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Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Widersprüchliche Deutungen und Omen

1. Europa auf der Intensivstation, ist das nicht eine Übertreibung?

2. Was ist Europa?

3. Ist es nicht ein Privileg in Europa zu leben?

4. Sollten wir nicht gerade jetzt die europäische Identität stärken?

5. Können die Folgen von Pandemie und Wirtschaftskrise nur auf europäischer Ebene bewältigt werden?

6. Die alte Leier vom Untergang des Abendlandes?

7. Welche Rezepte verschreibt der Autor Europa?

8. Haben europäische Länder die Pandemie besser in den Griff bekommen?

9. War die Pandemie ein Schock, ohne den wir kaum Probleme hätten?

10. Warum wurde Europa zum Epizentrum?

11. Sollten exponentielle Entwicklungen verhindert werden?

12. Wären wir ohne politische Interventionen nicht in die Katastrophe gerutscht?

13. Bedeutet strengerer Datenschutz mehr Freiheit?

14. Also doch nur ein weiterer Corona-Leugner?

15. Was können wir schon wissen?

16. Was ist der wissenschaftliche Konsens?

17. Wann kommt der große Krach?

18. In welcher Blase befinden wir uns – in einer Börsenblase?

19. Ist die Digitalisierung Gefahr oder Chance?

20. Was ist falsch an der Geldpolitik?

21. Was ist MMT?

22. Sind wachsende Schulden wirklich ein Problem?

23. Ist der Euro sicher?

24. Haben wir nicht schon genug Wohlstand?

25. Erfordert die wachsende Ungleichheit mehr Umverteilung?

26. Wie kann Arbeitslosigkeit bekämpft werden?

27. Was bedeutet Stagflation und warum droht sie?

28. Welche Dynamik schwindet, und ist das schlecht?

29. Welche Wirtschaftspolitik führt aus der Krise?

30. Wie kann man krisensicher anlegen?

31. Was bedeutet Liquidität?

32. Wie kann die Altersversorgung gesichert werden?

33. Sind Aktien noch eine gute Anlage?

34. Sind Staatsanleihen eine sichere Anlage?

35. Ist Gold nicht ein barbarisches Relikt?

36. Sind Immobilien eine sichere Anlage?

37. Was hat Bitcoin mit dem Zustand Europas zu tun?

38. Sind die meisten Kritiker nicht Verschwörungstheoretiker und Spinner?

39. Warum diese extreme Spaltung rund um Corona?

40. Warum sinkt das Vertrauen und was kann man dagegen tun?

41. Enthüllt dieses Buch die ganze Wahrheit, welche die »Lügenpresse« vorenthält?

42. Was sollen Gedankenviren sein?

43. Was ist Innovation und wie kann man sie fördern?

44. Wären Investitionen in Bildung nicht das Wichtigste?

45. Ist nicht viel wichtiger als Wirtschaft die Förderung der Kultur?

46. Sollten wir die Kreativität fördern?

47. Wie viel technische Entwicklung ist gut und nötig?

48. Was ist Freiheit und warum ist sie wichtig?

49. Ist die Krise nicht eine Chance für Natur und Klima?

50. Ist die Krise nicht eine Chance, dem Wachstumswahn zu entkommen?

51. Ist Fortschritt immer gut?

52. Zeigt die Krise nicht die Probleme der Globalisierung?

53. Haben Institutionen versagt?

54. Warum sind wir in einer Interventionsspirale?

55. Warum drohen Kapitalverkehrskontrollen?

56. Ist Auswanderung aus Europa nicht unsolidarische Resignation?

57. Steht Europa heute besser da als die USA?

58. Wird uns China überholen?

59. Ist dieses Buch links oder rechts?

60. Welche Rolle spielt der Bürger?

61. Wie stärken und schützen wir die Demokratie in Europa?

62. Brauchen wir mehr oder weniger Staat?

63. Wie würde ein gerechteres Wirtschafts­system aussehen?

64. Was kann der Einzelne tun?

65. Was können Gemeinden tun?

66. Was sind Freie Privatstädte?

Weiterführende Literaturempfehlungen zur Vertiefung



Einleitung: Widersprüchliche Deutungen und Omen

Anfang 2020 befand ich mich ausgerechnet in Singapur, als die COVID-19-Pandemie ausbrach. Ich konnte so aus nächster Nähe den Beginn der öffentlichen Wahrnehmung und politischen Reaktion verfolgen. Die mangelnde Transparenz Chinas und die an SARS gewachsene Erfahrung Singapurs weckten mein Interesse in besonderem Maße: Ich richtete für eine Weile den größten Teil meiner Aufmerksamkeit auf dieses Thema.

Meine Absicht war, bis zum Frühjahr in Asien zu überwintern. Um das Risiko für meine Familie zu senken, verließ ich Asien früher als geplant und setzte den Urlaub in den Tiroler Bergen fort. Das Virus reiste schneller als ich: Tirol wurde zum überraschenden Epizentrum. Diese bittere Pointe war nur der Auftakt eines Jahres voller Widersprüche.

