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Josef Thorer (Hg.)
Gott suchen und finden
nach Ignatius von Loyola
Josef Thorer (Hg.)
Gott suchen und finden
nach Ignatius von Loyola


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
© 2013 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter-verlag.de Umschlag: Peter Hellmund Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck ISBN 978-3-429-03589-1 (Print) 978-3-429-04693-4 (PDF) 978-3-429-06092-3 (ePub)
Inhalt
I. Zum Geleit
Vorwort
GERNOT WISSER SJ
Gott begegnen in allem, was zum Leben gehört
SEVERIN LEITNER SJ
Gott suchen und finden in allen Dingen
ADOLFO NICOLÁS SJ
Gott suchen und finden – Antwort auf Fragen
Text: Pedro Arrupe
II. Grundsätzliches
TONI WITWER SJ
»Gott suchen und finden« in Leben, Praxis und Anweisungen des hl. Ignatius
Text: Ignatius von Loyola
DOMINIK MARKL SJ
»Dein Angesicht, GOTT, will ich suchen« (Ps 27,8) Gottes-Sehnsucht in der Bibel
MARTIN HASITSCHKA SJ
Die Welt sehen, »wie sie gebadet ist im Blute Christi«
Text: Jerónimo Nadal SJ
IGNATIUS VON LOYOLA
Betrachtung, um Liebe zu erlangen (GÜ 230–237) – Text
JOSEF MAUREDER SJ
Betrachtung, um Liebe zu erlangen: Hinweise für ein tieferes Verstehen und Beten mit dem Text
BRUNO NIEDERBACHER SJ
Ist Gott in allen Dingen?
Text: Balthasar Alvarez SJ
JOSEF THORER SJ
Den Willen Gottes suchen: Unterscheidung der Geister
Anleitung: Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit (W. Lambert)
ALOIS RIEDLSPERGER SJ
In der gesellschaftlichen Wirklichkeit nach Gottes Absichten fragen
Text: Louis Lallement SJ
BISCHOF MANFRED SCHEUER
Als Kirche in der Spur Jesu vorangehen: Freiheit und Unterscheidung
III. Beiträge aus der Erfahrung
ANTON AIGNER SJ
Die Spur Gottes in der Kunst des Leitens
REINHOLD ETTEL SJ
Glauben erleben in der Begegnung mit Ehepaaren und Familien
Text: Ägid Van Broeckhoven SJ
MARIA FEHR SSJ
Der innersten Sehnsucht auf der Spur
LUIS GUTHEINZ SJ
Ist es möglich, Gott in China zu finden?
Text: Karl Rahner SJ
MAXIMILIAN HEINE-GELDERN SJ
Wohin führt intensives Fragen?
PETRA HIEMETZBERGER CJ
Gott suchen und finden
MARKUS INAMA SJ
Eine Spiritualität, die verändert
Text: Teilhard de Chardin SJ
ELMAR MITTERSTIELER SJ
Meine Gottesbegegnung in der Geistlichen Begleitung
OTTO MUCK SJ
Gott in den Fügungen des Lebens finden
JOSEF A. PILZ SJ
Gedichte
Text: Jean-Pierre de Caussade SJ
RICHARD PLAICKNER SJ
Gott hält sich gern in unseren Gemeinschaften auf!
BEATE REGENSBURGER
»Das Gewicht der Seele ist die Liebe« (Ignatius von Loyola)
Text: Gerald M. Hopkins SJ
GUSTAV SCHÖRGHOFER SJ
Der Gott der Falten
KLAUS SCHWEIGGL SJ
Gott suchen und sich finden lassen
Text: Alfred Delp SJ
JOSEF THORER SJ
»Ich kreise um Gott, um den uralten Turm« Gott suchen und finden in der Dichtung
IV. Anhang
Daten zur Geschichte der österreichischen Provinz SJ
Abkürzungen
Anmerkungen
I. Zum Geleit
Vorwort
Was Ignatius von Loyola durch sein Leben, durch die Exerzitien und durch die Gründung des Jesuitenordens angestoßen hat, ist in der Geschichte der Kirche nachhaltig wirksam gewesen und noch immer lebendig. Die Errichtung der österreichischen Provinz der Jesuiten im Jahre 1563, also vor 450 Jahren, ist Anlass zur Besinnung auf einen Wesenszug ignatianischer Spiritualität: Gott suchen und finden in allen Dingen. Es ist das, was Jesuiten zu leben suchen und Anderen vermitteln möchten. Die Texte bedeutender Jesuiten aus der jahrhundertelangen Geschichte des Ordens zeigen dies.
In grundsätzlichen Ausführungen und in Erfahrungsberichten wird das Thema im vorliegenden Band beleuchtet durch Beiträge, die vorwiegend von österreichischen Jesuiten stammen. Weitere Beiträge bezeugen, dass diese Spiritualität über ihren Kreis hinaus inspirierend ist. Dies für Leser erfahrbar zu machen, ihnen Anstoß und Hilfe für die eigene Suche zu sein, dazu möchte das Buch helfen.
Ich danke allen, die zu seinem Entstehen beigetragen haben, allen Autoren und Autorinnen sowie dem Verlag Echter, der es in sein Programm aufgenommen hat.
Innsbruck, im Jan. 2013Josef Thorer SJ
GERNOT WISSER
Gott begegnen in allem,
was zum Leben gehört
Gott suchen und finden in allen Dingen, dazu fordert uns der hl. Ignatius auf. Diese Dinge, die Ignatius in den Sinn kommen, in denen wir Gott begegnen können, sind nicht nur Gegenstände, sondern das ganze Leben: Arbeit und Erholung, Essen und Trinken, Gebet und Schlaf. Dementsprechend gibt es für Ignatius auch keine auserwählten, besonderen Orte der Gottesbegegnung wie Kirchen und Kapellen. Gott ist ein Gott des Alltags und will dort gesucht und gefunden werden. Ignatius meinte auf die Frage, warum er seinem Orden nicht das Chorgebet verordnet hat, es solle alle Welt sehen, wenn die Jesuiten nichts arbeiten. Jesuiten sollen sich also nicht hinter den Gebetszeiten verstecken können, da das ganze Leben diese Gebetszeit ist, nicht in der Ausschließlichkeit der kontemplativen Gebetsweise, sondern in der Einschließung von Tun und Beten. Die Geschichte der letzten 450 Jahre der Jesuiten in Österreich als eigener Leib mit seinen Gliedern (Provinz) kann davon Zeugnis geben, inwieweit es uns Jesuiten gelungen ist, das zu leben und auch zu vermitteln. Gottes Präsenz oder manchmal auch seine empfundene Absenz sollen das eigene Leben durchdringen, die Gottesferne als Zeit der Trockenheit und der spirituellen Nacht, die Gottesnähe als beglückendes Gelingen von Leben erfahren werden. Gott suchen und finden in allen Dingen ist kein spiritueller Schatz, den wir für uns selbst gefunden hätten und nun für uns hüten. Wovon wir Jesuiten begeistert und entflammt sind, das wollen wir mit anderen teilen, auf diese Erfahrungen möchten wir andere hinweisen, um so in Offenheit den Glauben vorzuschlagen, damit er in Freiheit angenommen werden kann. Wir sind durch Jesus Christus in Dienst genommen und zu den Menschen gesandt, um ihnen zu helfen, ihren Glauben und damit ihr Leben besser zu leben, oder wie Ignatius sagt, den Seelen zu helfen. Wir sind Gefährten Jesu für die Menschen.
