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Perspektiven auf Gesellschaft und Politik
Herausgegeben von Thomas Hauser, Prof. Dr. Tanjev Schultz, Prof. Dr. Guido Spars und Prof. Dr. Daniela Winkler
Bisher in der Reihe erschienen:
Tanjev Schultz (Hrsg.):
Was darf man sagen? Meinungsfreiheit im Zeitalter des Populismus; 2020, 176 Seiten, € 17, ISBN: 978-3-17-038304-3
Stefan Iskan (Hrsg.):
Corona in Deutschland. Die Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik; 2020, 174 Seiten, € 18, ISBN: 978-3-17-039608-1
Tanjev Schultz (Hrsg.)
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-040064-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-040065-8
epub: ISBN 978-3-17-040066-5
mobi: ISBN 978-3-17-040067-2
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Inhalt
1 Einführung
2 Auf dem rechten Auge blind? Rechtsextremismus in Deutschland
3 Tanjev Schultz
4 Geschichte und Gegenwart
5 »Deutschland den Deutschen«? Zur Entwicklung von Rassismus und Rechtsextremismus in Bundesrepublik und DDR
6 Franka Maubach
7 Was ist neu an der Neuen Rechten?
8 Paul Middelhoff
9 Begriffe und Analysen
10 Blinde Flecken öffentlichen und staatlichen Umgangs. Über die Rechtfertigung von Rechtsradikalismus und -terrorismus
11 Matthias Quent
12 Das rechte Eskalationskontinuum
13 Wilhelm Heitmeyer, Manuela Freiheit, Peter Sitzer
14 Polizei und Geheimdienst
15 Braune Wurzeln – föderale Zweige: Geschichte und Aufbau der deutschen Sicherheitsbehörden
16 Tanjev Schultz
17 Mit dem Rücken zur Wand – die Perspektive eines Polizisten. Ein Zwischenruf
18 Andreas Roßkopf
19 Rechtsradikale in Uniform – struktureller Rassismus: Verantwortung und Verstrickung von Polizei und Geheimdiensten
20 Tanjev Schultz
21 Fazit und Ausblick
22 Sich nicht einschüchtern lassen!
23 Aiman Mazyek
24 Scharfer Blick nach rechts – Konsequenzen für die Zukunft
25 Tanjev Schultz
26 Autorenverzeichnis
Einführung
Auf dem rechten Auge blind? Rechtsextremismus in Deutschland
Tanjev Schultz
Der Rechtsextremismus in Deutschland ist unübersehbar. Er zeigt sich im Internet und auf den Straßen, in der Politik und den Parlamenten. Er wütet in Online-Kommentaren, lärmt auf Kundgebungen und Rechtsrock-Konzerten. Er steckt sogar in den Sicherheitsbehörden, in der Polizei und der Bundeswehr, in deren Reihen zuletzt immer mehr Beamte und Soldaten mit radikalen Meinungen und radikalem Verhalten auffielen.
Der Rechtsextremismus in Deutschland ist unübersehbar. Er hat allein seit der Wiedervereinigung mindestens 187 Menschen das Leben gekostet – getötet von Neonazis, militanten Rechten, braunen Terroristen. So haben es Recherchen der ZEIT und des Tagesspiegel ergeben. Die Amadeu-Antonio-Stiftung geht sogar von mehr als 200 Toten aus. In der offiziellen Statistik, die bei vielen Taten einen rechtsextremen Hintergrund nicht erkennen will, sind es 109 Tote.
Der Rechtsextremismus in Deutschland ist unübersehbar. Die Liste der Städte, bei deren Nennung viele Menschen auch an die Ausschreitungen, Überfälle und Morde denken müssen, die dort verübt wurden, wird immer länger: Halle und Hanau. Freital und Chemnitz. Kassel und München. Köln und Altena. Oder einige Jahre zuvor, nach dem Fall der Mauer: Rostock und Hoyerswerda. Mölln und Solingen. Und dann sind da noch die Übergriffe, Drohungen und Schmierereien, die tagein, tagaus, landauf, landab den Alltag prägen und für viele Menschen unerträglich machen. Die Hetze im Netz, das Hakenkreuz auf dem Friedhof, der Brandsatz im Wohnheim.
Der Rechtsextremismus in Deutschland ist unübersehbar, gerade deshalb muss man sich fragen, ob die Gesellschaft und der Staat auf dem rechten Auge blind sind. Wie kann es sein, dass ausgerechnet in der Bundesrepublik, die sich der Verantwortung, die aus der deutschen Geschichte erwächst, stellen will, immer wieder Rechtsextremisten triumphieren und so viel Leid anrichten können? Wie ist es möglich, dass von Neonazis eine so große Gefahr ausgeht – in einem Land, das den Nationalsozialismus ein für alle Mal überwinden wollte?
Deutschland ist jedoch den Nationalsozialismus nie ganz losgeworden. Wo er zu verschwinden schien, bildeten sich neue Gruppierungen, die den Rassismus und den Rechtsextremismus einerseits konservierten, andererseits in die veränderte, moderne Gesellschaft transportierten. Rechtsextremisten treten längst nicht mehr im alten Gewand auf, bedienen sich längst nicht mehr nur der alten Symbole. Es gibt braune Hipster, die ohne Stiefel und Glatzen auftreten. Es gibt rechte Rocker. Gutbürgerlich wirkende Lehrer und Verleger. Der Rechtsextremismus kennt heute viele Formen und Gestalten.
Bei allem Wandel und aller Differenzierung – die Kontinuität rechter Gewalt nach 1945 ist frappierend. Diese ungebrochene Geschichte wurde lange Zeit kaum gesehen. Auf Bluttaten von Neonazis reagierten Politiker jedes Mal mit einer Überraschung, die ihrerseits erstaunlich war. Als sei etwas Undenkbares geschehen, obwohl sich die Taten auf grausam routinierte Weise durch die Geschichte des Landes ziehen. Die Mechanismen der Verdrängung und Verharmlosung sind der Gesellschaft tief eingeschrieben, entgegen ihrem Selbstbild.
