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Karla Weigand & Rainer Schorm (Hrsg.)
In 80 Jahren um die Welt
Jörg Weigand zum Jubeltage
AndroSF 134
Karla Weigand & Rainer Schorm (Hrsg.)
IN 80 JAHREN UM DIE WELT
Jörg Weigand zum Jubeltage
AndroSF 134
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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© dieser Ausgabe: 21. Dezember 2020
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Rainer Schorm
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Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
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Verlag: p.machinery Michael Haitel
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für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 223 2
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 873 9

Jörg Weigand
(Foto: Frank Gerigk, 2013)

Jörg Weigand: 1941–1959
Karla Weigand & Rainer Schorm: Vorwort
Man kann vieles über ihn sagen … und vieles wurde über ihn gesagt. Jörg Weigand wird achtzig und das völlig zu Recht. Auf wie vielen Feldern er gearbeitet und geackert hat, weiß er vielleicht selbst nicht – seine Produktivität war über all die Jahrzehnte so hoch, dass man ihm die Existenz eines Ghostwriters unterstellte. Diesen Output »Fleiß« zu nennen, ist eine Untertreibung. Natürlich ist das Arbeitsleben eines Journalisten – er war von 1980 bis 1996 in Bonn, beim Zweiten Deutschen Fernsehen tätig – multithematisch, aber die Vielseitigkeit zieht sich durch sein Œuvre, wie der legendäre rote Faden. Zum einen gilt das für seine inhaltliche Bandbreite, Politisches, Wirtschaftliches, Kulturelles, Spezielleres wie etwa Jugendmedienschutz; gleichgültig, ob es sich um chinesische Scherenschnitte handelte, oder den Romanautor als »Ein-Mann-Fabrik« – das alles verbindet seine Liebe zum Detail, zur Recherche. Diese Eigenschaft adelt einen Journalisten – heute vielleicht mehr als damals. Seither ist die unabhängige Überprüfung von Fakten eine Seltenheit geworden. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass »moderner« im Sinne von »jünger« nicht automatisch eine Verbesserung bedeutet.
Interessanterweise hat sich Jörg Weigands Schaffen vom Sekundären und Journalistischen sowie der Short Story in Bereiche ausgeweitet, die ihn selbst überrascht haben dürften: Er wurde zum Komponisten, veröffentlichte diverse Liedersammlungen und es erschienen Tonaufnahmen auf CD. Diesen alten Wunsch hat er sich selbst mit allem Engagement erfüllt und seine Umgebung staunt bis heute.
Dazu ein anderes, wiederum literarisches Phänomen: Er bestritt stets, lange Texte, besonders Romane, schreiben zu können. Seit die Musik ihm eine weitere Inspirationsquelle lieferte, ist auch diese Selbsteinschätzung Makulatur. Nach der ungewöhnlichen »Isabelle« beweisen das etliche Kurzromane und ein Taschenbuch von etwa 300 Seiten Umfang.
Die Musik hat ihm nicht, wie er selbst befürchtete, das Schreiben unmöglich gemacht – sie hat es ausgeweitet und befruchtet.
Die Schreiber dieser Zeilen können sich an dieser Stelle ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen, denn der Jubilar äußerte seine Überzeugung bezüglich der eigenen diesbezüglichen Unfähigkeit ähnlich resolut, wie er das immer tat und noch immer tut.
Neue Publikationen wie das »Abenteuer Unterhaltung«, die »Träume auf dickem Papier« und nicht zuletzt die Neuauflage seines »Lexikons der Pseudonyme« sind aktuelle Publikationen.
Für den geneigten Leser gibt es also viel zu entdecken. Unter anderem in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar, der er seit langen Jahren verbunden ist. Oder in den Publikationen der Autorengruppe »Phantastischer Oberrhein«, die er initiierte.
Wie er all das schafft? Vielleicht hat er tatsächlich einen Ghostwriter … oder deren mehrere. Denn Vielseitigkeit ist nicht eine Qualität …
… um es biblisch zu formulieren: Es sind viele!

Die Autorengruppe »Phantastischer Oberrhein« (2019): Karla Weigand, Ursula Dotzler, Hans-Dieter Furrer, Rainer Schorm, Frank G. Gerigk, Hans Jürgen Kugler, Peter Mathys, Jörg Weigand.

Hans Jürgen Kugler, Peter Mathys, Jörg Weigand
Kai Riedemann: Ach, wie gut, dass niemand weiß …
Nachts sollte man kein Amaranth-Müsli essen. Vera Müller tat es trotzdem. Es war ihr egal, ob sich die Kopfschmerzen nun auch noch mit Magengrimmen verbrüdern würden. Eigentlich war ihr alles egal.
Sie saß vor dem Büro-PC und spann einen Gedanken nach dem anderen, um ihn gleich wieder zu verwerfen. Nein, die Aufgabe konnte keiner lösen.
Wieder sah sie Jacob König vor sich. Sein Grinsen, sein fast kameradschaftliches Hand-auf-die-Schulter-Legen.
»Sie wollen doch diesen Job, oder?«, hatte er gefragt und sich über das lange gegelte Haar gestrichen. »Dann zeigen Sie mal, was Sie als Anlageberaterin taugen. Verdoppeln Sie das fiktive Kapital an der Börse. In zwei Tagen, bitte.«
Vera starrte auf den Bildschirm. Verdammt, sie brauchte diesen Job bei König Investment.
Wütend knallte sie den Löffel in die halbvolle Müslischüssel. Milch spritzte hoch und hinterließ einen hässlichen Fleck auf dem PC-Monitor, direkt neben den fünf Männchen, die sie mit schief gelegtem Kopf anblickten. Männchen? Rechts unten in der Bildschirmecke hockten sie. Klein, mit langem grauem Bart und zotteligen Haaren. Jeder trug ein andersfarbiges Abzeichen, und zwar in den Farben Grün, Rot, Gelb, Weiß und Schwarz.
Daneben stand in geschwungenen Lettern: »Offenbar haben Sie Probleme. Brauchen Sie Hilfe? Ja. Nein. Diese Meldung nicht wieder anzeigen.«
Vera seufzte und klickte auf Ja. Was hatte sie schon zu verlieren?
Augenblicklich kam Leben in die Männchen. Sie hüpften auf und ab, tanzten in wilden Zuckungen über den Schirm, schickten schrilles Piepen über die Lautsprecher.
»Als Gegenleistung für die Hilfe«, zeigte jetzt ein Schriftkasten an, »schließe ich einen einwöchigen Flatratevertrag ab. Bitte hier bestätigen.«
Die Männchen blickten sie in freudiger Erwartung an. Vera bestätigte mit einem Mausklick.
Dann ging alles ganz schnell. Wie ein Feuerwerk explodierten Farben auf dem Schirm, glühten, verschmolzen, drehten sich in fantastischen Wirbeln. Dazwischen hüpften Zahlen, Formeln und die Männchen.
Vera blieb nichts übrig, als sich im Bürostuhl zurückzulehnen und den Rest des Amaranth-Müslis zu löffeln. Mit den Gedanken an Jacob Königs hoffentlich verblüfftes Gesicht schlief sie schließlich ein.
Verblüfft war es gewesen, das Gesicht. Aber nicht verblüfft genug.
»Anfängerglück, Fräulein Vera«, hatte König gesagt und dabei lässig auf der Schreibtischkante gethront. »Das machen wir gleich noch einmal.«
Jetzt saß sie also schon wieder nach Mitternacht im Büro von König Investment. Vor sich eine Tasse Himmelstautee und zwei Pfefferkuchenherzen. Leider wusste Vera immer noch nicht, wie sie die Aufgabe bewältigen sollte. Genauso gut hätte er von ihr verlangen können, Stroh zu Gold zu spinnen. Vielleicht, wenn wieder diese kleinen …
Frech grinsten die nächtlichen Helfer sie in der rechten Bildschirmecke an. Wieder trug jeder ein Abzeichen, und wieder in den Farben Grün, Rot, Gelb, Weiß und Schwarz.
»Offenbar haben Sie Probleme. Brauchen Sie Hilfe? Ja. Nein. Diese Meldung nicht wieder anzeigen.«
Vera nahm einen Schluck Tee und klickte auf Ja.
Doch dieses Mal erwachten die Männchen nicht zum Leben. Sie hüpften auch nicht auf und ab oder tanzten in wilden Zuckungen über den Schirm oder schickten schrilles Piepen über die Lautsprecher. Sie grinsten nur.
»Als Gegenleistung für die Hilfe«, zeigte jetzt ein Schriftkasten an, »schließe ich einen lebenslangen Flatratevertrag ab, der bei Geburt des ersten Kindes auf dieses übertragen wird. Bitte hier bestätigen.«
Die Männchen blickten sie immer noch grinsend an. Vera zögerte, doch schließlich bestätigte sie mit einem Mausklick.
Dann ging wieder alles ganz schnell. Wie ein Feuerwerk explodierten Farben auf dem Schirm, glühten, verschmolzen, drehten sich in fantastischen Wirbeln. Dazwischen hüpften Zahlen, Formeln und die Männchen.
Vera blieb nichts übrig, als sich im Bürostuhl zurückzulehnen und den Rest ihres Himmelstautees zu schlürfen. Mit den Gedanken an Jacob Königs hoffentlich verblüfftes Gesicht schlief sie schließlich ein.
Zur Begrüßung hatten ihr die neuen Kollegen einen Strohblumenstrauß geschenkt. Vera stellte ihn zwischen Bildschirm, Teetasse und Teddybär. »Vera Müller, König Investment«, so prangte es in goldener Schrift auf ihrem Namensschild. Es war geschafft.
Vera schaltete ihren Büro-PC ein und wartete. Der Bildschirm blieb dunkel. Dauert morgens wohl etwas länger, dachte sie und kochte sich erst mal einen Sommertraumtee. Doch als sie zurückkehrte, hatte sich immer noch nichts getan. Der erste Arbeitstag fing prima an.
Vera wollte gerade die Neustarttaste betätigen, als sie im Schwarz ihres Bildschirms bekannte Gestalten entdeckte. Langer grauer Bart, zottelige Haare, farbige Abzeichen.
»Sie haben die erste Rate Ihres lebenslangen Flatrate-Vertrags noch nicht bezahlt«, erschien eine Meldung in den bereits vertrauten geschwungenen Lettern. »Bitte bestätigen Sie die Abbuchungserlaubnis in Höhe eines halben Nettomonatsgehalts.«
Vera verschluckte sich an ihrem Tee. Ein halbes Monatsgehalt? Das war doch nur Spaß gewesen, die Sache mit den Männchen und der nächtlichen Hilfe.
»Ihr spinnt ja!«, entfuhr es ihr laut, sodass die Kollegen an den anderen Schreibtischen aufblickten.
»Du konntest das ja nicht«, krächzte das Männchen mit dem roten Abzeichen. »Nun gib uns, was du versprochen hast«, ergänzte der grüne Kollege. Zum ersten Mal hörte Vera ihre Stimmen. Hastig drehte sie die Lautstärke runter.
Während die Männchen lässig auf und ab schlenderten, rollten Vera die ersten Tränen übers Gesicht.
»Okay«, erklang dieses Mal etwas leiser die krächzende Stimme des weißen Männchens. »Drei Stunden wollen wir dir Zeit lassen. Wenn du bis dahin unser Passwort weißt, so sollst du dein Geld behalten.«
Auf dem Bildschirm erschien eine Eingabemaske. Der Cursor blinkte hämisch.
Vera König nahm ihren Teddy vom Schreibtisch, kraulte sein dichtes Fell und seufzte. Es konnte Millionen Kombinationen geben. Geburtstagsdaten, Orte, die Namen der Kinder. Plötzlich musste sie an Doktor Heinrich Dammann denken.
»In Märchen kann man fürs Leben lernen«, hatte ihr Literaturprofessor an der Uni immer gesagt. »Wenn ihr Probleme habt, schlagt einfach bei Grimm nach.«
Rumpelstilzchen? Konnte das möglich sein? Mit zitternden Fingern tippte sie das Wort in die Eingabemaske. Doch die schüttelte sich nur. »Passwort falsch«, erschien in den vertrauten Lettern auf dem Schirm. Dazu erklang höhnisches Lachen aus den Lautsprechern. Nein, die Lösung musste komplizierter sein.
Ein Bild tauchte in ihren Gedanken auf. Ihr Sinologieprofessor Doktor Ferdinand Teufel. Eine Vorlesung. Wie war das gewesen? Er hatte über chinesische Soldaten auf dem Gefechtsfeld doziert. Die Soldaten waren zu je fünf Linien gestaffelt und in den drei Heeressäulen gegliedert. Jede der fünf Linien trug ein andersfarbiges Abzeichen, und zwar in den Farben: Grün, Rot, Gelb, Weiß und Schwarz! Die fünf Abzeichen! Die fünf Männchen! Jetzt fiel ihr auch wieder ein, woraus ihr Professor Teufel damals zitiert hatte: aus der Dissertation des berühmten Jörg Weigand über Staat und Militär im altchinesischen Militärtraktat Wei Liao-tzu!
Vera stellte den Teddy zurück auf den Schreibtisch, trank noch einen Schluck Sommertraumtee und tippte dann das Passwort »Wei Liao-tzu« in die Eingabemaske.
Der Bildschirm wurde schlagartig babyblau. Die Männchen sprangen auf, schrien, stießen mit dem rechten Fuß vor Zorn in den jetzt aufleuchtenden Desktophintergrund.
»Das hat dir der Teufel gesagt«, erklangen ein letztes Mal ihre krächzenden Stimmen aus den Lautsprechern. »Das hat dir der Teufel gesagt.«
Damit hatten sie irgendwie sogar Recht. Der Teufel – und Doktor Jörg Weigand.
Karl-Ulrich Burgdorf: Jörg Ernst Weigand, etymologisch
»What’s in a name?«
– William Shakespeare: Romeo und Julia
»Le style, c’est l’homme« oder, richtiger zitiert: »Le Style, c’est l’homme même«: Diesen Ausspruch tat der Naturforscher Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon, in der Antrittsrede, die er 1753 unter dem Titel »Discours sur le style« anlässlich seiner Aufnahme in die Académie Française hielt. Übersetzen könnte man das etwa mit »Der Stil eines Menschen ist das Abbild seines Charakters«.
Wenn das zutrifft (und wer bin ich, es zu bezweifeln?), könnte man dann nicht vielleicht auch den womöglich ebenso zutreffenden Satz »Le nom, c’est l’homme (même)« aufstellen, also »Der Name eines Menschen ist das Abbild seines Charakters«? Die alten Lateiner jedenfalls haben dies getan, denn für sie galt, dass der Name zumindest auf den Charakter eines Menschen oder einer Sache vorausdeutet: »Nomen est omen!«
Dieser Gedanke kam mir, als ich von Karla Weigand und Rainer Schorm die Einladung erhielt, einen Beitrag zu der hier vorliegenden Festschrift zu verfassen, mit der wir den 80. Geburtstag unseres Freundes und Kollegen Jörg Weigand feiern wollen. Sagt der Name »Jörg Weigand« also womöglich etwas über den Charakter des Jubilars aus, und wenn ja, was? Um das herauszufinden, beschloss ich, Jörg Weigands Namen einer – zugegebenermaßen laienhaften – etymologischen Untersuchung zu unterziehen, und ich möchte Sie herzlich einladen, mich auf dieser kleinen Reise durch Namenskunde und Sprachgeschichte zu begleiten. Schon jetzt kann ich Ihnen versprechen, dass wir dabei Erstaunliches zutage fördern werden.
