Читать книгу: «Gehört der Islam zu Österreich»

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Inhalt

Cover

Titel

VORWORT

Das Wir und das Ihr

Rainer Nowak und Erich Kocina

1. ISLAM UND ÖSTERREICH

Die muslimische Volkszählung

Erich Kocina

2. ISLAM UND POLITIK

Ein schwieriger Umgang

Oliver Pink

3. ISLAM UND KATHOLISCHE KIRCHE

Mehr Neben- als Miteinander

Dietmar Neuwirth

4. ISLAM UND WIRTSCHAFT

Österreichs Halal-Ökonomie

Jakob Zirm

5. ISLAM UND KINDERGARTEN

Radikalisierung und Skandalisierung

Eva Winroither

6. ISLAM UND SCHULE

Weltanschauungen im Klassenzimmer

Bernadette Bayrhammer

7. ISLAM UND FRAUEN

Das Tuch, das spaltet

Anne-Catherine Simon

8. ISLAM UND DIE TÜRKEN

Der Einfluss der alten Heimat

Köksal Baltaci

9. ISLAM UND EXTREMISMUS

Die Kinder des Jihad

Anna Thalhammer

10. ISLAM UND ANTISEMITISMUS

Neuer Import des alten Gifts

Rainer Nowak

11. ISLAM UND RECHT

Kein Minarett und keine Burka

Benedikt Kommenda

12. ISLAM UND MEDIEN

Viel beachtet, oft falsch dargestellt

Anna-Maria Wallner

13. ISLAM UND BUNDESHEER

Freitagsgebet in Uniform

Iris Bonavida

14. ISLAM UND JUSTIZ

Muslime hinter Gittern

Manfred Seeh

15. ISLAM UND VORBILDWIRKUNG

Der Kickboxer als Role Model

Gerhard Bitzan

16. ISLAM UND DISKRIMINIERUNG

Muslime als Feindbild

Erich Kocina

17. ISLAM UND MINDERHEITEN

Die „anderen“ Muslime

Duygu Özkan

Autorinnen und Autoren

Weitere Bücher

Impressum

Vorwort

Das Wir und das Ihr

Rainer Nowak und Erich Kocina

Gehört der Islam zu Österreich? Es ist eine provokante Frage und natürlich eine zugespitzte, die am Cover dieses Buches steht. Und es ist eine Frage, in der eine These steckt, die man als ein Problem sehen kann. Dass damit nämlich ein „Wir“ und ein „Ihr“ konstruiert wird. Eine Unterscheidung in Österreicher und Muslime, die suggeriert, dass es ein einheitliches Ganzes gibt – und das auf beiden Seiten. Allein, weder gibt es den monolithischen Block der Muslime, der wie ein Fremdkörper in ein Land gepflanzt wurde und an dem in einem lebensgroßen Experiment gezeigt wird, wie sich seine Mitglieder hier einfinden. Und auch Österreich ist weit davon entfernt, ein einheitlich organisierter Raum zu sein, der in sich reibungsfrei funktioniert und erst durch das Einsetzen einer religiösen Gruppe ins Wanken kommt.

Schon der Blick in die Geschichte zeigt, dass der Islam längst ein Teil von Österreich ist. Beginnend mit der Okkupation des muslimisch dominierten Bosnien-Herzegowina durch die Habsburger wurde der Islam auch formal ein Teil des organischen Ganzen. Als kleiner Teil, dem ganz selbstverständlich auch alle Rechte zugestanden wurden. Und der weit davon entfernt war, Bedenken von einem Kampf der Kulturen auszulösen. Wohl auch, weil im fernen Wien kaum etwas von dem Neuen zu spüren war. Und weil Religion nur ein Aspekt von vielen war, der im damaligen Vielvölkerstaat mitnichten die Hauptrolle spielte.

Der Orient und mit ihm der Islam hatte auch lange Zeit die Rolle eines Faszinosums für die Europäer. Irgendwo zwischen exotischer Begeisterung und Weltoffenheit in einer damals noch nicht globalisierten Welt rangierte der Umgang mit dieser Religion. Natürlich, es gab die Konflikte, die kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich. Die Türkenbelagerungen 1529 und 1683, nach denen Wien sich als Bastion des christlichen Abendlandes inszenieren konnte. Und schon damals wurde den Muselmanen, wie sie genannt wurden, auch Ablehnung entgegengebracht. Aber gleichzeitig blieb auch ein wenig vom Gefühl, dass man von dieser Zivilisation doch auch einiges lernen konnte.

Ein wichtiger Markstein im Verhältnis Europas zum Islam war in jedem Fall die Arbeitsmigration aus muslimischen Ländern, die Mitte des vorigen Jahrhunderts einsetzte. In Österreich und Deutschland waren das vor allem die Gastarbeiter aus der Türkei. Nur dass sich damals noch niemand für deren Religion interessierte. Genau genommen interessierte man sich auch sonst recht wenig für die Menschen, die da gekommen waren, um beim Boom der Wirtschaft mitzuhelfen. Es war ja nur als temporäre Maßnahme gedacht. Nach getaner Arbeit, so die damalige Vorstellung, würden sie ja ohnehin wieder in ihre Heimat zurückgehen.

Das war der erste große Irrtum. Gefolgt davon, dass man deswegen auch keine Notwendigkeit sah, sich besonders um diese Menschen zu kümmern. Sie mit dem Land vertraut zu machen, ihnen die Sprache und die Mentalität näherzubringen. Und dafür zu sorgen, dass sich Verbindungen zwischen den Gastarbeitern und der autochthonen Bevölkerung ergeben. Man lebte nebeneinander, hatte einander nicht viel zu sagen und erwartete nicht, dass aus der kurzfristigen Idee eine längerfristige werden würde. Aus den zunächst wenigen Gästen im Land wurden mehr – und irgendwann passte auch der Begriff „Gast“ nicht mehr so recht. Österreich und Deutschland hatten sich als eine zweite Heimat für diese Zuwanderer etabliert.

Lange Zeit waren sie vor allem Türken. Muslime waren sie nur in zweiter Linie – und selbst da war das Interesse nicht wahnsinnig groß, die Furcht vor dieser Religion noch alles andere als ausgeprägt. Im Lauf der Jahre kamen andere Menschen, unter ihnen wieder zahlreiche Muslime, etwa aus Bosnien-Herzegowina. Wieder im Zug von Arbeitsmigration, später als Flüchtlinge aus dem Jugoslawien-Krieg. Doch auch bei ihnen spielte die Religion keine große Rolle. Ja, es wurde schon damals politisiert – gegen „die Ausländer“. Doch der Fokus auf den Islam sollte erst später kommen.

Spätestens mit dem 11. September 2001, mit den Angriffen auf die Twin Towers in New York und das Pentagon in Washington, hatte der Islam den Aufstieg zu einer Art globalem Feindbild geschafft. Ein Feindbild, das nach dem Zerfall der Sowjetunion, dem Ende des Kalten Krieges, offenbar dringend benötigt wurde, erstmals konkret niedergeschrieben in Samuel P. Huntingtons „Clash of Civilizations“ aus dem Jahr 1996. Ein Buch, das quasi das theoretische Konzept dafür lieferte, wie die Welt sich in den kommenden Jahrzehnten entwickeln würde.

