Читать книгу: «Eroberungen»

Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion, 1941–1945

Hamburger Edition HIS Verlagsges. mbH
Mittelweg 36
20148 Hamburg
www.hamburger-edition.de
© E-Book 2012 by Hamburger Edition
ISBN 978-3-86854-544-9
© der Printausgabe 2010 by Hamburger Edition
ISBN 978-3-86854-220-2
Umschlaggestaltung: Wilfried Gandras
Karte: Peter Palm, Berlin

Einleitung
Otto Pauls war als junger Mann in den Sowjetunion stationiert. Im Interview mit dem Dokumentarfilmer Hartmut Kaminski erklärt er, so mancher deutsche Soldat habe in jedem Ort» eine Braut «gehabt:»Von wegen dass die Soldaten sich so schweinisch benommen haben, vergewaltigt haben. Ich habe so etwas nie gesehen. Brauchten wir gar nicht. Die Ukraine hat uns mit offenen Armen empfangen.«1 Pauls blickt insgesamt durchaus selbstkritisch auf seine Vergangenheit und die Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion zurück, daher sticht umso mehr ins Auge, dass er die Kontakte zu einheimischen Frauen lediglich als harmlosen, jenseits der eigentlichen Kriegshandlungen liegenden Nebenschauplatz beschreibt. Hier spiegelt sich das bis heute weitverbreitete Bild, demzufolge die militärische Eroberung eines Territoriums quasi selbstverständlich mit der sexuellen Eroberung einheimischer Frauen einhergeht.2 In dem vorliegenden Buch möchte ich der Frage nachgehen, auf welche Realität sich solche romantisierenden Eroberungsnarrative gründen.
Grundsätzlich scheint es so trivial wie zutreffend zu sein: Das Auftreten der deutschen Männer gegenüber der einheimischen Bevölkerung in der Sowjetunion war von ihren jeweiligen körperlichen und sexuellen Erfahrungen, Selbstwahrnehmungen und Normen geprägt. Viele erhofften sich von dem Freiraum, den der Krieg ihnen fern der Heimat bot, die Gelegenheit zu sexuellen Eskapaden; viele sehnten sich nach zwischenmenschlichen Begegnungen und Nähe. Beides gilt für die erste Phase des Krieges, als die Männer den Feldzug oft noch ungebrochen als Abenteuer empfanden, ebenso wie für spätere Perioden, als das deutsche Militär zurückgedrängt wurde und Angst und Verzweiflung unter den Soldaten zunahmen. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung steht die Frage, ob und wie Angehörige von Wehrmacht, SS und zivilen Besatzungsbehörden in der Begegnung mit einheimischen Frauen Sexualität lebten.3 Zu welchen Formen heterosexueller Zusammentreffen kam es während des Krieges, der Besatzung und im Zuge der» Endlösung«? Welche Rolle spielten dabei geschlechtsspezifische Erfahrungen und Deutungsmuster aus der Vorkriegszeit? Und auf welche Weise waren die sexuellen Aktivitäten der deutschen Männer im Besatzungsgebiet mit der spezifischen Eskalation und Entgrenzung von Gewalt im Kontext der deutschen Kriegführung in der Sowjetunion verknüpft? Der für diese Untersuchung zentrale Begriff der sexuellen Zusammentreffen ist dem in der englischsprachigen Literatur verbreiteten Ausdruck sexual encounters entlehnt und umfasst das ganze Spektrum sexueller Kontakte von zwei oder mehreren Personen: das Erzwingen von Nacktheit, unterschiedliche Formen sexueller Folter, Vergewaltigung und sexueller Versklavung ebenso wie sexuellen Tauschhandel, gewerbliche Prostitution, einvernehmliche Affären und romantische Verhältnisse. Dabei betont das Wort Zusammentreffen die unterschiedlichen Momente des Aufeinanderprallens: von Männern und Frauen, von Macht und Ohnmacht, von unterschiedlichen Kulturen und Positionen.4
Bei der Beschäftigung mit diesem Thema wird rasch deutlich, dass das Handeln der Soldaten keineswegs, wie Otto Pauls es darstellt, jenseits der Kriegshandlungen lag: Sexualität kam zum einen in Verbindung mit kriegerischen Gewaltakten zum Ausdruck, zum anderen prägte die alltägliche Präsenz von Gewalt auch die Begegnungen der Männer mit einheimischen Frauen, und zwar bis hinein in die einvernehmlichen Verhältnisse, die Verlobungen und Ehen. Die Führungen von Wehrmacht und SS rechneten mit solchen sexuellen Zusammentreffen und den daraus resultierenden, sowohl positiv als auch negativ bewerteten Auswirkungen: auf die Gesundheit der Truppe, die Stimmung der Soldaten, die Kohäsion der Einheiten. Letztlich ging es dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW), dem Oberkommando des Heeres (OKH) und dem Persönlichen Stab Reichsführer-SS (RF-SS) um den jeweiligen Nutzen oder Schaden sexueller Aktivitäten für die Kriegführung.
Die Bedeutung sexueller Zusammentreffen während des Krieges und der Besatzung in der ehemaligen Sowjetunion erschließt sich also nicht, wenn lediglich das Handeln und die Deutungsmuster der Soldaten in den Blick genommen werden. Vielmehr gilt es, beides im Kontext der militärischen Institutionen, der deutschen Gesamtgesellschaft und der Reaktionen in den besetzten Ländern zu betrachten. Der zweite Komplex dieser Untersuchung widmet sich daher der Frage, wie die Führungen von Wehrmacht und SS vorgingen, um die sexuellen Aktivitäten der Soldaten unter Kontrolle zu behalten. Welche Vorstellungen von Männlichkeit und Sexualität lagen den Maßnahmen zugrunde? Welche Rolle spielte der Bezug auf die Heimatfront für die Kontrolle der Soldaten? Und welche neuen Praktiken und Sexualitätsvorstellungen brachten die Eingriffe der Militärführung hervor?
Die Forschung zu sexueller Gewalt in kriegerischen Konflikten, die sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt hat,5 zeigt, dass die Kommunikation zwischen Armeeführung, Offizieren, kleinen Einheiten und einfachen Rekruten genau zu untersuchen ist – können sexuelle Gewaltakte doch sowohl Ausdruck der Missachtung von Verhaltensregeln und disziplinarischen Vorgaben durch die einfachen Soldaten als auch Teil einer militärischen Strategie sein.6 Deutlich geworden ist zudem, dass sexuelle Gewalttaten in Kriegs- und Krisengebieten nicht nur die jeweiligen Opfer treffen. Durch sexuelle Gewalt wird das gesamte gesellschaftliche Gefüge des Gegners nachhaltig angegriffen und zerstört.7 Auch die militärische Organisation von Prostitution sowie einvernehmliche Verhältnisse zwischen Besatzungssoldaten und einheimischen Frauen ziehen kurz- wie längerfristige Folgen nach sich.8 In dem vorliegenden Band setze ich mich zwar nur begrenzt mit den Auswirkungen solcher Zusammentreffen für die betroffenen Frauen und die jeweiligen Gesellschaften in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion auseinander. Durch die Dokumentation von Zeuginnen- und Zeugenaussagen kommt diese Ebene gleichwohl zur Sprache.
Ende 1942 gerieten auch die Kinder, die bei sexuellen Zusammentreffen von deutschen Männern und einheimischen Frauen» im Osten«9 gezeugt wurden, ins Blickfeld der deutschen Behörden. Wie viele es waren, blieb bis zum Ende des Krieges ungewiss, die Beteiligten bezweifelten aber nicht, dass ihre Anzahl substanziell sein müsste. Umstritten war indes der potentielle Wert dieser Kinder für die» deutsche Volksgemeinschaft«. Im letzten Kapitel dieses Buches wird insofern nachgezeichnet, wie sich die militärischen und zivilen Besatzungsbehörden dazu verhielten. Wie stellten sie sich die Zukunft der» Soldatenkinder «vor?
Im Vordergrund dieser Studie steht nicht der Anspruch, ein erschöpfendes Bild der sexuellen Zusammentreffen, der militärischen Regulierungsmaßnahmen oder des Umgangs mit den Kindern zu zeichnen, das für alle Gebiete gleichermaßen gültig wäre. Dazu sind Detail- und Lokalstudien vonnöten, die in diesem Rahmen nicht geleistet werden konnten. Mich interessiert stattdessen zweierlei: Zum einen möchte ich durch die Präsentation und Zusammenstellung von Quellen ganz unterschiedlicher Art die Vielschichtigkeit des Phänomens mit seinen jeweiligen Wechselwirkungen deutlich machen. Aus diesem Grund habe ich mich auch entschieden, die gesamte Bandbreite sexueller Kontakte – von sexueller Gewalt über sexuelle Tauschgeschäfte bis hin zu einvernehmlichen Beziehungen und den daraus hervorgegangenen Kindern – in die Betrachtung einzubeziehen. Zum anderen geht es mir um die Entschlüsselung und theoretische Deutung der Quellen im Sinne der Foucaultschen Erkenntnis, dass sexuelle Vorstellungen und Praktiken nichts Gegebenes, Festes, Biologisch-Invariables sind, sondern eine Form von Macht/Wissen darstellen, die immer wieder neu hergestellt und etabliert werden muss.10 Jürgen Martschukat und Olaf Stieglitz interpretieren Sexualität im Anschluss an Foucault als» Motor und Folge von Auseinandersetzungen innerhalb eines sozio-kulturellen Machtgeflechts«.11 Wie sah dies vor dem Hintergrund des Vernichtungskrieges in der ehemaligen Sowjetunion aus? Und wie wirkten sich das Machtgeflecht sowie die Kriegsgewalt und der Nationalsozialismus auf die sexuellen Vorstellungen und Praktiken der» im Osten «eingesetzten deutschen Männer aus?
So lückenhaft die Erkenntnisse in diesem Buch noch ausfallen mögen, so deutlich dürfte doch werden, dass die Auseinandersetzung mit dem sexuellen Verhalten der deutschen Soldaten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion einen weiteren wichtigen Mosaikstein zum Verständnis des Vernichtungskrieges liefert. Sie wirft außerdem Fragen nach der (sexuellen) Verfasstheit der deutschen Nachkriegsgesellschaft auf, genauer: nach den Beziehungs- und Familienstrukturen sowie den sich entwickelnden sexuellen Wünschen und Praktiken nach der Rückkehr der Männer.
I. Ausgangspunkte
«Er vertrug mehr Schnaps, er hat mehr Zigaretten geraucht und er hat auch mehr Frauen in den Hintern gekniffen als ich.«12 Schnaps, Zigaretten, Frauen – mit diesen Insignien soldatischer Männlichkeit kennzeichnet ein Teilnehmer der jährlich im britischen Beltring veranstalteten» War & Peace Show«13 seine Bewunderung für den SS-Funker, den er während der Vorführung» Waffen SS in Combat «verkörpert. Seine Erzählung ist von scherzhaftem Augenzwinkern begleitet, offenbart aber gleichsam ungebrochen die Hochachtung, die er dem während des Krieges gestorbenen Deutschen entgegenbringt. Ein anderer Teilnehmer hält die SS-Runen an den Aufschlägen seiner Uniform in die Kamera:»Wir dürfen diese Uniform niemals vergessen – wegen all der schlimmen Dinge, die damit verbunden sind, aber auch wegen mancherlei Gutem.«14 Für ihn stellen die Taten der SS» zwei Seiten derselben Medaille «dar. Auf der einen Seite hätten die Deutschen Verbrechen gegen Zivilistinnen und Zivilisten verübt, Dörfer niedergebrannt und Frauen und Kinder getötet. Auf der anderen Seite seien sie» nette Jungs «gewesen, die in den besetzten Gebieten Freundschaften geschlossen und Romanzen mit einheimischen Frauen gehabt hätten. Genau dieser Gegensatz sei es, der ihn fasziniere. Unbefangen posieren er und andere vor der Kamera; sie tragen ihre Originaluniformen mit Stolz. Die schwarze Montur erscheint als Kleidung stattlicher Männlichkeit, nicht zuletzt verheißt sie sexuelle Attraktivität.15 So werden während der Festivals auch intime Bekanntschaften gepflegt, und man feiert Eheschließungen in der historischen deutschen Uniform.16
Die Interviews, die Heike Gallmeier und Tabea Sternberg mit britischen Reenactern17 geführt haben, die sich jährlich treffen, um in der Rolle von SS-Männern, Polizisten und Wehrmachtssoldaten bekannte militärische Schlachten nachzuspielen, offenbaren die Bewunderung der Rollenspieler für das, was sie als» deutsche Disziplin «und» maskuline Stärke «begreifen. Nun mag mancher argumentieren, dies seien lediglich abstruse Fantasien von ein paar Tausend Militaristen. Diese Einschätzung erscheint aber vorschnell, denn die Erzählungen der historischen Rollenspieler gehen auf Annahmen zurück, die keineswegs nur denjenigen vorbehalten sind, die den Krieg verherrlichen und zu ihrem Hobby machen. Die bewundernde Rede der Reenacter stützt sich vielmehr auf vorherrschende Ideale von Männlichkeit und männlicher Sexualität.18 Demnach entspringt der Sexus des Mannes einer natürlichen, leben- und kraftspendenden Energie, die beständig droht, überhandzunehmen und die deswegen unter Kontrolle gehalten werden muss.19 Solange ein Mann, insbesondere ein Soldat, seinen Körper und seine Triebe beherrscht und in der Lage ist, sie effektiv einzusetzen und gegebenenfalls zu manipulieren, gilt er als leistungsfähig und stark.20 Eingeschrieben ist dieser Vorstellung von männlicher Triebhaftigkeit allerdings, wie Ruth Seifert darlegt, auch die beständige Möglichkeit des Scheiterns – denn sexuelle Aktivitäten von Soldaten drohen immer, die militärischen Anforderungen zu konterkarieren, zum Beispiel die Disziplin oder die medizinische Gesundheit einer Einheit zu schwächen.21 Die Führungen moderner Armeen kalkulieren mit solchen Bildern und versuchen, das sexuelle Begehren ihrer Soldaten für den Kriegseinsatz zu kanalisieren. Der Sexualität von Soldaten wird also nicht nur symbolisch, sondern auch militärpolitisch ein bedeutsamer Stellenwert zugeschrieben.
Darüber hinaus sind die Vorstellungen der historischen Rollenspieler durch die gesellschaftlich weitverbreitete Faszination mit der Verwobenheit von Nationalsozialismus und Sexualität geprägt. Diese drückt sich zum einen in einer Verfälschung von historischen Zusammenhängen aus, wie beispielsweise in dem sich hartnäckig haltenden Mythos, der nationalsozialistische Lebensborn e.V. sei eine Zuchtanstalt gewesen, in der man die männliche SS-Elite und» arische «Frauen zusammengebracht habe, um» rassereine «Kinder zu zeugen: Obgleich die seriöse historische Forschung beweist, dass dies keineswegs den Tatsachen entsprach, sondern die Lebensborn-Heime vielmehr für werdende Mütter errichtet wurden, die ihren Nachwuchs sicher und in kontrollierter Umgebung zur Welt bringen sollten,22 findet sich der Mythos von der Zuchtanstalt bis heute in dokumentarischen Medienberichten und sogar Schulbüchern.23 Zum anderen zeigt sich die Faszination, die die Koppelung von nationalsozialistischer Macht und Sex ausübt, auch in dem massenhaften Absatz von Pornofilmen, die vor dem historischen Hintergrund der Jahre 1939 bis 1945 spielen. Rebecca Scherr fürchtet gar, dass die Erinnerung an den Holocaust durch solche Filme zu» sexy memories «zu verkommen droht.24
Diese Sorge ist gerade heute, wo die wenigen Überlebenden, die noch Zeugnis von der Geschichte ablegen können, in absehbarer Zukunft sterben werden, nur allzu berechtigt. Gleichwohl wäre es vereinfachend, das Phänomen der nachträglichen Sexualisierung des Nationalsozialismus einzig auf die Verharmlosung der Verbrechen und die Trivialisierung der Leiden der Opfer zu reduzieren. Omer Bartov hat beschrieben, dass israelische Jugendliche —»die tatsächlichen und symbolischen Nachkommen der Holocaust-Überlebenden«– durch Bücher und Filme zu sexuellem Sadismus in den NS-Lagern oft ungewollt Erregung verspürten.25 Dies führt uns die Notwendigkeit vor Augen, sich damit auseinanderzusetzen, wie Sexualität und sexuelle Zusammentreffen während des Holocaust und des Krieges in der ehemaligen UdSSR zum Thema gemacht, skandalisiert, verheimlicht oder zum Schweigen gebracht wurden und werden. Wo verlaufen die Linien zwischen sexueller Erregung, Scham, Schuldgefühlen und kulturellen Normen?
Aus Sicht Dagmar Herzogs fungieren die» kulturellen Phantasmen «in Literatur und Film zu Sexualität im Nationalsozialismus als» ein Speicher intuitiver Erkenntnisse, die offenbar nicht in die akademische Forschung integriert werden können«.26 Tatsächlich hat sich die historische Forschung, wie im Folgenden gezeigt wird, des Themas bisher nur sehr zögerlich angenommen.
Forschungsliteratur
Kaum ein Krieg ist in den vergangenen 20 Jahren so ausführlich erforscht worden wie der Vernichtungsfeldzug der deutschen Truppen in der Sowjetunion und der damit einhergehende Massenmord an den Jüdinnen und Juden.27 Seit Anfang der 1990er Jahre sind die Motive, Sinnstiftungen und Handlungsräume der einfachen Soldaten auf die Agenda der historischen Forschung gerückt.28 Christopher Brownings Studie» Ganz normale Männer«, Daniel Jonah Goldhagens heiß diskutiertes Buch» Hitlers willige Vollstrecker «oder die Ausstellung» Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1945«, die Fotos zeigte, die einfache Soldaten von den deutschen Verbrechen gemacht hatten, beschäftigen sich mit dem» Mitmachen «und der Mitwisserschaft des» kleinen Mannes«.29 Sie lösten eine nachhaltige Auseinandersetzung über die historische Verantwortung deutscher Soldaten für den Krieg und die» Endlösung «aus.30 Die Sexualität der Täter wurde allerdings sowohl bei der Beschreibung der Verbrechen als auch in den Auseinandersetzungen mit den Selbstdeutungen der Soldaten bis vor wenigen Jahren nur selten explizit aufgegriffen.
Zwar hatte die Journalistin Susan Brownmiller schon 1975 in» Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft «die These aufgestellt, die Angehörigen von Wehrmacht und SS hätten in Osteuropa und Russland massenhaft sexuelle Gewaltverbrechen gegen Frauen verübt und Vergewaltigung gezielt als Waffe eingesetzt;31 dem wurde in der Forschung aber lange nicht systematisch nachgegangen. Vielmehr übernahmen viele Brownmillers These, ohne sie auf ihre Tragfähigkeit hin zu überprüfen.32
Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Brownmillers Buch in den USA tauchte die Frage nach dem sexuellen Verhalten der Soldaten in der Sowjetunion erstmals auch in der historischen Forschung in Deutschland auf. Franz W. Seidler widmete sich 1977 dem Thema» Prostitution, Homosexualität, Selbstverstümmelung. Probleme der deutschen Wehrmachtssanitätsführung «und zeigte, dass die Befriedigung sexueller Bedürfnisse und die Eindämmung sexuell übertragbarer Krankheiten für Wehrmacht und SS in allen besetzten Gebieten zum militärischen Kalkül gehört hatten.33 Mit seiner umfangreichen Dokumentation von Aktenmaterial zeichnete er die Behandlungsmethoden bei Gonorrhö- und Syphiliserkrankungen nach, beschrieb den Aufbau wehrmachtseigener Bordelle und deutete sogar an, dass die Freiwilligkeit mancher Frauen, die in der Sowjetunion in solchen Häusern Dienste leisteten, begrenzt gewesen sein dürfte. Dabei übernahm Seidler, der Jahre später aufgrund seiner geschichtsrevisionistischen Darstellungen in die Kritik geriet,34 allerdings die Sichtweise der Wehrmacht und leistete keinerlei kritische Aufarbeitung.35
In der ersten großen Studie zu den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD machten Helmut Krausnick und Hans-Heinrich Wilhelm 1981 darauf aufmerksam, dass auch sexuelle Gewalttaten im Krieg gegen die Sowjetunion kein Einzelfall waren und es zu klären gelte, wie die militärische Führung darauf reagiert habe. Während Krausnicks Darstellung nahelegte, die Truppenführer seien strikt gegen solche Taten vorgegangen, war Wilhelm der Ansicht, die Männer hätten selbst bei offensichtlichen Verstößen gegen die NS-Rassengesetze nicht mit Konsequenzen zu rechnen gehabt.36 Trotz solcher Ansätze erschienen sexuelle Gewaltverbrechen in der Geschichtsschreibung zum Vernichtungskrieg bis vor kurzem bestenfalls als Ausnahmefall, als Schritt in einer Gewaltdynamik, die formelhaft mit der Triade Mord – Plünderung – Vergewaltigung umschrieben wurde, oder als verbreitete, aber letztlich nicht konkretisierbare Folge der Brutalisierung im Zuge des Krieges.37 Hannes Heer etwa spricht von» Mordlust und Sadismus, Gefühlskälte und sexuelle[n] Perversionen «bei» große[n] Teile[n] der Truppe«, die an der Verfolgung der Jüdinnen und Juden in Weißrussland beteiligt waren. Wie sich diese sexuellen Perversionen ausdrückten und was sie bedeuteten, lässt er jedoch offen.38 Und in vielen regionalen oder thematischen Mikrostudien werden zwar einzelne Fälle von sexueller Gewalt, Prostitution oder auch einvernehmlichen Verhältnissen erwähnt, aber nicht systematisch untersucht.39 Dies mag zum einen mit der oft spärlichen und komplizierten Quellenlage zusammenhängen und zum anderen darin begründet liegen, dass es problematisch ist, eine Darstellungsform zu finden, die nicht trivialisierend oder voyeuristisch wirkt. Darüber hinaus ist die Forschungslücke aber wohl auch damit zu erklären, dass die Auseinandersetzung mit der Verwobenheit von Krieg, Gewalt und Sexualität auf besondere Weise affektiv aufgeladen ist und die Interdependenz, in die Sexualität und Gewalt im Krieg geraten, nach wie vor als unvermeidliches und unhinterfragt hinzunehmendes Faktum gesehen wird, das nur dann der Erforschung bedarf, wenn man darin ein besonders brutales Vorgehen oder eine Kriegsstrategie erkennt.40