Und bevor ich es vergesse: Auch ein zweiter, vielleicht nicht so allgemein bekannter Vorname des Jubilars wird Teil unserer Untersuchung sein; davon später mehr.
Der Nachname: Weigand
Just in den Tagen, als die Einladung bei mir eintraf, hatte ich wieder einmal, so wie ich es gerne tue, in Nabil Osmans Kleinem Lexikon untergegangener Wörter geblättert, das bereits 1971 zum ersten Mal erschienen ist und das als Band 487 der Beck'schen Reihe in der 10. Auflage von 1998 in meinem Bücherregal steht. Eine vage Erinnerung trieb mich dazu, dort als Erstes nachzuschauen, und tatsächlich fand ich auf Seite 229 den Eintrag »Weigand, Wiegand – Kämpfer«. Das klang nun außerordentlich spannend, denn ein Kämpfer ist Jörg Weigand in der Tat, und darum begann ich zu exzerpieren, was Nabil Osman an Quellen zur Bedeutung dieses Wortes zusammengetragen hat.
Johann Christoph Adelung etwa, seines Zeichens Polyhistor und Sprachforscher, schreibt dazu in seinem Grammatisch-kritischen Wörterbuch der hochdeutschen Mundart, dem bekanntesten lexikalischen Werk des 18. Jahrhunderts, dies sei »ein längst veraltetes Wort, welches ehedem einen Kriegsmann, braven Soldaten, tapferen Helden« bedeutet habe. Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Leipzig 1854–1960, ergänzt:
»(Es) ist nach hoher blüthe zumal im volksepos des mittelalters seit ende des 13. jh. zurückgegangen, lebt aber im ganzen sprachgebiet bis anf. d. 16 jh. … dichter und gelehrte des 17. jh. knüpfen ausdrücklich an mhd. sprachgebrauch an … Gottsched, Adelung, Campe haben die erneuerung des worts nicht unterstützt, von den classikern zeigt nur Wieland neigung dafür, die wenigen dichter, die sich sonst dafür einsetzen, dringen nicht durch … so ist das wort über den gelehrtenkreis kaum hinausgedrungen; nicht zu vergleichen mit den gelungenen erneuerungen altdeutscher wörter wie: hain, halle, minne, norne, rune.«
Deshalb zieht Nabil Osman das Fazit:
»Untergangsgrund: [wir erinnern uns: dies ist schließlich das Kleine Lexikon untergegangener Wörter!] misslungene Neubelebung eines altdeutschen Wortes. Wie Ger, Kämper, Minne, Norne, Rune u. a. misslungene Neubelebungen alter Wörter konnte sich das Wort trotz Neubelebungsversuchen im 18. Jh. nicht durchsetzen. Da die Theoretiker Gottsched, Adelung, Campe nicht mitgehen wollten, drang das Wort über den gelehrten Kreis kaum hinaus.«
Festhalten sollten wir also, dass »Weigand« »Kämpfer« bedeutet. Damit enden allerdings die Parallelen, denn was Osman über den Untergang des Wortes »Weigand« sagt, trifft auf die Person Jörg Weigand keineswegs zu. Dieser Weigand ist schließlich keineswegs »untergegangen«, sondern nach wie vor obenauf; er hat sich als Autor wie als Kritiker durchgesetzt und ist, nachdem er einmal die (SF-) Szene betreten hatte, auch nie wieder weg gewesen. Außerdem ist es ihm sehr wohl gelungen, über den »gelehrten Kreis« hinaus zu dringen, denn auch wenn er eine Reihe von Sachbüchern veröffentlicht hat, werden seine Unterhaltungsromane auch von einfachen Menschen gelesen, denen der Sinn einfach nur nach spannender Lektüre steht. »Neubelebungsversuche« waren deshalb niemals nötig, ja, man darf sogar sagen, dass Jörg Weigand gerade jetzt, zu seinem 80. Geburtstag, in »hoher blüthe« steht, da er nach wie vor eifrig produziert und veröffentlicht – woraus wir lernen können, dass auch die Etymologie eines Wortes bisweilen in die Irre führen kann.
Aber schauen wir weiter, denn mit einem Nachnamen allein ist es ja nicht getan.
Der erste Vorname: Jörg
In den Polizeirevier 87-Kriminalromanen des amerikanischen Autors Ed McBain gibt es einen Cop, der nicht nur mit Nachnamen, sondern auch mit Vornamen »Meyer« heißt. Also: Meyer Meyer. Natürlich bringt ihm das eine Menge Spott ein, und er fragt sich mit schöner Regelmäßigkeit, was sich seine Eltern wohl dabei gedacht haben mögen, ihm einen solchen Vornamen zu geben.
Ein ähnliches Schicksal hätte auch Jörg Weigand treffen können, denn tatsächlich ist »Weigand« nicht nur ein Nach-, sondern auch ein Vorname. (Wenn Sie’s nicht glauben: Ich habe wirklich mal jemanden gekannt, der mit Vornamen »Weigand« hieß. Mit Nachnamen allerdings nicht.)
Glücklicherweise haben Jörg Weigands Eltern auf diese extravagante Art der Namensgebung verzichtet. Statt als »Weigand Weigand« ist er als Jörg Weigand in die Welt hinausgetreten, und diese hat es ihm gedankt, indem sie im Gegensatz zum armen Meyer Meyer keinen Kübel voll Spott über seinen Namen ausgegossen hat.
Aber passt der zunächst einmal ganz friedlich klingende Vorname »Jörg« überhaupt zum, wie wir im Zuge unserer bisherigen etymologischen Untersuchung herausgefunden haben, recht streitbaren Nachnamen »Weigand«?
Der Vorname »Jörg« ist natürlich eine Nebenform von »Georg«. Legenden-, Mythen- und Fantasyanklang: Georg und der Drache! Aber wer ist das historische Vorbild dieses sagenhaften Drachentöters? Um das herauszufinden, greife ich zu Herders Kleinem Lexikon der Heiligen, das mir, wenngleich in recht knapper Form, die gewünschte Information liefert: Beim Namenspatron für jeden Georg und damit auch für jeden Jörg handelt es sich um
»Georg von Kappadozien, Hl. [heißt offenbar: Heiliger; aber das wussten wir dank des Lexikontitels ja ohnehin schon], Märtyrer, einer der Vierzehn Nothelfer, der große Verehrung in der ganzen christlichen Welt genoss. Patron vieler Länder, Bistümer und Kirchen. Angerufen bei Fieber und in Kriegsgefahr.«
Interessant: Wer alles den Hl. Georg in Kriegsgefahr anrufen kann, darüber schweigt sich das Kleine Lexikon der Heiligen aus, und von einem Drachen ist auch nirgendwo die Rede … Das schreit nun geradezu nach weiterer Recherche! Also ein erneuter Griff ins Bücherregal, diesmal zum siebten Band (Gas – Gz) meines Großen Brockhaus von 1930 (einen aktuelleren besitze ich leider nicht, aber über diesen frühchristlichen Märtyrer wird in den letzten neunzig Jahren wohl nicht so viel Neues ans Tageslicht gekommen sein). Und da steht nun zu lesen:
»Georg, christl. Heiliger, einer der 14 Nothelfer, Patron der Sattler und Küfer, Schutzpatron der Krieger und seit dem 13. Jahrh. Englands, gewöhnlich Ritter Sankt G. genannt, in der morgenländ. Kirche als der Siegbringende und der Großmärtyrer gefeiert, stammte nach der Legende aus Kappadokien und starb unter Diokletian (angeblich 303 n. Chr.) den Märtyrertod. (…) In der späteren Legende wird er zum Drachentöter, so in der Legenda aurea des Jakobus de Boragine, die als Erste berichtet, dass G. einen Lindwurm getötet habe, der die Königstochter Aja (Kleodolinde) zu verschlingen drohte. Als Drachentöter ist er ein beliebtes Motiv der Malerei, der Plastik sowie der Dichtung geworden.«
Das Heiligenlexikon hat also mehr als nur ein bisschen geschummelt: Dass der Hl. Georg ein Kriegsmann war, unterschlägt es ganz, desgleichen auch, dass es die Krieger sind, die ihn in Kriegsgefahr anrufen dürfen, nicht die menschlichen Kollateralschäden (früher einmal auch »Zivilisten« genannt).
Aber zurück zum Thema.
Georg/Jörg ist also selbst Kriegsmann und zugleich Schutzheiliger der Krieger in Kriegsgefahr! Das hat auf seine Weise etwas beruhigend Science-Fiction-Mäßiges, denn es erinnert an ein Möbiusband, bei dem ja auch beide Seiten letztlich eins sind.
Damit könnten wir die Diskussion des Vornamens »Georg/Jörg« eigentlich abschließen, aber bevor wir zum nächsten Punkt übergehen, sei zuvor die Lektüre im Heiligenlexikon beendet. Dort heißt es nämlich weiter:
»An seinem Feste findet die Pferdesegnung statt (Georgsritt). Dargestellt mit Drachen, Rittern, Pferden und weißer Fahne mit rotem Kreuz.«
Das nun passt leider nicht so ganz zu unserem Jubilar, denn das Fest des Heiligen fällt keineswegs auf den 21. Dezember, also Jörg Weigands Geburtstag, sondern auf den 23. April. Und dass Jörg Weigand etwas mit Pferden und ihrer Segnung zu tun hätte, ist wenigstens mir bisher noch nicht bekannt geworden. Aber sei’s drum – schließlich gilt auch hier der Satz »Nobody is perfect.«
Der zweite Vorname: Ernst
»Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.« Dieser Ausspruch stammt von Victor Hugo, und er führt uns geradewegs zu Jörg Weigands zweitem Vornamen. In schon fortgeschrittenem Alter hat unser Jubilar nämlich damit begonnen, all das, was er nicht in Worten auszudrücken, über das er aber auch nicht zu schweigen vermochte, in Musik zu fassen.
Kurz: Er hat nicht nur angefangen, Klavier zu spielen, sondern auch zu komponieren, wovon eine erste CD inzwischen klangvoll Zeugnis ablegt. Für diese Komponistentätigkeit nun hat er sich auf seinen zweiten, bis dahin in seiner schriftstellerischen Tätigkeit nie gebrauchten Vornamen besonnen, nämlich »Ernst«. Und auch den wollen wir nun einer kleinen etymologischen Untersuchung unterziehen.
Dafür greifen wir nun allerdings nicht mehr auf das gedruckte Wort, sondern auf modernere Medien zurück, nämlich das Internet. Unter www.wissen.de finden wir ohne große Mühe die nachfolgende Erklärung:
»Ernst. Das Wort geht über mhd. ernest, ernust auf westgerm. *ernustu, ›Kampf, Aufrichtigkeit‹ zurück, das seinerseits auf idg.* er–/or– ›erheben, sich erregen, hochfahren‹ beruht; auch in griech. éris, ›Kampf‹ und lat. adorior; die Bedeutung entwickelte sich von ›Kampf‹ über ›Kampfeseifer‹ und ›Verfestigung im Kampf‹ zum heutigen ›Verfestigung des Willens‹.«
(Wobei »idg.« natürlich »indogermanisch« bedeutet.)
Ganz ohne Abkürzungen, dafür aber auch etwas weniger tiefschürfend sagt es auch Wikipedia:
»Ernst kommt vom althochdeutschen ›ernust‹, ›Kampf‹ und bedeutet demgemäß ›der Entschlossene‹, dann auch ›der Ernsthafte‹, einer der wenigen einstämmigen deutschen Namen. Als latinisierte Version liegt auch Ernestus vor, mit der Variante Ernestinus.«
Ein Nachname und zwei Vornamen – eine Zusammenschau
Am Ende unserer kleinen etymologischen Untersuchung kommen wir somit zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass alle drei Bestandteile von Jörg Ernst Weigands Namen, die beiden Vornamen ebenso wie der Nachname, entweder mit Krieg, Kampf oder mit tapferem Streitertum zu tun haben. Passt das zu seiner Person? Ist in diesem Falle nomen wirklich omen, gilt also die zu Beginn dieser etymologischen Untersuchung probeweise als Parallele zu Comte de Buffons Meinung über den (Schreib-) Stil eines Menschen aufgestellte These »Le nom, c'est l'homme même« – »Der Name eines Menschen ist das Abbild seines Charakters«?
Wer mir bei dem kleinen Rundgang durch die Herkunftsgeschichte der Namen »Jörg«, »Ernst« und »Weigand« gefolgt ist, und wer darüber hinaus das Glück hat, Jörg Weigand persönlich zu kennen, wird mir gewiss ohne jedes Zögern zustimmen: Ja, zumindest im Falle Jörg Weigands stimmt diese These. Denn ein Kämpfer ist Jörg Weigand in der Tat, wenngleich keiner, der etwa kriegerische Gewalt gegen Personen oder Sachen üben würde. Seine Waffe ist vielmehr die des streitbaren Intellektuellen, nämlich das geschliffene Wort, mit dem er nicht nur bei der Diskussion über kontroverse Themen brillant zu fechten versteht, was jeder bestätigen wird, der ihn jemals als Diskussionsredner – etwa bei den »Tagen der Phantastik« in Wetzlar – erlebt hat. Darüber hinaus aber meldet er sich auch in gedruckter Form immer wieder entschlossen und ernsthaft zu Wort, wenn es um Themen geht, für die zu streiten ihm dringend nötig erscheint. Das hat er nicht nur in vielen seiner Kritiken bewiesen, sondern zuletzt auch wieder in seinem Sachbuch Träume auf dickem Papier. Das Leihbuch nach 1945 – ein Stück Buchgeschichte, das seit Kurzem in einer erweiterten 2. Auflage vorliegt und in dem er sich nicht nur für die Ehrenrettung der so oft als trivial verschrienen Unterhaltungs- und Genreliteratur einsetzt, sondern auch nach bester Sankt-Georgs-Manier eine Lanze für deren Autoren bricht. Hier ist, was er dazu zu sagen hat und was mancher Verlagsdrache sich endlich einmal hinter die schwefeligen Ohren schreiben sollte:
»Unterhaltungsliteratur ist in jedem Falle alle Mühen wert, die man darauf verwenden kann – als Leser, als Autor und als Kritiker. […] Wichtig ist mir, zu zeigen, dass im eigentlichen Sinne der Autor der wichtigste Faktor im Zirkus der Veröffentlichungen ist. Ohne ihn kann der Verlag nicht arbeiten, haben die Lektoren Freilauf, finden viele Drucker kein Auskommen, hat der Vertrieb nichts zu verteilen, sitzen die Buchhändler auf dem Trockenen. Der Autor ist der Verursacher und der Erhalter vieler Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten.«
Womit wir am Schluss dieser kleinen Untersuchung angelangt wären. Was ich mich allerdings frage, ist: Warum ist Jörg Weigand als ausgewiesener Pseudonymkenner und (vide sein Buch PSEUDONYME. Ein Lexikon) eigentlich nie auf die Idee gekommen ist, sich selber den Namen »Georg Streiter« als Pseudonym zuzulegen?
