Читать книгу: «Die psychoanalytische Ambulanz»

Lothar Bayer Heinz Weiß (Hrsg.)
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-036624-4
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pdf: ISBN 978-3-17-036625-1
epub: ISBN 978-3-17-036626-8
mobi: ISBN 978-3-17-036627-5
Autorinnen und Autoren
Lothar Bayer, Dr. phil. habil., Dipl.-Soz., Dipl.-Psych., Psychoanalytiker (DPV/IPV)
Seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sigmund-Freud-Institut und stellvertretender Ambulanzleiter, tätig in eigener Praxis in Frankfurt a. M.
Veröffentlichungen zur Theorie der Psychoanalyse und zu deren Entwicklung nach Freud, insb. bei J. Lacan und J. Laplanche; Psychoanalytische Kulturtheorie, Psychoanalyse und Kunst, Metapsychologie ästhetischer Erfahrung.
Heinz Weiß, Prof. Dr. med., Psychoanalytiker (DPV, BPS, DGPT) und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin
Chefarzt der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart, sowie Leiter des Medizinischen Fachbereichs und der Ambulanz am Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt a. M. Chair der Education Section des International Journal of Psychoanalysis.
Zahlreiche Veröffentlichungen zur Theorie, Geschichte und Behandlungstechnik der Psychoanalyse, darunter »Das Labyrinth der Borderline-Kommunikation« (Stuttgart: Klett-Cotta 2009) sowie »Trauma, Schuldgefühl und Wiedergutmachung« (Stuttgart: Klett-Cotta 2017, engl. Übersetzung London, New York: Routledge 2020).
Ralph J. Butzer, Dipl.-Soz., Dipl.-Psych., Dr. phil.
Als Psychoanalytiker in eigener Praxis in Frankfurt/M. niedergelassen. Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter von Alfred Lorenzer am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der J. W. Goethe-Universität und Mitarbeit in der von Stavros Mentzos geleiteten Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik des Klinikums der Universität Frankfurt.
Dozent am Institut für Psychoanalyse, Fachbereich Psychologie, Goethe-Universität (Tilmann Habermas), freier Mitarbeiter an der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts.
Buchveröffentlichung zu Heinz Kohut; versch. Aufsätze (u. a. zum Triebbegriff Freuds und Lorenzers, der Aggression bei Mentzos, Freuds Psycholamarckismus).
Anna Lea Docter, Dr. med., Dipl.-Psych.
In Weiterbildung zur Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt a. M. In Weiterbildung zur Psychoanalytikerin am Frankfurter Psychoanalytischen Institut (DPV).
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Studie zur psychodynamischen Therapie bei Zwangserkrankungen sowie in der Ambulanz am Sigmund-Freud-Institut.
Carla Sophie Messmann, Dipl.-Psych.
Seit 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts, davor mehrjährige Tätigkeit in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Darmstadt. In der Ausbildung zur Psychoanalytikerin (DPV) und psychologischen Psychotherapeutin am Frankfurter Psychoanalytischen Institut.
Bernd Pütz, Dipl.-Psych., Psychoanalytiker (DPV/IPA, DGPT)
In Frankfurt als Psychoanalytiker und psychologischer Psychotherapeut niedergelassen in eigener Praxis. Lehranalytiker am Frankfurter Psychoanalytischen Institut. Seit 2002 freier Mitarbeiter in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts.
Sigrid Scheifele, Dr. phil., Dipl.-Soz., Dipl.-Psych., Psychoanalytikerin (DPV/IPA)
Langjähriger Schwerpunkt in der Arbeit mit aus dem nordafrikanischen bis vorderasiatischen Raum Stammenden sowie mit Opfern von Krieg und politischer Verfolgung. Seit Mitte der 1990er Jahre freie Mitarbeiterin in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts.
Von 1984 bis 1994 wissenschaftliche Mitarbeiterin von Alfred Lorenzer am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der J. W. Goethe-Universität.
Veröffentlichungen zu weiblichen Lebensentwürfen, Kulturanalyse und Migration.
Felix Schoppmann, Dipl.-Psych.
Seit 2018 Mitarbeiter in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Institutes und davor mehrjährige Tätigkeit in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Friedberg. In der Ausbildung zum Psychoanalytiker (DPV) und psychologischen Psychotherapeuten am Frankfurter Psychoanalytischen Institut.
Annabelle Starck, Psych. Msc.
In Weiterbildung zur Psychoanalytikerin am Frankfurter Psychoanalytischen Institut (DPV).
Seit 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Studie zur psychodynamischen Therapie bei Zwangserkrankungen sowie in der Ambulanz am Sigmund-Freud-Institut.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der psychosozialen Beratungsstelle für Flüchtlinge am Zentrum für Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt.
Inhalt
1 Autorinnen und Autoren
2 Vorwort der Herausgeber
3 1 Die Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts Theorie und Praxis psychoanalytischer Erstgespräche
4 Lothar Bayer
5 1.1 Einleitung – zur Geschichte des SFI
6 1.2 Die Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts
7 1.3 Das Erstinterview
8 1.3.1 Zur Anwendung der psychoanalytischen Behandlungsmethode in der diagnostischen Praxis
9 1.3.2 Widerstand und Übertragung
10 1.3.3 Das szenisch-situative Verstehen
11 1.3.4 Indikationsstellung, Behandlungsvorbereitung und Prognose
12 1.4 Abschließende Bemerkungen: zum Stellenwert der Subjektivität des Analytikers und der Gegenübertragung im Erstinterview
13 2 »Szenisches Verstehen« – zur Begriffs- und Konzeptgeschichte bei Lorenzer und Argelander
14 Ralph J. Butzer
15 2.1 »Szene« bei Freud
16 2.2 Das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut
17 2.3 Hermann Argelander
18 2.4 Alfred Lorenzer
19 2.4.1 Zum »Gegenstand« der Psychoanalyse
20 2.4.2 »Teilhabe an der Szene«
21 2.4.3 Das szenische Verstehen ist die via regia
22 2.4.4 Verstehen von Szenen
23 2.4.5 Die »lebenspraktischen Vorannahmen« und die Regression des Analytikers
24 2.5 Abschließende Bemerkungen
25 3 Idealisierungstendenzen in Theorie und Praxis des psychoanalytischen Erstinterviews, Skizzen zu einem dialektischen Modell von Erstinterview und Rahmen
26 Bernd Pütz
27 3.1 Normorientierte und dialektische Ansätze in der Behandlungstheorie
28 3.2 Das Dilemma des nicht existierenden Rahmens im analytischen Erstinterview
29 3.3 Die dialektische Spannung zwischen der Einmaligkeit und Besonderheit der Begegnung im Erstinterview einerseits und der Offenheit und Unverbindlichkeit der Situation andererseits
30 3.4 Die dialektische Spannung zwischen Entwicklung eines psychoanalytischen Denkraums und der Notwendigkeit des Handeln-Müssens des Analytikers
31 3.5 Der psychoanalytische Rahmen als gemeinsam geteiltes Übergangsobjekt
32 3.5.1 Was versteht man im Allgemeinen in der Psychoanalyse unter dem Rahmen?
33 3.5.2 Das Übergangsobjekt nach Winnicott
34 3.5.3 Rahmen als Übergangsobjekt für den Patienten
35 3.5.4 Rahmen als Übergangsobjekt für den Analytiker
36 3.5.5 Welche Folgen hat ein gemeinsam geteilter Rahmen?
37 3.5.6 Verschiedene psychoanalytische Konzepte des Rahmens
38 3.6 Zusammenfassung
39 4 Die (un-)erkennbaren Gesichter des Sturms – Typische Sackgassen in der psychoanalytischen Sprechstunde aufgrund von Schwierigkeiten in der Gegenübertragung
40 Felix Schoppmann
41 4.1 Übertragung und Gegenübertragung in der ersten Begegnung
42 4.2 Möglichkeiten und Gefahren bei der Übersetzung der äußeren Realität in die innere psychische Welt
43 4.3 Typische Sackgassen aufgrund der Gegenübertragung
44 4.3.1 Unterlegenheit
45 4.3.2 Hilflosigkeit und Ärger
46 4.3.3 Hoffnungslosigkeit und Angst
47 4.3.4 Verwirrung oder »Wo ist mein Denken? Was ist das in mir?«
48 4.4 Abschließende Bemerkungen
49 5 Gedanken zum psychoanalytischen »Zweitgespräch«
50 Carla Sophie Messmann
51 5.1 Einleitung
52 5.2 Die Besonderheiten von Erst- und Zweitgespräch
53 5.3 Der Analytiker als »permanenter Anfänger«? Verstehens- und Erkenntnisprozesse im psychoanalytischen Interview
54 5.4 Die Rolle der Ambulanzkonferenz
55 5.5 Die Bedeutung von Zeit und (Zwischen)räumen
56 5.6 Der Umgang mit Trennung und Wiederbegegnung – »Randphänomene« im analytischen Interview
57 5.7 Zusammenfassung
58 6 Die Choreografin – Klinisches Beispiel einer Diskussion in der Ambulanzkonferenz
59 Annabelle Starck
60 7 Innen und Außen – Zum analytischen Raum in Psychotherapien mit Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind
61 Sigrid Scheifele
62 7.1 Aus den erschütterten Leben
63 7.1.1 Erstes Fallbeispiel: Der Mangel an intimen Räumen und der Versuch, anzukommen
64 7.1.2 Zweites Fallbeispiel: Die Erschütterung des Geschlechterverhältnisses und verschiedene Versuche, damit zurechtzukommen
65 7.1.3 Drittes Fallbeispiel: Das Erkunden von Behandlungsmöglichkeiten mit Traumatisierten
66 7.2 Innere und äußere Realität in der Begegnung. Eine erste Annäherung
67 7.3 Innere und äußere Realität in der Begegnung und die Konstitution des analytischen Raums
68 7.3.1 Zur Bedeutung der Arbeit für die Geflüchteten
69 7.3.2 Die Arbeit mit Dolmetscherinnen – eine Veränderung der Intimität des psychotherapeutischen Gesprächs
70 7.3.3 Die Frage ärztlicher Stellungnahmen
71 7.4 Zwischenwelten – Heimatlosigkeit und das Ankommen im analytischen Raum
72 7.4.1 Realitätsprüfung
73 7.4.2 Die Sprache
74 7.4.3 Veränderungen in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und die Erschütterung der elterlichen Autorität
75 7.4.4 Veränderungen des Geschlechterverhältnisses
76 7.4.5 Damals und jetzt, hier und dort und die Hoffnung auf die Zukunft
77 7.5 Der Zeitpunkt, zu dem jemand Hilfe sucht, und seine Bedeutung für die Begegnung im analytischen Raum
78 7.6 Psychotherapien mit Extremtraumatisierten und die Bedeutung der offenen Tür
79 7.7 Ausblick
80 8 Studie zur Psychodynamischen Therapie von Zwangserkrankungen – Psychodynamic Therapy for Obsessive-Compulsive Disorder (PDT-OCD-Studie)
81 Annabelle Starck
82 8.1 Was verstehen wir unter Zwangserkrankungen?
83 8.2 Psychodynamische Therapie von Zwangserkrankungen
84 8.3 Diagnostik
85 8.4 Studientherapie
86 9 Die Ambulanzdokumentation – Auswertung der Daten eines Jahres
87 Anna Lea Docter
88 9.1 Anzahl der Patientinnen im Erhebungszeitraum und im zeitlichen Verlauf
89 9.2 Soziodemographische Daten
90 9.3 Krankheitsbelastung und Funktionsniveau der Patientinnen, Diagnosen
91 9.4 Vorbehandlungen und Einnahme von Psychopharmaka
92 9.5 Biografische Aspekte und Bewältigungskompetenz
93 9.6 Gegenübertragung und Prognose
94 9.7 Therapieempfehlung
95 9.8 Fazit
96 Anhang

Institutsneubau des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main.
Vorwort der Herausgeber1
Mit der Eröffnung des Sigmund-Freud-Instituts (SFI) im April 1960 durch Alexander Mitscherlich sollte die Freudsche Psychoanalyse nach ihrer Vertreibung durch die Nationalsozialisten in Deutschland wieder ansässig werden und in Frankfurt a. M. einen Ort finden, an dem sie ihren verlorengegangenen Anschluss an die internationale Psychoanalyse wiedererlangen konnte. Als Wissenschaft vom Unbewussten und Behandlungsmethode für bestimmte seelische Erkrankungen sollte die Psychoanalyse wieder öffentliche Beachtung und Anerkennung finden. Dieses Anliegen fand im Nachkriegsdeutschland der späten 1950er Jahre, jener »intellektuellen Nachkriegswüste«, wie Jürgen Habermas (vgl. Plänkers et al. 1996, S. 30; S. 337) den damaligen Zustand der BRD fasste, eine selektive, aber äußerst zugkräftige Unterstützung aus politischen wie universitären Kreisen. Hierbei spielten die damalige hessische Landesregierung unter Leitung von Ministerpräsident Georg-August Zinn sowie das renommierte Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS) eine wichtige Rolle, dem in den 1950er und 1960er Jahren namhafte Intellektuelle wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas und Ludwig von Friedeburg, der später selbst Kultusminister Hessens wurde, angehörten. Die Unterstützung Mitscherlichs als designiertem Institutsgründer war mit gemeinsamen kultur- und wissenschaftspolitischen Interessen verknüpft. Als Reflexions- und Aufklärungswissenschaft sollte die Psychoanalyse zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte und zur Erforschung irrationaler, destruktiver sozialer Kräfte beitragen.
Auf diesem Gebiet hatte der 1908 geborene, fachübergreifend forschende Alexander Mitscherlich schon zum damaligen Zeitpunkt beachtliche wissenschaftliche Expertise erworben. Als habilitierter Neurologe setzte er sich in deutlicher Abgrenzung zur naturwissenschaftlich-positivistisch orientierten Ärzteschaft für eine an Sinnzusammenhängen, an biografischen und sozialen Prozessen ausgerichtete Medizin ein und konnte 1950 in Heidelberg die erste psychoanalytisch orientierte psychosomatische Klinik Deutschlands gründen, die er bis 1967 leitete.
In den 1947 und 1949 gemeinsam mit Fred Mielke veröffentlichten Büchern »Diktat der Menschenverachtung« und »Wissenschaft ohne Menschlichkeit« untersuchte er die Verflechtung der deutschen Mediziner mit dem Naziregime und zeigte auf, wie eine im Geist der Aufklärung und der Humanität entstandene Wissenschaft, aus ihren inneren objektivistischen Denk-Strukturen heraus, sich ins Verdinglichende, Dehumanisierende und letztlich Menschenverachtende verkehrte.
Genau an diesem Punkt konvergierten Mitscherlichs Arbeiten mit dem Denken von Adorno und Horkheimer, die in ihrem gemeinsamen Hauptwerk »Dialektik der Aufklärung« (1947) die Selbstzerstörungskräfte des abendländischen Rationalismus analysierten, die in den modernen, aufgeklärten Industriegesellschaften entlang ihrer instrumentellen Zielsetzungen wirksam werden. Die Autoren zeigten, wie der spezifische Rationalitätstypus der Aufklärung ins Gegenteil seiner selbst, ins Totalitäre und Irrationale umschlägt und in die Barbarei des Faschismus münden konnte.
Mitscherlich hatte diese Dialektik am Beispiel der Medizin in Nazideutschland erfasst und herausgearbeitet und damit einen wesentlichen Beitrag zu den Entstehungs- und Aufarbeitungsbedingungen totalitärer, faschistisch-rassistischer Systeme geleistet.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die führenden Mitglieder des Instituts für Sozialforschung – Horkheimer, Adorno und aus der jüngeren Generation Habermas – auf ihn aufmerksam wurden, Kooperationen mit ihm anstrebten und in ihm die geeignete Person sahen, die den Wiederaufbau der Psychoanalyse in Deutschland repräsentieren und die Verbindung von Soziologie und Psychoanalyse, die seit den 1930er Jahren ein zentrales Arbeitsfeld des IfS war, interdisziplinär weiterentwickeln sollte.

Abb.: Jürgen Habermas und Alexander Mitscherlich im Gespräch, anlässlich der Feier zu Mitscherlichs 60. Geburtstag, September 1968.
Mit freundlicher Genehmigung des Sigmund-Freud-Instituts
Aber nicht nur die Frankfurter Schule sondern auch einige wichtige Vertreter der Politik, so der damalige hessische Ministerpräsident Georg August Zinn, erkannten die politisch aufklärerische Bedeutung der Psychoanalyse und sprachen ihr prophylaktischen Wert gegen zivilisations- und freiheitsgefährdende soziale Kräfte zu. In seiner Rede zur Gründung des Instituts würdigte er den Beitrag der Psychoanalyse gegen ein erneutes Abrutschen der Gesellschaft in die Diktatur: »Ein Staat, in dem die Erkenntnis und das Verfahren der Tiefenpsychologie nicht nur bis tief in die Kliniken und ärztlichen Praxisräume, sondern auch in die Strafgesetze, in den Strafvollzug, in die Schulzimmer und die sozialen Berufe eindringen können, ist wahrscheinlich irgendwie immun gegen Diktatoren« (zit. nach Bareuther, S. 23). In dieser politisch verantwortungsvollen Funktion als Aufklärungs- und Reflexionswissenschaft erlebte die Psychoanalyse in den 1960er–1970er Jahren in Deutschland einen bislang einzigartigen Zuwachs an intellektueller Popularität, der nicht zuletzt durch Alexander Mitscherlich und das von ihm gegründete und bis 1976 geleitete Sigmund-Freud-Institut ermöglicht wurde.
Das »Institut und Ausbildungszentrum für Psychoanalyse und Psychosomatische Medizin«, so der ursprüngliche Name der 1964 in »Sigmund-Freud-Institut« umbenannten Einrichtung, war in drei wissenschaftliche Bereiche gegliedert: den sozialpsychologischen, den psychologisch-grundlagenwissenschaftlichen und den medizinisch-klinischen Bereich, zu dem eine psychotherapeutisch-psychoanalytische Institutsambulanz gehörte. Die Wahl dieser dreiteiligen Institutsform zeigt an, dass die Freudsche Psychoanalyse nicht »nur« als eigenständige Wissenschaft vom Unbewussten reetabliert und interdisziplinär weiterentwickelt werden sollte. Auch als Behandlungsmethode für seelische Erkrankungen sollte sie wieder Geltung erlangen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Mit der Einrichtung der Ambulanz trug der Institutsgründer zudem der Tatsache Rechnung, dass die Erforschung des Unbewussten in der psychoanalytischen Klinik gründet und diese als originäres Forschungsfeld unabdingbar voraussetzt. Wissenschaft als Suche nach Erkenntnis und psychotherapeutische Praxis bilden in der Psychoanalyse eine unlösbare Einheit.
Mit der damals schnell zunehmenden Popularität und Anerkennung psychoanalytischen Denkens im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs stieg auch die Nachfrage nach psychoanalytischen Behandlungen. Dadurch ergaben sich neue Anforderungen an die Institutsambulanz. Ihr damaliger Leiter Hermann Argelander schrieb 1967: »Das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut steht – wie auch andere poliklinisch tätige psychoanalytische Institute – vor der schwierigen Aufgabe, aus einer großen Zahl von Behandlungssuchenden die Patienten auswählen zu müssen, für die die vorhandenen psychotherapeutischen Verfahren2 geeignet und erfolgversprechend erscheinen« (Argelander 1967 S. 341).
Es ist wichtig, in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass die Psychoanalyse 1967 als analytische Psychotherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie in den Leistungskatalog der Krankenkassen, in die GKV-Richtlinien, aufgenommen wurde. Parallel zu diesen gesundheitspolitischen Veränderungen, denen weitere folgen sollten (z. B. die Einführung des Delegations- und Kostenerstattungsverfahren für Psychologen, das Psychotherapeutengesetz) traten die Aufgaben der Diagnostik und der Indikationsstellung in den Fokus der Ambulanztätigkeit.
Diese Ausrichtung prägt bis heute die klinische Arbeit der Institutsambulanz. Sie wurde in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich ausgebaut und auf unterschiedlichen Ebenen zum Gegenstand wissenschaftlicher Studien gemacht.
Mit ca. 500 Erstgesprächen, die wir pro Jahr mit Patienten mit unterschiedlichsten Störungsbildern durchführen, gehört die Ambulanz des SFI zu den bundesweit größten Einrichtungen ihrer Art. Sie weist gegenüber Ambulanzen im Klinikbereich als auch gegenüber Ambulanzen im Bereich psychoanalytischer Ausbildungsinstitute Besonderheiten auf, die in den folgenden Beiträgen zur Darstellung kommen sollen.