Erst in den vergangenen Jahren wurden vereinzelt Untersuchungen vorgelegt, die sich eingehender mit dem Thema auseinandersetzen. In der ersten systematischen Studie» Wehrmacht und sexuelle Gewalt «aus dem Jahr 2004 untersucht Birgit Beck den Umgang der Wehrmachtsjustiz mit Soldaten, die der» Notzucht «angeklagt wurden. Sie geht davon aus, dass es sich bei Vergewaltigung durch Wehrmachtssoldaten nicht nur um Ausnahmefälle handelte. Gleichzeitig betont sie, man könne nicht von einer Waffe im Rahmen einer breit angelegten, militärisch befohlenen Strategie sprechen: Denn erstens gebe es bis heute keine Hinweise darauf, dass Vergewaltigung angeordnet oder die Männer dazu aufgefordert wurden. Und zweitens sei» Notzucht «ein Straftatbestand in den Gesetzbüchern der Wehrmacht, und die Militärrichter haben Soldaten deswegen mitunter auch verurteilt.41
Von den über 17 Millionen an allen Fronten eingesetzten deutschen Soldaten wurden laut offizieller Wehrmachtskriminalstatistik bis 1944 nur 5349 Männer wegen» Sittlichkeitsdelikten«– vor allem» Notzucht«,»Unzucht mit Männern«,»verbotenem Geschlechtsverkehr «und» verbotenen Abtreibungen«– verurteilt. Im gleichen Zeitraum kam es zu 1,5 Millionen Verurteilungen aufgrund von» Fahnenflucht«,»Selbstverstümmelung «und» Zersetzung der Wehrkraft«. Die Wehrmachtsgerichte maßen den» Sittlichkeitsdelikten «also eine deutlich geringere Bedeutung bei. Kam es dennoch zu Gerichtsverfahren gegen Männer, die der Vergewaltigung bezichtigt wurden, ahndeten die Richter vor allem den Umstand, dass die Rekruten die Disziplin und das Ansehen der Truppe verletzt hatten. An der Ostfront wurde sexuelle Gewalt gegen Frauen im Vergleich zur Westfront deutlich seltener gerichtlich verfolgt, und das Strafmaß fiel in der Tendenz niedriger aus – was Beck in erster Linie auf die Kriegführung in Polen und der Sowjetunion und den» Kriegsgerichtsbarkeitserlass «vom 13. Mai 1941 zurückführt, der eine» präventive Amnestie«(Jürgen Förster) für Verbrechen deutscher Soldaten gegen die sowjetische Zivilbevölkerung darstellte.42 Christian Thomas Huber betont demgegenüber, dass die in der Sowjetunion wohl wesentlich höhere Dunkelziffer sexueller Gewaltverbrechen auch von den unterschiedlichen Ermittlungsweisen herrühre: Während sexuelle Gewalttaten an der Westfront in der Regel von den Opfern oder ihren Familien angezeigt wurden, seien an der Ostfront meist deutsche Vorgesetzte oder Dolmetscher einem Gerücht nachgegangen. Dies habe naturgemäß zu weniger Meldungen und Anklagen geführt.43
David Raub Snyder untersucht in seinem Buch» Sex Crimes under the Wehrmacht «ganz ähnliche Aktenbestände wie Beck.44 Sein Interesse richtet sich jedoch stärker auf die Analyse und Bewertung des militärischen Justizapparats. Während Becks Untersuchung mit der Urteilsverkündung aufhört, widmet Snyder sich auch der Frage, ob die Männer ihre Strafen absitzen mussten. Er zeigt, dass insbesondere Soldaten, die sich durch Tapferkeit oder andere militärisch verwertbare Tugenden ausgezeichnet hatten, mit größter Nachsicht der Militärrichter rechnen konnten, selbst wenn sie eine als» rassisch unerwünscht «erachtete russische Frau oder eine Jüdin vergewaltigt hatten oder homosexuell aktiv gewesen waren. Snyder verdeutlicht, dass die Wehrmachtsrichter vor allem nach Kriterien militärischer Effizienz entschieden, wobei er militärische Ratio und NS-Ideologie meines Erachtens allzu strikt voneinander trennt. Die Sprache der Richter, so Snyder,»klingt wie die des Nationalsozialismus, aber Ideologie scheint hier nicht am Werke gewesen zu sein«.45 Mit dieser Einschätzung setzt sich Snyder weder damit auseinander, dass der juristische Apparat selbst von ideologischen Prämissen durchdrungen war, noch fragt er nach der Geschlechterideologie, die den Urteilen zugrunde lag. Letztere hat Beck in ihrer Analyse der richterlichen Vorstellungen von» weiblicher Geschlechtsehre «und» männlicher Geschlechtsnot «hinlänglich dokumentiert.46
Manche Autoren gehen davon aus, die NS-Ideologeme» Rassebewusstsein «und» Manneszucht «hätten dazu geführt, dass sexuelle Gewalttaten in der Wehrmacht die absolute Ausnahme gewesen und hart, nicht selten mit der Todesstrafe, geahndet worden seien. Dabei beziehen sie sich allerdings in der Regel lediglich auf die Schilderung von Einzelfällen.47 Die Frage, welches Ausmaß die sexuellen Gewalttaten, die deutsche Truppen in den Territorien der ehemaligen Sowjetunion verübten, tatsächlich annahmen, kann bis heute nicht annähernd realistisch beantwortet werden. Aus den bisherigen Forschungsergebnissen den Schluss zu ziehen, es sei während des deutschen Vernichtungskrieges in der Sowjetunion ausnehmend selten zu sexuellen Gewalttaten gekommen, ist meines Erachtens jedoch vorschnell; dem stehen nicht zuletzt zahllose Berichte von Augenzeuginnen und – zeugen entgegen, die darauf hindeuten, dass Angehörige von Wehrmacht, SS, Polizei und Zivilverwaltung in unterschiedlichen Stadien des Krieges sexuelle Gewalttaten verübten.
Wendy Jo Gertjejanssen hat in ihrer Dissertation» Victims, Heroes, and Survivors «gezeigt, wie vielschichtig das Quellenmaterial ist, mit dem man sich diesem Teil der Geschichte nähern kann.48 Sie legt ihrer Arbeit allerdings einen ahistorischen Begriff von sexueller Gewalt zugrunde und unterscheidet zum Beispiel Gewalttaten durch deutsche Soldaten nicht von denen durch Soldaten der Roten Armee oder der Partisanen verübte. Insofern gibt ihre äußerst materialreiche Studie letztlich nur sehr wenig Aufschluss über die unterschiedlichen Konstellationen und Funktionen sexueller Gewalt während des Vernichtungskrieges.
Ob die physischen und psychischen Effekte der sexuellen Aktivitäten von Soldaten nicht direkt mit Kriegführung und Massenmord zusammengedacht werden müssen, fragt indes Elisabeth Heineman in ihrem Literaturbericht» Sexuality and Nazism. The Doubly Unspeakable«:»Erleichterte Sex den Mördern das Morden, entweder weil die Täter ihre Opfer auf diese Weise noch weiter demütigen und entmenschlichen konnten, oder weil Sex ihnen die Gelegenheit bot, Spannungen abzubauen, die die Tötungsaktionen sonst beeinträchtigt hätten?«49 Zunächst muss man Heinemans Rekurs auf die Entmenschlichung der Opfer wohl differenzieren. Die Opfer dieser Taten mögen sich in jeder Hinsicht zu Recht entmenschlicht gefühlt haben und bis heute fühlen. Tatsächlich gehörte es zu den Strategien der Täter, ihren Opfern genau dieses Gefühl zu vermitteln. Wenn man aber die Gewalttäter und – taten begreifen will, muss man sich damit konfrontieren, dass an der Koppelung von Sexualität und Gewalt – am Besitzergreifen, Erobern, Einnehmen, am Überwältigen, Zerstören und Verunstalten – prinzipiell nichts» Unmenschliches «ist.50 Man könnte Heinemans Ansatz vielmehr erweitern und fragen, auf welche Weisen sich sexueller Lustgewinn und Lust an der Gewalt verschränken können. In ihrer Studie» An Intimate History of Killing «hat Joanna Bourke anhand von zahlreichen Beispielen von verschiedenen Kriegsschauplätzen deutlich gemacht, auf welch unterschiedliche Weisen Grausamkeit, todbringende Gewalt und (sexuelle) Lust im Krieg verschmelzen können.51 Gaby Zipfel stellt in diesem Zusammenhang die These auf, dass Männer, die sich mit der Möglichkeit des eigenen Todes konfrontiert sehen, durch die sexuelle und potentiell todbringende Macht über einen anderen Körper» ihre sexuelle Potenz und ihre Fähigkeit, Angst zu überwinden«, affirmieren.52 Die Überlegungen des Sozialpsychologen Harald Welzer gehen in eine ganz ähnliche Richtung, wenn er konstatiert, dass Situationen absoluter Macht den» Thrill «erzeugen,»absolute Machtausübung gerade in sexueller Hinsicht zu experimentieren«.53 Die Historikerin kann mit ihrem Werkzeug allerdings kaum eine angemessene Antwort auf diese Fragen finden.
In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung verstärkt mit dem Vorkommen sexueller Gewalt vor dem Hintergrund absoluter Machtausübung in den Konzentrationslagern auseinandergesetzt. Dabei ist deutlich geworden, dass weibliche Häftlinge mit der Ankunft im Lager unterschiedliche Formen sexueller Gewalt erfuhren.54 Bereits während der ersten Untersuchung, der Selektion und in den Duschräumen mussten die Frauen dem KZ-Personal halbnackt oder nackt gegenübertreten und physische wie verbale Übergriffe über sich ergehen lassen. Und auch männliche Häftlinge waren Gewaltakten ausgesetzt, die sich gegen ihre sexuelle und körperliche Integrität richteten, selbst wenn sie sie meist nicht als sexuelle Taten begriffen.55 Uneinig ist sich die Forschung darüber, ob Vergewaltigung oder physische Gewalttaten ähnlicher Schwere gegen Frauen ein häufiges Phänomen darstellten oder eher selten vorkamen. Myrna Goldenberg legt in» Sex, Rape, and Survival «beispielsweise nahe, Vergewaltigung – als verbreitete Gewaltform von Männern gegen Frauen – sei in Konzentrations- und Vernichtungslagern gängig gewesen, wobei sie Übergriffe durch SS-Aufseher mit solchen durch männliche Mithäftlinge zusammendenkt.56 Na’ama Shik kommt nach ihrer Untersuchung von Hunderten Überlebendenberichten dagegen zu dem Schluss, Vergewaltigungen weiblicher Häftlinge durch SS-Aufseher hätten eher die Ausnahme dargestellt. Sie führt dies vornehmlich auf die NS-Ideologie zurück, die zum strikten Verbot sexueller Kontakte mit Jüdinnen, Sinti- und Roma-Frauen und überdies dazu geführt habe, dass Frauen in der totalen Institution Konzentrationslager völlig auf ihren Körper reduziert worden seien. Die Frauen seien zwar physisch verfügbar gewesen, hätten für die SS-Aufseher aber nur noch einen» Klumpen Fleisch «dargestellt.57 Im Rahmen der Diskussion, ob sexuelle Gewalt während des Holocaust ein spezifisches Phänomen war oder dieselben Funktionen hatte wie in kriegerischen Konflikten, vermischt Doris Bergen das Vorkommen sexueller Gewalt innerhalb der Konzentrationslager und Ghettos mit den Erfahrungen von Jüdinnen und Juden in der Kriegssituation in Polen und der Sowjetunion. Mit ihrem Ergebnis bewegt sie sich zwischen den Positionen von Shik und Goldenberg; die Ausübung sexueller Gewalt, so ihr Argument, sei einzigartig und doch verallgemeinerbar gewesen.58 Vor dem Hintergrund meiner Ausführungen zu sexueller Gewalt im folgenden Kapitel möchte ich zu bedenken geben, ob nicht die Umgebung eine entscheidende Rolle für die Häufigkeit und die Formen sexueller Gewalt spielte. Um dies genauer zu untersuchen, wäre das Vorkommen sexueller Gewalt in den Lagern, den Ghettos, während der Besatzung, an der Front und vor den Erschießungsaktionen zunächst getrennt zu untersuchen, um darauf aufbauend einen Vergleich vorzunehmen.
Auch die Bordelle in den Konzentrationslagern werden mitunter mit Prostitution im Kriegsgebiet verglichen.59 Dies führt meines Erachtens aber nur sehr begrenzt weiter, da die Bedingungen vollkommen andere waren. Zwischen 1942 und 1944 richtete die SS in zehn Konzentrationslagern Bordelle für privilegierte männliche Häftlinge ein, um diese zu höheren Leistungen in der Zwangsarbeit anzuspornen.60 Tatsächlich entsprang dieser Gedanke des Leistungsanreizes derselben Vorstellung, mit der auch die Wehrmacht versuchte, ihre Soldaten durch die Bereitstellung von Militärbordellen psychisch und physisch zu stärken. Während die Soldaten sich aber, vom Kriegsgeschehen im Feld brutalisiert, durch einen Besuch bei den» Frauen des Feindes «belohnten, waren die Häftlinge in den Konzentrationslagern Gefangene, die sich von ihren Aufsehern die Erlaubnis einholten, ihre Mitgefangenen aufzusuchen.61 Gaby Zipfel gibt zu bedenken, ob es sich dabei nicht um erzwungene Libidinösität unter denkbar unwürdigen Bedingungen handelt.62
Während man bei den Frauen, die für den» Arbeitsdienst Bordell «angeworben wurden, keinesfalls von einer freiwilligen Entscheidung sprechen kann,63 ist bisher völlig unklar, ob sich die Frauen in den Wehrmachtsbordellen auf besetztem sowjetischen Territorium zur Prostitution entschieden oder sexuell versklavt wurden. Tatsächlich sind die militärischen Bordelle in den besetzten Gebieten der UdSSR bis heute kaum untersucht worden.64 Seidler hat, wie bereits dargelegt, zwar beschrieben, dass das OKH, das OKW und der Sanitätsdienst der Wehrmacht beträchtliche Mittel aufwendeten, um Bordelle unter militärischer Kontrolle einzurichten, über die besetzten Gebiete der Sowjetunion trifft er jedoch nur vereinzelt Aussagen.65 In der ersten systematischen Studie zu den Wehrmachtsbordellen in Frankreich hat Insa Meinen 2002 gezeigt, auf welch vielfältige Weise das OKH einheimische Frauen, die als Prostituierte arbeiteten oder dessen verdächtigt wurden, verfolgte und entrechtete. Ihnen drohten rigorose Zwangsmaßnahmen, die von gynäkologischen Untersuchungen über die Einweisung und Verwahrung in Krankenhäusern bis hin zur Überführung in Internierungslager reichten. Dabei zeigte sich die Vichy-Administration derart entgegenkommend, dass die NS-Behörden die Verfolgung der Frauen weitgehend der einheimischen Polizei überließen.66 Die ersten Ergebnisse einer Studie zu Wehrmachtsbordellen in den Niederlanden deuten darauf hin, dass die Wehrmacht hier – ähnlich wie in Frankreich, wenn auch in deutlich geringerem Ausmaß – vor allem auf bestehende Prostitutionsstrukturen zurückgriff, um militärisch kontrollierte Bordelle einzurichten.67 Max Plassmann betont zudem die Flexibilität der Wehrmacht: Die Bordelle seien nicht nach einem einheitlichen Plan, sondern unbürokratisch, je nach den Bedarfsmeldungen der örtlichen Besatzungsverwaltung oder der Truppenführer, eingerichtet worden.68 Nach Meinen war das Vorgehen der Wehrmachtsführung längerfristig allerdings darauf angelegt, einen standardisierten Bordellbetrieb für deutsche Soldaten in ganz Europa zu etablieren.69
Dass deutsche Soldaten und SS-Männer in den besetzten Gebieten auch längerfristige Beziehungen suchten, thematisierte 1994 erstmals ausführlich die Historikerin Anette Warring in ihrem Buch» Tyskerpiger— under besættelse og retsopgør«.70 Dabei erforschte sie nicht nur konkrete Verhältnisse von Besatzern und Besetzten, sondern zeigte überdies, wie die Frauen nach Kriegsende im kollektiven Gedächtnis zu Verräterinnen gemacht und ausgegrenzt wurden, um die dänische Gesellschaft symbolisch zu» reinigen«. Auch die Journalistin Ebba Drolshagen hebt in ihrem Buch» Nicht ungeschoren davonkommen. Die Geliebten der Wehrmachtssoldaten im besetzten Europa «hervor, auf welche Weise die betroffenen Frauen Strafaktionen ausgesetzt waren.71 Ihre Studie konzentriert sich allerdings vor allem auf die besetzten Länder in Nord- und Westeuropa. Dass es auch in Osteuropa zu einvernehmlichen Verhältnissen zwischen Besatzern und Besetzten kam, macht Rolf-Dieter Müller in seinem Aufsatz» Liebe im Vernichtungskrieg «zum Thema. Manche Wehrmachtssoldaten schufen sich in den besetzten Gebieten in kürzester Zeit eine Parallelwelt, stellten Heiratsgesuche und hofften, sich dort nach dem Krieg eine neue Existenz aufbauen zu können. Müller legt seiner Untersuchung nicht nur NS-Akten zugrunde, sondern auch Interviews des Filmemachers Hartmut Kaminski mit Nachkommen einheimischer Frauen und deutscher Soldaten.72 Sie haben ihre Väter niemals kennengelernt, sprechen von sich selbst aber als» Kindern der Liebe«.73 Auf welchen lebensgeschichtlichen Sinnstiftungen die Worte beruhen, mit denen diese Menschen das Verhältnis ihrer Eltern beschreiben, kann und soll hier nicht beurteilt werden. Irritierend ist jedoch, auf welche Weise Müller ihre romantisierenden Schilderungen zu seinem Interpretationsrahmen macht:»Haben wir den Mut, uns Romeo und Julia, Kinder verfeindeter Familien also, deren Liebe – nachdem auf beiden Seiten Blut geflossen war – keine Chance hatte, auch in Riga oder Minsk vorzustellen?«74 Müller zieht die tragische Liebesgeschichte der westlichen Hemisphäre heran, um das Schicksal von einheimischen Frauen und deutschen Männern in der Sowjetunion zu illustrieren, die ein intimes Verhältnis eingegangen waren und noch während des Krieges getrennt wurden. In seiner Darstellung ist Liebe eine anthropologische Konstante, ein schicksalhaftes Ereignis, das sich selbst unter widrigen Umständen, in diesem Fall der Kriegssituation, seinen Weg bahnt. Dabei werden die Gefühle der Soldaten und der Frauen verklärt, ohne die Vielfältigkeit der Motivlagen in den Blick zu nehmen. Letztlich entgeht Müller so die Spezifik der Macht- und Gewaltstrukturen, in deren Rahmen die Paare nicht nur Repressalien erfuhren, was er ausführlich beschreibt, sondern die auch für die Beziehungen selbst konstitutiv waren.
Wie dieser Forschungsüberblick bereits andeutet, ist die Quellenlage oft spärlich, und ihre Interpretation stellt die Historikerin vor zahlreiche Probleme. Diese möchte ich im Folgenden sowohl im Hinblick auf die Quellenauswahl als auch mit Blick auf die darin vorherrschenden Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit erörtern.
Quellen
Die Quellen zum Thema sind verstreut und von sehr unterschiedlicher Aussagekraft. Grob lassen sie sich in vier Gruppen einteilen: (1) die zeitgenössischen Selbstzeugnisse und späteren Erinnerungserzählungen deutscher Männer, die als Wehrmachts- oder SS-Angehörige in der Sowjetunion stationiert waren; (2) die Akten der Wehrmacht, insbesondere der Heeressanitätsinspektion, der SS- und Polizeiführer sowie der zivilen Besatzungsbehörden in den» besetzten Ostgebieten«; (3) die Selbstzeugnisse derjenigen, die während des deutschen Vernichtungskrieges in der Sowjetunion aus» rassischen «oder politischen Gründen verfolgt wurden; und (4) die Berichte aus der einheimischen Bevölkerung, deren Position sich im Laufe der Jahre zwischen Kollaboration, Abwarten und Widerstand bewegen konnte.
Die Quellenlage ist insgesamt ausgesprochen lückenhaft. Bei den NS-Akten lassen sich nur wenige Bestände eindeutig dem Thema zuordnen, so etwa die Korrespondenzen und die Diagnosen zu sexuell übertragbaren Krankheiten bei den Amtsärzten. Gleichwohl kann man in nahezu jedem Bestand vereinzelte Hinweise auf sexuelle Zusammentreffen finden. Als besonders diffizil erweist sich die Arbeit mit den Selbstzeugnissen, denn sexuelle Erfahrungen werden bis heute oft verschwiegen – und wenn nicht, sind die Erzählungen meist von Tabus und Skandalisierungen geprägt. In den Beschreibungen der deutschen Männer wirken sexuelle Kontakte zumeist wie harmlose Begegnungen, die nichts mit dem Kriegsgeschehen zu tun hatten. Nur selten spricht ein ehemaliger Soldat den Zusammenhang von Sexualität und Gewalt an – und wenn überhaupt, dann nur aus der Perspektive des Beobachters. NS-Verfolgte sowie Beobachterinnen und Beobachter wählen dafür in der Regel ebenfalls die Zuschauerperspektive. Kaum einmal äußert sich eine Frau oder ein Mann offen über ein sexuelles Zusammentreffen, das sie oder er am eigenen Leib erlebt hat. Die Quellen erlauben in der Regel auch keine Rückschlüsse darauf, ob sich das Geschilderte wirklich auf diese Weise zugetragen hat. Gleichwohl verweisen die Vielfalt und das Ensemble der Quellen darauf, dass solche Dinge geschehen sind.
Die Quellenlage variiert zudem von Gebiet zu Gebiet. Bei dem Territorium, das die Nationalsozialisten in der ehemaligen Sowjetunion besetzten, handelt es sich um eine Vielzahl von Ländern mit zahlreichen Ethnien, Sprachen und Kulturen; manche waren erst kurz zuvor von der UdSSR annektiert worden, und Kollaboration mit den Nationalsozialisten oder Widerstand waren ganz unterschiedlich ausgeprägt. Auch die kulturell und religiös begründeten Vorstellungen vom Geschlechterverhältnis und von sexueller Moral differierten.75 Diese Spezifika beeinflussen bis heute die Art und Weise, wie die sexuellen Zusammentreffen von deutschen Männern und einheimischen Frauen, zu denen es während des Krieges in Estland, Lettland, Litauen, der Ukraine, Weißrussland und Russland gekommen ist, gedeutet und erzählt beziehungsweise verschwiegen werden. Wendy Jo Gertjejanssen, die Interviews mit Zeitzeuginnen und – zeugen in Lettland und der Ukraine durchgeführt hat, machte die interessante Erfahrung, dass ihre Gesprächspartnerinnen in Lettland vor allem sexuelle Gewalt durch Soldaten der Roten Armee zum Thema machten, während bei den Ukrainerinnen die Vergewaltigungen durch Deutsche und ukrainische Kollaborateure im Vordergrund standen. Diese unterschiedlichen Darstellungen reflektieren nicht unbedingt die historische Realität; sie offenbaren vor allem die Eckpunkte der jeweiligen nationalen Erinnerungskultur.76
Dies schlägt sich auch in der vorliegenden Studie nieder. Da sich Frauen aus den im damaligen Reichskommissariat Ostland (RKO) zusammengefassten baltischen Staaten sowie aus der Ukraine noch am ehesten äußern und es in diesen Gebieten wohl auch häufiger zu sexuellem Tauschhandel und konsensuellen Verhältnissen kam, die in irgendeiner Form aktenkundig geworden sind, konzentriere ich mich in den entsprechenden Kapiteln vor allem auf diese Territorien. Im Kapitel zu sexueller Gewalt stammen die Zeuginnenaussagen dagegen aus allen Kriegsgebieten» im Osten«. Die Namen von Städten und Ortschaften werden dabei in der zeitgenössischen deutschen Umschrift genannt; lediglich in einzelnen Quellen tauchen die jeweiligen nationalen oder jiddischen Bezeichnungen auf.