Gernot Wisser SJ ist seit Juli 2008 Provinzial der österreichischen Provinz der Jesuiten. Er lebt in Wien.
SEVERIN LEITNER
Gott suchen und finden
in allen Dingen
Es ist ein Kennzeichen der Spiritualität des hl. Ignatius, dass er von Anfang an konsequent auf alle monastischen Elemente für das Gemeinschaftsleben verzichtet hat. Kein Kloster. »Unser Haus ist die Welt« hat Nadal, sein Schüler, gesagt. Keine Ordenstracht. Nur das Gewand ehrbarer Priester und als innere Haltung die Diensttracht Christi, so lesen wir in den Satzungen. Kein Chorgebet. Stattdessen das einfache und einzeln gebetete Stundengebet, verbunden mit dem Bemühen, »Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden« – so betont Ignatius unaufhörlich in Briefen an die Gefährten. Diese reduktionistische Haltung gegenüber allen äußeren Zeichen steht ganz im Dienste der apostolischen Sendung: Die Mitglieder der Gesellschaft Jesu müssen bereit sein, »viele Orte zu durchwandern«, im Dienst der Kirche und des Evangeliums, auch in Ländern, in denen es kein Ordenshaus gibt, in das man sich zurückziehen und keinen Oberen, mit dem man sich beraten kann.
Die Grundhaltung für dieses Leben war eine vorbehaltlose Liebe zu Christus und ein felsenfestes Vertrauen auf den dreifaltigen Gott, der die Gefährten – die Mitglieder des Ordens bezeichneten sich von Anfang an als »Gefährten Jesu« – in seine besondere Nachfolge gerufen hat. Beide Haltungen werden in den Exerzitien des hl. Ignatius eingeübt und praktiziert. Dazu kam von Anfang an eine lange und gründliche intellektuelle, wissenschaftliche, sprachliche und charakterliche Schulung, die den Jesuiten befähigen sollte, den Glauben und das Evangelium darzulegen, die Kirche zu verteidigen und den Menschen in ihren menschlich-seelischen Nöten zu helfen. Dies ist Spiritualität des Unterwegssein in einer Sendung der Kirche. Sie hat den Jesuiten in allen Zeiten bis heute die Kraft und die Klarheit gegeben, das Evangelium in universeller Weite zu verkündigen und den Menschen in hingebungsvollem Dienst zu helfen. Das Bewusstsein, dass Gott überall beim Jünger ist und in allem gefunden und ihm in allem gedient werden kann, im ganz normalen alltäglichen Dienst oder in extremen Situationen von Verfolgung, ja, sogar Martyrium, hat den Jesuiten die innere Kraft, Ausdauer und Weite gegeben.
Severin Leitner SJ ist seit 2012 Berater des Generaloberen der SJ in Rom und Assistent für Zentral- und Osteuropa.
ADOLFO NICOLÁS
Gott suchen und finden –
Antwort auf Fragen
1. Gott suchen und finden: Welche Entwicklungsstufen im Verstehen und Verwirklichen gibt es in Ihrem Leben?
Ich denke, es geht weniger um Entwicklungsstufen, als darum, Gott zu suchen. Wenn man keine Überraschung von Gott erwartet, wird man ihn nie finden. Es verhält sich oft so wie beim Gebet, wir bekommen nichts, weil wir um nichts beten, um nichts bitten, nichts erwarten. Wenn wir Jesus im Evangelium sagen hören: »Suche und du wirst finden«, denke ich, dass er sich vor allem auf die Suche nach Gott bezieht. Es ist interessant, dass wir viele Male auf ein Bild schauen und wichtige Details übersehen können, die wir nur beachten, wenn jemand anderer uns darauf hinweist. Unsere Welt, unsere Wirklichkeit ist voller Zeichen von Gottes Gegenwart; wenn wir nicht offen dafür sind, können unsere Augen auf dieser wunderbaren Welt ruhen und trotzdem das beste übersehen. Es ist genauso wie bei den hölzernen Götzenbildern des Psalms, die »Augen haben, aber nicht sehen«.
Dasselbe kann man über die Menschen sagen. Es ist so einfach, über Andere zu urteilen, ihr ganzes Leben zu reduzieren auf einen winzigen Fehler. Das ist die Wurzel jeden Vorurteils, sei es nun persönlich oder national wie auch ethnisch. Das ist der Stoff für Witze, die gewöhnlich ihren Grund in einer Karikatur der Wirklichkeit haben. Aber wenn man eine Person trifft und in der Begegnung einen Einblick in ihr Herz bekommt, verschwinden alle Witze, und was bleibt ist das Wunder und die Spur Gottes in dieser Person. So war es bei mir. Superior und später Provinzial zu werden öffnete mir diese Tür zu den Herzen Anderer. Damals erfasste ich, dass ich diese Jesuiten nicht wirklich kannte, bis sie ihr Herz öffneten … und Gott war da, verdeckt hinter manchen Fehlern und Schwächen. Sein Bild war verschwommen und fast unsichtbar geworden aufgrund der oberflächlichen Urteile und der Nachreden, die wir so leicht in Gerüchten verbreiten, ohne nach ihrer Wahrheit zu fragen.
Diese Erfahrung, das Unerwartete im Herzen meiner Mitbrüder zu finden, machte mich aufmerksamer auf das Unerwartete in jeder Angelegenheit. Sie ließ mich fragen: Was suche ich in der Welt, in der ich lebe? Beschränke ich mich auf die Produkte, die der Markt als beachtenswert vorschreibt? Dann würde ich Bequemlichkeit, Macht, Sex, Ansehen und Erfolg suchen. Oder suche ich Gott, Güte, Gerechtigkeit, Großzügigkeit und Weite des Herzens? Das macht den Unterschied!
2. Sie haben in fremden Ländern gearbeitet: Wie gelang es Ihnen, Gott in einer fremden und unbekannten Kultur zu finden?
Für mich war es eine weitere Erfahrung, dass wichtige Dinge nicht leicht oder schnell vonstatten gehen. Ich musste in diesem Bereich wachsen durch verschiedene Stadien hindurch, die ich weder geplant hatte noch planen konnte. Zuerst musste ich frei werden von Vorurteilen, die wir alle in uns tragen. Und ich spreche hier nicht nur vom kulturellen Vorurteil, sondern hauptsächlich vom »religiösen« Vorurteil.
Eine meiner letzten Aufgaben in Japan war die eines Komoderators in einer öffentlichen Diskussion zwischen einem französischen Missionar und einem japanischen Franziskaner über die Bedeutung des Gleichnisses vom Sämann. Der Missionar bot die traditionelle Auslegung von Mission als Aussäen des Wortes Gottes für eine zukünftige Ernte, die verborgen oder in der Hand Gottes bleibt. Der Franziskaner, der zufällig auch ein Bibelkenner war, sprach vom Heiligen Geist, der in den Herzen der Menschen wirkt und der eigentliche Sämann ist; die Gegenwart und die Arbeit des Missionars ist mehr eine Zeit der Ernte, des Einsammelns der Früchte des Wortes Gottes in den Herzen der Menschen. Ich bin kein Bibelgelehrter und kann nicht beurteilen, welche Auslegung besser ist. Ich kann mich nur daran erinnern, dass die Sicht des Franziskaners mich als sehr hoffnungsvoll, offen, großmütig, inspirierend beeindruckte. Sie war auch die Antwort auf die immer überraschende Erfahrung der Begegnung mit nichtchristlichen Männern und Frauen, die eine solch tiefe Liebe leben und ausdrücken, ein Mitgefühl und eine Menschlichkeit, dass sie nur aus der Perspektive Gottes her erklärt werden können.