Deutschland wäre so gerne die Nation, die als Vorbild strahlt, weil sie aus ihrer Geschichte gelernt hat. Sie wäre so gerne das geliebte Land, in dem »die Welt zu Gast bei Freunden« ist, wie es vielsagend hieß während der Fußball-WM im Jahr 2006, dem eingekauften »Sommermärchen«. Kein Mensch müsse sich vor diesem Deutschland fürchten, sagte der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Er sei sehr erleichtert, dass »die Rechtsextremisten gar keine Chance haben, beachtet zu werden«.
Ja, tatsächlich – die Neonazis hat man nicht beachtet. Jahrzehntelang wurde so getan, als ginge es nur um ein paar alte Unverbesserliche und ein paar junge Ungehobelte, die manchmal im Bierrausch eher aus Blödheit denn aus politischem Antrieb einem Ausländer einen Haken verpassten. Als würde sich ihr Extremismus schon von allein auswachsen. In Wahrheit haben Rechtsextremisten eine Blutspur durch das Land gezogen – so breit und rot, dass man den Gedanken daran immer mit im Kopf haben könnte, wenn irgendwo die Fahne der Bundesrepublik weht.
Wenige Wochen, bevor Schäuble zur WM das so gern gehörte Märchen vom rundum friedlichen Land erzählte, ermordete der »Nationalsozialistische Untergrund« (NSU), wie wir heute wissen, zwei Menschen. Im April 2006 erschossen die Terroristen zunächst Mehmet Kubaşık in Dortmund und dann Halit Yozgat in Kassel. Dass Neonazis dahintersteckten, erschien den Behörden jahrelang unvorstellbar.
Für die vielen Menschen, die stets damit rechnen müssen, mindestens beschimpft und angepöbelt zu werden, ist die Bundesrepublik keineswegs das »friedliche, freundliche Land«, als das es ein Bundesanwalt im Plädoyer des NSU-Prozesses beschrieb. Für sie waren immer schon Angriffe vorstellbar und allzu oft Realität, die von anderen nicht so ernst genommen wurden.
Es war ein langer Weg, bis die Erinnerung an den historischen Nationalsozialismus den hohen Grad an Selbstverständlichkeit und moralischer Verpflichtung erreichte, den die Repräsentanten der Bundesrepublik und viele Bürgerinnen und Bürger heute empfinden. Nicht nur die ständigen Angriffe der AfD auf die Erinnerungskultur zeigen jedoch, wie fragil dieser historische Fortschritt ist. Es war und bleibt ein Ringen gegen die Kräfte des Verdrängens.
Die Liberalisierung des Landes hat seit den 1960er Jahren vieles verändert, im Umgang des Staates mit seiner Vergangenheit und auch in der inneren Verfassung der Behörden. Aber das »friedliche, freundliche« Land ist noch immer ein Land, in dem Asylbewerber Angst haben müssen vor Brandsätzen, die in ihre Wohnungen geschleudert werden. Ein Land, in dem sich Juden in der Synagoge verbarrikadieren müssen. Ein Land, in dem eine Terrorgruppe im Jahr 2003 das Jüdische Gemeindezentrum in München in die Luft sprengen wollte. Ein Land, in dem der CDU-Politiker Walter Lübcke ermordet wurde, weil er geflüchteten Menschen Hilfe angeboten hatte.
Die Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Verbrechen ist in Deutschland fest verankert, sie prägt die politische Kultur, auch wenn die AfD diese Kultur zu zerstören sucht. Auffällig ist, wie schwer es sogar den liberalen »Eliten« und jenen Bürgern, denen die AfD ein Graus ist, bisher gefallen ist, den Rechtsextremisten der Gegenwart ins Auge zu blicken.
Das Oktoberfest-Attentat von 1980 ist manchen auch heute noch ein Begriff, aber wer kennt sich schon aus mit den vielen anderen Anschlägen? Wem sagt die »Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front« etwas oder die »Wehrsportgruppe Hoffmann«? Das waren militante Gruppen, deren Umtriebe schnell wieder aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht wurden – und damit auch die Erinnerung an die Opfer.
Auf dem rechten Auge blind? Im »Kalten Krieg« sahen die Sicherheitsbehörden den Gegner im Osten und bei den Linken. Später, nach dem Anschlag auf die USA am 11. September 2001, konzentrierte sich die Politik auf den Islam und den dschihadistischen Terrorismus. Islamistische Attentäter galten als größte Gefahr, Polizei und Geheimdienste wurden entsprechend ausgerichtet und aufgerüstet.
Die Attentäter vom 11. September hatten ihre Pläne in Hamburg geschmiedet, bevor sie in die USA aufbrachen. Die Existenz der »Hamburger Zelle« war für den deutschen Sicherheitsapparat ein Schock und eine Schmach. Die Amerikaner stellten unangenehme Fragen, die Bundesrepublik stand unter Druck. Zwar verweigerte Bundeskanzler Gerhard Schröder eine Teilnahme am Irak-Krieg, ansonsten aber war Deutschland bemüht, sich am »War on Terror« zu beteiligen. Dieser Krieg, der sich gegen Islamisten richtete, rückte den Kampf gegen den Rechtsextremismus weiter in den Hintergrund. Doch die gewaltbereiten Neonazis waren immer noch da. Einige, wie die Terroristen des NSU, waren genau in den Jahren aktiv, in denen alle Welt auf bärtige, muslimische Männer starrte.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der dschihadistische Terrorismus, der von religiösen Fanatikern ausgeht, war und ist eine ernst zu nehmende Bedrohung. In den Jahren nach 9/11 haben das die zahlreichen Attentate in Europa – in Madrid und London, Kopenhagen und Berlin – auf brutale Weise gezeigt, zuletzt erst wieder in Wien, Nizza und Paris. Jahrelang erweckten Behörden und Politiker aber den falschen Eindruck, nichts reiche an diese islamistische Gefahr heran. Und in Deutschland hatte man ja Übung darin, den Blick nicht zu weit nach rechts zu wenden.