Horribile dictu: Womöglich wusste er bisher gar nicht, was sein Name bedeutet … aber dem ist ja nun Abhilfe geschaffen.

Jörg Weigand im Arbeitsmodus beim ZDF
Rainer Erler: Ein Gruß
Lieber Jörg Weigand,
kaum eine Anthologie, die Sie in all den Jahren herausgegeben haben, ohne eine meiner zahlreichen Geschichten, Erzählungen, SF-Storys – und dafür danke ich Ihnen ganz herzlich!
Nun zählen Sie in diesem Jahr zu den prominenten Jubilaren unserer eingeschworenen und engagierten Science-Fiction-Gemeinde.
Da wünsche ich Ihnen noch viele Jahre Schaffenskraft, Kreativität und Gesundheit – bleiben Sie uns bitte noch lange erhalten! Wir brauchen Sie!
Da ich nicht mehr schreibe, lasse ich einen Berufeneren zu Wort kommen: Hermann Hesse, der uns in unserem Alter doch Einiges zu sagen hat:
»… ich kann einige von den Gaben, die das Alter uns schenkt, dankbar mit Namen nennen. Die mir teuerste dieser Gaben ist der Schatz an Bildern, die man nach einem langen Leben im Gedächtnisägt. Liebe Menschen, viele, die schon nicht mehr auf der Erde, leben in uns weiter, gehören uns, leisten uns Gesellschaft, blicken uns aus lebenden Augen an. Häuser, Gärten, Städte, die inzwischen verschwunden oder völlig verändert sind, sehen wir unversehrt wie einst, ferne Gebirge und Küsten, finden wir frischfarbig in unserem Bilderbuch wieder.
Das Schauen, das Betrachten, die Kontemplation, wird immer mehr zuGewohnheit und unmerklich durchdringt die Stimmung desunser ganzes Verhalten.
Von Wünschen, Träumen, Begierden, Leidenschaften gejagt, sind wir durch die Jahre und Jahrzehnte unseres Lebens gestürmt, ungeduldig,, erwartungsvoll, voll von Erfüllungen oder Enttäuschungen heftig erregt und– heutewir uns darüber, wie schön und gut es sein kann, jener Jagd und Hetze entronnen und in die vita contemplativa gelangt zu sein.
Hier in diesem Garten des Alters blühen manche Blumen, wie die der Geduld, an deren Pflege wir früher kaum gedacht haben. So lassen wir unser Leben vorübergleiten, manchmal mit stillem Bedauern, manchmalheller Freude, ja mit Heiterkeit.«
In diesem Sinne – begehen Sie diesen Tag – und noch viele die diesem folgen werden – mit Heiterkeit und auch mit Stolz über das Œuvre, dass Sie – uns allen zur Freude – geschaffen haben.
Mit einem herzlichen Gruß, Ihr
Rainer Erler
Gisbert Haefs: Duftmarken
Aristide Montgomery »Mungo« Carteret saß auf der Terrasse, trank Kaffee mit Calvados, blickte aufs Meer, über dem jenseits von Alderney die Sonne sank, und dachte nach über die Unmeßbarkeit des Unwägbaren. Genauer: ob er sich mehr langweilte oder mehr sorgte.
Für beides gab es Gründe. Sein letzter Fall oder Auftrag hatte ihm ausreichend Geld eingebracht, so daß er keine öden Aufträge annehmen mußte, und interessante gab es zur Zeit nicht. Mit flüchtigem Grinsen dachte er an den Ausdruck von Entsagung, gemischt mit Erleichterung, auf dem Gesicht des Lustknaben einer Millionärin, der nicht entführt worden war, sondern sich in einem unzugänglichen Winkel der Mongolei versteckt hatte, um sich von der Dame und ihren Ansprüchen zu erholen.
Soviel zur Langeweile. Die Sorge betraf seine Kusine Pamela du Plessis. Sie hatte ihn vor einiger Zeit – dreißig Tage her – aus der Hauptstadt des Commonwealth angerufen und ihm erzählt, sie werde Atenoa vorübergehend verlassen, um auf einer Randwelt, fast schon im galaktischen Niemandsland, ein gerade erst entdecktes Archiv zu sichten: »Da hat’s ein Erdbeben gegeben, samt Erdrutsch, Mungito, und seit ein paar Jahrhunderten wußte niemand mehr, was da vorher gewesen war. Stell dir vor: eine Art Kloster der Frühen! Mit verschüttetem Archiv! Da muß ich doch hin, oder?«
Sie hatte versprochen, sich bald zu melden, spätestens in zehn Tagen, und ihm von Funden und aufregenden neuen alten Texten, Aphorismen, Lebenszeugnissen zu berichten.
Seitdem – nichts. Pamela, Dozentin für die Frühe Noastoa1 am Peripatio der Akademie Atenoa, war eigentlich zuverlässig. Unter normalen Umständen wäre längeres Schweigen ebenfalls normal gewesen; wenn es nichts zu berichten, keine neuen Witze oder alten Aphorismen zu übermitteln gab, konnten auch Monate zwischen den Anrufen liegen. Aber die Umstände waren nicht normal, Pamela befand sich auf einer entlegenen Welt und hatte versprochen, sich zu melden.
Er leerte seinen Becher, schnaubte und faßte einen Entschluß. Leise durch die Zähne pfeifend ging er ins Wohnzimmer. »Moloch«, sagte er.
»Edler Meister?« Die Stimme kam aus dem kleinen Lautsprecher zwischen den Zähnen des Totenschädels, der den kompakt barg.
»Neues von Pamela?«
»Würde ich dir denn Mitteilungen von hochdero inzestuöser Kusine vorenthalten?« Das Gerät klang beinahe vorwurfsvoll.
»Na schön.« Carteret überlegte einen Moment, in welcher Reihenfolge die nötigen Dinge, Anrufe, Anfragen, Buchungen vorzunehmen wären; dann gab er dem Universalrechner ein paar Anweisungen.
Auf dem langen Flug, bei dem er mehrmals umsteigen mußte, las Carteret ein paar neue Romane auf richtigem Papier, unterhielt sich mit seinem kompakt und überflog immer wieder die von diesem gespeicherten Informationen über den Planeten, in der Hoffnung, etwas zu finden, was Pamelas Verstummen erklären könnte.
Tahonka, las er, hätte eigentlich gar nicht besiedelt werden dürfen, weil es dort eine vermutlich halbintelligente indigene Spezies gab. Einer der frühen Siedler, Auswanderer von einer frankophonen Welt, hatte gesagt, die Kreaturen erinnerten ihn an einen nahezu schrankförmigen Verwandten, weshalb er sie Tontons nannte, »Onkel«. Man hatte sie zunächst für einfache Tiere oder ambulante Pflanzen gehalten; bis Xenologen aus dem Commonwealth ihnen eine mit Fragezeichen versehene Kollektivintelligenz zusprachen, waren die ersten Siedlungen bereits seit Jahrzehnten etabliert, und da es keine Konflikte gab, verzichteten die Behörden auf eine Zwangsräumung des Planeten. Es ergingen lediglich Anweisungen, die Tontons auf keinen Fall zu behelligen, zu vertreiben, physisch zu bedrängen oder zu beeinflussen.
Carteret betrachtete die Bilder, die den Artikeln allerdings nicht zu pittoreskem Reiz verhalfen. Die Geschöpfe waren grob kastenförmig, im Durchschnitt etwa 100 cm groß, 50 cm breit, 50 cm tief. Sie hatten zwei kleine Arme mit je zwei Fingern und bewegten sich notfalls rasend schnell auf drei Beinen (zwei seitliche »Stand-« oder »Balance-Beine« und ein zentrales »Sprungbein«). An der Oberkante des Kastens gab es eine Wölbung mit einer Mundöffnung, Augen auf beweglichen Stielen und borstige Fühler, die man für »Antennen« zur Aufnahme akustischer Signale hielt. Später stellte sich heraus, daß die Tontons nicht durch Schall-, sondern durch Druckwellen kommunizierten, und daß Gerüche eine wichtige Rolle spielten. All dies blieb aber weitestgehend Mutmaßung, weil es bis zu diesem Tag nicht gelungen war, irgendeine Form der Kommunikation mit ihnen zu finden. Man wußte nichts über ihre Fortpflanzung und konnte nur feststellen oder behaupten, sie seien ein reines Kollektiv.
Einem Verweis zufolge hatte eine Galadriel Pfung Der Termitenstaat der Tontons von Tahonka veröffentlicht, ein Werk, das wohl größtenteils aus Vermutungen und Fragen bestand. »Veröffentlicht« schien auch nicht das richtige Wort zu sein; es mußte sich um einen Privatdruck alter Art handeln, der hin und wieder erwähnt wurde, aber nirgendwo vorhanden war. In der knappen Zusammenfassung war zu lesen, die Autorin habe nach Konflikten mit den »örtlichen Fundamentalisten« Tahonka unter Zurücklassung aller Unterlagen verlassen müssen und sich bei der Abfassung der Studie allein auf ihr Gedächtnis stützen können. Ihre Feststellung, mit einem frühen Emotiotaster2 habe sie bei einer Gruppe Tontons deren Reaktionen auf bestimmte Wellen und Gerüche ermittelt, seien folglich substanzlos.
Die menschlichen Bewohner des Planeten nannten sich Tonks, wurden aber von anderen Bewohnern dieser Randregion Honks genannt – »angeblich ein altes Schimpfwort unklarer Herkunft und Bedeutung«. Mungo überging die Darlegung ihrer »neocalvinistischen Epignosis« ebenso wie die Erörterung diverser Schismen; er nahm lediglich zur Kenntnis, da das Leben ernste Arbeit mit den eigenen Händen sei, habe man weitgehende Ächtung jeglicher Kunst (die als frivole Spielerei galt) durchgesetzt und lasse eher abstrakte Dinge wie Verwaltung, Außenhandel etc. von Maschinen erledigen. Es bleibe abzuwarten, wie sich die »unbehagliche Koexistenz« jüngerer weltoffener Gruppen mit der orthodoxen Mehrheit entwickle.
Neun Tage nach dem Aufbruch verließ er das Shuttle, das ihn von der Orbitalstation zur Oberfläche von Tahonka gebracht hatte. Beim Anflug betrachtete er auf den Panoramaschirmen die hundert Grüntöne des Planeten – Felder, Wälder, Savannen, grüne Wasserflächen –, hier und da aufgelockert durch lila, rosa oder orangefarbene Flächen. Die drei anderen Passagiere, Tonks in dunkler Kleidung, hatten sich als nicht besonders gesprächig oder gar auskunftsfreudig erwiesen; er wußte lediglich, daß sie geschäftlich unterwegs gewesen waren und in der Hauptstadt mit dem einfallsreichen Namen Centro wohnten. Es gab nur diesen einen Raumhafen, eher eine staubige Landefläche mit einer Baracke, die als Tower diente, und ein paar Hangars oder Lagerhäuser. Eine Robotrikscha beförderte die Passagiere und ihr Gepäck zur Abfertigung, die ebenso menschenleer und automatisiert war wie die Orbitalstation. Ein Gerät las die Ausweischips, dann leuchtete ein grünes Licht auf. Carteret nahm den Ausweis wieder an sich, streifte den Getränkeautomaten, der in einer selten gereinigten Ecke der Halle stand, mit einem Blick und ging ins Freie, wo die anderen in eine von zwei Pferden gezogene Kutsche stiegen. Auch der Kutscher trug Schwarz und blickte ernst.
Ein kleiner korpulenter Mann mit Halbglatze, Sandalen und vergilbter Latzhose lehnte an einem antiken Vehikel. »Dom Carteret?«
Mungo betrachtete das Gesicht, das auf dem Visifonschirm weniger feist gewirkt hatte. »Dom Dulac, nehme ich an«, sagte er.
Der Dicke nickte; seine fleischigen Wangen verdoppelten die Bewegungen. »Kommen Sie.« Er klopfte auf das Dach des Vehikels.
»Was ist das? Bewegt es sich, wenn man sich etwas wünscht?«
»Na ja, ein paar Hebel und Knöpfe muß man schon berühren. Alt und zuverlässig.« Der Mann schnalzte. »Wasserstoff. Hier fahren auch noch ein paar Wagen mit Verbrennungsmotor. Das wär’s.«
Carteret verstaute sein Gepäck und kletterte auf den Beifahrersitz. Dulac zog an einem Hebel, schob einen anderen in die passende Vertiefung und löste eine Bremse.
»Sie vertreten also hier das Commonwealth?«
Dulac hob die Schultern. »Wenn Sie so wollen. Wir haben oben die Robotstation, hier die Robotabfertigung, einen robotgesteuerten Meiler, einen meistens defekten antiken Rechner als Stadtverwaltung, keine offizielle Filiale von SIC3 oder sonst was. Und an die zweihundertfünfzigtausend Menschen, fast alle Bauern und Jäger, die sich den Planeten mit den Tontons teilen. Was haben Sie denn erwartet?«
Der Wagen hatte Hartgummireifen, aber offenbar eine gute Federung; sie schluckte fast alle Löcher und Unebenheiten des Wegs – »Straße« wäre übertrieben. Carteret sah weiter entfernt ein paar einzelne Häuser und nahm an, daß es sich um Bauernhöfe handelte, da sie von den lila- und orangefarbenen Getreidefeldern der hiesigen Parahirse- und Schlemmweizenarten umgeben waren. Weiter weg ahnte er seltsam geformte Gewächse, vermutlich Bäume, und während sich der Wagen dem Stadtrand näherte, fragte er sich, was wohl Anlaß der Besiedlung vor Jahrhunderten gewesen sein mochte – und vor allem, was die Leute immer noch hier hielt.
»Sie fragen sich wahrscheinlich dies und das«, sagte Dulac.
»Vor allem das.«
»Haben Sie was über die hier gelesen?«
»Ja, aber es gibt nicht viel Material. Irgendein Fundamentalistenkult, angeblich eine Theophagensekte, was immer das sein soll; die Leute wollten einfach für sich leben und Subsistenzlandwirtschaft betreiben. Kaum Bodenschätze, soweit bekannt, ein paar nahrhafte Pflanzensorten, für die es inzwischen sogar Abnehmer in anderen Systemen gibt. Und aufmüpfige Jüngere. Sonst noch was?« Da Dulac nicht sofort antwortete, setzte Mungo hinzu: »Und wieso sagen Sie ›die hier‹? Sind Sie von woanders?«
»Mhm. Kleine Welt im Pleiaden-Sektor. Strafversetzt.«
»Ah. Was haben Sie da angestellt?«
Dulac spitzte den Mund. »Das wollen Sie nicht wissen. Falls Sie auf meine Mitarbeit zählen …«
Carteret schwieg, auch weil ein plötzlicher heftiger Regenschauer so laut auf das Wagendach prasselte, daß ein Gespräch nicht möglich gewesen wäre. Als der Regen nachließ, sagte Dulac, dies sei die übliche »Benetzung«, die zwei- bis dreimal pro Tag diese Region von Tahonka beglücke.
