Читать книгу: «Shake your Life»
Ralph Goldschmidt
Shake
your
Life
Der richtige Mix aus Karriere, Liebe, Lebensart

Die Deutsche Nationalbibliothek
verzeichnet diese Publikation in
der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Lektorat Ute Flockenhaus, GABAL Verlag Umschlaggestaltung, Satz und Layout Martin Zech Design, Bremen, www.martinzech.de Umschlagfoto Birgit Bernt, Berlin, www.media-b.de Kleine Umschlagfotos Steve Allen, Brand X Pictures/getty images gbh, www.morguefile.com Cornerstone, www.pixelio.de
©2014 GABAL Verlag GmbH, Offenbach
Das E-Book basiert auf dem 2010 erschienenen Buchtitel „Shake your Life“ von Ralph Goldschmidt, ©2010 GABAL Verlag GmbH, Offenbach.
ISBN Buchausgabe: ISBN 978-3-86936-107-9
ISBN epub: 978-3-86200-911-4
© 2010 GABAL Verlag GmbH, Offenbach Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.
www.gabal-verlag.de
Vorwort
Hi! Und bei dir?
1
Double Vision
Geld Beziehung Sinn
2
Piña Colada
Gesundheit Erfolg Familie
3
Absolutely Fabulous
Leistung Lifestyle Sex
4
Beam me up, Scotty
Wohnen Sport Bildung
5
Painkiller
Status Luxus Macht
6
Screwdriver
Kultur Drogen Altersvorsorge
7
Forbidden Fruits
Freundschaft Träume Ziele
Nachwort
Mach’s gut!

Die Handschuhe fühlen sich innen rau an.
Ich packe die Schere, trete zur nächsten Rebe und schneide sie runter. Mein Atem bildet eine weiße Wolke. Eine gesunde, kräftige Rebe lasse ich stehen. Ihr traue ich zu, viel zu tragen. Ich lasse nicht zwei stehen, ich will nicht auf Menge produzieren. Sondern auf allerhöchste Qualität. Es geht um Kraft, um Energie. Am Ende um Geschmack und Charakter. Nicht um möglichst viele Liter. Es geht um mehr als mehr.
Die Rebe lasse ich etwa 80 cm lang, sie steht senkrecht nach oben. Das Restholz wird runtergeschnitten. Was bleibt, ist die Rebe, der Stock und die Wurzel.
Ich atme die schneidend kalte Luft ein. Und schaue mich um. Ich stehe in einem Steilhang – in meinem Steilhang. Unter mir windet sich die Mosel, die Sonnenstrahlen lassen das Wasser glitzern. Die niedrig stehende Sonne hat noch nicht ihre volle Kraft, aber sie ist gleißend hell, ich muss die Augen zukneifen, wenn ich in den stahlblauen Himmel schaue.
Aus den Trauben dieser Rieslingreben wird einmal Sekt werden. Und mit diesem Winzersekt werden Menschen miteinander anstoßen. Auf ihre Erfolge, auf ihre Pläne und Hoffnungen, auf ihr Glück. Vielleicht ein Liebespaar bei Kerzenschimmer. Vielleicht ein stolzer junger Mann, der mit seinen Freunden auf den nächsten Karriereschritt anstößt. Vielleicht eine alte Dame, die zum Geburtstag mit ihren Gästen das Glas erhebt und ihre Jahrzehnte vor dem inneren Auge Revue passieren lässt.
Am Horizont biegt die Mosel um die Ecke. Wenn in Hollywood ein Moselwinzerfilm den Oscar als beste ausländische Filmproduktion gewinnen würde, dann wäre genau dieses Bild die Eröffnungsszene.
Absurder Gedanke. Ich muss laut lachen und gehe einen Schritt weiter, zur nächsten Rebe.

3 cl schwedischer Wodka Blackcurrant
3 cl dänischer Wodka Citron
4 cl klarer Apfelsaft (Direktsaft)
3 Spritzer Angostura Bitter
»Einen Blue Lagoon, bitte.«
»Aber gerne.«
Blue Lagoon – Wodka und Curaçao. Ich öffne den Kühler.
»Oder … Moment«, sagt der Gast mit scharfer Stimme. »Nein, bitte lieber einen Caipirovka.«
»Genauso gut. Kommt sofort.«
Ich nehme also nur den Wodka raus, schließe den Kühler. Caipirovka. Ich greife nach den Limetten und meinem scharfen Messer.
»Oh, halt! Tut mir leid. Jetzt weiß ich’s. Ich hätte lieber gerne einen Double Vision. Geht das?«
»Mein lieber Freund!« Ich lege das Messer hin, lege die Limetten zurück in den Alessi und lache ihn offen an. »Natürlich geht das. Ich warte auch gerne noch eine Weile. Könnte ja sein, dass Ihnen noch ’ne andere Idee kommt.«
»Nein. Nein. Keine Sorge. Ich bleib dabei.« Er schaut mich verblüfft an.
»Okay.« Ich zwinkere ihm zu. »Dass Wodka drin sein soll, das scheint ja jedenfalls ausgemacht. Wollen Sie einen Wodka pur? Das wäre die sichere Lösung.«
Jetzt lächelt er. »Njet. Danke. Sorry, ich unterschreib Ihnen auch gerne ein Formular. Ich will wirklich einen Double Vision. Der passt gerade am besten.«
Was meint er damit? Double Vision passt am besten? Eins liegt auf der Hand: Der Typ sieht im Moment irgendwie nicht klar.
»Gut. Dann mache ich’s Ihnen leicht. Sie haben hier ab sofort eine persönliche Getränkekarte, die ist speziell für Sie. Und auf der steht nur ein Getränk: Double Vision. Sie können also bestellen, was Sie wollen, ich mache Ihnen in jedem Fall einen Double Vision. Klare Sache. Einverstanden?«
Mr. Wodka lacht. Jetzt schaut er richtig fröhlich aus. »Gut, Chef. Dann hätte ich gerne eine Bloody Mary!«
Wir lachen beide. Netter Kerl. Er geht ein paar Schritte von der Bar in den Raum hinein und macht sich’s in einem der Ledersessel gemütlich. Seinen schokobraunen Pal-Zileri-Mantel wirft er lässig auf den anderen Sessel neben sich. Lockert die Krawatte. Das sieht nicht so aus, als ob er sich noch mit jemandem treffen würde. Der Mann geht heute Abend mit sich alleine aus.
Ich schreite zur Tat. Double Vision. Keine Zutat wird in Cocktailbars öfter verwendet als Wodka. Wodka ist eine klare Sache. Und Klarheit, das kann dieser Beau hier in meiner Bar gerne haben.
Ich fülle vier Eiswürfel in meinen Boston Shaker. Das ist das Teil mit dem Metallbecher oben und dem großen Glas unten. Meine Eiswürfel sind glasklar. Wir sind hier ja auch nicht bei Um-die-Ecke, sondern in der Jangada Bar – meiner Bar. Und bei mir gibt es keine weißen Eiswürfel. Ich koche das Wasser auf, bevor es in die Eismaschine kommt, das ist der Trick. Und die Maschine stelle ich auf superkalt, denn zum Mixen brauche ich kalte, trockene Würfel, und das Eis muss immer frisch sein, sonst schmeckt es nicht neutral. Erst ganz heiß, dann ganz kalt, kein Wischiwaschi. Das Longdrinkglas stelle ich schon mal bereit und fülle es mit Eiswasser aus der Karaffe, damit das Glas nachher kühl ist. Dabei achte ich darauf, dass die Außenseite des Glases trocken bleibt.
In den Shaker zum Eis kommen jetzt 3 cl Wodka mit Johannisbeeraroma, also bei mir schwedischer Wodka Blackcurrant, sowie 3 cl dänischer Wodka Citron. Die beiden finde ich entschieden am besten. Dazu 4 cl klarer Apfelsaft. Direktsaft.
Wir sind hier ja auch nicht bei Um-die-Ecke, sondern in der Jangada Bar.
Becher drauf, kleiner Schlag mit dem Handballen obendrauf und schütteln. Beim Schütteln wir die Luft innen kälter, zieht sich zusammen, es entsteht ein leichter Unterdruck, der Glas und Becher zusammenhält. Ist wirklich dicht.
Beim Shaken schaue ich wieder nach Mr. Wodka. Er sitzt da und schaut ins Leere. Strahlendes Glück sieht anders aus. Auf den ersten Blick ist er ein verdammt gut aussehender Bilderbuch-Mann, wie frisch vom Armani-Laufsteg. Schlank, groß, sportlich, über den Schläfen geht der Haaransatz schon leicht zurück. Super Friseur. Ein Gesicht wie Viggo Mortensen, gepflegter Dreitagebart, Grübchen am Kinn. Wow, denke ich, toller Hecht. Aber er schaut irgendwie verdrossen ins Leere.
Mit der linken Hand drücke ich den umgedrehten Shaker auf die Platte und haue mit der rechten Hand kräftig gegen den Rand des Metallbechers. Das Teil öffnet sich, ich nehme das Glas raus, gieße das Eiswasser aus dem Cocktailglas und fülle dann den Drink durch das Barsieb ein und …
Mist!
Ich habe den Angostura vergessen.
Der Double Vision hat es in sich. Nicht nur wegen des kräftigen Anteils Wodka, sondern auch wegen der unverzichtbaren paar Spritzer Angostura Bitter, der die Fruchtsäure perfekt ausgleicht. Das Wundermittelchen enthält unter anderem Extrakte von Enzianwurzel, Bitterorange, Nelken, Kardamom, Zimt und Chinarinde und wurde im 19. Jahrhundert vom deutschen Arzt und Waterloo-Veteran Dr. Johann Gottlieb Benjamin Siegert in der Stadt Angostura entwickelt, die mitten im Regenwald in Venezuela liegt und heute Ciudad Bolívar heißt. Der Bitterlikör wurde damals als Medikament gegen Malaria, Gelbfieber und Denguefieber genutzt. Dr. Siegert war einer der rund 300 europäischen Legionäre im Freiheitskampf der Südamerikaner gegen die spanische Krone und wirkte als Generalstabsarzt in Simon Bolivars Separatistentruppen. Aber er war auch ein cleverer Geschäftsmann. Als er nämlich merkte, dass Söldner und Seefahrer seine Medizin mit Gin mischten und so als Drink für echte Kerle auf der ganzen Welt verbreiteten, hing er seinen Arztkittel an den Nagel und begann, den Angostura Bitter professionell zu produzieren und zu vermarkten. Die Firma existiert seit 1850, das Rezept ist natürlich geheim. Feine Sache, hochkonzentriert, saubitter.
Und nicht in diesem Drink!
Also, alles noch mal von vorne …
Als ich ihm sein Glas bringe,
hängt Mr. Wodka im Sessel wie ein nasser Sack.
»Hallo, Señor, Sie wollten die Piña Colada, stimmt’s?«
Er rafft sich auf, lacht etwas angestrengt und nimmt seinen Double Vision (mit drei Spritzern Angostura).
