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Ralf Schwob

Das Präsidium

Frankfurt Krimi


Alle Rechte vorbehalten • Societäts-Verlag

© 2021 Frankfurter Societäts-Medien GmbH

Satz/E-Book: Julia Desch, Societäts-Verlag

Umschlaggestaltung: Julia Dorn, Societäts-Verlag

Umschlagabbildung: Karsten Ratzke, Wikimedia Commons

Printausgabe ISBN 978-3-95542-410-7

E-Book ISBN 978-3-95542-427-5

Wir brauchen Glück & Geld

Mehr Glück & Geld

Säckeweise Glück & Geld

Extrabreit

How do the angels get to sleep,

When the devil leaves the porchlight on.

Tom Waits

Für Ilka – weil du recht hast, wenn du irrst

Frankfurt am Main, März 2009

Endlich wieder AC/DC live in Deutschland. Das Konzert in der Festhalle war schon seit Monaten ausverkauft. Keine 12 Minuten hatte es gedauert, als im vergangenen Oktober die Karten in den Vorverkauf kamen, bis sie auch schon wieder weg waren.

Die Fans kamen mit der U-Bahn vom Hauptbahnhof oder sprangen aus Autos, die kurz vor der Halle hielten. Der Gewitterschriftzug der Band war überall auf dem Vorplatz zwischen dem Messeturm und den Absperrgittern der Halle zu sehen: auf Jeansjackenrücken, auf T-Shirts, auf Baseball Caps und Schals. Es war gerade mal 16 Uhr vorbei und noch taghell, aber vor der Halle hatte sich schon eine Menschentraube gebildet, im Kampf um die besten Plätze im Innenraum.

Maik hielt die beiden Tickets am ausgestreckten Arm in die Höhe und sah sich um. Ein paar Headbanger glotzten zu ihm rüber und stießen sich gegenseitig an, schienen aber nicht interessiert. Er überlegte, ob er vielleicht etwas rufen sollte, so wie es einige der anderen Schwarzmarkthändler taten. Aber eigentlich war ja klar, was er hier anbot. Man musste wohl nur ein bisschen Geduld haben.

Er ging ein paar Schritte, zeigte seine Tickets und blieb wieder stehen. Aus einer Gruppe Jeansjackenträger löste sich einer und kam auf ihn zu.

Der Typ war fast einen ganzen Kopf kleiner als Maik, hatte einen Fusselbart und trug eine Angus-Young-Kappe mit Teufelsohren.

»Was willstn dafür haben?«

»300 für beide«, sagte Maik. »Ist ’n Schnäppchen.«

»Ich brauch aber nur eine.«

»Okay, dann kostet’s aber mehr.«

»Wieviel?«

Maik tat einen Moment lang so, als würde er eine schwerwiegende Entscheidung treffen müssen, dann sagte er gönnerhaft: »170, weil du’s bist.«

Der Kleine machte ein Gesicht, als habe er auf eine Zitrone gebissen. »170 Euro? Echt jetzt?«

»Hör zu, nimm das Ticket oder lass es bleiben, aber diskutier nicht mit mir rum, okay?«

»Also, ich weiß nicht ...«

Maik zuckte mit den Achseln, sah sich demonstrativ um und hielt die Karten wieder in die Höhe.

»Ja, gut, okay«, hörte er den Kleinen hinter sich eifrig sagen, kaum dass er sich von ihm weggedreht hatte. »Ich nehm eine.«

Maik grinste. Der Kleine fingerte seine Brieftasche aus der Jeans, holte drei Fünfziger und einen Zwanziger heraus und gab sie Maik, der ihm im Gegenzug eine der Karten aushändigte.

»Die sieht aber komisch aus ...« Der Kleine musterte das Ticket argwöhnisch.

»Sind Pressekarten.«

»Echt jetzt?«

»Wenn ich’s dir sage. Wenn du Glück hast, kommste damit auch Backstage.«

Der Kleine nickte zögerlich, warf Maik noch einen kritischen Blick zu und verschwand dann in der Menge.

Wenn das mit der zweiten Karte genauso einfach lief, würde er das öfter machen. Mal hier vor der Festhalle, mal drüben in Offenbach, wenn ein Konzert in der Stadthalle ausverkauft war. Leicht verdiente Kohle ...

Leider lief es mit dem zweiten Ticket überhaupt nicht gut. Ein Typ handelte ihn auf einen Hunderter runter und hatte dann gar kein Geld dabei, und eine Tussi, die beim Reden die Kippe nicht aus dem Mund nahm, bot ihm allen Ernstes den regulären Preis abzüglich Vorverkaufsgebühr. Maik beschloss, noch eine Runde zu drehen und es dann später erneut zu versuchen, wenn der Markt ausgedünnt wäre, als plötzlich der Kleine mit dem Fusselbart wieder vor ihm stand. In seiner Begleitung war ein Ordner in gelber Signalweste sowie zwei grimmig dreinschauende Typen in schwarzen Lederjacken.

»Das ist gar keine Pressekarte, das ist eine Fälschung!«, schrie ihn der Fusselbart an, seine Stimme überschlug sich fast dabei.

Maik sah, wie der Ordner ein Funkgerät von seinem Gürtel nahm und eine Taste drückte.

»Ich will mein Geld wieder, du Arsch!«, brüllte der Kleine. Die beiden Lederjackentypen flankierten ihn mit verschränkten Armen.

»Okay, okay ... alles klar, kein Problem, Kumpel.« Maik hob beschwichtigend die Hände, dann griff er in seine Jackentasche und tat so, als suche er darin nach dem Geld.

Der Ordner drehte sich jetzt ein Stück von ihm weg und sprach in seine Handgurke, aus der Verbindungsrauschen zu hören war.

»Hab’s gleich«, sagte Maik.

Der Fusselbart presste die Lippen zusammen, aber die beiden Ledertypen entspannten sich etwas. Maik zog die geballte Faust aus der Tasche, hielt sie am angewinkelten Arm vor das Trio und spreizte den Mittelfinger ab. Dann rannte er los.

Maik rannte in Richtung Hauptbahnhof, der Verkehr auf der Ebert-Anlage war viel zu dicht, als dass er die Straße hätte überqueren können, also blieb ihm zunächst nichts anderes übrig, als einfach weiter geradeaus zu laufen. Am Kastor-Tower hatte er das Gefühl, seine Verfolger abgehängt zu haben und drehte sich kurz um. Die beiden Lederjacken waren deutlich zurückgeblieben, holten aber auf, und solange er auf offener Straße war, würden sie ihn auch nicht aus den Augen verlieren. Maik spürte schon jetzt seine Lungen brennen, lange würde er das Tempo nicht mehr durchhalten. Er konnte nur hoffen, dass die beiden Typen genauso starke Raucher waren wie er selbst. Bei dem einen schien das auch tatsächlich der Fall zu sein, denn als er sich zum zweiten Mal umdrehte, sah er nur noch einen der beiden knapp hinter sich, der allerdings schien ziemlich trainiert zu sein und holte beständig auf. Maik passierte die Matthäuskirche – kurz hinter deren Seiteneingang lag eine Hofeinfahrt, dessen Gittertor nicht ganz geschlossen war. Kurz entschlossen schlüpfte Maik hindurch und gelangte auf einen Hinterhof, in dem Unkraut zwischen aufgebrochenen Betonplatten hervorwuchs und ihm ein einstöckiger schmaler Querbau mit zugemauerten Fenstern Schutz bot.

Maik presste sich mit dem Rücken gegen die alte Mauer und lauschte auf die Schritte seines Verfolgers, aber das Einzige, was er hören konnte, war sein eigener abgehackter Atem, das Hämmern seines Pulsschlags in den Schläfen und das Rauschen seines Blutes in den Ohren. Er schloss für einen Moment die Augen, legte den Kopf in den Nacken und schnappte gierig nach Luft. Als er die Augen wieder öffnete, sah er den Turm der Matthäuskirche mit dem goldenen Kreuz obenauf, ein geradezu surrealer Anblick neben den verspiegelten Hochhausfassaden und dem alles überragenden Messeturm im Hintergrund.

Maik trat einen Schritt vor, spähte schnell um die Ecke des Mauervorsprungs und zog sich wieder zurück. Von seinem Verfolger war nichts mehr zu sehen. Offenbar hatte er Maiks Flucht in den Hof nicht bemerkt und war einfach geradeaus weiter gerannt. In der Ferne hörte er das gleichmäßige Verkehrsrauschen der Straße, ein kleiner Vogel hüpfte vor seinen Füßen über die gesplitterten Gehwegplatten und pickte hektisch in den Zwischenräumen herum.

Maiks Herzschlag und seine Atmung normalisierten sich wieder langsam. Er beschloss, noch ein bisschen weiter in den Hof zwischen den mehrstöckigen verwinkelten Gebäuden mit den vielen toten Fenstern vorzudringen. Der gelbe Fassadenanstrich war an einigen Stellen mit Graffitis beschmiert worden, hier und da bröckelte die Farbe von den Außenwänden. Maik hatte von diesem Ort gehört: Zwischen der Matthäuskirche und der Mainzer Landstraße erstreckte sich der Gebäudekomplex des alten Frankfurter Polizeipräsidiums, das seit einigen Jahren leer stand. Die Polizei war in ihr neues Hauptquartier an der Adickesallee umgezogen und seitdem vergammelte hier der alte labyrinthartige Kasten mit der historischen Fassade.

Das alte Präsidium war irgendwann in den 60er Jahren noch um einen Neubau zur Mainzer Landstraße und zur Ludwigstraße hin erweitert worden, wodurch ein zweiter Innenhof entstanden war. Hier gab es noch eine einsame Bogenlampe und eine auf zwei Betonpfeilern ruhende geschwungene Tankstellenüberdachung, unter der sich wohl einmal Zapfsäulen für die Einsatzfahrzeuge befunden hatten. Auf dem Boden des Hofs waren sogar noch die weißen Markierungsstreifen der Parkplätze zu sehen. Der vierstöckige rechtwinklig angelegte Neubau sah allerdings noch heruntergekommener aus als das alte Gebäude, der weiße Verputz blätterte großflächig von der Fassade und an einigen Stellen war Feuchtigkeit ins Mauerwerk eingedrungen.

Maik war derart vertieft in die Betrachtung des verfallenden Gebäudes, dass er den Angriff erst bemerkte, als es schon zu spät war. Er wurde gepackt und mit dem Rücken gegen die Hauswand geschleudert, der Lederjackentyp drückte ihm den Unterarm gegen den Kehlkopf.

»So, du Arsch, und jetzt rück die Kohle raus!«

Maik krächzte, er bekam kaum Luft. Sein Herz raste. Er hatte keine Ahnung, wie es der Kerl geschafft hatte, sich unbemerkt an ihn heranzuschleichen.

»Dann wollen wir doch mal sehen ...« Lederjacke nagelte ihn mit dem rechten Unterarm an die Wand und durchwühlte mit der linken Hand Maiks Taschen. Er fuhr ihm unter die Jacke, Maik spürte die Finger des Typs an seinem Bauch und seiner Brust entlangtasten, schließlich bekam er ein zerknautschtes Päckchen Camel und Maiks altes Zippo zu fassen, dann ein benutztes Taschentuch.

Lederjacke gab einen überraschten Laut von sich und ließ die Rotzfahne fallen.

»Wo hast du’s, verdammt?«

Maik röchelte. Das Geld hatte er sich in die Unterhose gesteckt. Bei dem Gedanken, dass Lederjacke als nächstes seine Wurstfinger auch da reinstecken würde, wurde ihm schlecht.

»Mach’s Maul auf!« Der Druck des Unterarms wurde etwas gelockert.

»Ich geb’s dir ja ...«, stieß Maik mühsam hervor. Er öffnete den obersten Knopf seiner Jeans und pulte das Geldbündel heraus.

Der Lederjackentyp verzog angeekelt das Gesicht, hatte jetzt aber nur noch Augen für das Geld. Genau darauf hatte Maik gewartet.

»Hey, guck mal!«

Lederjacke hob den Kopf und sah Maik an, der im selben Moment seinen Kopf nach vorn schnellen ließ. Er spürte, wie seine Stirn auf die Nase des vollkommen überraschten Kerls traf, der sofort zurücktaumelte und sich die Hände schützend vors Gesicht hielt.

Scheiße, dachte Maik, das funktioniert ja wirklich. Bisher hatte er so etwas nur in Filmen gesehen. Dann rannte er erneut los.

Eigentlich wollte er zurück zur Straße, lief aber in die falsche Richtung und gelangte so auf die andere Seite des alten Präsidiums. Sich umzudrehen traute er sich nicht, weil er dann Lederjacke in die Arme laufen würde und der war jetzt mit Sicherheit maximal angepisst.

Maik entdeckte einen Zugang zum Gebäude, der etwas versteckt in einer Ecke lag. Er hatte kaum Hoffnung, dass er die Tür würde öffnen können, warf sich aber trotzdem gegen das massive Türblatt und stolperte dann regelrecht in den kleinen Vorraum, als das Schloss sofort nachgab. Maik taumelte vornübergebeugt gegen die Wand, die seinen Fall stoppte. Vor ihm führte ein schmaler Gang ins Innere des Gebäudes. Diesmal würde er vorsichtig sein. Maik schloss die Außentür und blockierte sie notdürftig mit einem ausgeschlachteten Aktenschrank, den er aus der Ecke des Vorraums zog, dann machte er sich auf den Weg.