Ich sollte ein Buch über die Zukunft Europas schreiben. Die Pandemie hätte da ein guter und aktueller Aufhänger sein können. Doch der Fokus auf die Tagesaktualität hat mir die Laune gehörig verdorben und mich mehrmals dazu bewogen, die Arbeit an diesem Buch einzustellen. Mir schwirrt noch immer der Kopf von dem rapiden Wechsel der »Narrative« oder – neudeutsch – »Spins«, die immer wütender als Wahrheiten verkündet werden. Heute treten die gegensätzlichsten Spins parallel auf, da die Feedback-Schleife des digitalen Informationsaustauschs praktisch verzögerungslos läuft.

Sonst entziehe ich mich so gut es geht dem Nachrichtenstrom, der keinerlei Mehrwert liefert, sondern nur Seelen ­vergiftet. Die Zeit ist vorbei, als es nur den einen prominenten Nachrichtenableser gab, der eine verbindliche Referenz für Alltags­gespräche bot. Die Explosion an Informationsquellen, Perspektiven und Erzählungen war eine große Befreiung. Doch wahre Freiheit ist eine Bürde, und die meisten flüchten vor ihr. Zuflucht vor der neuen Komplexität und erfahrbaren Vielfalt der Welt bieten Filterblasen – und in diesen tobt es immer unerbittlicher.

Vermutlich wird meine Perspektive zwischen den lauteren aufgerieben. Ich fasse dennoch den Mut, trotz grassierender Denkverbote und virtueller Hetzjagden auf Andersdenkende ein heißes, polarisierendes Thema anzufassen. Es geht mir um die Frage nach der Zukunft Europas. Werden wir auf einen Scherbenhaufen blicken, wenn die aktuellen Aufreger wieder in den Hintergrund treten und den Blick freigeben?

Dabei geht es mir nicht um Utopien, nicht um wütendes Politisieren, sondern um die Frage nach den nachhaltigen Lebensbedingungen dieses zuletzt so gesegneten und glücklichen Fleckens Erde. Doch die allzu kurzfristige Perspektive und der oberflächliche Vergleich verleiten zum Irrtum der »besten aller Welten«, den Voltaire einst als Widerstand gegen Weiterentwicklung und Vernunftgebrauch so gekonnt persifliert hat.

Ich hatte zunächst angenommen, dass die Schockstarre nach den Pandemie-Maßnahmen zu Selbstzweifeln und Reflexion führen würde. Doch bevor noch der Schaden sichtbar werden konnte, drängt sich eine Deutung in den Vordergrund, die ich in ihrer Selbstgefälligkeit für gefährlich halte:

Italien und Spanien versagten als typische »Südländer« und machten Europa zum Epizentrum der Pandemie. Die höher entwickelten Länder Europas, allen voran Österreich und Deutschland, zeigten aber bald, wie sich durch effektive staatliche Interventionen die Pandemie rasch unter Kontrolle bringen lässt. Die großartigen Gesundheitssysteme, die rasch agierenden Behörden und der soziale Zusammenhalt beweisen wieder einmal die Überlegenheit der EU gegenüber dem Rest der Welt, insbesondere den USA. Zum Glück informierten die europäischen Massenmedien, insbesondere die der öffentlichen Hand, die Bevölkerung in sachlicher und umfassender Weise, sodass die Zustimmung zu den gebotenen Maßnahmen sehr hoch war. Die weltweite Führungsposition in den Wissenschaften bot die nötige Kompetenz, auf welche Politiker zurückgreifen konnten, um die öffentliche Gesundheit, auch gegen Wirtschaftsinteressen, zum Leitmotiv ihres Handelns zu machen. Der plötzliche Einkommensausfall im Zuge der Pandemie kam aus heiterem Himmel und hätte eine schwere Wirtschaftskrise verursacht, wenn die Politik nicht alle Mittel mobilisiert hätte, um den Schaden einzugrenzen. Hauptsächlich über höhere Staatsverschuldung, um die Steuern nicht erhöhen zu müssen, wurde Not-Liquidität zur Verfügung gestellt. Die Maßnahmen gingen in die richtige Richtung, waren aber nicht ganz ausreichend. In solchen Fällen müssen wir dankbar sein, dass Finanz- und Geldpolitik für rasche Liquidität sorgen können.

Gegen diese Deutung richtet sich am stärksten die Gegenposition derjenigen, die jegliches Vertrauen in Politik, Medien und Wissenschaft verloren haben.

Es ist alles ein abgekartetes Spiel. Europas Politiker haben eine künstliche Panik geschaffen, um ihre eigenen Interessen gegen die der Bevölkerung durchzusetzen. Experten, die von Massenmedien und Politik ausgeblendet – fast schon verheimlicht – wurden, hatten von Anfang an darauf hingewiesen, dass das Coronavirus ein gängiger Grippevirus und damit genauso ungefährlich ist. Die Krise ist eine Folge aktiver und bewusster Wirtschaftszerstörung, die Alibi und Ablenkung bieten soll, damit sich organisierte bösartige auf Einzelinteressen fixierte Eliten auf Kosten der Allgemeinheit weiter bereichern können, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Diese Abrechnung stand kurz bevor. Der Zechpreller schlägt die Wirtschaft kurz und klein, um ungeschoren davon zu kommen.