Es gilt hervorzuheben, dass das SFI in den 1960er–1970er Jahren mit der Begründung und Entwicklung eines spezifischen Verfahrens zur psychoanalytisch-psychotherapeutischen Erstuntersuchung von Patienten behandlungstechnisches Neuland betreten und wissenschaftliche Pionierarbeit geleistet hat. Das von Hermann Argelander, dem damaligen Leiter der klinischen Abteilung, begründete Erstinterview-Verfahren, in dessen Zentrum ein neu entwickeltes sinnverstehendes Verfahren, das »szenisch-situative Verstehen«, steht, stellt bis heute ein zentrales Untersuchungsinstrument dar und bildet die Grundlage unserer klinischen Arbeit. Es ermöglicht eine erweiterte Anwendung der von Freud entwickelten psychoanalytischen Methode und ist auf die initiale Begegnung zwischen Analytiker und Patient unter institutionellen Ambulanzbedingungen abgestimmt.
Das Verfahren geht in mehrfacher Hinsicht über Freuds Konzeption des Zusammenspiels von Behandlungstechnik, Übertragung und Gegenübertragung hinaus (
Kap. 1).
Hierbei geht es kurz gesagt um die Überschreitung der bei Freud angelegten intrapsychischen Perspektive hin zu einer interaktiv-interpersonellen Konzeption der Psychoanalyse. Diese akzentuiert in weitaus stärkerem Maß die Beziehungsvorgänge zwischen Analytiker und Patient und erklärt sie zum eigenständigen Gegenstand der Forschung.
Bei seiner Neuausrichtung des psychoanalytischen Verfahrens stand Argelander im wissenschaftlichen Austausch mit englischen Analytikern, vor allem mit Michael Balint und Paula Heimann. In seinen zahlreichen Studien zum szenisch-situativen Verstehen nahm er objektbeziehungstheoretische Konzepte auf (zur Bedeutung der Gegenübertragung, zur intersubjektiven Basis des analytischen Geschehens, zur Zwei-Personen-Psychologie etc.), die in England in den 1940er und 1950er Jahren entwickelt wurden und in den folgenden Jahren und Jahrzehnten die Weiterentwicklung der Psychoanalyse, auch am SFI, maßgeblich prägen sollten.
Der von Argelander eingeleitete Perspektivwechsel führte am SFI dazu, dass sich die klinische Forschung in der Institutsambulanz immer dezidierter dem interaktiven, oftmals averbal und aktional ablaufenden, affektiv geprägten Beziehungsgeschehen zwischen Patient und Analytiker, dem Hier und Jetzt der analytischen Situation, zuwendete.
Die minutiöse Erforschung der intersubjektiv strukturierten und unbewusst aufeinander bezogenen Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse, die sich, nach unserer Überzeugung, nicht nur in langwierigen Analysen, sondern auch schon im Erstinterview einstellen und seinen Verlauf prägen, begreifen wir als eine der Hauptaufgaben der Institutsambulanz.
Integraler Bestandteil der klinischen Arbeit ist deshalb die wöchentlich stattfindende Ambulanzkonferenz. Die als intervisorische Gruppensitzung angelegte Ambulanzkonferenz hat seit den Gründungstagen des Instituts »die wichtige Funktion (…) sowohl das angebotene Material wie auch die in der Gruppe während des Gesprächs auftauchenden emotionellen Konstellationen miteinander zu integrieren und daraus eine dynamische Hypothese über die Struktur des Patienten zu formulieren« (Argelander 1967, S. 342).
Die Gruppe erweist sich als ein außerordentlich sensibles Organ zur Wahrnehmung und Aufnahme jener ›emotionellen Konstellationen‹, die im Erstgespräch zwischen Analytiker und Patient unbewusst zur Wirkung kommen und dem Gespräch seine einzigartige Verlaufsgestalt geben. In der Fallbesprechung gilt der Grundsatz, dass der vorstellende Analytiker stets mehr von den aufgenommenen Beziehungs- und Austauschvorgängen, den Gefühlen und Reaktionen, die der Patient bzw. das Interview in ihm ausgelöst hat, vermittelt, als ihm selbst bewusst ist (»implizites Beziehungswissen«, vgl. Mertens 2013, S. 817). Die unbewusst gebliebenen emotionalen Reaktionen des Analytikers, seine Gegenübertragungsgefühle können im Gruppenprozess ins Vorbewusste, ins Denkbare und schließlich in Sprache gehoben werden. Der bewusst gemachten Gegenübertragung entnehmen wir entscheidende Einblicke in die innere Welt des Patienten. Damit wird die Gegenübertragung, die höchst subjektive Resonanz des Analytikers auf seinen Patienten, zum wesentlichen Werkzeug analytischer Erkenntnisprozesse. Aus unserer Sicht ist die Fallbesprechung in der Gruppe ein konstitutiver Bestandteil des analytischen Verstehensprozesses. Ihr entnehmen wir unsere psychodynamischen, diagnostischen, indikatorischen und prognostischen Schlussfolgerungen.
Parallel zu diesen behandlungstechnischen wie -theoretischen Neueinstellungen hat sich das Indikationsgebiet der Psychoanalyse in den letzten Jahrzehnten erheblich erweitert. Dieser Entwicklungstrend gilt nicht nur für die Ambulanzarbeit am SFI, sondern für die Entwicklung der Psychoanalyse überhaupt. Ihre klinische Anwendung ist heutzutage nicht mehr auf die klassischen Neurosen, die sog. Übertragungsneurosen, beschränkt. Mit weiter entwickelten Behandlungsmethoden und neuen Konzepten, vor allem aus dem Umfeld des kleinianischen und postkleinianischen Denkens, wendet sie sich verstärkt den sog. nicht-neurotischen Störungen, den Borderlinestörungen, den narzisstischen Störungen, den Psychosen, den schweren Traumatisierungen und dissoziativen Störungen zu. Bei der psychoanalytischen Erforschung und Behandlung dieser Erkrankungen stehen nicht mehr die klassischen Verdrängungsprozesse, das aufzudeckende Verdrängte und seine symbolischen Ersatzbildungen im Vordergrund der Psychodynamik, sondern ein seelisches Material, das sich auf andere und gravierendere Weise der symbolischen Repräsentation entzieht und nach anderen Gesetzmäßigkeiten individuelles Leiden verursacht und zum Ausdruck bringt: borderline-typische Zustände der Leere, der Dissoziation, der psychosenahen Verfolgungs-, Vernichtungs- und Ichverlustängste, der Verwirrung, der mehr oder weniger gravierenden Auflösung von Subjekt-Objekt-Grenzen usw. Innere Zustände dieser Art, das zeigen neuere Forschungen, kommen nicht im Medium »erzählenden Erinnerns«, der freien Assoziation und des Widerstands zum Ausdruck, vielmehr werden sie vom Patienten auf der Handlungs- und Verhaltensebene unbewusst inszeniert, agiert, werden aus dem Inneren ausgestoßen und projektiv in den anderen hineinverlagert.
Die sog. projektive Identifizierung (vgl. Frank, Weiß 2007) ist zum Schlüsselkonzept psychoanalytischer Behandlungstheorie geworden. In Abgrenzung zur Verdrängung, dem Leitmechanismus der Neurose, bezeichnet sie einen unbewussten Abwehrmechanismus, durch den eigene Anteile abgespalten und in den anderen, z. B. den Analytiker, hineinverlagert werden. Die projektive Identifizierung stellt einerseits einen archaischen Abwehrmechanismus dar, andererseits ein basales Interaktionsmodell zur Erfassung präsymbolischer, auf konkrete Entledigung bedrohlicher Gefühle ausgerichteter Austauschvorgänge zwischen Analytiker und Patient oder aber auch in entwicklungspsychologischer Perspektive zwischen Mutter und Säugling (kommunikative Funktion der projektiven Identifizierung). Durch das Konzept der projektiven Identifizierung wurde das psychoanalytische Verständnis nicht-verbaler Interaktions- und Austauschvorgänge außerordentlich erweitert und ein Zugang zu Patienten eröffnet, die früher als unbehandelbar galten.
Beim Erforschen und therapeutischen Bearbeiten dieser Vorgänge ist die Aufnahmefähigkeit des Analytikers, seine Fähigkeit die Gegenübertragung wahrnehmen, erkennen und bearbeiten zu können, besonders gefragt. Die Gegenübertragungswahrnehmung stellt das wichtigste Instrument dar, um die fraglichen, unzureichend repräsentierten inneren Zustände und Prozesse des Patienten zu erahnen, zu erfassen und ihnen im intersubjektiven Austausch eine Bedeutung verleihen zu können, die beim Patienten zum Ausgangspunkt seelischer Transformation werden kann. Neben den Arbeiten der kleinianischen Schule zur projektiven Identifizierung und zur Gegenübertragung ist die Container-Contained-Theorie des Denkens von Wilfred Bion zum wichtigen Referenzpunkt psychoanalytischer Theorie und Praxis geworden.
Die vorliegende Aufsatzsammlung hat die klinisch-wissenschaftliche Arbeit der Institutsambulanz des SFI zum Gegenstand. Die von den Ambulanzmitarbeitern verfassten Beiträge beschäftigen sich aus unterschiedlichen Blickrichtungen mit der diagnostischen Arbeitsweise des Psychoanalytikers, mit der Theorie und der Praxis des psychoanalytischen Erstinterviews. Von besonderem Stellenwert ist die am SFI begründete Methode bzw. Methodologie des »szenisch-situativen Verstehens«, die einen interaktions- und intersubjektivitätsbezogenen Zugang zur Dynamik unbewusster Prozesse im Hier und Jetzt der Erstinterview-Situation ermöglicht. Das unbewusste Zusammenspiel von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen prägt von Beginn an, so der gemeinsame Nenner der vorgelegten Beiträge, die Begegnung von Analytiker und Patient.
Ein weiterer Schwerpunkt des vorliegenden Buches gilt den umfangreichen klinischen Erfahrungen, die in der Institutsambulanz mit unterschiedlichen Patientengruppen und unterschiedlichen Störungsbildern (Folgen chronischer Traumatisierung, Borderlinestörungen, Psychosen, Zwangsneurose etc.) gesammelt werden. In den entsprechenden Beiträgen soll die psychoanalytische Ambulanztätigkeit, unter dem Aspekt störungsspezifischer Anforderungen, möglichst praxisnah und fallbezogen veranschaulicht werden.
Einen weiteren Schwerpunkt bildet das für die Institutsambulanz charakteristische Zusammenspiel von »Forschen und Heilen«, von Wissenschaft und klinischer Praxis. Hierbei geht es u. a. um die Vernetzung der Ambulanztätigkeit mit Forschungsprojekten unterschiedlicher Art (Therapiewirksamkeitsstudien, Evaluations-, Präventions- und Katamnesestudien), die das SFI in Kooperation mit anderen Forschungseinrichtungen oder Universitäten durchführt (z. B. die aktuelle »Studie zur psychodynamischen Therapie von Zwangserkrankungen«).
Abschließend werden erste Ergebnisse der im November 2018 neu eingeführten fragebogengestützten Patientendokumentation vorgestellt. Neue Forschungsperspektiven, die diese Dokumentationsform ermöglicht, werden diskutiert.
Eine Besonderheit der Ambulanz am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut liegt gerade darin, dass sie die Aufgaben einer Versorgungsambulanz mit denjenigen einer Forschungsambulanz verbindet. Dazu gehört auch die Mitwirkung in der Ausbildung und Lehre. Durch die regelmäßige Teilnahme niedergelassener Kolleginnen und Kollegen an der Ambulanzkonferenz, der Kooperation mit klinischen Einrichtungen sowie anderen, am Haus angesiedelten Ambulanzen (des Frankfurter Psychoanalytischen Instituts, des Anna-Freud-Instituts für Kinder und Jugendliche sowie des Jüdischen Psychotherapeutischen Beratungszentrums) kommt eine enge Vernetzung mit dem ambulanten und stationären Versorgungssektor zustande. Diese Besonderheit spiegelt sich in den Beiträgen des vorliegenden Bandes wider.
Nach einer Einführung in die Geschichte des SFI geht Lothar Bayer den Besonderheiten der Institutsambulanz in ihrer Doppelfunktion als Forschungs- und Versorgungsambulanz nach (
Kap. 1). Gerade in dieser Verklammerung besitzt die Institutsambulanz Modellcharakter für vergleichbare Einrichtungen. Besonderes Augenmerk legt Bayer auf das von Herrmann Argelander entwickelte szenisch-situative Verstehen, das im Mittelpunkt des Erstinterviewverfahrens steht. Die unbewusst stattfindenden Beziehungs- und Austauschvorgänge zwischen Analytiker und Patient werden hier zum zentralen Untersuchungsgegenstand und zur Grundlage therapeutischer Erkenntnis- und Transformationsprozesse. Das »Argelandersche Verfahren« wird hinsichtlich seiner Verbindung zum Freudschen Denken wie zur Objektbeziehungstheorie diskutiert und an ausgewählten Beispielen erläutert.
Ralph J. Butzer stellt das Konzept des szenischen Verstehens bei Alfred Lorenzer vor (
Kap. 2). Während Argelanders Forschungsschwerpunkt in der psychoanalytisch-klinischen Praxis, insbesondere dem psychoanalytischen Erstgespräch, liegt, verwendet Lorenzer das »Szenische« als metatheoretischen Vermittlungsbegriff, der die soziale Konstitution des Unbewussten im Spannungsverhältnis von Natur und Kultur erfassen soll.
Im Rahmen der von ihm entwickelten materialistischen Sozialisationstheorie versucht er zu zeigen, wie sich im Kind von Beginn an, schon vor der Spracheinführung, soziale Interaktionen als »sinnliches Praxisgefüge« niederschlagen. Diese sog. Theorie der Interaktionsformen bildet nach Lorenzer die Grundlage einer besonderen Form der Hermeneutik, einer »Hermeneutik des Leibes«, die ihrerseits das psychoanalytische Verstehen theoretisch fassbar und soziologisch anschlussfähig machen soll. Im deutschsprachigen Raum haben Lorenzers Entwürfe als »Tiefenhermeneutik« die sozialwissenschaftliche Anwendung der Psychoanalyse beeinflusst.
Der Aufsatz von Bernd Pütz behandelt die Frage der Einrichtung des sog. Behandlungsrahmens (
Kap. 3). Die Frage ist gerade auch deshalb relevant, da psychoanalytisches Arbeiten, so die gängige Lehrmeinung, die Stabilität eines explizit geklärten Rahmens voraussetzt, das Erstinterview aber durch das weitgehende Fehlen einer expliziten Rahmenvereinbarung charakterisiert ist. Gegenüber den weitverbreiteten normativen Konzeptionen der Rahmenvereinbarung plädiert Pütz für eine dialektische Konzeption des Rahmens. Die prinzipiell kooperativ konzipierte Rahmenvereinbarung bewegt sich zwischen grundsätzlich widersprüchlichen Anforderungen (Stabilität und Flexibilität, Absichtslosigkeit und Zielorientierung, Asymmetrie und Gegenseitigkeit) und hat sich als ein in sich widersprüchliches Gebilde zu bewähren. In diesem Sinne entfaltet der Autor ein Konzept des Rahmens als Übergangsraum und gemeinsames Übergangsobjekt im Sinne Winnicotts (1953).
Felix Schoppmann beschreibt vor dem Hintergrund kleinianischer und postkleinianischer Konzepte typische Übertragungs-Gegenübertragungs-Konstellationen, die sich in Erstgesprächen mit schwerer gestörten Patienten einstellen (
Kap. 4). Sein Beitrag stellt in gewisser Weise eine Weiterentwicklung des Konzepts des »szenischen Verstehens« dar, indem er die Transformationsfunktion des Erstinterviews beleuchtet. Das vom Analytiker bereitgestellte aufnehmende Verstehen bzw. ›Containment‹ im Sinne Bions (1962) ermöglicht die Aufnahme und Modifikation abgespaltener, wenig symbolisierter Gefühlsinhalte, die der Patient via projektiver Identifizierung in den Analytiker hineinverlagert. Im besten Fall kann der Analytiker die aufgenommenen Projektionen in psychische Bedeutungen verwandeln, die er verstehen, kommunizieren und an den Patienten in erträglicherer Form als Deutungen zurückvermitteln kann. Solche Austauschvorgänge können beim Patienten zum Ausgangspunkt innerer Aneignungs- und Transformationsprozesse werden.
Carla Messmann geht in ihrem Beitrag der Bedeutung des psychoanalytischen Zweitgesprächs nach (
Kap. 5). Anhand eines Fallbeispiels einer jungen Patientin sowie weiterer kurzer Fallsequenzen wird dargestellt, wie bedeutsam ein zweites oder drittes Gespräch im Rahmen einer psychoanalytischen Sprechstunde, wie sie am Sigmund-Freud-Institut angeboten wird, sein kann. Dabei werden die Unterschiede zwischen Erst- und Zweitgespräch sowie die, für den Verstehens- und Verdauungsprozess wesentliche, Zeit zwischen den Gesprächen betrachtet und – auch vor dem Hintergrund der Einschätzung von Indikation, Prognose, Diagnose sowie psychodynamischen Überlegungen – diskutiert.
Der Beitrag von Annabelle Starck »Die Choreografin – Klinisches Beispiel einer Diskussion in der Ambulanzkonferenz« vermittelt einen Eindruck von der Arbeitsweise der wöchentlich stattfindenden Ambulanzkonferenz (
Kap. 6). Dieser auf der Grundlage von Tonbandaufnahmen erstellte Abschnitt gewährt einen unmittelbaren Einblick in den sich entfaltenden Diskussionsprozess und lässt den Leser damit zum Teilnehmer der Gruppe werden.
Um die Herstellung eines ausreichend flexiblen und zugleich ausreichend haltgebenden Rahmens, durch den ein Raum für psychoanalytisches Arbeiten auch unter erschwerten Bedingungen entstehen kann, geht es im Aufsatz von Sigrid Scheifele. Sie berichtet aus der »Flüchtlingsambulanz«, die 2015 am SFI angesichts des stark erhöhten Bedarfs an psychotherapeutischer Hilfe für Geflüchtete und Asylsuchende ins Leben gerufen wurde (
Kap. 7).
Ausgehend von drei Fallbeispielen – einer schwer depressiven afghanischen Patientin, die mit ihrem Mann und den beiden jüngsten Kindern länger als ein Jahr in einer Sammelunterkunft lebt, einem afghanischen Mann, dessen Ehe in Deutschland zerbricht, und einem in der Heimatstadt in Sippenhaft genommenen und misshandelten Syrer im fortgeschrittenen Alter – geht die Autorin der Besonderheit der Konstitution des analytischen Raums in der Arbeit mit Geflüchteten nach. Wie lassen sich Behandlungsmöglichkeiten erkunden, wenn das Außen unsicher ist, und die Perspektive auf das subjektive Leiden festgehalten werden soll? Wie kann trotz Unsicherheit des Aufenthalts, ohne intimen Lebensraum, ohne – hinreichende – Kenntnis der Sprache, bei Erschütterung der Geschlechterkultur und der elterlichen Autorität ein analytischer Prozess in Gang kommen?
Annabelle Starck stellt die aktuelle »Studie zur psychodynamischen Therapie von Zwangserkrankungen« vor (
Kap. 8). Anhand von Fallbeispielen aus den Erstinterviews mit Studienteilnehmern arbeitet sie spezifische Übertragungs-Gegenübertragungs-Dynamiken bei zwangserkrankten Patienten heraus. Ihre Arbeit ist ein Beispiel einer Forschungskooperation der Institutsambulanz mit den Universitäten Gießen und Göttingen. Dabei geht es um Evaluation der Wirksamkeit psychodynamischer Verfahren und der ihnen zugrundeliegenden spezifischen Prozesse.
Abschließend präsentiert Anna Lea Docter erste Ergebnisse der im November 2018 eingeführten fragebogengestützten Patientendokumentation (
Kap. 9). Die sich dadurch eröffnenden Forschungsperspektiven werden erläutert und beispielhaft diskutiert. Besonderheiten der Patientenpopulation werden dargestellt und im Kontext bisheriger Forschungsergebnisse betrachtet. Die Häufigkeitsverteilungen der im Untersuchungszeitraum erstellten Diagnosen und Indikationen werden dargelegt und erörtert. Ein besonderes Augenmerk gilt der Erhebung der Übertragungs-Gegenübertragungs-Dynamik und den sich daraus eröffnenden Forschungsperspektiven.
Unser Dank gilt den Autorinnen und Autoren, die mit ihren Beiträgen an der Entstehung und Gestaltung des vorliegenden Buches mitgewirkt haben. Die Beiträge repräsentieren nicht nur die unterschiedlichen Aufgabenbereiche der Institutsambulanz sondern auch die lebendige Vielfalt an wissenschaftlichen, behandlungstechnischen und behandlungstheoretischen Perspektiven, die die klinische Arbeit und Forschung am Sigmund-Freud-Institut seit 60 Jahren auszeichnet.