Er gelangte in einen im Halbdunkel liegenden langgestreckten, leicht abschüssigen Raum und holte sein Zippo aus der Jackentasche, um besser sehen zu können: Am Boden verschraubte Sitzreihen mit Holzstühlen und Tischen zogen sich bis vor eine Tafel am anderen Ende des Raums, es sah aus wie ein Klassenzimmer oder ein Hörsaal in Kleinformat. Wahrscheinlich, so dachte er, waren hier mal Polizeischüler unterrichtet worden. Jetzt lag überall auf den Tischen Staub und feuchter Putz, der von der Decke gefallen war. Auf der anderen Seite des Raums wurde es wieder heller, und er gelangte in einen Flur, an dessen Seite eine Fensterfront verlief, durch die er in einen verwahrlosten Innenhof sehen konnte. Maik setzte seine Schritte mit Bedacht, auf dem Boden lagen Scherben und Bretter, aus denen lange Nägel ragten, in einer Ecke lag ein halbaufgerolltes Knäuel Stacheldraht. Er tastete sich langsam voran, schließlich öffnete sich der Gang und mündete in den hohen Eingangssaal des alten Präsidiums.

Maik stand wie betäubt zwischen den mächtigen Marmorsäulen und Rundbögen. Eine breite Steintreppe führte auf eine Empore, von der aus dann rechts und links die langen Freitrep­pen ins Obergeschoss führten. Die massiven Geländer waren reich verziert und alles lag im fahlen Licht, das durch die fast vollständig verglaste Rückfront des Treppenhauses fiel. Die hohen Fenster mit ihren verschnörkelten Einlassungen und Intarsien wirkten auf Maik fast wie Kirchenfenster. Er wusste, dass sich nur ein paar Meter entfernt hinter seinem Rücken, hinter den mehrfach verrammelten hohen Außentüren des Gebäudes, die mehrspurige Straße der Friedrich-Ebert-Anlage befand, auf der ein ständiger, nie endender Verkehr herrschte – aber davon war hier drin nichts zu spüren. Es war, als hätte jemand einen Schalter betätigt und die Welt da draußen einfach abgeschaltet.

Zehn Jahre später

Donnerstag, 6. Juni 2019

Die S-Bahn und auch die Regionalbahn nach Frankfurt hatten Verspätung. Als Thomas Danzer an diesem Morgen am Dornberger Bahnhof ankam, konnte er schon die unruhigen Berufspendler am Gleis 4 stehen sehen.

Einen Moment lang überlegte er, wieder kehrtzumachen, aber Steffen hatte ihn schon von weitem gesehen. Er stand mit flatternder Krawatte am Geländer der Unterführung und wischte stirnrunzelnd auf seinem Handy herum.

»Notarzteinsatz am Gleis zwischen Riedstadt und Groß-Gerau«, sagte er, als Thomas die Treppe heraufkam, und malte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft. »Da hat sich mal wieder so ein armer Irrer vor den Zug geworfen und wir dürfen es ausbaden.«

Thomas zog sich das Sakko vor der Brust zusammen. Die Sonne stand schon über dem Einkaufsmarkt, der direkt unterhalb des Bahnhofs lag, aber hier oben wehte ein kühler Wind. Ein Mensch war also tot, nur dass das hier niemanden interessierte. Die Pendler an Gleis 4 fluchten über die Verspätung und bestätigten sich gegenseitig, dass auf die Bahn eben kein Verlass mehr sei. Eine junge hübsche Frau im Businesskostüm stöckelte aufgeregt den Bahnsteig auf und ab und telefonierte. Als sie an ihnen vorbeikam, zwinkerte Steffen ihr zu, und die Frau verdrehte genervt die Augen.

»Die steht auf mich, haste gesehen?«

»Klar, alle stehen auf dich, weißte doch.«

Steffen lachte und steckte sein Handy wieder ein, dann stutzte er und sah Thomas überrascht an. »Ich dachte, du arbeitest gerade von zu Hause aus?«

»Normal schon, aber wegen der Feiertage haben wir heute noch Konferenz, und der Chef mag das nicht online machen«, entgegnete Thomas achselzuckend und wunderte sich, wie mühelos ihm die Lüge über die Lippen kam.

»Ach, ich dachte, du bist jetzt der Chef?«

»Bei mir im Homeoffice vielleicht.«

»Na immerhin ...« Steffen lächelte gönnerhaft. Während Thomas sich hauptsächlich um die Kreditvergabe an Bausparer und Kleinanleger kümmerte, saß Steffen im Obergeschoss eines Frankfurter Bankenturms an der Taunusanlage und hantierte mit millionenschweren Portfolios privater Anleger.

Im Lautsprecher über dem Bahngleis knackte es. »Es hat Einfahrt die Regionalbahn nach Frankfurt ...«

Sofort kam Bewegung in die Menschen am Bahnsteig. Steffen stieß sich vom Geländer ab und Thomas folgte ihm. Sie fanden einen Platz im unteren Teil der Bahn, die sich, kaum dass sie Platz genommen hatten, in Bewegung setzte. Der Wasserturm und die alte schon halb abgerissene und entkernte Schule zogen draußen vor dem Fenster vorbei. Hier hatten sie damals ihr Abitur gemacht und manchmal an Sommerabenden mit einem Sixpack Bier draußen gesessen und sich gegenseitig Karrieren angedichtet. Thomas schloss die Augen. Steffen Kleinschmidt wurde von allen früher nur der »kleine Schmidt« genannt, was ein ziemlich müder Witz war, denn mit etwas über einem Meter achtzig war er eigentlich nicht besonders klein. Er hatte auch keinen größeren Bruder oder so, den man den »großen Schmidt« genannt hätte. Irgendwer hatte irgendwann halt mal »kleiner Schmidt« statt »Kleinschmidt« zu ihm gesagt und das war dann hängengeblieben. Er selbst wurde damals einfach nur Tommy oder mal ›der Danzer‹ genannt.

Thomas öffnete die Augen und sah, dass Steffen schon wieder auf sein Handy starrte. Ihm war es recht, er hatte keine Lust, sich mit ihm zu unterhalten. Normalerweise wären sie sich ja auch gar nicht begegnet. Dass sich ausgerechnet heute jemand vor den Zug wirft, damit konnte ja keiner rechnen – obwohl, eigentlich musste man doch immer damit rechnen. Auf einmal wunderte er sich darüber, dass so etwas nicht viel häufiger vorkam. Wie viele Menschen im Jahr das wohl versuchten? Und dabei erfolgreich waren? Ein Impuls durchfuhr ihn, sein Handy herauszuholen und es zu googeln, aber dann rief er sich zur Ordnung, das führte doch zu nichts.

»Und? Schon was vor über Pfingsten?«, fragte Steffen ohne vom Display seines Handys aufzusehen.

Thomas schüttelte den Kopf. »Am Sonntag holen wir meinen Vater aus dem Heim zum Mittagessen, ansonsten ist, soviel ich weiß, eigentlich nichts weiter ...«

»Verstehe schon«, grinste Steffen, »Petra legt die Musik auf, zu der getanzt wird.«

»Wenn du meinst ...«

»Ach komm schon! Ich weiß doch, wie das ist.« Steffen steckte das Handy in die Innentasche seins Jacketts und gähnte. »Meinst du, das ist bei mir anders? Tati hat zu Hause die Hosen an.« Er machte eine Kunstpause, dann fügte er süffisant hinzu: »Naja, manchmal auch nicht, da hat sie gar nichts an ...«

Thomas machte ein säuerliches Gesicht und sagte nichts. Steffen war eigentlich ganz in Ordnung, neigte aber zu schlüpfrigen Bemerkungen, die niemand hören wollte. Nach dem Abitur hatten sich damals ihre Wege getrennt. Steffen hatte BWL studiert, war weggezogen und erst jetzt über 20 Jahre später wieder nach Groß-Gerau zurückgekommen. Thomas hingegen hatte am Ort eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht, später geheiratet, eine Familie gegründet und war vor ein paar Jahren zu einer Frankfurter Bank in die Kreditabteilung gewechselt. Ein letzter kleiner Karrieresprung, dachte er und merkte, wie sein Magen dabei rebellierte.

»Dem Junior geht’s gut?« Steffen schien jetzt richtig in Plauderlaune zu sein. Der Zug hielt in Mörfelden, wo sich noch mehr gestrandete Pendler in die Abteile quetschten.

»Ja«, sagte Thomas, »arbeitet fleißig an seinem Abitur.«

Steffen nickte und kam nicht mehr auf das Thema zurück, was Thomas nur recht war. Benny und seine Aktivitäten schlugen ihm genauso auf den Magen wie der Gedanke an die Bank. Es gab momentan allgemein wenig, was ihm keine Magenschmerzen bereitete.

In Walldorf wurden die Wartenden am Bahnsteig aufgefordert zurückzubleiben und nicht einzusteigen. Mittlerweile pressten sich die Leute wie die Heringe in der Dose im engen Gang aneinander. Es roch herb-süßlich nach verschiedenen Aftershaves und Parfüms und ein bisschen nach Schweiß. Thomas atmete möglichst flach, um nicht auf der Stelle in den Wagen zu kotzen, das hätte jetzt gerade noch gefehlt.

Als der Zug schließlich über den Main fuhr und die Frankfurter Skyline in Sicht kam, beugte sich Steffen um den Mann, der sich in der Sitzreihe einfach zwischen sie gestellt hatte, herum und sagte: »Samstagabend? Grillen? Bei uns?«

»Ich weiß nicht, da muss ich erst ...«

»Du musst gar nichts, ich habe Tati vorhin eine Nachricht geschickt, die klärt das schon mit Petra.«

Thomas holte Luft, um etwas zu sagen, aber dann ließ er sich in den Sitz zurückfallen und sagte nichts. Der Mann zwischen ihnen hielt sich am Gepäckfach über ihnen fest und machte ein teilnahmsloses Gesicht. Kurz bevor der Zug in den Bahnhof einfuhr, hörte er Steffens Handy klimpern.

»Petra hat schon zugesagt, sie freut sich und macht einen Salat. Ich grille und sorge fürs Bier. Du musst dich mal wieder um nichts kümmern, du Glückspilz.«

Sie standen auf und wurden zusammen mit den anderen auf den Bahnsteig gespült. Thomas bekam vor Wut immer noch keinen Ton heraus, aber wenigstens bekam er hier draußen wieder besser Luft. Die Übelkeit ließ etwas nach, nur das Kotzgefühl wollte einfach nicht verschwinden. In der S-Bahn zur Taunusanlage überlegte er, wie er Steffen loswerden konnte, aber ihm fiel nichts ein.

Als sie sich wenig später dem Garden Tower in der Neuen Mainzer Straße näherten, verlangsamte Thomas seine Schritte und hoffte, dass Steffen ihn überholen würde, aber der dachte gar nicht daran.

»Also dann«, sagte Thomas, »bis morgen.« Er steuerte auf die Glasschiebetüren zu und blieb dann stehen.

»Ja, super, bis dann!« Steffen winkte und entfernte sich ein Stück, da klingelte sein Handy.

Anstatt telefonierend weiterzugehen, blieb er stehen und sah beim Sprechen lächelnd in Thomas’ Richtung, der sich nicht von der Stelle rührte. Durch die verglaste Schiebetür konnte er sehen, wer am Empfang Dienst hatte. Ausgerechnet die Hingst, Beate Hingst, die elegante, korrekte und immer freundliche Frau Hingst, die jeden Mitarbeiter des Hauses mit Vor- und Zunamen kannte und genau wusste, wer wo hingehörte.

Thomas zögerte. Steffen telefonierte immer noch, sah zu ihm rüber, winkte. Thomas hob kurz die Hand. Er musste jetzt da rein, wenn er kein Misstrauen erregen wollte.

Die Schiebetür glitt zur Seite. Er betrat den klimatisierten Eingangsbereich und sah, wie die Hingst sich mit einem Lächeln hinter dem Empfangstresen erhob, aber mit einer Hand unter die Holzverschalung griff, wo sich die Alarmknöpfe befanden.

»Bitte«, flüsterte er der Frau zu, »ich bin gleich wieder weg.«

Beate Hingst hob die Augenbrauen. »Wenn Sie Ärger machen wollen, Herr Danzer ...«

Thomas schüttelte heftig den Kopf. »Keinen Ärger, nein, wirklich nicht, geben Sie mir bitte nur eine Minute ...«

Er sah gehetzt über seine Schulter durch die Verglasung nach draußen. Steffen stand immer noch ein paar Meter vom Eingang entfernt und telefonierte. Er hatte eine Hand in der Tasche, mit der anderen hielte er sich das Handy ans Ohr. Thomas wandte sich wieder an die Hingst, die sich etwas entspannte, den Finger aber nicht vom Notruf nahm. Sie trug ein marineblaues Kleid und eine Perlenkette. Thomas konnte das abgetönte Make-up auf ihrer Gesichtshaut sehen und den akkurat aufgetragenen blassroten Lippenstift.

