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LARS HOCHMANN (HG.)

VERANTWORTUNG
ÜBERNEHMEN
FÜR EINE
BESSERE WELT


Lars Hochmann

Wie wir wirtschaften, so leben wir auch

Über die Notwendigkeit von economists4future

#reflexivität

Silja Graupe

Biodiversität des Erkennens

Visionäre Zukunftsgestaltung braucht reflexive Freiheit

Katrin Hirte

Das doppelte Reflexionsproblem

Wie die Ökonomik ihren Gegenstand verfehlt und sich ihrer Wirkung auf ihn entzieht

Reinhard Loske

Hochschulen und die »Third Mission«

Reflexivität als Schlüssel zur sozialökologischen Transformation der Wirtschaft

#transparenz

Johanna Hopp, Stephan Panther, Theresa Steffestun

Weitblick braucht Durchblick

Über die Notwendigkeit von Transparenz in der ökonomischen Bildung

Ronald Hartz

Mehr Transparenz?!

Über die Herausforderungen einer einfachen Forderung

Jörg Müller-Lietzkow

Open oder not Open?

Am Scheideweg des Hochschul-Gründungsmanagements

#diversität

Laura Porak

Miteinander und voneinander lernen

Vielfalt in der ökonomischen Lehre

Helge Peukert

Plurale Ökonomik im Zeitalter der Ökokalypse

Die Ökonomenzunft auf dem Weg zur Großen Transformation

Stephanie Birkner, Bernd Siebenhüner

Kommunikative Substanz und substanzielle Kommunikation

Wirtschaftswissenschaften als Teil der Scientists for Future

#partizipation

Lutz Becker, Gunnar Sohn

Zukünften zugewandt lernen

Weltverbesserung wird Partizipation gewesen sein. Ein Dialog

Daniela Gottschlich

Das Wissen der Vielen

Partizipation in der Forschung

Steffen Lange, Matthias Schmelzer, Helen Sharp

Raus aus dem Elfenbeinturm!

Mit der »Third Mission« zur Wachstumsunabhängigkeit

#befähigung

Sebastian Thieme

Eine bessere Gesellschaft ausrechnen?

Zum Umgang mit Werten in der Ökonomik

Reinhard Pfriem, Lars Hochmann

Der Sinn von Wissenschaft ist Befähigung

Wie Forscher*innen die eigene Forschung verantworten

Marlen Arnold, Katja Beyer

Fortschritt als Kreislauf

Wie nachhaltigkeitsorientierte Wirtschaftswissenschaften die »Third Mission« neu aufstellen

Maja Göpel, Lars Hochmann, Uwe Schneidewind

Ausblick: Wirtschaft neu denken

Über die Verantwortung von economists4future

LITERATUR


»In demokratischen Gesellschaften hat Wissenschaft nicht die Aufgabe vorzuschreiben, in welcher Welt wir zukünftig auf welche Weise zu leben haben.

Wissenschaft kann aber Möglichkeiten aufzeigen, begründen und rechtfertigen. Und sie kann die Bedingungen benennen und verbessern helfen, unter denen diese möglichen anderen Zukünfte zu verwirklichen sind.«

Lars Hochmann
WIE WIR WIRTSCHAFTEN, SO LEBEN WIR AUCH
Über die Notwendigkeit von economists4future

Wir leben in unruhigen Zeiten, am Horizont kündigen sich Umbrüche an. Der hartnäckige Widerspruch Hunderttausender junger Menschen hat ein historisches Fenster aufgestoßen. Weltweit werden Klimaproteste, -streiks und -demonstrationen organisiert, die mehrere Millionen Menschen mobilisieren. Beharrlich fordern sie zu tiefgreifenden Veränderungen in der lokalen wie globalen Klimapolitik auf. Hier steht etwas auf dem Spiel – das scheint einer steigenden Zahl von Menschen zu dämmern. Diese Rückeroberung des politischen Raums »from below« belebt nicht nur unsere Demokratien. Der damit verbundene Aufruf – »unite behind the science«, wie Greta Thunberg es formuliert – macht diese Zeit auch bedeutsam für viele Wissenschaften, die sich mit zukunftsfähigem Leben und Zusammenleben auf diesem Planeten befassen. Im Frühjahr 2019 haben innerhalb weniger Wochen allein im deutschsprachigen Raum über 26 000 Wissenschaftler*innen verschiedener Fächer diesen klimapolitischen Willen öffentlich als Scientists for Future gerechtfertigt. Und sie haben ihn mit Bergen von Forschungsergebnissen begründet. Wissenschaft, so scheint es, hat – allen postfaktischen Unkenrufen zum Trotz – wieder eine gesellschaftlich relevante Stimme.

Das gilt nicht nur für die klimatologisch orientierten Natur- und Ingenieurswissenschaften. Auch die Wirtschaftswissenschaften, die Gesellschaftswissenschaften allgemein, sind ermuntert, sich den offenkundigen und immer drängenderen Fragen unserer Zeit zu stellen. Zeitgleich zum Entstehen dieser Zeilen mischt sich der ungeladene Gast namens »Corona« ein und fügt diesem Buch eine weitere Relevanzdimension hinzu. Die Corona-Pandemie demonstriert, wie fragil unser gesellschaftliches Zusammenleben organisiert ist und macht uns bewusst, dass dieses System verschiedentlicher Justierungen bedarf. Wir alle gemeinsam sind Zeitzeug*innen tiefgreifender Veränderungen, die viele verstummen lassen, manche gar sprachlos machen. Alte Lösungsmuster versagen, sicher Geglaubtes wird strittig, Normalität und Chaos verschmelzen, Aussagen werden zu Fragen. Was passiert? Und wie weiter? Mehr denn je brauchen wir in diesen unsicheren Zeiten Orientierung, um andere und uns selbst als Akteur*innen statt Reakteur*innen zurück ins Spiel zu bringen. Es geht um eine Aufklärung, die nicht Aufklärung bleibt, sondern in tatsächliches Tun eingelassene Hoffnung ist und die zu realen Veränderungen drängt.

Politische Forderungen, wie etwa das 1,5-Grad-Celsius-Ziel oder ein CO2-Deckel, geben in diesem Zusammenhang Halt. Sie sagen jedoch wenig über die Gesellschaften selbst und ihre Wirtschaftsformen aus, die mit solchen Zielen vereinbar sind. Wie wollen und können wir uns unter solchen Bedingungen in Zukunft mit welcher Nahrung, Energie oder Kleidung versorgen? Wie mobil sein? Wie wohnen? Es steht wohl außer Frage, dass eine »Netto-Null-Wirtschaft« – die also nur diejenige Menge an Treibhausgasen ausstößt, die sie auch wieder binden kann – nicht einfach der Status quo, nur mit weniger CO2-Äquivalenten, ist. Zukunftsbilder beinhalten neben der Kultivierung neuer Vorstellungen immer auch das Weglassen und Überwinden althergebrachter Gewohnheiten. An dieser Stelle und gerade in unsicheren Zeiten sind die Wirtschaftswissenschaftler*innen aufgefordert, ihre Expertise über die reale Vielfalt möglicher Alternativen öffentlich einzubringen.

DIE KLIMAKRISE IST EINE GESELLSCHAFTSKRISE

Es ist ein beträchtliches Verdienst insbesondere der Naturwissenschaften, auf die Unverfügbarkeit, die Begrenztheit und auch die in Teilen unwiderrufliche Zerstörung von dem hingewiesen zu haben, was wir – allen Steuerungsfantasien zum Trotz – heute noch »Natur» nennen können und wollen. Doch all ihre Befunde sind bloß Indikatoren, stehen also nicht für sich selbst, sondern deuten auf etwas hin. Und das, was sie anzeigen, ist bei genauerer Betrachtung keine Krise des Klimas. In einer Krise befinden sich nämlich nicht die klimatischen Begebenheiten, sondern die zu kalter Technik erstarrten Naturverhältnisse von immer mehr Menschen: Vermüllung und Übernutzung im einen, Überformung und Beherrschung im anderen Moment – und mittendrin die Zurichtung jener Natur, die wir Menschen selbst sind. Nein, es handelt sich nicht um eine Klima-, sondern um eine Gesellschaftskrise. Und die hat verheerende Folgen für das Klima und die Natur – für die gesamte Welt, wie wir sie heute kennen. Das Aussterben und Abtöten von Tierarten sowie Pflanzensorten, der Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur sowie all die Neben- und Folgesfolgen, die damit einhergehen, sind nicht einfach auf einen schicksalhaften Lauf der Dinge zurückzuführen. Sie haben Ursachen, bisweilen Gründe, selten Rechtfertigungen. Und die offenbaren sich darin, wie die Gesellschaften des globalen Nordens wirtschaften.

Es liegt demzufolge nahe, die Wirtschaftswissenschaften um eine kompetente Einschätzung der Sachlage sowie mögliche Auswege zu bitten. Doch fallen die anerkannten Wissenschaften des Wirtschaftens derzeit eher durch Schweigen oder Ratlosigkeit auf. Das ist kein Zufall, eben weil die klimatologischen Befunde jene Wirtschaftsformen für gescheitert erklären, die auf Naturbeherrschung angewiesen sind, die Wirtschaftswissenschaften aber auf breiter Front für sie Partei ergreifen. Doch die Klimakrise, die eine Gesellschaftskrise ist, führt glasklar vor Augen: Es irrt, wer glaubt, die beste aller Welten käme »naturwüchsig« zustande durch Gewinnstreben, unablässige Privatisierung und das lehrbuchhafte Schaffen von Märkten, durch Effizienz, Wachstum und neue (smarte, grüne etc.) Technologien der Naturbeherrschung.

Es ist historisch ausführlich belegt, dass die Wirtschaftswissenschaften an der hier verhandelten Krise bis in die Gegenwart hinein, absichtsvoll oder aus Gedankenlosigkeit, tatkräftig beteiligt waren, nachzulesen etwa bei Ivan Boldyrev und Ekaterina Svetlova. Allerdings und unbezweifelbar hat ihre auf Effizienz, Opportunismus und Nutzenkalkülen beruhende Vernunft in den vergangenen fast 300 Jahren auch materiellen Wohlstand und Wohlbefinden für zumindest einen Teil der Menschen hervorgebracht. Wir leben in Zeiten, die an Gütern und Dienstleistungen voller kaum sein könnten. Dieser Denkstil jedoch, der die Welt zum »business case« erklärt, hat en passant viel Tatendrang und Ideenreichtum in Bezug auf andere Zukünfte trockengelegt, die ein gelingendes, ein besseres Leben ermöglichen könnten. Und er kapert und durchsetzt beständig neue Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens: Wenn Bildung, Gesundheit oder Mietraum zum »Risikokapital« werden, Kunst als Ware einen Zweck bekommt, der auf dem »Kunstmarkt« gehandelt wird, wenn Professuren für »Feministische Theorie« als »Diversitymanagement« nachbesetzt werden oder ehemals »Politische Ökologie« nun als »Nachhaltigkeitsmanagement« verhandelt wird, dann ist das weder eine Spezialisierung »auf Höhe der Zeit« noch eine rein sprachliche Profilbildung, die wir feiern sollten. Es ist ein Denkmuster, das sich nur noch im Rahmen von Wirtschaftlichkeitsverhältnissen bewegt, die selbst nicht als strittig betrachtet werden (können). In der praktischen Folge wird mitunter ein CO2-Preis festgesetzt und nur noch über die Höhe dieses Preises gestritten, nicht aber über das Mittel der Bepreisung, das als alleinseligmachend immer schon vorausgesetzt wird. Wir müssen diesen Denkstil vermutlich nicht verteufeln oder fallenlassen, wohl aber lernen, ihn in die Schranken zu weisen, wie ich schon in Vom Nutzen und Nachteil der Ökonomik für das Leben deutlich ausgeführt habe. Economists4future reflektieren daher ihre praktische Wirkungsmacht: #reflexivität. Sie binden diese zurück und ziehen theoretische Konsequenzen aus ihr. Ihr Denken wirkt weder manipulativ noch gleichgültig oder übergriffig, sondern bricht sich Bahn als Demut, die mit Hoffnung, Verantwortung und Trotz in eins fällt.

WIRTSCHAFT IST KEINE TATSACHE

Im alltäglichen wie im akademischen Wortgebrauch ist es normal geworden, von »Wirtschaft« zu reden, als gäbe es nur eine vernünftige – und daneben zahllose unvernünftige Varianten. Diese Setzung erklärt sich über die Annahme, dass einzelwirtschaftliche Optimierung als Gewinnstreben auch gesellschaftlich das größte Glück bringt. Dieser Glaube, dass Eigennutz zum Gemeinnutz würde, ist längst als Irrtum aufgeklärt. Sein praktisches Scheitern zeigt sich nicht zuletzt an der Klimakrise, die, wie gesagt, eine Gesellschaftskrise ist, und an all den anderen Verfehlungen, Verwerfungen sowie Zerstörungen, die unsere Zeit prägen und die zunehmend unsere demokratischen Institutionen zu unterwandern drohen. Auch gesellschafts- und demokratietheoretisch schlittert diese Annahme auf glattem Eis. Denn plurale, offene und freiheitliche Gesellschaften können nicht »richtig« in einem zeitlosen, eindeutigen Sinne sein. Es gibt keine »allgemein optimale« Ernährung, Mobilität, Kommunikation und so weiter. Im Gegenteil: Das Leben selbst ist ein ausgiebiger Akt der Verschwendung. Weil kulturelle Gepflogenheiten sich nicht rational auflösen lassen, muss jeder Versuch, welcher Zukunft mathematisch aus der Vergangenheit modellieren will, früher oder später übergriffig, am Ende gewaltvoll und gar totalitär werden. Diese Gewalt richtet sich gegen die Welt, und alles in ihr. Mit den Worten Michael Hampes:

»Ein Naturalismus, der die Suche nach dem guten Leben aufgibt, weil er die vermeintlich abtrennbaren normativen Untersuchungen fallengelassen hat, der das Leben nur noch erklären und technisch beherrschen will, statt über es zu debattieren, muss deshalb, kurz gesagt, zur Gewalt tendieren.«

Economists4future können also nicht einfach in gewohnter Manier statistische Trends aus der Vergangenheit auf die Zukunft anwenden, sondern müssen sich selbst aktiver als bislang inmitten gesellschaftlicher Debatten als Zukunftskünstler*innen begreifen. Sie forschen und lehren nicht nur quasiaußerirdisch über gesellschaftliche Produktionsverhältnisse, sondern sind Teil davon, befinden sich inmitten der Verhältnisse. Economists4future beziehen daher Betroffene ein: #partizipation. Sie integrieren und verständigen unterschiedliche praktische Parteilichkeiten und ermöglichen auf diesem Wege eine reflektierte, selbstbestimmte Praxis. Statt etwa die industrielle Fremdversorgung mit monokulturellem Ackerbau aus Effizienz- und Intensitätsgründen als unumgänglich zu betrachten und die daraus abgeleitete Ernährungskultur den Menschen regelrecht überzustülpen, wäre es demokratischer und freiheitlicher, eine Analyse der praktischen Vielfalt ernährungskultureller Orientierungen vorzunehmen und ausgehend davon nach Möglichkeiten der ernährungswirtschaftlichen Versorgung zu fragen.