Ein paar Minuten später erreichten sie das Zentrum der Hauptstadt des Planeten: ein runder Platz mit einem Kranz aus flachen Gebäuden. Eines schien eine Art Hotel oder Gasthaus zu sein, die übrigen waren Werkstätten, Läden und Wohnhäuser. Dulac parkte den Wagen vor dem Hotel.
»Kommen Sie. Erst mal Unterkunft, dann, uh, Büro und Besprechung.«
Mungo folgte ihm ins Hotel. Dulac grunzte leise, begab sich hinter einen Tisch, der offenbar Rezeption spielte, nahm aus einer Schublade einen schweren Eisenschlüssel und legte ihn auf die Tischplatte.
»Bitte sehr. Zimmer eins mit Blick auf den Platz.« Er deutete auf eine Tür nicht weit rechts vom Tisch.
Carteret nahm sein karges Gepäck und den Schlüssel. Die Zimmertür war nicht abgeschlossen. Es gab ein breites Bett, ein paar Lampen, Tisch und Stühle, eine kleine Hygienekabine und vor dem Fenster einen weiteren Platz mit ausladenden Bäumen.
»Sie können abschließen«, sagte Dulac. Er hockte mit halbem Gesäß auf der Tischkante, als Mungo wieder zum »Empfang« kam. »Müssen Sie aber nicht.«
»Aha. Gibt’s in Ihrem Büro Kaffee?«
»Aber nicht viel mehr. Kommen Sie.« Dulac rutschte von der Tischkante, durchquerte die Halle und öffnete eine Tür, hinter der Carteret eine Gaststube vermutet hatte. In dem großen Raum gab es ein paar Funktionsmöbel – Stühle, Sessel, Schreibtisch, Regale und eine Art Sofa – und Geräte, darunter eine größere Hyperfunkkonsole und diverse Rechnerterminals.
Dulac deutete auf einen der Sessel und ging zur Kaffeemaschine. In diesem Moment wurden draußen, auf dem Platz, Stimmen laut; sie klangen mürrisch, aber eher resigniert als erbost, wenngleich Carteret kaum einzelne Wörter unterscheiden konnte.
Er ging zum halbgeöffneten Fenster und blickte hinaus. Ein paar Leute standen dort, redeten und blickten auf einen Punkt irgendwo über der Platzmitte; andere Bewohner der Metropole verließen eben ihre Häuser und kamen zu den Versammelten.
»Da sehen Sie die derzeitige Hauptattraktion«, sagte Dulac; auch er klang eher resigniert als erregt oder gar begeistert.
Mungo kniff die Augen zusammen und versuchte, die über dem Platz schwebenden Objekte zu identifizieren. Es handelte sich um Dinge, für die er zunächst keine Begriffe fand, wenn sie ihn auch an Bekanntes erinnerten.
Dann wurde ihm klar, daß es sich nicht um Gegenstände, sondern um wabernde Bilder handelte. Ein kleiner schwebender Kobold oder Gnom war dabei, der entfernt Ähnlichkeit mit einem Buddha hatte. Um ihn her huschten verzerrte Formen – eine Schattengazelle? Schlangenlinien, die sich zu einer unruhigen Spitzhacke vermählten? Ovale Koffer oder Kommoden?
Einige Schritte entfernt von den meist dunkelgekleideten mürrischen Betrachtern bildete sich eine kleine Gruppe jüngerer Leute in heller Kleidung. Sie blickten fröhlich drein; mehrere von ihnen applaudierten.
»Was bei allen Göttern der Galaxis …?«
»Yöröq«, sagte Dulac.
»Häh?«
»So heißt er. Yöröq. Hat sicher auch einen Vornamen, aber den kenne ich nicht.«
Die Schwebebilder fransten aus, zerfaserten, lösten sich auf und verschwanden. Die Leute draußen standen noch einen Moment herum, ehe sie sich wieder in ihre Häuser begaben.
Dulac kam mit zwei Kaffeebechern, Milch und Zucker zu dem kleinen Tisch und den Sesseln. »Da. Wohl bekomm’s.«
Carteret setzte sich, nippte an seinem Becher, goß Milch hinein, nahm zwei Löffel Zucker und rührte lautstark um. »Mögen Sie mich aufklären?«
»Langsam.« Dulac kaute auf der Unterlippe. »Wo soll ich anfangen?«
»Erstens – was sind Sie hier? Zweitens – was war das da eben? Drittens – was wissen Sie von Pamela du Plessis?« Dann gluckste er. »Die Punkte vier bis neunzehn verhandeln wir später.«
Dulac spreizte den Daumen der Rechten ab. »Raumhafenleiter, Verwaltung, Müllabfuhr, Bürgermeister, Polizei, Postamt, Hotelier«, sagte er. Der Zeigefinger gesellte sich zum Daumen. »Yöröq ist Musiker, Komponist, außerdem hat er eine obskure Psi-Fähigkeit – wenn er furchtbar konzentriert arbeitet, an seiner Phantomorgel, projiziert er das, was er bei seiner Musik empfindet, als Hologramme. Könnte man sagen.«
»Was muß man empfinden, um huschende Gazellen und Buddhafiguren zu projizieren? Ich meine, im Zusammenhang mit Musik?«
Dulac zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ist aber für seine Verhältnisse ziemlich hektisch; sonst kriegen wir eher Schlummerbäume4, Savannengräser oder melancholische Seelandschaften zu sehen. Drittens« – der Mittelfinger – »dam du Plessis ist bei ihm, oder in seinem Keller, in den Ruinen. Und sie kann da nicht weg.«
»Ich fürchte, Sie müssen mit mir reichlich Geduld haben, wenn Sie … Also, können Sie ein bißchen weiter ausholen?«
Yöröq, sagte Dulac, sei vor Jahren, lange vor ihm, hergekommen, um in »glorreicher Abgeschiedenheit« seine Kunst zu betreiben, ungestört von der profanen Umgebung seiner Heimatwelt. Und ohne diese seinerseits durch seine Musik und Projektionen zu stören. Anders als früher gebe es bei den Tonks inzwischen eine gewisse Toleranz für unaufdringliche Kunstformen. Die Bewohner von Centro hätten es aber nicht lange ertragen, daß zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten die von ihm projizierten Bilder durch ihre Häuser geisterten. Man habe ihn gezwungen, sich außerhalb des Orts niederzulassen – die Projektionen verlören sich normalerweise nach sechs oder sieben Kilometern, weiter reiche die Psi-Kraft nicht. Außer in Ausnahmefällen, und von denen gebe es in letzter Zeit einige; wahrscheinlich sei der Komponist extrem konzentriert oder erregt oder was auch immer. Er habe mit Hilfe einiger Leute (Junge, die ihm helfen, und Alte, die ihn loswerden wollten) etwa zehn Kilometer vom Ort auf einer kleinen Anhöhe ein Haus gebaut. Es habe dort Reste älterer Gebäude gegeben, die er als Fundament nutzen konnte. Vor ein paar Monate hätten heftige Unwetter mit Regengüssen sowie ein kleines Erdbeben einen Teil der überbauten Ruinen freigelegt.
Yöröq kam oft mit Pferd und Wagen in die Stadt, um Nahrung und alles Nötige zu beschaffen; dabei hatte er von den freigespülten Ruinen erzählt. Zu diesem Zeitpunkt machte gerade ein Kartographenschiff der Flotte Station auf Tahonka – »Landurlaub« zur Unterbrechung ihrer Mission, Erst- oder Neuerfassung entlegener Systeme an der Grenze zum galaktischen Niemandsland. Die zahlreichen verschiedenen Wissenschaftler der Besatzung hörten von den Ruinen und sahen sie sich an, gruben ein wenig und stellten fest, daß dort vor Jahrhunderten eine Exil-Kommune früher Noastoa-Denker gehaust, gegrübelt, geschwelgt und geschrieben hatte. Man fand Aufzeichnungen und Hinweise auf weitere verschüttete Räume. Die Akademie von Atenoa bereitete eine Forschungs- und Grabungsexpedition vor, aber Pamela du Plessis, Spezialistin für die Frühe Noastoa, wollte sich schon vorher umschauen, kam nach Tahonka und quartierte sich bei Yöröq ein. Zwei Tage nach ihrer Ankunft zerstörte ein weiteres kleines Erdbeben die Wasserleitung zum Haus. Danach war Yöröq noch zweimal in Centro gewesen, um Nahrung und Wasser zu holen. Als der Komponist sich dann nicht mehr blicken ließ, wollte Dulac zu ihm fahren, kam aber nicht näher als etwa hundert Meter an die Behausung heran, die von einer dichtgepackten Horde Tontons umlagert war. Man habe mit einer Reparatur der Leitung begonnen, komme aber auch damit nicht näher an Haus und Hügel.
»Die sitzen also ohne Wasser da, belagert von Tontons?« Carteret schüttelte den Kopf. »Warum?«
»Weiß keiner«, sagte Dulac. Er starrte in seinen leeren Kaffeebecher. »Und solange sie nicht in Lebensgefahr sind, kann ich nichts tun.«
»Was sagen sie denn selbst? Man kann doch bestimmt mit ihnen sprechen, oder?«
»Nein.«
»Wieso nicht?«
»Hier gibt’s keinen Funk, keine Verstärker, nichts. Die Orthodoxen und die Technik, wissen Sie. Ein paar von den Jungen haben angefangen, wie in grauer Vorzeit Leitungen zu legen und das Telefon neu zu erfinden, aber …«
»Das erklärt, wieso Pamela sich nicht mehr bei mir gemeldet hat.«
»Dazu hätte sie zu mir kommen müssen.« Dulac deutete auf die Geräte an der Längswand des Raums. »Oder zum Raumhafen.«
»Sind Sie denn sicher, daß sie nicht längst verdurstet sind?«
»Die haben Eimer aufgestellt, für die Regenschauer. Und …« Dulac hob ein eigroßes Gerät, richtete es auf eine der zahlreichen Konsolen an den Wänden und drückte winzige Bedienelemente. Ein Bildschirm erhellte sich und zeigte Aufnahmen, die ein Flugobjekt gemacht hatte: ein dichter Wall aus graugrünen Kästen, Tontons, ein Hügel mit einem Holzhaus zwischen eingesunkenen Steinmauern, die fast freigelegte Ostseite des Hügels mit weiteren, besser erhaltenen Mauern und einer Treppe, die in die Tiefe führte. Aus der Tiefe tauchte Pamela du Plessis auf, winkte mit einem Papierbündel und lächelte in die Kamera; sie wirkte keineswegs niedergeschlagen, allerdings ein wenig verwahrlost und …
»So schmutzig kenne ich sie gar nicht«, sagte Carteret.
»Na ja, ich schicke mit dem kleinen Schweber Nahrung und Trinkwasser hin, aber für Waschwasser und andere schwere Lasten ist das Gerät zu klein. Für Personen sowieso.«
Die Kamera schwenkte und erfaßte einen Mann, den Komponisten, der eben aus der Tür seines schiefen Holzhauses trat und sich bereitmachte, die karge Fracht des Schwebers entgegenzunehmen. Er hielt ein Blatt in der Hand und wäre beinahe über einen der zahlreichen Bottiche gestolpert.
»Wünsche für die nächste Lieferung«, sagte Dulac. »Mehr Wasser und vielleicht doch ein bißchen Seife. Aber wie gesagt, für große Wassermengen ist der Schweber zu klein.«
»Wollen die nicht vielleicht doch … befreit werden?«
Dulac seufzte. »Wollen Sie. Aber wie soll das gehen? Die Gesetze sind eindeutig. Ich darf die Tontons nicht anfassen, wegschubsen, plattbügeln. Von Waffeneinsatz nicht zu reden. Und wie macht man Wesen, mit denen man nicht kommunizieren kann, klar, daß sie aus dem Weg gehen sollen?«
»Man müßte die doch irgendwie verscheuchen können. Auf Gebärden reagieren die doch wohl. Ich habe was von ›halbintelligent‹ gelesen.«
»Ungefähr so intelligent wie die Libaster von Harap. Oder, da Sie von der Erde kommen, etwas intelligenter als irdische Pinguine.«
»Die müßten aber doch mal weggehen, zum Essen, Trinken, Schlafen.«
»Die schlafen im Stehen«, sagte Dulac. »Zum Trinken reichen die netten Schauer, die Benetzung, und essen? Die leben von Pollen, oder sogar von nahrhaften Gerüchen, und schnappen Fluginsekten oder Echsenvögel aus der Luft.«
»Gibt es denn keine Gleiter, mit denen man die beiden abholen könnte?«
»Nichts. Wenn jetzt irgendwer hier landet, ein Frachter, der ein Beiboot hat, dann könnte man. Aber da liegt nichts an, erst in zwei Wochen. Und solange keine unmittelbare Lebensgefahr besteht, muß ich als Vertreter des Commonwealth die Gesetze hüten. Und mich an sie halten.«
»Was sagen die Leute hier? Könnte man nicht, was weiß ich, so was wie eine Miliz aufstellen, die nachts, wenn Sie gerade nicht hinschauen, die beiden da rausholt?«
»Die Leute hier?« Dulac schnaufte. »Die Orthodoxen wollen nur, daß Yöröq weit genug weg ist und sie nicht mit seinen Projektionen nervt. Die Jüngeren genießen die Projektionen. Für sie ist er so was wie ein Botschafter des Fortschritts. Und eine Miliz aufstellen? Ha. Eher kriegen Sie ein paar Sträucher dazu, einen Aufstand gegen nachwachsendes Gras zu machen.«
»Ich habe gelesen, daß die hier nichts von einem Staat oder derlei halten.« Carteret kniff ein Auge zu. »Wie ist das denn für Sie persönlich, da Sie doch das Commonwealth vertreten, wenn man das so sagen kann?«
»Ich vertrete es nicht – ich bin es, soweit es die Tonks betrifft. Die Honks … Persönlich? Na ja, als Person werde ich mit irgendwas zwischen Gleichmut und Gleichgültigkeit behandelt. Als Amtsträger bin ich gewissermaßen nichtexistent. Ein paar von den Jungen wollen, daß ich ihnen bei einer … nennen wir es Revolution helfe; aber das darf ich nicht. Von Amts wegen – keine Einmischung, klar?«
»Sie sorgen also nur dafür, daß die Robotabfertigung läuft, die Robotfabriken, all das, und wenn es irgendwo hakt, dürfen Sie die verklemmte Maschine ölen?«
Dulac lachte; es klang aber nicht heiter. »So ähnlich. Die haben irgendwann mal die Maschinen auf Pump gekauft und langlaufende Verträge mit Abnehmern geschlossen. Raten und Steuern – von denen die natürlich nichts wissen wollen – werden automatisch abgezogen, einbehalten; der Rest wird verteilt. Die Anlagen sind längst abbezahlt. Wollen Sie wissen, wie die Tonks den Kosmos sehen?«
Mungo hob beide Hände. »Verschonen Sie mich. Ich habe was von neocalvinistischer Theophagensekte gelesen; das reicht mir. An allgemeinen oder speziellen Formen von Aberglauben bin ich nicht interessiert. Jedenfalls nicht, solange ich mich nicht dagegen wehren muß.«
»Kluge Einstellung.« Dulac schloß einen Moment die Augen. Als er weiterredete, klang er beinahe versonnen. »Anfangs habe ich versucht, mich mit ihnen vertraut zu machen, wenn man das so nennen will.« Er öffnete die Augen wieder und bleckte die Zähne. »Ungefähr so sinnvoll wie der Versuch, mit den Tontons zu kommunizieren. Womit wir wieder bei Ihrem Problem wären. Wie wollen Sie Ihre Kusine da rausholen?«
»Gibt es denn überhaupt nichts an Fluggeräten außer dem kleinen Schweber?«
Dulac schüttelte den Kopf. »Nur das Orbitshuttle; das kann aber da nicht landen.«
»Und die von Ihnen gehüteten Gesetze verbieten es, die Tontons anzufassen oder wegzuschieben?«
»So ist es. Sogar bei unmittelbarer Lebensgefahr wäre es nicht einfach. Die liegt aber nicht vor.«
Mungo runzelte die Stirn. »Gibt es denn hier keinen, der sich mit den Tontons auskennt? Oder sich wenigstens für sie interessiert?«
»Hm. Also. Na ja, auskennen kann man das nicht nennen, aber es gibt einen alten Fabrikarbeiter …«
»Arbeiter? Ich denke, die Fabriken sind komplett automatisch.«
»Im Prinzip ja, aber ein paar Leute sind doch immer nötig, um hin und wieder einen Knopf zu drücken oder ein neues Rezept auszuhecken. Die Früchte, wissen Sie; die werden natürlich in Tunken oder Säften oder Saucen konserviert und exportiert. Der Mann, den ich erwähnt habe, hat sich damit beschäftigt. Und ein bißchen getüftelt.«
»So was wie ein Lebensmittelchemiker?«
»Hilfe! Das setzt eine Ausbildung voraus. Nein, der hat einfach so rumgespielt. Heißt Fritz Benguëla. Der hat sich auch mal für die Druckwellen und Duftmarken der Tontons interessiert.«
»Wo finde ich den?«
»Der kommt eigentlich jeden Abend her, um ein paar Bier zu trinken.«
In seinem Zimmer machte Carteret sich ein wenig frisch und zog ein neues Hemd an. Danach wandte er sich an den kompakt, den er auf den Tisch des Raums gestellt hatte.