Die jüngste Erfahrung der dreifachen Katastrophe in Japan1 und die Art der Reaktion, mit großer Würde, Ruhe, Solidarität und Mitgefühl, kann man nur verstehen, wenn man daran glaubt, dass Gott im Herzen der Menschen wirkt, und wenn man die menschlichen und religiösen Werte berücksichtigt, die in die japanische Kultur eingegangen sind. Gott in einer fremden Kultur zu finden, ist keine theoretische Frage, bei der es darum geht, dass eine bestimmte Auffassung bestätigt oder widerlegt wird; es geht vielmehr um einen tieferen Blick, der das Vordergründige übersteigt, und der die Herzen in einer Tiefe berührt, in der sie unantastbar sind.
3. Wo sehen Sie gegenwärtig Aufbrüche, in denen Gott am Werke ist?
Vielleicht kann ich an diese Frage mit einer kleinen Geschichte herangehen: Einer alten Familientradition folgend nahm eine Dame ein sehr junges, blindes Mädchen, das auf der Straße bettelte, zu Weihnachten zu sich nach Hause. Wie gewöhnlich bekam das Mädchen ein heißes Bad, ein hübsches und bequemes Kleid und ein gutes, schmackhaftes Essen. Nach all dem fragte das Mädchen unschuldig: »Bist du Gott?« Die Dame antwortete: »Nein, nein. Ich bin nur seine Tochter«. Worauf das Mädchen bemerkte: »Ja, ich wusste, du gehörst zur Familie«!
Ich denke, das ist die Art, in der wir Gott begegnen, oder wie wir – im Wortlaut Ihrer Frage – Aufbrüche sehen, Zeichen seiner Gegenwart: immer, wenn etwas in unserer Umgebung geschieht, das die Qualität der Liebe, der Schönheit, des Mitgefühls, der Gerechtigkeit, der Freude und Hoffnung, der Güte in ihren vielen und reichhaltigen Formen steigert. Es ist die Überraschung des Unerwarteten, denn es bereichert uns Menschen; die Freude der Begegnung, die von Hoffnung spricht, trotz allem; der Friede, den wir erfahren, wenn wir begreifen, dass Güte immer größer und tiefer ist als all die schlechten Nachrichten, mit denen wir ständig zu tun haben.
Und so sehe ich Gott am Werk in den Jungen, die Solidarität und Mitgefühl mit denen empfinden, die weniger haben oder leiden … und die dafür etwas tun. Ich sehe Gott am Werk in so vielen Ordensleuten, die alles verlassen und das Risiko auf sich genommen haben dorthin zu gehen, wohin niemand gehen will, und Krankheit, Notsituationen und sogar den Tod riskieren. Ich sehe Gott am Werk in Kindern, die sich öffnen für alles, in Müttern, die sich ganz für ihre Kinder einsetzen, in Vätern, die an ihrem Arbeitsplatz aushalten, trotz Fehlens eines ausreichenden Gehaltes, des beruflichen Ansehens oder einer speziellen beruflichen Qualifikation, um ihrer Familie den Lebensunterhalt, Ausbildung und Hoffnung zu sichern. Es ist so offenkundig, dass Gott die Menschheit nicht aufgegeben hat, sondern sie weiterhin erfüllt mit seiner Gegenwart!
4. Wie sehen sie die Herausforderungen/Probleme/Chancen, Gott in einer säkularisierten Welt zu finden?
Ich denke, dass die Antwort schon in der vorangegangenen Erläuterung gegeben wurde. Ich glaube, dass der Geist Gottes immer am Werk war und weiterhin in den Herzen und in den wichtigen Realitäten der Menschen wirkt. Das hat sich nicht geändert durch die sogenannte »Säkularisierung« unserer modernen Welt. Wir mögen vielleicht weniger wahrnehmungsfähig und aufmerksam geworden sein, aber die Gegenwart Gottes bleibt Teil unserer menschlichen Erfahrung. Ein Jesuit und Freund sandte mir eben erst das Gebet einer Nonne aus dem 17. Jahrhundert, in dem wir diesen Satz finden: »Gib mir, Gott, die Fähigkeit, die Güte an unerwarteten Orten zu sehen und die Gaben in Menschen, von denen ich nichts erwartet hätte.«
Die Welt ist weiterhin voll von Überraschungen und das menschliche Herz ist weiter damit beschäftigt, auf die Herausforderungen unserer Welt mit Mitgefühl und Großzügigkeit zu antworten. Wir haben heute mehr humanitäre und Hilfsorganisationen als wir jemals in der Vergangenheit hatten. Und wenn wir von den Jungen nicht die Antwort erhalten, die wir auf manchen Gebieten erwartet haben, dann sagt uns dies eher etwas über unsere fehlende Kreativität, die Herausforderungen klar zu benennen und zugleich Lösungsmöglichkeiten anzubieten, als über das Fehlen solcher Antworten.
Adolfo Nicolás SJ ist gebürtiger Spanier und seit 2008 Generaloberer der SJ. Er lebt in Rom.
Pedro Arrupe
Unser Ziel ist, Männer zu werden, die wie Ignatius in einer langen, nie endenden Erfahrung des Herrn erzogen, ständig auf der Suche nach dem Herrn sind und auf ihn hören und sich einen gewissen übernatürlichen Spürsinn dafür aneignen zu erkennen, wo er ist und wo er nicht ist.
Dieser Geist der Unterscheidung mit seinen unumgänglichen Aspekten ist Grundlage und Voraussetzung für jede Evangelistentätigkeit. Ohne diesen Geist ist dieses Wirken nicht mehr authentisch und, statt die Kirche und die Gesellschaft aufzubauen, zerstört es sie.
P. Pedro Arrupe SJ, Die Eigenart unserer Gesellschaft. Geistliche Texte SJ, Nr. 6, (München 1982), 37–38.
Pedro Arrupe SJ (1907–1991) wurde 1965 zum Generaloberen der SJ gewählt und übte dieses Amt bis zu seinem Schlaganfall 1981 aus.
II. Grundsätzliches
TONI WITWER
»Gott suchen und finden« in Leben,
Praxis und Anweisungen
des hl. Ignatius
Leben, eigene Praxis und geistliche Anweisungen für andere hängen eng miteinander zusammen und bedingen sich gegenseitig. Der genauere Blick auf diese drei Aspekte der Gott-Suche und ihre Beziehung zueinander ist jedoch nicht nur wichtig, um dieses Wesensmerkmal ignatianischer Spiritualität tiefer verstehen, sondern auch um andere besser in diesem Geiste begleiten zu können.
In seinem Leben
Zu einem wirklich Gott – und nicht nur sich selbst – suchenden Menschen wurde Ignatius erst, nachdem ihn Gott »heim-gesucht« und so seine Lebenspläne »durchkreuzt« hatte, auch wenn ihm dies selbst erst nach und nach deutlich werden sollte. Vor seiner Verwundung in Pamplona und dem Krankenlager in Loyola war er zwar ein gläubiger Mensch, jedoch keiner, der wahrhaft auf der Suche nach Gott war. Wie dem Paulus vor Damaskus stellte Gott sich auch dem Ignatius gleichsam in den Weg und ließ seine schwere Verwundung, die ihn bis an den Rand des Todes führte (vgl. BP 3), zur inneren Frage werden: »Was suchst du? Wen suchst du?« (vgl. BP 7).