In diesem Sinne kommen economists4future zwangsläufig zu unterschiedlichen Ergebnissen, denn »Zukunft« ist keine feststehende, sondern eine prinzipiell offene Angelegenheit. Nur weil sich nicht eindeutig und abschließend bestimmen lässt, wie Gesellschaften sich »richtig« mit Gütern und Dienstleistungen versorgen, bedeutet das jedoch nicht, dass Wissenschaft zum belanglosen Meinungsaustausch verkommt. Weder das Artensterben noch das Vorkommen anders wirtschaftender Initiativen – beispielsweise im Feld der Solidarischen Landwirtschaft oder des stiftungsbasierten Kreditwesens – sind Meinungsfragen. Diese Offenheit ist keine Beliebigkeit, sondern zeugt von belastbaren, begründeten und gerechtfertigten Entwicklungsmöglichkeiten. Economists4future legen daher ihre Annahmen offen: #transparenz. Sie sind bestrebt, nachvollziehbar zu machen, warum sie zu welchem Schluss gekommen sind und wie. Dabei hilft es nicht, einen Kampf der Großbegriffe zu inszenieren, der in der Regel nur dazu führt, dass sich überhaupt nichts ändert: »Kapitalismus versus Sozialismus« oder »Marktwirtschaft versus Planwirtschaft« – Schwarz-Weiß-Malerei dieser Art lähmt das Denken. Statt entlang der (historischen) Tatsachen zu argumentieren und in der Sache zu streiten, führt sie dazu, dass wolkige Chiffren im luftleeren Raum gegeneinander ausgespielt werden. Das mag als Spektakel taugen, aber nicht als Vehikel zu realer Veränderung.

Wo immer Möglichkeiten vernichtet oder verstellt sind, weil ein Sachzwang oder ein Großbegriff konstruiert und in den Vordergrund geschoben wird – in wessen Namen auch immer! –, vertrocknen Demokratien. Denn demokratische Gesellschaften blühen nur durch eine Vielzahl an Möglichkeiten und durch das Ringen, der Debatten darum. Economists4future verständigen daher unterschiedliche Perspektiven: #diversität. Sie verständigen verschiedene Zugänge, Ansätze und Gegenstände, um ein möglichst nuanciertes Spektrum an Möglichkeiten aufzutun, weil sie wissen, dass alles Denken an Standpunkte gebunden ist, von denen aus gedacht wird. Aus der theoretischen wie praktischen Sackgasse der Sachzwänge heraus führen die Fragen nach dem »Wofür?« und dem »Worauf hin?«, kurz: die Frage nach dem Sinn. Denn wer von »Nutzen« spricht, darf über den Nutzen des Nutzens nicht schweigen. Andernfalls, darauf hat Hannah Arendt wiederholt hingewiesen, entsteht Sinnlosigkeit. Die Rhetorik von ökonomischen Gesetzen und Sachzwängen ist daher der Steigbügelhalter jener Entsinnlichung, die Wirtschaft wie Wirtschaftswissenschaften heute fest im Griff hält.

Doch Wirtschaft ist kein abgetrenntes Reich der Soziophysik, in dem nur zählt, was zählbar ist, und das isoliert vom restlichen gesellschaftlichen Zusammenleben stattfindet. Wirtschaft ist, wie Reinhard Pfriem ausführt, immer schon ein Zusammenspiel kultureller Praktiken gewesen, das sich prinzipiell nicht vom Zähneputzen, Lesen oder Pizzabacken unterscheidet. Wirtschaft ist zugleich Produkt wie Produktion von Gesellschaft und kein Ding-an-sich, das immer schon so (und nicht anders) da war und immer so (und nicht anders) da sein wird. Wer über eine gewisse Kulturtechnik als »Wirtschaft« spricht, sagt nichts über das tiefere Wesen dieser Praktik aus, sondern nur darüber, so Cornelius Castoriadis, wie sie gegenwärtig gesellschaftlich reflektiert und behandelt wird. Es handelt sich um eine Frage der gesellschaftlichen Selbstthematisierung. Mit anderen Worten: Es gibt zahllose weitere Kulturtechniken der Produktion, Herstellung, Versorgung oder Beratung, die nur gegenwärtig nicht als das in den Blick geraten, was wir Wirtschaft nennen, es aber zukünftig vielleicht könnten oder sollten, etwa solidarisches Wirtschaften oder Gemeinsinnorientierung. Die Frage, welche Wirtschaftsformen sich inwiefern und wo durchsetzen, ist offen. Die Antwort hängt davon ab, welche gesellschaftlichen Kräfte sich verbünden, um einen gemeinsamen Entwurf einer anderen Wirtschaft auf den Weg zu bringen.

Die theoretische wie praktische Herausforderung für das 21. Jahrhundert liegt darin, zu einer Vorstellung von Wirtschaft zu gelangen, die sich nicht länger in der unbestimmten Produktion von Gütern und Dienstleistungen erschöpft, die im Zweifel dem alten nur neuen Schrott hinzufügt. Stattdessen geht es darum, individuelle wie kollektive Verwirklichungschancen und Möglichkeiten einer besseren Gesellschaft zu schaffen. Es geht um die Öffnung statt Schließung von Räumen für Entfaltung, Leben und Lebendiges. In demokratischen Gesellschaften ist solche Wirtschaft – und auch das Denken über sie – in sich plural verfasst und beginnt mit der Einsicht, dass die Natur nicht nur ein zweckmäßiges Dasein für die Menschen fristet, sondern auch für sich selbst existiert.

EINE ANDERE GESELLSCHAFT IST MÖGLICH

Es ist also kein Zufall, dass die etablierten Wirtschaftswissenschaften in Bezug auf die Forderungen von Fridays for Future schweigen oder gar mit Spott reagieren. Doch das muss nicht so bleiben. Denn das Gegenteil trifft zu: Mehr denn je sind nun die Wirtschaftswissenschaften aufgefordert, sich selbst neu zu erfinden. Weil sie es sind, die die Vorstellungskraft befeuern können, welche anderen Zukünfte gesellschaftlicher (Re-) Produktion unter welchen Bedingungen möglich sind. Das Augenmerkt bleibt auf der »Suche«: Zukunft bleibt stets »im Kommen« und »4future« zu sein sagt noch nicht aus, um welche konkrete Zukunft es sich für wen handelt. Fragen von Zukunftsgestaltung münden – bei aller Eindeutigkeit, in der naturwissenschaftliche Feststellungen medial vorgetragen werden – eben nicht in Tatsachen. Befunde wie das Artensterben sind reale Bedingungen, die es anzuerkennen gilt. Aber von dort aus kann es so oder anders weitergehen. Denn infrage steht nicht allein eine sichere Versorgung mit Mobilität, Nahrung, Wohnraum, Energie und so weiter. Es geht jeweils auch um einen souveränen Umgang damit. Sicherheit und Souveränität als Zusammenspiel zeigen an, dass nicht allein das Überleben, sondern mit ihm auch das bessere Leben zur Diskussion steht. Ein Ergebnis lässt sich weder abstrakt und allgemein fassen noch formal bestimmen. Es ist so vielfältig und widersprüchlich wie die Menschen, die darüber debattieren.

In diesem Zuge kommt demokratische Politik ins Spiel, die eine Verständigung dieser Vielfalt der Verschiedenen organisieren muss. Doch darf sie dort nicht stehenbleiben. Sie muss einen »realen Einfluß auf die Wünsche und Phantasien der Menschen« nehmen, wie Chantal Mouffe es fasst. Das ist fast zynisch, weil die Krisen der Gegenwart, die ganze Existenzen bedrohen, somit zu Weckrufen und Veranlassungen werden für eine neue, im deutlichen Sinne des Wortes demokratischere Gesellschaft. Dennoch: Auf dem Weg dorthin sollten neue Denkformen auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften in diese demokratische Gestaltung eingebracht werden. Economists4future ermöglichen daher eine bessere Gesellschaft: #befähigung. Sie reflektieren offen die normativen Dimensionen kultureller Orientierungen, indem sie diese Wünsche und Fantasien auf ihre Bedingungen, Barrieren und Möglichkeiten hin kritisch analysieren, die Konsequenzen in den Blick nehmen und eine Öffentlichkeit für sie schaffen. Sie begreifen Zukunft als einen gestaltbaren Raum. Das ist die Chance und zugleich die Aufgabe dieser Zeit, in der wir leben. Ob die Lösungswege zum Ziel führen, bleibt ungewiss. Gewiss hingegen ist, dass das Aussitzen gesellschaftlicher Schieflagen, wie sie durch die Klimakrise oder die Corona-Pandemie ausgelöst werden, nur dazu führt, dass jene, die gesellschaftspolitisch ohnehin bereits am längeren Hebel sitzen, weiterhin die Gestaltung der Gesellschaft übernehmen. Denn trotz aller Unverfügbarkeit und Undurchdringbarkeit von Natur wird Geschichte letztlich nicht von Sachzwängen oder abstrakten Prinzipien aus Religion, Philosophie oder Ökonomie-Lehrbüchern geschrieben, sondern von Menschen und ihrem praktischen Tun. Weil Gesellschaften sich permanent selbst gestalten, also an ihrer Gestalt arbeiten, bedarf es der Mündigkeit, sich dem auch offen zu stellen. Das gilt auch und erst recht für Wissenschaftler*innen.

Wenn ein demokratisches »4future« also einen deutlichen Sinn aufweisen soll, dann kann das im Grunde nur bedeuten, die akademische Überheblichkeit abzulegen, die darin besteht fremdes Leben zu verurteilen, bloß weil es aus einer bestimmten Blickrichtung einem willkürlich gesetzten Ideal, wie Effizienz, Gewinnstreben oder technischer Beherrschbarkeit, nicht entspricht. Statt solches Zusammenleben im Namen wissenschaftlicher Autorität zu bevormunden, wäre es würdevoller und auch demokratischer, sich der Welt mit einem Möglichkeitssinn zuzuwenden und einen Raum zu öffnen: Die Bildungs- und Einbildungskraft befeuern, wie wir als Gesellschaften unser Zusammenleben organisieren wollen und können, Möglichkeiten abklopfen, Sprachfähigkeit herstellen, zur Gestaltung befähigen – all das könnte es heißen, economists4future zu sein.

DIESES BUCH IST (K)EIN ECONOMISTS4FUTURE-BUCH

In demokratischen Gesellschaften hat Wissenschaft nicht die Aufgabe vorzuschreiben, in welcher Welt wir zukünftig auf welche Weise zu leben haben. Wissenschaft kann aber Möglichkeiten aufzeigen, begründen und rechtfertigen. Und sie kann die Bedingungen benennen und verbessern helfen, unter denen diese möglichen anderen Zukünfte zu verwirklichen sind. Das ist nun alles leichter gesagt als getan. Denn nicht nur Wirtschaft, auch Wirtschaftswissenschaften sind ein Zusammenspiel von Kulturtechniken. Und die herrschenden Wirtschaftswissenschaften sind selbst Ergebnis jenes historischen Prozesses, der die problematischen Praktiken des Wirtschaftens hervorgebracht hat, die einstweilen vom Inhalt auf die Struktur unseres Denkens gewandert sind. Insofern ist das Etablieren von economists4future keine Aufgabe für ein verlängertes Wochenende: Es braucht neben neuen Studiengängen mit neuen Curricula auch Menschen, die diese studieren wollen, sowie Menschen, die diese Curricula bespielen können. Es braucht dafür eine neue Vielfalt an akademischen Laufbahnen, die mit lebenswerten biografischen Perspektiven verbunden sein müssen, eine neue Nachwuchsförderung, die neben der Forschung auch auf die zweite und dritte Mission der Hochschulen vorbereitet – und diese auch anerkennt. Es braucht eine neue Publikationspraxis, die Vielfalt im Denken ermöglicht. Es braucht neue Kooperationen, Netzwerke und Förderprogramme –und letztlich auch eine neue Berufungspraxis, die mehr kann, als Summen zu bilden. Und damit ist über die inhaltliche Dimension noch nicht viel gesagt.

Die gute Nachricht ist: Economists4future gibt es schon lange. Und auch wenn sie ein Nischendasein fristen oder in andere Disziplinen gedrängt wurden, gibt es viele von ihnen – zu viele, als dass sie hier sämtlich zu Wort kommen oder ihnen sämtlich das Wort geredet werden könnte. Dieses Buch ist daher im deutlichen Wortsinn eine notwendige Anmaßung: Es will die Not noch wenden und maßt sich deshalb an, ein economists4future-Buch zu sein und zugleich kein economists4future-Buch zu sein, weil es lediglich einen kleinen Einblick geben kann. Es ist eine Einladung zum offenen, aber veränderungsmutigen Streiten und Debattieren über eine Wissenschaft, die wie vermutlich keine andere aufgefordert ist, inhaltliche und institutionelle Konsequenzen zu ziehen aus der klimapolitischen Gemengelage der Gegenwart.

Das ist ein gesellschaftlicher Auftrag, der nicht als Auftragsforschung missverstanden werden soll. Economists4future im Sinne dieses Buches geht es nicht darum, die Wissenschaftsfreiheit der Wirtschaftswissenschaften zu beschneiden. Es geht auch nicht darum, zu sagen, was nun wie, von wem, warum und wo getan werden muss. Es geht nicht darum, festzuschreiben, was economists4future zu sein, wie sie sich zu einzelnen Phänomenen zu stellen haben und welche Phänomene das im Einzelnen sind. Es geht um die Kultivierung von Verhältnissen, in denen Wissenschaftsfreiheit überhaupt erst wieder in einem seriösen Sinne möglich wird. Denn wer sich heute in den etablierten Wirtschaftswissenschaften querstellt, sich nicht in den natur- und gesellschaftsvergessenen Kanon fügt, wird oftmals kleingehalten oder gar ausgeschlossen. Freiheit in der Forschung, in der Lehre und im gesellschaftlichen Dialog bedeutet jedoch, dass das auch anders möglich sein muss. Statt um Verzwecklichung von Wissenschaft geht es hier also um ihre Versinnlichung. Die Beitragenden dieses Buches wollen niemandem etwas aufdrängen. Sie möchten stattdessen jene, die Teil der Lösung statt des Problems sein wollen, inspirieren, ermuntern und befähigen, Umstände zu schaffen, in denen mögliche andere Zukünfte von Wirtschaft und Gesellschaft auf ihre Bedingungen hin analysiert werden können.