»Frau Hingst, es gibt keinen Grund zur Beunruhigung, bitte, Sie kennen mich doch.«

»Ich muss Sie jetzt trotzdem auffordern zu gehen, Herr Danzer.«

»Natürlich, natürlich ...«, entgegnete er und nickte heftig, blieb aber stehen. Sein Blick wanderte zu der Seitentür, hinter der immer jemand von der Security in Bereitschaft war.

»Sofort«, stieß die Hingst gepresst hervor.

Thomas machte kehrt. Die Schiebtür glitt zur Seite und er trat mit angehaltenem Atem auf den Vorplatz und sah sich um. Steffen war nicht mehr da.

Er schaffte es bis zur Taunusanlage, dort übergab er sich hinter eine Parkbank. Danach ging es ihm besser. Er lockerte seine Krawatte, nahm sie dann ganz ab und stopfte sie in seine Ledertasche. Er öffnete die oberen Hemdknöpfe, ließ sich auf der Bank nieder und schloss die Augen. Die Sonne hatte schon deutlich an Stärke gewonnen und wärmte sein Gesicht. Er hörte die gleichmäßigen, federnden Schritte eines Joggers vorbeitraben. Jemand rief nach einem Hund. Ein anderer lachte. Das Geräusch eines Skateboards, das vom Boden abhob und kurz darauf wieder krachend aufsetzte.

Warum hatte er zur Bewältigung seiner Midlife-Crisis nicht eine der klassischen Methoden gewählt wie andere Männer auch? Er hätte sich einen Sportwagen leasen, für den Frankfurt-Marathon trainieren oder sich in eine peinliche Affäre stürzen können – stattdessen hatte er sein Gewissen entdeckt.

***

Zorans Arglosigkeit war wie immer beeindruckend. Er plapperte, scherzte und spielte Maik seine neuen Lieblingssongs auf dem Smartphone vor, als wären sie tatsächlich nur zwei alte Freunde auf dem Weg in ein verlängertes Pfingstwochenende. Das Kokain im Wert von einer guten Viertelmillion Euro im Kofferraum schien ihn nicht im Geringsten zu beunruhigen. Zoran war ein schlichtes Gemüt und manchmal glaubte Maik, dass sein alter Kumpel einfach zu doof war, um Angst zu haben.

Er selbst hingegen war jedes Mal vor allem am Anfang ziemlich nervös. Bei jeder Wagenübernahme sah er sich hektisch um, fest davon überzeugt, dass jeden Moment schwerbewaffnete Polizisten brüllend aus den Büschen springen und sie alle hochnehmen würden. Zorans flache Witzchen, seine Bums-Geschichten und Angebereien brachten Maik aber immer wieder runter. Andere hätte Zoran damit wahrscheinlich genervt und aggressiv gemacht, aber auf ihn hatte er einfach eine beruhigende Wirkung, und das allein rechtfertigte schon, ihn dabeizuhaben.

Sie waren seit knapp zwei Stunden unterwegs. Auf der Autobahn herrschte streckenweise bereits dichter Verkehr, obwohl erst Donnerstag war. Offenbar konnten es sich einige Leute leisten, sehr frühzeitig ins lange Wochenende aufzubrechen. Eine halbe Stunde vor dem Fahrerwechsel nickte Zoran mit dem Kopf am Seitenfenster ein und sabberte die Scheibe voll. Kurz vor dem Rastplatz Lorsch Ost weckte Maik seinen Freund, der auf einmal ungewöhnlich schweigsam war und nur noch verbissen durch die Windschutzscheibe starrte.

Maik nahm die Abfahrt, die zum Rasthof führte, ein überladenes Wohnmobil mit niederländischem Kennzeichen tuckerte behäbig vor ihnen her auf den Parkplatz.

Sie stellten den Wagen in Sichtweite der Tankstelle und des Schnellrestaurants ab, stiegen aus und streckten sich. Zoran klopfte eine Zigarette aus seinem Päckchen, steckte sie sich zwischen die Lippen, zündete sie aber nicht an, sondern blinzelte in die Sonne, als warte er auf eine geheime Botschaft aus dem All. Er trug Jeans und ein braunes Polohemd, an den Füßen nigelnagelneue Nike-Sneakers. Leger, aber gepflegt, so erregte man am wenigsten Aufsehen. Maik hatte sich für beige Chinos und ein schwarzes Kurzarmhemd entschieden. Er sah mit gerunzelter Stirn zu seinem Kumpel rüber, der immer noch mit der Zigarette im Mund dastand und über irgendetwas nachzudenken schien.

»Hey, alles klar?«

Zoran reagierte erst nicht, dann drehte er sich langsam in Maiks Richtung. »Hm? Haste was gesagt?«

»Ich hab dich gefragt, ob alles klar ist?«

»Ja, schon, alles klar. Ich mach mir halt nur auch so meine Gedanken, weißt du ...«

»Ach ja? Und über was machst du dir so ... Gedanken?«

Zoran hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Die Sache gefiel Maik nicht. Wenn einer wie Zoran anfing, sich Gedanken zu machen, konnte das nur in die Hose gehen. Er ging einen Schritt auf seinen alten Kumpel zu, legte ihm eine Hand auf die Schulter, zog sein Zippo aus der Hosentasche und gab ihm Feuer.

»Hör mal, wenn es da was gibt, das ich wissen sollte, dann raus damit, und zwar gleich.«

Zoran sah ihn einen Moment lang mit einem Blick an, den Maik nicht zu deuten wusste, dann zog er an der Zigarette, stieß den Rauch durch Mund und Nase und schüttelte den Kopf.

»Ich geh uns da drüben mal zwei Kaffee holen«, sagte Maik und deutete mit dem Kinn zur Raststätte hinüber. »Tankst du schon mal den Wagen?«

Zoran nickte und nahm die Autoschlüssel entgegen. Auf halbem Weg drehte Maik sich ein weiteres Mal um und sah, dass sein Kumpel die halbgerauchte Zigarette ausgetreten und sich schon hinters Steuer gesetzt hatte.

Obwohl der Parkplatz vor dem Rasthof fast leer war, herrschte im Selbstbedienungsbereich Hochbetrieb. Familien mit quengelnden Kindern und Rentnerpaare, die umständlich ihr Geld abzählten, bevor sie etwas aus der Theke nahmen, belagerten den kleinen Verkaufsraum. Maik fragte sich, woher auf einmal all die Leute kamen, dann sah er durch die Vollverglasung zwei Fernbusse hinter der Raststätte stehen. Einen Moment lang dachte er daran, auf den Kaffee zu verzichten, aber dann stellte er sich doch an. Sie waren gut in der Zeit, alles lief wie am Schnürchen.

Als er eine knappe Viertelstunde später mit zwei Pappbechern in den Händen die Raststätte verließ, hatte Zoran schon getankt, der Wagen stand jedenfalls nicht mehr bei den Zapfsäulen. Maik sah zu den Parkbuchten hinüber, aber auch dort konnte er den BMW nicht entdecken. Er drehte sich einmal um die eigene Achse und sah sich um. Nichts. Wenn das einer von Zorans Späßen sein sollte, so konnte er nicht darüber lachen. Mit großen Schritten überquerte er die Zufahrt. Die schrägen Parkstreifen waren leer bis auf einen VW Passat mit Fahrrädern auf dem Dach und einen alten Golf. Auch die Stelle, an der sie vorhin geparkt hatten, war verwaist. Auf dem Grünstreifen, bei den etwas zurückgesetzten Picknicktischen aus Waschbeton stand eine grüne Mülltonne, über der die Mücken kreisten.

Maik stellte die Kaffeebecher auf dem Deckel ab und ging in die Knie, um den schwarzen Rucksack zu inspizieren, der an der Tonne lehnte. Es war sein Rucksack, den er bei jeder Fahrt dabeihatte. Ein gelbes Post-it-Zettelchen klebte daran.

Tut mir leid, Kumpel stand in Zorans krakeliger Grundschülerschrift auf dem Zettel.

Es dauerte eine Weile, bis Maik kapierte, was passiert war. Dass Zoran mit dem Koks abgehauen war und ihn zurückgelassen hatte. Dass er das schon die ganze Zeit geplant haben musste. Dass er ihn in die Scheiße geritten hatte, um einmal im Leben selbst so richtig abzusahnen. Was das bedeutete, war ihm hingegen sofort klar: Er war so gut wie tot.

Obwohl es keinen Grund gab, Zoran zu schützen, zögerte Maik dennoch, die Nummer zu wählen, die für Notfälle reserviert war. Er holte das Prepaidhandy aus der Hosentasche, sah es einen Moment lang an, dann steckte er es wieder ein und zündete sich stattdessen eine Zigarette an. Für einen Moment hoffte er, dass alles doch nur ein schlechter Witz war und Zoran jeden Moment mit quietschenden Reifen um die Ecke gefahren kam und ihn auslachte: »Was glotzt du so? Schiss gehabt, was?«

Maik sah sich noch einmal um. An der Tankstelle fuhr ein Mercedes vor, ein Typ im grauen Anzug, dessen Bauch über den Hosenbund quoll, stieg aus und tankte. Auf dem eingezäunten Spielplatz vor der Raststätte standen zwei Frauen in Jeans und Sneakers und unterhielten sich, während ihre Kinder auf den im Boden verschraubten Wackelgeräten herumturnten. Einer der Busfahrer lehnte am verglasten Eingangsbereich des Restaurants und las Nachrichten auf seinem Handy. Keine Spur von Zoran und dem BMW.

Maik ging rauchend vor der Mülltonne auf und ab. Als er die zwei vor sich hin dampfenden Kaffeebecher sah, holte er aus und schlug sie vom Deckel herunter, einer fiel unspektakulär ins Gras, aber der andere Becher flog ein Stück durch die Luft, schlug dann auf dem Picknicktisch auf und verspritzte seinen Inhalt über der Platte. Ein alter Mann in beiger Popeline-Jacke und Gesundheitsschuhen, der gerade dabei war, umständlich aus einem Opel Zafira zu steigen, sah entsetzt zu ihm herüber.

Maik holte erneut das Prepaidhandy hervor und tippte die entsprechende Kurzwahltaste. Er berichtete kurz, was passiert war, und legte auf, bevor der Mann am anderen Ende der Leitung etwas sagen konnte, dann machte er sich mit geschultertem Rucksack auf den Weg zum LKW-Parkplatz. Der alte Mann hatte sich wieder in sein Auto zurückgezogen, umklammerte mit beiden Händen das Lenkrad und verfolgte Maiks Abgang mit ängstlichem Blick durch die Windschutzscheibe.

Er hatte gerade einen Trucker gefunden, der bereit war, ihn bis Frankfurt mitzunehmen, da klingelte das Handy. Maik drückte den Anruf weg und schaltete das Gerät aus.

***

Thomas Danzer nahm die spätere S-Bahn, um auf der Heimfahrt nicht schon wieder Steffen in die Arme zu laufen. Er ärgerte sich immer noch über die Einladung zum Grillen. Steffen und Tatjana hatten mit Petra doch schon alles entschieden, bevor man ihn überhaupt gefragt hatte. Seit geraumer Zeit hatte er den Eindruck, von allen nur noch vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Und ihm fehlte die Kraft, sich dagegen zu wehren, weil er jeden Tag damit beschäftigt war, eine Scheinwelt aufrechtzuerhalten, in der er nach wie vor einen Arbeitsplatz hatte und Geld verdiente. Heute Morgen mit Steffen, das war verdammt knapp gewesen. Dabei würde sein Versteckspiel in den nächsten Wochen ohnehin auffliegen, wenn sein Gehalt ausblieb und die Schadensersatzforderungen eintrudeln würden. Bis dahin, so hatte er sich eingeredet, würde ihm schon etwas einfallen, aber mit jedem Tag, der verging, wurde ihm klarer, dass das wohl Wunschdenken war.

Die S-Bahn setzte sich in Bewegung und verließ den Hauptbahnhof. Thomas fiel der Selbstmörder wieder ein, der sich am Morgen vor die Regionalbahn geworfen hatte. Dieser Ausweg stünde ihm ja immer und jederzeit offen, dachte er und erschrak, wie sehr ihn dieser Gedanke beruhigte.

Am Bahnhof in Groß-Gerau Dornberg stieg er aus und lief durch das Gewerbegebiet nach Hause. Die Häuser am Ortsausgang waren durch eine hohe Hecke von der Gernsheimer Straße, die hier nahtlos in die B44 überging, abgetrennt. Gegenüber lag die Fasanerie und hinter den Häusern floss der Landgraben.

Thomas betrat den kühlen Hausflur und ließ Sakko und Tasche an der Garderobe zurück. In der Küche nahm er sich ein Bier aus dem Kühlschrank, öffnete es und trank an die Spüle gelehnt zwei große Schlucke direkt aus der Dose. Auf dem leeren, blankpolierten Küchentisch lag ein Zettel: Bin zum Yoga und danach noch was trinken mit den Mädels. Warte nicht auf mich.