Die neue Konfliktlinie zwischen der westlichen und der islamischen Welt hat unter anderem dazu geführt, dass etwa in Österreich und Deutschland aus den Ausländern, aus den Türken, aus den Bosniern und Iranern „die Muslime“ geworden sind. Die Religion ist plötzlich zum primären Identifikationsmerkmal aufgestiegen. Nicht zu einem Merkmal unter vielen, das eben zu einer Person gehört. Sondern zum wichtigsten, hinter das alles andere zurückgereiht wird. Parallel dazu hat sich aber längst eine Wandlung vollzogen. Demografisch und auch ideell. Denn längst ist der Islam nicht mehr ein Merkmal, das vor allem zu Zuwanderern passte. Viele Muslime haben längst die Staatsbürgerschaften von Österreich oder Deutschland inne. Weil sie eingebürgert wurden. Oder sogar hier geboren sind. Aufgewachsen im Bewusstsein, Österreicher zu sein. Und Muslim. Die Frage, ob sie hier dazugehören, stellt sich für sie nicht. Auch wenn sie ihnen von außen immer wieder gestellt wird. Diese Trennung in den Köpfen der Bevölkerung, diese Grundeinstellung im öffentlichen Diskurs ist es, die die Frage, ob der Islam denn nun zu Österreich gehört, immer wieder aufwirft. Eine Frage, die aber weder so pauschal gestellt noch beantwortet werden sollte. Natürlich ist es lohnend, einen Blick darauf zu werfen, wie sich der Islam im österreichischen Staat, in der österreichischen Lebensrealität mittlerweile eingefügt hat. Wie er auf viele Dinge Einfluss nimmt, aber auch, wie er sich an die Gegebenheiten angepasst, sich verändert, eine eigene Spielart entwickelt hat.

In einzelne Lebensbereiche vorzudringen und sie darauf abzuklopfen, wie der Islam und Österreich sich angenähert und beeinflusst haben, aber auch, wo Potenzial für Konflikte begraben liegt, war eine Motivation für dieses Buch. Und das auf eine Art und Weise, wie es auch „Die Presse“ in ihrer täglichen Arbeit macht – und ihre Leserinnen und Leser es gewohnt sind und schätzen. Nüchtern, nämlich unaufgeregt und sachlich. Ohne Schaum vor dem Mund. Und ohne vorgefertigte Ergebnisse, die auf Nicht-Recherche beruhen.

Was dieses Buch auch von anderen unterscheidet, ist, dass hier nicht sogenannte „Islamexperten“ ans Werk gehen. Sondern weil ein Ansatz des Buches ist, dass die Spezialistinnen und Spezialisten aus der „Presse“-Redaktion sich weitgehend in dem thematischen Bereich bewegen, für den sie auch sonst zuständig sind. Themen, die auf den ersten Blick oft gar nichts mit dem Islam zu tun haben. Doch in denen man auf den zweiten Blick spannende Aspekte entdecken kann, wenn man in ihnen nach Verbindungen zu Muslimen sucht.

Das beginnt schon mit den Themenfeldern Politik und Kirche, die von Oliver Pink und Dietmar Neuwirth im Hinblick auf den Islam durchleuchtet werden. Jakob Zirm aus dem Wirtschaftsressort wiederum rückt Themen wie Halal-Zertifizierungen und Islamic Banking in das Zentrum seines Beitrags zu Islam und Wirtschaft. Eine politisch heikle Debatte ist die Erziehung und Ausbildung muslimischer Kinder – Eva Winroither und Bernadette Bayrhammer werfen einen genauen Blick in Kindergärten und Schulen. Feuilleton-Redakteurin Anne-Catherine Simon wiederum denkt rund um das Thema Frauenbild im Islam über eines der sichtbarsten – und umstrittensten – Symbole nach, nämlich das Kopftuch.

Köksal Baltaci aus dem Wien-Ressort hat die spezielle Rolle des türkischen Islam in Österreich analysiert, während seine Ressortkollegin Anna Thalhammer eines der besonders dunklen Kapitel bearbeitet, nämlich jenes der Radikalisierung junger Muslime, die in nicht wenigen Fällen weg aus Österreich und sogar in den Tod geführt hat. Rechtspanorama-Chef Benedikt Kommenda wiederum hat den Islam in Sachen Kompatibilität mit der österreichischen Rechtsordnung durchleuchtet. Medienredakteurin Anna-Maria Wallner widmet sich der Frage, wie Muslime in Medien repräsentiert sind und werden.

Einen Bereich, der als besonders wichtig für die Integration gilt, hat Innenpolitik-Redakteurin Iris Bonavida ins Visier genommen – das Bundesheer, in dem mittlerweile eine gar nicht so geringe Anzahl an Muslimen für die Landesverteidigung Österreichs zuständig ist. Weniger positiv ist der Blick, den Chronik-Redakteur Manfred Seeh auf die Verbindungen von Islam und Justiz wirft – nämlich auf die Lage von Muslimen in Österreichs Haftanstalten. Umgekehrt beleuchtet Österreich-Redakteur Gerhard Bitzan, wie wichtig Muslime auch als positive Role Models sein können, ehe Außenpolitik-Redakteurin Duygu Özkan noch einen Blick auf jene Muslime richtet, die nicht im Fokus der Debatte stehen: innermuslimische Minderheiten, also Schiiten, Aleviten und andere Glaubensrichtungen innerhalb des Islam, zusammengefasst unter „die anderen Muslime“.

Jedes Kapitel kann einen Beitrag dazu leisten, den Islam und die Muslime in Österreich ein Stück weit zu verorten. Ein wenig dazu beitragen, mehr über die Muslime zu erfahren, die hier leben. Wie sie in manchen Bereichen längst ganz selbstverständlicher Teil des Landes sind. Und wie in anderen noch Trennlinien existieren, von wem auch immer gezogen – von Muslimen selbst oder von jenen, die auf Muslime schauen.

Gehört der Islam, abschließend gefragt, nun also zu Österreich? Natürlich, das tut er längst durch all die Muslime, die hier leben, arbeiten, Steuern zahlen, ihre Kinder erziehen, das Land verteidigen, vielleicht auch mit manchen Dingen im Land unglücklich sind, mit manchen Traditionen ihre Probleme haben und manchmal womöglich auch mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Wichtig ist bei all dem, dass wir darüber reden. Dass wir ein Bild der Situation gewinnen. Und daraus ableiten können, wo das Zusammenleben gut funktioniert, wo es hakt – und was wir tun können, damit Österreich und der Islam nicht als Gegensatzpaar wahrgenommen werden müssen.

1.
Islam und Österreich
Die muslimische Volkszählung

Erich Kocina

Gehört der Islam zu Österreich? Es ist eine Frage, die philosophisch angegangen werden kann, aus politischer Sicht, aus einem kulturhistorischen Blickwinkel, aus einem gesellschaftlichen – und nicht zuletzt wird dafür auch häufig so etwas wie das Bauchgefühl bemüht. Ein Aspekt dabei aber steht zweifelsfrei fest: Die Muslime sind da, sie leben in Österreich, sind zugewandert oder hier geboren, haben die österreichische oder eine andere Staatsbürgerschaft und sind ein mittlerweile fast schon selbstverständlicher Teil des Landes. Doch schon die nächste logische Frage ist nicht mehr so klar zu beantworten: Wie viele Muslime gibt es überhaupt in Österreich?