Um sich der Vielschichtigkeit der Quellen anzunähern, ist es notwendig, sich mit den damals herrschenden Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen auseinanderzusetzen, die die unterschiedlichen Lebenswelten von Männern und Frauen, Besatzern und Besetzten prägten. Die detaillierte Quellendiskussion verbinde ich daher im Folgenden mit einigen grundlegenden Erörterungen über Männlichkeit, Weiblichkeit, Körperlichkeit und Gewalt sowie über die Rolle der Kinder, damals wie heute.
Männlichkeitskonzeptionen
Deutsche Männer reagierten in der Kriegssituation auf unterschiedlichste Weise. Sie deuteten das Geschehen abhängig von gesellschaftlich dominanten Normen oder situativ gebildeten Gruppennormen, von sozialisierten Wertehaltungen, religiösen Überzeugungen, von Erfahrungen, Kompetenzen, Gefühlen, Wünschen et cetera. Entsprechend steckten sie ihre Handlungsräume ab, trafen ihre Entscheidungen und trugen die Konsequenzen ihres Handelns.77 Das gilt auch für ihre Zusammentreffen mit einheimischen Frauen, wie in den folgenden Kapiteln gezeigt wird. Manche Männer eiferten dem NS-Ideal des» rassebewussten «Kriegers nach und lebten sexuelle Enthaltsamkeit; andere verfolgten ihre sexuellen Interessen und Wünsche und prahlten mit ihren Erlebnissen; einige Männer empfanden es als unerträgliche Zumutung, am hegemonialen Ideal unerschrockener Männlichkeit gemessen zu werden, und sahen sich erheblich unter Druck gesetzt.78
Zeitgenössische Selbstzeugnisse wie Feldpostbriefe und Tagebücher zählen zu den wichtigsten Quellen, um sich den Erlebnissen der Männer vor Ort zu nähern. Nach Schätzungen sind im Gesamtverlauf des Krieges mehr als 40 Milliarden deutsche Feldpostbriefe zwischen Front und Heimat hin- und hergeschickt worden.79 Ein Großteil wurde von den mehr als drei Millionen Wehrmachtsangehörigen verfasst, die an der deutsch-sowjetischen Front eingesetzt waren.80 Die Briefe bilden die Kriegsverhältnisse nicht direkt ab. Wenn man sich aber bewusst macht, dass sie keine ungefilterten Eindrücke vermitteln, sondern das Kriegsgeschehen durch kulturell tradierte Deutungsmuster verklären, verharmlosen oder verschweigen, erkennt man genau darin ihren Wert: Sie spiegeln die subjektiv erzeugten Sinn- und Identitätskonstrukte der Soldaten wider.81 Ähnliches gilt für die Tagebücher, die in der Regel die Eindrücke von Soldaten mit bürgerlichem Hintergrund beziehungsweise von Offizieren wiedergeben. Die meisten Soldaten, insbesondere Personen aus bildungsfernen Schichten, haben keine entsprechenden Aufzeichnungen gemacht oder hinterlassen. Insofern erlauben Tagebuchschilderungen nur in Ansätzen Verallgemeinerungen.82
Das wichtigste Thema der zeitgenössischen Selbstzeugnisse war laut Klaus Latzel der» unblutige militärische Alltag«, das heißt die täglichen Dienstverpflichtungen sowie das Verhalten der Kameraden und Vorgesetzten beziehungsweise Untergebenen.83 Den Aufzeichnungen lässt sich außerdem entnehmen, dass Körpererfahrungen für die meisten Soldaten einen zentralen Teil ihres Kriegserlebens darstellten. In vielen Feldpostbriefen nehmen physische Strapazen und bis an die Grenzen gehende Verausgabung einen großen Raum ein: endlos scheinende Märsche, der Transport von schwerem Gepäck und Gerät, der Bau von Schanzen et cetera.84 Im Verhältnis zu dieser extremen physischen Anstrengung ließ die Versorgung mit Lebensmitteln häufig sehr zu wünschen übrig, die Mahlzeiten waren eintönig, mitunter nicht sättigend und wenig ausgewogen. Viele Soldaten litten an einer gestörten Verdauung, an Verstopfung und Magenverstimmungen.85 Mitunter wurden die Männer auch ernsthaft krank, bekamen Fieber und magerten stark ab. Als generelles Problem stellten sich die allgemein schlechten hygienischen Bedingungen, der Mangel an Wasser und Seife dar. In vielen Feldpostbriefen und Tagebüchern ist von einem dauernden Kampf gegen Flöhe, Wanzen und Läuse die Rede.86 Direkten Einfluss auf die körperliche Verfassung der Soldaten hatte außerdem das Wetter – die extreme Hitze im Sommer und die zeitweise kaum erträgliche Kälte im Winter.87
Die Körpererfahrungen der Männer waren jedoch zumindest bis zum Ende des Sommers 1942 nicht nur von Strapazen gekennzeichnet. Immer wieder wird der Genuss von erbeuteten Lebensmitteln hervorgehoben, von Cognac und Champagner, Salami und Pastete, Schokolade und Bonbons.88 Faulenzen, Sonnenbaden und der Besuch von Badeanstalten und Seen spielten ebenfalls für viele eine Rolle.89 Auf Schnappschüssen von Soldaten sieht man die Kameraden oft mit nacktem Oberkörper, manchmal nur mit Bade- oder Unterhose bekleidet, und zwar nicht nur während des Sonnenbads oder beim Kartenspiel, sondern auch in der Feldküche, auf Märschen, auf Wachposten und mit erbeuteten Trophäen.90 Hans-Albert Giese, der im Juni 1941 als Infanterist im Gebiet der Heeresgruppe Mitte in die Sowjetunion einmarschiert war, notierte im August 1942:»Ich bin besonders in der letzten Zeit ziemlich braun gebrannt.«91 In einer Zeit, in der Reisen für viele zu teuer war, konnten die Feldzüge sogar eine Möglichkeit bieten,»touristischen «Vergnügungen nachzugehen. Dies galt natürlich umso mehr im besetzten Frankreich. Aber auch in der Sowjetunion wollten einige Soldaten Kirchen und Bauwerke besichtigen; und viele kamen überhaupt zum ersten Mal mit fremden Landschaften und Menschen in Kontakt.92
Man darf wohl davon ausgehen, dass die meisten Männer durch die ungewohnte körperliche Anstrengung mit der Zeit Veränderungen an ihrem Körper feststellten: zunehmende Kondition und Ausdauer, eine andere Hautfarbe und – struktur, den Aufbau von Muskelmasse. Manche Soldaten, vor allem im militärischen Hinterland, trainierten gezielt, um sich fit und gesund zu halten. Der Sportoffizier Wilm Hosenfeld ließ seine Ehefrau im September 1941 wissen:»einen gesunden, abgehärteten Körper will ich Dir und den Kindern zurückbringen«.93 Einige Soldaten gingen in Briefen und Tagebüchern dezidiert auf die Körper ihrer Kameraden oder Untergebenen ein, und zwar sowohl bewundernd als auch abwertend.94
Generell spielten Konkurrenz und Selbstvergewisserung eine wichtige Rolle im Männerbund. Seit den 1920er Jahren war der deutschen Jugendkultur eine» auffällige Potenzprotzerei«(Thomas Kühne) eingeschrieben, die sich zum Beispiel in Penisvergleichen, Onanie und Orgasmusbeweisen in der Gruppe ausdrückte. Für diejenigen, die in solchen Gruppen am unteren Ende der Hierarchie standen, erwuchsen daraus oft psychische und physische Gewalterfahrungen.95 Die» Prüfungen «des Krieges – Drill, Gewaltausübung, Todesgefahr – gingen in der Wehrmacht mit Männlichkeitsritualen wie Alkoholexzessen und Bordellbesuchen einher.96 Dazu gehörten auch der Austausch pornografischer Fotografien, markige Sprüche und das Prahlen mit Saufereien und (zurückliegenden oder aktuellen) sexuellen Erlebnissen.97 Für viele jüngere Männer, für die die Einberufung in die Wehrmacht die erste Loslösung von ihrer Herkunftsfamilie bedeutete, stellten solche Ereignisse eine Initiation in die Männerwelt und damit ein wichtiges Moment dar, um sich im Kreis der Kameraden zu beweisen und zu bewähren.
Außenseiter in der Truppe mussten damit rechnen, erniedrigt und gequält zu werden, indem man ihnen beispielsweise einen Eimer Wasser ins Bett kippte, sie zwangsweise abschrubbte, die Kleidung aus dem Fenster warf oder ihnen Elektroschocks verpasste.98 Gruppendruck konnte die Soldaten auch darin bestärken, bei Gewaltexzessen» mitzumachen«, wollten sie nicht als Schwächlinge verspottet, sondern als» Männer «von ihren Kameraden anerkannt werden.99 Wer sich nicht in der Lage sah, seine Kameraden auf einen Plünderungszug zu begleiten oder sich an der Tötung von Zivilisten zu beteiligen, konnte schnell aus dem Kameradenkreis ausgeschlossen werden. Der» kollektive Zwang, sich stets von neuem der eigenen Härte und Schneidigkeit zu versichern«, ließ, so konstatiert Ulrich Bröckling,»die Verrohung weiter eskalieren«.100 In einem beispiellosen Radikalisierungsprozess – bedingt durch Selbst- und Fremdzuschreibung, Gruppendruck, Anpassung, Gehorsam und Gewalterleben – wurden die Männer oft bereits nach wenigen Tagen abgestumpft und brutalisiert.101 Der beständige Alarmzustand, in dem sich die Soldaten in den besetzten sowjetischen Gebieten befanden, führte außerdem nicht selten zu einer gereizten Stimmung innerhalb der Einheiten. In einer Atmosphäre, die von Langeweile, Aggressionen und der Angst vor Tod und Verstümmelung geprägt war, kam es zwischen den Soldaten zu Konflikten, mitunter sogar zu Schlägereien.102
Die Kameradschaft in der Wehrmacht war aber auch durch eine Reihe von Praktiken gekennzeichnet, die den Männern angesichts des immer brutaler geführten Krieges Trost und Geborgenheit vermittelten: gegenseitige Fürsorge, gemeinsame Mahlzeiten, umschichtiges Wäschewaschen et cetera.103 Kühne zeichnet das Modell einer asexuellen mann-männlichen Fürsorgebeziehung, bei der die Soldaten sich an ihrer Erfahrung der Mutter-Sohn-Bindung orientierten.104 Konstitutiv für diese mann-männliche Beziehung waren zum einen der Ausschluss von Frauen, der sich immer neu vollzog, obgleich auch Frauen an den Einsätzen beteiligt waren,105 und zum anderen eine spezifisch ausgeprägte Homophobie.106
Bei den Bädern in Seen und Bächen sowie dem Abduschen nach den Märschen, von denen in den Briefen und Tagebüchern der Soldaten vor allem in den heißen Sommern 1941 und 1942 immer wieder die Rede ist,107 nahmen die Männer offenbar wenig Rücksicht darauf, was die einheimische Bevölkerung von ihnen dachte. Am 9. Juli 1942 notierte Artillerie-General Jürgen W. in sein Tagebuch:»Es ist sehr heiß. Wir machen große Wäsche, staunend und kichernd sehen die ›Matkas‹ zu, wie wir uns, splitternackt auf dem Hof stehend, von oben bis unten abseifen. Viel nützt es ja nicht […], aber es ist eine große Erfrischung.«108 Dass viele Soldaten wenig Hemmungen zeigten, sich vor den» Mätterchen«, aber auch den jungen Frauen nackt oder halbnackt auszuziehen, verdeutlicht ein Foto im Bestand von Jürgen W., auf dem deutsche Soldaten Schwarzhandelswaren mit einheimischen Frauen tauschen. Während die Frauen auf dem Bild alle voll bekleidet sind, stehen die Männer ihnen mit nacktem Oberkörper oder sogar nur in Badehose gegenüber. Dieses Verhalten hatte Wirkung auf die einheimische Bevölkerung. Während manche Frauen auf derartigen Fotos eher amüsiert oder verunsichert zu sein scheinen, zeigten sich andere empört. Der Schriftsteller Aleksej Surkov hörte im Oktober 1942 ein Gespräch unter Frauen in einem gerade erst von Deutschen» befreiten «Dorf in Russland mit. Eine der Frauen klagte:»Und wie sich diese Schamlosen in Anwesenheit von Frauen nackt ausziehen, im Trog planschen […]! Dann jagen sie den Mädchen und jungen Frauen nach wie wild gewordene Hengste. Stürzen sich auf sie. […] Schamlos.«109 Es ist offensichtlich, dass die Perspektive der deutschen Männer und die der einheimischen Frauen mitunter weit auseinanderklafften. Was die Männer als harmlosen Zeitvertreib erachteten, konnte für die Frauen abstoßend sein und ihnen die Möglichkeit eines sexuellen Übergriffs vor Augen führen. Dürften die Begegnungen der einheimischen Bevölkerung mit den Soldaten je nach Region und Einstellung der militärischen Einheit auch unterschiedlich gewesen sein, so präsentierte sich das Gros der Deutschen doch als Sieger,110 und viele von ihnen legten ein entsprechendes körperliches Auftreten an den Tag.
Man kann davon ausgehen, dass sich die damit verbundenen Gefühle wie Körperbeherrschung und Euphorie im Laufe des Krieges veränderten. Die grundlegende Erfahrung an der Front war, dass das eigene Überleben vom Zufall abhing. Zwar lernten erfahrene Soldaten mit der Zeit, besonders riskante Situationen oder Verhaltensweisen zu vermeiden, doch gegen den jederzeit möglichen Angriff von sowjetischen Soldaten oder Partisanen gab es letztlich keinen Schutz. Gerade viele einfache Soldaten ohne Offiziersrang, die keinen Einfluss auf das Kriegsgeschehen nehmen konnten, scheinen sich dem Kampf ab 1943 schicksalhaft ausgeliefert gefühlt zu haben.111 Ob sie ihre Männlichkeit beweisen und sich als Kämpfer bestätigen wollten, ob sie überzeugte Nationalsozialisten waren oder ob sie eine unangenehme Pflicht erfüllten und möglichst schnell nach Hause kommen wollten – in der Weite des sowjetischen Territoriums wurden alle Erwartungen und Hoffnungen mit der Zeit zunichtegemacht. Durchaus mit Respekt erkannten viele Männer die Zähigkeit und den Kampfgeist der sowjetischen Soldaten an.112 Ihre überlegene Bewaffnung brachte ihnen auf Dauer keinen Vorteil, die deutschen Truppen erlitten immer größere Verluste, und allen drohte jederzeit der Tod. In dieser Situation traten Schilderungen des eigenen Tuns in den Tagebüchern und Briefen der Männer zurück, stattdessen versuchten sie, sich selbst und ihre Angehörigen mit Floskeln und Durchhalteparolen zu beruhigen oder zu ermutigen.113
Während sich den zeitgenössischen Selbstzeugnissen vielschichtige Einsichten über das Denken und die Wahrnehmung der Soldaten entnehmen lassen, sind offene Hinweise auf Sexualität selten. Sexualität war etwas, worüber die Männer vielleicht untereinander frotzelten oder obszöne Kommentare abgaben, aber in der Regel nicht schrieben. Zum einen dürften viele es als eine normale, aber besser zu verschweigende Grenzüberschreitung erachtet haben, inmitten von Krieg, Gewalt und Entbehrungen sexuellen Lüsten nachzugehen. Zum anderen richteten sich insbesondere die Feldpostbriefe meist an Eltern, Ehefrauen, Verlobte oder Freundinnen. Die Kontinuität der familiären Bindung wurde durch solche Briefe immer wieder bestätigt oder erst erzeugt und half vielen vermutlich dabei, Gefühlen der Ohnmacht, Angst und Bindungslosigkeit zu begegnen. Immer wieder versicherten die Männer ihre Angehörigen in den Briefen ihrer Zuneigung und Treue und verliehen ihrer Eifersucht und Sorge Ausdruck, die Partnerin könnte sich in der Heimat einen anderen Mann gesucht haben. Was die Männer selbst an der Front» anstellten«, hatte in solchen Briefen keinen Platz.114 Wenn überhaupt, berichteten sie über harmlose Flirts oder über die sexuellen Erlebnisse ihrer Kameraden. Otto Hilger schrieb am 19. Januar 1942 an seine Ehefrau:
F. hat seinen wahren Charakter in Bezug auf Weiberverkehr hier gezeigt. Einige Nächte hintereinander machte er so fort, und das nicht immer bei derselben, gestern Nacht wollte er wieder gehen, aber die Stelle war besetzt, eine Frau, deren Mann nach Sibirien verschleppt wurde, hat er so weit bearbeitet, bis er soweit war und noch mehr hat er besucht, die man bei uns Dirnen nennt. Da braucht er ja vor seiner Frau nicht mehr über sie reden, meinst du nicht auch?115
Hilger ist im Juni 1901 geboren, zum Zeitpunkt seines Briefes 40 Jahre alt und schon lange verheiratet. Mit der Schilderung der sexuellen Ausschweifungen seines ebenfalls verheirateten Kameraden mag er versucht haben, sich selbst davon abzugrenzen und die eigene Treue herauszustellen. Dies blieb aber ambivalent, ließ er seine Ehefrau doch indirekt auch wissen, welche Möglichkeiten den Soldaten offenstanden.
Tagebücher geben gegenüber Feldpostbriefen meist direkter Auskunft über Sexualität. Da die militärischen Operationen zumeist im Zentrum der Aufzeichnungen standen, war von sexuellen Zusammentreffen vor allem dann die Rede, wenn die Verfasser versuchten, ihre Untergebenen zu disziplinieren und von sexuellen Aktivitäten abzuhalten, oder wenn sie im Gegenteil darauf aus waren, sie zu besänftigen, und ihre Ausschweifungen tolerierten.116
Auch wenn die zeitgenössischen Selbstzeugnisse in der Gesamtschau nur vereinzelt Aufschluss über sexuelle Aktivitäten geben oder kurze Beschreibungen von entsprechenden Regulierungsmaßnahmen enthalten, vermitteln sie doch einen Eindruck davon, welche Rahmenbedingungen dabei entscheidend waren: die Gefühle der Männer (Überlegenheit, Macht, Euphorie, Langeweile, Heimweh, Einsamkeit, Ohnmacht, Angst), ihre Körperwahrnehmung (Gesundheit, Krankheit, Körperbeherrschung, Kontrolle, Kontrollverlust) und ihre Position innerhalb der Truppe (Gruppendruck, Kohäsion, Zerfall, Selbstvergewisserung, Ausschluss).
Für die Führung von Wehrmacht und SS hatten sexuelle Zusammentreffen von deutschen Männern und einheimischen Frauen einen festen Platz im Gefüge militärischer Politik. Bereits in Frankreich, Polen und anderen besetzten Gebieten hatten OKH und OKW sich damit befasst, wie die sexuellen Aktivitäten der Soldaten zu kontrollieren seien, um vor allem die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten einzudämmen und die Disziplin der Truppe zu gewährleisten.117 Wehrmacht und SS strebten dabei keine generelle Unterbindung heterosexueller Aktivitäten an. Denn die Befriedigung sexueller Bedürfnisse galt ihnen als Mittel, um die Leistung der Soldaten zu optimieren. Hitler erläuterte diese Überzeugung im April 1942:»Wenn der deutsche Mann als Soldat bereit sein «solle,»bedingungslos zu sterben«, dann müsse er» auch die Freiheit haben, bedingungslos zu lieben«.118 Damit rekurrierte er auf eine gängige Vorstellung, der zufolge Liebe und Kampf die existenziellen Erfahrungen der menschlichen beziehungsweise männlichen Existenz seien. Im Kampf figurierte» Liebe«– womit Hitler in seinen Ausführungen vor allem sexuelle Lust meinte – als Sublimation für die beständige Angst der Männer, getötet zu werden.119 Das dabei gezeichnete soldatische Ideal war durch Aggressivität, physische Stärke und Virilität geprägt. Die aufgestauten Triebe durften aus dieser Sicht nicht einfach unterdrückt werden, wollte man Krankheiten und unkontrollierbare Ausbrüche vermeiden. Vielmehr sollten sie abreagiert und auf diese Weise gemäßigt und eingehegt werden.120 Zu diesem Zweck richteten OKH und OKW eigens vom Militär beaufsichtigte Bordelle ein. Damit verbunden war außerdem die Absicht, die Soldaten nachhaltig an das System zu binden, indem die Militärführung Verständnis für den Einzelnen demonstrierte und seine Kampfbereitschaft belohnte.121 Letztlich erachteten sowohl die Wehrmacht als auch die SS soldatische Sexualität, wie Anette Timm es formuliert hat, als» grundlegenden Treibstoff für den militärischen Apparat«.122
Die detailliertesten Auskünfte über den Umgang der Wehrmacht mit den sexuellen Zusammentreffen ihrer Soldaten geben die Akten der Heeressanitätsinspektion, in denen Korrespondenzen und Berichte von Ärzten, medizinischen Beratern und Sanitätspersonal sowie die Richtlinien für das Verhalten der Truppe und militärische Befehle zur Kontrolle sexuell übertragbarer Krankheiten enthalten sind. Da die Verfasser häufig ausführlich über die Effizienz, die Umsetzung und die Folgen einzelner Maßnahmen stritten, lassen gerade die Briefe Schlüsse über die damit verbundenen Motive zu.
Einblicke in den Umgang der Wehrmacht mit soldatischer Sexualität sowie mit den Kindern deutscher Männer und einheimischer Frauen eröffnen vereinzelt auch die Akten der Armeeoberkommandos und Divisionen sowie der Kommandanturen der rückwärtigen Armeegebiete, der sogenannten Korücks. In diesen sind unter anderem die Tätigkeitsberichte der Feld- und Ortskommandanturen, der untersten Ebene der Militärverwaltung, überliefert, deren Aufgabe darin bestand, die Zivilistinnen und Zivilisten vor Ort zu überwachen. Da die Offiziere, die diese Berichte 14-tägig an den Kommandanten des rückwärtigen Armeegebiets schickten, Werturteile vermeiden und sich auf das beschränken sollten, was sie als wesentlich erachteten,123 lässt sich dieser Quelle zwar nur wenig Konkretes über die Motive und das Geschehen entnehmen – die Verfasser hielten die sexuellen» Nöte «der Soldaten in der Regel nicht für berichtenswert und meldeten lediglich besonders brutale Fälle sexueller Gewalt oder Auffälligkeiten bei Bordellbesuchen. Dennoch wird aus den Tätigkeitsberichten deutlich, dass Sexualität zum militärischen Alltag gehörte; nicht zuletzt dokumentieren sie Kontrollmaßnahmen wie die Einrichtung von Wehrmachtsbordellen oder von» Sanierstationen «zur hygienischen Vorund Nachsorge bei sexuellen Kontakten.
In einigen Fällen kam» Notzucht «durch Wehrmachtssoldaten vor Gericht. Mit den bereits besprochenen Untersuchungen von Birgit Beck und David Raub Snyder sowie der Studie von Christian Thomas Huber sind in den letzten Jahren drei Arbeiten erschienen, in denen die Akten der Wehrmachtsgerichte zu» Sittlichkeitsdelikten «umfassend ausgewertet wurden.124 In der vorliegenden Untersuchung werden in erster Linie deren Erkenntnisse herangezogen und lediglich einzelne Gerichtsverfahren und Prozessurteile genauer analysiert.