Als dann der NSU im November 2011 entdeckt wurde, zeigte sich der damalige Generalbundesanwalt Harald Range geschockt. Das sei »unser 11. September«, sagte er. Damit drückte er auch das Entsetzen darüber aus, dass Polizei und Geheimdienste die Gefahren des rechten Terrorismus so lange unterschätzt und die wahren Hintergründe von zehn Morden übersehen hatten.
Der Schock hatte keine heilsame Wirkung. Die Aufklärung der NSU-Verbrechen gestaltete sich zäh, ein echter Umbau der Behörden wurde versäumt, und spätestens in der aufgeheizten Atmosphäre der Jahre 2015/16, in denen in Deutschland erbittert über die Aufnahme geflüchteter Menschen gestritten wurde, witterten Rechtsextremisten Morgenluft. Zeitweise verging kein Tag, an dem nicht irgendwo Asylbewerber attackiert wurden. Es bildeten sich neue gefährliche Gruppierungen, wie die Szene der »Reichsbürger« oder die militante »Gruppe Freital« – sowie, überwölbend, eine digitale Gemeinschaft des Hasses, die Attentäter wie in Halle oder Hanau zu öffentlichen Inszenierungen ihrer Anschläge inspiriert.
Mittlerweile wirken viele Ermittler auf glaubwürdige Weise alarmiert und die Politik hat ihre Anstrengungen im Kampf gegen den Rechtsextremismus verstärkt. Die Bundesregierung entschied im März 2020, einen Kabinettsausschuss »zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus« einzusetzen. Er sollte konkrete Maßnahmen vorbereiten. Die Sicherheitsbehörden waren zuletzt erkennbar bemüht, gewaltbereite Gruppen rechtzeitig aufzuspüren und zu zerschlagen.
Allerdings ist diese neue Scharfsichtigkeit getrübt, weil zugleich immer mehr problematische Vorfälle innerhalb der Behörden entdeckt werden. Die Meldungen über Chatgruppen, in denen sich Polizisten NS-Symbole oder zynische Witze über Asylbewerber zuschickten, rissen in den vergangenen Monaten gar nicht ab. Dazu kamen jahrelang erfolglose Ermittlungen der hessischen Polizei, die in den eigenen Reihen nach den Urhebern von Todesdrohungen gegen Personen des öffentlichen Lebens suchte. Unter dem Kürzel »NSU 2.0« hatten unter anderem die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Başay-Yıldız und die Kabarettistin Idil Baydar furchtbare Nachrichten erhalten, die auch vertrauliche Informationen enthielten, welche aus Polizeidateien stammen könnten. Nachweislich hatten Personen – mutmaßlich Beamte – in Dienststellen der Polizei irreguläre Abfragen zu den bedrohten Personen vorgenommen. Der Fall weitete sich aus und war bis zum Druck dieses Buches noch immer nicht aufgeklärt.
Auf dem rechten Auge blind? Für die Betroffenen der Drohungen ist es alles andere als beruhigend, wenn sie den Eindruck gewinnen, dass die Behörden und ihre Beamten die rechtsextreme Szene nicht bloß unterschätzen – sondern womöglich mit ihr verbunden sind. Verfestigt sich dieser Eindruck und zieht er Kreise, untergräbt das die Fundamente der Demokratie und des Rechtsstaats. Und genau das ist es ja, was Neonazis und rechte Terroristen wollen.
Vor diesem Hintergrund will dieses Buch in kompakter Form auf das Problem aufmerksam machen und die Geschichte und Gegenwart des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik in den Blick nehmen. Die Autorinnen und Autoren kommen aus unterschiedlichen Disziplinen. Ihre Beiträge stehen für sich selbst, können also auch einzeln und in veränderter Reihenfolge gelesen werden. Zusammen ergeben sie ein scharfes Bild von der Lage. Die Historikerin Franka Maubach zeigt, wie sich Rassismus und Rechtsextremismus in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg wieder verbreiteten oder verfestigten. Paul Middelhoff erklärt, was unter der Neuen Rechten zu verstehen ist, die sich in der Gegenwart verstärkt in den öffentlichen Diskurs einschaltet. In diesem Zusammenhang steht auch der Erfolg der »Alternative für Deutschland« (AfD). Ihr Höhenflug als Partei war im Corona-Jahr 2020 zunächst beendet, nicht zuletzt aufgrund innerer Streitigkeiten. Wie sich die AfD langfristig entwickelt, lässt sich derzeit aber kaum prognostizieren.
Matthias Quent liefert in einem weiteren Abschnitt des Buches eine soziologische Analyse, mit der er die Dimensionen des Problems ordnet und dabei unter anderem näher auf die Bedeutung des Antisemitismus und die Merkmale des Rechtsterrorismus eingeht. Dass Gewalt und Terror gesellschaftlich eingebettet sind und deshalb, jenseits einer engen juristischen Betrachtung, die Rede von »Einzeltätern« in die Irre führt, zeigt auch der Beitrag von Wilhelm Heitmeyer, Manuela Freiheit und Peter Sitzer. Sie sprechen von einem »Eskalationskontinuum« und illustrieren anhand eines Zwiebelmodells, wie sich im Rechtsextremismus verschiedene Schichten von Akteuren und Milieus auseinanderblättern lassen. Heitmeyers langjährige Forschung zum Thema in seiner Langzeitstudie »Deutsche Zustände« hätte die Gesellschaft längst für die Bedrohungen von rechts sensibilisieren müssen.
