.ch). Bis 2019 soll die Gemeindelandschaft neu aufgestellt sein, neu mit allen Lebenswelten im Blick. Dabei sind die Region als der soziokulturelle Gestaltungsraum und der Cluster als der postmodern-adäquate Darstellungsmodus von entscheidender Bedeutung. Öffnung in die mittlere Reichweite führt in doppeltem Sinn zu kirchlicher Raumplanung: als lebensweltliche Nutzung bestehender Bauten und als missionale Erschließung bestehender Lebensräume.
Ein Cluster ergibt sich aus menschlicher Vitalität, nicht aus administrativer Ordnung. Hier hat die institutionelle Kirche Lernbedarf! Die Biodiversität des Regenwalds zeigt, was ein Cluster ist. Architektur und Stadtentwicklung haben bereits gelernt und das institutionell geleitete spatial planning am Reißbrett durch Beteiligung und Beziehung von Bewohnern zum cultural-spatial planning weiterentwickelt. Die landesweit Verantwortlichen anglikanischer Fresh Expressions formulieren aus ihrer Erfahrung die dringliche Empfehlung Create! Don’t clone! Warum?
Das Beispiel des Regenwalds kann als Parabel verstanden werden: Von den drei Lebensbedingungen Wasser, Nahrung und Licht sind zwei überreichlich gegeben, eine aber sehr mager. Die Böden sind nämlich kaolinhaltig und extrem nährstoffarm. So stehen Pflanzen und Tiere in einem Überlebenswettbewerb. Er führte über Jahrmillionen zu einer Überfülle des Verschiedenen auf kleinster gemeinsamer Fläche, denn jede species musste ihren eigenen Trick finden, unter den gegebenen Bedingungen eine Nische zu füllen. Gleiche Anforderungen führten zu unterschiedlichen Lösungen. Gemeinsam sind die Bedingungen und die Sicherung der knappen Nährstoffe: Sie besteht in einer Matte aus Pilzen, die das Absinken der Nährstoffe aus verwestem Leben verhindert und eine dünne Humusschicht ermöglicht. Das networking der Pilze sichert die gemeinsame Nährstoffgrundlage. Das Leben aber, das darauf gedeiht, ist höchst divers. Alle aber sind Beteiligte und Bezogene.
Gemeinsam ist das tragende Netzwerk, die Cluster aber sind verschieden. Jedes Biotop ein Cluster, jedes Stadtquartier ein Cluster, jede Region ein Cluster! Aber keiner gleicht dem anderen. Jeder Cluster ein Unikat! Entscheidend dafür ist die Vitalität. So wird auch das Projekt KirchGemeindePlus nur dann Erfolg haben, wenn die Regionen, die sich bilden, als Cluster und nicht als Plantagen verwaltet werden: Vitale territoriale Kirchgemeinden wird es weiterhin geben, Pfarrunionen für den service public der Kasualien, Zweckverbände für nicht alltägliche und besonders aufwendige Anforderungen, neue Vergemeinschaftungen in diversen Fresh Expressions, einzelne profilierte lieux d’église mit großer Leuchtkraft, spezifisch lebensweltliche Standorte für Jugendliche, Familien, Alte, virtuelle Netzwerke mit gelegentlichen Treffs, eine Stadtakademie, eine Kulturkirche usw.
Eine biblisch geleitete Biodiversität ist unsere Aufgabe. Der Schöpfer jedenfalls mag keine Monokultur, sonst hätte die Passagierliste der Arche anders ausgesehen. Die Vielgestaltigkeit der Glaubenden geht der Definiertheit des Geglaubten voraus, sonst könnte die Bibel um viele Seiten dünner sein.
Kirche! So heißt die Aufgabe, nicht das Problem.
1 Lebenswelten. Modelle kirchlicher Zukunft. Orientierungshilfe, hg. v. Roland Diethelm, Matthias Krieg und Thomas Schlag, Zürich 2012 und Lebenswelten. Modelle kirchlicher Zukunft. Sinusstudie, Zürich 2012.