»Du bist vermutlich ebenso nutzlos wie ich, Moloch; oder hast du etwas beizutragen?«
»Nichts, was helfen könnte.«
»Geben die ganzen Daten, die du gespeichert hast, noch was zu den Düften und Wellen der Tontons her?«
»Nichts, was über das hinausginge, was du mir eben erzählt hast.«
Carteret seufzte. »Und Pamelas Noastoa-Aphorismen sind unerreichbar.«
Wie in alten Zeiten Leute in ihren jeweiligen heiligen Schriften den Spruch zum Tag oder einen Zufallstrost gesucht hatten, war Carteret oft durch zufällige und weitestgehend abstruse Zitate von Pamelas Noastoa-Denkern zu Lösungen schwieriger Fälle gelangt.
Der Schädel räusperte sich. »Irgendwer hat mal gesagt, der Sklave kenne den Herrn besser als der Herr den Sklaven.«
»Was soll das jetzt?«
»Als wir noch auf der Erde waren, habe ich doch in deinem Auftrag mehrmals mit den Geräten der inzestuösen Kusine gesprochen. Um zu hören, ob sie sich gemeldet hätte.«
»Und?«
»Pamelas Haushirn hat natürlich Zugriff auf die Sprüchesammlung. Und da ich mir ausrechnen konnte, daß du irgendwann Rat und Hilfe brauchen würdest, habe ich ihren Rechner drei Sätze zum Thema ›Finden‹ suchen lassen.«
Mungo klatschte in die Hände. »Ich glaub’s nicht! Dann laß mal hören.«
»Ist das etwa eine Art Lob? Dein Unglaube?«
»Eitle Blechdose! Doch, ja, ich bin beeindruckt und dankbar. Stolz auf dich. Reicht das?«
»Es mag gelten.«
»Dann erbaue und stärke mich durch abgestandene Weisheiten, Moloch.«
»Brauchst du genaue Quellen? Namen von Denkern?«
»O bitte nein, nur die Sentenzen.«
»Wohlan denn. ›Auf dem Weg zum Wissen sind manchmal die ohne Füße schneller als die mit Stiefeln.‹«
»Aha. Und zweitens?«
»›Wenn du den Ursprung eines Duftes suchst, könntest du den After einer rosenfressenden Hyäne finden.‹«
»Aua.«
»Ich habe fast angenommen, daß du so etwas sagen würdest. Dritter und vorletzter Spruch: ›Der Kosmos ist so eingerichtet, daß immer ein reicher Glatzkopf den goldenen Kamm findet.‹«
»Schmerzhafte Wahrheit. Aber wieso vorletzter Spruch? Wenn du drei hast suchen lassen, wo kommt dann der vierte her?«
»Eine Art Zugabe, zu der sich Pamelas Rechner nicht äußern wollte. ›In einer Nußschale magst du dich als Herrscher der Unendlichkeit fühlen, solange du keinen Purzelbaum versuchst.‹«
»Na ja. Wissen suchen ohne Füße, rosenfressende Hyänen, ein goldener Kamm und Purzelbäume in einer Nußschale … Ob mich das weiterbringt? Ich wage zu zweifeln.«
»Das ist kein Wagnis.«
Gegen Sonnenuntergang füllte sich die Gaststube des Hotels. Dulac zapfte Bier, goß Wein und Säfte ein; eine Frau mittleren Alters, mit der ihn den ausgetauschten Blicken nach mehr als nur der gemeinsame Kneipendienst zu verbinden schien, servierte die von der Robotküche verfertigten Speisen. Die Gäste im linken Teil des Raums mieden Carterets Nähe; fast alle trugen dunkle Kleidung und strenge Mienen, die wie zu diesem Zweck hervorgesucht wirkten. Und sie tranken keinerlei Alkohol.
Einige jüngere Leute mit bunter Kleidung hielten sich rechts in der Gaststube auf, wie durch eine unsichtbare Wand von den anderen getrennt. Sie musterten Carteret mit offener Neugier, luden ihn dann ein, mit ihnen zu trinken, und überschütteten ihn mit Fragen nach den Zuständen auf anderen Welten. Da der von Dulac angekündigte Fritz Benguëla noch nicht aufgetaucht war, ließ Mungo sich von den jungen Leuten ausquetschen. Dabei erfuhr er, daß die »Alten« oder Ultras die »Jungen« wegen ihrer Aufmüpfigkeit »Müpfer« nannten, was diese als Ehrenbezeichnung übernommen hatten. Zwischendurch baten sie ihn in einen anderen Raum des weitläufigen Gebäudes, in dem sie eine Art Galerie eingerichtet hatten. Dort standen Bilder, Skulpturen und Musikinstrumente herum.
»Alles, was bei euch eigentlich verboten ist, wie?«
Eine junge Frau lachte leise. »Als ob wir Müpfer uns das noch verbieten ließen … Das ist vorbei. Aber es ist schwierig, an Dinge von außerhalb zu kommen. Dulac hat uns den Raum hier überlassen; er hilft uns, so gut er kann. Und Yöröq auch. Wie gefällt Ihnen das da?« Sie deutete auf ein Bild, das an der Kopfwand des Raums hing. Es zeigte eine Szene auf einem Wüstenplaneten: Kamelreiter mit Raumanzügen unter einem Himmel mit mehreren Monden oder anderen Planeten; im Vordergrund hockte ein seltsamer Gnom oder Kobold auf einer Sanddüne.
Mungo trat näher heran, um die Signatur R. Enari und den Titel zu lesen: Die Träume der Tontons. »Meinen Sie, die träumen von so was?«
»Sollten sie. Uns von ihrem grünen Planeten wegträumen, damit sie ungestört leben können.«
Jemand berührte Carterets Schulter. Es war Dulac. »Er ist jetzt da. Der Mann mit den Wellen und Gerüchen.«
Mungo bat die junge Frau, ihn bei den anderen zu entschuldigen, und folgte Dulac in die Gaststube. Der Mann mit grauer Kleidung, grauen Haaren, grauer Haut und grauen Augen, den Dulac ihm als Fritz Benguëla vorstellte, war zunächst ebenso verschlossen wie die meisten anderen Tonks, wurde dann aber beinahe überschwenglich, als Mungo sich nach den Druckwellen und Gerüchen der Tontons erkundigte.
»Ah, da gibt es Köstlichkeiten und unsäglichen Ekel.« Er schmatzte. »Ich rede von den Düften, natürlich. Die Wellen, tja, das ist etwas anderes. Kaum zu beschreiben. Wir können sie hin und wieder mit der Haut registrieren, aber was sie bedeuten, habe ich nie wirklich rauskriegen können.«
»Aber bei den Düften oder dem Gestank, je nachdem, sind Sie … soll ich ›bewandert‹ sagen?«
Benguëla gluckste und leerte sein Bierglas. »Wie genau wollen Sie es wissen?«
»So genau wie möglich.«
»Sofort?«
»Warum nicht? Bier auf meine Kosten trinken können wir später auch noch.«
Benguëla stand auf. »Na, dann kommen Sie. Ich hätte nicht gedacht, daß sich tatsächlich mal jemand dafür interessiert.«
Sein Haus lag an einer Straße, die vom Platz eher wegzustreunen denn wegzuführen schien. Er führte Carteret in einen luftdichten – »riechfesten« – Kellerraum, in dem auf Tischen und Kommoden allerlei Flaschen, Krüge, Phiolen, Glasröhren, Tiegel und Töpfe standen.
»Setzen Sie sich.« Er schob ihm einen Block und einen Stift hin. »Am besten notieren Sie, was Ihnen bei den einzelnen Gerüchen durch den Kopf geht. Damit Sie so was wie einen Überblick, uh, Überruch behalten.«
»Was mir durch den Kopf geht? Nicht was ich rieche?«
»Ah ah ah. Die Nase erschließt das Gedächtnis, wissen Sie, und Erinnerungen oder Bildassoziationen können wir uns besser merken. ›Großmutters alte Socken‹ zu notieren ist außerdem leichter, als wenn Sie versuchen wollten, die Duftmischungen mit nasalen Adjektiven zu versehen.«
Carteret dachte noch über nasale Adjektive nach, als Benguëla ihm ein Objekt reichte, das eine Kombination aus Trichter und Gasmaske zu sein schien.
»Setzen Sie sich das auf die Nase«, sagte er. »Die Wirkung ist dann für Sie intensiver, ohne den ganzen Keller zu verseuchen.«
»Und wenn ich’s nicht mehr aushalte?«
»Dann nehmen Sie die Duftmaske einfach ab.«
»Erzählen Sie mir doch erst noch, woher Ihre Kenntnisse stammen. Und was all das hier bedeutet.«
Benguëla schien zu zögern. »Knapp oder ausführlich?«
»Nur so, daß ich besser mit meinen Zweifeln umgehen kann.«
»Hm. Also. Dulac hat Ihnen wohl erzählt, was ich gemacht habe, oder?«
»Fabrik, Lebensmittel, Konserven, Tunken?«
»Ja. Lassen wir das beiseite. Ich bin keiner von den Ultras, wissen Sie; als damals dieser Komponist hier aufgetaucht ist und die anderen ihn aus der Stadt jagen wollten, habe ich ihm ein bißchen geholfen. Wasserleitung legen, Haus bauen, Sie verstehen? Zusammen mit ein paar von den Jungen. Beim Bau von Yöröqs Haus mußten einige Ruinen beseitigt werden, unter denen sich weitere, ältere Ruinenteile fanden. Nämlich die, die jetzt freigespült worden sind und in denen Ihre Kusine wühlt. Die haben wir aber nicht angetastet, nur die oberen. Ich habe auch beim Buddeln mitgemacht, aus reiner Langeweile.«
»Oft ein vorzüglicher Beginn für etwas Aufregendes, so eine gepflegte Langeweile.«
»Ha ja ja. Dabei ist so einiges aufgetaucht. Wir haben Maschinenreste gefunden, alles kaputt, unbrauchbare Datenträger – und eine Metallkiste voller Papiere. Kann man gut verbrennen, sagen die Ultras, aber nicht mit einem Knopfdruck löschen.«
»Und dabei …«
»Genau. Die Kiste war mit Initialen versehen, G. P. Irgendwo in den Papieren stand dann auch der Name Galadriel Pfung. Die hat wohl mit etwas, was sie Emotiotaster oder an einer anderen Stelle Stimmungsanalytiker nennt, eine Gruppe Tontons untersucht. Oder mehrere. Und dabei einen langen Katalog von Gerüchen und Reaktionen erstellt. Samt Hinweisen, mit welchen Substanzen die Düfte hergestellt werden können. Hat sie wohl alles zurücklassen müssen, als sie dann von den Ultras verjagt wurde.«
»Und dann haben Sie …«
»Nicht allein; Yöröq hat mir sehr geholfen. Er macht ja nicht nur melancholische Musik; er hat auch Ahnung von allen möglichen Wissensgebieten, von denen wir hier am Rand des Universums nur träumen können. Er hat einen Katalog mit achtzig Basisdüften erarbeitet; wenn man Nuancen und Abwandlungen dazunimmt, sind es mehrere hundert.«
»Na schön; das reicht mir zuerst mal. Fangen Sie an.«
Benguëla begann, mit Löffelchen und Pipetten zu hantieren. Aus den zahlreichen Behältern nahm er jeweils ein paar Tropfen oder Stäubchen, trug sie auf kleine Wattebälle auf und steckte diese mit Hilfe einer Pinzette in die dafür vorgesehene Öffnung der Duftmaske.
»Nummer drei«, sagte er. »Eins und zwei lasse ich mal weg, die sind zu scheußlich.«
»Uh«, sagte Carteret schwach. Der Geruch, falls man es so nennen konnte, erinnerte ihn an einen frischen Misthaufen, dessen Dampf sich mit saurem Wein mischte.