Warum sich auch die Sicherheitsbehörden in der Vergangenheit so schwer damit taten, analysiere ich als Herausgeber in einem Abschnitt zur Polizei und den Geheimdiensten. Der Zwischenruf des Bundespolizisten Andreas Roßkopf, der beteuert, der Großteil seiner Kolleginnen und Kollegen habe mit Extremismus nichts am Hut und versehe den Dienst zuverlässig und einwandfrei, kontrastiert mit dem Urteil des Herausgebers, es gebe sehr wohl ein tiefsitzendes Problem in den Dienststellen. Wer dieses Problem lösen will, muss unbedingt die rechtsstaatlich integren Beamten für entsprechende Reformen und eine Neuausrichtung der Behörden gewinnen. Auch viele Polizisten sind entsetzt und frustriert darüber, wie viele rechtsextreme Vorfälle in den eigenen Reihen zuletzt ans Licht kamen. Es werde im Dienst auch zu wenig auf schwierige Situationen des Berufsalltags eingegangen, schreibt Andreas Roßkopf. Die Aus- und Fortbildung müssten noch besser werden.
Umso mehr ist zu hoffen, dass nun in Politik und Gesellschaft und speziell in den Sicherheitsbehörden die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus endlich die nachhaltige Dringlichkeit bekommt, die dem Problem angemessen ist. Dabei sollte auch den Betroffenen rechter Hetze und Gewalt gut zugehört werden, wie es in diesem Band Aiman Mazyek als Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland anmahnt. Auch er wird persönlich bedroht, will sich aber weder einschüchtern noch den Mund verbieten lassen.
Betroffen von Drohungen, Diskriminierung und Gewalt sind außer Muslimen viele Gruppen und Menschen in Deutschland: (säkulare) Türken und Araber, Juden, Geflüchtete, Sinti und Roma, Homosexuelle, Wohnungslose und andere. Doch letztlich richtet sich der Rechtsextremismus gegen alle Bürgerinnen und Bürger in der Demokratie – gegen das »System« und die Freiheit.
Wer militanten Rassisten und Neonazis im Weg steht, muss um das eigene Leben fürchten. Auch dann, wenn er oder sie nicht unmittelbar ins Feindbild der Täter passt. Das Oktoberfest-Attentat traf wahllos die Besucher des Volksfests. Die NSU-Terroristen ermordeten auch eine deutsche Polizistin. Und sie schlugen auf Sparkassen-Kunden ein, die sich zufällig in der Filiale aufhielten. Der Attentäter von Halle scheiterte an der Tür einer Synagoge und erschoss daraufhin eine Passantin, die gerade vorbeikam. Anschließend ermordete er einen Mann in einem Döner-Imbiss.
Nach dem Anschlag von Hanau, bei dem der rassistische Täter am 19. Februar 2020 neun Menschen in einem Ausgehviertel ermordete, sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble: »Betroffenheit reicht längst nicht mehr. Hanau fordert vor allem: Aufrichtigkeit. Aufrichtigkeit vom Staat – der sich eingestehen muss, die rechtsextremistische Gefahr zu lange unterschätzt zu haben.«
Schäuble nannte die Opfer des Anschlags beim Namen. Er sagte: »Wir trauern um Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kenan Kurtovic, Vili-Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov. Wir gedenken der Mutter des Attentäters, getötet vom eigenen Sohn.«
Zur Fußballweltmeisterschaft 2006 hatte Schäuble die Bundesrepublik noch dafür gepriesen, ein so schönes, weltoffenes Land zu sein – ein Land, in dem Neonazis keine Chance hätten, dieses Bild zu trüben. Nun, im Jahr 2020, mahnt er, denen zuzuhören, die unbequeme Fragen stellen. Schäuble zitiert den in Berlin lebenden Schriftsteller Deniz Utlu. Nach dem Anschlag von Hanau hat Deniz Utlu geschrieben:
»Was geschah im Herzen, als die Nachricht aus Hanau kam? Gar nichts? Etwas? Was genau? Gleichgültigkeit? Angst? Angst wovor? Wut? Wut worauf? … Hat man im Büro darüber gesprochen, oder war es ein Arbeitstag wie jeder andere auch? … Jeder kann sich befragen, was die Ermordung dieser Menschen mit ihm oder ihr gemacht hat. Und wenn es nichts macht, wenn diese Gesellschaft zu keiner ehrlichen Trauer fähig ist, dann können wir fragen, weshalb das so ist und nach unserer Menschlichkeit suchen.«
Geschichte und Gegenwart
»Deutschland den Deutschen«? Zur Entwicklung von Rassismus und Rechtsextremismus in Bundesrepublik und DDR1
Franka Maubach
Wie lässt sich die jüngste Konjunktur von Rassismus, Radikalnationalismus und Rechtsradikalismus historisch erklären? Wie die Tatsache, dass rassistische Parolen in der Bevölkerung vermehrt Zuspruch, Anhänger und Anhängerinnen finden? Um diese Fragen beantworten zu können, muss die deutsche Geschichte seit 1945, die bis vor wenigen Jahren vor allem als »Erfolgsgeschichte« geschrieben wurde, unter einer kritischeren Perspektive betrachtet werden. Die (Selbst-)Enttarnung des NSU 2011, die rassistischen Ausschreitungen während und nach der »Flüchtlingskrise« 2015, der Einzug der AfD in den Bundestag 2017 mit fast 13 Prozent und die rechtsterroristischen Anschläge der vergangenen Monate – in Kassel, Halle, Hanau – geben einen dringenden Anlass, nach den historischen Ursachen und der Vorgeschichte solcher Vorfälle in der deutschen Nachkriegszeit zu fragen (vgl. Frei u. a. 2019; zum Forschungsstand Müller 2019). Seitdem deutlich wurde, dass die gegenwärtige Konjunktur eine lange Geschichte hat, entsteht in der Geschichtswissenschaft ein neues Forschungsfeld, werden Projekte geplant, neue Fragen gestellt und Wissensbestände zusammengeführt.