Zwar noch ganz auf sich selbst bezogen und in Gedanken mit seiner weiteren Karriere beschäftigt (vgl. BP 4–6), erfuhr er in seiner Krankheit erstmals in tieferer Weise die Grenzen seines Lebens und die eigene Schwachheit – und »fand« so wirklich Gott. Durch die Erfahrung der eigenen Abhängigkeit – die Erfahrung seines Geschaffenseins – gelangte er zur Erfahrung und Erkenntnis Gottes, d.h. er wurde dort auf Gott wahrhaft aufmerksam, wo er erkannte, wie sehr sein ganzes Leben von Gott abhängt.
Diese gleichsam erste und grundlegende Erfahrung Gottes weckte in ihm das Verlangen, sich weiter mit Gott zu beschäftigen und nach diesem zu »suchen«. Begonnen hatte diese Suche mit der wachsenden Aufmerksamkeit für die Gegenwart und das Wirken Gottes in seinem Leben und im Verspüren der Verschiedenheit der geistlichen Bewegungen (vgl. BP 8), – und sie wurde in dem Maße immer lebendiger, wie er Gott dank dessen entgegenkommender Liebe »finden« konnte, d.h. das »Gefundene« – die Erkenntnis und Erfahrung Gottes – wurde für ihn zum Stimulus für die weitere Suche.
In seinem Nachdenken über sein Leben erkannte er nicht nur seine Schuld und die Notwendigkeit der Buße und Umkehr (vgl. BP 9), sondern er wurde auch schrittweise sensibel für die Berufung: er spürte, dass Gott von ihm etwas wollte und einen Plan mit ihm hatte. In seinem Verlangen, die Heiligen nachzuahmen (vgl. BP 7 u. 9) und ein ganz auf Gott ausgerichtetes Leben zu führen, blieb er jedoch zunächst beim Vertrauen auf sich selbst stecken und war noch nicht zu einem wirklichen Vertrauen auf Gott fähig. Seine »Suche nach Gott« beschränkte sich in dieser Phase weitgehend auf eine Suche nach der eigenen Vollkommenheit – durch das Nachahmen der Heiligen – und glich damit der Frage des reichen Mannes: »Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?« (Mk 10,17).
Diese Frage, wie sein Leben in Zukunft weitergehen sollte, und der Versuch, sich durch Bußübungen, Fasten und lange Gebetszeiten selbst zu vervollkommnen, hatten eine wachsende Skrupelhaftigkeit zur Folge und führten ihn in eine tiefe Krise – bis zum Gedanken, sich das Leben zu nehmen (vgl. BP 22–24). Erst durch dieses neuerliche und noch tiefere Stoßen an die eigenen Grenzen begriff er, dass alles, was er zu tun vermochte, von der Hilfe Gottes abhängig war. Er wurde sensibel für die Gnade und Führung Gottes, der er sich anvertrauen und von der er später bekennen konnte: »In dieser Zeit behandelte Gott ihn auf die gleiche Weise, wie ein Schullehrer ein Kind behandelt, wenn er es unterweist« (BP 27).
Innerlich offen und empfänglich für Gott, konnte ihm dieser die tiefsten Geheimnisse des Glaubens geschenkhaft erkennen lassen (vgl. BP 28-30). Das Vertrauen in Gott befreite ihn nicht nur von der skrupelhaften Besorgtheit um sich selbst und sein eigenes Heil, sondern es erwies sich auch als die Basis für das eigentliche »Finden« Gottes. Die empfangene Erkenntnis über die Dinge des Glaubens bestimmte fortan sein Leben – »Und dies bedeutete, in so großem Maß mit erleuchtetem Verstand zu bleiben, dass ihm schien, als sei er ein anderer Mensch und habe eine andere Erkenntnisfähigkeit, als er je zuvor hatte« (BP 30) – und sie gab ihm die Gewissheit, immer und in allem mit Gott verbunden zu sein. Diese tiefe Verbundenheit mit Gott, die ihm in Manresa geschenkt worden war, ist das grundlegende Kennzeichen seiner Art, »Gott zu suchen und zu finden«. Hieronymus Nadal beschrieb sie kurz nach seinem Tod als »contemplativus in actione«, um so zu verdeutlichen, wie Ignatius in allen Dingen, Handlungen und Gesprächen die Gegenwart Gottes fühlte und betrachtete, d.h. wie er Gott in allen Dingen fand.2
Sein »Gott suchen und finden« ist jedoch nicht nur durch die genannte Art und Weise charakterisiert, sondern ganz entscheidend durch seine Beziehung zu Jesus Christus. Zwar wurde seine »Suche nach Gott« schon auf dem Krankenlager in Loyola zunehmend zu einer »Suche nach Jesus Christus«, doch sah er diesen zunächst vor allem als Maßstab, an dem er sein Leben zu messen suchte. Er wollte Jesus – wie die Heiligen – nachahmen und betrachtete ihn als Vorbild, das er so genau wie möglich zu kennen trachtete: besonders durch das Schreiben und Einprägen seiner Worte (vgl. BP 11) und durch den Plan der Wallfahrt nach Jerusalem (vgl. BP 9, 12, 16). Wie sehr er jedoch Jesus Christus anfangs recht äußerlich betrachtete, zeigt sein Erschrecken angesichts des Wunsches einer betagten Frau in Manresa, Jesus möge ihm doch eines Tages erscheinen (vgl. BP 21). Erst die tiefe Erfahrung seiner Erlösungsbedürftigkeit und die geistlichen Erkenntnisse in Manresa lassen ihn zunehmend die Beziehung zum Herrn suchen, sodass dieser immer mehr sein »Lehrer und Meister« wird, der ihn auf seiner Wallfahrt führt und ihm erscheint (vgl. BP 41, 44, 45 u. 48).
Die »Suche nach Gott« half Ignatius, »Gott in Jesus Christus zu finden«, und dies trieb ihn dann auch an, stets von neuem nach »Gott in der gelebten Beziehung zu Jesus Christus zu suchen«, d.h. seine »Suche nach Gott« wurde immer mehr zu einer »Suche nach Christus«. Damit hatte sich aber auch seine »Suche nach Gott« selbst nochmals verändert: Sie galt nicht mehr einer bloßen »Suche nach dem Willen Gottes« und einem damit verbundenen »Erfüllungsgehorsam« – einem Leben nach den Geboten Gottes, um sich selbst zu erlösen – sondern sie wurde zu einer »Suche nach der Beziehung zu Gott« und dem Mühen um einen »Verstandesgehorsam« – aus dem Verlangen um die größtmögliche Teilhabe an »Wesen und Gestalt seines Sohnes« (vgl. Röm 8,29) in einem Leben nach den evangelischen Räten.
Die »Suche nach Gott« ließ ihn aber auch immer mehr »sich selbst finden«, weil er nicht mehr in der Suche nach einer selbst erträumten Lebenswirklichkeit stecken blieb, sondern vielmehr die Konkretheit seines Lebensalltags als Gabe Gottes zu erkennen und als Auftrag an sich selbst wahrzunehmen vermochte: als die Einladung, sich selbst mit allem in Liebe Gott anzubieten.
In seiner eigenen geistlichen Praxis
Aus dem bisher Dargelegten ist leicht verständlich, dass der von Ignatius durchlaufene Weg der »Suche nach Gott« für sein weiteres Gebetsleben und seine geistliche Praxis bestimmend wurde. Er begriff, dass Gott das Fundament seiner spirituellen Entwicklung gelegt hatte, aber auch, dass es nun an ihm lag, darauf aufzubauen und weiter daran zu arbeiten.