Um zur letzten wirklich greifbaren Zahl zu kommen, muss man zurück ins Jahr 2001 gehen. 338.988 Muslime wurden damals bei der Volkszählung registriert. Das entsprach damals rund 4,2 Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: Bei der Volkszählung 1971 lag der Anteil der Muslime an der Bevölkerung mit 22.267 Menschen bei 0,3 Prozent. Zehn Jahre später lebten schon 76.939 Muslime im Land, rund ein Prozent der Bevölkerung. 1991 hatte sich der Anteil der Muslime mit 158.786 Menschen auf zwei Prozent verdoppelt. Weitere zehn Jahre später gab es noch einmal doppelt so viele Muslime.

Der nächste Schritt wäre gewesen, die Daten des Jahres 2011 heranzuziehen. Allein, es gibt sie nicht mehr. Die „Statistik Austria“ stellte das System der Volkszählung um – die Fragebögen, die die Bürger beim Besuch eines Volkszählers ausfüllen mussten, wurden eingemottet. Stattdessen werden seit damals Datensätze aus verschiedenen Institutionen zusammengeführt, vom Melderegister, dem Gebäude- und Wohnungsregister, den Finanzämtern, dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger oder auch dem AMS. Ein Verfahren, das massiv billiger ist – es kostet nur knapp zehn Millionen Euro statt rund 72 Millionen bei der traditionellen Methode. Aber auch ein Verfahren, das Nachteile hat. Denn bisher enthaltene Daten finden sich in den Registern nicht mehr. Dazu gehören der Beruf, die Umgangssprache und nicht zuletzt auch das Religionsbekenntnis.

Wer heute also die Frage stellt, wie viele Muslime in Österreich leben, ist auf Schätzungen und Hochrechnungen angewiesen. Eine erste erschien im Jahr 2010, herausgegeben vom „Österreichischen Integrationsfonds“ (ÖIF) und basierend auf den Daten von 2001, die mit der Nettomigration aus islamischen Ländern und den Geburtenraten der muslimischen Bevölkerung verknüpft wurden. Mit Stichtag 1. Jänner 2009 kommt die Hochrechnung auf 515.914 Personen mit islamischem Religionsbekenntnis. Das wäre ein Bevölkerungsanteil von 6,2 Prozent. Das „Institut für Islamische Studien“ der Universität Wien wiederum kam bei einer weiteren Hochrechnung mit dem Stichtag 1. Jänner 2012 auf 573.876 Muslime, was einem Anteil von 6,8 Prozent an der Bevölkerung entspräche. Der ÖIF war es wiederum, der 2017 in einer weiteren Hochrechnung bei rund 700.000 Muslimen landete, was einem Bevölkerungsanteil von rund acht Prozent entspräche. Und einer Verdopplung der Zahl der Muslime innerhalb von 15 Jahren.

Schätzungen anhand von Migration

Zuletzt arbeitete das „Vienna Institute of Demography“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften an dieser Hochrechnung, die den Stand mit Anfang 2017 abbilden soll. Die Basis dafür ist erneut die Volkszählung von 2001. Dazu zählt Projektleiterin Anne Goujon vier Elemente. Zunächst die Fertilität – die Daten dazu liefert das Geburtenbarometer, in dem die Religion der Mutter eines Kindes erfasst wird. Um eine tatsächliche Geburtenrate zu berechnen, braucht es allerdings die Gesamtzahl der weiblichen Muslime, die wiederum geschätzt werden muss. Danach kommt die Sterblichkeitsrate – hier ist vor allem die ältere Bevölkerung der ersten Einwanderergeneration ein Unsicherheitsfaktor, weil doch noch einige ihre letzten Tage in der alten Heimat verbringen und dort sterben wollen, sie aber zum Teil in Österreich nicht aus den Registern fallen. Der dritte und größte Teil ist die Migration. Hier werden die Migrationszahlen mit der religiösen Verteilung der jeweiligen Herkunftsländer kombiniert – auf Basis von Volkszählungen oder Schätzungen des „Pew Research Center“ in Washington D. C. Das passiert bei Migration, etwa aus anderen europäischen Ländern, so wie auch bei Fluchtbewegungen. Bei den Flüchtlingszahlen greift man unter anderem auf die Registrierung zurück, die zum Erhalt der Grundversorgung nötig ist, aber auch auf die Zahlen von Asylanträgen. Das ist insofern wichtig, weil Personen, die nach Österreich zuwandern, erst in der Wanderungsstatistik erfasst werden, wenn sie mehr als 90 Tage in Österreich mit einem Hauptwohnsitz gemeldet sind.

Gerade die Flüchtlinge haben hier einen besonders großen Einfluss, weil sie fast alle aus muslimischen Ländern stammen. 2015 wurden knapp 90.000 Asylanträge in Österreich gestellt. 2016 waren es rund 42.000. Als vierte Kategorie für die Hochrechnung wird schließlich noch der Wechsel des Religionsbekenntnisses geschätzt. Dieser ist, im Gegensatz zu anderen Konfessionen, wo es einen sehr deutlichen Trend zu Säkularisierung in Form von Austritten gibt, bei Muslimen nur gering verbreitet. Goujon und ihr Team gehen von einer Säkularisierungswahrscheinlichkeit von etwa fünf Prozent bei den Muslimen in Österreich aus.

Die unbefriedigende Zahlenlage im Vergleich etwa zu den Katholiken lässt sich auch durch eine simple Organisationsfrage erklären. Denn die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), die Religionsvertretung der österreichischen Muslime, ist keine Kirche mit verpflichtender Zugehörigkeit. Zum Vergleich: Die katholische Kirche hebt von ihren Mitgliedern einen Kirchenbeitrag ein und führt daher auch ein Verzeichnis. Aus dem lassen sich sehr exakte Daten herauslesen. Auch die evangelischen Kirchen zählen ihre Mitglieder und können so recht präzise Angaben machen. Eine Aufstellung der Religionen in Österreich sieht nach wie vor eine deutliche Mehrheit an Katholiken, die 5,16 Millionen Mitglieder haben, dahinter folgen die Muslime mit rund 700.000 und die Orthodoxen mit rund 500.000 Menschen. Die letzteren Werte beruhen allerdings nur auf Schätzungen. Dahinter folgen mit 302.964 Menschen die Protestanten. Geschätzt leben rund 15.000 Juden in Österreich. Und schließlich bleiben rund 2,1 Millionen Menschen, die anderen Religionen anhängen oder konfessionslos sind.

Abgesehen davon, dass Schätzungen und exakte Zahlen gegenübergestellt werden müssen, gibt es bei den Daten für Muslime noch eine weitere Schwäche: Wie viele von ihnen wirklich gläubig sind, lässt sich aus diesen Zahlen nicht ablesen. Wie viele der geschätzten 700.000 ihren Glauben überhaupt ausleben, wie streng sie das machen und nach welchen Traditionen, das findet sich in all diesen Daten nicht. Das lässt sich zwar etwa auch bei den Katholiken nicht feststellen, doch kann man zumindest aus der Zahlung des Kirchenbeitrags eine gewisse Bindung zur Kirche herauslesen. Auf muslimischer Seite fehlt dieser Indikator. Das Bild des monolithischen Blocks aller österreichischen Muslime, die allesamt regelmäßig in die Moschee gehen und für die die Religion einen besonders hohen Stellenwert hat, ist jedenfalls nicht haltbar.