Die erste Deutung, die von größtem Vertrauen in die Institutionen getragen wird, lässt sich nicht einfach durch Behauptungen widerlegen, die vor allem auf allergrößtem Misstrauen beruhen. Die Nachkriegsordnung Europas ging mit einer Phase des Wohlstands und Friedens einher, die – auch wenn in der Geschichte Kausalität stets eine unbewiesene Behauptung ist – zu Vorsicht mahnt, die Legitimität dieser Ordnung nicht leichtfertig zu untergraben. Die nationalen und supranationalen Strukturen Europas verdienen es, mit Respekt betrachtet zu werden.

Doch dieser Respekt muss selten eingefordert werden, außer es geht bergab. Menschen hängen intuitiv am Status quo, wenn sie sich nicht für die Verlierer desselben halten. Die konservative Sorge um den Bestand von Institutionen kann zu Erstarrung führen, sodass es irgendwann mit Gewissheit bergab geht, bis sich Institutionen nur noch mit Gewalt Respekt verschaffen können – und ihn damit endgültig verlieren.

Noch ist die Perspektive des völligen Misstrauens eine Minderheitenperspektive. Sie scheint in einem der wohlhabendsten und friedlichsten Teile der Welt völlig verrückt, wenn nicht gemeingefährlich zu sein. Das Misstrauen in die Misstrauenden ist groß, der Respekt für ihre Positionen gering. Doch ich halte die Zunahme des Misstrauens für ein wichtiges Omen.

Ein anderes Omen ist der Bewusstseinswandel, der schon lange vor der aktuellen Wirtschaftskrise eingesetzt hat. Das Vertrauen in die Zukunft hat sich gewandelt in eine düstere Ahnung, die wenig in Worte gefasst wird. Diese Ahnung zeigt sich in der Antwort auf die Frage: Glauben Sie, dass es Ihren Kindern besser oder schlechter gehen wird als Ihnen selbst? Die Antworten darauf werden seit geraumer Zeit immer negativer.

Ich halte nichts von Angstmache auf der Grundlage esoterischer Vorzeichen. Dennoch sehe ich diese Omen als ernstzunehmende Anstöße, über die Zukunft nach der aktuellen Krise nachzudenken. Ich werde keine Utopie entwerfen, kein politisches Programm, sondern versuchen, Argumente zu bieten, die hoffentlich zugleich ungewöhnlich und überzeugend genug sind.

Ich halte kritische Argumentation für die Grundlage der ­Erkenntnis und einer Ordnung freier Menschen. Dabei geht es nicht darum, welche Welt wir uns wünschen, sondern ob wir die Welt, die wir teilen, gemeinsam begreifen können – in allen ihren Facetten, die unseren Wünschen und Interessen so oft widersprechen. Ich habe mich daher dazu entschieden, das gesamte Buch über kritische Fragen zu strukturieren– wie ein offenes Gespräch über all die konträren Deutungen der Zeit.

Eine kurze Anleitung für den Leser: Ausgehend von der Einstiegsfrage verweisen Begriffe auf Themen für weitergehende Fragen. Die Hochzahl neben Wörtern verweist also nicht auf eine Fuß- oder Endnote, sondern auf die Nummer jener Frage, die das entsprechende Thema behandelt. Der Leser ist also völlig frei, thematisch zu springen. Dieses Buch müssen Sie nicht von vorne bis hinten lesen, sondern können es in genau der Reihenfolge und Tiefe lesen, die Ihren Interessen entspricht. Am Ende jeder Frage finden Sie die Fragen, die auf die gerade aufgeschlagene verweisen – Sie können also auch einfach zurückspringen. Damit handelt es sich um das wohl erste Buch mit bidirektionalen Verweisen. In den digitalen Formaten können Sie über das Klicken von Links weiterspringen, im physischen Format blättern Sie einfach zur jeweiligen Frage – dazu sind die Fragennummern sichtbar angeführt.

Ich werde versuchen, Argumente, denen ich widerspreche, mit Empathie und Respekt zu behandeln. Auch das unausgesprochene Argument gegen die Argumentation, gegen den Zweifel und die Kritik. Umso schärfer wende ich mich gegen die – meiner Einschätzung nach – dominante Position, die nicht aus einer begründeten Ablehnung von Kritik und Argument hervorgeht, sondern sich oft bloß für besonders »kritisch« hält: jene der Selbstgefälligkeit, die eigentlich Angst ist. Angst vor wirklichem Widerspruch, vor der peinlichen Blöße. Es ist die Angst der Mitläufer. Diese Mischung aus Selbstgefälligkeit und Angst ist eine weitaus gefährlichere Seuche als COVID-19. Sie könnte »Europa«, diese Ahnung einer geographischen Verdichtung positiver Besonderheiten, tatsächlich zu Grabe tragen.

