Читать книгу: «DIE RESIDENZ IN DEN HIGHLANDS»
Marianne Labisch & Gerd Scherm (Hrsg.)
Die Residenz in den Highlands
Ein Roman in Episoden
Ausser der Reihe 56
Marianne Labisch & Gerd Scherm (Hrsg.)
DIE RESIDENZ IN DEN HIGHLANDS
Ein Roman in Episoden
Außer der Reihe 56
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: September 2021
p.machinery Michael Haitel
Titelbild & Illustrationen: Gerd Scherm
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat: Marianne Labisch
Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 257 7
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 840 1
Lady Banshee de Lily
Ouvertüre
Eigentlich sollte ich Sie bitten, das Buch zuzuschlagen, es auf die Seite zu legen und nie wieder einen Blick hineinzuwerfen, aber da Sie nun schon einmal Geld dafür ausgegeben haben, wird meine Bitte aller Wahrscheinlichkeit nach ungehört verklingen. Dabei habe ich mich nicht umsonst an diesem Ort zur Ruhe gesetzt. Die Gegend in den schottischen Highlands, wo die Menschen so rau sind wie die Natur, ist weitestgehend verlassen und das kommt mir sehr entgegen. Ich darf nicht auffallen, denn sonst werden sie mich töten, ohne zu wissen, dass dieser Tod bei mir nur wenige Sekunden dauert. Sie werden mich, wie schon so oft, davonjagen, mir Schmähungen hinterherschreien und sich bekreuzigen, als wenn ich das Böse in Person wäre. Von den Bewohnern meiner Residenz droht keine Gefahr; niemand von ihnen hat den Aufenthalt je überlebt. Kaum einer aus der Dorfbevölkerung hat nachgefragt, wie es sein kann, dass die Lady hier schon so lange, mittlerweile weit über dreihundert Jahre, residieren kann. Nicht, dass wir uns falsch verstehen; selbstredend tue ich alles, was in meiner Macht steht, um zu verschleiern, dass es immer noch dieselbe Eigentümerin ist, aber es hätte jemandem auffallen können, wenn es ihn interessiert hätte. Bislang scheint das noch nicht der Fall gewesen zu sein, und mir ist sehr daran gelegen, dass es auch so bleibt.
Was? Sie finden, dreihundert Jahre sei eine sehr lange Zeitspanne für einen Menschen? Da mögen Sie recht haben, aber es ist nichts im Vergleich zu meinem wahren Alter. Vor langer Zeit war ich die Gattin eines Herbergsbetreibers in Nazareth und wir nahmen nicht jeden auf. Zu oft hatte man uns geprellt, bestohlen und betrogen. Ich hatte also keinerlei Gewissensbisse, als wir die Schwangere und ihren Mann, die so armselig auf einem Esel daherkamen, abwiesen, denn wir ließen sie ja im Stall nächtigen.
Hätte ich geahnt, wie mir dieses Entgegenkommen gelohnt werden würde, ich hätte mein eigenes Bett für sie hergegeben, aber wie heißt es so schön? Nachher ist man immer schlauer.
Eines Nachts erschien mir ein Engel und erklärte: »Du hast diesen Menschen in Not nicht geholfen …«
Ich wusste sofort, wen er meinte, und unterbrach ihn: »Ich habe sie beim Vieh übernachten lassen!«
»Du hast sie abgewiesen, obwohl ihr freie Zimmer hattet, du magst die armen Leute nicht, die nicht für ein Dach über dem Kopf zahlen können, ohne je darüber nachgedacht zu haben, was diese Menschen in diese Situation gebracht hat.« Er bemerkte, dass ich erneut versucht war, Einspruch zu erheben und wischte meinen Einwand mit einer Armbewegung fort. »Sag nichts, ich kenne deine Gedanken, mir kannst du nichts vormachen. Ich gebe dir nun Gelegenheit, deine Vorurteile abzubauen. Liebe jeden Menschen, jedes Wesen so, wie Gott es schuf, und wir werden uns wiedersehen.«
Ich habe meine Lektion wahrlich gelernt, lasse Menschen aller Hautfarben hier wohnen, nehme Wesen aus anderen Dimensionen auf, mache vor Schreckfiguren keinen Halt und biete sogar Fabelwesen Unterschlupf, aber diesen Engel habe ich nie wieder gesehen.
Als sich eines Tages ein Doktor Lazarus hier bewarb, sah ich das als Omen und stellte ihn selbstverständlich ein. Wir verstehen uns gut und treffen uns ab und an zu einem feinen Dinner, aber der Engel kehrte nicht zurück.
Inzwischen weiß ich, dass auch Doktor Lazarus länger lebt, als es der gemeine Mensch sonst zu tun pflegt, und so werden wir sicherlich noch eine Weile Weggenossen bleiben, aber ich bin mir sicher, dass auch er eines Tages von mir gehen wird. Wie jeder, den ich in meinem langen Leben kennengelernt habe.
Der dumme Mensch sehnt sich nach dem ewigen Leben, ohne auch nur eine annähernde Vorstellung davon zu haben, was es bedeutet. Es heißt nämlich endlose Müdigkeit und Verlust. Immer wieder Abschied nehmen. Ich habe versucht, meine Gefühle einzukerkern, damit das Scheiden nicht jedes Mal aufs Neue so schmerzt, aber in diesen Zeiten gesellte sich zur Müdigkeit und dem Schmerz noch eine tiefe innere Kälte, die mich zwang dieses Verhalten aufzugeben.
Ob es mir jemals gelingen wird, den Engel wiederzusehen weiß ich nicht, denn gestern erst habe ich eine Stechmücke erschlagen. Auch eine Schnake ist ein Geschöpf Gottes, das ich hätte ins Herz schließen sollen, aber wer von uns schafft es schon, eine Mücke zu lieben, die einen beißt und beißt?
Nun, da Sie schon einmal hier sind, schauen Sie sich um und fragen Sie sich, ob meine Toleranz und Hilfsbereitschaft gegenüber den merkwürdigsten Wesen mir nicht endlich Erlösung schenken sollte.

Sascha Dinse
Acheron
Mehr als einmal während der Reise ertappe ich mich dabei, in der wilden Schönheit der Landschaft zu versinken. Die Limousine gleitet flüsterleise dahin, während ich erneut den Blick über menschenleeres Land genieße und mich daran erfreue, weit und breit kein Haus zu sehen. Die ganze Zeit über halte ich den Brief in Händen, der mich vier Wochen zuvor erreichte und dessen Worte mich hierher führen sollten, in die Abgeschiedenheit der Highlands. Etwa eine Stunde ist es her, seit wir Inverness hinter uns ließen und seitdem wirkt es, als hätten wir dort die Grenze zu einer anderen Welt überquert, in der alles langsamer und angenehmer verläuft. Ab und an bricht die Sonne durch die ansonsten dichte Wolkendecke und verleiht der Umgebung ein märchenhaftes Flair.
Auf meinem Schoß ruht die lederne Aktentasche, die mir seit vielen Jahren treue Dienste leistet. Sie hat mich bereits meine gesamte Karriere über begleitet und nun trägt sie die Früchte meiner Arbeit in sich, eine mit summa cum laude bewertete Dissertation zu den Diagnosemöglichkeiten paranormal bedingter Schizophrenie und ihren Auswirkungen auf das Sozialverhalten, sowie etliche meiner weiteren Forschungsarbeiten.
»Wie weit ist es noch?«, frage ich nach vorn.
Der Fahrer bewegt den Rückspiegel ein wenig, sodass er mich durch ihn anschauen kann. Er trägt eine sonderbare Brille, die seine Augenpartie komplett bedeckt und selbst zu den Seiten hin abschließt.
»Noch ungefähr fünfzig Meilen, mein Herr«, gibt der Mann zurück. »Wir werden in etwa einer Stunde dort sein.«
»Vielen Dank, Cyrus«, entgegne ich und lasse ein weiteres Mal den Blick über die letzten der handgeschriebenen Zeilen gleiten.
»Ich erwarte Ihr Eintreffen am siebzehnten November gegen Nachmittag und kann Ihnen versichern, dass auch Doktor Lazarus sich schier vor Begierde verzehrt, Sie und Ihr medizinisches Genie bald persönlich kennenzulernen.
Bis dahin verbleibe ich hochachtungsvoll
Lady Banshee de Lily«
»Sie finden sie gleich dort hinten, den Gang entlang«, flüstert Schwester Moira. Sie hält an der Ecke inne, deutet auf die große Holztür und macht keine Anstalten, weiterzugehen.
»Wenn ich es nicht besser wüsste, Schwester, würde ich denken, dass Sie Angst vor ihr haben«, sage ich lächelnd.
Die Frau verzieht das Gesicht. »Wenn Sie gesehen hätten, was ich gesehen habe, würden Sie keinen Fuß dort hinein setzen«, gibt sie zurück, macht auf dem Absatz kehrt und entfernt sich mit schnellen Schritten. »Keine zehn Pferde kriegen mich noch mal da rein.«
Während ich Moira nachschaue, blitzt es draußen und gleißendes Licht flutet durch die Fenster auf der linken Seite des Ganges. Dann kracht ein Donnerschlag und lässt den Boden beben. Das perfekte Wetter, um meine spezielle Patientin kennenzulernen.
Den Ordner mit der Krankenakte unter den Arm geklemmt, öffne ich die Tür, die den Übergang in den Westflügel der Residenz darstellt. Nach wenigen Schritten bleibe ich stehen und mustere verwundert die Umgebung. Waren die Räumlichkeiten der Residenz bislang von moderner Einrichtung dominiert, so wirkt der Westflügel, als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Statt elektrischer Beleuchtung erhellen Kerzenleuchter an den Wänden die Umgebung, alt wirkende Gemälde säumen die Wand zur Linken, alles scheint irgendwie aus der Zeit gefallen.
Einige Meter voraus schwingt eine Tür auf. »Moira hat sie nur bis zur Ecke gebracht, nicht wahr?«, höre ich eine weibliche Stimme fragen. »Keine Sorge, mein lieber Doktor, es besteht kein Grund, Angst vor mir zu haben. Treten Sie ein.«
Noch vor Sonnenaufgang schreite ich durch Morgennebel, der den gesamten Friedhof überzieht. Die halbe Nacht lang lag ich wach, dennoch fühle ich mich so ausgeruht wie selten zuvor. Meine Schritte teilen das Wabern und drängen es für kurze Zeit zurück, doch unmittelbar hinter mir schließen sich die milchigen Wogen erneut. Schemenhaft ragen Grabsteine aus dem Dunst hervor, weiter hinten sehe ich die Silhouette eines Engels, die sich vor dem rötlich leuchtenden Horizont abzeichnet. Den Blick gebannt darauf gerichtet, verharre ich eine Weile, bis sich schließlich genau hinter dem Kopf der geflügelten Figur die Morgensonne emporschiebt. Goldene Strahlen verleihen der Statue des himmlischen Wesens eine Ehrfurcht gebietende Aura und bringen den Nebel zum Glühen.
Ein Knurren ertönt hinter mir, wie das eines großen Hundes. Ich fahre herum. In den noch immer dichten Nebelschwaden kann ich nichts Konkretes ausmachen, doch mit einem Mal durchzuckt Schrecken meine Glieder. Unmittelbar vor mir flammt ein glutrotes Augenpaar auf, gleichzeitig vernehme ich erneut das Knurren. Mir läuft es kalt den Rücken runter, und bereits im nächsten Augenblick, noch bevor ich irgendeinen Gedanken fassen kann, stürmt aus dem Dunst eine Kreatur auf mich zu. Ihr wuchtiger Körper wirkt wie eine schauderhaft entstellte Mischung aus Hund und Bär, bewehrt mit mächtigen Pranken, die sich mit jedem Satz tief in den Boden graben. Seinem mit zwei Reihen messerscharfer Zähne besetzten Maul entfährt ein Brüllen, dass wie Donner grollt und den Boden beben lässt. Von Panik ergriffen taumle ich rückwärts, drehe mich um und stürze in Richtung des Engels davon, hoffend, hinter ihm in irgendeiner Weise Schutz zu finden. In meinem Rücken höre ich das Fauchen der Kreatur, das lauter wird von Sekunde zu Sekunde, meine schon seinen Atem im Nacken zu spüren, als ich die marmorne Figur erreiche. Im nächsten Augenblick bereits begräbt mich irgendetwas Gewaltiges unter sich, ich spüre Kälte, meine Sinne schwinden und Dunkelheit umfängt mich.
Jill steht am Fenster, hat mir den Rücken zugewandt und schaut hinaus in die Nacht. Sie trägt ein opulent verziertes schwarzes Kleid und wirkt wie eine elegante Dame aus längst vergangener Zeit, ihre Haare sind mit silbernen Nadeln hochgesteckt. Regentropfen prasseln gegen die Scheiben, dann und wann blitzt es, Donnergrollen folgt.
»Manchmal wünschte ich, dass der Regen niemals versiegen möge und seine Fluten alles Oberflächliche hinfort spülten, bis zum Vorschein kommt, was darunter liegt«, sagt sie.
Währenddessen lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen, der jeder Kulisse eines historischen Films Ehre machen würde. Vom silbernen Kerzenleuchter auf dem Tisch, über die große Standuhr in der Ecke und den in die Wand eingelassenen Kamin, bis zum hölzernen Notenpult vor dem Bücherregal wirkt alles authentisch und alt. Teppich, Wände und der filigrane Stuck an der Decke erscheinen nicht wie Repliken, vielmehr überkommt mich das Gefühl, dass dieser Ort wirklich in der Vergangenheit liegt.
»Lady de Lily hat Sie hierher eingeladen, um eine Diagnose zu stellen, nicht wahr?«, fragt Jill und wendet sich mir zu.