Eine Zeitgeschichtsschreibung, die auf dem rechten Auge nicht blind ist, sollte die Geschichte der radikalen Rechten nicht isoliert betrachten, nicht nur als Geschichte rechter Parteien und Bewegungen, Täter und Taten, sondern in ihren gesellschaftlichen Kontexten – gerade, um das Thema vom Rand in die Mitte der deutschen Nachkriegsgeschichte zu holen. Ein solcher gesellschaftsgeschichtlich erweiterter Zugang müsste Ost und West systematisch zusammendenken, einen Bogen schlagen zu Alltagsrassismus, radikalnationalistischen Einstellungen und rechten Protestpraktiken in breiten Bevölkerungsgruppen, aber auch – und vor allem – die Erfahrungen der Opfer rechter Gewalt und von Menschen mit Migrationsgeschichte einbeziehen. Integriert werden müsste außerdem die Geschichte der Gegenmobilisierungen und bürgerschaftlichen Initiativen gegen rechts. Das gilt auch mit Blick auf den Umgang mit Migration und Rassismus, die den Schwerpunkt dieses Beitrags bilden. In der sich entwickelnden Einwanderungsgesellschaft der Bundesrepublik trat in der Regel beides zusammen auf: rassistisches Ressentiment und solidarische Unterstützung, rechte Gewalt und zivilgesellschaftliche Initiativen sowie migrantische Selbstorganisation (vgl. El-Mafaalani 2018). Diese Parallelgeschichte mit zu untersuchen bewahrt davor, die Geschichte des Rassismus in ihrer Bedeutung und Auswirkung zu überschätzen. Es ist gerade die »Gleichzeitigkeit von Pluralisierung und Homogenisierung« (Möhring 2015, S. 372), die auch noch unsere Gegenwart bestimmt.
Wie lässt sich diese Geschichte erzählen, welche Brüche und Zäsuren prägen sie, welche Kontinuitäten und Konjunkturen verzeichnet sie? Allgemein beruht die Mobilisierungsfähigkeit auf der Rechten auf einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung radikalnationalistischer und rechtsradikaler Kreise mit der bundesdeutschen Demokratie, die in den sechziger Jahren in ihre entscheidende Phase trat. Schon in seinem berühmten Aufsatz Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit hatte Theodor Adorno 1959 »das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potenziell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie« betrachtet (Adorno 1959/1963, S. 128). In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre vermochte die NPD über das neonazistische Lager hinaus Resonanz zu erzeugen und Wählerstimmen zu gewinnen: »Das offen Antidemokratische fällt weg. Im Gegenteil: Man beruft sich auf die wahre Demokratie und schilt die anderen antidemokratisch« (Adorno 2019, S. 37). Auch wenn rassistische Ressentiments in den sechziger Jahren keine entscheidende Rolle spielten, stellen diese Jahre die formative Phase für die Mobilisierungsfähigkeit auf der Rechten dar.
Als zentrale Scharnierzeit zur Gegenwart erweist sich das Jahrzehnt vor Mauerfall und Vereinigung. Während oft davon ausgegangen wird, dass migrationspolitisch die Jahre um 1989/90 die entscheidende Zäsur darstellen (Möhring 2015, S. 371), wird hier argumentiert, dass sich die spezifische Gemengelage aus rassistischer Mobilisierung, rechter Gewalt und bürgerschaftlichem Engagement bereits in den achtziger Jahren ausprägte (vgl. Weinke 2020, S. 128–130). Am Umgang mit vietnamesischen Migranten und Migrantinnen, die als Boatpeople in die Bundesrepublik und als Vertragsarbeitende in die DDR kamen, lässt sich diese komplexe Konstellation für die beiden deutschen Staaten exemplarisch nachvollziehen. Abschließend wird darüber nachgedacht, inwiefern es gerade die doppelte deutsch-deutsche Vorgeschichte war, die nach 1990 zu den gewalttätigen Ausschreitungen gegen Migranten – Vertrags- oder Gastarbeitende wie Geflüchtete – führte.
Formierung. Mobilisierung von rechts (um 1968)
Die Formierungsphase eines radikalen Nationalismus innerhalb des bundesdeutschen demokratischen Systems liegt in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre. Die Nationaldemokraten (NPD) hatten sich als Sammlungsbewegung gegründet, die nationalkonservativen und rechtsradikalen Gruppen eine gemeinsame politische Heimat bieten, sich von neonazistischen Parteigründungen abgrenzen und so breitere Bevölkerungskreise erreichen wollte. »Deutschland den Deutschen«, dieser mit dem Zusatz »Ausländer raus!« nach der Vereinigung so oft geschriene Slogan, hat seinen Ursprung in dieser Zeit. »Deutschland den Deutschen – Europa den Europäern« war 1964 das Manifest der Partei überschrieben. Damit protestierte die NPD gegen die »Fremdherrschaft« der Besatzungsmächte, gegen Reeducation und den vermeintlichen Zwang zu Wiedergutmachung und Entschädigung.
