Читать книгу: «Dies Meer hat keine Ufer»
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Über den Autor
Über den Autor
Ulrich Holbein wurde 1953 in Erfurt geboren. Er wohnt in Hessen und ist Autor von rund 900 Publikationen in FAZ, FR, SZ, ZEIT, WDR, SWF u.v.a.; Ulrich Holbein veröffentlichte 24 Bücher, darunter ein Lexikon heiliger Narren, mit vielen Querbezügen zu persisch-arabischen Mystikern.
Zum Buch
Zum Buch
Entferne dich von dir selbst und komm!
In dieser neuen Sammlung der schönsten Sufi-Weisheiten werden erstmals gewisse Verstiegenheiten und abstruser Humor nicht unter den Perserteppich gekehrt. Geboten wird ein vielstimmiges Panorama und Stimmenkonzert, das Paradoxe und Seltsamkeiten weder glättet noch überbetont. So entsteht mit diesem Sammelbecken und Delta sufischer Aussprüche ein durchaus neues Gesamtbild muslimischer und auch anderer Mystik.
Seit über tausend Jahren wird jeder offizielle Islam von mystischen Dimensionen durchströmt, verfeinert, vertieft, abgewandelt, auch unterlaufen. Merkwürdige Derwische, Scheiche, Asketen, mystische Dichter, Ekstatiker, Qalandare (Wanderderwische), Theologen, Denker und Ketzer trugen zwischen 800 und 1300 n.Chr. zur Blütezeit des Islam bei. Von sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten wurden Anekdoten, Biographien, Aussprüche, Verse überliefert, hier nach Themengruppen sortiert und pro Kapitel chronologisch dargeboten. Ausgegraben aus vergriffenen, abgelegenen Quellen, zusammengetragen, großenteils neu übersetzt bis nachgedichtet, vieles erstmals auf deutsch, mit ausführlichem Nachwort, Zeittafel, Tabelle persisch-arabischer Fachausdrücke, Literaturverzeichnis.
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| Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. |
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| Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH Bildnachweis: Sufi Tale Illustration, Aquarell von Peter Szasz, USA – Sausalito Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0051-8 www.marixverlag.de |
Inhalt
Über den Autor
Zum Buch
Vorbemerkung
Berge gehen wie Wolken dahin
Weisheit aus verrückten Mündern
Bevor du abkratzt – stirb!
Euer Bauch ist ein Hund!
Wer um tausend Jahre zurückfällt
Die größte Sonne mit den kleinsten Sternen suchen
Sufismus ist Sanftmut
An Allah denken, bis Allah an mich denkt
Wer ist wahrhaft weise?
Abu Bakr Schibli sprach zu mir
Die ganze Welt für eine Lumpenmütze
Denn er glich sowieso den Engeln
Wir wollen nicht wollen
Lustgefühle und Lichter finden kein Ende
Wollust jenseits des Leibes
Wie Muscheln der Erleuchtung im Meer der Seele
Ein hungriger Narr geht in die Wüste
Kein süßeres Gesöff als dieses Gift
Dessen Herz wird gereinigt
Jedes Heizhaus hat ein Rosengärtchen
Falls du an mein Grab gepilgert kommst
Acht Paradiese anzünden und neun Höllen löschen
Wer Allahs Nähe sucht, ist kühn
O Allah, hasse uns nicht!
Entferne dich von dir selbst und komm!
Wer die Derwische wirklich sind
Manchmal kam Schibli zu Dschunaid
Meine Glieder sind verrückt
Ich bin als Mystiker Elefant, du bloß Mücke
Jede Nacht achtzig Tränenmeere vergießen
Strenge Suren, weiche Sufis
Eines Tages kam Ibrahim an einen Brunnen
Was nützt mir die Ka’ba?
Wir gingen von Gott zu Gott
Ihr metaphysischer Durst wurde nie gelöscht
Gläubige wie Ungläubige, getaucht in Blut
Wer das Kamel nicht bewältigen kann
Mein Esel trägt ein Ringlein hold
Ich ging ohne mich zu Allah
Sufi-Mystik – im Ozean göttlicher Scheinparadoxa
Zeittafel klassischer Sufis
Klassisches Sufi-Vokabular
Tasawwuf und takalluf
Literaturverzeichnis
Kontakt zum Verlag
Vorbemerkung
In der Goldenen Ära des Sufismus, zwischen 800 und 1300, scheinen zwischen Ägypten und Pakistan merkwürdige Scheiche, komische Derwische, Sufi-Heilige in einer Kopfzahl herumgelaufen zu sein wie im antiken Griechenland Wanderphilosophen, Vorsokratiker, Kyniker, im Vorderen Orient Gnostiker oder im christlichen Mittelalter Ketzer, Flagellanten und Wiedertäufer. Recht verschiedene Persönlichkeiten – Denktypen, Theologen, Asketen, bisweilen auch Spaßvögel – frönten allesamt der Neigung, sich in die vorgegebene Religion ihres jeweiligen Landes unmäßig engagiert hineinzuleben und auf dem Weg zu Gott in Verzückungszustände zu verfallen. Alle fanden ungefähr dieselbe Wahrheit, mit kleinen charakterbedingten Unterschieden. Wer von seinen Erkenntnissen nichts aufschrieb, hinterließ Sprüche, Antworten, Bruchstücke aus Lehrgebäuden, Verse, Weisheiten, auch biographische Fragmente, Episoden und Anekdoten.
Bisherige Sufismus-Darstellungen malen oft ein romantisch idealisiertes, allzu frommes oder biederes, mit christlichen Begriffen überlastetes, sprachlich ungenügendes, esoterisch verwässertes Sufi-Bild. In dieser neuen Kompilation werden erstmals gewisse Verstiegenheiten, abstruser Humor, Sexus, Obszönitäten, orientalische Grausamkeit nicht unter den Perserteppich gekehrt. Geboten wird ein vielstimmiges Panorama und Stimmenkonzert, das Widersprüche und Wahnwitz weder glättet noch überbetont. So entsteht mit diesem Sammelbecken und Delta sufischer Weisheiten und Unweisheiten ein durchaus neues Gesamtbild muslimischer und auch anderer Mystik, nach Themengruppen sortiert, und pro Kapitel chronologisch geordnet, ausgegraben aus vergriffenen, abgelegenen Quellen, vergleichbaren Übersetzungen zusammengetragen, teils neu übersetzt bis nachgedichtet, manches erstmals auf Deutsch, mit einem genaueren Blick auf den Beispiel-Sufi Bayezid al-Bastami, den »König der Mystiker«. Inklusive am Schluss ein Sufi-Glossarium, Zusatzmaterialien, Liste klassischer Scheiche zwecks Weiterstudium, Bibliographie sowie als eine Art Nachwort ein umfassend ausholender Traktat über islamische Mystik im Gesamtbild anderer und jeder Mystik.
Ulrich Holbein im August 2009
Berge gehen wie Wolken dahin
Prophetenworte als Keimzellen späterer Mystik und Dichtkunst
Und du siehst die Berge, die du für unbeweglich hältst, wie Wolken dahingehen.
Sure 27
Und wir zwangen die Berge und Vögel, uns mit David zu preisen.
Sure 21, 80
Hätten wir diesen Koran auf einen Berg herabkommen lassen, hättest du ihn aus Furcht vor Allah demütig zusammensinken und sich spalten gesehen.
Sure 59, 22
An diesem Tage wollen wir die Himmel zusammenrollen, so wie man ein beschriebenes Pergament zusammenrollt.
Sure 21, 106
– und die Menschen werden dir trunken scheinen, obgleich sie nicht berauscht sind.
Sure 22, 4
Diese Welt ist ein Zauberer und wir sind die Händler, die ihr die gemessenen Mondstrahlen abkaufen.
Hadith
Ana wa Aliyun min nurin wahidin (Ich und Ali bestehen aus einem einzigen Licht)
Hadith
Der Hass der Fledermäuse beweist, dass ich die Sonne bin.
Hadith
Die Absicht des Gläubigen ist besser als das Werk.
Von Sufis gern zitiertes Prophetenwort
Wenn Allah einen Menschen liebt, schaden ihm seine Sünden nicht.
Prophetenwort, auf das die Sufis sich stürzten und das sie in Umlauf brachten
Der Prophet hat gesagt: »Gar mancher Zerzauste, Staubbedeckte, mit zwei Fetzen Bekleidete, würde er Allah beschwören, so erfüllte Allah seinen Schwur. Al-Bara’ ist einer von ihnen.«
Sarradsch in seinem Kapitel »Widerlegung derer, die behaupten, die Sufis seien unwissende Leute und es gebe für die sufische Wissenschaft keinen Beweis aus dem heiligen Buch und der Überlieferung«, Kapitel 7 seines Werks »Kitab al-luma«
Wer mich im Traum sieht, sieht mich tatsächlich; denn der Teufel nimmt nicht meine Gestalt an.
Allah schuf die Engel, damit die Vernunft auf ihnen reite.
Ich habe Stunden, wo mich weder ein Engel fasst noch ein Cherub.
Wir haben den äußeren Feind besiegt, aber in uns wohnt ein viel schlimmerer Feind.
Die Tinte des Gelehrten ist heiliger als das Blut des Märtyrers.
Wenn ihr wüsstet, was ich weiß, ihr würdet viel weinen und wenig lachen.
Weint, und wenn ihr nicht weint, dann verhaltet euch wie Weinende.
Wer immer von euch Isa ibn Maryam (Jesus, den Sohn der Maria) trifft, soll ihm meine Grüße ausrichten.
Hadith
Schmähe nicht den Gockelhahn, denn er ruft dich zum Gebet!
Allah hat mir befohlen, den Schnurrbart zu stutzen und den Bart wachsen zu lassen.
Ein einziges kaschisch (Ziehen) Allahs kommt dem Streben von Menschen und Dschinnen gleich.
Gott gibt nicht das Diesseits, damit es zum Jenseits führe, er will nicht das Jenseits geben, damit es zum Diesseits führe.
Die zahlreichsten unter den Paradiesbewohnern sind die Narren.
Der Glaube des Menschen erreicht sein volles Maß erst dann, wenn man ihn für verrückt erklärt.
Prophetenwort, das Abu Sa’id auf sich bezog
Die Menschen schlafen, und wenn sie sterben, erwachen sie.
Vertraue auf Allah, aber binde zuerst dein Kamel fest.
Weisheit aus verrückten Mündern
Orientalische Sprichwörter
Die Wurzeln erzählen den Zweigen nicht, was sie denken.
Wenn das Huhn getrunken hat, blickt es auf zu seinem Gott.
Wer ein Kamel bewirtet, muss eine hohe Haustür haben.
Spiel nicht Laute vor einem brünstigen Kamel!
Ein Narr trägt sein Herz auf der Zunge, ein Weiser seinen Mund im Herzen.
Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.
Der Weise wird nicht satt an schönen Sprüchen.
Ich staune: Das Wort eines Weisen aus dem Mund eines Verrückten!
Eine Maus trat zum Islam über – weder vermehrte sie die Zahl der Musulmanen, noch verringerte sie die Zahl der Christen.
Ein Hund und ein Grindkopf sind eine schöne Gesellschaft zu einer gesegneten Pilgerfahrt.
Zuviel Flattern zerbricht die Flügel.
Ein Blinder sagt zu einem Blinden: »Ein schwarzer Tag, an dem wir zusammengetroffen sind.«
Die Dunkelheit ist angenehmer als die Blindheit.
Wenn dir einer sagt, er habe einen Berg versetzt, so kannst du ihm Glauben schenken. Aber wenn dir einer sagt, er hätte seinen Charakter geändert, so glaube das keinesfalls.
Ist auch der Dichter gestorben, seine Zunge verfault nicht.
Bevor du abkratzt – stirb!
Sufi-Regeln, Sufi-Mottos, Sufi-Kurzformeln
Hoffe mehr auf das, was du nicht erhoffen kannst, als auf das, was du erhoffst.
Spruch auf den Steintafeln alter Perserkönige, gern von Sufis zitiert und als Wahlspruch erkoren
Eine Person, die keinen einzigen Teil des Koran auswendig lernt, ist wie ein verlassenes Haus.
Hadith
Wer sich erkennt, der erkennt seinen Herrn.
Unauthentisches, angebliches Prophetenwort, das zurückgeht auf Klemens von Alexandrien »Paedagogus III«, in der islamischen Welt verbreitet durch Yahya ibn Mu’ad al-Razi
Faqri fakhri (meine Armut ist mein Stolz)
Angeblicher Prophetenspruch
Mutu qabla an tamtutu! Wach auf, bevor du geweckt wirst! Bzw. Sterbt, bevor ihr sterbt!
Auf ein Prophetenwort zurückgehender Lieblingsspruch – fast – aller Sufis; überliefert von Nadschmuddin al-Kubra; weitergedachte Variante: »Sterbt, damit ihr nicht sterbt!«
Wahdat ul-wudschud = Einheit des Seins
Viel gebrauchtes Schlagwort persischer Derwische
Fa-kulli bi-kulli l-kulli kullan bi kullihi. (Mein Alles ist in der Gesamtheit vollkommen vereinigt mit Seinem Alles.)
Al-Harkuschi
Wenn fakr (Armut) vollkommen wird, ist es Allah.
Sufi-Standardausspruch, keinem bestimmten Derwisch zuzuordnen
Wessen Herz bei Gebet und Andacht nicht anwesend ist, dem bleibt das Tor Allahs verschlossen.
Ibrahim ibn Adham
Ein Mund, der einmal den Namen Allahs ausgesprochen hat, darf nie mit verbotenen Getränken beschmutzt werden.
Ibrahim ibn Adham
Flieh vor den Menschen wie vor einer reißenden Bestie!
Ibrahim ibn Adham
Wenn du sündigen willst, ernähre dich nicht mit dem, was Allah gehört!
Maxime Nr. 1 von sechs unmöglich zu befolgenden Maximen Ibrahim ibn Adhams
Wenn du sündigst, such dir einen Ort außerhalb von Allahs Reich!
Maxime Nr. 2 von sechs unmöglich zu befolgenden Maximen Ibrahim ibn Adhams
Sündige so, dass Allah dich nicht sieht!
Maxime Nr. 3 von sechs unmöglich zu befolgenden Maximen Ibrahim ibn Adhams
Wenn der Todesengel zu dir kommt, bitte ihn, er möge dir Zeit geben, deine Missetaten zu sühnen.
Maxime Nr. 4 von sechs unmöglich zu befolgenden Maximen Ibrahim ibn Adhams
Wenn dir im Grab zwei Engel erscheinen und nach deinem Lebenslauf fragen, jage sie fort!
Maxime Nr. 5 von sechs unmöglich zu befolgenden Maximen Ibrahim ibn Adhams
Wenn man dich am Jüngsten Tag in die Hölle führt, gehe nicht hin!
Maxime Nr. 6 von sechs unmöglich zu befolgenden Maximen Ibrahim ibn Adhams
Betrübtheit in Demut ist besser als Heiterkeit im Hochmut.
Du n-Nun al-Misri
Wähle jenen zum Freund, der deinen Tadel nicht tadelt!
Du n-Nun al-Misri
Der Gläubige sollte dreierlei von dir erwarten dürfen: Dass du ihm nicht schadest, wenn du ihm schon nicht nützen kannst. Dass du ihn nicht traurig machst, wenn du ihn schon nicht fröhlich machen kannst. Dass du ihn nicht tadelst, wenn du ihn schon nicht lobst.
Yahya ibn Mu’ad al-Razi
Ana l-Haqq (Ich bin Gott bzw. ich bin die absolute Wahrheit)!
Berühmter, als ketzerisch missverstandener Ausspruch Mansur al-Halladschs
Dein Streben sei mit dir, ohne vorauszueilen und ohne hinterherzuhinken.
Abu Bakr Schibli
Einen Sufi gibt es nicht in der Welt, und wenn es einen Sufi gäbe, so wär’ er kein Sufi.
Kharaqani zugesprochen; sicher längst vorher vorhanden und im Umlauf; später auch von Rumi im »Mathnawi« zitiert, ohne Urheberangabe
Werdet weniger, dann seid ihr alles.
Abu Sa’id
Es geht nur um eins, schreib’s dir auf den Fingernagel: Schlachte dein Ich! Andernfalls gib dich nicht ab mit den Narreteien der Sufis! (Auch übersetzbar als: »Schlachte deine nafs (Triebseele)!«
Abu Sa’ids häufigster Appell, den er in fast alle Predigten einbaute
Jedes Haar eines Erkenners (Mystikers) wird zum Auge.
Sana’i
Eine Stunde Versenkung ist besser als ein Jahr Gottesdienst.
Sufispruch, der zwischen 8. und 13. Jahrhundert in vielen Varianten kursierte
Haltwat dar anschuman = Klausur in Gesellschaft, einsam in der Menge, ein sufisches Pendant zum inneren Exil
Eine der acht Richtlinien oder Schlagworte von Baha’uddin-i Naqschband
Koste nicht vom Diesseits!
Regel auch noch heutiger schiitischer Sufi-Orden
Spiele nicht mit Allah!
Regel auch noch heutiger schiitischer Sufi-Orden
Komm in Ehre! – Setze dich in Ehrenhaftigkeit! – Sprich mit Weisheit! – Gürte dich zum Dienen! – Geh mit dem Wirkungsvermögen! – Sei Gifttrinker! (D.h. ertrage die Bitternisse des Lebens in Geduld) – Sei Geheimnishüter! – Sei still!
Die acht Worte, die beim Eintritt neuer Adepten in den Haksar-Orden gesprochen werden
Euer Bauch ist ein Hund!
Sufi-Ansprachen, Sufi-Belehrungen, Sufi-Appelle
O mein Sohn, der du die äußerliche Wissenschaft lernst und die Geheimwissenschaft verlässt, du wirst dein Leben verlieren, ohne dass du es weißt.
Imam Dschaffar Sadek
Solange du nicht vor Furcht solchen Schmerz empfindest, als ob du alle Menschen in der Welt umgebracht hättest, bist du nicht würdig, ein Mann zu heißen.
Uweis al-Qarani
O Menschenkind, das Messer wird gewetzt, der Ofen geheizt und der Widder gemästet!
Hasan von Basra
O Menschenkind, tritt die Erde mit deinem Fuß; sie ist bald dein Grab!
Hasan von Basra
Die Seligen sollen während siebenmal hunderttausend Jahren in Verzückung verweilen und durch das Anschauen einer Schönheit, durch die Vereinigung verschlungen werden.
Hasan von Basra
Ich schwöre euch: Wenn den Heuchlern Schwänze wüchsen, fänden die Gläubigen keinen Platz, auf dem sie gehen könnten.
Malik ibn Dinar
Ich rufe euch als Zeugen an, dass ich nachtblind bin.
Malik ibn Dinar
Wer Allah erkennt, ist damit voll beschäftigt. Doch wehe dem, dessen Leben umsonst dahinschwindet.
Malik ibn Dinar
Lieber mit einem Hund zusammensitzen, als mit einem schlechten Gefährten.
Malik ibn Dinar
Mit Frommen Steine schleppen, nützt dir mehr, als mit Bösewichten Dattelpudding essen.
Malik ibn Dinar
O Brüder! Wahrlich, ich sage euch, wäre nicht der Pinkeldrang, so ginge ich nicht aus der Moschee hinaus!
Malik ibn Dinar
Euer Bauch ist ein Hund. Wirf dem Hund einen Brocken hin, dann gibt er Ruhe. Und macht aus eurem Bauch keinen dschuruban (Sack) für den Teufel, in den er hineintun kann, was er will.
Malik ibn Dinar
O ihr Menschen! Durch die Augen führt kein Weg zu Allah! Durch die Zunge erreicht ihr Ihn auch nicht. Das Ohr ist nur der peinvolle Weg der Redner, und Hände und Füße sind in Machtlosigkeit versunken. Es bleibt nur ein Mittel, und das ist dein Herz. Strebe danach, dass du dein Herz wach erhältst.
Rabi’a
Geh aus dem Diesseits hinaus, bevor man dich hinausträgt!
Ibrahim ibn Adham
Baqiy, sei Schwanz, sei nicht Kopf! Der Schwanz kommt davon, der Kopf kommt um!
Ibrahim ibn Adham
Gegen Allah darf man sich nicht auflehnen, aber auf andere als Ihn kann man nicht hoffen.
Ibrahim ibn Adham
Wenn du lange in den Spiegel der Umkehr schaust, zeigt sich dir die Entstellung durch die Hässlichkeit der Sünde.
Ibrahim ibn Adham
Keiner erreicht den Rang der Männer durch Ritualgebet, Fasten, dschihad (Krieg) und Wallfahrt, sondern nur dadurch, dass er weiß, was er in seinen Schlund steckt.
Ibrahim ibn Adham
Wenn du Allah nicht anbeten willst, sündige wenigstens nicht gegen Ihn.
Bischr al-Hafi
Wenn du dein ganzes Leben in Dank verbringst, hast du noch nicht genug dafür gedankt, dass Allah den Menschen Seinen Freund genannt hat.
Bischr al-Hafi
Im ersten Schritt auf dem Pfad zu Allah wirst du schon alles finden, was du suchst. Falls nicht, beweist das nur, dass du den ersten Schritt noch nicht getan hast.
Du n-Nun al-Misri
Nimm die Standhaftigkeit zum Kopfkissen, umarme die Armut, handle der Triebseele zuwider, bekämpfe den Trieb und sei mit Allah, wo immer du bist!
Du n-Nun al-Misri
Ihr habt Schlösser wie der Kaiser, Häuser wie in Khosrau, nicht wie Ali! Eure Gesichter sind pharaonisch, eure Sitten sultanisch, eure Hochzeiten pharaonisch, eure Trauergebräuche gebrisch – mit der Religion Muhammads habt ihr nichts zu tun!
Yahya ibn Mu’ad al-Razi
Lasst das Planen und Wählen, denn beides trübt den Menschen das freie Leben!