Thomas nahm noch einen Schluck Bier. Sie warteten schon lange nicht mehr aufeinander, es gab dafür keinen Grund.

Sie hatten das Haus, sein Elternhaus, damals nach ihren Wünschen umgebaut. Nachdem seine Mutter gestorben und sein Vater ins Altenheim gezogen war, hätte er den alten Kasten am liebsten verkauft, aber Petra hatte ihn überredet, in die Immobilie zu investieren, eine neue Heizanlage ein- und den Keller auszubauen. Das Haus bekam ein neues Dach und die Fassade wurde frisch angelegt, nach hinten zum Landgraben hin wurden bodentiefe Fenster eingesetzt und eine neue Terrasse aufgeschüttet. Die Innenräume wurden verbreitert, Zwischenwände eingerissen, eine neue Küche installiert. Und als alles fertig war ...

Thomas trank die Dose mit mehreren großen Schlucken leer, er hatte gar nicht bemerkt, wie durstig er zuvor gewesen war. Er überlegte, sich mit einem zweiten Bier auf die Terrasse ins Abendlicht zu setzen, wollte sich aber zuerst noch umziehen. Er stieg die Treppe hinauf und zog oben im Schlafzimmer die Anzugshose und das verschwitzte Hemd aus, schlüpfte in Shorts und T-Shirt und ging barfuß zurück in den Flur. Vor der Tür seines Sohnes zögerte er, klopfte dann aber doch. Als sich Benny auch nach dem zweiten Klopfen nicht meldete, öffnete Thomas vorsichtig die Tür und spähte ins Zimmer.

Durch die breiten Panoramafenster im ersten Stock konnte man die Bäume sehen, in denen jedes Jahr Störche ihre Nester bauten und auf den umliegenden Feldern und am Landgraben auf Nahrungssuche gingen – nicht, dass Benny sich dafür interessiert hätte, er saß lieber, so wie jetzt, bei heruntergelassenen Jalousien vor seinem PC und sah sich Videos von leerstehenden Fabriken und Lagerhallen an. Thomas stand in der offenen Tür und sah den gekrümmten Rücken seines Sohnes. Über den Bildschirm flimmerten verwackelte, dunkle Aufnahmen. Er klopfte erneut ans Türblatt, aber auch jetzt reagierte Benny nicht, erst da fielen ihm die Kopfhörer-Stöpsel in seinen Ohren auf. Natürlich.

Thomas stand noch eine Weile so da, beobachtete seinen Sohn und dachte daran, wie er ihn vor zwei Wochen nachts auf der Polizeiwache abgeholt hatte und wie sie schweigend nach Hause gefahren waren. Er wusste, dass er in dieser Nacht noch mit ihm hätte reden müssen, aber Benny schwieg und er fand mal wieder nicht die richtigen Worte, Vaterworte, also schwieg er auch.

Das Reden hatte Petra am nächsten Tag übernommen und sie hatte Benny auch dazu gebracht, die Namen der anderen Jungs zu nennen, die dabei gewesen waren. Sie war mit ihm zur Polizei gefahren, wo ihr Sohn seine Aussage ergänzte. Als sie wieder nach Hause kamen, verschwand Benny sofort auf sein Zimmer. Als Thomas fragte, wie es gelaufen sei, sah Petra ihn mit ihrem ›Das-wäre-dein-Job-gewesen-Blick‹ an und schüttelte nur den Kopf.

Vielleicht, dachte Thomas jetzt, wäre heute ja ein guter Abend, um endlich mal mit Benny zu reden, aber dann schloss er doch nur leise die Tür und ging wieder nach unten.

Nach der dritten Dose Bier war es draußen immer noch nicht ganz dunkel. Thomas saß, die Beine von sich gestreckt, auf der Terrasse und spürte die Restwärme des Tages in den Steinplatten unter seinen nackten Fußsohlen. Es gab Momente, in denen er tatsächlich vergaß, dass er nicht nur arbeitslos und verschuldet war, sondern sich wahrscheinlich auch bald vor Gericht würde verantworten müssen. »Rechtliche Schritte behalten wir uns natürlich vor«, hatte sein Chef gesagt. Er war um den Schreibtisch herumgekommen, hatte Thomas in die Augen gesehen und den Kopf geschüttelt: »Mein Gott, Danzer, was haben Sie sich nur dabei gedacht?«

Ja, was hatte er sich dabei gedacht? Vielleicht, dass er wenigstens einmal im Leben das Richtige tun wollte. Er hatte jemandem, der unverschuldet in Not geraten war, geholfen, das war alles.

Er würde jedenfalls als Banker nie wieder eine Anstellung finden. Vielleicht konnte er sich irgendwann als Versicherungsmakler und Vermögensberater selbstständig machen. Trotzdem: sie würden alles verlieren. Petra würde ihn verachten, was sie wahrscheinlich sowieso schon tat, und der Junge ...

Thomas sprang auf. Er wollte jetzt nicht darüber nachdenken. Er war schon auf dem Weg in die Küche, um sich die vierte Dose Bier zu holen, überlegte es sich aber anders und ging stattdessen ins Wohnzimmer an die kleine Vitrine, in der er seinen Whisky aufbewahrte. Er goss sich zwei Fingerbreit Chivas Regal in einen Tumbler und kehrte auf die Terrasse zurück. Dort schien es schlagartig dunkel und auch kühler geworden zu sein. Er zog sich das alte Sweatshirt über, das in der Campingbox auf der Terrasse lag und das er normalerweise nur zur Gartenarbeit trug, dann legte er sich in den Liegestuhl.

Der Stuhl war gut gepolstert, das Shirt wärmte und der Whisky, den er in kleinen Schlucken trank, machte ihn angenehm müde und schwer. Er dachte noch daran, dass er keinesfalls hier draußen einschlafen durfte, dann fielen ihm auch schon die Augen zu.

***

Zoran lag im rötlichen Licht des Bordellzimmers auf dem Doppelbett und wartete. Er war nur noch mit einem knappen schwarzen Sport-Slip bekleidet und wurde langsam unruhig.

»Hey«, rief er, »jetzt mach aber mal, dass du beikommst, ja?«

Zoran schob die beiden herzförmigen Kissen beiseite, lehnte sich auf die angewinkelten Ellenbogen und starrte die Badezimmertür an, hinter der das Mädchen, mit dem er sich handelseinig geworden war, vor einer gefühlten Ewigkeit verschwunden war.

»Hey, hörst du mich?«

Das kleine Miststück antwortete nicht. Zoran sprang auf und hämmerte gegen die Tür.

»Du hast es aber ganz schön eilig«, hörte er sie hinter der Tür kichern. »Ich komme ja gleich, Süßer.«

Zoran grunzte unwillig und wanderte halbnackt in dem kleinen Zimmer herum. Er schob eine der roten Blenden vor dem hohen Altbaufenster ein Stück zur Seite und sah nach unten. Die Taunusstraße lag im künstlichen Licht der Peepshows und Bordelle, Autos parkten am Straßenrand, auf dem Gehsteig die für einen Freitagabend übliche Mischung aus Partygängern, Freiern und Kanaken.

Als er hörte, wie sich hinter ihm eine Tür öffnete, drehte er sich lächelnd um, eine Hand im Schritt.

Der erste Schlag gegen die Brust warf ihn auf das Bett. Zoran war schnell wieder auf den Beinen, aber nicht schnell genug: der zweite Schlag ging ins Gesicht und schickte ihn gleich wieder auf die Matratze. Er spürte, wie seine Unterlippe anschwoll und hob abwehrend einen Arm vor die Augen.

»Lass erstmal mal gut sein«, hörte er jemanden sagen und nahm den Arm langsam wieder herunter.

Der Typ, der ihn geschlagen hatte, war klein und kompakt, dabei etwas überspeckt. Er trug einen schlecht sitzenden schwarzen Anzug, das zerknitterte weiße Hemd darunter bis zur Brust aufgeknöpft. Zoran schätzte den Angreifer auf Mitte vierzig, er hatte kurzes graues Haar und kleine Schweinsäuglein. Der andere Typ, der gesprochen hatte, trug den gleichen billigen Anzug, war aber schlank und einen Kopf größer als sein Kumpel. Die beiden wirkten wie eine billige, bösartige Version der Blues Brothers.

Die Tür zum Badezimmer wurde geöffnet und das Mädchen kam heraus. Sie hatte sich einen weißen Bademantel über die schwarze Spitzenunterwäsche gezogen und sah fragend von einem der Männer zum anderen.

»Verpiss dich«, sagte der Große, nachdem er sie einen Moment lang gemustert hatte. Der kleine Kompakte behielt die ganze Zeit über Zoran im Blick.

»Der hat aber noch nicht bezahlt«, sagte das Miststück kühl.

Zoran schnaubte: »Es ist ja noch nichts passiert!«

»Das wird es heute auch nicht mehr«, sagte der Große. »Raus jetzt.«

»Scheiße«, zischte das Mädchen, zog sich den Bademantel enger vor der Brust zusammen und stöckelte aus dem Zimmer.

Der Typ, der ihn geschlagen hatte, sagte etwas in einer Sprache, die Zoran nicht verstand. Es hörte sich wie eine Frage an.

»Er will wissen, wo du herkommst«, übersetzte der Große.

»Vom Frankfurter Berg«, sagte Zoran, und die beiden Kerle sahen sich an und brachen in Gelächter aus.

»Zoran vom Frankfurter Berg also? Ja?«

Der Name mal wieder, dachte Zoran. Wie oft hatte ihn der schon in die Scheiße geritten. Den slawischen Vornamen verdankte er seinem serbischen Vater, der sich aber kurz nach seiner Geburt vom Acker gemacht hatte. Seine Mutter, ein Frankfurter Mädchen durch und durch, hielt sich danach von Jugos fern, aber er hatte seinen Balkan-Namen weg.

Der kleine Kompakte versuchte es erneut auf Serbokroatisch, zumindest glaubte Zoran, dass es das war. Er schüttelte den Kopf, wischte sich etwas Blut vom Mund und sagte: »Tut mir wirklich leid, Kumpel, aber mit mir musst du deutsch reden.«

Der Kompakte machte ein beleidigtes Gesicht und sagte nichts mehr. Sein Partner sog scharf die Luft ein, als hätte er auf einmal Schmerzen bekommen.

»Hör mal, du solltest nicht so auf den Gefühlen meines Freundes hier herumtrampeln, er wollte nur freundlich sein.«

Zoran betastete seine immer noch dicker werdende Lippe und sagte nichts. Ein Schneidezahn wackelte.

»Also mein Freund Vito hier«, fuhr der Große fort, »war als junger Mann da unten im Krieg, da hat er ... naja, ich will es mal so sagen: Er hat bestimmte Sachen gelernt.«

Vito sah Zoran mit gespielter Freundlichkeit an und lächelte. Im nächsten Moment spürte er dessen Finger rechts und links an seinem Hals nach etwas tasten. Die Berührung war sanft, fast zärtlich, zumindest so lange, bis er den entscheidenden Punkt gefunden hatte. Vito nickte kurz, dann drückte er zu und augenblicklich bekam Zoran keine Luft mehr. Er glaubte, ersticken zu müssen, riss die Augen auf und öffnete den Mund in dem vergeblichen Bemühen, so besser atmen zu können. Der Mann ließ ihn noch einen Moment lang zappeln, dann verringerte er den Druck und Zoran bekam wieder etwas besser Luft. Es fühlte sich allerdings an, als müsse er durch einen Strohhalm atmen. Zoran versuchte, sich möglichst wenig zu bewegen, aus Angst, den Kerl damit zu provozieren. So musste sich Waterboarding anfühlen, dachte er, nur ohne Wasser.

»Alle Theorie ist grau«, sagte der Große achselzuckend. »Eine praktische Demonstration macht doch immer gleich viel mehr Eindruck, nicht wahr?«

Vito zog seine Finger zurück und Zoran schnappte nach Luft.

»Und jetzt bringst du uns das, was du gestohlen hast.«

Der Große begann Zorans Klamotten, die auf einem Stuhl vor dem Bett lagen, nach Waffen abzusuchen und warf ihm dann ein Teil nach dem anderen zu.

»Anziehen!«

Zoran versuchte, Zeit zu gewinnen. Er zog sich extrem langsam an und dachte währenddessen über einen Ausweg nach. Als er gerade umständlich in seine Jeans stieg, spürte er Vitos Hand auf seiner Schulter.

»Ein kleiner bisschen schön schneller ... bitte?«, radebrechte der Mann vom Balkan und lächelte Zoran dabei auf eine Art und Weise an, die keinen Zweifel daran ließ, dass er ihm ansonsten auch gern helfen könnte.

Sie dirigierten ihn aus dem Zimmer und über einen spärlich beleuchteten Flur ins hintere Treppenhaus. Die Wände waren kahl und der Teppichboden abgetreten, ein grün-weiß beleuchtetes Schild über ihren Köpfen wies auf den Notausgang hin.

»Du gehst vor«, sagte der Große. Zoran spürte, wie Vito ihm den Lauf einer Pistole in den Rücken stieß.