Die Grundlage seines geistlichen Lebens war die Erinnerung an die erlösende Liebe Gottes in der Feier der Eucharistie, wie dies aus seinem ganzen Geistlichen Tagebuch klar ersichtlich ist: Die »Suche nach Gott« wurde für ihn zum inneren Aufruf, auf diese Weise niemals auf seine Liebe zu vergessen. In der täglichen Eucharistie lebte er jedoch nicht nur die Beziehung zum dreifaltigen Gott (vgl. GT 43-64), sondern er »fand« in ihr auch viel Trost (vgl. GT 8) und Klarheit in seinen Wahlüberlegungen (vgl. GT 10–19). In der Suche nach dem Willen Gottes ging es ihm nicht allein um das Abwägen menschlicher Gründe, sondern vielmehr um ein inneres Erspüren der Absicht Gottes – durch das Wahrnehmen von Trost und Misstrost – und um das je tiefere Sich-Einfühlen in die Vorgehensweise Jesu (vgl. GT 66–70). »Zu diesen Zeiten war in mir eine so große Liebe zu Jesus, und ich verspürte oder sah ihn so sehr, dass mir schien, in Zukunft könne überhaupt nichts mehr kommen, was mich von ihm trennen oder über die Gnaden und die Bestätigung, die ich empfangen hatte, unsicher machen könnte« (GT 75).
Aus dem Geistlichen Tagebuch wird aber auch deutlich, wie er die Gewissenserforschung verstand und wie er sie selbst praktizierte. Sie war für ihn nicht ein bloßes Schauen auf eigene Fehler, sondern vielmehr eine Übung, um sich an die Gegenwart und das Wirken Gottes zu erinnern und so zu erkennen, was in der Beziehung zu Gott hilfreich bzw. was hinderlich war. D.h. das Ziel der Gewissenserforschung war für ihn nicht eine kleinliche und um sich selbst besorgte Fehleranalyse, sondern die Vertiefung der Beziehung zu Gott – im Erkennen dessen, was ihn dabei behinderte oder ihm half. Entscheidend war für ihn, dass alles so Wahrgenommene und Erkannte dazu dienen kann, sich der barmherzigen Liebe Gottes tiefer anzuvertrauen und sich aus diesem Vertrauen weiter um ein Leben in der Gemeinschaft mit Gott zu mühen (vgl. GÜ 43). Die Gewissenserforschung als die liebende Aufmerksamkeit gegenüber Gott ist der deutlichste Ausdruck seiner beständigen »Suche nach Gott«, und sie ist die Übung, in der er ihn auch immer wieder »fand« und sich mit ihm in mystischer Weise aufs tiefste verbunden wusste: Sie half ihm, nicht nur je mehr zu einem Werkzeug in der Hand Gottes zu werden, sondern auch in allem als solches zu leben und zu handeln.
In seinen geistlichen Anweisungen für andere
Einzelne Hinweise und Anweisungen, »Gott zu suchen und zu finden«, lassen sich in fast allen Schriften des Ignatius entdecken. Denn in dem Maße, wie er selbst wirklich »Gott gefunden« hatte, wuchs in ihm auch das Verlangen, anderen Menschen auf diesem Wege zu helfen. Das »Finden Gottes« hatte ihn nicht nur zu einem Zeugen der Liebe Gottes gemacht, sondern diese Erfahrung drängte ihn, andere zur »Suche nach Gott im eigenen Leben« und zum »Finden Gottes in der persönlichen Glaubenserfahrung« hinzuführen (vgl. Sa 3). Seine Exerzitien sind zwar gewiss die Frucht seiner geistlichen Erfahrungen in Loyola und Manresa, ebenso aber auch eine Folge seines tiefen Verlangens, anderen zu helfen, aus der Beziehung zu Gott zu leben. Ihre Struktur entspricht daher nicht nur dem Weg, den Ignatius im Suchen und Finden Gottes durchlaufen hat, sondern aus ihr wird auch deutlich, welche Schritte nacheinander zu setzen sind, um je mehr aus Gott zu leben.
So ist es nicht verwunderlich, dass er in seinen Briefen nicht nur generell auf die Bedeutung der Exerzitien hinweist, sondern vor allem die Wichtigkeit der Ersten Woche hervorhebt: die Konfrontation mit der menschlichen Schwachheit und Erlösungsbedürftigkeit (vgl. GÜ 18). Aus seiner Erfahrung war ihm klar: Solange der Mensch nicht seine Schwachheit »erleidet« und an seine Grenzen stößt, wird er versucht bleiben, aus eigener Kraft »sein Leben zu gewinnen«, weil er meint, dieses selbst in der Hand zu haben. Deshalb möchte Ignatius den Menschen gerade dadurch für Gott öffnen, dass er ihm seine fundamentale Abhängigkeit von Gott vor Augen führt: positiv durch den Blick auf die Liebe Gottes, die im Geschaffensein und der damit gegebenen Berufung sichtbar wird, aber auch negativ durch das Betrachten seiner Verlorenheit, seiner Sünde und Schuld. Das »Prinzip und Fundament« sowie die Betrachtungen über die Sünde sind für ihn deshalb grundlegend, um für Gott innerlich offen zu werden und ihn wirklich »finden« zu können. Denn nur in dem Maße, wie der Mensch Gott als seinen Schöpfer und Erlöser zu »finden« vermag, wird er auch bereit sein, sich von Gott führen und belehren zu lassen. Nur so kann dann auch jene geistliche Dynamik einsetzen, aus der das Verlangen, »Gott zu suchen und zu finden« ständig zunimmt und den Menschen mehr und mehr zum Bittenden macht: »Innere Erkenntnis des Herrn erbitten, der für mich Mensch geworden ist, damit ich mehr ihn liebe und ihm nachfolge« (GÜ 104).
Erst wo im Menschen die Sehnsucht wach wird, Jesus Christus nachzufolgen, ist er auch zunehmend in der Lage, nach dem Willen Gottes zu suchen und diesen zu finden. Dazu muss er jedoch selbst zuerst klein und demütig werden (vgl. GÜ 164–167), denn ansonsten wird er nicht »den Willen Gottes finden«, sondern vielmehr wie Petrus in rein menschlichen Erwägungen steckenbleiben (vgl. Mk 8,33). Aus diesem Grunde betont Ignatius, dass der Wille Gottes nur in der tiefen Beziehung mit dem gekreuzigten Herrn gefunden und gelebt werden kann – im ständigen Erwägen, was er für mich gelitten hat »und was ich selbst für ihn tun soll und leiden muss« (GÜ 197). Entscheidend ist daher die gelebte Beziehung zu Gott, und deshalb »sind die Mittel, die das Werkzeug mit Gott verbinden und es dafür bereiten, sich gut von seiner göttlichen Hand leiten zu lassen, wirksamer als die Mittel, die es gegenüber den Menschen bereiten« (Sa 813).