»Was bedeutet der Gestank?«
Benguëla schnalzte leise. »Wenn Sie das schon als Gestank werten, bin ich gespannt, was Sie zu den Düften elf bis siebzehn sagen. Das hier, Nummer drei, ist bei den Tontons so etwas wie die Aufforderung, sich zu einer kleinen Gruppe zu gesellen.«
»Hah.«
»Nummer fünf: Einladung zu einem Ritualtanz.«
Carteret würgte leise und notierte »verwesende Nachgeburt eines Schafs«. Nummer sechs (gemeinsame Nahrungsaufnahme): »Windel eines kranken Säuglings.« Nummer sieben ließ ihn an Wind denken, der über Apfelblüten streicht – »Gefahr«; Nummer acht, Wolke aus dem Auspuff eines antiken Benzinwagens, war »Willkommensgruß für eine entfernte Sippengruppe«. Erinnerungen: ein Orangenhain in Andalusien; Tigerkot zwischen verrotteten Blättern in einem Dschungel in Assam; der Geifer eines baktrischen Kamels, das sich gegen den Packsattel sträubt; der Schoß einer Frau nach hitzigem Sex; das Zerschneiden einer erlegten Robbe vor einem Iglu; die eigene Achselhöhle nach langem Holzhacken; eine frische Bienenwabe, über der ausgestreckten Zunge der Gespielin ausgewrungen; zwei auf dem Fußboden zerbrochene Flakons in einer Parfümerie in Grasse; der große Maischbottich in einer irischen Brauerei; die von Pumas und einem Kondor zerfetzten Eingeweide eines Guanakos; wie ein Würgegriff an der Kehle der Hauch einer Bittersaline; Teeblätter auf einem Komposthaufen im Herbst; Windstille und Hitze zwischen zwei Dünen in Nordafrika; drei schwarze Rosen neben halbvollen Weingläsern; Tang und Salz in der Abendbrise am Strand von Nuzuarán; der Mund einer Frau nach dem Genuß eines Apfels; Schnee auf Zedern; schwarzer Kaffee und Rauchkringel aus einer karibischen Zigarre; Morgenverkehr im Zentrum von Atenoa mit einer E-Rikscha, in der sich ein Passagier erbrochen hat; Cidre, vergossen auf einem frischgewaschenen Tischtuch unter einem Pflaumenbaum; Kienäpfel und Fichtenzweige in einem Feuer; die Riechspuren eines Mähnenwolfs im Gehege; mürbe Füße und Schuhe dreier Wanderer auf einer Terrasse; Schichten von tierischer Angst und Gestank in einem Schlachthof; Sesam und Lilien; das Grauen der Ausdünstung eines namenlosen Ungeheuers in einer Höhle; eine Gerberei auf einem der Deneb-Planeten; gebratene Lammschulter und Rum; Metall, Plastik und altes Gemüse im Hangar eines Frachtsatelliten; Morgentau, Geißblatt und Flieder nach einer Liebesnacht; der Atem eines sterbenden Greises; ein Hauch von Nerz auf nackter Haut; Gerüche, die Lust oder Schmerz oder Einsamkeit bedeuteten, ohne wirklich Bilder zu liefern; und irgendwann nahm Mungo die Maske ab und stöhnte.
»Ich kann nicht mehr. Sind das ausnahmslos Mitteilungen? Syntax und Grammatik der Gerüche bei den Tontons?«
»Es gibt noch mehr.« Benguëla legte Pipetten, Pinzetten und Watte beiseite und verschloß die letzten offenen Phiolen. »Aber immerhin haben Sie jetzt einen Eindruck bekommen. Schön, nicht wahr?«
»Ich weiß nicht, ob ›schön‹ das richtige Wort ist. Also, die können all diese Geruchsinformationen aufnehmen und verarbeiten?«
»Und darauf reagieren, ja.«
»Bis in welche Entfernung riechen die Tontons denn?«
Benguëla rümpfte die Nase. »Weiß keiner genau, aber je nach Windrichtung und Windstärke mindestens zwanzig bis fünfundzwanzig Kilometer. Warum?«
Carteret schloß die Augen und rieb sich die Schläfen. »Mir ist da eben ein Gedanke gekommen …« Er öffnete die Augen wieder. »Ziemlich unmöglich, aber man wird sehen. Wie ich gelesen habe, brauchen die Tontons nicht viel Nahrung, oder? Sporen, Pollen, Flatterechsen, was so herumfliegt, dazu die … eure Benetzung, und damit können sie wochenlang auskommen – stimmt das?«
»Nach allem, was wir wissen, ja.«
»Die könnten also noch monatelang da stehen und diesen Belagerungsring bilden? Hm.« Mungo griff zu dem Papier, auf dem er Duftnummern und Impressionen notiert hatte. »Also«, sagte er halblaut, »Nummer dreiundzwanzig bedeutet ›unbedingt hierbleiben und auf einen wunderbaren Vorgang warten‹, ja?«
»So ungefähr.« Benguëla wackelte mit dem Kopf. »Da gibt es unerforschte Nuancen, aber im Prinzip kommt das hin.«
»Und die Nummer hundertsieben …«
»›Große Gefahr, fliehen‹? Was ist damit?«
»O der After einer rosenfressenden Hyäne«, sagte Carteret. »Haben Sie von dem Zeug genug, um größere Mengen Watte zu tränken?«
Bei einer letzten Besprechung, an der auch einige der Müpfer teilnahmen, sagte einer von ihnen, vielleicht sollte man zusätzlich auch Schwingungen oder Druckwellen bedenken.
»Wie meinen Sie das?«, sagte Carteret.
»Könnte doch sein, daß die von Yöröq mit seiner Phantomorgel erzeugten Schallwellen von den Tontons als angenehmer Druck empfunden werden und sie zusätzlich dort festhalten.«
Mit einer letzten Wasserlieferung übermittelten sie dem Komponisten die schriftliche Bitte, vorübergehend keine Musik zu machen. Als das kleine Fluggerät wieder vor dem Hotel gelandet war, beluden sie es mit Benguëlas Erzeugnissen.
Dulac übernahm die Fernsteuerung des Schwebers, dessen Kamera alle Vorgänge erfaßte. Sie starrten auf den großen Bildschirm im Büro. Als der Schweber gekippt wurde und die Hälfte der Ladung abwarf, hatte Carteret das Bedürfnis, sich die Nase zuzuhalten, ebenso beim Abwurf der Restladung jenseits des Hügels. Die kleinen Behälter aus dünnem Glas fielen auf den Wall aus Tontons und barsten. Mungo hoffte, daß dabei keines der seltsamen Wesen verletzt würde. Ein paar Echsenvögel flatterten von den Tontons auf, ebenso ein Schwarm von Insekten. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis im Wall Unruhe entstand und wellenförmig nach außen lief. Zehn Minuten nach dem Abwurf der ersten Ladung hatte sich an der der Stadt zugewandten Seite des Hügels eine Schneise gebildet, die sich schnell verbreiterte. Tontons zogen in Scharen ab, weg vom Hügel, hinaus in die Steppe, schienen zwischen Gesträuch und Baumgruppen zu versickern,
»Jetzt können wir sie abholen«, sagte Dulac.
»Manche Dinge sind dringend«, sagte Pamela, »andere mindestens ebenso.« Sie hatte gründlich geduscht und dabei wahrscheinlich den kompletten Wasservorrat des Hotels verbraucht. Dann war sie, halb abgetrocknet, zu ihm zwischen die Laken geschlüpft, um andere Dringlichkeiten zu erledigen. Mungo fühlte sich angenehm erschöpft und verschwitzt und genoß den Duft der beiden Körper.
Dann kicherte er. »Du wirst gleich wieder duschen müssen«, sagte er.
»Noch nicht.« Ihre Hand kroch über seinen Bauch.
»Hilfe; laß mich ein paar Momente verschnaufen.«
»Aber nur ein paar Momente. Stiefzwilling – wie bist du bloß darauf gekommen?«
»Ich habe bei einem bestimmten Duft, den Benguëla hergestellt hat, mit Wonne daran gedacht, wie du nach gründlichem Beilager riechst und schmeckst. Für die Tontons eine unwiderstehliche Verheißung von Nahrung im Überfluß und anderen wunderbaren Dingen. Du hattest da sehr viele napoleonische Verehrer, Marie-Louise.«
»Warum nennst du mich jetzt so? Und was hat das mit Napoleon zu tun?«
»Der war neben anderen Dingen auch ein spezieller Geschmäckler. Hat angeblich mal an die Kaiserin geschrieben, er werde bald eintreffen, sie solle sich nicht mehr waschen – ne vous lavez pas, j’arrive.«
»Ah.« Sie lachte leise und ließ die Hand abwärts wandern. »Das hat angefangen, als die Wasserleitung kaputt war und wir uns nicht mehr waschen konnten. Zwei Tage danach sind die Tontons aufgetaucht.«
»Stinken die eigentlich?«
»Die Tontons? Also, stinken wäre übertrieben, aber da war irgendwas ganz Dumpfes in der Luft.«
»Wahrscheinlich die Aufforderung an euch, weiter zu miefen. Wie hat denn der Komponist gerochen?«
»Yöröq? Der ist ziemlich geruchlos, hat sich bei der Wasserknappheit notfalls mit Wein gewaschen.«
»Wie originell. Und – hat sich deine Noastoa-Expedition gelohnt?«
»Muß ich erst noch auswerten, aber … nein, eigentlich nicht. Ziemlich dünnes Denkzeug, was die hier abgesondert haben. Dunk, gewissermaßen. Erinnert mich ein bißchen daran, daß frühe Kritiker die halblateinische Noastoa, nova stoa griechisch aufgefaßt haben – noa, dumm. Aber jetzt bist du hier, Mungito, insofern hat sich alles gelohnt. Also, danke für das scheußliche Streugut. Und jetzt laß uns …«
»Was?«
»Das.«
»Hussa.«
Für Jörg zum 21.12.2020
Die alte Rechtschreibung und die Zeichensetzung
begründen sich im ausdrücklichen Wunsch des Autors.
Anmerkungen
1 »Neue Stoa«: ursprünglich wohl aus einer Art »Heimweh nach gegliederter Unordnung« von oft bizarren Denkern gegen Ende der Wirren Jahrhunderte auf verschiedenen Weiten entwickelt; zunächst als »konfuzianisches Freistildenken«, »grecoromanische Chinoiserie« oder »Windbeutel-Stoa« bezeichnet. Später auf Gaia formalisiert und verbindlich gemacht durch Dorji Dyogen Bahadur (67–181 CT) und Ashme Zuvarov Chou (112–201), die ersten Modulatoren des der Großen Akademie von Atenoa angeschlossenen Peripatio. Für Karrieren in Staatsdienst, Diplomatie, Justiz etc. ist ein mit Diplom/Examen beendetes Studium der Noastoa obligatorisch.
2 Wegen zahlreicher schmerzhafter Fehlfunktionen damals auch »Emo-Toaster« genannt.
3 Servis Investigativo del Commonwealth, zentrale Ermittlungsbehörde mit Büros und Agenten auf den meisten Welten; im Zweifelsfall den örtlichen Polizeidiensten übergeordnet.
4 Hohe Gewächse mit schwarzem Laub, Nist- und Schlafplätze der Kelasker, großer Flugechsen, die hin und wieder Tontons jagen oder von diesen gegessen werden.
Mein Freund Jörg. Fröhliche Erinnerungen von Thomas Le Blanc
Wir haben uns in den späten 1970ern kennengelernt, in einem anderen Jahrhundert, in einer anderen Zeit.
Die Bundesregierung residierte noch in Bonn, die Mauer in Berlin stand noch, es gab noch zweierlei Deutschland. Im Fernsehen babbelte sich Heinz Schenk durch den Blauen Bock, die Bahn fuhr deutlich langsamer als heute, war dafür aber pünktlich, und das Standardlexikon hieß noch Brockhaus und stand schwer und zwanzigbändig im Bücherregal. Das Internet war noch nicht erfunden, Mobiltelefone waren backsteingroß und backsteinschwer, und für jede Form der Kommunikation war noch das Staatsunternehmen Deutsche Bundespost mit hoheitlichem Festnetz und ersten Experimenten in Richtung Btx zuständig. Von E-Mails träumte allein die Science-Fiction, und alle zukunftsgläubigen Science-Fiction-Autoren schrieben ihre Texte noch auf der Schreibmaschine und verschickten sie per Brief.
Der Heyne Verlag startete mit Wolfgang Jeschke als verantwortlichem Science-Fiction-Redakteur durch, Perry Rhodan war mit Willi Voltz als Exposéentwickler auf der Höhe seines Erfolgs, die deutsche Fantasy befand sich mit Michael Ende erst in ihren Anfängen, Wolfgang Hohlbein schrieb noch gar nicht, und Tolkien war gerade erst gestorben. Und das Genre Science-Fiction existierte, trotz seines stetig wachsenden Erfolgs bei den Lesern, unterhalb einer öffentlichen Wahrnehmungsschwelle, denn Literaturwissenschaft und Feuilleton begegneten ihm mit gleicher Ignoranz.
Doch da tauchten mit Jörg und mir ziemlich gleichzeitig zwei Freelancer auf, die sich in Tageszeitungen, allen voran in der WELT, wohlwollend kritisch und vor allem einführend mit Science-Fiction befassten und diesem Genre endlich seine verdiente Reputation vorbereiteten.
Jörg registrierte meinen Namen1, und ich las ebenso seinen Namen, und wir stellten fest, dass wir in denselben Medien dasselbe Thema behandelten. Also mussten wir uns kennenlernen, denn es ging um die Frage, ob wir als Konkurrenten oder als Freunde arbeiten wollten. Ich schrieb ihm am 10. September 1977 einen ersten Brief2, er antwortete bereits vier Tage später3, wir korrespondierten daraufhin mehrfach, telefonierten auch, und schließlich trafen wir uns am 23. Mai 1978 das erste Mal4 in Bonn, wo Jörg damals im ZDF-Hauptstadtstudio arbeitete. Als wir zwei Stunden miteinander geklönt und festgestellt hatten, dass wir durchgehend auf derselben Wellenlänge lagen, da wussten wir, dass wir Freunde werden würden.
Fortan stimmten wir unsere Arbeit aufeinander ab. Und als die linke Neidfraktion der Science Fiction Times, die publizistisch alles niedermachte, was nicht auf ihrer politischen Wellenlänge funkte oder wenigstens über ihre Agentur Utoprop vermittelt wurde, hämisch konstatierte, dass keine von Jörg Weigand herausgegebene Anthologie ohne einen Text von Thomas Le Blanc veröffentlicht wurde und umgekehrt kein von Thomas Le Blanc zusammengestelltes Buch ohne einen Beitrag von Jörg Weigand erschien, da beschlossen wir mit diebischer Freude, diese wechselseitige Reverenz zu unserem Markenzeichen zu machen. Das bedeutete allerdings nicht, dass wir kritiklos alles nahmen, was der andere anbot. Wir redigierten unsere Texte wechselseitig, wie wir das auch bei allen anderen Kollegen taten, stets die Idee und die literarische Qualität im Blick. Und es geschah sogar das Seltsame, dass ich die erste Story, die Jörg mir für eine Anthologie anbot, nämlich »Sonnensegel«, zunächst als zu flach ablehnte, weshalb er sie anderweitig publizierte5, und ich ihre Qualität erst später begriff6 und sie heute für seinen eindrucksvollsten Text halte.
Das Du bot mir Jörg bei einem verträumten Pils an einer spätnachmittäglichen Theke in Wetzlar an, die den Vorabend7 einer kleinen Tagung im August 1981 einleitete, zu der ich allerlei Journalisten, Schriftsteller, Verlagslektoren und Buchhändler eingeladen hatte und die zwei Jahre später rückwirkend zu den »1. Wetzlarer Tagen der Phantastik« erhoben wurde.
Fortan sahen wir uns regelmäßig, da ich mindestens einmal pro Quartal die Kulturredaktion der WELT in Bonn mit meiner Anwesenheit beglückte und mich dazu in meinen unverwüstlichen VW Polo setzte und dann via Limburg die A3 Richtung Köln nahm, Abfahrt Siebengebirge die Berge runter kurvend ins Rheintal, dann die Konrad-Adenauer-Brücke rüber in die Godesberger Allee, wo ich zunächst in der WELT und später auch im RHEINISCHEN MERKUR meine erledigten Aufträge ablieferte und neue akquirierte. Anschließend ging’s in die Rheinaue in den Langen Grabenweg, wo mich Jörg an der Pforte des ZDF-Studios abholte und in der Cafeteria dann eine lange Arbeitspause einlegte – die allerdings manchmal abgebrochen werden musste, denn auch im beschaulichen Bonn wurde gelegentlich Politik gemacht.