Sahl ibn Abdullah al-Tustari
Für das Musikhören sind drei Dinge nötig: die Zeit, der Ort und die Brüder.
Dschunaid
Wenn du siehst, dass ein murid (Schüler) das Musikhören liebt, so wisse, dass in ihm noch ein Rest nichtiger Interessen steckt.
Dschunaid
Der Mensch hat die Pflicht, seine Atemzüge im Vorüberziehen der Augenblicke zu behüten.
Dschunaid
Du gelangst nicht zur reinen Freiheit, solange du der Verwirklichung der Gottesknechtschaft noch etwas schuldig bist.
Dschunaid
Sei eigenschaftslos, dann begreifst du das Eigenschaftslose.
Unbekannter Zeitgenosse Dschunaids
Opfere dein Ich, und befass dich dann nicht mehr mit den Possen der Sufis!
Ruwaym
Zählt eure Atemzüge und Augenblicke, und damit genug!
Wasiti
Solang du hinweist, bist du kein Monotheist, bis Allah sich deines auf Ihn Hinweisens bemächtigt, indem Er dich dir fortnimmt, sodass weder ein Hinweisender zurückbleibt noch ein Hinweis.
Halladsch
Sprich nicht über Allah, um Ihn zu bestätigen, und neige dich nicht Seiner Verneinung zu. Und hüte dich vor dem Bekenntnis Seiner Einheit!
Halladsch
Tötet mich, o Freunde! In meiner Hinrichtung werd ich leben! In meinem Tod, da wohnt mein Leben! Ruhmreich will ich erlöschen; Schande wär’s, unrühmlich an diesem Leib zu kleben. Inmitten der Trümmer bin ich den Lebens übersatt – vergießt mein Blut, setzt diese Knochen in Brand!
Halladsch
Allah packt dich von dir weg und lässt dich los durch Sich und für Sich.
Ibn Ata
Euer Nu ist vom andern Nu abgeschnitten, mein Nu aber hat keine zwei Enden, und mein Meer hat keine Ufer.
Schibli
Es liebt dich mein Herz, solang ich lebe. Wenn ich sterbe, liebt dich ein morscher Knochen in der Erde.
Schibli
Wenn du betteln gehst, dann sieh weder die Leute noch dich selber.
Schibli
Hol zwei Säcke, mach sie ganz voll mit Erbarmen und bring sie mit! Sie sollen unser Anteil an der Wallfahrt sein, den wir unter den Ansässigen verteilen und den Besuchern als Willkomm reichen.
Schibli
Das beste Gedenken ist das Vergessen des Gedenkens in der Schau dessen, dessen du gedenkst.
Schibli
Ihr Leute! Ich gehe bis dahin, wo es kein Dahinter gibt. Und komm zurück und seh’ alles, was ich dort gesehen hab’, in einem einzigen Haar meines kleinen Fingers.
Schibli
Dies bisschen Zeit, das du hast, geh gut mit ihr um! Man muss sie nämlich von hier mitnehmen. Drüben gibt’s keine Zeit mehr.
Schibli
Halte dich an das Alleinsein, lösche deinen Namen unter den Leuten aus und kehre dich mit dem Gesicht zur Wand, bis du stirbst.
Schibli
Der Unterschied zwischen mir und euch ist nur einer, nämlich dass ihr zu mir sprecht und ich zu Ihm spreche; dass ihr von mir hört und ich von Ihm höre; dass ihr mich seht und ich Ihn sehe. Ansonsten aber bin ich ein Mensch wie ihr.
Abu l-Abbas-i Qassab von Amul
Sobald das halqiyat (Kreatursein) sich von dir trennt, lebst du mit Allah.
Kharaqani
Ihr hängt ja nur an den Freundlichkeiten Allahs, statt an Allah.
Predigt von Muhammad- Qassab-i Amuli an die Leute von Hare
Wer einen Weg zu Allah sucht, muss ihn über die Derwische nehmen, denn sie sind die Tür zu Allah.
Abu Sa’id
Durchlebe jeden der dreißigtausend Atemzüge einer Nacht im Bewusstsein, Allah zu gehören!
Abu Sa’id
Solange ein Stäubchen Bejahung noch in dir steckt, bleibt ein Hindernis. Bejahung gehört zum Herrn, Verneinung zum Knecht.
Abu Sa’id
Mein Bruder, sei immer wie eine Vertiefung vor dem Besen, nicht wie ein Berg hinter dem Besen!
Abu Sa’id
Was du im Kopf hast, lass fahren; was du in der Hand hast, wirf fort; was dir entgegenkommt, dem weiche nicht aus.
Abu Sa’id
Dein Ich ist dein Gefängnis. Verlässt du es, so kommst du in den ewigen Frieden.
Abu Sa’id
»Zwei« sagen ist unglaublich. Davor muss man sich hüten. Das ist dein Ich, das auf dich einredet und dich unter die Geschöpfe wirft.
Abu Sa’id
Alles ist Allah, und du bist nichts. Du sagst zwar schon jetzt: ich bin niemand. Aber wenn Allah eine Haarspitze vorstehen lässt, beginnst du zu schreien.
Abu Sa’id
Brüder, eine Gottesnot ist ausgebrochen! Früher gab’s Brotnot und Wassernot. Jetzt haben wir Gottesnot. Schaut mich an! Mit mir ist unsere Sache zu Ende! Nichts ist mehr da, und was noch da ist, ist auch schon dahingegangen.
Abu Sa’id
Solange du nicht deinem Ich absagst, glaubst du nicht an Allah. Der Gegengott eines jeden ist sein Ich, jenes Ich, das dich von Allah fernhält und dir zuraunt: Der und der hat dir Hässliches getan, und der und der hat dir Gutes getan. Alles das ist Vielgötterei.
Abu Sa’id
Das alles ist nur dein Ich. Tötest du es, dann gut. Sonst tötet es dich.
Abu Sa’id
Wenn diese Blätter und Grashalme behaupten würden, Abu Sa’id zu sein, glaub das ja nicht, wende dich ja nicht mir oder irgendeinem Abu Sa’id zu, sondern fasse ausschließlich Allah ins Auge!
Abu Sa’id
Dein Selbstbewusstsein und deine Ichheit sind Schleier. Wenn du die weghebst, bist du bei Allah angelangt.
Abu Sa’id
Wenn du mich siehst, siehst du Ihn, und wenn du Ihn siehst, siehst du mich.
Abu Sa’id
Hier geht es nicht darum, große Strecken zurückzulegen und Reisestrapazen zu erdulden. Entferne dich einen Schritt von dir selbst und du bist am Ziel.
Abu Ali ad-Daqqaq
Meine Verrücktheit kommt von der Heftigkeit meiner Gottesliebe; euer Normalzustand kommt vom Übermaß eurer gafla (religiösen Gleichgültigkeit).
Abu Bakr Schibli, ihm in den Mund gelegt von Hudschwiri
Nun aber macht den Platz schmutzig, damit die Engel fortgehen, denn jetzt ist Landwirtschaft fällig!
Ein Sufi namens Muhammad-i Bu l-Abbas in Gazwin-i Malin bei Hare, am Schluss hochtrabender Diskussionen über Mystik, überliefert von Abdullah Ansari: »Tabaqat us-sufiya«
Du willst ohne Liebe ans Ziel? Dann bist du nur eine Ameise, die von Indien nach Mekka will. Halte dich an die Liebe, dann bist du eine Ameise, die sich von einer Taube oder einem Königsfalken ans Ziel tragen lässt.
Ayn al-qudah al-Hamadani
Die zwei, drei Finsternisse der Welt verfinstern euch diese vielen Helligkeiten.
Baha’uddin Walad
Stelle alle deine Teilchen jedem einzelnen der Namen Gottes gegenüber und erkenne, dass jedes Teilchen die Eigenschaften Gottes teilt.
Baha’uddin Walad
Alle hagatha (Anliegen der Geschöpfe) sind Gotteskinder, aus Ihm geboren, also verlangen sie auch die Milch des Verlangens von Ihm, saugen sie aus Ihm und büßen ihre maza an Ihm. Substanzen und Körper sind wie Wiegen und Häuser. So lass denn immer die hagatha in allen Arten vor Allah zappeln und aus seinem Überfluss saugen, dann hast du Allah verehrt.
Baha’uddin Walad
Der Tag der Auferstehung ist mein Geist, da so viele Unterschiedlichkeiten in ihm jeden Tag erscheinen. So bleib denn stehen, betrachte diese Geister des Ostens und des Westens und sieh ihre Verschiedenheit, dann hast du die Auferstehung gesehen! Und schau, wie man sie tadelt!
Baha’uddin Walad
Sieh, wie viel tausend Arten von Wunderbarkeiten diese deine Teilchen erhalten haben, bis sie Teilchen des Menschen wurden! Bald waren sie grüne Pflanzen, bald schöne Menschen, bald Liebende, bald Bäche. Als sie Teilchen des Menschen wurden, schaute der Mensch viel tausend Wunderbarkeiten, und die Freude jeder Wunderbarkeit blieb auf den Zustand ihres Daseins beschränkt und verging dann wieder. Denn flössen auf einmal alle diese Quellen der Freuden, würden sie dich gänzlich aus dieser Welt hinwegspülen. Einen Vergleich zu bringen: Wenn Winde, Wasser, Donner und Blitz alle auf einmal kämen, wie könnte dann die Welt des Staubes standhalten?
Baha’uddin Walad
Verscherz das Scherzen nicht ganz, denn der Spaß der Spielereien ist der Ernst einer ernsthaft bemühten Seele.
Umar ibn al-Farid
O du, der Bilqis gleicht, erheb dich königlich wie Adham; setz dieses Königreich, das zwei, drei Tage dauert, schnell in Brand.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 4, Vers 828
Wenn dein Verstand vor Staunen deinen Kopf verlässt, dann wird aus jeder deiner Kopfhaarspitzen ein neuer Kopf und Verstand.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 4, Vers 1426
Durch deine Derwischmütze wirst du nicht zum Derwisch. Besäßest du hingegen Eigenschaften eines Derwischs, könntest du sogar Mongolenmützen tragen.
Saadi: »Dschulistan«, Buch 2, Geschichte 15
O Weiser, dein Bauch ist der Kerker des Blähwinds. Staut dieser sich auf, dann gib ihm die Freiheit. Und will ein Gast mit gerümpfter Nase deswegen das Gastmahl verlassen, so halte auch dessen Entweichen nicht auf!
Saadi: »Dschulistan«, Buch 2, Geschichte 29
Wer um tausend Jahre zurückfällt
Donnerworte und Drohungen
Nein, verflucht hat sie Gott wegen ihres Unglaubens, und nur wenige glauben.
Sure 2,72
Für die Ungläubigen sind Kleider aus Feuer bereitet, und siedendes Wasser soll über ihre Häupter gegossen werden, wodurch sich ihre Eingeweide und ihre Haut auflösen.
Sure 22, 22
Ich schwöre bei Allah, die Zeit ist nahe, wo Isa ibn Maryam als gerechter König zu eurem Volk vom Himmel herabsteigt, das Kreuz zerbricht, alle Schweine tötet und alle Unterdrückten von Steuern befreit.
Hadith
Ihr treibt die Leute vor euch her, und die Todesstunde treibt euch vor sich her.
Hasan von Basra in einer Bußpredigt
Wer in der Welt zweizüngig ist, der bekommt am jüngsten Tag zwei Zungen aus Feuer!
Hasan von Basra
Wer eine Arznei nimmt, und wenn es nur ein Schluck kaltes Wasser wäre, wird am Gerichtstag gefragt, warum er ihn nahm.
Sahl ibn Abdullah al-Tustari
Wer behauptet, jemand sei über den Standplatz Muhammads hinausgekommen oder komme darüber hinaus, ist ein Ketzer. Denn die Anfangsstufe der Gottesfreunde ist die Anfangsstufe der Propheten.
Wasiti
Gehorche nicht dem Hund in dir, damit du nicht am Jüngsten Tage in Hundegestalt auferstehst!
Sufyan at-Tauri
Wenn einer einen Garten betritt mit vielen Bäumen und mit einem Vogel auf jedem Baum, der in klarer Rede zu ihm spricht »Friede sei mit dir, Freund Gottes!«, und er dann nicht fürchtet, dass das eine Arglist Allahs sei, dann ist er ein Überlisteter.
Sari as-Saqati, überliefert von Quschairy
Wer des Nachts auch nur eine Stunde in gafla (religiöser Gleichgültigkeit) verschläft, fällt auf dem Weg ins Jenseits um tausend Jahre zurück.
Schibli
Die größte Sonne mit den kleinsten Sternen suchen
Sufi-Gedanken, Sufi-Philosophie, Sufi-Wahrheiten
Häufiges Schauen auf das Nichtige führt zum Verlust der Erkenntnis des Wahren.
Ibrahim ibn Adham
Allah ist zu erhaben, als dass das Tun Seiner Geschöpfe Ihn erzürnen könnte. Vielmehr hat Er auf manche Menschen mit dem Auge des Zorns geblickt, bevor Er sie erschaffen hat, und nachdem Er sie hervorgebracht hatte, hat Er sie veranlasst, die Werke derer zu tun, die Sein Zorn trifft. Ebenso ist Er zu groß, als dass das Tun Seiner Geschöpfe bei Ihm Gefallen finden könnte. Vielmehr hat er auf manche Menschen mit dem Auge des Wohlgefallens geblickt, bevor Er sie geschaffen hat, und nachdem er sie dann hervorgebracht hat, hat er sie veranlasst, die Werke derer zu tun, die sein Wohlgefallen finden.
Abu Sulaiman ad-Darani
In der Vertrautheit fühlen sich die Geliebten Allahs so, als ob sie im Paradies weilen, wo Allah mit der Zunge des Lichtes mit ihnen redet.
Du n-Nun al-Misri
Wer Allah erkennt, verzichtet auf alles, was von Ihm ablenkt.
Bayezid
Das Wissen um das innerste Wesen der Wahrheit ist Unkenntnis, und das Wissen um die innerste Wirklichkeit der Gotteserkenntnis ist ein Vorbeihuschen.
Bayezid
Wer aus dem Schweigen der Theologen keinen Nutzen zieht, gewinnt von ihren Reden auch keinen Nutzen.
Bayezid
Der Erkenner (Mystiker) sorgt sich um das, was er hofft; der Verzichter (Asket) um, was er isst. Der Erkenner fliegt, der Verzichter marschiert. Der Verzichter sagt: »Wie mach ich es?«; der Erkenner: »Wie macht Er es?«
Bayezid
Der Wollende geht, und der Gewollte fliegt. Wann aber kann der, der geht, den, der fliegt, einholen?
Dschunaid
Man ist solange kein Mystiker, als man nicht ist wie die Erde, die Fromme und Sittenlose betreten können, und wie die Wolke die allen Dingen Schatten spendet, und wie der Regen, der tränkt, was er liebt und was er nicht liebt.
Dschunaid
Wenn dieses unser Wissen auf den Misthaufen geworfen würde, nähme jeder davon nur seinen Anteil, nach dem ihm entsprechenden Maß.
Dschunaid
Wessen Freude sich an anderem entzündet als an Allah, dessen Freude hinterlässt Sorgen.
Ahmad ibn Masruq
Wer die Wahrheit mit dem Licht des Glaubens sucht, sucht die größte Sonne mit dem Licht der kleinsten Sterne.
Halladsch
Wer Freiheit will, begebe sich in Gottesknechtschaft.
Halladsch
Die Zunge verdirbt stille Herzen; Geschwätz hängt an Ursachen wie Handlungen an Unglauben; wahr aber wird erst ein Leben, das sich frei macht von alledem.
Halladsch
Wer etwas anderes fürchtet als Allah oder anderes erhofft als Ihn, vor dem schließt Er alle Tore zum Guten, und er setzt die Angst zum Herrscher über ihn ein und sperrt ihn ab mit siebzig Absperrungen, deren geringste Zweifel heißt.
Halladsch
Der Schmetterling fliegt um die Kerze bis zum Morgen, kehrt zu den Körpern zurück und benachrichtigt sie von seiner Lage mit den angenehmsten Worten; dann erfreut er sich weiter am vertrauten Spiel, aus Gier, zur Vollkommenheit zu gelangen. Er hat sich nicht mit ihrem Licht und ihrer Hitze begnügt, sondern wirft sich ganz in sie, während die Körper erwarten, dass er zurückkommt und sie von dem, was er sah, benachrichtigt, da er sich mit dem, was man erzählt hatte, nicht begnügte. Währenddessen aber verschwindet er, verzehrt und verflüchtigt sich, sodass er ohne Gestalt, ohne Körper, ohne Namen und ohne Kennzeichen bleibt. Warum sollte er zu den Körpern zurückkehren? Er wurde zu einem, der zum Schauen gelangte, und kann die Botschaft entbehren, und wer zu dem, den er schaut, gelangt ist, kann selbst das Schauen entbehren.
Halladsch
Er hat alles an das Gewordensein gefesselt. Denn Anfanglosigkeit ist sein. Wer körperhaft erscheint, an dem haftet Drangehängtes. Wer durch Mittel beieinander gehalten wird, den halten deren Kräfte fest. Wen ein Nu zusammenfügt, den zerlegt ein Nu. Wer durch anderes besteht, wird der Bedürftigkeit ausgeliefert. Wen Vorstellungskraft erfassen kann, der taucht in bildhaftem Denken auf. Wer an einem Ort landet, den bekommt das Wo an den Wickel. Wem ein Geschlecht zugehört, den nimmt ein Wie in Anspruch. Allah aber, kein Oben überschattet Ihn, kein Unten trägt Ihn, keine Grenze stößt mit Ihm zusammen, kein Zusatz bedrängt Ihn, kein Hinten bekommt Ihn zu fassen, kein Vorn engt Ihn ein, kein Vorher bedingt Ihn, kein Hinterher lässt Ihn dahinschwinden, keine Größe vereint Ihn in Sich, kein »Er ist« kann sein wudschud (Dasein), kein »Er ist nicht« sein Nichtsein beeinflussen. Für Seine Beschreibung gibt es keine Mittel, für Sein Handeln keine Ursache, für Sein wudschud kein Ende. Er ist erhaben über die Zustände Seiner Geschöpfe. Wenn du fragst »Wann?«, so ist der Zeit Sein wudschud vorausgegangen. Wenn du sagst »huwa (Er)«, so sind das »h« und das »w« Seine Geschöpfe. Wie immer du dir Allah vorstellst: Allah unterscheidet sich davon. Sein Sicherheben geschieht ohne Emporsteigen, Sein Kommen ohne Fortbewegung.
Halladsch
O tiefster Seelenkern! Wer macht dich so fein, dass du der Einbildung jedes Geschöpfs entschlüpfst, du, der du – zugleich sichtbar und verborgen – dich in jedem Ding aus dessen Hintergrund offenbarst.
Halladsch
Wer zum nazar (Schauen) gelangt ist, braucht keine Kunde mehr; wer zum manzur (Geschauten) gelangt ist, braucht kein Schauen mehr.
Halladsch
Wenn der Mensch den Standplatz der Erkenntnis erreicht, wird sein Inneres von Allah davor bewahrt, dass ein anderer Gedankeneinfall reinkommt als der von Allah.
Halladsch
Wer über den tauhid (Eingottglaube) Klartext redet, ist ein mulhid (Gottesverächter). Wer darüber schweigt, ist ein Ignorant. Wer meint, er sei angekommen, hat nichts erreicht. Wer darauf deutet, ist ein but-parast (Götzendiener). Wer darüber spricht, ist leichtfertig. Wer denkt, er sei nah, kommt nie an. Wer tut, als habe er gefunden, hat verloren.
Schibli
Der tauhid ist nur für den echt, dessen Behauptung zugleich seine Verneinung darstellt.
Schibli
Jeder Tag, der vorübergeht, nimmt etwas von mir weg, erzeugt im Herzen ein Bedauern und geht danach dahin.
Anonymer Sufi-Ausspruch
In der Auslegung der Aussprüche Abu Yazids sagte Dschunaid über dessen Wort ›Nichts in Nichts‹: »Es ist die dahab (Entrückung) all dieser Dinge von ihm und seine Entrückung von ihrer Entrückung. Das ist gemeint mit seinem Wort: Nichts in Nichts, nämlich: Die Anwesenheiten sind abwesend und die Dinge sind zunichte. Man empfindet nichts und nimmt nichts wahr.« Manche bezeichnen dies als das Entwerden im Entwerden und als fakd (Verlust), als Verlust im Verlust. Entrücke der Entrückung.
Sarradsch
Wer nicht anfangs dschihad betreibt, verspürt vom Sufi-Pfad keinen Hauch.
Quscharyi
Wer einen Tag zu Ende bringt, ohne einen Gläubigen zu verletzen, hat diesen Tag in der Gesellschaft des Propheten verbracht. Verletzt man einen Gläubigen, so nimmt Allah an diesem Tag seinen Gehorsam nicht an.
Kharaqani
Gnade schenkt Allah nur seinen Freunden; seinen Feinden gewährt er Barmherzigkeit.
Kharaqani
Das Hindernis zwischen Mensch und Allah sind nicht Himmel und Erde, nicht Thron noch Schemel, sondern dein pindascht (Selbstbewusstsein) und dein mani (Ichbewusstsein). Beseitige diese, und du hast Allah erreicht.
Abu Sa’id
Der 29. Standplatz ist die wadsch (Verzückung). Man findet solchermaßen verzückte Menschen nicht im Diesseits, nicht im Grab, nicht am Ort der Auferstehung, nicht auf der Paradiesesbrücke.
Abu Sa’id
Man macht die Farben erst im Diesseits, aber die Herzen hat Allah bereits in der Vorewigkeit gefärbt.