»Deswegen bin ich hier«, bestätige ich. »Allerdings …«
»Dann lassen Sie uns keine Zeit verlieren«, unterbricht sie mich. »Ich nehme an, Sie kennen meine Akte und wissen, dass Doktor Lazarus seine Versuche mich zu heilen, schon vor Langem aufgegeben hat. Und das will einiges heißen, wenn Sie seine tadellose Reputation selbst bei den bizarrsten Fällen bedenken.« Jill nimmt ein Päckchen langer Streichhölzer zur Hand und macht sich daran, die Kerzen im Leuchter auf dem Tisch anzuzünden. »Ganz sicher ist vermerkt, dass ich ab und an dazu neige, gewisse Ausbrüche emotionaler Natur zu haben. Fragen Sie Keith, der Arme kann Ihnen ein Liedchen davon singen. Einmal hätte ich ihn fast in Stücke gerissen, weil er mich nicht spielen lassen wollte. Nachtruhe, sagte er, da gäbe es auch für mich keine Ausnahme.« Jill rollt mit den Augen. »Doktor Lazarus nennt es wahnhaft bedingte Gewaltausbrüche, die aus einem defizitären Verhältnis zur Wirklichkeit resultieren.« Sie tritt an ein kleines Pult neben dem Bücherschrank, fördert einen Geigenkoffer zutage und wirft mir einen flüchtigen Blick zu. »Vielleicht sollten sie doch Angst vor mir haben.«
»Ich bin zunächst nur hier, um mir einen ersten Eindruck von Ihnen zu verschaffen«, erwidere ich. »Grundsätzlich bin ich kein Freund vorschneller Urteile, sondern mache mir gern ein differenziertes Bild von den Dingen.«
»Ich schätze diese Einstellung«, gibt Jill zurück und klemmt die Violine unter ihr Kinn. »Oft sehen wir einfach das, was wir erwarten, statt dem, was wirklich da ist, nicht wahr?« Sie spannt den Bogen und trägt etwas Kolophonium auf. »Lauschen Sie, dies hier wird Ihnen mehr offenbaren, als jede Akte es könnte.«
Ein unangenehmes Gefühl der Anspannung ergreift Besitz von mir.
»Nicht nur über mich«, fügt Jill hinzu. Mit spielerisch anmutender Leichtigkeit entlockt sie ihrem Instrument Melodien, die mich sofort gefangen nehmen und meinen ganzen Körper durchdringen. Ich betrachte meine Hände und könnte schwören, dass sie an einigen Stellen durchscheinend werden. Jill tänzelt durch den Raum, wirft sich im Rhythmus ihres Spiels hin und her, springt und dreht Pirouetten wie eine Ballerina. Ich vermag den Blick nicht von ihr abzuwenden und so bemerke ich eine Zeit lang nicht einmal, was um uns herum geschieht. Erst lange, nachdem der letzte Ton verklungen ist, sind meine Sinne wieder ausreichend klar.
Entgeistert schaue ich die Frau an, die nun mit einer weißen Bluse und einem knielangen schwarzen Rock bekleidet ist, die Haare zu einem Zopf geflochten trägt und mir einen erwartungsvollen Blick zuwirft. Der Raum um uns ist hell erleuchtet, keine Spur mehr von dunklem Holz, Kerzenschein oder einem Kamin. An ihre Stelle sind moderne Einrichtungsgegenstände getreten, alles wirkt wie in einem dieser nahezu unbezahlbaren Apartments in der Großstadt.
»Nun, mein Lieber, wie ist Ihr erster Eindruck von mir?«, fragt sie mit einem verschmitzten Lächeln. »Wir sollten das bei einem Drink besprechen, finden Sie nicht auch? Whisky oder Gin?«
Ich öffne die Augen und sehe leicht benommen weißlich schimmernde Nebelschwaden über mich hinwegziehen. Der Geruch von Erde dringt in meine Nase und einen Augenblick später werde ich erschrocken der Tatsache gewahr, dass ich rücklings in einem frisch ausgehobenen Grab liege.
»Doktor?«, höre ich eine Stimme rufen. »Wo sind Sie?«
»Ich bin hier unten«, gebe ich zurück und rapple mich auf. Der Himmel ist dunkel. Sollte es nicht helllichter Tag sein? Unbeholfen mache ich mich daran, aus dem mannshohen Loch zu klettern, doch das gestaltet sich schwieriger als erwartet. Meine Hände gleiten durch feuchte Erde, die ich kaum zu greifen vermag.
»Ah, ich sehe Sie«, ruft die Stimme, die mir seltsam vertraut vorkommt. »Warten Sie, ich helfe Ihnen heraus.«
Eine Frau in einem schwarzen Kleid taucht neben dem Grab auf, sie hält eine Laterne in der Hand und wirft mir einen amüsierten Blick zu. »Normalerweise würde ich misstrauisch, wenn jemand mitten in der Nacht aus einem Grab klettert, aber bei Ihnen mache ich eine Ausnahme.« Sie stellt die Laterne ab, reicht mir ihre Hände und hilft mir beim Hinausklettern.
»Vielen Dank«, sage ich und klopfe die Erde von meiner Kleidung. »Wie haben Sie mich gefunden?«
»Nun, es ist nicht das erste Mal, dass Sie sich verlaufen haben«, erwidert sie. »Normalerweise finde ich Sie irgendwo im Keller oder einem der alten Behandlungsräume. Auf dem Friedhof sind Sie allerdings zum ersten Mal. Deswegen hat es länger gedauert.« Sie lacht. »Die meisten hier brauchen eine Weile, bis sie sich eingelebt haben.«
»Für wen ist dieses Grab?«, möchte ich wissen.
»Keine Ahnung«, gibt die Frau zurück. »Ich bin in das operative Geschäft der Residenz nicht eingebunden. Aber eines ist sicher, gestorben wird immer. Da findet sich bestimmt jemand.«
Aus den Büschen zu unserer Linken ist ein Knurren zu vernehmen. Schlagartig kehrt meine Erinnerung wieder. Oh nein, die Bestie war keine Einbildung! Schon will ich die Flucht ergreifen, als die Frau ihre Hand auf meinen Arm legt und mir einen beruhigenden Blick zuwirft. Dann tritt sie näher an die Sträucher und beleuchtet mit der Laterne das unheimliche Monstrum, das sich darin verborgen hält. Die Frau im schwarzen Kleid stößt ein raubtierhaftes Fauchen aus, das ganz und gar nicht menschlich klingt und mich einen Schritt zurückweichen lässt. Das scheußliche Wesen mit den rot glühenden Augen gibt ein Winseln von sich, sprengt davon und verschwindet in der Dunkelheit.
»Die Schrecken der Nacht entspringen einzig dem, was Menschen menschlich macht«, stellt die Schwarzgewandete lächelnd fest und bietet mir ihren Arm zum Unterhaken dar. »Sich ihnen zu stellen, sie zurückzudrängen, sie nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, das ist der ewige Kampf, nicht wahr?« Beschienen vom fahlen Licht des abnehmenden Mondes steuern wir auf den rückwärtigen Eingang der Residenz zu. »Wie verlockend es scheint, einfach liegen zu bleiben, einige Fuß tief unter der Erde und sich dem Verfall hinzugeben. Doch Sie und ich, wir haben andere Dinge zu tun, nicht wahr?«
Jill schenkt mir ein Glas Gin ein, während ich noch immer ungläubig sowohl sie, als auch das nunmehr vollkommen umdekorierte Zimmer betrachte.
»Wie haben Sie das gemacht?«, frage ich beeindruckt.
Jill greift nach einer anderen Flasche, gießt sich selbst ein Glas Whisky ein und nimmt dann im Sessel mir gegenüber Platz. Zwischen uns steht ein ovaler Glastisch, neben den beiden Korkuntersetzern für unsere Gläser liegt nur Jills Krankenakte darauf.
»Bevor ich Ihnen diese Frage beantworte«, hebt sie an, »möchte ich etwas wissen.« Sie trinkt einen Schluck. »Was haben Sie gesehen? Vorher, meine ich. Beschreiben Sie es.«
Ich nehme einen Schluck aus meinem Glas, genieße das würzig-scharfe Aroma des Gins und versuche zu ergründen, warum sie mir diese Frage stellt. Was habe ich gesehen? Sollte sie das nicht wissen? Dann, einige Sekunden später, wird es mir klar. Wir sehen das, was wir erwarten. So oder ähnlich hatte sie sich ausgedrückt. Vielleicht hat sie recht.
»Der Raum war eingerichtet wie in vergangenen Zeiten, kein elektrisches Licht, stattdessen Kerzen und ein Kamin«, antworte ich. »Sie trugen ein Kleid, auch Ihre Haare waren anders. Alles wirkte absolut überzeugend.«
Jill schaut zum Fenster und verharrt eine Weile in dieser Position. Noch immer schlagen Regentropfen dagegen, doch das Donnergrollen entfernt sich mehr und mehr. »Ich werde Ihnen zeigen, wie meine Welt aussieht«, sagt sie mit einem Unterton in der Stimme, der mir eine Gänsehaut beschert. »Nur für einen Augenblick.« Sie tippt dreimal mit einem ihrer schwarz lackierten Fingernägel auf die gläserne Tischplatte. Tock, Tock, Tock. Von ihrer auf der Platte ruhenden Fingerspitze ausgehend, durchziehen dunkle Schlieren das Glas, bis es vollkommen davon erfüllt ist. Unvermittelt birst das Glas und die in alle Richtungen davon stiebenden Splitter hinterlassen hauchfeine Spuren in der Luft. Schnitte durch Leinwand, schießt es mir durch den Kopf. Sofort darauf bricht ein tosender Sturm um uns los, ohrenbetäubendes Dröhnen erfüllt auf einen Schlag den Raum, Hitze dringt von allen Seiten auf mich ein. Was Sekunden zuvor noch ein hell erleuchtetes Zimmer war, ist nun nicht mehr als eine von Flammen verzehrte und zu schwarzer Asche verbrannte Ruine in einer Welt, die höllischer nicht sein könnte. Reste von Mauerwerk zeugen noch davon, dass hier dereinst ein Gebäude stand, doch alles in seinem Innern ist ein Opfer der Flammen geworden. Lediglich die Sessel, auf denen wir sitzen, scheinen unversehrt.
Ich reiße den Kopf herum und betrachte zutiefst erschüttert die grauenhaften Wunder dieser Welt. Kein Stern leuchtet am Firmament und einzig die den Feuerschein zurückwerfenden Schwingen gigantischer fliegender Wesen deuten an, dass dort oben überhaupt irgendetwas außer endloser Schwärze existiert. Funken wirbeln durch die Luft, während sich aus den Tiefen der Schatten allerorten Tentakel in unsere Richtung winden und die riesenhafte, schlangenartige Kreatur, deren Körper weite Teile des Bodens auszumachen scheint, uns aus Tausenden rot glühenden Augen anstarrt, die jeden Quadratzentimeter ihres Körpers bedecken.
»Es ist wundervoll, nicht wahr?«, fragt Jill und klingt ergriffen. »So voller Harmonie.« Unwillkürlich wandert mein Blick zurück zu ihr und ich spüre, wie irrationale Furcht meinen Verstand zu übermannen droht, doch kurz bevor ich ihrer Gestalt gewahr werde, endet das Inferno so plötzlich, wie es begann.
Jill zieht ihre Hand von der Tischplatte zurück und lehnt sich nach hinten in den Sessel. »Reichen Sie mir bitte die Violine«, haucht sie und wirkt erschöpft. »Ich muss spielen, muss den Riss versiegeln, damit uns nichts auf diese Seite folgt.«
Ich erhebe mich, um Jills Bitte nachzukommen, und sehe beim Aufstehen, dass der Nagel ihres Zeigefingers, kurz zuvor noch schwarz lackiert, nun klar erscheint, als hätte ihn etwas der aufgetragenen Farbe beraubt. Auf dem Schreibtisch liegt die Violine, die als einziges Element im Zimmer nach wie vor unverändert erscheint und nicht durch ein modernes Gegenstück ersetzt wurde. Das Instrument sieht sehr alt aus und ist in tadellosem Zustand, soweit ich das beurteilen kann. Meine Finger berühren das lackierte Holz, gleiten darüber und ich habe das Gefühl, dass irgendeine Energie davon ausgeht.
»Wissen Sie, welcher Tag heute ist?«, fragt Jill.
»Heute ist der siebzehnte November«, gebe ich zurück, nehme die Violine sowie den Bogen vom Tisch und reiche ihr beides.
»Schauen Sie in meine Akte«, erwidert sie amüsiert, steht auf und klemmt das Instrument unter ihr Kinn. »Vielleicht sehen Sie es jetzt.«
Hatte ich mich bisher überwiegend mit den Eintragungen von Doktor Lazarus auseinandergesetzt, so schlage ich nun die erste Seite auf. Wie konnte mir das entgehen? Habe ich es tatsächlich übersehen? Der siebzehnte November, Jills Geburtstag.
»Ich bin davon überzeugt, dass Stradivari sich der Macht bewusst war, die seinen Instrumenten innewohnt«, fährt diese fort und legt den Bogen auf die Saiten. »Ob Musik, Worte, Malerei oder irgendetwas anderes, die Kunst vermag Welten zu erschaffen, Mauern einzureißen und den Tod zu überdauern.«
Jill spielt ein Stück, so mitreißend und dynamisch, dass bereits nach kurzer Zeit Tränen meine Wangen hinabgleiten. Hätte ich früher versucht, diese Emotionen zu verbergen, sie als Schwäche angesehen, so wird mir nun mit jedem Ton klarer, wie töricht ich war, Menschliches der Ratio zu opfern. Einige Minuten später endet ihr Spiel und lässt mich als anderen Menschen zurück, bebend und von Ehrfurcht erfüllt.