Das Buch handelt von dieser Neuerfindung der Wirtschaftswissenschaften. Es informiert über die neuen Selbstverständlichkeiten an Hochschulen, die neuen Gewohnheiten im Denken und Handeln sowie jene akademischen Gepflogenheiten, die zu fördern sind, damit economists4future mehr als bislang Fuß fassen und sich dementsprechend zu Wort melden können. Die hier versammelten Autorinnen und Autoren möchten aus unterschiedlichen Blickrichtungen zur Sprache bringen, dass economists4future zwar weder vom Himmel fallen noch an Bäumen wachsen werden, sie aber auch kein Ding der Unmöglichkeit sind. Sie machen Mut. Sie zeigen, welche institutionellen Umgebungen wichtig werden, damit sich Wirtschaftswissenschaftler*innen in der nötigen Tiefe und Sorgfalt mit Fragen zukunftsfähiger Wirtschaft befassen können. Natürlich sind solche Maßstäbe selbst kontingent und verlangen nach Rechtfertigung. Dieses Buch will das leisten. Es entfaltet, ergänzt und substantiiert die von Uwe Schneidewind, Reinhard Pfriem und Kolleg*innen markierten fünf Dimensionen transformativer Wirtschaftswissenschaften:

1.Economists4future reflektieren ihre praktische Wirkungsmacht. #reflexivität

2.Economists4future legen ihre Annahmen offen. #transparenz

3.Economists4future verständigen unterschiedliche Perspektiven. #diversität

4.Economists4future beziehen Betroffene ein. #partizipation

5.Economists4future ermöglichen eine bessere Gesellschaft. #befähigung

Sollte es zutreffen, dass economists4future vom Anliegen getrieben sind, sich den realen Bedingungen und Möglichkeiten gesellschaftlicher Selbstgestaltung zuzuwenden, dann dürfen diese Dimensionen nicht zum Zweck oder gar Sinn von Wissenschaft erklärt werden. Sich auf Werte zu beziehen, nur um sich auf Werte bezogen zu haben, ist ähnlich unbefriedigend wie eine Vielfalt an Theorien zu postulieren, die am Ende Toleranz mit Unmündigkeit verwechselt. Aus dieser Blickrichtung erfordern die angeführten fünf Dimensionen eine inhaltliche Bestimmung, worum es konkret geht, kurz: welche Reflexivität, welche Transparenz, welche Diversität, welche Partizipation und welche Befähigung nun in Anschlag gebracht werden sollen. Das Buch leuchtet die Dimensionen daher in kritischer Absicht jeweils dreifach aus, nämlich im Hinblick auf die drei zentralen Handlungsfelder von Hochschulen:


Lehre
Forschung
Dialog

Mit diesem Vorgehen verbunden ist der Wunsch, an der Demokratisierung von Wissen(schaft) zu arbeiten. Hochschulen werden aus dieser Perspektive als gesellschaftliche Gebilde begriffen. Sie schweben nicht über den Verhältnissen, sondern sind selbst Teil und Triebkraft demokratischer Gesellschaften. Hochschulen tragen dazu bei, dass Gesellschaften sich selbstkritisch statt unreflektiert gestalten. Im Fluchtpunkt des Buches steht die Erwartung, möglichst facettenreich darüber zu informieren, was es bedeuten kann, Wirtschaftswissenschaften als economists4future zu betreiben.

Das Buch richtet sich an Studierende, Forschende, Lehrende an Schulen wie Hochschulen, an Bildungspolitiker*innen sowie an alle anderen Menschen, die sich offen halten für Möglichkeiten des Verstehens und Staunens. Es will dafür werben, im Studium, in der Forschung und im Alltag zwischen »Wissen« und »Gewissheit« zu unterscheiden. Denn nach wie vor sind viele Zukünfte gesellschaftlicher Selbstgestaltung möglich. Der individuelle wie kollektive Souverän entscheidet, was wie wann wo gemacht wird. Doch was warum und inwiefern unter welchen Bedingungen sinnvoll sein könnte, das beantwortet nur eine Wissenschaft, die ihre Mündigkeit nicht gegen Gleichmut getauscht hat.


Prof. Dr. Lars Hochmann ist Wirtschaftswissenschaftler und arbeitet zu sozialökologischem Unternehmer*innentum sowie ökonomischen Natur- und Weltverhältnissen an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung.


»Junge Menschen müssen lernen dürfen, welche alternativen Prozesse des Erkennens ihnen offenstehen, wie sie sich für sie entscheiden und wie sie sie aktiv gestalten können. Sie sollten das Erkennen selbst erkennen und gestalten können.«

Silja Graupe


BIODIVERSITÄT DES ERKENNENS

Visionäre Zukunftsgestaltung braucht reflexive Freiheit

Weltweit gehen junge Menschen auf die Straße. Angesichts von Klimakrise, Ungerechtigkeit und Zerstörung der ökologischen Grundlagen allen Lebens fordern sie die Gestaltung einer neuen, einer anderen und hoffentlich auch besseren Zukunft. Wie aber können sie in der Gegenwart ein Verständnis des Vergangenen und des Gegenwärtigen mit einer Imagination des zukünftig Möglichen vereinen? Wie können Menschen allgemein realistisch und utopisch zugleich agieren? Economists4future nehmen die Herausforderung an, sich diesen Fragen im Bereich des Ökonomischen zu stellen – offen und ohne den Zwang einzig richtiger oder feststehender Antworten. Auch ich möchte in diesem Beitrag keine Antworten vorgeben, sondern in grundsätzlicherer Absicht zuallererst neue, nämlich imaginative Spielräume des Möglichen eröffnen.

DIE AUFGABEN EINER NEUEN REFLEXIVEN BILDUNG

Diese Herausforderung ist keine des abstrakten Elfenbeinturms theoretischer Forschung. Sie ist eine der Bildung. Wie lassen sich Wege finden, um Zukunft gemeinsam mit jungen Menschen gestalten zu lernen? Ich bin, ebenso wie etwa das Netzwerk Plurale Ökonomik, der Überzeugung, dass es hierfür einer neuen Methoden- und Theorievielfalt bedarf. Mehr noch: Modelle und Theorien beruhen immer schon auf bestimmten Vorstellungen darüber, wie Menschen im Allgemeinen und speziell Wissenschaftler*innen die Welt sowie die eigene Stellung, die sie in ihr einnehmen, erkennen können. Elinor Ostrom spricht diesbezüglich von der fundamentalen Ebene der Frameworks, auf der Prozesse des Erkennens hochgradig spezifisch, zumeist aber unbewusst dirigiert werden.

Genau auf dieser Ebene bin ich der Auffassung, dass wir gerade in der Ökonomie dringend eine diversere Erkenntnisvielfalt brauchen. Es bedarf neuer Formen des »Erkennens des Erkennens« – und dies nicht nur in einem passiven Singular, sondern im aktiven Plural. Denn wir leben in hochgradig komplexen Zeiten, in vielfältigsten Lebensräumen. Um diese zu gestalten, brauchen wir mehrere Weisen des Erkennens gleichzeitig und zudem die Fähigkeit, uns ebenso frei wie situationsadäquat zwischen ihnen entscheiden zu können. Es bedarf einer bewusst gestaltbaren Biodiversität des Erkennens, statt eines einzigen Erkenntnisparadigmas, das per definitionem stets stillschweigend vorausgesetzt ist. Diese aber wird es ohne gesteigerte Fähigkeiten zur (Selbst-)Reflexion nicht geben können: Junge Menschen müssen lernen dürfen, welche alternativen Prozesse des Erkennens ihnen offenstehen, wie sie sich für sie entscheiden und wie sie sie aktiv gestalten können. Sie sollten das Erkennen selbst erkennen und gestalten können.

DER ZUSTAND EINER TROSTLOSEN ÖKONOMISCHEN BILDUNG

In der weltweiten ökonomischen Standardlehre ist es um eine solche Diversität denkbar schlecht bestellt. Denn hier herrscht – weitgehend unbemerkt – ein Erkenntnisparadigma vor, das sich von der Metapher des Eisbergs – zu sehen in der Abbildung gegenüber – leiten lässt: Wie sich bei einem Eisberg, der auf dem Meer schwimmt, mehr als 80 Prozent seiner Masse unterhalb der Wasseroberfläche befindet, so soll der Verhaltensökonomik nach der allergrößte Teil menschlichen Erkennens unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegen – und damit der Reflexion entzogen bleiben. Statt einer bewussten und aktiv gestaltenden Diversität des Erkennens soll es jenseits rationalen Denkens nur eine erstarrte und in der Dunkelheit des Unbewussten verharrende Ansammlung unzugänglicher kognitiver Strukturen geben.


1 Eisbergmetapher / Verhaltensökonomik

Was damit gemeint ist, beschreibt etwa der Psychologe und Verhaltensökonom Daniel Kahneman im Bestseller Schnelles Denken, langsames Denken: Bewusst soll nur das rationale Erkennen ablaufen, wie es der Homo oeconomicus symbolisiert. Gemeint ist damit ein kühl berechnendes Zweck-Mittel-Denken. Dessen Funktionsweise lässt sich am ehesten mit der eines Computers vergleichen, dessen Regeln nach der Logik der Mathematik, genauer gesagt nach den Gesetzmäßigkeiten des Optimierungskalküls programmiert sind. Eine (Selbst-)Reflexion dieses Programms kann es nicht geben; die rational Erkennenden haben schlicht nicht die Wahl, wenn es darum geht auszuleuchten, nach welchen Regeln sie ihre Entscheidungen treffen.

Kahneman geht wie andere Verhaltensökonom*innen davon aus, dass sich das rationale Erkennen nur mühevoll und langsam vollziehen kann. Zum Lohn wird es dafür vom strahlenden Licht der abstrakten Vernunft beschienen. Kein Wunder also, dass die weltweit herrschende ökonomische Standardlehre gerade diesen Bereich des Erkennens fokussiert. Ganz gleich, was Studierende zu berechnen haben, es gilt in jedem Falle, dass sie rechnen müssen: Als Erkenntnissubjekte haben sie sich auf frappierende Weise ihrem Erkenntnisobjekt – dem Homo oeconomicus – anzugleichen.

Unterhalb der Schwelle bewusst kalkulierender Wahrnehmung liegt der Eisbergmetapher zufolge ausschließlich das dunkle Reich der Irrationalität. Hier, so Kahneman, treffen Menschen ihre Entscheidungen zwar blitzschnell und mühelos, zugleich aber nicht zu ihrem Besten – zumindest sofern kalkulatorische Maßstäbe angelegt werden. George Akerlof und Robert Shiller, ebenfalls Verhaltensökonomen, sprechen gar von »Affen auf den Schultern«, die den Menschen einflüstern, was sie zu tun hätten – stets ohne bemerkt zu werden und zumeist gegen deren wohl kalkulierte Interessen. Diese im Dunkeln liegende Masse unbewusster Weisen des Erkennens soll vornehmlich aus stillschweigend verinnerlichten Gewohnheiten bestehen, gespeist etwa durch das nahezu reflexhafte Verarbeiten von Sprache, das seinerseits quasiautomatisch durch ebenfalls unbewusste Vorlieben, Emotionen und weltanschauliche Überzeugungen getriggert sein soll.

ELITENGESTEUERT STATT BILDUNGSFÄHIG

Da das Unbewusste als prinzipiell der Reflexion unzugänglich gilt, scheint in seinem Bereich keinerlei aufklärerische Bildung möglich. Ein neues Verständnis sprachlich gefasster Konzepte ebenso wie Reaktionen darauf können etwa, so formulieren es Gregory Mankiw und Mark Taylor als Autoren eines der wichtigsten ökonomischen Standardlehrbücher weltweit, lediglich in einer Art »epistemischem Hürdenlauf« antrainiert werden, der von Studierenden freilich unbewusst zu absolvieren ist. Auch etwa das Change Management spricht davon, Denk- und Verhaltensänderungen bei anderen Menschen dadurch zu bewirken, dass der vermeintliche Eisberg des Unbewussten durch unterschwellige Methoden gelenkt und dadurch aufgetaut, verflüssigt und dann bewegt wird, bevor er in den neuen – gewünschten – Strukturen und Mustern wieder eingefroren wird. Wie dies in der ökonomischen Standardlehre funktioniert, habe ich an anderer Stelle gezeigt.

Abseits solcher Bemühungen erscheint gerade der Verhaltensökonomik eine Bildung der allermeisten Menschen schlicht als sinnloses Unterfangen – nicht nur zu langwierig und zu aufwendig, sondern aufgrund der vermeintlichen Herrschaft des Unbewussten auch systematisch unmöglich. Vielmehr imaginiert sie eine Elite, welche die »Affen auf den Schultern« anderer Menschen in Form von Reiz-Reaktionen (die Verhaltensökonomik spricht von »nudges«) unbemerkt in die »richtige« Richtung dressiert – wobei über die »Richtigkeit« auch nur sie selbst entscheiden können soll. Cass Sunstein und Richard Thaler sprechen offen von einem »libertären Paternalismus«, in dem sogenannte »Entscheidungsarchitekt*innen« den Rahmen für das Verhalten der Masse setzen sollen. Woher die Kreativität und die Moral jener Elite kommen sollen, um all die »Affen auf den Schultern« zu dressieren, bleibt dabei geheimnisvoll. In den Standardlehrbüchern jedenfalls findet sich dazu nichts.

EIN GRUNDLEGENDER METAPHERNWECHSEL

Meines Erachtens ist die Standardökonomik hier in eine Sackgasse geraten. Denn ihre erkenntnisleitende Metapher des Eisbergs ist schlicht irreführend. Stattdessen schlage ich vor, menschliches Erkennen und Entscheiden nicht mehr wie einen massiven, erstarrten Block zu beschreiben, der sich kategorisch nur in einen sichtbaren, bewussten und einen unsichtbaren, unbewussten Teil zweiteilen lässt. Menschliche Erkenntnis mag tatsächlich manchmal starr sein, aber ihre grundsätzliche Natur ist dies nicht: Wir Menschen sind dazu in der Lage, unser Erkennen von innen heraus und damit freiwillig immer wieder zu verflüssigen, um es in steten Wechselbeziehungen zu unseren Erfahrungen des konkreten Lebens und seinen Anforderungen aktiv umzugestalten. Richtig ist, dass es uns zumeist vorkommt, als vollzögen sich solche dynamischen und kreativen Prozesse wie unterhalb des rationalen Erkennens. Doch sie sind deswegen nicht unbewusst und damit gänzlich unzugänglich, sondern lediglich anders-bewusst: Sie kennzeichnen vollständig neue Habitate eines vielfältigen Erkenntnisbiotops. Diese Habitate gemeinsam mit jungen Menschen zu erkunden und zu kultivieren, sehe ich als zentrale Aufgabe einer neuen reflexiven ökonomischen »Bildung for Future«.