Abu Sa’id
Der Mensch ist für den Tod da. Jeder Augenblick kann ein Duft der Freude sein, oder ein Gestank der Überheblichkeit. Mensch zu sein und trotzdem in Spelunken zu gehen, Gläubiger zu sein und Unsinn zu reden, dem Islam zu frönen und zugleich zu wuchern, Glauben mit Augendienerei zu verbinden – der Mensch hat es nicht leicht, Mensch zu sein.
Belehrungen eines namenlosen Qalandars gegenüber Abdullah Ansari
Es gibt kein fana (entwerden), es sei denn als Wegwärtsbewegung von dem und dem fort; gleichwie es kein Bestehen gibt, es sei denn durch das und das und mit dem und dem. Das Von-weg gehört also notwendig zu fana.
Ibn Arabi
Wegen der gewaltigen Sichtbarkeit des Tages, gekoppelt mit ihrem schwachen Auge, kann die Fledermaus ihn nicht sehen. Sie sieht nur dann etwas, wenn sich der Helle Finsternis beimischt, sie also ihre Sichtbarkeit abschwächt. So ist auch unser Verstand zu schwach, die Schönheit göttlicher Majestät aber derart leuchtend, dass sie alles in ihrer umfassenden Weite versinken lässt und kein irdisches oder himmlisches Atom sich dieser Sichtbarkeit entziehen kann. Ihre ungeheure Sichtbarkeit ist der Grund für ihre scheinbare Verborgenheit.
Ghazzali
Der Mensch war seinem Wesen nach nichts, und was ist erbärmlicher als nichts, und welche Geringheit ist geringer als das reine Nichtsein. Dann wurde er etwas durch Allah. Das absolute qatt (Nichtseiende) – seine Rückkehr ins wudschud (Dasein) ist nicht denkbar. Wenn etwas ins Dasein zurückkehren sollte, so kann dies nur ein Seiendes sein. Sonst ließe sich seine Identität nicht nachweisen.
Ghazzali
Seele und Leib verhalten sich zueinander wie Vorderseite und Rückseite eines Spiegels. Wird die Rückseite ausgelöscht, so wird das ganze Glas licht, und beide Seiten werden gleich.
Fariduddin ’Attar
Eine hayula (Urmaterie), aus der alles entstand, gibt es nicht, denn wenn sie feucht gewesen wäre, wie hätte sie die trockene Erde erschaffen können? Wenn sie kalt gewesen wäre, wie hätte sie Sonne und Feuer erschaffen? Die Welt hat sich auch nicht selbst gemacht, denn wenn sie schon in ihrem Nichtsein das Vermögen des Seiendmachens gehabt hätte, hätte sie zur Zeit ihres Seins ihre Vollkommenheit bewahrt und es nicht zu Seuchen und Erdbeben kommen lassen. Hätte die Welt sich selbst gemacht, hätte sie sich dann mit gegensätzlichen Eigenschaften oder mit nur einer Eigenschaft erschaffen? Gegensätze wären unmöglich gewesen, da Tag und Nacht, Wärme und Kälte nicht an einem Ort zugleich sein können. Mit nur einer Eigenschaft hätte sie diese dann aber sicher nicht fahren und deren Gegenteil aufkommen lassen. Die Welt ist auch nicht az guzafa (aufs Geratewohl) so geworden, wie sie ist, denn dann hätte sie keine Ordnung, die Nächte würden nicht den Tagen folgen, die Nacht wäre einmal sehr lang, der Tag einmal so lang wie ein Jahr.
Baha’uddin Walad
Ich machte mir dann Gedanken über Allah. Ich fand Ihn ohne Wie und ohne Wieso und fand auf keine Weise einen Weg zu Ihm, sondern nur zu dem Gott mit den bekannten Namen, den 99 Namen sowie dem Subhan Allah (Unbefleckten) und dergleichen.
Baha’uddin Walad
Durch Wissen erlangen die toten Krümchen Kräfte.
Baha’uddin Walad
Ich bin an Allah angeklebt. Immer wenn Allah kommt, bringt Er mich mit. Immer wenn Allah geht, nimmt Er mich mit. Beim Tod geht Allah ganz von mir fort. Beim Schlafen geht Er teilweise fort. Bei hiragi (Wirrheit) und gafla (religiöser Gleichgültigkeit) geht Er ein klein wenig von mir fort.
Baha’uddin Walad
Die Propheten sind gleichsam ein einziges Wesen. Lehnst du einen von ihnen ab, lehnst du alle ab. Wenn du einen deiner Körperteile nicht wäschst, so nützt es dir nichts, alle übrigen zu waschen.
Rumi: »Mektuplari« bzw. »Makateb« (Briefe)
Hier ist ein Ozean im Stroh versteckt. Gib acht, tritt nicht mit Unbedacht auf Stroh!
Rumi: »Mathnawi«, Buch 1, Vers 2503
Wenn einer seine Kiste wechselt, sitzt er nicht im Himmel, sondern in der Kiste. Und berauscht er sich auch noch so oft am Kistenwechsel, merkt er nie, dass er die Kiste nie verlässt.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 6, Vers 4515 + 4516
Hör immer gut zu, wenn weise und gelehrte Männer sprechen. Und wenn du selbst sprichst, dann lass dir ebenfalls nicht entgegen, was du sprichst.
Hodscha Nasruddin
Wenn der Hinangezogene auch seinen Teppich aus den Wogen der Gefahr herausbringt, so kann er doch die, die im Meer der Unwissenheit ertrinken, nicht retten, und wenn das Gesetz des Vorwärtsschreitens, das sich aus den Standplätzen der Prophetie ergibt, aufgehoben wird, dann ist der Pfad, auf dem das Hohe über das Niedere hinströmt und das Niedrige sich vom Höheren überströmen lässt, unterbrochen, denn ankommender Strom ist von vorhandener Grenzzone abhängig, die zweiseitig zwischen beiden Welten vermittelt, und das sind der hinangezogen Vorwärtsschreitende und der vorwärtsschreitend Hinangezogene. Daher muss der mystische Wanderer vom reinen Hinangezogenwerden zum Vorwärtsschreiten zurückkehren, und das, was dem Ingwerwein des Hinangezogenwerdens seine Note verleiht, mit den Eigenschaften des Kampferweins des Vorwärtsschreitens mischen.
Nuralisah-i Isfahani
Sufismus ist Sanftmut
Definitionen von Sufis
Der Fromme ist derjenige, der bei seiner Triebseele wohnt; ein Mystiker ist der, der bei seinem Gott wohnt.
Imam Dschaffar Sadek
Das Lachen des Gläubigen ist eine Vergesslichkeit seines Herzens.
Hasan von Basra
Armut ist ein Schatz, den Allah nur Seinen Geliebten gibt.
Ibrahim ibn Adham
Treue ist die Wahrhaftigkeit gegenüber Allah.
Ibrahim ibn Adham
Gottvertrauen heißt, dass dir gleichviel gilt, ob du einen Löwen zwischen die Schenkel nimmst oder dich auf ein Polster stützt.
Ibrahim ibn Adham
Buße mit der bloßen Zunge ist wahre Lüge. Wenn wir mit der Zunge büßen, belasten wir uns mit einer neuen Sünde.
Rabi’a
Geduld in Armut ist die höchste Tugend.
Bischr al-Hafi
Reue ohne Ablassen von Sünde ist die Buße der Lügner.
Du n-Nun al-Misri
Geduld ist die Frucht der Überzeugung.
Du n-Nun al-Misri
Der wahre Sufi ist der, dessen Rede die Wirklichkeit seines (mystischen) Zustandes darstellt, und wenn er schweigt, seine Handlung auf seinen Zustand hinweist.
Du n-Nun al-Misri
Der wahre Mystiker ist der, der zu den Menschen gehört und dennoch von ihnen im Denken und Tun getrennt ist.
Du n-Nun al-Misri
Das Schamgefühl ist ein Schauer, den du in deinem Herzen beim Denken an deine Missetaten empfindest.
Du n-Nun al-Misri
Wahrhaftigkeit ist eine scharfe Zunge, aber ihre Worte sind voller Melodie.
Du n-Nun al-Misri
Die Verzichter sind die Könige des Jenseits; die Mystiker sind die Könige der Verzichter!
Du n-Nun al-Misri
Das Diesseits ist für den Gläubigen ein Gefängnis, für den Ungläubigen ein Paradies.
Du n-Nun al-Misri
Furcht und Hoffnung sind die beiden Beine des Glaubens.
Yahya ibn Mu’ad al-Razi
Die Welt ist Allahs tödliches Gift für seine Knechte; nehmt von ihr nicht mehr, als man von den Quacksalbern Gift zu sich nimmt – vielleicht kommt ihr heil davon!
Yahya ibn Mu’ad al-Razi
Der Hunger ist eine Wolke. Wenn der Gottesknecht hungert, wird sein Herz mit Weisheit beregnet.
Bayezid
Sufis sind Kinder im Schoß Gottes.
Sowohl Bayezid – in Al-Kalabadhis »Kitab al-Ta’arruf li-Madhab Ahl al-Tasawwuf«, 63, 6 f. – zugeschrieben wie Schibli
Der Sufi ist ein Sohn des Nu. Der Sufi sorgt sich nur um jenen Nu, worin er gerade steckt. Die Sorge um das Entschwundensein eines vergangenen Nu ist die Vergeudung eines zweiten Nu.
Anonymer Sufi-Ausspruch
Der Sufismus ist ganz Antlitz – ohne Hinterkopf.
Sahl ibn Abdullah al-Tustari
Arzneien sind eine Barmherzigkeit Allahs gegen die, welche schwach im Glauben sind.
Sahl ibn Abdullah al-Tustari
Die Furcht ist männlich, die Hoffnung ist weiblich.
Sahl ibn Abdullah al-Tustari
Die Welt ist ein Baum. Ihre Genüsse sind seine Zweige; ihre Sünden seine Früchte, ihre Unwissenheit seine Wurzel.
Sahl ibn Abdullah al-Tustari
Der Nu ist kürzer als eine Stunde. Glück und Unbill, die dich vor diesem Nu getroffen haben, lassen dich los. Dich erreicht nur noch, was in diesem Nu steckt. Was danach kommt, davon weißt du nicht, ob es dich erreicht oder nicht.
Wasiti
Der Sufismus ist weder Vorschrift noch Lehre, sondern etwas Angeborenes. Wär’ er Vorschrift, könnte er durch Anstrengung befolgt werden; wär’ er Lehre, so könnte er erlernt werden.
Abu l Husain al-Nuri
Sufismus ist Beeigenschaftung mit Allahs Eigenschaften.
Abu l Husain al-Nuri
Die Welt ist ein Asyl, und die Leute darin sind wie Irre. Die Irren aber legt man im Asyl in Ketten und Fesseln.
Fuzeil ibn Ayaz
Dunya (Welt) ist, was dem Herzen nahe steht und von Allah ablenkt.
Dschunaid
Sufismus ist huluq (Sanftmut). Wer dich an huluq übertrifft, übertrifft dich als Sufi.
Dschunaid
Liebe ist übergroßes Verlangen ohne Erfüllung.
Dschunaid
Jede Liebe, die es auf Gegenleistung abgesehen hat, ist dahin, wenn die Gegenleistung dahin ist.
Dschunaid
Der Eingottglaube ist die Abscheidung der Anfangslosigkeit von der Zeitlosigkeit.
Dschunaid
Ein (mystischer) Zustand ist eine Anwandlung, die auf das Herz herniederkommt, ohne zu dauern.
Dschunaid
Gafla (religiöse Gleichgültigkeit) ist schlimmer als Höllenfeuer.
Dschunaid
Herr ist, wer Diesseits wie Jenseits fortgibt, für seinen Herrn.
Dschunaid
Der äußerste Grad des Eingottglaubens ist die Leugnung des Eingottglaubens.
Dschunaid
Die Erkenntnis ist Allahs Arglist.
Dschunaid
Der letzte Standplatz des Erkennens ist die Freiheit.
Dschunaid
Die Aufrichtigkeit ist ein Geheimnis zwischen Allah und Mensch, das kein Engel aufschreiben, kein Teufel verderben und keine Lust beugen könnte.
Dschunaid
Der ruh (Geist) ist etwas, dessen Kenntnis Allah für sich behält, ohne einen Menschen davon wissen zu lassen, und man kann davon nicht mehr sagen, als dass er existiert.
Dschunaid
Die Himmelfahrt der Mystiker ist die Spitze des Galgens.
Halladsch
Erkenntnis heißt alle Dinge sehn, aber auch alle Dinge untergehen sehen im Unbedingten.
Halladsch
Das Äußere des Gesetzes ist verkleidete Gottlosigkeit, und das Wirkliche an der Gottlosigkeit ist göttliche Weisheit.
Halladsch
Vertraulichkeit mit Allah ist die Aufhebung der Schüchternheit unter Beibehaltung der Ehrfurcht.
Halladsch
Das ist tawakkul, wenn einer nicht isst, weil er jemanden in der Stadt weiß, der das Essen nötiger hat.
Halladsch
Die Zunge ist das Unheil stiller Herzen; das Geschwätz ist mit Ursachen verbunden, und Handlungen mit Unglauben; das Wahre aber ist ein Leben, das von all dem frei wäre.
Halladsch
Das Glück des Liebesverzückten ist das Alleinsein des Ur-Einen.
Halladschs letztes Wort
Das Sufitum ist das ifna (Verschwinden) der nasutiya (Menschheit) und das Erscheinen der lahutiya (Göttlichkeit).
Ruwaym
Das Einheitsbekenntnis ist die Tilgung der Spuren der Menschhaftigkeit und die Reinheit der Göttlichkeit.
Ruwaym
Sufitum besteht darin, dass man von zwei Dingen keines für besser hält.
Ruwaym
Sufismus heißt, seine Triebseele hinzugeben – und sich nicht mit dem Geschwätz der Sufis abzugeben.
Ruwaym
Die Welt ist ein Meer, das Jenseits ein Ufer, das Schiff die Frömmigkeit, und die Menschen sind eine Reisegesellschaft.
Abu Ya’qub an-Nahradschuri
Sufitum bewahrt davor, Geschaffenes zu sehen.
Schibli
Sufitum ist bei Allah sitzen ohne Sorge.
Schibli
Sufitum ist abtropfendes Menschentum und aufgehende Gottheit.
Schibli
Sufitum ist Vielgötterei, denn es bewahrt das Herz, Nichtgöttliches zu sehen. Nichtgöttliches aber gibt es nicht.
Schibli; auch Abu Sa’id zugeschrieben
Ein Schläfchen in tausend Jahren ist eine schändliche Sache.
Schibli
Allah ist sowohl meine Heilung wie meine Krankheit.
Schibli
Das Diesseits ist ein madaratun (Erdbrocken), und du hast davon ein dschabaratun (Stäubchen). Wer das dschabaratun will, ist noch geringer als das madaratun.
Schibli
Das Hinschauen ist Unglaube; der Gedanke ist Vielgötterei; das Hinweisen ist Arglist; das Hinschauen ist Beraubung; der Gedanke ist Gottverlassenheit; das Hinweisen ist Lossagung.
Schibli
Ein Mystiker ist, wer das Diesseits als Schurz hat und das Jenseits als Mantel und beides auszieht. Wer sich der geschaffenen Welten entledigt, ist allein mit Allah.
Schibli
Sufi sein, heißt so zu sein wie damals, als du nicht warst.
Schibli
Verzückung ist in meinen Augen Glaubensleugnung, wenn sie nicht auf Gottesschau beruht. Doch der geschaute Allah, meine ich, macht meine Verzückung zunichte.
Schibli
Verzicht ist Gleichgültigkeit; denn die Welt ist nichts und der Verzicht auf nichts ist Gleichgültigkeit.
Schibli
Das Gedenken ist das Gewerbe der Gleichgültigen, der Verzicht das Gewerbe der Nichtsnutze, die Selbstüberwachung das Gewerbe der Selbstbewunderer, die Schau das Gewerbe der Mystiker.
Schibli
Tausend vergangene Jahre in tausend kommenden Jahren, das ist der Nu. Dass die aschbah (Phantome) dich ja nicht täuschen!
Schibli
Der Nu ist ein Atemzug zwischen zwei Atemzügen und ein Einfall zwischen zwei Einfällen, sofern er durch Allah ist und für Allah.
Sarradsch
Die Welt ist ein Sammelplatz für Hunde, nur dass eben die Hunde weggehen, sobald sie genug haben, während die Liebhaber der Welt sich nie von ihr trennen.
Ahmad ibn Abi l-Hawari, überliefert von Sulami: »Tabaqat«
Der Nu ist ein scharfes Schwert.
Galt bereits im 10. Jhrdt. als alter Spruch, zitiert von z. B. Abu Sa’id
Die Welt ist eine umm dafr (Gestankmutter).
Abu l-Ala ul-Ma’arri
Der Sufi ist einer, der im Tageslicht keine Sonne braucht und bei Nacht weder Mond noch Sterne. Der Sufi ist ein Nichtsein, das kein Sein braucht.
Kharaqani
Das Ich ist ein tagut (Widergott).
Abu Sa’id
Tasawwuf (Sufismus) heißt das takalluf (Getue) aufgeben. Kein Getue aber ist größer als dein Dusein. Solange du dich mit dir abgibst, kommst du nicht zu Ihm.
Abu Sa’id
Sufismus durch Vorsagen ist ein Bau auf Dung.
Abu Sa’id
Tadbir (planen) ist tadmir (zerstören). Planen ist das Werk der Unwissenden. Kein Wegelagerer ist schlimmer als das Planen. Planen kommt vom Mangel an Erkenntnis. Das Planen ist eine Eigenschaft des Ichs, und dein Ich ist dein Feind.
Abu Sa’id
Tauhid (ein Gottglauben) ist, mit dem Auge des Nichtseins auf die Dinge zu schauen.
Abu Ali ad-Daqqaq
Der Nu ist das, worin du bist. Bist du im Diesseits, so ist das Diesseits dein Nu. Bist du im Jenseits, so ist das Jenseits dein Nu. Bist du in Freude, so ist die Freude dein Nu; bist du in Trauer, so ist die Trauer dein Nu.
Abu Ali ad-Daqqaq
Der Nu ist eine Feile, die dich zerreibt, aber nicht auslöscht.
Abu Ali ad-Daqqaq
Sufismus besteht darin, dass man keinen Unterschied macht, ob ein Heiliger oder ein Ungläubiger mit einem speist.
Quschayri
Die Alten haben die Welt ein Schwein genannt.
Quschairy
Manche Scheiche haben gesagt: »Die (mystischen) Zustände sind wie Blitze. Bleibt es so, so ist es ein Reden der Seele.«
Quschairy
Der Schleier ist für die gewöhnlichen Leute eine Strafe, für die Erwählten aber ein Erbarmen, denn würde Allah vor ihnen zunächst nicht verhüllen, was er ihnen enthüllt, so würden sie unter dem Gewicht der Wirklichkeit zerplatzen.
Quschairy
Der Nu ist das, was den Menschen beherrscht.
Quschairy
Mit Nu meint man zuweilen die Zeit, in der man steht. Manche sagen daher: »Der Nu ist das, was zwischen beiden Zeiten – Vergangenheit und Zukunft – liegt.
Quschairy
Der Nu ist das, wodurch der Mensch von Vergangenem und Zukünftigem frei wird, z. B. wenn etwas von Allah in das Herz des Menschen herniedersteigt und sein Innerstes darauf konzentriert, sodass er bei seiner Enthüllung weder an Vergangenes noch an Zukünftiges denkt.
Hudschwiri
Die Trunkenheit ist die Luft des Spiels, die sich über die Kinder senkt, und die Nüchternheit ist der leere Raum, den die Männer vermessen.
Hudschwiri
Der Mensch ist zugleich ein Schwein, ein Hund, ein Teufel und ein Weiser.
Ghazzali
Der zudh (Weltverzicht) besteht in einem Hinwegstreben von der Lust der Triebseele in dieser Welt.
Ghazzali
Unwissenheit ist die ungeheuerlichste Sünde und das Gewaltigste von allem, was den Menschen von Allah entfernt.
Ghazzali
Jedes Angestrebte ist ein Angebetetes, und jedes Angebetete ist ein Gott.
Ghazzali
Die Furcht ist der Zügel der Unhöflichkeit gegen Allah.
Ruzbihan Baqli
Fana ist schwindende Erkenntnis auf dem Schauplatz der Gottesnähe und fana des Geheimnisses im Licht der Gottesherrschaft, und fana des wudschud (Daseins) im Wesen des Einheitsbekenntnisses und fana der Knechthaftigkeit im Herrsein und fana der Menschhaftigkeit in der Aneignung der moralischen Eigenschaften Allahs.
Ruzbihan Baqli: »Scharh-i schatthiyat«
Der Mensch ist eine kleine Welt, und die Welt ist ein großer Mensch.
Ibn Arabi: »Al-Futuhat al-Makkiya«
Wudschud (Sein) ist die Berührung Allahs in der Ekstase.
Ibn Arabi: »Al-Futuhat al-Makkiya«
Die Wirklichkeit des Nu ist das, worin und woran du in der Jetztzeit bist, und das ist ein Etwas zwischen zwei Nichtsen.
Ibn Arabi
Jede Welt ist die Bettlerin einer andern Welt und hält dieser die hohle Hand hin, damit man ihr aus dieser andern Welt etwas in die Handfläche gibt.
Baha’uddin Walad
Die Welt ist dschihad.
Baha’uddin Walad
Blicke Gott an und kämpfe mit Ihm!
Baha’uddin Walad
Arzt und Theologe unterscheiden sich wie Urin und Wort.
Baha’uddin Walad
Mystiker sind Sonnen im Atom; plötzlich öffnet das Atom den Mund: / Jenseits-Diesseits bröseln in Atome, wenn die Sonne meuchlings auftaucht.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 6, Vers 4580+4581
Der Verzichter ist jemand, der das achir (Jenseits) sieht, derweilen der Weltmensch nur den achor (Stall) sieht.
Rumi: »Fihi ma fihi«
Diese Welt ist nur Schaum, voll von Abfall, aber durch das Drehen dieser Wellen und die Bewegung der Wogen bekommt der Schaum eine gewisse Schönheit.