Der Blick auf das Leben, die Praxis und die Anweisungen des Ignatius zeigt, dass »Gott suchen« und »Gott finden« eng miteinander verbunden sind. Da es dabei immer um die Beziehung des Menschen mit Gott geht, erscheinen sie zwar nahezu gleichbedeutend, doch besteht zwischen ihnen auch ein wichtiger Unterschied. Die »Suche nach Gott« ist eine nach der Beziehung zu ihm – und damit eine »Suche« nach dem »je mehr« der Liebe zu Gott, so wie dies im »Prinzip und Fundament« zum Ausdruck kommt: »indem wir allein wünschen und wählen, was uns mehr zu dem Ziel hinführt, zu dem wir geschaffen sind« (GÜ 23), d.h. die »Suche« benennt die menschliche Grundhaltung, die für die Vertiefung der Beziehung zu Gott erforderlich ist. Das »Finden Gottes« ist dagegen die geschenkhafte Erfahrung seiner Liebe, die nicht in der Hand des Menschen liegt, um die er nur immer wieder neu Gott im Sinne der »Betrachtung zur Erlangung der Liebe« bitten kann: »Gebt mir eure Liebe und Gnade, denn diese genügt mir« (GÜ 234). Das »Finden Gottes« ist jene Erfahrung der Geborgenheit bei Gott, die Ignatius in gnadenhafter Weise zuteil wurde, sodass er in allem die Gegenwart Gottes fühlen und betrachten konnte und so stets »contemplativus in actione« war.
Toni Witwer SJ lehrt Spiritualität an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom.
Ignatius von Loyola:
In all diesen Zeiten, … war ein Gedanke in mir, der mich innen in der Seele durchdrang: Mit wie großer Ehrerbietung ich, wenn ich zur Messe gehe, Gott unseren Herrn usw. nennen und nicht Tränen, sondern diese Ehrerbietung und Ehrfurcht suchen müsste; … ja ich gewann die Überzeugung, dass dies der Weg war, den mir der Herr zeigen wollte … Während ich die Messe las, gewann ich sogar die Überzeugung, dass ich diese Gnade und Erkenntnis für den geistlichen Fortschritt meiner Seele für wichtiger hielt als alle anderen bisher.
(GT, in: GGJ 398–399)
In diesem Zeitabschnitt schien mir, dass die Demut, Ehrfurcht und Ehrerbietung nicht furchtsam, sondern liebevoll sein sollte, und dies ging so in meinen Sinn ein, dass ich immer wieder sagte: »Gebt mir liebevolle Demut!«
Mir schien, dass 〈dieser Geist〉 es dabei nicht stehen bleiben würde, sondern dass das gleiche danach auch gegenüber den Geschöpfen sein 〈müßte〉 würde, nämlich liebevolle Demut usw. (Ebd. 402–403)
Man ermahne sie [= die Novizen] häufig, in allen Dingen Gott unseren Herrn zu suchen, indem sie, so sehr es möglich ist, die Liebe zu allen Geschöpfen von sich entfernen, um sie auf deren Schöpfer zu richten und ihn in allen Dingen zu lieben und alle in ihm, gemäß seinem heiligsten und göttlichen Willen. (Sa 288,3)
Ignatius von Loyola (1491–1556) gründete – gemeinsam mit einer Gruppe von Gefährten – den Jesuitenorden, der 1540 von Papst Paul III. bestätigt wurde.
DOMINIK MARKL
»Dein Angesicht, GOTT,
will ich suchen« (Ps 27,8)
Gottes-Sehnsucht in der Bibel
Wer Gott in allen Dingen sucht, folgt einer intensiven Sehnsucht. Wo ist ihr Ursprung? Es lohnt sich, die ältesten Quellen des christlichen Glaubens danach zu befragen – die Zeugnisse der biblischen Schriften. Beginnen wir jedoch, die Bibel mit dieser Frage zu lesen, sehen wir sogleich, dass die menschliche Gottes-Sehnsucht erst der Widerhall einer Suche ist, die bei Gott selbst ihren Anfang nimmt.
»Wo bist du?« rief Gott Adam im frischen Wind des Tages (Gen 3,9). Adam, der Mensch, ist von Anbeginn von Gott gesucht – als die neu entdeckte Nacktheit und Furcht die Begegnung bedroht. Gott bekleidet Adam und Eva, die Mutter aller Lebendigen, sodass die Menschheit erneut, frei von Scham, Gott begegnen kann (Gen 3,21). Bei Ezechiel zeigt sich Gott als suchender Hirte: »Das Verlorene will ich suchen und das Versprengte zurückbringen, und das Gebrochene will ich verbinden, und das Kranke will ich stärken« (Ez 34,16). Ezechiel inspiriert Jesus zum Gleichnis vom verlorenen Schaf: Wenn der Hirte sein Schaf gefunden hat, »ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war« (Lk 15,5f). Jesus sieht seine Lebensaufgabe darin, »zu suchen und zu retten, was verloren ist« (Lk 19,10).
Zuweilen verzweifelt Gott in seiner Suche: »Ich war zu erreichen für die, die nicht fragten, ich war zu finden für die, die mich nicht suchten. Ich sagte zu einem Volk, das meinen Namen nicht anrief: Hier bin ich, hier bin ich!« (Jes 65,1). Kohelet, der Stoiker der Bibel, deutet selbst die Wirkmacht der Vergangenheit in der Wiederkehr des ewig Gleichen als Gottes Suche nach dem Verlorenen: »Was auch immer geschehen ist, war schon vorher da, und was geschehen soll, ist schon geschehen, und Gott wird das Verjagte wieder suchen« (Koh 3,15).
Gott sucht Menschen, die zu Gottsuchern werden. »GOTT hat sich einen Mann nach seinem Herzen gesucht und ihn zum Fürsten seines Volkes gemacht« (1 Sam 13,14), entgegnet Samuel dem Saul, und David sucht Gott in den schwersten Momenten des Lebens. Als er an seiner eigenen Schuld nagt und Batsebas Kind erkrankt ist, »suchte David Gott um des Jungen willen. Und David fastete lange. Und wenn er heimkam, lag er die Nacht über auf der Erde« (2 Sam 12,16). Erneut, in einer dreijährigen Hungersnot, »suchte David das Angesicht GOTTES« (2 Sam 21,1). Davids Psalmen bringen seine Gottes-Sehnsucht zum Ausdruck: »Nur eines erbitte ich von GOTT, danach verlangt mich: Im Haus GOTTES zu wohnen alle Tage meines Lebens, die Schönheit GOTTES zu betrachten und nachzusinnen in seinem Tempel« (Ps 27,4). Schillernd ist der achte Vers dieses Psalms, wörtlich: »zu dir sagt mein Herz: ›Sucht mein Angesicht!‹« Spricht hier das göttliche Herz zu David oder erinnert sich Davids Herz an das Gotteswort? – »Dein Angesicht, GOTT, will ich suchen!« Wie die Suche ein Wechselspiel ist, so auch die Aufforderung zur Suche. Im letzten Vers des längsten Psalms fühlt sich ein Beter »verirrt wie ein verlorenes Schaf« und bittet Gott: »Suche deinen Diener!« (Ps 119,176). Davids Psalmen bekennen, dass die Suche Gottes zu Freude führt: »Alle, die dich suchen, sollen fröhlich sein und sich freuen in dir!« (Ps 40,17; 70,5; vgl. 1 Chr 16,10). David bedeutet »Liebling«, und wenn schon er in ganz menschlichen Zügen gezeichnet ist, so auch sein Sohn Salomo, dem das Lied der Lieder zugeschrieben ist. In ihm sehnt sich die Liebende: »Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, die Gassen und Plätze, ihn suchen, den meine Seele liebt« (Hld 3,1f). Menschliche Sehnsucht, die »krank vor Liebe« fühlen lässt (Hld 2,5; 5,8), spiegelt die Gottes-Sehnsucht – »ihre Gluten sind Feuergluten, eine Flamme Jahs« (Hld 8,6). Das Ende des Liedes hält die Sehnsucht lebendig (Hld 8,14): »Eile, mein Geliebter, der Gazelle gleich, dem jungen Hirsch auf den Balsambergen!«
Selbst Tiere suchen Gott – sogar die stärksten Räuber flehen ihn an: »Die jungen Löwen brüllen nach Beute, sie ersuchen Gott um ihre Nahrung« (Ps 104,21). Alle Geschöpfe »warten auf dich, dass du ihnen ihre Speise gibst zu seiner Zeit. Gibst du ihnen, dann sammeln sie ein; öffnest du deine Hand, werden sie satt an Gutem. Verbirgst du dein Gesicht, sind sie verstört; nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub der Erde. Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen, und du erneuerst das Antlitz der Erde« (Ps 104,27–30). Dieser Hymnus sieht alle Geschöpfe als von göttlichem Lebensgeist begabte Gottsucher. Unsere Suche fügt sich in eine den Kosmos umfassende Gottsuche ein.