EINE NEUE GEOLOGIE DES ERKENNENS

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, schlage ich vor, die verschiedenen Schichten des Erkennens nicht mehr in Ähnlichkeit zu einem Eisberg, sondern zum geologischen Aufbau der Erde zu imaginieren, und so eine Geologie des Erkennens zu entwerfen. Die Abbildung unten zeigt, wie dies erlaubt, sich das Erkennen in seiner Tiefe als fundamental dynamisches Geschehen vorzustellen, das immer flüssiger wird: Ganz oben befindet sich eine äußerst dünne, wie vollkommen versteinerte und erstarrte Erkenntniskruste. Diese sieht sich von einem etwas dickeren, aber ebenfalls noch sehr schmalen, äußerst zähflüssigen oberen Erkenntnismantel getragen. Unterhalb von diesem nun befindet sich nicht einfach Nichts, sondern die mächtige Schicht eines unteren Erkenntnismantels, der tragfähig und zugleich plastisch gestaltbar ist. Nach unten hin grenzt dieser Mantel an einen flüssigen Kern, der aus einem lebendigen Erfahrungsschatz der gegenwärtigen Welt und ihren Möglichkeiten und damit aus allem noch nicht Erkannten, aber potenziell Erkennbaren besteht. Hier versammeln sich alle Chancen wie Risiken der wirklichen Welt und ihrer Möglichkeiten. Diese sind nur einem radikal-imaginären Erkennen zugänglich, das sich seinerseits aus einem inneren Kern reiner Kreativität speist. Dieser Kern lässt sich in keiner Weise vergegenständlichen und kann deswegen nur widersprüchlich als eine »Bestimmtes ohne Bestimmendes« oder als ein »schöpferisches Nichts« charakterisiert werden. Er ist reich an Potenzial, aber leer an bereits Erkanntem und Begriffenem. Cornelius Castoriadis etwa bezeichnet ihn als »Magma« und verweist auf dessen gesellschaftlichgeschichtliche Dynamik als »unerschöpfliche Quelle von Neuem in der Geschichte und nie erlahmende Triebkraft der Selbstveränderung der Gesellschaft«.


2 Geologie des Erkennens

DER PREKÄRE STATUS DER STANDARDÖKONOMIE

Überträgt man das Zwei-Schichten-Paradigma der Eisbergmetapher auf jene der Vier-Schichten-Imagination der Geologie des Erkennens, so wird deutlich, dass ersteres nur auf die äußersten und dünnsten Schichten menschlichen Erkennens abstellt. Darunter hingegen befindet sich Terra incognita: ebenso unerforschte wie unentwickelte, weil verschüttete Habitate des Erkennens. Zugleich wird der grundsätzlich prekäre Status dieser beiden Schichten deutlich: Solange sie wie versteinerte und verkruste Strukturen den gesamten Erkenntniskörper umschließen, kann sich die Dynamik des Magmas in dessen Tiefe nur in Form fundamentaler Erschütterungen oder explosionsartiger Ausbrüche ihren Weg an die Oberfläche bahnen. Denn weder können diese Schichten dem inwendigen Druck standhalten, noch sich durch plastische Verformung anpassen. Die Folge ist ein periodisches plötzliches Zerreißen, bei dem zumindest Teile der Außenschicht mit großer Heftigkeit weggesprengt werden. Dies ist für mich das Sinnbild einer krisengeschüttelten Ökonomie, die über keinerlei seismografisches Instrumentarium zum Umgang mit gesellschaftlichen und ökologischen Dynamiken verfügt, obwohl diese sich direkt unter ihren Füßen abspielen. Eine reflexive ökonomische Bildung anhand der Imagination der Geologie des Erkennens sollte helfen, diesen Zustand abzustellen.

DIE REFLEXION DES RATIONALEN ERKENNENS

Zunächst kann dazu nachvollzogen werden, wie die berechnende Vernunft die oberste Erkenntniskruste als versteinert ausbildet. Deren Starrheit rührt daher, dass die moderne abstrakte Vernunft in keinerlei Beziehung zum konkreten Alltagsleben steht und auch nicht stehen soll. Sie hat stattdessen gänzlich erfahrungsunabhängig zu sein und hierfür rein gedanklichen, im Wesentlichen mathematischen Prozeduren zu folgen. Gefordert ist nicht weniger als die totale Unabhängigkeit von allen sinnlichen Wahrnehmungen, wie sie in der Erfahrungswelt gebildet werden. Damit erweist sich das rationale Erkennen auch als unveränderlich gegenüber jeglicher konkret gelebten Zeit. Selbst so alltägliche Fähigkeiten, wie das Bedauern vergangener Handlungen oder ein Lernen aus Erfahrungen, sind ausgeschlossen – einschließlich jeder zukunftsrelevanten Irrtumsfähigkeit menschlicher Vorstellungen.

Kein Wunder also, dass viele Studierende der Wirtschaftswissenschaften eine extreme Kluft empfinden zwischen der zu lernenden Theorie und der Welt, in der sie leben. Eine neue ökonomische Bildung sollte ihnen zunächst helfen zu verstehen, dass dies beileibe keinen Betriebsunfall, sondern eine systembedingte Erfordernis darstellt. Noch wichtiger ist aber, in einer solchen Analyse und Kritik nicht zu verharren, sondern Studierende zu wirklichen Ortswechseln des Erkennens zu befähigen.

DIE REFLEXION DES GEWÖHNLICHEN ERKENNENS

Ein erster solcher Ortswechsel vollzieht sich zunächst hin zum oberen Erkenntnismantel, der einem äußerst zähflüssigen, nahezu erkalteten Lavastrom gleicht. Hier ist das Erkennen zwar nicht mehr vollständig erfahrungsunabhängig, wohl aber unabhängig von allen konkret gegenwärtigen Erfahrungen, denn hier regieren primär mentale Gewohnheiten das Denken, Handeln und die Weltsicht. Entscheidend ist für sie nicht, was in der Gegenwart tatsächlich passiert, sondern wie es durch die Brille vorgefertigter Stereotypen wahrgenommen wird. Jede wirklich kreative Gestaltung gegenwärtiger Verhältnisse bleibt deshalb unmöglich. Kahneman etwa spricht hier treffend von einer »Tyrannei des erinnernden Selbst«. Leitend dabei ist vor allem der Umgang mit Sprache: Der begriffliche Verstand knüpft auf Basis von je schon Gelerntem ein Netz aus Wörtern und Bedeutungen, in das jedes aktuell gesprochene Wort wie in ein Raster fällt und dadurch eine vorhersehbare Bedeutung erlangt, die wiederum ein vorhersehbares Verhalten auslöst. Diese Raster entsprechen, kurz gesagt, den »Entscheidungsarchitekturen« der Verhaltensökonomik. Die Kognitionswissenschaften sprechen auch von »Frames«, zu Deutsch »kognitiven Deutungsrahmen«.

DIE WIEDERBELEBUNG SPONTANEN ERKENNENS

Die Geologie des Erkennens verneint ein solches, rein gewöhnliches Erkennen nicht. Sie bleibt aber nun – im Gegensatz zur Standardökonomie – dort nicht stehen und öffnet auf diese Weise neue Spielräume für die ökonomische Bildung. Die grundlegende Differenz zur Standardökonomik und ihres impliziten Erkenntnisparadigmas besteht darin, Formen des Erkennens, die relational zu gegenwärtigen Erfahrungen sind, nicht mehr länger zu ignorieren und ins vollständig Dunkle des vermeintlich nicht Erkennbaren zu versenken. Zunächst macht sie dafür eine Form des Erkennens stark, wie sie insbesondere in akuten Notfällen – so etwa der gegenwärtigen Covid-19-Pandemie – immer wieder augenfällig wird, gleichwohl aber gerade von Ökonom*innen entweder vollständig übergangen oder aber argwöhnisch beäugt wird: das spontane Erkennen, das Menschen in unmittelbaren Erfahrungsbezügen nicht nur reagieren, sondern tatsächlich agieren lässt.

Charakteristisch für das spontane Erkennen sind die Aktivitäten des Gemeinsinns. Dieser meint die Fähigkeit, alte Urteile und Vorurteile vollumfänglich fallenzulassen und so deren handlungslenkende Wirkungen auszusetzen. Stattdessen werden angesichts konkreter Erfordernisse der Gegenwart neue Imaginationen generiert. Der Gemeinsinn erlaubt, die Lebenswelt wahrzunehmen, bevor mentale Stereotypen oder berechnende Kalküle sie im Licht bloß vergangener Erinnerungen bewerten. Dafür fügt er konkrete Sinneswahrnehmungen zu reflektierten Einheiten zusammen und arbeitet an der tiefsten Stelle des unteren Erkenntnismantels. Dort löst er alte Gewohnheiten des Erkennens auf und lässt sie ins Magma des Erkenntniskerns einsinken. Zugleich spürt der Gemeinsinn – jenseits der Wirkmächtigkeit des begrifflichen Verstands – neue potenziell sinnhafte Strukturen auf und stabilisiert sie anfänglich in improvisierendem Handeln. Dabei ist er nicht nur ein genuin kreativer, sondern auch ein moralischer Sinn, da er Bedürfnissen situationsadäquat und selbstlos begegnen kann.

Wichtig ist an dieser Stelle, dass das spontane Erkennen sich jeder operationalisierenden Form der Bildung entzieht. Es agiert gewissermaßen ex negativo, es gleicht der Negation aller Bildungsprozesse, die im Bereich des begrifflichen Verstandes bloß Stereotype oder im Bereich der abstrakten Vernunft allein Kalküle antrainieren. Stattdessen fordert der Gemeinsinn Freiräume in konkreten Erfahrungssituationen, sodass sich das Handeln angesichts von unmittelbaren Notwendigkeiten selbst professionalisieren darf. Gerade das Feld der Sorgearbeit scheint hier außerordentlich wichtig zu sein, damit Gestaltungsarbeit im Bereich der unmittelbaren wechselseitigen Abhängigkeiten von Menschen als Bedingung ihrer Existenz direkt erfahrbar und gestaltbar wird.

Während der gegenwärtigen Covid-19-Pandemie hoffen viele Menschen, dass aus spontanem Gemeinsinn dauerhaft neue Gewohnheiten des Denkens und Handelns erwachsen mögen. Doch ist dies illusorisch, da der Gemeinsinn für sich genommen stets nur in unmittelbaren Handlungs- und Erfahrungsvollzügen wirksam ist. Eine »Corona-Dämmerung des Neoliberalismus«, wie die taz sie etwa beschwört, wird er deswegen nicht heraufziehen lassen können. Vielmehr droht ein Rückfall in alte Gewohnheiten, sobald die drängendsten Notlagen vorüber sind.

DIE NEUENTDECKUNG SINNSTIFTENDEN ERKENNENS

Soll das erfahrungsrelationale Erkennen tatsächlich bis an den Rand des gewöhnlichen Verstandes wirksam werden und seine Strukturen umgestalten können, bedarf es hierfür eines weiteren Habitats menschlichen Erkennens, das nun gleichsam den gesamten unteren Erkenntnismantel auszuprägen imstande ist. Es handelt sich um das sinnstiftende Erkennen, das bislang den vollständig blinden Fleck der ökonomischen Standardlehre bildet.

Diese Form des Erkennens ist – ebenso wie das spontane Erkennen – erfahrungsrelational. Es setzt ebenfalls ganz nah am Magma des dynamischen Erkenntniskerns an, indem es den Gemeinsinn umfasst. Doch verharrt das sinnstiftende Erkennen nicht einfach auf der Ebene dieses Sinns, sondern aktiviert zudem die Imagination ebenso wie die praktische Urteilskraft. Die Imagination meint dabei die Fähigkeit, kreative Vorstellungen des Gegenwärtigen und darüber hinaus auch des zukünftig Möglichen zu schaffen. Auch ist sie fähig, neue Bilder des Vergangenen zu schaffen und so Geschichtliches neu zu bewerten. Mit ihr avancieren Menschen von bloß vorstellungsgeprägten, reagierenden Wesen hin zu bildschöpfenden Wesen, die ihre eigenen Anschauungen frei gestalten können.

Während die Imagination im nochmals tieferliegenden Gemeinsinn wurzelt, speist sie ihrerseits die praktische Urteilskraft, die auch als Lebensklugheit (phronesis im Altgriechischen) bezeichnet wird. Diese ist diejenige Fähigkeit des Erkennens, die sich an konkreten Situationen orientiert und in ihnen angemessen operiert. Dabei sieht sie sich keineswegs auf bloße Erinnerungen und Instinkte reduziert, sondern beinhaltet auch das kognitive und das kreative Vermögen, sich im Konkreten und damit im Erfahrungsbedingten Urteile zu bilden, Fruchtbares und Schädliches zu unterscheiden sowie Dingen und Prozessen existenzielle und praktische Werte und Bedeutungen zuzuschreiben. Sie ist auch für die Bildung von Intentionen zuständig, die nicht einfach der Sinneswahrnehmung entspringen. Sie ist eine Form der Lebensklugheit, mit der Menschen sich darüber klar werden können, was sie wirklich wollen und sollen. Sie vermag alte Denk- und Handlungsgewohnheiten zu überwinden und ebenso neue zu schaffen, um in der Gegenwart über die Wirksamkeit der Vergangenheit zu entscheiden und sie auf eine neue Zukunft hin aktiv zu verändern.

Das sinnstiftende Erkennen bildet neue kreative Normalitäten. Um es seinerseits zu kultivieren, braucht es Freiräume für ein reflektiertes Tun in der Gegenwart, gepaart mit einem breiten Wissen um das gesellschaftlich-geschichtlich Gewordene. Dies alles in Forschung und Lehre zu vermitteln, ist nur mit handlungsorientierten und erfahrungsbasierten didaktischen Ansätzen möglich, die ein reflexives Tun mit Einblicken in die Kultur- und Ideengeschichte und imaginativen Übungen, gerade auch philosophisch-ästhetischer Art, verbinden.

FÜR EINE REFLEXIVE BIODIVERSITÄT DES ERKENNENS: DAS BASHO-FRAMEWORK

Natürlich geht es mir nicht darum, das rationale und das gewöhnliche Erkennen einfach auf den Scheiterhaufen der Geschichte zu befördern. Vielmehr entwerfe ich eine neue Vision reflexiver Biodiversität des Erkennens, die verschiedene Habitate umfasst und die sich an das basho-Framework anlehnt, welches auf der Abbildung unten gezeigt wird. Basho ist ein japanischer Begriff, der so viel wie »konkrete Aufenthaltsorte« oder »Wirkungsstätten« meint und in der japanischen Philosophie gerade auch die Vorstellung von Habitaten des Erkennens beinhaltet. Das basho-Framework kennt – genau wie die von mir vorgeschlagene Imagination der Geologie des Erkennens – nun nicht mehr bloß zwei, sondern fünf solcher Habitate: Rechts befindet sich das rationale Erkennen, das die neoklassische Theorie und die Theorie rationaler Erwartungen zur Monokultur erhoben hat. Auf der gleichen Seite liegt auch das gewöhnliche (oftmals unbewusste) Erkennen, das die Verhaltensökonomik gemeinsam mit dem rationalen Erkennen zur alleinherrschenden Duokultur stilisiert hat. Ergänzt (aber nicht ersetzt!) finden sich diese beiden nun durch das sinnstiftende, das spontane sowie das – mittig abgebildet – radikal-imaginäre Erkennen.