Rumi: »Fihi ma fihi«
Liebe ist die göttliche Wirklichkeit in sich; ihre Außenseite ist Allah als Liebender, die Innenseite Allah als Geliebter.
Faruddin Iraqi
An Allah denken, bis Allah an mich denkt
Sufi-Logik, Sufi-Sophismen, Sufi-Tiefsinn
Bei Allah, wäre es nicht untersagt, Boten zu töten, ich würde euch beide enthaupten lassen!
Muhammad, in: Ibn Ishaq: »Das Leben des Propheten«
Ich hab in einem Buch gelesen, dass Allah gewisse Lustschlösser im Paradies solchen Leuten bereithält, die die Sünden, die sie begehen, im Vertrauen auf Allahs Bereitschaft zu verzeihen nicht besonders tragisch nehmen.
Abu Sulaiman ad-Darani
Wer sich in freiwilligem Gebet befindet und sich nicht unterbrechen lässt von der fälligen Pflicht zum Ritualgebet, ist mit seinem freiwilligen Gebet ein Betrogener.
Abu Sulaiman ad-Darani
Sobald ein Sufi Sufi ist, ist er kein Sufi.
Mutazz, zitiert von Abdullah Ansari
Welche Vorstellung von Ihm du dir auch bilden magst, Allah unterscheidet sich davon.
Du n-Nun al-Misri
Verkehre nur mit dem, der Ichheit und Duheit abgelegt hat.
Du n-Nun al-Misri
Wenn Allah mir erlaubte, für alle Leute meiner Zeit Fürsprache einzulegen, worauf ich nicht stolz bin, weil ich nur für ein Stück Lehm Fürsprache einlege, würde ich mich zuerst für die verwenden, die mir geschadet haben.
Bayezid
Wenn Pharao gehungert hätte, hätt’ er nie gesagt: »Ich bin euer höchster Gott.«
Bayezid
Der Mensch ist so lange Mystiker, als er unwissend ist. Wenn seine Unwissenheit aufhört, hört seine Erkenntnis auf.
Bayezid
Das Wissen um das innerste Wesen der Wahrheit ist Unkenntnis, und das Wissen um die innerste Wirklichkeit der Gotteserkenntnis ist vergänglich.
Bayezid, überliefert von Abu Na’aim Ahmad ibn Abdullah al-Isbahani in seinem Werk »Hiljat al-auliya«
Der erste Standplatz des Suchenden ist das Suchen Allahs, indem er sein Suchen fallen lässt.
Wasiti
Geistlicher Kampf ohne Versenkung ist wie einer, der etwas mit Pisse wäscht. Er meint, er sei nun sauber. Der Dreck geht weg, aber die Sache ist genauso unrein wie vorher.
Wasiti
Wenn der Geist eines Ungläubigen sichtbar würde, würden sich die Weltbewohner vor ihm niederwerfen. Sie würden meinen, er sei Gott, so übergroß ist seine Schönheit und Anmut.
Wasiti
Wisse, Allah kommt dem Herzen seiner Diener in dem Maß nah, als das Herz Seiner Diener Ihm nahekommt.
Dschunaid
Lebendig ist, wer durch seinen Schöpfer lebt, nicht wer dadurch lebt, dass er seine Leibesform aufrecht erhält. Wer dadurch lebt, dass er an sich festhält, ist tot, obwohl er lebt, und wer seinem Herrn lebt, der lebt selbst noch im Sterben viel eigentlicher und wirklicher.
Dschunaid
Absichtliches Anstreben von sama (Musikhören) kann eine gefährliche Sache sein; aber zufälliges sama ist eine Erquickung.
Dschunaid
Wer war denn Allah, wie war Er, bevor Er war? Wer hat denn geantwortet außer die arwah (Geister), die das Werk der Allmacht und den Vollzug des göttlichen Willens offenbar werden ließen? Er ist also jetzt in Wirklichkeit, wie Er war, bevor Er war.
Dschunaid
Selbst die mystische Erkenntnis, die Vereinigung mit Allah, könnte nur Allahs Arglist sein.
Dschunaid
Wer ein Herz hat, werfe das Ohr fort, dann wird er sehen.
Halladsch
Allah warf gefesselt mich ins Meer und forderte: »Gib acht, dass dich das Wasser nicht benetzt!«
Halladsch
Wer sich mit seinen eigenen Eigenschaften zufrieden gibt, ist kein Mystiker.
Halladsch
Die Welt verleugnen ist Verleugnung der Triebseele; die Belohnung des andern Lebens verleugnen Verleugnung unseres Herzens, sein Selbst verleugnen Verleugnung des Geistes.
Halladsch
Mein lieber Sohn, einige Leute bezichtigen mich, ungläubig zu sein, andere meinen, ich sei heilig. Allerdings sind meine Verleumder mir und Allah lieber als meine Lobredner; denn jene beschuldigen mich aus Eifer für ihre Religion.
Halladsch im Kerker mündlich zu Ibrahim ibn Fatik
O Abu Ishaq, siehst du denn nicht, dass mein Herr Seine Urewigkeit derart in meine Zeitlichkeit hineingetrieben hat, dass meine Zeitlichkeit in seiner Urewigkeit untertauchte und verloren ging?
Halladsch
Es gibt auf der Welt nichts Wichtigeres für Musulmanen, als mich zu töten.
Halladsch
Wer mit Geld vertraut ist, ist geistesverwirrt; wer mit Leuten vertraut ist, ist abgesperrt; wer mit dem Handeln vertraut ist, ist abgelenkt; wer mit Allah vertraut ist, ist angekommen.
Schibli
Die Menschhaftigkeit ist eifersüchtig auf Personen; die Göttlichkeit ist eifersüchtig auf den Nu, dass er nicht verloren gehe im Nichtgöttlichen.
Schibli
Ich sage nie »Allah«, ohne dafür um Vergebung zu bitten.
Schibli
Ich denke so lange an Allah, bis Er auch mal an mich denkt.
Schibli
Was immer ihr in euren Vorstellungen unterscheidet und mit eurem Verstand in einem noch so vollkommenen Verstand erfasst, das ist abgewiesen und auf euch zurückgeworfen, ein Etwas mit zeitlichem Anfang, etwas Gemachtes, wie ihr.
Schibli
Keiner hat je die Düfte des tauhid (Eingottglauben) eingesogen, der sich den tauhid begrifflich vergegenwärtigte.
Schibli
Wer verstünde, was ich sage, dem würde ich einen Ungläubigengürtel umbinden.
Schibli
Die Sufis heißen nur deshalb so, weil noch ein Rest ihres Ich zurückblieb. Sonst würde ihnen gar keine Benennung mehr anhaften.
Schibli
Wenn der König Glas oder Kristall an der Hand trägt, scheint es ein Juwel zu sein. Wenn ein Gemüsehändler ein Juwel trägt, scheint es Glas zu sein.
Schibli
Einen Lidschlag lang Allah zu vergessen ist Vielgötterei.
Schibli
Meine Triebseele suchte diese Brotkrümel. Wenn sich aber mein sirr (Innerstes) zu Allahs Thron hinkehrte, würde es beides, Triebseele und Brotkrümel, verbrennen.
Schibli
Sünder sind notwendig, denn ohne sie hätte Allah gar nichts zu verzeihen.
Abu Talib al-Makki
Schibli sprach zu mir: »Wenn du Polytheist sein willst, braucht dein Herz nur an Gabriel und Michael zu denken!«
Abu l-Hasan Ali ibn Ibrahim al-Husri
Wer nach einem Zustand dürstet, ist vollkommener als einer, der betroffen darin verloren geht, und wer betroffen darin verloren geht, ist vollkommener als einer, der nach ihm dürstet.
Ahmad ar-Rudbari
Der Mystiker findet das Suchen durch das Finden, nicht das Finden durch das Suchen.
Ansari
Was immer dein Herz wähnt, Allah ist weit entfernt von alledem.
Amr ibn Utman al-Makki
Für den Mystiker ist es einerlei, ob ihm etwas von Menschen oder Engeln gegeben wird, so einerlei, wie ihm Macht und Weisheit sind. Wer Wüsten aufsucht und sich drauf verlegt, die Mittel abzuschneiden, bleibt noch darin befangen, auf die Mittel hinzuschauen.
Suhrawardi
Ischq (Leidenschaft) ist Liebe im Übermaß. Allah aber braucht kein Übermaß, also auch kein ischq. Würden man die Liebe aller Menschen in einer einzigen Person vereinen, so wäre das Allah gebührende Maß damit noch nicht erreicht. Man kann also nicht sagen, ein Mensch gehe in seiner Gottesliebe über das Maß hinaus.
Abu Ali ad-Daqqaq
Solange Moschee und Medresa nicht ganz verwüstet sind, wird das Werk der zindiq (Derwische/Ketzer) nicht erfüllt sein.
Abu Sa’id
Der Islam zog ein in diese Stadt, aber der Unglaube zog nicht aus.
Abu Sa’id
Solange sich wahrer Glauben und Götzendienst sich nicht aufs Haar ähnlich sehn, kann kein einziger Erdensohn ein echter Musulmane sein.
Abu Sa’id
Wahre Derwische sind nicht mehr sie selbst. Wären sie noch sie, so wären sie keine Derwische.
Abu Sa’id
Eine Stunde an sein Nichtsein denken, ist besser, als ein Jahr Gehorsam und an sein eigenes Sein zu denken.
Abu Sa’id
Als Allah mir diesen Pfad öffnete, unterschieden sich die Etappen auf diesem Pfad derart, als sei ich jedes Jahr vom Unglauben bis zum Prophetentum gekommen.
Kharaqani
Allah hat die Welt, seit dem Tag, da Er sie erschuf, nicht für würdig befunden, auch nur einen Blick auf sie zu werfen.
Ghazzali: »Ihja ulum addin«
Hunderttausend Tropfen sind ein Ozean. Wenn sie ihn verlassen, werden sie zu Tropfen.
Fariduddin ’Attar
O du Unvollkommener, in Wirklichkeit hat Allah überhaupt keinen Namen. Denn wie immer du Ihn nennst, das ist nicht Er. Das bist nur du, und alles, was du weißt, ist nicht Er.
Ein Scheich zu seinem Schüler, in Fariduddin ’Attars »Musibatname«
So tilge ich mich und tilgte die Gestalten aus mir, um Allah zu sehen und um schneller zu seinen Nützlichkeiten zu gelangen.
Baha’uddin Walad
Werd ich zerrüttet, bin ich prompt geheilt.
Rumi: »Diwan«, Gedicht Nr. 1115
Dornensammler, kommst du an im Paradies, wirst du keinen Dorn dort finden, außer dich allein.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 2, Vers 3350
Wie würdest du den Gottesfreund erkennen, o Blinder, sobald er Schleier aus Narrheit trüge? / Sobald du nur das richtig eingestimmte Auge aufschlägst, steckt unter jedem Stein – ein Großscheich. / Sobald dein Auge Großscheich wird, entdeckst du bald im Faltenwurf fast jeder Derwischkutte – einen Moses.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 2, Vers 2348 f.
Feuer rief: »O ihr verrückten Narren! Statt Feuer bin ich kühler Quell! Verhext sind deine Augen, Blindling, spring nur rein in mich, vermeid nicht meine Funken!«
Rumi: »Mathnawi«, Buch 5, Vers 435 + 436
Sogar der Mond wird von der Mondfinsternis besiegt.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 5, Vers 2167
Wie passt solcher Geist in solchen Leib? Hör, o Körper, wasche deine Pfoten hier mit diesem Geist! / Körper, du bist Bleibstatt für den Geist geworden, allzu lang. Wie lang wohl möchte Ozean in einer Wasserhaut sich drücken? / O, du bist tausend Engel in Gestalt des Menschen; du Messias, der als Esel umgeht.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 6, Vers 4582–4584
Dann, wenn du vom Körper erlöst bist, wirst du wissen, dass Ohr und Nase zum Auge werden können.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 4, Vers 2400
Das Auge mit der Reichweites des Ozeans, das so weit blicken kann, dass alle Welten nur wie ein Haar erscheinen. / Wenn tausend Sphären in dieses Auge eindringen würden, würden sie wie eine Quelle im Ozean verschwinden. / Das Auge, das die wahrnehmbaren Dinge hinter sich gelassen hat und von Visionen aus dem Unsichtbaren geküsst worden ist – / Wahrlich, ich finde kein einziges Ohr, dem ich das Geheimnis dieses schönen Auges erzählen könnte. / Wenn das gelobte und ruhmreiche Wasser aus diesem Auge tropfen würde, würde Gabriel die Tropfen mitnehmen, / um sich damit seine Flügel und seinen Schnabel einzureiben …
Rumi: »Mathnawi«, Buch 4, Vers 2641 f.
Wenn es Nacht ist, kümmerst du dich nicht um den Leib; wenn es Tag ist, bist du mit allerlei Angelegenheiten beschäftigt. Dieser Leib ist eine gewaltige Täuschung; man denkt, wenn er tot ist, ist man auch tot. Pharaos Zauberer, als sie ein ganz bisschen begriffen hatten, opferten ihre Leiber, denn sie sahen, dass sie ohne Leib bestehen konnten und dass dieser Leib keine Beziehung zu ihnen hatte.
Rumi: »Fihi ma fihi«
Der Vogel trägt den Käfig nach oben, und die Maus zieht ihn herunter. Hunderttausend verschiedene wilde Tiere sind im Menschen; sie alle gehen dorthin, wo die Maus ihr Maustum lässt und der Vogel sein Vogeltum und alle eins werden.
Rumi: »Fihi ma fihi«
Gäbe es irgendein Tier wie den Falter, das es ohne das Licht der Kerze aushalten könnte und sich nicht in dieses Licht stürzte, so wäre das kein richtiger Falter; und falls der Falter sich ins Kerzenlicht stürzte und die Kerze ihn nicht verbrennte, so wäre das keine richtige Kerze. Deshalb ist der Mensch, der es ohne Allah aushalten kann und sich nicht anstrengt, überhaupt kein richtiger Mensch; aber falls er Allah begreifen könnte, wäre das nicht Allah.
Rumi: »Fihi ma fihi«
Das goldne Kalb wird durch das Licht zum Zielpunkt des Gebets; die Ka’ba ohne Licht wird Götzenbild und Sünde.
Rumi: »Fihi ma fihi«
Wer ist wahrhaft weise?
Fragen und Antworten
Jünger von Abu Hanifa: »Wieso hat Ibrahim ibn Adham solche Verehrung deinerseits verdient?« — Abu Hanifa: »Weil er immer nur Allah dient, wir hingegen dienen noch unseren Leibern.«
Fariduddin ’Attar in seiner Sufi-Viten-Sammlung: »Tadkirat ul-awliya«
»Wo ist der wahre Islam und wo sind die wahren Musulmanen zu finden?« — Hasan von Basra: »Der Islam ist in den Büchern geblieben, und die wahren Musulmanen liegen unter der Erde.«
»Warum weinst du?« — Hasan von Basra: »Ich fürchte, dass Allah mich morgen ins Höllenfeuer werfen könnte, ohne viel zu fragen.«
»Woran liegt’s, o Scheich, dass deine Worte auf uns nicht wirken können? Sind etwa unsere Herzen eingeschlafen?« — Hasan von Basra: »Das ginge noch, wenn sie bloß eingeschlafen wären; dann bräuchte ich euch nur zu schütteln und ihr würdet aufwachen. Aber eure Herzen sind tot. Und darum wachen sie nicht auf, so sehr man sie auch schüttelt.«
»Einige kommen in deinen Kreis, nur um deine Worte zu kritisieren.« — Hasan von Basra: »Ich erwarte nichts von jenen Leuten, vor deren Zunge selbst Allah sich nicht retten kann.«
»Wie geht es dir?« — Muhammad ibn Wasi: »Wie geht es einem, dessen Lebenszeit abnimmt und dessen Sünden zunehmen?«
»Wieso haust du dich, wenn du aufwachst, mit der Hand auf den Rücken?« — Muhammad ibn Wasi: »Bei Gott, ich fürchte, in einen Affen verwandelt zu werden.«
Bettelmönch: »Kann man den Status eines Wanderderwischs überhaupt kaufen?« — Ibrahim ibn Adham: »Ja, das kann man. Ich habe für ein wenig Armut ein Königreich fortgegeben und bin seitdem viel reicher als vorher.«
Soldat: »Warum zeigst du mir, wenn ich nach dem Weg zur Stadt frage, den Weg zum Friedhof?« — Ibrahim ibn Adham: »Weil ich sah, dass der Friedhof von Tag zu Tag volkreicher wird als die Stadt.«
»Wir beten so oft zu Allah – warum werden unsere Gebete nicht erhört?« — Ibrahim ibn Adham: »Ihr wisst, dass Allah existiert, aber ihr gehorcht Ihm nicht. Ihr lest im Koran, aber lebt nicht danach. Ihr esst und trinkt und dankt nicht dafür. Ihr wisst, dass der Tod auf euch wartet, aber ihr bereitet euch nicht drauf vor. Ihr tragt eure Eltern, Kinder und Freunde zu Grab und wacht selber nicht auf.«
»Woher kommst du, wohin gehst du und was tust du hier?« — Rabi’a al-Adawiya: »Ich komme von der anderen Welt und gehe zu der anderen Welt; ich bessere mich in dieser Welt, weil ich arbeite für die andere Welt; meinen Lohn bekomm ich schon in dieser Welt.«
»O Rabi’a, du weinst und leidest immer, aber wir finden keinen Grund dafür?« — Rabi’a: »Es gibt aber einen Grund dafür. Mein Leid liegt in meinem Herzen, und alle Ärzte sind unfähig es zu heilen. Das einzige Mittel wäre meine Vereinigung mit meinem geliebten Gott.«
»O Rabi’a, was hast du? Warum bist du krank?« — Rabi’a: »Ich hab’ an die Ergötzungen des Paradieses gedacht, deshalb hat mein Herr mich gezüchtigt.«
Wenn Rabi’a nicht unter Hasans zahlreichen Zuhörern war, stieg er vom Redepult und predigte nicht. Man fragte ihn unwillig: »Wenn jene alte Frau nicht da ist, was fehlt denn uns, dass du dann nicht zu uns sprichst?« Hasan von Basra antwortete: »Ich kann den göttlichen Trank, den ich für Elefanten vorbereitet habe, nicht Ameisen zu trinken geben.«
Fariduddin ’Attar in seiner »Tadkirat«
»Was wünschst du dir noch?« — Du n-Nun al-Misri (auf dem Sterbebett): »Dass ich Allah einen einzigen Augenblick vor meinem Tod kennenlernen möge.«
»Wie heißt die Wurzel der Religion?« — Fuzeil ibn Ayaz: »Die Wurzel der Religion heißt Vernunft, die Wurzel der Vernunft heißt Sanftmut, und die Wurzel der Sanftmut heißt Geduld.«
»Was ist besser: Frömmigkeit oder Zufriedenheit?« — Fuzeil ibn Ayaz: »Zufriedenheit, weil der Zufriedene nicht nach mehr verlangt; während der Fromme Lohn für seine Frömmigkeit erwartet.«
Fuzayl ibn Ayaz: »Wieso bist du so fett, obwohl du doch ein Mönch des Irak bist?« — Waki ibn al-Dscharrah: »Aus Fröhlichkeit über den Islam!«
Ali al-Qaei al-Harawi: »Al-musnu fi ma’rifat al-hadit al-mawdu«
»Warum mahnst du nicht die Fürsten, die soviel Grausamkeiten verüben?« — Bischr al-Hafi: »Ich finde Allah viel zu erhaben, als dass ich Seinen Namen vor denen ausspreche, die Ihn nicht kennen.«
»Wozu setzt du dich nackt in diese Kälte? Wozu diese unnötige, selbsterschaffene Qual?« — Bischr al-Hafi: »Ich denk an all die armen Leute, die jetzt frieren. Da ich aber nichts habe, womit ich ihnen helfen kann, so lasse ich mich frieren, damit ich ihr Leid miterleben, ihrer gedenken und mich ihnen gleichstellen kann.«
»Wie kannst du es wagen, mit deinem ehelosen Leben die Sunna des Propheten zu verlassen?« — Bischr al-Hafi: »Mein Gottesdienst nimmt mich so in Anspruch, dass ich mich mit der Sunna einfach nicht abgeben kann.«
Abu Talib al-Makki: »Qut al-qulub«
Besucher an Bischr al-Hafis Sterbebett: »Liebst du die Welt und möchtest du noch weiter in ihr leben?« — Bischr al-Hafi: »Nein, ich liebe die Welt nicht, aber den Hof des Königs aller Könige zu betreten, ist trotzdem nicht leicht.«
»Wann hat der Mystiker sein Ziel erreicht?« — Du n-Nun al-Misri: »Wenn er ist, wie er dort war, wo er war, bevor er war.«
»Was ist Erkenntnis?« — Abu Sulaiman ad-Darani: »Dass man in beiden Welten nur eines will.«
»Was ist für den Schüler das Schwierigste?« — Yahya ibn Mu’ad al-Razi: »Das Zusammensitzen der Gegensätze.«
»Wir sehen viele Leute, die auf dich schimpfen.« — Yahya ibn Mu’ad al-Razi: »Wenn Allah mir verzeiht, schadet mir ihr Gerede nicht. Wenn Er mir nicht verzeiht, dann verdiene ich, dass sie so von mir reden.«
Abu Yazid: »Was versteht man unter tawakkul?« — Abu Musa al-Daybuli, sein Diener: »Unsere aschab (Gefährten) sagen: ›Wenn sich zu deiner Rechten und Linken Löwen und Schlangen befänden, würde dein Inneres sich darob nicht rühren!‹«
Sahladschi: »An-nur min kalimat Abi Yazid Tayfur«, 107, 2 f.