Wie das Leben aller von Gott abhängt, ist die spirituelle Suche des Einzelnen nicht vom Leben der Gemeinschaft zu trennen – sie verlangt den Einsatz für soziale Gerechtigkeit. »Hört auf mich, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr GOTT sucht!« (Jes 51,1). Nach Zefanja setzt dies eine Haltung der Demut voraus: »Sucht GOTT, alle ihr Demütigen des Landes, die ihr sein Recht tut, sucht Gerechtigkeit, sucht Demut!« (Zef 2,3).
Menschen, die selbst Gewalt erlitten haben, suchen Gott in vertiefter Weise – dies zeigt die Bibel besonders am Beispiel des Babylonischen Exils, schon in Moses’ Ankündigung: »GOTT wird dich unter die Völker zerstreuen … Dann werdet ihr von dort aus GOTT, deinen Gott, suchen. Und du wirst ihn finden, wenn du mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele nach ihm fragen wirst« (Dtn 4,27–29). In eben diese Situation des Exils spricht Gott selbst in Jeremias Prophetie: »Sucht ihr mich, so findet ihr mich. Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, lasse ich mich von euch finden« (Jer 29,13f; vgl. 2 Chr 7,14). Jesus versichert im gleichen Sinn: »Sucht, dann werdet ihr finden« (Mt 7,7/Lk 11,9).
Sacharjas Prophetie sieht eine Zeit universaler Gottessuche kommen: »Es wird noch geschehen, dass Völker herbeikommen und die Einwohner vieler Städte. Und die Bewohner der einen werden zur anderen gehen und sagen: Lasst uns doch hingehen, Gott anzuflehen und den Gott der Heerscharen zu suchen! Auch ich will gehen!« (Sach 8,20f). Und Maleachis prophetische Vision kündet an, der sehnsuchtsvoll Erwartete werde kommen: »Seht, ich sende meinen Boten; er soll den Weg für mich bahnen. Dann kommt plötzlich zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Bote des Bundes, den ihr herbeiwünscht. Seht, er kommt!« (Mal 3,1).
Im Neuen Testament wird Jesus zum großen Gesuchten. »Alle suchen dich«, hört er schon nach seinen ersten Heilungen (Mk 1,37; vgl. Joh 6,24). »Was sucht ihr?« (Joh 1,38), »wen sucht ihr?« (Joh 18,4.7) und »wen suchst du?« (Joh 20,15; vgl. Mt 28,5) sind Grundfragen im Johannesevangelium. Für Matthäus und Lukas soll sich die Suche der Jünger Jesu vor allem auf Eines richten: »Sucht zuerst das Gottesreich und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch dazugegeben werden« (Mt 6,33; vgl. Lk 12,31). Ähnlich wie Maleachis Vision und der sehnsuchtsvolle Schluss des Hohenliedes, entlässt auch das Neue Testament seine Leser in die Erwartung des Ersehnten (Offb 22,20): »Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. – Amen. Komm, Herr Jesus!«
Gottessuche, insbesondere ignatianische, fließt aus nicht versiegenden Quellen der biblischen Zeugnisse. Wenn wir in allen Dingen Gott suchen, folgen wir der Sehnsucht Gottes, die uns von Anfang an gesucht hat und auch heute unsere Sehnsucht weckt.
Dominik Markl SJ ist Dr. habil. für Altes Testament; er bereitet sich auf eine Lehrtätigkeit am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom vor.
MARTIN HASITSCHKA
Die Welt sehen, »wie sie gebadet ist im Blute Christi«
Zu einer neuen Sicht der Wirklichkeit motiviert uns ein Wort des Ignatius, das Hugo Rahner in folgender Übersetzung präsentiert: »Wir müssen alle Kreatur betrachten, nicht wie sie in sich schön und liebenswert ist, sondern wie sie gebadet ist im Blute Christi.«3 Ignatius will damit den Patres, die er ausgesandt hat, nahelegen, welche Sicht und welche Haltung sie gegenüber den Menschen einnehmen sollen, denen sie begegnen. Indem wir entsprechende Texte im Neuen Testament betrachten, können wir tiefer erfassen, was dieses Wort bedeutet.
Der metaphorische Ausdruck »gebadet im Blute Christi« erinnert an die Vision vom geretteten Gottesvolk in der Offenbarung des Johannes (Offb 7,9–17). Es befindet sich bereits in seiner himmlischen Vollendung. Johannes sieht eine unzählbar große Menge von Menschen »stehend vor dem Thron (Gottes) und vor dem Lamm, bekleidet mit weißen Gewändern und Palmzweige in ihren Händen« (Offb 7,9). Sie singen von ihrer Rettung. Diese mit weißen Gewändern Bekleideten – so erfährt Johannes – »sind die Kommenden aus der Bedrängnis, der großen, und sie haben gewaschen ihre Gewänder und haben sie weiß gemacht im Blut des Lammes« (Offb 7,14).
Das weiße Gewand ist Sinnbild der Zugehörigkeit zu Christus und der Verbundenheit mit ihm (vgl. Gal 3,27). Die paradoxe Vorstellung von der Reinigung der Gewänder im Blut des Lammes weist darauf hin, dass die Zugehörigkeit zu Christus nicht auf eigenen Verdiensten beruht, auch nicht auf dem eigenen Martyrium, sondern auf der Lebenshingabe Jesu als Ausdruck seiner Liebe zu uns (vgl. Offb 1,5). Das weiße Gewand symbolisiert zugleich auch die priesterliche und königliche Würde, die alle durch das Blut des Lammes erlangen (vgl. Offb 5,10).
In seinem Brief an die Römer schreibt Paulus, dass in Jesus, und zwar »in seinem Blut«, Gott uns einen Beweis gibt. Einerseits beweist er uns seine »Gerechtigkeit«, nämlich dass wir uns in neuer, rechter Beziehung zu ihm wissen dürfen (Röm 3,25), und anderseits gibt er einen Beweis seiner »Liebe« zu uns (Röm 5,8). Grund für die neue, heile und rechte Beziehung zu Gott ist seine Liebe, die »ausgegossen ist in unsere Herzen« (Röm 5.5). Durch Jesus und den Beweis, der uns »in seinem Blut« gegeben ist, haben wir eine unerschütterliche Hoffnung auf »Herrlichkeit« (Röm 5,2), auf Heil und ewiges Leben über alle irdischen Vorstellungen hinaus. Bereits jetzt ist uns gegeben, die Welt im Licht dieser Herrlichkeit zu sehen.