3 basho-Framework

Die Geologie des Erkennens, wie in der Abbildung auf Seite 30 gezeigt, schafft eine neue Vorstellung dafür, wie das spontane und das sinnstiftende Erkennen sowohl das gewöhnliche als auch das rationale Erkennen mitformen, zugleich aber von ihnen fest umschlossen und eingeschnürt werden: Spontanes und sinnstiftendes Erkennen können sich ihren Weg an die Oberfläche gesellschaftlicher Wahrnehmung und Gestaltung im Normalfalle nicht bahnen, sondern werden, obwohl sie im wahrsten Wortsinn fundamental sind, durch Formen epistemischer Gewalt verschwiegen, ignoriert und unterdrückt.

Mithilfe des basho-Frameworks möchte ich demgegenüber eine neue Oberfläche des Erkennens visualisieren, die nun nicht mehr allein vom rationalen, sondern von allen fünf Formen des Erkennens besiedelt und damit von mehreren Habitaten des Erkennens geprägt ist. Starke tektonische Kräfte in den Tiefen erfahrungsrelationalen Erkennens machen dies möglich: Sie können neue kreative Normalitäten ausbilden, sodass der begriffliche Verstand in neue Entscheidungsarchitekturen eingelassen wird und sein vormals starres Gerüst Bruchstellen erleidet. In der Folge weist auch das rationale Erkennen kein bruchloses Fundament mehr auf, sondern vermag ebenfalls aufzubrechen. Doch statt sich nur in Gestalt katastrophaler Eruptionen oder verheerender Erdbeben wandeln zu können, wird es von tektonischen Kräfte, die aus Dynamiken der tieferen Erkenntnisschichten herrühren, wie eine Kontinentalplatte in einen strikt begrenzten Teil der Erkenntnisoberfläche verschoben. In den so freigewordenen Bereichen können nun das gewöhnliche, das sinnstiftende und das spontane Erkennen ihrerseits an die Oberfläche treten und so eigene Habitate ausbilden. Die Dynamik, die der Gesamtoberfläche ihre Gestalt neu verleiht, ergibt sich aus dem Wirken des Gemeinsinns am Rande hin zur radikalen Imagination. Denn genau durch ihn beginnen sich die Tragfähigkeit als auch die Flexibilität der Erkenntnisschichten zuallererst auszubilden. Das basho-Framework ist für mich deswegen auch Sinnbild einer neuen Gemeinsinn-Ökonomie. Dabei stellt es ausdrücklich kein neues, erfahrungsunabhängiges Modell der Ökonomie dar, sondern eine sinnstiftende Imagination. Als solche soll es Menschen nicht erneut in ihrer Kreativität des Erkennens einschränken, sondern neue Spielräume schaffen, um dieser visuell und sprachlich Ausdruck zu verleihen.

In diesem Raum tritt nun auch das radikal Imaginäre offen zutage: Von den jeweils inneren Verwerfungslinien aller Erkenntnisweisen vermag der Blick frei und unverstellt in dessen dynamische Tiefe zu gleiten. Dies meint, dass jede Erkenntnisweise – statt sich zur Monokultur aufzuweiten – ausdrücklich vermittelt, dass sie selbst nur ein spezifisch Gewordenes darstellt, bereits mehr oder weniger gegenüber den stets dynamischen Erfahrungen der Gegenwart verhärtet. Wie in geologischen Aufschlüssen lässt sich dabei an den Bruchlinien jeder Erkenntnisform erforschen, wie die je spezifischen Verhärtungen einst in vergangenen dynamischen Tätigkeiten ihren Ursprung nahmen.

Zugleich lässt sich durch Bewegungen zwischen den einzelnen Bereichen des Erkennens antizipieren, wie sich diese Verhärtungen in Gegenwart und Zukunft auch wieder auflösen und umgestalten können. Gewiss fällt der Übergang des radikal Imaginären hin zum spontanen Erkennen dabei am flachsten aus – im basho-Framework verdeutlicht durch die durchlässige Linie –, vermag der Gemeinsinn doch hier jeden Tag aufs Neue nah an den Erfordernissen der dynamischen Wirklichkeit zu wirken. Zugleich braucht es die Einsicht, dass sich dessen Fläche stets nur als flexibel, ja geradezu labil erweist und deswegen keine dauerhaften Veränderungen von Denk- und Handlungsgewohnheiten begründen kann. Demgegenüber erweist sich das Habitat des sinnstiftenden Erkennens bereits als deutlich stabiler, da es Gewohnheiten zu verfestigen ebenso wie zu verflüssigen versteht und so strukturellen Wandel dessen, was Normalität genannt wird, im Strom der Zeit ermöglicht. Die Bereiche des unbewussten und vor allem des rationalen Erkennens dagegen fallen wie von hohen und steilen, felsenartigen Klippen jäh zum radikal Imaginären hinab. Hier bietet sich kein seichter Übergang, denn die postulierte Unabhängigkeit des Erkennens von gegenwärtiger beziehungsweise überhaupt aller Erfahrung erlaubt diesen Übergang nur im Sinne eines Absturzes.

DIE BILDUNG ZU REFLEXIVER FREIHEIT

Und dennoch: Das basho-Framework hilft, das rationale und das gewöhnliche Erkennen als auf einem ausgebildeten unteren Erkenntnismantel ruhend zu verstehen, der insbesondere durch das sinnstiftende Erkennen eine mächtige Tragfähigkeit ausbilden kann. Zugleich vermag dieser Mantel aufgrund der Aktivitäten des Gemeinsinns nun wie auf dem radikal Imaginären frei zu gleiten. Dieses Imaginäre symbolisiert dabei seinerseits zunächst die erlernbare Freiheit, an keinerlei bestimmte Form des Erkennens gebunden zu sein. Zugleich verweist es auf die immer wieder neu zu kultivierende Fähigkeit, sich für alle anderen Weisen des Erkennens frei entscheiden zu können.

Lässt sich die Welt nur berechnen und durch Kalküle und Modelle steuern? Können wir uns auf die quasiautomatischen Reaktionen eines festgefügten begrifflichen Verstandes verlassen? Braucht es den tiefgehenden strukturellen Wandel hin zu einer neuen kreativen Normalität? Braucht es die Fähigkeit, die Not der Mitmenschen in spontan empathischer Fürsorge zu lindern? Indem – vor allem junge – Menschen lernen dürfen, solche Entscheidungen zu treffen, kann das Erkennen für sie zu einer grundsätzlich offenen, selbst-reflexiven Tätigkeit werden.

Economists4future haben verstanden: Alles gesellschaftlich Gewordene, die Dynamik der Gegenwart und die Möglichkeiten der Zukunft sind ein reicher Schatz und eine schwere Bürde zugleich. Nur indem sie sich offen begegnen, können sie in einer »kreativen Gegenwart« gemeinsam gestaltet werden. Dies halte ich für den eigentlichen Kern einer radikal neuen ökonomischen Bildung, die eine tatsächliche, reflexive Biodiversität des Erkennens zur Grundlage haben sollte, in der sich ökonomische Theorie und Praxis wechselseitig bedingen und befruchten.


Prof. Dr. Silja Graupe ist Ökonomin wie Philosophin und Gründungsmitglied der die Wirtschaftswissenschaften vom Kopf auf die Füße stellenden Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung.


»Weit wesentlicher für die Zukunft aber wird sein, diese ›reine Lehre‹ endlich umzustellen auf eine realistische Ökonomik, in der die ökonomischen Entwicklungen und deren Folgen und die eigene Gestaltungskraft reflektiert werden. Hierin stehen Ökonom*innen in der Verantwortung, der sie sich nicht entziehen können.«

Katrin Hirte


DAS DOPPELTE REFLEXIONSPROBLEM

Wie die Ökonomik ihren Gegenstand verfehlt und sich ihrer Wirkung auf ihn entzieht

In diesem Beitrag wird die These vertreten, dass in den Wirtschaftswissenschaften ein grundsätzliches und zugleich doppeltes Reflexionsproblem besteht. Es ist mitverantwortlich für die mittlerweile desaströsen Folgen des Wirtschaftens – fatal für den Großteil der Menschen auf der Erde und katastrophal für den Zustand des Planeten.

Dieses Reflexionsproblem besteht zuerst in einer unreflektierten Gleichsetzung: Die Bewirtschaftung der Erde als Sphäre des Ressourcenumgangs wird mit der Sphäre der Ökonomie als Organisations- und Regulationsstruktur dieses Umgangs gleichgesetzt. Dies ermöglicht es, ökonomische Verhältnisse als quasinatürliche zu vermitteln. Nichts signalisiert dieses Problem so deutlich wie der beliebte Begriff »Marktwirtschaft«: »Wirtschaft« steht für die Sphäre des Bewirtschaftens und »Markt« für die Sphäre der ökonomischen Regelung dieses Wirtschaftens – wobei »Markt« im heutigen Ökonomieverständnis sogar synonym für eine angebliche Selbstregelung dieser Sphäre steht. Aber Bewirtschaftung gleicht eben nicht automatisch einer Marktökonomie, genau wie Produktionsmittel nicht automatisch Kapital sein müssen und Arbeit nicht Lohnarbeit sein muss. Vielmehr wurde die Bewirtschaftung der Ressourcen der Erde durch die Menschen in eine Marktökonomie umgewandelt. Die Regelungen dazu haben hauptsächlich Ökonom*innen geschaffen.

Hierin besteht das zweite Reflexionsproblem der Ökonomik: Sie blendet ihre eigene aktiv mitgestaltende Rolle in diesem Prozess aus – sei es hinsichtlich der Bestimmung dessen, was ein Bruttosozialprodukt ist, der Festlegung, welche Regeln für Unternehmen gelten, oder der Entwicklung von Berechnungsformeln für Finanzmarktprodukte. Durch all diese Bestimmungen werden sowohl die Bewirtschaftungssphäre als auch die ökonomische Sphäre mitgestaltet, denn Wissen webt sich beständig in das Geschehen der Gesellschaft ein. Dass darin eine gestaltende Kraft liegt, nimmt die Ökonomik nicht zur Kenntnis.

Die Vorstellungen zur Organisations- und Regulationsstruktur des Wirtschaftens gehören zu einer zweiten Reflexionsebene, die in der Soziologie als »Konzepte zweiter Ordnung« bezeichnet werden. Solche Konzepte werden seitens der Wissenschaften entwickelt, werden aber zu »Konzepten erster Ordnung«, wenn sie, so Anthony Giddens, »innerhalb des gesellschaftlichen Lebens angeeignet werden«. Dann bilden diese Konzepte erster Ordnung die Sphäre der Ökonomie als den Bereich, der über die Art und Weise der Bewirtschaftungsvorgänge entscheidet. Sie entscheiden somit über den Umgang mit Ressourcen, über Verteilung, über Verantwortlichkeiten und ähnliches mehr und tun dies mittels eigener dafür geschaffener Institutionen – ob Organisationen, Ämter oder Gesetze.

Bei dieser Differenzierung geht es weder um Spitzfindigkeiten bei der Wortwahl noch um eine Suggestion, dass es einfache Antworten auf die drängenden Probleme gäbe, die aus den Folgen einer derzeit fast ungezügelten Ökonomisierung auf der Erde entstanden sind – und aktuell durch die Corona-Pandemie noch verschärft werden. Sondern es geht darum, den Unterschied zu verdeutlichen: Bewirtschaftungssphäre und ökonomische Sphäre sind nicht deckungsgleich. Und gerade die Auswirkungen der Pandemie machen überdeutlich, dass zwischen diesen Bereichen unterschieden werden muss. Denn ausgerechnet in dieser Krisensituation wird das praktiziert, was in »Normalsituationen« undenkbar erscheint: Per politischem Beschluss werden geltende ökonomische Regularien, die bislang als keinesfalls veränderbar galten – einfach geändert. Gleichzeitig tritt dadurch zutage, wie stark diejenigen Bewirtschaftungsbereiche, die der direkten Versorgung des Menschen dienen, bereits in die ökonomische Sphäre involviert worden sind – mit negativen Folgen, wie aktuell angezeigt am Bereich Gesundheit und Pflege.

Diese missliche Gemengelage hat mit der nicht vollzogenen Grundunterscheidung zwischen Bewirtschaften und Ökonomie zu tun. Denn mit der stillschweigenden Identifikation von Bewirtschaftungs- und ökonomischer Sphäre änderte sich auch die Zielsetzung in jener erstgenannten Sphäre. Dies ist schon an der Wortherkunft erkennbar: Be-wirt-schaften bezeichnet den Vorgang, bei dem Menschen mit dem haushalten, was sie in die »Bewirtung« ihrer selbst und ihrer Umwelt einbeziehen. Schon die griechische Auffassung von Oikonomia umfasst das Behüten beziehungsweise Regeln (nemein) des Haushaltes (Oikos). Die Chrematistik, also der Gelderwerb, wurde davon unterschieden. Heute umfasst Ökonomie hingegen alles, was Menschen institutionalisiert haben, um dieses Wirtschaften regelgeleitet und mit dem Ziel des Gelderwerbes umzusetzen. Es basiert auf Kapital, dem Privateigentum an allen Ressourcen, mit dem es gelingt, aus dem Bestehenden ein Mehr zu schaffen. Daher ist die heute so gerne herangezogene »Marktwirtschaft« nichts anderes als eine Kapitalwirtschaft beziehungsweise – in klassischer Ausdrucksweise – ein Kapitalismus. Bereiche der sozialen Versorgung, wie Gesundheit, Energie, Verkehr und dergleichen, sind in dieser Ökonomie nur dann interessant, wenn sie auch ökonomisch interessant sind, also wenn sie in das Regelwerk des Kapitalismus einverleibt werden, was gerade in den letzten Jahrzehnten gelang.

Eine Abkehr von dieser Herangehensweise bedeutet daher eine Abkehr von dem grundsätzlichen Denken, das mit der heutigen Ökonomik transportiert wird und bei dem die Vermischung von Bewirtschaften und Ökonomie eine zentrale Rolle spielt. Erschwert wird eine Lossagung von dieser Vermengung durch eine apodiktische und noch dazu unhaltbare Wissenschaftsauffassung in der Ökonomik: In der Einbildung, dass in den Sozialwissenschaften ebenso wie in den Naturwissenschaften unumstößliche Gesetze gelten würden, wird einem Phantom nachgejagt. Dabei ist man gerade in den Naturwissenschaften bereit, zuvor angenommene Auffassungen mit wachsenden Einsichten aufzugeben – ob es um einen geobasierten Bezug in der Astronomie geht oder einen feststehenden Raum-Zeit-Bezug in der Physik. Mit diesem Vorgehen werden in den Naturwissenschaften sukzessive neue Zusammenhänge entdeckt. In den Sozialwissenschaften besteht die Herausforderung darin, dass sich geltende Auffassungen mit dem gesellschaftlichen Fortkommen mitentwickeln müssen. Beiden Arbeitsweisen verweigert sich die Ökonomik seit Jahrzehnten. Wie dies erfolgt und welche verheerenden Auswirkungen daraus resultieren, wird nachstehend zu drei Schwerpunkten verdeutlicht: Zuerst wird die Grundauffassung der Ökonomie beleuchtet, dann die Position der Wirtschaftsakteure problematisiert und schließlich die Rolle des Staates befragt.