Sie gelangten in einen düsteren Hinterhof. Hier standen Mülltonnen unterhalb einer Mauer, die das Grundstück begrenzte. Rechts ein Kellerabgang, links um die Hausecke herum war eine Einfahrt, die auf die Taunusstraße mündete.

Der Große sah um die Ecke und winkte sie heran. Er drehte sich im Halbdunkel um und fragte: »Also, Zoran vom Frankfurter Berg, wo müssen wir hin?«

Zoran holte schon Luft, um zu antworten, als etwas aus der Dunkelheit hinter ihnen hervor gesprungen kam. Der Große wich erschrocken zurück, aber Vito fuhr herum und riss die Pistole hoch. Zoran dachte nicht nach, sondern handelte: Er packte Vitos ausgetreckten Arm, entriss ihm die Pistole, drehte sich ein Stück von ihm weg und drückte ab. Der Schuss dröhnte unnatürlich laut durch den Hinterhof. Die Katze entwischte durch die Hofeinfahrt, der kompakte Balkankrieger riss den Mund auf und fiel auf die Knie.

Zoran hielt die Waffe in der Hand und starrte sie an, als könne er nicht glauben, was er soeben getan hatte. Eine Schrecksekunde lang schien alles stillzustehen, dann rannte er los.

Er sprang auf eine der Mülltonnen und erreichte den First der Mauer, dann fiel ein weiterer Schuss und gleichzeitig erhielt Zoran einen Schlag in den Rücken, der ihn über die Mauer warf. Er fiel in einen Busch, dessen Zweige sich unter seine Jacke und das T-Shirt schoben und ihm Bauch und Rücken zerkratzten. Der Busch bremste seinen Sturz, trotzdem verlor er beinahe das Bewusstsein, als er auf der anderen Seite der Mauer in der Dunkelheit aufschlug. Zoran sog Luft ein, seine Lungen brannten, Tränen schossen ihm in die Augen, dann lag er still. Es roch nach Erde und Müll und verdorbenem Essen. Er riss die Augen auf, sah im Haus gegenüber ganz weit oben verschwommen ein Licht angehen. Er wartete, ohne zu wissen worauf, hörte einen Hund bellen und jemanden nach der Polizei rufen, dann war wieder alles still. Er versuchte, auf die Beine zu kommen, aber es ging nicht, sein Rücken fühlte sich an, wie in der Mitte auseinandergebrochen. Zoran musste husten, er brachte einen Schwall warmen Sirups hervor, spuckte ihn aus und hatte auf einmal den metallischen Geschmack von Blut in seinem Mund. Erst jetzt begriff er, dass der Große ihn in den Rücken geschossen hatte. Er hörte ein Martinshorn ganz weit weg. Es schien sich zu nähern, dann wieder zu entfernen. Das Licht in einem der oberen Stockwerke im Gebäude gegenüber erlosch, und Zoran schloss die Augen.

Freitag, 7. Juni 2019

Thomas erwachte, weil die Vögel zwitscherten und ihm kalt war. Er blinzelte in die Sonne, die über den Feldern aufging und erste Strahlen auf die Terrasse warf. Verwundert stellte er fest, dass ihn irgendwer in der Nacht zugedeckt haben musste. Er löste sich aus der Decke, setzte sich auf und massierte seinen schmerzenden Rücken mit den Händen. Die Terrassentür stand offen und aus dem Haus duftete es nach Kaffee.

Petra erschien mit einem schiefen Grinsen im Gesicht im Türrahmen und kam zu ihm heraus. Sie trug ihre Joggingklamotten, war noch etwas außer Atem und ihr Gesicht vom Laufen erhitzt.

»Guten Morgen, ausgeschlafen?«

Thomas schloss die Augen und schüttelte den Kopf.

»Hast es gestern Abend wohl nicht mehr ins Bett geschafft, nachdem du dir hier einen angesoffen hast.« Sie riss die Arme in die Höhe und beugte sich dann tief hinunter, bis ihre Fingerspitzen den Boden berührten.

»Ich hab gar nicht so viel getrunken, war nur total müde ...«

»Wie auch immer«, entgegnete Petra, erhob sich wieder und streckte die Arme der Sonne entgegen.

»Hast du mich zugedeckt?«

»Wer sonst.«

»Hm, Danke ...«

Petra sagte nichts, sondern fuhr mit ihren Stretching-Übungen fort.

In der Küche stand noch Kaffee auf der Warmhalteplatte. Thomas nahm eine Tasse aus dem Schrank und schenkte sich ein. Einer der letzten kleinen Genussmomente in seinem Leben: Der erste Schluck Kaffee am Morgen.

Er fühlte sich wie gerädert, wahrscheinlich hatte ihm allerdings das Schlafen auf dem Liegestuhl mehr zugesetzt als die drei Dosen Bier und der doppelte Whisky.

Petra kam herein mit ihren Sportschuhen in der Hand. Sie löste geschickt das Haargummi an ihrem Hinterkopf und schüttelte die halblangen blonden Haare. Ihre Wangen waren immer noch gerötet. Thomas sah, wie sich ihre kleinen straffen Brüste unter dem engen Funktionsshirt abzeichneten, als sie sich zu ihm drehte.

»Du denkst dran, dass wir morgen Abend verabredet sind?«

»Ja, klar, tut mir leid, Steffen war mal wieder ...«

»Alles gut, immer noch besser, als mit dir hier allein herumzuhocken.«

Thomas holte Luft, um etwas zu entgegen, aber dann fiel ihm nichts ein, was er darauf hätte sagen können.

»Ich gehe duschen«, sagte Petra, mehr zu sich selbst als zu ihm, und ging nach oben.

Thomas sah auf die Uhr am Herd. Heute würde er zur Sicherheit zwei Züge später nehmen. Nach dem Duschen würde Petra sich in ihr kleines Büro unterm Dach zurückziehen, wo sie sich um die Buchhaltung ihrer Kunden kümmerte, sie hatte sich vor kurzem selbstständig gemacht und suchte noch nach Auftraggebern. Bis jetzt hatte sie lediglich eine kleine Buchhandlung, eine freiberufliche Kosmetikerin und einen Homöopathen als Kunden, die ihr alle persönlich bekannt waren und daher Vorzugspreise bekamen. Die Kosten für den Dachausbau waren damit auf absehbare Zeit jedenfalls nicht zu finanzieren. Thomas spürte ein Stechen in der Brust und schüttete den Rest des bitter gewordenen Kaffees in die Spüle.

Die Vormittage in Frankfurt verbrachte er meist im Kino oder im Museum. Manchmal saß er auch stundenlang in einem Café und tat so, als lese er die Rundschau. Im Grunde aber tat er nichts, er ging irgendwo hin, saß herum und wunderte sich, wie schnell dabei die Zeit verging. Natürlich grübelte er. Manchmal meinte er, einen Ausweg aus seiner Lage gefunden zu haben, der sich aber stets als Hirngespinst entpuppte.

An diesem Freitag machte er mal wieder einen langen Spaziergang die Mainpromenade entlang, überquerte den Holbeinsteg auf die Sachsenhäuser Seite des Mains und kaufte sich eine Karte fürs Städelmuseum, wo man sich bereits fieberhaft auf die große van Gogh-Ausstellung im Herbst vorbereitete. Er verbrachte zwei Stunden in der aktuellen Ausstellung und als er das Museum wieder verließ, hätte er nicht sagen können, was er gesehen hatte. Sein Kopf war prallvoll und vollkommen leer zugleich. In seinem dunklen Anzug, der gestreiften Krawatte und mit der weinroten schweinsledernen Dokumententasche kam er sich mittlerweile wie verkleidet vor. Er war den Pennern und Junkies, die ihn im Bahnhofsviertel manchmal um Kleingeld anpumpten, doch schon näher als seinen alten Kollegen, deren bevorzugte Bistros und Restaurants er zur Lunchzeit geflissentlich mied.

Ziellos wanderte er durch die Stadt und landete schließlich um die Mittagszeit in einer Pilsstube in der Elbestraße, die schon am Vormittag geöffnet hatte. Hierher würde sich garantiert niemand aus den Bankentürmen verirren.

In dem engen, düsteren Gastraum roch es nach Zigaretten und abgestandener Luft. An der Theke saß eine aufgedunsene, grellgeschminkte Frau unbestimmten Alters vor einem leeren Cognacschwenker, sie hob kurz den Kopf, als Thomas hereinkam, und musterte ihn ungeniert. In der Ecke gegenüber saß ein mageres Männchen in einem ausgeleierten Trainingsanzug auf einem Barhocker und drückte scheinbar wahllos auf die Knöpfe eines Spielautomaten. Der Wirt hinter der Theke war ein kleiner Glatzkopf mit Hängebacken und einem verblassten Adler-Tattoo auf dem Hals.

»Na? Gibste einen aus?«, fragte die Frau an der Theke und klopfte mit dem Fingernagel gegen ihr Glas.

»Lasse emol den Mann in Ruh, Ellie, sonst fliegste raus!«, griff der Wirt sofort ein, bevor Thomas etwas entgegnen konnte.

Die Angesprochene schnaubte und zündete sich eine Zigarette an. Der Mann am Spielautomat drehte sich kurz zu ihnen um und grinste, bevor er sich wieder den rotierenden Scheiben und blinkenden Lichter zuwandte. Der Automat begann eine Melodie zu spielen, dann stand alles still.

»So ’ne Scheiße«, maulte der Mann und suchte in der Tasche seiner Jogginghose nach Kleingeld.

Okay, dachte Thomas, das hier war dann doch noch ein wenig unter seinem Niveau, aber trotzdem setzte er sich. Ein Aschenbecher mit Kümmerling-Werbung war der einzige Schmuck auf der zerkratzten Tischplatte vor ihm. Er suchte den Blick des Wirts, der hinter den Tresen gebeugt gerade eine Lade mit gerippten Äppelwoi-Gläsern aus der dampfenden Spülmaschine hob.

»Biersche odder liewer Äppler?«

Thomas wollte eigentlich gar keinen Alkohol trinken, bestellte aber ein Pils. Der Wirt nickte, stellte die Gläser ab und begann mit dem Zapfen.

Die Frau an der Theke murmelte etwas vor sich hin, der Spielautomat dudelte seine Melodien, das magere Männchen fluchte, von dem sonnigen Tag draußen bekam man hier drin nichts mit. Thomas fragte sich, was Petra wohl sagen würde, wenn sie ihn jetzt so sehen könnte. Und Benny. Oder Steffen ...

»Zum Wohl.« Der Wirt stellte das große Bier auf den Tisch und sah ihn einen Moment aus seinen traurigen Augen an, dann schlurfte er zurück zum Tresen. Er wechselte ein paar Worte mit der Frau, die kurz darauf die Kneipe verließ.

Thomas trank sein Bier. Mit jedem Schluck schmeckte es besser. Da er noch nichts gegessen hatte, spürte er fast augenblicklich den Alkohol, ein leichter Schwindel erfasste ihn, der nicht gänzlich unangenehm war. Der Mann am Spielautomat gab schließlich auf und rutschte vom Hocker. Er legte ein paar Münzen auf die Theke und ging. Jetzt war Thomas der einzige Gast.

Als er sein Bier getrunken hatte, kam der Wirt an seinen Tisch, um das leere Glas abzuräumen. »Noch eins?«

Thomas schüttelte den Kopf, bezahlte und fragte nach den Toiletten. Der Wirt steckte das Trinkgeld danklos ein und deutete mit dem Daumen hinter sich zu einem schmalen Durchgang.

In dem gekachelten Flur roch es nach Klosteinen. An einem Ende des Ganges stand eine Tür offen, die auf einen Hinterhof hinausführte, am anderen befanden sich die Toiletten. Thomas öffnete die Tür der Herrentoilette und der Klosteingeruch steigerte sich derart, dass ihm fast schlecht wurde. Er fühlte sich taumelig und musste sich einen Moment an der Wand abstützen. Im Spiegel über dem Waschbecken sah er sein Gesicht, er hatte vergessen, sich heute Morgen zu rasieren. Er wollte einen Schluck Wasser trinken, ekelte sich aber vor dem verdreckten Wasserhahn. Zu allem Überfluss regte sich jetzt auch noch sein Darm.

Gegenüber der Pissrinne gab es eine einzige Klokabine, deren Tür aber geschlossen war.

Thomas drückte die Klinke herunter und war mit einem Schlag wieder vollkommen nüchtern.

Der Mann, der mit heruntergelassener Hose auf der Toilette saß, richtete eine Pistole auf Thomas, er sah den Lauf direkt auf seine Körpermitte zielen, reflexartig hob er die Hände.

»Nicht ... nicht schießen ... bitte ...«

Der Mann gab ein Stöhnen von sich. Die Pistole in seiner Hand zitterte. Seine Jeans und die Unterhose lagen ihm als zerknautschter Haufen um die Knöchel. Mit der freien Hand fuhr sich der Mann über die Brust, er trug ein blutverkrustetes Poloshirt, auch seine Hände waren voller Blut.