»Lady de Lily schenkte mir diese Violine vor vielen Jahren«, sagt Jill, während sie das Instrument wieder in den Geigenkoffer legt. »Sie hatte weder Kosten noch Mühen gescheut und unter Aufbietung all ihrer Überzeugungskraft dieses Prachtstück erworben. Sie glaubte daran, dass ich seiner würdig wäre, und muss ein wahres Vermögen dafür ausgegeben haben.« Sie nimmt wieder mir gegenüber Platz. »Doch dieses Jahr, mein Lieber, hat sie es tatsächlich fertiggebracht, sich selbst zu übertreffen und mir etwas geschenkt, das mit allem Geld der Welt nicht aufzuwiegen ist.«
»Eine gute Suppe vermag den Schmerz der Welt für eine Weile zurückzudrängen, finden Sie nicht auch?«, fragt Jill, während wir in der Küche sitzen. Eine einzelne Kerze in der Mitte des Tisches erleuchtet unsere Mahlzeit, ansonsten ist es stockdunkel. »Und Schwester Lavinia ist eine großartige Köchin. Ich hatte sie gebeten, uns etwas davon aufzuheben.«
Mit einer hölzernen Kelle fülle ich unsere Teller und reiche Jill ein wenig Brot. Dann essen wir, allein in der Küche, mitten in der Nacht. Die Wärme der Suppe strömt belebend durch meinen Körper und vermag sogar den Geruch feuchter Erde endgültig aus meiner Nase zu vertreiben.
»Das Einzige, was noch besser ist als Suppe«, hebt Jill an, nachdem ich ihren Teller zum zweiten Mal gefüllt habe, »ist die Kunst. Sie erlaubt es, unserer Finsternis Form zu verleihen, sie zu packen und ins Licht zu zerren. Vor dem zu fliehen, was uns des Nachts auflauert, formlos und unheimlich, ist nicht der richtige Weg. Vielmehr müssen wir uns ihm stellen, bewaffnet mit Pinsel, Feder oder eben einer Violine, dürfen nicht zurückweichen.« Sie tunkt etwas Brot in die Suppe. »Wir alle stemmen uns auf unsere Weise der Dunkelheit entgegen.«
»Ich weiß nicht, wie lange ich dem noch standzuhalten vermag«, flüstere ich. »Es ist, als käme die Finsternis unaufhaltsam näher, jeden Tag ein Stückchen, bis sie mich irgendwann vollständig eingehüllt haben wird.«
Jill hebt die Hand, ballt sie zur Faust und streckt sie mir entgegen. »Ich habe etwas für Sie, ein Geschenk«, sagt sie und öffnet ihre Hand. »Es wird Ihnen helfen, die Finsternis zu bezwingen.« Ein pechschwarzer Schmetterling sitzt auf ihrer Handfläche, bewegt die Flügel, erhebt sich gleich darauf in die Luft, flattert eine Runde über dem Tisch und landet schließlich auf meinem Handrücken.
Jill beugt sich nach vorn. »Bald schon müssen wir uns nicht mehr auf diese Art treffen«, flüstert sie und löscht die Kerzenflamme zwischen Daumen und Zeigefinger. »Gute Nacht, mein Lieber.«
»Nun Doktor, Sie sind hier, um eine Diagnose zu stellen«, sagt Jill in aufforderndem Ton, nachdem sie unsere Gläser gefüllt hat. »Aber die spannende Frage ist nicht, wie sie lautet …«
»… sondern wem ich sie stelle«, beende ich ihren Satz. Ich bin hier nicht der Arzt, ich bin der Patient.
Ein breites Lächeln liegt auf dem Gesicht der Frau, die mir gegenübersitzt und ein Whiskyglas in der Hand hält. »Das ist keine Antwort, die ich heute von Ihnen erwarte, mein Lieber«, setzt sie an, »wir haben viel Zeit dafür.« Sie prostet mir zu. »Heute lassen Sie mich Ihnen ein wenig von mir erzählen, gerade genug, um Ihr Interesse auch langfristig zu wecken.« Wir trinken und Jill fährt fort. »Als ich in dieser Welt ankam, fühlte sich jeder Atemzug, jeder Gedanke, einfach alles, an, wie flussaufwärts zu schwimmen, gegen die Strömung zu kämpfen, ringend um jeden Zentimeter. Jedes Innehalten, jedes Zögern, jeder Moment der Schwäche schwemmt uns davon, dem Herz der Finsternis entgegen. Einzig die Kunst, der Funke in uns, ist das rettende Seil, an dem wir uns festklammern. Dennoch schlucken wir Wasser aus dem Acheron, Tag für Tag. Das, was in ihm liegt, all der Schmerz, das Leiden und die Verzweiflung, breitet sich in uns aus, wuchert und bringt Monster hervor, wenn wir nicht dagegen ankämpfen.«
»Warum sind Sie hier?«, unterbreche ich Jills Vortrag. Sie schaut mich an und deutet dann auf den Schreibtisch.
»Meine Tochter Zoe«, sagt sie, während ich das Foto mustere, auf dem Jill neben einem Mädchen mit einer wirklich wilden Frisur zu sehen ist. »Sie sagte, hier würde ich etwas finden, das unsere Welt nicht bieten könne. Aber … sie und ich, wir …« Zum ersten Mal bemerke ich so etwas wie Unsicherheit in ihrer Stimme. »Nun, sagen wir, es ist …«
»Kompliziert?«, biete ich an.
»Ja, das trifft es ziemlich gut«, lacht Jill. »Es ist kompliziert.« Sie leert ihr Glas. »Wenn wir mehr Zeit haben, mein Lieber, erzähle ich Ihnen von meinen Schwestern und unserer dunklen Mutter jenseits der Sterne, von Welten, so fantastisch, dass Ihnen der Verstand übergehen wird. Das ist eine Geschichte für einen anderen Tag, aber jetzt sollten Sie aufwachen.«
»Mein Herr, wir sind gleich da«, sagt Cyrus.
Ich schrecke hoch, war wohl eingenickt. »Danke«, murmle ich und richte den Blick nach vorn, während wir auf den Vorplatz der Residenz fahren. Ein altertümlich gekleideter Mann mit einem imposanten Schnauzbart steht im Eingangsbereich und winkt uns zu. Der Fahrer hält direkt davor, steigt aus und öffnet mir die Tür.
»Cyrus, wie immer pünktlich auf die Minute«, ruft der Mann und lässt eine goldene Taschenuhr in einer seiner Westentaschen verschwinden. Er trägt eine Brille, die der meines Fahrers zum Verwechseln ähnlich sieht. »Ich bin Doktor Renato Lazarus«, begrüßt er mich freundlich, kaum dass ich aus dem Wagen gestiegen bin. »Es ist mir ein großes Vergnügen, jemanden Ihres wissenschaftlichen Kalibers in unseren bescheidenen Hallen begrüßen zu dürfen.«
Ich stelle mich ebenfalls vor und mustere den Mann, der absolut dem Klischee des exzentrischen Wissenschaftlers zu entsprechen scheint. In der Ferne grollt ein Donnerschlag, die dunklen Wolken über der Residenz künden ebenfalls von einem nahenden Gewitter. Cyrus hat derweil mein Gepäck aus dem Kofferraum geholt und ist dabei, es in die Residenz zu tragen.
Erste Tropfen fallen, wenige zunächst, doch schon Augenblicke später nimmt die Intensität des Regens zu. Erst jetzt denke ich daran, dass ich die ganze Zeit über den Brief von Lady de Lily in der Hand halte, und bin einen Moment lang verwirrt, als ich das Schriftstück betrachte. Ich erwartete verlaufene Tinte und nasses Papier, doch die Regentropfen fallen einfach hindurch, so wie durch meine Hände und Arme, meinen gesamten Körper.
»Machen Sie sich deswegen keine Sorgen«, lacht Doktor Lazarus, »ich arbeite daran und schon bald können Sie sich wie alle anderen den Kopf am Eingang zur Bibliothek stoßen, wie es sich gehört.« Er deutet auf seine Brille. »Und dann brauchen wir auch die hier nicht mehr.« Erneut lacht er. »Aber jetzt kommen Sie erst mal rein, ich führe Sie ein wenig rum und zeige Ihnen Ihre Räumlichkeiten. Herzlich willkommen in der Residenz.«


Ansgar Sadeghi
Der griesgrämige Herr Butzemann
Dies sind die ersten Seiten des Tagebuchs von Bartholomäus Butzemann. Der ausrangierte Nachtmahr und zum Clown gewordene Kinderschreck ist neuer Bewohner der Residenz. Falls Sie einige Zeilen in seinem Tagebuch als Worte eines frustrierten Griesgrams empfinden: Sie haben wahrscheinlich recht.
Die Ankunft
Das ist also mein Ende, die letzte Lebensetappe: eine Residenz im Nichts. Das Nichts liegt im äußersten Nordwesten Schottlands am kleinen und einsamen Ort Shegra. Ich bin jetzt ein Bewohner der Residenz. »Das sei besser so«, meinte mein Manager nach meinem Nervenzusammenbruch. Ich hätte genug gearbeitet. Es sei Zeit für die Rente. Er habe nur Gutes im Sinn. Klar. Mein Geld zum Beispiel.
Die Residenz kommt mir vor wie ein überdimensionierter Schuhkarton, eine Aufbewahrungsbox für hässliche Nutzlosigkeiten, ein Restedepot für abgehalfterte Monster. Das Gebäude ist angemessen reich verziert. Schließlich ist diese Altersresidenz weltweit bekannt und beliebt. Für mich bleibt sie ein Schuhkarton. Vielleicht ist sie etwas besser als die Schulen und Kindergärten, in denen ich im Kreis herumgetanzt bin, weil ein Butzemann nun einmal im Kreis herumtanzt. EIN BUTZEMANN IST EIN KINDERSCHRECK! Keine Witzfigur. Kein Wunder, dass man irgendwann zusammenbricht.
Mein feiner Herr Bruder arbeitet erfolgreich als Horrordarsteller in den USA: der »Bogeyman«. Mein bescheuerter Bruder, der sich mit sechs Jahren noch eingenässt hat, der, blöde Grimassen schneidend, gegen den Laternenpfahl gelaufen ist und der sich vor Zwergkaninchen fürchtet. Mein toller Bruder. Ich mag ihn NICHT. Ich mag ihn wirklich nicht.
Doktor Lazarus habe ich bei meiner Ankunft in der Residenz nicht gesehen. Ist wohl zu beschäftigt, die berühmte Koryphäe. Polt Menschen und Monster um, verwandelt Bischöfe in Satanisten und Kannibalen in Veganer. Toll! Toll! Toll! Ausgerechnet er leitet die Residenz. Der soll versuchen, mich umzupolen, der Gute. Dann gibt es was auf die Mütze! Das schwöre ich. Persönlich begrüßt hat mich der Manager der Residenz, was mich gefreut hat (nicht!). Er war so freundlich wie ein Metzger, der ein Schwein willkommen heißt. Komm rein. Fühl dich wie zu Hause. Du siehst lecker aus, du Kotelett. Er hat gemerkt, dass ich mich unwohl fühle. »Sie gewöhnen sich schnell ein«, meinte er jovial. »In einigen Tagen werden Sie die Residenz lieben.« Klar. Ich liebe ja auch Jauchegruben. Und Fußpilz. Und Mundgeruch.
Es ist nicht schlimm in der Residenz. Es ist schlimmer.
Mittlerweile sind einige Tage vergangen. UND? ICH WILL RAUS! Alle sind schrecklich vornehm. Dieser Graf aus Rumänien beispielsweise, der wohltemperierte blutige Steaks liebt, diese Wind-, Wald- und Feuergeister, überzeugt von eigener Großartigkeit, dieser Basilisk, der sich für den König aller Schlangen hält. Gott! Das ist nicht meine Welt: zu viel Noblesse. Zu wenig Dreck. Matsch. Moder. Morast.
Alles hier ist kompliziert. Gestern hätte ich draußen fast eine Fee erschlagen, weil ich sie für eine Motte gehalten habe. »Das ist Pit«, sagte mir später ein alter Mann. PIT! Kann ich etwas dafür, dass diese Fee derart klein ist und wie eine Motte aussieht? Gegen sie bin selbst ich ein Riese. Und dann diese Tomaten. In einer Ecke des Geländes wachsen Tomaten in einem kleinen Gewächshaus und ich hätte fast … fast hätte ich eine gepflückt. Aber bevor ich zugreifen konnte, schrie sie mich an: Ich solle es nicht wagen. Ansonsten mache sie Ketchup aus mir. Sie sei eine berühmte Schauspielerin und verdiene Respekt. Klar! Ich habe nachgeschaut: C-Movie mit D-Promis. Killertomaten. Furchtbar. Alles sehr furchtbar. Und es regnet hier unaufhörlich, als wollte Gott den Ort ersäufen. Ich verstehe das, Gott. Aber bitte: Es nervt. Hör auf!
Bisher habe ich nur wenige Residenzbewohner kennengelernt. Da ist diese kleine Frau. Sie ist kleiner als ich. Nicht so klein wie die Elfenmotte. Aber sehr klein. Sie kam auf mich zu und erzählte mir ungefragt, als ob es mich interessieren würde, dass sie ein Holzfräulein sei. Oh, wie schön. Ein Holzfräulein. Was für ein bescheuerter Name. Dann fragte sie mich, ob ich sie sehe. Natürlich habe ich »Nein« gesagt. Da zuckte sie zusammen, schnitt ein Gesicht, als würde sie losheulen, und zog von dannen. Holzfräulein. Ernsthaft? Jemand erzählte mir, sie entstamme der fränkischen Sagenwelt und sei bisweilen traurig, weil niemand mehr an sie glaube. Ich solle einfach sagen, dass ich sie sehe. »Sie freut sich darüber.« Einen Teufel werde ich tun.