Matthias Sellmann
Glauben, oder: Vom Unterschied zwischen Teebeuteln und Piranhas1
I) Glauben – und die Schwierigkeiten seiner Thematisierung in der Verkirchlichungsfalle
Als Autor oder als Redner kann man sich nur freuen, wenn man um Gedanken zum Grundvollzug des Glaubens gebeten wird. Vielleicht ist die Auskunft darüber, was der andere glaubt, sogar die wichtigste und für mich weiterführendste Information, die er (oder sie) mir geben kann. Und das aus drei Gründen.
1. Glauben ist das, ohne das es gar keine Freude gibt.
2. Glauben ist das ökumenischste Thema, das es geben kann.
3. Eine bestimmte Rede vom ‚Glauben‘ ist innerkirchlich ziemlich verdorben.
1) Glauben ist das, ohne das es gar keine Freude gibt. Wer über das Substantiv ‚Glauben‘ oder über das Verb ‚glauben‘ spricht, spricht aus theologischer, aber auch aus soziologischer Perspektive über die erstaunliche Kraft, sich zu Leuten, Dingen und Situationen in unserem Leben gestaltend zu verhalten. Glaube ist der kreative Möglichkeitssinn, der tatsächlich in uns möglich ist. Ich sehe eine Person – und plötzlich halte ich es für möglich, dass zwischen ihr und mir etwas entstehen kann: eine Debatte, ein Streit, ein Tausch, ein Flirt, ein Tanz, ein Diebstahl. Ich sehe eine Situation – und plötzlich halte ich es für möglich, dass ich ihr nicht ausgeliefert bin, sondern dass ich sie auf mich und mich auf sie beziehen kann. Ja: Ich sehe einen Teebeutel – und plötzlich halte ich es für möglich, dass dieser Teebeutel mehr sein kann und mehr sein will als ein paar Krümel in Vliespapier. Ich sehe mein Spiegelbild – und plötzlich halte ich es für möglich, dass dieses Spiegelbild mir zuzwinkert und mich auffordert: Alter, sei dein eigener Piranha: Greif dir diesen Tag und lass ihn nicht mehr los!
Das ist Glauben: Ich stelle mich der Tatsache, dass über mich das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, solange ich selber mitsprechen kann. Glauben ist die DNA dessen, was wir ‚Seele‘ nennen;2 Glaube ist das seltsame Phänomen, mehr sein zu wollen als Krümel in Vliespapier. Karl Rahner sagt: Glaube ist „die Ausdrücklichkeit des Sichstellens gegenüber dem Geheimnis.“3 Glaube ist also der Ernstfall des Lebens, ohne den es nur noch Ernstfälle gäbe.
2) Glauben ist damit das ökumenischste Thema, das es geben kann. Man merkt schon: Ich will hier über den Akt des Glaubens an sich nachdenken, und erst sehr viel später über die religiöse Artikulation des Glaubens, und noch viel später über die konfessionelle, die katholische, evangelische, anglikanische oder orthodoxe Artikulation. Über Glauben kann ich mit jeder und jedem sprechen. Die wirklich aufregende Frage lautet: Wie schaffst du das eigentlich, dich jeden Morgen dieser Welt zu stellen? Wie schaffst genau du es, „ausdrücklich gegenüber dem Geheimnis zu sein“, wie Rahner das nennt? Welche Wege hast du gefunden, mit dir selber klar- und durchzukommen? Man kann die Frage in Erinnerung an den kölnischen Karneval auch anders stellen: Jeder Jeck is anders – aber was für ein Jeck bist du? Und wieso? Kurz: Welcher Glaube bestimmt dein Leben?