»Wie kann man zu Allah gelangen?« — Bayezid al-Bastami: »Durch Blindheit, Taubheit und Stummheit.«
»Wie erkennt der Mensch, dass er in der Gotteserkenntnis angekommen ist?« — Bayezid al-Bastami: »In dem Augenblick, da er – von Allah unterwiesen – vergeht, bleibt er ohne Selbst und ohne Schöpfung auf der bisat (Unterlage) Allahs. So vergeht er und bleibt, bleibt er und vergeht, stirbt er und lebt, lebt er und stirbt. So wird das Bedeckte enthüllt und das Enthüllte bedeckt.«
»Beschreib uns deinen Tag und deine Nacht.« — Bayezid al-Bastami: »Ich habe nicht einen Tag und ich habe nicht eine Nacht; denn Tag und Nacht sind nur für die, die die Eigenschaften von Geschöpfen haben. Ich habe mich abgeschält wie eine Schlange.«
»Was ist Armut?« — Bayezid: »Dass einer in einem Winkel seines Herzens an einen Schatz stößt namens ›Schandfleck des Jenseits‹ und darin einen Edelstein findet namens ›Liebe‹. Ein solcher ist ein Armer.«
Fariduddin ’Attar: »Tadkirat«, Buch 1, 169, 8–10
»Warum verzichtest du auf das Diesseits?« — Irgendein ungenannter Derwisch in irgendeinem Jahrhundert: »Da das meiste im Diesseits auf mich verzichtet, verschmähe ich es, das wenigste vom Diesseits zu begehren.«
»Warum schmeckt der Dattelpudding so komisch?« — Muzabbid: »Der Koran ist halt noch nicht bei den Honigbienen angekommen.«
»Was hat man unter Mystikern zu verstehen?« — Dschunaid: »Sie entziehen sich der Beschreibung der Beschreibenden.«
»Wer ist ein Mystiker?« — Dschunaid: »Der dein Geheimnis nennt, während du schweigst.«
»Abu l Qasim, was ist es, was die Erkenner sich von Allah wünschen?« — Dschunaid: »Sie wünschen sich von Ihm, dass Er sie behütet und für sie sorgt.«
»Was ist die Welt?« — Dschunaid: »Was deinem Herzen nahe steht und von Allah ablenkt.«
»Was ist die Umkehr?« — Dschunaid: »Das Vergessen deiner Sünde.«
»Wer ist Allahs Sklave?« — Dschunaid: »Derjenige, der vom Sklaventum aller anderen frei geworden ist.«
»Gibt es etwas Besseres als das Weinen?« — Dschunaid: »Das Weinen über das Weinen.«
»Was ist Aufrichtigkeit?« — Dschunaid: »Der Ausschluss der Geschöpfe aus dem Umgang mit Allah. Die Triebseele aber ist das erste Geschöpf.«
»Woher hast du diese Wissenschaft?« — Dschunaid: »Daher, dass ich dreißig Jahre unter dieser Treppe vor Allah gesessen habe.«
»Wieso nimmst du, trotz deines hohen Rangs, einen Rosenkranz zur Hand?« — Dschunaid: »Von dem Weg, auf dem ich zu Allah kam, will ich mich nicht trennen.«
»Was ist die Gesellschaftsmoral der Sufis?« — Abu l Husain al-Nuri: »Andern Freude zu bereiten und ihnen nie wehzutun.«
»Wieso hast du, als unser Muezzin sang, gerufen: ›Lanzenstich und Todesgift!‹ Aber zu dem Köter da sagst du ehrerbietig: ›Dir zu Diensten, dir zu Hilfe!‹« — Abu l Husain al Nuri: »Der Vorbeter hat den heiligen Namen Allahs gedankenlos runtergeleiert, der Hund aber hat Allah ohne Augen- und Ohrendienerei gepriesen, und ohne Gegenleistung zu suchen, getreu der Sure 17: ›Es gibt nichts, was Ihn nicht lobpriese!‹«
»Was hat dich davon abgehalten, einen Freund zu suchen?« — Ruwaym ibn Ahmad: »Meine Hoffnungslosigkeit, einen zu finden.«
»Warum kommen nie reiche Leute zu dir in die Moschee?« — Abbasa-i Tusi: »Weil ich ihnen lauter unliebe Dinge sage. Bei mir erscheint ihr Gold so wertlos wie Blech. Ich mache ihnen ihren Halskragen zum Strick, ihr Hemd zum Leichentuch. Bei mir wird ihr Schloss zur Gruft, ihre Religion zum Unglauben. Wie sollten sie da zu mir kommen wollen?«
»Was ist Geduld?« — Mansur al-Halladsch: »Geduldig ist der, der, wenn man ihm Hand und Fuß abhaut und ihn an den Galgen hängen will, sich wundert über alles, was man ihm antut.«
»Wer ist wahrhaft weise?« — Abu Bakr Schibli: »Der die Welt keinen Augenblick tragen kann, weil er schwächer ist als ein Mückenflügel.«
»Wer ist wahrhaft weise?« — Abu Bakr Schibli: »Weise ist der, der die ganze Erde, und sieben Himmel, mit einer winzigen Wimper aus den Angeln hebt.« — »Aber wieso hast du neulich ganz anders geantwortet?« — Abu Bakr Schibli: »Neulich war ich nicht ich, heut aber bin ich ich.«
»Was ist das Diesseits?« — Abu Bakr Schibli: »Ein Topf, der kocht, und ein Abort, den man vollkackt.«
»Das Diesseits ist für Beschäftigungen da, das Jenseits für Schrecknisse – wann wird man da je Ruhe haben?« — Abu Bakr Schibli: »Beschäftige dich nicht mehr mit dem Diesseits, dann erschreckt dich auch nicht mehr das Jenseits.«
»Was ist der Verzicht?« — Abu Bakr Schibli: »Das Vergessen des Verzichts.«
»Was ist Vertrautheit mit Allah?« — Abu Bakr Schibli: »Dein wahscha (Fremdheitsgefühl) gegenüber dir selbst, deiner Seele und der ganzen Schöpfung.«
»Ist nicht Allah bei dir und du bei Ihm?« — Abu Bakr Schibli: »Wär’ ich noch bei Ihm, so hätte ich Ihn erst recht nicht; ich bin aber ausgelöscht in dem, was Er ist. Von mir ist nichts mehr da; alles ist Er.«
»Weißt du nicht, dass Allah barmherzig ist?« — Abu Bakr Schibli: »Doch, aber seit ich Seine Barmherzigkeit erkannt habe, habe ich Ihn nicht mehr gebeten, sich meiner zu erbarmen.«
»Hat schon jemand Ihn gesehen, wie Er wirklich ist?« — Abu Bakr Schibli: »Die Wirklichkeit liegt in weiter Ferne. Nein, es gibt nur Ansichten und Wünsche und Meinungen.«
»Weinen deine Augen nicht?« — Abu Bakr Schibli: »O du! Was sich zwischen meinem Herzen und meinem Geist abspielt, ist vor meinen Augen verborgen.«
»Bist du Schibli?« — Schibli: »Ich bin der Punkt unter dem b.«
»Was ist der Unterschied zwischen der Sklaverei des Knechtes und der Sklaverei des Liebenden?« — Abu Bakr Schibli: »Wie verschieden sind doch der Knecht, der frei wird, wenn man ihn aus der Sklaverei entlässt, und der Knecht, der immer mehr zum Sklaven wird, je mehr man ihn frei lässt!«
Ich ging zu Halladsch, als seine Hände und seine Füße bereits abgeschlagen waren und er auf einem Baumstumpf gekreuzigt war, und sagte zu ihm: »Was ist Mystik?« Er sprach: »Ihre niedrigste Stufe ist, was du hier siehst. Ich sagte: »Und was ist die höchste?« Er sprach: »Dazu hast du keinen Zugang. Aber morgen wirst du sie sehen. Denn was ich gesehen habe, ist im Verborgenen, und so ist es dir verborgen.«
Schibli, überliefert in Fariduddin ’Attars »Tadkirat«
»Was ist äußerste Demut?« — Asket Yusuf i-Asbat: »Sie besteht darin, dass du aus dem Haus gehst und jeden, den du siehst, gemessen an dir, als besser erkennst denn dich selbst.«
Mahmud von Ghazna: »Auf was in aller Welt bist du am meisten eifersüchtig?« — Ayaz: »Auf jenen Stein, mit dem du deinen Fuß abreibst. Denn er kann seine Wange an deinen Fuß drücken. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn meine Wange beständig der Ort wäre, wo dein Fuß steht.«
»Woran kann man tawakkul (Gottvertrauen) erkennen?« — Kharaqani: »Daran, dass Löwe und Drache und Feuer und Meer und Kissen, alle fünf, für dich ein und dasselbe sind.«
»Wo hast du Allah gesehen?« — Kharaqani: »Da, wo ich mich nicht gesehen habe.«
Schüler: »Was kannst du so lange in der Latrine betrachten?« — Abu Sa’id: »Diese Kacke raunt mir zu: ›Ich war ein viel begehrter Leckerbissen, eine Gottesgabe. Eine Stunde Zusammensein mit dir hat mich zu dem gemacht, was du hier siehst!‹«
»Warum pilgerst du nicht nach Mekka?« — Abu Sa’id: »Es ist kein Kunststück, eine Strecke von 1000 Parasangen (5900 km) zurückzulegen, um ein Gebäude zu besuchen, wohl aber an Ort und Stelle zu bleiben und zu sehen, wie innerhalb von 24 Stunden die Ka’ba über mir kreist.«
»Dein Hals ist so dick, dass er kaum durch die Kragenöffnung geht.« — Abu Sa’id: »Mich dünkt eher merkwürdig, wieso mein Hals bei all dem, was Allah mir geschenkt hat, überhaupt noch in den Rahmen der sieben Himmel und Erden passt!«
»Wozu hat Allah eigentlich die Menschen erschaffen – braucht er sie etwa?« — Abu Sa’id: »Nein, sondern Er hat sie aus drei Gründen erschaffen: Erstens ist seine Macht groß. Dafür waren Zuschauer nötig. Zweitens ist seine Schenkfreude groß. Dafür waren Verbraucher nötig. Und drittens ist seine Barmherzigkeit groß. Dafür waren Sünder nötig.«
»Wo soll ich Ihn suchen?« — Abu Sa’id: »Wo du Ihn gesucht hast, fandest du Ihn nicht. Begehrst du wirklich, einen Schritt auf Seinem Pfad zu tun, wirst du Ihn überall sehn, wohin du auch blickst.«
»Sind die Männer Gottes in der Moschee?« — Abu Sa’id: »Sie sind auch in der Spelunke.«
»Was bedeutet der Satz: ›Wer Allah erkennt, dessen Zunge wird stumpf‹?« — Abu Sa’id: »Zu stumpf für eine Feindschaft gegen die Menschen.«
»Wie ist der Spruch gemeint ›Wer sich selbst erkennt, erkennt seinen Herrn‹?« — Abu Sa’id: »Wer sich selbst als nicht seiend erkennt, erkennt Allah als seiend.«
Landedelmann: »Wie kannst du eine bittere Gurke mit sichtlichem Behagen verzehren?« — Knecht: »Was könnt ich für eine Entschuldigung haben, wenn ich einem Herrn, der mir sonst so viel Süßes zu essen gab, einmal etwas Bitteres zurückweisen würde?«
Geschichte, die Quschayri von Abu Sa’id erzählt bekam
Abu Sa’ids Schüler Abdassamad ibn al-Hussayn as-Sufi as-Sarahsi (im Traum): »Wieso sitzt du nicht auf deinem gewohnten Sitzplatz?« — Abu Sa’id (im Traum seines Schülers): »Für mich ist da kein Ort, weder unten noch darüber, weder links noch rechts, in keinerlei Richtung. Wenn ich mich trotzdem irgendwohin setze, an einen bestimmten Platz, so nur den Menschen zuliebe.«
»Warum hast du gestern Nacht, als wir unser Lager in diesem Wäldchen aufschlugen, plötzlich einen Schrei ausgestoßen?« — Sufi: »Von den Bäumen hörte ich das Lied der Nachtigall, von den Bergen das Rebhuhn, aus dem Wasser die Frösche und aus dem Gehölz die wilden Tiere. Da merkte ich, dass es mit meinem Menschsein nicht vereinbar ist, dass ich schlafe, solang die niedrigen Geschöpfe ihre Stimme laut zum Lob Allahs erheben.«
Saadi: »Dschulistan«, Buch 2, Geschichte 25
Gewisse Leute haben Schlechtes geredet: »Warum kommt der Koran Stück für Stück, Wort für Wort herab und warum nicht Kapitel für Kapitel?« — Mustafa antwortete: »Was sagen diese Dummköpfe? Wenn alles auf einmal auf mich herabkäme, würd’ ich zerschmelzen und verschwinden.«
Rumi: »Fihi ma fihi«
Hulagu: »Was ist denn mit denen da los? Sind das Beduinen oder Wanderderwische?« — Nasiruddin at-Tusi: »Das ist fadla (Abfall) in dieser Welt.« — Hulagu ließ sie umbringen und fragte dann: »Was hast du eigentlich mit Abfall gemeint?« — Nasiruddin at-Tusi: »Die Menschen zerfallen in vier Gruppen: Regierende, Handeltreibende, Handwerker und Landwirte. Alle übrigen liegen diesen vier auf der Pelle.«
Dialog von 1260, überliefert von Ibn al-Fuwati: »Hawadir dschami’a«
»Was guckst du so traurig? Brau dir doch einfach ein Heilmittel für deinen Schmerz! Wozu bist du Apotheker!?« — Fariduddin ’Attar: »Ich bin zu sehr in meinem Schmerz versunken, als dass ich an Heilmittel denken kann.«
Irgendein Wanderderwisch: »Hast du mal ein paar Dirham für mich?« — Muhammad ibn Muhammad ad-Dayri al-Halabi asch-Schafi’i: »Du bist ein Gauner, und ich bin ein Gauner. Ein Gauner nimmt von einem anderen Gauner nichts.«
Baba Lal Das: »Wer hat den Hindus den Götzendienst befohlen?« — Dara Schikoh (geboren: 1615): »Das ist festgesetzt worden, um die Herzen zu befestigen. Wer den inneren Sinn kennt, braucht die äußere Form nicht mehr; wer das Innere nicht kennt, bleibt an die Form gebunden. Wie ein unverheiratetes Mädchen mit Puppen spielt; verheiratet man sie, braucht sie keine Puppen mehr.«
Abu Bakr Schibli sprach zu mir
Sufi-Dialoge
Ein Dogmatiker: »Frauen könnten keinen Anspruch erheben, heilig zu sein!« — Rabi’a al-Adawiya: »Und, ungleicher Mann, Frauen können erst recht keinen Anspruch erheben, Gott zu sein.«
Du n-Nun: »Warum heißt du Madschnun (der Verrückte)?« — Ulaym: »Nachdem ich lange nicht an Allah herankam, bin ich aus Angst, auch im Jenseits Ihn nicht zu finden, verrückt geworden.«
Überliefert von Quschayri
Buhlul al-Madschnun kam eines Tages auf dem Weg zum Friedhof an mir vorüber. Er brachte ein Rohr mit, das er als Pferd benützte, und hielt eine Peitsche in der Hand, und rannte so dahin. Ich rief: »Wohin, Buhlul?« Er sagte: »Zur Truppenschau vor Gott!« Ich blieb sitzen, bis er zurückkam. Sein Rohr war entzwei und seine Augen rotgeweint. Ich fragte ihn: »Was geschah dir?« Er sagte: »Ich stand vor Allah in der Erwartung, dass er mich unter Seinen Dienern auszeichnet. Doch als er mich erkannt hat, da hat er mich fortgejagt.«
Munawi über Buhlul bzw. Yafii in seinem Buch »Rawd ar-rayahin« über Schibli
Wie oft soll ich dich von deiner Einsamkeit reden hören? Wenn ich die halbe Menschheit um mich hätte, würd ich keine Vertrautheit mit ihr empfinden, und wären alle fort, wär’ ich überhaupt nicht einsam.
Muhasibi zu Dschunaid
Zuhörer: »Lob sei Allah!« — Dschunaid: »Sprich die ganze Formel: »Lob sei Allah, dem Herrn der Menschen.« — Zuhörer: »Die Menschen sind es ja nicht wert, mit Allah in einem Atemzug genannt zu werden.« — Dschunaid: »Sprich trotzdem die ganze Formel. Denn wenn du das Erschaffene mit dem Unerschaffenen verbindest, wird das Erschaffene zunichte und das Unerschaffene bleibt.«
Auf einer Reise sagte Dschunaid zu Schibli: »Sei eine Weile mit Allah beschäftigt, bis ich zu dir zurückkomme!« Dschunaid ging, Schibli blieb stehen und rezitierte den Koran. Dschunaid, als er zurückkam, fuhr Schibli an: »Ich hatte dir doch gesagt, du sollst mit Allah sein!« Schibli: »Ich war der Meinung, wenn ich den Koran rezitiere, sei ich mit Ihm!?« Dschunaid: »Du weißt wohl nicht: Wer mit Allah ist, ist nicht fähig zu atmen!?«
Maybudi: »Kaschf ul-asrar«, 6, 575
Abu Bakr Schibli: »Wo ist der Weg zu Allah?« — Mansur al-Halladsch: »Zwei Schritte, und du bist am Ziel! Schlag das Diesseits denen, die es lieben, ins Gesicht und überlass das Jenseits denen, die es wollen.«
Schibli sprach zu mir: »O Abu l Farac, womit verbringst du deine Zeit?« — Ich »Mit Frau und Kind.« — Schibli: »Du lässt also Zeit, kostbarer als der rote Schwefel, verloren gehen mit etwas anderem als Allah, obwohl doch der Prophet sagt: ›Allah ist eifersüchtig und liebt jeden Eifersüchtigen‹?«
Abu l Farak al-Ukbari
Einmal, in schlafloser Nacht, stand Dschunaid auf, aber empfand beim Stundengebet nicht die Süßigkeit, die er sonst zu kosten pflegte. Ratlos legte er sich wieder schlafen, konnte nicht, setzte sich auf, vermochte nicht sitzenzubleiben, öffnete die Tür, ging hinaus – da lag ein Mann auf dem Weg und sagte: »Abu l-Qasim, bis jetzt hast du mich warten lassen?« Dschunaid: »Wir waren aber nicht verabredet.« – »Doch, ich habe den, der die Herzen bewegt, gebeten, dein Herz für mich zu bewegen.« – »Er hat es getan. Aber welches Anliegen hast du?« – »Wann wird die Krankheit der Triebseele zu ihrem Heilmittel?« – »Wenn die Triebseele sich ihrer Lust widersetzt.« Da wandte sich der Mann an seine Triebseele: »Hörst du!?! Ich hab dir diese Antwort siebenmal gegeben! Du aber wolltest sie unbedingt von Dschunaid persönlich hören. Nun hast du sie gehört.« Da ging er weg, ohne dass Dschunaid ihn kannte oder kennenlernte.
Quschayri
Mail ibn Dinar: »Wie lang willst du zu den Leuten noch von den Ermächtigungen reden?« Aban ibn Ayyas: »Ich hoffe, du erlebst am Auferstehungstag soviel Verzeihung, dass du vor Freude dein Kleid zerreißt!« Nach dem Tod erschien Aban ibn Ayyas jemandem im Traum und berichtete, Allah habe ihn wegen seiner einseitigen Haltung zur Rede gestellt, da habe er geantwortet: »Mein Herr, ich wollte dich vor Deinen Geschöpfen nur in gutem Licht zeigen.« Da verzieh Allah ihm.
Ghazzali
Ibrahim sagte zu einem Weggefährten beim Abschied: »Mein Freund, sag mir, was du in der Zeit unseres Zusammenlebens Schlechtes an mir bemerkt hast.« Der Mann erwiderte: »Ich hab an dir nichts dergleichen gesehen, denn ich hab dich als Freund betrachtet, und ein Freund sieht am anderen nur das Gute.«
Fariduddin ’Attar
Ein Derwisch fragt einen anderen: »Was wünschst du dir?« Der antwortet: »Einen Spieß mit zwei Spitzen, um mit der einen mich und mit der anderen dich aus der Welt zu schaffen, damit, wenn weder du noch ich da sind, Allah ohne unsere Schande leuchtend zum Vorschein kommt!«
Fariduddin ’Attar
Das Fassungsvermögen des Herzens des Mystikers ist so, wie Abu Yazid gesagt hat: »Wenn der Gottesthron, und was um ihn ist, hundertmillionenfach in einem Winkel des Herzens des Mystikers wäre, würde er es nicht merken.« Und Dschunaid sagte dazu: »Wenn muhdat (das einmal Gewordene) mit qadim (dem Anfangslosen) zusammengebracht wird, bleibt von ihm keine Spur.«
Ibn Arabi
»Mein Auge hier –« »– ist eine Wolke bloß; verwirf sie!« / »Die Träne hier –« »– ein Trugbild bloß; verwirf es!« / »Mein Herz?« »– ein Bratenkloß; verwirf ihn!« / »Mein Leib?« »– ist Bruchwerk bloß; verwirf es!«
Rumi: Vierzeiler Nr. 913
Gemeiner Kerl: »Dich kennt keiner hier.« — Derwisch: »Kennt mich auch der Abschaum nicht, kenn doch ich mich sehr genau. Wehe, wenn die Schmerzen umgekehrt verteilt wären und der Tropf mich sähe, aber dafür ich mich nicht.«
Rumi: »Mathnawi«, Buch 6, Vers 4331 + 4332
Äußerlich spricht: »Ich bin dies und weiter nichts.« Innerlich raunt: »Schau genauer hin, und du wirst mich finden.« Äußerlich spricht: »Innerlich ist Traumschaum.« Innerlich raunt: »Wart nur ab, bis die Wahrheit hervorbricht.«
Rumi
»Wer sind deine Freunde?« — Hafiz von Schiraz: »Nachtigallen, Ostwind, Rosen und Narzissen.«
Als Kind verbrachte ich eine ganze Nacht schlaflos mit dem Koran im Schoß, drumherum lauter Schläfer, und sagte zu meinem Vater: »Nicht einer erhebt sein Haupt aus dem Schlaf, um zu beten. Sie schlafen so fest, als wären sie tot.« Er erwiderte: »Mein Sohn, es wär’ besser für dich zu schlafen, als über die anderen herzuziehen.«
Saadi: »Dschulistan«
Schamsuddin al-Täbrisi: »Womit befasst du dich?« — Auhaduddin Kirmani: »Ich betrachte den Mond im Wasserbecken …« — Schamsuddin: »Warum betrachtest du ihn nicht lieber am Himmel!? Wenn du keinen Furunkel im Nacken hast!?«
Aflaki
Die ganze Welt für eine Lumpenmütze
Waren viele Sufis heimlich christliche Asketen?