Franky ist interessant. Wie dieses Holzfräulein ist er verrückt. Merke: Monster im fortgeschrittenen Alter neigen dazu, absonderlich zu werden (Butzemänner ausgenommen!). Franky wohnt seit vielen Jahren in der Residenz und ist ein Frankenstein-Monster. Ich dachte, dass es nur eins gibt. Aber es wurden mehrere produziert. Franky gehört zur Serie 4.2.1. »Wir besitzen eine verbesserte Laufleistung und rudimentäre Schweißdrüsen«, sagte er mir. Ernsthaft. Wer braucht das? Welcher bescheuerte Produktdesigner verpasst einem Monster Schweißdrüsen?
Aber das Beste kommt noch: FRANKY GLAUBT, ER SEI EINE ELFE! Kann man sich das vorstellen? Zwei Meter zwanzig groß, ein wandelnder Schrank mit Kantenschädel. Aber er ist davon überzeugt, eine zarte, zierliche Elfe zu sein. Er hasst Spiegel. Verwundert das? Mich nicht. Er erschrickt jedes Mal, wenn er in einen Spiegel schaut. Was er sieht, passt nicht zu dem, was er sehen möchte. Verwundert das irgendwen? Na ja, er ist O. K. Und ein wandelnder Blog, der viel über die Bewohner der Residenz weiß: fast alle Wahrheiten, Halbwahrheiten, angeblichen Wahrheiten, Verschwörungstheorien, fast allen Klatsch und Tratsch und Trallala. Fast ALLES.
Dann ist da noch diese Todesfee, diese dünne, fast dürre Frau namens Elodie mit roten Haaren und blauen Strähnchen, ebenfalls eine langjährige Bewohnerin der Residenz. Hübsch. Intelligent, wie mir scheint. Sie wäre eine würdige Freundin eines Butzemanns. Aber sie ist fast einen Kopf größer als ich. Also … zwei Köpfe. Mindestens. Franky hat mir erzählt, dass sie es spürt, wenn irgendwer in ihrer Nähe bald stirbt, auch wenn sie selten genau weiß, wer es ist. Ihre Vorahnungen bereiten ihr großen physischen Schmerz. »Irgendwann schreit sie«, hat Franky gesagt, »so laut, dass etwas im Hirn derer zersplittert, die es hören.« Was soll ich nur davon halten? Ich glaube, ich hätte jetzt gern einen guten schottischen Whisky. Oder zwei. Es soll einen Pub in der Nähe geben.
Ein Spaziergang mit der Todesfee
Heute klarte der Himmel auf und ich ging spazieren. Bei besserem Wetter wirkt zumindest die Landschaft attraktiver. Sie besteht aus Hügeln, Weiden, einzelnen Bäumen. Ich wanderte bis zum See, der mir wie ein Relikt aus vormenschlicher Zeit vorkam. Auf dem Rückweg begegnete ich dieser Todesfee. Sehr seltsame Person. Wirklich.
»Du bist ein Butzemann?«, fragte sie mich.
»Bin ich«, antwortete ich stolz.
»Wie süß«, fuhr sie fort. »Aber dann bist du kein Monster, oder? Du bist ein Clown!«
Ha. Ha. Ha. Sie zwinkerte mir zu und genoss es, dass ich mich ärgerte. ICH HASSTE SIE. Ein bisschen.
»Immerhin bin ich kein Strich in der Landschaft, der Residenzen zusammenschreit«, antwortete ich mit herausragend gespielter Höflichkeit. Nun ärgerte sie sich. Ein wenig. Hat wohl nicht gedacht, dass ich weiß, was ich weiß. Es ist schön, die Schwächen Anderer zu kennen.
Verbal teilten wir aus und steckten ein, aber keiner von uns war lange beleidigt. Unsere Worte stachen wie Nadeln in Fleisch, aber stets so, dass der Schmerz etwas Süße behielt, eine fast masochistische Lust bediente, ohne nachhaltig zu verletzen. Diese Kunst beherrschten wir beide. Auf sonderbare Weise hatten wir unseren Spaß: bis zum Ende des Gesprächs. Da wurde Elodie ernst. Wir sprachen über Angst und Schmerz, der keine Lust bedient.
»Was weißt du von Schmerz?«, fragte sie. »Nichts weißt du! Der Schmerz Sterbender und Trauernder. DAS IST SCHMERZ.«
Was für eine Arroganz. Als ob ein Nachtmahr nichts von Schmerzen wüsste. Trotzdem hat mir ihre Nähe gutgetan: zumindest eine Weile lang. Wie wir uns ähneln: Auch sie genießt Gesellschaft nur in kleinen Dosen. Irgendwann hatten wir einander fürs Erste genug erzählt. Also ging sie hierhin und ich ging dorthin.
Kurz vor meiner Rückkehr in die Residenz begann es, zu nieseln. Ich sah das Holzfräulein auf einer Wiese. Sie tanzte zu einer Musik, die nur sie alleine hörte. Sie winkte mir zu. »Siehst du mich?«, fragte sie laut. Ich verneinte erneut. Aber dieses Mal schien es, als glaubte sie mir nicht. Sie lächelte. Wie zufrieden sie wirkte, wie glücklich, zumindest für den Augenblick. Regen. Unhörbare Musik. Ein Tanz. DAS ist Glück. In einer von Tausenden Varianten. Nur Narren sind dafür blind.
Ein Hoch auf Schottlands Whisky
Gestern Abend bin ich mit Franky in den Pub gegangen: Drunken Mermaid. Der Wirt heißt Conner Mackay und ist ein Bruder von Angus Mackay, des verehrten Managers der Residenz. Zufall? Niemals. Wahrscheinlich besetzen die Mackays zahlreiche Positionen in der Residenz und im Dorf. Jämmerliche Provinzfürsten. Hamish Mackay, ein Sohn des Managers, arbeitet bei uns als Pfleger. Der Lebensmittelshop im Ort gehört wahrscheinlich Roana Mackay und Colin Mackay schneidet den Dorfbewohnern die Haare. Davina Mackay leitet die Mehrheitspartei und Bonnie Mackay ist Bürgermeisterin, die von Ian Mackay bestochen wird, während Lennox Mackay die Opposition in den Abgrund führt. So ist das. Bestimmt!
Franky ist ziemlich abgedreht. Gestern hat er mir seine Schweißdrüsen gezeigt: mit fünfstufigem Geschwindigkeitsregler und Turboschalter. Das Beste: Der Schweiß duftet nach Rosenblatt und Minze. Er meinte, bei Frauen käme das sehr gut an. Das glaube ich sofort (nicht). Franky hat mich mit Gerüchten und Klatsch versorgt, während wir uns volllaufen ließen. In der Residenz soll ein Trakt für besonders schreckliche Monster existieren, den wir normalen (normalen!!!) Monster nicht betreten dürfen. Einige behaupten sogar, dass der Sensenmann dort lebt. Fakt ist: In der Residenz gibt es diverse verschlossene Türen, hinter denen sich – so glaube ich – mehr als einzelne Räume verbergen.
Was gab es noch? Man erzählt sich, dass der Doktor eine Affäre mit Lady Banshee hat, die hier angeblich viel Einfluss besitzt. Die Killertomaten sind angeblich mutierte Karotten, ein missglücktes Experiment des Doktors, über das er nicht gerne spricht. Der rumänische Graf ist (ebenfalls angeblich) laktoseintolerant. Und die schwarz gekleidete Violinistin namens Jill, die im Westtrakt der Residenz wohnt? Ihre Musik sei in der Lage, Löcher in die Wirklichkeit zu reißen. Löcher. Klar. Und der Butzetanz öffnet das Tor zur Hölle. Schwachsinn. Auf dem Rückweg vom Pub schaute ich fasziniert in den Himmel. Er war schön: so viele Sterne. Ich sah mehr Sterne als je zuvor, sank auf die Knie … und kotzte. Der gute Whisky. Alles raus. Merke: Butzemänner können sehr verschwenderisch sein. Und sehr romantisch!
Chaos im Gemeinschaftsraum
»Jemand wird sterben, hat Franky heute gesagt. »Bald schon. Elodie spürt es. Ihr Kopf zerplatzt. Ihre Muskeln bersten. Ihr Herz schlägt aus dem Takt.«
Was soll ich davon halten? Frankys Satz war am Abend der Abschluss einer hässlichen Szene im Aufenthaltsraum. Ich war noch draußen, als ich das Geschrei hörte. Franky und Elodie. Franky klang verzweifelt, Elodie wie ein kreischender Dämon. »Schau! Schau hinein«, schrie sie. Als ich den Raum betrat, sah ich folgende Szenerie. Franky saß auf einem Stuhl an einem Tisch und bedeckte seine Augen mit beiden Händen. Elodie stand vor ihm und hielt ihm einen Handspiegel vors Gesicht. »Du belügst dich. DU BELÜGST DICH!«, schrie sie ihn an. »DU BIST EIN IDIOT.«
Alle anderen im Raum schwiegen, während die Schwestern Lavinia und Moira versuchten, Elodie von Franky wegzuzerren. Aber Elodie entwand sich ihrem Griff, warf den Handspiegel auf den Tisch, drehte sich um hundertachtzig Grad und stapfte wutschnaubend aus dem Raum. Ich eilte zu Franky, dessen massiger Körper heftig zitterte. Nie habe ich ein derart verzweifeltes Wesen gesehen. Ich fand es abscheulich, was Elodie ihm angetan hat. Aber er nahm sie in Schutz. »Sie meint es nicht so«, sagte er. »Und eigentlich hat sie recht. Ich bin keine Elfe. Ich war nie eine, werde nie eine sein.«
Vielleicht war dem so. Vielleicht ist die Sache mit der Elfe wie eine Krücke, auf der Franky durch sein Leben stapft. Aber darf man jemandem eine Krücke entreißen, wenn man ihn nicht zugleich lehrt, ohne sie zu laufen? Und überhaupt: Ist nicht vielleicht doch jeder eine Elfe, der Elfe sein möchte? Ich war wütend auf Elodie. Aber ich mochte sie auch. Immer noch. Ganz am Ende sagte Franky diesen Satz, dass bald jemand sterben wird. Soll ich das ernst nehmen? Das ist doch Unfug. Oder?
Heute sah ich das Fräulein
Heute Morgen traf ich Franky wieder. Franky, die Elfe. Elodie hat sein Selbstverständnis nicht nachhaltig beschädigt. Ist das gut? Ich weiß es nicht. Mir geht Frankys Satz, dass bald jemand sterben wird, nicht mehr aus dem Schädel. Etwas hat sich verändert in der Residenz. Viele Bewohner fürchten sich, weil sie an Elodies Vorahnung glauben. Wer wird sterben? Niemand weiß es. Niemand mutmaßt. Auch ich bin nervös.
Am frühen Mittag begegnete ich im Flur erneut dem Holzfräulein. Ehe sie ihre Frage stellen konnte, rief ich: »Ja. Ich sehe dich!« Die Wirkung war bemerkenswert. »Oh«, sagte sie überrascht und errötete, »Wirklich?«
»Rede ich Chinesisch, oder was? ICH SEHE DICH!«, erwiderte ich.
»Oh«, wiederholte das Holzfräulein, lächelte verträumt und zog zufrieden von dannen. Erstaunlich, was Worte manchmal bewirken.
»Das hat ihr gut getan«, sagte der Hausmeister, der die Szene beobachtet hatte. »Du bist ein feiner Kerl. Manchmal. Vielleicht nicht sehr charmant. Aber trotzdem …«
Ein feiner Kerl. Nicht sehr charmant. Als ob ein Butzemann charmant sein müsste.
Der schrecklichste Tag meines Lebens
Man hätte meinen können, Elodies Schreie seien mir nach der Szene im Aufenthaltsraum vertraut gewesen. Aber dem war nicht so, nicht einmal annähernd. Der Schrei einer Todesfee ist schrecklich. Brutal. Vernichtend. Er übertrifft alles, was ich zuvor gehört habe. Der Kopf vibriert. Tausende Nadeln stechen ins Hirn. Man möchte sterben.
Es war später Morgen. Ich stand in der Empfangshalle, bereit für meine tägliche Wanderung. Da begann ihr Schreien. Ich sah, wie Elodie die Treppe hinunterhetzte, Stufen übersprang und fast stürzte. Sie erreichte den Fuß der Treppe, verfolgt von zwei Schwestern, von Pfleger Mackay und vom Hausmeister. Elodie hastete zum Ausgang, stieß dabei mit mir zusammen und fiel – ohne jede Eleganz – auf den Boden, wo der Hausmeister und eine Schwester sie festhielten.
Elodie wehrte sich heftig. Ihr Schreien verwandelte sich in Lachen, gemischt mit Kreischen und undefinierbaren Lauten. »Ein Vollpfosten! Ausgerechnet ein Vollpfosten hält einen auf«, schrie sie, lachte und lachte, schaute mich an und lachte immer weiter, bis sie in Ohnmacht fiel. »Vollpfosten.« Ich hätte beleidigt sein müssen, aber ich war es nicht. »Was weißt du schon von Schmerz?« Gerade jetzt erinnerte ich mich an unser Gespräch. Wahrscheinlich wusste ich nichts. Gar nichts. Elodie tat mir leid, als sie am Boden lag. Zugleich hatte ich Angst. Der Einzige war ich nicht. Das unerträgliche Schreien der Todesfee. Irgendwer wird sterben. Jetzt glaubte auch ich es.
Jemand starb
Das Holzfräulein ist tot. Ausgerechnet sie. Schwester Moira fand sie mittags in ihrem Zimmer. Das kleine Herz schlug nicht mehr. Vielleicht überforderte das Leben irgendwann so ein kleines Herz. »Sie lag auf ihrem Bett und lächelte«, erzählte man mir. Glücklich habe sie ausgesehen. Ich denke gerade an jenen Tag, an dem ich sie tanzen sah. Sie war ein liebes Geschöpf, manchmal anstrengend, bisweilen unglücklich, aber oft zufrieden, sichtbar auf dieser Welt zu sein, als Geschöpf unter Geschöpfen. Ich bin froh, ihr noch rechtzeitig gesagt zu haben, dass ich sie sehe.