3) Eine so formatierte Rede vom ‚Glauben‘ ist innerkirchlich ziemlich verdorben. Und weil wir in unserem Kongresszusammenhang ja über Kirchenformen der Zukunft nachdenken, muss das zur Sprache kommen. Ich meine: Wir sind als Kirchenleute in der Gefahr, diesen Existenzakt des Glaubens zu kleinformatig anzusetzen. Wir haben den Glauben verkirchlicht. Wir haben aus ihm zunächst eine religiöse, dann eine religiös-moralische und dann sogar eine religiös-moralisch-konfessionelle Veranstaltung gemacht. Der Begriff der ‚Verkirchlichung‘ stammt von dem bekannten Soziologen Franz-Xaver Kaufmann. Er analysiert schon in den späten 1970er Jahren, dass der Katholizismus der bürgerlichen Gesellschaften Europas im Zuge der funktionalen Differenzierung eine Zentralisierung und Bürokratisierung des Glaubens vollzieht, deren Umfang kirchengeschichtlich als erst- und einmalig gelten kann. Die damals geäußerte These lautet: „Wir können abkürzend sagen, dass das Christentum (…) sich in dem Sinne verkirchlicht, dass das Christliche zunehmend nur noch mit dem explizit Religiösen und das Religiöse mit den etablierten Kirchen und religiösen Gemeinschaften identifiziert wird, diese selbst jedoch zunehmend den Charakter religiöser Organisationen annehmen, deren Eigendynamik mit den Möglichkeiten individuellen Glaubens nur noch sporadisch zur Deckung zu bringen ist.“4 Das operative Instrumentarium dieser Verkirchlichung ist von Franz-Xaver Kaufmann und Karl Gabriel oft benannt und tiefgehend analysiert worden: Ultramontanismus als ideologische Matrix; Sakralisierung der Kirchenstrukturen, v. a. des Priestertums; Gleichschaltung von Hoch- und Volksreligion; papstzentrierte Frömmigkeit; romzentrierte weltkirchliche Bürokratisierung; Spezialisierung des kirchlichen Personals auf liturgische und seelsorgliche Funktionen; verfestigter Ständedualismus aus Klerikern und Laien; katechetisch verengte Bildungsoffensiven; Zuspitzung des konfessionellen Konflikts usw. Die kirchenhistorische Analyse kann zwar zeigen, dass diese Strategie der konfessionellen Milieubildung für den deutschen Katholizismus im bismarckschen Kulturkampf und in der Minoritätsposition des Deutschen Kaiserreiches überlebensrettend war. Trotzdem wurden hier Pfadabhängigkeiten und Sozialisationsroutinen verfestigt, die unzureichend sind für eine wirksame kulturelle Präsenz in offenen, pluralen und weltanschaulich neutralen Gesellschaften.
Was bedeutet ‚Verkirchlichung des Christseins‘? Kürzer und in populärer Anschaulichkeit gefasst: Wir denken doch tatsächlich, wir könnten die Intensität von Glauben gleichsetzen mit der Intensität von sonntäglichen Gottesdienstbesuchen. Wir denken, in der Bibel zu lesen und davon eindrücklich zu reden, wäre bereits ein Glaubenszeugnis. Wir denken, dass man jemanden zum Glauben bringen müsse, wenn er offensichtlich einem bestimmten Wertekodex nicht folgt. Die sogenannte Glaubenskrise der Deutschen lesen wir an der Tatsache ab, dass die Zeitungen schlecht über uns schreiben. Ja, es geht sogar so weit, dass wir scheinbar persönlich beleidigt sind und neurotisch werden, wenn man um uns herum nicht glaubt. Karl Rahner schreibt schon 1962: Die Kirche spielt zu oft „die Rolle einer kleinbürgerlich nörgelnden Gouvernante (…), [die, MS] mit engem Herzen (…) das Leben mit dem Beichtspiegel zu reglementieren versucht, der recht ist für das berühmte Lieschen Müller in der wohltemperierten Kleinstadt des 19. Jahrhunderts.“5 Wenn man erst über Kirche und erst dann über das Christsein spricht; wenn nicht Christsein zur Kirche, sondern Kirchlichkeit zum Christsein führen soll; wenn Christsein auf einen bestimmten rituellen, ethischen und kulturellen Habitus verengt wird, dann ist man in der Verkirchlichungsfalle.
Und hier liegt meiner Meinung nach einer der wesentlichen Gründe dafür, dass unsere Zeitgenossen uns Kirchenleute gerade nicht als Tänzer im Regen erleben, sondern als Verkäufer von Regenschirmen. Wir stehen unter dem sicheren Schirm und nennen das ‚Gemeinde‘. Gemeinde wird damit der Ort, an dem man nicht nass wird; man ist ‚drinnen‘ und schaut nach ‚draußen‘, und man wundert sich, warum die Regenläufer da draußen nicht unter den sicheren Schirm kommen: Es ist doch so viel trockener hier!6
Ja, es ist trocken bei uns. Mitunter staubtrocken. So sagen es jedenfalls die Milieustudien zu Kirche und Religiosität, die uns in vorher nicht möglicher Weise die Außenblicke auf uns aufbereiten und plausibel machen.7 Nur ein Zitat aus dem Forschungsprozess, das ich herausgreifen möchte. In einem Interview sagte uns jemand: „Ich erlebe euch als einen Hafen, dem die Ankerkette am Pier lieber ist als die Segel meines Bootes.“ Ich erlebe euch als Kerzenschein, nicht so als Taschenlampe.