»Danke. Schöner Laden.«
»Na, dachte ich mir doch, dass Sie zum ersten Mal hier sind. Sind Sie auf Geschäftsreise? Oder frisch zugezogen? Oder haben Sie heute Abend plötzlich Ihre Liebe zum Wodka entdeckt und dann schnell die nächstgelegene Bar aufgesucht?«
Ich setze mich kurz auf die Lehne des Sessels neben ihm. Der Mann wirkt verschlossen. Aber die Typen mit der Ritterrüstung finde ich besonders spannend.
Geld hat er, das sieht man. Und verheiratet ist er, jedenfalls trägt er einen Ehering am Finger. Sein Gesichtsausdruck und seine Gesten sind hart, wenn er spricht. Eine Menge Testosteron ist da im Blut.
»Ich bin weder neu hier noch auf der Durchreise. Habe eben gerade Ihre Bar entdeckt und hatte Lust auf ’nen Drink. So was gibt’s doch, oder?«
Viel bekomme ich aus ihm nicht raus an diesem Abend. Die Bar füllt sich auch so langsam, ich habe gut zu tun. Irgendwann legt er Geld auf den Tisch und geht, ohne Tschüss zu sagen oder rüberzuschauen.
Eine Woche später.
Vor mir sitzt Mr. Wodka und nickt mir zu.
»Guten Abend. Möchten Sie einen Double Vision oder einen Double Vision?«
Er lacht laut, die Rüstung bekommt Risse, das Visier klappt hoch. »Hm, dann nehme ich einen Double Vision, oder was meinen Sie?«
»Keine Ahnung. Ich mach Ihnen erst mal einen Double Vision.«
An diesem Abend erfahre ich mehr. Mr. Wodka bleibt am Tresen sitzen und beim zweiten Drink erzählt er.
Er arbeitet in der Pharmabranche. Seine alte Firma wurde vor einem Jahr übernommen. Ganz neue Kultur seitdem. Ich weiß, welche Firma das ist, in der Stadt gibt es da nur eine Möglichkeit. Riesenladen, einer der drei größten weltweit. Sein Metier ist Vertrieb, er ist gerade aufgestiegen, führt fünf Teamleiter und hat insgesamt 70 Leute unter sich. Sein oberster Chef ist neu. Auch das Produkt, das er pushen soll, ist neu. Stressig, das alles. Aber es läuft gut für ihn. Kommt gerade aus dem Büro, es ist kurz vor neun.
»Hm, 70 Leute, Vertrieb, da muss man tough sein, oder?«
»Schon.« Er blickt in sein Glas.
Ich nehme eine Bestellung von drei neuen Gästen auf, mixe ein paar Drinks, komme zurück zu ihm und gehe zum Angriff über. »Ich hab da mal ’ne Frage: Sie sind doch verheiratet, oder? Und wenn ich Sie so anschaue, dann tippe ich darauf, dass Ihre Frau kein Besen ist. Reine Erfahrungssache. In Ihrer Brieftasche ist ein Bild von einem supersüßen Mädchen, höchstens drei Jahre alt. Ich tippe, das ist Ihre Tochter. So, und jetzt will ich von Ihnen wissen: Warum in aller Welt hängen Sie zum wiederholten Male nach Feierabend in einer – zugegebenermaßen äußerst stilvollen – Bar herum und schauen trübe in Ihren Longdrink, anstatt mit Siebenmeilenstiefeln nach Hause zu hüpfen, Ihrer Tochter eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen und dann Ihre Frau glücklich zu machen? Hand aufs Herz!«
Ich bleibe kurz stehen und beobachte, wie sich seine Rüstung in Einzelteile auflöst und zu Boden scheppert. Er schaut mich entgeistert an, seine ganze Selbstsicherheit scheint verflogen, er holt Luft und … sagt nichts. Schluckt. Ich drehe mich um, greife zum Kühler und denke: Scheiße, Bruno, zu direkt, der geht jetzt. Warum kannst du auch nicht die Schnauze halten!
Während ich noch innerlich mein latentes Helfersyndrom verfluche, räuspert sich Mr. Wodka. »Also …«
Ich drehe mich zu ihm, schaue ihm gerade in die Augen und sage: »Entschuldige, Mann, ich wollte Ihnen nicht …«
»Schon gut. Nein, ist okay.« Er umfasst sein Longdrinkglas mit beiden Händen, als wäre es sein Sicherungsseil in der Felswand. »Also, ehrlich gesagt, habe ich einfach noch keinen Bock, nach Hause zu gehen.«
»Wieso das denn?«
»Keine Ahnung, ich blick da selbst nicht so ganz durch. Meine Frau ist toll. Aber … ich weiß nicht. Ich check’s selber nicht richtig.«
»Ihnen geht’s scheiße, oder?«
Er schaut mich jetzt an wie ein Hund, dessen Herrchen ihn beim Zerfetzen von Frauchens Strümpfen erwischt.
»Ähm, ich weiß nicht, wie’s mir geht. Ich weiß nur, dass es nicht so ist, wie es sein soll.«
»Inwiefern?«
»Na, ja. Früher hat mir das alles Spaß gemacht. Aber seit einer Weile quäle ich mich morgens nur noch aus dem Bett und habe überhaupt keine Lust, zur Arbeit zu fahren. Den ganzen Tag gibt es dort Druck von oben. Verkaufszahlen, Kundenzufriedenheitsquote, Responsezeiten, alle möglichen Kennzahlen, es wird irgendwie immer mehr. Dann schwierige Mitarbeiter, Umstrukturierungen. Am Abend bin ich nur noch platt. Keine Energie mehr für die Kinder. Meine Frau ist dann auch anstrengend. Wenn ich nach Hause komme, wollen irgendwie alle was von mir. Und keiner fragt, was ich will. Kann ich noch mal einen Drink haben, bitte?«
»Klar.« Ich räume sein leeres Glas ab. »Erzählen Sie weiter.«
Dann erzählt er von seiner Frau, die tatsächlich super aussehen muss. Sie verstehen sich gut. Sie ist seine zweite Frau, hat einen neunjährigen Sohn mit in die Ehe gebracht, gemeinsam haben sie die kleine Tochter, deren Bild ich gesehen hatte. Allen geht es gut, der Alltag ist bestens organisiert. Sie ist stolz auf ihn und seinen beruflichen Erfolg. Sie fährt einen schicken BMW. Trägt Designerklamotten. Genießt ihren Status und zeigt ihn gerne. Urlaub machen sie im Robinson-Club. Überall erzählt sie, was für ein toller Hecht er doch ist. Alle denken: Wie toll so eine Patchworkfamilie funktionieren kann.
Aber wenn er sich fragt, ob er lieber kommt oder lieber geht, merkt er: Im Moment geht er weder gerne zur Arbeit noch kommt er gerne heim. Er fragt sich, was das kleinere Übel von beiden ist.
Zu Hause wie im Büro ist es einfach nur anstrengend. Immer muss er sein Image aufrechterhalten, den starken Mann spielen. Dabei ist er einfach nur müde. Saumüde. Auf dem besten Weg, in den Club der Smiling Depressives aufgenommen zu werden. Er würde sich so gerne mal wieder gut fühlen, Spaß haben, Energie spüren.
»Und woran liegt das? Sie müssten doch eigentlich auf Wolke sieben schweben. Ich meine, Sie haben doch alles, was man so haben will, oder? Aber trotzdem scheint Ihnen was zu fehlen. Also: Was ist es?«
»Das ist es ja!« Jetzt bekommt er wieder diesen harten Ausdruck im Gesicht. »Ich habe keine Ahnung! Ich habe kein Problem, weißt du … äh, wissen Sie!«
»Schon okay, ich heiße Bruno.« Ich gebe ihm die Hand.
»Victor. Angenehm.« Er zieht einen Mundwinkel hoch, wieder ganz der Lässige. Das hat er echt gut drauf.
Ich lege den Pfeil auf, spanne den Bogen, ziele und: »Also, woran liegt’s? Redet ihr nicht miteinander? Geht’s ums Geld? Um Status? Traust du dich nicht mit ihr zu streiten? Klappt’s nicht in der Kiste? Hast du den falschen Job? Traust du dich nicht ihn zu ändern?«
Jetzt hält er die Luft an. Treffer, versenkt.
Des Geldes wegen
kriseln viele Beziehungen. Das Thema birgt riesiges Konfliktpotenzial und ist einer der häufigsten Gründe für Krach. Er hält es zusammen, sie gibt es aus. Oder umgekehrt. Sie liebt Statussymbole – Dior-Kette, Yohji-Yamamoto-Kleid, Christian-Louboutin-Pumps, Cayenne Turbo, Haus am See, Kitzbühel, Trakehnerhengst, Golfclub … – er könnte auch gut und gerne darauf verzichten. Oder umgekehrt. Sie braucht Sicherheit durch gut angelegtes Vermögen. Ihm wäre es nicht wichtig. Oder umgekehrt.
Noch schlimmer aber, als über Geld zu streiten, ist es, wenn darüber geschwiegen wird. Denn Geld ist zwar wichtig, aber nicht in Bezug auf unser Glück. Jedenfalls nicht in den Einkommensregionen von Victor Wodka. Mit anderen Worten: Sie können mit Geld glücklich sein oder ohne. Ganz egal. Eine der schlimmsten Fallen unserer Zeit ist die Vorstellung, eines Tages, wenn genügend Geld da ist, um diesen oder jenen Traum zu verwirklichen, glücklich zu sein. Entweder Sie sind auch ohne das viele Geld glücklich und zufrieden gewesen, dann haben Sie gute Chancen, auch weiterhin glücklich und zufrieden zu sein, wenn Sie mehr davon haben. Oder Sie waren es nicht, dann tendieren Ihre Chancen gegen null, glücklich und zufrieden zu sein, wenn Sie eines Tages steinreich geworden sind.
Geld kann auch keine Beziehung aufrechterhalten oder retten. Die Liebe und Zuneigung, Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit des Partners kann man nicht mit Geld und schönen Dingen kaufen. Nicht auf Dauer.
Die Realität ist aber: Paare nehmen sich gemeinsame Projekte vor, die mit Geld zu tun haben. Das Traumhaus zum Beispiel. Da laufen Bausparverträge und rauben den tapferen Sparern im Alltag die Luft zum Atmen, damit eines Tages das frei stehende Haus gebaut werden kann, von dem schon Zeichnungen und Grundrisse existieren. Oder die Einrichtung. Das Ledersofa, die Küche, das Bad auf Kredit gehören in zehn Jahren nicht mehr der Bank, sondern dem Ehepaar.
Die fehlende Entwicklung im Innern wird kompensiert im Außen.
»Schatz, die Hubers haben einen Mercedes gekauft. Die M-Klasse, du weißt schon.«
»Na und?«
»Was na und! Ich mein ja bloß!«
Die gemeinsame Wunscherfüllung funktioniert über Geld. Der eine finanziert, der andere organisiert. So gibt es auch immer ein gemeinsames Gesprächsthema. Wenn das Projekt vorbei ist, steht das Paar genau da, wo es vorher stand. Dann muss ein neues Projekt her. Aber die Beziehung ist wie vorher. Es gibt keine Entwicklung von innen heraus. Die fehlende Entwicklung im Innern wird kompensiert im Außen.
Dass Sie mich nicht falsch verstehen: Gemeinsame Projekte sind nicht schlecht. Sie sind gut. Aber man muss sich bewusst machen, welches Projekt welchen Zweck erfüllt, und darüber reden, was das alles wirklich bedeutet. Offen reden.