Einen Anhaltspunkt dafür liefert unter anderem „Religion im Leben der ÖsterreicherInnen 1970 – 2010“, eine 2011 veröffentlichte Langzeitstudie des Religionsforschers Paul M. Zulehner. Laut ihr gehört nur knapp jeder zweite Muslim in Österreich zur Gruppe der Praktizierenden. Rund ein Viertel zählt demnach zu den Säkularen. Religiöse Traditionen wie der Ramadan spielen aber auch bei dieser Gruppe noch eine Rolle – in Form eines Kulturislam, so wie auch säkulare Christen Feste wie Weihnachten oder Ostern feiern. Zwar liege laut der Studie die Religiosität der Muslime noch über derjenigen anderer Glaubensgemeinschaften, doch lasse sich auch hier ein Trend bemerken – dass nämlich der Glaube für die jüngere Generation einen deutlich geringeren Stellenwert hat als bei den Älteren. Vor allem bei den Zuwanderern aus Anatolien sei die Verbindung zwischen Kultur und Religion noch sehr stark. Jüngere und vor allem Frauen brechen diese Kombination zunehmend auf. Laut der Studie sind es vor allem Frauen, die ein moderneres Weltbild entwickeln und sich weg von traditionellen Rollenbildern bewegen – und die damit die Modernisierung unter den Muslimen antreiben.

Einen Trend zum säkularen Islam ortet auch „Muslimische Milieus in Österreich“, eine 2012 begonnene Langzeitstudie des „Instituts für Islamische Studien“ mit 700 Teilnehmern, die im Juni 2017 veröffentlicht wurde. Darin rechnen die Studienautoren Ednan Aslan, Jonas Kolb und Erol Yildiz rund 40 Prozent der befragten Muslime zu den eher Säkularen. Konkret ist das die Gruppe der „Kulturmuslime“, die Religiosität nur im Sinne einer kulturellen Gewohnheit lebt, und eine Gruppe, die unter „ungebundene Restreligiosität“ zusammengefasst wird. Beide Gruppen, glauben die Autoren, würden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die anderen rund 60 Prozent der Befragten werden als religiös betrachtet – allerdings in unterschiedlicher Intensität. Rund 14 Prozent davon, zusammengefasst unter „bewahrende Religiosität“, richte ihr gesamtes Leben vorrangig nach religiösen Prinzipien aus. Knapp 27 Prozent würden eine pragmatische Religiosität leben, also etwa religiöse Rituale dem Rhythmus des Arbeitsplatzes anpassen und nicht umgekehrt. Und schließlich würden knapp 15 Prozent eine offene Religiosität leben, also individueller und weniger auf religiöse Autoritäten ausgerichtet.

Was bei aller Hinwendung zum Säkularismus in der Studie dennoch auffällt, sind Einstellungen, die die Autoren als „hoch fundamentalistisch“ bezeichnen. Dazu zählen die Autoren etwa die Wertung der eigenen Religion als höherstehend bei gleichzeitiger Abwertung anderer Religionen. Allerdings haben die Autoren zwei wichtige Anmerkungen zu diesem Begriff. Zum einen, dass sich ein Hang zur Gewalt gegenüber Nichtmuslimen aus dieser Befragung nicht herauslesen lasse. Und zum anderen, ob bei einer solchen Umfrage unter Christen nicht auch ähnliche Ergebnisse herauskommen würden. Das gilt auch für Fragen, die weniger mit Religiosität als der Lebensweise zusammenhängen. So finde es etwa ein Drittel der Befragten „sehr bedrohlich“, wenn das eigene Kind einen Partner mit anderer Religionszugehörigkeit heiraten würde.

Die Studie zeigt noch einen weiteren Aspekt des muslimischen Lebens, der in der Öffentlichkeit und in der medialen Darstellung oft vernachlässigt wird: dass nämlich nur ein geringer Teil der Befragten Mitglied in einem Moscheeverein ist – nicht einmal 20 Prozent laut der Studie. Wobei bei der Gruppe mit der „bewahrenden Religiosität“ noch rund 42 Prozent, bei den pragmatisch Religiösen rund 26 Prozent zu einem Moscheeverein gehören.

Vereine bestimmen den religiösen Alltag

Diese Vereine sind es auch, die maßgeblich den Alltag der organisierten Religiosität bestimmen. Dabei handelt es sich vor allem um ethnisch oder nach Herkunftsstaaten zusammengesetzte Organisationen, allen voran die „Türkisch Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich“ (ATIB), den mit – je nach Angaben – 75.000 bis 100.000 Mitgliedern und mehr als 60 Vereinen größten muslimischen Verband Österreichs. Er untersteht dem staatlichen türkischen Präsidium für religiöse Angelegenheiten in Ankara. Der zweite große Player mit rund 30 Ortsvereinen ist die „Islamische Föderation“, die zur türkischen Millî Görüs-Bewegung des 2011 verstorbenen türkisch-islamistischen Politikers Necmettin Erbakan gehört. Zahlenmäßig relevant ist auch noch die türkisch geprägte „Union Islamischer Kulturzentren“ (Avusturya Islam Kültür Merkezleri Birliǧi, UIKZ), die mehr als 40 Moscheen unter ihrem Dach versammelt. Die zahlenmäßig starken türkischen Vereine sind es auch, die in der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich das Ruder übernommen haben. Zuvor war sie von der zahlenmäßig doch kleinen Gruppierung der Araber dominiert worden.

Die Araber dürften in der Bevölkerung Österreichs allerdings in den vergangenen Monaten wieder zugelegt haben – durch die Fluchtbewegungen aus Syrien und dem Irak, wenn auch nicht in der Dimension, dass sie die zahlenmäßige Dominanz der Türkeistämmigen und der Bosniaken berühren wird. Wobei die ethnische Herkunft nur ein Merkmal ist – und das muss sich nicht unbedingt in der Staatsbürgerschaft niederschlagen. Denn ein großer Teil der in Österreich lebenden Muslime sind mittlerweile österreichische Staatsbürger, ob eingebürgert oder bereits von Geburt an. Bei der Volkszählung 2001 lag der Anteil der Österreicher mit islamischem Religionsbekenntnis noch bei rund 28 Prozent. Die Schätzung des Integrationsfonds 2009 sah den Anteil der Muslime, die die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, bereits bei 49 Prozent. Ein Anteil, der in der Zukunft wohl weiter steigen wird, wenn die Einbürgerungsrate der letzten Jahre von 0,7 Prozent auf gleichem Niveau weiter praktiziert wird. Und damit auch ein Anteil, der am Ende auch als ein befürwortendes Argument für die Frage herhalten kann, ob der Islam denn nun zu Österreich gehört.

