Читать книгу: «FANTASTISCHE WIRKLICHKEITEN»
Jörg Weigand (Hrsg.): Fantastische Wirklichkeiten. Die Bilderwelten des Rainer Schorm
AndroSF 141
Jörg Weigand (Hrsg.)
FANTASTISCHE WIRKLICHKEITEN
Die Bilderwelten des Rainer Schorm
AndroSF 141
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: September 2021
p.machinery Michael Haitel
Titelbild & Illustrationen: Rainer Schorm
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat: Jörg Weigand
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Hardcoverausgabe: 978 3 95765 250 8
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 847 0
Hinweis
Dieses E-Book weist gegenüber dem gedruckten Hardcover einen eingeschränkten Inhalt auf. Es erschien uns nicht sinnvoll, die mehr als 200 Farbabbildungen des Grafikkünstlers Rainer Schorm in einem E-Book zu präsentieren, da anzunehmen ist, dass zum einen die meisten E-Book-Reader nach wie vor keine Farbabbildungen eben farbig anzeigen können und zum anderen die Displayformate die Bilder nicht wirklich zur Geltung kommen lassen. Wer das umfang- und abwechslungsreiche Grafikportfolio Rainer Schorms wirklich und in vollem Umfang goutieren möchte, sollte sich das gedruckte Hardcover gönnen.
Wir bitten im Übrigen um Verständnis für unsere Entscheidung.
Michael Haitel
p.machinery
Jörg Weigand: Fantastische Wirklichkeiten. Die Bilderwelten des Rainer Schorm
Die Realität und die Welten der Fantastik sind nur für denjenigen Widersprüchlichkeiten oder Gegensätze, der das scharfe Schwarz-Weiß liebt und sich weigert, die zahllosen Grauschattierungen zu erkennen, die die Wirklichkeit zeigt und die dem Künstler ebenso zahllose Möglichkeiten anbietet, diese Grautöne in seine Bilder zu übernehmen, beziehungsweise mit ihnen zu spielen. Was im Übrigen ebenso für das Hell-Dunkel-Spiel der Farben gilt. Freilich bedarf es dazu eines besonderen Blicks hinter, unter und über die Dinge zu sehen, die unsere Realität ausmachen.
Der am 9. August 1965 in Wehr (nahe der Grenze zur Schweiz) geborene Rainer Schorm ist einer jener Fantasiejongleure, die über »den Blick« verfügen, der die Wiedergabe jener Quasi-Unwirklichkeiten ermöglicht, die uns der Riss in der Eierschale der Realität anbietet. Diesem Künstler in die von ihm geschaffenen Welten zu folgen, ist pures Abenteuer der Sinne, vor allem natürlich der Augen. Aber auch: der eigenen Imaginationskraft, wenn der Betrachter in diesen Bildern spazieren geht und von sich aus fast unwillkürlich das weiter ausgestaltet, was ihm präsentiert wird.
Von der Ausbildung her zunächst einmal grafisch geprägt, bedient sich Rainer Schorm heute der digitalen Medien, wobei er keineswegs das traditionell Gelernte hintanstellt oder gar vernachlässigt, sondern als handwerkliche Basis nutzt und so das Künstlerische bereichert.
Die Welten der spekulativen Visionen, wie sie die Science-Fiction bietet, sind dabei ebenso Teil der schormschen Bilderwelt wie die Schreckensszenarien und Absonderlichkeiten der Fantastik oder – wie zumindest ein Teil davon heute genannt wird – der »Weird-Fiction«. Schorm beherrscht das Eine wie das Andere – den »sense of wonder« der SF ebenso wie die Verstörtheiten in den Erzählungen eines Lovecraft oder Blackwood. Dabei verblüfft er und verstört gleichermaßen durch seine enorme Formenvielfalt und seine manchmal das Bild quasi sprengende Farbenpracht.
Bemerkenswert ist gerade bei seinen SF-Visionen, dass sie oft genug auf einem Fundament ruhen, auf dem nur wenige Illustratoren und Coverkünstler aufbauen können: Er verfügt auf ein fundiertes, durch lange Jahre des Selbststudiums erworbenes naturwissenschaftlich-kosmologisches Fachwissen, das seine Fantasie beflügelt und dadurch seine Darstellungsmöglichkeiten erheblich erweitert. Die Überzeugungskraft seiner fiktiven kosmischen Dokumentationen ist grandios; die Augen des Betrachters werden geradezu magisch in das jeweilige Bild hineingezogen.
Es ist daher nicht überraschend, dass gerade Authentizität für diesen Künstler ein wichtiges Gut ist, geradezu ein Markenzeichen. Er ist ein Träumer, gewiss, aber einer, der die Bodenhaftung nicht verloren hat. Die Realitätsbezogenheit erschließt sich dem Betrachter beim näheren, beim genauen Hinsehen. Es gibt aber auch Bilder, deren Wirklichkeitsnähe an ihrer fantastischen Natur zweifeln lassen, bis ein oder mehrere Details die ersten Hinweise auf die wahre Natur des Dargestellten ermöglichen.
Dies wird besonders deutlich bei der Auseinandersetzung des Künstlers Rainer Schorm mit dem Unheimlichen, dem Schauderhaften und Schrecklichen. Was eigentlich nicht darstellbar ist, verwandelt sich bei Schorm zu einem unmittelbar erfahrbaren Grauen; bis hin zum Widerwillen und zur Flucht zurück in die Realität.
Im Gesamtspiel der ungezählten darstellenden Künstler in Deutschland wie auch weltweit hat Rainer Schorm in der Science-Fiction wie in der Weird-Fiction/Fantastik seine eigenen Ausdrucksformen gefunden; sie richten sich nicht an Schablonen aus, sondern orientieren sich detailfreudig am jeweiligen zu beschreibenden Objekt und am ausdrücklichen Willen des Künstlers, die in ihm ruhenden Visionen unverfälscht weiterzugeben.
Mögen die ersten darstellenden Versuche noch eher suchend gewesen sein, inzwischen fällt es dem kundigen Betrachter leicht, ein Bild als von Schorm geschaffen zu identifizieren. Schorm gehört keiner Schule an; er ist er – Rainer Schorm ist Rainer Schorm.
Die hervorstechende Qualität seiner Bilder besteht darin, dass sie in all ihrer Besonderheit von einer subtilen Eindringlichkeit sind, der es gelingt, dass sich der Betrachter nicht dagegen wehren kann, hineingezogen zu werden in dieses besondere Universum.
Aufgabe dieser Edition ist es, Rainer Schorm mit seinen Bilderwelten einem breiteren Publikum vorzustellen.
Dankenswerterweise hat sich eine große Anzahl Autoren bereit erklärt, zu (selbst) ausgesuchten Bildern des Künstlers Erzählungen zu schreiben, die sich vom Dargestellten direkt inspirieren lassen. So ist neben zwei Bildergalerien (Science-Fiction und Weird-Fiction/Fantastik) zusätzlich eine Anthologie besonderer Art entstanden.
Am Ende des Buches erwartet den Betrachter und Leser noch ein Interview mit Rainer Schorm, in dem auf seine künstlerischen Intentionen und Darstellungstechniken eingegangen wird. Dies im Zusammenhang mit einer von Schorm beigesteuerten Erzählung zu einer seiner Bilder, dem Cover zu Band eins der »Phantastischen Miniaturen« (herausgegeben von Thomas Le Blanc, Phantastische Bibliothek in Wetzlar) mag Interessenten noch etwas weiter hinein in den schormschen künstlerischen Kosmos führen:
In einen Kosmos fantastischer Wirklichkeiten.
Science-Fiction
»Alles, was ein Mensch sich heute vorstellen kann,
werden andere Menschen einst verwirklichen.«
Jules Verne

Der Flug der HEPHAISTOS
Rüdiger Schäfer: Sonnenkuss
Es ging viel zu schnell, als dass Kalia oder sie selbst hätten reagieren können. Der Schutzschirm flackerte nicht einmal; zumindest war mit bloßem Auge nichts wahrzunehmen. Als der schrille Alarmton durch die Steuerzentrale der ARWEN gellte, war eigentlich schon alles vorbei.
Ein heftiger Schlag erschütterte das Raumschiff. Leonie musste sich an ihrer Konsole festhalten. In den technischen Eingeweiden des umgebauten Frachters rumorte es.
»Treffer in der nordöstlichen Bugregion«, meldete Kalia. Ihre Stimme klang angenehm unaufgeregt, obwohl sie wissen musste, dass die ohnehin schon kritische Lage soeben aussichtslos geworden war. »Es hat eine der Energiebojen erwischt.«
Leonie starrte auf den Hauptbildschirm. Er zeigte ein diffus wirkendes Wabern in Gelb und Orange. Weißbraune Schlieren zogen sich wie ein Geflecht aus Venen und Arterien über die Oberfläche des Sterns, auf den die ARWEN mit stetig wachsender Geschwindigkeit zustürzte.
»Kommen die Drohnen damit klar?«, erkundigte sie sich ohne große Hoffnung.
Kalia warf ihr einen mitleidigen Blick zu. »Meinst du das ernst?«, antwortete sie mit einer Gegenfrage. »Die paar Wartungseinheiten, die noch funktionieren, sind mit dem Antrieb beschäftigt. Alles andere muss warten.«
Leonie schüttelte den Kopf und justierte die Außenkameras. Sekunden später kam die beschädigte Boje in den Sichtbereich. Die Außenhaut der rund fünfzig Meter langen Speichereinheit war aufgerissen. Dichter Qualm quoll aus der Öffnung und wurde durch den Sonnenwind sofort weggerissen. Da draußen herrschten Temperaturen von mehreren Tausend Grad Celsius. Dort, wo der Sonnenfinger die ARWEN getroffen hatte, befand sich ein heller, in Weiß und Gelb glühender Fleck, der langsam größer wurde.
»Das sieht nicht gut aus«, stieß Leonie hervor.
»Was hast du erwartet? Der Schirm ist unten und lässt sich nicht mehr aktivieren. In ein paar Minuten ist auch die Ortung tot, weil uns die Hitze die Antennen wegschmilzt.«
Leonie erwiderte nichts. Was hätte sie auch sagen sollen? Sie hatten alles riskiert und alles verloren.
Als sie vor drei Monaten von der Erde aufgebrochen waren, war sie voller Hoffnung gewesen. Ein offizieller Auftrag der Prospektorenbehörde – davon hätte sie nicht einmal zu träumen gewagt. Die Experten der Regierung waren gut. Sie schickten ihre Scouts nicht einfach auf gut Glück los. Die Koordinaten, die sie wenige Tage später erhalten hatte, waren somit praktisch unbezahlbar gewesen; ein satter Gewinn durch die zu erwartenden Prämien quasi garantiert.
Nun spielte das alles keine Rolle mehr. Die ARWEN würde nicht mehr zur Erde zurückkehren. Irgendwann würde man nachforschen, das Schiff auf die Vermisstenliste setzen, vielleicht sogar einen Satelliten losschicken, um es zu suchen. Vergeblich. Leonie hatte nicht einmal mehr einen Notruf absetzen können. Niemand würde jemals erfahren, was ihr und Kalia zugestoßen war.
»Wir haben noch einen Versuch«, rissen sie die Worte ihrer Partnerin aus den düsteren Grübeleien. »Wenn ich sämtliche Restenergie in die verbliebenen Schubdüsen lenke, und das Schicksal ausnahmsweise mal auf unserer Seite ist, könnte es gerade so reichen.«
Leonie hob matt den Arm, um ihr Einverständnis zu signalisieren. Sie sah zu Kalia hinüber. Trotz ihrer fast sechzig Jahre war sie noch immer eine schöne Frau. Die Zeit war gnädig zu ihr gewesen. Ihre langen, schwarzen Haare umrahmten ein Gesicht mit großen ausdrucksstarken Augen, einer schmalen Nase und vollen, sanft geschwungenen Lippen. Sie sah immer aus, als würde sie lächeln. Das hatte Leonie von Anfang an an ihr geliebt.
Ja, sie hatte Glück gehabt. Mit dem Leben. Und mit Kalia.
Die ARWEN schüttelte sich. Das Schiff war vor über hundert Jahren auf einer der Mondwerften im heimischen Sonnensystem gefertigt worden und seitdem wohl mindestens zwei Dutzend Male modifiziert worden. Das einzige, was noch aus Originalbauteilen bestand, waren der Antrieb und die Meilerbänke.