Tatsächlich gelang der NPD eine bis dahin vergleichslose Breitenwirkung: Bei den Landtagswahlen konnte sie hohe Stimmgewinne verzeichnen, 1968 erreichte sie in Baden-Württemberg mit 9,8 Prozent ihr bestes Ergebnis. Zwar scheiterte sie bei der Bundestagswahl 1969 mit 4,3 Prozent knapp an der Fünf-Prozent-Hürde, bis 2017 aber kam keine Partei rechts von der Union dem Einzug in den Bundestag näher. Dass das gelang, lag an einer Gemengelage von Faktoren.
Erstens erlebte die Bundesrepublik 1966/67 eine erste, wenngleich noch recht harmlose ökonomische Flaute, die der Bevölkerung gleichwohl zu Bewusstsein brachte, dass stetes Wirtschaftswachstum kein Naturgesetz war. Seitdem und bis heute ist die Instrumentalisierung wirtschaftlicher Abstiegsängste ein wesentliches Erfolgsrezept rechter Politik.
Zweitens gingen CDU/CSU und SPD erstmals eine große Koalition auf Bundesebene ein, der vormalige baden-württembergische Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger wurde deren Kanzler (und von rechtskonservativen Wählern und Wählerinnen im »Ländle« sicher auch dafür abgestraft). Die Große Koalition wie die weitere Volksparteiwerdung der CDU ließen Raum für die politische Mobilisierung von rechts. Hinzu kam eine Wahlkampfstrategie, die dicht an den Menschen blieb und dort Präsenz zeigte, wohin die etablierten Parteien sich nicht (mehr) verirrten: in die ländlichen Räume, wo die NPD wirksam Wahlwerbung an Haustüren und in Kneipen machte.
Drittens riefen der politische Wandel, die gesellschaftliche Liberalisierung und die Entwicklung einer linken Jugend- und Protestkultur mehr oder weniger radikale Gegenreaktionen hervor.
Die ersten breiteren Mobilisierungserfolge gründen also in einer Mischung von ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen und Krisenerfahrungen seit Mitte/Ende der sechziger Jahre. Dabei passte sich die Rechte auf ambivalente Weise an die bundesdeutsche Nachkriegsdemokratie an, indem sie sich zunehmend als deren immanente Opposition und bessere Alternative gerierte. In diesem Prozess versuchte die NPD, Traditionslinien zum Nationalsozialismus strategisch zu kappen und neonationalsozialistische Gruppen in ihren Reihen gleichzeitig auszuschließen und zu integrieren – eine widersprüchliche Strategie, die die AfD noch heute verfolgt. Es sei eine »Grundsatzentscheidung der NPD« gewesen, »zugleich als legale Partei und als Fundamentalopposition aufzutreten« (Botsch 2017, S. 69). Für den Erfolg in der Breite der Bevölkerung war dieser strategisch-taktische, aber auch ideologische Anpassungsprozess eine wesentliche Voraussetzung; von ihm profitiert der radikale Nationalismus bis heute. Noch viel ausgeprägter als die NPD stilisiert sich die AfD als Kraft des Widerstands gegen die vermeintliche »Diktatur« der »Altparteien« und als erste Vertreterin einer »wahren Demokratie«.
Zwar formierte sich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre eine rechtsradikale Opposition im demokratischen System; als dauerhaft erwies sich deren Mobilisierungsfähigkeit aber nicht. Nach 1969 versank die NPD in der Bedeutungslosigkeit, während die CDU vor allem auf Länderebene massive Wahlerfolge verzeichnete – ein Absorptionsprozess durch den demokratischen Konservatismus, der heute nicht mehr ohne Weiteres gelingt. Der rechtsradikale Flügel zog sich in den Untergrund zurück, wo Terrorstrukturen wie die 1973 in Nürnberg gegründete »Wehrsportgruppe Hoffmann« entstanden; Anfang der achtziger Jahre folgte eine bis dahin vergleichslose Welle rechter Gewalt in der Bundesrepublik.
Rassismus, Solidarität und rechte Gewalt in West und Ost (1980er Jahre)
Woran liegt es, dass die Mobilisierung von rechts erst Ende der siebziger/Anfang der achtziger Jahre, dann aber stetig, wieder Erfolge verzeichnete? Es spricht einiges dafür, dass nun die zeitgenössisch so bezeichnete »Fremdenfeindlichkeit« zum effektiven Hauptschmiermittel avancierte. Einschneidende wirtschaftliche Rezessionen, die erste und zweite Ölpreiskrise 1973 und 1979, steigende Arbeitslosigkeit und allgemeine Zukunftsängste korrespondierten mit der zunehmenden (Asyl-)Migration in die Bundesrepublik. »Ausländer« wurden als Konkurrenten um begrenzte gesellschaftliche und wirtschaftliche Ressourcen stigmatisiert – ein Argumentationsmuster, das seine Wirksamkeit bis heute nicht verloren hat.
Bereits zu Beginn der »Gastarbeiter«-Anwerbung Mitte der fünfziger Jahre hatte es Ressentiments gegen die ausländischen Kollegen und Kolleginnen gegeben. Solange die »Gastarbeiter« jedoch nur auf Zeit im Land blieben und in der Phase ökonomischer Saturiertheit das Wirtschaftswunder beförderten, war man ihnen mit einer Art wohlwollender Ignoranz begegnet. Ablehnung war ihnen vor allem dann entgegengeschlagen, wenn sie die Schwelle zum Alltag der Deutschen überschreiten wollten, wovon beispielsweise Schilder zeugten, die Gastwirte an ihre Türen hängten: »Ausländer unerwünscht« oder »Keine Türken« stand darauf (Möhring 2013, S. 286, Fn 7).