II) Glauben und Evangelium
Erlauben wir uns, uns dem ‚Glauben‘ fundamentaler zu nähern. Hierzu zwei Gedankengänge, die plausibel machen können, warum der Ferrari unserer Glaubenszeugnisse nicht auf vollen 16 Zylindern läuft, sondern vielleicht auf dreien.
1. Das Evangelium ist kein Besitz der Kirchen, sondern die große These Gottes an die Welt.
2. Jesus hat primär keinen Glauben gebracht, sondern den schon vorhandenen genutzt.
Der Gedankengang will betonen: Der Glaube, von dem Jesus gesprochen hat, schafft keine Heimat. Mindestens begründet er keinen Anspruch darauf. Wer sich beheimaten will, soll eine Familie gründen, sich ein Haus bauen, einem Sportverein beitreten oder segeln lernen. All das ist wichtig, unverzichtbar und oft sehr großherzig. Aber all das hat eher wenig mit Kirche zu tun.
1) Das Evangelium ist kein Besitz der Kirchen: Der französische Jesuit Christoph Theobald hat jüngst darstellen können, dass man das griechische Wort euaggelion nicht nur übersetzen kann mit: ‚die gute Botschaft‘. Sondern auch mit: die Botschaft vom Guten.8 Man kann sich ja mit Recht fragen: Was ist denn überhaupt das, was mich da froh machen soll, wenn ich das Evangelium höre? Was sollen denn diese uralten Geschichten mit mir heute zu tun haben? Die Antwort lautet: Mit dem Evangelium steht eine Person im historischen Raum, die eine eigentlich spektakuläre These vertreten hat: Es gibt das Gute. Gemeint ist Jesus von Nazareth, und der meint mit ‚das Gute‘ ‚den Guten‘, nämlich seinen himmlischen Vater. Aber dies ist in einem ganz bestimmten Sinn zweitrangig. Fundamental behaupten Christen: Man kann in dieser Welt Gutes erleben. Ja: Man kann selber Ursprung und Grund von Gutem werden. Man kann sich ausdrücklich seinem Geheimnis stellen, weil es eine Kraft des Guten gibt, die wirkt.
Wie spektakulär so eine Behauptung ist, muss nicht lange illustriert werden. Für den, der nicht ausweicht, bringt jeder Tag bedrückend viele Gegenargumente zur Behauptung des Guten. Das ist vielleicht die neue Qualität der medialen Möglichkeiten, die wir heute haben. Auch früher gab es viel Schlechtes, Mieses und Erschreckendes – aber heute könnte man es sich pausenlos ansehen. Wir erleben uns viel öfter als Leute, die wegsehen und die sich dabei zusehen, wie sie wegsehen. Wir könnten sonst unser bisschen Psychohygiene gar nicht aufrechterhalten. Viele wissen von sich, wie dünn die Maske des Netten und Ruhigen wird, wenn es um diese psychohygienische Selbsterhaltung geht.
Wichtig ist nun: Das Evangelium behauptet nicht, dass die Welt irgendwie gut ist. Auch nicht, dass man in dieser Welt irgendwie zu Gott kommen muss, wenn man nur genug an sich arbeitet oder ausreichend nachdenkt. Unsere moderne Theologie hat diesen Kelch tief ausgetrunken und sagt uns: In dieser Welt spricht nichts dafür, dass es Gott geben muss. Wenn man so will, ist diese Welt ein Haufen Krümel ohne Vliespapier. Ein Stern im All, dessen Bewohner maßlos überschätzt werden. Asche von gestern, Asche von morgen. Christliche Theologien, so schreibt es der Kölner Theologe Hans-Joachim Höhn, sind keine Weltentstehungs- oder Welterklärungstheorien. Es gibt hier nichts zu erklären. Es sind Weltakzeptanztheorien. Sie bieten Argumente, das Mögliche für mindestens genauso wirksam zu halten wie das Faktische. Das scheint nicht viel zu sein. Aber es ändert alles. Es ist der Unterschied zwischen Zynismus, Skeptizismus, Fatalismus, Resignation – die alle als Lebenshaltungen hochverständlich sind – und dem Glauben, dass es Gutes geben kann.9
2) Jesus hat primär keinen Glauben gebracht, sondern den schon vorhandenen genutzt.