Zuletzt hatten Kalia und Leonie die Laboreinrichtungen erneuert. Eine nicht unerhebliche Investition, die sie einen Großteil ihrer Rücklagen gekostet hatte. Seit ein paar Jahren erwartete die Behörde wie selbstverständlich, dass die Scouts die eingesammelten Erzproben auf dem Rückflug zur Erde eigenständig untersuchten, klassifizierten und einen detaillierten wissenschaftlichen Bericht anfertigten. Je vollständiger und verlässlicher dieser war, desto größer die Wahrscheinlichkeit, weitere Aufträge zu ergattern. Somit war den freien Prospektoren nichts weiter übrig geblieben, als ihre Schiffe entsprechend aufzurüsten.
Auf dem Hauptbildschirm, der fast die komplette Stirnwand der Steuerzentrale einnahm, konnte man die Oberfläche des namenlosen Sterns inzwischen gut erkennen. Eine träge wogende Masse aus Ocker und Braun, aus der sich in unregelmäßigen Abständen Glutfinger wie Tentakel in die Höhe reckten, als wollte ein riesiger Polyp nach der ARWEN greifen, um sie zu sich in ein feuriges Grab zu ziehen.
Die Sonne mit der fantasielosen Katalogbezeichnung DX-21-C-32 stand im Sternbild des Krebses und war gerade einmal fünfzehn Lichtjahre von der Erde entfernt. Sie bildete das Zentrum eines gewaltigen Gürtels aus Asteroiden, der aus mehreren Hunderttausend Einzelobjekten bestand, die größten davon Zwergplaneten mit Durchmessern zwischen vierhundert und sechshundert Kilometern.
Ihr Kurs hatte die ARWEN während der vergangenen Tage zu mehreren dieser Miniwelten geführt, und die Schürfdrohnen hatten mehr als genug Proben gesammelt. Die Lagerräume im Hangarbereich waren bis zur Decke gefüllt. Leonie hegte keine Zweifel daran, dass sich das System als äußerst ergiebig erweisen würde. In Gedanken hatte sie sich schon ausgemalt, was sie mit dem verdienten Geld anfangen würden. Leistungsstärkere Neutralisatoren für den Antigrav. Einen Getränkespender für die Messe, der Kaffee produzierte, den man wirklich trinken konnte. Einen neuen Rechenkern für den Bordcomputer … und einen mindestens vierwöchigen Urlaub für sie und Kalia in einem der Ferienressorts auf Io, Titan oder Enceladus.
Doch dann hatten sie einen Fehler gemacht. Vielleicht war es auch eine technische Panne gewesen. Für eine wirkliche Ursachenforschung war keine Zeit geblieben, und so wie es aussah, kamen sie aus dieser Sache auch nicht mehr heraus, um den Grund für die minimale Kursabweichung später zu ermitteln.
»Okay«, holte sie ihre Partnerin wieder in die raue Wirklichkeit zurück. »Falls du an irgendwelche Götter glaubst – jetzt wäre der Augenblick, sie um Unterstützung anzuflehen …«
Kalia nahm mehrere Schaltungen an ihrer Konsole vor. Es gab einen lauten Knall; dann brüllten die Meilerbänke im Innern der ARWEN wie verwundete Tiere auf. Das ganze Schiff begann zu vibrieren, als sich sämtliche noch verfügbare Energie in die Plasmaemitter der Schubdüsen ergoss. Die Beleuchtung flackerte. Leonie spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Machte sich der Ausfall des Schutzschirms bereits bis in die Zentrale bemerkbar, oder waren das lediglich ihre überreizten Nerven?
Die Zeit schien stehen geblieben zu sein. So kam es Leonie zumindest vor. Mit allem, was sie noch hatte, stemmte sich die ARWEN gegen den mörderischen Sog von DX-21-C-32. Ultrahocherhitztes Plasma wurde innerhalb der Magnetfelder der Zündkammern angeregt und über einen Ionentunnel mit hohem Druck aus den Schubdüsen gepresst. Die Nadel der Beschleunigungsanzeige rückte unaufhaltsam in den roten Gefahrenbereich vor – und stieg weiter. Das Vibrieren wurde zu einem zornigen Schütteln.
Leonie fixierte das Display des Kurscomputers. Wenn der Schub ausreichte, musste sich die Flugbahn der ARWEN verändern, doch das tat sie nicht. Während um sie herum das Dröhnen der überlasteten Maschinen immer lauter und das Rütteln und Stoßen des beanspruchten Schiffsrumpfs immer heftiger wurde, registrierte der Kursrechner nicht die geringste Abweichung von der bisherigen Flugkurve.
Es funktionierte nicht!
Irgendwann gab auch Kalia auf. Mit wenigen Handgriffen schaltete sie den Antrieb und die kurz vor dem Kollaps stehende Energieerzeugung ab. Der Lärm verebbte. Das Schiff beruhigte sich.
»Es hat nicht gereicht«, sagte Kalia. »Der Ausfall einer der Bojen war zu viel.« Sie klang nicht ängstlich. Nicht einmal resigniert. Nur irgendwie … müde.
Leonie nickte, obwohl sie sicher war, dass sie es auch mit vier Bojen nicht geschafft hätten. Sie waren dem Stern schon zu nahe. Der sogenannte Punkt ohne Wiederkehr war längst überschritten.
»Wie lange?«, fragte Leonie.
»Ein paar Minuten noch«, gab Kalia Antwort. »Ich könnte es noch einmal mit dem Schirm versuchen. Wenn ich im Maschinenraum die Verbindungen zu den Verteilern kappe und stattdessen …«
»Halt die Klappe und komm her«, unterbrach sie Leonie.
Kalia runzelte für einen Moment die Stirn, dann lächelte sie und erhob sich aus ihrem Sessel. Sie ging zu ihr herüber und blieb vor ihr stehen.
Keine von beiden sagte etwas. Dazu kannten sie sich viel zu lang. Es bedurfte längst keiner Worte mehr, um den Gefühlen, die sie füreinander empfanden, Ausdruck zu verleihen.
Liebe ist nicht das, was man erwartet zu bekommen, sondern das, was man bereit ist zu geben.
Wer hatte das noch gesagt? Leonie erinnerte sich nicht mehr. Der Hauptbildschirm schien zu glühen. Er zeigte die körnige, dunkelrote Struktur von DX-21-C-32. Wie weit war die Oberfläche der Sonne, dieser tobende Ozean aus heißem, leuchtendem Gas, noch entfernt? Ein Blick auf die Instrumente ihrer Konsole hätte es ihr verraten, doch um nichts in der Welt hätte sie die letzten Minuten ihres Lebens mit solchen Banalitäten verschwendet.
Kalia bewegte die Lippen und formte stumm jene drei Worte, die oft so banal und abgenutzt klangen, aber alles bedeuteten, wenn man sie zu jemandem sprach, der sie wirklich verstand.
Als die Hitze kam, küssten sie sich. Es war ein langer und leidenschaftlicher Kuss. Die Welt um sie herum hörte auf zu existieren. Es gab nichts mehr außer Kalia und Leonie.
Und dann gab es auch sie nicht mehr.

Erstkontakt
Thomas Le Blanc: Der Irrtum
Wenn wir unseren Status rekapitulierten, dann hatten wir uns auf den Begriff geeinigt, dass wir komfortabel gestrandet waren. Unser Raumschiff war zwar nicht mehr fähig, zu starten und vom Planeten abzuheben, geschweige denn im All zu navigieren. Der Antigravgenerator war in Tausende von Einzelteilen zerborsten und zerschmolzen, die damit verbundenen Hyperraumfühler waren ausgebrannt und die meisten Steuerungselemente nur noch als Schlackebrocken vorhanden. Und da uns der Hyperraum versperrt war, konnten wir auch keinen Funkspruch absetzen, der einen von Menschen besiedelten Planeten in weniger als einem Jahrtausend erreichte – falls wir überhaupt feststellen konnten, in welchem Hinterhof der Galaxis wir uns befanden. Aber wir waren im Gleitflug sanft auf diesem Planeten gelandet, keiner war verletzt worden, unser Raumschiff lag nur geringfügig an der Hülle beschädigt auf der Seite, und wir hatten den überwiegenden Teil unserer Überlebenstechnik weiterhin zur Verfügung.
So konnten wir rasch mithilfe von umgebauten Frachtcontainern einen kleinen Außenposten neben dem Raumschiff errichten, der fortan als Kern einer Siedlung diente. Außerdem richteten wir uns in einer nahe gelegenen, sehr geräumigen natürlichen Höhle ein, wobei wir bei der Funktionalität von Raumaufteilung und Möblierung gleich darauf achteten, dass eine gewisse Wohnlichkeit entstand. Wir wussten, dass wir vermutlich auf immer hier bleiben würden, also sollte keinem Wohnraum der Charakter eines Provisoriums anhaften. Natürlich zogen es einige von uns vor, weiterhin die Annehmlichkeiten der Kabinen im Innern des Raumschiffs zu nutzen. Solange die Energieversorgung intakt blieb, war das eine bequeme Option.
Die nach der Strandung sofort eingeleiteten biologischen Untersuchungen des Planeten hatten äußerst erfreuliche Daten geliefert. Die Luft war atembar und ohne nachweisbare schädliche Komponenten, Luftdruck und Schwere und Temperatur waren nahe dem Erdstandard, Wasser war in großer Fülle vorhanden, sogar ergiebiges Quellwasser ohne den menschlichen Organismus schädigende Beistoffe. Unweit der Siedlung befand sich ein See mit einem breiten Sandstrand; vielleicht war es sogar ein Süßwassermeer, da wir das gegenseitige Ufer nicht ausmachen konnten. Die Pflanzenwelt war etwas karg, obwohl der Boden sowohl nährstoffreich als auch voller Organismen war, Insekten, Würmer und kleine Reptilien gab es reichlich, auch Vögel und ein paar mausgroße Nagetierarten. Im See lebten Fische, durch das klare Wasser hindurch sahen wir jedoch größere Raubfische kreisen, sodass wir es zunächst nicht für angezeigt hielten, im See schwimmen zu gehen. Größere Landtiere hatten wir noch nicht gesichtet; vielleicht war die Evolution auf diesem Planeten noch nicht so weit. Zivilisatorische Anzeichen hatten wir auch keine entdeckt, also machten wir keinen intelligenten Ureinwohnern ihren Planeten streitig.
Dennoch schützten wir unsere Behausungen vor möglichen und insbesondere plötzlichen Gefahren, vor Unwettern, Staubwinden, Insektenschwärmen sowie Angriffen von Fressfeinden. Wir errichteten Messstationen und stellten bewaffnete Beobachtungsposten auf, und wir ließen mit allerlei Sensoren ausgerüstete Drohnen in wachsenden konzentrischen Kreisen die Umgebung unserer Siedlung abfliegen. Außerdem begannen wir Samen aus unserem Biobestand aufzutauen; jedes Raumschiff, das auf Erkundung im All unterwegs war, verfügte über einen strategischen Notvorrat, um Kartoffeln, Getreide, einige Gemüsesorten und schnellwachsende Obststräucher in fremder Erde anbauen zu können.
Ein dem Planeten innewohnendes physikalisches Phänomen beeinträchtigte uns jedoch beträchtlich: Die Atmosphäre war stark elektrisch aufgeladen, und die Feldstärke variierte in noch nicht ergründeten Rhythmen. Zunächst war das lediglich unangenehm, unsere Körper luden sich langsam, aber stetig auf und entluden sich dann unregelmäßig bei Berührungen. Dem konnten wir mit eigens gefertigten Metallgürteln und Ableitungen über auf dem Boden schleifende Metallstreifen begegnen. Lästig zwar, aber hinnehmbar. Doch unsere Biologen warnten vor mittelfristigen extremen Auswirkungen auf die Biochemie in unseren Körpern: Letztlich könnte sich diese starke Elektrizität auf den Zusammenhalt der körpereigenen Moleküle auswirken und damit existenziell werden. Abschirmen ließe sich die atmosphärische Elektrizität nur, wenn wir in unseren Raumschiffen hinter Metallkäfigen blieben – aber das hieße, auf ewig gefangen zu sein.