Sonst läuft das so wie bei den meisten Paaren: Hauptsache, wir haben was zu tun. Dann müssen wir nicht darüber nachdenken, was eigentlich alles schiefläuft zwischen uns. Wenn Ihnen das irgendwie bekannt vorkommt, sollten Sie mal eine Projektpause einlegen!
Geld ist auch ein Aphrodisiakum, Geld macht Männer sexy. Das können Sie finden, wie Sie wollen, es ist so! Wieso? Weil Geld Sicherheit bietet. Das ist der Versorgeraspekt, der seit Millionen von Jahren unbewusst und ganz schlicht funktioniert. Heutzutage noch wichtiger ist aber etwas anderes: Die meisten Menschen definieren sich über Geld, ordnen sich über den Kontostand in die gesellschaftliche Hierarchie ein. Ganz unbewusst. Wer Geld hat, gewinnt Selbstwertgefühl. Wer Geld verliert, verliert Selbstwertgefühl. Mit steigendem Selbstwertgefühl gewinnt man persönliche Ausstrahlung, das macht attraktiver für das andere Geschlecht. Mit sinkendem Selbstwertgefühl verliert man Attraktivität. Ganz unabhängig vom physischen Aussehen.
Nur: Sie können sehr attraktiv sein, aber gleichzeitig unglücklich. Denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.
Wenn die Frau nach dem traditionellen Muster Küche, Kirche, Kind dem Mann den Rücken frei hält, damit der beruflich erfolgreich sein kann, dann kann das ein wohltuendes Arrangement für beide sein – oder die Hölle auf Erden. Dann nämlich, wenn die Frau subtil Druck ausübt: Lieber Mann, du bist nur dann etwas wert, wenn du in der Firma Gas gibst und ordentlich Kohle heimschaufelst!
Wenn der Job den Mann dann gar nicht ausfüllt, er sinnlos findet, was er tut, er sich eigentlich eine andere Arbeit wünscht, dann wird es problematisch. So wie bei Victor.
Ihn kotzt der Job nämlich in Wahrheit an. Er möchte raus da, am liebsten etwas ganz anderes machen. Aber seine Frau sperrt sich. Denn das würde einen Umzug bedeuten. Umziehen? Dann müsste sie sich den Freundeskreis, in dem sie sich über Jahre eine Stellung erarbeitet hat, ja wieder komplett neu aufbauen! Und die ganze Organisation der Familie! Und das schöne Haus, das doch ideal ist! Und warum überhaupt? Ihnen geht es doch gut! Er hat einen sicheren Job, verdient gut. Was will er denn überhaupt?
Sie kann ihn überhaupt nicht verstehen. Denn ihr geht es um völlig andere Dinge. Sie hat offenbar eine andere Sortierung der Werte. Das ist der Punkt.
»Was ist denn überhaupt
das Problem bei deinem Job?«, frage ich Victor, als er sich wieder gefangen hat.
»Ich gehe mal davon aus, dass Barkeeper ein Schweigegelübde ablegen wie Priester oder Ärzte oder so. Richtig?«
»Na, klar!«
»Also, es ist so: Ich finde das ganze Geld ja auch gut. Ich mag gute Klamotten und so. Mir fällt es leicht, viel Geld zu verdienen, ich finde auch irgendwie, dass das für mich normal ist, es steht mir zu, habe ich das Gefühl. Das soll jetzt nicht überheblich klingen, ich will nur sagen, dass ich mich damit ganz wohlfühle. Ich bin ja auch leistungsfähig. Oder anders gesagt, ich habe kein Problem mit meinem Selbstwertgefühl.«
»Echt?«
»Ja, echt. Wieso echt? Jetzt bring mich nicht aus dem Konzept!«
»Schon gut.«
»Also, jedenfalls gefällt mir meine Gehaltsabrechnung so, wie sie ist. Nur …«
»Nur?«
»Nur nicht um jeden Preis. Faule Tricks anwenden zu müssen, das ist es nicht wert. Ich will mein Geld ehrlich verdienen. Mich kotzt es an, was bei uns läuft! Ich muss mir täglich auf die Zunge beißen, um nicht rumzuschreien, was der ganze Laden für ein Misthaufen ist!«
Oh, mein lieber Scholli. Jetzt merkt man, was der für einen Druck aufm Kessel hat. Mit dem würde ich mich nicht unbedingt anlegen wollen. »Du brauchst mir nicht zu sagen, was da genau läuft, wenn du nicht willst.«
»Doch, das will ich. Ich kann ja mit niemandem drüber reden, das ist ja Teil des Problems, ich will das einfach mal erzählen, wenn’s dir recht ist.«
»Ja, nur zu. Ich höre und vergesse. Das ist mein Job. Und wenn ich mal ein Buch schreibe, werde ich deinen Namen ändern, okay?«
Victor Wodka grinst. »Okay, also pass auf. Es ist ganz einfach. Mein Job besteht darin, überteuerte Medikamente von mittelmäßiger Qualität, die eigentlich keiner braucht, mit Vertriebspower in den Markt zu drücken. Wir werden subtil gedrängt, alle Register zu ziehen, um Kohle zu machen. Ich muss meinen Leuten die Mohrrübe hinhalten oder ihnen richtig in den Arsch treten, damit sie rennen wie die Blöden. Zuckerbrot und Peitsche. Und das macht mir überhaupt keinen Spaß.«
Jetzt merkt man, was der für einen Druck aufm Kessel hat.
Er rührt mit dem Strohhalm in seinem Drink herum, macht eine Pause. Holt tief Luft und redet weiter: »Weißt du, es ist so sinnlos. Kein Mensch wird durch diese Medikamente gesünder. Im Gegenteil. Die Dinger haben alle Nebenwirkungen, manche machen abhängig. Wir machen Deals, die nicht sauber sind, um Ziele zu erreichen, die verrückt sind, und Zahlen zu generieren, die unrealistisch sind. Den Apothekern wird in Veranstaltungen der Hintern gepampert, alle Key-Accounts werden mit Macht gedrängt, beeinflusst, bestochen. Ein Medikament ist besonders übel. Ich weiß, dass da nachweislich Studien gefälscht worden sind. Und von einer Studie weiß ich, dass das Medikament ganz übel dabei wegkommt. Das Zeug ist gefährlich. Und diese Studie wird unter Verschluss gehalten, mit sehr viel Geld natürlich.«
Er schaut mich an, ich bin ganz still.
»Ich finde das so scheiße. Ich würde das Zeug, das ich verkaufe, niemals selbst schlucken. Wenn schon, dann würde ich ein Konkurrenzprodukt nehmen. Wenn überhaupt. Für einen Großteil der Patienten ist das Produkt der Konkurrenz nämlich das verträglichere, außerdem wirkt es besser. Und ist billiger. Wir haben da ein ganz mieses Produkt, und ich bin gerade dabei, es zum Blockbuster zu machen. Weil ich nämlich ziemlich gut darin bin.«
»Oh, Mann.« Das trifft mich jetzt wirklich. »Da würde ich mich an deiner Stelle auch ganz schön beschissen fühlen«, sage ich. »Dafür hältst du dich noch ziemlich gerade, würde ich sagen.«
Dieser Mann lebt eindeutig nicht seine Werte. Und ich frage mich, warum.
»Und was sagt deine Frau dazu?«, frage ich ihn.
»Meine Frau?« Er lacht, denn er hat durchschaut, dass ich ihn durchschaut habe. »Meine Frau will nächstes Jahr einen Porsche Panamera fahren.«
So, jetzt bin wohl ich dran. Ich werde ihm ein wenig von mir erzählen. Das ist nur fair. Außerdem habe ich mir bereits in den Kopf gesetzt, dass ich diesen Typen nicht so aus meiner Bar rauslaufen lasse, wie er hereingekommen ist. Ich meine nicht den Alkoholspiegel im Blut, sondern seine innere Verfassung.
»Moment, ich geh schnell mal die da drüben bedienen. Ich komme gleich zurück und dann will ich dir was erzählen.«
Während ich zwei netten Damen die Cocktailkarte erkläre, sehe ich, wie mein Mr. Wodka durch den Raum Richtung Toilette schlurft: Er geht wie ein Siebzigjähriger mit achtzig Kilo Gepäck auf den Schultern. Das stachelt meinen Ehrgeiz an.
Zurück hinterm Tresen schneide, fülle, schüttle ich, was das Zeug hält, haue mir die Handkante am Edelstahlbecher taub und liefere zwei saubere Drinks aus. Dann komme ich zurück und knöpfe mir Victor den Schönen vor, der mittlerweile ein wenig erleichtert von der Toilette zurückgekommen ist.
»Jetzt hör du mal zu. Ich weiß auch, wie es ist, einen Haufen Geld zu verdienen. So richtig viel Geld. Aber ich tippe, ich habe dir eins voraus, denn ich weiß auch, wie es ist, alles zu verlieren. Ich habe nämlich mal einen Crash hingelegt. Die Umstände sind legendär, aber das tut jetzt nichts zur Sache.«
»Hört, hört …«
»Jedenfalls hatte ich nichts mehr. Kein Geld. Kein Auto. Keine Wohnung. Nur Schulden. Ich habe im Büro auf einer Matratze gepennt. Zum Duschen bin ich ins billigste Sportcenter in der Stadt. Jeden Tag habe ich mir überlegt, ob ich mir einen Kaffee leisten soll oder nicht. Ich war um sehr viel Geld betrogen worden. Richtig viel. Natürlich gab es einen Prozess. Ich habe recht bekommen – aber trotzdem kein Geld. Das Geld war nämlich weg.
Mein Business lag im Staub. Meine Ex-Frau hing bei mir finanziell am Tropf, mitsamt den Kindern. Genau in der Zeit habe ich meine Freundin kennengelernt, vor der ich mich natürlich auch nicht auf dem Boden im Dreck rumwinden wollte. Kurz: Der Druck, einen Ausweg zu suchen, war riesengroß.
Und da begab es sich, wie das Leben so spielt, dass ich ein lukratives Angebot bekommen habe, bei einem großen Beratungshaus als Senior Consultant anzufangen. Richtig gut Kohle. Die Rettung? Auf einen Schlag wäre ich alle finanziellen Sorgen los gewesen. Aber es war nicht die Rettung, sondern eine Versuchung. Dieser Beraterjob wäre nämlich nicht das gewesen, was ich eigentlich im Leben machen wollte. Er hätte überhaupt nicht zu dem gepasst, was mir wirklich wichtig ist. Denn ich war und bin mir über eines völlig im Klaren: Mein persönliches Leitbild beinhaltet zwingend Unabhängigkeit.«
»Leitbild?«
»Ja, Leitbild. Bitte hör genau hin, ich kann es auswendig …«
Dann bete ich ihm mein Leitbild herunter, in dem ich beteure, die volle Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und das Bestmögliche daraus zu machen. Meine wichtigsten Werte kommen auch darin vor: Sinn, Spaß, Pro-Aktivität, Unabhängigkeit und Integrität.