2.
Islam und Politik
Ein schwieriger Umgang

Oliver Pink

Drei nach links unten zeigende Pfeile: Das ist das traditionelle Parteisymbol der SPÖ. Diese drei Pfeile richten sich gegen Faschismus, Kapitalismus und – Klerikalismus. Die Auseinandersetzung mit der Kirche, mit der Religion und ihren Regeln, das war lange Zeit ein Kulturkampf für die sozialdemokratische Arbeiterbewegung, vor allem in ihren Anfängen. Im „Lied der Arbeit“, der Hymne der österreichischen Sozialdemokratie, heißt es etwa: „Und wie einst Galilei rief, als rings die Welt im Irrtum schlief: Und sie bewegt sich doch!“ Schon Karl Marx, der Ahnherr der Linken, hatte zuvor postuliert, Religion sei das Opium des Volkes.

Und heute? Die Linke ist, könnte man meinen, unter die Religionsversteher gegangen. Vor allem, wenn es um den Islam geht. Hier hat sich die politische Welt überhaupt in ihr Gegenteil verkehrt: Die ÖVP, jene Partei, die seit jeher am meisten für Religion übrighat, ist diesbezüglich nun überaus kritisch. Die FPÖ, von ihrer Historie her antiklerikal, hat wegen des Islams das Christentum für sich entdeckt. Zugespitzt unter anderem im polemischen Kampagnenslogan „Pummerin statt Muezzin“.

Und die Vertreter linker Parteien wiederum sind auf einmal überaus verständnisvoll. Von Kulturkampf keine Spur mehr. Muslime werden in erster Linie als Minderheit gesehen, die man vor Diskriminierung beschützen müsse. Das Tragen eines Kopftuches wird von manchem gar zum feministischen Akt umgedeutet. Denn hier gehe es doch auch um die Selbstbestimmung der Frau.

Wer auf der Linken heute von diesem Denkschema abweicht, den Islam und seine politischen Auswüchse kritisch hinterfragt – wobei die Grenze zwischen Islam und Islamismus mitunter fließend ist –, handelt sich meist Schwierigkeiten mit den eigenen Gesinnungsfreunden ein. Wie etwa Efgani Dönmez und Peter Pilz, beides ehemalige Grüne. Der der Sozialdemokratie nahestehende Soziologe und Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier brachte das am 30. Juni 2017 in einem Tweet auf den Punkt: „Wenn man das Christentum ablehnt, ist man Atheist, wenn man den Islam ablehnt, Rassist. Österreich im 21. Jahrhundert.“

„Der Ton macht die Musik“, meint Omar Al-Rawi, Gemeinderat der SPÖ in Wien, über die Islamkritiker. Man könne etwa sagen, Kindergärten, die die entsprechenden Qualitätskriterien nicht erfüllen, sollten geschlossen werden. Oder man könne sagen, alle islamischen Kindergärten sollten geschlossen werden. Wieso er als gläubiger Muslim ausgerechnet der traditionell antiklerikalen SPÖ beigetreten sei? „Mich hat Bruno Kreisky geprägt, die soziale Frage hat mich interessiert – ich wollte mich um den kleinen Mann kümmern – und wegen der Anti-Diskriminierungslinie der SPÖ.“ Der Sohn eines irakischen Anwalts und einer österreichischen Ärztin, der mit 17 Jahren nach Wien kam, ist heute Betriebsratsvorsitzender des Baukonzerns Strabag.

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann hält es für möglich, dass die neue Toleranz der Linken gegenüber religiösen Phänomenen auch mit einer uneingestandenen Sehnsucht nach einer solchen Gesellschaft mit klaren Regeln und Rollenbildern zu tun haben könnte. Zudem eignen sich Muslime auch als (linke) Projektionsfläche für Anti-Rassismus, Anti-Kolonialismus und Anti-Kapitalismus. Denn der (politische) Islam ist auch eine soziale Bewegung. Vom „Wohlfahrtsausschuss“ der Französischen Revolution zur „Wohlfahrtspartei“ des Necmettin Erbakan, aus der dann auch Recep Tayyip Erdogans AKP hervorging, sozusagen.

Genau darin, in der Gegenbewegung zu den zuvor herrschenden säkularen, aber korrupten und undemokratischen Eliten in den islamischen Ländern, sieht Omar Al-Rawi die Ursache für die heutige Wirkmächtigkeit der Religion unter Muslimen. Die Zunahme der Kopftuchträgerinnen im öffentlichen Raum erklärt er damit, dass die Anzahl der Muslime in Österreich eben zugenommen habe. Dass viele Zuwanderer oder Asylwerber aus Gesellschaften kommen, die keine Demokratie kennen, und dass es etwa auch an Sensibilität beim Thema Antisemitismus mangle, sei natürlich ein Problem, räumt Al-Rawi ein. „Aber Demokratie muss man auch lernen.“ Er selbst habe das in der Hochschülerschaft oder als Betriebsrat getan. Prinzipiell hält er Islam und Demokratie aber für vereinbar.

„Also mit dem salafistisch-wahhabitischen Islam ist die Demokratie natürlich nicht vereinbar. Das ist eine Kampfansage“, sagt Efgani Dönmez, der frühere Bundesrat der Grünen, der mittlerweile als Quereinsteiger zur ÖVP von Sebastian Kurz gewechselt ist. Und solche Strömungen gebe es mittlerweile auch bei uns. Im Frühjahr 2017 wurde ein mutmaßlicher Salafist aus der SPÖ geworfen. Und wie ist das mit islamistischen Strömungen wie jener der türkischen AKP? Dönmez hält diese nicht für so gefährlich. „Aber sie haben ihre Agenda: den öffentlichen Raum mit Religiosität zu prägen.“ Siehe die Zunahme der Kopftücher.

Spannung zwischen Staat und Religion

Die Auseinandersetzung mit Recep Tayyip Erdogans Türkei hat in den vergangenen Monaten auch die österreichische Politik maßgeblich beschäftigt. Und die Entwicklung der AKP ist symptomatisch für die zunehmende Radikalisierung im Spannungsverhältnis zwischen Staat und Religion. Am Anfang stand die schiitische Revolution im Iran 1979: Die sunnitischen Türken empfanden diese als Bedrohung. Sie fürchteten eine Ausbreitung und versuchten den nun offensichtlich zunehmenden Islamismus einzuhegen. Dies geschah zum einen durch Repression durch das Militär und die mit ihm verbundene laizistische Staatsführung. Zum anderen durch die Entstehung eines „islamischen Liberalismus“, wie der Soziologe Cihan Tugal, Autor des Buches „Das Scheitern des türkischen Modells“, das nennt.

Aus der „Wohlfahrtspartei“ Necmettin Erbakans, die in den frühen Achtzigern gegründet worden war, ging um die Jahrtausendwende eine Reformbewegung junger muslimischer Politiker hervor, die eine Verbindung aus Demokratie, freier Marktwirtschaft und moderatem konservativem Islam anstrebte – die AKP. Als Vorbild dienten unter anderem auch die USA, wo wirtschaftlicher Erfolg und Religiosität kein Widerspruch sind. In den Medien war damals auch die Rede von einer „türkischen CSU“, wenn es um Recep Tayyip Erdogans AKP in den ersten Jahren ihres Aufstiegs ging.