Jene, die ihre düsteren Ahnungen schon ernster nehmen, sollen durch meine Argumente ein wenig von der Panik befreit werden: nicht durch Schönreden der Zustände, sondern durch argumentatives Durchdringen. Gute Philosophie ist ein Programm, Angst zu verlieren, nicht weil die Welt in rosarotes Licht getaucht wird, sondern weil das Verstehen der Schatten ihre Bedrohlichkeit mindert. Doch dieses Buch ist kein »Philosophieren« im heutigen Sinne, nicht das sprachlich kunstvolle Aneinanderreihen von Wunschbildern, sondern soll eher als »ökonomisches« Argumentarium wahrgenommen werden: Mein Augenmerk gilt dem Austausch realer Menschen und der für sie relevanten Probleme. Mit welcher Art von Krise haben wir es zu tun, wie könnte sie weitergehen und was könnte danach kommen? Gibt es Auswege und Alternativen? Wie gut geht es uns wirklich, wie schlecht könnte es uns noch gehen? Woher kommen die Widersprüche unserer Zeit und wohin führen sie?

Doch beginnen wir das Gespräch auf Augenhöhe, lieber ­Leser. Ich halte Sie im Zweifelsfall für vernünftig und anständig, auch wenn Sie mir in vielen Punkten widersprechen werden. Eine gemeinsame Basis können wir in Zeiten der Zerrüttung und Spaltung kaum noch voraussetzen. Sie halten mich im Zweifelsfall für jemanden, der etwas zu verkaufen hat, vielleicht eine Ideologie, Ausreden und Alibis für Interessen, zumindest ein Buch. Es ist also durchaus vernünftig, gleich mit dem Widerspruch zu beginnen. Nur zu: Europa auf der Intensivstation, ist das nicht eine Übertreibung?¹


1. Europa auf der Intensivstation, ist das nicht eine Übertreibung?

Es ist eine Analogie und ein Aufhänger für ein Buch, wofür etwas Dramatik zugegebenermaßen günstig ist. Die Analogie lag inmitten der Coronavirus-Pandemie8 nahe.

Ein gewaltiger Schock9 erfasste die Welt, und dieser Kontinent scheint besonders getroffen. Eine Wirtschaftskrise17 scheint unabwendbar, mittels politischer Interventionen12 soll das Schlimmste abgewandt werden. Es ist naheliegend, in einer solchen Situation innezuhalten und Zukunftsfragen zu stellen. Zunächst überwiegen aber die gegenwärtig drängenden Probleme. Da scheint eigentlich Zuversicht geboten, dass wir diese Probleme vielleicht sogar relativ besser lösen können als anderswo, etwa in den USA57.

Ich stehe aber zur Analogie: Die Lebendigkeit Europas ist in besonderer Gefahr. Europa hängt an allerlei Schläuchen und damit immer mehr von künstlichen Interventionen12 ab. Das ist kein negatives Urteil über Europa2 und die Europäer, sondern eine Warnung, dass die alte Dame fragil geworden ist und an einer existenziellen Weggabelung steht: Niedergang6 oder Heilung7.

Das ist wieder allzu dramatisch formuliert, es dient ja auch dem Aufhänger, soll aber eine erste, vereinfachte, Annäherung an das Thema bieten. Vor der Therapie steht die Anamnese, der Krankenbefund. Dieses Buch ist allenfalls eine eingeholte Drittmeinung und folgt weitgehend Minderheitenmeinungen38.

Vor schwerwiegenden Eingriffen ist eine solche Drittmeinung dringend geboten. Bei den Kollegen wird sie Kopfschütteln auslösen. Mein Befund ergibt: Die Patientin ist kranker als diagnostiziert, und dennoch sind die empfohlenen Therapien schlimmer als das Leiden, das zum Teil iatrogen (arztgemacht) ist: die Folge bisheriger Kunstfehler. Lasst die alte Dame wieder an die frische Luft!

Kapitel, die auf dieses verweisen: Einleitung

2. Was ist Europa?

Europa ist ein Begriff aus Mythologie, Geographie und Geschichte. Solche Begriffe berühren Identitäten4 und sind daher besonders sensibel.

Die auffälligste Besonderheit, die diesen Subkontinent auszeichnen könnte, ist für mich, dass er die Wiege der modernen Welt ist, einer Welt dichter und weitreichender Verbindungen52, eine Welt exponentiell wachsender11 Dynamik28.

Andere Teile der Welt folgten dieser Modernisierung. Heute ist unser Teil der Welt vielleicht noch immer dichter verbunden als andere, aber in dieser Hinsicht längst nicht mehr so besonders. Und wenn wir die Dynamik28 betrachten, die Geschwindigkeit neuer Verbindungen und Kombinationen, dann fällt Europa zurück.6 Viele Ort sind heute dynamischer, doch bislang hat kein Ort der Welt den Westen – Europa und seine jüngeren und energischeren Nachkommen USA57 und Israel – bei der Innovation43 deutlich abgehängt. China58 zeigt beeindruckende Dynamik, ist aber noch am Aufholen.