ZUR GRUNDAUFFASSUNG DER ÖKONOMIE

Die Vermischung von Bewirtschaften und Ökonomie beginnt schon auf der grundsätzlichen Ebene. Ökonomie wird in den gängigen Lehrbüchern definiert als »Wissenschaft vom Einsatz knapper Ressourcen zur Produktion wertvoller Wirtschaftsgüter«, nachzulesen etwa bei Paul Samuelson und William Nordhaus und zurückzuverfolgen sogar bis in die 1930er-Jahre, als Lionel Robbins diese Definition aufgestellt hat. Die Entscheidung darüber, welche Güter wertvoll sind und wie der Einsatz von Ressourcen organisiert ist, treffen nach dieser Diktion »Wirtschaftsakteure«.

Bei dieser Grundannahme – Ökonomie als Wissenschaft von Entscheidungen zwischen Zwecken und knappen Mitteln seitens der Wirtschaftsakteure – werden die Folgen solchen Entscheidens von Anfang an aus der Ökonomie ausgeklammert. Sie werden als »externe Effekte« – als unkompensierte Auswirkungen dieser ökonomischen Entscheidungen – behandelt. Für sie zahlt niemand oder leistet einen Ausgleich, obwohl die Entscheider*innen doch gleichzeitig die Verursacher*innen sind. In den meisten Fällen, in denen die Auswirkungen nicht ausgeblendet werden, werden sie einzig wieder zu Verwertungszwecken in die Ökonomie integriert, nachzuvollziehen etwa an den Emissionsmärkten. Diese, schon im wörtlichen Sinne verantwortungslose, Grunddefinition der Ökonomie ist mit den immer bedrohlicheren Umweltschäden nicht mehr durchhaltbar. Wer darauf hinweist, oder gar die Forderung nach der Begrenzung von Wirtschaftswachstum erhebt, erlebt geradezu erpresserische Abwiegelungen, die nur möglich sind, weil zwischen Bewirtschaftung und Ökonomie nicht unterschieden wird: Es werden Drohszenarien zu deflationären Entwicklungen entworfen, Krisen und Arbeitslosigkeit prognostiziert, Kollapsdystopien ausgemalt und too-big-to-fail-Ansprüche gestellt. Aber Wirtschaftswachstum ist nicht gleichzusetzen mit ökonomischem Wachstum. Auch dies wird an der Corona-Pandemie wie durch ein Brennglas deutlich, wenn auf einmal in Erwägung gezogen wird, dass es Wirtschaftsbereiche geben kann, welche der Konkurrenzökonomie entzogen werden. Dies zeigt: Ob und welche wirtschaftlichen und hier insbesondere physischen Ressourcen der derzeit praktizierten ökonomischen Verwertungspraxis unterliegen, ist letztlich eine Frage politischer Entscheidungen und keine unausweichliche Gegebenheit ökonomischer Zwangsgesetze.

ZUM PROBLEM DER WIRTSCHAFTSAKTEURE

Auch die verzwickte Situation der Wirtschaftsakteure wird als eine quasinatürliche behauptet. Die Kernargumentation ist hier doppelt gelagert: Erstens wird unterstellt, dass eine Begrenzung von Bedürfnissen »natürliche« Ursachen hätte. Und zweitens seien Wirtschaftsakteure auch in ihrer Verwendung ihrer Mittel eingeschränkt, da die Ressourcen des Planeten nun einmal endlich seien. Hier werden die persönliche und die gesellschaftliche Ebene ganz gezielt vermischt und darüber hinaus mit physischen Vorgängen kombiniert: Bei der ersten Argumentationslinie – dass eine Begrenzung der Bedürfnisse eine »natürliche« Ursache hätte – wird auf ernährungsphysiologische Vorgänge insistiert, welche für alle Lebewesen gelten, und daraus ein »Gesetz« postuliert. Dieses »Sättigungsgesetz« wird den Studierenden mit dem Verspeisen von Schwarzwälder Kirschtorte oder dem Trinken von Bier eingetrichtert – ein Magen lasse nun einmal nur eine begrenzte Bedürfnisbefriedigung zu. Und für das zweite Argument – eine quasinatürliche Begrenzung der Mittel – werden die Student*innen sprichwörtlich in die Wüste geschickt, damit sie am sogenannten »Wasser-Diamant-Paradox« einsehen, dass Knappheit situativ als »natürliche« und gleichzeitig »persönliche« hinzunehmen sei – Diamanten seien nun mal selten, und je nach persönlicher Situation könne es auch Wasser sein. Beide Vermengungen – gepaart mit fragwürdiger Personifizierung – sollen gleichzeitig erforderliche Grenzziehungen begründen. Sowohl die Minimum-Grenze (»Sättigung«) wie die Maximum-Grenze (»begrenzte Mittel«) sind Voraussetzung für die mathematische Umsetzung dieses Konzepts – als Grenzwertberechnung.

Wählt man jedoch Wasser statt Bier als Beispiel in der Sättigungsfrage, würde die Frage sofort in die einer notwendigen Versorgung in der Zeit umschlagen. Es würde auf einen der Bereiche rekurriert werden, die man vor ihrer Einverleibung in die Verwertungsökonomie noch als »Versorgungswirtschaften« behandelte. Diese wurden in der Corona-Pandemie zwangsläufig wieder neu »entdeckt«, womit wiederum das gleichmachende Reflexionsproblem angedeutet wird, dem die Wirtschaftsakteure unterliegen: Ob Pflegekraft, Chirurg*in, Diamantschleifer*in oder Börsenmakler*in – es findet keine Differenzierung statt. Es wird weder zwischen Versorgungswirtschaft und übriger Realwirtschaft unterschieden noch zwischen Realökonomie und Finanzökonomie. Diese Gleichstellung unterschiedlicher Bereiche geschieht durch die Konstruktion einer raum- und zeitlosen Allokationstheorie. Die Pandemie verdeutlichte diese Fiktion einmal mehr, weil sie offenbar macht, dass zwischen der Versorgungsökonomie, der darauf aufbauenden Realwirtschaftsökonomie und der Finanzökonomie ein hierarchisches Verhältnis besteht.

Doch selbst jetzt, während wir die Auswirkungen von Corona zu fassen versuchen, wird dies nach wie vor nicht problematisiert und die damit einhergehenden Verwerfungen kaum thematisiert: Neben dem Gesundheitssystem, das Teil der Versorgungsökonomie ist und dem wegen existenziell sichtbarer Mängel nachdrücklich Besserung versprochen wurde, geriet auch die Landwirtschaft in die Schlagzeilen. Die sichtbar gewordenen Missstände und Schräglagen wurden dabei aber kaum infrage gestellt. Der Laie erfuhr im März 2020, dass es für die Ernte in Deutschland genauso viele Arbeitsmigrant*innen braucht, wie es überhaupt Landwirt*innen mit über zehn Hektar Fläche in Deutschland gibt – circa 200 000. Statt Fragen dazu aufzuwerfen, galt es stur, die »deutsche Ernte« zu retten, wozu Mitte März beschlossen wurde, die vom Bundesinnenministerium verhängte Einreisesperre für Arbeitsmigrant*innen wieder aufzuheben – die verhängt worden war, obwohl diese aus Ländern wie Rumänien kamen, die zu diesem Zeitpunkt nur sehr geringe Corona-Fallzahlen aufwiesen. Arbeitsmigrant*innen wurden also in das von der Virus-Pandemie erfasste Deutschland rekrutiert und arbeiteten – in Massenunterkünften oder gar Containern untergebracht – zum üblichen Mindestlohn, nur um den Deutschen den sonntäglichen Spargel zu ernten. Der politische Wille, ökonomische Prozesse zum Wohle der Gesundheit zeitweilig anzuhalten, wurde hier nicht nur nicht an den Tag gelegt, er wurde den osteuropäischen Arbeitsmigrant*innen aktiv verweigert, ihnen wurde sogar das Gegenteil zugemutet: Ökonomische Vernutzung trotz des Wissens um die gesundheitlichen Gefahren.

Kaum jemand stellte zudem die Frage, warum und auf welcher Basis Deutschland viertgrößter (!) Spargelproduzent der Welt ist. Es waren weder Politiker*innen noch Ökonom*innen, sondern zum Beispiel der Pfarrer Peter Kossen, der am 2. März an das hier bestehende System voller politischer, ökonomischer und sozialer Verwerfungen erinnerte, das in der Landwirtschaft nicht nur für Spargel und Erdbeeren gilt, sondern ebenso auch für Schlachthöfe. In Kirche+Leben startete er daher den Aufruf:

»›Will man einfach zusehen, wie Lücken geschlossen werden und die Ausbeutungsmaschinerie für billiges Fleisch weiterläuft oder ist jetzt nicht der Zeitpunkt, die Räder anzuhalten und den Systemwechsel herbeizuführen?‹, fragt Kossen. Das System einer Wertschöpfung, die weitgehend auf der Ausbeutung von Arbeitsmigranten aufgebaut ist, sei krank und mache krank. ›Die Abkehr von diesem kranken System ist längst überfällig!‹«

Ebenso wenig wurden und werden die umweltbezogenen Folgeschäden solcher landwirtschaftlicher Praxis thematisiert. Diese waren während der Corona-Pandemie keineswegs verschwunden, nur spielte die Ausnahmesituation im März 2020 der Bundesregierung in die Hände: Zwei Wochen nach Beginn der Pandemie verabschiedete der Deutsche Bundesrat am 27. März die neue Düngeverordnung, wegen der Landwirt*innen noch im Herbst 2019 mit ihren Trecker-Demos für Schlagzeilen gesorgt hatten. Was hat die Bundesregierung – nun ganz ohne Demonstrationswiderstand – da verabschiedet?

In der intensiven Landwirtschaft sind die Landwirt*innen das unterste Glied in der Hierarchie der Konkurrenzökonomie. Für ein Kilogramm Schweinefleisch bekamen sie 2018 etwa 1,50 Euro. Das entspricht circa drei Euro Gewinn pro Schwein nach Abzug aller Kosten, was zu immer größerer Massenproduktion verleitet, einfach um die geringen Einnahmen durch erhöhte Mengen auszugleichen. Damit steigt auch die Menge der anfallenden Fäkalien, deren Ausbringung zu höheren Nitratbelastungen führen. Zwar hatte die EU Deutschland wiederholt verwarnt, aber die Bundesregierung hat gestellte Fristen immer wieder verstreichen lassen. Also hieß es Ende 2019 seitens der EU: Sollte die Düngeverordnung nicht den Forderungen angepasst werden, drohen Deutschland Strafzahlungen von bis zu 860 000 Euro – pro Tag! Das entspricht über 300 Millionen Euro im Jahr.

Das Ausmaß struktureller Verwerfungen ist hier also noch verheerender als im Spargel-Beispiel: Deutschland ist, nach China und den USA, der drittgrößte (!) Schweinefleischproduzent der Welt und weltweit sogar der größte Schweinefleischexporteur. Mit über 27 Millionen Schweinen fallen so im Jahr – zusammen mit den anderen Tierbeständen – über 200 Millionen Kubikmeter Gülle und Jauche an, die irgendwo hinmüssen. Die landwirtschaftliche Nutzfläche beträgt in Deutschland aber nur 16 Millionen Hektar (in China 520 und in den USA 406 Millionen Hektar).

Von der Politik wird dieser Konkurrenzkrieg und die damit einhergehenden strukturellen Verwerfungen überspielt oder sogar das Gegenteil behauptet. Es ginge, so Agrarministerin Julia Klöckner zur Arbeitsmigrant*innen-Situation in agrar heute, um den Erhalt einer »flächendeckenden, multifunktionalen heimischen Landwirtschaft«.

Wie wird diese gigantische Massenproduktion in Deutschland zu Lasten der Umwelt und der Menschen, die in ihr arbeiten, ökonomisch reflektiert? Die zuständigen Agrarökonom*innen reagieren in althergebrachten Mustern der angeblich unausweichlichen Konkurrenz. Zudem herrscht eine bemerkenswerte nationalistische Konnotation, wenn es beispielsweise heißt, in diesem Wettbewerb ginge »die größte Gefahr von den europäischen Wettbewerbern Spanien und Dänemark aus«, wie sich Achim Spiller und Kolleg*innen zu dem Konkurrenzkampf im Bereich Schweinefleisch ausdrücken. Die Parallele zur Situation im Spargelanbau ist auffällig, denn auch hier redete etwa die Bayerische Landanstalt für Landwirtschaft 2016 davon, dass die Anteile des »griechischen, französischen und spanischen Angebots erfolgreich vom Markt verdrängt« wurden.

Selbst in der aktuell andauernden Krise wird dabei auch die Gleichmacherei aller Wirtschaftsakteure, die im ständigen Kampfmodus gezeichnet werden, fortgesetzt – in gewohnter Manier eines Einheitsbreis aller Wirtschaftsakteure in einem Topf, lediglich perspektivisch in »Anbietende« und »Nachfragende« aufgeteilt. Im »Corona-Krieg« forderte zum Beispiel Hans-Werner Sinn in Project Syndicate am 16. März in üblichem Denkschema, dass in der jetzigen Situation dringend angebotsfördernde Maßnahmen erfolgen müssten:

»Eine heftige Rezession ist nicht mehr zu vermeiden. Manche Ökonomen schlossen daraus, dass man dagegen nun mit nachfragestimulierenden Maßnahmen angehen solle. Diese Position überzeugt nicht wirklich, denn die Weltwirtschaft leidet nicht unter einem Nachfrage-, sondern unter einem Angebotsmangel. […N]achfragestimulierende Maßnahmen könnten sogar kontraproduktiv sein, denn sie würden dem gesundheitspolitisch Gebotenen entgegenwirken, weil sie die Kontaktaufnahme der Menschen fördern.«

Kann diese Herangehensweise weiter überzeugen? Wer genau wurde damit adressiert? Deutsche Nachfrager*innen? Europäische? In Italien, wo etwa fünf Millionen Menschen unter der Armutsgrenze leben, hatten jedenfalls am gleichen Tag die ersten »Nachfrager*innen« in Süditalien und Neapel versucht, Lebensmittelmärkte zu plündern, wie Voce Spettacolo berichtet – weil sie hungerten.