Die Idee, das vorliegende Buch zu schreiben, ist dem besten Wortsinne nach das Ergebnis einer Gruppenarbeit. Sie ist hervorgegangen aus der wöchentlich stattfindenden Ambulanzkonferenz.
Danken möchten wir allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Ambulanzkonferenz, die mit ihrer klinischen Erfahrung und wissenschaftlichen Kreativität in der allwöchentlichen Arbeit am Fallmaterial zur Vertiefung und Verfeinerung psychoanalytischer Verstehensprozesse und Erkenntnisbildung beitragen: Ralph J. Butzer, Anna Lea Docter, Reinhard Hildisch, Alexandra Litinskaya, Beate Lorke, Carla Messmann, Bernd Pütz, Sigrid Scheifele, Felix Schoppmann, Annabelle Starck, sowie den Praktikantinnen und Praktikanten: Laura Harth, die die Transkripte erstellt hat, Stefan Coels, der an der Patientendokumentation mitarbeitete, sowie Sofie Schleicher und Anja Wedemeier. Danken möchten wir auch Frau Kroll, der Ambulanzsekretärin, die einen großen Teil der Verwaltungs- und Organisationsaufgaben durchführt und den Klinikern den Arbeitsalltag erleichtert.
Last but not least danken wir Herrn Dr. Ruprecht Poensgen und Frau Dipl.-Psych. Annika Grupp für ihr engagiertes und zugleich geduldiges Lektorat sowie dem Kohlhammer Verlag für seinen Einsatz für die Wissenschaft vom Unbewussten.
| Lothar Bayer, Heinz Weiß | Im November 2020 |
Literatur
Adorno, T. W. & Horkheimer, M. (1947). Dialektik der Aufklärung. Frankfurt, Fischer (1969).
Argelander, H. (1967). Das Erstinterview in der Psychotherapie. Psyche-Z Psychoanal., 21 (5), 341-368.
Bareuther, H. et al. (Hrsg.) (1989). Forschen und Heilen. Frankfurt: Suhrkamp.
Bion, W.R. (1962). Lernen durch Erfahrung. Frankfurt: Suhrkamp (1992).
Frank, C. & Weiss, H. (2007). Projektive Identifizierung. Ein Schlüsselkonzept der psychoanalytischen Therapie. Stuttgart: Klett-Cotta.
Leuzinger-Bohleber, M. & Plänkers, T. (2019). The struggle for a psychoanalytic research institute: The evolution of Frankfurt’s Sigmund Freud Institute. Int. J. Psychoanal., 100 (5), 962-987.
Mertens, W. (2013). Das Zwei-Personen-Unbewusste – unbewusste Wahrnehmungsprozesse in der analytischen Situation. Psyche-Z Psychoanal., 817f.
Mitscherlich, A. & Mielke, F. (1947). Diktat der Menschenverachtung. Heidelberg: Schneider.
Mitscherlich, A. & Mielke F. (1949). Wissenschaft ohne Menschlichkeit. Heidelberg: Schneider.
Plänkers, T. et al. (Hrsg.) (1996). Psychoanalyse in Frankfurt am Main. Tübingen: edition diskord.
1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden die generische Geschlechtsform Maskulinum oder Femininum verwendet. Sie bezieht sich auf Personen aller Geschlechter.
2 Mit den »vorhandenen psychotherapeutischen Verfahren« meinte er die im Institut praktizierten, zum Teil in eigenen Forschungsprojekten neu- oder weiterentwickelten Verfahren: »langfristige Psychoanalysen, psychoanalytisch orientierte Psychotherapie, Kurztherapie (Fokaltherapie), Gruppentherapie und Beratungen« (vgl. ebd.).
1 Die Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts Theorie und Praxis psychoanalytischer Erstgespräche
Lothar Bayer
1.1 Einleitung – zur Geschichte des SFI
Die klinische Arbeit in der Ambulanz des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts weist einige Besonderheiten auf, die nur vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung des Instituts verstanden werden können.
Am 27.4.1960 konnte Alexander Mitscherlich in Frankfurt am Main mit Unterstützung der hessischen Landesregierung und ihres früheren Ministerpräsidenten Georg-August Zinn, sowie des renommierten Instituts für Sozialforschung und des damaligen Leiters Max Horkheimer, das »Institut und Ausbildungszentrum für Psychoanalyse und Psychosomatische Medizin« eröffnen, das 1964 in »Sigmund-Freud-Institut« (SFI) umbenannt wurde.
Die Gründung des Instituts diente vor allem dazu, die von den Nationalsozialisten als jüdische Wissenschaft verfolgte und vertriebene Freudsche Psychoanalyse in Deutschland zu reetablieren und den verlorengegangenen Anschluss an die Internationale Psychoanalytische Vereinigung wiederherzustellen.
Mit der Institutsgründung wurde zudem an das 1929 gegründete und 1933 von den Nationalsozialisten zerstörte »Frankfurter Psychoanalytische Institut« angeknüpft , dem die Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann und die Psychoanalytiker Erich Fromm, Siegmund H. Fuchs und die beiden Gründer Heinrich Meng und Karl Landauer angehörten. Sie alle mussten unter dem Nazi-Terror fliehen und Deutschland verlassen. Landauer, der ein Schüler Sigmund Freuds und enger Vertrauter Max Horkheimers war, wurde kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen ums Leben gebracht.
Für Mitscherlich war die Reetablierung der Freudschen Psychoanalyse im Nachkriegsdeutschland untrennbar mit der Aufarbeitung der deutschen Geschichte und politischer Aufklärung verbunden. In seinem Verständnis hatte die Psychoanalyse mit ihren spezifischen Untersuchungsmethoden und ihrer Entdeckung unbewusster Triebkräfte einen unverzichtbaren Beitrag zur Erforschung destruktiver gesellschaftlicher Prozesse zu bieten. Diesen Beitrag sollte sie in ihre humanwissenschaftlichen Nachbardisziplinen (Soziologie, Anthropologie, Kulturwissenschaften, Friedens- und Konfliktforschung, Pädagogik etc.), aber auch in die Öffentlichkeit und ins politische Handeln einbringen. Aufklärung als Bewusstmachung unbewusster Strukturen erschien ihm als die einzig greifbare Option, um sich gegen die Gefahren einer sich wiederholenden Ausbreitung irrationaler Kräfte, nationalistischen Terrors und der Menschenverachtung zu schützen: »Die Suche nach der Wahrheit über uns selbst, ist das einzig verlässliche Mittel, um uns gegen die Inhumanitäten zu verteidigen, die uns unter der Decke der Zivilisation drohen« (vgl. Bareuther 1989, S. 286 und S. 300: Ansprachen zur Eröffnung des Instituts am 27. April 1960). Wie kaum ein anderer Psychoanalytiker hat Mitscherlich der Psychoanalyse außerklinische – soziologische, kulturkritische, politische – Aufgaben zugewiesen und als unermüdlicher Publizist psychoanalytische Erkenntnisse in die Öffentlichkeit getragen und zur Diskussion gestellt. Dabei sollte der Anspruch Sigmund Freuds zur Geltung gebracht werden, nach dem die Psychoanalyse nicht nur als fachärztliche Profession, als Therapieverfahren, »sondern wegen ihres Wahrheitsgehalts« (Freud 1933a, S. 169) Anerkennung verdiene. Als Wissenschaft vom Unbewussten, so die Einschätzung ihres Begründers, strebt die Psychoanalyse nicht nur über die engen Grenzen der Psychopathologie hinaus ins allgemein Psychologische, sondern auch über das Individualpsychologische ins Kollektive, zur Erkenntnis der kulturellen Bildungen und ihrer affektiven unbewussten Grundlagen. Mit seiner berühmten Formulierung »Der Gebrauch der Analyse zur Therapie der Neurosen ist nur eine ihrer Anwendungen; vielleicht wird die Zukunft zeigen, daß sie nicht die wichtigste ist« (Freud 1926e, S. 283) betonte Freud den genuin wissenschaftlichen Wert der Psychoanalyse und ihre Bedeutung als Subjekt- und Kulturtheorie sowie als Aufklärungswissenschaft sui generis.
Diesen Leitlinien Freuds fühlte sich Mitscherlich verpflichtet. Sie sollten in dem neu gegründeten Institut mit seinen außerklinischen, den sozialpsychologischen und kulturtheoretischen Forschungsschwerpunkten zum Ausdruck kommen und weiterentwickelt werden. In dieser besonderen interdisziplinär-wissenschaftlichen Ausrichtung findet das Sigmund-Freud-Institut seit nunmehr 60 Jahren breite internationale Anerkennung. In ihrer feierlichen Eröffnungsrede anlässlich der Einweihung des Institutsneubaus 1964 bezeichnete Anna Freud das Institut als »a new home for the new psychoanalytic era in Germany« (vgl. Plänkers 2011, S. 86).
Obwohl der Name Alexander Mitscherlichs in der Öffentlichkeit vor allem mit seinen zahlreichen und höchst einflussreichen sozialpsychologischen Studien (»Die Unfähigkeit zu trauern« (1967), »Die Unwirtlichkeit unserer Städte« (1965), »Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft« (1963)) verknüpft ist, blieb für ihn als praktizierendem Arzt und Psychoanalytiker unstrittig, dass das Herzstück des Instituts die klinische Psychoanalyse war (vgl. Plänkers ebd.). Dieser Grundeinstellung entsprach, dass neben den drei Abteilungen des Hauses: klinische Psychoanalyse, Psychologie und Sozialpsychologie von Beginn an eine psychoanalytische Ambulanz eingerichtet wurde, die bis heute unverzichtbares Zentrum der klinischen Tätigkeiten des Sigmund-Freud-Instituts ist. Sie betraf nicht nur die therapeutische Versorgung der Bevölkerung und die klinische Forschung im engeren Sinne, sondern auch die psychoanalytische Ausbildung. Die Ambulanz sollte den Ausbildungskandidatinnen und -kandidaten, die bis 1995 – bis zur Gründung des neuen Frankfurter Psychoanalytischen Instituts – am SFI ihre Ausbildung absolvierten, die Möglichkeit bieten, unter Supervision erfahrener Psychoanalytiker erste Behandlungserfahrungen zu sammeln und sich die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten der Anamnese- und Befunderhebung, der Diagnose- und Indikationsstellung im direkten Kontakt zum Patienten anzueignen.

Abb. 1.1: Anna Freud und Herrmann Argelander bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die J.W. Goethe-Universität an Anna Freud, Februar 1982 Mit freundlicher Genehmigung des Sigmund-Freud-Instituts
Die Ausbildung am Sigmund-Freud-Institut wurde nach den Richtlinien der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) und der International Psychoanalytic Association (IPA) gestaltet. Alexander Mitscherlich, der 1956 DPV/IPA-Mitglied (vgl. Plänkers ebd.) wurde, engagierte sich sehr erfolgreich für die internationale Vernetzung des neuen Instituts und konnte führende Psychoanalytiker der IPA (u. a. Michael Balint, Paula Heimann, Béla Grunberger, Jeanne Lampl-de Groot) für Forschungs- und Ausbildungkooperationen gewinnen (vgl. Hoyer 2008).
Seit 2016 übernimmt das Sigmund-Freud-Institut in Zusammenarbeit mit dem FPI wieder Funktionen in der Ausbildung zum Psychoanalytiker.
Mit seiner doppelten Verankerung in der Wissenschaft und in der klinischen Praxis entsprach die Institutsstruktur einer weiteren zentralen Vorgabe Sigmund Freuds, die er 1926 in seinem »Nachwort zur Frage der Laienanalyse« als »Junktim von Heilen und Forschen« formulierte: »In der Psychoanalyse bestand von Anfang an ein Junktim zwischen Heilen und Forschen, die Erkenntnis brachte den Erfolg, man gewann keine Aufklärung, ohne ihre wohltätige Wirkung zu erleben. Unser analytisches Verfahren ist das einzige, bei dem dies kostbare Zusammentreffen gewahrt bleibt. Nur wenn wir analytische Seelsorge treiben, vertiefen wir unsere eben aufdämmernde Einsicht in das menschliche Seelenleben« (Freud 1927a, S. 293–294). Ganz im Sinne dieses für Freud ebenso unverbrüchlichen, wie ständig durch Aufspaltungen bedrohten Junktims von Forschen und Heilen, dieser dialektischen Verzahnung von Theorie und Praxis, von Reflexion und Emanzipation ist die klinische Tätigkeit am SFI stets Ausgangspunkt wissenschaftlicher Arbeiten unterschiedlichster Ausrichtung gewesen: Die analytische Arbeit mit den Patienten stellt den nicht zu ersetzenden Erfahrungsbereich dar, durch den die Analytiker ihre Einsichten in das menschliche Seelenleben, in die unbewussten Prozesse erlangen, überprüfen, vertiefen und erweitern. Die analytische Praxis ist so gesehen der »Königsweg zur Kenntnis des Unbewußten« (Freud 1900a, S. 613 und 1927a, S. 291).
Die Forschungsprojekte, die in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts ihren Ausgang nahmen und nehmen, sind so zahlreich und vielfältig, dass sie an dieser Stelle nicht annähernd zur Darstellung kommen können. Ich verweise auf die Übersichtsarbeiten von Tomas Plänkers (2011) und Herbert Bareuther (1989). Zwei Forschungslinien mit besonderer Bedeutung für die Aufgaben der Institutsambulanz möchte ich herausstellen:
1. In den 1970er bis 1990er Jahren sind eine Reihe von Studien am SFI entstanden, die die analytischen Prozesse zwischen Analytiker und Patient selbst zum Gegenstand der Forschung gemacht haben. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Hermann Argelander, Alfred Lorenzer und Rolf Klüwer, die als klinisch tätige Psychoanalytiker und Wissenschaftler dem Institut angehörten (ebd.) und mit unterschiedlichen Schwerpunkten die Besonderheiten der psychoanalytischen Erkenntnisprozesse, die spezifischen Untersuchungsmethoden und Verstehensoperationen des Analytikers im Rahmen unterschiedlicher analytischer Settings untersucht und teilweise begrifflich neu gefasst und systematisiert haben. Diese Studien haben in den folgenden Jahren und Jahrzehnten erheblichen Einfluss auf die Anwendung der psychoanalytischen Methode in unterschiedlichen klinischen wie außerklinischen (»Tiefenhermeneutische Kulturanalyse«) Gebieten gewonnen. Auf Hermann Argelanders Arbeiten zur Technik der Psychoanalyse im psychoanalytischen Erstinterview werde ich weiter unten näher eingehen.
2. Zum anderen sind zahlreiche Studien zu spezifischen psychischen Störungen und ihrer Behandlung am SFI entstanden. Die Bandbreite dieser Forschungsarbeiten ist ebenfalls beträchtlich und reicht von Mitscherlichs Arbeiten zur Psychodynamik psychosomatischer Erkrankungen über die Erforschung traumatischer Störungen bis hin zu umfangreichen Evaluationsstudien, bspw. einer Studie über die Wirksamkeit der psychoanalytischen Langzeittherapie bei chronisch-depressiven Patienten (LAC-Studie).
Die Vielfalt der vorgelegten Studien (Plänkers 2011, Bareuther 1989) schließt analytisch-klinische Einzelfallstudien, klinisch-theoretische Konzeptforschung und empirische Studien ein, die den einheitswissenschaftlichen Ansprüchen der evidence based medicine (Leuzinger-Bohleber 2011) genügen. Das aktuelle Forschungsprojekt dieser Art ist eine Studie zur Psychodynamischen Therapie von Zwangserkrankungen, die die klinische Abteilung des Sigmund-Freud-Instituts unter Leitung von Heinz Weiß durchführt (
Kap. 6).
1.2 Die Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts
In der psychoanalytischen Sprechstunde der Ambulanz des SFI werden jährlich rund 500 Patienten mit unterschiedlichsten psychischen Störungen behandelt, Voraussetzung ist die Volljährigkeit. Ein Teil der Patienten konsultiert die Ambulanz aus eigener Initiative oder auf Empfehlung von Bekannten, Freunden und Verwandten. Ein anderer Teil kommt auf Überweisung von Haus- und Fachärzten, die konsiliarische Beratung wünschen, oder ihre Patienten in psychotherapeutische bzw. psychoanalytische Behandlungen vermitteln möchten. Einige Patienten haben dezidierte Vorstellungen über die Störung, an der sie leiden, andere nicht (zur Statistik
Kap. 9). Die Patienten erhalten in der Institutsambulanz psychoanalytische Erstinterviews und bei Bedarf bis zu sechs Folgegespräche, in denen eine erste Diagnose- und Indikationsstellung erfolgt. Sofern am Institut keine Behandlungsmöglichkeit besteht, werden die Patienten bei der Suche nach einem geeigneten Therapieplatz unterstützt. Dies umfasst bei Bedarf eine aufklärende Beratung über die Unterschiede der Therapieformen mit Blick auf die vorliegende Indikationsstellung. In einigen Fällen, bspw. im Zusammenhang mit klinischen Studien, werden psychotherapeutische/psychoanalytische Behandlungen im Rahmen der Institutsambulanz durchgeführt.
Seit 1979 ermöglicht ein mit der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen abgeschlossener und regelmäßig erneuerter Institutsvertrag, dass die Erstinterviews, die probatorischen Sitzungen sowie die am Institut stattfindenden Behandlungen über die Krankenkassen abgerechnet werden können. Auf dieser Grundlage sichert die Ambulanz des SFI ihren Status als Versorgungs- und Forschungsambulanz. In besonderen Fällen, wenn keine Krankenversicherung vorliegt, werden probatorische und therapeutische Leistungen von Sozialämtern übernommen oder auch aus Institutseigenen Mitteln angeboten, bspw. in der Behandlung von Geflüchteten (
Kap. 7). Die Ambulanz des SFI hat in der gesamten Region einen hohen Bekanntheitsgrad (Kerz-Rühling 2005). Ihre Vernetzung mit niedergelassenen Kollegen, aber auch mit Kliniken wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten kontinuierlich ausgebaut. Die Nachfrage an die Institutsambulanzleistungen ist permanent hoch und übersteigt bei weitem die Kapazitätsgrenzen. Ohne die Mitarbeit niedergelassener Psychoanalytiker wären die Ambulanzleistungen nicht annähernd zu erbringen.
Die Kontaktaufnahme der Patienten zur Ambulanz des SFI erfolgt über das Ambulanzsekretariat. Vor dem Erstinterview werden sie gebeten, einen Dokumentationsbogen auszufüllen. Dieser umfasst die Erhebung soziodemografischer Daten, der psychotherapeutischen und psychiatrischen Vorbehandlungen, der Medikation etc. Danach erfolgt das 50-minütige Erstinterview. Nach dem Interview erstellt jeder Therapeut einen schriftlichen Bericht über das stattgefundene Gespräch. Dieser enthält anamnestische Angaben, sowie Angaben zum psychischen Befund, zur Psychodynamik der Erkrankung, zur psychischen Struktur, zur Diagnose, zur Indikationsstellung und zu den, mit den Patienten besprochenen Therapieempfehlungen. Die Diagnose besteht abgekürzt gesagt aus zwei Teilen: einer symptomatisch orientierten ICD-10 Diagnose und einer psychodynamisch orientierten Diagnose, die in der Regel Aussagen zum vorrangigen psychischen Konflikt, zu den Abwehrmechanismen, dem Strukturniveau etc. beinhaltet. Der in freier Form abgefasste Bericht des Therapeuten wird seit November 2018 durch einen Fragebogen, den der Therapeut ausfüllt, ergänzt. Er enthält skalierte Einschätzungen zur psychischen Struktur des Patienten, zur Art des Kontakts, zu Übertragung und Gegenübertragung, zur Prognose usw. Der Hintergrund dieser Neueinführung ist der Bedarf an Forschungsdaten zur empirischen Untersuchung bestimmter Fragestellungen bspw. des Einflusses bestimmter Übertragungs- und Gegenübertragungsstrukturen auf die Indikationsstellung (
Kap. 9).