Und die AKP sorgte tatsächlich für Wirtschaftswachstum, ja sogar für ein Wirtschaftswunder, an dem nun breitere Bevölkerungsschichten partizipieren konnten. Gesellschaftspolitisch begann sich die Partei jedoch zusehends zu verhärten. Zum einen verlor sie das Vertrauen zum Westen, von dem sie glaubte, dass er etwa im Kurdenkonflikt zu einseitig, nämlich pro-kurdisch sei. Zum anderen standen Erdogan und seine Leute den zunehmenden Protesten gegen die AKP-Regierung, die in den Demonstrationen gegen ein geplantes Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi-Parks einen ersten Höhepunkt fand, völlig verständnislos gegenüber. Sie betrachteten die Gezi-Bewegung als (linke) Gefahr, die man zum Wohle des Staates eindämmen müsse. Die Macht der linksgerichteten Gewerkschaften hatte die AKP schon in ihren Anfangszeiten gebrochen.

Was bedeutet das nun für Österreich? Wichtig sei es, diesen ausländischen Einfluss – ob durch ATIB (der österreichische Arm der türkischen Religionsbehörde Diyanet), Millî Görüs (eine türkisch-islamistische Bewegung) oder die Muslimbruderschaft – zurückzudrängen, meint Efgani Dönmez. „Das sind lauter Reaktionäre, die die Uhren zurückdrehen, den Islam nicht vorwärtsentwickeln, sondern Freiheiten demontieren wollen.“

Auch Asdin El Habbassi, den muslimischen Nationalratsabgeordneten der ÖVP, stört, dass die politische Führung der Türkei ständig versuche, Kritik an der Türkei mit Kritik an der muslimischen Welt insgesamt gleichzusetzen. Grundsätzlich hält er – wenn man von radikalen Strömungen absieht – den Islam mit der Demokratie für vereinbar: „FDP-Chef Christian Lindner hat einmal gesagt: ,Die Verfassung eines Landes ist heilig – egal an was man glaubt.‘“ Wichtig sei auch für ihn die Trennung von Staat und Religion.

El Habbassi ist Sohn eines gebürtigen Marokkaners und einer Salzburgerin. Diskriminierung habe er selbst nie erlebt, sagt der Betriebswirt und stellvertretende JVP-Chef. „Aber die Einstellung gegenüber der muslimischen Bevölkerung hat sich in den vergangenen Jahren schon verschlechtert.“ Die Zunahme der Kopftücher im öffentlichen Raum sieht er gelassen: „Ich halte Freiheit und Selbstbestimmung für sehr wichtig. Wenn kein Zwang dahintersteht und nicht in die Freiheit anderer eingegriffen wird, soll in einer freien Gesellschaft jeder tragen dürfen, was er möchte.“ Und was hat ihn, den gläubigen Muslim, in die christlich geprägte, katholisch dominierte ÖVP geführt? „Das politische Programm. Ich teile die christlich-sozialen Werte wie Solidarität, Subsidiarität und Eigenverantwortung.“

Der Islam ist in Österreich seit 1912 als Religionsgemeinschaft anerkannt. Der Grund dafür war die Annexion Bosnien-Herzegowinas im Jahre 1908. Das Gebiet wurde aus dem zusehends geschwächten Osmanischen Reich herausgelöst, das zuvor Jahrhunderte über den Balkan geherrscht hatte. Mit ihm gab es immer wieder Berührungspunkte und Konfliktfelder. Beide Reiche, das der Habsburger und das der Osmanen, grenzten aneinander, der Gebietsgewinn des einen war der Gebietsverlust des anderen. Im kollektiven historischen Bewusstsein Österreichs sind die beiden Türkenbelagerungen noch immer fest verankert. 1529 und 1683 wollten die Osmanen Wien erobern, konnten die Stadt jedoch letztlich nicht einnehmen. Im Ersten Weltkrieg waren Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich dann Verbündete. Danach gingen beide Reiche unter.

Das Thema lange der FPÖ überlassen

Mit dem Islam mussten sich die Österreicher erst wieder auseinandersetzen, als in Folge des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg türkische Gastarbeiter, vorzugsweise aus Anatolien, nach Österreich kamen. Die zweite große islamische Zuwanderungsgruppe waren Muslime aus Bosnien-Herzegowina, die ebenfalls als Gastarbeiter, später dann als Flüchtlinge der Zerfallskriege im früheren Jugoslawien nach Österreich gekommen waren. Vor allem die FPÖ machte die Zuwanderung in den 1990er-Jahren zum großen Thema. Später versuchte die Freiheitliche Partei zu trennen: in die „anpassungsfähigen“ Zuwanderer, also die christlich Geprägten aus Südost- und Osteuropa, und in die „schwer integrierbaren“ muslimischen Zuwanderer, vor allem jene aus der Türkei. Es gäbe kein Ausländerproblem, es gebe ein Türkenproblem, hieß es dann.

Das Thema Zuwanderung und Integration wurde lange der FPÖ allein überlassen. SPÖ und ÖVP erkannten recht spät, dass sie sich dessen auch annehmen sollten. „Offenbar hat die Integration nicht so gut funktioniert, wie man es lang erhofft hat“, sagte Christian Kern, nachdem er Bundeskanzler geworden war, in einem „Presse“-Interview. „Da müssen wir heute feststellen, dass es da tatsächlich zu Parallelwelten gekommen ist.“ Parteifreund Omar Al-Rawi will nur bedingt von Parallelgesellschaften sprechen und sieht dahinter auch Community Building. „In Favoriten haben sie Leben in die Stadt zurückgebracht.“ Viele neue Lokale seien entstanden, in der Anmutung auch modernere als früher. Und die Wiener Märkte seien ohne Zuwanderer ohnehin nicht vorstellbar.

Der Umgang mit dem Islam ist dennoch ein schwieriger. Das Christentum ist heute politisch mehr oder weniger domestiziert, doch im Islam gibt es Richtungen, die das religiöse Gesetz über das weltliche stellen. Der säkulare Staat Österreich versucht hier einen Mittelweg. Auch weil die Erfahrungen aus explizit laizistischen Ländern wie Frankreich oder früher der Türkei zeigen, dass etwa ein Kopftuchverbot in Schulen oder Universitäten zu noch mehr Religiosität führen kann. So verbietet Österreich nur die Vollverschleierung im öffentlichen Raum und Kopftücher nur bei Berufen, die strikte Neutralität voraussetzen.

Im neuen Islamgesetz ist zum Beispiel das Recht der Muslime auf religiöse Betreuung, beim Bundesheer, in Haftanstalten oder Krankenhäusern, festgeschrieben. Auch islamische Speisevorschriften werden anerkannt. Dafür dürfen Imame und Interessenvertretungen der Muslime nicht mehr vom Ausland finanziert werden. Das ist nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, weil etwa die IGGiÖ heute als von der türkischen AKP nahestehenden Organisationen unterwandert gilt.

Immerhin, attestiert Efgani Dönmez, habe bei den österreichischen Parteien mittlerweile ein „Erwachen“ eingesetzt. Zuvor seien die reaktionären Islam-Vertreter unter dem Deckmantel von Antirassismus und interreligiösem Dialog hofiert wurden. Natürlich auch, um Stimmen zu gewinnen. Denn habe man den Chef einer dieser straff organisierten Gruppen auf seiner Seite, dann habe man auch den Großteil der Gruppe selbst. Geschehen sei dies vor allem über die Wirtschaftsflügel von SPÖ und ÖVP. „Aber da gibt es nun ein Umdenken.“ Nicht zuletzt auch bei der SPÖ.