»… Balance in meinen wichtigsten Lebensbereichen. Ich liebe meine Frau und meine Kinder aus tiefstem Herzen … und ich zeige es ihnen. Und ich liebe mich selbst. Ich habe immer die Wahl. Es liegt an mir!«
»Oh, das klingt gut. Alle Achtung!« Victor scheint wirklich beeindruckt. »Und so, wie du das vorträgst, glaubst du da fest dran, oder?«
»Ja, natürlich glaube ich daran. Ich habe diese Sätze schließlich mit Blut, Schweiß und Tränen und viel Hilfe von außen aus meinem Innersten herausgeholt. Da geht’s um meine wichtigsten Werte, das, was wirklich für mich zählt im Leben. Du hast gehört: Sinn, Spaß, Pro-Aktivität, Unabhängigkeit und Integrität.
So, und wenn ich jetzt diesen Beraterjob angefangen hätte, dann hätte ich etwas gemacht, von dessen Sinn ich nicht überzeugt gewesen wäre, bei dem mir der Spaßfaktor gefehlt hätte. Und ich hätte meine berufliche Unabhängigkeit aufgegeben – wieder ein Chef, vor dem ich mich zu rechtfertigen gehabt hätte, was ich tue oder lasse.«
»Du hast den Job sausen lassen? Das kann ich nicht glauben!«
»Na, sagen wir so. Ich war mir sicher, dass der Job ein Pakt mit dem Teufel gewesen wäre. Ich hätte mich verkauft, verschachert, prostituiert. Auf der einen Waagschale lagen meine Werte, meine Identität. Aber auf der anderen Waagschale lagen Frauen, Kinder, Gläubiger und vieles mehr.
Ich hatte mir eine Frist gesetzt: Wenn du es in einem halben Jahr nicht schaffst, von selbst wieder auf die Füße zu kommen, musst du eben auf den Strich gehen. Aber dann, vermutlich weil ich so entschlossen und klar war, habe ich einen Weg gefunden.«
»Oh, und was hast du gemacht?« Er hängt mir jetzt förmlich an den Lippen.
»Erst mal hatte ich meinen 40. Geburtstag und lag mit 40 Grad Fieber im Bett. Kein Zufall. Gott sei Dank war’s nicht der 42ste … Danach war ich klar. Meinen Kindern habe ich mein letztes Hemd gegeben. Dann habe ich Privatinsolvenz angemeldet. Kein leichter Schritt, das kannst du mir glauben.«
»Hammer!«
»Die Gläubiger haben noch ein bisschen was bekommen, ich habe meinen Kopf hingehalten, obwohl ich selber betrogen worden war. Alles weg. Fast alles. Mit zwei Sporttaschen, also meinem kompletten Eigentum, bin ich bei meiner neuen Freundin eingezogen.«
»Was, und die hat dich reingelassen? Bist du dir nicht vorgekommen wie ein Straßenköter, der von einer Tierschützerin mit Helfersyndrom aufgesammelt worden ist?« Victor kann es wohl noch nicht so recht fassen, aber er ist fasziniert.
»Nein, ganz und gar nicht. Ich war klar. Ich wusste genau, was ich wollte. Ich habe nach meinen Grundüberzeugungen gehandelt und ich hatte einen Plan, was ich künftig tun wollte. Ich war selbstbewusst. Und deshalb alles andere als unattraktiv. Meine Freundin hat kein Helfersyndrom und nimmt keine streunenden Hunde auf. Nein, ich war voller Energie. Der Neustart hatte schon begonnen.«
»Ich muss schon sagen, das finde ich ganz schön mutig. Ich meine …«
»Ich weiß nicht, ob es mutig ist, nach seinen Überzeugungen zu leben. Problematisch ist vielmehr, sich seiner Überzeugungen gar nicht bewusst zu sein. Wenn du weißt, was du willst, gibt es ja ohnehin keinen anderen Weg als deinen eigenen. Das ist dann kein Mut, sondern einfach nur Klarheit, Bewusstsein, Bei-sich-Sein.«
»Also, am unglaublichsten finde ich an der Sache, dass deine Freundin kein Problem damit hatte, dass du fertig warst.« Victor hält sein Longdrink-Glas wieder fest umklammert. Noch will er nicht loslassen.
Ich kontere: »Weißt du, das sagt doch jetzt mehr über dich als über mich. Warum glaubst du, dass ich fertig war, nur weil ich kein Geld mehr hatte? Ich habe das nicht geglaubt. Ich war nicht fertig, ich fing gerade erst richtig an. Und weil ich das glaubte, glaubte mir das auch meine Freundin. Frauen wollen Männer, die für etwas stehen, egal für was. Und die für sich einstehen. Und ich bin gestanden. Klar, das war nicht so einfach. Da gab es Gegenwind. Ihr Vater zum Beispiel hat schon Fragen gestellt. Ein Schwiegervater in spe steht nicht gerade drauf, wenn seine Tochter einen Typen hat, der zwei Kinder mitbringt und finanziell am Boden liegt. Aber auch ihm gegenüber habe ich mit offenen Karten gespielt. Und siehe da: Auch der hat das akzeptiert.«
Jetzt schaut Victor nachdenklich ins Leere und spielt an seinem Strohhalm rum. Ich denke, er braucht mal eine Pause. Ich gehe in den Keller, die Chips sind aus.
Als ich wieder hochkomme,
sitzt er immer noch da wie eine Statue. Ich gehe durch den Raum, sammle die Schälchen von den Tischen ein, kümmere mich um die paar Gäste, nehme zwei Bestellungen auf, komme zurück, stelle ein Espresso-Glas unter die Fiorenzato, schäume Milch für einen Cappuccino und frage Victor Wodka dreist: »Was ist dir wichtiger: deine Aufrichtigkeit oder keinen Ärger mit deiner Frau zu riskieren?«
Ich bringe die beiden Kaffees raus. Komme zurück, säubere die Chipsschälchen und frage: »Was ist dir wichtiger: dein Einkommen oder deinen Kindern gerade in die Augen sehen zu können?«
Ich kippe die Chips in die Schälchen und stelle die Schälchen aufs Tablett. Und frage: »Was ist dir wichtiger: tun, was du wirklich tun willst, oder deine Frau behalten?«
Ich trage das Tablett in den Raum und verteile die Schälchen, räume ein wenig auf und scherze mit einem Gast. Ich komme zurück und frage ihn: »Was ist dir wichtiger: dein …«
»Hör schon auf! Ich hab’s ja kapiert!«, knurrt er und blitzt mich an. Holla, da kommt ja die Energie wieder zurück. Die Akkus scheinen noch nicht ganz leer zu sein.
Er zahlt und geht. Ich freue mich darauf, wenn er wiederkommt.
Wenn.
Ich habe selbst mehrmals erlebt, wie das ist, wenn dein Wertesystem durch-sortiert wird. Ein Zuckerschlecken ist das nicht. Aber daran führt kein Weg vorbei, wenn man im Nebel stochert, so wie Victor. Wenn man nicht weiß, was man wirklich will, was einem wirklich, wirklich wichtig ist.
Ich war vor Jahren einmal in einem Seminar, als Teilnehmer, in Österreich. Lauter Business-Typen, auch der Trainer war so ein Managertyp, er ist übrigens heute noch im Geschäft und einer der Topleute der Branche. Das Seminar lief gut, ich fühlte mich wie ein Fisch im Wasser. Es kam, wie es kommen musste, die Grabrede-Übung war dran. Ich hatte die Übung bis dahin noch nie selbst gemacht, kannte sie nur aus dem einen oder anderen Buch. Ich wusste also, wie es geht und was da passiert, hatte mich aber immer schön davor gedrückt, mich selbst ins Visier zu nehmen.
Die Übung geht, kurz gefasst, so: Sie stellen sich vor, eines traurigen, trüben Tages frisch verstorben zu sein. Sie liegen im Sarg, der neben der frisch ausgehobenen Grube auf dem Friedhof darauf wartet, versenkt zu werden. Die Trauergemeinde ist da, Familie, Freunde, Kollegen, Umfeld. Sie suchen sich vier Personen raus, je eine aus diesen vier Kreisen. Ihre Aufgabe: Sie verfassen vier Grabreden über sich selbst, eine für jeden dieser vier Menschen. Was sollten – aus Ihrer Sicht – diese Menschen einmal berechtigterweise über Sie sagen können?
Ich fing also an, wählte aus dem Kreis der Familie meinen Sohn aus, meinen Zweitältesten, der damals gerade ein halbes Jahr alt war. Ich stellte mir vor, er sei zum Zeitpunkt meines Todes schon erwachsen, er stünde am Grab und erzähle von mir. Was sein Vater für ein toller, erfolgreicher Mann gewesen war, was er alles gut gekonnt hatte. Wie gut er dies oder jenes draufhatte. Es floss mir nur so aus der Feder. Welche positiven Charaktereigenschaften er so an den Tag gelegt hatte, wie beliebt er gewesen war und so weiter … und dann wörtlich: »Nur schade, dass ich keine Chance hatte, meinen Vater wirklich kennenzulernen, denn er hatte ja nie Zeit.«
Ich sage Ihnen, ich habe Rotz und Wasser geheult, musste die Übung sofort abbrechen. Meine Güte, das brach nur so aus mir raus. Und wenn dich so etwas dermaßen ankickt, dann hat das was zu sagen.
Zu dieser Zeit war ich nämlich mitten in der Firmengründung, hatte tausend Sachen um die Ohren, habe gerödelt ohne Ende, um das Unternehmen ans Laufen zu bekommen, machte mein Ding. Und habe dabei voller Schwung mein Wertesystem auf den Kopf gestellt, denn meine Kinder kamen in diesem Spiel nicht vor. Wäre ich damals tatsächlich gestorben, hätte auf meinem Grabstein stehen können: Er gab alles für die Arbeit – und nichts für den Rest.
Nach diesem Seminar habe ich zwar mein Leben nicht radikal umgestellt, aber mir war klar, ich brauchte mehr Zeit für meine Jungs, ich musste die Balance anders gestalten. Und das habe ich bis heute durchgehalten. Auch als ich dann pleite war, die Beziehung zu meiner Frau kaputt, die Firma kaputt und auch die Beziehung zu meiner Bank einen irreparablen Schaden erlitten hatte, bin ich klar geblieben. Ich bin mit geliehenem Geld fünfmal im Jahr nach Brasilien geflogen, wo meine Ex und meine Kinder zu der Zeit lebten. Ich habe mich schwer überwinden müssen, Freunde um Geld anzupumpen, das kann ich Ihnen verraten. Dieser Stolz, niemandem auf der Tasche zu liegen, stand auf meiner Werteskala zwar weit oben, aber nicht so weit oben wie meine Kinder. Zur Not hätte ich Gesetze gebrochen, wäre nach Brasilien als blinder Passagier auf einem Frachter mitgefahren, nur um meine Jungs zu sehen.
Aus den Werten folgen die Gedanken und aus den Gedanken die Handlungen. Wenn Victor mit seiner Frau nicht Tacheles redet über das, was ihn umtreibt, wenn er sich scheut, bei seinen Kindern zu sein, wenn er im Job gute Miene zum bösen Spiel macht, dann nicht deshalb, weil er ein gefühlloses Arschloch ist, sondern weil er nicht weiß, wie sein Wertesystem funktioniert. Oder anders gesagt: Er weiß nicht, was ihm wirklich wichtig ist. Oder nochmal anders gesagt: Ihm ist nicht bewusst, wer er eigentlich ist. Er hat kein Bewusstsein für sein Selbst. Er hat kein Selbstbewusstsein.