In einer einmal wöchentlich stattfindenden Ambulanzkonferenz, an der die klinisch tätigen Ambulanzmitarbeiter teilnehmen, werden die Patienten der Woche vorgestellt. Ausgewählte Fälle werden eingehender besprochen und hinsichtlich der vorliegenden Psychodynamik, der Diagnose-, der Indikationsstellung und der Vermittlung der Patienten an geeignete Weiterbehandler diskutiert. Die vertiefenden Fallbesprechungen können der Vorbereitung auf weiterführende Gespräche dienen, falls diese erforderlich werden. In der Fallvorstellung gibt der Interviewer den Gesprächsverlauf wieder, d. h. die Spontanangaben des Patienten, die Schilderung seiner Symptomatik sowie seiner Lebens- und Krankengeschichte; zusätzlich vermittelt er der Gruppe einen Eindruck des Kontakts und der Interaktionsszenen, die sich mit dem Patienten konstelliert haben. Die Art und Weise, wie die Übertragungsangebote vom Behandler aufgenommen, innerlich verarbeitet und ggf. in verarbeiteter Form als Deutung dem Patienten (zurück-)vermittelt und bewusst gemacht werden konnten, und welche Konsequenzen daraus fürs weitere Gespräch folgten, sind die Hauptgegenstände der Fallvorstellung. Dass der Gruppe der Konferenzteilnehmer in der anschließenden Falldiskussion eine wesentliche Erkenntnisfunktion zukommt, versteht sich von selbst. Neue Einsichten und Erweiterungen des Fallverständnisses ergeben sich nicht nur durch die unterschiedlichen konzeptuellen (z. B. objektbeziehungstheoretischen, trieb-, selbst-, ichpsychologischen) Perspektiven, mit denen die Gruppenmitglieder auf das vorgestellte Material schauen. Vielmehr zeigt sich, dass sich bestimmte Strukturen des Interviewverlaufs, die ihrerseits mit den Strukturen des Falles zu tun haben, unbewusst in der Dynamik des Gruppenprozesses abbilden und im Idealfall erkannt und in den fallbezogenen Erkenntnisprozess integriert werden können (
Kap. 8). Die Kenntnisse und die langjährigen klinischen Erfahrungen der Ambulanzmitarbeiter im Umgang mit Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen verdichten sich hier zu psychodynamischen Hypothesen zur Fallstruktur, zu diagnostischen und indikatorischen Schlussfolgerungen. Durch die umfangreiche, jahrzehntelang gewachsene Vernetzung, die die Ambulanz des SFI, sowohl mit psychiatrischen, psychosomatischen und psychotherapeutischen Kliniken, als auch mit niedergelassenen Psychoanalytikern, Psychiatern und Psychotherapeuten unterhält, die in regelmäßigen Abständen ihre freien Plätze an die Ambulanz melden, gelingt es in den meisten Fällen, den Patienten geeignete Behandlungsempfehlungen zu geben.
An der Durchführung der Erstgespräche sind die klinisch tätigen, festangestellten Mitarbeiter des Instituts sowie eine Gruppe niedergelassener Psychoanalytiker und einige Ausbildungskandidaten beteiligt. Alle Mitarbeiter der Institutsambulanz sind Ärzte und/oder Psychologen, die in der Regel eine Weiterbildung zum Psychoanalytiker nach den Richtlinien der Deutschen und Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung abgeschlossen haben oder gerade absolvieren.

Abb. 1.2: Die ersten Mitarbeiter v.l.n.r.: Prof. Dr. H. Vogel, Fr. Müller-Reitsch, Dr. Munder, Prof. Dr. H. Argelander, Hr. Seifert, Fr. Gentes, Prof. Dr. W. Loch. 1960 Mit freundlicher Genehmigung des Sigmund-Freud-Instituts
1.3 Das Erstinterview
1.3.1 Zur Anwendung der psychoanalytischen Behandlungsmethode in der diagnostischen Praxis
Im Zentrum der Ambulanztätigkeit des SFI steht das sogenannte Erstinterview. Es dient einer ersten Verständigung zwischen Analytiker und Patient hinsichtlich einer möglicherweise vorliegenden seelischen Störung und der Möglichkeit bzw. der Notwendigkeit, diese psychotherapeutisch oder psychoanalytisch zu behandeln. Es eröffnet meist einen initialen Zugang zu den seelischen Konflikten, die hinter den Symptomen und Beschwerden stehen, und gestattet einen ersten Einblick in die vorhandenen Entwicklungsmöglichkeiten des Patienten, in seine Ressourcen, sich auf ein psychoanalytisches Arbeitsbündnis mit dem Ziel, unbewusste Konflikte und Strukturen aufzudecken, einlassen und davon profitieren zu können. Als unser zentrales Untersuchungsinstrument erfüllt das Erstinterview diagnostische, indikatorische und prognostische Funktionen (Eckstaedt 1995, Argelander 1970) und bildet die Grundlage für die Behandlungsempfehlung, die wir in aller Regel dem Patienten geben.
Die Erfahrungen, die die Patienten im Erstinterview machen, haben einen entscheidenden Einfluss darauf, ob sie sich anschließend in eine psychoanalytische oder psychotherapeutische Behandlung begeben werden. Ihre Entscheidung wird maßgeblich davon beeinflusst, ob sie sich im Erstinterview in ausreichendem Maß vom Analytiker verstanden und dadurch gehalten fühlen (Kerz-Rühling 2005).
Das 50-minütige Erstinterview stellt eine situationsangepasste Anwendung des von Sigmund Freud begründeten psychoanalytischen Untersuchungs- und Behandlungsverfahrens (Argelander 1968) dar und sollte sowohl am Gesprächsauftrag des Patienten (Hohage 1981) als auch an seinen störungs- und persönlichkeitsabhängigen Gegebenheiten und Möglichkeiten ausgerichtet sein. Die Art und Weise, wie wir am SFI dieses Erhebungs- und Erkenntnisinstrument, in Abgrenzung zu anderen diagnostischen Verfahren (tiefenpsychologische Anamnese, Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD II, Kernbergs strukturiertem Interview, vgl. Mertens 2015) einsetzen, wie wir seine methodologischen Voraussetzungen, seine Funktionen und Erkenntnisziele verstehen, geht in wesentlichen Zügen auf Hermann Argelander zurück, der als Wissenschaftler und Ambulanzleiter des SFI in den 1970er und 1980er Jahren höchst einflussreiche Studien zur Fundierung eines psychoanalytischen Interviewverfahrens vorgelegt hat.
In diesen Studien ging es ihm vor allem darum, die Freudsche psychoanalytische Methode3 auf die Besonderheiten eines ambulatorischen Erstgesprächs zu übertragen und diese in einer relational-intersubjektivistischen Perspektive weiterzuentwickeln. Ich komme darauf zurück.
Am prägnantesten lassen sich die Eigenarten eines psychoanalytischen Erstgesprächs in Abhebung zu einer psychiatrischen Anamnese- und Erhebungssituation verdeutlichen. Lorenzer sprach angesichts dieser Differenz von der »radikalen Umkehrung des Arzt-Patient Verhältnisses« (Lorenzer 1984a, S. 117). »Hatte sich ehedem der Patient einem vorab festgelegten medizinisch-diagnostischen Schema fügen müssen …, so kehrt sich nun die diagnostisch-therapeutische Situation um. Der Patient erhält das Recht, in freier Themenwahl sein Leiden selbst darzustellen« (ebd., S. 118). Der Patient soll seinen Einfällen folgen dürfen, egal ob er mit der Aufzählung seiner Symptome, seiner Krankengeschichte, seiner Kindheit, seinen Beziehungskonflikten, mit aktuellen oder weit zurückliegenden Problemen beginnt, ob er frei und spontan spricht oder von einem Notizblatt abliest.
Der sich im klassischen medizinischen Setting als objektiver, außenstehender Beobachter verstehende, sich seinem Gegenstand mit standardisierten Mitteln, festen Schablonen und deskriptiven Klassifikationssystemen nähernde Diagnostiker verwandelt sich im psychoanalytischen Erstgespräch in einen subjektiv und interaktiv »beteiligten« (Argelander 1967, S. 350) Zuhörer, der sich der ungewöhnlichen Situation »überlässt« (Argelander 1970, S. 42). »Der Erstinterviewer kritisiert und urteilt nicht, sondern nimmt alles hin, wie es angeboten wird, und forscht nur nach seinem Sinn« (ebd.).
Diese empathisch-mitschwingende Beteiligung des Psychoanalytikers und seine Prozessverwobenheit werden nicht als störend, sondern als konstitutiv für den Erkenntnisprozess betrachtet.
Die Gestaltungsfreiheit, die der Analytiker bereitstellt, eröffnet nicht nur den Raum für das subjektive Erzählen des Patienten, sondern auch für die Besonderheiten des Interaktionsgeschehens, das sich auf je einmalige Weise herstellt. Es vollzieht sich oft unbewusst und nimmt unterschwellig Einfluss auf die Reaktionen, die Erwartungen, die Empfindungen und die Befindlichkeit der Akteure. Hinter der möglichst unvoreingenommenen, aufnehmenden Haltung des Analytikers steht die erfahrungsgestützte Überzeugung, dass diese zumeist unwillkürlich und unreflektiert ablaufenden interaktiven Prozesse sinnhaft strukturiert sind, dass sie einer unbewussten Sinnstruktur folgen, die sich im weiteren Gesprächsverlauf konturieren und ins Bewusstsein treten wird.
Die Grundhaltung der ›gleichschwebenden Aufmerksamkeit‹, als Bereitschaft auch auf das vermeintlich Nebensächliche, Nicht-Intendierte (z. B. der Versprecher oder das unwillkürlich auftretende Handlungsmuster) zu achten, gilt als die einzige Möglichkeit, etwas vom Patienten zu verstehen, das über sein Selbstverständnis und sein bewusstes Erleben hinausgeht. Im analytischen Erstgespräch geht es ums Erschließen unbewusster Konflikt- und Sinnstrukturen, um die Erfassung dessen, was der Patient nicht weiß und der Analytiker zunächst ebenso wenig weiß.
1.3.2 Widerstand und Übertragung
Beim Erschließen unbewusster Inhalte und Strukturen ist nicht nur die Deutungskunst (Freud GW V 1904a, 1903) des Analytikers gefragt, wesentlicher ist die sorgsame Erforschung und Bearbeitung des Widerstandes, also derjenigen Kräfte, die in der psychoanalytischen Behandlung der Erkenntnis des Unbewussten entgegenstehen. Verdrängte seelische Inhalte und Prozesse einfach zu erraten wäre, selbst wenn die Möglichkeit bestünde, nicht ratsam. Denn: »Der therapeutische Effekt (des Erratens, d. V.) wird in der Regel zunächst gleich Null sein, die Abschreckung von der Analyse aber eine endgültige« (Freud 1913c, S. 474). Als technische Regel gilt: Verdrängungswiderstände müssen zuerst erkannt und bearbeitet werden, bevor eine Bewusstmachung des Verdrängten sinnvoll werden kann. Der Widerstand soll weder gebrochen noch vorschnell überwunden werden (wie es bspw. in Suggestions- und Hypnosebehandlungen stattfindet). In der psychoanalytischen Behandlung, und dies trifft ohne Einschränkung auch aufs Erstinterview zu, gilt es, den Widerstand des Patienten gezielt zu beachten und zu erforschen. Dies allein ermöglicht dem Analytiker die entscheidenden Einblicke in den psychischen Konflikt des Patienten, in seine Abwehrorganisation und die fallspezifische Dynamik innerer Kräfteverhältnisse, in die er einzugreifen beginnt.
Neben der Arbeit am Widerstand hat Freud eine weitere Besonderheit der analytischen Behandlungsmethode hervorgehoben, die er ›Übertragung‹ nannte. Dieser Begriff beschreibt die Tatsache, dass der Patient die unbewussten, aus der Kindheit stammenden Komplexe wiederholt, statt sie qua Erzählung zu erinnern. D. h., unbewusste Konflikte streben zu einer Inszenierung im Hier und Jetzt der Beziehung zum Analytiker. »Der Analysierte erinnere überhaupt nichts von dem Vergessenen und Verdrängten, sondern er agiere es. Er reproduziert es nicht als Erinnerung, sondern als Tat, er wiederholt es, ohne natürlich zu wissen, daß er es wiederholt. Zum Beispiel: Der Analysierte erzählt nicht, er erinnere sich, daß er trotzig und ungläubig gegen die Autorität der Eltern gewesen sei, sondern er benimmt sich in solcher Weise gegen den Arzt« (Freud 1914g, S. 129–130).
Obwohl die Übertragung, wie Freud verschiedentlich deutlich machte, in Bezug auf das Verbalisieren von Erinnerungen als Widerstand erscheint, sind die Übertragungen, die agierten und inszenierten Beziehungs- und Verhaltensmuster eine unschätzbare Gelegenheit, die Elemente des infantilen Konflikts im Hier und Jetzt der analytischen Situation zu erfassen. Die Übertragung ist der Schauplatz, auf dem sich die individuell-einmalige Problematik des Patienten manifestiert, das originäre und konstitutive Feld, auf dem Analytiker und Patient sich der bedeutungsstiftenden Kräfte der unbewussten Wünsche, Phantasien und verinnerlichten Objektbeziehungen konfrontiert sehen: Auf diesem Feld der Übertragungen, der agierten Wiederholungen, findet die analytische Hauptarbeit statt (Freud 1912b).
Auch wenn die Übertragungs- und Beziehungsvorgänge außerhalb des Verbalisierten stattfinden, sind sie sinnhaft strukturierte seelische Gebilde, d. h. Sinn- und Konfliktstrukturen, die als solche zu entziffern sind und Aufschluss über die innere Realität des Patienten, über das Unbewusste geben können. Bei diesen Verstehensoperationen sind einige weitere Besonderheiten zu beachten:
1. Die Vergangenheit, die der Analytiker im Übertragungsgeschehen zu erfassen versucht, setzt ein neuartiges, dialektisches Verständnis der Geschichtlichkeit des Subjekts voraus. Die Vergangenheit wird dabei nicht, wie im chronologischen Zeitverständnis üblich, als eine abgeschlossene, feststehende Form ehemaliger Präsenz gedacht. Die Vergangenheit, auf die der Analytiker abzielt, konstituiert sich in der Gegenwart der analytischen Beziehung – ihre Bedeutung ergibt sich retrograd aus der jeweiligen Gegenwart des Übertragungsgeschehens. Sie entsteht im Zeitmodus ›antizipierter Nachträglichkeit‹ (›die Vergangenheit wird gewesen sein‹, Eickhoff 2005, Weiß 1988, S. 215f.). Im Licht dieser Überlegungen gilt es auch den Freudschen Wiederholungsbegriff (Bayer 1996) auszulegen: Eine dialektische Interpretation seines Wiederholungsbegriffs zeigt, dass das Übertragungsgeschehen weniger als Reproduktion präexistenter Bedeutungsstrukturen, sondern vielmehr als Neu-Schöpfung angesehen werden muss, die einer »verfehlten« Geschichte nachträglich zur Konstitution verhilft (Lacan 1980)
2. Die Übertragungen und Inszenierungen des Patienten bewirken beim Analytiker eine ganz besondere Form der affektiven Reaktion: die sogenannte Gegenübertragung. Sie bezeichnet »den Einfluß des Patienten auf das unbewußte Fühlen des Arztes« (Freud 1910d, S. 108). In der Weiterentwicklung der Psychoanalyse nach Freud, so auch bei Argelander erlangte das Konzept der Gegenübertragung eine immer größere Relevanz, die in dem Maße zunahm, in dem die psychoanalytische Behandlung als ein grundsätzlich intersubjektives Geschehen begriffen wurde.
1.3.3 Das szenisch-situative Verstehen
Bei seinem Versuch, die psychoanalytische Methode Freuds aufs Erstgespräch zu übertragen, hat Hermann Argelander die Arbeitsweise des Analytikers auf innovative Weise rekonstruiert. Er hat die technisch-methodischen Eigenarten seiner spezifischen Gesprächsführung, seiner Erkenntnisinstrumente und Verstehensoperationen minutiös aufgeschlüsselt, zum Teil begrifflich neu gefasst, erweitert und für neue Anwendungen (z. B. im Erstinterview, in Beratungssituationen, in Gruppenprozessen und Balintgruppen) erschlossen.
Das bekannteste von ihm entwickelte Konzept ist das szenisch-situative Verstehen (Argelander 1970, Klüwer 1995). Dabei geht es um die Erfassung interaktiver Prozesse, insbesondere um die sich situativ ergebenden Beziehungsvorgänge zwischen Analytiker und Patient, mittels derer sich, so die zentrale Annahme, in aktualisierter Form innere, unbewusste Konfliktvorgänge artikulieren können.
Mit seinem Konzept des Szenischen nimmt er Freuds Übertragungskonzept auf, gibt ihm jedoch, stärker als Freud dies tat, eine situativ-intersubjektive Betonung. Nach Argelander ermöglicht allein die intersubjektive Beziehung zwischen Analytiker und Patient »die situationsgerechte Darstellung einer unbewußten infantilen Konfiguration« (Argelander 1970a, S. 325). In seiner Konzeption gewinnt die intersubjektive Situation selbst ein »Eigengewicht als Mitteilungsorgan« (Argelander 1970, S. 19). »Die analytische Situation ist der Raum, in dem der analysefähige Patient die Szene gestaltet (…) die (…) den unbewußten Konflikt preisgibt« (1970a, S. 343). Dem »analysefähigen« Patienten gelingt diese »Leistung« der situationsgerechten Darstellung einer unbewussten infantilen Konfiguration, da er, wie Argelander ausführt, mit dem Potential der szenischen Funktion des Ich ausgestattet ist (ebd.). Diese von Argelander neu eingeführten Konzepte waren nicht nur ein Beitrag zur sog. Ich-Psychologie, sie eröffneten dem psychoanalytischen Denken der späten 1960er Jahre in Deutschland eine weitere, weit wichtigere, neue Dimension: Anknüpfend an die Forschungsarbeiten der in London tätigen Psychoanalytiker Michael Balint (»Psychoanalyse als Zwei-Personen-Psychologie«) und Paula Heimann (»Zur Bedeutung der Gegenübertragung«) konnte Argelander die ersten Wege in ein interaktions- und beziehungstheoretisches Verständnis der Psychoanalyse bahnen und nahm im deutschsprachigen Raum als einer der ersten Analytiker jene Fragestellungen auf, die in den folgenden Jahrzehnten, in Gestalt objektbeziehungstheoretischer, relationaler und intersubjektivitätstheoretischer Konzeptionen die Entwicklung der Psychoanalyse entscheidend prägen sollten.
Freud hatte den Übertragungsprozess in erster Linie vom Verdrängten, vom nicht Erinnerbaren und dem Zur-Wiederholung-Drängenden aus verstanden. Zugespitzt formuliert, hielt er mit seinem Übertragungsbegriff an einer intrapsychischen, individuumszentrierten, ein-personen-psychologischen Sichtweise fest (Bohleber 2007). Argelander hingegen hob die situations- und beziehungsbedingten Gestaltungs- und Transformationsprozesse hervor, die in der analytischen Situation zur situationsgerechten Darstellung einer unbewussten infantilen Konfiguration (Argelander 1970a) führen und diese allererst möglich machen. Diese Gestaltungsprozesse werden, das ist der entscheidende Punkt, »durch die Eigenheiten der analytischen Situation einschließlich der Person des Analytikers hervorgerufen« (ebd., S. 326). Das Konzept der Abstinenzregel, das den Analytiker als außenstehenden »objektiven Beobachter« begreift, seine Anonymität betont (Renik 1999,
Kap. 3) und ihn metaphorisch als ›Chirurgen‹, ›Spiegel‹ oder ›leere Leinwand‹ beschreibt, war damit in Frage gestellt. Bei der ›situationsgerechten Inszenierung einer unbewussten infantilen Konfiguration‹ geht es Argelander nicht mehr vorrangig um die abbildhafte Reproduktion des infantil Verdrängten, um die Wiederholung einer intrapsychischen Gegebenheit, die der Analytiker in gleichsam objektivierender Haltung aufzudecken hätte, sondern um eine in der analytischen Situation selbst erzeugte Neuschöpfung, um einen relational bedingten, intersubjektiv hergestellten, unbewusst verlaufenden Koordinations- und Transformationsprozess, den es zu untersuchen, zu verstehen und zu fördern gilt.
»Mit ›Situation‹ soll ein zusätzliches Moment erfasst werden, das im Übertragungsbegriff nicht enthalten ist. Während die Übertragung als unbewußter Vorgang sich von innen nach außen konstelliert, ist ihre situative Einpassung, die Verlaufsgestalt, die die Übertragung unter den Bedingungen der aktuellen Situation annimmt, eine frische Schöpfung des Ichs. So können neue Phänomene als Folge dieser Arbeit auftauchen oder alte verschwinden. Wichtig ist die Erkenntnis, daß das Einpassen eines latenten Konflikts in eine neue Situation (seine situationsgerechte Verarbeitung) unbewußte Ausdrucksphänomene eigener Art produziert, deren Bedeutung sowohl vom latenten Konfliktgeschehen als auch von der aktuellen Situation her – und zwar von beiden spezifisch – geprägt wird. (…) Die Gleichsetzung der aktuellen Situation mit der infantilen Szene beruht auf einem Mißverständnis. Die Deutung übersieht die Arbeit des Ichs bei der Anpassung beider Szenen in bezug auf den wirksamen, unbewußten Gehalt, der erst einer Analyse bedarf, ehe er sich seiner wahren Bedeutung erschließt« (Argelander 1970a, S. 326–328).