Dass Teile Europas früher eine moderne Dynamik aufwiesen als Teile Chinas, die zivilisatorisch meistens weiter entwickelt waren, ist eine europäische Besonderheit. Sie ist in dem Sinne spezifisch europäisch, dass die Elemente und Indizien dieser besonderen Entwicklung im Laufe der Geschichte recht breit über den Subkontinent verstreut waren.

Europa scheint stets unter auffälliger Spannung gestanden zu haben, dicht gepackt und doch nicht eins. Spaltung und Einigung waren ständige Gegensätze, die einander bedingten. Die Geographie trennte das Nahe und verband das Ferne: Die Vielfalt getrennter Täler erhielt eine besondere Sprachen- und Dialektvielfalt, doch die Zahl schiffbarer Flüsse und Binnenmeere (Nordafrika war einst zum europäischen Kern zu zählen) begünstigte den Fernhandel. Die Gespaltenheit nährte religiöse und intellektuelle Einigungsbewegungen, welche wiederum neue Spaltung erzeugten.

Diese Spannung entlud sich oft in Wahn und Blutvergießen, doch sie erwies sich als fruchtbar. Hinreichend Einigkeit für den Austausch von Ideen und Gütern, hinreichend Spaltung, um zu verhindern, dass keiner der vielen Irrtümer jemals den gesamten Subkontinent erfasste – zumindest nicht bis zu den Weltkriegen. China war geeinter, homogener und fiel zurück, weil zentralistische Fehler gravierendere Auswirkungen hatten: als etwa mit einem Schlag die Entdeckungs- und Handelsreisen der viel höher entwickelten chinesischen Flotte durch ein Verbot beendet wurden.

Haben wir zu viel Spaltung in Europa oder zu viel Einheit? Beides, denn die fruchtbare Spannung droht verloren zu gehen, weil die Geduld für Widersprüche sinkt und alles dem Mittelmaß untergeordnet wird. Es ist das Manko der Politik mit ihren Kompromiss-»Lösungen«, die für alle gleich zu gelten haben. Wir bräuchten Einigung ohne Einheitlichkeit und Widerspruch ohne Spaltung39.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 1, 3, 7, 40, 45, 48, 53, 58, 66

3. Ist es nicht ein Privileg in Europa zu leben?

Europa2 ist ein Gebiet der Erde, das besonders dicht an vielfältiger Kultur45 und Geschichte ist, damit gewiss ein Teil der Welt, für den man viel empfinden kann. Einst reichster Platz der Welt, bietet es noch relativ hohen Wohlstand. Das »Privileg« eines Lebens in Europa meint hauptsächlich den Zugang zu diesem Wohlstand.

Der größte und wichtigste Teil dieses Wohlstands ist unsichtbar, er ist nicht in Geld oder Konsumgütern ausgedrückt. Es ist der unter der Oberfläche liegende Teil des Eisbergs, den die Kapitalstruktur bildet. Kapital im tieferen Sinne wird gebildet durch all jene Verbindungen von Geistigem und Materiellem, die helfen, menschliche Ziele zu erreichen.

Am wenigsten sichtbar und damit am meisten unterschätzt ist stets die geistige oder kulturelle45 Komponente. Werkzeuge sind wertlos ohne das Wissen und die Fähigkeit, sie zu nutzen. Und die Voraussetzung für materielle Werkzeuge sind geistige Werkzeuge wie Sprache, Vorstellungskraft, Problemlösungsfähigkeit47. Die Gesamtheit nützlicher Verbindungen geistiger und kultureller Elemente dieser Art können wir kulturelles Kapital nennen.

Die hohe Lebensqualität für viele (nicht alle) Menschen in weiten (nicht allen) Teilen Europas ist nichts anderes als die Möglichkeit, das vorhandene Kapital zu nutzen. Eine Nutzung, welche die Abnutzung oder Vergänglichkeit von Kapital jeder Art nicht kompensiert, ist Konsum. Viele Konsummöglichkeiten sind nur über Tausch zugänglich, weil sie von uns fremden Menschen privat bereitgestellt werden. Teile Europas scheinen sich dadurch von anderen Orten zu unterscheiden, dass relativ mehr freie Konsummöglichkeit besteht: viel freier Zugang zu Natur49 und Kultur45. Das ist einerseits die Folge hohen unsichtbaren Kapitals: Die vermeintliche Natur Europas ist das Ergebnis besonders langer und kapitalintensiver Landschaftspflege. Der freie Zugang ist wiederum eine Folge hohen Wohlstands (wenn die Bewirtschaftung über Zugangskontrolle gar nicht lohnt), vielmehr aber noch die Folge einer lange gewachsenen Kultur hohen Vertrauens40.