Ich glaube, man kann einiges lernen von einem Holzfräulein, selbst ich alter Butzemann. Auch ein Monsterleben, das das der Menschen überdauert, ist schnell vorbei. Man sollte es mit schönen Momenten sprenkeln, den bestmöglichen ihrer Art. Man sollte versuchen, das Leben zu durchtanzen, selbst bei Regen, wir alle hier, selbst der alte Butzemann, der das hier gerade schreibt.
Am Ende wartet immer der Tod
Ein wolkenloser blauer Himmel. Der Himmel weint nicht, wenn jemand stirbt. Vielleicht weinen Hinterbliebene. Den Himmel interessieren die Toten nicht. Er kleidet sich in graue Wolken oder in Blau. Er spendet Wärme, Regen, Schnee oder Eis. Wie jeden Tag. Ein einzelner Tod ist belanglos für die Welt. Das Meer nagt weiter am Felsen, als sei nichts geschehen. Der Mond zieht seine Bahnen. Zurück bleibt Erinnerung und auch sie wird mit jenen vergehen, die später sterben.
Fast alle Einwohner der Residenz kamen, um das Holzfräulein zu beerdigen. Die Gemeinschaft der Unterschiedlichen nahm Abschied. Auch ich gehöre jetzt zu ihr. Elodie fehlte am Grab. Sie war zu schwach. Ich werde sie nachher besuchen. Ich mag sie und ich glaube, sie mag mich ebenso: den kleinen Herrn Butzemann, der einst Kinderschreck war. Und Clown. Was die Zukunft ergibt: Wer weiß das schon?
Die Residenz ist für mich heute viel mehr als der Schuhkarton, den ich anfangs gesehen habe. Wir alle sind die Residenz: Franky (die Elfe), Elodie mit den roten Haaren und den blauen Strähnchen, Doktor Lazarus und der Manager, die Lady und selbst der alte Graf, der blutige Steaks liebt und nie mein bester Freund sein wird. Wir alle leben hier das Leben, das uns bleibt. Wir alle leben es gemeinsam. Und es ist gut so, wie es ist.

Vincent Voss
Halber Mensch
Seine Königin in Gelb stand allein auf dem weit ins Land reichenden, englischen Rasen vor den blühenden Rhododendren, als es zu regnen begann. Sie klappte einen Schirm auf, der eigentlich als Schutz vor den Strahlen der heißen Junisonne dienen sollte, um jetzt ihr zitronengelbes Kleid und den gleichfarbigen Hut zu schützen, verweilte so einen Augenblick unter dem Schirm und verzog das Gesicht, was ihrem Antlitz in seinen Augen eher ein niedliches Schmollen, denn ein zorniges Grimmen verlieh, klappte den Schirm wieder zusammen und begann, im Regen zu tanzen. Sie breitete die Arme aus und hieß die dicken Tropfen auf ihrem Kleid und ihrem Körper willkommen.
Er war dreiundachtzig Jahre und lag auf der Mauer auf der Lauer, wie man es so schön sagte, und beobachtete die Bewohner der Residenz, die in einiger Entfernung seines Dorfes hier oben an der Steilküste des Loch na Lerig stand. In seine Königin in Gelb verliebte er sich spätestens an diesem Tag hoffnungslos und für immer. Sie war der Sinn seines Lebens. So viel stand fest.
Der Pub Drunken Mermaid zog an ihm vorbei, während die Kutsche sich die Anhöhe hinaufarbeitete. Das Holz ächzte, das Geschirr der Pferde klirrte, denn es war keine gewöhnliche Kutsche, sondern eine, die es ihren Gästen auf der womöglich letzten Fahrt so angenehm wie eben möglich machte. Die Wände strahlten in rotem Samt mit goldenen Mustern, es gab ein Fach, in dem der Champagner gekühlt wurde und ein weiteres, das edle Gaumenfreuden enthielt. Es gab federleichte Daunendecken, die für Wärme sorgten, denn die alten Herrschaften froren schnell. Die Residenz verließen die meisten Bewohner im Sarg, daher sollte ihnen die Anreise wenigstens Freude bereiten. Und er freute sich wirklich, ganz besonders auf seine Königin in Gelb, die er in all der Zeit, bis die Aufnahme endlich geregelt gewesen war, weiter beobachtet hatte. Und er glaubte, sie hatte seine Anwesenheit gespürt. Manches Mal hatte sie ihren Hals gereckt und in den Himmel geschaut, sich umgesehen und er hatte sich unter ihren Blicken in seinem Versteck noch kleiner zusammengerollt, als er es eh schon war, bis sie wieder ihrer Tätigkeit nachging. Meistens jedoch irgendwie trauriger und bedrückter als zuvor, wie es ihm schien. Das ließ sein altes, verliebtes Herz nur noch doller für seine Liebe pochen. Die Kutsche hielt, die Tür wurde geöffnet und er durfte aussteigen. Doktor Renato Lazarus, der Chefarzt der Residenz, erwartete ihn schon unter einem Regenschirm stehend draußen vor dem Tor des Gebäudes, eine Eigenart, die er bei jedem Neuankömmling pflegte, wie er später noch oft beobachten konnte.
»Herzlich willkommen in der Residenz, mein lieber Argyle Findlay. Haben Sie viel Gepäck mitgebracht?« Der Alte antwortete nicht, wandte sich aber auch nicht ab, sondern sah dem Chefarzt mit offenem Blick entgegen und trat selbstbewusst unter den Schirm des Arztes, um nicht nass zu werden. Er zückte stattdessen ein kleines in Leder gebundenes Büchlein hervor und notierte sich etwas mit einem Bleistift.
»Der redet nicht, der schreibt nur!«, schallte es vom Kutschbock herab, der Kutscher stieg ab, umrundete die Kutsche und stellte das Gepäck heraus. Doktor Lazarus nickte nur.
»Danke«, wandte er sich an den Kutscher und dann wieder an den alten Mann. »Dort steht Schwester Brianna, sie wird Sie in Ihr Zimmer bringen, und das ist Hausmeister Morgan, er wird so freundlich sein und Ihr Gepäck tragen.« Der Greis nickte beiden zu und lächelt. Brianna erwidert es, Morgan tippte sich mit dem Zeigefinger an den Schirm einer Mütze, die er nicht auf dem Kopf trug. Diese Geste in diesem Umfeld machte ihn für den Senior sofort sympathisch. Der Kutscher bemühte sich, wieder auf den Kutschbock zu steigen, um abzufahren, die Entourage war im Begriff, das altehrwürdige Gebäude zu betreten, als Argyle, wie er jetzt noch genannt wurde, seiner Königin gewahr wurde. Sie stand an einem Fenster im zweiten Geschoss hinter einer weißen, halb durchsichtigen Gardine und kaum, dass er den Blick hob, verschwand sie auch wieder aus seiner Sicht. Er hatte winken wollen, unterdrückte diesen Impuls aber sofort. Und er spürte selbst hier unten ihre Melancholie, die wie ein feines Gespinst auf ihn einwirkte.
»Das ist Kassandra«, sagte Doktor Lazarus, der diesen ersten Blickkontakt bemerkt hatte. »Sie hat allen Grund, traurig zu sein. Es ist besser, Sie halten sich von ihr fern.« Er sagte nichts und nickte dieses Mal auch nicht. Auf Geheiß des Chefarztes betraten sie die Residenz. So begann also sein erster Tag als Bewohner der Residenz.
»Sie möchten also Ihren Namen ändern, richtig?«, fragte Doktor Lazarus angesichts des schriftlich formulierten Wunschs des Alten, der vor ihm in seinem Büro saß. Draußen, so konnte man von hier aus zwei großen Fenstern mit Blick auf den See beobachten, rangen Regen und Sonnenschein um die Vorherrschaft des Tages und es sah wieder einmal so aus, als würde der Regen obsiegen. Der Greis legte sein Notizbuch auf dem Schreibtisch ab und nickte. Doktor Lazarus Blick haftete auf dem Buch. Ihm fiel auf, dass der Ledereinband eine Nuance heller war, als er ihn in Erinnerung hatte.
»Sie schreiben viel, oder?«
Nicken.
»Ist das schon Ihr zweites Buch?«
Nicken.
»Sie können sprechen, oder?«
Nicken.
»Aber Sie wollen nicht?«
Kopfschütteln.
Nicken.
Schwierig formuliert, dachte sich Doktor Lazarus.
»Ich rede nicht gerne, sondern beobachte lieber«, antwortete der Senior und überraschte damit Doktor Lazarus, der schon von einem traumatischen Erlebnis in der Vergangenheit des Mannes ausgegangen war, das diesem die Stimme geraubt hatte und seine Lust daran, sich der Welt mitzuteilen.
»Mhm«, antwortete Doktor Lazarus und schien enttäuscht von seinem neuen Patienten. Er war so … unspektakulär bisher. Seine ersten Elektroversuche und Hypnosen an und mit ihm zeigten nicht die Anzeichen einer ernsthaften Persönlichkeitsstörung. Zwar gab sich der Alte oft so, als wäre er desorientiert, verwirrt, autoaggressiv, aber die tiefer gehenden Untersuchungen zeigten ihm jedes Mal eine ausgesprochene Reife und Klarheit bei diesem Bewohner. Doktor Lazarus griff nach einer Haselnuss in der marmornen Schüssel vor sich und öffnete sie mit dem Nussknacker, ohne dabei den Mann aus den Augen zu lassen. Dieser reagierte nicht auf sein Starren, saß ruhig und gelassen vor ihm. Er erinnerte Doktor Lazarus irgendwie an eine faule Nuss mit brüchiger Schale … »Nun gut, Sie können also reden, ziehen es aber vor, es nicht zu tun. Das ist nichts Ungewöhnliches. Ebenso wenig ungewöhnlich wie die ersten Testreihen, die wir hinter uns haben.« Er zog zwei Patientenbücher zu sich heran, schlug sie auf und überflog zur Sicherheit noch einige Ergebnisse, sah dann wieder zu dem Greis und faltete den Brief auseinander, den er von ihm bekommen hatte.
»Gesuch«, las er vor. »Hiermit bitte ich darum, wie viele der Insassen hier meinen Namen zu ändern. Zukünftig möchte ich nicht mehr mit Argyle, sondern mit dem Namen Aristophanes angesprochen werden. Aristophanes, ja?«
Nicken.
»Wie der griechische Diplomat?«
Kopfschütteln.
Doktor Lazarus hob eine Augenbraue. »Nicht?«
Erneutes Kopfschütteln. Der Alten nahm sein Buch zur Hand, schlug es auf und blätterte.
»Im Symposium von Platon lässt der Philosoph den fiktiven Komödiendichter über Eros und die Kugelmenschen reden. Ich bin der fleischgewordene Aristophanes, der von seiner Liebe getrennt wurde, nur eine Hälfte von etwas, und die andere ist unerreichbar.«
Nicken. Doktor Lazarus schrieb etwas auf.
»Ich werde Ihren Gesundheits- und Geisteszustand weiter beobachten und nur einschreiten, sollten sich Veränderungen ergeben. Ist das in Ordnung für Sie?«
Nicken.
»Gut. Dann verabschiede ich mich für heute, Sie können gehen.«
Der alte Mann ging und Doktor Lazarus nahm sich eine weitere Nuss. Mit dieser hatte er erhebliche Mühe, sie zu knacken.