Wenn es dem Analytiker gelingt, eine bestimmte Verlaufsgestalt der Gesprächssituation, die ›Szene‹, zu erkennen, wirft diese Erkenntnis regelmäßig neues Licht auf all die anderen Informationen, die der Patient im Verlauf des Gesprächs auf vorbewusste wie unbewusste Weise gegeben hat. Wenn sich anhand der erschlossenen Szene neue Bedeutungen im Material eröffnen, neue Sinnzusammenhänge zwischen unterschiedlichen Mitteilungsebenen (Argelander 1970) auftun, lösen sie ein besonders starkes Evidenzgefühl aus: »nicht eine Evidenz im Sinne einer logischen Stimmigkeit des Materials, sondern eine situative Evidenz … Nach meiner Auffassung und Erfahrung hat die situative Evidenz für das psychologische Verständnis einen wesentlich höheren Stellenwert« (Argelander 1970 S. 60).4 Die von Argelander angestrebte »Psycho-Logik […], die wir zum Verständnis der Krankheit unserer Patienten brauchen, erschöpft sich nicht in der Erschließung logischer Zusammenhänge, sondern kommt erst im szenischen Verstehen zum Tragen. Sie gewinnt ihre Bedeutung, wenn wir das Material mit der Szene in Einklang bringen können, an der wir mit dem Patienten teilnehmen, und wenn die situative Evidenz die Richtigkeit unseres Vorgehens bestätigt. Der Patient verrät uns also nicht nur mit seinen Informationen einen Eindruck von dem unbewußten Kräftespiel, das seine Krankheit bedingt, sondern stellt sie in der sprachlichen Kommunikation mit dem Interviewer direkt als Szene dar« (Argelander 1970, S. 61).
Argelander zeigte an zahlreichen Beispielen, welche weitreichenden Schlüsse auf unbewusste Konflikte und Strukturen aus unscheinbaren, leicht zu übersehenden Szenen gezogen werden können. Die Entzifferung dieser Szenen ist außerordentlich ergiebig für das Verständnis störungsrelevanter psychischer Konflikte.
Zur Verdeutlichung soll ein Beispiel Argelanders zitiert werden: Es greift die Auftaktszene eines Erstgesprächs auf und zeigt sehr anschaulich, wie der Analytiker von der intersubjektiven Oberfläche ausgehend in hermeneutischen Erkenntnisschritten Informationen aus drei unterschiedlichen Quellen: szenische, subjektive, objektive Daten (Argelander 1970) zu einer Sinngestalt zusammenfügt, um sich einer stimmigen Fallstrukturhypothese anzunähern.
»Als ich Frau X im Wartezimmer abhole, begegne ich einer mittelgroßen Frau in Hose und Pullover, sie macht insgesamt einen etwas blaß-farblosen Eindruck auf mich. Ich will ihr zur Begrüßung die Hand geben, das klappt aber nicht. Im Behandlungszimmer setzt sie sich, ohne auf eine Geste von mir zu warten. Um bequem ihr gegenüber sitzen zu können, muß ich meinen üblichen Platz aufgeben. Dieser Vorgang überraschte mich etwas, ich dachte daran, sie zu bitten, einen anderen Platz einzunehmen, aber ich fügte mich in die neue Sitzordnung, die sie hergestellt hatte. Es entsteht eine längere Pause (…) Nach einer Weile sage ich ›Es fällt Ihnen im Moment schwer zu reden‹. Sie wüßte nicht, wo sie anfangen solle.
Schließlich berichtet sie, daß sie seit 5 Jahren mit ihrem Freund zusammen sei, aber nie einen Orgasmus bekommen habe. Sie erzählt von Schwierigkeiten in ihrer Wohngemeinschaft, wo die anderen ihr vorwerfen, daß sie still sei und Konflikte vermeide. Diese Kritik treffe auch zu, sie sei oftmals blockiert, könne nichts sagen, sei aber innerlich erregt, was bis zu Herzklopfen und Zittern gehen könne.
Der Entschluß eine Therapie zu machen, sei ihr nicht leicht gefallen, sie störe dabei das Gefühl, daß es etwas mit Krankheit zu tun habe. Ihr Freund habe ihr zugeraten, ihr Bruder sei aber dagegen (…) Nach einer längeren Pause meinte sie, es könnte ja sein, daß ihre Schwierigkeiten mit früher zusammenhängen. Als sie 6 Jahre alt war, hätten die Eltern ein Haus gebaut. Damals hatten die Eltern viel miteinander gestritten. Sie sei in eine Vermittlerrolle hineingeraten. Einmal habe die Mutter gedroht, den Vater umzubringen. Daran könne sie sich gut erinnern. Bei solchen Gelegenheiten kam die Mutter aus dem ehelichen Schlafzimmer ins Kinderzimmer wo sie mit dem Bruder schlief. Dann habe sie die Mutter getröstet, und diese habe in ihrem Bett geschlafen, während sie zum Vater ins Bett mußte« (Argelander 1981, S. 116-117).
In den Mittelpunkt seiner Betrachtung rückt Argelander den »Platzwechsel« (ebd., S. 117). Schlagartig, mit höchster situativer Evidenz, tritt die zunächst unbedeutend wirkende Anfangsszene mit den nachfolgenden Themen ihrer Erzählung in bedeutungsstiftende Wechselwirkung und erzeugt dadurch entscheidende Einblicke in innere Vorgänge.
Das Zusammenspiel dieser beiden Dimensionen, der szenische Gehalt der Auftaktszene und die erzählte Kindheitsszene, erzeugt eine neue Bedeutung, gibt »eine zentrale persönliche und damit spezifische Bedeutung frei« (ebd., S. 118). Szene und Erzählung treten in eine bedeutungsvolle Relation und erläutern sich wechselseitig. »In meinem Zimmer nahm sie meinen Platz ein … Ich dachte daran, sie zu bitten, einen anderen Platz einzunehmen, aber ich fügte mich in die Ordnung, die sie hergestellt hatte. (…) Die Pat. springt mit dem (… Interviewer, d. V.) so um, wie es die Mutter seinerzeit mit ihr selbst gemacht hat, (… er) erlebt die inneren Bewegungen, die sie als Kind gehabt hatte, ohne daß diese aus dem Inhalt des Berichtes selbst hervorgehen. Die Mutter nahm in ihrem Zimmer ihren Platz ein (…) Sie musste ihren üblichen Platz aufgeben. (…) fügte sich in diese neue Schlafordnung (…)« (ebd., S. 117–118). Der Gesprächsauftakt enthält weitere szenische Informationen, um die herum sich das nachfolgende Material sinnhaft ausrichten lässt. Die situativ-szenische Information lautet: »daß es ihr schwer fällt zu reden … daß sie nicht wisse, wo sie anfangen solle« (ebd., S. 119 u. 120).
Unter diesem Fokus der situativ aufgetretenen Blockade nimmt Argelander die weiteren Mitteilungen der Patientin auf: die angesprochene Orgasmusstörung (der Anlass ihrer Konsultation); die sich abzeichnende Erkenntnis, dass die Blockade eine Vermeidungsreaktion darstellt, die sich auf alle Kontaktbereiche bezieht, die emotionales Engagement fordern; die aktuellen Konflikte mit den Mitbewohnern ihrer Wohngemeinschaft und mit ihrem Partner; und schließlich das biografische Material, das durch die Konfrontation mit der Szene neue, bislang unbewusste, Bedeutungen freigibt:
Das emotionale Klima in der Familie muss »hochbrisant gewesen sein. Auf dem Höhepunkt dieser lauten Konflikte flüchtete die Mutter ins Schlafzimmer der Kinder und schickte die Tochter zum Vater ins Ehebett. […] weil die Mutter so erregt war, daß sie das Zusammensein mit dem Vater vermeiden musste. Die bewußte Absicht der Mutter war natürlich, den Vater durch die Tochter zu beruhigen, eine versöhnende Geste, die die Tochter bereits als Funktion der ›Vermittlung‹ übernommen hatte, aber offenbar nur nach außen, innerlich war sie erregt durch die indirekte Teilnahme an der konflikthaften Auseinandersetzung zwischen den Eltern. […] Es ist nicht schwer aus der Sukzession der Themen im Beginn des Gesprächs zu ›erraten‹, daß diese Maßnahme der Mutter auch für Erregungszustände sexueller Art galt. Die Mutter hatte Angst vor den Folgen emotionaler Höhepunkte und schickte die Tochter an ihrer Stelle zum Vater, nichtsahnend, was sie ihrer Tochter zumutete. Diese lag mit Zittern und Herzklopfen neben dem Vater, war blockiert und konnte nicht sprechen. Sie wußte nicht wo sie anfangen sollte. Sie hat den Vater sicher nicht durch Schmusen beruhigt, um die Gelegenheit wahrzunehmen, sich als der Mutter überlegen auszuweisen und sich dem Vater anstelle der Mutter anzubieten. Vielleicht war diese Vorstellung aber ein unbewußtes Motiv, vor dem sie entsetzt zurückwich und blockierte« (ebd., S. 120–121).
Argelander möchte mit diesem Beispiel die Methode verdeutlichen, mit der er im Erstinterview einen Zugang zu seinen Patienten sucht und zu diagnostisch und psychodynamisch relevanten Schlussfolgerungen kommt. Ausgehend von der situativen, interpersonellen Oberfläche des Interaktionsgeschehens erschließen sich innere Konfliktthemen, die sich situationsgenau – Platzwechsel, Blockade – im Übertragungsraum konstellieren. Zur weiteren Systematisierung ließen sich diese Einsichten in metapsychologischer, struktureller und genetischer Perspektive mit der Theorie der Verdrängung und des Ödipuskomplexes verknüpfen, könnten zu einer psychodynamischen Diagnose gebündelt und der symptombezogenen Diagnose einer Orgasmusstörung zur Seite gestellt werden.
1.3.4 Indikationsstellung, Behandlungsvorbereitung und Prognose
Mit dem Anspruch auf diagnostische Klärung und Aufdeckung der verborgenen, bislang nicht bewussten Sinnzusammenhänge hinter der Symptomatik sind noch nicht alle Funktionen des Erstinterviews erfüllt. Argelander unterscheidet zwei Phasen des Erstgesprächs mit unterschiedenen Aufgabenschwerpunkten, einen diagnostischen und einen, der der Behandlungsvorbereitung gilt. Letzterer umfasst die Indikations- und Prognosestellung (Argelander 1970). Die Unterscheidung dieser beiden Arbeitsschwerpunkte ist nicht als strikte Trennung zu verstehen: die diagnostisch psychodynamischen Überlegungen beeinflussen die indikatorischen Erwägungen und umgekehrt. Sie präzisieren sich wechselseitig und sollten in eine störungs- und persönlichkeitsorientierte Behandlungsempfehlung münden. »Dem Patienten nützen die besten diagnostischen Erkenntnisse nichts, wenn sie nicht in einen konkreten Behandlungsvorschlag einmünden, der seine äußere und innere Realität berücksichtigt« (ebd., S. 100). Das heißt vor allem, dass der Analytiker die Frage zu klären hat, ob im vorliegenden Fall eine psychotherapeutische Behandlung indiziert ist und wenn ja, ob eine analytische Psychotherapie oder ein anderes, ein tiefenpsychologisch fundiertes oder verhaltenstherapeutisches Verfahren einzuleiten ist. Es gilt weiter zu klären, ob die psychotherapeutische Behandlung, falls indiziert, als Einzel- oder Gruppentherapie, als Krisenintervention, als Kurz- oder Langzeittherapie, als ambulante oder stationäre Maßnahme erfolgen soll, oder ob eine psychiatrische, neurologische oder pharmakologische Behandlung zu empfehlen wäre.
Zur Beantwortung dieser Fragen sind weitere Abklärungen erforderlich. Von besonderer Bedeutung für die differentielle Indikation ist es, die »Bereitschaft (des Patienten d. V.) zu einer richtig verstandenen Mitarbeit« (ebd.) einzuschätzen. Die Erkundung der Behandlungsbereitschaft ist eine unerlässliche Vorbereitung einer fundierten Behandlungsempfehlung, insbesondere wenn es um die Indikationsstellung einer psychoanalytischen Behandlung geht. In diesem Fall sollte so weit wie eben möglich eruiert werden, ob und in welchem Ausmaß beim Patienten die Bereitschaft/Fähigkeit vorliegt, sich auf eine konfliktaufdeckende, wenig strukturierte Gesprächsführung einzulassen, ob der Patient zur Betrachtung unbewusster, konflikthafter innerer Strebungen im interaktiven Austausch mit dem Analytiker fähig ist. Anders ausgedrückt: Der Psychoanalytiker sollte sich ein Bild von der ›Übertragungsbereitschaft‹ des Patienten und seiner Fähigkeit verschaffen, eine emotionale Beziehung und eine affektive Kommunikation mit dem Analytiker aufnehmen und nutzen zu können.
Die Behandlungsbereitschaft eines Patienten wird im Verlauf des Erstinterviews nicht nur erkundet, sie kann auch angeregt, gefördert und motiviert werden. Das diagnostische Interview kann zu diesem Zweck einen probehaften psychotherapeutischen Charakter annehmen (ebd.). In diesem Sinne wird es, nach Argelander, zu einer begrenzten Behandlungserfahrung. Hierbei gilt es, auf die umschriebenen Ziele (Diagnostik, Indikationsstellung, Probatorik) und die Limitierungen des Erstinterview-Settings (50 Minuten, max. sechs Folgegespräche) zu achten und behutsam mit den Begrenzungen umzugehen, die der Patient ggf. durch den Gesprächsauftrag setzt (»Über einen bestimmten Vorfall in meiner Biografie kann ich erst sprechen, wenn ich mich in Therapie befinde und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut habe«). Der Behandler sollte außerdem im Blick behalten, was es für den Patienten bedeutet, wenn er, was die Regel ist, an einen anderen Behandler weitervermittelt wird, oder es gar unklar bleibt ob und wann eine psychotherapeutische Weiterbehandlung stattfindet (Haeberle 2002).
Unter Beachtung dieser Bedingungen kann der Interviewer zur Untersuchung der Behandlungsbereitschaft eine »kurze Passage echter psychotherapeutischer Widerstandsarbeit« (Argelander 1970, S. 103) einleiten. Dazu nutzt er seine im Gespräch gewonnenen psychodynamischen Einsichten und formt aus diesem Material erste Deutungen und Interventionen (ebd.). Diese können eine besondere Funktion im Erstinterview einnehmen. Im besten Fall ermöglichen sie für den Patienten eine »dosiert zugespielte Teilnahme … am (analytischen d. V.) Erkenntnisprozess als Probeerfahrung« (Argelander 1970, S. 101). Der Analytiker seinerseits kann der Art und Weise, wie der Patient die Intervention aufnimmt, entscheidende Hinweise zur Behandlungsbereitschaft und -eignung entnehmen und wichtige Informationen für die Indikations- und Prognosestellung sammeln.
Argelander gibt ein Beispiel:
»Ein Herr, anfangs 60, Jurist in hoher Staatsstellung, kam, um in familiären Angelegenheiten Rat und Hilfe zu erlangen« (Argelander 1970, S. 18). Der Patient wirkt äußerst hölzern, pedantisch, kontrolliert. Mit einer Akte bewaffnet referiert er geflissentlich Befunde und Fragen und wirkt äußerst unergiebig in Hinblick auf psychologisch relevante Zusammenhänge. »Erst nach 25 Minuten ging der Ratsuchende auf seine Familienverhältnisse ein. […] von seiner Frau und den kleinen und teilweise auch schon erwachsenen Kindern gab er kaum mehr als die Personalien an. Nun schwieg er und schaute erwartungsvoll auf den Interviewer. […] Dieser war durch den langen und unergiebigen Sermon etwas verärgert, hatte das Stereotyp des trockenen Juristen diagnostiziert und fragte deshalb bewußt freundlich und milde, ob es denn nicht für Kinder, vor allem für Söhne schwer sei, einen so erfolgreichen und tüchtigen Vater zu haben, man könne ihn kaum erreichen, geschweige denn, ihn etwa überflügeln. […] Das Gegenüber stutzte zunächst nach dieser unerwarteten und scheinbar auch nicht zur Sache gehörigen Bemerkung. Dann aber ging ein Leuchten über sein Gesicht, und er begann zu erzählen« (ebd., S. 18–19).
Die Deutung reflektiert die Verlaufsgestalt des Interviews und ist situationsbezogen außerordentlich treffsicher. Die in der Deutung enthaltene »Reaktionsbildung«, »auf die Verärgerung bewusst freundlich und milde zu reagieren«, korrespondiert der zwanghaften Persönlichkeitsstörung, die hinter der Symptomatik der Beziehungsstörung liegt, wegen der der Patient die Ambulanz konsultierte. Durch die Deutung erfährt das Gespräch eine markante Wendung, was darauf schließen lässt, dass sie gelungen war und der Patient die Deutung verwerten konnte. Aus diesem Verlauf leiten sich weitere diagnostisch und indikatorisch wichtige Informationen über die psychischen Strukturen des Patienten ab: über die Ichfähigkeiten, die emotionale Flexibilität, die Stärke seiner Persönlichkeitsstörung, die Chronifizierung und Starrheit seiner störungsspezifischen Verhaltens- und Erlebensmuster usw. Der Patient sei, so Argelander, durch die Deutung »menschlicher und die Schilderung seiner Beziehungspersonen lebendiger« (ebd., S. 26) geworden. Er habe die mit seiner Erkrankung verbundenen Eigenschaften »Perfektionismus, Unerreichbarkeit, Überlegenheit« (ebd.) erleichtert fallen lassen können. Diese Erleichterungsreaktion zeige die unbewusste Motivation des Patienten, eine Behandlung zu beginnen und spreche für seine Entwicklungsmöglichkeiten, d. h. für eine günstige Prognose. Die Deutung habe es dem Patienten erlaubt, seine innere Problematik wahrzunehmen (ebd.) und freier zu thematisieren. Es gilt als behandlungstechnische Regel in der Psychoanalyse, dass sich die Stimmigkeit einer Deutung, ihre Verwertbarkeit durch den Patienten, in der Vertiefung und Fortführung des Assoziationsflusses anzeigt. Ob ein Patient eine Intervention als relevante Bedeutung aufgreifen kann, erkennt der Analytiker daran, dass der Patient Material, das ihm zugehörig und klärend erscheint, unmittelbar anfügt und auf diese Weise zu neuen seelischen Verknüpfungen und neuen Einsichten kommt.
Die o. g. Reaktion des Patienten zeigt außerdem, dass er mit Hilfe der Deutung seinen Widerstand bis zu einem gewissen Grad lockern konnte, wodurch eine günstigere Voraussetzung entsteht, Unbewusstes bewusst zu machen. Die geschilderte Reaktion steht beispielhaft dafür, dass der Patient die Intervention des Analytikers, die Art wie er denkt und arbeitet, mit einem Gewinn an innerer Freiheit und Erleichterung aufnehmen kann. Damit ist der wichtigste Indikationshinweis erreicht. Der Verlauf eines Erstinterviews, die Qualität der sich entwickelnden Zusammenarbeit, die höchst individuelle, störungs- und persönlichkeitsbedingte Art und Weise, wie ein Patient eine analytische Deutung aufnehmen kann, gelten, hier besteht Einigkeit unter Analytikern, als die wichtigsten indikatorischen und prognostischen Kriterien in psychoanalytischen Erstgesprächen. Kerz-Rühling, die langjährige frühere Leiterin der Ambulanz des SFI, schreibt: »Die Indikation zu einer bestimmten Form von ambulanter oder stationärer Psychotherapie erwies sich vor allem als abhängig von der initialen Arbeitsbeziehung zwischen Patient und Therapeut (…) Eine Psychoanalyse wurde u. a. empfohlen, wenn die therapeutische Arbeitsbeziehung sich im Interview gut entwickelt, d. h. wenn ein gemeinsames Krankheitsverständnis zwischen Therapeut und Patient erreicht wurde« (Kerz-Rühling 2005, S. 591). Mit Blick auf Argelanders Fallbeispiel könnte man ergänzen, dass eine ›gute Entwicklung der Arbeitsbeziehung‹ daran ablesbar wird, wie der Patient die Interventionen des Analytikers aufnimmt und ob sich situative Erkenntnis- und Entwicklungsschritte anschließen.
1.4 Abschließende Bemerkungen: zum Stellenwert der Subjektivität des Analytikers und der Gegenübertragung im Erstinterview
Die Entwicklung der probetherapeutischen Arbeitsbeziehung, der Verlauf dieser »kurzen Passage … psychotherapeutischer Widerstandsarbeit« (s. o.) stellt, wie ausgeführt, das zentrale indikatorische Kriterium in psychoanalytischen Erstgesprächen dar. Was als Voraussetzung für die Indikationsstellung gilt, gilt auch für die Bearbeitung der anderen Aufgabenstellungen des psychoanalytischen Erstinterviews. Die entscheidenden diagnostischen, indikatorischen, prognostischen Erkenntnisschritte, bis hin zur Behandlungsempfehlung basieren auf der Erfassung des sich szenisch-situativ einstellenden Beziehungsgeschehens zwischen Patienten und Analytiker. Es avanciert zum zentralen Gegenstand der analytischen Untersuchung – auch und vor allem im Erstinterview.