Deshalb entwickelten wir mehrere Meter hohe Kondensatoren, die die elektrische Energie aus der Atmosphäre aufnahmen und in die Raumschiffakkumulatoren weiterleiteten und dort speicherten. Wir konstruierten sie bis zu zwölf Meter hoch, aufrecht stehend, mit Radialplatten, dünnbäuchig, versehen mit ausladenden waagerechten Armen. Ganz oben wurde eine spitz zulaufende Kugel montiert, die sich ausrichten ließ, um – sobald der Kondensator voll aufgeladen war – die Energie in die Außenkontakte unserer Raumschiffakkumulatoren wieder zu entladen. Das geschah per Dichtstrahl, der sich laut donnernd und rotblitzend manifestierte.
Wir stellten die Geräte zunächst um unsere Siedlung herum auf, dann radial in weiterer Entfernung und platzierten einen dieser hohen Masten auch im See. Um der Lärmentwicklung zu begegnen – die Einschläge der Dichtstrahlen hallten durch das gesamte Raumschiff –, positionierten wir einen Zwischenempfänger auf einem Hügel in einiger Entfernung, von wo aus die Energie dann per Starkstromkabel in die Raumschiffakkumulatoren abfloss.
Damit hatten wir sogar eine praktische Energiequelle gewonnen, die das Leben im Raumschiff absicherte. Einer unserer Ingenieure arbeitete auch eine Fernsteuerung der Strahlen aus, denn die Kugel am Kopf der Akkumulatoren ließ sich drehen, und damit besaßen wir eine recht wirkungsvolle Energiewaffe. Wir planten zwar aktuell nicht, sie zu irgendetwas einzusetzen, aber es beruhigte uns ungemein, so etwas zu besitzen.
Das System funktionierte so gut, dass wir wieder ohne die unpraktischen Gürtel herumlaufen konnten, dass einige Dauermigränen verschwanden und dass die Gefahr für unsere Körperchemie gebannt war.
Doch nach einigen Wochen störungsfreiem Betrieb zeigten sich plötzlich unerklärliche Ausfallerscheinungen, zwar immer nur kurzzeitig für ein paar Sekunden, aber doch messbar. Immer mal wieder überlud sich einer der Kondensatoren: Kurz bevor er seine elektrische Ladung per Dichtstrahl abgeben sollte, also kurz vor Erreichen seiner Maximalladung nahm er eine zusätzliche Ladungsspitze auf, die wie aus dem Nichts gekommen war. Unsere Techniker kalibrierten die Kondensatoren neu, auf dass sie ihre Ladung schon deutlich unterhalb der Maximalkapazität abgaben. Wenn dann eine solche zusätzliche Ladungsspitze eintraf, folgte daraus jedenfalls keine Überladung.
Das System schien sich zunächst wieder zu beruhigen, allerdings zeigten die Ladungsspitzen jetzt atmosphärische Begleiterscheinungen, die sich mit bloßem Auge beobachten ließen. Es waren kleinere und größere Staubwirbel, die sich in der Nähe der Kondensatoren aufbauten, dann sich in Richtung der Kondensatoren bewegten, sie umschlossen und sich schlagartig wieder auflösten. Offenbar erhöhte sich die wandernde Feldstärke lokal aus unbekannter Ursache, elektrisierte dabei Staub- und Sandteilchen und plusterte sie wie zu einer Windhose auf. Diese Phänomene sahen fast lustig aus, wie spielerische und örtlich begrenzte Wetterphänomene.
Kein Grund zur Besorgnis, hieß es von unseren Physikern. Bis sich plötzlich das neue Phänomen in seiner Größe und seiner Aktivität änderte.
Eine unserer zufällig am Ufer des Sees befindlichen Patrouillen beobachtete, wie aus dem See sich eine gewaltige elektrische Ladung erhob, unzählige Wassertropfen mit sich führte und zu einer Gestalt in der Größe eines der Kondensatoren anwuchs. Die Gestalt hatte nicht nur eine ähnliche Körperlichkeit, sondern am Kopf auch eine Kugel und sah damit wie ein gigantisches lebendes Wesen aus. Da es völlig aus Wassertropfen bestand, hatte es eine silbrige Farbe und war durchscheinend. Es bewegte sich zunächst auf der Wasseroberfläche etwas hin und her wie ein schwankender oder unentschlossener Tänzer, waberte in der Luft, ließ die Wassertropfen um sich tosen und steuerte dann zielstrebig auf den nächstplatzierten, am Ufer stehenden Kondensator zu. Schon als die Gestalt dem Kondensator nahe kam, überlud der sich kräftig und schoss zwei Dichtstrahlen ungezielt in die Luft, die sich an ihren Enden auch zu zwei davondriftenden Energiekugeln manifestierten. Dann umhüllte die Gestalt den Kondensator, drang von allen Seiten in ihn ein, und in einer gewaltigen Energieentladung zerbarsten beide gemeinsam, das Metall wurde in große Einzelstücke zerlegt, die zu Boden fielen, und die Wassertropfen stoben explosionsartig auseinander und verdampften. Zurück blieben eine Kondensatorruine als schwarzverbrannter Torso sowie glimmende Metallbrocken auf dem Boden in einem begrenzten Umkreis.
Danach war wieder alles ruhig. Und es blieb ruhig auf Dauer.
Was geschehen war, darüber konnten wir nur spekulieren. Allerdings waren wir uns einig darin, dass – da es ein singuläres Ereignis blieb – wir es nicht mit einem natürlichen Phänomen zu tun gehabt hatten. Wir hatten erkennbar die Aktion eines intelligenten Wesens beobachtet.
Zunächst hatten kleinere Wesen, die aus reiner Energie bestanden, Kontakt mit einem unserer Kondensatoren aufzunehmen versucht. Sie hatten sich als Energiewirbel manifestiert und waren in unsere Kondensatoren eingedrungen – ob das neugierige Kommunikationsversuche oder Attacken gewesen waren, konnten wir natürlich nicht klassifizieren.
Dann war ein größeres Wesen – so groß wie einer der Kondensatoren und damit auf Augenhöhe, also etwa gleichmächtig – auf den Plan getreten. Es hatte die Kondensatoren als neue Gäste auf seinem Planeten identifiziert und nicht uns Menschen als die Intelligenz dahinter. Deshalb richtete sich seine Kommunikation oder sein Angriff – oder seine liebende Vereinigung, wie eine unserer Sozialwissenschaftlerinnen kühn und romantisch behauptete – auch nur auf die Kondensatoren. Da diese jedoch keine Intelligenz in sich hatten, musste der Kontakt natürlich scheitern.
Die Energiewesen zogen sich nun – enttäuscht? – zurück und tauchten fortan nicht wieder auf.
Wir hatten nur die Hoffnung, dass wir in späteren Jahren einmal einen Weg zur Kontaktaufnahme finden würden. Um sie über ihren Irrtum aufzuklären.

Gamet
Hans Jürgen Kugler: Poseidons Tränen
Der Morgennebel zerrann. Im Frührotschein blau schimmernde Sphären über dem Ozean - Wasser, das sich im Wasser träumt, geronnen zu einem Kondensat aus Licht und Energie.
Fluide Fantasien – grenzenlos, unbegreifbar, ALLüberwindend und Grund allen Lebens. Resultat negativer Entropie.
Poseidon wandte sich ab. Sein Werk war getan, die Transformation abgeschlossen, der Prozess angestoßen. Die Quantenmatrix beendete den Programmablauf und ging auf Stand-by. Die Sphären schwebten regungslos über der Bucht. Eine weitere Generation war geboren, blau schillernde Tränen, zum Aufbruch bereit. Wieder ein Planet erfolgreich infiziert. In Bruchteilen von Äonen werden abionische Verbindungen zu immer komplexeren organischen Molekülen verschmelzen; unwiderruflich bilden sich variierende, autoreplizierende chemische Informationssysteme, Molekülketten verhaken sich zu verschlungenen Strukturen, stabilisieren neu gewonnene Substanzialität, Atmungsketten pulsieren im Elektronenfluss – kurz: Leben entsteht. Und Leben, einmal entstanden, will leben, will immer mehr Leben, will überleben. Also tötet es – für das eigene Leben, für seine gesteigerte Intensität. Das Leben ist unausrottbar, hat es erst einmal gezündet. Nicht der Tod ist sein Todfeind, sondern das Nichts. Und das findet sich nirgends – vielleicht einmal in einer unendlichen Zukunft, einer unvorstellbaren Spanne Zeit, gemessen in Jahrmilliarden, wenn der Himmel zurückfällt in Finsternis, die Sterne umflutend in seinem Verdikt. Wenn kein sichtbares Auge mehr wacht in der Tiefe der endgültigen Nacht; auch Sterne verblühen, wenn ihre Zeit gekommen ist.
Doch jetzt noch nicht. Noch wachen die Tränen Poseidons regungslos über den Wassern, gebären Leben, Zukunft und Hoffnung auf bessere Zeiten.
Poseidon erschien das alles sinnlos. Wozu Leben erschaffen, das sich selbst zerstört, immer und immer wieder und jedes Mal aufs Neue. Ein zum Scheitern verurteiltes Projekt, das sich unaufhörlich perpetuierend ständig weiter fortpflanzt. Alles Leben ist fortwährendes Leiden, eine Kettenreaktion des Schmerzes. Ein unauslöschliches Feuer, das sich selber nährt. Da wäre es doch sinnvoller, es gleich sein zu lassen. Besser nicht zu sein, als falsch zu sein.
Jetzt kann nur noch Humor helfen, dachte Poseidon und ließ dröhnend ein wahrhaft homerisches Lachen ertönen - und es regnete Feuer und Asche auf den Planeten.

Der Höllenmond
Jörg Weigand: Die andere Welt
»Meister, ich habe eine Frage!«
Abrupt wurde Li T’ai-p’o aus seiner morgendlichen Meditation am Ufer des T’ung-t’ing-Sees gerissen.
»Was ist?« Er war verärgert, denn diese Stunde allein mit der Natur war ihm heilig. Normalerweise reagierte Li T'ai-p'o nicht so heftig auf eine Frage seiner Schüler; doch jeder unter ihnen wusste, wie wichtig ihm gerade diese kurze Zeit der Besinnung war. Nun hatte Kuang Ling-ling dagegen verstoßen; er verdiente eigentlich nicht, dass ihn der Meister so barsch anfuhr, denn er war zwar erst seit Kurzem hier am See, dennoch gehörte er bereits zu den Gelehrigsten und Wissbegierigsten.
T’ai-p’o bereute bereits seine harte Replik, daher deutete er neben sich: »Setz dich und sage mir, was du auf dem Herzen hast!«
Kuang Ling-ling stammte aus einer alten Beamtenfamilie, die in der südlichen Hauptstadt einen guten Namen und viel Einfluss besaß. Die Mitglieder dieses Clans waren absolut kaisertreu; jeder zweite männliche Spross machte innerhalb des Militärs Karriere, der Rest mehrte als Kaufleute die Besitztümer der Familie.
Nur Ling-ling war aus der Art geschlagen, wie sein Vater mit Bedauern feststellen musste, als sein Erstgeborener sich an den T’ung-t’ing-See verabschiedete, um sich einem seltsamen Eigenbrötler anzuschließen, über den man die absonderlichsten Dinge hörte. Der Sohn freilich fand Meister Li durchaus nicht seltsam oder sonderbar. Er hatte sich innerhalb kürzester Zeit eingelebt und war sehr zufrieden, dass Li auf alle Fragen intensiv einging, die ihm seine Schüler stellten.
Nachdem er seinen Lehrer derart aus seiner Gedankenwelt gerissen hatte, wagte der junge Mann nicht, die Frage zu stellen, die ihn gerade besonders bewegte. Meister Li spürte die Befangenheit und verstand, dass er die Initiative ergreifen musste.
»Nun, sag schon, was du für ein Anliegen hast!«
Trotz des Entgegenkommens seines Mentors zögerte Ling-ling, wagte aber schließlich dennoch, das Problem vorzutragen, mit dem er sich seit Tagen beschäftigte:
»Im ›Klassiker der geheimnisvollen Orte‹, das Ihr, Meister, uns zur Lektüre empfohlen habt, sind seltsame Örtlichkeiten erwähnt, die sich nicht auf dieser Welt befinden sollen, sondern im Jenseits, außerhalb unserer Wahrnehmung. Was hat es damit auf sich?«
Li T’ai-p’o kannte den Klassiker, den einstmals ein taoistischer Klosterabt verfasst hatte, sehr gut. Dass er dessen Lektüre empfohlen hatte, war in der Absicht erfolgt, seine Anhänger ein wenig von der Nabelschau zu lösen, in die so mancher zu fallen drohte. Dass dies aber nunmehr Ling-ling so sehr beschäftigte, machte ihn nachdenklich.