Ich habe Leute gekannt, denen das Diesseits weniger wert war, als der Staub unter den Füßen.
Hasan von Basra
Zwei schlechte Gefährten, der Dinar und der Dirhem! Sie nützen dir erst, wenn sie dich verlassen.
Hasan von Basra
Keiner ehrt den Dirhem, den nicht Allah erniedrigt am Jüngsten Tag.
Hasan von Basra
Bei Allah! Stünde am Moschee-Eingang ein Engel und riefe »Der Schlechteste unter denen in der Moschee komme heraus!«, würde ich mich vordrängen, zur Not mit Gewalt.
Malik ibn Dinar
Wär’ ich imstande, nicht zu schlafen, würd’ ich nie schlafen, denn ich fürchte, die Strafe könnte über mich im Schlaf hereinbrechen.
Malik ibn Dinar
Ich versteh den Ausspruch nicht, dass der, der vierzig Tage lang kein Fleisch isst, seiner Vernunft verlustig geht; denn seit zwanzig Jahren hab ich kein Fleisch gegessen, und mein Geist ist von Tag zu Tag nur stärker geworden.
Malik ibn Dinar
An einem dschuwaf (schlechter Speisefisch) ist nichts schlechter als sein Kopf. Ich esse einen Fladen und den Kopf eines dschuwaf – und die Welt mag untergehen.
Malik ibn Dinar
Der wahre Verzichter schmäht die Welt nicht und rühmt sie auch nicht. Er beachtet sie nicht. Er freut sich nicht, wenn sie zu ihm kommt und ist nicht betrübt, wenn sie fortgeht.
Abu Sulaiman ad-Darani
Ich glaube nicht, dass ich für meinen Verzicht auf Speise und Trank Lohn erhalte, da ich kein Verlangen danach habe.
Ibrahim ibn Adham
Ich weiß nicht, was schwerer ist: die Erniedrigung zu ertragen, wenn sie mich nicht kennen, oder die Hochschätzung fliehen, wenn sie mich kennen.
Ibrahim ibn Adham
Ein Bissen zerstoßenes Salz, den ich verzehre, ist köstlicher als eine Dattel, auf die sich eine Wespe setzt.
Ibrahim ibn Adham
Der Asket um Allahs Willen flößt dir Essig und Senf ein, der Gotteskundige lässt dich Moschus und Ambra riechen.
Yahya ibn Mu’ad al-Razi
Askese gibt es nur gegenüber Erlaubtem. Da es aber im Diesseits kein Erlaubtes gibt, gibt es folglich auch keine Askese.
Abu Hafs an-Naisaburi
Ahmad ibn Masruq: »Was aßest du früher, zur Zeit der Askese?« – Sahl ibn Abdullah al-Tustari: »Pro Jahr für 3 Dirham. Für einen Dirham kaufte ich Traubenhonig, für einen Fett und für einen Reismehl. Daraus buk ich 360 Kügelchen und nahm jede Nacht ein Kügelchen, um damit das Fasten zu brechen.« – Ahmad ibn Masruq: »Und heute?« – Sahl ibn Abdullah al-Tustari: »Heut esse ich ohne Grenze und ohne Einschränkung.«
»Warum weigerst du dich, einen Arzt aufzusuchen, obwohl es dir so schlecht geht?« – Sahl ibn Abdullah al-Tustari: »Der Schlag des Geliebten tut nicht weh.«
Wie oft stürmst du los, einen Abort hinter dir zu lassen? Wie lange noch dein Ungestüm, dich von etwas abzukehren, was bei Allah nicht den Wert eines Mückenflügels hat?
Wasiti
Die Wirklichkeit des Glaubens hat der Mensch erst dann erreicht, wenn er die Heimsuchung für Wohltat hält und das Wohlergehen für Unglück.
Al-Fuzeil ibn Ayaz
Seit dreißig oder vierzig Jahren geht mich meine Triebseele darum an, dass ich eine Karotte in Sirup tunke. Aber ich hab’s ihr nicht zu essen gegeben.
As-Sari as-Saqati
Askese ist gafla (religiöse Gleichgültigkeit). Das Diesseits ist nichts, und Askese in Bezug auf nichts ist gafla.
Schibli
Das geringste Kennzeichen der Armut: Wenn einer das ganze Diesseits besäße und es an einem Tag verplemperte, und es käme ihm dann der Gedanke, er hätte doch davon Nahrung für einen Tag aufsparen sollen, so ist er in seiner Armut nicht ehrlich.
Schibli
Ich hörte Tayfur sagen: »Als Abu Yazid starb, hinterließ er nur das Hemd, worin er starb. Bei diesem handelte es sich um ein geliehenes Stück. Man gab’s dem Eigentümer zurück.«
Sarradsch: »Kitab al-luma«, Kap. 74, Abschnitt 3
Ghazzali sagt zu Sultan Sancar: »Wie kannst du Freude haben an einem Königreich, das verschwindet, sobald du die Augen zumachst?«
Fariduddin ’Attar
Ein Derwisch tritt aus einem Sufikonvent mit Lumpenmütze. Ein Spötter spottet: »Was die wohl kostet?« Der Derwisch: »Die verkauf ich nicht; man hat mir die ganze Welt dafür geboten. Aber sie ist mehr wert. Eine eingenähte Falte davon ist zwei Welten aus Juwelen wert.«
Fariduddin ’Attar: »Asrarname«
In der Zeit, die es braucht, bis ein Fettmops dünn wird, wird wohl ein Lulatsch bereits vom Stengel gefallen sein.
Saadi: »Dschulistan«, Buch 2, Geschichte 11
Und Matthäus 12,30: »Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich«, wird zu einem Ausspruch von Sufjan at-Tauri. Die Erzählung vom reichen Toren, Lukas 12, 15–21, wird als »Geschichte eines Mannes in vergangenen Zeiten« angeführt, ohne den geringsten Hinweis darauf, dass sie aus dem Evangelium stammt. Die Perikope, wie Jesus den Sturm stillt, wird in engstem Anschluss an Markus 4, 37–41 erzählt – aber als eine Legende von Ibrahim ibn Adham. – Die arabische Fassung gibt zuweilen den Wortlaut des Evangeliums ziemlich wortgetreu wieder. So wird Luk. 11, 27 bis 28 in folgenden Worten zitiert: »Jesus ging an einer Frau vorbei, die sagte: ›Selig, selig ist der Mutterschoß, der dich getragen hat, und die Brust, die dich gestillt hat.‹ Aber Jesus sagte: ›Nein, selig ist, wer den Koran liest und das befolgt, was darin steht.‹«
Tor Andrae: »Islamische Mystiker«, 1947
Denn er glich sowieso den Engeln
Jesus als Sufi-Idol
Die Welt ist eine Brücke; überschreitet sie, aber bebaut sie nicht.
Eine Jesus zugeschriebene Sufi-Weisheit
Nach zuverlässigem Bericht trug Jesus bei seiner Himmelfahrt seinen Flickenrock.
Hudschwiri
Jesus sprach: »Häng keine Juwelen um Schweinehälse! Weisheit ist feiner als Edelsteine, und wer ihrer nicht wert ist, ist schlimmer als ein Schwein.«
Ghazzali: »Abu Hamed«
Man sagt, Jesus habe einmal erklärt: Jede Termite hat ihren Bau, ich dagegen habe nicht einmal eine Ruine.«
Ansari
Jeus’ Ort ist im Himmel; der Ort des Papageis ist auf dem Ast.
Sana’i
Jesus trinkt aus einem Bach süßes Wasser. Nachher trinkt er von dem gleichen Wasser aus einem Krug. Aus dem Krug schmeckt das Wasser bitter. Als er sich darüber wundert, beginnt der Krug zu reden und spricht: »Ich bin ein alter Mann, und bin schon tausend Mal zu Becher, Krug und Trog geformt worden, und noch immer hat mich die Bitterkeit des Todes nicht verlassen. Sie wird mich auch nicht verlassen, wenn man mich noch tausend Male zum Krug formt. Darum ist das Wasser, das du trinkst, so bitter.«
Fariduddin ’Attar
Die Lippe, die den Eselsarsch geküsst hat – wie kann sie je den Christus-Kuss erfahren?
Rumi
Jesus, Marias Sohn, lief auf die Berge zu; man konnte meinen, ein Löwe wolle ihn zerreißen. Jemand rannte hinter ihm her und rief: »Geht es dir gut? Niemand ist hinter dir her – warum entfliehst du wie ein Vogel?« Jesus lief so eilig weiter, dass er nicht antworten konnte. Der andere lief noch ein, zwei Felder mit und fragte dann noch mal: »Vor wem fliehst du, o Edler? Nirgendwo ein Löwe, kein Feind, keine Gefahr!« Jesus rief: »Ich fliehe vor den Dummen. Geh weg! Ich rette mich. Halte mich nicht auf!« – »Aber bist du nicht der Messias, der die Blinden und Tauben heilt?« – »Doch, der in ich.« – »Bist du nicht der König, in dem die Beschwörungen aus der unsichtbaren Welt wohnen?« – »Bei der Heiligkeit Seines reinen Wesens und Seiner Eigenschaften, Er macht sich das Himmelsgewölbe untertan; die Beschwörungen und der Höchste Name, die ich über die Tauben und Blinden aussprach, waren gut. Ich habe sie über dem Steinberg gesprochen – er wurde gespalten und hat sich den Mantel bis zum Nabel aufgerissen. Ich habe sie über dem Leichnam ausgesprochen – er wurde lebendig. Ich habe sie über dem Nichts ausgesprochen – es wurde Sein. Ich habe sie hunderttausend Mal liebevoll über dem Herzen der Dummen ausgesprochen – es gab keine Heilung.«
Rumi: »Mathnawi«, Buch 3, Vers 2570 f.
Isa und Edris (Jesus und Henoch) stiegen zum Himmel auf, denn sie glichen sowieso den Engeln.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 4, Vers 2672
Wir wollen nicht wollen
Waren manche Sufis verkappte Inder?
Uridu an la urid, »Ich wünsche nichts zu wünschen«, auch übersetzbar als »Ich will nicht wollen«, wörtlich: »Ich will, dass ich nicht will«
Sehr asketisch, eher buddhistisch klingender Ausspruch Bayezid al-Bastamis, sprichwörtlich geworden als das »Wollen des Nichtwollens«
Jesus sprach: »Man kann nicht in die geistige Welt über den Himmeln un der Erde eintreten, bevor man nicht ein zweites Mal geboren wurde.«
Hamadani: »Tamhidat«
Weil unser Wunsch den Namen »Wunschlos« trägt, / wird jeder Kummer, der uns umwirft, Freude.
Amir Husayni-i Sadat: »Qalandarnama«
Als Abu Yazid den Wunsch aussprach »Ich wünsche nicht zu wünschen«, war das genau der Wunsch, nach dem er sich tatsächlich sehnte.
Kharaqani
Ein Rein und Raus und Auf und Ab und Hoch und Runter, / ein Zauberlicht- und Schattenspiel, / in eine Büchse eingepfercht, ein Talglicht als Gestirn, / um das herum wir Truggestalten aufglüh’n und entschwinden.
Umar Khayyam
Ali verletzt beim Gehen aus Versehen eine Ameise. Ali ist darüber aufs Äußerste bestürzt und versucht weinend, ihr zurechtzuhelfen. Nachts im Traum bekommt er vom Propheten noch Vorwürfe zu hören: »Wieso läufst du so unvorsichtig? Zwei Tage lang hat der ganze Himmel getrauert um diese Ameise! Sie, die ganz besonders mit Gotteslob beschäftigt war!« Ali befällt das Zittern – doch schließlich beruhigt ihn der Prophet: »Aber tröste dich, Ali. Es hat jemand Fürsprache für dich eingelegt – die Ameise selber!«
Fariduddin ’Attar: »Ilahiname / Gottesbuch«, Teil 2, Buch 4
Der Prophet sagt: »Die Welt ist wie der Traum eines Schlafenden.« Diese Welt und ihre Genüsse sind, als ob jemand etwas im Schlaf äße. So ist der Wunsch nach weltlichen Dingen, als ob einer im Schlaf etwas wünschte und es ihm gegeben würde. Wenn er am Ende wach wird, nutzen ihm die Speisen nichts, die er im Schlaf gegessen hat.
Rumi: »Fihi ma fihi«
Man braucht die Seele eines Elefanten, der auf dem Rückenschläft, um von Indien zu träumen. Der Esel träumt nie von Indien. Doch verzweifle nicht, sei ein Elefant, und wenn du kein Elefant bist, strebe nach Verwandlung. Das Zeichen dafür, dass jemand Indien gesehen hat, ist, dass er aus dem Schlaf erwacht und verrückt wird.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 4, Vers 3068f.
Lustgefühle und Lichter finden kein Ende
Sufi-Lust, Sufi-Eros, Sufi-Sexus
Von den vier weltlichen Genüssen – Besitz, Weiber, Schlaf, Nahrung – kann ich auf die beiden ersten verzichten.
Amir ibn Abd Qays
Ich sah meinen Gott im Gesicht eines bartlosen Jünglings.
Eigentlich ein unechtes Hadith, auch Bayezid zugeschrieben
Fürchtet Allah hinsichtlich der Frauen, sie sind euch eine Hilfe, und ihr habt sie angenommen als von Allah anvertraut, und ihre Mösen habt ihr als erlaubt betrachten dürfen durch das Wort Allahs.
Basra
Für diese Sklavin zahl ich nur zwei madige Dattelkerne; denn ohne Parfüm stinkt sie; ohne Zahnpflege riecht sie aus dem Mund; ohne Öl und Kamm wird sie verlaust und struppig; wenn sie weiterlebt, wird sie altersschwach; voll von Blutfluss, Pisse und Kot ist sie; und unehrlich ist sie, und nicht selbstlos.
Malik ibn Dinar
Der Arme, der heiratet, gleicht einem Mann, der ein Schiff bestiegen hat. Wenn Kinder kommen, geht er unter.
Ibrahim Adham
Wer sich an die Schenkel der Frauen gewöhnt, bringt es zu nichts.
Ibrahim ibn Adham
Ich bin mit meinem Ich schon in die Enge geraten. Wie könnte ich da noch jemand anders zu mir hinzunehmen? Ich brauche keine Frauen.
Ibrahim ibn Adham
Jede Frau, die ich geheiratet hätte, hätte hungrig und nackt bleiben müssen. Wenn ich nur könnte, würde ich mich von mir scheiden lassen.
Ibrahim ibn Adham
Ich habe vier Frauen und neun Kinder. Ach, wie der Teufel darauf ausgeht, mich dadurch in Versuchung zu führen, dass er mir Sorgen um ihren Unterhalt auferlegt.
Hatim al-Assam
Verzicht auf Frauen heißt, dass man eine Waise oder niedrige Frau einer geehrten oder schönen Frau vorziehen soll. Das ist jedenfalls die Ansicht von Malik ibn Dinar.
Sulaiman ad-Darani
Der Fromme verstößt die Welt dreimal dreifach, sodass das Gesetz keinen Weg mehr offen lässt, sich mit ihr wieder zu vermählen.
Bayezid
Der Trieb ist ein Sausewind, der aus der Hölle kommt. Er geht mit den Lüsten vorbei, wirbelt einige von ihnen hoch und bringt sie, vereint mit Iblis (dem Teufel), in die Triebseele hinein. Wenn der Trieb nun kommt, wallen die Lüste auf wie Hefeteig, worin Mehl geknetet wird, damit die Hefe anschwelle.
At-Tirmidi, genannt Al-Hakim
Als Abu Nasr ibn Ali Fahth al-Mawsili seinen Sohn küsste, vernahm er die Worte: »Schämst du dich nicht, neben Uns noch einen anderen zu lieben?«
Sarradsch: »Kitab al-Luma«
Keiner kann in dieser Zeit ein Weib finden, das mit ihm in Einklang steht, also von maßlosen Bedürfnissen frei wäre und nicht Unmögliches verlangt.
Hudschwiri
Der mystische Weg beruht auf dem Fundament der Ehelosigkeit. Als das Heiraten der Sufis anfing, trat eine Änderung ein.
Hudschwiri
Kaum hatte Murta’isch in einer schwachen Stunde geheiratet, bekam er in einer Abendandacht zu hören, seine Bekanntschaft mit Allah sei dahin, sobald er einen Blick auf eine Frau werfe, und verstieß sofort seine Gattin wieder.
Abu l-Hasan al-Buschandschi: »Kaschf ul-mahdschub«
Ich will nicht heiraten, weil mein Herz bereits für meine eigenen Sorgen zu schwach ist.
Dawud at-Ta’i
Ein Derwisch meinte, für ihn sei es wichtiger, seine Triebseele zu verstoßen als zu heiraten.
»Mishbah ul-hidaya«
Ein Mensch erlangt die Plätze der Rechtschaffenen nicht, eher er nicht sein Weib verlässt, als wäre sie eine Witwe, und seine Kinder, als wären sie Waisen, und ehe er nicht seine Zuflucht zu den Gassen der Hunde nimmt.
Riyah al-Qaysi
Die Welt ist eine Braut. Wer sie sucht, ist ihre Zofe; wer ihr absagt, schwärzt ihr das Gesicht, rupft ihr das Haar aus und zerreißt ihr das Kleid. Der Mystiker jedoch beschäftigt sich nur mit seinem Herrn und beachtet sie gar nicht.
Yahya ibn Mu’ad al-Razi
Eine Frau erfordert ein hohes Maß an schonender Rücksichtnahme, edler Weisheit, Güte, Freigebigkeit und freundlichen Worten.
Dschunaid
Man sagt: Der Verheiratete ist dem Unverheirateten ebenso überlegen wie der Kämpfer im dschihad dem, der daheimbleibt.
Abu Talib al-Makki: »Qut al-qulub«
Es ist besser, einer von euch zieht einen Welpen auf, als dass er ein Kind aufzieht.
Abu Talib al-Makki: »Qut al-qulub«
In dieser bösen Zeit soll nur der heiraten, der so geil ist wie ein Esel, der eine Eselin erblickt.
Abu Talib al-Makki: »Qut al-qulub«
Freunde des Yunus (Jonas) erlebten mit und verwunderten sich darüber, dass er die Standpauken und Anmaßung seiner Frau wortlos ertrug. Yunus erläuterte: »Ich habe zu Gott gebetet: ›Herr, verhänge die Strafen, die du mir im Jenseits zugedacht hast, schon jetzt im Diesseits über mich!‹ Da sprach Er: »Deine Strafe sei die Tochter von dem und dem, geh hin und heirate sie!« Da heiratete ich sie und ertrage nun, was ihr hier miterlebt.«
Abu Talib al-Makki: »Qut al-qulub«; auch bei Ghazzali »Ihya«; auch bei Abu Hafs Suhrawardi: »Awarif«
Allah hat weder die Ehe noch die Ehelosigkeit zur Pflicht gemacht, ebenso wenig wie er verlangt hat, dass man vier Frauen habe.
Abu Talib al-Makki
Ich besuchte mal einen Freund; mit uns war auch ein Jüngling, der leidenschaftlich in eine anwesende Sängerin verliebt war. Sie sang zur Laute: »Die Tränen des Verliebten zeigen, / dass er seinen ganzen Stolz geopfert hat, / sobald er keinem auf Erden / seinen Schmerz zu beichten wagt«. Der Jüngling seufzte: »Wie schön gesagt, o Herrin. Erlaubst du, dass ich auf der Stelle sterbe?« Das Mädchen sagte aus Spaß: »Gern von mir aus, stirb ruhig.« Da legte er sein Haupt auf ein Kissen und schloss Lippen und Augen – wir rührten ihn an, und siehe, wir fanden, dass er tot war.
Umar ibn al-Harit
Besser, man hält es ohne Frauen aus, als sie auszuhalten, und besser, man hält sie aus, als Höllenfeuer auszuhalten.
Sahl ibn Abdullah al-Tustari
Allah verfluchte eine Lust, die zu unserem Unheil Väter und Mütter genossen! Dass wir ins Dasein gerufen wurden, ist die Plage für uns!
Ibn asch Schibli
Die Gelehrten sagen: »Der Prophet hatte neun Frauen, und er legte Nahrung für ein Jahr zurück, und er hatte Kinder.« Ich sage: »Ja, das alles war der Fall. Aber er war 63 Jahre in dieser Welt, ohne dass sein Herz etwas davon wusste.«
Kharaqani
Der Schüler wird es unterlassen, die Freundlichkeit der Frauen anzunehmen, geschweige denn etwas dazu tun, sie hervorzurufen.
Quschairy
Herr, bewirke mit diesem meinem Beischlaf zwei Dinge: die Zurückweisung des verbotenen Begehrens durch das Erlaubte und dann schenke mir ein gottgefälliges und zufriedenes Kind, und nicht eines, das mein Herz von Dir ablenkt.
Gebet verheirateter Derwische, zu beten vor jedem Geschlechtsverkehr, überliefert von Hudschwiri
Das geringste Übel ist die Heirat mit einer Sklavin, schlimmer ist Masturbation, und das Schlimmste ist Unzucht.