»Brauchen Sie Hilfe?«

Der Mann verzog sein Gesicht, es sah fast so aus, als versuche er zu lachen. Er griff in die Brusttasche seines Shirts und holte etwas heraus, hielt es zwischen seinen Fingern, dann versuchte er, sich die Hosen hochzuziehen, kam aber, als er die Unterhose schon halb über dem Hintern hatte, ins Straucheln und stürzte zwischen Kabinenwand und Toilettenschüssel, die Waffe rutschte ihm aus der Hand und fiel auf den gefliesten Boden, der Kopf sank ihm auf die Schulter, dann lag er ganz ruhig.

Thomas nahm langsam die Arme herunter. Er stand einen Moment vollkommen reglos. Durch das kleine geöffnete Fenster über dem Pissoir hörte er jemanden lachen, eine Autotür wurde zugeschlagen, ein Motor angelassen, dann war alles wieder still.

Der Mann sah jetzt fast so aus, als würde er schlafen, nur der verdrehte Körper und die weit aufgerissenen Augen passten nicht dazu. Thomas hatte noch nie zuvor eine Leiche gesehen, aber er wusste, dass dieser Mann definitiv tot war. Er musste dem Wirt Bescheid sagen. Die Polizei rufen. Er würde als Zeuge vernommen und vielleicht sogar vor Gericht zitiert werden. Er würde ...

Thomas sah sich um, er war ganz allein mit dem Toten. Er trat einen Schritt zurück. Auf dem Boden vor der Kloschüssel lag etwas. Er bückte sich und hob es auf. Es war ein Schlüssel. Er war sich nicht sicher, glaubte aber, dass er zu einem der Schließfächer im Hauptbahnhof passen könnte. Thomas hatte im letzten Frühjahr einmal Wechselkleidung für den Abend dort deponiert, als seine Abteilung einen feuchtfröhlichen Ausflug mit dem ›Ebbelwei-Express‹ unternommen hatte. Er würde den Schlüssel der Polizei übergeben und ihnen sagen müssen, dass er ihn aufgehoben hat, wegen der Fingerabdrücke natürlich. Er würde ...

Thomas steckte den Schlüssel ein, dann schloss er die Kabinentür hinter sich und verließ den Toilettenbereich. Aus dem Gastraum war nichts zu hören außer dem gelegentlichen Gedudel des Glücksspielautomaten. Die Tür am Ende des Flurs zum Hinterhof war immer noch mit einem Keil blockiert und stand weit offen.

***

Maik kam nur selten hier herauf. Die Gefahr, von der Straße aus gesehen zu werden, war einfach zu groß.

Seit er vor zehn Jahren auf der Flucht vor einem seiner Betrugsopfer zum ersten Mal im Gebäudekomplex des alten Polizeipräsidiums gewesen war, hatte sich einiges verändert. Waren es am Anfang meistens Junkies und Obdachlose, die sich nachts im Gebäude herumtrieben, kamen nun richtige kleine Banden auf der Suche nach Kupfer und anderem verwertbarem Metall und lieferten sich mit den Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes ein Katz-und-Maus-Spiel. Maik kannte sich mittlerweile so gut in dem alten Kasten aus, dass er sowohl den einen als auch den anderen erfolgreich aus dem Weg gehen konnte. Der Bau war jedenfalls ideal für jemanden, der kurzzeitig von der Bildfläche verschwinden musste, und das hatte er in den vergangenen Jahren immer mal wieder tun müssen, aber wohl noch niemals so dringend wie im Moment.

Die Wendeltreppe im Dach des alten Präsidiums führte in die verglaste Kuppel des Turms, von der aus man auf einen Umlauf treten konnte und an klaren Tagen wie heute einen schönen Blick über Frankfurt hatte. Unter den Dachsparren und zwischen den von Tauben zugeschissenen Verstrebungen stand im Sommer die Hitze, aber sobald man oben aus dem Turm trat, war die Luft frisch und ließ einen aufatmen. Maik hielt sich von der Brüstung fern, lehnte sich an die Kuppel und zündete sich eine Zigarette an. Unter ihm rauschte der Verkehr über die Ebert-Anlage und in der Ferne erhob sich der Ginnheimer Spargel vor einem wolkenlosen, tiefblauen Himmel. Die Sonne spiegelte sich in den verglasten Hochhausfassaden gegenüber, es war ein herrlicher Frühsommertag – und Maik saß bis zum Hals in der Scheiße.

Die Kurierfahrten kreuz und quer durch Deutschland und oft auch darüber hinaus waren in den letzten 12 Monaten zu seiner Haupteinnahmequelle geworden. Er kannte seine Auftraggeber nicht, er kannte nur ständig wechselnde Kontaktleute und deren Namen, die garantiert nicht ihre richtigen waren. Man kommunizierte sowieso fast nur über Prepaidhandys. Meistens fuhr er Drogen, manchmal Diebesgut, selten auch Waffen. Die Bezahlung war extrem hoch, das Risiko aber auch. Wenn er erwischt würde, gäbe es kein Netz und niemanden, der ihn raushauen könnte.

Für die langen Fahrten brauchte er einen zuverlässigen Beifahrer, mit dem er sich am Steuer abwechseln konnte. Und blöd wie er war, hatte er sich seinen alten Kumpel Zoran dafür ausgesucht. Und natürlich für ihn gebürgt ...

Maik drückte die Zigarette an der mit Graffitis beschmierten Glaswand aus und machte sich an den Abstieg. Am Anfang hatte er jedes Mal einen Drehwurm bekommen, wenn er die Wendeltreppe zu schnell hinuntergepoltert war. Unten angekommen, war er dann wie ein Betrunkener mit dem Kopf gegen eine der massiven Querstreben getaumelt und hatte sich die eine und andere üble Beule zugezogen.

Heute machte er langsam, auf halber Höhe saß eine Taube im Gebälk und gurrte ihn an.

»Scheißvieh«, zischte Maik, es kam ihm so vor, als lache die Luftratte ihn aus, weil er so naiv gewesen war, seinem Jugendfreund Zoran zu vertrauen.

Sie waren im Stadtteil Frankfurter Berg aufgewachsen und hatten beide das gleiche Problem: Ihre Namen weckten falsche Vorstellungen. Zoran war kein Jugo und Maik kein Ossi. Er war zwar in Thüringen geboren, aber mit seiner hessischen Mutter schon im zarten Alter von zwei Jahren nach Frankfurt gekommen. Auch das hatten die beiden Jungs gemeinsam: alleinerziehende Mütter, die mit ihren Söhnen heillos überfordert waren.

Mit Zoran hatte er damals im Viertel Automaten geknackt und war nachts in Wasserhäuschen eingestiegen, und als sie erwischt und vom Jugendgericht verknackt wurden, hatte er mit ihm zusammen Sozialstunden abgeleistet. Später hatten sie sich aus den Augen verloren. Maik war nach der Hauptschule (und ein paar abgebrochenen berufsvorbereitenden Maßnahmen und Lehrstellen) ein paar Jahre beim Bund hängengeblieben, hatte später im Sicherheitsdienst und als Türsteher gearbeitet und nebenbei immer mal was vertickt, Hehlerware an den Mann gebracht, mit weichen Drogen gedealt, Autos der gehobenen PS- und Preisklasse ›überführt‹, die bei Nacht und Nebel den Besitzer wechselten.

Dann kam der Job als Kurierfahrer und ausgerechnet da war ihm Zoran wieder über den Weg gelaufen – der gute alte Zoran, nicht besonders helle in der Birne, aber einer, auf den man sich immer verlassen konnte. Zumindest hatte er das bis vor rund 24 Stunden geglaubt.

Der alte Teil des Präsidiums war ein Konstrukt aus endlosen Fluren, Zimmerfluchten und Treppenhäusern, die einem die Orientierung raubten, wenn man zum ersten Mal hier war. Mittlerweile fand sich Maik notfalls auch nachts mit einer kleinen Taschenlampe zurecht, wenn er auf den Wegen blieb, die ihm vertraut waren. An einem Sommertag wie heute schien die Sonne durch die hohen Fenster und ließ die Staubkörner auf den Fluren in der Luft tanzen. Die zugemüllten und von Unkraut überwucherten Innenhöfe wirkten dann wie verwunschene Oasen, die einen lockten und gleichzeitig abstießen.

Maik machte sich auf den Weg in den Neubau des Präsidiums, der über einen brückenartigen Verbindungsgang vom alten Gebäude aus zu erreichen war. Hier war die Feuchtigkeit teilweise schon so tief ins Mauerwerk eingedrungen, dass in manchen Zimmern farnartige Pflanzen zwischen den Bodenplatten hervorwuchsen und grüner Schimmel großflächig die Außenwände bedeckte. Einige der Zimmer im zweiten Stock waren jedoch in passablem Zustand, hier hingen sogar noch die alten Büroschilder der entsprechenden Kommissariate vor den Büros.

Maik betrat das Büro, in dem er die Nacht verbracht und seinen Rucksack zurückgelassen hatte. Vom Fenster aus sah er auf die Mainzer Landstraße herunter, Autos fuhren vorbei, Menschen bevölkerten die Bürgersteige, eine Ampel sprang auf Rot, der Verkehr stockte. Ein LKW bremste abrupt ab und der tiefergelegte Sportwagen hinter ihm wechselte rasant die Spur.

Der Klingelton seines Handys ließ ihn zusammenzucken. Bisher hatte er alle Anrufe unbeantwortet gelassen, aber er wusste, dass er früher oder später rangehen musste.

»Ja?«, meldete er sich, und der Anrufer sagte genau das, was Maik erwartet hatte.

»Er hat Scheiße gebaut, ja, ich weiß, aber ...«

Der Anrufer ließ ihn nicht ausreden. Sie hatten den BMW am Osthafen gefunden. Natürlich ohne die Ware. Sie hatten Zoran in einem Puff im Bahnhofsviertel aufgestöbert, er war ihnen aber entkommen. Offenbar hatte er sogar einen seiner Verfolger erschossen, aber wohl auch selbst etwas abbekommen. Ob er wisse, wo sein Kumpel jetzt stecken könne?

Maik dachte fieberhaft nach, aber ihm fiel nur die kleine heruntergekommene Hochhauswohnung im Niederräder Mainfeld ein, in der Zoran zuletzt gehaust hatte, aber so doof, sich dort zu verstecken, war noch nicht einmal Zoran. Er versprach dem Anrufer trotzdem, dort als Erstes zu suchen.

»Ich finde ihn, okay? Ich bring das wieder in Ordnung, garantiert, ich brauche nur ...«, sagte Maik, aber der Mann schnitt ihm erneut das Wort ab.

Maik ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand fallen und atmete erschöpft aus.

»Eine Woche«, hatte der Anrufer gesagt und aufgelegt.

***

»Hier entlang geht’s zu den Mädels, Kumpel.« Der Typ, der rauchend im Hauseingang lehnte, zwinkerte Thomas zu.

Offenbar war er etwas zu lange stehen geblieben und wirkte jetzt wie ein schüchterner Freier, dabei war er nur verwirrt. Thomas schüttelte den Kopf.

»Dann halt nicht«, knurrte der Typ, warf seine halbgerauchte Zigarette auf die Straße und verschwand wieder im Haus.

Thomas sah auf den Schlüssel in seiner Hand. Was machte er da eigentlich? Was war denn nur in ihn gefahren? Noch konnte er umkehren und ... und was?

Der Mann im Klo war jedenfalls tot. Der stellte keine Forderungen mehr. Der Wirt würde ihn früher oder später finden und die Polizei rufen. Thomas dachte an die Waffe. Noch nie in seinem Leben hatte jemand mit einer Waffe auf ihn gezielt. Einer scharfen Waffe. Thomas bekam sofort wieder weiche Knie, wenn er daran dachte.

Wieder sah er auf den Schlüssel in seiner Hand. Was auch immer in diesem Schließfach war, es konnte nichts Gutes sein. Vielleicht war es aber auch nur ein Sack mit Schmutzwäsche oder die Habseligkeiten eines kleinen Milieugangsters. Oder aber doch ein Koffer voller Geld? Quatsch, dachte er, so etwas gibt es nur im Fernsehen.

Er konnte immer noch zur Polizei gehen, eine Aussage machen, alles erklären. Er war in Panik geraten und abgehauen, dafür mussten die doch Verständnis haben. Dafür wurde man doch nicht gleich irgendwie belangt. Die Situation war schließlich auch alles andere als gewöhnlich.

Während er noch darüber nachdachte, was er der Polizei erzählen würde (und was eher nicht), war Thomas die Taunusstraße weiter in Richtung Hauptbahnhof gegangen. Er nahm die Rolltreppe zur B-Ebene hinunter und dann den Aufgang zur Bahnhofshalle auf der gegenüberliegenden Seite. Aus den Geschäften und Stehcafés kamen Reisende und sahen gehetzt auf die große Anzeigetafel an der Stirnseite der Halle. Thomas folgte den Hinweisschildern zu den verwinkelten Wänden mit den Schließfächern. Er verglich die Schlüsselnummer mit den Türreihen und fand das entsprechende Fach ohne Probleme.