Dieser Teil des kulturellen45 Kapitals schwindet jedoch am schnellsten, daher wird auch die Lebensqualität in Europa für die meisten Menschen sinken. Insbesondere dann, wenn diese Lebensqualität von Menschen, die sie konsumieren, ohne zu ihr beizutragen, wütend als Recht und unverdienter Identitätsstolz4 proklamiert wird.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 9, 40, 47, 56, 57, 60, 62

4. Sollten wir nicht gerade jetzt die europäische Identität stärken?

Identität ist ein menschliches Grundbedürfnis. Sie stellt un­sere Existenz in einen größeren Sinnzusammenhang. Grundbedürfnisse sind Teil unserer Natur49. Diese müssen wir res­pektieren, sonst richtet sie sich gegen uns. Doch wir sollten ihr mit Vorsicht begegnen – wie einem wilden Tier.

Die europäische Identität erscheint vielen als Hoffnungsschimmer, weil sie an die Stelle des Nationalismus treten soll, der in Europa besonders stark wütete. Doch gerade der heute so gefürchtete deutsche Nationalismus war einst als fortschrittliche Einigungsbewegung angetreten, als moderne Identität freier Bürger60. Ein »Wir« wird aber am stärksten genährt durch gemeinsame Feinde.

Die neue europäische Identität ist noch frisch, nicht durch Kriege belastet, sogar dem Frieden verbunden. Doch sie be­nötigt ebenso den Kontrast zu den Anti-Europäern, den ewiggestrigen Nationalisten oder zu den USA57. In der ersten Ausprägung kann man dann »europäische Gesinnung« leicht mit den Interessen einer kosmopolitischen Oberschicht verwechseln, welche geringschätzig auf die Unterschicht blickt, die nicht genug Muße zum Reisen und nicht genug Beziehungen für die internationale Karriere hat. In der zweiten Ausprägung ist es der Anti-Amerikanismus, der ein wichtiges Korrektiv zu imperialem Zynismus und transatlantischer Ergebenheit sein mag, aber keine positive Identität nähren kann, nur Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit, kulturellen Snobismus und weinerliche Nostalgie.

Identität gibt Kraft, und als Einzelmensch mit einem Kontinent mythisch verwoben zu sein, mag Sinn stiften. Da ist es allerdings ein wunder Punkt, dass der Kontinent nicht klar abtrennbar von der asiatischen Masse ist. Man könnte das Christentum bemühen, das wäre aber zu universalistisch für einen engeren Europäismus und zu unmodern für den aufgeklärten Europäer.

Europäische Identität meint daher oft nur die politische Position, eine weitere Übernahme von Agenden durch die EU5 zu befürworten. Doch die vermeintliche Einigung könnte sich noch als Spaltung39 erweisen.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 2, 3, 23, 46, 49, 57, 59, 60

5. Können die Folgen von Pandemie und Wirtschaftskrise nur auf europäischer Ebene bewältigt werden?

Die Europäische Union ist die große Nachkriegshoffnung ­Europas. Sie drückt den Wunsch nach Einigung und Frieden aus und ist ein ambitioniertes Projekt der Gründung einer ­neuen Institution, das – trotz aller Probleme – als gelungen gilt, wenn auch lange nicht als abgeschlossen.

Dass kluge Menschen nach dem Krieg über einen institu­tionellen Neuanfang auf der Grundlage einer geeinten freien Welt nachdachten, ist ihnen hoch anzurechnen. Doch Visionäre sind meist Denker und keine Macher, sie sind selten diejenigen, die eine neue Institution wirklich aufbauen. Sie liefern Ideen, Begründungen, ideologische Alibis, hinter denen Macher ­harte Bretter bohren.

In der Politik ein »Macher« zu sein, unterscheidet sich leider vom Unternehmertum. Interessenausgleich mag ein Ergebnis von Politik sein, doch es werden nur organisierte Interessen ausgeglichen. Der nötige Kuhhandel hat mit Handel wenig zu tun: Es geht nicht um den Tausch zwischen Landwirten, die über ihre Rinder verfügen, sondern eher um Menschenwirte, die über Menschenherden verfügen.

Die Europäische Union war wie jede politische Institution53 durch solchen »Kuhhandel« über die Köpfe von Menschen hinweg geprägt. Besonders der Euro23 zeigt eine dunkle Vorgeschichte eiskalter Interessenpolitik, die sich weniger an Bürgerinteressen als an den Interessen der Herdenhirten orientiert.

Solch ein Ausgleich muss nicht schlecht sein, wenn die ­Alternative Entzweiung zwischen politischen Räumen ist. Oft ist aber die langfristige Folge eine Spaltung39, wenn das Vertrauen40 Schaden nimmt – etwa durch wachsende Sorge, als Bürger60 übervorteilt zu werden.

Je größer die Institution, je komplexer, desto wichtiger wird die kritische Durchleuchtung. Denn komplexe Institutionen bieten hervorragende Blasen18 für Menschen, die Kapitalkonsum betreiben, anstatt Werte für ihre Mitmenschen zu schaffen. Komplexe Institutionen schirmen Verantwortung ab und nähren damit Selbstüberschätzung und Inkompetenz.