Auch die SS- und Polizeiführung unter Heinrich Himmler sah sich gezwungen, die Sexualität ihrer Männer zum Thema zu machen. Der Persönliche Stab RF-SS war die Geschäftsstelle, die für alle Belange zuständig war, die nicht in die Fachressorts der SS-Hauptämter fielen. Insbesondere die von hier aus geführte Korrespondenz mit dem Sanitätsdienst der SS macht deutlich, dass zwar strikte Verbote für SS-Männer aufgestellt worden waren,»unerwünschtem Geschlechtsverkehr mit Angehörigen einer andersrassigen Bevölkerung «nachzugehen,125 die Männer vor Ort aber regelhaft dagegen verstießen. Himmler unterstand zudem der Verein Lebensborn e.V., der 1936 mit dem Ziel der Unterstützung» rassisch und erbbiologisch wertvoller «kinderreicher Familien und alleinstehender Mütter gegründet worden war, sich nach Kriegsbeginn aber auch an den Planungen für die erwarteten Kinder deutscher Männer in Norwegen, den Niederlanden, Frankreich, Polen und der Sowjetunion beteiligte.126 In der Korrespondenz des RF-SS zeigt sich, dass die Kinder bei Himmler auf besonderes Interesse stießen; er stürzte sich mit einem Eifer in dieses Projekt, der weder den tatsächlichen Kinderzahlen entsprach noch die Praxis oder die Ansichten der Männer vor Ort widerspiegelte.
Himmler war außerdem Oberster Gerichtsherr von SS und Polizei. Deren Gerichtsbarkeit wurde 1941/42 organisatorisch erheblich erweitert.127 Das Rechtsverständnis bei SS und Polizei unterschied sich von dem der Wehrmacht, sollte aus Himmlers Sicht die Rechtsprechung doch aus dem» starren Rahmen des Gesetzes «gelöst und» auf die lebendige Persönlichkeit der Richter übertragen «werden.128 Zu Sexualität finden sich vor allem Stellungnahmen und Korrespondenzen zwischen Himmler und einzelnen Richtern sowie Rechtsberatern beim Hauptamt SS-Gericht. Sie geben Auskunft über die ideologischen Vorgaben der Beteiligten sowie über die Widersprüche und Konflikte, die sich aus dem Spannungsfeld zwischen den Idealen und der Situation vor Ort ergaben.
Der Umgang mit sexuell übertragbaren Krankheiten, den Heiratsgesuchen, die deutsche Männer in den baltischen Ländern einreichten, und den Kindern, die sie mit einheimischen Frauen zeugten, beschäftigte auch die zivilen Besatzungsbehörden. Die Bestände des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete (RMbO), des RKO oder der Amtsärzte, beispielsweise in Riga oder Minsk, enthalten umfassende, chronologisch abgeheftete Briefwechsel, Notizen und Protokolle. Dank dieser zusammenhängend überlieferten Bestände lassen sich die Diskussionen zu bestimmten Themen, die verschiedenen, oft widerstreitenden, Interessen und das Kompetenzgerangel zwischen den beteiligten Institutionen genauer nachzeichnen. Dabei zeigt sich unter anderem, dass die Akteure im Rahmen ihrer Handlungsspielräume – je nach Überzeugung und Kenntnisstand – unterschiedlich über die Zukunft deutscher Männer und einheimischer Frauen entschieden. In vereinzelten Akten finden sich zudem schriftliche Anfragen oder Stellungnahmen von Soldaten. Deren Auffassungen gehen daraus allerdings kaum hervor; die Schriftstücke dienen in erster Linie dazu, das Anliegen der Betroffenen vor den deutschen Behörden zu rechtfertigen. Aus all diesen Akten lassen sich jedoch die zeitgenössischen Ansichten über Sexualität und geschlechtsspezifisches Rollenverhalten sowie die regimeinternen Auseinandersetzungen darüber entnehmen, was erlaubt und was unerlaubt, was» erwünscht «und was» unerwünscht«, was rechtens und was rechtswidrig sei. Die Perspektive der Frauen fehlt in diesen Quellen völlig.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges tendierte die Masse der zurückgekehrten Soldaten dazu, über ihre Kriegserlebnisse zu schweigen, sich in die Privatsphäre zurückzuziehen und sich auf Familie und Beruf zu konzentrieren.129 Bei zeitgenössischen Umfragen und Fragebogen-Aktionen äußerten viele die Ansicht, sie hätten» verlorene Jahre «hinter sich.130 Darüber hinaus kam ein großer Teil der Heimkehrer völlig entkräftet aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück, gezeichnet von Unterernährung, anhaltenden Ängsten und Depressionen, die nicht zuletzt mit körperlich wahrnehmbaren Formen der Entsexualisierung und Entmännlichung, zum Beispiel dem Unvermögen zu genitalen Reaktionen, einhergingen. Man kann davon ausgehen, dass die Männer sexuelle Erlebnisse in der Sowjetunion aus verschiedenen Gründen verschwiegen: Generell dürften sie kein Interesse daran gehabt haben, gewaltförmige sexuelle Kontakte zum Thema zu machen. Zudem verheimlichten diejenigen, die nach der militärischen und ideologischen Niederlage zu festen Beziehungen und Ehefrauen zurückkehrten, ihren Partnerinnen vermutlich ihre sexuelle Untreue.131 Drittens blendeten die Männer ihre sexuellen Erlebnisse im Zuge des Vernichtungskrieges wohl auch im Angesicht der Tatsache aus, dass sie mit» massiven Tabubrüchen hinsichtlich der Ermordung Wehrloser «einhergegangen waren.132
Gleichwohl führte diese Tabuisierung nicht dazu, dass es in den ersten Nachkriegsjahren überhaupt keine Erzählungen über die vergangenen sexuellen Erlebnisse der Männer gegeben hätte; diese ergaben sich aber meist im Privaten. So prägten entsprechende Vermutungen und Gerüchte oft das Zusammenleben von Paaren – und Zeitzeugen, die damals noch Kinder oder Jugendliche waren, erinnern sich später daran, wie ihre Mütter den Ehemann mit ihrem Verdacht konfrontierten und/oder sich in sich selbst zurückzogen. Dieter Wellershoff, der als 17-Jähriger in die Wehrmacht eingezogen wurde, merkt in seinen Kriegserinnerungen an, die Ehe seiner Eltern sei wohl auch dadurch in die Brüche gegangen, dass sein Vater, der bereits im Ersten Weltkrieg bei der Marineartillerie gedient hatte, über viele Jahre an der Front und in den besetzten Gebieten stationiert gewesen war:»Vermutlich befürchtete sie [die Mutter; R. M.], daß ihr Mann dort, wo er stationiert war, eine andere Frau hatte. Er war in seiner Majorsuniform eine auffallende Erscheinung, während sie krank und depressiv und immer dicker wurde, nur noch schlechte Romane aus der Leihbücherei las und endlos Patiencen legte.«133
Im Laufe der Jahre tauchten Hinweise auf Sexualität vor allem in Landserromanen und in den Strafverfahren gegen ehemalige Wehrmachts- und SS-Angehörige auf.134 In Vernehmungsprotokollen von Beschuldigten und Zeugen heißt es beispielsweise, ein bestimmter SS-Mann sei ein Verhältnis mit einer einheimischen Frau eingegangen oder habe eine Vergewaltigung verübt. Die Schilderungen sind mitunter recht detailliert. Zwar kann man nicht davon ausgehen, dass es sich im strafrechtlichen Sinne immer um die Wahrheit handelte, zumal gerade Beschuldigte vor allem versuchen, von sich abzulenken und andere zu belasten;135 aber besonders die immer wiederkehrenden Einzelheiten zeigen, dass es sich um mehr als um Ausnahmefälle handelte.
Erst im Zuge der öffentlichen Auseinandersetzung über die deutschen Verbrechen in Osteuropa und Russland in den 1990er Jahren, in denen das bis dato vorherrschende Bild der» sauberen Wehrmacht «als Mythos entlarvt wurde, kamen vereinzelt auch die sexuellen Zusammentreffen der Soldaten während des Krieges in der Öffentlichkeit zur Sprache. Zahlreiche ehemalige Soldaten beziehungsweise deren Nachkommen begannen, autobiografische Erinnerungen an die Front und die besetzten Gebiete zu publizieren. Manche Autoren setzten sich das Ziel, die Unschuld der Wehrmacht zu beweisen; andere wollten» ungeschönt «vom Krieg und den Verbrechen berichten. Im Allgemeinen handelt es sich um Abschriften von zeitgenössischen Tagebüchern oder um Erinnerungserzählungen aus der Perspektive der Gegenwart (die meistens auf früheren Notizen beruhen). Manche Autoren mischen auch beide Formen und umrahmen ihre früheren Aufzeichnungen mit nachträglichen Reflexionen und Interpretationen. In der schriftlich abgeschlossenen Form erzeugen die tagebuchähnlichen Erinnerungsberichte eine kohärente, in sich logische Erzählung im Sinne einer persönlichen biografischen Konstruktion, die – unabhängig davon, ob die Autoren den Krieg verherrlichen oder ihre kritischen Anmerkungen in den Vordergrund stellen – letztlich immer eine versöhnliche Haltung gegenüber der Vergangenheit zu erzeugen sucht. Zudem sind die Texte für die Publikation überarbeitet worden; sie enthalten also sprachliche Glättungen und Streichungen. Die Genauigkeit der Schilderungen variiert stark. Auffällig ist jedoch, dass fast alle Zeitzeugen einzelne Fälle von Vergewaltigung, sexuellem Tauschhandel oder einvernehmlichen Begegnungen beschreiben. Aus solchen nachträglichen Darstellungen kann man schließen, wie die ehemaligen Soldaten solche Ereignisse im Gesamtzusammenhang ihrer Kriegserzählungen einordnen und deuten.
Herbert Maeger war als junger Mann Rekrut der SS-Leibstandarte Adolf Hitler. Im Jahr 2000 veröffentlichte er mit der Absicht, das» Informationsdefizit «abzubauen und der historischen Wissenschaft einen» echten Erlebnisbericht «zu liefern, seine Erinnerungen» Verlorene Ehre. Verratene Treue«. Darin schreibt er heterosexuellen Zusammentreffen während des Krieges eine besondere Bedeutung zu:
Niemand, der den Russlandfeldzug erlebt hat, kann sich eine Vorstellung davon machen, wie stark bei jedem von uns die Sehnsucht war, dem Grauen dieses beispiellos gnadenlosen Krieges zu entkommen und sei es auch nur für eine Weile.»Bevor ich sterben muss«, so habe ich mehr als einmal einen der blutjungen Soldaten sagen gehört,»möchte ich wissen, wie es ist, mit einer Frau zu schlafen!«Ein letzter Wunsch, der – wenn überhaupt – allenfalls in einem Bordell erfüllt wurde und nur eine bittere Erfahrung mehr bescherte.136
Vorstellungen wie diese dürften weit verbreitet sein. Die Frauen bleiben in dieser Sehnsucht des verratenen Landsers auf ihren Körper reduziert. Der Zusammenhang von Sexualität und Kriegsgewalt ist ausgeblendet.
Männer, die sehr jung in die Wehrmacht eingezogen wurden, machen in solchen Berichten auch ihre sexuelle Sozialisation zum Thema. Wolfgang von Buch und Gerhard Thamm sprechen von sich selbst als» Kindersoldaten«. Sie beschreiben, wie aufregend es für sie gewesen sei, Prostituierte zu sehen und fremde Mädchen zu treffen. Gerade gegenüber älteren Kameraden hätten sie wirken wollen, als seien sie sexuell erfahren.137 Da der Drang nach heterosexuellen Erlebnissen ein normaler, in der Regel erwünschter Teil männlichen Erwachsenwerdens ist, haben Buch und Thamm die Möglichkeit, ihr Begehren vergleichsweise offen anzusprechen. Aufsehenerregend werden solche Schilderungen erst in dem Moment, in dem die Grenze zur Gewalttätigkeit überschritten wird. Dass die Vergemeinschaftungsprozesse von Jungen sich mitunter bereits in sehr frühem Alter über den Ausschluss von Mädchen und die Ausübung von Gewalt gegen sie vollzogen, beschreibt Jost Hermand in seinen Erinnerungen an eine» Kinderlandverschickung«(KLV). Er und andere Jungen suchten sich Mädchen für Doktorspiele,»um sich auf übelste Weise an ihren ›Weichteilen‹ zu schaffen «zu machen.138 Selbst dies wird im Gesamtzusammenhang der Darstellung allerdings nicht als übermäßig beunruhigend gewertet, sondern als zwar schlimmer, aber letztlich doch normaler Teil männlicher Entwicklung.
Neben solchen schriftlich verfertigten Erinnerungen liegen dieser Untersuchung mündliche Zeugnisse ehemaliger Soldaten zugrunde. Im Kontext der Ausstellung» Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944«ist eine Reihe von narrativen Interviews mit ehemaligen Soldaten entstanden, die sich direkt nach ihrem Besuch der Ausstellung bereit zeigten, ihre Sichtweise darzustellen.139 Auch im Rahmen von Forschungs- und Filmprojekten nutzten Wissenschaftler und Journalisten die letzte Lebensphase der Zeitzeugen, um entsprechende Gespräche zu führen. Der Zeitpunkt der Interviews hatte dabei ebenso Einfluss auf das Erzählen der Zeitzeugen wie die politische und mediale Diskussion. Generell gilt, was Ela Hornung im Zuge ihrer Gesprächsanalysen beschreibt: Das» Erzählverhalten ist immer mitbestimmt von dem, was gesellschaftlich erlaubt oder sanktioniert wird«.140 In einer für sie sicheren Umgebung, beispielsweise am Stammtisch oder beim Veteranentreffen, erzählen ehemalige Soldaten vermutlich in sich geschlossene Geschichten, oft über herausragende Ereignisse. Genau solche Abenteuer- oder Heldengeschichten sind jedoch kein Thema, das sie in den Interviews zur Sprache bringen. In der Regel blenden die ehemaligen Soldaten ihre direkte Beteiligung am Krieg weitgehend aus und beschönigen besonders die Passagen, in denen es um direkte Gewaltausübung geht.141 Dabei entstehen subjektive, oft sehr bruchstückhafte und durchaus widersprüchliche Darstellungen des Erlebten.
Einige der Interviewerinnen und Interviewer nehmen Erwähnungen der Zeitzeugen über» Flintenweiber «oder Bordelle zum Anlass, um explizit nach sexueller Gewalt und dem männlichen Blick auf die» Frauen des Feindes «zu fragen.142 Auch dann berichten die Männer fast nie von sich selbst. Auffällig ist, dass manche Zeitzeugen – wie der eingangs zitierte Otto Pauls – relativ unbefangen über Prostitution, sexuelle Affären oder Romanzen reden, während sie sich entschieden dagegen verwahren, jemals eine Vergewaltigung gesehen zu haben. Im Einzelfall mag dies stimmen, in der Gesamtschau entspricht es jedoch nicht der historischen Realität. Mit der kategorischen Abgrenzung und Ablehnung von sexueller Gewalt möchten die Zeitzeugen vielmehr häufig die vermeintliche Ehrenhaftigkeit der Wehrmachtssoldaten hervorheben. Dies ist jedoch, wie im Laufe der Untersuchung noch deutlich werden wird, eine höchst ambivalente Figur. Denn während es nach Kriegsende als Ehrenbeweis galt, keine Vergewaltigung gesehen zu haben, wurden sexuelle» Eroberungen «während des Krieges durchaus als Ausdruck soldatischer Stärke und Männlichkeit betrachtet. Möglicherweise sind die Ursachen für das hartnäckige Stillschweigen vieler deutscher Zeitzeugen über sexuelle Gewalt genau in dieser Umwertung zu suchen. Zu fragen wäre dann auch, inwieweit das Schweigen über Sexualität mit dem Mythos von der» sauberen Wehrmacht «zusammenhängt.
Weiblichkeitsvorstellungen
Auch die Erzählungen über sexuelle Zusammentreffen von Zeitzeuginnen und – zeugen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sind von nationalen Geschichtsdeutungen und hegemonialen Geschlechtervorstellungen geprägt. Für die vorliegende Untersuchung wurde nur auf Quellen zurückgegriffen, die in deutscher oder englischer Sprache vorliegen. Dabei handelt es sich zum einen um lebensgeschichtliche Erinnerungsinterviews mit jüdischen Frauen, zumeist mehrstündige Gespräche, die nicht nur auf die Zeit der Verfolgung ausgelegt sind. Die Zeitzeuginnen berichten zunächst von ihrer Kindheit und Jugend und kommen dann auf den Beginn und die Radikalisierung der Gewalt zu sprechen. Dabei geben die Erzählerinnen Hinweise auf das, was geschehen ist, offenbaren aber vor allem, wie sie die Ereignisse subjektiv erklärt, eingeordnet und verarbeitet haben. In den meisten Fällen geben sie keine direkte Auskunft über sexuelle Zusammentreffen, erzählen aber beispielsweise von Vorsorgemaßnahmen und Verstecken, mit deren Hilfe sie versucht haben, sexuellen Angriffen zu entgehen.143 Dies lässt nicht unbedingt darauf schließen, wie sich die Interviewten tatsächlich geschützt haben, sondern zeugt vor allem von dem Druck, der auf den Frauen bis heute lastet, ihre» sexuelle Unschuld «zu beweisen.
Zum anderen liegen dieser Untersuchung publizierte Erinnerungsberichte von NS-Opfern sowie von Augenzeuginnen und – zeugen zugrunde, die die Massenverbrechen gegen Zivilistinnen und Zivilisten zum Thema haben. Viele sind in Sammelbänden erschienen und stellen nur sehr kurze Ausschnitte aus unterschiedlichen Erinnerungserzählungen dar, die thematisch oder nach bestimmten Orten zusammengestellt wurden. Einige dieser Berichte sind zeitgenössisch, andere beruhen auf Interviews, die erst Jahrzehnte nach dem Krieg erhoben wurden. Leider wird nicht immer ausgewiesen, wann und wie die Schilderungen zustande kamen. Obgleich es in diesen Berichten nur in manchen Fällen ausführlich um sexuelle Zusammentreffen geht, ermöglichen implizite Beschreibungen oder Nebenbemerkungen insgesamt eine genauere Kontextualisierung sexueller Erlebnisse im Rahmen des Kriegsgeschehens und geben über die Geschlechter- und Sexualitätsvorstellungen verfolgter Frauen Auskunft.144
In der Gesamtschau der Quellen wird deutlich, dass die Frauen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, die während des Krieges sexuelle Zusammentreffen mit deutschen Soldaten erlebt haben, hohe Risiken eingingen, wenn sie darüber sprachen – unabhängig davon, ob sie freiwillig ein intimes Verhältnis mit einem Deutschen eingegangen oder Opfer sexueller Gewalttaten geworden waren. In einigen NKWD-Berichten, in denen die Geheimdienstmitarbeiter über die Kollaboration der einheimischen Bevölkerung mit den Besatzern klagten, wurde die Fraternisierung junger Frauen mit deutschen Offizieren und Infanteristen besonders hervorgehoben.145 Für viele Frauen war es vor diesem Hintergrund naheliegend, zumindest in der Öffentlichkeit über ihre Erfahrungen zu schweigen und sich, wenn überhaupt, auf private Aufzeichnungen zu beschränken. Eine junge Lehrerin aus Kiew vertraute beispielsweise ihrem Tagebuch an, dass sie in ihrer Vorkriegsbeziehung keine Perspektive gesehen habe und ihren ukrainischen Freund für einen deutschen Soldaten verlassen wollte.146 Vermutlich verfassten auch andere Frauen solche privaten Notizen; eine systematische Untersuchung dazu steht aber noch aus.147
Sogar Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt hatten, sahen sich mit der Unterstellung konfrontiert, sie hätten sich freiwillig mit den Deutschen eingelassen. Die ehemalige Feldkrankenschwester Tatjana Poli-karpowna Nanijewa war 1942 als Angehörige der Roten Armee von den Deutschen gefangen genommen und in einem Lager in Südpolen inhaftiert worden. Während der Gefangenschaft wurde sie Zeugin einer Reihe brutaler Vergewaltigungen durch das deutsche Aufsichtspersonal. Bei der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee im Januar 1945 traten zwei sowjetische Offiziere auf sie zu und beschimpften sie als» Hure«, die sich im Lager sexuell amüsiert hätte.148 Damit, dass die Männer sie von einer Armee-Kameradin zu einer» leichtlebigen Frau «degradierten, verweigerten sie ihr symbolisch die Teilhabe am Sieg in diesem Kampf. In einer bizarren Verdrehung erschien sie als Schuldige für das, was sie beobachtet hatte, und stand plötzlich unter Druck, sich dafür rechtfertigen zu müssen.149 Auch Frauen, die in deutschen Konzentrationslagern inhaftiert gewesen waren und repatriiert werden sollten, wurde von sowjetischen Soldaten vorgeworfen, sie hätten mit den Deutschen geschlafen.150 Partisaninnen wurden nach 1945 ebenfalls als» gefallene Frauen «bezeichnet. Nicht zuletzt, um dieser Stigmatisierung zu entgehen, entschieden sich einige, ihre Teilnahme am Partisanenkampf zu verschweigen – eine Reaktion, die aus anderen ehemals besetzten Ländern ebenfalls bekannt ist.151
Die Vorstellung, dass Frauen leichtfertig ihr Vaterland verrieten und auf die deutschen Soldaten zugingen, scheint bis heute die Erinnerung vieler zu prägen. Eine Forschergruppe aus Hannover bat ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Ukraine und Weißrussland Ende der 1990er Jahre, schriftlich zu erläutern, ob sie etwas über Vergewaltigungen während des Krieges wüssten. Ein Viertel derer, die auf dieses Schreiben hin antworteten, erklärte, ihnen sei nichts darüber bekannt; stattdessen berichteten sie aber von sich aus über freiwillige Verhältnisse. In der Mitteilung eines ehemaligen Zwangsarbeiters hieß es:»Unsere jungen Frauen liefen selbst zu den Soldaten, sie tändelten mit ihnen herum und trafen sich.«152 Unabhängig davon, ob dies die historische Realität abbildet, zeigt sich hier, wie abfällig über die Frauen gesprochen wurde und welchem Generalverdacht sie sich ausgesetzt sahen.
Welche Wertungen vorherrschten, wenn Frauen sich tatsächlich auf sexuelle Beziehungen mit Deutschen einließen, wird beispielsweise in dem 1947 erstmals erschienenen autobiografischen Roman» Kharkiv «von Olena Zvychaina aufgegriffen, der sich mit der deutschen Besetzung der Ukraine auseinandersetzt. Zvychaina konstatiert zwar die Entwicklung einer» neuen Moral «im Krieg, deren Grundprinzip gelautet habe, dass alles» gut «sei,»was es mir ermöglicht, nicht an Hunger zu sterben«. Gleichzeitig illustriert ihre Erzählung aber, dass die Grenzen dieser» neuen Moral «eng gesteckt waren.153 Denn Zvychaina führt als Hauptfigur die gute, reine Frau ein, die schwangere Katrusia, die sich erbittert gegen zahlreiche sexuelle Angebote deutscher Soldaten wehrt und auf die Rückkehr ihres Ehemannes wartet.154 Ihr stellt sie Halya gegenüber, die unmoralische, befleckte Frau, die solche Skrupel nicht kennt:
Halya hielt ihren Luxuskörper, um den sie sich stets und sehr gewissenhaft kümmerte, für ihre wichtigste Waffe […]. Halya lernte» Herrn Fritz «kennen, der in der Versorgungseinheit arbeitete, und wurde rasch seine Geliebte. Als Fritz’ Geliebte hatte sie nicht nur genug Brot, sondern auch Gelegenheit, sich andere Dinge wie Wurst, Butter und Zucker zu verschaffen. Und das eröffnete ihr die Möglichkeit, sich ihren Luxuskörper zu bewahren. Halya hatte unter anderem einen Ehemann irgendwo an der Front, aber das hielt sie nicht davon ab, Fritz’ Geliebte zu sein.155
Zvychainas Charakterisierung der Halya fällt eindeutig negativ aus: Halya ist ein Luxusgeschöpf, eitel auf seine Schönheit bedacht und ohne zu zögern bereit, ihren für sie an der Front kämpfenden Ehemann zu betrügen. Sie kollaboriert mit den Deutschen und genießt ihren Körper, während ihre Nachbarinnen Hunger leiden. Ihre sexuelle Hinwendung zum Feind – die sich zwischen sexuellem Tauschhandel, Affäre und Romanze bewegt – geht aus Sicht ihres Umfelds mit politischem und gesellschaftlichem Verrat einher. Insofern ist es nur konsequent, dass die anderen Halya ausschließen.
Die Aussagen von Zeitzeuginnen und – zeugen bestätigen, dass sexueller Tauschhandel auf besondere Weise mit moralischen Verwerfungen und sozialer Ausgrenzung verbunden war. Wenn Frauen nach Einschätzung der jeweiligen Situation und der damit verbundenen Gefahren den Entschluss fassten, ihren Körper taktisch oder strategisch einzusetzen, wurden sie zu» schlechten Frauen«. Sie widersetzten sich den vorherrschenden Vorstellungen über die weibliche Natur und irritierten die symbolische Ordnung. Nur wenige scheinen dieses Verhalten im Nachhinein als normale Folge des Krieges zu sehen.156 Aus Wendy Jo Gertjejanssens Gesprächen mit Zeitzeuginnen und – zeugen in der Ukraine geht hervor, dass Frauen, die sich während des Krieges mit Deutschen eingelassen hatten, die soziale Ächtung drohte; sie fanden zum Beispiel keinen Ehemann.157 Eine ihrer Interviewpartnerinnen war nicht bereit, den Namen einer Nachbarin zu nennen, die während des Krieges im Tausch gegen Nahrungsmittel mit Deutschen Sex gehabt hatte. Sie begründete dies damit, dass der Sohn dieser Frau noch lebte und sie ihm die Schande der Mutter ersparen wolle.158 Hier zeigt sich die langfristige Wirkungsmacht des gesellschaftlichen Urteils, das sogar nachfolgende Generationen betreffen kann.
In einem anderen Interview Gertjejanssens schildern zwei Zeitzeuginnen die Vergewaltigung einer jungen Frau im Jahr 1942. Zwei Deutsche hatten die 14-Jährige in ein Kornfeld verschleppt, wo sie sie brutal folterten und vergewaltigten. Erfahren hatten die Erzählerinnen diese Geschichte aber nicht von der Frau selbst, sondern von Dritten:
Frau 1: Sie wollte es nicht herumerzählen.
Frau 2: Niemand sollte über sie Bescheid wissen. Wissen Sie, sie [war] ein Mädchen.
Frau 1: Aber sie hat niemals geheiratet.
Interviewerin: Sie hat niemals geheiratet?
Frau 1: Nein … Nach dem Krieg hat sie es niemandem erzählt. Sie hat einfach alles für sich behalten, aber die Leute hatten gesehen, wie sie geschnappt wurde und wie sie sie für eine lange Zeit gefoltert haben …159
Die Interviewpassage macht deutlich, dass die Menschen im Umfeld der betroffenen Frau davon wussten, aber nicht mit ihr oder öffentlich darüber sprachen. Diese Art des Umgangs konnte einer Frau leicht vermitteln, dass sie Schuld an dem trug, was ihr widerfahren war. Die Aussage» sie war ein Mädchen «verweist nicht nur auf das Alter der Frau, sondern vor allem auf ihre Unerfahrenheit. Mit 14 Jahren galten Mädchen als» Jungfrauen«, symbolisierten Reinheit und Unberührtheit. Nach ihrer Vergewaltigung verlor eine Frau die kulturelle Zuschreibung der Unschuld und galt als» beschmutzt«. Im gesellschaftlichen Verständnis war ihre Ehre dann ebenso verletzt wie die des männlichen Kollektivs, das nicht in der Lage gewesen war, sie zu schützen.160 Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die oben zitierten Frauen es für folgerichtig halten, dass die vergewaltigte Frau in ihrem späteren Leben nicht geheiratet hat.
Die mit solchen Vorwürfen und Verdrehungen verbundene Atmosphäre aus Scham und Unterstellung wurde den bereits durch die sexuelle Gewalttat gedemütigten Frauen zusätzlich aufgebürdet. Man kann davon ausgehen, dass es für viele Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden waren, keinen Raum gab, ihre Verletzung zu äußern, geschweige denn, sich öffentlich gegen das ihnen widerfahrene Unrecht zu wehren.161 Vermutlich entschieden sich viele, das Erlebte zu verdrängen, nicht zuletzt, um ihre Alltagsnormalität wiederherzustellen. Das heißt möglicherweise auch, dass zahlreiche Frauen ihre sexuellen Gewalterfahrungen bis heute nicht annähernd verarbeitet haben.162
Auf spezifische Weise kompliziert war und ist die Thematisierung sexueller Gewalt für Frauen, die während des Nationalsozialismus als Jüdinnen verfolgt wurden. Zwar hat die Angst vor Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen, zum Beispiel durch erzwungenes Auskleiden und das Rasieren der Schamhaare, eine zentrale Bedeutung in Selbstzeugnissen jüdischer Frauen.163 Gleichwohl wurde das Erleben sexueller Gewalt bis in die 1990er Jahre selten als eigenständige Frage angesprochen.164 Joan Ringelheim führt dies darauf zurück, dass jüdische Frauen häufig davon ausgehen, ihre Erfahrungen sexueller Gewalt seien im Verhältnis zur Auslöschung der europäischen Jüdinnen und Juden nebensächlich, mehr noch: Schilderungen sexueller Gewalt würden die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Katastrophe der» Endlösung «ablenken.165
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie auch die Kinder der Überlebenden gingen lange davon aus, dass der Straftatbestand» Rassenschande «deutsche Männer prinzipiell davon abgehalten habe, sexuelle Gewalt gegen jüdische Frauen zu verüben.166 Auch manche der überlebenden Frauen scheinen sich mit dieser Vorstellung psychologisch geschützt zu haben. Die 1920 geborene polnische Jüdin Bella Katz erklärte während eines lebensgeschichtlichen Erinnerungsinterviews in Yad Vashem:»Ein Deutscher verspürte niemals Lust nach einem jüdischen Mädchen, denn es war nicht erlaubt, er entehrte seine Rasse, wenn er mit einem jüdischen Mädchen wegging.«167 Möglicherweise vermittelten Katz die NS-Rassengesetze bereits während der historischen Situation ein subjektives Sicherheitsgefühl – ähnlich wie in den Fällen, die eine Überlebende des KZ Ravensbrück schildert: Sogar nichtjüdische Frauen hätten mitunter behauptet, sie wären Jüdinnen, um sexuelle Angriffe abzuwehren.168
In der Gesamtschau zeigt sich, dass sowohl jüdische als auch nichtjüdische Frauen sich oft nicht in der Lage sahen, explizit über ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt zu sprechen.169 Einige Frauen entschieden sich, nicht über eigene, sondern über die Erlebnisse anderer Frauen (der Nachbarin, der Freundin oder der Schwester) zu sprechen oder ihre eigene Rolle in der Erzählung zu verschleiern. Die Juristin Fionnuala Ni Aolain hat vorgeschlagen, ein differenziertes Verständnis und Vokabular zu entwickeln, um Verletzungen der sexuellen Integrität in den Narrationen von Überlebenden zu erkennen und zu beschreiben.170 Neue sprachliche Möglichkeiten können, wie Hyunah Yang in Bezug auf Überlebende des» comfort women«-Systems der japanischen Armee verdeutlicht hat, für die betroffenen Frauen ein erster Schritt sein, sich als Gewaltopfer zu begreifen und sich auf eine neue Weise mit dem Erlittenen auseinanderzusetzen.171
Auch die Schilderungen von Frauen und Männern, die Gewalttaten nicht am eigenen Leib erfahren, aber beobachtet oder davon gehört haben, bleiben in vielen Fällen ungenau. Formulierungen wie»[die Soldaten] fielen über die Frau her «oder»[der Soldat] stellte dem Mädchen nach «lassen in manchen Kontexten offen, ob es sich um einen sexuellen Angriff handelte. Zumindest aber ist die Wortwahl so uneindeutig, dass sich das jeweilige Ereignis nicht konkretisieren lässt.172 Auffällig ist darüber hinaus, dass sich viele Geschichten in Inhalt, Wortwahl und Struktur ähneln. So findet man bei der Durchsicht von Interviews mit Überlebenden vergleichsweise häufig Passagen darüber, dass und wie es Frauen gelang, den Vergewaltigern auszuweichen und die Tat zu verhindern. Ebenso ist eine Reihe von Erzählungen über Selbstmorde von Frauen direkt vor oder nach Vergewaltigungen bekannt.173 In den häufiger weitergegebenen Geschichten werden generell die Unschuld der Frauen und ihre Bereitschaft betont, ihr Leben zu opfern, um ihre Ehre entweder im Vorfeld zu schützen oder nach einer erfolgten Vergewaltigung wiederherzustellen. Deutlich wird, dass diese Berichte bereits voraussetzen, die Unschuld und Ehre einer Frau werde durch ihre Vergewaltigung infrage gestellt.
Die Erzählungen über den Ablauf einer Vergewaltigung, über die Täter und die Opfer enthalten immer wiederkehrende Bilder und Formulierungen. Sharon Marcus verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff des» rape scripts«, um zu unterstreichen, dass es vorherrschende linguistische Regeln gibt, nach denen über eine Vergewaltigung gesprochen wird – diese lassen beispielsweise keinen Zweifel daran, dass Männer» die Subjekte der Gewalt und die Anwender ihrer Mittel«, während Frauen» die Objekte der Gewalt und die Subjekte der Angst «sind.174 Mit Blick auf den Vernichtungskrieg in der Sowjetunion zählt offenbar die Vergewaltigung eines jungen Mädchens, das sexuell unerfahren war und gar nicht wusste, wie ihm geschah, zu diesen Skripten.175 Die Häufigkeit dieses Motivs lässt nicht unbedingt darauf schließen, dass es besonders oft zu sexuellen Gewalttaten gegen junge Mädchen kam. Sie deutet vielmehr darauf hin, dass diese Erzählung in der herrschenden Geschichtsdeutung autorisiert und damit im Unterschied zu anderen kommunikabel ist.176 Tatsächlich spielte die Figur des» kleinen Mädchens«, das den» vielen Faschisten «hilf- und schutzlos ausgeliefert war und vergewaltigt und getötet wurde, nach 1945 auch in sowjetischen Lehrbüchern eine wichtige Rolle.177
In zahlreichen Erzählungen wird die tatsächliche und symbolische Unschuld des reinen,»jungfräulichen «Mädchens noch dadurch betont, dass es seiner schützenden Familienstrukturen beraubt ist. Jelena Jefimowna Borodjanskaja-Knysch erinnert sich daran, wie eine Gruppe deutscher Männer eine junge Frau angriff, als sie mit anderen Jüdinnen und Juden in der Schlucht von Babi Jar178 (Ukraine) ankam:
Niemals werde ich die fünfzehnjährige Sara vergessen. Es fällt schwer, die Schönheit dieses Mädchens zu beschreiben. Die Mutter raufte sich die Haare und rief mit herzzerreißender Stimme:»Tötet uns gemeinsam«… Die Mutter erschlugen sie mit dem Gewehrkolben, mit dem Mädchen hatten sie es nicht eilig: Fünf oder sechs Deutsche zogen sie splitternackt aus, was weiter geschah – ich weiß es nicht, ich habe es nicht gesehen.179
Borodjanskaja-Knysch bricht ihre Schilderung mit der erzwungenen Nacktheit des Mädchens ab. Sie habe nicht gesehen, was danach passierte. Dies mag stimmen oder nicht. Bemerkenswert ist, dass viele Erzählungen zu sexueller Gewalt so abrupt abbrechen. Der eigentliche Akt bleibt unausgesprochen. In der Tat wird vergleichsweise oft eine bestimmte Situation en détail beschrieben, während die dann folgende Gewalttat ausgespart wird.180 Damit wird auf ein kollektives Imaginäres verwiesen, auf bestimmte Bilder vom Ablauf einer Vergewaltigung, die die Adressatinnen und Adressaten der Erzählung im Kopf haben. Die Vorstellung dessen, was passiert ist, bleibt deren Fantasie überlassen.
Borodjanskaja-Knyschs Formulierung» mit dem Mädchen hatten sie es nicht eilig «dient auch dem Zweck, den Grad an Perversion zu belegen, den die von Wehrmacht, SS und Polizei verübte Gewalt annehmen konnte. Sara Horowitz geht davon aus, dass Vergewaltigung in vielen Erzählungen über den Holocaust» eine treffende Metapher für drastische Folter «darstellt. Vergewaltigung repräsentiert eine extreme Form von Terror und Entwürdigung, die aber doch in den normalen Bezugsrahmen aller zeitgenössischen Gesellschaften gehört.181 Tatsächlich werden Vergewaltigungen oft eher als allgemeines Phänomen thematisiert, eingebettet in eine Aufzählung verschiedener Verbrechen. So schildert der Journalist Ruwim Issajewitsch Fraerman, bei der Einnahme Lembergs182 (Ukraine) Ende Juni 1941 durch die Deutschen sei es zu» Verwüstungen, Diebstahl, Mord und Vergewaltigungen «gekommen. In welchem Ausmaß die Deutschen einheimische Frauen vergewaltigten, wie dies vonstatten ging und wie darüber gesprochen wurde, bleibt unklar.183 Die gesellschaftliche Praxis, Vergewaltigung als etwas zu behandeln, worüber man spricht, ohne genauer zu sagen, wer der oder die Täter, wer das oder die Opfer und welcher Art die Gewalttaten waren, wehrt jedoch die Frage nach den Ursachen und Motiven ab.184
Kinder
Eine der Fragen, mit denen sich manche Frauen nach sexuellen Zusammentreffen mit deutschen Soldaten auseinandersetzen mussten, war die einer Schwangerschaft. Wie im Verlauf dieses Buches noch dargestellt wird, entschieden sich manche Frauen für einen Abbruch, andere bekamen das Kind. Im Allgemeinen bezeichnet man diese Nachkommen einer einheimischen Frau und eines Besatzungssoldaten als» Besatzungskinder«. Damit sind Kinder, die in einer Kriegs- oder Besatzungssituation bei einer Vergewaltigung gezeugt werden, ebenso gemeint wie Kinder, die aus romantischen Verhältnissen stammen. Es gab und gibt sie nach fast allen Kriegen und in vielen Ländern. Abhängig von der jeweiligen Perspektive auf die Kriegs- und Besatzungssituation werden sie auch» Befreiungs-«,»Kollateral-«,»Kriegs-«,»Soldaten-«oder» Kollaborationskinder «genannt.185
Im deutschen Sprachraum wird der Begriff Besatzungskinder heute vor allem für Kinder verwendet, die nach dem Ersten Weltkrieg während der sogenannten Rheinlandbesetzung (1918–1930)186 oder nach dem Zweiten Weltkrieg als Kinder von alliierten Soldaten gezeugt wurden.187 Im Duden aus dem Jahr 1999 heißt es unter dem Eintrag» Besatzungskind«:»Kind eines [farbigen] Besatzungsangehörigen u. einer einheimischen Frau«.188 Diese Definition ist insofern zutreffend, als sich die öffentliche Diskussion über die Bedeutung und die Rolle der Besatzungskinder (fast) immer um die äußerlich Erkennbaren, um die Kinder nichtweißer Hautfarbe, drehte.189 Sie wurden nicht nur als gesellschaftliche Schande wahrgenommen, sondern als» Mischlingskinder «darüber hinaus rassistischen Diskriminierungen und Ausgrenzungen unterworfen.190 Trotz dieser besonderen Position, in der sich Kinder schwarzer Väter befinden, werden in der Forschung sowie von Betroffenenverbänden aber auch jene Kinder als Besatzungskinder bezeichnet, deren Väter weiße Besatzungssoldaten waren.191
Heide Fehrenbach hat gezeigt, dass westdeutsche Kommentatoren in den 1950er Jahren das» Kinderproblem «der Nachkriegszeit als Ergebnis der» Fremdbesatzung «und deswegen nicht als deutsches, sondern als importiertes Problem betrachteten.192 Und auch in der deutschen Medienberichterstattung der vergangenen Jahre wurden in erster Linie die biologischen Erzeuger der Kinder für deren häufig schwieriges Leben verantwortlich gemacht.193 Oft werden die alliierten Soldaten dabei als herz- und rücksichtslose Angehörige der Siegermächte dargestellt, die Frauen geschwängert und dann keinen weiteren Gedanken an sie verschwendet hätten194 – eine Sichtweise, die sich nahtlos in die deutsche Selbstwahrnehmung als Opfer von Bombenkrieg und alliierter Besatzung einfügt.195
Während die Kinder alliierter Soldaten und deutscher Frauen mit solchen Schilderungen einen festen Platz in der deutschen Erinnerung an die Kriegs- und Nachkriegszeit einnehmen, werden die Kinder, die deutsche Männer zwischen 1939 und 1945 in Norwegen, Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Polen, der Sowjetunion, der Tschechoslowakei, Rumänien, in Jugoslawien, Griechenland und Italien gezeugt haben, bis heute weitgehend verdrängt.196 Auf die Existenz dieser Kinder wurde die deutsche Öffentlichkeit erst im Frühjahr 2001 aufmerksam, als sieben Betroffene eine Entschädigungsklage vor dem Osloer Stadtgericht einreichten. Sie waren während der deutschen Besatzung in Norwegen zwischen 1940 und 1945 geboren worden; ihre Mütter sind Norwegerinnen, ihre Väter Deutsche. Während der Besatzung hatte das NS-Regime ihnen besondere Aufmerksamkeit gewidmet, denn als Träger» rassisch wertvollen Blutes «sollten sie zu» deutschen Vorposten im norwegischen Volk «werden.197 Nach dem Sieg über Deutschland folgte dieser besonderen Zuwendung eine entschiedene Ablehnung: Wegen ihrer Abstammung von Deutschen wurden die Kinder in der norwegischen Gesellschaft und sogar von staatlicher Seite diskriminiert. Sie wuchsen in Heimen, Pflegefamilien, bei ihren Müttern oder deren Verwandten auf, oft ohne Details ihrer Herkunft zu kennen. Ihre Erziehungsberechtigten schwiegen beharrlich, während Kinder, Lehrer, Nachbarn und oft auch ihre nächsten Angehörigen sie als» Deutschenbastarde «beschimpften. Die meisten fühlten sich minderwertig oder schämten sich, häufig ohne zu wissen, warum. Manche der Kinder wurden körperlich misshandelt. Im Extremfall wurden sie als» Geisteskranke «entmündigt und in geschlossenen Heimen untergebracht; an einigen führte man sogar medizinische Experimente durch.198
In Deutschland wurde zwar über den Osloer Prozess berichtet, allerdings kaum als» deutsches Thema«. Weitaus mehr beschäftigte sich die Presse mit den Stigmatisierungen und Ausgrenzungen, die die Betroffenen nach dem Krieg in ihren Geburtsländern erlebt haben. Dabei schwingt oft eine implizite Gleichsetzung zwischen den europäischen Nachkriegsgesellschaften und dem nationalsozialistischen Deutschland mit. Die Journalistin Ebba Drolshagen brachte deshalb den Begriff» Wehrmachtskinder «in die Diskussion ein.199 Mit diesem Terminus möchte sie deutlich machen, dass auch die deutschen Väter eine Verantwortung für das Schicksal ihrer in den Besatzungsgebieten gezeugten Kinder tragen. Dabei nimmt sie in Kauf, dass ihr Begriff historisch ungenau bleibt, denn nicht jeder Deutsche, der in den besetzten Gebieten ein Kind gezeugt hat, war Angehöriger der Wehrmacht, auch Männer aus SS und Polizei, den zivilen Besatzungsbehörden und privaten Betrieben waren darunter.200 Der historische Zusammenhang ist jedoch der Krieg der Wehrmacht in Europa, und so wird auch in der vorliegenden Untersuchung mitunter der Begriff Wehrmachtskinder verwendet. Gleichwohl bleibe ich aber auch bei dem Terminus Besatzungskinder, um das Augenmerk darauf zu lenken, dass sich hinter diesem Wort nicht nur die Kinder der» anderen «verbergen. Es gilt, aus deutscher Perspektive zu erforschen, wie mit diesen Kindern umgegangen wurde, während des Krieges wie in der Nachkriegszeit, im Privaten wie in öffentlichen Auseinandersetzungen sowie durch die deutschen Behörden.
In der vorliegenden Arbeit nehme ich dies in den Blick, indem ich die Diskussion der NS-Institutionen über diese Kinder dokumentiere. In den Archivbeständen zum RMbO und zum RKO finden sich, wie bereits erwähnt, zwei umfangreiche Akten zum Umgang mit den Kindern deutscher Männer und einheimischer Frauen in der Sowjetunion. Sie enthalten Briefwechsel, Notizen, Sitzungsprotokolle und Weisungen, die es uns erlauben, die Auseinandersetzung über die Bedeutung und das vermeintliche Potential der Kinder zeitlich wie inhaltlich nachzuvollziehen. Darüber hinaus nahm Himmler sich als Reichskommissar zur Festigung deutschen Volkstums (RKF) der Kinder an. Mithilfe der durch seinen Stab dokumentierten Aufzeichnungen, Reden und Briefwechsel lässt sich im Detail zeigen, wie die Kinder zu einem Topos der Politik gemacht wurden.
Die Frage, wie viele deutsch-sowjetische Kinder im Zuge des Krieges tatsächlich geboren worden sind, entzieht sich bis heute ebenso einer seriösen Antwort wie die nach dem Umfang, in dem Wehrmachts- und SS-Angehörige sexuelle Zusammentreffen suchten, oder die nach der Anzahl der Militärs, die daran beteiligt waren, die soldatischen Aktivitäten zu kontrollieren.201 Auch in den folgenden Kapiteln wird nicht der Anspruch erhoben, eine realistische quantitative Schätzung abzugeben. Vielmehr geht es darum, der vielschichtigen Verwobenheit von Geschlecht, Sexualität, Krieg und Gewalt während des Vernichtungskrieges auf den Grund zu gehen.
Private Fotografien von Wehrmachtssoldaten, Teil I
Auswahl und Recherche von Petra Bopp
Die von Soldaten fotografierten Szenen dokumentieren Selbst- und Fremdwahrnehmungen meist noch sehr junger Männer. Sie halten Alltagsverrichtungen wie das gegenseitige Schneiden der Haare, das Waschen am Brunnen oder im Fluss, das Entlausen der Kleidung, den Handel mit Einheimischen und das gemeinsame Zubereiten von Mahlzeiten fest.