In den kommenden Monaten lebte sich Aristophanes in das Residenzleben ein. Auf seine eigene Art, denn er verschmolz mit der Residenz, wurde zu einem Inventar oder Möbel, das niemand mehr bewusst wahrnahm. Obwohl er zu den gewöhnlichen Essenszeiten mit den anderen speiste, an Exkursionen ins Umland teilnahm und sich oft und viel außerhalb seines Zimmers bewegte. Es war auch nicht so, dass er Kontakte mied. Oder Gespräche. Aber er war derjenige, der zuhörte und notierte. Und nach dem Gespräch wieder in Vergessenheit geriet. Seine Unscheinbarkeit erlaubte ihm auch nachts unauffällig durch die Residenz zu streifen, was eigentlich verboten war, denn ab zweiundzwanzig Uhr galt die Bettruhe. Aber nur die wenigsten hielten sich daran, wie Aristophanes schnell feststellen konnte. Ebenso wie er entdeckte, dass die Nacht und vor allem der Mond auf viele der Bewohner einen besonderen Reiz ausübte, vor allem der Vollmond. Nachdem er aber ausfindig gemacht hatte, dass seine gelbe Königin einfach keine festen Gewohnheiten pflegte und nicht einzuordnen war, stellte er seine nächtlichen Streifzüge bis auf Weiteres ein. Sie waren ihm zu unheimlich und gefährlich. Es gab zum Beispiel den Butzemann, der ihm nicht geheuer war, oder die Lady Banshee de Lily, die angeblich vorwiegend nur wie ein Schatten durch die Residenz geisterte und sich von den geheimen Ängsten der Insassen ernähren sollte. Wie Mücken Blut tranken, so labte sie sich an den Albträumen und Ängsten der Mitbewohner. Aristophanes glaubte sie mehrmals gespürt zu haben, wie einen eiskalten Hauch, der einem in den Rücken wehte oder ein Huschen, das flugs im Zwielicht verschwand. Jetzt kannte er also die dunkelsten Winkel der Residenz und ihrer Bewohner und sei es nur vom Hörensagen, sodass er wusste, wer sich zum Beispiel Tag für Tag überwinden musste, in den Speisesaal zu kommen oder wer in der Nacht geschrien oder geweint hatte, ebenso wie er alle kannte, die glaubten, längst Verstorbene gesehen zu haben, aber er wusste nichts über seine Liebe. Nur den einen Satz von Doktor Lazarus an dem Tag seiner Ankunft gesprochen hatte. Ihren Namen, Kassandra und, dass sie allen Grund hatte, zu leiden und er sich von ihr fernhalten sollte. Ansonsten traf er sie nur zufällig und unter Menschen, nie hat er sie seither so privat und vertraut gesehen, wie damals, als er sich verliebt hatte und er sie beim Tanzen beobachten konnte. Und er konnte nicht unauffällig bleiben und rund um die Uhr ihre Zimmertür bewachen, obwohl sie im etwas ruhigeren Westflügel am Ende eines Ganges ein Zimmer bewohnte und zwischen ihrem und dem nächsten Zimmer ein Schwesternzimmer untergebracht war. Er wartete also oft in der Umgebung ihres Zimmers, am liebsten lungerte er an jener Kreuzung, wo der Korridor in ihren Trakt auf den Hauptgang des Westflügels führte. Hier stand an einer Wand ein runder Tisch mit Glasaufsatz, auf diesem waren wiederum immer frische Schnittblumen und links und rechts zwei gemütliche Stühle. Wenn nicht Kapitän Ahab dort saß und verdrießlich dreinschaute, wurde dieser Platz zu seinem Lieblingsort, aber Kassandra hatte er dennoch bisher nicht abpassen können. Der Herbst ging in den Winter über, der Winter wurde zum Frühling und mit der einsetzenden Schneeschmelze traf er endlich, endlich wieder auf sie. Ihm war klar, dass sie wahrscheinlich nicht ständig in gelbe Kleidung gewandet war, aber auch an diesem Tag trug sie ein goldgelbes Kleid sowie einen schwarzen Hut mit einem Schleier, der ihr Gesicht verdeckte. Eine auffallende und ungewöhnliche Kombination, wie Aristophanes fand, ohne über Kenntnisse oder reichhaltige Erfahrungen über die Kleiderwahl der Frauen zu verfügen. Sie eilte an ihm vorbei in den Hauptgang, er erhob sich von seinem Sitz, hätte beinahe die Blumen umgestoßen (er fragte sich immer noch, wie es in der Residenz auch im Winter frische Schnittblumen geben konnte, aber das war nur eines von vielen Geheimnissen, die die Residenz betrafen und sich mittlerweile vor ihm auftürmten) und lief ihr nach. Dieses Mal blieb sie nicht stehen oder verharrte, weil sie ihn in irgendeiner Weise spürte. War sie etwa aufgeregt und dadurch abgelenkt? Wenn ja, warum? Er spürte den großen Drang in sich, sie zu beschützen und auch, wenn er den Drang aufgrund seines Alters irgendwie albern fand, er konnte ihn nicht unterdrücken. Seine Königin lief zum Haupteingang und anstatt durch das Tor zu gehen, verweilte sie kurz vor einem Fenster und spähte auf den Platz. Jetzt fiel ihm ein, dass sich dort heute in der Frühe alle Ausflügler treffen wollten, die eine Reise zur Küste unternehmen und über Nacht auch dort bleiben würden. Versprochen war, dass alle dort Muscheln sammeln, sie in einem Kübel voll Eis hierher bringen, damit es dann für alle in der Residenz Muschelsuppe geben konnte. So wie er das sah, war das zu einer gewachsenen Tradition geworden, da er den Namen Kassandra aber nicht auf der ausgehängten Liste gefunden hatte, schenkte er dem Ausflug selbst auch keine weitere Beachtung. Bis jetzt. Sie verharrte dort, ging einen Schritt zurück, einen wieder vor, als haderte sie mit einer Entscheidung. Dann fasst sie sich ein Herz und stürmte mit Elan aus der Tür hinaus auf den Vorplatz. Aristophanes lief zum Fenster und beobachtete. Er sah, wie Kassandra auf die Reisegesellschaft zuhielt, aber immer langsamer wurde und dann etwa fünf Meter vor dem Kern der Gruppe als Satellit stehen blieb. Nicht auffällig, denn auch die Kutscher und andere Insassen standen vereinzelt drum herum. Einige rauchten, alle genossen die Sonnenstrahlen, die hier so selten Wärme spendeten, wie Wasser in der Wüste auftauchte. Es sah aus, als würde Kassandra wie zwanghaft versuchen, niemanden von den Mitinsassen anzusehen, sie wandte den Blick zu Boden oder gen Himmel und beobachtete das Geschehen nur aus den Augenwinkeln. Er erschrak, als sie wie ein Rochen auf Beutejagd auf einen Mann zustürzte, der gerade aus der Gruppe hinaustrat, um sich eine Zigarette anzuzünden und gleichfalls erschrak, als Kassandra sein Gesicht in beide Hände nahm, ihn ansah und dann auf die Stirn küsste. Sie ließ ihn los, strich ihm mit der rechten Hand über seine linke Wange, eine Szene mit einer Zärtlichkeit, die sich für immer in Aristophanes Geist brennen und ihn fortan verfolgen würde. Sie wandte sich um und eilte genauso geschwind, wie sie gekommen war, wieder zurück. Er verbarg sich in der Ecke, kroch beinahe hinter die Gardine und warf einen Blick auf den Mann, dem diese außergewöhnliche Liebkosung zuteilgeworden war. Er hieß Paul, war alt, aber gut aussehend, mit noch relativ dunklen Haaren, die ihm stets etwas in die Stirn fielen und einer Jacke, deren Kragen er immer aufstellte. Paul malte. Oft verstörende Familienporträts mit Menschen ohne Gesichter und nachts hatte Aristophanes ihn auch schon einmal in seinem Zimmer schreien gehört. Paul sah Kassandra nach, andere Männer lachten, einer schlug ihm anerkennend auf die Schulter und Aristophanes konnte im Blick des Künstlers etwas Gefährliches lodern sehen. Auch dieser hatte sich in diesem Moment unsterblich in seine Königin in Gelb verliebt. Also musste Aristophanes Paul kennenlernen. Seinen Konkurrenten. Er musste mit auf den Ausflug.
Nachdem er notdürftig auf die Schnelle ein paar Sachen in seine Tasche gestopft hatte und Stiefel rausgesucht hatte, weil alle entweder Stiefel anhatten oder als zusätzliches Paar Schuhe in den Händen hielten, eilte er zurück und kam gerade rechtzeitig an, denn die Ausflügler bestiegen bereits die vier Kutschen, die sie ans Meer bringen sollten.
Aristophanes stellte sich an jene Kutsche an, in der Paul saß. Pfleger Duncan stand dort mit einem Klemmbrett, und als Aristophanes an der Reihe war, schüttelte er den Kopf.
»Der Herr Aristophanes steht nicht auf der Anmeldeliste, daher kann der Herr Aristophanes nicht mitkommen«, sagte Duncan, der mit allen in der dritten Person redete, selbst mit seinen Vorgesetzten.
»Ich … habe das vergessen. Aber ich muss unbedingt mit. Ich MUSS!«, flehte der Alte, wollte vorbei an dem Krankenpfleger, der reaktionsschnell einen Arm vorschob und ihm damit den Eintritt in die Fahrgastzelle der Kutsche verwehrte. Aristophanes wich einen Schritt zurück. Ungläubig sah er zu Duncan und wieder zur Kutsche. Er zählte sogar zwei freie Plätze. Einen für Duncan, einen für sich.
»Ich MUSS da mit!«, sagte er laut, ganz an der Grenze zum Brüllen. »Da ist doch noch ein Platz frei!«
»Das macht aber nichts. Man hätte sich vorher anmelden müssen. Nein, das geht nicht!«, sagte Duncan und wollte Aristophanes zurückschieben. Der Alte schlug zu. Der Alte trat um sich. Der Alte wollte in Duncans Arm beißen, nachdem dieser ihn gepackt hatte. Schließlich wurde er von den Pflegern Murdo und Lennox in sein Zimmer gebracht und Doktor Lazarus verabreichte ihm wortlos eine Spritze, die ihn erst einmal schlafen ließ.
Aristophanes wachte spät auf am nächsten Tag und das schottische Wetter trug, wie er aus dem Fenster sah, nicht dazu bei, sich tageszeitlich orientieren zu können. Es war alles, nur nicht nachts. Ein schlechtes Gewissen hatte ihn schon im Schlaf durch skurrile Träume gequält, mit den erwachenden Erinnerungen an sein Fehlverhalten wuchs es so stark an, dass er an den Fingernägeln zu kauen begann. Er stand auf und probierte, ob sich die Tür öffnen ließ. Sie ließ sich öffnen. Die Gefahr, die man in ihm gesehen hatte, schien gebannt. Er horchte in sich hinein und stellte fest, dass seine Aggressivität tatsächlich verschwunden war. Stattdessen spürte er … Eifersucht. Jetzt wusste er, was dieses Wort bedeutete und wie groß der Schmerz war, den dieses Gefühl verursachen konnte. Er warf sich bäuchlings auf sein Bett und begann zu weinen. Seine Liebe, sein Ein und Alles war verloren. Sie hatte Paul geküsst!
Zwei Tage später erreichte sie mit der Ankunft der Ausflügler auch die Schreckensnachricht. Es hatte einen Toten gegeben! Paul war an der Küste beim Muschelsammeln in einer Höhle ertrunken, weil er die einsetzende Flut nicht rechtzeitig bemerkt hatte. Seinen Leichnam hatten sie zur Residenz mitgebracht und er sollte auch hier auf dem Residenzfriedhof beigesetzt werden. Aristophanes fühlte sich zum Teil mitverantwortlich für den Tod des Künstlers, er konnte sich nicht freisprechen von zornigen Wünschen, die er gegen seinen Mitbewerber um die Gunst seiner Liebe gehegt hatte. Erst wartete er vergeblich auf Kassandra, wollte ihr sein Mitleid bekunden, aber sie verließ ihr Zimmer jetzt nicht einmal mehr zu den Mahlzeiten. Dann zog er sich weiter zurück und begann ebenfalls, die Welt um ihn herum zu meiden.
Zwei Wochen später hatte er einen Termin bei Doktor Lazarus. Selbst hier oben im Norden ließ sich der Einzug des Frühlings nicht mehr bestreiten. Es war grüner und stürmischer geworden. Auch heute jaulte der Wind um die Residenz wie ein Rudel Wölfe. Aristophanes begann das Gespräch nicht von sich aus und Doktor Lazarus warf wie üblich erst einmal sorgfältige Blicke in seine Aufzeichnungen.
»Wie geht es Ihnen?«, fragte er und Aristophanes wurde mit dieser Frage überrascht. Er warf selbst einen Blick in seine Aufzeichnungen der letzten Tage, seine Zeichnungen mit Kohlestiften; düster; seine Gedichte; düster.
»Es geht so«, antwortete er wahrheitsgemäß.
»Der tragische Tod von Paul erschüttert uns alle natürlich sehr. Wie geht es Ihnen damit?«
»Warum …« Aristophanes schluckte trocken, fühlte sich bis auf sein Innerstes durch Doktor Lazarus durchschaut, spürte sein schlechtes Gewissen, spürte, wie ihm Blut ins Gesicht schoss und er begann zu schwitzen. Die Frage des Arztes waberte weiterhin unbeantwortet in dem Raum und Aristophanes bemühte sich, Kontrolle über sich zurückzuerlangen. »Es wird besser, aber es geht mir noch nicht gut«, antwortete er.
»Sie haben Duncan geschlagen, getreten und wollten ihm in den Arm beißen, erinnern Sie sich noch daran?«
Aristophanes begann zu zittern. Jetzt war es vorbei. Er würde die Residenz verlassen müssen und wäre für immer von der Liebe seines Lebens getrennt.
»Es tut mir so leid! Ich hatte mich nicht unter Kontrolle und wollte Pfleger Duncan nicht wehtun, aber …« Es fehlten ihm die Worte, um seinen Angriff auf den Pfleger zu erklären.
»Das ist sehr, sehr schade, Aristophanes.« Doktor Lazarus sah ihn ermahnend über den Rand seiner Brille an. »Ich habe mit Mister Mackay über Sie gesprochen.« Aristophanes glaubte, sein Herz würde zu schlagen aufhören, Angus Mackay war der Manager der Residenz, derjenige, der am Ende darüber entschied, ob jemand ging oder blieb. Aristophanes zitterte.
»Wir sind übereingekommen, Sie weiter in der Residenz zu belassen. Wir sollten allerdings an Ihrer Impulskontrolle arbeiten.« Doktor Lazaraus musterte Aristophanes, suchte nach sichtbaren Reaktionen, aber der Alte zeigte kaum etwas von seinem Inneren, außer, dass er sich sehr stark auf die Unterlippe biss.
»Gut«, sagte er nach einer Weile und Doktor Lazarus nickte. Da der Arzt schwieg, erhob sich Aristophanes seufzend.
»Eines noch«, sagte Doktor Lazarus und suchte Blickkontakt zu dem Mann. Erst als dieser hergestellt war, sprach er weiter. »Sie wissen, wer Kassandra ist?« Aristophanes schüttelte den Kopf und Doktor Lazarus schien leicht enttäuscht darüber zu sein. »Auch sie hat wie Sie einen Namen gewählt, der ihr … Leiden am besten beschreibt. Kassandra war eine griechische Seherin, die von dem Gott Apollon mit der Gabe der Prophezeiung in der Hoffnung beschenkt wurde, sie würde seinem Werben um sie nachgeben. Sie wies ihn ab, und der Gott bestrafte sie mit dem sagen wir Fluch dazu, dass ihr niemand Glauben schenken würde. Sie ist damals zu uns gekommen, weil sie sich von ihrer Krankheit, denn so nenne ich das als Arzt, erholen wollte. Sie meidet daher den Kontakt zu anderen, weil sie nicht um deren Schicksal wissen will.« Er nickte Aristophanes zu und glaubte, der Alte würde seinen Rat richtig einordnen können. Aristophanes ging ohne eine Antwort auf sein Zimmer.