Da er beim ZDF sein Brot als politischer Redakteur verdiente, sah ich ihn damals auch alle paar Wochen in »heute« oder in einem Nachrichtenmagazin, allerdings nur mit seinem halb angeschnittenen Hinterkopf, wenn er mal wieder einem Regierungsmitglied oder einem anderweitig wichtigen Bonner Politiker für ein Statement ein Mikrophon unter die Nase hielt, sodass ich über viele Jahre hinweg verfolgen konnte, wie sein Haar auch am Hinterkopf schütter wurde.
1996 nahte dann der Abschied von Bonn; er ging in Pension, verließ nicht nur das ZDF, sondern zog gleich nach Südbaden, aus dem stickigen Bonner Kessel in den mediterranen Breisgau. Statt nun seine Pension genügsam zu verfuttern, startete er jetzt publizistisch richtig durch. Ein Buch folgte dem anderen, seine zahlreichen Reisen finanzierte er sich mit Gruselkrimis unter weiblichen Pseudonymen, und mit seiner zweiten Frau schrieb er fast um die Wette.
Unsere Treffen intensivierten sich im neuen Jahrtausend auf andere Weise. Jedes Mal, wenn er Urlaub auf Föhr macht8, unterbricht er seine Süd-Nord- oder Nord-Süd-Fahrt in Wetzlar für eine Nacht, und dann sitzen Jörg, Karla und ich abends im »Postreiter« und erfreuen uns an einer bürgerlichen Speisekarte, die von einem Koch verwaltet wird, der gerne auch auf Jörgs lukullische Wünsche eingeht und der uns beibrachte, wie Tonka-Eis schmeckt. Als kulinarischer Banause, der ich über die Bedienung meiner Mikrowelle nie hinausgekommen bin, lerne ich jedes Mal von ihm, was Essen eigentlich bedeutet – denn er erzählt regelmäßig von der zweiten Reiseunterbrechungsnacht, die er in Düsseldorf verbringt, wo er Monikas Küche okkupiert.
Und heute? Heute telefonieren wir meist einmal pro Woche; wir haben oftmals keinen Anlass, sondern nur den Grund, mit ein paar Worten unsere Freundschaft zu pflegen, und es ist mir stets eine Freude, seine Stimme zu hören. Mir ist es aufgrund meiner Reisefaulheit erst zweimal gelungen, ihn in Staufen zu besuchen; er dagegen nutzt die vielfältigen Angebote, die die Phantastische Bibliothek bietet, um nach Wetzlar zu kommen. Und obwohl die Science Fiction Times und ihre Genossen längst dem gnädigen Vergessen anheimgefallen sind, ist jeder von uns beiden immer noch in jeder Anthologie des anderen mit einer Story vertreten. Die gegenseitige Einladung sichert uns unsere Kreativität, mit der wir unsere Welt definieren. Jörg ist es auch gewesen, der eine singuläre Anthologie9, die als Begleitung der »31. Wetzlarer Tage der Phantastik« produziert wurde, zum Start einer erfolgreichen Serie erhob, der er auch mit »Phantastische Miniaturen« den aussagekräftigen Titel verpasste und die mittlerweile längst die 40 Bände überschritten hat. Ich unterziehe mich der Arbeit, für immer wieder neue verrückte Storys zu werben, mit unbändiger Freude, und ich danke ihm für die Idee.
Fazit: So schwer ich mich tue, Freunde fürs Leben zu finden, so darf er sich zu den engsten Freunden zählen, zu den Menschen, die mein Leben prägen.
Anmerkungen
1 Am 7., 8. und 9. Januar 1976 erschien mein erster Artikel auf der Kulturseite der WELT über »Science Fiction in Deutschland« als Dreiteiler.
2 »Lieber Herr Dr. Weigand, ich finde es wird Zeit, daß wir auch einmal direkten Kontakt miteinander aufnehmen …«
3 »Lieber Herr Le Blanc … Einverstanden: wenn Sie nach Bonn kommen, sollten wir uns mal zusammensetzen …«
4 Ich habe jahrzehntelang Tagebuch geschrieben. Das zahlt sich jetzt für die Belegführung dieses Artikels aus.
5 Im Science-Fiction-Magazin »2001«, Ausgabe 9/10, 1978.
6 … und sie in meine erste Sternenanthologie aufnahm: »Antares«. München: Goldmann, 1980.
7 Auch wenn ich in diesem Beitrag viel Persönliches verrate, gibt es für diesen Abend einen für mein Leben wichtigen Hintergrund, den ich nicht öffentlich machen darf und will … und auch Jörg erst bei unserem nächsten Treffen beichten werde. Männerthema.
8 Ich korrigiere für das Freiburger Finanzamt: Wenn er zu schriftstellerischen Recherchen eine Dienstreise an die Nordsee unternimmt.
9 Thomas Le Blanc und Falko Löffler (Hrsg.): »Ihr Haar zersprang wie blaues Glas«. Wetzlar: Phantastische Bibliothek, 2011.

Jörg Weigand und Thomas Le Blanc in Wetzlar
Herbert W. Franke & Susanne Päch: Astropoetische Grüße
Hört man den Namen Jörg Weigand, dann kommt einem sofort eine Fülle von Texten in den Sinn. Sehr gern habe ich deshalb immer auch Geschichten für seine Anthologien beigesteuert, zuletzt im Band Zweitausendvierundachtzig. Susanne und ich schätzen Weigand aber auch als literarisch versierten SF-Experten, der seine Meinung über das Genre in zahlreichen Berichten und Artikeln veröffentlichte.
Persönlich kenne ich Jörg Weigand seit vielen Jahrzehnten, auch wenn ich unsere erste Begegnung nicht mehr genau erinnern kann. Es muss sehr früh in den sechziger Jahren gewesen sein. Im Lauf unseres Lebens sind wir uns nur wenige Male persönlich begegnet, doch als Mitglied der SF-Community behielt ich Weigand und sein einschlägiges Schaffen natürlich stets im Blick.
Dass Weigand jedoch auch ein anderes Leben als Musiker hat, erschloss sich mir erst vor wenigen Jahren, als er mir zu meinem 90. Geburtstag die musikalische Vertonung meines Gedichtezyklus Astropoeticon überreichen ließ. Das kommt mir jetzt zugute! – denn andernfalls hätte ich die vielen von ihm geschriebenen Texte erwähnen und kommentieren müssen … und nun kann ich eine seiner Aktivitäten beschreiben, mit der keiner unserer Kollegen aufwarten kann. Beim Astropoeticon handelt es sich übrigens ursprünglich um einen Bildband mit Motiven des inzwischen in die Vereinigten Staaten ausgewanderten Schwabinger Weltraummalers Andreas Notteboom. Ich musste mich über Jörgs musikalische Aktivitäten erst informieren: Und ich erfuhr zu meinem Erstaunen, dass er neben seinen literarischen Fähigkeiten auch Musik anzubieten hat. Es war für mich nicht nur das überraschendste Geburtstagsgeschenk, sondern auch eines der schönsten.
Es bleibt mir zunächst nur noch die Möglichkeit, darauf zu warten, ob sich anlässlich von Jörgs Geburtstag vielleicht noch weitere Talente offenbaren!
Doch wie auch immer: Susanne und ich wünschen dir, lieber Jörg, alles Gute zu deinem Festtag. Und sollte es zu diesem Anlass zu weiteren Offenbarungen ähnlicher Art kommen, dann wäre das für uns eine weitere Freude.
Alle guten Wünsche aus den feuchtgrünen Isarauen von
Herbert und Susanne

Andreas Nottebohm,
»Wo 24 Stunden kein Tag sind, 81 h, 11“«
Aus: »Astropoeticon«, 1974,
mit freundlicher Genehmigung.
Herbert W. Franke: Wo 24 Stunden kein Tag sind, 81 h, 11"
Nukleare Prozesse
Schwärme elementarer Teilchen
Vereinigung und Trennung
Plasmaströme, oszillierend,
Materie, überschwer:
1000 Sonnen zu einer vereint
Das Licht am Entweichen gehindert
Gravitationskollaps –
Katastrophe im Hyperraum
Schwarze Löcher, in die Leere gerissen
das Ende
oder doch ein Beginn?
der Weg zur anderen Seite
Brücken zu fremden Räumen
Und drüben?
Spiegelbild der eigenen Welt
oder etwas Neues, Unbekanntes?
das blaue Universum
das Altern eines Sterns
Monika Niehaus: Die grüne Fee
»Sie sprechen wirklich gut Französisch, Monsieur. Und Sie kennen und lieben Paris seit Ihrer Jugend, sagen Sie? Dann geben Sie acht auf ihn, Madame, dass er nicht seine Seele an diese Stadt verliert … Sie beide sind Schriftsteller? Dann werden Sie mich verstehen und auf ein Glas Absinth einladen, während ich Ihnen meine Geschichte erzähle.«
Wir saßen auf der Terrasse eines Cafés am Montmartre und waren mit dem Künstler, der gerade einen Scherenschnitt von meiner Freundin und mir angefertigt hatte, ins Gespräch gekommen.
Da wir nichts Besonderes vorhatten und solche Zufallsbegegnungen oft die interessantesten sind, nickte ich und gab dem Kellner einen Wink.
Unser Gegenüber hob dankend sein Glas – »À votre santé, Madame, Monsieur!« –, zündete sich eine neue Zigarette an und nahm einen tiefen Zug.
»Ich stamme aus einem kleinen Dorf im Elsass und stand kurz vor Abschluss meines Kunststudiums an der École des Beaux-Arts, als ich Môme Bijou zum ersten Mal begegnete…
Die kleine Bar de la Lune in der Rue Lepic, direkt am Fuß des Montmartre, war nur spärlich beleuchtet. Die meisten Tische waren um diese Zeit bereits leer, doch auf der Bank in der Ecke hockte eine beleibte Frau, die meinen Blick auf sich zog. Ihr Alter war schwer zu schätzen, denn ihr Gesicht verschwand unter einer Schicht kalkweißer Schminke, die an die Maske eines Clowns erinnerte. Sie trug einen grünen Samthut und ein Seidenkleid, das in allen Farben, von Grün über Violett bis Rosa, changierte. Und sie war über und über mit Schmuck bedeckt. Eine mehrreihige Perlenkette schlang sich um ihren Hals, zahllose Broschen schmückten ihren ausladenden Busen, und ihre Finger waren so dicht mit Ringen bestückt, dass es klirrte, als sie ihre Hand um ihr Glas schloss. Ihr schweres Moschusparfüm mischte sich mit dem Kneipengeruch von Wein und abgestandenem Bier.
»Wer ist das?«, flüsterte ich dem Wirt zu.
Der warf einen kurzen Blick in die Ecke, während er frisch gespülte Gläser auf der Theke aufreihte. »Môme Bijou nennen wir sie wegen der vielen Klunker, die sie trägt. Behauptet, aus einem russischen Grafengeschlecht zu stammen, aber das sagen sie alle. Ist hier auf dem Montmartre so etwas wie eine Institution.«
Da ich in jenen Sommermonaten auf der Place du Tertre im Akkord Touristenporträts anfertigte, gewöhnte ich mir an, abends regelmäßig in der kleinen Bar einzukehren. Jedes Mal saß Môme Bijou an ihrem Stammplatz, und jedes Mal grüßte ich sie, was sie mit einem würdevollen Nicken quittierte. Dieses besondere Exemplar der nächtlichen Faune montmartroise faszinierte mich, doch jeden Versuch, mit ihr ins Gespräch zu kommen, wies sie kühl zurück.
Bis zu jenem Abend. Gerade hatte ich der Rosenverkäuferin, die ihre nächtliche Runde durch die Bars und Bistros des Viertels machte, aus einer Laune heraus eine Rose abgekauft, als eine Gruppe bereits recht angeheiterter junger Mädchen mit ihren Galanen in unsere Bar einfiel. Kaum hatte der Wirt die Getränke serviert, als eines der Mädchen Môme Bijou entdeckte. Ihre Freundinnen drehten sich um und begannen zu kichern und laut zu tuscheln, und schließlich grölte die ganze Gruppe, und die Männer schlugen sich auf die Schenkel.
Ich warf Môme Bijou einen raschen Blick zu. Ihr Gesicht war völlig unbewegt. Es war unmöglich zu sagen, ob sie das unwürdige Spektakel wahrnahm oder was sie dachte.
Ehe ich recht wusste, was ich tat, stand ich auf und streckte ihr die Rose hin. »Für Sie, Madame!«
Sie machte keine Anstalten, die Rose entgegenzunehmen. »Warum, Monsieur?« Ihre Stimme klang rau, als sei ihre Zunge aus der Übung. »Haben Sie etwa Mitleid mit mir, weil diese bécasses da keine Manieren haben?« Sie machte eine abschätzig obszöne Handbewegung in Richtung der kichernden Mädchen. »Das können Sie sich sparen!«
»Nein, Madame.«
Während sie nach der Rose griff, suchte ich nach Worten. »Sondern weil ich glaube, dass es eine Zeit gab, wo Ihnen viele Männer Rosen geschenkt haben.«
Ihr Lachen kam stoßweise und grub tiefe Schluchten in ihre Schminke. »Sie haben recht, aber das war in einem anderen Leben.« Sie drehte die Rose einen Augenblick in ihren Händen und schien dann einen Entschluss zu fassen. »Kommen Sie, junger Mann. Ich möchte Ihnen etwas zeigen.« Mühsam erhob sie sich. »Ich wohne in der Rue des Abbesses, gleich hier um die Ecke.« Wir traten auf die Straße.
»Fünfter Stock. Kein Aufzug.«
Ihre Geschmeide klirrten bei jeder Stufe, die sie nahm. Oben angekommen, blieb sie schwer atmend stehen. Ihr Atem ging pfeifend. Sie schloss die Tür auf und winkte mir, ihr zu folgen.
Drinnen roch es nach Moschus und Staub. Der hohe, kaum möblierte Raum wurde vom Widerschein der Stadt in unstetes Licht getaucht. Ich trat an das hohe Fenster, das auf einen schmalen, kaum stuhlbreiten Balkon führte, wie man ihn in vielen Stadthäusern aus der Zeit von Haussmann findet. Das nächtliche Paris lag mir zu Füßen, strahlend, funkelnd, ständig in Bewegung. Die Stadt der Lichter …
Ich drehte mich um. »Was für eine fantastische Aussicht!«
Sie ließ sich schwer auf einen Stuhl neben einem kleinen Tisch am Fenster fallen. »Genießen Sie sie! Ich bin so gut wie blind.« Ihr Gesicht war ein bleiches Oval in der Dunkelheit. »Aber das ist es nicht, was ich Ihnen zeigen wollte. Zünden Sie die Petroleumlampe an. Der Strom ist abgeschaltet.«
Die Lampe in der Hand trat ich näher. Die fast mannshohe Leinwand, auf die sie wies, war ungerahmt. Ein Ölbild, die Farbe aber so leicht und spielerisch aufgetragen, als sei es ein Aquarell. Die Strichführung war kühn, bisweilen fast grob, die ganze Komposition von täuschender Einfachheit. Sie zeigte eine burschikose junge Frau im Halbprofil, den Kopf ein wenig zurückgeworfen. Ihre dunklen Augen bildeten einen Kontrast zu ihrem fuchsroten, kurz geschnittenen Haar, das ihren Kopf wie ein Helm umschloss, und um ihren Mund spielte ein mokantes Lächeln. Sie trug einen smaragdgrünen Frack, der sich im Grün des Absinthglases widerspiegelte, mit dem sie dem Betrachter zuzuprosten schien.