Er wartete, bis ein langhaariger Rucksacktourist seine sieben Sachen in einem großen Bodenfach verstaut hatte und er zumindest für einen kurzen Moment allein war. Durch die Fenster im oberen Drittel fielen Sonnenstrahlen in den schmucklosen Raum mit den zerkratzten Spinden, vor dem Bereich mit den Schließfächern befand sich ein Durchgang nach draußen zum Bahnhofsvorplatz. Hier würde man wohl nie gänzlich unbeobachtet sein.

Thomas zögerte. Ein Gedanke durchzuckte ihn: Gab es hier eigentlich Überwachungskameras? Er sah sich um, konnte aber nirgends etwas entdecken, auch entsprechende Hinweisschilder waren ihm nicht aufgefallen. Dann rief er sich zur Ordnung. Er verhielt sich ja schon selbst wie ein Krimineller, dabei konnte er das, was er in dem Schließfach fand, später immer noch zur Polizei bringen.

Genau das würde er auch tun. Und mit diesem Vorsatz öffnete Thomas das Fach.

Eine blaue Adidas-Sporttasche mit Reißverschluss und Trageriemen befand sich im Inneren. Thomas atmete einmal durch, dann nahm er sie heraus. Sie war nicht besonders schwer. Wechselwäsche, ein Kulturbeutel, ein Paar Schuhe, vom Gewicht käme das hin. Beinahe hätte er gelacht. Trotzdem war er nicht so leichtsinnig, die Tasche hier zu öffnen.

Der Toilettenbereich im Hauptbahnhof war zahlungspflichtig, aber dafür sauber. Er warf einen Euro in den Automaten an der Schranke und betrat den gefliesten Raum, der gerade von einem dunkelhäutigen jungen Mann im weißen Kittel geputzt wurde. Der Junge hatte Audiostöpsel in den Ohren und lächelte beseelt bei der Arbeit. Thomas schloss sich in einer der rundum dichten Kabinen ein. Schon wieder eine Toilette, dachte er, setzte sich auf den heruntergeklappten Klodeckel und sah auf die Tasche zwischen seinen Beinen. Er zog den Reißverschluss auf und fand mehrere durchsichtige Päckchen mit weißem Pulver.

Wenn man von dem Joint absah, an dem er im Spätsommer 1993 kurz nach dem Abitur zweimal gezogen hatte, hatte Thomas keinerlei Erfahrung mit Drogen, außer natürlich mit Alkohol. Aber dass es sich bei der weißen Substanz in der Tasche nicht um Backpulver handelte, war ihm sofort klar. Kokain oder Heroin wahrscheinlich. In den Krimis, die er sich manchmal mit Petra ansah, befeuchteten die Ermittler oder Dealer immer einen Finger, nahmen ein paar Körnchen auf und konnten dann am Geschmack feststellen, um welche Droge es sich handelte und ob sie verschnitten oder rein war. Aber dazu musste man ja zumindest eine theoretische Idee haben, wie das Zeug schmeckte.

Thomas zog den Reisverschluss der Tasche wieder zu und hob sie an. Sie kam ihm jetzt schwerer vor als vor ein paar Minuten, als er noch nicht gewusst hatte, was sich darin befand. Vier, vielleicht fünf Kilo, schätzte er. Was kosteten fünf Kilo Kokain? Auch davon hatte er keine Ahnung. Und davon, wie und an wen man so etwas verkaufte auch nicht. Musste er auch nicht.

Thomas verließ Kabine und Toilettenbereich und kehrte in die Bahnhofshalle zurück. Es war ein merkwürdiges Gefühl mit einer Tasche voller Drogen in der Öffentlichkeit herumzulaufen. Er wusste, dass es am Nordausgang des Bahnhofs am Gleis 24 einen Stützpunkt der Bundespolizei gab. Auf einmal hatte er das Gefühl, etwas vergessen zu haben, wusste aber nicht was. Thomas blieb abrupt stehen und dachte nach. Menschen hasteten an ihm vorbei, ein Kleinkind stolperte über einen Trolley, legte sich der Länge nach hin und begann zu plärren, die Mutter zog die Kleine schimpfend wieder auf die Beine. Jemand rempelte ihn von hinten an, ohne sich zu entschuldigen.

Etwas fehlte, aber er kam nicht darauf, was es war. Thomas schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich war er einfach überreizt.

Eine Zwei-Mann-Streife kam ihm entgegen. Er überlegte, sie anzusprechen, ließ es dann aber sein. Auf der großen Anzeigetafel wurden gerade die nächsten Zugabfahrten aktualisiert. Die S-Bahn nach Hause ging in einer Minute. Thomas starrte noch einen Moment auf die Anzeige, dann ging er langsam in Richtung Gleis 1 davon. Wenn die Bahn schon weg war, würde er die Tasche zur Polizei bringen, wenn nicht ...

Die S7 stand abfahrbereit, als Thomas am Bahnsteig ankam. Er betätigte den Drücker an der Außenseite des ersten Waggons und die Tür öffnete sich, er machte einen Schritt hinein und stand im Eingangsbereich des Abteils. Hinter ihm zischte die Türverriegelung und der Zug setzte sich fast augenblicklich danach mit einem Ruck in Bewegung, so als habe sie nur noch auf ihn gewartet.

Thomas musste sich am Gepäckfach über ihm festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als die S-Bahn unter der Bahnhofsüberdachung ins Freie rollte, stand er immer noch wie betäubt zwischen den Sitzreihen, die Sonne im Gesicht und eine Tasche voller Kokain zwischen den Füßen.

***

Zorans Wohnung befand sich im achten Stock eines Hochhauses im Niederräder Mainfeld. Maik war schon einige Male hier gewesen und hatte nach Alkohol- oder Drogenabstürzen auch manchmal bei Zoran übernachtet. Als er am späten Nachmittag dort ankam, wehte ein auffrischender Wind, der Sommer schien ausgerechnet über die Feiertage eine Pause einlegen zu wollen.

Auf dem gefliesten Boden im Eingangsbereich des Hochhauses lag ein Packen verschnürter Gratis-Zeitungen. Eine Reihe mit Briefkästen auf der einen Wandseite, eine Klingelanlage mit Namensschildchen auf der anderen. Maik steckte die flache Hand so tief wie möglich in Zorans Briefkastenschlitz und fand die mit Klebeband an der Rückwand befestigten Ersatzschlüssel.

Der Fahrstuhl wartete schon, er stieg ein und drückte den Knopf für das achte Stockwerk, die Türen schlossen sich und der Aufzug setzte sich in Bewegung.

Auf der Etage roch es nach Essigreiniger. Eine anonyme Tür reihte sich an die andere. Vor Zorans Wohnung blieb er stehen und lehnte sich mit dem Ohr gegen das Türblatt. Von drinnen war nichts zu hören. Er drückte auf den Klingelknopf an der Wand neben der Tür, hörte es in der Wohnung schellen und trat einen Schritt zurück.

»Der ist nicht da!«, hörte Maik jemanden sagen, fuhr erschrocken herum und sah einen alten Mann in Hausschuhen vor einer offenen Tür am anderen Ende des Flurs stehen. Der Nachbar hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah lauernd zu ihm herüber. »Schon seit Tagen ist der nicht da.«

»Ach ja?«

»Ja, seit Tagen. Den kriegt man eh kaum zu Gesicht. Und den Flur putzt er auch nicht. Sind Sie ein Freund von dem?«

»Ich ... bin von den Stadtwerken«, erwiderte Maik und wusste, dass der Alte ihm kein Wort glaubte. Sein Rucksack und der zusammengerollte Schlafsack lehnten an der Flurwand.

»So, so, von den Stadtwerken also, na dann ...« Der Alte zog sich wieder in seine Wohnung zurück. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, hörte Maik, wie der Mann von innen zweimal abschloss.

In Zorans Wohnung roch es nach kaltem Rauch und Schweißfüßen. Maik öffnete das Wohnzimmerfenster und ließ frische Luft herein, Regenwolken schoben sich vor die Sonne über der Frankfurter Skyline am anderen Mainufer.

Die kleine Wohnung war spärlich möbliert: ein niedriger Wohnzimmertisch, eine durchgesessene Couch, eine schäbige Pressspan-Kommode auf der ein Fernseher stand. Brandlöcher im Teppich, ein überquellender Aschenbecher, leere Bierdosen.

In der Küche stapelte sich schmutziges Geschirr in der Spüle, auf einem alten Wirtshaustisch in der Ecke standen noch mehr leere Bierdosen und eine halbvolle Flasche Jim Beam. Maik schraubte den Verschluss ab, roch an der Öffnung, dann nahm er einen kräftigen Schluck. Der Whisky brannte im Rachen, verbreitete aber sofort angenehme Wärme in seinem Bauch. In Zorans Kühlschrank fand er eine Flasche Cola light, ein paar Eier und Tomaten sowie einen Schnippel Wurst und eine Packung Weißbrot.

Dann fiel ihm etwas ein.

Maik kehrte ins Wohnzimmer zurück, zog die Couch von der Wand und kippte sie um. An der Unterseite war ein kleines Päckchen mit mehreren Lagen silbernem Panzerband festgemacht. Er entfernte das Klebeband und fand die Pistole, die sich Zoran vor ein paar Monaten auf dem Schwarzmarkt in Tschechien gekauft hatte. Eine russische Makarow, 9 Millimeter.

Maik ließ das Magazin aus dem Griff der Waffe gleiten. Acht Schuss, das sollte eigentlich genügen. Er hatte ohnehin nicht die Absicht, damit zu schießen, aber da er nicht wusste, was die nächsten Tage bringen würden, war es sicher keine schlechte Idee, auf alles vorbereitet zu sein. Außerdem war es immer noch möglich, dass Zoran hier auftauchte.

Maik ging mit der Pistole in der Hand zur Wohnungstür, schloss ab und ließ den Schlüssel stecken. Die Wolken über Frankfurt hatten sich verdichtet und als er die Waffe im Wohnzimmer auf den Tisch legte, besprenkelten dicke Regentropfen das Fenster.

Er wusste, dass es unklug war, hier zu bleiben, aber er wollte nicht noch eine Nacht im alten Präsidium verbringen. Die Aussicht, in einem richtigen Bett schlafen zu können, war einfach zu verlockend. Im Schlafzimmer zog er Zorans Bettzeug ab und legte seinen Schlafsack auf die Matratze.

Am Abend saß er vor dem Fernseher, die Pistole neben sich auf dem Sofa. Er hatte die Reste aus dem Kühlschrank gegessen und den Whisky getrunken. Unten an der Straße gab es eine Tankstelle, an der er sich noch mit etwas Proviant und Zigaretten hätte versorgen können, aber er wollte nicht, dass ihn der neugierige Nachbar ein- und ausgehen sah.

In einer der Schubladen hatte er etwas Tabak, Blättchen und sogar ein bisschen Gras gefunden und sich daraus einen krummen Joint gedreht. Bis gegen halb elf zappte er sich durch die Programme, dann legte er sich in Unterwäsche, aber mit der Pistole in Griffweite, ins Bett und fiel schnell in einen unruhigen Schlaf, aus dem er mehrmals vollkommen desorientiert erwachte. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, die Nacht hier zu verbringen. Er glaubte schon, überhaupt nicht mehr richtig zur Ruhe zu kommen, als er in den frühen Morgenstunden doch noch in einen tiefen, traumlosen Schlaf versank, aus dem ihn gegen halb zehn der Klingelton seines Handys weckte.

Der Mann schwieg noch einen Moment, nachdem Maik sich gemeldet hatte, dann berichtete er ansatzlos von Zorans Tod und dass die Polizei die Leiche seines Freundes in einer Kneipe im Bahnhofsviertel gefunden habe.

»Mit heruntergelassenen Hosen auf dem Scheißhaus«, knurrte der Anrufer und Maik spürte, wie ihm schlecht wurde. Das Koks sei aber immer noch nicht aufgetaucht, fügte der Mann hinzu, er habe also noch eine Chance.

Chance, dachte Maik. Du hast keine Chance, also nutze sie. Zoran musste das Koks versteckt haben, so viel war klar – aber wo?

Er stieg aus dem Bett und dachte beim Duschen darüber nach. Ihm fielen einige mögliche Verstecke ein, aber irgendwie glaubte er nicht recht daran, dass er dort die Tasche finden würde. Als er sich abtrocknete, fiel ihm siedend heiß noch etwas ganz anderes ein: Wenn die Bullen Zoran gefunden hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie seine Identität herausbekamen, und das würde sie auf direktem Weg hierher ­führen ...

Maik beeilte sich damit, in seine Klamotten zu kommen, packte seine Sachen und verließ die Wohnung. Er fuhr mit dem Aufzug nach unten und trat vor den Wohnblock, als er einen Streifenwagen um die Ecke biegen sah.

Aus sicherer Entfernung beobachtete er, wie die Beamten ausstiegen und im Haus verschwanden.

Samstag, 8. Juni 2019

Es hatte keinen Sinn: Die Blase drückte, er musste aufstehen, ob er wollte oder nicht.

Benny versuchte, die Augen nur so weit zu öffnen, wie es unbedingt nötig war, und taumelte aus dem Bett. Fast wäre er über seine Mutter gestolpert, die im Flur kniete und sich die Laufschuhe schnürte.