Erst im Rahmen des szenisch-situativen Verstehens nehmen die ›Informationen‹, die der Analytiker im Verlauf eines Erstgesprächs in unübersichtlicher Menge und auf unterschiedlichsten Ebenen empfängt (Argelander 1970) ihre spezifisch psychoanalytische, auf die Erkenntnis des Unbewussten bezogene, Bedeutung an.
Die möglichst unvoreingenommene, gleichschwebend aufmerksame Haltung des Analytikers und die Technik seiner Gesprächsführung ermöglichen, dass unbewusste Kräfte, infantile Konfigurationen und innere Objektbeziehungen an der Oberfläche des interaktiven Geschehens zwischen Analytiker und Patient zur Darstellung kommen. Die analytische Technik verhilft den unbewussten Strebungen zur Aktualisierung im situativen Beziehungsgeschehen und ermöglicht auf diese Weise ihre Erforschung. Von der Oberfläche ausgehend, »von außen nach innen, von der äußeren Beziehung … ins innerseelische« (Argelander 1967 S. 368) können die unbewussten Strukturen als bedingende »innere Gesetzmäßigkeit« (ebd., S. 440), als »Fallstruktur« erschlossen und (probehaft) bearbeitet werden (ebd., S. 445).
Bei seiner Erkundung des unmittelbar ablaufenden Beziehungsgeschehens ist der Analytiker mit all seinen Gefühlsregungen und Vorstellungsabläufen kein außenstehender Beobachter, sondern Teil dieser Interaktion.
Diese grundsätzlich subjektiven Erkenntnisprozesse der Psychoanalyse ziehen seit jeher epistemologische Kritik und szientistische Ablehnung auf sich. Ohne diese Debatte an dieser Stelle vertiefen zu können, möchte ich mit Argelander die Unabdingbarkeit und die Präzision der analytischen Erkenntnisinstrumente betonen:
»Das Instrument der (analytischen d. V.) Wahrnehmung ist einzig und allein die Persönlichkeit des Interviewers, eingesetzt und abgestimmt auf das unbewußte Beziehungsfeld mit dem Patienten« (Argelander 1970, S. 15), und weiter: »Der Interviewer benötigt zum Verständnis der unbewußten Persönlichkeit eines Patienten den Zugang zu seinen eigenen vorbewußten Wahrnehmungs- und Denkprozessen, über welche er nur verfügen kann, wenn sein Bewußtsein sie mit erfaßt« (ebd., S. 111).
Damit erklärt Argelander die sog. Gegenübertragungsanalyse zur Kernaufgabe des Analytikers im psychoanalytischen Erstinterview:
»Aus unserer Definition der Übertragung und Gegenübertragung ergeben sich zwei technische Einstellungen zur Erfassung des unbewußten situativen Geschehens. Der Untersucher kann sich einmal mit dem unbewußten Verhalten des Patienten identifizieren, mit seinen in der Projektion wirkenden Aktivitäten, zum anderen aber mit den Reaktionen in sich selbst, die von diesen unbewußten Aktivitäten hervorgerufen werden […] Diese tastenden Identifizierungsversuche im Dienste der Aufgabe, den Patienten zu verstehen, sind Antworten auf die Frage: ›Was macht er mit mir?‹ bzw. ›Was geschieht mit mir?‹« (Argelander 1967, S. 433).
Argelanders Bezugnahme auf das damals im deutschsprachigen Raum noch kaum rezipierte Konzept der Gegenübertragung war maßgeblich von der deutsch-britischen Psychoanalytikerin Paula Heimann beeinflusst, die schon 1950 die Gegenübertragung zum entscheidenden Erkenntnisinstrument des Analytikers und zum zentralen Bestandteil der analytischen Behandlungstechnik erklärte. Die inneren Vorgänge und Zustände, die im Analytiker (größtenteils unbewusst) auf höchst »persönliche«, oftmals fremd und überfordernd erlebte Weise entstehen und ablaufen, stellen demnach keine Beeinträchtigung seiner Erkenntnisprozesse dar, sondern bilden vielmehr deren unabdingbare, durch nichts zu ersetzende Grundlage (
Kap. 4). Der Analytiker kann nämlich seine Erkenntnisse nicht von einer objektiven, durch Distanz und Neutralität geprägten Position aus generieren. Er ist nicht nur unhintergehbar in den intersubjektiv strukturierten und affektiv geprägten Übertragungsprozess einbezogen, seine inneren Vorgänge dienen ihm als Resonanzraum (Container) und Empfangsorgan für das unbewusste Beziehungsgeschehen. Voraussetzung für den Erkenntniswert dieser Vorgänge ist, dass der Analytiker in der Lage ist, seine inneren Vorgänge in den Bereich des Vorbewussten zu heben, zu betrachten, mit Bedeutung zu füllen und im Dienste des Patienten zum Gegenstand analytischer Arbeit zu machen. Er muss sie Schritt für Schritt in Worte fassen und damit bewusst machen können. Wenn das gelingt, zeigt sich, dass die Gegenübertragung ein sehr feines und überaus präzises Instrument zur Erfassung unbewusster innerer Vorgänge des Patienten darstellt. Damit werden die Gegenübertragungen des Analytikers, seine ›eigenen‹ inneren Vorgänge zum irreduziblen Bestandteil des analytischen Prozesses und zum tragenden Element des szenisch-situativen Verstehens. In diesem Sinne resümiert Argelander: »Das Geheimnis eines umfassenden Verstehens im Erstinterview ist die Beteiligung der Persönlichkeit des Interviewers am Prozeß der Wahrnehmung« (ebd., S. 111).
Auf dieser Grundlage, einer Epistemologie, die die Subjektivität des Analytikers und seine Involviertheit in den Untersuchungsprozess in Gestalt seiner Gegenübertragungen grundsätzlich voraussetzt, systematisch reflektiert und zum Gegenstand analytischer Forschung macht, hat Hermann Argelander ein Erstinterviewverfahren entwickelt, das bis heute die Grundlage der klinischen Arbeit in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts darstellt.
Literatur
Argelander, H. (1967). Das Erstinterview in der Psychotherapie I, II, III. Psyche-Z Psychoanal., 21 (5,6,7), 341-368, 429-467, 473-512.
Argelander, H. (1968). Der psychoanalytische Dialog. Psyche-Z Psychoanal., 22 (5), 325-339.
Argelander, H. (1968). Der psychoanalytische Befund. Psyche-Z Psychoanal., 22 (9-11), 748-753.
Argelander, H. (1970). Das Erstinterview in der Psychotherapie. Darmstadt: WBG.
Argelander, H. (1970a). Die szenische Funktion des Ichs und ihr Anteil an der Symptom- und Charakterbildung. Psyche-Z Psychoanal., 24, 325-345.
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3 Mit ihren wesentlichen Bestandteilen: dem Zusammenspiel von ›freier Assoziation‹ und ›gleichschwebender Aufmerksamkeit‹, der Bearbeitung des ›Widerstands‹ und der ›Übertragung/Gegenübertragung‹, sowie dem Ziel, Unbewusstes bewusst zu machen (Freud 1904a).
4 In Anlehnung an Alfred Lorenzer wies Argelander darauf hin, dass das szenisch-situative Verstehen aufgrund der »Teilhabe« des Analytikers »an der Situation des Patienten« die »Verankerung von Verstehen im Faktisch-Realen« (ebd. S. 60-61) zulasse. Ohne dies an dieser Stelle gebührend vertiefen zu können, möchte ich darauf hinweisen, dass bei dieser sogenannten »Verankerung« des Verstehensprozesses im »Faktisch-Realen«, der Eindruck erweckt werden könnte, dass mit Hilfe des szenischen Verstehens die Möglichkeit bestünde, die unbewussten Komplexe des Patienten direkt und unmittelbar zu erfassen. Eine solche Konzeptualisierung stünde jedoch in eklatantem Widerspruch zu einer wesentlichen Prämisse des psychoanalytischen Denkens, dass nämlich sein Gegenstand, das Unbewusste, nie direkt beobachtbar, sondern nur indirekt von der Oberfläche her (Freud 1940a) interpretativ zu erschließen ist. Argelander, der diese Prämisse teilt, betonte mehrfach: »Das direkte Verstehen aktueller unbewußter Phänomene ist auch dem erfahrensten Analytiker nicht gegeben« (Argelander 1970a, S. 328–329). Dieser epistemologische Grundsatz gilt selbstverständlich auch beim szenischen Verstehen: Denn das Szenische, an dem der Analytiker »teilhat«, ist zumindest für Argelander nicht das »Faktisch-Reale«, das »eigentliche« vorsprachliche Unbewusste, das hinter dem Sprachlichen als Urgrund des Subjekts auszumachen wäre. In eine solche reifizierende Richtung entwickelte Lorenzer das Konzept des Szenischen. In seiner »materialistischen Sozialisationstheorie« erklärte er das Szenische zum Konstitutionsbegriff, fragte sich, »wie das Szenische in den Menschen kommt« (Lorenzer 1981, S. 87) und deklarierte es zum Grundbaustein des Unbewussten. Das Es habe eine »szenische Struktur«, sei aus »szenischen Beziehungsformeln gebildet« (Lorenzer 1983, S. 112). Gestützt auf sein Konzept der Interaktionsformen postulierte Lorenzer einen gesellschaftlich hergestellten Subjektbereich »sinnlich-organismischer Praxisfiguren«, der als eigenständiges vorsprachliches Praxisgefüge im Subjekt zu gelten habe. An diesem vorsprachlichen Praxisgefüge könne der Analytiker qua szenischem Verstehen und mit Hilfe »lebenspraktischer Vorannahmen«, die auf seinen eigenen inneren »Interaktionsformen« beruhen, teilhaben und – nach Art unmittelbaren Fremdverstehens – einen direkten, »faktisch-realen« Zugang zum Gegenstand finden: Der eigentliche Gegenstand hinter den sprachlichen Phänomenen seien außersprachliche, nämlich unbewusste Interaktionsformen (Lorenzer 1973). Argelander verfolgte bescheidenere, vor allem behandlungstechnische Interessen. Für ihn ist das Szenische eine eigene, bevorzugt in der klinischen Situation erfahrbar werdende Repräsentationsform, die dem Unbewussten jenseits der Verbalform eine Artikulationsmöglichkeit bietet. Für ihn ist das Szenische eine Darstellungsform und nicht die Sache selbst. Die Szene steht symbolisch für etwas, sie ist auf ein »Verfehltes«, auf die Abwesenheit von bewusstseinsfähigem Sinn und Sagbarkeit hin ausgerichtet. Bei Argelander dient das szenische Verstehen der (Re-)Konstruktion von Bedeutungsstrukturen, bei Lorenzer soll es zur unmittelbaren Teilhabe an vorsprachlichen Praxisfiguren führen können – deshalb spricht er in diesem Zusammenhang auch von Hermeneutik des Leibes. Argelanders klinisch-wissenschaftliche Konzentration auf die analytische Beziehung, die hier stattfindenden komplexen unbewussten Austauschvorgänge, die er gegen die intrapsychische Perspektive Freuds stark zu machen versuchte, stellt für uns das eigentlich innovative Potential seiner Forschungsarbeiten dar. Es ist gerade diese interaktiv relationale Forschungsperspektive, die aus unserer Sicht mit den aktuellen Forschungsdebatten der Psychoanalyse konvergiert, die sich u. a. um Fragen der Gegenübertragung als Erkenntnisinstrument, um die Erforschung der projektiven Identifizierung als basalem Austauschmechanismus zwischen Subjekten, um Prozesse des Containments als Grundlage psychischer Repräsentanzenbildung drehen.
2 »Szenisches Verstehen« – zur Begriffs- und Konzeptgeschichte bei Lorenzer und Argelander
Ralph J. Butzer
Das »Szenische Verstehen« ist genealogisch untrennbar mit dem Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main verknüpft. Man kann sagen, dass sich hier seine Geburtsstätte befindet. Eng verbunden mit diesem Ort sind auch die Biografien zweier namhafter Psychoanalytiker, die sich hier begegneten – Alfred Lorenzer und Hermann Argelander. Mit beiden Namen verbindet man auch das Adjektiv »szenisch«, das sich in ihren jeweiligen Konzepten wiederfindet. Dass es sich hierbei um ähnliche, aber doch auch verschiedene theoretische Ausarbeitungen bestimmter Forschungsinteressen handelt, ist nicht immer wahrgenommen worden. Von daher ist es erforderlich, neben den Verbindungen auch die Unterschiede zu betrachten.
Schon früh hat Reinke (1977) darauf hingewiesen, dass eine präzise Diskussion der Ansätze Lorenzers und Argelanders aussteht; ein Desiderat, das die Autorin 2013 teilweise einlöst, indem sie einerseits eine Vermittlung sucht, andererseits auch die Abweichungen benennt.
Diese Arbeit versucht Ähnliches, indem sie auf die Differenzen aufmerksam macht, da die Verwechselungsgefahr der beiden Ansätze wie auch fehlerhafte Zuschreibungen heutzutage kaum mehr auszumerzen sind, wenn man die historische wie theoretische Konzeptentwicklung beider nicht mit in den Blick nimmt. Ich versuche eine genauere Betrachtung des »szenischen Verstehens«, indem Herkunft, methodologischer Status und Betrachtungsebene, wie auch Grundlagen seiner Anwendung skizziert werden. Da es sich beim szenischen Verstehen um eine konzeptuelle, weniger um eine sachliche Neuerung handelt, die an die Freudschen Formulierungen anschließt, soll ein kurzer Blick auf den Begriff der Szene bei Freud genügen.
2.1 »Szene« bei Freud
»Szene« ist bei Freud kein Begriff, der zur psychoanalytischen Metapsychologie zu rechnen wäre. Freud verwendet den Ausdruck »Szene« eher umgangssprachlich, in klinischen Zusammenhängen bei der Beschreibung und Darstellung seines »Materials«. Material heißt hier: die Erzählung des Analysanden. Allerdings gliedert Freud bereits bei der Aufnahme des Patientenberichts eine erste Einteilung in »Szenen« heraus, d. h. er stellt intuitiv gewisse szenische Merkmale ins Zentrum einer näheren Betrachtung.
Ein Beispiel aus dem »Dora«-Fall:
»Da wären wir also wieder bei der Szene am See und bei den Rätseln, die sich an sie knüpften. Ich bat sie, mir diese Szene einmal ausführlich zu erzählen« (Freud 1905e, S. 261).
Neben der umgangssprachlichen Verwendung des Ausdrucks »Szene« lässt sich jedoch auch eine eher systematische Auffassung bei Freud finden, die er im Rahmen erster ätiopathogenetischer Überlegungen formulierte. So schreibt er am 2. Mai 1897 an seinen Freund Wilhelm Fließ:
»Ich habe zuerst eine sichere Ahnung von der Struktur einer Hysterie gewonnen. Alles geht auf die Reproduktion von Szenen« (Freud 1985c, S. 253).
Im Manuskript J (Brief vom 8. Dez. 1895) hatte Freud schon Zusammenhänge vermutet; und zwar, dass »Szene I« zu »Szene II« führt, die »assoziativ berührt wurde« (ebd., S. 163f.). Ein solcher Gedanke der Verbindung zweier Szenen tauchte sogar noch früher, im berühmten »Entwurf einer Psychologie« (Freud 1950c, S. 445ff.) auf. Dort erläutert er, dass Szene I erst verständlich wird, »wenn wir Szene II dazunehmen«. Die assoziativen Verbindungen bestehen aus unbewussten Mittelgliedern, wohingegen im Bewusstsein »falsche Verknüpfungen« erscheinen.
Szenen können hier schon direkt erzählte Begebenheiten wie auch Phantasien sein.
Als eine erste klinische Theorie knüpft Freud ein kausales Geflecht bei der Hysterie dergestalt, dass »die psychischen Gebilde«, die bei der Hysterie verdrängt werden, »nicht eigentlich die Erinnerungen sind, sondern Impulse, die sich von den Urszenen ableiten.« (Freud 1985c, S. 253). Letztlich zielen seine Bestrebungen auf das Erlangen der Urszenen.
Im Unterschied zum Ausdruck »Szene« erhält der Begriff »Urszene« bei Freud neben einer zentralen Stellung innerhalb der Neurosenätiologie metapsychologischen Rang zugesprochen, da er für alle (dynamische, genetische, ökonomische und topische) Theorie-Kontexte verwendet werden kann. So findet sich die Ahnung eines »Szenischen« auch schon im berühmten Freud-Zitat aus der Epikrise von Fräulein Elisabeth von R.:
»Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen, sondern bin bei Lokaldiagnosen und Elektroprognostik erzogen worden wie andere Neuropathologen, und es berührt mich selbst noch eigentümlich, dass die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren.« (Freud 1895d, S. 227).
Eine Warnung spricht er jedoch aus, wenn er im Rahmen seiner »Wolfsmann«-Analyse darauf hinweist: die »Szenen (…) müssen schrittweise und mühselig aus einer Summe von Andeutungen erraten – konstruiert – werden« (Freud 1918b, S. 80). Es deutet sich eine begriffliche Unschärfe im Szene-Begriff an, einmal verwendet Freud Szene deskriptiv-manifest (der Patient erzählt eine Szene), ein anderes Mal handelt es sich um die verborgene, latente, vom Analytiker (re-)konstruierte Ur-Szene. In der »Wolfsmann«-Analyse verwendet Freud den Szene-Begriff im Sinne der »Urszene« und der »Urphantasie«, dessen Stellung ja eine andere als der eher deskriptive der »Novellen-Szene« ist. Man kann von einem Changieren der Ebenen sprechen, die sich später noch in einer inhaltlichen Verwirrung bei der Rezeption unterschiedlicher Konzepte wiederfindet.
Neben der Verwendung des Begriffs gibt Freud auch anschauliche Schilderungen der sich im Behandlungszimmer abspielenden Szenen: »Eine ältere Dame zieht mitten in der Sitzung, angeblich um sich durch ein Bonbon anzufeuchten, eine kleine beinerne Dose hervor, bemüht sich sie zu öffnen, und reicht sie dann mir, damit ich mich überzeuge, wie schwer sie aufgeht«. (Freud 1905e, S. 240). Freud wird hier in eine Interaktion verwickelt, die je nach Blickrichtung als Symptomhandlung, Agieren, Übertragung, »enactment« oder symbolische Szene/szenisches Arrangement oder Inszenierung zu verstehen wäre. Es wird aber auch schon hier klar, dass Freud selbst schon szenisch verstand, dass szenisches Verstehen für ihn kein neuer Sachverhalt ist. Psychoanalytisches Verstehen ist schon bei Freud szenisches Verstehen; einzig dessen Verständnis in theoretischen und metatheoretischen Begriffen stand noch aus.
Die erst später entwickelten Begriffe des »szenischen Verstehens« und der »szenischen Funktion des Ich« nehmen hier ihren Ausgangspunkt, kennzeichnen jedoch unterschiedliche Aspekte der Metatheorie der psychoanalytischen Theorie und Praxis.
2.2 Das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut
Das Sigmund-Freud-Institut war seit den 1960er Jahren ein Kristallisationspunkt verschiedener wissenschaftlicher wie gesellschaftlicher Strömungen. So verwundert es nicht, dass gleich zwei Mitarbeiter sich um ähnliche Bereiche der psychoanalytischen Theorie kümmerten, aber dennoch unabhängig voneinander eigene Zugänge entwickelten. Zur Geschichte des Institutes liegen zahlreiche Erfahrungsberichte und Einschätzungen des gesellschaftlichen und sozialpsychologischen Klimas vor, die nicht zuletzt auch durch das wissenschaftliche Umfeld der damaligen Zeit bestimmt waren (z. B. Bareuther 1989, Reinke 2013;
Kap. 1).
Ich greife hier nur eine meines Erachtens zentrale Achse der damaligen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen heraus, die mit dem Erscheinen von Hans-Georg Gadamers »Wahrheit und Methode« (1960) zu bezeichnen wäre und im Fortgang eine überaus fruchtbare Diskussion (»Hermeneutik-Debatte«: Erklären versus Verstehen) begründete. Die dazugehörigen Stichworte in Sachen Psychoanalyse wären:
• Klärung des Wissenschafts-Status der Psychoanalyse (Natur- oder Geisteswissenschaft oder etwas anderes),
• Bestimmung des methodischen Status des Verfahrens (nomothetisch vs. hermeneutisch), und schließlich die
• Klärung der entscheidenden Operation dessen, »was der Psychoanalytiker macht« (Lorenzer 1974, S. 105) – also der Frage des »Verstehens« des Fremdpsychischen.