Ghazzali
Die Plage des Mannes, dass er seinen Pflichten gegenüber seinen Frauen nicht nachkommen kann, dass er ihre Charaktere und ihre boshaften Rüffel aushalten muss, ist ein beständiger Kampf gegen seine eigene Triebseele. Frauen und Kinder zu ertragen, steht auf der gleichen Stufe wie der dschihad gegen die Ungläubigen.
Ghazzali
Verliebtheit ist der Gipfel der Unwissenheit über den Sinn des Geschlechtsverkehrs. Sie ist noch viehischer als das Vieh, denn wer als Verliebter handelt, gibt sich nicht mit Stillung seines Geschlechtstriebs zufrieden, der doch der hässlichste aller Triebe ist und am ehesten dazu angetan, dass man sich seiner schämt, sondern er glaubt zudem, dass sein triebhaftes Begehren nur an einem einzigen Gegenstand erfüllt werden könne, während das Tier seinen Trieb befriedigt, wie es grad kommt und es damit genug sein lässt. So einer aber, der nur von einer einzigen Person befriedigt wird, sinkt immer tiefer herab, wird zum Sklaven, stellt seine Vernunft in den Dienst des Triebs, wo sie doch dazu erschaffen wurde, dass ihr Folge geleistet werde. Verliebtheit ist nichts als maßlose Ausweitung des Triebes. Sie ist die Krankheit eines leeren, irregeführten Herzens.
Ghazzali: »Ihya«
Wenn jemand sagt: »Warum wurde Rabi’a in die Ränge der Männer aufgenommen?« lautet meine Antwort, dass der Heilige Prophet selbst sagte: »Allah legt keinen Wert auf Eure äußere Form«. Wenn eine Frau auf dem Pfade Gottes ein »Mann« wird, dann ist sie ein Mann und niemand kann sie danach noch eine Frau nennen.
Fariduddin ’Attar: »Tadkirat «
Ibn Sina besuchte Kharaqani, traf dort nur dessen Weib an, das entsetzlich über ihren Gatten schimpfte. Ibn Sina suchte diesen dann in der Wüste, wo er ihn im Begriff fand, Brennholz einem Löwen aufzuladen, was Scheich Kharaqani so erläuterte: »Hätt’ ich nicht die Last jenes Wolfs von Weib getragen, so würde auch dieser Löwe keine Last für mich tragen.«
Fariduddin ’Attar: »Tadkirat «
Der Begriff Liebe beim Menschen bedeutet, Vereinigung herbeizuführen: die des Geistes und der Körpers zweier Menschen.
Ibn Arabi
Wenn nun also Allah mich zur Zeit des Gedenkens nicht so streichelt und an die Brust drückt, dann ist mein »Allah«-Sagen nutzlos gewesen. Da ich eine solche Liebe zu Allah habe, fürchte ich mich sehr davor, dass ich einmal einen Augenblick ohne Allah sein könnte.
Baha’uddin Walad
Wenn du zur Befriedigung der Wollust kamst, sagtest du: »Das ist jetzt der richtige Aufenthaltsort. Wie lange auch das Leben währt, hier lässt sich’s leben.«
Baha’uddin Walad
Ich fand keine Lebendigkeit stärker als die Wollust und das Lustgefühl der Liebe. Die Furcht der Erhabenheit, die Furcht der Knechtlichkeit und die Verehrung Allahs sind allesamt zum Zweck des Ausschickens des Lustgefühls der Wollust durch Allah da. Auch die Süße der Kinder gehört zur Rechnung der Liebe und der Wollust, und Rosenwasser und Schmuckstücke sind alle Gefolgschafter der Wollust und der Liebe.
Baha’uddin Walad
In dem gleichen Maß, wie du in dir durch die Zärtlichkeiten Allahs Gestalten siehst, Vorstellungen, Veränderungen, Zerbröckelung und Zerstäubung, Liebesspiel und Schönäugige, liebendes Beisammen und so weiter bis ins Unendliche, in demselben Maß enthält dein »Allah ist am größten« die schönsten Namen.
Baha’uddin Walad
Solange Allah kein maza (Lustgefühl) zu deinem maza-gah (Lustgefühlsorgan) bringt und kein Lustgefühl zu deinem schawat-gah (Wollustorgan) gesellt, hast du kein Lustgefühl.
Baha’uddin Walad
Es sieht aus, wie wenn Bäume und Pflanzen Wasser und Erde saugen, ohne dass geredet und geplant wird, wie wenn der Gaumen Labtrunk, das Auge Schönheit und das Schamteil Wollust der Geschlechtsverbindung saugen, ohne dass geredet wird. So könnte man sagen: Dies alles saugt an Allah, ohne dass ein Reden, ein Gedenken oder die Wahrnehmung eines Einfalls dabei wäre.
Baha’uddin Walad
Wenn du das Glucksen der Vulva der Tarkan siehst, tausend Jahre immer dasselbe, sprich: »O Allah, ich bin Dein nichtswürdiger Beischläfer.« Wenn du darauf hinblickst, dass Allah in deinen Teilchen Verkehr und mudschamaat (Beischlaf) hat, sättigen sich alle deine Teilchen mit Allahs maza.
Baha’uddin Walad
Ist man ein Mann des Paradieses, so sagt man: »Lustgefühle und Lichter finden kein Ende, nur ich, weil meine Kraft am Ende ist, bin ausgesperrt von dieser Zuteilung.«
Baha’uddin Walad
Allahs Schamteil ist unterschiedlich. Ein Schamteil von Ihm ist das Formen von arusan (jungen Frauen) und doschizagan (Jungfrauen), und der Lust, die Er in sie gelegt hat, für die Männer. Das Beschlafen der Männer und der Männchen der Tiere durch Allah besteht darin, dass er die Männer in der Gestalt dieser Frauen und mit dem, was sie mit sich bringen, wie Kuss und dergleichen, berührt. Ein Schamteil Allahs ist die Formung von Männchen und Männern, mit denen Allah die weiblichen Wesen beschläft und sie berührt wie Maria, und wie gute und böse Geister berühren. Eines ist der Verkehr Allahs mit den grünen Pflanzen, den Wassern, den Lüften und den Erdbestandteilen. Niemand kennt die Art und Weise dieses Verkehrs, dieser Berührung und dieses Beischlafs.
Baha’uddin Walad
So verwandelt sich denn bei jedem Daseinsding, mit dem Allah weniger verkehrt, die Vollkommenheit des Zustands des betreffenden Dinges in Unvollkommenheit, gleichwie die Frau, wenn der schah (Mann) sich von ihr abwendet, verwelkt. Allah hat aber noch anderen Verkehr.
Baha’uddin Walad
Bei jeder Wunderbarkeit, wie Liebe, liebendes Beisammensein, gegenseitige Liebe, bei Spielen, Nettigkeiten, angesichts von Blüten und Wassern, Wunderdingen, Zierden und Prächtigkeiten sag: »O Allah, bring aller Arten Wunderbarkeiten, Wunder und Rauschzustände in meinen Teilchen hervor und auch die Zustände der Furcht! Sieh, wie viel tausend Arten von Wunderbarkeiten diese deine Teilchen erhalten haben, bis sie Teilchen des Menschen wurden! Bald waren sie grüne Pflanzen, bald schöne Menschen, bald Liebende, bald Bäche.«
Baha’uddin Walad
Die Schönäugigen und Großäugigen weiden auf uns.
Baha’uddin Walad
Da Allah in jedem meiner Teilchen wirkt und alle Einfälle und Lustgefühle von Allah seiend werden, haben alle sich Allah zugewandt. Und Allah – wie der schöne Mann mitten unter den neuen Frauen sitzt und die eine ihn in die Schulter beißt, die andere ihn auf das Schulterblatt küsst und eine dritte sich an ihn schmiegt, oder wie Kinder gleich Perlen sich um den jungen Vater sammeln und mit ihm spielen, oder wie Tauben und Sperlinge sich um jemand, der ihnen Futter gibt, scharen und sich überall auf ihn setzen: in gleicher Weise kreisen alle Stäubchen der Daseinsdinge um die Schönheit Gottes und kreisen meine Planung und meine Einfälle um Gott und sagen »hochgepriesen« und »unbefleckt«.
Baha’uddin Walad
Wie schön hat Allah den Honigfluss der Freude, den man Wollust nennt, zwischen verträglichen Ehegatten fließen lassen! Wie schön hat Allah den Milchfluss der Anteilnahme zwischen den Menschen fließen lassen! Wie schön hat Allah den Weinfluss der Liebe fließen lassen! Wie schön hat Allah den Wasserfluss des Lebens und des Wissens fließen lassen! Dies sind die vier Paradiesflüsse, die Allah durch jeden Leib fließen lässt.
Baha’uddin Walad
Also fließen durch alle meine Teilchen Bäche von Licht wie Goldwasser, und sie fließen aus den Eigenschaften Allahs.
Baha’uddin Walad
Mir fiel ein: Jemand sieht alle deine Schamstellen: deine Kahlköpfigkeit, deine Blöße, dein Schamglied, so wie die Braut ihren Gatten und der Bräutigam seine Frau sieht. Sie sehen alle geheimen Stellen und schamhaften Dinge aneinander, freuen sich aneinander, lassen sich voreinander gehen und sind hemmungslos. So wirf dich denn, da Allah doch alle deine geheim gehaltenen Teile und deine Blößen sieht, ohne Hemmung lang hin vor Allah und sage: »O Allah, verfüge über meine Teilchen, ganz wie Du immer verfügst, denn keiner kann sich vor Dir verbergen!« Dann wieder sprangen alle Teilchen vor der Verehrungswürdigkeit Allahs auf, voller Ehrfurcht und Würde, wie die Frau vor dem Gatten dienstbeflissen sich aufstellt. – Notwendigerweise werden in der Liebe zu Allah alle Teilchen meiner Teilchen trunken und fröhlich, gleich wie beim Wollusttreiben alle Teilchen fröhlich werden.
Baha’uddin Walad
Erst wenn Allah all meinen Teilchen ein Holdes antut, mich von Kopf bis Fuß streichelt, weiß ich, dass ich einen Herrn habe. So weiß ich denn jedes Mal, wenn ich »Allah« flüstere, dass Allah mich streichelt, und schon fehlt nicht viel, dass mir vor Wonne Milch aus der Brust fließt und aus jedem meiner Teilchen Wonnetröpfchen und Freuden austreten, heißt es doch: »Die Heiligen sind die Bräute Allahs.«
Baha’uddin Walad
Und jedes meiner Teilchen wurde wie eine Frau, die ihrem Mann im trauten Alleinsein Verehrung erweist.
Baha’uddin Walad
In den Lustgefühlen, Freuden und Wohligkeiten, die ich an Allah empfinde, winde und dreh ich mich, zittere, gerate drunter und drüber und versinke. Wenn ich beim Allah-Sagen solche Wunderbarkeiten nicht erlebe, ist dieses Allah-Sagen bei mir nicht in Ordnung.
Baha’uddin Walad
Jedes Mal, wenn ich eins meiner Kinder schreien hörte, rief ich: »Ach, was ist denn jetzt schon wieder passiert?!?« Wenn ich nur in der Sorge um meine Kinder dahinlebe, gehe ich verloren, und wenn ich nur auf mich selbst aufpasse, gehen meine Kinder verloren.
Baha’uddin Walad
Ist der herzraubende Bettgefährte nicht da, kann man den Arm auch um sich selber legen.
Saadi: »Dschulistan«, Buch 3, Geschichte 28
Im Traum sieht er einen Dämon, der einer Huri gleicht, und vor Gier verspritzt er seinen Samen. Nachdem dieser auf unfruchtbare Erde fiel, erwacht er und das Bild entfernt sich von ihm. Dann fühlt er sich schwach und sieht seinen besudelten Leib, und ist traurig über das, was ihm geschah und wieder verschwand.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 1, Vers 414–417
Tag ist in Nacht verliebt, zum Äußersten bereit; guck nur genauer hin und sieh: die Nacht ist noch verliebter!
Rumi: »Mathnawi«
Das Kind kennt das Wesen des Beischlafs nicht; du kannst höchstens zu ihm sagen: »Es ist wie eine Süßigkeit.« Ist das Wesen der Wollust im Geschlechtsverkehr etwa das Gleiche wie das Wesen des Naschwerks, mein Meister?
Rumi: »Mathnawi«, Buch 3, 3637+3638
Wenig schert der Geist sich um den Bart des Körpers; ohne Geist bleibt jeder Leib ein ekelhafter Leichnam.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 4, Vers 1886
Sie spreizte ihre Schenkel und der Esel spielte mit; feurig flammte dessen Penis in ihr auf. Wohlerzogen drang er in sie ein – bis zu den Hoden, und bis die Herrin auf der Stelle starb. Eingeweide und Gedärme platzten unterm Ansturm dieses Penis’ auseinander.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 5, Vers 1387
Wie verächtlich! Beten so die Hoden eines Mannes!?! Passt ein solches Glied zum Beten?
Rumi: »Mathnawi«, Buch 5, Vers 2203
Du Schwuchtel du, was läufst du der Armee voraus, wo doch dein Vollbart Zeugnis ablegt gegen deinen Pimmel!
Rumi: »Mathnawi«, Buch 5, Vers 2510
Kaum dachte nun der Kalif an die Schöne, schwoll sein Ding, und er versuchte was zu meistern. Kaum hing er zwischen ihren Schenkeln, kam das Schicksal und verbaute seinen Weg zur Wonne. Er hörte Mausgeraschel, seine Rute schrumpfte und die Lust verkroch sich. Aus Angst, die Maus könnt eine Schlange sein, sprang er so schnell wie möglich von der Matte. Die Frau sah sein Gebaumel und fing an zu lachen, und konnte ihr Gelächter nicht mehr drosseln. Und dachte an den Krieger, dessen Glied beim Kampf mit jenem Löwen prall und steif blieb.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 5, Vers 3942 f.
Die Tyrannei der Frauen zu ertragen und zu erdulden, ist, als ob man seine eigene Unreinheit an ihnen abreibt. Dein Charakter wird gut durch Ertragen, ihr Charakter wird schlecht durch Herumjagen und Angriffslust.
Rumi: »Fihi ma fihi«
Unser Inneres ist mit solchen Worten ganz vollgestopft. »Und sie sagen: ›Unsere Herzen sind unbeschnitten‹ Sure 2/88. Die Ungläubigen haben gesagt: »Unsere Herzen sind eine Vorhaut für solcherlei Worte. Wir sind voll davon.«
Rumi: »Fihi ma fihi«
Ich werde heut Nacht ein religionsgesetzlich erlaubtes Vergnügen genießen. Lasst auch ihr, in Übereinstimmung damit, die Übungen und verbringt die Zeit in Sorglosigkeit und Muße.
Nadschmuddin Kubra al-Huwarizmi vor seiner Hochzeitsnacht mit einer Chinesin
Vierzehn Jahre ist mein Götze, und so spritzig und so süß / dass der Mond von vierzehn Tagen ihm sich gern als Ohrring lieh.
Hafiz aus Schiraz
Saadi war nur dann gelöst und zum Reden aufgelegt, wenn er unter seinen Zuhörern einen schönen Knaben entdeckte.
Safiuddin-i Ardabelli
Die Schönheit des Weibes ist ein Strahl Gottes und nicht der Geliebten. Der Mystiker erblickt das Angesicht göttlicher Schönheit auf der Schaubühne jeder einzelnen Kreatur, und liebt, weil er in der Schönheit die Offenbarung der Herrlichkeit göttlicher Namen sieht. Darum spricht auch der Prophet: »Drei Dinge liebe ich von eurer Welt: Weiber, Wohlgeruch und Behaglichkeit.«
Sururi
»Wieso verstößt du nicht dein zänkisches Weib, damit du endlich in Frieden leben kannst?« Husayn’alischah-i Isfahani: »Nach mir wird kein Mensch mehr mit ihr auskommen. Wenn sie aber ohne Gatten bleibt, fürchte ich, dass sie der Sünde verfallen wird und dass dann also ich dafür verantwortlich sein werde. Daher ist es besser, ich füge mich ihr und ertrage ihre Ausfälle mit Geduld.«
Wollust jenseits des Leibes
Sufi-Sehnsucht, Sufi-Ekstasen, Sufi-Visionen
Gläubiger und Heuchler werden sich erst dann versöhnen, wenn sich Wolf und Lamm versöhnt haben.
Malik ibn Dinar
Ich betete hinter Bayezid das Mittagsgebet. Als er die Hände zum »Allahu akbar« erheben wollte, vermochte er es nicht, aus Ehrfurcht vor Gottes Namen. Seine Brust bebte, sodass ich seine Knochen krachen hörte und ich mich entsetzte.
Anonymer Zeitgenosse über Bayezid al-Bastami
Abu Yazid, Dun Nun al-Misri, Muhammad ibn Hafif, al-Hussein ben Mansur, Yahya ibn Mu’ad und andere lehren, das karamat (Huldwunder) werde vom Gottesfreund nur gewirkt, wenn er sich im Zustand der Trunkenheit befindet.
Abu Bakr al-Wasiti über Bayezid al-Bastami
Die Zustände sind wie Blitze. Bleibt es, so ist es ein Reden der Seele.
Dschunaid
Wenn genug Erkenntnis da ist, schadet mangelnde Verzückung nicht. Erkenntnis ist vorzüglicher als Verzückung.
Dschunaid
Wie nötig brauchen doch die Menschen eine Trunkenheit, die sie fortführt von ihrer Ich-Wahrnehmung, ihren Taten und Zuständen!
Schibli
Ich merkte, dass ich das Geschaffene überschritten hatte. Da rief ich: »Labbayka Ilahumma labbayka«, trat ein in den göttlichen Zustand, begab mich auf die Wallfahrt in der Alleinheit und die tawaf (Umwanderung). Das göttliche Haus pilgerte zu mir, die Ka’ba verkündete mein Lob und die Engel priesen mich.
Kharaqani
Dschunaid erzählte: »Ich traf in der Wüste einen jungen Mann, einen Schüler, unter einer Akazie. Ich fragte, warum er hier sitze. ›Weil ich einen (mystischen) Zustand verloren habe.‹ Ich ging weiter, kam nach meiner Wallfahrt wieder hier vorbei und sah ihn nicht mehr unter, sondern unweit der Akazie sitzen. Er erklärte: ›Was ich suchte, habe ich an dieser Stelle gefunden. Darum bin ich an ihr geblieben.‹« Dschunaid kommentierte später: »Ich weiß nicht, was von beidem besser ist: sein Verharren, weil er seinen Zustand verloren hatte, oder sein Verharren an dem Ort, wo er sein Ziel erreicht hat.«
Quschayri
Der Ekstatiker betet, ohne etwas davon zu merken.
Ibn Arabi: »Futuhat«
Leute, die Lustgefühle jenseits des Leibes leugnen, befinden sich schon zu Lebzeiten in einer Hölle.
Baha’uddin Walad
Schon daraus, dass so viele gern meinen Zustand hätten und ich gar kein Verlangen nach ihrem Zustand trage, ergibt sich, dass mir Allah eine schönere Welt als ihnen beschieden hat.
Baha’uddin Walad
Wenn ich eine Fessel entdecke, bitte ich Allah, diese Fessel zu zerreißen und den betreffenden Ort aufzubrechen, damit Ehrfurcht, Barmherzigkeit, Gerührtheit und Weinen aus dem Ort herauskommen und aus mir herausquellen. Wenn ich die Göttlichkeit, Verehrungswürdigkeit und die Eigenschaften Gottes anschaue, erscheinen solch wunderbare Helligkeiten, dass mein Geist zerspringt und hüpft, wie wenn Glas vom Feuer hüpft und zerspringt. Und hunderttausend Wunderbarkeiten gucken und kommen aus jedem Riss hervor.
Baha’uddin Walad
Wie Muscheln der Erleuchtung im Meer der Seele
Sufi-Beredsamkeit, Sufi-Schöngeist, Sufi-Poesie
Zwölf Jahre lang war ich der Schmied meiner Seele. Ich warf meine Seele in das Feuer der Disziplin und ließ sie glühend heiß werden in den Flammen harter Anstrengungen, dann legte ich sie auf den Amboss der Reue und schlug sie mit dem Hammer der Selbstanklage, bis ich aus meiner Seele einen Spiegel gefertigt hatte. Fünf Jahre lang war ich mein eigener Spiegel und polierte diesen Spiegel mit allen erdenklichen Arten von Gottesdienst und Gehorsam. Danach schaute ich meine eigene Widerspiegelung ein Jahr lang und sah um meine Leibesmitte einen Ungläubigengürtel des Selbstbetrugs, der Gefallsucht und der Selbstüberschätzung, weil ich auf meinen eigenen Handlungen des Gehorsamseins mich stützte, überzeugt von meinen eigenen Verhaltensweisen. Fünf weitere Jahre lang arbeitete ich, bis dieser Gürtel zerriss und ich erneut zu einem Musulmanen wurde.
Bayezid
Göttliche Erleuchtungsstunden liegen wie Muscheln im Meer der Seele; vom Morgen der Auferstehung ans Ufer geworfen, springen sie auf.
Halladsch
O Mond, wie gleichst du einem müden Auge. / Erscheinst du, leuchten deine beiden Ränder. / Ich weinte über mich um seinetwillen. / Doch als er fortsank, da weinte ich um seinetwillen über ihn.
Eine von Abu Bakr Schibli gern zitierte Strophe
Jede Zunge hat Buchstaben, und jeder Buchstabe hat eine Zunge.