Wenn Sie meinen, dass er gar nicht so wirkt, als hätte er kein Selbstbewusstsein, dann müssen Sie noch mal genauer hinschauen: Victor vermittelt zwar glaubhaft den Eindruck, als habe er großes Selbstvertrauen – er kommt so tough rüber, ist deshalb so erfolgreich im Job und deshalb finden ihn die Frauen auch so attraktiv. Er hat großes Vertrauen in seine beruflichen Fähigkeiten, was auch der Grund ist, warum ihm seine Frau vertraut: Sie ist sich sicher, dass er auch künftig beruflich erfolgreich sein wird und jede Menge Schotter nach Hause bringen wird. Bei so viel Selbstvertrauen! Aber er hat eben kein Selbstbewusstsein, er weiß zwar, dass er verdammt gut ist, aber er weiß nicht, wofür in seinem Leben er seine Fähigkeiten eigentlich einsetzen soll. Er hat kein Bewusstsein für seine wahren Prioritäten.
Konfrontiert er seine Frau mit seinem Wunsch nach Jobwechsel und zieht er das wirklich durch, dann zieht sie vielleicht nicht mit um, und dann muss er womöglich eine Wochenendehe riskieren. Ist es ihm das wert? Wenn er einen »sauberen« Job anfängt, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit erst mal ein niedrigeres Gehalt akzeptieren müssen. Nicht dass er in Armut versinken müsste, aber Kitzbühel und Robinson-Club, Reiten und Porsche würde eben nicht mehr alles auf einmal gehen, er und seine Familie müssten Abstriche machen. Zum ersten Mal in seinem Leben ginge es nicht mehr straight bergauf. Wäre es ihm das wert? Und was würden die Nachbarn und der Bekanntenkreis sagen? Vielleicht gäbe es ein paar Leute in seinem Umfeld, die sich diebisch freuen würden, wenn seine Karriere einen Knick bekäme. Würde ihm das wirklich nichts ausmachen?
Vielleicht würde es ja auch ganz anders laufen und seine Ehe bekäme durch seine neue Aufrichtigkeit einen ganz neuen Kick. Vielleicht würde das die eingerostete Liebe wieder aufmöbeln, weil seine Frau stolz auf ihn wäre – zumindest nachdem sie die Ernteeinbußen auf dem Statusfeld verkraftet hätte. Wer weiß? Und vielleicht würde er einen ganz neuen Draht zu seinen Kindern bekommen, wenn er seine ausufernden Arbeitszeiten besser eindämmen könnte. Vielleicht. Könnte sein. Würde, hätte, sollte.
Der Punkt ist, er wird es nicht im Voraus erfahren, wie sein Leben laufen wird. Er kann bei seinen Entscheidungen nicht auf deren Folgen spekulieren. Er muss sie mit großer Sicherheit treffen, ganz egal, was am Ende dabei herauskommt. Und solange er nicht weiß, was ihm wie viel wert ist im Leben, kann er das nicht.
Einen Monat lang
sehe ich ihn nicht. Dann sitzt er eines Abends plötzlich wieder da. Derselbe Barhocker, ganz links am Tresen. Aber er sieht ganz schön fertig aus. Ich sehe ihn zum ersten Mal ohne Business-Anzug. Er trägt ein blaues Hemd und eine ultracoole Cavalli-Jacke. Dunkle Schatten unter den Augen.
Ich mixe ihm einen Double Vision, verschütte beim Eingießen vor lauter Schwung mal wieder einen kleinen Schwall, wische Glas und Arbeitsfläche ab, stelle den Drink vor ihm auf den Tresen, schaue ihm in die Augen. »Na, siehst du langsam klar? Ich sehe, dir geht’s besser!«
»Machst du Witze? Ich fühle mich wie ausgekotzt!«
»Trink, Bruder, trink.«
Heute ist gut was los in der Jangada Bar. Wenn er länger bleibt, können wir später vielleicht noch quatschen. Ich bin natürlich neugierig, was sich bei ihm getan hat. Während ich rühre, schüttle, stelle, lege, schneide, drücke und verschütte, mustere ich ihn verstohlen: Ja, es sieht gut aus. Er ist weichgeklopft. Ich klicke meine Lieblingsmusik auf dem Rechner an. Später frage ich ihn, ob ich ihm was erzählen darf.
Er wirft den Strohhalm, an dem er rumgezupft hat, auf den Tresen neben sein Cocktailglas. »Wieder eine von deinen therapeutischen Geschichten, was?«
»Ja, genau. Du sollst nicht umsonst gekommen sein.« Ich lache, er nur halb. »Schau her, tagsüber mache ich ja bisweilen ganz andere Sachen als das hier«, ich umfasse meine Bar mit einer weiten Geste. »Da mache ich so Sachen, dass ich Leuten gegen viel Geld auf den Sack gehe. Ist eine wundervolle Aufgabe. Beispielsweise gebe ich ihnen sechs kleine Zettel und einen großen. Ich bitte sie, all ihre Werte auf den großen Zettel zu schreiben. Zur Inspiration werfe ich ein paar Tonnen Werte an die Wand: Reichtum, Macht, Liebe, Einfluss, Anerkennung, Familie, Kinder, Abenteuer, Freiheit und so weiter. Dann bitte ich die Leute, auf ihrem vollgeschriebenen Blatt sechs Kreuzchen zu verteilen und so die sechs Werte rauszupicken, die ihnen am wichtigsten sind. Diese sechs zentralen Werte müssen sie dann auf die sechs Zettelchen schreiben. Und dann noch mal überprüfen: Sind das wirklich Endwerte, also Werte, die eine echte Basis bilden, oder sind es ›Mittel-zum-Zweck-Werte‹, die dazu da sind, höher eingestufte Endwerte zu erreichen.
Reichtum, Macht, Liebe, Einfluss, Anerkennung, Familie, Kinder, Abenteuer, Freiheit.
Beispiel: Ist Reichtum für diesen Menschen wirklich ein Wert an sich? Oder ist Reichtum dazu da, Macht oder Einfluss oder Anerkennung zu bekommen? Oder gar, sich Liebe zu erkaufen?
Anderes Beispiel: Familie. Für manche ein Wert an sich, für andere eine Möglichkeit, Nähe und Geborgenheit zu erfahren. Klar?«
Victor nickt nervös. Er will mehr hören.
»Gut, schon das ist für manche ein hartes Stück Brot. Aber dann geht es weiter. Wir machen eine Gedankenreise. Ich lade die Leute zu einer Kreuzfahrt ein. Sie sollen sich vorstellen, wo sie hinfahren wollen und wen sie mitnehmen wollen.«
»Ach, so ein Wunschziel-Spielchen, was? Habe ich auch schon mal gemacht. Kenn ich.« Victor winkt ab.
»Mein lieber Victor. Die Kenn-ich-Masche ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich mit meiner Geschichte bei dir genau ins Schwarze treffe. Das ist ein Widerstand, allerdings nur ein schwacher. Glaub mir, du kennst es nicht, sonst würdest du nicht so im Nebel deines Lebens rumstochern und hättest vor Wochen bei mir keinen Double Vision bestellt. Einverstanden?«
»Okayokay, mach schon weiter.«
»Gut. Wir sind im Hafen, es ist Abreisetag, das Wetter ist super, die Gäste und die Crew sind nett, das Schiff ist ein Traumschiff, alles super.
Ein paar Tage später sitzen sie beim Frühstück. Da kommt eine Durchsage durch die Lautsprecher: Seenotrettungsübung. 11 Uhr, Treffpunkt Deck 6 mitsamt den Rettungswesten!
Die Leute gehen ganz ohne Hektik in ihre Kabinen und holen die Westen. Aber stell dir vor, mein Freund, bei dir in der Kabine gibt es keine Weste. Du gehst zum Offizier und berichtest ihm. Der sagt: Ohne Rettungsweste geht es nicht. Du sagst: Okay, dann geben Sie mir eine. Er sagt: Gut, ich gebe Ihnen eine, aber das kostet einen Preis. Du: Was soll’s denn kosten? Er: Zwei Werte.
Also musst du zwei von deine kleinen Wertzetteln weglegen. Welche beiden bist du am ehesten bereit zu opfern? Überlege genau.
Dann geht’s weiter. Ein paar Tage später wird’s ernst. Wieder eine Durchsage. Diesmal ist es keine Übung, sondern todernst. Das Schiff sinkt und muss evakuiert werden. Gut, dass wir das geübt haben! Du holst deine Weste, diesmal in echter Hektik, hastest zum Rettungsboot und musst feststellen: Alle Boote sind voll. Sie werden gerade abgeseilt. Panik steigt in dir hoch. Ein Offizier steht daneben und brüllt, dass er noch etwas für dich tun kann. Ein paar Plätze sind noch frei. Aber das kostet dich noch mal zwei Werte.
Du denkst kurz und heftig, wägst ab und legst zwei weitere Zettelchen weg. Zwei bleiben übrig.
Dann wird das Rettungsboot abgelassen. Der Schiffsrumpf neigt sich bereits, es ist schwierig. Das Boot schwankt und knallt gegen den Schiffsrumpf, du fällst ins Wasser. Aber das Wasser ist saukalt, du musst so schnell wie möglich wieder raus, sonst erfrierst du. Dein Boot hängt noch auf halber Höhe fest. Einer von einem anderen Boot winkt dir zu, du schwimmst um dein Leben. Der Mann packt dich am Ärmel und wird dich gleich rausziehen, allerdings kostet dich das, du ahnst es, einen weiteren Wert.
Welchen der beiden übrigen Werte wärst du bereit zu opfern? Welcher bleibt übrig? Welches ist dein höchster Wert?
Am Ende hast du also ein Ranking deiner wichtigsten Werte.
Und dann frage ich die Leute: Was genau tun Sie heute und tagtäglich unter Einsatz von Zeit, Geld und Kraft, um diesem höchsten Wert auch in der Realität zu zeigen, dass er ihr wichtigster ist?
Und dann will ich Antworten. Und schaue oft in lange Gesichter.«
Victor sitzt ganz ruhig da. In seinem Kopf rattert es, aber äußerlich ist großer Frieden eingekehrt. Er schaut ganz gelöst aus, die Wolken haben sich verzogen.
Gesundheit, Liebe …
oft sind es die Werte, die nicht so erfüllt sind oder die gegenwärtig bedroht sind, die im Ranking ganz oben landen. Es sind auch oft die Werte, die im Alltag hintenanstehen müssen. Überraschend wenig geht es bei den zentralen Werten um Berufliches. Zwischen Innen und Außen gähnt bei den meisten Menschen ganz offensichtlich ein tiefer Abgrund.
Die meisten, die gefragt werden, was sie anders machen würden, wenn sie noch mal leben dürften, sagen: Mich mehr um meine Liebsten kümmern. Bei vielen geht es um Liebe, Beziehung, Partnerschaft, Nähe, Intimität. Auch Kinder und Freundschaften kommen in der Rückschau in vielen Leben zu kurz.