So kommt es, dass sich Menschen, die außerhalb der Blase18 der Politik keinerlei Erfahrung aufzuweisen haben, plötzlich für Investoren, Feldherren und Manager kontinentaler Dimension halten.

Wahrscheinlich wird die Europäische Union zu einem Papiertiger, zu einem Beschäftigungsprogramm für weltwirtschaftlich nicht mehr vermittelbare Akademiker und nationalstaatlich nicht mehr gewählte Politiker. In den kommenden Problemen, für welche die aktuelle Pandemie nur eine sanfte Generalprobe war, geht die Spaltung quer durch die Gesellschaften. Solidarität, Frieden, Einigung werden dann vielleicht wieder reale Notwendigkeit und nicht bloß politische Phrasen sein. Im besten Fall werden die positiven Elemente der europäischen Nachkriegsvision wieder reale Wirkung und Relevanz entfalten. Erzwingen kann man sie nicht, man muss sie sich erarbeiten. An manchen Stellen wird man wieder bei null anfangen müssen.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 4, 7, 13, 19, 23, 25, 53, 55, 58, 60

6. Die alte Leier vom Untergang des Abendlandes?

In der Tat wurde in keinem Teil der Welt öfter der Untergang prophezeit, herbeigesehnt oder als Vorwand politischer Interessen genutzt. Je dynamischer Europa wurde, desto stärker wurden diese Untergangsphantasien.

Die Modernität lastet dem Menschen ein enormes Sinnproblem auf. Wie Viktor Frankl erkannt hatte, sagen dem modernen Menschen weder Instinkt noch Tradition, was richtig ist. Das führt zu Angst und Wut. Die Dynamik28 Europas vergrößerte die Widersprüche und Spannungen.

Den Niedergang dieser Dynamik festzustellen, ist etwas ganz anderes als die historischen Warnungen vor einer unkontrollierbaren und rasanten Fahrt in den Abgrund.

Noch schlimmer aber als das Schwinden einer Dynamik, was man empathisch als verdiente Altersschwäche betrachten könnte, wäre eine falsche Dynamik aus Ungeduld, Selbstüberschätzung und Selbstgerechtigkeit. Dann schwindet die Fruchtbarkeit europäischer Spannung. Zwischen Zwangsvereinheitlichung und spalterischem Misstrauen könnte dann aufgerieben werden, was Europa immer noch besonders lebenswert macht.

Viele Europäer haben es sich in Blasen18 so bequem eingerichtet, dass sie Wirtschaft für den nebensächlichen Zeitvertreib der Zu-kurz-Gekommenen und der Zu-hoch-Gewachsenen sehen, der Ärmsten und Reichsten. Das gemächliche Weitergereicht-Werden durch Institutionen53 wird zum Ideal der Mittelschicht – von der Wiege bis zu Bahre: Kindergarten, Schule, Universität, Behörde oder staatlich finanzierte »NGO«, Ruhestand.

Es droht kein Krach, sondern viel schlimmer, eine ewige Wirtschaftskrise17 im Sinne einer sich selbst nährenden Lernunfähigkeit. Der ökonomische Begriff Stagflation27 lässt harmlos erscheinen, was tatsächlich selbstbeschleunigter11 Kapitalverzehr werden könnte – ein Wirtschaftswunder im Umkehrschub.

Das lässt die Spannungen wachsen, ohne die Mittel und Bereitschaft, sie in positive Dynamik umzumünzen. Mit steigenden Vorerkrankungen und sinkender geistiger Immunität könnte die alte Dame Europa dann wirklich einer Pandemie zum Opfer fallen – einer Pandemie von Gedankenviren42. Auch dann wird der Subkontinent nicht im Mittelmeer untergehen. Aber die besten Europäer werden Europa dann (wieder) den Rücken kehren.56

Niedergang bedeutet also vor allem, an Potenzial zu verlieren, zu stagnieren. Aufgrund der Überspanntheit unserer Gesellschaften, die demographisch, ideologisch und geldpolitisch unter Druck stehen, bedeutet Stagnation27 nicht gemächliches Dahinleben auf hohem Niveau, sondern steigende Volatilität: Immer neue Schocks9, an denen das Schlimmste stets die Reaktionen sind, die sich zu einer Spirale54 der Selbstbeschäftigung und Selbstbeschädigung hochschaukeln.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 1, 2, 18, 40, 45, 54, 58

7. Welche Rezepte verschreibt der Autor Europa?

Ein Europa2 als handelnde Akteurin, das gibt es nicht und kann es nicht geben. Die Europäische Union5 ist eine der vielen politischen Akteurinnen und gewiss nicht die wendigste. Rezepte verschreiben – das ist ein naiver Blick auf politische Probleme.

Die Rezeptpflicht, die Legitimität, Rezepte zu verschreiben, die auch befolgt werden, beruht auf der Autorität der Wissenschaft16, der Wirksamkeit von Pharmazeutika und dem Versagen der Prävention. Leider ist Wissenschaft, insbesondere Sozialwissenschaft, kein Konsensverfahren mit klaren Entscheidungen, sondern ein Widerstreit gegensätzlicher Argumente. Experten als »Götter in Weiß«, die Entscheidungen abnehmen, Statiker zum Bau gesellschaftlicher Brücken, die nicht einstürzen, weil ihre Kalküle unbestritten und fehlerlos sind: Solche Sehnsüchte führen nur zu verhängnisvollen Irrwegen.