»Dir auch einen guten Morgen!«, rief sie ihm aufgesetzt fröhlich hinterher, als er wortlos im Bad verschwand.

Er erledigte, was zu erledigen war, und wollte möglichst schnell wieder zurück in sein Zimmer, wurde aber im Flur erneut von seiner Mutter aufgehalten, die sich auf dem Treppenabsatz zu ihm umdrehte.

»Wir müssen mal reden, ja?«

»Hm.«

»Hast du mich verstanden?«

Benny hob kurz die Hand, als Zeichen, dass er verstanden hatte, und war schon fast wieder in seinem Zimmer, als seine Mutter ihm den Weg abschnitt und sich zwischen ihn und die Tür schob.

»Ich habe gefragt, ob du das verstanden hast?«

»Ja, habe ich, jetzt lass mich in Ruhe!«

»Benny, es ist deine Zukunft, dein Leben!«

»Ich bin müde, jetzt lass mich doch ...«

»Benny ...«

»Was?«

Seine Mutter holte tief Luft, als wolle sie zu einer längeren Rede ansetzen, sagte dann aber nur: »Ich weiß nicht mehr, was ich mit dir machen soll ...«

»Am besten nix«, brummte Benny, schob sich an ihr vorbei in sein Zimmer und schloss die Tür. Er spürte, dass seine Mutter noch eine Weile draußen im Flur stand, dann hörte er, wie sie schließlich die Treppe hinunterging und das Haus verließ.

Später würden sie ihn mal wieder zum gemeinsamen Gespräch in die Küche rufen. Seine Mutter würde reden und sein Vater ihr in allem zustimmen. Wie er das hasste. Die Einigkeit der besorgten Eltern. Dabei war es noch gar nicht so lange her, da war ein Gespräch zwischen seinen Eltern überhaupt nicht möglich, entweder sie schrien sich an oder sie schwiegen sich aus. Dazwischen gab es nichts.

Lasst euch doch scheiden, hatte er damals oft gedacht und nichts dabei empfunden. Dann hatte er die Schule geschmissen und damit zumindest vorübergehend die Ehe seiner Eltern gerettet, denn auf einmal gab es etwas, in dem sie sich wieder einig waren, nämlich, dass ihr Sohn dabei war, sein Leben gegen die Wand zu fahren.

Vielleicht tat er das ja auch wirklich. Keine Ahnung. Er würde jedenfalls jetzt nicht darüber nachdenken.

Benny legte sich wieder ins Bett, konnte aber nicht mehr einschlafen. Er hatte in der Nacht lange mit einem älteren Urbex­er aus Nordhessen gechattet, der schon im ganzen Bundesgebiet Lost Places erforscht und eine Website mit unglaublichen Fotos aufgesetzt hatte. Benny wollte von ihm gern ein paar Tipps und hatte einige der Fotos, die er in der alten Schule gemacht hatte, hochgeladen, um zu beweisen, dass es ihm ernst war. Der Urbex­er gab sich beeindruckt, war aber auch schnell auf den rechtlichen Aspekt der Sache zu sprechen gekommen, man mache sich in den meisten Fällen ja zumindest des unbefugten Betretens und des Hausfriedensbruchs schuldig, keinesfalls dürfe man gewaltsam irgendwo eindringen oder etwas zerstören. Es gebe daher Regeln für das Erkunden von Lost Places, die sich alle Urbexer freiwillig auferlegten. Er gehe mal davon aus, dass Benny diesen Code kenne und das Schulgebäude offen zugänglich gewesen sei.

Klar doch, das war alles sauber, hatte Benny zurückgeschrieben, und sich sofort dafür geschämt. Bei der Sache in der alten Schule hatte er so ziemlich gegen jede Regel des Urbex-Codes verstoßen, die ihm bekannt war ...

Der verwinkelte Bau der alten gymnasialen Oberstufe am Wasserturm stand bereits seit längerem leer. Es war auch schon mit den ersten Entkernungsarbeiten begonnen und das Mobiliar herausgeschafft worden, in spätestens zwei Jahren würde das Gebäude komplett abgetragen sein. Die alte Schule hatte es Benny angetan, er wollte da unbedingt noch mal rein und Fotos machen, bevor alles abgerissen wurde.

Auf der Party seines Kumpels Jonas hatte er ein bisschen damit angegeben, dass er in der Urbexer-Szene aktiv sei und so getan, als habe er die alte Schule schon erkundet, wohl wissend, dass er damit bereits gegen eine der Urbex-Regeln verstieß, die lautete, dass verlassene Orte geheim bleiben sollten. Gut, der Leerstand der Schule war allseits bekannt, das milderte den Verstoß etwas, aber er hatte eben auch gelogen und gehofft, dass ihn keiner beim Wort nehmen würde. Sie standen draußen am Kelleraufgang und rauchten, von drinnen dröhnten die Bässe und manchmal kam einer rausgerannt, um ins Gebüsch zu kotzen. Riesenstimmung, und das schon kurz vor Mitternacht.

Leon und Finn waren jedenfalls gleich auf seine Geschichte angesprungen und Jonas’ älterer Bruder Marlon auch – der hatte die ganze Zeit nur wenig dazu gesagt, stand aber auf einmal mit zwei Stabtaschenlampen vor dem Keller.

»Wir gehen da jetzt rein, Benny zeigt uns wie«, verkündete Marlon und sah alle der Reihe nach an. Leon und Finn jubelten, der fortgeschrittene Alkoholkonsum hatte sie offenbar unternehmungslustig gemacht.

Scheiße, dachte Benny, jetzt musste er Farbe bekennen.

»Also, ich ...«, begann er und sah, wie sich Marlons Mund zu einem spöttischen Lächeln verzog. »Ja, also, so richtig drin war ich eigentlich noch gar nicht, ist ja alles zu ...«

Leon und Finn stöhnten enttäuscht auf und verdrehten die Augen, aber Marlon sah ihn nur amüsiert an und sagte: »Das hab ich mir schon gedacht, Bennylein, aber weißte was? Ist egal!«

»Wie jetzt?«

»Wirste schon sehen, hol mal deine Kamera, wir treffen uns in einer halben Stunde aufm Schulhof. Das wird die Nacht deines Lebens, sag ich dir ...«

Benny wollte abwiegeln, traute sich aber nicht. Marlon war einer, mit dem man es sich nicht verscherzen wollte. Es kursierten Geschichten, dass er illegale Rennen fuhr, Sachen vertickte und gute Kumpels bei den Hells Angels hatte. Wahrscheinlich war das meiste davon Mist, aber sicher konnte man sich da nie sein. Außerdem würden Finn und Leon überall herumerzählen, dass er ein Angeber und Feigling sei, wenn er jetzt nicht mitmachte.

Als er wenig später vor dem alten Schulgebäude ankam, teilten sich Leon und Finn gerade eine Dose Bier und rülpsten wild herum. Unauffällig verhielten sich die beiden jedenfalls nicht, aber der Gebäudekomplex lag abseits am Bahndamm und nachts kam hier eigentlich niemand her.

Benny sah die dunkle Fensterfront des zweistöckigen Gebäudekomplexes vor sich aufragen und fragte sich, wie er sich in dem verwinkelten Bau zurechtfinden würde. Sein Vater hatte hier vor gefühlten tausend Jahren noch sein Abitur gemacht, aber er selbst war nie in dem Gebäude gewesen, sondern schon in den Neubau am Groß-Gerauer Bahnhof gegangen, wenngleich er es dort nicht lange ausgehalten hatte. Ein Krachen, als ginge Glas zu Bruch, riss ihn aus seinen Gedanken. Das Geräusch hörte sich in der Dunkelheit unnatürlich laut an.

»Was war denn das?«

»Ich glaube, Marlon hat den Schlüssel zur Schule gefunden«, sagte Finn, und Leon brach in hysterisches Gelächter aus.

Benny schloss die Augen. Urbexer verschaffen sich niemals gewaltsam Zutritt zu einem Lost Place. So viel dazu.

Eine Taschenlampe flammte in der Dunkelheit auf, der Lichtschein tanzte auf und ab, als wolle er sie herbeirufen. Marlon stand um die Ecke, rauchend an eine Mauer gelehnt. Er hatte eine der hinteren Türen bei den Physikräumen aufgebrochen, die in den Stahlrahmen eingelassene Scheibe war dabei gesplittert.

Das Erste, was Benny auffiel, war der Geruch. Nasser Beton, der immer noch ein bisschen nach Schule roch, nach Kunststoffteppichboden und verbrauchter Luft. Während sich Benny mit seiner Taschenlampe in die alte Aula vortasten und Fotos machen wollte, verteilten sich die anderen auf den Fluren und fingen sofort an zu randalieren. Er hörte ihre Stimmen laut in den leeren Gängen widerhallen, ihre Schritte knallten auf dem nackten Betonboden. Etwas wurde aus der Wand gerissen und gegen eine Tür geschleudert. Jemand lachte.

Urbexer zerstören nichts, Vandalismus ist tabu, dachte Benny, das lief alles nicht so, wie er es sich erhofft hatte. Aber was sollte er machen?

Langsam tastete er sich im Schein der Taschenlampe voran, manche Türen und Zugänge waren verschlossen, er musste sehen, wie weit und wohin er kam. Er gelangte im ersten Stock in ein paar der alten Klassenräume, leuchtete die Winkel aus, fotografierte, hier hingen teilweise noch Tafeln, Kabel kamen bündelweise aus den Wänden. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber irgendwann wurde ihm bewusst, dass er von den anderen schon lange nichts mehr gehört hatte. Vielleicht waren sie in einem anderen Trakt oder auf einem höhergelegenen Stockwerk zugange, er rief ihre Namen und bekam keine Antwort. Mit einem Mal beschlich ihn die Angst, irgendwo in der Dunkelheit könnte sich ein Loch unter ihm auftun, vielleicht hatte man hier und da ja schon Bodenplatten entfernt ...

Das Erkunden eines Lost Places kann sehr gefährlich sein. Daher achten wir vor Ort strengstens auf unsere Sicherheit, er kannte den entsprechenden Abschnitt des Urbexer-Codes sogar auswendig. Die Sache wurde ihm nun doch langsam unheimlich. Er tastete sich vorsichtig zurück ins Erdgeschoss und begab sich zum Ausgang. Er fand die aufgebrochene Tür, atmete auf und trat ins Freie, wo bereits die Polizei auf ihn wartete.

Eine schlaflose Rentnerin hatte mit ihrem kleinen Hund eine nächtliche Gassi-Runde gedreht und dabei den Schein ihrer Taschenlampen im Gebäude gesehen. Die anderen waren allerdings rechtzeitig verschwunden. Die Polizei wusste zwar, dass er nicht allein gewesen war, kannte aber keine Namen. Zumindest so lange nicht, bis seine Mutter ihn am nächsten Tag gezwungen hatte, sie preiszugeben. Schließlich habe er die Tür nicht aufgebrochen und randaliert habe er auch nicht, ob er dafür wirklich die Verantwortung übernehmen wolle? Für etwas, dass er nicht getan habe? Ob er glaube, das würde ihm von seinen Kumpels gedankt werden?

Ein paar Tage nach seiner Aussage hatte er eine WhatsApp-Nachricht von Jonas bekommen, dass Marlon total angepisst sei. Jonas hatte ihm empfohlen, sich von seinem Bruder in der nächsten Zeit lieber fernzuhalten. Und Leon und Finn sollte er alsbald besser auch nicht über den Weg laufen ...

Am meisten zugesetzt aber hatte ihm die Reaktion seines Vaters, wenn man es denn überhaupt eine Reaktion nennen konnte. Zuerst war er noch froh darüber gewesen, dass sein Alter in jener Nacht auf dem Polizeirevier keine großen Worte gemacht, sondern ihn einfach ausgelöst und mit nach Hause genommen hatte. Aber im Auto, spätestens daheim, da hätte er doch was sagen müssen. Irgendetwas. Egal was. Benny wollte ihm ja alles erzählen, es erklären, aber er brauchte ein Wort seines Vaters, um anfangen zu können. Doch sein Vater schwieg, so wie er in letzter Zeit immer schwieg, als ginge ihm das alles am Arsch vorbei.

Wenn sein Vater zu wenig redete, dann redete seine Mutter eindeutig zu viel. Und meistens zum falschen Zeitpunkt. Zum Beispiel, wenn sie einen am Samstagmorgen wachquatschte wie jetzt gerade.

Benny hörte, wie die Tür zum Elternschlafzimmer geöffnet wurde und sein Vater über den Flur tappte. Einen Moment war es still, dann hörte er das Rauschen der Klospülung. Kurz darauf klopfte es an seiner Tür. Benny zog sich die Decke über den Kopf.

***

Thomas Danzer klopfte noch einmal, dann öffnete er zögerlich die Tür einen Spaltbreit und spähte ins Zimmer seines Sohnes. Er hatte ihn vorhin mit Petra streiten gehört, aber jetzt schien er wieder zu schlafen. Leise schloss er die Tür und kehrte noch einmal ins Schlafzimmer zurück.

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Дата выхода на Литрес:
10 июля 2025
Объем:
231 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783955424275
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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