Der unsinnige Streit um das althergebrachte Schema von Angebot und Nachfrage wird so zu Lasten der Betroffenen fortgesetzt. Das ist ebenso eine Folge der nach wie vor üblichen Annahme, dass Zusammenhänge mittels Funktionsgleichungen ermittelt werden können, aber der ewige Streit um die Frage, ob das Angebot vor der Nachfrage oder die Nachfrage vor dem Angebot priorisiert werden soll – aufgrund der mathematisch gegenseitigen Abgängigkeit der beiden Variablen dabei –, letztlich gar nicht beantwortet werden kann. Das verwendete Vokabular verschleiert zudem, um welche Abhängigkeitsverhältnisse es dabei geht. Denn »Anbietende« bieten nicht nur an, sondern müssen andere Waren innerhalb der Konkurrenzökonomie sprichwörtlich um jeden Preis unterbieten, also die eigenen loswerden. Und »Nachfragende« »fragen« nicht nur – egal in welcher Ökonomie –, sondern haben letztlich einen existenziellen Bedarf. Zu diesem grundsätzlichen Bedarf gehörten laut Walter Eucken nach dem Zweiten Weltkrieg Nahrungsmittel, Wohnen, Energie und Verkehr, welche daher subventioniert wurden. Sie waren der »Preis der Marktwirtschaft«, so Irmgard Zündorf. Die Corona-Pandemie zwingt dazu, wenigstens über diese Bereiche neu nachzudenken, während für alle anderen Bereiche gehofft wird, in alter Manier bald wieder »durchstarten« zu können. Ermöglichen soll dies nun der »Staat« mit Milliarden Euro Finanzhilfen, wiewohl gerade eben jener Staat seitens der Ökonom*innen, die diese Hilfen nun fordern, über Jahrzehnte diskreditiert wurde.

ZUR ROLLE DES STAATES

Von den »führenden Ökonom*innen« wird die Regierung aktuell in der Corona-Krise aufgefordert, »man müsse schnell handeln, um jetzt durch die Bereitstellung von Milliarden-Mitteln […] Vertrauen zu schaffen«, so etwa Clemens Fuest, Chef des Münchner ifo-Instituts im Interview der Deutschen Welle. In einer Ökonomie, die von vornherein gedacht wird als »economy in which decisions about production and consumption are made by individual producers and consumers«, wie Paul Krugman und Robin Wells es formulieren, kommt ein Staat als ökonomischer Akteur gar nicht vor.

In Krisenzeiten allerdings wird wie selbstverständlich nach ihm gerufen. Schon 2009 konstatierte der damalige deutsche Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, dass »in der Krise eine Renaissance des Staates« als selbstverständlich thematisiert wird, aber Ökonom*innen diesen Staat sonst »weitgehend als Störfaktor in der Wirtschaft« sehen, »den man möglichst weit heraushalten wollte«.

Eine Institution, die von allen Arbeitnehmer*innen sowie allen Unternehmen eines Landes einen beträchtlichen Anteil an Steuern einnimmt – sofern sich diese dem nicht auf illegale Weise entziehen – als ökonomisch irrelevant zu erklären, gehört nicht nur zum fehlenden Reflexionsvermögen der herrschenden Ökonomik, sondern gleicht auch einem antistaatlichen Framing. Das stärkste Argument im politischen Kampf um die vorherrschende Wirtschaftsordnung gegen eine »Planwirtschaft« lieferte Adam Smith schon 1779:

»Ein Staatsmann, der es versuchen sollte, Privatleuten vorzuschreiben, auf welche Weise sie ihr Kapital investieren sollten, würde sich damit […] eine Autorität anmaßen, die man nicht einmal einem Staatsrat oder Senat, geschweige denn einer einzelnen Person getrost anvertrauen könnte […].«

Doch inwieweit gilt diese Warnung vor einer – in den Worten Friedrich von Hayek – »Anmaßung von Wissen« noch, wenn in allen relevanten Wirtschaftsbereichen nur noch eine Handvoll Großkonzerne existieren? Wenn sich in Deutschlands Lebensmitteleinzelhandel Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe und Aldi 85 Prozent des Absatzmarktes teilen? Beziehungsweise wenn nur ein Unternehmen eine ganze Branche beherrscht, wie Google 90 Prozent des deutschen Suchmaschinenmarktes? Oder wenn es sogar um die weltweite Beherrschung eines Marktes geht – Beispiel Saatgutmarkt, der zu zwei Drittel durch die Chemiekonzerne Bayer-Monsanto, Syngenta und Dupont kontrolliert wird?

Diese Marktbeherrschung wird in der Ökonomik ebenso ungenügend problematisiert, wie die realen Entwicklungen der Wirtschaftsakteure nicht reflektiert werden. Angesichts solcher Konzentrationen wird die in der Ökonomik bis heute bemühte »invisible hand« als »unplanned economy«, wie es von Paul Krugman und Robin Wells heißt, schlichtweg obsolet. Auch diese Auffassung gehört zum unreflektierten Grundrepertoire der herrschenden Ökonomik. Allzu bekannt ist sie als Rhetorik von der angeblichen Selbstlenkung der »Märkte«, die als sich selbst regulierende »Koordination« angepriesen wird, wie Paul A. Samuelson und William D. Nordhaus dies in ihrem Lehrbuch 2007 tun. Sie sprachen 2016 sogar den »Markt« als handelndes Wesen an und fragten enthusiastisch: »Wer löst die drei Grundfragen wirtschaftlicher Organisation, nämlich was, wie und für wen produziert wird?«

Ja – wer löst diese Grundfragen wirtschaftlicher Organisation? Organisationen sind von Menschen gemachte Institutionen. Kein »Markt« existiert »an sich« oder reguliert sich selbst. Märkte sind organisiert. Sie sind, laut Reinhard Pirker, Regulierungsformen des sozialen Lebens. Daher ist jede Marktökonomie eng mit der Legislative, Exekutive und Judikative eines Staates verbunden. Ohne diese Verwobenheit wären weder unternehmensfreundliche Gesetzgebungen erklärbar noch umgekehrt politische Entscheidungen gegen Unternehmensinteressen.

Auch in diesem Punkt wird die Corona-Pandemie zeigen, inwieweit die Politik sich im Zuge der Krisenbewältigung emanzipieren kann oder – wie in der Finanzkrise ab 2008 – nur von Unternehmensinteressen getrieben agiert und »Staatsschulden« anhäuft, ohne das Reglement wirksam neu zu gestalten. Seitens der aktuell zur Tagespolitik befragten und zitierten »führenden Ökonom*innen« beobachten die Medien derzeit zwar mehrheitlich eine »Abkehr von der reinen Lehre«, wenn das Aufkündigen der »Schwarzen Null« im Bundeshaushalt, massive Staatshilfen sowie sogar Staatsbeteiligungen für Unternehmen gefordert werden. Weit wesentlicher für die Zukunft aber wird sein, diese »reine Lehre« endlich umzustellen auf eine realistische Ökonomik, in der die ökonomischen Entwicklungen und deren Folgen und die eigene Gestaltungskraft reflektiert werden. Hierin stehen Ökonom*innen in der Verantwortung, der sie sich nicht entziehen können. Wie würden Sozialwissenschaftler*innen reagieren, wenn Politikwissenschaftler*innen ankündigten, politische Entscheidungsprozesse zu analysieren, aber die politischen Folgen als »extern« ausklammert, mit der Begründung, sie seien kein Thema der Politikwissenschaften?

Das Reflexionsdesaster in der Ökonomik ist endlich zu beenden!


Dr. Katrin Hirte ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE) der Universität Linz und forscht u. a. zur gesellschaftlichen Wirkung der Wirtschaftswissenschaften.


»Reflexivität verträgt sich in Lehre und Forschung nicht mit geistiger Monokultur, dogmatischer Starre, methodischer Verengung und erkenntnismäßigem Zwang. Reflexivität als Rückbezogenheit auf die Gesellschaft und Nachdenklichkeit im Analysieren, Interpretieren und Bewerten gesellschaftlicher Veränderungsprozesse trifft den Kern der ›Third Mission‹ von Hochschulen.«

Reinhard Loske


HOCHSCHULEN UND DIE »THIRD MISSION«

Reflexivität als Schlüssel zur sozialökologischen Transformation der Wirtschaft

Die Behauptung, die Wirtschaftswissenschaften leisteten in ihrem Hauptstrom heute keinen relevanten Beitrag zur angemessenen Bearbeitung globaler Herausforderungen, wie der Klimakrise, der Biodiversitätskrise oder der ungerechten Weltwirtschaftsbeziehungen, ist keine polemische. Im Gegenteil: Gerade, weil die vorherrschende Standardökonomik in ihrem selbstgebauten Käfig aus Marktidealisierung und Staatsskepsis, Gesellschaftsferne und Naturvergessenheit, Wettbewerbsüberhöhung und Kooperationsaversion, Gegenwartszentriertheit und Zukunftsabwertung gefangen bleibt, ist sie nicht in der Lage, das Notwendige jenseits verengter Kosten-Nutzen-Rationalität überhaupt zu denken.

Economists4future wollen die Wirtschaftswissenschaften aus diesem selbstgeschneiderten Korsett befreien. Dabei geht es uns gleichermaßen um die Freilegung der historisch-philosophischen Wurzeln des Nachdenkens über Wirtschaft, die Wiedereinbettung der Ökonomie in Gesellschaft und Natur sowie die Arbeit an sozialökologischen Transformationspfaden sowie lebensweltbezogenen und einladenden Narrativen, kurz: um reflektierte Gesellschaftsgestaltung.

Die Grundeinschätzung von economists4future lautet deshalb, dass sich die Ökonomik als Disziplin pluralistischer aufstellen muss. Sie muss Reflexivität zu einem ihrer Markenzeichen machen und sich systematisch als Sozialwissenschaft begreifen. Vor allem muss sie sich in Forschung, Lehre und öffentlicher Einmischung als Kraft verstehen, die zur Gestaltung einer »guten Gesellschaft« beitragen will und sie dafür als Ganzes ins Auge fasst. Manche nennen diese Aufgabe »Third Mission«. Ob das der richtige Begriff ist, soll weiter hinten noch einmal aufgegriffen werden. Betrachten wir zunächst die Reflexivität als inhaltliche Forderung.

RÜCKBEZOGENHEIT UND NACHDENKLICHKEIT

Reflexivität ist eine schillernde Kategorie, für die es keine einheitliche und disziplinenübergreifende Definition gibt. Im engeren Sinne lässt sie sich als Rückbezogenheit auf die Geschehnisse der Welt oder als Nachdenklichkeit beschreiben. Im Unterschied zur Reflexion, die eine Tätigkeit ist, ist Reflexivität eine Eigenschaft, durch die sich Subjekte oder soziale Systeme auszeichnen (können).

Im Unterschied zu anderen Eigenschaften, wie Impulsivität, Naivität und Borniertheit, bedarf die Reflexivität eines distanzierten und multiperspektivischen Betrachtens der Wirklichkeit. Ihr Wesenskern ist die Fähigkeit, von reinen Eigeninteressen abzusehen und die Standortgebundenheit der je eigenen Perspektive zu erkennen, so auch Manfred Moldaschl.

Reflexivität bedeutet aber keineswegs Standpunktlosigkeit oder gar Beliebigkeit, frei nach dem Motto »anything goes«. Die Kunst liegt darin, einen eigenen Standpunkt einzunehmen, der auf einer normativen Grundorientierungen fußt, zugleich aber fähig zu sein, multiperspektivisch auf die Welt zu schauen und Toleranz gegenüber den Ansichten und Urteilen Dritter zu üben, was wiederum Grenzen der Toleranz einschließt.

Reflexivität und Pluralität, Nachdenklichkeit und Meinungsvielfalt bedingen einander daher. Es ist offenkundig, dass Reflexivität in totalitären Systemen und Diktaturen keine Entfaltungsmöglichkeiten findet und auf verschiedenerlei Weise sanktioniert wird – bis hin zu Verfolgung und Bestrafung abweichender Meinungen.

Allerdings gibt es auch in freien Gesellschaften Mechanismen, die Reflexivität begrenzen können, etwa indem – verdeckt oder offen – institutionelle oder ökonomische Macht ausgeübt wird, Diskursräume eingeschränkt oder verschlossen werden und Ressourcen (etwa für Bildung, Forschung oder Berichterstattung) nur in bestimmte Meinungskorridore fließen.

REFLEXIVE MODERNISIERUNG

In den Sozialwissenschaften hat der Grundbegriff der Reflexivität seit den 1980er-Jahren eine beachtliche, wenn auch nicht unumstrittene Karriere gemacht, insbesondere durch die Arbeiten von Ulrich Beck und Anthony Giddens. Ihre Theorie der reflexiven Modernisierung geht von der Annahme aus, dass Staaten und Gesellschaften in der Moderne gezwungen sind, sich immer wieder mit den von ihnen selbst erzeugten Gefährdungen, Risiken und Nebenfolgen auseinanderzusetzen. Sie müssen die Realität deshalb im gesellschaftlichen Diskurs permanent beobachten und bewerten, ihre Grundannahmen überprüfen und bei Bedarf ihre Politiken und Praktiken problemadäquat ändern, insbesondere vor dem Hintergrund der ökologischen Herausforderungen und großer technologischer Veränderungen, wie der Digitalisierung.

Zwar gibt es an der Theorie der reflexiven Modernisierung durchaus grundsätzliche Kritik – von links etwa diejenige, dass der Fokus auf ökologische Risiken die Relevanz von Klassenunterschieden und Machtasymmetrien vernachlässige – aber der aufklärerische Gehalt dieser Theorie ist unzweifelhaft erheblich und für die Bearbeitung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit eine (neben anderen) sinnvolle und nützliche Leitorientierung.

In Bezug auf die Grundlagen der Wissenschaft und ihre Rolle in der Gesellschaft hat Ulrich Beck bereits 1986 in seinem Buch Risikogesellschaft eine Empfehlung ausgesprochen, die von zeitloser Aktualität ist:

»Rationalität und Irrationalität sind nie nur eine Frage der Gegenwart und Vergangenheit, sondern auch der möglichen Zukunft. Wir können aus unseren Fehlern lernen – das heißt auch: eine andere Wissenschaft ist immer möglich. Nicht nur eine andere Theorie, sondern eine andere Erkenntnistheorie, ein anderes Verhältnis von Theorie und Praxis dieses Verhältnisses.«

Diese Aussage bildet die Brücke zum zweiten zentralen Begriff dieses Textes, der »Third Mission«. Als »dritte Mission« der Hochschulen wird neben Forschung und Lehre zunehmend die Beteiligung an der Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen und den dazugehörigen öffentlichen Diskursen verstanden. Dies bezieht sich vor allem auf die großen sozialökologischen Herausforderungen, wie die Klimakrise, die Biodiversitätskrise oder die zunehmende soziale Disparität innerhalb der Gesellschaften sowie zwischen der Nord- und Südhemisphäre. Auch Pandemien wie die gegenwärtige gehören in diesen Kontext.

ÖFFNUNG ZUR GESELLSCHAFT

Die Wissenschaft soll also Impulse aus der Gesellschaft aufgreifen, den aktiven Austausch mit ihr suchen, gemeinsame Fragestellungen definieren, neue Formate von Theorie/Praxis-Kooperation erproben, bis hin zur »Citizen Science«, den Bürgerwissenschaften.