Lorenzer wie Argelander waren mit der Hermeneutik-Debatte vertraut und ließen sich – auf je eigene Art – auf die Frage des Verstehens des Psychoanalytikers ein. Die Debatte um Erklären vs. Verstehen entwickelte sich bei Lorenzer in eine Qualifizierung der Psychoanalyse als Kritische Theorie des Subjekts (der eine Kritische Gesellschaftstheorie an die Seite gestellt wird), deren Leistung durch eine »kritisch-hermeneutische Operation« ein »praktisch-änderndes Verfahren« zur Folge hatte.
Die vorherrschende psychoanalytische Theorie war zu dieser Zeit stark ich-psychologisch geprägt, so dass die Instanz des »Ich«, seine Entwicklung, Funktion und Beziehungen zur Außenwelt, ebenso wie die der eigenen Regulation (Selbstwertgefühl, Denken, Wahrnehmung, Regression) in den Mittelpunkt rückten. Die ich-psychologische Behandlungstechnik kreiste somit in einem strikten und eng ausgelegten Sinn um Begriffe wie »Abstinenz«, »Neutralität« als analytischer Haltung und einem Analytiker-Bild, das stark von Strenge und objektivierender Distanz geprägt war. Für Horn und Lorenzer (1978, S. 9) war es deshalb »alles andere als zufällig, dass der Aufbau der psychoanalytischen Ich-Psychologie Hand in Hand ging mit einer Veränderung des psychoanalytischen Selbstverständnisses und der Entwicklung einer positivistisch-einheitswissenschaftlichen Metatheorie«. Aufgrund der engen Verzahnung, ja Wechselwirkung zwischen psychoanalytischer Theorie und Behandlungstechnik lässt sich ermessen, wie neue Sichtweisen die psychoanalytische Praxis verändern. Unter Verwendung der hermeneutischen Perspektive konnte so eine ausschließlich naturwissenschaftliche Orientierung zunehmend in Frage gestellt werden. Das damalige »klassische« Ideal der analytischen Haltung war noch weit entfernt vom heutigen »postklassischen« Verständnis der analytischen Position (Zwiebel 1992). Insofern sind die Beiträge Argelanders und Lorenzers durchaus auch geeignet, die Entwicklung zu einer neuen Perspektive im Hinblick auf den Behandlungsprozess zu verstehen. Verbreitet ist derzeit eine Fassung, die die analytische Haltung und den Prozess als gemeinsame Schöpfung des analytischen Paares betrachtet. (Ogden 1994, 2004).
2.3 Hermann Argelander
Argelander (1920–2004) kam »genau zum Gründungstermin« 1959/1960 an das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut (Argelander 1989). Seine frühen Arbeiten beschäftigten sich mit der Frage des Erst- und Sprechstundeninterviews (
Kap. 1). Zentral schien ihm dabei die Arbeit an der »Oberfläche« (Freud) und die Beobachtung der »manifesten situativen Verlaufsgestalt« (Argelander 1973, S. 1005).
Über das Verhältnis von Argelanders und Lorenzers Begriffe des »Szenischen« existieren unterschiedliche Auffassungen, worauf vor allem Reinke (2013) hinweist. Gerade wegen der verbreiteten Ungenauigkeiten und einer Tendenz zur Verflachung des Begriffs, lohnt es, die Sachverhalte etwas ausführlicher darzustellen.
Man kann hinsichtlich der Rezeption der beiden Ansätze eine Tendenz zu »falschen Verknüpfungen« ausmachen; so meinen manche Autoren, Lorenzer habe Argelanders »szenische Funktion des Ich« zum »Grundpfeiler seiner späteren Theorie gemacht« (Kutter 1995, S. 5f.); andere bringen Argelander mit dem Konzept des szenischen Verstehens in engste (gleichsetzende) Verbindung (Klüwer 2000, Weidlich 2000); und schließlich wird sogar behauptet, der Begriff des szenischen Verstehens sei »ursprünglich von Hermann Argelander entwickelt worden« (Leuzinger-Bohleber 2002, S. 29). Laimböck spricht von »beiden Urhebern« (Laimböck 2013a, S. 74) des szenischen Verstehens.
Tatsächlich verkehren die o. g. Äußerungen nachprüfbare Sachverhalte, so wenn z. B. behauptet wird, dass Lorenzers Theorie auf Argelanders Konzept aufbauen würde.
Anhand von Argelanders Schriften kann man die Genese seiner Überlegungen gut nachverfolgen. Der Darstellung seines Konzepts in seiner Entwicklung sollen die nachfolgenden Skizzierungen dienen.
Es ist Argelanders Verdienst, das psychoanalytische Erstinterview aus einer damals randständigen Position ins Zentrum des psychoanalytischen Interesses gerückt zu haben, wobei sein klinisches Interesse und seine feine Beobachtungsgabe ihn zu Einsichten führten, die fruchtbare Erweiterungen des bisherigen Verständnisses psychoanalytischer Theorie und Behandlungstechnik ermöglichten.
Argelander beschäftigt sich mit der »Integration von Daten« des Gesprächs (1967, S. 433, S. 438, S. 444), was sein Vorgehen im Erstgespräch widerspiegelt. Verstehen ist für ihn sodann eine Art plötzlicher Kristallisation, die sich in dem Gefühl »situativer Evidenz« niederschlägt. Er sieht dieses Gefühl als Fähigkeit, als einen zu entwickelnden Bestandteil der Persönlichkeit des Analytikers, den er dann – in seinem berühmt gewordenen Aufsatz (1970a) – der Fähigkeit des Patienten zur situativ-szenischen Einpassung gegenüberstellt.
Diese situative Einpassung der Übertragung sieht er als Schöpfung des Ichs des Analysanden. Neben dem hermeneutisch-konstruktivistischen Element seiner Überlegungen (»Schöpfung«) ist auf die interaktionelle, situative Verlaufsgestalt hinzuweisen. Argelander bezieht sich hier direkt auf Lorenzer, anerkennt seinen Beitrag als Neues in der Begriffsentwicklung und übernimmt fortan das Adjektiv »szenisch«.
»Von theoretischen Studien ausgehend, hat A. Lorenzer (1970, Sprachzerstörung und Rekonstruktion) die Wichtigkeit dieses situativen, oder wie er es nennt, szenischen Elements für die Psychoanalyse herausgestellt […] Ich werde im folgenden diesen Begriff bevorzugt benutzen« (Argelander 1970a, S. 329).
Argelander betont explizit, dass beide »unabhängig« voneinander ihre Interessen verfolgten (Argelander 1973) und anerkennt Lorenzers Beitrag, den er in die psychoanalytische Ausbildung integrieren möchte: Da die situativen Verlaufsgestalten »sich mit großer Schnelligkeit herausbilden« (ebd., S. 1009), benötige der Analytiker ein zusätzliches, vertiefendes Training neben der psychoanalytischen Ausbildung im szenischen Verstehen im Sinne Lorenzers (Argelander 1973).
Ein Hauptaspekt seiner Ausführungen zur szenischen Funktion ist die Gegenüberstellung von Symptomneurosen und Charakterstruktur. Die Fähigkeit des Ich zu einer »szenengerechten« Einpassung sieht er bei der rigiden Charakterstörung nicht. Der Charakter lasse sich von situativen Gegebenheiten nicht beeindrucken; er bleibt also »persönlichkeitsgerecht« (ebd.). Die beim Charakter angenommene »Desexualisierung« verhindere eine szenische Verarbeitung.
Hier zeigen sich bei Argelander neben seinem Objekt und seiner Perspektive Anleihen aus der Ich-Psychologie, speziell Hartmannscher Prägung, wenn er sich mit dieser Art der Energie-Umwandlung beschäftigt und als metapsychologisches Konstrukt verwendet. So konstatiert auch Bohleber: »Argelanders Denken hielt immer die Verbindung zur Ich-Psychologie« (2013, S. 335; eigene Übersetzung).
Der Unterschied liegt also im Folgenden: werden Symptomneurosen »szenengerecht« verarbeitet und kann dies als »ich-fremd« erlebt werden, so agiert der Charakter stereotyp »strukturgerecht« und ich-synton. Dieser Ausdruckswandel, die Fähigkeit zur Gestaltung einer Szene ist bei der Charakterbildung durch »zu früh ›geronnene‹, strukturerhaltende Elemente« (Argelander 1970a, S. 330) nach Argelander nicht möglich.
Halten wir die wichtigen und zentralen Punkte des Argelanderschen Konzeptes fest:
• Psychische Struktur – Symptom sowie Charakter – ist für ihn »szenischer Herkunft«, also in interaktiven Bildungsprozessen (frühen Objektbeziehungserfahrungen) hervorgebracht. (Dieser Punkt wird von ihm nur beiläufig benannt; es bleibt Lorenzer vorbehalten, ihn genauer zu fundieren und auszuarbeiten.) Die infantile Konfiguration ist letztlich eine Repräsentanz vieler Szenen und eine »Schöpfung« des psychischen Apparates.
• Die »Situation« oder Gesamtszene beinhaltet den unbewussten Konflikt, ja gibt ihn preis (Argelander 1970a, S. 343).
• Die »situative Evidenz« gründet auf der »szenischen Information«, bei der das Erlebnis der Situation dominiert »mit all seinen Gefühlsregungen und Vorstellungsabläufen – auch wenn der Patient schweigt« (Argelander 1970b, S. 14).
• Die Fähigkeit des Ich zur Gestaltung einer Szene scheint ursprünglich gegeben zu sein und kann – z. B. bei der Charakterbildung – »verlorengehen«. Ob dies irreversibel sein muss, lässt Argelander offen (1970a, Balter 2013).
• »Die analytische Situation ist der Raum, in dem der analysefähige Patient die Szene gestaltet« (Argelander 1970a, S. 343, Hervorhebung Autor); so dass man diese Ich-Fähigkeit in die Liste der Indikationskriterien aufnehmen könnte. Allerdings darf man aus heutiger Sicht in Zweifel ziehen, ob die szenische Funktion des Ich als eine conditio sine qua non, sozusagen als Ausschlusskriterium zu sehen ist, da moderne Konzepte des »Agierens« oder des »enactments« bzw. die Übertragung früh-ich-gestörter Anteile (projektive Identifizierung) dennoch psychoanalytisches Verstehen und Behandlung erlauben.
Argelanders Analyseebene ist die der klinischen Praxis. Für ihn bedeutet »szenisch« weiterhin »situativ« i. S. der »manifesten situativen Verlaufsgestalt«. Er schränkt seinen Begriff des Szenischen auch ein, wenn er ihn an die »szenische Funktion des Ich« koppelt.
Im Hinblick auf das »szenische Verstehen« hat Argelander Lorenzers Urheberschaft explizit anerkannt und beruft sich auch auf diesen. Wie noch gezeigt werden soll, ist Lorenzers Analyseebene eine ganz andere und auch sein Erkenntnisinteresse ein unterschiedliches.
Unbestritten scheint mir jedoch trotz differenter Interesselagen die gegenseitige Befruchtung beider, die sich als »schöpferische Wechselwirkung« auch auf das Konzept des »Szenischen« beziehen ließe (»creative reciprocity«; Aquayo 2009, S. 1438).
Die Frage, ob das »szenische Verstehen« (Lorenzer) an die »szenische Funktion des Ich« (Argelander) notwendig gebunden ist oder eventuell darüber hinausgeht, d. h. möglicherweise auch ohne diese Funktion auskommt, wäre eine, die an das Konzept Lorenzers zu richten wäre (und dort vermutlich bejaht werden würde).
2.4 Alfred Lorenzer
Lorenzer (1922–2002) ging 1960 zu Alexander Mitscherlich nach Heidelberg (psychosomatische Klinik) und folgte ihm 1963 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Sigmund-Freud-Institut nach Frankfurt (1963–1969).
Lorenzer und Argelander arbeiteten also zur gleichen Zeit am selben Institut, jedoch mit unterschiedlichen Interessen und Zielen im Bestreben, ihre jeweils eigene hermeneutische Grundlegung der Psychoanalyse zu entwickeln (Bohleber 2013).
Beide teilten die gleiche psychoanalytische Umgebung und das Gedankengut des Institutes (Balter 2013). Lorenzer weist selbst ausdrücklich im Vorwort zu »Sprachzerstörung und Rekonstruktion« auf die »tägliche psychoanalytische Zusammenarbeit« (1970b, S. 41) hin und dass er bereits 1963 begann, »auf der Basis von ›Verstehen und Erklären‹« (ebd.) seine Analyse dessen, »was ein Psychoanalytiker macht«, voranzutreiben. Diese Darlegung der Psychoanalyse als eines besonderen Verstehensprozesses fand ihren Abschluss bereits 1967 mit der Habilitationsschrift »Der Prozeß des Verstehens in der Psychoanalyse« (1967, später veröffentlicht in zwei getrennten Werken unter Lorenzer 1970a und b).
Als Hinweis auf die enge Verzahnung der Zusammenarbeit im SFI kann auch folgende Begebenheit gewertet werden:
In »Sprachzerstörung und Rekonstruktion« (1970b) verwendet Lorenzer Fallvignetten anderer Psychoanalytiker, um darzulegen, wie sich »szenisches Verstehen« in der Praxis zeigt und wie der Psychoanalytiker (quasi unbegriffenerweise, d. h. metatheoretisch unreflektiert) schon »szenisch« arbeitet. Als kasuistische Illustration dienen ihm explizit Fallvignetten, »die am Sigmund Freud Institut in Frankfurt diskutiert wurden« (1970b, S. 151). Es ist also nicht verwunderlich, dass Argelander im »Flieger« sich auf das Konzept der Szene unter Bezugnahme auf Lorenzer bezieht (Argelander 1972).
Erneut kann auf die Idee einer »creative reciprocity« (Aquayo 2009) zurückgegriffen werden, um zu zeigen, dass sich die beiden Denker in fruchtbarer Weise beeinflusst haben, was auch durch das damalige »Klima« und die Zusammenkunft in den Diskussionen des Freud-Institutes möglich wurde.
Lorenzer selbst sah wesentliche Differenzen zwischen seinem und Argelanders Konzept. Er geht explizit darauf ein und vermeidet auch keine Schärfe gegenüber denen, die seinen Ansatz mit dem Argelanders »vermischen oder gar darauf reduzieren wollen«. »Nur platte Unkenntnis« könne zu einem solchen Urteil kommen »angesichts der grundlegenden Differenz beider Entwürfe« (Lorenzer 1981, S. 87).
Argelanders »knappe Notiz« aus dem Jahre 1968 könne nicht mit seinem 1963 begonnenen Projekt des »Nachweises«, »dass auch die wissenschaftliche Operation der Psychoanalyse im ›szenischen Verstehen‹ – und nur in ihm – gründet, das ›Szenische‹ mithin allseits der Schlüssel zur psychoanalytischen Theorie ist«, gleichgesetzt werden. Er schlägt vor, »Argelanders Beitrag als das zu nehmen, was er ist: eine Bestätigung, die anzeigt, dass man das ›Szenische‹ in der Psychoanalyse allenthalben entdecken kann, wenn man nur genau hinsieht«.
Der bloße Hinweis auf die szenische Natur rühre allerdings nicht an die »aufregende« Frage, »wie denn diese szenische Struktur in die Menschen hineinkommt« (Lorenzer ebd.).
Insofern kennzeichnet er Argelanders Beitrag als »Ergänzung« seiner Theorie (Lorenzer 1983, S. 112).
Steht bei Argelander die nähere Bestimmung einer Funktion des Ichs als szenisch im Vordergrund, so ist Lorenzers Anspruch fundamentaler: Der Nachweis, dass das Es aus Objektbeziehungen, Formen der Interaktion gebildet wird, führt zur Begründung der grundlegenden Struktur des Es als szenisch.
Dieser Frage nach der Herkunft des Szenischen und ihrer metatheoretischen Bestimmung widmet sich Lorenzer systematisch und in beeindruckender Stringenz; fünf wesentliche und zentrale Werke erscheinen innerhalb von nur vier Jahren (1970a, 1970b, 1972, 1973, 1974).
Im Folgenden sollen Lorenzers metatheoretische Bestimmungen im Rahmen seiner Sozialisationstheorie verdeutlichen, worum es ihm geht.
2.4.1 Zum »Gegenstand« der Psychoanalyse
Ist nun der Modus operandi der Psychoanalyse zunächst grob als szenisches Verstehen bezeichnet, so ist der »Gegenstand«, auf den sich dieses richtet, mit dem Begriff »Szene« erst ungenügend und unterkomplex benannt. Soll die Rede von der »Hermeneutik des Leibes« ernst genommen werden, so sind es die »bestimmten Interaktionsformen«, die den Gegenstand der Psychoanalyse bilden. Nach Lorenzer entwickelt sich psychische Struktur als kindlicher Bildungsprozess in der Auseinandersetzung von kindlicher Natur mit Sozialität, so dass, in Freudschen Terms formuliert, triebbestimmtes Erleben als soziale Bildungsgeschichte aufzuzeigen und zu verstehen ist. Diese Vorgänge versteht er als praktische Dialektik, die bereits intrauterin als ein Reiz-Reaktions-Wechselspiel beim Embryo »Bedarf« (Natur) in »Bedürfnis« (Trieb) herstellen. Die Interaktionen auf organismischer Ebene schlagen sich in sogenannten »Interaktionsfiguren« nieder, die dann wieder als Erwartungsfiguren für zukünftige Interaktionen dienen. Sie sind als »Situationsrepräsentanzen« zugleich »szenische Modelle« (Lorenzer 1983, S. 100).
Findet man bei Freud hierfür den Begriff »Triebschicksal«, so verwendet Lorenzer auch den Begriff des »szenischen Engrammes« (1981, S. 160). Konsequent fasst Lorenzer Erleben triebbestimmt und Trieb als körperlich verankerten Bezug zum Objekt. Folgerichtig führt er den komplementären Begriff der »Objektschicksale« (1972, S. 17) ein, womit sich ahnungsvoll der erst später so genannte »relational turn« (Altmeyer & Thomä 2006 als Überblick) abzeichnet.
Der Gegenstand der Psychoanalyse lässt sich nun weiter präzisieren: es sind die »Fehlformen« (Lorenzer 1974, S. 279), die dieser frühe Prozess auch aufweisen kann, »gescheiterte Einigungen« als »verdeckte lakunäre Unterbrechungen der Konsistenz des Interaktionsgefüges« (Lorenzer 1972, S. 129). Lorenzers Darlegung des neurotischen Prozesses wird sprachtheoretisch fundiert und exemplarisch an der Einführungssituation von Sprache aufgeschlüsselt. Dies bedeutet, dass nun die bestimmte Interaktionsform neben der senso-motorischen Verankerung eine zweite Registrierung in einer sprachmotorisch-akustischen Schaltung erfährt und so zu einer »bestimmten symbolischen Interaktionsform« wird.
Durch die Tatsache dieser Verbindung und Verschiebbarkeit können Abläufe durchgespielt werden, somit »Probehandeln« möglich werden. Reflektion und Handlungskontrolle entstehen, aber umgekehrt kann auch »der Liebhaber (…) beim Gedanken an die Geliebte nicht nur von zärtlichen Gefühlen bewegt, sondern (…) auch leib-expressiv erregt werden« (Lorenzer 1974, S. 280ff.; 1981, S. 90ff.). Auf diese Weise wird ein Wechselspiel von sinnlichen Formen und Erleben mit reflektierendem Bewusstsein etabliert und Selbstverfügung möglich; insofern können die sinnlich-symbolischen Interaktionsformen als »die erste Ich-Struktur« (Lorenzer 1981, S. 162) bezeichnet werden.
Sprache als System verlangt jedoch Konsistenz, sodass es zu einem Konflikt zwischen den bestimmten (den individuell-einzigartigen, in dieser Mutter-Kind-Dyade hergestellten) und den symbolischen Interaktionsformen kommen kann, der zu einer Abweisung, zu einer Nicht-Aufnahme oder zur Verdrängung führt. Dieses Herausfallen bestimmt Lorenzer als Verlust des Namens, Desymbolisierung. Die ins Unbewusste verdrängten, situationsgebundenen Interaktionsformen nennt Lorenzer »Zeichen« oder »Klischees« (Lorenzer 1970b, S. 198ff., 1970a, S. 87ff.). Klischees sind situationsgebunden und stark affektiv besetzt (Hysterie), während im anderen Fall die ihnen entsprechenden Sprachsymbole zu emotional leeren Zeichen (wie bei der Zwangsneurose) verkümmern.