Jesus war selbst so ein Glaubender. Theobald arbeitet heraus, wie faszinierend vor allem die Zufallsbekanntschaften Jesu sind10 – also die Menschen, die er einfach so auf seinen Wegen trifft: die blutflüssige Frau, den Bettler Batimäus, den Hauptmann von Kafarnaum, den Jungen mit den fünf Broten und zwei Fischen, die syrophönizische Frau. All diese Zufallsbekanntschaften zeigen eine uns innerkirchlich unbekannt gewordene Gestalt: den staunenden Jesus. Jesus staunt über den robusten Lebensglauben dieser Leute: die blutflüssige Frau, die ihn einfach berührt; Batimäus, der seinen Mantel wegwirft – bevor er geheilt wurde!; den Hauptmann, der ihn nicht mal drängt, seinen kranken Sohn zuhause zu besuchen; den Jungen, der wenig hat, aber alles gibt; die Syrerin in ihrer entwaffnenden Schlagfertigkeit. Jesus ruft aus: Solch einen Glauben habe ich in Israel nirgends gesehen! Und, spektakulär: Frau, Mann, Junge: Dein Glaube hat dir geholfen!
Das ist Evangelium: Nicht ich, Jesus, habe dir geholfen. Sondern du hast dir selber geholfen, weil du geglaubt hast. Natürlich war Jesus in diesen Episoden unersetzlich. Aber dem Textzeugnis nach nicht als kausal Heilender, sondern als der, der als Erster und als Mutigster gegen jeden Aberglauben geglaubt hat, dass jener Glaube helfen wird, der schon da ist.
Was für ein Bild für Kirche! Kirche nicht als die, die alles in der Hand haben. Die wissen, ob einer richtig glaubt oder falsch. Die sich anmaßt, den richtigen Glauben zu kennen und vorzuschreiben. Sondern als Kirche, die wie Jesus staunt über das, was an Glauben und an Lebensleistung schon da ist. Die gegen jeden Aberglauben glaubt, dass der Glaube der Leute die heilende Kraft selber ist. Ja, Kirche als staunende Versammlung derer, die sich selber heilen lässt durch den Lebensglauben der Leute.
Darum sind solche Orte so wichtig wie e/motion aus Essen.11 Und darum sind solche Studien so wichtig wie die Milieustudien. Weil wir hier Lernmaterial bekommen. Weil hier gestaunt werden kann.
Lassen wir uns doch diese lernende, staunende, diese fundamental existenzielle Kirche nicht vermiesen. Kirche ist kein Idyll, sondern ein Biwak. Und Biwaks haben keine Fußbodenheizungen. Eine Umfrage hat 2006 ergeben, dass jeder zweite deutsche Katholik fünf und mehr beste Freunde in der Kirchengemeinde hat.12 Ich finde das irritierend, wenn Ferraris in der Garage stehen. Mich irritiert das, wenn Leute von ihrer ‚schönen Gemeinde‘ erzählen, in der sie sich jetzt schon 25 Jahre so sehr beheimatet fühlen. Welchen Sinn haben Streichhölzer, die in ihrer Schachtel in Frieden zusammen alt werden?
Unruhig schlägt unser Herz, bis es Ruhe findet in dir? Oh nein: Unruhig ist unser Herz, seit es Dir, der spektakulären Möglichkeit des Guten, begegnet ist – und seitdem rennen wir hier herum und fürchten den Regen und die Nacht, aber wir rennen weiter. Kirche ist das, was dort erst entsteht, wo der je individuelle und sehr variantenreiche Glaube an das Gute einen Ort bekommt, an dem er geteilt, beglaubigt und gefeiert wird. Natürlich ist Kirche auch der Ort, an dem man Jesus dafür dankt, dass er uns diesen Glauben vorgemacht hat, so dass wir alle an ihm kondensieren wie Wassertropfen an der Fensterscheibe. Natürlich ist Kirche auch der Ort, an dem der Glaube an das Gute an Gott adressiert wird. Natürlich ist Kirche auch der Ort, den es schon gibt, weil dieser Grundglaube an das Gute vom Hören kommt.