Ist doch auch klar. Kein Mensch sagt auf dem Sterbebett: Schade, dass ich nicht mehr Zeit im Büro verbracht habe. Karriere ist es nicht. Auch nicht bei Victor.
Ich könnte ihn fragen: Stell dir vor, du hättest alle finanziellen Ressourcen, die du haben willst, die du bräuchtest für das, was du im Leben vorhast. Und stell dir vor, es wäre ausgeschlossen, dass es ein Misserfolg werden könnte, egal was du anpackst – was würdest du mit deinem Leben anfangen?
Oder ich könnte ihn fragen: Warum begehst du nicht heute Abend Selbstmord? Was genau hält dich davon ab?
Aber das brauche ich ihn gar nicht mehr zu fragen, er hat es bereits gecheckt. Jetzt bin ich nur gespannt, was er ändern wird. Ich glaube jedenfalls nicht, dass er eine solche Lusche ist, dass er einfach so weitermacht wie bisher. Man kann sich gut und gerne mal verrennen. Und man darf auch mal den Durchblick verlieren. Das ist nicht schlimm. Aber wenn man dann wider besseres Wissen einfach so weitermacht, nur weil man zu feige ist, die Konsequenzen zu ziehen, nur weil man weiter den Weg des geringsten Widerstands gehen will, dann vergeudet man sein Leben. Und das ist das Einzige, was gar nicht geht!
Der Philosoph und Unternehmensberater Rupert Lay hat einmal sinngemäß gesagt: Ein Mensch, der nicht lebt, sondern gelebt wird, ist das ärmste aller Schweine.
Geld hilft bei der Suche nach dem Sinn wenig. Oft ist es nur Ersatz. Geld ist aber auch nichts Schlechtes. Wenn ich weiß, was mein Lebenszweck ist, kann es helfen, Geld für die Umsetzung zu haben.
Umgekehrt ist es oft so, dass das Geld von alleine kommt, wenn Sie nur tun, was Sie wirklich wollen. Denn wir Menschen haben eine unglaubliche Kraft und Ausstrahlung, wenn wir unserem Leitstern folgen. Wir können förmlich Berge versetzen, wenn wir wissen, wofür wir leben. Wir können andere Menschen für unser Ziel faszinieren und gewinnen. Und wir haben Energie für zwölf. Dann sind wir oft so erfolgreich, dass uns auch der materielle Erfolg zusätzlich in den Schoß fällt, obwohl der vielleicht gar nicht das Ziel war.
Es kann aber auch sein, dass Sie Ihren Sinn in etwas finden, womit Sie gar kein Geld verdienen können. Sie könnten Streetkids in Rio de Janeiro helfen, ganz altruistisch. Da ist Geld nicht wichtig, zumindest nicht Geld für Sie persönlich. Und Sie könnten damit sehr glücklich sein. Sie würden nach Ihren Werten leben. Wenn Ihre Grundbedürfnisse erfüllt wären, würde jeder Euro, den Sie mehr hätten, Sie kein bisschen glücklicher machen.
Wenn Sie weder einen Sinn gefunden noch Geld haben, das ist dann allerdings wirklich bitter!
Ich habe mich gefragt, was ich machen würde, wenn ich bei »Schlag den Raab« den Jackpot holen würde. Was dann? Na ja, ich weiß, ich bin bequem. Die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, ist für mich ein positiver Antrieb. Wenn ich steinreich wäre, würde das wegfallen, vielleicht würde mir dann die Motivation fehlen und ich würde lethargisch werden.
Ein bisschen weniger Geld kann gut sein, um glücklich zu leben.
Und Sie sollen ja auch nicht gleich Ihren Job kündigen. Sie könnten auch einfach weiter Ihre Brötchen verdienen und nebenbei etwas Ehrenamtliches machen. Was aus Ihrer Sicht Sinnvolles tun. Geld würde keine Rolle spielen, aber Sie könnten Ihre Werte leben.
Ich für mich habe eine ziemliche Luxushaltung angenommen. Ich habe mir geschworen, beruflich nichts zu tun, was zwar Geld bringt, aber aus meiner Sicht sinnlos ist und mir keinen Spaß macht. Ich habe mich dafür entschieden, Gelderwerb, Sinn und Spaß miteinander zu vereinen. Machen wir uns nichts vor, das ist ein verdammt hoher Anspruch. Das kann nicht jeder in jeder Situation. Diese Haltung haben zu können ist ein Privileg!
Victor sitzt verdreht auf seinem Hocker und schaut sich die anderen Gäste an. Ich wische die Arbeitsfläche ab.
Dann hole ich Luft und sage eindringlich zu ihm: »Wenn du weißt, die nächsten dreißig Jahre musst oder willst du Geld verdienen, dann mach doch etwas, was dir Spaß macht und was du sinnvoll findest! Natürlich nur, wenn dir das wichtig ist …«
»Du hast schon recht.« Victor dreht sich um und schaut mich geradeaus an. »Was glaubst du, was mir in den letzten Wochen so alles im Kopf rumgeht! Ich habe schon verstanden, welche Entscheidung für mich ansteht.
Aber so einfach finde ich das nicht.
Mir ist schon mal eine Beziehung in die Grütze gegangen. Meine erste Frau wollte wegen des Jobs keine Kinder, da ging es ja noch mit der Trennung. Aber jetzt haben wir Kinder, auch ein gemeinsames. Was, wenn das jetzt in die Brüche geht? Ich kann mir das nicht vorstellen, weißt du?«
»Du hast Angst, ist klar.«
»Ja, natürlich habe ich Angst, verdammt! Meine Frau bekommt ja auch mit, dass ich nicht glücklich bin.«
»Woran merkt sie es denn?«
Victor muss lachen. »Also, du bist echt ’ne Marke, hey. Pass auf, du bist mein Barkeeper, dir vertraue ich alles an … beinahe alles!« Er räuspert sich, nimmt einen Schluck aus dem Strohhalm.
»Also, meine Ex, die hat mich dauernd in so Beziehungsgespräche reingezogen, das hat mich unendlich genervt. Aber mittlerweile ist mir klar: Mit meiner neuen Frau hätte ich schon gern eine Basis, um auch mal über uns reden zu können. Ich meine, ich will ja mit ihr nicht gleich auf ein Tantra-Seminar oder so, aber irgendwie mehr Nähe wäre wunderbar. Mehr Tiefe. Weißt du, was ich meine?«
»Hmhm. Was willst du denn genau von ihr?«
»Ich will, dass sie zu mir steht. Auch mit weniger Geld.«
»Voll ins Schwarze. Was noch?«
»Ja, und da ist noch … hm. Weißt du, meine Exfrau hat zwar immer so viel gelabert, aber im Bett war sie ’ne echte Granate. Und sie war eine ehrliche Haut. Wir waren viel enger, viel vertrauter, haben mehr miteinander geteilt, hatten mehr Spaß miteinander. Ich wünsche sie mir nicht zurück, echt nicht. Aber wenn meine Frau heute ein bisschen offener wäre …
Früher ging bei uns auch ab und zu mal die Post ab. Sie ist ja keine Nonne. Aber seit die Kinder da sind, passiert nicht mehr so viel. Mit Überredungskunst klappt’s ab und zu, aber ich will schon mehr als sie. Und auch mal anders.«
Seine Augenringe sind irgendwie noch dunkler geworden. Seine Mundwinkel haben einen bitteren Zug, wenn er redet.
»Sag’s ihr.«
»Ja, ich weiß.«
»Sag ihr, was du von ihr willst.«
»Ja, Mann!«
»Mach dir nicht in die Hose. Du musst für dich einstehen. Ich schätze, sie wartet darauf. Aber sie wird nicht ewig warten.«
Kannst du deinen Anspruch an dich selbst jederzeit und in jeder Situation einlösen?
»Aber mal ganz ehrlich, Bruno.« Er beugt sich ein Stück vor und schiebt sein leeres Glas zur Seite. »Kannst du denn immer tun, was du für sinnvoll erachtest? Kannst du deinen Anspruch an dich selbst jederzeit und in jeder Situation einlösen?«
Ich zögere, werfe mein Handtuch über die Schulter und stütze mich mit beiden Händen auf die Spüle. »Hm, ich bin nicht Superman, habe ich das schon erwähnt? Aber ich glaube schon, dass ich Ernst mache.«
Victor dreht die leeren Handflächen nach oben: »Und? Beweise? Belege? Beispiele?«
Er prüft mich. Natürlich meint er damit eigentlich sich selbst, er prüft mich stellvertretend, denn ganz offensichtlich will er auch so langsam Ernst machen.
»Okay, Hohes Gericht, verehrte Geschworenen«, ich richte mich auf und hebe eine Hand. »Ich habe letzten Monat einen Auftrag abgelehnt. Obwohl ich den Umsatz gut hätte gebrauchen können. Es ging um eine Veranstaltung für Führungskräfte, ich sollte einen Vortrag halten. Thema: Balance im Leben. Mein Paradethema. Meine Zielgruppe. Gutes Geld. Termin passte. Alles bestens. Aber …«
»Aber?« Victor zieht die Augenbrauen hoch und neigt seinen Kopf leicht nach vorne.
»Aber im Gespräch mit dem Auftraggeber kam für mich klar heraus: Im Prinzip wollte er seine Leute nur benutzen. In Wahrheit hatte er kein Interesse an ihnen. Er hatte kein echtes Anliegen, wollte mit meinem Vortrag nur eine Bespaßung liefern, um für gute Stimmung zu sorgen. Mein Vortrag sollte nichts bewirken. Ob mein Vortrag dem Publikum helfen würde, künftig mit Druck besser umzugehen, war ihm wurscht. Im Gegenteil. Eigentlich wollte er, dass seine Leute gnadenlos Gas geben und Geld reinholen, der Rest war egal. Aber es wirkt ja immerhin sozial, wenn er ihnen für viel Geld einen Typen vorsetzt, der ihnen Tipps gibt, wie sie alles unter einen Hut kriegen und rundum glücklich werden. Ich sollte sozusagen als Pausenclown engagiert werden. Eine Alibi-Veranstaltung. Also …«
»Also?«
»Also habe ich ihn gebeten, den Betrag, den er für mein Honorar eingeplant hatte, für einen echten Clown auszugeben oder einem wohltätigen Zweck zu spenden. Ich habe ihm gesagt, dass ich lieber zu Hause vor einer Wand reden würde, als zu seiner Veranstaltung zu kommen.«
»Oh, wow!«
»Jawohl. Allerdings ist das nun auch nicht sooo heldenhaft, oder? Ja, es hat ein bisschen Mut erfordert und es war auch Mist, weil die Kohle flöten ging. Seinem Anspruch gerecht zu werden, hat eben manchmal seinen Preis. Manchmal hat man den Mumm, ihn zu bezahlen, manchmal nicht …«
Seinem Anspruch gerecht zu werden, hat eben manchmal seinen Preis.
»Doch, doch, ich glaube, du bist doch Superman.« Victor grinst, langt über den Tresen und gibt mir einen Klaps auf die Schulter.
Danke, sollte das wohl heißen. »Gern geschehen«, sage ich. »Noch einen Drink?«
»Nee, lass mal. Ich geh nach Hause.« Er legt einen Schein auf den Tresen.