Schibli
Jetzt rate, was ein Vögelchen am Morgen zu mir sagte! / »Du willst ein Mensch sein, ohne dass du liebst? / Wo selbst Kamele singen möchten, und Vergnügen fühlen, / da ist der Mensch ein Esel, wenn er nichts empfindet. / Der Wind, der über Wiesen fegt, / verbiegt die Äste. Doch der Stein bleibt reglos.«
Saadi: »Dschulistan«
Der eine, der geht irre wie ein Schwein, / der andere schleicht fintenreich als Fuchs umher. / Der eine prescht als Elefant durch Busch und Wand, / der andre hetzt als Krabbeltierchen vorwärts, / der eine in Natur und Tat ein Hund, / der andre neunmalklug gleichwie die Maus. Der eine tappt in eine Falle, für ein Korn, / der andre findet sich im Feuer wieder, angeröstet. / Der eine fleddert Leichen wie ein Geier, / der andere krächzt klagend wie ein Rabe. / Des einen Kummer bricht hervor als Wutanfall, / des andern Untat bricht hervor als böser Blick. / Der dort ein Richter, aufgebläht von angemaßter Macht, / der andre Wächter, trüb wie Monatsblut. / Der eine Löwe, aufgerissen vom Gebrüll, / der andre Wolf, der kläffend sich ins Fleisch verbeißt. / Der eine, der als Krokodil die Beute unzerkaut verschlingt, / der andre, der als Tiger alles kurz und klein reißt. / Der da will schwimmen, aber japst als Fisch auf festem Land, / dort der will fliegen, aber hinkt als Rebhuhn durch die Luft.
Fariduddin ’Attar
Schaum hier, Schaum dort, und du? Bist eine Blase nur. / Falls das an Rang dir nicht genügt – glaubst du, es gäbe mehr? / Am Ende heißt es: Geh’ und ahne davon nichts, / was war, was wird, was werden sollte. / Am Anfang geht das Leben dir zu langsam; / wenn’s aufhört, geht dir alles viel zu schnell. / Bin irgendwo dazwischen, weder dies noch jenes, / weiß über Leib und Seele wenig, bin weder das noch dies. / Ein Ketzer von Natur, mit schwachem Glauben, / Gelüste übermächtig und das Herz zerbrechlich. / Was soll ich tun? Was soll ich denn nur tun!? Hab’ viel gesucht. / Erst kam Verwirrung, nun kam noch Liebeswahn hinzu. / Ratlos steh ich in dieser Zeit, voll Sehnsucht, ohne Hoffnung, / und blicke eifersüchtig auf beflügelte Insekten. / Weiß nicht, woher es kommt, wohin es geht und was das soll. / Arm mein Verstand, das Innere zum Bersten voll mit Drangsal. / Obwohl ich anfing, Wissen zu erwerben, weiß ich nichts. / Selbst wenn ich alles wüsste, wüsst’ ich nichts. / Mein Wissen müsste Ungelehrtheit heißen, / und Ungelehrtheit steigert nur Verwirrung. / Mein irres Streunen hat mich starr und hart gemacht, / und so verhärtet geh’ ich in den Tod.
Fariduddin ’Attar
Die Leute reißen sich in den Läden der Welt um Ansehen und Geld, und die Wünsche sind wie eine lange Leiter oder eine hohe Halde. Stufe um Stufe steigen sie da hinan. Ich weiß aber sicher, dass sie mitten von der Leiter herunterpurzeln werden.
Baha’uddin Walad
Um ein Brotkrümchen sammeln sich soundsoviele Ameisen. Bist du etwa weniger als ein Brosämchen, dass die Dämonen nicht wie Ameisen sich um dich sammeln sollten? Niemals kann man die Ichheit bei Bestehen der Ichheit aus sich vertreiben und auch nicht mit Gewalt sich mit Ichheit ausstatten. Abu Yazid al-Bastami hatte Ichheit.
Baha’uddin Walad
Ich überlegte mir: Jeder, der Gott sucht, gelangt zum Nichtsein, kann nicht weiter und wird verwirrt. Das Nichtsein ist ein Graben vor der Hoheit Allahs. So sehr du nach Anfang und Ende dieses Grabens ausschaust, du findest sie nie. Du siehst den Graben als blaue Fläche und Luft. Von jenseits werden dir Dinge zugeschickt. Auf dem Pfeil der Gaben werden dir die Namen »Erbarmer« und »Bezwinger« zugeschossen. So stehen alle Leute immer vor diesem Graben, und Allah schießt von jenseits des Grabens seine ihm zugeordneten Eigenschaften herüber.
Baha’uddin Walad
Morgens ging ich eine Rose pflücken, / sah mich um, ob nicht der Gärtner gucke, / dieser sah mich, aber schimpfte nicht: / »Eine Rose bloß? Ich schenke dir den ganzen Garten!«
Rumi: Vierzeiler Nr. 1217
Bald schnalz ich den Finger vor Sehnsucht, / bald beiß ich vor Trennungsschmerz in den Finger. / Ich tauch den Finger ins Wasser, den Vollmond zu fangen, / der aber sagt mir: »Ich steh am Himmel.«
Rumi: Vierzeiler Nr. 1274
Allah raunt ein Zauberwort ins Nichts, das augenlos und ohne Ohren aufschäumt. / Nicht-Ding kommt als Ding ins Sein gepurzelt, unter Seinem Anhauch. / Allah raunt ein Zauberwort ins Sein, da reiten alle Dinge wieder fort ins Nichts.
Rumi: »Mathnawi«, Buch 1, Vers 1448–1450
Der Atem kam, er sah dich und entschwand. Er schenkte Leben, wem er wollte, und entschwand. / Ein andrer Atem kam herbei, pass auf, o Kamerad, dass du auch diesen nicht versäumst. / Der Atem gestern Nacht kam nun zu mir, in anderer Verkleidung, ein Bissen warf sich quer, versperrte ihm den Zugang.
Rumi: »Mathnawi«: Buch 1, Vers 1953, 1954 + 1960
Ich stieg auf einen Pflaumenbaum, um Äpfel dort zu pflücken. Der Gärtner fuhr mich böse an: »Was isst du meine Walnuss!?!«
Yunus Emre
Zerklopfe der Viper der gafla (religiösen Gleichgültigkeit) den Kopf mit dem Stein!
Maulana Nurrudin Abdur Rahman Dschami: »Tuhfat ul-ahrar«
Ein hungriger Narr geht in die Wüste
Sufi-Geschichten, Sufi-Anekdoten, Sufi-Gleichnisse
Ich habe vier Reittiere, auf denen ich abwechselnd zu Allah reite. Wenn ein Glück mich trifft, reit ich auf dem Pferd des Dankes. Wenn ich eine Sünde verübt hab, reit ich auf dem Pferd der Buße. Wenn Leid mich überfällt, steig ich aufs Pferd des Duldens, und wenn ich eine gute Tat tu, dann reit ich auf dem Pferd der Treue.
Ibrahim ibn Adham
Gott ließ allen Bergen Kunde geben, dass Er auf ihnen sprechen wird. Alle Berge haben sich darüber erhaben gefühlt und sich großgetan, außer dem Sinai, und darum sprach Gott von ihm aus.
Fuzeil ibn Ayaz, übernommen aus hebräischem Schrifttum/jüdischen Sagen
Wirf einem Hund Gold hin, er kennt es nicht. Wirf ihm einen Knochen hin, er macht sich drüber her. So machen es die Toren unter euch. Sie kennen Allah nicht.
Malik ibn Dinar
Bäche und Flüsse rauschen solange, bis sie ins Meer hineingeflossen sind. So ist es auch mit dem Herzen des Mystikers; es rauscht solange, bis es zu Allah gelangt.
Bayezid
Hoffnung und Furcht müssen wie die Flügel eines Vogels gleich stark sein, damit der Vogel richtig fliegen kann.
Abu Ali ar-Rudbari
Man hat einen Sack genommen, mit Hunden gefüllt und hat etwas Engel zu den Hunden in den Sack getan. Ich mag mich anstrengen, wie ich will, ich werde mit diesen Hunden nicht fertig.
Wasiti
Ich kam an Buhlul vorbei, als er Naschwerk aß. Als ich ihn bat, mir etwas abzugeben, sagte er: »Das Süßzeug gehört mir nicht. Sondern Atika, die Tochter des Kalifen, sandte es mir, damit ich es für sie esse.«
Ibrahim as-Saibani über Buhlul
Zwei Liebende fuhren übers Meer. Einer fiel ins Wasser, da stürzte sich der andere hinterher. Taucher, die beide rausholten, fragten, warum sich der Zweite habe fallen lassen, und bekamen zu hören: »Ich war durch dich von mir abwesend und glaubte, ich wäre du.«
Schibli
Ein Inder, verliebt in seine Sklavin, ging zu deren Abschied hinaus, weil aber nur sein eines Auge weinte und das andere nicht, bestrafte er das trockene Auge, indem er es fortan stets geschlossen hielt – 84 Jahre lang!
Quschayri
Ein Mann traf einmal auf einen toten Löwen. Er rief: »O Allah, mach ihn lebendig!« Da wurde er lebendig, stand auf und fraß ihn auf.
Abdulla Ansari: »Tabaqat us-sufiya«
Quschayri ging, als er bei nächtlicher Litanei träge wurde, in die Moschee, um sich durch Vollwaschung munter zu machen. Dabei wurden ihm die abgelegten Kleider gestohlen. Er ging, neu eingekleidet, noch mal hin, da stieß er gegen einen Stein, verletzte sich, wobei sein Turban hinfiel und ebenfalls gestohlen wurde. Das nahm er als Zeichen, dass Allah seine Litanei nicht brauche, und er verzichtete auf weiteres Gebet.
Muhammad ibn Nuruddin Munawwar ibn Abi Sa’d As’ad: »Asrar ut-tawhid fi maqamat isch-schay Abi Sa’id«
Einer verbrachte die ganze Nacht betend im Gottesdienst; sein Bruder unterdessen diente ihrer beider hilfsbedürftigen Mutter. Da belehrte Allah den betenden Bruder: »Wir bedürfen nicht dessen, was du da tust; deine Mutter hingegen kann nicht darauf verzichten, dass dein Bruder sich um sie kümmert.«
Kharaqani
Soviel wir auch tun: An Allahs Hof können wir unsere Hutecken nicht grade machen.
Abu Sa’id
Ein Derwisch wollte Trockenbrot essen, hatte aber zu schwache Zähne. Er zerbrach das Brot und warf es ins Meer. Eine Welle fragte: »Wer bist du?« Das Brot erwiderte: »Trockenbrot.« Die Welle sprach: »Wenn du mit uns umgehst, wirst du Nassbrot werden.«
Abu Sa’id
Abu Sa’id saß zu Pferd vor einer Mühle und verkündete: »Wisst ihr, was diese Mühle mir erzählt? Sie sagt: ›Sufismus ist das, was ich tue. Ich empfange Grobes und gebe Feines zurück. Ich kreise um mich selbst. Ich reise in mich selbst, um das, was nicht sein soll, aus mir zu entfernen.‹«
Muhammad ibn Nuruddin Munawwar ibn Abi Sa’d As’ad: »Asrar ut-tawhid fi maqamat isch-schay Abi Sa’id«
Ein Derwisch zog viel herum, fand aber keine Ruhe. Darob wurde das Herz ihm schwer. Er legte sich unter einen Dornstrauch und zog sich den gilim (Überwurf) über den Kopf. Sein Herz fühlte sich wohl. Er blickte zum Himmel und sprach: »Mein Herr, Du bist bei mir im Kleid, und ich suchte Dich solange in den Wüsten.«
Muhammad ibn Nuruddin Munawwar ibn Abi Sa’d As’ad: »Asrar ut-tawhid fi maqamat isch-schay Abi Sa’id«
Die Welt ist ein Aas, an dem sich zuerst die Löwen, dann die Panther, dann die Wölfe und Hunde, dann die Raben satt fressen. An das, was übrig bleibt, machen sich die Mistkäfer und Ameisen. Die Löwen sind die Könige, die Panther die Emire, die Wölfe und Hunde deren Gefolgsleute, die Raben deren Untergebene. Der Mistkäfer ist der Steuereintreiber, und die Ameisen sind die Leute auf dem Bazar.
Abbasa-i Tusi
Der weise Luqman manchmal sich erbaute mit grader Flöte und mit krummer Laute. Ein Schwätzer stichelte: »Was machst du mit sechs Flügeln und drei Füßen?« Der weise Luqman weinte los: »Zu viel für einen, welcher sterben muss.«
Sana’i: »Hadiqat al haqiqa«
Eine lange Nacht hindurch weinte ein Mann am Bett eines Sterbenskranken. Als der Morgen dämmerte, war der Weinende tot und der Patient am Leben. Manch feuriger Hengst brach zusammen, während der lahme Esel am Ziel ankam.
Saadi: »Dschulistan«, Buch 2, Geschichte 16
Ein Mann ging in die Moschee, um dort zu klagen, dass er keine Schuhe habe. Da sah er einen Mann, der keine Füße hatte.
Saadi
Zu Hatim al-Assam kam eine Frau und fragte ihn um Rat. Doch im selben Augenblick entfuhr ihr ein Wind und übertönte ihre Frage. Um sie nicht zu beschämen, sagte Hatim: »Sprich lauter, Frau, ich höre schlecht.« Sie hob ihre Stimme und er beriet sie eingehend in ihrer Sache. Nach ihr kam ein anderer, um sich beraten zu lassen, und auch hier sagte Hatim: »Lauter, ich höre schlecht.« Um nämlich der Frau nachträgliche Scham zu ersparen. Von da an sprachen alle nur von Hatim dem Tauben. Nach fünfzehn Jahren starb die Frau, und Hatim der Taube konnte ab sofort wieder ausgezeichnet hören.
Fariduddin ’Attar
Ein Bauer kommt nach Buchara und schläft dort in einer Moschee. Um nicht verloren zu gehen, hat er sich einen Kürbis ans Bein gebunden. Ein Spaßvogel macht den Kürbis los und bindet ihn sich selbst ans Bein. Als der Bauer erwacht, weiß er nicht, ob er der andere ist.
Fariduddin ’Attar
Ein Meister hat einen schielenden Gesellen. Den schickt er, eine Flasche Öl zu holen. Der Geselle geht, sieht statt der einen Flasche zwei und fragt: »Welche davon soll ich holen?«
Ärgerlich ruft der Meister ihm zu: »Zerbrich die eine Flasche und bring die andere her!« Da zerbricht der Geselle die eine und sieht nun auch die andere nicht mehr.
Fariduddin ’Attar
Ein Fuchs und eine Füchsin sitzen zusammen. Da hören sie einen Jägers nahen und müssen sich trennen. Die Füchsin fragt schnell noch: »Wann treffen wir uns wieder?« Der Fuchs sagt im Fortlaufen: »Im Laden des Pelzhändlers.«
Fariduddin ’Attar
Ein Mann, der sein Leben damit verbracht hat, verlorene Esel auszurufen, wird schließlich alt, und es kommt zum Sterben. Als ihm auf dem Sterbebett der Todesengel erscheint, glaubt er, das sei ein Mann, der einen Esel verloren hat. Er springt auf, eilt zum Fenster, streckt den Kopf hinaus und ruft: »Ihr Freunde, wenn einer von euch einen Esel mit Satteldecke gesehen hat, so schickt ihn her!«
Fariduddin ’Attar
Ein Sufi möchte seine Kleider waschen. Sobald er sich aber anschickt, Seife zu kaufen, steigt eine Wolke auf und vereitelt seine Absicht. Eines Tages macht er wieder einen Versuch, geht zum Krämer und will Seife kaufen, und schon ist die Wolke da. Da ruft er ihr zu: »So geh doch! Ich will ja Rosinen kaufen, nicht Seife!«
Fariduddin ’Attar
Ein Mann bietet einem Händler einen Kelim zum Verkauf. Der Händler macht den Kelim schlecht: »Ein schlechter Kelim, rau wie ein Igelrücken!« Schließlich bezahlt er einen recht geringen Preis dafür und legt ihn in seinen Kasten. Kurz darauf kommt ein Käufer und verlangt einen recht weichen Kelim. Der Händler holt den soeben gekauften Kelim hervor und rühmt ihn in den höchsten Tönen: »Ein unvergleichlicher Kelim, weich wie Seide!« Dies alles hört und sieht ein Sufi mit an. Er sagt zu dem Händler: »Ach setze doch auch mich in deinen Zauberkasten, der raues Zeug zu Seide macht. Vielleicht werde auch ich darin verwandelt!«
Fariduddin ’Attar
Ein frommer Gottesdiener verausgabt sich Tag und Nacht mit Gottesdienst, doch Erleuchtungen werden ihm nicht zuteil. Einst sieht er Moses, klagt ihm sein Leid und bittet ihn, Gott zu fragen, warum Er ihm keine Seelenfreuden schenke. Bei seinem nächsten Gang auf den Sinai befragt Moses den Herrn. Der antwortet: »Er wird Meiner Nähe nicht teilhaftig, weil er immerfort mit seinem schönen Bart beschäftigt ist. Ständig kämmt er ihn!« Moses überbringt dem Mann die Botschaft, worauf dieser sich weinend den Bart ausrauft. Gabriel berichtet Moses: »Er ist leider immer noch mit seinem Bart beschäftigt.«
Fariduddin ’Attar
Überliefert wurde, dass Yahya ibn Mu’ad eines Tages aufs Redepult stieg. Viertausend Menschen warteten auf den Beginn seiner Predigt. Er sah sich aufmerksam um, stieg wieder herunter und erklärte: »Derjenige, um dessentwillen ich hier reden wollte, ist nicht gekommen.«
Fariduddin ’Attar
Abu Bakr Nischapuri ritt mit seinen Jüngern aus seinem Konvent heraus. Da geriet er in Verzückung und zerriss seine Kleider. Seine Jünger und die sonstigen Anwesenden wurden durch dies Gebaren aufs Äußerste befremdet. Doch der Scheich erklärt: »Als ich so, umgeben von euch, meinen Jüngern, dahergeritten bin, ist mir auf einmal der Gedanke gekommen: ›Ich bin wahrlich nicht geringer als Bayezid! So wie ich heute mit meinen Jüngern prachtvoll einherreite, so werd ich gewiss auch am Auferstehungstag vorreiten!‹ Kaum aber hatte ich dies gedacht – da ließ plötzlich der Esel als Antwort einen Wind fahren. Da fiel es mir wie Feuer ins Herz.«
Fariduddin ’Attar
Ein Christ tritt zum Islam über, übertritt aber schon am nächsten Tag das Weinverbot und betrinkt sich. Seine Mutter sieht ihn herumtorkeln und ruft: »O Sohn, was tust du! Jesus hast du betrübt und Muhammad hast du es auch nicht recht gemacht!«
Fariduddin ’Attar: »Ilahiname / Gottesbuch«
Ein Narr in Ray beteiligt sich nie am Freitagsgebet. Auf langes Zureden hin lässt er sich endlich bewegen mitzukommen. Als der Imam das Ritualgebet gesprochen hat, fängt der Narr plötzlich an zu brüllen wie eine Kuh. Von den empörten Mitbetern zur Rede gestellt, sagt er: »Meine Pflicht als Nachbeter ist es, dem Vorbeter alles nachzutun. Da er während des »Al-hamdu lillah« eine Kuh gekauft hat, konnte ich nichts Besseres tun als »Muh!« zu rufen. Der Imam gesteht tatsächlich, dass er in dem Moment an einen bevorstehenden Kuhhandel gedacht hat.
Fariduddin ’Attar: »Ilahiname / Gottesbuch«
Ein Mann trifft in der Wüste einen Derwisch und fragt ihn aus, was er da mache. Der Derwisch sagt: »Frag so was nicht. Ich sitz im Engpass dieser Welt; sie engt mich übel ein, die Welt!« Der andre sagt: »Wie kannst du nur von Engpass reden, hier in dieser weiten Wüste?« Der Derwisch sagt: »Wär’ hier kein Engpass, wärst du nie auf mich gestoßen!«
Fariduddin ’Attar
Ein Kloakenfeger kommt am Laden eines Parfümhändlers vorbei und fällt in Ohnmacht. Der Drogist eilt herbei und versucht den Ohnmächtigen mit wohlriechenden Essenzen wieder zu Bewusstsein zu bringen, doch er erreicht nur das Gegenteil. Da kommt ein anderer Kloakenfeger vorbei, reibt dem Kollegen etwas Unrat unter die Nase, und schon kommt der Ohnmächtige wieder zu sich.
Fariduddin ’Attar
Die Mücke beklagt sich bei Salomo über den Wind, der sie beständig hin und her jage. Salomo lässt den Wind rufen. Als er erscheint, wird die Mücke fortgeweht. Salomo entscheidet: »Der Wind hat nichts Unrechtes getan. Aber die Mücke hatte nicht die Kraft, stehenzubleiben.«
Fariduddin ’Attar
Als Allah seinen Thron errichtete, befahl er zehntausend Engeln, ihn zu tragen. Sie erwiesen sich als zu schwach dazu. Da gab er acht Engeln den Befehl, den Thron zu tragen, und siehe, es gelang ihnen. Da wurden sie mit Stolz und Einbildung erfüllt. Da befahl ihnen Allah, zu schauen, wo ihre Füße stehen. Sie sahen, dass sie in der leeren Luft standen und wurden von Furcht befallen. Da sagt Allah: »Ihr bildet euch wohl ein, dass ihr den Thron tragt. Wer ist es, der eure Last trägt?« Da schwand der Stolz aus den Herzen der Engel.
Fariduddin ’Attar: »Konferenz der Vögel«
Als Stahl und Stein aneinanderschlagen, springt aus ihnen Feuer heraus. Der Zunder kommt herzu; das Feuer spricht: »Wer ist denn das?« Der Zunder sagt: »Ich bin doch dein Bekannter, o vertrauter Freund!« Das Feuer sagt: »Ich bin hell und du bist dunkel – was ist das für eine Bekanntschaft?« Der Zunder erwidert: »Durch wen bin ich dunkel geworden, wenn nicht durch dich? Du hast mich doch verbrannt! Darum sei gütig und nimm den von dir selbst Verbrannten an.« Da erkennt das Feuer seinen schwachen alten Bekannten wieder und umarmt ihn.
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