Er begann ihr Briefe zu schreiben und legte sie vor ihrer Tür ab. Sie antwortete nicht. Über Jahre hinweg. Und dennoch blieb er, denn er war Aristophanes: ein von seiner anderen Hälfte getrennter Kugelmensch.
Er wurde zum Archivar der Residenz, grau, unauffällig, immer etwas melancholisch und vor allem … verliebt. Er stellte fest, dass in der Residenz die Uhren für manche von ihnen anders liefen. Er wurde älter, Kassandra hingegen sah aus wie an dem ersten Tag ihrer Begegnung. Und auch Doktor Lazarus schien gleichbleibend alt zu sein, nur das Pflegepersonal alterte mit ihm.
Es war im Herbst, als er die Tür öffnete und keine Luft mehr bekam, weil vor der Tür ein Briefumschlag lag. Ein cremiges Zitronengelb. Er sah auf den Korridor, begann nach geraumer Zeit wieder zu atmen, nahm den Brief an sich und drückte ihn an seine Brust. Drei Tage lang konnte er ihn nicht öffnen. Aus Angst vor einer Zurückweisung, aus Angst vor verletzenden Worten, die die Liebe mit sich bringen konnte, wenn sie nicht erwidert wurde.
Aber der Brief war für ihn eine Offenbarung, entsprach doch so, wie sie schrieb, allem, warum er sie liebte. Sie schrieb so, wie man im Regen tanzte, gänzlich unbefangen. Und obwohl sie in diesem Martyrium lebte, hatte sie sich eben diese bis in diesen einen Antwortbrief bewahrt. Sie scherzte mit ihm, schrieb ihm auf Augenhöhe. In dieser Nacht noch antwortete er ihr und so entstand eine Romanze auf Papier, die ihn vollständig erfüllte. Seine Zerrissenheit heilte, seine Laune besserte sich.
»Haben wir beschlossen, Mister Mackay und ich, dass Sie leider die Residenz verlassen müssen. Ihre Geldmittel sind aufgebraucht und wir haben eine Einladung ihrer Großnichte, die Sie gerne aufnehmen möchte. Wir werden Sie vermissen. Versuchen Sie den Sommer zu genießen!«
»Eines noch«, sagte der Arzt. »Anfälle, die jetzt aufgrund der Krise eines Abschieds entstehen, haben keinen Einfluss auf unsere Entscheidung.« Doktor Lazarus nickt ihm ernst zu und er verstand. Aristophanes ging ohne eine Antwort auf sein Zimmer.
Zwei Stunden, bevor er von einem Taxi abgeholt werden sollte, öffnete er die Tür und sah … Füße. Wieder setzte sein Herzschlag aus, er traute sich kaum, den Blick zu heben.
»Kassandra?«, flüsterte er, ohne sie gesehen zu haben. Ein rapsgelber Rock. Das musste sie sein. Sie hob sein Kinn an, sodass sich ihre Blicke trafen. Sie weinte still, ihre Lippen bebten. Sie nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn … auf seine Lippen. Küsste ihn.
»Kassandra! Ich kann bleiben! Ich kann dich mitnehmen! Wir können zusammen …« Sie schüttelte den Kopf und küsste ihn noch einmal. Lang. Wie ein Leben lang, wie die Entstehung von Ozeanen, wie eine Welterschaffung.
»Geh!«, flüsterte sie. »Bitte, geh!« Halbherzig sagte er zu. »Versprich es mir bei deiner Liebe, die du für mich empfindest. Ich sehe sie.« Er zögerte. Weitere Tränen. Er versprach es.
Er atmete tief durch und wählte dann die Nummer der Residenz.
»Lazarus hier, guten Tag«, meldete sich der Doktor.
»Doktor Lazarus. Ich bin es. Argyle, ich meine Aristophanes.«
»Ah, hallo, Aristophanes, wie geht es Ihnen?«
»Gut. Ich lebe noch. Und damit wollte ich Ihnen mitteilen, dass Kassandra sich … irrt. Ich wollte fragen, ob Sie es ihr mitteilen können? Sie hat mich nämlich … verabschiedet, wie sie Paul damals verabschiedet hat. Und Ian. Und Misses Summersby. Die alle danach ums Leben gekommen sind. Und mich hat sie auch … geküsst. Und jetzt telefonieren wir nach über einem halben Jahr. Es könnte vielleicht …«
»Ich kann es ihr nicht ausrichten, Aristophanes«, unterbrach ihn Doktor Lazarus und er wurde wütend auf den Arzt und seine ewigen Zurückweisungen.
»Sie können ihr doch …«
»Nein, kann ich nicht. Sie ist kurz nach Ihrer Abreise auf tragische Weise die Steilküste hinuntergestürzt. Conner Mackay, der Wirt der Drunken Mermaid fand sie bei einem Spaziergang. Sie muss im Dunkeln den Halt verloren haben«, sagte Doktor Lazarus. Er log. Und das nicht besonders gut. Aristophanes legte den Hörer zurück in die Gabel, ohne sich zu verabschieden. Er würde auf ewig ein halber Mensch bleiben und ewig in seine gelbe Königin verliebt sein. So viel stand fest.

Andreas Flögel
Pixy, Krähe, Mortadella
Ich fand das tote Ding bei meinem allerersten Ausflug zum Erkunden der neuen Umgebung. Ein Anstupsen mit der Nase bestätigte, was ich gerochen hatte. Es war kalt und steif, besaß Flügel, war aber kein Vogel. Es erinnerte an ein kleines Püppchen, jedoch mit fahlem, eingefallenem Gesicht.
Vorsichtig nahm ich es auf, achtete darauf, es nicht mit den Zähnen zu zerstören. Mein Weg hatte mich längs der Hauswand durch den Garten geführt und am hinteren Ende hatte ich es gefunden. Das Laub verbarg es vor zufälligen Blicken. Ein schwacher Geruch, den der Aasgestank fast überlagerte, hatte mich angelockt. Eine Duftnote, die ich mit Magie verband. Sie war mir schon begegnet, vor allem, wenn Larmei einen Zauber wirkte.
Jetzt trug ich den steifen Körper im Mund zurück, folgte dem Pfad an der Hauswand entlang, da ich noch keine Schleichwege kannte.
Etwas Dunkles fiel über mich her. Ich hörte das Schlagen von Flügeln. Der Stoß eines kräftigen Schnabels ließ mich aufschreien. Ein Krächzen ertönte, als ich mit ausgefahrenen Krallen zurückschlug.
Zum Glück hatte ich mich nahe an der Hauswand aufgehalten. Das erschwerte der Krähe den Angriff aus der Luft. Ich hatte sie zurückgeworfen, doch noch gab sie nicht auf. Sie war groß, und als sie am Boden vor mir stand, aufgerichtet und die Flügel gespreizt, kam sie mir riesig vor.
Aber sie hatte sich mit dem falschen Kater angelegt. Mit mir, Mystera, dem schwarzen Schatten der Nacht! Diesem Krächzvogel würde ich eine Lehre erteilen, die er nicht vergessen würde.
Als er eher springend als fliegend auf mich zukam, schnellte ich hervor und schlug ihm die Krallen in den Bauch. Volltreffer. Die Krähe flatterte wild mit den Flügeln, dann zog sie sich eilig zurück.
Im ersten Moment wollte ich ihr folgen, da ich das Gefühl hatte, sie sei viel zu leicht davongekommen. Aber das hätte bedeutet, dass ich meine Beute zurücklassen musste und das durfte ich nicht riskieren. Schnell nahm ich das Flügelpüppchen erneut auf und setzte meinen Weg fort, jetzt mit erhöhter Wachsamkeit.
Ich muss zugeben, dass ich in dem großen Gebäude erst die falsche Abzweigung nahm, bis ich schließlich unser Zimmer erreichte.
Larmei sprach mit einem kräftigen Mann, der ein blusiges Leinenhemd und einen Kilt trug. In dieser Gegend gab es das öfter, hatte Larmei mir erklärt.
Von unseren Reisen war ich gewohnt, dass die Trachten der Einheimischen ungewöhnlich erschienen, vor allem, wenn man sich abseits der großen Städte aufhielt. Aber Abgeschiedenheit war, was Larmei suchte. Sie hatte diese Residenz ausgewählt, um unterzutauchen. Denn mein Mensch war nicht nur eine mächtige Hexe, sie arbeitete auch unabhängig von einem Coven, da sie sich nicht gerne Vorschriften machen ließ. Sie war generell kein Freund von Anordnungen, Regeln und Gesetzen. Sie lebte von ihrem Geist und ihrem Können, wie sie das nannte. Da konnte es vorkommen, dass man für einige Zeit weltlichen Gesetzeshütern oder den Agenten der APA, der »Agency for Preternatural Affairs«, aus dem Weg gehen musste. Das hoffte sie, hier bequem zu erreichen.
»Vielen Dank für Ihre Hilfe, Mister Morgan. Ohne Sie hätte ich das mit den vielen Kisten nicht geschafft.« Larmei deutete auf die ordentlich an der Wand errichteten Kistenstapel.
»Keine Ursache, Madame d’Ellerave. Gehört ja zu meinen Aufgaben als Hausmeister. Und bitte nennen Sie mich Keith.«
Der Mann fletschte die Zähne. Wenn man so lange der Vertraute einer Hexe war, wie ich, dann wusste man, dass es keine Drohung darstellte. Die Menschen nannten es Lächeln und Larmei konnte es besonders gut. Wenn sie es tat, dann schien ihr ganzes Gesicht nur aus einem Gebiss und strahlenden Augen zu bestehen. Andere Menschen fanden es bezaubernd, obwohl Larmei überhaupt keine Magie wirkte. Auch jetzt tat sie das, als sie Keith antwortete.
»Dann müssen Sie mich im Gegenzug Larmei nennen, mein Lieber.«
Die Augen des Mannes bekamen einen glasigen Ausdruck und ich war mir sicher, dass Larmei gleich bei der Ankunft einen Verbündeten gewonnen hatte, auf den wir zählen konnten.
»Den hast du ordentlich um den Finger gewickelt, La. Sobald er weg ist, muss ich dir unbedingt etwas zeigen.«
Zwischen einer Hexe und ihrem Vertrauten bestand ein besonderes Band. Wir konnten gedanklich miteinander kommunizieren, ohne dass andere irgendetwas davon mitbekamen.
»Moment noch, er will gerade gehen. Ist er nicht ein Schatz? Ich musste einfach herausfinden, ob ich es auch in dieser Gestalt draufhabe.«
Menschen machten viel Aufheben um ihr Aussehen, und auch meiner war davon nicht gefeit. Für unseren Aufenthalt hier hatte Larmei sich etwas verändert. Sie war groß, schlank, mit den richtigen Rundungen an den entsprechenden Stellen, wie einer ihrer Liebhaber zu sagen pflegte. Das hatte sie beibehalten, genauso die rötlichen langen Haare. Aber ihr Gesicht zeigte deutlich mehr Falten als sonst und ihre Haut hatte am ganzen Körper kleine Flecken, die besonders an den Händen auffielen.
Sie sagte, dass diese Veränderungen auf einen Zauber zurückgingen, aber da sie im Moment weniger nach Magie roch als üblich, nahm ich an, dass dieses Aussehen eher ihrem wahren Erscheinungsbild glich.
Der Mann wollte sich gerade zum Gehen wenden, als eine kleine dickliche Dame hinzutrat, die ein Kleid mit einem bunten Blumenmuster trug. Zu viele Leute. Es würde dauern, bis ich Larmei meinen Fund zeigen konnte. Deshalb versteckte ich ihn unter dem Sofa, um ihn vor den anderen zu verbergen, während ich der Unterhaltung lauschte.
Die kleine Dame fixierte den Mann.
»Wie schön, Sie auch mal bei der Arbeit anzutreffen, Mister Morgan. Wie Sie sich sicher erinnern, hat Großhexe Martha schon vor Tagen darum gebeten, dass Sie sich umgehend um den Lichtschalter in unserem Salon kümmern. Bisher haben Sie noch nicht den Weg zu uns gefunden.«
»Oh, Allergnädigste, das tut mir leid. Es ist ja so viel zu tun. Doch Sie stehen ganz oben auf meiner Liste.«
Dann wandte er sich strahlend an Larmei. »Wie du siehst, Larmei, bin ich ein gefragter Mann, deshalb muss ich jetzt weiter. Bitte zögere nicht, dich zu melden, wenn du irgendetwas brauchst. Ich werde sofort Zeit für dich finden.« Er hob die Hand und ging, unter dem zornigen Blick der Blumengewandeten.
Sie schnaubte erbost. »Wir werden uns bei Mister Mackay, dem Manager, über ihn beschweren. Und bei Doktor Lazarus! Erneut, schriftlich! Das ist ein Flegel, kein Hausmeister.« Sie schüttelte den Kopf, dabei fiel ihr Blick auf mich. »Hach, was für ein süßes Kätzchen. Wie niedlich! Das schwarze Fell glänzt so schön.«
»Er heißt Mister A. und ist ein Kater.«
»Eh, La, was soll das? Ich nenne mich doch jetzt Mystera, das ist viel cooler als Mister A.«
»Natürlich, mein Großer. Aber ich dachte, das wäre eine Geheimidentität, die man nicht jedem auf die Nase binden muss.«
Da hatte mein Mensch recht. Ich wandte mich wieder der Dame zu, aber deren Interesse galt nun einzig Larmei.
»Ich wollte dich ganz herzlich begrüßen, liebe Schwester in Hekate. Ich bin Bella, Hexe zweiter Ordnung im Coven von der dreihundertjährigen Eiche und die persönliche Assistentin von Großhexe Martha. Wir freuen uns außerordentlich, dass unsere Schwesternschaft hier vor Ort Verstärkung bekommen hat. Darum wollte die Großhexe keine Zeit verlieren, um dich persönlich kennenzulernen. Am besten, du kommst gleich mit, dann bringe ich dich zu ihr.«
»Äh, Entschuldigung, ich bin gerade mitten beim Einzug. Ich bin mir sicher, dass Schwester Martha sich auch in ein paar Tagen noch über einen Besuch freut.«
Die kleine Dame erstarrte.