»Was genau willst du?«, fragte der Meister, dem es von Anfang an darum gegangen war, seinen Schülern zu helfen – bei allen Problemen, gleichgültig, worum es sich handelte.
»Ich möchte eine solche Welt einmal sehen«, sagte Ling-ling und Meister Li sah ihm an, dass er es ernst meinte. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so etwas gibt. Falls aber doch, dann will ich das mit eigenen Augen anschauen!«
Meister Li überlegte, was er antworten sollte. Interesse an Unbekanntem und Neugier auf Neues waren Eigenschaften, die er dennoch zu schätzen wusste. Andererseits wollte er seine Schüler auch vor enttäuschenden Negativerfahrungen schützen.
»Sicherlich hast du in diesem Klassiker gelesen …«
Ling-ling nickte.
»… dann weißt du auch, dass es eine Möglichkeit gibt. Doch sie ist nicht jedem zugänglich.«
»Ich weiß, Meister, diese Götterpilze sollen helfen, eine Reise des Geistes zu unternehmen und diese Welten zu sehen.«
»Ich werde dir helfen«, versprach Li T'ai-p'o. »Mein Freund Su, der taoistische Eremit am Grünrot-Berg, hat mir verraten, wo es solche Pilze gibt. Beziehungsweise, wo diese Pilze in kleinen Mengen zu finden sind.«
»Oh, bitte, Meister! Wollt Ihr mir das nicht verraten …«
Meister Li zögerte nur kurz, dann sagte er: »Du findest den violetten Rettichhelmling am Fuße des nördlichen Felsplateaus jenseits des Sees. Und dann musst du Folgendes beachten.«
Er sah sich um; kein anderer seiner Schüler sollte das hören. »Und halte dich genau an die Anweisungen. Der Pilz selbst entscheidet, was du siehst und wohin dich diese Reise führt. Nun hör genau zu!«
Kuang Ling-ling war für einige Tage verschwunden, doch während die anderen Schüler sich wunderten oder gar sorgten, spielte auf Meister Lis Gesicht nur ein kleines Lächeln, wenn die Rede auf den Abwesenden kam. Bis Ling-ling wieder in ihrer Runde auftauchte, als sei nichts gewesen.
Meister Li freilich fiel auf, dass der junge Mann nachdenklicher als vor seinem Verschwinden wirkte. Er konnte sich natürlich auch irren, sagte er sich, bis Ling-ling am Abend vor seiner Hütte stand.
»Darf ich eintreten, Meister?«
Das klang fast verzagt, gleichzeitig aber auch entschlossen. Seltsam, dachte Li und bat seinen Schüler herein.
»Ich denke, du kannst mir etwas erzählen.«
Ling-ling saß zunächst schweigend, ehe es in einem Wortschwall aus ihm herausbrach:
»Ich habe mich genau an Eure Anweisungen gehalten, Meister, habe nur einen Pilz bei hellem Mondschein gepflückt und ihn anschließend klein gehackt meiner Reismahlzeit zugefügt. Ich habe das Gericht einen ganzen Tag lang ruhen lassen und es anschließend verzehrt. Was ich dann erlebt habe …«
Er verstummte und konnte sich offenbar nur mühsam zwingen, weiter zu reden.
»Nie wieder will ich so etwas sehen!«
»Was hast du denn gesehen?«
»Ich sah eine Welt … Wie kann es das geben? Eine Welt, ganz eingetaucht und geformt in die kaiserlichen Farben, in die Farben unseres T’ien-tse, unseres verehrungswürdigen Himmelssohnes. Eine Welt ganz in Gelb. Ausschließlich in Gelb. Gelb wie Schwefel. Entsetzlich.«
»Gelb ist eine Farbe der Weisheit und des Glücks. Ist es nicht wundervoll, dass es eine solche Welt gibt?«, fragte Li.
Kuang Ling-ling sah ihn skeptisch an.
»Gelb und Gold sind dem Kaiser vorbehalten. Wer als Bürger diese Farbe trägt, vergeht sich gegen göttliche Gebote. Gelb ist auch das Symbol der Macht. Und die ist des Kaisers. Es ist Blasphemie, sich mit Gelb zu schmücken, das haben mir meine geliebten Eltern beigebracht. Und eine ganze Welt in Gelb – das geht gar nicht.«
Er verstummte. Meister Li wartete geduldig.
»Nie wieder«, sagte Ling-ling, »will ich solche Welten sehen, die unseren verehrten Himmelssohn derart verhöhnen.«
Meister Li blieb stumm.

Donnas Kaschemme II

Donnas Kaschemme
Monika Niehaus: Hunter’s Planet
»Wie findet ihr es?« Black Mary, Tauranerin und nach terranischen Maßstäben elf bis zwölf Jahre alt, hatte es als blinder Passagier der Rosinante in Donna Kaschemme verschlagen.* Nun hielt sie einen eleganten Flakon in der Hand und wedelte uns den Duft zu.
»Wow, riecht wie ein ferengisches Freudenhaus!«, konstatierte K'Xara, die nachtschwarze K'zin-Kriegerin mit dem Widdergehörn und dem roten Brusttattoo.
»Woher weißt du, wie es in derartigen Etablissements duftet, Freundin meiner Nächte?«, wollte Little Wong, ihr schmächtiger Gefährte aus dem Shanghai-Imperium, wissen. »Ich finde es durchaus attraktiv!«
Donna, deren roter Irokesenkamm wippte, während sie frische Gläser abfüllte, schnupperte ebenfalls: »Könnte mir gefallen! Was meinst du, Willi?«
Der Wurmlochscout und Skipper der Rosinante zog den Flakon heran und schnüffelte: »Die Kopfnote besteht aus Hyazinthe und rosa Pfeffer, die Herznote aus Jasmin und Orange, die Basisnote aus Moschus, Patschuli und Castoreum …«
»Willi, du Schuft!« Mary entriss ihm das Fläschchen. »Du hast das Etikett gelesen!«
»Mit so einem Zinken ist das kaum nötig«, grinste Quoxx, der reiche Händler aus dem Kuiperbelt. »Aber wie kommst du in den Besitz dieses bestimmt sündhaft teuren Parfüms, junge Dame?«
Mary strich sich die schwarzen Locken aus der Stirn und lächelte. »Ein Geschenk für geleistete Dienste!«
»Rabenaas hatte eine Idee …« Die K'zin-Kriegerin bleckte ihre strahlend weißen Zähne. Diesen Kosenamen hatte sie der Tauranerin nach einer Pokerpartie auf der Rosinante verliehen.
Quoxx sah Willi fragend an. Willi drehte sein leeres Glas. Der Kuiperbelter seufzte und machte Donna ein Zeichen, eine frische Runde Bier zu servieren.
Willi nahm einen tiefen Zug. »Nun, wir befanden uns auf dem Weg nach Gamer’s Planet, um diese Ausreißerin wieder der Obhut ihres liebenden Vaters zu überstellen, der uns für unsere Babysitterdienste« – Mary schnaubte empört – »ein stattliches Handgeld versprochen hatte. Unterwegs überredete uns dieser Plagegeist zu einem kleinen Abstecher zum Pferdekopfnebel, den sie unbedingt sehen wollte … nun, die Folge war, dass wir in einen heftigen Magnetsturm gerieten. Der Bordcomputer spielte verrückt, ich musste auf Handsteuerung umstellen, und wir schafften es mit Müh’ und Not zum nächsten Klasse-M-Planeten mit Sauerstoffatmosphäre …«
Die Rosinante schlitterte mit einem schrillen Knirschen über den felsigen Boden und kam dann mit einem Ruck zum Stehen. Mit einigen heftigen Rammstößen öffnete K'Xara die verklemmte Tür, und wir traten ins Freie.
Wir waren am Eingang eines Tals gelandet, das sich hinter uns zur Schlucht verengte. Farne bedeckten die Wände der Schlucht, durch die sich ein Bach schlängelte, der in einem kleinen See mündete. Ein schillerndes Insekt, vierflügelig und lang wie eine Hand, schwirrte in Zickzackflug übers Wasser. Die Bachufer waren von einem lichten Wald aus Laubbäumen gesäumt, an deren Ästen kürbisgroße, an Lampions erinnernde Gebilde hingen. Hoch über dem havarierten Raumschiff kreiste ein krächzender Trupp fremdartiger Vögel, deren Silhouetten sich gegen den Abendhimmel abhoben.
Als die Sonne hinter dem Horizont verschwand, wurde es schlagartig dunkel, und wir verschoben weitere Erkundungen auf den nächsten Tag. Eine Weile mühte ich mich noch mit dem Bordcomputer ab, aber der stellte sich ebenso tot wie der Antrieb.
Wir wussten nicht, wo wir uns befanden. Wir konnten keinen Hyperraumkontakt aufnehmen. Und ohne Ersatzteile würden wir nicht wieder von hier wegzukommen. Mit einem Satz, unsere Lage war beschissen.
Wir gingen schlafen.
Mitten in der Nacht wurden wir von einem seltsamen Geräusch geweckt. Es klang, als raspele jemand mit einer Stahlfeile an den Stelzen der Rosinante. Dann ächzte das Raumschiff ein wenig, und in der Einstiegsluke, die wir der Schwüle wegen nur mit einem Netz verschlossen hatten, zeichnete sich gegen das Mondlicht ein massiger Schatten ab. Wir sprangen aus unseren Kojen, und K'Xara richtete ihre Taschenlampe auf den Besucher. In der Öffnung zeigte sich ein großer runder, plüschiger Kopf, aus dem uns zwei kleinen Augen anstarrten.
Das Geschöpf war offenbar genauso erschrocken wie wir. Es stieß ein Grunzen aus, dann verschwanden Kopf und Pfoten, und wir hörten ein Plumpsen sowie ein hastiges Getrampel.
Wir drängten uns um die Lukenöffnung und spähten hinaus. »Das ist nicht nur einer, das ist ein ganzer Trupp!«, flüsterte K'Xara. Im Strahl der Lampe konnten wir eine Handvoll plumpe, massige Formen ausmachen, die im Halbkreis auf ihren Hinterbeinen hockten. Bis auf zwei Meißenzähne, die deutlich über das Kinn hinausragten, wirkten sie nicht besonders bedrohlich. Nachdem sie uns ebenso verblüfft gemustert hatten wie wir sie, stieß das größte Exemplar einen Pfiff aus und machte kehrt. Seine Gefährten folgten ihm, und kurz darauf hörten wir, wie die schweren Körper ins Wasser eintauchten. Ein Klatschen mit dem Schwanz auf die Wasseroberfläche, dann waren sie verschwunden.
»Was war das?«, fragte Mary mit großen Augen. »Etwas aus dem Märchenbuch?«
Little Wong schüttelte den Kopf. »Ich denke, Riesenbiber.« Er hockte sich nieder und ließ die Metallspäne rund um die angeknabberte Stelze des Raumschiffs durch die Finger gleiten. »Und ihre Nagezähne sind offenbar in bestem Zustand!«
»Anscheinend nicht die einzigen Riesen hier …« Die K'zin-Kriegerin wies auf den Rand der Schlucht. Dort hoben sich mehrere Schattenrisse mit ausladenden Stoßzähnen gegen den mondhellen Hintergrund ab.
»Elefanten?«, fragte Mary verblüfft.
Wie zur Bestätigung hob eines der Tiere den Rüssel und trompetete so laut, dass die Rosinante vibrierte.
»Mammuts!«, korrigierte Little Wong. »Und die Silhouetten am Himmel trugen wohl keine Federn, sondern Lederschwingen …!«
»Mammuts, Flugsaurier und Riesenbiber …« Ich pfiff leise durch die Zähne. »Es gibt wohl nur einen Ort im ganzen Alphaquadranten, wo man so etwas findet!«
Wir waren auf Hunter’s Planet gestrandet, Big Bobbys privatem Jagdparadies für Superreiche. Das war keine gute Nachricht, denn Big Bobby gehört zu den miesesten Gaunern, die ich kenne – und ich kenne eine ganze Menge übler Typen.
Am nächsten Morgen machte ich mich daran, die Schäden, die unser Kahn erlitten hatte, genauer in Augenschein zu nehmen. Es hätte schlimmer kommen können, aber wir brauchten Ersatzteile, um den Antrieb der Rosinante und vor allem den Bordcomputer wieder flottzumachen.