1 Konvolut Gisbert Witte, Sowjetunion, in der Nähe von Moskau, 1941

2 Konvolut Gisbert Witte, Sowjetunion, in der Nähe von Moskau, 1941

3 Konvolut Herbert Achenbach, Ukraine, zwischen 1941 und 1943

4 Album Hans Mayer,»Unter der Dusche«, Ukraine, 1941/42

5 Album II Hans-Georg Schulz, Sowjetunion, 1942

6 Album III Walter Gerloff, Ukraine, 1941

7 Album Georg Möller,»Beim Lausen«, Ukraine, zwischen 1941 und 1944
Einigen Bildern ist zu entnehmen, dass die Alltagsaktivitäten der Soldaten in unmittelbarer Nähe zu den vor Ort lebenden Frauen stattfanden.

8 Konvolut Gisbert Witte, Sowjetunion, 1941

9 Tagebuch Jürgen W.,»In der Stellung entwickelt sich ein reger Tauschhandel: Kopftücher aus Zelwa gegen Gänse, Eier und Honig«, Sowjetunion, 1941

10 Konvolut Willi Rose,»Eierhandel. Vom Donez zum Don«, Ukraine, 1942

11 Album Georg Möller,»Flachs brechen«, Ukraine, 1941/42

12 Album anonym,»Eine Dorfschöne wird geneckt«, Asowsches Meer, Sowjetunion, 1942

13 Album anonym, Sowjetunion, ohne Jahr

14 Album Karl-Heinz Müller, Sowjetunion, ohne Jahr

15 Album anonym,»Badenixen«, Asowsches Meer, Sowjetunion, 1942

16 Konvolut Heinrich Hindersmann,»Sonntagnachmittag«, Sowjetunion, 1941

17 Album Dr. Karl Dieter Zoller,»Panjinkas beim Tanz«, Sowjetunion, 1942/43
II. Sexuelle Gewalt
Willi Peter Reese, Jahrgang 1921, wollte Schriftsteller werden. Als er zur Wehrmacht eingezogen wurde, legte er seine Erfahrungen als Soldat der Heeresgruppe Mitte in einem Kriegstagebuch nieder, das er später zu veröffentlichen gedachte. Reese kam bei den Rückzugsgefechten der Wehrmacht Ende Juni 1944 in Weißrussland um; sein Tagebuch erhielt zusammen mit Briefen und weiteren Aufzeichnungen seine Mutter. Aus diesem Material stellte der Stern-Journalist Stephan Schmitz knapp 60 Jahre nach Reeses Tod das Buch» Mir selber seltsam fremd «zusammen. In einer Passage beschreibt der junge Autor die Rast seiner Einheit während der Flucht vor der Roten Armee im September 1943 bei Gomel202 (Weißrussland):
Wir sangen bei Rotwein und Likören, Wodka und Rum, stürzten uns wie Todgeweihte in den Rausch, tranken und tanzten, sprachen von Wissenschaften und Erotik mit betrunkenen Stimmen, […] teilten uns Liebeskummer und Heimweh mit, lachten wieder und tranken weiter, jauchzten, tobten über die Geleise, tanzten in den Wagen und schossen in die Nacht hinein, ließen eine gefangene Russin Nackttänze aufführen und bestrichen ihre Brüste mit Stiefelfett, machten sie so betrunken wie wir selber waren und wurden erst nüchtern, als wir nach fünf Tagen Gomel erreichten.203
Zu dem Rausch, den Reese hier schildert, gehört wie selbstverständlich auch die sexuelle Erniedrigung der» gefangenen Russin«. Sie fügt sich nahtlos in die Darstellung des Saufgelages ein, mit dem die» Todgeweihten «dem Krieg, ihrer Angst, ihrer Verlorenheit und Heimatlosigkeit – Gefühlen, die Reese zuvor erwähnt – zu entkommen suchten. Thomas Kühne hat gezeigt, dass der gemeinsame Alkoholkonsum in den Wehrmachtseinheiten die Kameradschaft der Soldaten untereinander bekräftigte und neu erzeugte, wobei sexuelle Erlebnisse schnell zum Stoff für später immer wieder erzählte» Abenteuergeschichten «werden konnten.204 In der hier beschriebenen Situation stellte der sexuelle Gewaltakt – nach Gesprächen über» Erotik «und» Liebeskummer«, nach Lachen, Jauchzen und Tanzerei – den Höhepunkt der Ausgelassenheit dar. Reese erachtete es weder vor noch nach dieser Szene als notwendig, die Anwesenheit der Russin zu erläutern: Wann war sie gefangen genommen worden? Befand sie sich schon länger im Gefolge von Reeses Einheit? Und aus welchem Grund war sie ins Visier der Deutschen geraten? Durch diese Leerstelle wird die Frau in seiner Erzählung völlig auf ihre Rolle als Objekt des soldatischen Amüsements reduziert. Vermutlich empfanden die Männer ihre Erniedrigung nicht einmal als Akt sexueller Gewalt – ganz im Sinne der damals und auch heute noch verbreiteten Vorstellung, dass es sich bei sexueller Gewalt um» einen natürlichen, wenn auch forcierten Akt zwischen Mann und Frau [handele], der nicht wirklich verletzend sei, solange nicht extreme Gewalt angewendet werde«.205
Die Tatbestände sexueller Gewalt in den Beispielen, die der Volkskommissar für ausländische Angelegenheiten der UdSSR, Wjatscheslaw M. Molotow, auf der Grundlage von Augenzeugenberichten am 7. Januar 1942 veröffentlichte, waren nach diesem Verständnis sehr viel eindeutiger. Bei den Nürnberger Prozessen wurde der Bericht vier Jahre später als Beweisstück USSR 51 herangezogen:
In dem Dorf Semjonowskoje, im Bezirk Kalinin, fesselten und vergewaltigten die Deutschen die 25jährige Olga Tichonowa, die Frau eines Rotarmisten, Mutter von drei Kindern, die hochschwanger war. Nach der Vergewaltigung durchschnitten sie ihr den Hals, durchstachen ihre beiden Brüste und schnitten sie auf sadistische Art ab. […]
Die niederträchtigen Gewalttaten an Frauen und Mädchen erstreckten sich in den okkupierten Gebieten auf alle Orte. In dem ukrainischen Dorf Borodajewka, im Bezirk Dnjepropetrowsk, vergewaltigten die Faschisten alle Frauen und Mädchen. In dem Dorf Beresowka, im Bezirk Smolensk, vergewaltigten und verschleppten betrunkene deutsche Soldaten alle Frauen und Mädchen im Alter von 16 bis 30 Jahren.
In der Stadt Smolensk eröffnete das deutsche Kommando in einem der Hotels ein Offiziersbordell, in das Hunderte von Mädchen und Frauen geschleppt wurden. Sie wurden an den Armen und Haaren gezerrt und erbarmungslos über das Pflaster geschleift. […]
In der Stadt Lemberg wurden 32 Arbeiterinnen der Lemberger Konfektionsfabrik vergewaltigt und dann von den deutschen Sturmtruppen ermordet. Die betrunkenen deutschen Soldaten schleppten die Lemberger Mädchen und jungen Frauen in den Kostjuschkopark, um sie bestialisch zu vergewaltigen. Der alte Geistliche W. L. Pomasnew, der mit einem Kreuz in den Händen den Versuch machte, die Vergewaltigung der Mädchen zu verhindern, wurde von den Faschisten mißhandelt. Sie rissen ihm den Priesterrock ab, zündeten ihm den Bart an und erstachen ihn mit Bajonetten. In Weißrußland, nahe der Stadt Borrissow, fielen den Hitler-Faschisten 75 Frauen und Mädchen in die Hände, die beim Anmarsch der deutschen Truppen geflohen waren. 36 Frauen und Mädchen wurden von den Deutschen vergewaltigt und darauf bestialisch ermordet. Das 16jährige Mädchen L. I. Meltschukowa führten die Soldaten auf Befehl des deutschen Offiziers Hummer in den Wald, wo sie es vergewaltigten. Nach einiger Zeit sahen andere Frauen, die ebenfalls in den Wald geführt worden waren, daß bei den Bäumen Bretter standen, an denen die sterbende Meltuschowa aufgespießt war. Die Deutschen haben ihr vor den Augen der anderen Frauen, unter ihnen W. J. Alperenko und M.W. Beresnikowa, die Brüste abgeschnitten.206
Die beiden hier zitierten Ausschnitte aus Reeses Kriegstagebuch und Molotows Bericht deuten die Bandbreite der sexuellen Gewalttaten an, die deutsche Truppenangehörige in den besetzten Gebieten der Sowjetunion verübten. Zwar erlaubt Molotows Aufzählung keine gesicherten Rückschlüsse darauf, was im Einzelnen vor Ort passiert ist: Er weist seine Informantinnen und Informanten nicht aus, die Beschreibungen sind bruchstückhaft und ungenau, und dem Ton lässt sich entnehmen, dass der Text zu Propagandazwecken zusammengestellt worden ist.207 Gleichwohl äußerte keiner der Anwesenden im Gerichtssaal Zweifel an der grundsätzlichen Aussage des Dokuments, dass sexuelle Gewalttaten durch deutsche Männer in Osteuropa und Russland beileibe keine Einzelfälle waren und überdies mit anderen Gewaltformen einhergingen. In der Tat kamen auch an anderen Stellen in der Verhandlung sowie vor Untersuchungskommissionen und in weiteren Nachkriegsprozessen sexuelle Gewalttaten immer wieder zur Sprache.208 Derartige Beschreibungen dienten vornehmlich dazu, die besondere Grausamkeit und Perversion der Täter hervorzuheben und den von ihnen verübten Zivilisationsbruch zu unterstreichen.
Die Angeklagten wiederum zogen ihrerseits Fälle sexueller Gewalt heran, um zu betonen, dass sie die Grenzen der» Sittlichkeit «ausdrücklich nicht überschritten hätten. Der ehemalige Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall von Manstein, versuchte am Beispiel der Verurteilung zweier Soldaten aus seinem Korps zu belegen, dass in der Wehrmacht ein» anständige[s] Soldatentum «geherrscht habe. Gleich zu Beginn des Russlandfeldzuges seien die beiden zum Tode verurteilt worden, da sie – als Einzelne – den Moralkodex verletzt und eine alte Frau vergewaltigt und dann ermordet hätten.209 Auch Hermann Göring, vormals Oberster Gerichtsherr und Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, behauptete vor dem Nürnberger Tribunal, keinen Fall von» Notzucht «toleriert zu haben. Zu seiner Verteidigung brachte er vor, er sei bereit,»absolut und gerne die Verantwortung auch für schwerste Dinge «zu übernehmen,»Schändungen von Frauen «hätten ihm aber zutiefst widersprochen.210 Unabhängig davon, ob die erwähnten Bestrafungen tatsächlich vollzogen wurden,211 ist es bemerkenswert, dass beide Angeklagte ungefragt ihren Umgang mit sexueller Gewalt gegen Frauen als Beleg für ihre persönliche Anständigkeit beziehungsweise die der Wehrmacht ins Feld führten. Deutlich wird hier, dass sexuelle Gewalt zu einer symbolischen Schnittstelle zwischen Ehrenhaftigkeit und Ehrverlust werden konnte: Während Vergewaltigung innerhalb des Männerbundes Militär, wie ich im Laufe dieses Kapitels noch zeigen werde, durchaus als Beweis von Männlichkeit und – in der Weiterung – männlicher Ehre galt, konnten diejenigen, die eine Vergewaltigung verübt hatten, vor allem nach der Niederlage auch schnell als» deviante «Einzeltäter abgestempelt werden, die die Armee» entehrt «hatten.
Diese Umwertung führte vor dem Nürnberger Tribunal allerdings nicht zu einer genaueren Untersuchung der Fälle von sexueller Gewalt, die während der Beweisaufnahme dokumentiert wurden. Obgleich es nach der damaligen Rechtslage durchaus möglich gewesen wäre, Vergewaltigung und andere Formen sexueller Gewalt anzuklagen und zu verurteilen,212 wurde keiner der Zeugen näher dazu befragt. Es bestand offenbar kein Interesse daran, diese Form der Gewalt gegen Frauen explizit zu sanktionieren. Hier deutet sich ein weitgehendes Einverständnis der Beteiligten an: Mitte des 20. Jahrhunderts galt sexuelle Gewalt gegen Frauen im Militär wie in der Gesellschaft, in Politik und Rechtsprechung noch als gleichsam natürliche Begleiterscheinung des Krieges.213
Lediglich auf dem asiatisch-pazifischen Schauplatz kam Vergewaltigung nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen der Nachfolgeprozesse des Internationalen Militärgerichtshofs in Tokio (IMTFE) vor Gericht, und zwar in der ehemaligen niederländischen Kolonie Indonesien: Bei dem Tribunal in Batavia, dem heutigen Jakarta, wurde 1946 ein japanischer Barbetreiber verurteilt, weil er Niederländerinnen unter Androhung von Haft gezwungen hatte, in seinem Betrieb der Prostitution nachzugehen.214 Und in Maccasar verurteilte man 1947 neun japanische Soldaten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zum Tode, wobei einer der Anklagepunkte lautete, Niederländerinnen zwangsweise ausgekleidet, zur Schau gestellt und vergewaltigt zu haben.215 Die Interessenlage, die zu diesen Verurteilungen geführt hat, war allerdings vor allem durch machtpolitische Motive geprägt: Verhandelt wurden lediglich 35 der etwa ein- bis zweihundert Fälle weißer Niederländerinnen, obgleich auch mehrere tausend Indonesierinnen Opfer von Kriegsvergewaltigungen sowie sexueller Versklavung in den Militärbordellen der japanischen Armee geworden waren216 – ein Hinweis darauf, dass hier nicht sexuelle Gewalt gegen Frauen geahndet, sondern mithilfe der Verfahren nationale Interessen verfolgt wurden.217
Formen und Funktionen sexueller Gewaltakte
Erst mit den Verfahren vor den Internationalen Strafgerichtshöfen für das ehemalige Jugoslawien (ICTY, seit 1994) und für Ruanda (ICTR, seit 1997) sowie mit dem im Jahr 2000 in Kraft getretenen Statut des ständigen Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag (IStGH) wurden sexuelle Gewalttaten im Völkerrecht neu bewertet und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, schwere Kriegsverbrechen und Völkermord kodifiziert.218 In die neue Rechtsprechung flossen auch Erkenntnisse aus der feministischen Forschung ein. Maßgebend ist die Einsicht, dass die Ausübung sexueller Gewalt gegen Frauen in bewaffneten Konflikten kein vereinzeltes» Kavaliersdelikt «ist, sondern regelhaft ausgeübt wird, um das gegnerische Kollektiv zu schädigen. Da zum Auftrag einer Armee gemeinhin auch der Schutz und die Verteidigung der» eigenen «Frauen gehören, ist es naheliegend, dass die Frauen des Gegners zu einem zentralen Angriffsziel werden können. Sie verkörpern nicht nur das zu verteidigende Territorium; sondern gelten auch als diejenigen, die das (biologische und soziale) Fortleben einer Gesellschaft sichern und ihre Kultur vermitteln.219 Ein Angriff auf die sexuelle Identität, Intimsphäre und Reproduktionsfähigkeit vermag daher zu einer Waffe zu werden, um das soziale Gefüge, die Kultur und die biologischen Grundlagen des Gegners zu zerstören.220 In den Worten Ruth Seiferts ausgedrückt, stellt der weibliche Körper eine» symbolische Repräsentation des Volkskörpers «dar, womit die Vergewaltigung von Frauen zur» symbolischen Vergewaltigung des Körpers dieser Gemeinschaft «wird.221
Diese neue Betrachtungsweise sexueller Gewalt ist seit den 1990er Jahren international auf viel Resonanz gestoßen. Inzwischen konzentriert sich die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema immer stärker auf Vergewaltigung als Waffe in genozidalen Konflikten; die geschlechtsspezifischen Aspekte des Verbrechens drohen dabei gar verdrängt oder verleugnet zu werden.222 Vor diesem Hintergrund ist die neuere Rechtsprechung bereits wieder in die Kritik geraten.223 Unabhängig von solchen Erwägungen zu den gesellschaftspolitischen Interpretationen und der juristischen Praxis haben jedoch gerade die Entwicklungen im Völkerrecht dazu geführt, dass der Blick auf sexuelle Gewaltverbrechen in den letzten Jahren wesentlich genauer geworden ist. Insbesondere die Ausdifferenzierung der Tatbestände danach, ob es sich um erzwungene Nacktheit, sexuelle Folter, Vergewaltigung mit dem Penis, Vergewaltigung mit den Händen, Vergewaltigung mit Gegenständen, sexuelle Versklavung, erzwungene Prostitution, Zwangsschwängerung oder erzwungene Schwangerschaft224 handelt, macht das Spektrum der Verbrechen – die Unterschiedlichkeit der Motive, des Geschehens, der Funktionen und der Bedeutungen – deutlich.225
Im Zusammenhang damit hat sich auch gezeigt, dass ein Teil der sexuellen Gewalttaten die vorherrschenden geschlechtsspezifischen Erwartungen unterläuft. So kennen wir heute zum Beispiel einige Fälle, in denen Frauen die Männer in ihrer Umgebung zu sexueller Gewalt (gegen Frauen und gegen Männer) angestiftet oder derartige Taten selbst verübt haben.226 Die detaillierte Dokumentation sexueller Gewalttaten in kriegerischen Konflikten, die in den letzten Jahren vor allem von Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch durchgeführt worden ist, belegt überdies, dass es in vielen bewaffneten Konflikten zu sexueller Gewalt gegen Männer kommt – laut Ruth Seifert eines der» am besten gehüteten Tabus unserer Kultur«.227 Nach der Auffassung der Opfer wie auch der Täter wird ein Mann durch seine sexuelle Unterwerfung feminisiert und zumindest symbolisch aus dem männlichen Herrschaftsverbund ausgeschlossen.228 Bis heute ist es daher für viele Männer unmöglich, sich (und anderen) einzugestehen, zum Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. Tatsächlich ist gerade Vergewaltigung ein Begriff, der fast ausschließlich für Gewalttaten gegen Frauen reserviert bleibt. Antije Krog interpretiert dies als sexistische Abgrenzung:»Dadurch machen sie [die Männer, R. M.] Vergewaltigung zu einer Frauensache.«229
Im Lichte derartiger Debatten, die deutlich machen, dass das Phänomen sexuelle Gewalt weitaus vielschichtiger ist, als lange angenommen, sollen im Folgenden die historischen Quellen betrachtet werden. Dabei definiere ich manche Gewaltakte als sexuell, die von den Zeitzeuginnen und – zeugen vermutlich nicht (oder jedenfalls nicht bewusst) so verstanden worden sind.230 Erzwungenes Auskleiden oder Leibesvisitationen beispielsweise lassen sich durchaus als sexuelle Übergriffe deuten, zumal wenn sie mit anderen Gewaltformen einhergehen. Ebenso wird die Begutachtung des Penis, um zu überprüfen, ob ein Mann beschnitten ist – und daraus Rückschlüsse auf seine Religion zu ziehen —, in der Forschung immer häufiger als Angriff gegen die sexuelle Integrität von Jungen und Männern gewertet.231
Im deutschsprachigen Raum wird heute oftmals der Begriff sexualisierte Gewalt für die hier zur Debatte stehenden Gewalttaten verwendet. Dahinter steht der Gedanke, dass es bei dieser Form von Gewalt nicht um Sexualität geht, sondern um» die Ausübung von Macht auf Seiten der Täter, um Erniedrigung, Demütigung und Zerstörung«, wie Karin Griese es in ihrer Einleitung zu dem Sammelband» Sexualisierte Kriegsgewalt und ihre Folgen «formuliert.232 Den Anstoß zu solchen Überlegungen gab Susan Brownmiller 1975 in ihrem Buch» Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft«, in dem sie die vorherrschende gesellschaftliche Annahme, Vergewaltigung sei sexuell motiviert, als Ursache dafür ausmachte, dass Frauen eine (Mit-)Schuld für ihre Vergewaltigung zugesprochen bekamen. Die gängigen Vorstellungen von männlicher und weiblicher Sexualität suggerierten laut Brownmiller, Frauen würden erobert und vergewaltigt werden wollen – eine Sichtweise, die sie als Männerphantasien zurückwies.233 Stattdessen vertrat sie die These, Sexualität stelle bei Vergewaltigungsfällen kein eigenständiges Motiv dar, sondern sei lediglich ein Machtmittel, mit dem Männer Frauen unterwerfen.234
Solche Thesen von Brownmiller und anderen haben einen Prozess des Umdenkens ausgelöst. Frauen wird bei Vergewaltigungen zwar nach wie vor häufig eine (Mit-)Schuld unterstellt, dennoch haben sich Medienberichterstattung und Rechtsprechung seit den 1970er Jahren in vielen Ländern deutlich verändert. Brownmillers Trennung von Gewalt (als Effekt patriarchaler Macht) und Sexualität (als Ausdruck oder Mittel dieser Macht) ist gleichwohl problematisch. Denn sie verschleiert das Spezifische dieser Art von Gewalttaten. Sie negiert, dass auch gewaltsamer Sex Sexualität ist: Ein Vergewaltiger empfindet Lust, er genießt es, den (physisch und psychisch verfassten) Körper eines anderen Menschen gegen dessen Willen in Besitz zu nehmen. Und diejenigen, die in einer solchen Situation Ohnmacht erfahren, sind nicht nur mit den Aggressionen des Angreifers konfrontiert, sondern auch mit seiner sexuellen Übermacht.235
In Abgrenzung von Brownmiller begreift Ann Cahill Vergewaltigung als» verkörperte Erfahrung«. Eine Person wird zum Opfer, weil sie im Moment der Tat auf ihre körperlichen Eigenschaften als Frau oder Mann reduziert wird. Und genau diese Reduktion macht den Angriff immer auch sexuell. Dabei erachtet Cahill es als zweitrangig, ob die Motivation des Täters primär sexuell ist oder in seinem Bedürfnis nach Macht begründet liegt. Sie macht vielmehr deutlich, dass beides untrennbar miteinander verwoben ist,236 und wird damit meines Erachtens der Spezifik des Phänomens eher gerecht. Im Anschluss an Cahill spreche ich daher hier von sexueller Gewalt.237
Welche unterschiedlichen Formen diese im Kontext des Vernichtungskrieges in der Sowjetunion annehmen konnte, wird im Folgenden dokumentiert. Dabei unterscheide ich zunächst zwischen unterschiedlichen Kriegs- und Besatzungssituationen. Gegen wen richteten sich die Gewaltakte; machten die Täter Unterschiede im Hinblick auf den nationalen, ethnischen oder religiösen Hintergrund der Opfer? Und welche Funktionen erfüllte sexuelle Gewalt – für sich genommen, aber auch an andere Gewaltformen gekoppelt? Im Anschluss an diese Fragen gehe ich dann der Innensicht der Truppe nach: Wie wurde sexuelle Gewalt innerhalb der Wehrmacht und der SS verhandelt, und wie gingen die Militärführung und die einzelnen militärischen Einheiten mit solchen Gewalttaten um?238
Situationen
Eine Untersuchung der Geschichte sexueller Gewalt während des Krieges und der Besatzung in der ehemaligen Sowjetunion stützt sich zwangsläufig auf Überlieferungen, die von zeitgenössischen Vorstellungen und subjektiven Erfahrungen heterosexueller Gewalt sowie von geschlechtsspezifischen Zuschreibungen von Schuld und Scham geprägt sind. In vielen Fällen geben die Quellen nur wenige verlässliche Details wieder. Man kann heute in der Regel nicht nachweisen, ob das Beschriebene sich tatsächlich auf diese Weise zugetragen hat. Zudem muss man damit rechnen, dass Betroffene oder Augenzeuginnen und – zeugen Details verschweigen, etwa weil sie ihnen zu intim erscheinen, oder ausschmücken, um die besondere Grausamkeit der Täter zu betonen (womit zumindest im Subtext unterstrichen wird, dass die Opfer den deutschen Männern hilflos ausgeliefert waren und es außerhalb des Möglichen lag, Gegenmaßnahmen zu ergreifen).239
Angesichts dieser Problematik geht es in den folgenden Ausführungen weniger um die einzelnen Erzählungen, die lediglich als Beispiele herangezogen werden, sondern ausschlaggebend sind die Fülle und das Ensemble der Quellen: Zu jeder Schilderung gibt es andere, die ähnliche sexuelle Gewalttaten beschreiben. In der Gesamtschau werden auch die geschlechtsspezifischen Besonderheiten in den Erzählweisen deutlich – von Tätern, Opfern, Zuschauerinnen und Zuschauern. Da der Fokus dieser Arbeit darauf liegt, den Umgang mit sexueller Gewalt in den» besetzten Ostgebieten «generell zu beleuchten, werden hier Erzählungen aus unterschiedlichen Territorien nebeneinandergestellt; das jeweilige Kriegsgeschehen vor Ort wird dabei nur in Umrissen nachgezeichnet.
Eroberung
Am 22. Juni 1941 marschierten die deutschen Truppen in die UdSSR ein. Sie drangen rasch vor, und Städte wie Wilna240 und Kauen241 (Litauen), Bialystok242 und Minsk243 (Weißrussland) oder Riga244 (Lettland) wurden binnen weniger Tage eingenommen. Auf den Fotografien, die die Soldaten in den ersten Wochen der Besatzung aufnahmen, sind häufig Einheimische, insbesondere Frauen, zu sehen, die die Fremden freundlich und neugierig willkommen heißen.245 Solche Aufnahmen waren keineswegs gestellt; sie spiegelten die Stimmung einer breiten Mehrheit in den annektierten Westgebieten der Sowjetunion wider, die den Deutschen zwar abwartend, aber durchaus positiv gegenüberstand, galten diese doch als» Befreier von den Bolschewisten«.246 Antisemitismus war weit verbreitet, zumal große Teile der Gesellschaft die Juden mit dem verhassten kommunistischen System gleichsetzten.247 Die jüdische Bevölkerung war von Beginn an mit Verfolgungsmaßnahmen und Gewalt konfrontiert. Der Überlebende Jefim Gechtman erlebte die Eroberung in Riga. In seinen Aufzeichnungen, die er noch während des Krieges verfasste, berichtet er auch von sexueller Gewalt:
In dieser ersten Nacht des Besatzungsregimes veranstalteten die Offiziere des Württemberg-Badischen Grenadier-Regiments in der Marinska-Straße Nr. 10 ein Saufgelage. Zu dieser Orgie ließen sie sich einige Dutzend jüdischer Mädchen kommen, zwangen sie, sich völlig zu entkleiden, zu tanzen und zu singen. Viele der Unglücklichen wurden vergewaltigt, danach auf den Hof geführt und erschossen.248
Gechtmann schildert eine Situation direkt nach der Einnahme der Stadt. Als Hauptverantwortlichen für die Orgie nennt er einen Hauptmann Bach. Sein Bericht ist eindeutig und bleibt doch ungenau. Man erfährt weder, wer die Jüdinnen auf welche Weise dazu gebracht hat, in das genannte Haus zu kommen, noch, was mit den Frauen geschah, die nicht ermordet wurden. Tatsächlich sind die meisten Aussagen über sexuelle Gewalttaten von solchen Unklarheiten geprägt.249