»Oh, liebe Schwester, ich weiß ja nicht, wie das in deinem Coven gehandhabt wird, aber normalerweise werden die Wünsche einer Großhexe nicht diskutiert. Und natürlich wird sie immer mit dem vollen Titel angesprochen.«
Larmeis Gesicht nahm eine deutlich rotere Farbe an. Mir erschien es angebracht, mich zu Wort zu melden.
»Denk dran, La, du willst hier untertauchen, es ruhig angehen lassen. Da solltest du dir nicht schon am allerersten Tag Feinde machen. Lass uns einfach mitgehen.«
Larmei holte tief Luft.
»Du kommst mit?«
»Auf jeden Fall! Sieht aus, als müsste ich einen Totschlag verhindern.«
Bella brachte uns über eine große Treppe und einen schier endlosen Flur zu den Gemächern der Großhexe, wo sie selbst ein Zimmer bewohnte. Dabei machte sie Small Talk und so erfuhren wir, dass wir den Pub in der Nähe unbedingt meiden sollten, da das Publikum zu proletenhaft war und dass Doktor Lazarus ohne Zweifel einem Gott der Heilkunst glich, auch wenn er auf den ersten Blick eher zerstreut wirkte.
Die Großhexe empfing uns in ihrem Salon. Sie trug ein weißes, talarähnliches Kleid und ihre grauen Haare lagen in kleinen festen Locken so eng an ihrem Kopf, dass es an einen Helm erinnerte.
Als sie Larmei sah, erstarrte ihr das künstliche Lächeln im Gesicht. Ihr Mund schloss sich und wurde zu einem Strich.
»Bella, wen hast du denn hier angeschleppt?«
»Aber Großhexe, Ihr wolltet den Neuankömmling doch unverzüglich sehen.«
»Weil ich natürlich annahm, dass es sich um ein ehrwürdiges Mitglied unserer Schwesternschaft in Hekate handelt. Aber bei diesem Individuum sieht man auf den ersten Blick, dass sie eine Wanderhexe ohne Covenzugehörigkeit ist.«
Bella zog den Kopf ein, als würde sie Schläge fürchten, doch nun sprach die Großhexe das erste Mal Larmei direkt an.
»Nichts für ungut, wir alle wissen, was von diesen sogenannten ›freien‹ Hexen zu halten ist. Schwindler, Scharlatane und Betrüger. Und sie verkehren mit Männern. Oft ist das auch ihre Einnahmequelle. Ich meine, nichts für ungut, irgendwie müssen Sie ja an das Geld für den Aufenthalt hier gekommen sein.«
»Lass uns gehen, La. Sie ist es nicht wert.« Ich befürchtete das Schlimmste, falls es mir nicht gelang, Larmei wegzulotsen, ehe sie explodierte. Doch nun galt mir die Aufmerksamkeit der Großhexe. »Und dann besitzen Sie ernsthaft die Frechheit, so ein flohverseuchtes Vieh mitzubringen? Als ob es ihr ›Vertrauter‹ wäre. Das ist ja wohl die unterste Kategorie! Es ist hinlänglich bekannt, dass eine Verbindung zwischen einer Hexe und ihrem tierischen Gefährten nur in den allerseltensten Fällen vorkommt. Bestimmt nicht bei einer Wanderhexe.«
So hatte noch keiner über mich gesprochen. Ich war nicht nur sprachlos, ich verpasste auch, was Larmei im Einzelnen machte. Ich hörte ein Platschen und sah, wie das Wasser in Strömen an der Großhexe herunterlief. Wie ein begossener Pudel stand sie mitten im Salon.
»Nichts für ungut«, Larmei äffte den Tonfall der Großhexe nach, »ich glaube, Sie haben ein Problem mit den Wasserleitungen. Ich komme besser ein andermal wieder.«
Wir gingen. Ich wäre gerne gerannt, doch La hielt mich zurück. »Immer langsam. Die ist so voreingenommen, dass ihr nicht einmal die Idee kommt, dass ich das verursacht habe. Das würde ja bedeuten, dass ich tatsächlich magische Fähigkeiten besitze.«
»Na ja, dir ist schon klar, dass der arme Keith sich jetzt um den Rohrbruch kümmern muss. Da hat er bestimmt keinen Spaß.«
»Ach was, von wegen Rohrbruch. Das waren ein paar Eimer Wasser aus der Küche. Nichts Bleibendes. Du hast doch gesagt, ich soll mich benehmen.«
Ich kannte sie lange genug, um ihr zuzugestehen, dass sie sich daran gehalten hatte. Zumindest soweit es ihr möglich war.
Zurück in unserem Zimmer wollte ich Larmei endlich meine Entdeckung zeigen. Lange genug hatte es gedauert.
Zu meinem Entsetzen war der kleine geflügelte Körper verschwunden. Ich kroch unter das Sofa, wo ich ihn versteckt hatte, fand aber keine Spur davon. Dafür roch es verräterisch nach Krähe.
Ich erzählte Larmei alles von meinem heutigen Abenteuer, den Fund, den Angriff des Aasvogels und dass ich diesen in Verdacht hatte, die Leiche geklaut zu haben.
Larmei runzelte die Stirn.
»Wir sind gerade erst eingezogen. Da habe ich noch keine Schutzzauber um unser neues Zuhause gelegt. Das muss ich dringend nachholen. Doch zuerst sehen wir uns an, was hier passiert ist.
Larmei winkte mich zum Eingang zurück, machte eine weit ausholende Bewegung mit dem Arm, während sie Unverständliches murmelte. Der Raum füllte sich mit grauem Rauch. Mit einer schnellen Wischgeste, die La mehrmals wiederholte, änderte sich das Bild. Wie auf einer Leinwand sahen wir die Krähe, die sich durch den Spalt eines gekippten Fensters hereinquetschte. Dann hüpfte sie über den Boden zum Sofa und zog mit dem Schnabel das arme tote Ding hervor. Auf demselben Weg, wie er gekommen war, brachte der Vogel seine Beute nach draußen und flog mit ihr davon.
»Eine Pixy, eindeutig. Ein seltener Anblick, darum hast du noch nie eine gesehen.«
»Eine Pixy, La? Wie in Pixy-Dust?«
»Exakt. Diese Wesen verwandeln die Energie der Ley-Linien im Boden in dieses magische Pulver, das oft fälschlicherweise als Feenstaub bezeichnet wird. Es ist so was wie Magie in Instantform.«
Mit einem erneuten Wischen des Arms verwirbelte La den Rauch und ließ ihn verschwinden.
»So wie diese Krähe verhält sich kein normaler Vogel, Mister A. Ich nehme mal an, er ist ebenfalls der Vertraute einer Hexe. Mal sehen, was wir noch rausfinden. Ich würde mir gerne mal anschauen, wo du die Leiche gefunden hast.«
Wie gewünscht brachte ich Larmei zu dem Platz an der hinteren Hauswand.
»Hier unter dem Laub habe ich es gefunden.«
Larmei schaute sich um. »Die Pixy war vollständig ausgezehrt, sagst du? Natürlich kann sie von überall gekommen sein, aber wenn sie sehr schwach war, dann aus der Nähe. Vielleicht kommt sie von drinnen und hat sich mit letzter Kraft ins Freie teleportiert? Würde mich interessieren, wie sie ihre magische Energie verloren hat. Ich nehme an, Keith kann mir sagen, welche Räume sich auf der anderen Seite der Mauer befinden. Ich mache mich gleich mal auf die Suche nach ihm.«
Mein Magen knurrte. Das Futter befand sich in einem der Pappkartons in der neuen Bleibe. Noch ehe ich auf diesen Notstand hinweisen konnte, war La losgezogen. Dieser Tatendrang befiel sie immer dann, wenn etwas ihr Interesse kitzelt. Diesmal gleich zwei Sachen: die tote Pixy und Keith, der es ihr angetan hatte. Ich hätte mir gewünscht, einen solchen Aktivitätsschub würde sie auch beim Füttern ihres Vertrauten an den Tag legen.
Erst am Abend sah ich Larmei wieder. Zum Glück hatte ich beim weiteren Rumstreifen einen älteren Herren getroffen, der sich mit einer Brotdose und einem Buch zu einer Bank bei dem kleinen Friedhof aufgemacht hatte. Als er seine belegte Stulle auspackte, jammerte und maunzte ich so kläglich, dass er mir die Hälfte abgab. Und nein, ich schämte mich nicht dafür. Natürlich weiß ich, wie man Mäuse jagt, aber Mortadella schmeckt einfach besser.
Diese Residenz war früher ein Krankenhaus gewesen und La hatte von Keith erfahren, dass es im hinteren Bereich eine ganze Reihe ungenutzter Räume gab, voll Gerümpel aus dieser Zeit. Vielleicht würde man sie in ferner Zukunft herrichten, um weitere Wohnungen für Gäste zu schaffen, aber im Moment staubten sie vor sich hin.
Larmei drängte mich, sofort mit ihr loszuziehen und diese verlassenen Räume zu durchsuchen.
»Weißt du, dieses Gebäude steht an einem Knotenpunkt mehrerer Ley-Linien. Magische Energie gibt es hier im Überfluss. Wie kann es dann sein, dass eine Pixy an Auszehrung stirbt? Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Übrigens hatte ich Keith wegen der Krähe gefragt, und er meinte sich zu erinnern, dass er öfter eine auf dem Balkon der Großhexe gesehen hat.«
»Du meinst also, Martha ist nicht nur arrogant, sondern führt auch noch was im Schilde?«
La blieb mir eine Antwort schuldig. Sie hatte sich schon aufgemacht und ich beeilte mich, ihr zu folgen.
»Gruselig, findest du nicht?«
Im hinteren Teil des Gebäudes schlichen wir durch alte Krankenzimmer, aus der Zeit, als die Residenz ein Hospital war. Nach dem Schmutz, der sich angesammelt hatte, lag dies lange zurück.
Mag sein, dass es auf La als Mensch mit all den verrosteten Bettgestellen und den verdreckten Überresten veralteter medizinischer Gerätschaften einen schauerlichen Eindruck machte. Mich irritierte eher der allgegenwärtige Staub, der mich unablässig in der Nase kitzelte.
Wir waren eine ganze Weile unterwegs. La hatte fast jede Türe geöffnet und in jedes Zimmer geschaut. Abgesehen von altem Gerümpel hatten wir nichts gefunden.
»Na ja, war eine Idee. Vielleicht kam die Pixy ja von sonst woher.« Las Stimme in meinem Kopf war die Enttäuschung deutlich anzumerken.
»Okay, aber bevor wir aufgeben, sollten wir noch hinter die Tür schauen, die du vorhin ausgelassen hast.«
»Ich habe nichts ausgelassen.«
»Doch, in der Mitte des Flurs. Neben einem Gestell mit zwei großen Gasflaschen. Keine Ahnung, ob für Bauarbeiten oder was Medizinisches. Du bist vorbeigegangen. Ich habe mich gewundert, dachte aber, du wirst schon einen Grund haben.«
»Wo soll das gewesen sein? Bring mich hin.«
Wir gingen den Flur zurück bis zu den Gasflaschen. La stand der Tür direkt gegenüber.
»Siehst du, hier ist nichts.«
»Bist du blind, La? Du stehst direkt davor.«
La blieb dabei, dass hier nur Wand sei.
Ich schnaubte kräftig, um den Staub aus der Nase zu bekommen. Jetzt roch ich die Magie. Ärgerlich, dass ich das vorher übersehen hatte. Ein Zauber, der, wie es aussah, einzig auf Menschen wirkte, verbarg die Tür.
»Ich habe eine Idee, La. Schließe die Augen und mach, was ich sage. Hebe die rechte Hand, gehe einen Schritt vor. Die Hand etwas höher, mehr links. Jetzt greif vorsichtig zu.«
»Da ist was, eine Türklinke.« Larmei rüttelte daran. Der Zugang war verschlossen. »Jetzt, wo ich die Klinke fühlen kann, bin ich in der Lage, den Eingang zu sehen. Mehr noch, jetzt offenbart sich mir, dass eine ganze Reihe von Schutzzaubern wirkt. Da werde ich zu tun haben, die alle aufzuheben.« Larmei hielt weiterhin den Knauf fest in der Hand, schloss erneut die Augen und schien in sich selbst zu versinken. Zu sehen gab es nichts. Die Magie, die den Eingang schützte, und die Gegenmaßnahmen meines Menschen waren unsichtbar. Aber dank meiner besonderen Gabe konnte ich das Ansteigen und Abflachen der magischen Energie riechen.
Schließlich öffnete sich die Tür und nach einem weiteren Moment löste La sich aus ihrer Trance. »Dann wollen wir mal sehen, was hier los ist.«
Mich überraschte die Größe des Raumes. Ein Zimmer, ursprünglich ausgelegt für sechs bis acht Betten. Mehrere Tische standen darin und auf jedem befand sich eine gläserne Halbkugel mit einem Auslass oben, der in einen Schlauch mündete. Alle Schläuche wurden gebündelt und durch einen Apparat geführt, von dem ich später lernte, dass es sich um eine Saugpumpe handelte. Sie endeten in einer Kiste voller Pulver, das extrem nach Magie roch. Mir wurde sofort klar, um was es sich handelte, denn unter den Glaskuppeln kauerten so viele Pixys, dass sie nicht einmal genug Platz hatten, um sich hinzulegen. Dicht gedrängt, in Knäueln übereinander, die Gesichter ausgezehrt. Einzelne Körper in dem Gewühl bewegten sich nicht mehr.
Бесплатный фрагмент закончился.