Das Akademische mit seiner nachvollziehbaren Eigenlogik, welche weltanschauliche Neutralität, disziplinären Aufbau und Unvoreingenommenheit ebenso einschließt wie Nüchternheit, Distanz und Abstraktion, soll also gewissermaßen aus dem Elfenbeinturm befreit werden. Es soll sich stärker an gesellschaftlichen Problemen und Bedarfen orientieren. Dies wiederum soll durch die besondere Förderung inter- und transdisziplinärer Forschung und Lehre sichergestellt werden.

Im etablierten Wissenschafts- und Hochschulsystem, das heute durch eine starke Priorisierung der Forschung gegenüber der Lehre gekennzeichnet ist, gab es gegen die Idee der »dritten Mission« keine nennenswerten Einwände, solange sich diese auf Technologiezentren, Gründerzentren oder Patentverwertungsagenturen bezog. Die Entwicklung von ökonomischen Verwertungsstrukturen für technisch-wissenschaftliche Innovationen an den Hochschulen wurde von vielen Wissenschafts-, Hochschul- und Wirtschaftsorganisationen gemeinsam vorangetrieben und von der Wissenschaftspolitik und der Industrie stark gefördert. Wenig erstaunlich also, dass in dieser verwertungsorientierten Logik vor allem die Ingenieur- und Naturwissenschaften als Trägerinnen der »dritten Mission« gesehen wurden und werden, die Sozial- und Geisteswissenschaften maximal als Begleitwissenschaften, etwa für Technikfolgenabschätzung oder zur Begleitung von Ausgründungen.

In dem Maße jedoch, in dem auch soziale Bewegungen, wie die Ökologiebewegung, die Friedensbewegung, die Solidaritätsbewegung oder alternativökonomisch orientierte Gruppen, begannen, Forderungen an das Wissenschafts- und Hochschulsystem zu richten und eigene Vorschläge zu unterbreiten, begann dessen organisierte Gegenwehr. Plötzlich war von der Gefahr die Rede, die Umsetzung von solcherlei Vorschlägen führe zur Ideologisierung, Politisierung und Verzweckung der Wissenschaften, münde in eine Gefährdung der Freiheit von Forschung und Lehre und sei deshalb abzulehnen, wie etwa bei Peter Strohschneider nachzulesen. Vor allem gegenüber dem Gedanken der sozialökologischen Transformation und der Idee, die »dritte Mission« zur »ersten Mission« zu machen und gleichzeitig die Lehre zu stärken und neu auszurichten, wie Uwe Schneidewind vorschlug, hat sich etwa die Deutsche Forschungsgemeinschaft scharf abgegrenzt.

POLITISIERUNG DER WISSENSCHAFTEN?

Gewarnt wird dabei nicht nur vor einer Politisierung der Wissenschaften, sondern auch vor einer Verwissenschaftlichung der Politik, vor einer Expertokratie. Ein Verständnis, in dem Politik nur noch das umzusetzen habe, was wissenschaftliche Expertise ihr aufträgt, führe letztlich zu einer Entpolitisierung der Politik. Der Akzeptanzverlust gegenüber repräsentativer Politik gehe so Hand in Hand mit wissenschaftlichem Qualitätsverlust.

Das ist starker Tobak. Und die Kritik der Wissenschaftsverbände wäre auch glaubwürdiger, wenn sie sich mit gleicher Vehemenz gegen Verzweckungstendenzen des Forschungssystems durch wirtschaftliche Interessen zur Wehr setzen würde. Davon ist seitens der großen Wissenschaftsorganisationen aber wenig bis nichts zu hören. Dennoch ist es gerade Aufgabe einer reflexiven Wissenschaft, sich mit beiden Argumenten auseinanderzusetzen – dem der Politisierung der Wissenschaften wie auch mit dem der Verwissenschaftlichung der Politik.

Was den Vorwurf betrifft, die sozialökologische Transformationsambition führe zur politischen Indienstnahme der Wissenschaften und gewähre ihrer ideologischen Lenkung schleichend Einzug, so ist dieser mindestens aus zwei Gründen fragwürdig.

Zum einen ist Wissenschaft kein von der Gesellschaft losgelöstes System, es ist vielmehr in sie eingebettet und sollte es auch sein. Es wird von der Gesellschaft mit Ansprüchen konfrontiert, wirkt aber umgekehrt auch auf sie ein. Es ist autonom, aber auch rechenschaftspflichtig. Es ist vernünftigerweise in hohem Maße selbstorganisiert, wird aber auch aus öffentlichen Mitteln finanziert, jedenfalls überwiegend.

Dass nun ausgerechnet die Forderung nach systematischer Berücksichtigung der vielleicht größten Gesellschafts-, ja Menschheitsherausforderung – der Bekämpfung der Klimakrise und des Umschwenkens auf einen Pfad nachhaltiger Entwicklung – die Freiheit der Wissenschaften gefährden und das Wissenschaftssystem Partikularinteressen ausliefern soll, ist einfach nicht realistisch. Es wirkt weit hergeholt und vermittelt unausgesprochen die Botschaft an die Gesellschaft: »Lasst uns in Ruhe unsere Innovationsarbeit tun und haltet uns nicht unnötig von der Forschung ab!« Man kann so eine Haltung natürlich einnehmen, den gesellschaftlichen Herausforderungen zugewandt ist sie nicht.

Zum anderen zielt die Idee der transformativen Wissenschaft ja nicht darauf ab, nun alle Disziplinen dem Regiment der Nachhaltigkeitsausrichtung zu unterwerfen. Gerade im Bereich der Grundlagenforschung oder etwa der Geisteswissenschaften wird kein vernünftiger Mensch auf die Idee kommen, sie permanent mit der Frage zu konfrontieren, welchen Beitrag zur großen Transformation sie denn zu erbringen gedenken. Es gibt keinen vernünftigen Grund, zweckfreie Grundlagenforschung und Transformationsforschung gegeneinander auszuspielen. Oder formulieren wir es pathetisch: Warum sollen sich Weltwissen und Weltgestaltung gegenseitig ausschließen?

Das Argument der Verzweckung, Politisierung und Ideologisierung der Wissenschaften durch den sozialökologischen Transformationsansatz kann also nicht wirklich überzeugen.

EXPERTOKRATIE STATT POLITIK?

Was das umgekehrte Argument betrifft – der Ansatz der transformativen Wissenschaft führe letztlich zur Entpolitisierung der Politik und zu ihrer sukzessiven Ersetzung durch eine Nachhaltigkeitsexpertokratie – so ist diesem auf den Grund zu gehen, weil es möglicherweise gehaltvoller ist. So wenig es einen generellen Primat der Politik über die Wissenschaft geben kann, so wenig kann es natürlich umgekehrt einen generellen Primat der Wissenschaft über das Politische geben.

Die Slogans der Fridays-for-Future-Bewegung »unite behind the science« oder »follow the science« ist in dieser Hinsicht zumindest erklärungsbedürftig. Es ist nicht so, dass sich aus wissenschaftlichen Erkenntnissen unmittelbar normative und politische Handlungsprinzipien ableiten lassen. Was man hingegen von jedweder Form von Politik erwarten muss, ist, dass sie sich an wissenschaftlichen Fakten zu orientieren hat, ob es um die Klimakrise oder den Biodiversitätsverlust geht, um die gegenwärtige Pandemie oder die (mangelnde) Resilienz von Gesellschaften.

Der politische Prozess kommt in den Debatten um eine sozialökologische Transformation häufig zu kurz. Der »schlechten Wirklichkeit« wird dann ein Ideal oder eine Utopie einer »besseren Welt« gegenübergestellt, während sehr wenig Energie darauf verwendet wird, wirklich begehbare Pfade zu entwickeln, die vom einen in den anderen Zustand führen. Tatsächlich folgen ja das politische und das wissenschaftliche System unterschiedlichen Logiken. Die politische Währung, mit der in Demokratien gezahlt wird, ist die (geliehene und befristete) Macht. Die Währungen der Wissenschaft sind Erkenntnis und Befähigung. Es ist deshalb durchaus sinnvoll, für eine gewisse Distanz der beiden Systeme zueinander zu plädieren.

Das heißt freilich nicht, dass es eine Mauer zwischen Wissenschaft und Politik geben sollte, durch deren Öffnung in die eine Richtung Fragenkataloge an die Wissenschaft gereicht werden und in die andere Richtung Wissenspakete an die Politik. Sollen beide Systeme ihre je eigene Funktionslogik behalten, dann müssen wechselseitige Resonanzbeziehungen gepflegt werden, ohne das je Eigene aufzugeben. Insofern wäre das Argument, eine transformative Wissenschaft führe zu einer Entpolitisierung der Politik und tendenziell zu einer wissenschaftsgestützten Expertokratie, nur dann zutreffend, wenn eine Politik mit mangelhaftem Selbstbewusstsein und schwachem Orientierungssinn auf eine anmaßende Wissenschaft mit Allmachtfantasien träfe, wie ich bereits an anderer Stelle ausgeführt habe.

FORSCHENDES LERNEN, LERNENDES FORSCHEN UND GESELLSCHAFTSGESTALTUNG

Als Zwischenfazit bis hierher soll deshalb festgehalten werden: Reflexivität verträgt sich in Lehre und Forschung nicht mit geistiger Monokultur, dogmatischer Starre, methodischer Verengung und erkenntnismäßigem Zwang. Reflexivität als Rückbezogenheit auf die Gesellschaft und Nachdenklichkeit im Analysieren, Interpretieren und Bewerten gesellschaftlicher Veränderungsprozesse trifft den Kern der »Third Mission« von Hochschulen.

Zu fragen bleibt in diesem Zusammenhang allein, ob die aufsteigende Nummerierung von erstens Forschung, zweitens Lehre und drittens dem Beitrag von Hochschulen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme überhaupt die angemessene Ausdrucksform der Herausforderung ist, vor der das »Bildungssystem« der Gesellschaft (von Kindergärten über Schulen und Hochschulen bis zu betrieblicher Bildung, Erwachsenenbildung und gesellschaftlichem Lernen) insgesamt steht. Vielleicht geht es ja gar nicht um etwas »Drittes«, also Zusätzliches, sondern um etwas im umfassenden Sinne Integrales: um lernendes Forschen, forschendes Lernen, reflektierte Gesellschaftsgestaltung.

Reflexivität und die Ambition von Gesellschaftsgestaltung sind denn auch die ärgsten Gegnerinnen des TINA-Denkens (»There is no Alternative«), das auch heute noch in weiten Teilen der akademischen Welt gepflegt wird. Womit wir auch schon beim Thema des vorliegenden Bandes sind, der Ökonomie beziehungsweise der Ökonomik, der Wissenschaft vom Wirtschaften. Gerade im Hauptstrom dieser Disziplin, der viele der hier versammelten Autor*innen zumindest formal angehören, wird eine Kultur der Pluralität, der Reflexivität und der konstruktiven Gesellschaftsgestaltung nicht gepflegt.

DIE NATURVERGESSENHEIT DER WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTEN

Auf die Herausforderungen der Klima- und der Biodiversitätskrise beispielsweise mit ihrem gewaltigen Risikopotenzial in Gegenwart und Zukunft hält die Wirtschaftswissenschaft in ihrem Hauptstrom kaum Antworten bereit und wenn doch, dann solche, die den Problemen nicht gerecht werden. Obwohl klar ist, dass es um eine große Nachhaltigkeitstransformation von Wirtschaft und Gesellschaft geht, um das Respektieren von Naturgrenzen ebenso wie um globale Gerechtigkeitsfragen, hält sie bei theoretischen Postulaten wie praktischen Empfehlungen eisern am Gewohnten fest.

Beginnen wir mit dem Blick auf die Natur und das Mensch-Natur-Verhältnis. Die Natur ist dem neoklassischen Hauptstrom der Wirtschaftswissenschaften nichts anderes als eine Ressource für den Menschen, die noch einmal hinsichtlich ihrer Funktion aufgespalten wird, nämlich in ihre Quellenfunktion (erneuerbare und nicht-erneuerbare Ressourcenquellen) und ihre Funktion als aufnehmende Senke für Abgase, Abfälle und Abwässer aus Siedlungen, Produktion, Konsumtion und Verkehr.

Die Reflektierten unter den Standard-Ökonom*innen beziehen in diese anthropozentrische und ressourcenzentrierte Sichtweise auf die Natur durchaus auch (monetarisierbare) Ökosystemdienstleistungen ein oder ermitteln per Zahlungsbereitschaftsanalyse die (monetarisierbare) Wertschätzung der Befragten für Naturschutzgebiete. Immer aber bleibt die Natur eine Ressource für den Menschen. Als Pikanterie am Rande: In dieser Logik wird nicht nur die Natur zur Naturressource (für die Menschen), sondern die Menschen selbst zur Humanressource (für andere Menschen). Für Erwägungen zu Eigenrechten des nichtmenschlichen Lebens ist im kategorialen System der neoklassischen Ökonomik aber ebenso wenig Raum wie für die Ideenwelt von Begrenztheit und Endlichkeit.

Dass im Verhältnis von Menschen und (anderen) Tieren in den letzten Jahrhunderten und vor allem seit den 1950er-Jahren vieles eine falsche Richtung genommen hat, ist beispielsweise prinzipiell kein Thema in den Wirtschaftswissenschaften. Dabei korreliert etwa die Ausbreitung von virusbedingten Krankheiten, die uns momentan so sehr beschäftigt, deutlich mit dem immer stärkeren und nutzungsgetriebenen Vordringen in tropische Wildnisgebiete und dem Verzehr von Wildtieren (HIV, Ebola, COVID-19 und ähnliches) sowie mit dem Wachstum der produktivitätsgetriebenen Massenhaltung von Nutztieren (etwa Hühnergrippe, Schweinepest, Maul- und Klauenseuche), was auch Donald Worster konstatiert.

Das kategoriale System der vielgepriesenen Kosten-Nutzen-Analysen, das doch ein Höchstmaß an ökonomischer Rationalität für sich beansprucht, funktioniert hier also überhaupt nicht. Auch andere externe Folgen der Massentierhaltung, wie Nitrat im Grundwasser durch enorme Güllefluten oder das Auftreten von multiresistenten Keimen durch den vermehrten Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung, werden durch das Instrumentarium der neoklassischen Ökonomik systematisch ignoriert oder unterbewertet.

Merke: Wenn das Instrument der Kosten-Nutzen-Analyse Sinn machen soll, was aus einer reflexiv-kritischen Perspektive durchaus kategorial zu bezweifeln ist, dann sind auch die externen Kosten systematisch einzubeziehen. Und da, wo man sie nicht kennt oder näherungsweise abschätzen kann, sollten eigentlich Vorsorge und Umsicht geboten sein.

Das idealisierte Prinzip des Wettbewerbs mit seiner »No risk, no fun!«-Ideologie wird da zum Vabanquespiel, wo prinzipiell angenommen wird, dass schon alles gutgehen wird. Einer Externalisierungsökonomie, die Gewinne privatisiert und Kosten auf die Gesellschaft abwälzt, kann das Attribut »effizient« beim besten Willen nicht zugeschrieben werden.

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