Ich vermute, ich werde ihn jetzt eine Weile nicht mehr sehen. Das finde ich schade.
»Hm, tu mir einen Gefallen, ja?«
»Ja?«
»Bitte komm eines Tages mal vorbei und erzähl mir, wie es ausgegangen ist. Okay?«
»Okay, Sportsfreund.« Er gibt mir die Hand wie ein Kumpel, lacht, nimmt seine Jacke und geht.
Die zwei Mädels, die gerade zur Tür hereinkommen, treten einen Schritt zur Seite, machen ihm Platz, er grinst sie an, sie bekommen riesige Augen, schauen ihm auf den Hintern, sobald er an ihnen vorbei ist, und kichern los, sobald er durch die Tür ist. Sie halten sich beim Lachen die Hand vor den Mund und benehmen sich wie die Schulmädchen. Was für ein lässiger Typ!

6 cl weißer Kuba-Rum
8 cl Ananassaft
6 cl Cream of Coconut
Frische Ananas
Amarenakirsche
Crushed Ice
Muskatnuss
»Eine Piña Colada für mich, bitte.«
»Geht klar.«
Ooooch, der Arme. Dieser Gast macht ja einen erbärmlichen Eindruck. Während ich mir den Boston Shaker, das Mixglas und den weißen Rum greife, werfe ich noch mal einen Blick rüber: Typ Opfer, ganz klar. Hängende Schultern. Weiche, etwas unförmige Körperform, runder Rücken, leichtes Übergewicht, bisschen schwabbelig. Sport macht der keinen, so viel ist sicher. Und viel Sex hat der sicher auch nicht, jedenfalls finde ich kaum eine Spur von irgendwas, worauf Frauen fliegen könnten.
Na ja, gut gekleidet ist er. Manager, so um die vierzig, aber mit einem Schuss zu viel Verantwortung für seine Konstitution, schätze ich. Erfolgreiche Menschen jedenfalls haben eine andere Ausstrahlung, eine andere Körperspannung, einen anderen Blick. Seiner geht immer nach unten, er nimmt seine Umgebung kaum wahr. Scheint zu grübeln, ist sehr mit sich selbst beschäftigt. Der muss unter Druck stehen oder eine mentale Last tragen, die ihn Richtung Boden beugt. Entweder ist sein Leben zu hart für ihn. Oder er ist zu weich für sein Leben.
Und was er da bestellt hat! Ich hole den Ananassaft aus dem Kühler. Eine Piña Colada, auf Deutsch etwa »durchgesiebte Ananas«, ist ein Drink für die Hängematte. Abendsonne unter Palmen, Karibik. Süß, cremig, fruchtig. Bei mir bestellen den zu neunzig Prozent Frauen. Würde Daniel Craig jemals in einer Bar eine Piña Colada bestellen? Ich muss laut lachen. Die Leute an der Bar schauen mich an. Aber ich darf das, einfach so loslachen, ich bin schließlich der Barmixer.
Kokosnusscreme, ein weiterer Griff in den Kühler hinter mir. Ich nehme immer echte Creme, diese Panscherei mit Kokos-Barsirup und Schlagsahne finde ich eklig. Vielleicht liegt es daran, dass ich aus einer bodenständigen Winzerfamilie stamme, in der auf Panscherei schon immer quasi die Todesstrafe stand. Ich bin für echt, geradeaus, ehrlich, keine krummen Sachen. Wie der Schwabbeltyp es wohl damit hält? Was der wohl für Prinzipien hat? Eins ist jedenfalls sonnenklar: Dem fehlt der richtige Mix im Leben.
Dem fehlt der richtige Mix im Leben.
Ich mache ihm erst mal seinen Drink: In das Cocktailglas kommt bei mir nur Würfeleis – da durchmischt sich der Drink leichter, kühlt schneller und verwässert nicht. Dann 6 cl Rum (Kuba!), 8 cl Ananassaft und 6 cl Kokoscreme. Boston Shaker drauf, leicht schräg. Kleiner Schlag mit dem Handballen, das Teil sitzt. Und jetzt hoch die Büchse und shaken! Da blicken die Leute immer kurz zu mir hin. Entsprechend steigt ihr Energieniveau, denn mein Grinsen wirkt immer. Nur der Typ, für den ich hier 15 Sekunden lang den Drink schüttle, schaut nicht zu mir rüber. Na abwarten, den kauf ich mir noch. Aus der Jangada Bar geht keiner mit hängenden Ohren raus.
Während ich meine Show abziehe, kommt ein zweiter Geschäftsmann rein. Etwa Mitte vierzig. Eine komplett andere Ausstrahlung als mein Hängemattenträumer hat der: energische Schritte, aufrechte Haltung, straffe Schultern. Von Übergewicht keine Spur. An der Halsmuskulatur oberhalb von dem auch um diese Zeit noch tadellos sitzenden Schlips kann ich sehen, dass der Sport macht. Mindestens Fitness-Studio. Das Gesicht ist viel wacher, die Augen fokussieren, er strahlt Sicherheit aus. Jetzt geht er auf Hängematte zu und klopft ihm lässig auf die Schulter.
»Na, Kollege, wie ist die Stimmung?«
Sofort strafft sich auch Hängematte. »Ah. Schon okay. Und Sie, auch mal wieder in der Gegend, was?«
Der Straffe setzt sich daneben in den Ledersessel. Eine dieser belanglosen Unterhaltungen zwischen Businesstypen startet. So, wie schon tausend Male zuvor in der Jangada Bar. Wichtiges Projekt. Ach ja. Umstrukturierung. Mhmhm. Neue Tochterfirma. Klar. Alle total busy. Kenn ich. Reorga. Eben. Sauenge Deadline. Jaja. Wenn nur die anderen. Genau. Und der Chef. Na, wie immer halt. Bei uns auch. Post-Merger-Integration. Immer die Blockierer. Wem sagen Sie das. Kein Vorbeikommen. Exakt.
Ich öffne den Shaker – Metallteil nach unten, Glas nach oben, Schlag mit dem Handballen genau auf die Seite, der Shaker geht auf. Das Cocktailglas fülle ich zur Hälfte mit Crushed Ice, dann den sahnigen Drink drüber, durch den Strainer, das Barsieb. Daumen und Mittelfinger halten den Mixer, der Zeigefinger das Sieb. Hoppla! Wieder zu viel Schwung gehabt. Ich wische das Glas außen ab. Deko drauf: Ananasstückchen plus Amarenakirsche plus Ananasblatt mal Spießchen gleich Palmenstrandfeeling. Wenn ich lustig bin, streue ich noch ein wenig Muskatnuss oben auf den Schaum. Heute bin ich lustig.
Aus der Jangada Bar geht keiner mit hängenden Ohren raus.
Als ich Hängematte seinen Drink an seinen Tisch bringe, wirft mir der andere einen raschen Blick zu, schaut dann kurz auf seine Breitling und entscheidet sich dann dagegen, was zu trinken. Die Gesellschaft scheint ihm augenscheinlich nicht spannend genug zu sein. »Tja, Kollege, ich seh gerade, wie spät es schon ist. Ich hab noch einen Conference-Call mit Seattle. Also, ich muss dann. Lassen Sie uns noch Kärtchen tauschen … Und wenn Sie mal wieder in der Nähe sind …«
»War nett.«
»Dito.«
Und weg ist er. Auf dem Weg zu seinem nächsten Erfolg oder auf dem Weg zu einer Bar mit Gästen, die er interessanter findet. Einen besseren Drink als bei mir bekommt er zwar nirgends in der Gegend, aber mir gefällt, dass er ganz offenbar nicht gewillt ist, mit irgendwem seine Zeit zu vergeuden, sondern sein Schicksal in die Hand nimmt und selbst bestimmt, wen er trifft und was er erlebt. Ganz im Gegensatz zu meinem Ananasschlürfer hier. Das ist nämlich der Punkt. Ich sehe es ihm an: Das Thema des Abends lautet Selbstverantwortung. Und die Problemfelder? Hm. Sport, Fitness, Bewegung, Gesundheit. Das ist das erste. Das kann man sehen. Selbstverantwortung ist eine Voraussetzung für Disziplin. Und Disziplin ist eine Voraussetzung für Fitness und Gesundheit.
Das zweite Problemfeld ist Erfolg. So wie der da rumhängt, reißt man keine Bäume aus. Zum Bäumeausreißen im Business braucht man neben Disziplin und Beharrlichkeit klare Ziele und eine Vorstellung von dem Weg zum Ziel. Unter anderem. Und um klare persönliche Ziele zu erkennen, muss man wissen, was wichtig und richtig für einen ist, und dazu braucht man – genau: Selbstverantwortung.
Und das dritte Problemfeld? Ich tippe mal: Beziehung, Familie, Kinder. Welche Frau erträgt auf Dauer einen Waschlappen? Welche Kinder nehmen sich ein Opfer zum Vorbild? Und dann noch der Job mit vielen Übernachtungen in Hotels und wenig Zeit für Frau und Kinder? Das schafft man auf langer Strecke nur, wenn die Beziehungen innerhalb der Familie super funktionieren. Und das traue ich ihm aus irgendeinem Grund nicht zu. Aber vielleicht täusche ich mich ja. Ich werde das rauskriegen. Früher oder später öffnen sie sich alle. Na ja, die meisten.
»Noch einen Drink?«
»Was? Oh. Ja, okay, gern noch einen. Der schmeckt toll.«
»Ist auch der beste in der Stadt. Süß, fruchtig. Zwar nicht gerade was für harte Kerle, aber baut auf, wenn im Innern nicht alles im Lot ist, gell?«
Das sitzt. Er zuckt merklich zusammen. Entweder er kommt jetzt rüber und setzt sich an die Bar, oder er lässt den halben Drink stehen, zahlt und geht in der nächsten Viertelstunde.
Während ich die Zutaten in den Shaker schütte, beobachte ich ihn aus dem Augenwinkel. Seine Körperhaltung ist schlecht. Und das hat immer etwas mit der inneren Haltung zu tun. Jedenfalls meiner Erfahrung nach. Mir macht es Spaß, Hypothesen über meine Gäste auszuspinnen. Meine Bar ist mein Trainingsplatz. Dass ich tagsüber mein Geld ganz anders verdiene, weiß hier kaum einer.
Zum Bäumeausreißen im Business braucht man neben Disziplin und Beharrlichkeit klare Ziele.
Innere und äußere Haltung. Neulich bin ich einem bulligen Typen begegnet, locker 100 Kilo bei 1,80 Größe, Riesenbrustkorb. Trotzdem einen runden Buckel und hängende Schultern. Schleppender Gang mit hängenden Armen. Der war aber überhaupt nicht schlaff, im Gegenteil, nur trug er seelisch eine riesige Last mit sich herum, wie ich dann später erfahren habe. Wahnsinnig viel Verantwortung und viel Leid. Er arbeitet im sozialen Bereich, mit Missbrauchsopfern, und sieht und hört tagtäglich so viele Dinge, die kaum zu ertragen sind. Aber er trägt seine Bürde mit Würde. Übernimmt die volle Verantwortung und zahlt seinen Preis. Und so war er auch nicht etwa kränklich, sondern stark wie ein Bär. Mein Freund Hängematte hier allerdings hat auch einen schleppenden Gang und hängende Arme, wie ich gerade sehen kann, da er sich tatsächlich hochwuchtet und zur Bar schleppt. Nur sieht das nicht würdevoll aus, sondern einfach nur schlapp und müde.