Aufgabe des psychoanalytischen Unternehmens ist es also, das Herausfallen aus der Sprache (Desymbolisierung durch Verdrängung) durch eine Operation, die »Resymbolisierung, die Wiederanfügung der Interaktionsformen an Sprache« (Lorenzer 1974, S. 283) rückgängig zu machen. Wie die tiefste Schicht des Psychischen, in der noch keine abgegrenzten Objektvorstellungen anzunehmen sind, erreicht werden kann, soll der nächste Abschnitt zeigen. Denn hier siedelt Lorenzer die bestimmten Interaktionsformen an, die als Interaktionsszenen die ersten psychischen Repräsentanzen5 bilden.
2.4.2 »Teilhabe an der Szene«
Wenn nun die psychoanalytische Kur »nichts anderes als ein Austausch von Worten« (Freud 1916/17) ist, wie will dann der Psychoanalytiker an das aus der Sprache ausgeschlossene Unbewusste herankommen? Hier kommt der Begriff der »Teilhabe an der Szene« ins Spiel, den Lorenzer unter Rückgriff auf Wittgensteins Sprachspielmodell ausführt (1970b).
Diese »Teilhabe« ist nicht ohne die Übertragung zu konzeptualisieren. Wenn Übertragung die unbewusste Wiederholung von Vergangenem in der Gegenwart meint, sie also eine »Neuauflage« (Freud 1905e, S. 280) oder ein »Klischee« (Freud 1912b, S. 364) darstellt, so ist sie unbewusst in jeder menschlichen Beziehung vorhanden, also alltägliche Lebenspraxis. Das wichtige Gegenstück zur Übertragung, die Gegenübertragung, spielt hier die entscheidende Rolle. Hatte Freud diese zunächst eher stiefmütterlich behandelt, aus verschiedenen Gründen defensiv konzipiert und zum Teil negativ konnotiert, so öffnete gerade die Weiterentwicklung des Gegenübertragungs-Konzepts für beide, Argelander wie Lorenzer, den Zugang zum Unbewussten.
Beide berufen sich auf Paula Heimann, die 1949/1950 auf die Gegenübertragung »als eines der wichtigsten Instrumente« (1949/50, S. 112) des Analytikers für seine Arbeit hinwies.6 Hinshelwood spricht in diesem Zusammenhang gar von einem Paradigmenwechsel à la Kuhn und notiert »einen Wechsel im klinischen Gebrauch der Gegenübertragung«, der von Heimann am genauesten artikuliert würde (Hinshelwood 2013, S. 88).
Dieser radikale Wechsel in der Auffassung der Gegenübertragung entwickelte sich gleichzeitig in einer Reihe von unterschiedlichen Ländern während der 1940er Jahre und wurde um 1950 häufig beschrieben (Michels et al. 2002, Holmes 2017).
Für den heutigen Leser mag all das selbstverständlich klingen, doch ist hierbei zu berücksichtigen, dass vor 60 Jahren in Deutschland das schon beschriebene (ich-psychologische) Verständnis des »kalten«, »objektiven« Analytikers vorherrschte.
Heimann, die das »Ideal des ›distanzierten‹ Analytikers« (1950, S. 11) als falsches Verständnis mancher Freudscher Äußerungen zurückweist, bereitete so den Boden für Ansätze, die Beziehung, Interaktion, Rollenübernahme, ein neues Verständnis von Agieren, Handlungsdialog, Enactments und nicht zuletzt der daraus hervorgehenden Szenen möglich machten. Insofern bedeutet Teilhabe an der Szene, »in« der Szene mitzuspielen, die Szene aus der Szene zu erleben, unmittelbar zu erfahren und sie einem Verstehensprozess zugänglich zu machen. Lorenzer sieht Übertragung und Gegenübertragung als unauflöslichen Zusammenhang; beide »bilden eine zusammenhängende Szenerie« (Lorenzer 1983, S. 112).
Lorenzer rückt also das Verhältnis von Analytiker und Analysand in den Fokus seiner Überlegungen, nicht nur, weil deren Stellung als Szene ausgewiesen werden kann, sondern weil es darüber hinaus aufzuklären gilt, »was der Analytiker macht«. Der Analytiker blickt also ständig auf sein Verhältnis zum Analysanden und das Verhältnis des Analysanden zu ihm, sodass neben den Erzählungen des Patienten über das Damals der Vergangenheit und die Aktualität der Gegenwart die Spiegelung in der aktuellen Beziehung aufscheint. Der Analytiker ist also ins Beziehungsgeflecht der Übertragungen verwoben, muss sich einlassen und dadurch »selbst die Bühne betreten« (a. a. O., S. 113).
In den konkreten szenischen Arrangements des Patienten zeigen sich aufgrund des Wiederholungszwangs die zuvor aus der Kommunikation ausgeschlossenen (desymbolisierten/verdrängten) Interaktionsformen, speziell jene der verhaltensbestimmenden Klischees, so dass szenisch nicht gelogen werden kann, da sich in den Szenen das symbolisch Ausgeschlossene durchsetzt. »Im szenischen Agieren ist der Patient ehrlich« (Lorenzer 1970b, S. 236).
Unabdingbare Voraussetzung auf Seiten des Analytikers ist jedoch die Teilhabe an der übertragenen Szene des Patienten, mithin der Übernahme »der realen Zuweisung einer ›Rolle‹« (ebd., S. 228), um lebenspraktisch-unmittelbar die Interaktionsformen des Analysanden zu erfahren und dazu das eigene Verhältnis zu artikulieren. Verstehen und Teilhabe bilden eine Einheit, sie sind somit zwei Seiten einer Medaille, wie auch das psychoanalytische Vorgehen zugleich kritisch-hermeneutisch und praktisch-ändernd ist; ja, als Stärke ist zu sehen, dass die Psychoanalyse ihren Untersuchungsgegenstand im Verfahren erst herstellt (Lorenzer 1974).
2.4.3 Das szenische Verstehen ist die via regia
Lorenzer stellt explizit klar, dass das szenische Verstehen der Königsweg zum Unbewussten ist, da es das vom Patienten angebotene Material »nach Analogie der Traumdeutung behandelt«, wobei er den Akzent auf »Traumdeutung« (1983, S. 97, S. 110) legt.
Wie bekannt, wird der manifeste Traum von Freud als Kompromissbildung gesehen. Sein latenter Gehalt kann sich nur maskiert zeigen, wobei Verdichtungs- und Verschiebungsprozesse eine zentrale Rolle spielen. Findet die Verschiebung in der Sprache Freuds an den »Erinnerungsspuren« statt, die benachbarte, harmlosere Spuren besetzen, so »verschiebt« der Träumer »die Wunscherfüllung von der anstößigen Szene auf eine ›strukturell‹ entsprechende, aber unanstößige« (Lorenzer 1983, S. 109). Wir begegnen hier wieder Freuds »falscher Verknüpfung«.
So wie beim Traum »nicht eine Szene für die ›Originalszene‹« steht, ist der Analytiker mit vielerlei dramatischen Situationen in den Erzählungen des Patienten konfrontiert, die durch assoziative Verschiebungen auch teils kontradiktorische Formen annehmen können, am Ende jedoch ein »dramatisches Konglomerat« bilden, »das uns der Patient erzählt« (Lorenzer 1983, S. 109).
Der Patient muss den Traum in der Analysestunde verbal mitteilen, somit eine Verbindung von Wortvorstellung und Erinnerungsspur finden; diese ist jedoch nicht die »eigentliche« Verbindung, sondern eine verschobene Stellvertreter-Bezeichnung. Der Name ist also falsch, die eigentliche Verbindung kann nicht benannt werden. Dennoch darf der Analytiker nicht der logischen Ordnung der Wortvorstellungen verfallen, sondern muss sich auf die Erzählbilder7 konzentrieren.
Daher muss sich die Interpretationsarbeit von einer Szene zur nächsten vorantasten. Erst wenn der Analytiker das Material des Patienten konsequent durch die entsprechenden situativ-dramatischen Entwürfe ahnungsvoll zu verstehen gelernt hat, kann er zu den Situationsrepräsentanzen des Originalvorfalls konstruierend vordringen. Lorenzer folgt hier Freud, der schon bemerkte, dass der Traum in visuellen Bildern denkt, und aus diesen Bildern »gestaltet der Traum seine Situation«, ja »er dramatisiert eine Idee« (Freud 1900, S. 52f., zit. n. Lorenzer 1983, S. 111).
2.4.4 Verstehen von Szenen
Sieht sich die Psychoanalyse in ihrem Kern als Lehre von Konflikten, so ist der Schritt nicht weit, diese in Beziehungen zu suchen: »konfliktuöse Beziehungen aber kulminieren in Szenen, verdeutlichen sich als Szenen« (Lorenzer 1983, S. 112).
Wenn es also heißt: das psychoanalytische Verstehen ist ein Verstehen von Szenen, so ist etwas doppeltes gemeint: einerseits geht es um das Verstehen der Erzählung des Patienten (also um die abgelaufenen, vergangenen, erinnerten Szenen); andererseits spielen sich aber im Hier und Jetzt der Behandlungssituation weitere Szenen zwischen Analysand und Analytiker ab, die im Hinblick auf inhaltliche wie strukturelle Übereinstimmungen untersucht werden müssen.
Tatsächlich geht es sogar um eine dreifache Schichtung, da Lorenzer von »drei ›Grundsituationen‹« spricht: »der aktuellen Situation, der infantilen Situation und der Übertragungssituation« (Lorenzer 1970b, S. 141, S. 153).
Psychoanalytisches Verstehen ist also Verstehen der Situation mit der Betonung der zwischenmenschlichen Interaktion und Austauschprozesse, d. h. einer bestimmten Perspektivierung: nämlich wie das Ich mit seinen Liebesobjekten umgeht.
Der Analytiker verwendet seine eigene Vorstellung, indem er »sich in seinem eigenen Kopf eine Szene auf(baut), die der Dramatik so gut wie möglich entspricht« (Lorenzer et al. 2015, S. 54f.). In einem zweiten Schritt setzt er seine eigene Erfahrung (die lebenspraktischen Vorannahmen, s. u.), die er selbst mit solchen dramatischen Vorgängen hat, ein. Konsequent sieht er die Vorstellungen und Phantasien des Patienten unter dem Gesichtspunkt der Objektbeziehung, genauer: des szenischen Ablaufs von Interaktionen in den einzelnen dramatischen Begegnungen.
Der Analytiker beschäftigt sich also nicht nur mit den Abläufen im Patienten (psychologisches Verstehen), sondern blickt auf die Situationen, die den Trieb am Objekt in einer bestimmten Interaktion sichtbar werden lassen.
Insofern besteht die Szene aus Objektbeziehungen, denn: »Triebe wie Triebobjekte realisieren sich nur in einer Szene« (ebd., S. 161). Triebgeschehen wird als Situationsgeschehen betrachtet, das in konkreten Szenen fassbar wird.
Im Unterschied zu Argelander nimmt Lorenzer allerdings noch eine Distinktion zwischen »Situation« und »Szene« vor. Szene meint: »aktuelle Szene in der ›Realität‹ des Patienten, Szene in der Analyse oder wiedererinnerte Szenen aus der Kindheit – immer ein ›konkret-inszeniertes Geschehen‹ in Wirklichkeit oder Phantasie« (ebd., S. 170f.). Demgegenüber soll Situation »das der Inszenierung zugrundeliegende ›Interaktionsmuster‹, das ›Modell der Beziehungslage‹« (ebd., S. 171), bezeichnen.
Im szenischen Verstehen sollen also Szenen, konkrete inhaltsreiche Begegnungen, Vorstellungen von einem Aufeinandertreffen von Trieb und Triebobjekt, nacheinander so verstanden werden, dass über das Erfassen des Konkret-Inhaltlichen hinaus »die darin enthaltende situative Struktur« (Lorenzer 1970b, S. 171) begriffen werden kann.
Letztlich zielen die mannigfachen Annäherungen, die in kleinen Schritten innerhalb einer mehrjährigen Analyse stattfinden, auf »die Rekonstruktion des ›Originalvorfalls‹« (ebd., S. 169). Gemeint ist damit kein real-objektivierendes, äußeres Ereignis, sondern die »im Erlebnis des Kindes sich konstellierende Situation, die, gleichgültig inwieweit real bedingt und inwieweit phantasiert, von der Abwehr aus dem Bewusstsein ausgeschlossen wurde« (ebd., S. 169). Szene meint also immer die innere Szene im Sinne der psychischen Realität des Analysanden, die auch Züge einer Bearbeitung durch Abwehrvorgänge aufweist.
Von daher ist auch der Vorgang der »Komplettierung der Szene« (ebd., S. 171) zu verstehen; die abgewehrten, also verborgenen Anteile der Szene sind aufzudecken. Die therapeutische Arbeit durchläuft deshalb die folgenden drei Schritte:
1. »Die Szene, die der Patient mitteilt, wird vom Analytiker verstanden. Die erste Deutungsarbeit zielt mit Hilfe von Klarifikationen darauf hin, die Situationsgestalt herauszuarbeiten«. Lorenzer nennt dies die »aktuelle Komplettierung«.
2. »Die vollständige aktuelle Komplettierung scheitert notwendigerweise, da diese ohne die Auflösung der – nur historisch zu beseitigenden – Verdrängungen nicht gelingen kann. Die strukurierende Deutung zieht aber neues szenisches Material ans Licht.
3. Damit setzt die historische Komplettierung ein, denn mit zunehmender Aufklärung werden nicht nur allerlei Themen aus der Gegenwart heraufkommen, sondern auch die Szenen der Infantilperiode, weil erst mit diesen Szenen der situative Bedeutungsgehalt hervortritt.« (Lorenzer 1970b, S. 172).
Die Verständnisbildung im Analytiker geschieht über »die allmähliche Konturierung der Gestalt«, es »drängt sich vielmehr dem Analytiker aus dem Material eine Sinngestalt auf« (ebd., S. 160f, S. 168). Für das Verstehen und die Deutungsarbeit des Analytikers spielen viele Szenen eine Rolle, da diese miteinander verglichen werden können und zu »Wie-Deutungen« führen, die die nachfolgenden Interventionen vorbereiten. Mit ihrer Hilfe versucht der Analytiker ständig Szenen zu komplettieren, um dem Patienten einen Sinnzusammenhang vorzuführen, der immer vielfältiger wird, so dass er dichter und intensiver, d. h. näher am Erleben des Patienten liegend die unbewussten Bedeutungen der Situation offenlegt.
Der nächste Schritt bestehe dann in der Verknüpfung der aktuellen (gegenwärtigen) mit früheren (vergangenen) Szenen. Dies geschieht über die Deutung, die auf die identische Struktur verschiedener Szenen aufmerksam macht. Über Wie-damals-Deutungen schreitet man dann zur Rekonstruktion des Original-Vorfalls oder der Ursprungsszene fort und findet zur »Konstruktion« als dem »Idealfall des szenischen Verstehens« oder der »vollständigsten ›Wie-damals-Deutung‹« (ebd., S. 187).
In der Ursprungssituation findet das szenische Verstehen das, »was es durch alle unvollständig verstandenen Szenen hindurch gesucht hat: die Situation, in der die Ich-Position und die Objekt-Beziehung so begriffen werden können, wie sie der Lebensgeschichte dieses Individuums entsprechen« und »in ihrem vollen Sinn verständlich geworden« (ebd., S. 188) ist.
2.4.5 Die »lebenspraktischen Vorannahmen« und die Regression des Analytikers
»Die bestimmten Interaktionsformen, die das Subjekt ausmachen« (Lorenzer 1973, S. 99) werden also mittels Teilhabe unter Verwendung der Gegenübertragung in dramatischen Szenen der Verwicklung von Analytiker und Patient unmittelbar erfahren und über die Schritte der Wie-Deutung über prägnante Gestaltbildungen, die das situative Muster offenbaren, der (Re-)Konstruktion zugeführt und benannt.
Die beiden anderen, oft genannten Verstehensarten, das logische und das psychologische Verstehen, spielen auch eine Rolle. Lorenzer betont, dass das szenische Verstehen von diesen beiden »abhängig« (1974, S. 111) ist. Kümmert sich das logische Verstehen, kurz gefasst, um das Verstehen des Ausgesagten (im Sinne einer Verständlichkeit, Korrektheit und Widerspruchslosigkeit im Rahmen der Grammatik und Syntax), so sucht das psychologische Verstehen den Sinn und die Bedeutung beim Sprecher zu finden. Der Analytiker nutzt diese Verstehensarten vorrangig, »um die Szene ›in seinem Kopf aufbauen‹ zu können« (ebd.).
Analytiker wie Analysand verfügen beide über einen gemeinsamen Fundus von Erfahrungen, also Interaktionsfiguren, »Praxisfiguren«, die sich durch einen – mehr oder weniger – ähnlichen Sozialisationsprozess gebildet haben und die Grundlage für eine Art von Verständigung über die Welt bieten (wie auch durch die conditio humana, sowie geteilte anthropologische und kulturelle Grundlagen vermittelt).
Der Analytiker kann also aus einem grundlegend ähnlichen Erfahrungsbereich schöpfen, um sich so einem Verstehen des Analysanden anzunähern. Dazu greift er auf seine subjektiven Vorannahmen zurück, die schließlich zu »drei Evidenzen« (1974, S. 271) führen sollen (logisch, psychologisch, szenisch). Diese Vorannahmen sind »lebenspraktisch«, fußen also auf seinen Interaktions-/Praxisfiguren und können als Handlungsmuster oder Interaktionsentwürfe verstanden werden.
An die Szenen des Patienten trägt der Analytiker probeweise seine »Bedeutungen« heran, die jedoch noch keineswegs den Interaktionsformen des Patienten entsprechen, sondern »falsch« sind: »partiell falsch, partiell richtig und damit ›unzuverlässig‹« (ebd., S. 111).8 Das Voranschreiten des Verstehens ist also ein langsames, schrittweises, das sich anhand eines »roten Fadens« (Lorenzer 1970b, S. 201) vorwärtstastet.
Erinnern wir uns, dass es um die Interpretation von Interaktionsmustern geht, d. h. gesammelt werden strukturgleiche Szenen, die miteinander verglichen werden müssen. Die Kunst besteht darin, in jeder Stunde die aktuell sich zeigende Szene zu bestimmen. Erleichtert wird dies dadurch, dass der Wiederholungszwang den Patienten dazu bringt, szenisch gleichartig zu agieren. Durch die Übertragungsangebote wird der Analytiker eingeladen, an einem Drama, das verhüllt in immer neuen, anderen Inszenierungen aufgeführt wird, teilzunehmen.
Die Prozesse, die dabei eine Rolle spielen, verlangen u. a. auch eine funktionale Regression, die sich in einer veränderten Wahrnehmungseinstellung des Analytikers ausdrückt und es so erlaubt, in unmittelbarer Weise an der »Primärorganisation« des Patienten teilzuhaben. Nur so können Gegenübertragungsabkömmlinge evoziert werden, die wiederum verarbeitet werden müssen. Um nun die unbewusste Teilhabe nicht im »Agieren« versanden zu lassen, muss eine bewusste Stufe erreicht werden. Diese »topische Progression« (ebd., S. 228) ist vonnöten, um die erlebte Praxis in Worte zu fassen, so dass eine progressive Resymbolisierung der desymbolisierten Klischees, ein Wiederheinholen in Sprache und Bewusstheit möglich wird.
Nach Freud (1912b) wird die Übertragung des Patienten, das Besetzen des Analytikers sich an »Vorbilder« halten, an »Klischees« anknüpfen, bzw. wird ihn »in eine der psychischen ›Reihen‹ einfügen« (1912b, S. 365). Der Gegenpart, die Gegenübertragung des Analytikers, ist Teil einer Beziehungssituation, die es erlaubt, den »dramatischen Verlauf dort, wo er beim Anderen unzugänglich wurde, in sich selbst als dem dazugehörigen Mitspieler wahrzunehmen« (Lorenzer 1970b, S. 212; Hervorhebung Autor).
Das »Verarbeiten« der Gegenübertragung geschieht, indem der Analytiker via Identifizierung mithilfe eines »beweglichen emotionellen Spürsinns« (Heimann 1959/60, S. 484) »etwas wahrnimmt, das in ihm selbst vorgeht« (Lorenzer 1970b, S. 212). In einem weiteren Schritt wird aus der regredierten Teilhabe eine »formulierte«, die eine reflektierende Distanz zum übertragenen Beziehungsarrangement durch ein In-Worte-Fassen herstellen kann (Lorenzer 1970b).
Die Veränderung vollzieht sich jedoch nicht nur im Patienten – auch der Analytiker muss sich verändern: »Er muss seine lebenspraktischen Vorannahmen aufs Spiel setzen«, sagt Zepf in einem Gespräch, und Lorenzer antwortet: »Und er muss sie verändert haben. Wenn er nicht was Neues entdeckt hat, hat er den betreffenden Menschen nicht verstanden« (Lorenzer et al. 2015, S. 65).9
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