Selbst im schalen Licht der Petroleumlampe schien das Bild geradezu unheimlich lebendig.
Ich beugte mich nieder. ›1914‹. Es war nicht signiert, aber über den Künstler bestand kein Zweifel.
Ich wandte mich um. »Sie, Madame?«
»Hab’ mich ziemlich verändert, nicht wahr?« Über ihr Gesicht huschte ein halb spöttisches, halb trauriges Lächeln. Ihre Augen waren das Einzige, dem die Verwüstung der Zeit nichts hatte anhaben können. »Sie werden es kaum glauben, Monsieur, aber damals bin ich in den Folies Bergère aufgetreten, habe ganz nett gesungen, hatte Scharen von Verehrern und habe vielen Künstlern Modell gestanden.«
Die Erinnerung ließ ihr Gesicht leuchten, und für einen Augenblick meinte ich in der alten, grotesk aufgetakelten Frau das Mädchen zu sehen, das der Maler damals porträtiert hatte.
»Er hat kaum eine Woche daran gearbeitet. Wir waren ein Paar damals, und Pablo war schrecklich eifersüchtig. Nach ein paar turbulenten Tagen und Nächten bekamen wir Streit, und er stürmte wutentbrannt aus der Wohnung. Das Bild hat er nie abgeholt …« Sie strich sich über die Augen. »Meine ›grüne Fee‹ nannte er mich damals. So sollte auch das Bild heißen …«
»Es ist fantastisch!«
»Ich schenke es Ihnen!« Sie machte eine gleichgültige Handbewegung. »Ich kann es sowieso nicht mehr sehen. Und die Menschen, die ich einmal geliebt habe – und ich habe viele geliebt, Monsieur –, sind längst tot. Nehmen Sie es mit!«
Einen Moment lang verschlug es mir die Sprache. »Das ist völlig unmöglich, Madame!«, protestierte ich schließlich. »Ein solches Geschenk kann ich unmöglich annehmen. Aber wenn Sie mir erlauben, würde ich gern wiederkommen, um das Bild zu fotografieren und mit Ihnen darüber zu reden …«
»Wie Sie wollen.« Ihre Stimme klang plötzlich flach und erschöpft. »Genug für heute. Gehen Sie jetzt, junger Mann, ich bin müde. Auf dem Balkon muss noch eine Flasche stehen. Schenken Sie mir ein Glas Wein ein und löschen Sie die Lampe. Ich brauche kein Licht.«
Ihre Silhouette mit dem ausladenden Hut hob sich wie ein Scherenschnitt gegen das Fenster ab, als ich die Tür hinter mir schloss. Während ich die Stufen hinunterstieg, hörte ich, wie eine schartige Schallplatte La Vie en Rose zu spielen begann …«
Unser Gegenüber sog an seiner Zigarette und schwieg. Es war, als höre er die Melodie in Gedanken noch immer. Als die Glut seine Finger erreichte, kam er mit einem unterdrückten »Zut!« in die Gegenwart zurück.
»Und dann passierte es. Direkt vor ihrer Haustür wurde ich von einem Wagen angefahren und lag drei Wochen im Hospital. Als ich schließlich entlassen wurde, führte mich mein erster Weg zu jenem Haus in der Rue des Abbesses. Aber die Wohnung war leer. Im Bistro erfuhr ich, dass Môme Bijou ein paar Tage nach jener Nacht gestorben war. Da sie keine Angehörigen besaß, hatte der Vermieter ihre Wohnung einfach geräumt und ihre wenigen Habseligkeiten auf die Straße gestellt.«
Er beugte sich vor und packte die Hand meiner Freundin. »Verstehen Sie, Madame? Vielleicht ist es mit all ihren anderen Sachen auf den Müll gewandert, vielleicht ist es aber auch von einem Passanten mitgenommen oder von einem Trödler aufgekauft worden. Solange noch die geringste Chance besteht, das Bild zu finden, darf ich nicht aufgeben!«
Sie entzog ihm vorsichtig ihre Hand. »Wie lange ….?«
»Ich war noch ein junger Mann damals, und heute sind meine Haare grau, aber die Zeit spielt in der Stadt der Lichter keine Rolle.« Er erhob sich. »Danke für den Aperitif. Vielleicht bringt mir die grüne Fee ja heute Glück … Madame, Monsieur!« Eine kleine, altmodische Verbeugung, und er verschwand in der Menge.
Wir haben unseren Gast nie wiedergesehen und auch nicht von einem berühmten wiedergefundenen Gemälde gehört. Aber sein Scherenschnitt schmückte unsere Hochzeitskarte, intimer und persönlicher als jedes Foto.
Ein riesengroßes Dankeschön! von Karla Weigand
Vierter März 2020: ein guter Tag, ein ausgezeichneter Tag! Mein dreizehnter »dicker« Roman ist angenommen und soll noch in diesem Jahr erscheinen. Falls Corona dies zulässt …
Mein Erster war im Jahr 2006 gedruckt worden. Nach etlichen Veröffentlichungen von Artikeln, Geschichten und anderen kleineren Beiträgen in Zeitungen, Zeitschriften und Heften hatte ich mich im keineswegs mehr jugendlichen Alter von 62 Jahren über die Herausgabe meines ersten historischen Romans, »Die Kammerzofe«, freuen dürfen. Doch davon später mehr.
Zu den nachfolgenden Romanen haben sich mittlerweile noch drei Bändchen mit fantastischen Geschichten, eine ganze Reihe von Heftromanen, sowie etliche Sachbeiträge in Fachzeitschriften und in verschiedenen Anthologien gesellt.
Und wem habe ich das zu verdanken? Keinem anderen als meinem geliebten Jörg, der mir, seit ich ihn kenne, mit seinem Fleiß, seiner Akribie und seinem Wissen immer ein Vorbild gewesen ist. Er hat mich ermuntert und immer wieder angespornt, meiner geheimen Leidenschaft fürs Schreiben nachzugeben – und mich nicht von der einen riesengroßen Enttäuschung, die mir gegen Ende des 20. Jahrhunderts zuteil geworden ist und die mir für lange Zeit das Schreiben regelrecht vermiest hatte, auf Dauer behindern zu lassen.
»Ich weiß, dass du schreiben kannst und dass dir viel daran liegt – also dann tu es auch in Gottesnamen und vergiss endlich den Quatsch!«
Nun, zum Glück habe ich auf ihn gehört. Bereits in der Grundschule war Deutsch mein Lieblingsfach gewesen; auch später im Gymnasium (zusammen mit Biologie und Geschichte), was mir bis zum Abitur eine Eins im Fach Deutsch eingetragen hatte. (Dafür war ich in Mathe eine ziemliche Niete.)
Auch nach dem erwähnten, ebenso einschneidenden wie auch enttäuschenden Erlebnis, hatte mein Mut immerhin noch für etliche Liebesgeschichten in Frauenmagazinen sowie Rundfunk- und Fernsehzeitschriften gereicht. Aber an ein dickes Buch hätte ich mich niemals herangewagt.
Aber Jörg ließ mir keine Ruhe und schnitt das Thema immer wieder an. Trotzdem war ich lange zögerlich. So dauerte es auch eine ganze Weile, ehe ich mich ermannte (oder heißt es neuerdings »erfraute«?) und damit begann, ernsthaft zu recherchieren und jede Menge Material zu sammeln für »Die Kammerzofe«, die in der Zeit der Französischen Revolution angesiedelt sein sollte.
Was hatte mich denn nun seinerzeit so sehr entmutigt? Da muss ich ein wenig weiter ausholen.
In der Ausgabe vom 25./26. Mai 1995 hatte die Stadt München einen Geschichtenwettbewerb ausgeschrieben. Thema: Spurensuche in der eigenen Vergangenheit aus dem Nachkriegsmünchen. Gefragt war der »wichtige Bereich der individuellen Alltagserfahrung der persönlichen Lebenswirklichkeit«, da diese »noch unzureichend erforscht und nur ansatzweise dokumentiert worden wäre«.
Beteiligen sollten sich alle Münchner, die ihre Erinnerungen an das Kriegsende und die nachfolgenden Jahre mitteilen mochten. Die Beiträge waren zu richten ans »Kulturreferat der Stadt München«, Kennwort »Geschichtswettbewerb 1995/96«.
Das war doch das Thema für mich! An die Nachkriegsjahre bis 1950 in der Münchner Innenstadt erinnerte ich mich noch sehr gut. Danach war meine Familie von der Baaderstraße an den Stadtrand, nach Ramersdorf, verzogen.
Lange vor Abgabeschluss konnte ich meinen Text abliefern. Die Zeit verging und ich hörte – nichts! Worüber ich ziemlich sauer war. Ich fand, man hätte mir anstandshalber wenigstens absagen können, nebst einer kurzen Begründung. Das wäre das Mindeste – glaubte ich.
Nach Monaten kam ein Päckchen von der Stadt München. Es handelte sich um einen ansehnlichen Band mit den gesammelten Geschichten von Leuten, die die Nachkriegszeit in München erlebt hatten. Mein Beitrag war nicht dabei!
Meine Nachfrage beim Kulturreferat der Stadt ergab höchst Interessantes. »Unter dem Siegel der Verschwiegenheit« erfuhr ich von einem Mitarbeiter Folgendes: Mein Beitrag wäre »zwar sehr gut geschrieben, sogar humorvoll«, hätte jedoch »nicht in diesen Rahmen gepasst!«
Der Grund: Es hätte ein »Jubelband zum 50jährigen Jubiläum der Befreiung durch die Amerikaner« werden sollen – wovon allerdings in der Ausschreibung überhaupt keine Rede gewesen war. Da hätte eben einiges von mir Angeführte nicht hineingepasst … Leider! Zum Dank für meine Teilnahme und quasi als Trostpflaster habe man mir trotzdem den Band geschickt. Bla, bla, bla …
Was in aller Welt hatte ich bei der Schilderung meiner frühkindlichen Erinnerungen nur verbrochen?
Ich hatte mir erlaubt, davon zu berichten, wie mir (damals vier Jahre alt!) ein grinsender Amisoldat mit seiner brennenden Zigarette einen mir von meinen Eltern auf dem ersten Nachkriegsoktoberfest gekauften, wunderschönen, roten Luftballon absichtlich hatte platzen lassen! Dass meine Mutter und mein Vater diese »Untat« schweigend übergingen, obwohl ich bitterlich weinte, war mir ebenfalls keineswegs entgangen … Allem Anschein nach »durften« diese Männer das, ohne dass dagegen protestiert wurde.
Das Zweite, was offenbar den Unwillen des obersten Münchner Kulturreferenten erregt hatte, war meine Beobachtung merkwürdiger großer Schriftzeichen auf Häuserwänden, Brückengeländern und Schutzzäunen vor Ruinen gewesen.
Lesen konnte ich noch nicht, so musste mir mein Vater ihre Bedeutung verraten.
Er sagte, es hieße: »AMI GO HOME!« Das sei Englisch und sollte den Amerikanern sagen, sie sollten wieder nach Hause gehen. Eine Aufforderung, der ich als vierjähriges Mädchen umgehend beigepflichtet habe.
In meinen persönlichen Erinnerungen hätte ich das aber nicht schreiben sollen! Das passte anscheinend auch nach einem halben Jahrhundert fürs Münchner Kulturreferat so gar nicht ins Bild der Kaugummis und Bonbons schmeißenden Befreier …
Diese bodenlose Scheinheiligkeit, die nebenbei gesagt völlig unnötige Anbiederei, verstörte mich damals regelrecht. So etwas von einer Behörde meiner geliebten Heimatstadt München, deren »Soziregierung« sich immer so viel darauf zugutehielt, »weltoffen« und »absolut ehrlich« zu sein, sowie stets »Bürgernähe zu pflegen«, das widerte mich schon gewaltig an.
Leider habe ich damals meinen Jörg noch nicht gekannt! Der hätte mir sicher einiges dazu sagen können.
So jedoch waren künftig längere Texte für mich tabu! Wenn solch lächerliche Kleingeisterei, »vorauseilender Gehorsam« (in diesem Fall sogar »absurd hinterher hechelnder«) sowie Vertuschung unliebsamer, aber längst erledigter Vorfälle in den Verlagen gang und gäbe sein sollten, dann war’s das für mich. Bloß für den Papierkorb zu schreiben – dazu war mir meine Zeit zu schade.
Erst nach Jahren gelang es meinem Mann, mich davon zu überzeugen, dass diese Art von Ungeist keineswegs allen Agenturen und Verlagen zu eigen sei. Er überredete mich dazu, endlich anzufangen, mich an größere Buchprojekte zu wagen.
»Such dir ein Thema und eine Zeit aus, die dich besonders interessieren, und recherchiere dazu so viel wie möglich, damit das Ganze authentisch, »stimmig« und vor allem spannend zu lesen sein wird!«
Eine Weile wollte ich mich noch davor drücken mit dem Argument, ein Niemand zu sein und ohne »Vitamin B« doch eh keine Chance zu haben, jemals veröffentlicht zu werden. »Mich kennt doch keiner! Wer sollte da etwas von mir lesen wollen?«
Aber Jörg in seiner Hartnäckigkeit ließ nicht locker. Das können auch unsere schreibenden Freunde Monika Niehaus und Jan Osterloh bezeugen …
Jörg schwor mir hoch und heilig, sich nach Fertigstellung meines ersten Romans nach einer guten Literaturagentur umzuschauen. Ich solle bloß Vertrauen haben und endlich loslegen.
Da gab es nun kein Halten mehr. Und was soll ich sagen? Die Münchener Agentur Lianne Kolff und vor allem Frau Castell haben mich über Jahre großartig betreut und vertreten.
Danke, danke, lieber Jörg! Ohne dich und deine Beharrlichkeit gäbe es kein einziges meiner bisherigen (und hoffentlich noch weiteren) Bücher! Wie viel Lebensfreude und Befriedigung, die mir das Schreiben beschert, wären mir ohne dich entgangen!
Ein herzliches Dankeschön auch dafür, dass du mir immer bei den Internetrecherchen hilfst, hilfreich zur Seite stehst, sobald es sich um Frankreich und die französische Sprache handelt (die ich leider, mangels Übung, nur noch schlecht beherrsche) und seit einigen Jahren auch mein sehr erfolgreicher Agent bei diversen Verlagen bist!
Mein Liebster, zu deinem runden Ehrentag wünsche ich dir von ganzem Herzen alles erdenklich Gute und noch viele gemeinsame, gesunde und vor allem für uns beide erfreuliche und produktive Jahre!
Für immer
deine Karla
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