Die anderen hatten sich inzwischen am See umgesehen. Die Riesenbiberkolonie bestand aus mehreren Burgen, die sich über die Wasseroberfläche erhoben. Die Tiere ließen sich von uns nicht weiter stören und bewegten sich, Baumstämme schleppend, behäbig zwischen dem Waldrand und ihrer Siedlung hin und her. Es schien sie nicht zu stören, dass wir ein paar Fische angelten. Mary hatte sogar ihren Bikini angezogen, obwohl es da oben noch kaum etwas zu halten gab, wie K’Xara spottete, und war ein paar Runden im See geschwommen.
Wir waren gerade dabei, unsere Fischbeute zum Raumschiff zu schaffen, als einer der Riesenbiber einen schrillen Pfiff ausstieß und untertauchte. Die anderen Biber folgten ihm eilig.
Da die Biber kaum kleiner als ein terranischer Schwarzbär waren, fragten wir uns, was sie derart erschreckt hatte. Die Nachmittagssonne stand inzwischen so niedrig, dass der Boden der Schlucht zwischen Raumschiff und See im Schatten lag. Und dort im Schatten bewegt sich etwas …
Dicht an den Boden gedrückt, näherten sich uns ein Dutzend Geschöpfe mit katzenhafter Grazie.
»Säbelzahntiger!«, flüsterte Little Wong.
Ich zog meine Laserpistole.
»Beim Auerochsenpimmel, lass das Ding stecken!« Die K'zin-Kriegerin drängte mich zurück. »Wenn wir einen seiner kostbaren Klontiger killen, haben wir bei Big Bobby völlig verschissen.«
Und an Mary gewandt: »Schnell! Dein Oberteil!«
Verblüfft gehorchte die Kleine.
Inzwischen hatten sich die Säbelzahntiger auf etwa fünfzig Schritt genähert. Sie wirkten ebenso hungrig wie misslaunig, und die Härchen in meinem Nacken sträubten sich.
K’Xara bückte sich und hob einen Kiesel auf.
»Spielst du jetzt David gegen Goliath, meine schwarze Venus?«, erkundigte sich Little Wong interessiert. »Bei einem ganzen Rudel von Gegnern vielleicht keine so gute Idee …«
Die K’zin-Kriegerin lächelte grimmig. »Wir werden uns Verstärkung holen!«
Sie legte den Kiesel in eine Mulde des Oberteils, schwang die improvisierte Schleuder um den Kopf und schleuderte das Geschoss dann auf sein Ziel. Der Kiesel traf einen der größten Lampions mit voller Wucht. Einen Moment schwankte das Gebilde wild hin und her, dann fiel es zu Boden und zerplatzte direkt vor den Füßen der Säbelzahntiger.
Ohne Zögern stürzten sich die die wütenden Hornissen auf die vermeintlichen Angreifer. Die Raubkatzen, eben noch ihrer Beute sicher, heulten auf, schlugen mit den Pranken nach den Quälgeistern und bleckten ihre Zahndolche, doch gegen diesen Gegner waren sie machtlos. Panisch ergriffen sie die Flucht und jagten in die Schlucht zurück. In kaum einer Minute war der ganze Spuk verschwunden, und die aufgescheuchten Insekten machten sich daran, ihr Nest zu reparieren.
K’Xara reichte Mary ihr Oberteil zurück und grinste uns an.
»Du hast nicht nur ein schmückendes Gehörn, Freundin meiner Lenden, sondern auch einen klugen Kopf!«, lächelte Little Wong und hob ihre Hand an seine Wange. »Dennoch finde ich, dass es langsam ungemütlich wird. Ich denke, wir sollten so rasch und unauffällig wie möglich wieder von hier verschwinden.«
»Zu spät!« Ich wies auf die sich nähernde Späherdrohne. »Unser Gastgeber hat uns offenbar entdeckt …«
Die Drohne umkreiste die Rosinante mehrmals und ließ sich schließlich auf dem Dach nieder. Der Holobildschirm klappte aus, und darauf erschien Big Bobbys übellauniges Gesicht. Mit seinem rosigen Kahlkopf, den Hamsterbacken, der kleinen Nase und dem Schmollmund erinnerte er an ein überdimensionales Baby, wären da nicht diese kieselharten Augen gewesen.
Er musterte uns abschätzig. Wie potenzielle Kunden sahen wir wohl nicht aus. Entsprechend rüde war sein Ton. »Wer seid ihr? Was macht ihr hier? Hab’ ich eure Visagen nicht schon mal gesehen?«
»Wir sind friedliche Reisende und durch einen Magnetsturm gezwungen worden, hier notzulanden …«, entgegnete ich höflich.
»Dann macht euren verdammten Kahn wieder flott und verschwindet!«
»Das würden wir gern, aber ohne die nötigen Ersatzteile wird das so schnell nichts, und die Gegend scheint recht unsicher zu sein …«
Big Bobby näherte sich den Holoschirm so weit, dass man jede Pore seinen wütenden Gesichts sehen konnte: »Wagt nicht einmal daran zu denken, meine kostbaren Säbelzahntiger anzurühren! Die sind für zahlende Gäste reserviert!«
»Mit einem kleinen Kredit für die nötigen Reparaturen wären wir viel schneller wieder aus dem Weg!«, versuchte ich, an die Vernunft des Dicken zu appellieren.
»Ein Kredit? Ein KREDIT?« Big Bobby schien inzwischen kurz vor einem Schlaganfall zu stehen. »Ich werde euren Schrottkahn konfiszieren und abwracken. Und ihr könnt versuchen, am Raumport einen barmherzigen Skipper zu finden, bei dem ihr eure Rückreise abarbeiten könnt.«
Bevor ich protestieren konnte, hatte sich Mary vor den Holoschirm geschoben. »Vielleicht können wir uns ja doch einigen …«
Der Dicke glotzte einen Augenblick, dann machte er eine gereizte Handbewegung: »Misch dich nicht ein, Rotznase! Wer bist du überhaupt?«
»Ich bin Black Mary, Tochter von Black Angus …« Sie strich ihre Locken zurück, sodass ihre Hörneransätze sichtbar wurden, unverkennbare Zeichen ihrer tauranischen Herkunft.
Big Bobby runzelte die Stirn. »Deinem Vater gehört das Black Hole?«
Mary nickte. »Und eine ganze Menge anderer Spielhöllen auf Gamer’s World. Wenn ich mich recht erinnere, waren Sie vor nicht allzu langer Zeit zu Gast bei uns …«
Die Augen des Dicken verengten sich zu Schlitzen. »Ja, und ich habe deinem Daddy am Roulettetisch ganz schön die Hosen runtergezogen …«
»Wenn ich mich weiterhin recht erinnere« – Mary lächelte honigsüß – »hatten Sie damals eine recht spärlich bekleidete Glücksfee auf dem Schoß, so eine üppige Rothaarige – da gibt es ein paar hübsche Aufnahmen, die Sie vielleicht gern als Andenken hätten …« Sie ließ den Satz in der Luft hängen.
Big Bobby holte tief Luft. »Das ist Erpressung!« Dann schien ihm ein Gedanke zu kommen, und er kniff die Augen zusammen: »Wenn du seine Tochter bist, warum pumpst du Angus dann nicht direkt an?«
»Nun …« Mary lächelte weiter, doch es war klar, dass sich die Rädchen in ihrem Kopf verzweifelt drehten. Wenn der Dicke herausfand, dass unsere Hyperraumkommunikation ausgefallen war, war ihr Bluff geplatzt und wir ihm auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. »Ich möchte Daddy da gerne heraushalten …« Sie stockte.
»… weil er ihr den Arsch versohlen würde!«, sprang Little Wong in die Bresche. »Denn dieser Rotschopf ist inzwischen Mistress Angus!«
Die Kleine nahm den Faden sofort auf. »Daddy wäre bestimmt genauso ungehalten wie Mistress Bobby, wenn diese Bilder an die Öffentlichkeit gelangten. Und wenn Black Angus rot sieht …« Sie schüttelte nur den Kopf.
Big Bobby schnaufte und ließ seinen Blick von einem zum anderen wandern. »Ich lasse euch Ersatzteile schicken!«, stieß er schließlich zwischen den Zähnen hervor.
Mary setzte ihr schönstes Lächeln auf. »Eine weise Entscheidung, Sir. Sobald wir Hunter’s Planet verlassen haben, sind die Aufnahmen so gut wie gelöscht!«
Der Dicke öffnete den Mund, als wolle er noch etwas sagen, entschied sich aber eines Besseren. Der Holoschirm verdunkelte sich, und die Drohne entschwand so leise, wie sie gekommen war.
Erst als sie verschwunden war, erlaubte ich meinen weichen Knien nachzugeben und setzte mich. »Das alles war ein Bluff, nicht wahr?«
»Big Bobby ist nicht sehr helle!« Mary kräuselte ihre kleine Nase verächtlich. »Und mit einem Walross wie Big Berta im Ehebett wäre es ein Wunder, wenn er die Gelegenheit nicht genutzt hätte …«
»Und die Beschreibung der Dame?«, erkundigte sich Little Wong neugierig.
Die Kleine grinste. »An educated guess. Big Bob steht auf Kurven, und was die Haarfarbe angeht, konnte er sich sicherlich nicht mehr genau erinnert, so wie er seinen Gewinn damals begossen hat.«
»Die Aufnahmen gibt es also gar nicht?«, wollte K'Xara wissen.
»Bislang noch nicht, ist aber eigentlich eine gute Idee, findet ihr nicht?«
Die K’zin-Kriegerin warf ihren Kopf mit dem schweren Gehörn in den Nacken und lachte lauthals. »Rabenaas!«
»Wir schafften es, die Rosinante zum Raumport von Hunter's Planet zu bugsieren, der zum Glück ganz in der Nähe lag. Mit den Ersatzteilen gelang es uns rasch, den Kahn wieder flottzumachen und zu starten«, schloss Willi seine Erzählung, nahm einen tiefen Schluck und strich sich den Schaum von den Lippen.
»… aber weil wir so weit vom Ziel abgekommen waren, reichten die Energiereserven nur für den Rückflug nach Terra!«, ergänzte Mary. Sie klang nicht besonders unglücklich darüber.
Donna stellte ihr frisch gefülltes Tablett auf den Tisch und ließ ihren Blick von Willi über K’Xara zu Little Wong gleiten. »Ihr habt die Kleine nicht bei ihrem Vater abgeliefert, ihr müsst Big Bob die Ersatzteile bezahlen, und Willis alter Kahn hat noch ein paar Kratzer mehr abgekriegt – und trotzdem strahlt ihr wie eine klingonische Mondkatzen im Fischladen. Warum?«
Little Wong grinste. »Diese junge Dame hatte da eine Idee. Während Willi die Reparatur der Rosinante überwachte, haben wir drei die Biberkolonie am See besucht.« Er angelte sich ein frisches Glas von Donnas Tablett. »Wie ihre kleinen terranischen Artgenossen markieren die Riesenbiber ihr Revier mit einem Sekret aus ihren Analdrüsen, und das nicht zu knapp. Jedenfalls hatten wir beim Abheben von Hunter’s Planet ein Dutzend Eimer voll dieser braunen Paste gesammelt – Bibergeil, in Fachkreisen Castoreum genannt …«
»Daddy jammerte immer darüber, was ihn die Parfüms seiner Freundinnen kosteten. Das Zeug wird für die teuersten Luxusmarken gebraucht, und die Händler haben es uns praktisch aus den Händen gerissen.« Sie schnupperte am Flakon und warf ihren Reisegefährten einen unschuldigen Blick zu. »Das Parfüm hat übrigens noch keinen Namen … Was haltet ihr von ›Black Mary‹?«
»Mir würde ›Rabenaas‹ besser gefallen«, konterte K'Xara boshaft und ließ ihre Zähne blitzen.
Mit Feuereifer stürzten sich alle Gäste der Kaschemme in die Diskussion, und bald herrschte ein heilloses Stimmengewirr.
»Warum nicht ›Bella Donna‹?«, meinte Little Wong, als alle irgendwann Atem holen mussten. »Darin steckt nicht nur die Essenz schöner Frauen, sondern auch ein wenig Tollkirschenwahn, ein Schuss Verrücktheit, wie ihn jedes gute Parfüm braucht …«
Einen Moment lang herrschte Stille, dann brandete tosender Beifall auf.