Seit Anfang der achtziger Jahre war Migration – auch aus anderen Kulturkreisen – in der Bundesrepublik sichtbarer als je zuvor: Einerseits zogen viele »Gastarbeiter« nach dem konjunkturbedingten, wenngleich schon vorher verhandelten Anwerbestopp 1973 ihre Familien nach. Andererseits stiegen seit Ende der siebziger Jahre die Asylbewerberzahlen drastisch und überschritten 1980 die Marke von 100.000: Flüchtlinge kamen aus dem kommunistischen Vietnam, nach dem Militärputsch 1980 aus der Türkei oder nach der Verhängung des Kriegsrechts 1981 aus Polen. Die zunehmend aus außereuropäischen Ländern stammenden Menschen personifizierten eine sich globalisierende und zugleich in wachsendem Maße unsicher erscheinende Welt, in der die angeblich »Fremden« als Konkurrenten um begrenzte Güter wahrgenommen wurden. Damals entstand die bis heute wirkmächtige Figur des »Scheinasylanten« und »Wirtschaftsflüchtlings«, dessen vermeintliche Privilegierung durch den Staat zum festen Element rechter Mobilisierungsstrategien wurde.
Die Spannbreite rassistischer Stigmatisierung und Gewalt reichte von alltäglicher Diskriminierung auf dem Schulhof oder Übergriffen auf der Straße und in den öffentlichen Verkehrsmitteln bis hin zu Anschlägen rechtsextremer Terrorgruppen. Das Oktoberfest-Attentat im Jahr 1980, über das anlässlich des 40. Jahrestages wieder intensiv diskutiert wurde, war dabei ein Gewaltereignis unter vielen, das vor allem durch seine schiere Dimension breit mediale Beachtung fand. Im selben Jahr verübte ein (wie der NSU aus zwei Männern und einer Frau bestehendes) Trio der vom Neonazi Manfred Roeder geleiteten Deutschen Aktionsgruppen zahlreiche Anschläge. Anfang 1981 erschossen Mitglieder der Wehrsportgruppe Hoffmann den ehemaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Nürnberg, Shlomo Lewin, und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke, in der Silvesternacht desselben Jahres wurde der Türke Seydi Battal Koparan von rechten Rockern erschlagen. Es ist erstaunlich und erklärungswürdig, dass diese und weitere Akte rechter Gewalt wissenschaftlich wenig aufgearbeitet und gesellschaftlich kaum erinnert wurden und im Schatten der pogromartigen Ausschreitungen Anfang der neunziger Jahre etwa in Rostock-Lichtenhagen blieben. Das ist auch darum ein Manko, weil ohne diese Vorgeschichte der militant rassistische Nationalismus nach 1989/90 in Ost- und Westdeutschland nicht zu verstehen ist.
In den achtziger Jahren machten sich zudem rechte Bewegungen und Parteien wie die 1983 gegründeten »Republikaner« rassistische Ressentiments zunutze, um Resonanz zu erzeugen und Wähler zu mobilisieren, eine Kontinuitätslinie, die – deutlich gezogen und von der aus dieser Sicht gar nicht mehr so friedlichen Revolution höchstens kurzzeitig unterbrochen – bis in die Gegenwart führt. Die sich zuspitzende Anti-Asyl-Stimmung, von den Nachrichtenmedien des Landes mit starken Bildern und Schlagzeilen geschürt, wurde gleichermaßen politisch induziert wie instrumentalisiert. Erstmals 1986 machte die CSU auf Landesebene Wahlkampf mit dem Thema; 1989 zogen die Republikaner ins West-Berliner Abgeordnetenhaus ein. Auf Bundesebene dominierten Rückkehrappelle, und die politischen Eliten hielten, gegen jede Evidenz, an einem Dogma fest, dem schon die sozialliberale Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt gefolgt war: »Deutschland ist kein Einwanderungsland«. Dass es an einer Anerkennung des Faktischen in einer von Migration geprägten Gesellschaft ebenso mangelte wie an einer entsprechenden Politik – die in dieser Hinsicht entscheidende Wende erfolgte erst nach 1998 –, ließ Raum für rassistische Mobilisierungsversuche. Rechte Bewegungen wie die Bürgerinitiativen Ausländerstopp machten Stimmung; solche Protestformen, nach 1990 in die neuen Länder exportiert, sind also längst nicht nur ein Spezifikum Ostdeutschlands.
Zeitgleich entstanden bürgerschaftliche Initiativen gegen rechts und eine Lobby für Migranten und Flüchtlinge (Pro Asyl etwa gründete sich 1986); zudem nahm die migrantische Selbstorganisation an Bedeutung zu. Am Beispiel der vietnamesischen Boatpeople, die ab 1979 als Kontingentflüchtlinge in der Bundesrepublik Aufnahme fanden, lässt sich diese Mischung aus rassistischem Ressentiment, rechter Gewalt und bürgerschaftlichem Engagement gut beschreiben (vgl. Bösch 2019, S. 187–228). Insgesamt kamen rund 30.000 Menschen auf der Flucht aus dem Süden des nun kommunistisch regierten Landes nach Westdeutschland. Medienwirksam begleitet und durch Spenden in Fahrt gesetzt, barg die Cap Anamur unter ihrem charismatischen Kapitän Rupert Neudeck Bootsflüchtlinge aus dem Meer, die in verschiedenen Bundesländern Aufnahme fanden. In Hamburg etwa initiierte die ZEIT erfolgreich eine Spendenkampagne und ermöglichte damit 274 Menschen Aufnahme in der Hansestadt.