3.
Islam und katholische Kirche
Mehr Neben- als Miteinander

Dietmar Neuwirth

Die Personen und die Handlung sind nicht frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder Personen wären nicht rein zufällig. Also: Es war einmal eine katholische Pfarre, die ihre Türen weit aufgemacht hat. Viele Mitglieder, vom örtlichen Priester wurden bei Weitem nicht alle regelmäßig in der Kirche bei der Messe gesehen, haben aber nicht wenigen muslimischen Flüchtlingen unter nicht wenigen Anstrengungen zunächst ein Dach über dem Kopf, ein Bett, dann auch Verköstigung und andere Hilfestellungen geboten, um ein Leben unter den Rahmenbedingungen der Flucht möglichst erträglich zu gestalten.

Als besonders engagiert haben sich dabei Jugendliche erwiesen, im üblicherweise eher schwierigen Alter so um die 14 Jahre. Sie haben schon am Morgen, noch vor dem Gang in die Schule, „ihre“ Flüchtlinge besucht, Gebäck mitgebracht und ihnen beim Zubereiten des Frühstücks geholfen. Die Jungen waren das, was man wohl hoch motiviert nennen darf. Und nach der Schule führte ihr Weg oft nicht gleich nach Hause zum Mittagessen, Fernsehen oder zu You Tube, sondern wieder zu den Gästen von weit her, zum Fußballspielen, Plaudern oder, wie man altersgerecht sagen würde, Chillen. So sind rasch gute Bekanntschaften entstanden, aus Flüchtlingen wurden schließlich Freunde, zumindest scheinbar.

Dann kam er schließlich doch, der zwar lang verdrängte, aber doch zu erwarten gewesene Tag des Abschieds. Den Flüchtlingen wurde von Behörden und Hilfsorganisationen anderswo ein Quartier zugewiesen, sie mussten weiterziehen. Als die Österreicher, wie das eben üblich und durchaus naheliegend ist, die Smartphones in die Hand nahmen, um Telefonnummern mit ihren neuen, ungefähr gleichaltrigen muslimischen Freunden auszutauschen, reagierten die plötzlich ganz anders, als zu erwarten war – irgendwie verstört und distanziert. Warum nur? Ihre Entschuldigung, die sie für die staunenden katholischen Österreicher parat hatten: „Wir dürfen mit Christen nicht befreundet sein, nur mit Muslimen.“

Diese Geschichte hat sich in Österreich tatsächlich ereignet. Der Ort tut nichts zur Sache. Sehr wohl etwas zur Sache tut hingegen die Erkenntnis, die daraus gewonnen werden kann: Der Islam, wie er zumindest außerhalb Europas offenbar breitflächig verstanden, gelehrt und gelebt wird, hat noch großen Nachholbedarf, was die Implementierung in eine säkulare, pluralistische Gesellschaft betrifft. Darin kommt nun dieser Religionsgemeinschaft kein Alleinstellungsmerkmal zu. Denn auch die katholische Kirche hatte jahrzehntelang ihre Probleme mit einer Anpassung an eine sich grundlegend verändernde Gesellschaft – und hat sie im Grunde noch heute dann und wann. Auch das Verständnis von Religionsfreiheit und die Akzeptanz, dass es Heil auch außerhalb der katholischen Kirche gibt, musste in einem schwierigen Prozess reifen. Selbst hohe und höchste katholische Würdenträger sind gelegentlich auch heute noch nicht davor gefeit, zu Missverständnissen zu provozieren.

Entrüstung über den Kardinal

Wir erinnern uns an die Wellen, die eine unglückliche Aussage Kardinal Christoph Schönborns national wie international und bis tief in die muslimische Welt geschlagen hat. Ausgerechnet jenes Schönborn, der zur Islamischen Glaubensgemeinschaft gute Kontakte pflegt, der Reisen in muslimisch geprägte Länder absolviert, mit den Sternsingern Wiens erste Moschee in Floridsdorf besucht hat und als erster Kardinal überhaupt mit den weltlichen und religiösen Spitzen der Islamischen Republik Iran zusammengetroffen ist. Eben dieser sorgte für gehörige Irritationen. Schönborn, der sich in Österreich mit Verweis auf das Recht der freien Religionsausübung trotz Gegenwinds klar für den Bau von Moscheen und Minaretten ausgesprochen hat, meinte bei der Maria-Namen-Feier an jenem 11. September 2016 wörtlich: „Heute vor 333 Jahren ist Wien gerettet worden. Wird es jetzt einen dritten Versuch einer islamischen Eroberung Europas geben? Viele Muslime denken und wünschen sich das und sagen: Dieses Europa ist am Ende.“

Nach einem Sturm der Entrüstung von islamischer Seite und vielen besorgten Anfragen im Wiener Erzbischöflichen Palais aus der halben Welt sah sich der Kardinal zu einer Klarstellung genötigt. Er habe in seiner Predigt ein glaubwürdiges, lebendiges Christentum eingemahnt, dieses brauche den Islam nicht zu fürchten. Und, so Schönborn weiter: Dass der Islam als Religion immer mehr Einfluss in Österreich gewinne, bereite vielen Menschen Sorge. Aber, wie er sich hinzuzufügen beeilte, das sei eben nicht als ein Vorwurf an Muslime zu verstehen, sondern als eine ernste Anfrage an Österreich.

Die österreichischen Bischöfe haben mittlerweile, von der Öffentlichkeit bisher weitgehend unbemerkt, zuletzt auch insgesamt eine interessante Korrektur vorgenommen. Man soll derartige strukturelle Dinge nicht überbewerten, aber ein bemerkenswertes Faktum ist es schon, dass die Österreichische Bischofskonferenz eine „Kommission Weltreligionen“ gegründet hat. Vor allem dann, wenn man weiß, dass es gar noch nicht so lange her ist, dass die Kontaktstelle für Weltreligionen der Bischofskonferenz aus Kostengründen eingestellt wurde. Bischof Werner Freistetter – Chef von Österreichs zehnter Diözese, jener für das Bundesheer nämlich, und im Episkopat referatsmäßig für den Dialog mit den Weltreligionen zuständig – wurde mit der Leitung der neuen Kommission beauftragt. Sie setzt sich aus den in den einzelnen Diözesen dafür abgestellten Spezialisten und aus anderen Experten zusammen. Dabei sollen an der Basis gemachte Erfahrungen auf der Österreich-Ebene ausgetauscht, überregionale Initiativen gefördert und, nicht zu vergessen, Rückmeldungen über Erfolge und Probleme an die Bischöfe gegeben werden, die dadurch eine zusätzliche Sensibilisierung für das Thema erfahren. Durch die Etablierung dieser neuen Kommission sind zwar im Dialog zwischen Christen und Muslimen jetzt auch keine Wunder zu erwarten, sie zeugt aber wenigstens von einem Bewusstseinswandel in der katholischen Hierarchie.