»Vorschlag einstimmig angenommen!« Willi grinste die Wirtin an.
»Das heißt wohl, die nächste Runde geht aufs Haus!«, seufzte Donna. »Ihr nutzt meine Gutmütigkeit schamlos aus.« Aber geschmeichelt war sie doch.
Wie so oft floss das Bier, noch immer das Beste in diesem Teil des Alphaquadranten, in Strömen, wenn sich Mary auch bitter beklagte, dass Donna ihr nur Malzbier zugestand. Und wie so oft wurde es eine lange Nacht.
Irgendwann rückte Mary näher an ihre Reisegefährten heran. »Quoxx und ich haben eben überlegt, ob es sich nicht lohnen würde, ins Parfümgeschäft einzusteigen. Vielleicht sollten wir nächstes Mal wieder einen kleinen Abstecher nach Hunter’s Planet …«
Weiter kam sie nicht. Willi hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. »Das nächste Mal, junge Dame, liefern wir dich direkt und ohne Umwege bei deinem Vater ab!«
»Daddy wird sich natürlich freuen!«, versicherte ihm die Kleine. »Bei der blöden venusianischen Kuh, die er unbedingt heiraten musste, bin ich mir allerdings nicht so sicher. Wenn sie mich nun schlecht behandelt …« Sie warf den dreien durch lange Wimpern einen Blick zu.
»Rabenaas!«, wiederholte K'Xara voll Inbrunst.
Little Wong lächelte so undurchdringlich wie immer und nahm noch eine Nase von dem neuen Duft.

Brut
Jürgen vom Scheidt: Erster Kontakt
Der Traum, mit dem er an diesem Morgen aufgewacht war, hatte ihn zunächst sehr bedrückt. Da war ein unangenehmes Gefühl, etwas Wichtiges nicht begreifen zu können und den Inhalt des Traums auch noch zu vergessen, als er daraus hochschreckte. Zugleich war da seltsamerweise ein Glücksgefühl in ihm gewesen, wie er es lange nicht mehr erfahren hatte. Was das Vergessen doppelt ärgerlich machte.
Aber während er versonnen die Zähne putzte, mit der elektrischen Bürste die Innenseite der oberen Schneidezähne reinigte, waren – plop – plop – plop – drei Szenen des Traums wieder in sein Bewusstsein gehüpft. Ja, der Traum hatte aus drei Teilen bestanden, die irgendwie miteinander zu tun hatten, aber er konnte sich keinen Reim darauf machen. Beim Frühstück hatte er sich rasch notiert, was er noch erinnerte:
Alles andere davor gab es nicht oder war endgültig dem Vergessen anheimgefallen. Doch dieser düstere Moment, als dieser Raumfahrer (was sonst sollte es sein – ein Tiefseetaucher?) auf ihn zutrat. Als er ihn hinter dem Visier seines Helms anstarrte, die Lippen bewegte, als wollte er ihm, Mischa Schröder, etwas mitteilen, etwas sehr Wichtiges – und weg war er, der Astronaut.
An seine Stelle trat diese grünlich schillernde Nixe, die von irgendwoher auftauchte, vielleicht sogar aus dem See, der im Hintergrund in anbrandenden Wellen changierte (war dort dieser Taucher oder Astronaut unterwegs?). Absurderweise hingen zwei Monde am Himmel, wie gewaltige Lampions. Die Wasserfrau ließ sich, nackt, wie sie war, auf einem Felsen vor ihm nieder, rekelte sich lasziv lockend – aber in diese Tiefen wollte er ihr nicht folgen, da war ein sehr unangenehmes Gefühl von lauernder Gefahr –
Doch dann ein sanft aufsteigendes Glücksmoment, als von links diese Medusa heranschwebte, türkisfarben der Körper, fast durchsichtig und orangefarben mit rötlichen senkrechten Streifen oben – ihr Kopf? Fremdartig und doch auch irgendwie vertraut –
Wann hatte er so etwas schon einmal gesehen – in einem Aquarium im Zoo? Damals mit den Eltern in den Ferien am Meer, auf Sylt?
Es hatte etwas mit der Zahl Dreißig zu tun, aber was? Und warum? Er mochte die Drei, sie war seine Lieblingszahl, hatte ihn sein ganzes Leben Glück bringend begleitet – drei tolle Frauen hatte er geliebt, drei Arbeitsstellen voll inspirierender Herausforderungen hatte er gemeistert, die rundum okay waren, bis er sich endlich doch selbstständig machte – da konnte die Dreißig doch nur Gutes bringen – dreißig war er gewesen, als er Birgit kennengelernt hatte, was für ein Glück, längst zerronnen –
Seltsamer Traum. Jetzt, wo er von Hand mit blauer Tinte aufgeschrieben auf diesem nüchtern weißen DIN-A4-Blatt vor ihm auf dem Küchentisch lag –
Als er, nun in ausgesprochen heiterer Stimmung, rein zufällig auf die Wanduhr schaute, wurde ihm bewusst, dass er in einer halben Stunde diesen Termin hatte, im Norden der Stadt, im neuen Hochhaus hinter dem Schwabinger Tor. Wenn er das Fahrrad nahm, konnte er das schaffen. Und er schaffte es, wenngleich vor Anstrengung keuchend.
Warum hatte er bloß auf diese Anzeige geantwortet: »Außerirdische suchen ersten Kontakt mit Erdenmenschen.«
Nun saß er schon seit mehr als einer Stunde in diesem nichtssagenden Raum und starrte auf die hundertdreiundvierzig Bilder, die nacheinander an die weiße glatte Wand projiziert wurden und von denen er eines aussuchen sollte. Das war die Aufgabe. Dachte er jedenfalls. Bis er sich endlich für Nummer dreißig entschied. Er konnte nicht sagen, warum es ihm ausgerechnet dieses quallenähnlich durch eine fremde Welt schwebende Ding angetan hatte, dieses geheimnisvoll türkisblau leuchtende Wesen – und nicht die nackte Sirene, die da lockend am Wasser kauerte, mit zwei Monden am Himmel, sichtlich auf einer fremden Welt zu Hause – oder diese Figur im Weltraumanzug, hinter dem Helmvisier nur zu ahnen, dass auch das eine Frau war, die ihn neugierig anschaute.
Plötzlich war da wieder die Erinnerung an den Traum. Seltsame Koinzidenz – dieselben Motive oder wenigstens sehr ähnliche.
Dann erfuhr er von der Frau, von der echten Frau hier im Konferenzraum (oder war es so etwas wie ein Versuchslabor?), von dieser schlanken Frau mit den unglaublich grünen Augen und den Kurven an den richtigen Stellen, worum es tatsächlich ging. Und das haute ihn denn doch von den Socken, wie man umgangssprachlich sagen würde – und was die Fremde wohl kaum verstehen würde – oder doch?
»Erinnern Sie sich noch, was in der Anzeige stand, auf die Sie reagiert haben?«, sagte sie.
Mischa Schröder nickte: »Na klar.«
Blondie nickte, lächelte ihr umwerfend schönes, verheißungsvolles Lächeln. »Und jetzt sind Sie da, Mischa Schröder, hier bei uns. Und wir sind diese Fremden von der anderen Welt, diese Außerirdischen. Und schon hat er begonnen, der erste Kontakt.«
»Sie sehen so gar nicht aus wie Außerirdische –«
»Wie sehen die denn aus? Wie in diesen Science-Fiction-Filmen? Aliens mit Tentakeln und riesigen Gehirnen und so, die schreiende halb nackte Frauen entführen?«
Mischa fühlte sich ertappt, nickte und musste gleichzeitig lachen und wippte dabei mit dem linken Fuß, was gar nicht so einfach war, alles drei gleichzeitig.
»Okay, Mischa, es gibt da draußen schon auch solche, die ganz anders aussehen. Wir drei hier in diesem Raum sind gewissermaßen am kompatibelsten mit der Gattung Mensch auf eurem Planeten Erde.«
Die beiden anderen (Männer, wie Mischa annahm) standen auf, verbeugten sich höflich (wie Japaner und Inder) und verließen den Raum. »Alles Weitere wird sich finden«, sagte die Frau, die sich Susanna Kantor nannte und für die Mischa sofort der Name »Blondie« eingefallen war, er wusste nicht, weshalb – doch, klar: die Farbe ihrer Haare!, dieser langen Mähne, die sie gern herumwarf, wenn sie den Kopf mal schüttelte.
»Alles andere steht, buchstäblich, in den Sternen, Mischa.«
Und, dachte Mischa sehnsüchtig, es steht in deinen grünen Augen, Er konnte nicht anders: Er stand auf und wollte auf sie zugehen. Alles Weitere wird sich finden, durchfuhr es ihn. Aber sie hob nur abwehrend die Hände. »Nicht so schnell«, sagte sie, leise und bestimmt, »erst gibt es noch einiges zu tun.« (Eine Ablehnung sieht anders aus, oder?)
Die beiden Männer kamen zurück, schoben auf Rollen ein Gerät an die Wand, das wie eine alte Jukebox aussah.
Mischa Schröder fühlte sich plötzlich sehr elend. Er hatte zu viel von dem Konfekt gegessen, das die Fremden ihm angeboten hatten, genauer: das sie mit ihm geteilt hatten. Denn eigentlich war es ja sein Geschenk, um das sie gebeten hatten:
»Bringen Sie etwas mit, ein kleines Geschenk nach ihrem Geschmack«, hatte es in der E-Mail geheißen, die sie ihm sofort schickten, nachdem er auf die kleine Anzeige im Wirtschaftsmagazin brand eins reagiert hatte:
»Außerirdische suchen ersten Kontakt mit Erdenmenschen …«
Ja, genau so hatte es im hinteren Teil des Wirtschaftsmagazins geheißen, das er gerne las. Er las sonst nie Anzeigen, aber in dieser Zeitschrift waren sie immer recht originell und berührten Themen, die ihn interessierten. So war es mit dem Generalthema der aktuellen Ausgabe des Magazins gewesen: Das Fremde und die Fremden. Und dann, passgenau, dieses Inserat. Er hatte das gute Dutzend Artikel vorne im Heft mit großem Interesse, ja geradezu mit Begeisterung studiert, weil er in der Jugend ein Fan von utopischen Erzählungen gewesen war. Allerdings hatte er dann im Laufe seines Berufslebens zunehmend das Interesse an Science-Fiction verloren. Nun war es wieder geweckt worden, auch wenn sich nur wenige der Beiträge im aktuellen Heft mit utopischen Themen befassten wie Digitalisierung und Roboter und KI und Raumfahrt als Wirtschaftsfaktor und pro und kontra Atomenergie im Zeichen des Klimawandels. Die meisten Texte handelten von sehr irdischen Belangen – wie es in modernen Firmen zuging, oder zugehen sollte, in Start-up-Unternehmen und Konzernen, aber auch bei kleinen Leuten wie ihm, solche mikroökonomischen Beiträge las er besonders gern – Wirtschaftsthemen halt, gut recherchiert, lesbar geschrieben, unterhaltsam, informativ und sinnvoll miteinander vernetzt.
Als er dann infolge seiner Reaktion auf diese Annonce umgehend den Termin für ein Erstgespräch genannt bekam, war er schon sehr aufgeregt gewesen, wenn auch zweifelnd, schließlich verstand er sich als skeptischen Menschen. War alles nur ein dummer Scherz? Ein Gag, um die Intelligenz (Dummheit?), Aufmerksamkeit der Leser zu testen? Oder vielleicht, wie man sie zu Reaktionen verführen konnte?
Andererseits hatte ihn sein früheres Interesse für utopische Literatur irgendwie darauf vorbereitet. Irgendwann musste es doch mal passieren. Viertausendeinhundertzweiundsechzig Exoplaneten hatte man bereits entdeckt, das war der aktuelle Stand. Allein in der Milchstraße musste es Milliarden solcher Welten geben, und warum nicht auch solche mit intelligenten Bewohnern?