»Hallo, Sportsfreund, ich setz mich lieber hierher. Schön haben Sie’s hier.«
Okay, die nächsten zwei Stunden sind gebucht, so viel ist klar. Als Erstes interessiert mich, ob ich mit der schwachen Gesundheit richtigliege und wie sich das auf seinen beruflichen Erfolg auswirkt. »Nur zu, Meister, in den Ledersesseln kann man ja auch nicht lange sitzen, ohne Kreuzschmerzen zu kriegen, stimmt’s?«
Erstaunt blinzelt er mich an. Woher ich nur weiß, dass er Kreuzschmerzen hat? Und im Laufe des Gesprächs erfahre ich noch mehr. Er ist am Ende seiner Kräfte. Kann nicht mehr richtig schlafen, steht schon morgens hundemüde auf. Seine Konzentration lässt nachmittags immer schneller nach. Logisch, dass er sich literweise gesüßten Kaffee reinschüttet, wie so viele. Seine Blutwerte lassen schwer zu wünschen übrig. Übergewicht. Neigt zu Erkältungskrankheiten und ständig sind die Nasennebenhöhlen zu. Das Immunsystem scheint auch nicht mehr auf der Höhe zu sein.
Also, die meisten Leute wissen sehr wohl, dass es zwischen körperlicher, psychischer und seelischer Gesundheit einen engen Zusammenhang gibt. Sie wissen, dass sie im Kopf nur dann klar und leistungsfähig sein können, wenn sie körperlich in einem guten Zustand sind und vor allem auf Schlaf, gute Ernährung und ausreichendes Trinken achten. Ihnen ist keineswegs schleierhaft, dass sie nur dann im Beruf ihre volle Leistungsfähigkeit abrufen können, wenn sie fit sind. Das würden Sie auch unterschreiben, stimmt’s?
Und was machen sie? Sie essen zu viel und bewegen sich zu wenig, sie nehmen zu viel Zucker und zu wenig reines Wasser zu sich, sie trinken zu viel Kaffee und zu viel Alkohol und sie rauchen. In Kaffee, Alkohol und Zigaretten sind hochwirksame Nervengifte enthalten. Genau, Koffein, Alkohol und Nikotin sind eigentlich Nervengifte, die in entsprechender Dosis tödlich sind. Wir nehmen sie wegen der kurzfristigen psychischen Wirkungen, aber die anderen, langfristigen Nebenwirkungen haben sie eben auch und die sind auf Dauer und je nach Menge fatal. Wir wissen das. Trotzdem pfeifen wir uns während des Arbeitstags regelmäßig das Zeug rein.
Und das ist noch nicht alles an Giften. Als Barmixer weiß ich das, denn mir verschweigen die Leute wenig: Koks nehmen mehr Businessleute, als Sie denken. Das Gramm wird schon für 60 € an den Arbeitsplatz geliefert. Viele schlucken Antidepressiva: Citalopram, Mirtazapin, Amitriptylin. So schummeln sie sich durch den Tag, im Austausch gegen Kopfschmerzen, Zittern, Nervosität, Schlafstörungen, Libidostörungen, Müdigkeit, Alpträume, Halluzinationen, Krampfanfälle, Verwirrtheit, Magen-Darm-Probleme, Schwindel, Gewichtszunahme oder Hautausschlag. Siehe Beipackzettel. Und neuerdings zum Aufputschen Ritalin, eigentlich ein Psychopharmakon für Kinder gegen Aufmerksamkeitsdefizitstörungen. Trotzdem auch eine Droge, die missbraucht werden kann. Die missbraucht wird. Und die Nebenwirkungen sind auf Dauer fatal. Das Zeug geht auf die Leber und kann Parkinson hervorrufen. Teufelszeug. Und trotzdem können die gestressten und überforderten, müden und gehetzten Businesstypen die Finger nicht davon lassen. Warum nur? Sind doch alles intelligente Leute.
Das Problem ist nicht die Intelligenz, sondern der Mangel an Selbstverantwortung.
Die erste Hochphase, in der beruflich noch alles blendend läuft, hält meistens fünf, sechs Jahre an. Sie sind auf der Karriereleiter nach oben geklettert, haben vielleicht eine Familie gegründet, ein Haus gekauft, ein schickes Auto. Läuft doch alles gut, keine Zeit, irgendwas zu hinterfragen. Und es gibt ja auch keinen triftigen Grund, oder? Der Job ist stressig, aber der Verdienst ist geil. Nur, so langsam schwinden die Energien. Erste Signale des Körpers melden: Körper an Großhirn! Körper an Großhirn! Das halten wir auf die Dauer nicht durch! Lass uns doch bitte mal ’ne Pause machen! Ich schicke mal ’ne saftige Erkältung mitten im Urlaub!
Doch die Termine stehen, die Businessziele sind stramm, die Konkurrenz sitzt Ihnen im Nacken. Weiter geht’s. Es wird schon gehen. Kaffee hält wach, Alkohol betäubt die schlechten Gedanken, die Zigarette hält am Laufen. Keine Zeit für Pausen, keine Zeit für Sport, Essen egal, abends Glotze.
Dann schickt der Körper ein Pfeifen im Ohr oder üble Kopfschmerzen oder Magenbeschwerden oder einen Bandscheibenvorfall oder ein chronisches Lidzucken. Und? Langt’s dann endlich? Mitnichten, es geht immer weiter. Nebenbei werden Sie fetter, weil Sie keinen Sport machen, der Körper verschlackt, weil Sie ihn nicht entgiften und nicht ausreichend mit klarem Wasser durchspülen. Zu viel Zucker in gesüßten Getränken malträtiert die Bauchspeicheldrüse und bereitet schon mal den Diabetes vor, und das alles passiert unmerklich und scheinbar unaufhaltsam unter der Oberfläche des beruflichen Erfolgs.
Nur: Die Zahlen sind leider auch nicht mehr so toll wie früher. Es wird immer mühsamer, je älter Sie werden, mit den jungen, (noch) fitten Konkurrenten mitzuhalten. Einen Vierzehnstundentag machen die mit dreißig noch locker … und Sie?
Am Ende kommt dann die Keule, ein Burn-out oder was Chronisches. Tinnitus zum Beispiel. Oder Herz-Rhythmus-Störungen. Und wie sieht es dann mit dem Erfolg aus? Geschäfte mit dem Handy vom Krankenbett aus?
Laut Einschätzung aller Akteure im Gesundheitswesen werden psychisch bedingte Krankheiten weiter zunehmen. Die WHO erwartet, dass sie zur Nummer eins aufsteigen und die drei größten unserer Leiden im Jahr 2020 Herzinfarkt, Depression und Angststörungen sein werden – und damit ein Drittel aller Krankheiten ausmachen. Mit dem steigenden Leistungsdruck insbesondere am Arbeitsplatz, aber nicht nur da, steigt auch die Nachfrage nach verschreibungspflichtigen Antidepressiva – Prozac & Co. Waren es in Deutschland im Jahr 1999 noch 385 Millionen Tagesdosen, so wurden 2008 bereits 974 Millionen verbraucht. Tagesdosen. Tendenz weiter steigend. Und was einmal gesagt werden muss: Antidepressiva helfen vielleicht kurzfristig dabei, über den Tag zu kommen, aber sie beseitigen nicht die Ursachen für ein unerfülltes, unbefriedigendes Leben. Für Menschen mit echten, akuten depressiven Schüben sind sie – unter ärztlicher oder gar klinischer Kontrolle für einen gewissen Zeitraum eingenommen – sicherlich notwendig. Aber den Medikamentenmissbrauch zur vermeintlichen Leistungssteigerung, den will ich hier mal ausdrücklich verteufeln. Übrigens hat man festgestellt, dass bei leichten Depressionen Ausdauersport genau so wirksam ist wie Medikamente. Und Ausdauersport braucht keinen Beipackzettel.
Auf Dauer richten ausnahmslos alle Drogen Schlimmes an: Antidepressiva machen nicht glücklich, sie machen nur noch mehr krank, wenn man sie ständig einwirft. Das dauerhafte Einnehmen von Psychopharmaka ist keine Heilmethode oder Hilfe, sondern ein Symptom für einen extrem ungesunden Lebenswandel.
Um es mal klar zu sagen: Ein dauerhaft ungesunder Lebenswandel ist unverantwortlich gegenüber dem Arbeitgeber. Unverantwortlich gegenüber den Kollegen. Unverantwortlich gegenüber der eigenen Familie. Und unverantwortlich gegenüber sich selbst. Das ist der Kern des Problems. Ein berufstätiger Familienvater, von dessen Leistungsfähigkeit jede Menge Menschen abhängen, der seinen Körper nicht systematisch fit hält, weigert sich ganz schlicht und einfach, Verantwortung zu übernehmen.
Sie argumentieren, das seien eben die heutigen Bedingungen für Erfolg? Ohne einen gesunden Körper werden Sie auf Dauer keinen Erfolg im Business haben. Oder die Zwänge des speziellen Berufs? Unsinn, keiner zwingt Sie zu schlechtem oder zu viel Essen, auch nicht auf Geschäftsreisen. In jedem guten Businesshotel gibt es Fitness- und Wellness-Einrichtungen. Keine Woche ist terminlich zu voll, um aufs Fitnessstudio verzichten zu müssen. Brauchen Sie nicht mal. Für effektive Kräftigungs- und Dehnübungen oder Meditation ist kein einziges Gerät nötig. Joggen kann man überall. Jeden Tag im Büro oder im Auto können Sie zwei Liter Wasser trinken. Keiner zwingt Sie, mehr als drei Tassen Kaffee am Tag zu trinken. Jeden Abend ein, zwei, drei Biere oder Rotwein, damit man besser einschlafen kann? Hören Sie auf! Alles Ausreden!
»Aber warum halten Sie sich denn nicht ein bisschen besser in Form?«, frage ich Hängematte ganz dreist. »Sie waren doch bestimmt mal ein toller Hecht! Glauben Sie, Ihre Kunden, Ihre Kollegen und Ihr Chef haben heute Respekt vor Ihnen, wenn Sie schon schnaufen wie ein Walross, bevor Sie die Treppe halb hochgekommen sind?« »Na, Sie gehn aber ran! … Aber Sie haben ja recht. Ich weiß auch nicht. Ich würde ja gerne. Aber ich schaffe das nicht. Wenn ich könnte, wie ich wollte. Es ist mir irgendwie alles zu viel. Überall Anforderungen. Und dann auch noch Zeit für die Gesundheit …«
»Glauben Sie mir, bevor Sie sterben, nimmt sich Ihr Körper die ganze verlorene Zeit auf einmal. Typen wie Sie fallen nicht einfach mit einem Herzinfarkt um. Sie bekommen erst noch einen super Burn-out. Dann geht gar nichts mehr. Und dann haben Sie Zeit. Zum Nachdenken.«
»Worüber denn nachdenken?«
»Zum Beispiel darüber, wessen Opfer Sie eigentlich dauernd sind. Noch einen Drink?«
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