Aber damit er vom Hören kommen kann, muss es Leute geben, die vom Glauben erzählen. Und die das nicht sofort religiös und kirchlich machen, sondern die in der Lage sind, in ihrem alltäglichen Leben den Punkt zu identifizieren, an dem sie sich für das Gute und gegen das Müde, Lahme und Zynische entscheiden.
Werden wir solche Leute! Bilden wir solche Orte von Kirche! Versprechen wir uns, dass unsere Regenschirme nach längstens 30 Minuten porös werden! Gönnen wir den Deutschen Orte, an denen es wahrscheinlicher wird, an das Gute zu glauben. Seien wir Christen, über die Jesus staunt. Und über die er ausruft: Wahrlich, wahrlich – die sehen zwar aus wie Teebeutel – aber es sind echte Piranhas!
1 Kurzvortrag auf dem Kongress Kirche2, Hannover 2013. Der Vortragsstil wurde einer Publikation angepasst, im Duktus aber beibehalten.
2 Ähnlich Sellmann, Matthias: Art. Seelsorge/Pastoral, in: Georg Gänswein / Martin Lohmann (Hg.), Katholisch. Wissen aus erster Hand, Freiburg i. B. 2010, 98–100.
3 Rahner, Karl: Über die Möglichkeit des Glaubens heute, in: Gert Otto (Hg.), Glauben heute (II). Ein Lesebuch zur katholischen Theologie der Gegenwart, Hamburg 1968, 11–36, 18.
4 Kaufmann, Franz-Xaver: Kirche begreifen. Analysen und Thesen zur gesellschaftlichen Verfassung des Christentums, Freiburg i. B. u. a. 1979, 102 f.
5 Rahner, Über die Möglichkeiten des Glaubens heute, 30.
6 Eine ausführliche theologische Kritik der ‚Gemeindetheologie‘ und praxeologische Zukunftsausblicke liefert jetzt Sellmann, Matthias (Hg.), Gemeinde ohne Zukunft? Theologische Debatte und praktische Modelle, Freiburg i. B. u. a. 2013. Nur eine Zahl aus einer deutsch-US-amerikanischen Gemeindeumfrage von 2006: 67 % der deutschen Katholiken haben „5 und mehr engste Freunde“ in der Ortsgemeinde (Vergleich USA: 25 %)!
7 Vgl. auch den Beitrag von Heinzpeter Hempelmann in diesem Band.
8 Vgl. zum Folgenden Theobald, Christoph: Heute ist der günstige Augenblick. Eine theologische Diagnose der Gegenwart, und: Evangelium und Kirche, in: Hadwig Müller / Reinhard Feiter (Hg.), Frei geben. Pastoraltheologische Impulse aus Frankreich, Ostfildern 2012, 81–109. 110–138. Soziologisch ist unter Bezug auf die Rede vom ‚Guten‘ zu erinnern an Peter L. Bergers bahnbrechende Studie: Auf den Spuren der Engel. Die moderne Gesellschaft und die Wiederentdeckung der Transzendenz, Freiburg i. B. u. a. 21991, v. a. 84–89.
9 Vgl. Höhn, Hans-Joachim: Zustimmen. Der zwiespältige Grund des Daseins, Würzburg 2001; ders.: Der fremde Gott. Glaube in postsäkularer Kultur, Würzburg 2008.
10 Vgl. a. a. O., 104–106.
11 Vgl. den Beitrag von Christina Brudereck in diesem Band.
12 Vgl. Anm. 6. Zum auffällig deutlich koinonial geprägten Zuschnitt deutscher Gemeinden die Umfragedaten und kritischen Analysen in Reinhold, Kai / Sellmann, Matthias (Hg.): Katholische Kirche und Gemeindeleben in den USA und in Deutschland. Überraschende Ergebnisse einer ländervergleichenden Umfrage, Münster 2011; v. a. 79–84, 189–212. Tabelle A 110.
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