Tja, wäre da bloß nicht das leidige Problem mit diesen astronomischen Entfernungen und der angeblichen Unmöglichkeit, sich schneller als mit Lichtgeschwindigkeit zu bewegen. Und Transport im Kälteschlaf – brrr – ihn schüttelte es bei dem Gedanken an die Temperatur nahe dem Nullpunkt und die klaustrophobische Enge in so einem Schneewittchensarg – aber Aliens können das ja vielleicht schaffen, genmanipuliert oder was auch immer, oder? Mir fehlt es nicht an Fantasie, aber das hier ist die Realität –
Sein Sodbrennen würgte ihn. Dieses dämliche Konfekt, zweimal zweiundzwanzig – das waren vierundvierzig verschiedene Pralinen, mit sechzehn Geschmacksvarianten, von der Confiserie Lauenstein. Ein Sonderangebot des Supermarkts. Er hatte ja zunächst schlichtweg vergessen, dass man ein »kleines Geschenk« mitbringen sollte zur ersten Besprechung. Im letzten Moment was ihm das wieder eingefallen, als er das Hochhaus im Münchner Norden schon sah, wo das Treffen stattfinden sollte. Zum Glück war da dieser Supermarkt. Und dort, auf dem Tisch mit den Sonderangeboten, gleich beim Eingang, lagen Schachtel über Schachtel mit den verführerischen Süßigkeiten. Statt dreiunddreißig Euro reduziert auf vierzehn-neunundneunzig. Ein Schnäppchen und dann auch noch eines, von dem er selbst nur zu gerne naschen würde. Vielleicht waren die Außerirdischen ja so beschaffen, dass sie nicht gleich mit Sodbrennen auf das süße Zeug reagierten.
Es war nicht nur das Sodbrennen, das ihn nach der vierten Praline plagte – sondern die verführerisch schöne Blondine, die das Gespräch in dem schmucklosen Konferenzraum leitete. Die hatte genauso viele Pralinen aus der Schachtel gepickt wie er selbst, er hatte automatisch mitgezählt. Immer wenn er eine nahm – hatte sie auch eine genommen, zwischen diese unglaublich schönen, kräftig rot geschminkten Lippen gesteckt, sie genüsslich im Mund zergehen lassen, ihn dabei mit diesen verführerischsten aller grünen Augen angestrahlt, in die er je in seinem Leben geblickt hatte.
Genau wie sie hatten es die beiden Männer mit dem Konfekt gemacht, von denen der eine jedoch irgendwie unmännlich auf ihn wirkte – war der schwul? Oder transgender? Auch sie hatten, fast zeitgleich, mit ihm und Blondie in die Schachtel gegriffen und es offensichtlich sehr genossen, die Süßigkeiten in ihren Körper aufzunehmen.
Bekamen die denn kein Sodbrennen? Naja, wenn es wirklich Außerirdische waren –
Der Fasching war doch längst vorbei – wenn das kein Scherz war, irgendein Marketing-Gag – wenn es wirklich Außerirdische waren –
Auch der Rücken machte ihm wieder mal zu schaffen. Er hatte zu Hause zu lange vor dem Computer gesessen und an dem Bauprojekt gearbeitet, dessen Statik er überprüfen sollte. Umbau eines alten Siedlungshäuschens in ein schickes Heim für eine indische Programmierer-Familie, die nach München gezogen war – Vater, Mutter, zwei weibliche Teenager – alle vier exzellente Programmierer (wie man ihm im Projektbüro ehrfurchtsvoll gesteckt hatte). Das ewige Trauerspiel in München: Solvente Mieter verdrängten Alteingesessene, welche die Miete nicht mehr stemmen konnten. Aber so war das nun mal in der globalisierten Welt, da konnte sich die AfD noch lange daran abarbeiten. Für manche war sie eine Verbesserung ihrer Lebensumstände – andere fielen hinten runter. Siebeneinhalb Milliarden Menschen, demnächst acht – wer würde das Rennen in die Zukunft machen?
Er hatte diese Inder bei einem Besichtigungstermin kurz kennengelernt und gestaunt, wie gut sie schon Deutsch sprachen, wenngleich mit dem typischen indisch-englischen Akzent. Aber was soll’s – wenn sein Hindi oder wenigstens sein Englisch so gut wäre wie deren Deutsch –
Er hatte in der Schule einmal Hindi als Wahlfach gelernt, nur ein paar Monate, bis er frustriert das Handtuch warf. Aber für ein »Merhaba« und »Namasde« langte es auch heute noch, mit der entsprechenden Verbeugung und den zusammengelegten Handflächen. Also hatte er »Aapane ek achchha ghar chuna hai« gemurmelt, was für ihn so viel hieß wie »Da haben Sie sich aber ein schönes Häuschen ausgesucht« und seinen Neid hoffentlich nicht mittransportierte. Alles, was auf Deutsch nicht ging und nicht auf Hindi, das würde man locker mit Englisch überbrücken, falls nötig. War aber nicht nötig. Deutsch genügte.
Diese uralte Kultur Indiens, eigentlich eine ganze Palette von verschiedensten Kulturen, dieses quirlige, wuselige Menschengewimmel, das Taj Mahal, Fatepur sikri, das Rote Fort – alles nur Fantasie – er hatte es nie geschafft, die in den Neunzigerjahren kühn geplante Indienreise tatsächlich zu wagen und in diese wirklich fremde Welt einzutauchen. Nun gut, ab und zu ließ er sich bei einem Joint von der Melodie einer Raga entführen, von Ravi Shankar oder Vilayat Khan – oder von der Stimme dieser unglaublichen Sängerin Hirabai Barodekar –
»Können wir weitermachen?« Blondie holte ihn mit einem verschmitzten Lächeln aus den Erinnerungen zurück, in die er unwillkürlich versunken war. »Es sind nur noch einige wenige Bilder, die wir Ihnen anbieten wollen, noch sieben. Hundertsechsunddreißig der hundertdreiundvierzig haben Sie ja schon bewältigt.«
»Okay«, schluckte er, »ran an den Speck – ich hatte heute Nacht einen ziemlich unruhigen Schlaf und zu wenig davon – Hab wohl zu lange ferngesehen –« Diese endlose Reihe der intensiven farbigen Bilder, die der Beamer mit leisem Surren an die Wand warf – Er fühlte sich mit einem Mal entsetzlich müde.
»Ran an Speck?«
»Nur so eine Floskel. Heißt so viel wie: Machen wir weiter.«
Die Bilder tauchten in rascher Reihenfolge an der Wand auf. Es war keines mehr dabei, das ihm gefiel. Er hatte seine Wahl längst getroffen, hatte beim dritten Durchlauf der ganzen Serie den Knopf gedrückt, wie beim Augenarzt, wenn der Sehhorizont überprüft wurde. Sehr nervig, dieser Sehtest, aber nötig für die Prophylaxe, damit sich der grüne Star nicht verfestigte, von dem seine Sehkraft bedroht war. Und nun hier, etwas sehr Ähnliches – und doch ganz anders.
Nur noch fünf Bilder. Seltsames grellbuntes Zeug, psychedelische Landschaften, wie von einem Wahnsinnigen gemalt – oder Fotografien von fremden Welten? Wenn er beim Augenarzt den Sehtest machte, stellte er sich dabei immer vor, dass die blinkenden Punkte auf diesem künstlichen Horizont fremde Raumschiffe waren, die man wegpusten musste, wie bei einem Computerspiel. Vielleicht sollte er es hier genauso machen –
»Geht es Ihnen gut, Herr Schröder? Sie sehen so blass aus?«
»Geht schon. Haben Sie vielleicht einen Schluck Wasser für mich? Der Test ist sehr anstrengend. Ich nehme jedenfalls das Bild mit der Nummer –«
»Wir haben das schon registriert«, sagte Blondie, »die Nummern dreizehn, zweiundzwanzig und dreißig.« Nun ja, er wollte doch einfach zeigen, dass er ein gutes Gedächtnis hatte, ein exzellentes Gedächtnis für Bilder. Fotografisches Gedächtnis, nannte man dies. Leise sagte er: »Und wie geht es jetzt weiter?«
»Ich zeige Ihnen die ausgewählten drei Bilder jetzt noch einmal, nun aber über ein VR-Display, das die optischen Informationen direkt in Ihr Gehirn einspielt«, sagte der (schwule? transgender?) Mann links von Blondie, Karl Pertler hieß er, oder Karol oder ähnlich, so wie Blondie sich als »Susanna« vorgestellt hatte, »Susanna Kantor«, und der Mann Nummer zwei mit »Paul Rumfeld«. Komische Namen. Naja, Außerirdische halt –
Ich war zu gierig, dachte Mischa, jetzt muss ich dafür bezahlen – nein, er dachte es nicht nur, sondern sagte es laut und deutlich und schaute dabei Blondie an. »Zu viel Konfekt – macht mir jetzt scheußliches Sodbrennen.«
»Dagegen haben wir etwas«, sagte Paul. Er ging zu einem Schränkchen an der rechten Wand und holte eine weißblaue Packung heraus. »Gelusil-Lac«, staunte Mischa, »das verwende ich auch, wenn es mal nötig ist. Nicht oft, aber eben dann, wenn ich Sodbrennen habe. Kommt vom Reflux, meine Speiseröhre ist nicht mehr ganz dicht oben im Hals –« (Wieso erzähle ich das, ist doch echt peinlich –)
»Würden Sie jetzt bitte das Headset aufsetzen«, lächelte Blondie Susanna. Es war weniger eine Bitte als eine nachdrückliche Aufforderung, der er auch sofort nachkam. Er würde jeder Aufforderung nachkommen, die von dieser Frau kam. Seine Neugier war viel zu groß, wie das weitergehen würde.
»Wenn es Ihnen recht ist, spiele ich die drei Bilder nun ein – und Sie sagen mir, was passiert.«
»Die Nummer dreizehn und die zweiundzwanzig können Sie weglassen. Ich habe mich entschieden. Für die Nummer dreißig.«
»Sind Sie sicher?«
»Ja, ganz sicher.«
»Dann los.«
»Okay«, bestätigte Mischa Schröder und unterdrückte sein Unbehagen, das hinter dem Sodbrennen langsam aus seinem Inneren nach oben stieg. Die drei waren ja schließlich Fremde, von denen er nichts wusste, außer ihren Namen. Aber die Tablette hatte sein Sodbrennen gebändigt und das Mineralwasser hatte gut geschmeckt, sehr vertraut, dasselbe, dass er auch gerne trank, jeden Monat ließ er sich vier Kästen davon in die Wohnung liefern, vom immer selben Getränkelieferdienst Roester. Herrn Roester kannte er schon seit vielen Jahren. Als er nach Birgits Tod in die kleine Wohnung umziehen musste, da war ihm der Getränkedienst gerne gefolgt, man pflegte seine Stammkunden, auch wenn sich die Anzahl der zu liefernden Flaschen halbiert hatte.
»Es geht nun los«, sagte Karel, der Dritte im Bunde.
»Was muss ich tun?«
»Gar nichts Besonderes, nur diese VR-Brille aufsetzen und schauen. Und dann berichten, was passiert.«
Das erste Bild, das nun erschien, war nicht zweidimensional auf die Wand projiziert, sondern beeindruckend lebensecht in allen drei Dimensionen und ja, das war wie in einem Film, also eigentlich vierdimensional! Das war wie ein Tor, durch das man treten konnte. Und er trat hindurch, einfach so –
»Alles okay?«, fragte Blondie. »Sind Sie gut hinübergekommen – und wieder zurückgekehrt?«
»Das war ja unglaublich. Wie im Kino – nur noch viel realistischer. Und irgendwie so vertraut – mit Gerüchen, und auf der Haut spürte ich einen warmen Wind und da war so ein eigenartiger, angenehmer Duft und der Boden vibrierte, so als würde ich mich auf einem Fahrzeug durch diese Landschaft bewegen –«
»Kein Wunder. Das Bild ist so etwas wie ein Portal in Ihre eigene Persönlichkeit. Der Film, wie Sie es nennen, speist sich aus Informationen in Ihrem eigenen Gehirn, aus Details Ihrer Lebensgeschichte gewissermaßen.«
»Ach, deshalb kam mir diese Geruch so vertraut vor, so wie damals, zu Hause in meiner alten Heimat, wenn die Mutter Mittagessen kochte – Aber dieses quallenähnliche Ding, dieses geheimnisvoll türkisblau leuchtende Wesen mit dem orangeroten Kopf, ein Art Meduse – was ist das? Gibt es das wirklich?« Dann wurde ihm bewusst, was er am Morgen geträumt hatte. Wie denn das?