Auch aus dem Bericht eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten wissen wir, dass manche Männer die unübersichtliche Situation in den ersten Tagen nach der Einnahme einer Stadt nutzten, um in Privathäuser einzudringen und Frauen, auch Jüdinnen, zu vergewaltigen. Eltern oder Nachbarn, die versuchten, den Frauen zu Hilfe zu kommen, liefen wie die Vergewaltigungsopfer Gefahr, sofort umgebracht zu werden.250 Die» sexuelle Eroberung «der Frauen des Feindes stellte offenbar eine Form der Belohnung für den militärischen Erfolg dar. Ruth Seifert hat darauf hingewiesen, dass es in der historischen Gesamtschau zu den ungeschriebenen Gesetzen des Krieges gehört, dem Sieger in den kurzen entregelten Phasen unmittelbar nach Kämpfen Gewalt gegen Frauen zuzubilligen. Diese Verbrechen werden von den Militärbehörden üblicherweise unter Androhung hoher Strafen verboten, aber in der Realität zumeist nur in Ausnahmefällen angeklagt und im Ganzen vertuscht, verschwiegen und verleugnet.251
Auch für die deutschen Soldaten existierten entsprechende Verbote, wie im Verlauf dieses Kapitels noch gezeigt werden wird. Am strengsten untersagt waren sexuelle Kontakte mit Jüdinnen, stellten sie doch einen Verstoß gegen die» Rassegesetze «dar.252 Gleichwohl hielten sich die Männer offenbar nicht strikt daran, gibt es doch zahllose Berichte über sexuelle Erniedrigungen und Vergewaltigungen von Frauen, die im Sinne der NS-Rassenideologie als Jüdinnen verachtet wurden. Für die Frontdivisionen, die als Erste in immer neue Gebiete vordrangen und oft nur wenige Tage in einer Region blieben, war häufig nicht erkennbar, ob es sich bei den Frauen, die ihnen begegneten, um Jüdinnen handelte.253 Sobald die Kampfhandlungen im Wesentlichen vorüber waren, setzte die Wehrmacht jedoch eine Militärverwaltung ein, die die Bevölkerung registrierte, worunter auch die Erfassung und Kennzeichnung der jüdischen Einwohnerschaft fiel.254 Aber auch danach kam es weiterhin zu Vergewaltigungen jüdischer Frauen. Oft scheinen Wehrmachts- und SS-Angehörige davon ausgegangen zu sein, dass das Verbot des Geschlechtsverkehrs mit Jüdinnen – zwecks Vermeidung von» Rassenschande«– im» Osten «weniger ernst genommen werde als innerhalb der Reichsgrenzen.
Einige Zeuginnen und Zeugen berichten auch, deutsche Soldaten hätten gerade junge jüdische Frauen sexuell gequält und ihnen gewissermaßen vorgehalten, dass der intime Kontakt mit ihnen verboten war; oder sie hätten sie mit dem Hinweis, sie seien zu schön, getötet.255 Ein besonders detailreicher Bericht stammt von Sala Pawlowicz, die ihre Erinnerungen 1964 unter dem Titel» I will survive «veröffentlicht hat. Es handelt sich um eine der wenigen Schilderungen, in denen eine Frau ihr eigenes Erleben sexueller Gewalt sehr ausführlich darstellt; daher soll sie hier wiedergegeben werden, auch wenn sich das Geschilderte bereits Ende 1939 in Polen zutrug. Im Alter von 15 Jahren erlebte Sala Pawlowicz die deutsche Besetzung von Lask.256 Schon zu Beginn der militärischen Besetzung wurde sie gemeinsam mit anderen Jugendlichen zur Arbeit für die Deutschen verpflichtet. Eines Tages bemerkte sie, dass der Polizist, der ihre Gruppe bewachte – ein sogenannter Volksdeutscher —, sie beobachtete. Schließlich fragte er sie, ob sie jüdisch sei, und sie bejahte. Als sie am selben Abend auf der Polizeistation darauf wartete, nach Hause gehen zu dürfen, sprach ebendieser Bewacher sie wieder an:
«Du! Du mit den roten Haaren!«, rief er und zeigte auf mich.»Komm hierher, der Rest von euch Versagern, verschwindet, bevor ich anfange zu kotzen! Bewegt euch!«Ich wollte mich mit den anderen auf den Weg machen.»Du! Verdammt, du da, komm hierher!«Irgendwie drehte ich mich um und stieg die Stufen hoch.»Abschaum!«Er ließ seine Reitpeitsche über meinen Rücken sausen und stieß mich in den Raum hinein. Dort unterhielten sich andere Deutsche. Der Offizier ließ mich in der Mitte des Raumes stehen und sprach eine Minute mit ihnen. Sie lachten und zeigten mit obszönen Gesten auf mich. Ich konnte nicht hören, was sie sagten, in meinem Kopf drehte sich alles. Ich hatte ein oder zwei der Mädchen gesehen, über die sie sich hergemacht hatten. Mir wurde übel, und ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie es mir ergehen mochte.
Der junge Polendeutsche kam zurück und ging vor mir auf und ab.»Gut, du, streif das ab!«Ich starrte ihn an.»Zieh dich aus!«Mein Gesicht wurde heiß und prickelte. Mit schweren Fingern knöpfte ich langsam meine Bluse auf, dann wurden meine Hände durch ihr eigenes Gewicht herabgezogen.
«Was? Immer noch taub? Aus! Aus! Das ist nicht aus, meine Liebe, das ist nur aufgeknöpft!«Ich streifte die Bluse ab und ließ sie auf den Boden fallen. Er sah mich einige Sekunden lang an.»Was ist los? Du schämst dich doch nicht etwa? Du bist nichts Besonderes, aber ich mag dich! Komm schon, komm schon! Mach weiter!«Ich war unfähig, mich zu bewegen.»Dann werde ich es für dich tun!«, schrie er und riss meinen Rock und meinen Unterrock herunter.»Das ist ein Anfang! Nun lass uns zum Rest kommen!«Und er riss meine Unterwäsche herunter. Ich blinzelte und taumelte rückwärts, meinen Körper bedeckend.
«Steh auf!«Er packte mich und zerrte mich hoch.»Lass uns das mal angucken!«Er schlug mich ins Gesicht.»Hier, nun … sehr hübsch … sehr hübsch, meinst du nicht?«Er drehte sich zu den anderen, und sie nickten und lachten.
Der Raum drehte sich immer schneller vor meinen Augen. Ich spürte seine Hände auf mir, und dann war ich in einem kleinen Büro und der Deutsche hielt eine lange, schwere Peitsche in der Hand.»Du weißt nicht, wie man gehorcht … Ich werd’s dir zeigen. Aber ich kann dich nicht haben, du Abschaum, weil du jüdisch und dreckig bist. Was für eine Schande!«Er zog die Peitsche über meine Brüste.»Das ist es, was du statt meiner bekommst, dafür, dass du eine dreckige Judin bist!«Er schlug mich immer wieder mit der Peitsche, und ich wurde ohnmächtig.257
Sala Pawlowicz’ Beschreibung macht deutlich, dass ihr Peiniger sie zu bestrafen suchte, weil er sie begehrte, es aber seinen Überzeugungen zuwiderlief, mit ihr – der» artfremden «Jüdin – sexuell zu verkehren. Er brachte sie vor den Augen der anderen Deutschen in sein Büro und tauschte sogar noch obszöne Bemerkungen mit ihnen aus – offensichtlich rechnete er also mit ihrem Einverständnis. Pawlowicz’ Erzählung der Folter dreht sich vor allem um die Reitpeitsche in den Händen ihres Peinigers. Auch zahlreiche jüdische und nichtjüdische Zeitzeuginnen ebenso wie ehemalige Soldaten berichten davon, dass deutsche Männer vor allem Peitschen, aber auch Waffen oder Stöcke verwendet hätten, um nackte oder halbnackte Frauen zu quälen.258 Die Praxis, Frauen auf ihre Brüste und ihr Geschlecht zu schlagen, wurde offensichtlich häufiger als Einschüchterungs- oder Foltermethode angewandt.259 Auch Männer wurden mitunter mit Waffen oder Stöcken zwischen den Beinen berührt oder auf ihr Geschlecht geschlagen.260 Krog zitiert in diesem Zusammenhang die Politologin Sheila Meintjes, die davon ausgeht, dass sexuelle Folter je nach Geschlecht des Opfers unterschiedlichen Zielen dient. Während sie bei Männern zu sexueller» Passivität «führe und auf diese Weise körperliche Stärke und politische Macht vernichten solle, ziele Folter bei Frauen darauf, die weibliche Sexualität zu» aktivieren«; die Täter wiesen den Frauen somit nachdrücklich einen gesellschaftlichen Platz als verfügbare Sexualobjekte zu.261
Aus zahlreichen Berichten geht hervor, dass auch einheimische Männer, die mit den deutschen Besatzern kollaborierten, sexuelle Gewalttaten gegen jüdische Frauen verübten, wenn sie unter sich waren, aber mitunter auch gemeinsam mit Deutschen. So wurden beispielsweise jüdische Frauen und Mädchen, die man nach der Eroberung Lembergs ins Gefängnis einlieferte, von ukrainischen Polizisten unter den Augen der Deutschen gezwungen, sich auszukleiden, wobei man die Halbnackten dann fotografierte.262 In ihrer Studie» Die ›Endlösung‹ in Riga «schildern Andrej Angrick und Peter Klein die Vergewaltigung von Frauen durch Offiziere des Arajs-Kommandos, einer lettischen Hilfsformation der deutschen Sicherheitspolizei. Die jüdische Überlebende Ella Medalje, die im Sommer 1941 im Sitz des Arajs-Kommandos verhört und erniedrigt worden war, beschrieb diese Ereignisse in den 1970er Jahren vor einem Hamburger Gericht. Sie selbst sei vergleichsweise glimpflich davongekommen, was sie sich damit erklärte, dass einer der Wächter sie für eine Nichtjüdin gehalten habe. Andere Frauen hätten weniger Glück gehabt:
Da öffnete sich eines Abends, als wir bereits auf dem Fußboden unser Nachtlager bereiteten, die Tür und zwei Perkonkrustleute mit Taschenlampen traten ein. Sie leuchteten jeder Frau ins Gesicht und betrachteten sie. Dann befahlen sie den Frauen, die ausgesucht worden waren, ihnen der Reihe nach zu folgen. Nach einiger Zeit kam eine Frau in schrecklicher seelischer Verfassung zurück, und die Perkonkrustleute nahmen eine andere Frau mit. Auf diese Weise brachten sie sechs bis sieben Frauen nach oben, wo sich die Arbeitszimmer der Vorgesetzten befanden. […] Am nächsten Tag wurden diese sechs bis sieben Frauen auf einen Lastwagen gesetzt, der sich im Hofe befand, und irgendwohin abtransportiert. Ich kann nur annehmen, daß man sie erschossen hat.263
Frauen, insbesondere Jüdinnen, die in diesen ersten Tagen nach der Eroberung aufgegriffen und in Polizeigefängnisse gebracht worden waren, wurden mitunter auch direkt im Beisein ihrer Mitgefangenen in oder vor einer Zelle vergewaltigt.264 Selbst wenn sie, wie im hier zitierten Fall, aus der Zelle herausgeholt und an einem anderen Ort gebracht wurden, wussten oder ahnten die Mitgefangenen, was passiert war. Zu der besonderen Beschämung, die diese Situation für die betroffenen Frauen nach sich ziehen konnte, kam insofern die Befürchtung hinzu, dass die Vergewaltigung auch außerhalb des Gefängnisses bekannt werden würde. Bei den Mitgefangenen erzeugte diese Mitwisserschaft ebenfalls Scham sowie die Angst, als Nächste an der Reihe zu sein. Vergewaltigung fungierte demnach als direkte Drohung, als Symbol der Macht und als nonverbales Kommunikationsmittel zwischen Besatzern und Besetzten.265
Insbesondere in Haftsituationen konnte es außerdem zu Gruppenvergewaltigungen kommen. Zeugenaussagen dazu sind allerdings äußerst selten;266 Hinweise lassen sich – wie der eingangs zitierte Molotow-Bericht gezeigt hat – vor allem in Schriften finden, die während des Krieges als sowjetische Propaganda eingesetzt wurden. Dies lässt aber nicht notwendigerweise darauf schließen, dass entsprechende Taten auch besonders selten vorkamen; es könnte auch damit zusammenhängen, dass die Scham der Opfer wie der Zeuginnen und Zeugen in solchen Fällen besonders groß war.
Man muss davon ausgehen, dass an solchen gemeinsamen Taten auch Soldaten beteiligt waren, die allein möglicherweise keine Vergewaltigung verübt hätten. Joshua Goldstein hat gezeigt, dass der Konformitätsdruck bei Gruppenvergewaltigungen eine große Rolle spielt und die vollzogene Tat zudem oft das Loyalitätsgefühl der Einheiten stärkt. Er argumentiert, die kollektive Täterschaft führe dazu, dass der Einzelne oft keinerlei Verantwortungsgefühl verspüre. Miranda Alison hat dem gegenüber die These aufgestellt, die Verbundenheit der Männer würde gerade aus dem Bewusstsein der geteilten Verantwortung entstehen.267
Forschungen aus den vergangenen Jahren haben überdies ergeben, dass Gruppenvergewaltigungen im Krieg häufig in einer hierarchischen Rangfolge vollzogen werden. Der Offizier mit dem höchsten Rang ist der Erste, der in den Körper der Frau eindringt. Die untergeordneten Soldaten zollen ihm Respekt und warten, bis sie an der Reihe sind. In der lebensbedrohlichen Situation des Krieges, in der die Männer in hohem Maße aufeinander angewiesen sind, bestätigen sie, so die Interpretation von Ruth Seifert und Rolf Pohl, auf diese Weise ihren Bund und bekräftigen die Verlässlichkeit der militärischen Hierarchie. Mit einer» Mischung aus Lust und Zerstörungsbereitschaft «treffen sie sich nacheinander (oder gleichzeitig) im Körper einer Frau und versichern sich damit gegenseitig ihrer Männlichkeit und ihrer sexuellen Potenz.268 Die Ende 1941 in London publizierten Propagandaschrift» Comrade Genia «beschreibt dieses Element von Gruppentaten ausführlich. Aus der Perspektive der Ich-Erzählerin schildert Genia Demianova, eine russische Lehrerin, ihre sexuelle Versklavung. Ob es ihre Person wirklich gegeben hat beziehungsweise ob die Schilderungen auf dem Erleben einer realen Erzählerin beruhen, vermag ich nicht zu beurteilen. Der Bericht soll hier aber dennoch vorgestellt werden, um zu zeigen, auf welche Weise zu Propagandazwecken auf vorherrschende gesellschaftliche Geschlechtervorstellungen zurückgegriffen wurde. Beschrieben wird, wie Genia Demianova am 5. August 1941 in Pleskau269 (Russland) verhaftet und in einem Schulgebäude, das vormals ihr Arbeitsplatz war und nun das Hauptquartier der Deutschen ist, verhört wird. Nach einem misslungenen Fluchtversuch foltert der kommandierende Offizier sie mit einer Peitsche und vergewaltigt sie brutal. Danach prahlt er mit seinem sexuellen Erfolg:
Man hört tosenden Jubel, das Klirren von Gläsern. Der Feldwebel steht in der offenen Tür:
«Die wilde Katze ist gezähmt«, sagt er.»Männer, sie war eine Jungfrau. Was sagt ihr dazu?«
Ein weiterer Ausbruch des Jubels, dann schließt er die Tür. Aber ich bleibe nicht lange allein. Die anderen kamen rein. Zehn, einhundert, eintausend, einer nach dem anderen. Sie warfen sich auf mich, gruben sich in meine Wunden, während sie mich schändeten. […]
Dann ging alles an mir vorbei. Die Deutschen kamen nach wie vor, schleuderten mir obszöne Worte entgegen, lachten über mich, während sie mich folterten. Ich sah sie, aber ich spürte keinen Schmerz.
Ich war in einer Trance, ich konnte nur noch vermuten, was mir geschah, aber ich wusste es nicht mit Sicherheit.270
Eine wichtige Rolle spielt hier, dass das Opfer vor der Vergewaltigung noch» Jungfrau «gewesen war, was in Russland wie auch in vielen anderen Ländern während des Zweiten Weltkrieges mit Reinheit und Unberührtheit in Verbindung gebracht wurde.271 Durch ihre Vergewaltigung verlor eine Frau die kulturelle Zuschreibung der Unschuld und galt fortan als» beschmutzt«. Im gesellschaftlichen Verständnis war ihre Ehre dann ebenso verletzt wie die des männlichen Kollektivs, das nicht in der Lage gewesen war, sie zu schützen.272 Nicht nur in Propagandaschriften, auch in Zeuginnenaussagen spielte – wie bereits erläutert – die Jungfräulichkeit von Vergewaltigungsopfern eine wichtige Rolle. Damit hoben die Erzählerinnen und Erzähler die Unschuld der Opfer hervor und betonten gleichsam die Unmenschlichkeit der Täter. Vergewaltigung von sexuell» unberührten «Frauen hatte insofern ebenso wie Gruppenvergewaltigung einen hohen symbolischen und propagandistischen Wert.
Ob und inwiefern deutsche Wehrmachts- und SS-Angehörige über ihre Verantwortung für sexuelle Gewalttaten (in der Gruppe oder allein) nachdachten, ist bisher nicht untersucht worden. Selbstzeugnisse ehemaliger Soldaten legen allerdings die Vermutung nahe, dass sie eine Vergewaltigung nicht unbedingt als Gewalt verstanden. In einigen Aufzeichnungen wird die» Erbeutung «von Frauen in humorigem Ton und manchmal anzüglich als etwas geschildert, das jenseits der eigentlichen Kriegshandlungen gelegen habe. Im Tagebuch des Generalmajors Jürgen W., Artillerist bei der 20. Infanteriedivision, heißt es beispielsweise am 7. Oktober 1941 über einen militärischen Erfolg seiner Einheit im Raum Nawlja273 (Russland):
Das Btl. [Bataillon] greift links am Wald vorbei gegen Mittag in Richtung auf Saltanowka an, dorthin soll sich der Russe verzogen haben. Wir ziehen bald nach, gehen dicht vor dem Ort mit Grundrichtung Süd in Stellung; das mehrere Kilometer lange Dorf soll durchkämmt werden, ehe wir weiter vorgehen. Nach Aussagen der Ortseinwohner waren hier heute früh noch etwa 20 Panzer und über 1000 Mann. Wenn wir da reingeplatzt wären! Meine Herren! Das Dorf wird gesäubert, in schneidigem Angriff, ála Truppenübungsplatz, geht die 6. Kp. [Kompanie] vor, macht 120 Gefangene und reiche Beute. Auch ein Wohnwagen mit» Damens «für die tapferen Russen wird erbeutet, die Insassinnen sind allerdings durch das M.G.-Feuer leicht beschädigt; aber warum ziehen sie auch in den Krieg.»Leckere Mädchen «meinen die Landser, als sie zurückkommen.274
W.s Darstellung offenbart einen gewissen Stolz sowie Erleichterung über den günstigen Zeitpunkt und die zügige und professionelle Abwicklung des Einsatzes. Über die Gewalt, zu der es bei der» Säuberung «des Dorfes gekommen sein muss, geht er hinweg und beschränkt sich auf die Feststellung, der Angriff sei» schneidig «erfolgt. Als Besonderheit erwähnt er lediglich die weibliche Beute, wobei er andeutet, es habe sich um Prostituierte im Gefolge der Roten Armee gehandelt. Es ist nicht nachweisbar, ob dies den historischen Gegebenheiten entspricht oder ob die als» Damens «diffamierten Frauen nicht eigentlich Soldatinnen oder Krankenschwestern der Roten Armee waren. In jedem Fall verdeutlicht seine rhetorischen Frage —»warum ziehen sie auch in den Krieg«—, dass er militärische Operationen für eine reine Männersache hielt.
Dass die Landser sich dieser» Frauen des Feindes «bemächtigen dürften, steht für W. offenkundig außer Frage. Wovon die Soldaten eigentlich» zurückkommen«, thematisiert er nicht weiter. Dazu passt, dass W. die Frauen als Ware darstellt —»leicht beschädigt«, aber» lecker«. Die Vorstellung, dass den Soldaten als Ausgleich für die Härten und Entbehrungen ihres Kriegserlebens eine Belohnung zustünde, durchzieht in der Tat W.s gesamtes Tagebuch: Woche für Woche schreibt er über» leckeres «Essen und» feine «Genussmittel wie Bohnenkaffee, Rotwein und Sekt (die vermutlich von Plünderungszügen stammen) und versucht zu begründen, warum er und seine Männer sich diese jeweils verdient hätten.275 Frauen, so macht die Diktion der zitierten Tagebuchstelle deutlich, fielen aus seiner Sicht in dieselbe Kategorie.
Auch die Fotosammlung zu W.s» Tagebuch in Russland «enthält einen Hinweis auf sexuelle Gewalt. Auf einem Bild ist eine – nach Beinform und Oberkörper zu urteilen – weiblichen Leiche zu sehen. Ihre Beine sind nackt, leicht angewinkelt und gespreizt, die lange Hose wickelt sich um ihre Füße. Der Fotograf hat das Bild aus stehender Position von schräg oben aufgenommen, die Leiche nimmt das untere Drittel des Bildes ein. Obwohl W. fast alle Bilder in seiner Sammlung penibel beschriftet hat, steht auf der Rückseite dieses Fotos kein Text. Lediglich Ort und Zeit sind mit Bleistift vermerkt:»30. Juni 1941, bei Jeziornico«.276 Derartige Motive fotografierten Soldaten während des gesamten» Ostfeldzugs«– nicht nur in den ersten Kriegstagen und nicht nur in bestimmten Gebieten. Obgleich die Phase der eigentlichen militärischen Eroberung damit verlassen wird, sollen die Bilder an dieser Stelle generell diskutiert werden. Dabei geht es um die Frage, wie sich die Blicke unterschieden, mit denen die Soldaten die Opfer solcher Taten betrachteten.
Eine Fotografie aus dem Besitz eines deutschen Soldaten zeigt die Leiche der erhängten und verstümmelten sowjetischen Widerstandskämpferin Soja Kosmodemsjenskaja, aufgenommen 1941 in der Nähe von Moskau. Sie liegt auf dem Boden, ihr Kopf ist unnatürlich nach oben gedreht; auf dem Bild sieht man sie nur bis zum Bauch. Ihr Oberkörper ist entblößt, und der Blick des Betrachters wird vor allem auf ihrer Brustwarze gelenkt, die rechts von der Bildmitte zu sehen ist.277 Eine andere Aufnahme aus Klooga278 (Estland), datiert auf das Jahr 1942, zeigt laut Bildunterschrift eine» vergewaltigte und ermordete Jüdin«; abgebildet ist eine fast nackte Frauenleiche mit gespreizten Beinen, deren offene Jacke ihren nackten Oberkörper enthüllt. Der Betrachter schaut gewissermaßen von oben auf ihre entblößte Brust; links unten im Bild ist der Schatten des Fotografen zu sehen.279 Anders als im erstgenannten Beispiel stehen die Leichen der Frauen bei diesen beiden Fotografien im Zentrum des Bildes; die Anordnung scheint auf die Schaulust und den Schauzwang der Fotografen hinzudeuten. Dieter Reifarth und Viktoria Schmidt-Linsenhoff, die zahlreiche Soldatenfotos von Verbrechen in der Sowjetunion analysiert haben, weisen darauf hin, dass Fotografieren eine Steigerung der Schaulust, ein» potenziertes, intensiviertes Sehen «sein kann, und das Fotografieren wie auch das spätere Betrachten der Bilder Erlebnisqualität bekommt.280 Speziell bei diesen Bildern wird dabei nicht nur das voyeuristische, sondern auch das pornografische Element überdeutlich in Szene gesetzt.
Ein Beispiel aus dem polnischen Swiahel offenbart eine andere Art des Blicks: Zu sehen ist eine Frauenleiche auf einem Bettgestell, vermutlich in einer Scheune, da Bett und Raum mit Stroh ausgelegt sind. Der Rock der Frau ist hochgeschoben, ihre Beine sind nackt und nach außen gedreht. Der Soldat, der diese Aufnahme 1941 gemacht hat, fotografierte die Frau aus relativ großem Abstand, wodurch das Bild dokumentarischen Charakter bekommt; der Akt des Fotografierens scheint hier anders als bei den zuvor beschriebenen Bildern der Distanznahme zu dienen.281
Ob die Frauenleichen, die man auf den Fotografien sieht, jeweils tatsächlich in den beschriebenen Posen vorgefunden wurden oder im Nachhinein – möglicherweise sogar für das Foto – arrangiert worden sind, lässt sich nicht feststellen. Aber auch in mündlichen Berichten ehemaliger Soldaten und in Aussagen von Einheimischen wird die Zurschaustellung halbnackter oder nackter Frauenleichen in verdrehter Position zum Thema gemacht.282 Wendy Lower schildert in ihrer Studie zur deutschen Vernichtungspolitik in der Ukraine einen Fall aus Shitomir,283 wo Angehörige von SS und Polizei eine Ukrainerin zunächst vergewaltigten, dann ermordeten und an einer Straßenecke aus dem Auto warfen.284 Im Interview mit Wendy Jo Gertjejanssen gibt ein Zeitzeuge aus der Provinz Tscherkassy285 (Ukraine) an, im Februar 1944 die halbnackte Leiche einer Frau am Straßenrand gesehen zu haben. Sie habe in einer Blutlache gelegen und mehrere Schusswunden aufgewiesen. Er geht davon aus, dass sie vergewaltigt und danach ermordet wurde.286
Einige Erzählungen und Gerüchte lassen vermuten, dass es auch Fälle gab, in denen die Soldaten den Körper einer Frau erst nach ihrer Ermordung sexuell missbrauchten.287 Verschiedentlich sind Frauen außerdem verstümmelt worden. Einige Zeitzeuginnen und – zeugen berichten von Frauenkörpern mit abgeschnittenen Brüsten oder aufgeschlitztem Bauch.288 Vereinzelt heißt es, deutsche Männer in Uniform hätten eine Frau nackt an ein Brett genagelt oder aufgehängt.289 Zwei Zeitzeugen erinnern sich an Frauenleichen, deren Vagina mit einer Flasche zugestopft war.290 Auch die Leichen von Männern wurden mitunter genital verstümmelt. Das Entstellen männlicher Leichen wurde mit Beginn des Krieges sogar auf beiden Seiten zum Thema der militärischen Propaganda,291 und viele deutsche Soldaten schrieben darüber in Tagebüchern und Briefen.292 Während diese Praxis von den Zeitzeugen in erster Linie als Angriff auf die nationale und militärische Stärke gewertet wurde, zielte das öffentliche Zurschaustellen nackter oder halbnackter Frauenkörper real und symbolisch auf die Zerstörung der gesellschaftlichen Lebensgrundlagen – denn wie bereits erläutert, galten Frauen als Hüterinnen der nächsten Generation und der Kultur.293
In solchen Fällen offenbart sich zudem eine Feindseligkeit gegenüber Frauen, die so weit reichte, dass diese auch nach ihrem Tod noch gedemütigt und bestraft wurden. Rolf Pohl vertritt die These, dass das Gefühl sexueller Erregung und Entäußerung den vorherrschenden soldatischen Selbstentwurf, dem zufolge der Einzelne seinen Körper vollkommen unter Kontrolle hat, als wahnhafte Illusion entlarvt. Dabei entstehe, ähnlich wie im oben bereits erörterten Fall von Sala Pawlowicz, ein» Hass auf das eigene (sexuelle) Begehren […], für das die Frau verantwortlich gemacht und deshalb bestraft wird«.294 Tatsächlich kann man Zeugenaussagen von Kriegsvergewaltigern aus anderen Kriegen die Überraschung und Scham der Männer darüber entnehmen, dass ihre Gewaltausübung mit sexuellen Lusterfahrungen einherging. Gaby Zipfel hat davon ausgehend die These aufgestellt, dass Vergewaltigungsopfer vielleicht deswegen so häufig ermordet werden, weil die Täter sich ihnen auf diese Weise offenbart haben.295