Allgemein hatte die Medienberichterstattung in diesen Jahren einen großen Einfluss auf die anhebende Asyldebatte. Sie vermochte mit ihren Bildern sowohl Hilfsbereitschaft als auch Ressentiment zu erzeugen. Zentrale Metapher des medialen Bildensembles war das Boot: zunächst als überladenes, im chinesischen Meer treibendes Flüchtlingsschiff, später, Anfang der neunziger Jahre, als vermeintlich »volles Boot« Deutschland. In dem Maße, wie dieser Diskurs und das Bild des »Scheinasylanten« sich verbreiteten, nahm »auch die Unterstützung für die Bootsflüchtlinge wieder ab« (Bösch 2019, S. 190). In dieser konfliktreich zugespitzten Situation trat der Rechtsterrorismus in Erscheinung, dessen Strukturen sich in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre verfestigt hatten. Das bereits genannte Trio der Deutschen Aktionsgruppen verübte 1980 unter anderem einen Anschlag auf ein Hamburger Flüchtlingsheim, bei dem zwei vietnamesische Flüchtlinge starben, Nguyển Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân, von denen einer auf der Cap Anamur, der andere über die genannte Spendenkampagne der ZEIT in die Bundesrepublik gekommen war.
Wie lässt sich im Vergleich dazu die Situation in der DDR beschreiben? Hier hatte die vietnamesische Migration eine längere Vorgeschichte, weil es bereits während des Vietnamkrieges staatlich initiierte Solidaritätsaktionen für das kommunistische (Nord-)Vietnam gegeben hatte; vom Seehafen der Hansestadt Rostock aus, wo Jahrzehnte später das »Sonnenblumenhaus« brennen würde, waren Schiffe mit von der Bevölkerung gesammelten Hilfsgütern in Richtung Indochina in See gestochen. In den siebziger Jahren verband Rostock eine (heute vergessene) Städtepartnerschaft mit der größten Hafenstadt Nordvietnams, Hai Phong. Zudem wurden Vietnamesen und Vietnamesinnen in kleiner Zahl ausgebildet oder kamen zum Studium ins Land. Nicht zuletzt auf der Grundlage dieser vormaligen Verflechtungen wurde 1980, in der sich massiv zuspitzenden Wirtschaftskrise, ein zwischenstaatlicher Vertrag mit Vietnam ausgehandelt. Mit knapp 60.000 der am Ende der achtziger Jahre insgesamt etwas über 100.000 »ausländischen Werktätigen« stellte die vietnamesische Community die größte Gruppe unter den (erst nach 1989/90 so bezeichneten) »Vertragsarbeitern« dar, die ähnlich wie die »Gastarbeiter« im Westen vor allem einfache Hilfsarbeiten verrichteten.
Zwar ist richtig, dass die Arbeitsmigranten nur auf befristete Zeit im Land leben sollten, Deutsch nur für den Gebrauch am Arbeitsplatz lernten, Familiennachzüge nicht erlaubt waren und schwangere Frauen in der Regel »rückgeführt« wurden, dass die Wohnheime oft abgeschottet, Kontakte zur Bevölkerung unerwünscht und im Alltag jenseits des Arbeitsplatzes auch nicht sehr häufig waren. Dennoch gab es selbstredend private Beziehungen, zu denen der Handel mit von Vietnamesinnen genähter Kleidung gehörte, vor allem mit westlich aussehenden Jeans-Imitaten. Neben diesen Geschäftsbeziehungen im Alltag entwickelte sich ein dichtes Geflecht von Vorurteilen und Ressentiments. Auf eine komplexe, auch ambivalente Weise verkörperten die vietnamesischen »Werktätigen« die Wirtschafts- und Versorgungskrise der achtziger Jahre. Hinter der am Ende der DDR nurmehr fassadenhaften Propaganda von der »internationalen Solidarität« wucherten Gerüchte.
Ähnlich wie die algerischen Werktätigen oder chilenische Emigranten und Emigrantinnen wurden die Vietnamesen auf diffuse Weise mit dem Westen assoziiert (vgl. Möhring 2015, S. 392/393; Zwengel 2011, S. 87). Die Vorgeschichte der französischen Kolonisation Vietnams im 19. Jahrhundert, vielleicht auch die Tatsache der südvietnamesischen Migration in die Bundesrepublik spielten hier ebenso eine Rolle wie die falsche Annahme, dass die vietnamesischen Werktätigen eine größere Reisefreiheit besäßen oder dass ein Teil ihres Lohnes in Devisen ausbezahlt würde. Im Kontext der Versorgungskrise standen aber vor allem die Warenlieferungen im Fokus der Kritik, mit denen sie ihre oft verarmten Familien in der Heimat unterstützten: Es wurde gemutmaßt, dass sie begehrte Güter wie Fahrräder oder Nähmaschinen in unerlaubten Mengen horten und ausführen würden (Poutrus 2016, S. 993). Dieser vermeintliche Entzug rarer Güter von einem ohnehin leeren Markt bot immer wieder Anlass für Kritik und Empörung. Die Konkurrenz, ja der Kampf um Güter und Devisen in der spätsozialistischen Mangelwirtschaft stellt eine wichtige Ursache für die grassierenden Vorurteile dar – realiter für Hilfsarbeiten eingesetzt, wähnte man die vietnamesischen Werktätigen privilegiert. Für die grassierenden Ressentiments war diese Konkurrenz- und Konfliktgeschichte möglicherweise entscheidender als die Abschottung der Werktätigen in ihren Wohnheimen oder ein allgemein verstandener Rassismus.
Wie sich rassistische Vorurteile und gesellschaftliche Krisenwahrnehmungen in den späten achtziger Jahren verbanden, wäre genauer zu untersuchen; gewalttätige Angriffe auf Migranten und Migrantinnen jedenfalls waren nun vermehrt zu verzeichnen. Sie reichen von entgrenzten Schlägereien, die Todesopfer forderten, wie in Merseburg 1979, wo zwei Kubaner in die Saale geworfen wurden und ertranken, bis hin zu Übergriffen auf Wohnheime. Dieser gewaltförmige Protest von unten unterschied sich von der Gewalt rechtsradikaler Terrorgruppen in der Bundesrepublik und weitete sich nach 1990 aus.
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