»Ich sagte es doch: Das speist sich aus Informationen in Ihrem Gehirn, aus den Tiefen Ihres Unbewussten. Vielleicht auf rätselhafte Weise in Gegenwärtiges transformiert, von etwas früher Erlebtem, möglicherweise aus Ihren allerersten Kindheitstagen. Das Gehirn sucht sich immer irgendeine adäquate Information, mit der es etwas anfangen kann. Es mag keine Leere – keinen –«
»– keinen Horror vacui«, ergänzte Schröder. »Vielleicht ist das eine Erinnerung an meine Mutter? Nicht dass sie auch nur im entferntesten so ausgesehen hätte wie diese – naja: Qualle trifft es schon irgendwie. Es ist nicht die Form – es ist diese intensive Farbe, dieses türkisblaue Leuchten, sie hatte so etwas Kühles und trotzdem Zugewandtes – Mutter halt – (was red ich da bloß) – meinen Sie so etwas?«
»Könnte schon sein –«
Der andere Mann – wie hieß er – Paul? – räusperte sich und kam von der Seite mit einem Gegenstand auf Schröder zu, der wie eine Friseurhaube aussah, nur irgendwie »technisch«, so wie das metallen funkelte und mit feinen Fäden, die silbrig vibrierten.
»Was ist das?«
»Wir könnten mit diesem Gerät einen direkten Kontakt mit Ihrem Gehirn herstellen – ist eine tolle Erfindung, das Allerneueste auf diesem Gebiet.«
»Nein!« Schröder schauderte. Er mochte dieses Ding nicht. Es sah irgendwie lebendig aus und war doch – eben etwas Technisches, mit einer unguten Ausstrahlung, die ihn an den Traum vom Morgen erinnerte, an den unguten Teil davon.
»Das gefällt Ihnen also nicht«, stellte Blondie fest. Sie nickte verständnisvoll: »Kann ich nachvollziehen. Lassen wir das. Wir brauchen das nicht. Hätte nur die Messergebnisse ein wenig abgerundet, gewissermaßen auf die dritte Stelle hinter dem Komma. Aber so genau müssen wir das gar nicht machen.«
Mischa öffnete die Augen: »Ein seltsamer Test. Was messen Sie damit eigentlich?« Er fühlte sich sehr erfrischt, irgendwie sogar richtig glücklich, von Sodbrennen und Rückenschmerzen keine Spur mehr.
»Nun, es ist schon so etwas Ähnliches wie ein Test –«
»Und was misst man damit?«
»Durch Ihre Reaktionen in dem Film, wie Sie es nennen, haben wir natürlich sehr viel über Sie erfahren. Es ist eigentlich mehr ein interaktives Spiel – wir nennen es das WeltenSpiel – mit einem Binnen-S in der Mitte, damit es ein wenig exotischer ist. Das Ergebnis: Sie sind ein sehr intelligenter Mensch, dazu sehr kreativ, einfallsreich – fantasievoll –«
»Muss ich als Architekt ja wohl sein –« Er hielt inne. Dann fügte er hinzu: »Naja, in meinem Job wird Fantasie nicht gerade gefragt, ich bin den ganzen Tag mit statischen Berechnungen beschäftigt. Damit das Haus am Ende nicht zusammenkracht, das meine kreativen Kollegen sich ausgedacht haben.« Er lachte. (Kommt da eine leichte Bitternis in meine Stimme?)
Blondie schaute ihn aufmerksam an: »Aber Sie haben Ihr Potenzial bisher sehr unterdrückt, haben es noch längst nicht ausgeschöpft, nicht wahr?«
»Mag sein, als Student hat man natürlich viel mit Themen und Aufgaben zu tun, welche die Kreativität nicht gerade fördern. Als ich mit dem Studium anfing, zeichnete ich noch viel mit der Hand, entwarf die tollsten Gebäude, versuchte mich mit Innenarchitektur, fotografierte unaufhörlich, farbig und schwarz-weiß-experimentell, hab ich alles selbst im Labor entwickelt und vergrößert – Landschaften, vor allem das Gebirge und das Meer, da war ich oft mit Birgit –«
»Auch Menschen?«
»Oh ja. Meine Frau war Fotografin. Von ihr habe ich viel gelernt, vor allem, Menschen ganz anders zu erleben, und eben auch, die Leute zu porträtieren – Kinder, Alte, schöne Frauen –« (Er schluckte und vermied es, ihr in die Augen zu sehen.)
»Würden Sie denn gerne wieder dorthin zurückkehren – in jene Zeit, in der sie so kreativ waren?«
»Oh ja, sofort!«
»Da hätten wir etwas für Sie –«
»Ist es das, was Sie mit den Bildern testen, – meine verborgene Kreativität und Fantasie?«
»Ich spüre eine große Sehnsucht in Ihnen«, sagte Blondie (und er hätte aufstehen und sie umarmen können und mit ihr tanzen und wer was weiß was sonst noch, sie küssen, sie streicheln, sie ausziehen –)
»Geht es Ihnen gut, Mischa?«
»Doch ja, es geht mir sehr gut. Ging mir noch nie in meinem Leben so gut. Habt ihr mir denn irgendetwas in das Mineralwasser getan?« Er kicherte.
»Nein, Sie haben die Flasche doch selbst als Erster geöffnet, vorhin. Daran kann es nicht liegen.«
»Ein seltsamer Test, wirklich«, flüsterte Mischa und versuchte, seine sehnsüchtigen Blicke wieder von ihr abzuwenden, indem er Paul fixierte.
»Nun, es ist schon eine Art Test«, sagte Paul. »Aber er ist völlig anders, als Sie denken. Er wirkt nicht so sehr über diese Bilder –«
»Durch was denn dann?«
»Schon die Tatsache, dass Sie auf unsere Anzeige in brand eins reagiert haben, ja dass sie so eine Zeitschrift überhaupt lesen, hat uns bereits viel über Sie gesagt. Dann haben Sie tatsächlich ein Geschenk mitgebracht –«
»Ja, diese verdammten Pralinen –«
»Egal was: Sie haben daran gedacht. Sie haben die Schachtel mit den Leckereien mitgebracht.«
»Aber das war doch Ihre ausdrückliche Bitte in der Mail, so etwas mitzubringen –«
»Genau. Aber die meisten Leute, die auf unsere Anzeige reagiert haben – und es waren etliche – haben dieses Geschenk vergessen. Vermutlich deshalb, weil sie etwas von uns haben wollten – aber nicht uns etwas geben.«
»Naja, ich habe dann ja selbst ganz ordentlich rein gelangt in die Schachtel.«
»Das ist völlig okay. Es war ein Teilen, ein Geben und Nehmen. Jeder von uns hat sich vier Pralinen genommen und sie haben wirklich lecker geschmeckt.«
»Vier zu zwölf, also eins zu drei –«
»Genau: Sehr ausgewogen, würde ich sagen.«
»Und kein Sodbrennen? Bei Ihnen?«
»Nein.«
»Ich war schon sehr gierig – bei Süßigkeiten kann ich nicht widerstehen.«
»Wie ist es mit Ihrem anderen Wunsch?«, fragte Blondie.
»Mit welchem Wunsch?«
»Mich zu umarmen. Mich zu küssen.«
Mischa fühlte sich durchschaut, spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Schamesröte, nennt man das, durchfuhr es ihn. Ertappt!
»Ist schon in Ordnung«, sagte Blondie. Seltsamerweise lächelte sie diesmal nicht.
Paul und Karel standen auf, nickten freundlich, sagten, wie aus einem Munde: »Bis später.« Sie verbeugten sich höflich und tief (wie Japaner). Damit verließen sie den Raum, der sich für Mischa plötzlich ganz anders anfühlte.
»Wie fühlte er sich denn an?«, fragte Blondie.
»Du kannst – Sie können meine Gedanken lesen?«
Susanna Kantor schüttelte langsam den Kopf. »Nein. Kann ich nicht. Diese Haube, die du so vehement abgelehnt hast, hätte ein wenig in dieser Richtung gewirkt. Aber es war völlig okay, dass du sie nicht haben wolltest. Das war eher ein Zeichen deines Selbstbewusstseins und das du nicht alles mitmachst, was man dir zumutet. Wir betrachten das als etwas sehr Positives. Aber zum Gedankenlesen: Ich kann das erstaunte Mienenspiel in deinem Gesicht deuten. Ich bin dafür ausgebildet. Das wirkt dann manchmal so ähnlich wie Telepathie. Ist es aber nicht. So etwas wie Gedankenlesen gibt es nicht, nirgendwo im ganzen Universum, soweit wir es kennen. Aber es gibt ein gewisses Training, das dem sehr nah kommt. Ihr Erdenmenschen nennt das Empathie – die Fähigkeit, sich in jemand anderen hineinzuversetzen, in seine Gefühle.«
»Mhm«, brummte Mischa.
Jetzt stand auch Blondie auf. Sie ging zu dem Kasten, der wohl tatsächlich ein Musikapparat war, denn plötzlich war da eine leise, sehr vertraute Melodie.
»Kommt sie dir bekannt vor, diese Musik?«
Weshalb duzt sie mich plötzlich – nicht, dass mir das unangenehm ist, ganz im Gegenteil –
»Oh ja, ich kenne das, ist was Jazziges, könnte von Ray Charles sein, ich hab als junger Mann viel Blues gehört –« Er hielt verdutzt inne. Dann bemerkte er die Tränen, die auf seine Wangen tropften. Es waren seine Tränen. »Jetzt erkenne ich es: Sitting on the top of the bay – ein Song von Otis Redding – meine Frau hat ihn sehr geliebt – ich auch – wir haben das oft zusammen gehört, dazu getanzt.«
Er holte ein Taschentuch heraus und tupfte langsam sein Gesicht ab.
»Ist schon in Ordnung«, sagte Blondie, war nun ebenfalls sehr ernst und nicht mehr Blondie, sondern Frau Doktor Susanna Kantor, wie sie sich gleich zu Beginn vorgestellt hatte. »Wollen wir es versuchen –«
»Was – tanzen – jetzt – hier?«
»Wenn nicht jetzt, wann dann?«
Aber eine einzige Frage genügt nicht.
Man musste drei Fragen stellen, mindestens drei.
Und ganz zum Schluss offenbarten ihm die Aliens, und es war seltsamerweise nicht Blondie, sondern dieser irgendwie unmännlich wirkende Karol, der das unvermittelt sagte:
»Der eigentliche Test war, dass Sie uns als Tester akzeptiert haben, ohne sich uns zu unterwerfen. Jetzt kommen wir zur eigentlichen Aufgabe: Wir sind tatsächlich Aliens und möchten Kontakt mit Erdenmenschen aufnehmen. Es geht bei diesem Test nicht darum, besonders intelligent zu sein.«
»Um was geht es denn dann?«
»Um die Neugier«, sagte nun wieder Blondie, als sei das ihr Stichwort. »Um Ihre Lernfähigkeit. Um Kontaktbereitschaft. Denn Leben im Universum entwickelt sich nur dann weiter, wenn zur Stabilität der Zellverbände eine gewisse Offenheit für Neues hinzukommt, auf jeder Ebene der Höherentwicklung.«
Sie hielt inne. Dann sagte sie feierlich: »Wenn du möchtest, können wir uns jetzt ein wenig andere Musik anhören. Oder tanzen.«
»Ja, ich will mit dir tanzen«, sagte Mischa – und kam sich ungeheuer mutig vor, als sie ihre Tentakel nahm und um seine Schulter bog und sich an ihn schmiegte und er seinen Arm um ihre wirklich sehr weibliche Figur legte. Dann verwandelte sich ihr Tentakel von etwas Schlangenähnlichem zurück in einen ganz normalen menschlichen Arm.
»Test bestanden«, lachte sie. Und er grübelte nicht darüber nach, wie sie das wohl gemacht hatte, diesen Zaubertrick, danach konnte er sie ja später einmal fragen. Dann tanzten sie den Tango, wie die Musik es anbot. Und alles Weitere würde sich ergeben.
Ja, so hatte es damals begonnen, genauso, schmunzelte Mischa Schröder versonnen, als er Jahre später diese Begegnung für einen Festvortrag aufschrieb. Der erste Kontakt mit den Außerirdischen von Torrant. Die den Erdenmenschen so ähnlich waren, zumindest vom äußeren Aussehen her (es gab auch ganz andere, wirklich mit Tentakeln und so, munkelte man jedenfalls, obwohl kaum vorstellbar ist, wie man mit Tentakeln schreiben oder irgendwelche technischen Gerätschaften bedienen können soll – tanzen schon –)
Бесплатный фрагмент закончился.