Zu einer neuen Betrachtungsweise der Welt, die sich im Glauben an Jesus eröffnet, motiviert Paulus auch am Schluss seines Briefes an die Galater. Er gibt ein persönliches Glaubenszeugnis, in das auch die Adressaten seines Briefes einstimmen können: »Es sei mir fern, mich zu rühmen, außer im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt« (Gal 6,14). Im Blick auf Jesus, der am Kreuz sein Blut vergossen hat, sieht Paulus die Welt und auch sich selbst, wie sie hineingenommen sind in das Kreuzesgeschehen. Zugleich kann Paulus in unserer irdischen Welt bereits Spuren und Zeichen einer neuen Schöpfung wahrnehmen.
Was »das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus« dem Paulus persönlich bedeutet, hat er schon vorher angedeutet, wenn er schreibt: »Mit Christus bin ich mitgekreuzigt. Ich lebe, aber nicht mehr ich. Es lebt vielmehr in mir Christus. Was ich aber jetzt lebe im Fleisch, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, den mich Liebenden und sich Hingebenden für mich« (Gal 2,19–20). Jesu Kreuz sieht Paulus als Zeugnis einzigartiger Liebe, die ihm persönlich gilt (»für mich«).
Der zweistrophige Christushymnus im Kolosserbrief (Kol 1,15–20) singt vom »geliebten Sohn« des »Vaters«. In der ersten Strophe (Kol 1,15–18a) wird im Blick auf die Schöpfung betont, dass »das All« in ihm und durch ihn und auf ihn hin erschaffen wurde. Die zweite Strophe (Kol 1,18b–20) handelt von der mit Gott versöhnten Schöpfung, die mit Jesu Auferweckung von den Toten beginnt. Es hat – so wird betont – Gott wohlgefallen, in Jesus die ganze »Fülle« wohnen zu lassen und durch ihn und auf ihn hin »das All« zu versöhnen, »Frieden stiftend durch das Blut seines Kreuzes« (Kol 1,19–20). Glaubende erfahren in ihrem eigenen Leben das rettende und versöhnende Wirken Gottes (Kol 1,21–22) und erkennen darin zugleich Gottes versöhnende Initiative gegenüber der ganzen Schöpfung. Sie sehen die Welt in einem neuen Licht: im Licht der versöhnenden Liebe Gottes, die im Gekreuzigten und Auferweckten höchsten Ausdruck findet.
Auch der hymnische Text am Beginn des Epheserbriefes singt von der versöhnenden Initiative Gottes, die uns Jesus »durch sein Blut« bezeugt (Eph 1,7). In Jesus, dem geliebten Sohn, schenkt uns Gott seine wunderbare »Gnade« (Eph 1,6). Damit ist uns auch die Gewissheit gegeben, dass wir »erwählt« sind vor der Erschaffung der Welt und »vorherbestimmt« dazu, dass wir »seine Söhne und Töchter werden durch Jesus Christus« (Eph 1,4–5).
In den erwähnten Textstellen aus der Offenbarung des Johannes und den Paulusbriefen ist das Blut Jesu Sinnbild für seine freiwillige Lebenshingabe. Er stirbt als Märtyrer, als »der treue Zeuge« (Offb 1,5). Nicht aus Schwäche, sondern in geheimnisvoller Stärke verzichtet er dabei auf Gegenwehr und alle Mittel der Gewalt. Mit seinem am Kreuz vergossenen Blut besiegelt er die Glaubwürdigkeit seiner Botschaft. Gott rettet den Gekreuzigten, indem er ihn von den Toten erweckt, und er bestätigt damit das Zeugnis Jesu. Gott ist wirklich so, wie Jesus ihn verkündet hat.
Wenn wir dies ernst nehmen, dann ändert es unseren Blick auf die Wirklichkeit. Die Geschöpfe betrachten, wie sie gebadet sind im Blut des Lammes, heißt sie zu sehen im Licht von Ostern: als von Gott geliebte – trotz der dunklen Rätsel von Leid und Gewalt, mit denen wir täglich konfrontiert werden.
Das Johannesevangelium bestärkt uns in dieser Sichtweise. Im Gespräch mit Nikodemus sagt Jesus: »So nämlich liebte Gott die Welt, dass er den einzigen Sohn gab, damit jeder an ihn Glaubende nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat« (Joh 3,16).
Das Wort des Ignatius leitet uns nicht nur dazu an, die Welt im Licht Christi zu sehen, sondern bewegt uns auch zu einer dieser Sichtweise entsprechenden Lebenspraxis. Wir sehen die Menschen, wie ihnen besondere Würde zukommt. Das hat Auswirkungen auf unser Verhalten ihnen gegenüber. Indem wir die ganze Welt in ihrer Bezogenheit auf Christus sehen, ergibt sich daraus auch ein achtsamer und ehrfurchtsvoller Umgang mit der Schöpfung.
Martin Hasitschka SJ ist emeritierter Professor für Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck.
Jerónimo Nadal:
WER BIST DU? Betrachtung über die Geschöpfe. Besinne dich und sage zu den einzelnen: Wer bist du? Und die einzelnen und alle zusammen antworten: Ich bin nicht Gott. Was bist du dann? Die Stimme eines Rufenden, Spur Gottes, Leben in Gott, Licht aus Gott. Aber damit du diese Stimme hörst, musst du in die Wüste deines Herzens gehen, wo es kein eitles und unvollkommenes Verlangen gibt; hier wirst du jene Stimme vernehmen und du wirst Gott in den Geschöpfen verspüren, das heißt den Hinweis auf Gott im Herzen durch das Geschöpf Gottes. Deine Eigenliebe, Anmaßung und Prahlerei fragen dich nach jenen Gaben, die du nicht besitzest, und du antwortest: Ich bin es, ich bin es, sie sind mein Eigentum; oder von denen, die du von Gott erhalten hast, antwortest du so, dass du sie dir, nicht Gott zuschreibst. Was ergibt sich daraus? Du wirst nicht die Stimme Gottes in der Wüste sein, sondern das Brüllen des bösen Geistes inmitten eines Haufens schändlicher Leidenschaften. Deshalb erkenne in der Wahrheit und Demut deines Herzens, dass du jene Gaben, die ein Irrtum deines Herzens fälschlicherweise dir zuschreibt, nicht besitzest; und jene, die du besitzest, falls du welche besitzest, schreibe Gott zu und nicht dir; lobe Gott ihretwegen, erniedrige und verdemütige dich ganz tief. Wenn du dich auf diese Demut und Wahrheit stützest, wirst du eine Stimme Gottes werden, die ruft in der Wüste deines Herzens und in der Demut, die wächst bis zu jenem Maß von Wüste, in dem du endlich verspürst, dass du nichts bist, wie Paulus, und beginnst, dich und Gott zu erkennen, dich in Gott (vgl. 1 Kor 15; 2 Kor 12,9). Alle Geschöpfe verkünden mit unaussprechlicher Stimme Gottes Erhabenheit und Licht in ihnen selbst.
Jerónimo Nadal, Der geistliche Weg. Erfahrung und Lehre nach seinem Notizbuch »Orationis observationes« (Einsiedeln, Freiburg 1991), Nr. 932, S. 161–162.
Jerónimo Nadal SJ (1507–1580) war ein enger Vertrauter des Ignatius von Loyola und hatte eine große Bedeutung für die Formung des Jesuitenordens in seiner frühen Zeit.
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