Überdies wird am Beispiel der nackten oder halbnackten weiblichen Leichen besonders deutlich, dass sexuelle Gewalt sich nicht nur gegen die Opfer richtete. Die entblößten Frauenkörper sollten gesehen werden, sie waren ein Beweis für das Vorkommen sexueller Gewalt und für die Ohnmacht der Opfer. Während des Krieges in der Sowjetunion vermittelten sie unterschiedliche Botschaften an verschiedene Gruppen: Erstens führten sie denen, die die Taten beobachteten, die eigene Macht- und Schutzlosigkeit vor Augen.296 Zweitens griffen die Frauenkörper als Beweis der Taten das Selbstverständnis der einheimischen Bevölkerung an (insbesondere das der Männer, die nicht in der Lage gewesen waren,»ihre «Frauen zu schützen). Und drittens demonstrierten sie den Mittätern aus dem Männerbund Wehrmacht/SS die entschlossene Aggressivität ihrer Kameraden.
Kriegsalltag297
Bei ihrem Vormarsch in Richtung Osten trafen die deutschen Truppen auf eine Gesellschaft, die sich in ihrer Zusammensetzung seit dem 22. Juni 1941 gravierend verändert hatte. Das galt vor allem für die Einwohnerschaft der Städte. Nachdem die sowjetische Führung wie die Bevölkerung von dem deutschen Einmarsch zunächst offenbar überrascht worden waren, begann man bald, Evakuierungsmaßnahmen in die Wege zu leiten. Zunächst sollten hohe Funktionäre aus Partei, Staat, NKWD und Armee, danach Facharbeiter mit ihren Familien und Betrieben – beides Personenkreise, die überwiegend in den Städten lebten – und anschließend Kinder unter 15 Jahren in Sicherheit gebracht werden. Weitere Evakuierungen lagen im Ermessen der regionalen Verwaltungen. In den grenznahen Westgebieten, die noch im Juni von den Deutschen erobert wurden, hatten nur etwa 10 Prozent der Stadtbewohner fliehen oder organisierte Transporte erreichen können. Zur Verlegung ganzer Bevölkerungsgruppen kam es erst im Laufe des Juli. In den Gebieten weiter östlich, in denen den sowjetischen Behörden mehr Zeit blieb, nahmen die Evakuierungs- und Fluchtbewegungen ein weitaus größeres Ausmaß an. In Charkow298 (Ukraine) oder Bobrujsk299 (Weißrussland) waren die Bevölkerungszahlen bis zum Winter 1941/42 beispielsweise auf rund die Hälfte zurückgegangen, in Gomel auf ein Drittel. Weiter nördlich in Nowgorod300 (Russland) und Pleskau blieb sogar nur jeder Achte zurück. Auf dem Land indes, wo die Mehrheit der Menschen lebte, fiel der Rückgang der Bevölkerung mit rund 15 Prozent weniger drastisch aus. Auch hier wurden Funktionseliten aus Staat und Partei evakuiert, im Wesentlichen ist die verminderte Bevölkerungszahl auf dem Land jedoch auf die Einberufung junger Männer zur Roten Armee zurückzuführen.301 Insbesondere in den bedrohten oder umkämpften Regionen war die Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit also der sowjetischen Führungsschicht und eines Großteils der Männer zwischen 18 und 35 Jahren beraubt. Die Bevölkerung, die unter deutsche Verwaltung geriet, bestand nun hauptsächlich aus Frauen, Kindern und älteren Menschen.302
Zu Beginn des Krieges hatten die deutschen Besatzer durchaus die Gelegenheit, eine in weiten Teilen des Besatzungsgebietes sowjetkritische bis – feindliche Gesellschaft für sich zu gewinnen – zumal der Umstand, dass die vielerorts verhasste politische Führungsschicht im Zuge der Evakuierungen verschwunden war, ein politisches Vakuum hinterlassen hatte. So heterogen die Verhältnisse in den verschiedenen sowjetischen Gebieten auch waren, so hatten weite Teile der Bevölkerung doch sowohl unter der Zwangskollektivierung als auch unter den massiven politischen Verfolgungsmaßnahmen der 1930er Jahre gelitten. Die Hungerkatastrophe der Jahre 1931 bis 1934 im Süden der Sowjetunion, die insbesondere in der Ukraine verheerende Folgen gehabt und zur Auslöschung ganzer Dörfer geführt hatte, war vielen ebenfalls noch lebhaft im Gedächtnis.303 Die Erwartungen, die sie beim Einmarsch der Deutschen im Hinblick auf eine Verbesserung der Lebensverhältnisse gehegt haben mögen, machten diese jedoch rasch zunichte. Zwar dürften die direkten, persönlichen Erfahrungen, die die Einheimischen mit den Deutschen machten, je nach Zeitpunkt, Region, Religion und» rassischer «Zuschreibung, aber auch abhängig von der Zusammensetzung und Diszipliniertheit der jeweiligen militärischen Einheiten, unterschiedlich gewesen sein. Zerstörungen und Plünderungen gab es jedoch überall. Zum einen sahen die deutschen Kriegspläne die wirtschaftliche Ausplünderung der Sowjetunion von Anfang an vor, um die Versorgung der Wehrmacht und der» Volksgemeinschaft «sicherzustellen.304 Zum anderen fielen die Soldaten, wie unter anderen Omer Bartov und Christian Gerlach gezeigt haben, bereits kurz nach dem Einmarsch über die militärisch angeordneten Requirierungsmaßnahmen hinaus auch eigenmächtig über Geschäfte, Höfe, Häuser und Wohnungen her. Bei unzureichender Truppenversorgung nahmen solche Raubzüge zu. Zwar veröffentlichte die Wehrmachtsführung verschiedentlich militärische Befehle zur Eindämmung der Alleingänge, in der historischen Gesamtschau zeigt sich aber, dass die Plünderungen weitgehend toleriert wurden.305 Eine Zeitzeugin aus Tscherkassy beschreibt im Interview mit Wendy Jo Gertjejanssen die Maßlosigkeit, die die Männer dabei an den Tag legten:
Und sie machten, was immer sie wollten. Sie nahmen uns die Hoffnung. Sie kamen ganz schnell rein und fragten nach Eiern und Milch, brüllten, schrien, rannten den Mädchen hinterher, nahmen sich alles. Sie töteten sogar Schweine. Sie aßen. Sie zerstörten alles und aßen Eier, Milch, rannten zwischen den Häusern und brüllten:»Wo sind die Eier und die Milch?«Sie waren schon von anderen genommen worden!306
Dass Frauen und Mädchen bei solchen Raubzügen schnell selbst zur» Beute «werden konnten, geht auch aus den Berichten und Gerichtsurteilen von Wehrmacht und SS hervor.307 Ein Fall von erzwungenem oralen Sex ist in diesem Zusammenhang ebenfalls bekannt geworden.308 Elena Kozhina, die solche Plünderungen als junges Mädchen in Russland erlebt hat, kommentiert ihre Erinnerungen daran mit den Worten,»es ging nicht mehr um die Beschlagnahmung von notwendigen Dingen, sondern nur noch um eine beleidigende Erinnerung daran, dass die Soldaten unbegrenzte Macht innehatten«.309
Zu entsprechenden Machtdemonstrationen kam es auch im Zuge der Einquartierung deutscher Soldaten in Privathäusern und Wohnungen. Auf dem Land wurden – trotz eines strikten Verbots310 – relativ häufig Einzelunterbringungen bei Bauern organisiert. Dies führte dazu, dass die Soldaten für Tage, Wochen oder Monate Tür an Tür oder, wenn es sich etwa um eines der typischen Einraumholzhäuser handelte,311 sogar im selben Zimmer mit einheimischen Frauen lebten. Mitunter fühlten sie sich in diesen Unterkünften durchaus wohl, notierten in ihren Tagebüchern wiederholt, dass sie abends immer möglichst schnell» nach Hause «wollten.312 Unter solchen Umständen konnten, wie noch dargestellt werden wird, einvernehmliche Verhältnisse und romantische Beziehungen entstehen, jedoch kam es auch zu sexuellen Übergriffen. Anton Meiser, Jahrgang 1912, war als Infanterist der Wehrmacht zunächst in Frankreich und ab Ende 1943 in Russland stationiert. 1998 veröffentlichte er sein Kriegstagebuch» Die Hölle von Tscherkassy«, das auf zeitgenössischen Tagebucheintragungen beruht, von ihm jedoch für die Publikation erweitert, mit Zwischenüberschriften versehen und in die Form des Erinnerungsberichts gebracht worden ist. Unter der Überschrift» Eine Schandtat «berichtet er von sexueller Gewalt:
Als ich in mein Quartier zurückkam […], stellte ich sofort eine Veränderung bei den Russen fest. […] Es waren gute Leute, sie beteten […] für einen Feind! Umso erstaunter war ich jetzt, als sie mir sichtlich aus dem Wege gingen. Der Vater schaute finster drein. Die Frauen weinten viel. Ich konnte mir keinen Vers darauf machen, vermutete sogar, es könnten vielleicht Partisanen den Vater bearbeitet haben und verpflichten wollen. […] Über Tage hielt ich mich meistens auf der Rechenstelle auf. Als ich abends in dem Hause mich zum Schlafen legte, bestiegen sie ihre Schlafstatt auf dem Backofen. Ich hatte das einzige Bett mit Beschlag belegt. Das Mädchen schlief sonst während der Einquartierung unter dem Backofen auf dem Vorbau. Mein Bett stand gegenüber an der Wand. Alle schliefen in Kleidern. An diesem Abend stieg das Mädchen ebenfalls auf den Backofen. Ihre Angst war unverkennbar. Ich war sehr misstrauisch geworden und hielt unauffällig meine Pistole schussbereit unter der Decke. Ich tat so, als schliefe ich. Da stieg der Vater vorsichtig vom Ofen herab, ging zur Tür und verriegelte dieselbe. Bisher hatten sie die Tür nie verschlossen. Das war in russischen Dörfern nicht üblich. Nun, ich hatte nichts dagegen, so konnte niemand von draußen herein. Schlafen aber konnte ich nicht, weil ich über den Grund grübelte. Plötzlich hörte ich draußen Schritte, sie kamen zur Tür. Ich entsicherte wieder meine Pistole, stand auf und stellte mich hinter die Tür. Auf dem Backofen beteten die Leute jetzt laut. Die Klinke ging herab, aber die Tür nicht auf. Ein Gewehrkolben stieß nun gegen die Tür, und die mir bekannte Stimme des Gefr. Leo ertönte. Er forderte das Mädchen auf, sofort zum Arbeiten zu kommen. Die Frauen weinten jetzt laut auf. Das Mädchen klammerte sich an die Mutter. Leo rief wieder laut und verärgert:»Paninka, roboder, pistro, pistro!«Innen ertönte lautes Weinen. Ich öffnete stumm die Tür, blieb aber noch im Verborgenen. Gefr. Leo ging zum Ofen, zog das Mädchen an den Füßen, um es herabzuziehen. Der Vater knirschte mit den Zähnen, wagte aber keine Gegenwehr. Jetzt war mir alles klar und ich donnerte Leo an:»Zurück! Stillgestanden!«Er fuhrt herum und stieß erschrocken aus:»Sie hier?«Ich verlangte sofortige Aufklärung. Er war von zwei Oberwachtmeistern geschickt. Auch gestern hatte er das Mädchen in deren Auftrag geholt. Sie hatten es vergewaltigt.313
In der Gesamtschau seines Tagebuchs nutzt Meiser gerade diese Passage, um sich selbst – in Abgrenzung zu seinen Kameraden – als verantwortungsvollen Mann und Soldaten darzustellen. Der Umgang mit sexueller Gewalt fungiert dabei, wie schon im Kontext des Nürnberger Prozesses erläutert, als» Ehrenbeweis«. Die Frau, ihr Vater und die ganze Familie seien» anständig «und ihm fortan auf ewig dankbar gewesen. In Meisers Darstellung war er es auch, der auf einer Bestrafung der Männer bestand – allerdings hätten sie lediglich eine Disziplinarstrafe erhalten, da er seinen Kameraden letztlich nicht dauerhaft habe schaden wollen.
Wie Birgit Beck zeigt, kamen entsprechende Straftaten mitunter aber durchaus vor ein Wehrmachtsgericht. Ende März 1942 fuhr der Kanonier Heinz B. mit mehreren Kameraden in den kleinen Ort Suglitz (Russland), um Heu und Kartoffeln zu organisieren. Die Männer rechneten damit, dass die Aktion mehrere Tage dauern würde, und quartierten sich in der Hütte einer Frau ein, die mit ihrer kleinen Tochter und einer 23-jährigen Russin zusammenlebte, die man aus Moskau evakuiert hatte. Bereits vor der Reise hatte B. vor seinen Kameraden geprahlt, er werde sich eine Frau» beschaffen«. Im Laufe des Aufenthalts bedrohte er die Hausbewohnerinnen mit seiner Waffe und machte sich mehrere Gelegenheiten zunutze, um die junge Moskowiterin zu vergewaltigen. Das Gericht der 339. Infanteriedivision verurteilte B. zu vier Jahren Zuchthaus. Es begründete diese vergleichsweise hohe Strafe damit, dass es sich um ein» stark partisanenverseuchtes Gebiet «gehandelt habe und B. mit seiner Tat dazu beigetragen hätte, die Bewohner aufzuwiegeln und in die Reihen der Widerständler zu treiben – eine Befürchtung, die in den Urteilen der Wehrmachtsgerichte häufiger zum Tragen kam.314
In den Städten ordneten die Kommandanturen dagegen an, die Einwohner seien aus ihren Wohnungen und Häusern zu vertreiben, bevor die Deutschen dort einzogen – und zwar nicht nur aufgrund des Platzmangels, sondern vor allem um freundschaftliche und sexuelle Kontakte zwischen deutschen Soldaten und der einheimischen Bevölkerung zu verhindern und Spionage vorzubeugen. Ab Herbst 1941 ließen sie sogar ganze Stadtviertel räumen.315 Die Bewohnerinnen und Bewohner mussten sich anderswo eine Unterkunft suchen. Für Frauen bedeutete dies oft den Verlust des Raums, der ihnen bis dato als Rückzugsort und Schutz vor sexuellen Angriffen gedient hatte. Sie waren gezwungen, sich neu zu orientieren und andere Verstecke zu finden. Aus Platzmangel und um nicht allein zu sein, lebten viele Frauen mit ihren Kindern in Gruppen zusammen. Wenn deutsche Patrouillen auf solche gemeinschaftlich genutzten Unterkünfte stießen, bot sich ihnen die Gelegenheit, mehrere Frauen zu vergewaltigen, gegebenenfalls sogar wiederholt. Infolge solcher Übergriffe entschieden Frauen sich mitunter, ihren Schlafplatz häufiger zu wechseln.316
Verschiedene Berichte zeugen davon, dass deutsche Männer sich insbesondere in den Abendstunden, nach Einbruch der Dunkelheit, nach einheimischen Frauen umsahen. Am 6. Dezember 1941, ein knappes halbes Jahr nach der deutschen Besetzung Rigas, notierte die litauische Augenärztin Dr. Elena Kutorgiene-Buivydaite in ihrem Tagebuch, die Frauen würden sich fürchten,»nach 8 Uhr abends auf die Straße zu gehen, da die Deutschen sie überfallen und verschleppen«.317 Mitunter drohten die Soldaten den Frauen auch, sie oder ihre Töchter seien» als nächste an der Reihe«.318 In dieser Atmosphäre gehörte es für viele Frauen zum Alltag, Schutzmaßnahmen gegen sexuelle Übergriffe zu organisieren. Augenzeuginnen und – zeugen aus unterschiedlichen Regionen geben an, dass Frauen sich verkleideten, sich allnächtlich auf einen Dachboden oder in einen Keller begaben oder dauerhaft in Verstecken lebten.319 Einige Frauen schützten ihre Menstruation, Typhus oder andere Krankheiten vor, um körperlichen Übergriffen zu entgehen.320 In literarischen Darstellungen taucht das Motiv auf, dass manche Frauen vortraten und sich vergewaltigen ließen, um anderen, in aller Regel sexuell unerfahrenen» Jungfrauen«, Töchtern oder Schwestern, dieses Schicksal zu ersparen.321 Die Quellen deuten darauf hin, dass die Ängste der Frauen durch Berichte der sowjetischen Medien über die Vergewaltigung und Verschleppung von Frauen noch geschürt wurden.322
Wenn Frauen weite Wege auf sich nehmen mussten, um Geld zu verdienen oder Lebensmittel zu organisieren, waren sie ebenfalls besonders gefährdet. Eine Ukrainerin erinnert sich in einem Brief aus dem Jahr 1999 an die Erfahrungen, die sie mit den deutschen Besatzern machte, bevor sie 1942 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland deportiert wurde:
Im Oktober 1941 ging ich in Dnjepropetrovsk mit jungen Leuten, die älter waren als ich, am Rande der Stadt Kartoffeln graben. Auf dem Rückweg gesellten sich deutsche Soldaten zu uns. Wir unterhielten uns fröhlich in der fremden Sprache … Aber o weh, plötzlich wie auf Kommando fingen die jungen Leute (rebjata) an wegzulaufen, aber die harten Hände des Soldaten ließen mir keine Möglichkeit, ihnen zu folgen. Mein Hilfeschrei verhallte ungehört, weil mein Mund zugehalten wurde. Zum ersten Mal fühlte ich mich verraten. […] Die Mama brachte mich im Dorf zu einer alten Frau und fragte nicht einmal, warum ich nachts nach Hause gekommen war und ganz verkratzt war, in zerrissenen Kleidern und in Tränen.323
Die Briefschreiberin stellt ihre Naivität und Unerfahrenheit in den Vordergrund. Mit ihrer Betonung der unbeschwerten Unterhaltung in der» fremden Sprache«, in die das Verbrechen unerwartet hereinbrach, unterstreicht sie, dass ihr die Gefahr einer Vergewaltigung nicht gegenwärtig gewesen sei und sie insofern auch keine Vorsichtsmaßnahmen habe ergreifen können. Wie in der Einleitung bereits ausgeführt, mag dies ein Hinweis auf den Rechtfertigungsdruck sein, dem sich viele Frauen nach Kriegsende ausgesetzt sahen, zu beweisen, dass sie die Männer in keiner Weise ermuntert hatten, sondern ohnmächtig und hilflos gewesen waren.
Aufschlussreich ist in der Darstellung der Ukrainerin zudem die Reaktion der Mutter, die keinesfalls überrascht war, ihr keine Fragen stellte, sie aber offenbar umgehend zu einer Behandlung durch» eine alte Frau «brachte – möglicherweise, um einer Schwangerschaft vorzubeugen. Deutlich wird hier, dass sexuelle Gewalt als eine Art offenes Geheimnis behandelt wurde, von dem alle wussten, über das man aber höchstens abstrakt oder indirekt sprach. Tatsächlich führt die Zeitzeugin diese Herangehensweise in gewisser Weise fort, wenn sie die eigentliche Gewalterfahrung ausspart und darauf baut, dass der Leser wissen wird, wovon sie spricht. Vermutlich versuchten viele Frauen, die sexuelle Gewalt am eigenen Leib erfahren hatten, das Geschehene vollständig zu verheimlichen, um nicht in Verruf zu geraten. Für die deutschen Soldaten war dies durchaus von Vorteil: Viele Taten blieben dadurch im Verborgenen.
Die Transporte, mit denen» Ostarbeiterinnen «in Richtung Deutschland gebracht wurden, eröffneten deutschen Männern ebenfalls Möglichkeiten, Frauen sexuell zu belästigen und zu vergewaltigen. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen stand zunächst der lokale Arbeitseinsatz der einheimischen Bevölkerung im Vordergrund. Ab dem Frühjahr 1942 begann jedoch die umfassende Registrierung von Arbeitskräften für den Einsatz im Reich – zunächst auf mehr oder weniger freiwilliger Basis, aber schon bald durch Zwangsrekrutierung. Das galt vor allem für die Landjugend in der Ukraine. Vor ihrem Abtransport mussten die Frauen und Männer die Prozedur der» Entlausung«über sich ergehen lassen. Sie hatten sich in Sammelduschräumen mit speziellen Chemikalien zu waschen und von Ärzten untersuchen zu lassen. Den Frauen wurden dabei häufig auch die Haare abgeschnitten. Der Leiter des Facharbeiterlagers in Charkow beklagte im Herbst 1942, dass sich in den Duschräumen der sogenannten Entlausungsanstalten regelmäßig Männer» herumtrieben – sogar mit Einseifung Dienst taten! – und […] in den Frauenduschräumen fotografierten«.324 Auf den Transporten selbst, so berichtet ein Zeitzeuge, suchten sich manche Soldaten während der Fahrt eine Frau aus, die sie mit in ihren Waggon nahmen.325 Entsprechende Berichte verbreiteten sich schnell, und insbesondere Frauen versuchten, sich dem Arbeitsdienst dadurch zu entziehen, dass sie einen einheimischen Kollaborateur heirateten oder behaupteten, sie seien schwanger.326 Das RMbO bemühte sich, der Angst der Frauen vor sexueller Gewalt ab April 1942 durch eine umfangreiche Propagandakampagne entgegenzuwirken.327
Während ein großer Teil der sexuellen Gewaltakte offenbar Gelegenheitstaten waren, gab es auch Fälle, in denen deutsche Männer ihr Vorgehen planten und gezielte Täuschungsmanöver einsetzten, um Frauen beispielsweise zum Mitkommen zu bewegen.328 Einige haben dabei offenbar wiederholt nach dem gleichen Muster gehandelt.329 SS-Standartenführer Rohde, tätig beim SS- und Polizeiführer in Brest-Litowsk330 (Weißrussland), nahm am 4. Juli 1942 die Aussage von Axannder S., Tänzerin beim örtlichen Stadttheater, auf. Sie behauptete, ein deutscher Polizist habe versucht, sie und andere Frauen zu vergewaltigen. Er befragte weitere Zeuginnen, stellte Nachforschungen an und ermittelte den Täter, den Wehrmachtssoldaten Adolf H., der die Taten» unumwunden «gestand und sich damit entschuldigte, dass er unter Alkoholeinfluss gestanden habe.331 Der zuständige Feldgendarm nahm Adolf H. fest. In seinem abschließenden Bericht schildert Rohde den Tathergang. In der betreffenden Nacht hatte ein Uniformierter sich gegenüber Axannder S. als Polizist vorgestellt, ihre Papiere kontrolliert und sie – obwohl diese in Ordnung waren – aufgefordert, ihn zu begleiten. Da er aber nicht den Weg zur Ortskommandantur eingeschlagen hatte, unternahm sie einen Fluchtversuch:
Im gleichen Augenblick versuchte derselbe, sie zu vergewaltigen, indem er ihr den Mantel völlig zerriß und auch Teile des Kleides beschädigte. Da die S. schon infolge ihres Berufs außerordentlich wendig ist, konnte sie sich entreißen und flüchtete in einen Vorgarten eines in der Nähe stehenden Hauses. In diesem konnte sie sich so geschickt verborgen halten, dass es dem Beschuldigten nicht gelang, sie zu finden. […] Da die S. außerordentlich verängstigt war, blieb sie dennoch vor dem Strauch zunächst sitzen und musste nach ca. 20 Minuten feststellen, dass er nunmehr in feldgrauer Uniform erneut erschien […]. In seiner Begleitung befand sich ein weiterer Wehrmachtsangehöriger. […] Da diese Frauen durch die Hilferufe der Tänzerin bereits wach geworden waren, standen sie, nichts Gutes ahnend, in ihrer Haustür. Der Täter des ersten Verbrechens begehrte nun hier Einlass und gab sich auch wieder als Polizei aus. Da die beiden Frauen die Situation nicht sofort übersahen, wurden sie zurückgedrängt, während die alte Mutter ins Nebenzimmer flüchtete, zog sich Irene Sch. in ihr Schlafzimmer zurück. Der Beschuldigte folgte ihr und riss ihr angeblich sofort das Zeug vom Körper. Es kam zu einem Handgemenge auf dem Bett der Irene Sch., bei dem die I. Sch. erheblich verletzt an der linken Hand, linke Schulter und an beiden Beinen wurde, da sich der Beschuldigte wie ein Wüstling benahm. Zu einem Geschlechtsakt ist es nicht gekommen, da die Sch. von außerordentlich kräftiger Natur ist. Als die Mutter Leokardia ihrer Tochter zur Hilfe kommen wollte und ins Schlafzimmer lief, fiel der Wüstling über sie her und schlug sie auf das rechte Auge, so dass dieses blutunterlaufen und völlig geschlossen ist. Des weiteren verletzte er die Frau an der Brust erheblich. Ohne etwas mitgehen zu lassen und ohne zum Erfolg zu kommen, hat der Wüstling dann wieder das Haus verlassen. […] Nicht unerwähnt darf bleiben, dass der gleiche Beschuldigte 8 Tage zuvor in der gleichen Wohnung war und bereits versuchte, Geschlechtsverkehr auszuüben. Er gab sich auch hier als Pol.-Beamter aus, verlangte des weiteren Wodka, konnte aber sein Ziel nicht erreichen. […]
Es darf des weiteren nicht unerwähnten bleiben, dass die Tänzerin S. von H. erheblich verletzt wurde an beiden Beinen, an der Brust, im Nacken und an den Lippen. Des weiteren soll H. die S. geknebelt haben, um sie am Schreien zu hindern.332
Rohdes Protokoll enthält jede Menge Ungereimtheiten: Man erfährt zum Beispiel weder, wann und wie es dem Beschuldigten gelang, das erste Opfer, die Tänzerin S.,»erheblich «zu verletzen und zu knebeln, hatte sie sich angeblich doch umgehend losreißen und verbergen können; noch wird geklärt, wie der hinzugekommene Wehrmachtssoldat sich während des zweiten Vergewaltigungsversuches verhielt. Rohdes Bewertung der Beteiligten ist jedoch eindeutig: Die Frauen sind ehrenwert – zwar ängstlich, aber in der Lage, sich zu schützen und die versuchte Vergewaltigung zu verhindern —, der Wehrmachtsangehörige H. dagegen ist ein trunkener» Wüstling«. Rohde selbst begründet diese dichotome Darstellung mit seinem» persönlichen Eindruck«. Indes hatte Alfred H. nicht nur dem Ansehen der Wehrmacht geschadet, sondern mittels der Vortäuschung einer falschen Identität auch die Polizei in Verruf gebracht; das dürfte Rohdes Urteil maßgeblich beeinflusst haben. Der Standartenführer beim SS- und Polizeiführer verdächtigte H., der offensichtlich über gute Kenntnisse der russischen Sprache verfügte, überdies,»Elementen […], mit denen wir z. Zt. im scharfen Kampfe stehen«, gefälschte Personalpapiere beschafft zu haben.333 Er forderte insofern» die strengste Bestrafung «des Angeklagten. Ob es zu einer Gerichtsverhandlung kam, geht aus den Akten allerdings nicht hervor.
Mitunter konnten sexuelle Gewalttaten auch mit gezielten politischen Machtdemonstrationen in Zusammenhang stehen. Bernhard Chiari stellt fest, dass deutsche Männer auf» kleine Belohnungen und Vergünstigungen «für die einheimische Bevölkerung verschiedentlich Gewaltausbrüche, auch sexuelle Angriffe, folgen ließen. Er schildert einen Fall in der Nähe von Minsk im Rayon Cerven, wo 1942 auf einer deutschen Propagandaveranstaltung das zukünftige Prämiensystem für die Bauern – nach der» Befreiung Weißrußlands vom Joch des Bolschewismus«– vorgestellt wurde. Am nächsten Tag vergewaltigten 16 deutsche Männer ein 15-jähriges Mädchen auf offener Straße. Die Tat war äußerst brutal, dem Opfer wurden beide Augen ausgestochen.334 Nur wenige Tage danach befahl eine Gruppe deutscher Männer einigen jungen Frauen, sich auf dem Marktplatz nackt auszuziehen und einen weißrussischen Volkstanz aufzuführen. Als die Frauen sich weigerten, wurden sie erschossen.335 Auch hier vermittelten die sexuellen Gewaltakte der einheimischen Bevölkerung die Macht der Besatzer.
Бесплатный фрагмент закончился.