Einer, der diesen Dialog seit mehr als zehn Jahren in Österreich wohl am intensivsten pflegt, ist der Wiener Martin Rupprecht. Er ist – angesichts der nationalen Verteilung der Muslime in Österreich durchaus hilfreich –, der türkischen Sprache mächtig, katholischer Pfarrer im 15. Wiener Bezirk und nach vieljähriger Tätigkeit als Islambeauftragter der Erzdiözese Wien nun offiziell persönlicher Islamberater Kardinal Schönborns. Er erinnert sich: „Als wir im Jahr 2001 im Vikariatsausschuss Weltreligionen über Möglichkeiten des Dialoges nachdachten, da stellten wir fest, dass uns deutsch sprechende, theologisch kompetente Ansprechpartner in Wien fehlen. 15 Jahre später hat sich das komplett gewandelt. Es ist also ein großer Reifeprozess im Gange. Es gibt einen unglaublichen Lernprozess auch in der Community.“

Aber Rupprecht sieht und benennt gleichzeitig auch Schwächen, indem er an die Community appelliert: „Eine echte Suche nach den Ursachen des Islamismus ist unbedingt erforderlich. Man muss sich fragen: Wo sind die Wurzeln, was hat sich in der Theologie zu ändern, um nicht zu diesen faulen Früchten zu kommen. Wenn immer gegen Ungläubige gehetzt wird, dann gehören auch die faulen Früchte zu mir.“ Er verweist selbstkritisch auf die Geschichte der katholischen Kirche, die 1.800 Jahre gebraucht habe, eine positive Linie zum Judentum zu finden. Rupprecht: „Sie hat sich jahrhundertelang antisemitisch geäußert, da war es logisch, dass es grausame Folgen gibt.“ Da Christen wie Muslime, sinnbildlich wie höchst real, im selben Haus lebten, gebe es auch nur eine gemeinsame Zukunft. Der Islamexperte schlussfolgert daraus: „Da braucht es die Ehrlichkeit in dieser Suche und nicht automatisch die Abwehr und das Einnehmen der Opferrolle. Damit tut sich die islamische Community noch schwer.“ Die Rede über Islamophobie halte er in diesem Zusammenhang für alles andere als hilfreich.

Muslime in einer säkularen Welt

Gehört der Islam also nun zu Österreich? Rupprechts Antwort: „Ja, wenn 600.000 oder 700.000 Muslime in Österreich leben und hier ihre Religion in Ruhe ausüben wollen, dann gilt das genauso wie für die Beantwortung der Frage, ob die Sikhs zu Österreich gehören.“ Andere Theologen wiederum sehen diese Frage an sich falsch gestellt. Österreich verfüge zweifellos über eine seit Jahrhunderten gebildete starke christliche Prägung, habe aber keine Staatsreligion, sondern ein kooperatives Verhältnis zu allen Religionsgemeinschaften. Selbstverständlich gehörten daher alle hier lebenden Menschen zu Österreich, völlig unabhängig davon, woran sie glauben – oder auch nicht glauben.

Völlig unabhängig davon bleibt die Grundfrage, die sich besonders für den Islam stellt: Wie nun als Gläubiger in einer multikulturellen, pluralistischen, säkularen Welt leben? Für die Mehrheit der Muslime stellt das ganz offensichtlich kein großes Problem dar. Dennoch: Studien, die dann und wann erscheinen, alarmieren. Als Beispiel sei die Studie „Muslimische Milieus in Österreich“ des Instituts für Islamische Studien der Universität Wien unter Leitung von Ednan Aslan aus dem Jahr 2017 genannt, wonach jeder dritte nicht in einem Moscheeverein organisierte Muslim über – laut den Autoren – „hoch fundamentalistische“ Einstellungen verfüge. Das legt den Verdacht nahe, dass da noch einiges zu tun bleibt, theologisch zu reflektieren, danach Seelsorger entsprechend auszubilden und schließlich in die Praxis umzusetzen.

Seit Beginn des Studienjahres 2017 bietet die Universität Wien nach längeren Vorbereitungen und unter Auswertung der wenigen diesbezüglichen europäischen Modelle das Fach Islamisch-Theologische Studien an, das mit dem Bachelor abgeschlossen werden kann. Auch die zu Beginn 2017 eingerichtete Professur für klassische und moderne Koranexegese ist dem Bemühen geschuldet, als Universität – bei Respektierung der Grenzen zwischen Staat und einer Religionsgemeinschaft – für die bestmögliche Heranbildung von Pädagogen zu sorgen. Und auch zur Herausbildung einer europäischen Spielart des Islam, der zum Role Model oder Motor für die gesamte islamische Welt werden könnte. Auch hinsichtlich des Dialogs der katholischen Kirche mit dem Islam gibt es einige institutionalisierte Angebote. So bieten die „Theologischen Kurse“ seit Jahren einschlägige Module an. Und in Salzburg ist der Lehrgang „Interreligiöse Spiritualität“ entstanden.

Das war nicht immer so. Eingeleitet hat die Wende im Verhältnis der katholischen Kirche zum Islam das Zweite Vatikanische Konzil. Knapp vor dessen Ende, nur eineinhalb Monate vor dem Abschluss dieser Versammlung, wurde 1965 die Erklärung „Nostra aetate: Über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“ mit 2.221 Ja- bei 88 Nein-Stimmen angenommen und feierlich verkündet. Besondere Bedeutung erhielt dieser vergleichsweise kurze, in fünf Kapiteln gegliederte Text (zunächst) wegen seiner klaren Absage an jede Form von Antisemitismus und seiner völligen Neudefinition des Verhältnisses der katholischen Kirche zum Judentum, die Papst Johannes XXIII., der das Konzil initiiert hatte, dessen Ende allerdings nicht mehr erlebte, ein großes Anliegen war. Gleichsam als Nebenprodukt drückten die Konzilsväter auch in zwei Absätzen ihre „Hochachtung“ gegenüber den Muslimen aus. Und sie riefen dazu auf, „das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen“.

Das Dokument blieb nicht ohne Folgen. Papst Johannes Paul II. hat 2001, ein halbes Jahr vor den Anschlägen auf das World Trade Center in New York, als erster Papst in der Kirchengeschichte seine langsamen Schritte in eine Moschee gesetzt. In Österreich galt Kardinal Franz König diskret im Hintergrund als Befürworter des Baus der bis heute größten Moschee Österreichs in Wien und öffentlich als Rufer in der Wüste, dass sich der Islam zu einer Herausforderung für Europa entwickeln werde. Nach-Nachfolger Christoph Schönborn ist nun genau damit konfrontiert.

Fazit der Situation in Österreich: Es ist nicht so, dass das Verhältnis zwischen Islam und Kirche nur mit einem Nebeneinanderher-Leben umschrieben werden kann. Es existiert zumindest auf der Ebene der Hierarchie gegenseitiger Respekt und das Bewusstsein, dass es ein Miteinander, das diesen Namen auch verdient, geben und dass jedenfalls ein Rückfall in ein Gegeneinander verhindert werden muss. Nüchtern betrachtet bleibt dieses Miteinander von Muslimen und Christen im Einsatz für eine Mitgestaltung der Gesellschaft im Grunde aber auch mehr als fünf Jahrzehnte nach dem bahnbrechenden Dokument über das Verhältnis von Katholiken zu Muslimen ein Desiderat. Oder, knapper ausgedrückt: Es gibt noch Luft nach oben.

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22 декабря 2023
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