Wie in der Medizin grassiert in der Politik eine Hybris der Ingenieure – Sozialingenieure. In der Medizin trägt der Ingenieuransatz zumindest ein wenig, denn das komplexe System Mensch enthält mechanische Bauteile und chemische Flüsse, welche einige mechanische und chemische Reparaturen zulassen. Heilung geschieht jedoch auch hier als spontaner Prozess des selbsttätigen Wiedereinpendelns eines komplexen Systems, wenn vorübergehende Störungen beseitigt sind. Der Arzt reinigt die Wunde, damit sie verheilen kann, aber er heilt keine Wunden.

Gesellschaft ist ein noch komplexeres System, denn sie ist die Potenzierung von Einzelmenschen durch Interaktion. Für die Europäische Union5 Rezepte zu verschreiben, mit der sie die Gesellschaft reparieren könnte, ist eines jener Wunschbilder, wie sie nur in Blasen18 gedeihen können – in den Echokammern einer Gedankenwelt fern der Realität.

Wir müssen also Akteure definieren, dann können wir über Handlungsanleitungen nachdenken. Handeln können zunächst Individuen64. Gemeinsames Handeln ist auf drei Wegen möglich: über spontane Koordination, organisierte Koordination und Zwang. Spontane Koordination entsteht über die Wechselwirkung zwischen Individuen mit Familie, Freunden, Bekannten, Kunden, Kollegen etc. – also in freiwilligen Beziehungen. Organisation ist meist Koordination von Interessen und kann zu Institutionen53 führen. Zwang ist als legitimes Mittel dem Staat62 vorbehalten. Kleinere politische Einheiten wie etwa Gemeinden65 sind Spezialfälle, weil in ihnen alle drei Formen des gemeinsamen Handelns zusammentreffen.

Dieses Buch will nicht Heilung versprechen, sondern Hoffnung machen. Heilsversprechen sind gefährlich, denn sie führen zur Illusion, dass die Spaltung39 unserer Gesellschaften durch kollektives Heil überwunden werden könnte. Was wir tun können, ist, realistische Handlungsmöglichkeiten zu erkennen, und das bedeutet zunächst Verständnis der Realität. Politisches Handeln wütend zu debattieren, also Interventionen12 vor Erkenntnis und Verständigung zu fordern, ist sinnlos und vergrößert nur unproduktive Spaltung. Am wichtigsten wäre, die Vielfalt der Perspektiven, Ansätze, Handlungsmöglichkeiten in produktive Spannung überzuführen: Was können wir tun, ohne die Illusion vorauszusetzen, erst eine Mehrheit auf ein Ziel eingeschworen zu haben?

Die Kraft Europas könnte darin liegen, statt leblose Einigkeit in Kompromiss, Alternativlosigkeit oder Zwang zu suchen, die lebhafte Spannung wiederzufinden, die Raum für völlig konträre Perspektiven lässt, für frische Experimente und innovative Wagnisse, ohne die Kosten des Scheiterns der meisten neuen Ansätze zu sozialisieren. Aus dem Dickicht der hier verfolgten – eng miteinander verflochtenen – Themen blitzen an vielen Stellen Andeutungen zu solchen Auswegen hervor.

Politische Lösungen vertreten oft die Ideologie der Machete: des Auswegs, der einfach durchs Dickicht geschlagen wird, wenn wir uns nur auf die Richtung einigen könnten. Solche Lösungen wären lächerlich, wenn sie nicht so gefährlich wären. Auch ein erreichter Konsens bedeutet keine Allwissenheit – und einen Konsens über die Zukunft erreichen zu können, wäre ein Hinweis auf kollektive Verblendung und Mitläufertum.

Verbesserungen folgen aus Entdeckungen, nicht aus Verordnungen. Erst müssen wir das Dickicht durchdringen, seine Komplexität respektieren, die dunklen Flecken erkennen, dann erst können wir Wege hinaus finden. Auswege gibt es stets viele, aber noch mehr Sackgassen. Je kleiner und wendiger, desto weniger Kratzer.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 1, 66


8. Haben europäische Länder die Pandemie besser in den Griff bekommen?

Wir haben es mit einer untypischen Atemwegserkrankung zu tun, deren geringe Letalität14 gewiss ist. Ungewiss15 ist noch fast alles andere, und jeder kann sich für das gewünschte Narrativ geeignete Hinweise herauspicken. Erneut spaltet also ein aktuelles Thema quer durch alle Lager – ist aber wahrscheinlich wieder nur Symptom bereits bestehender Spaltung39.

Die nationalen Grenzschließungen und die Interventionen12 bis hin zum Hausarrest gesunder Bürger60 hätte vor der Panik angesichts der norditalienischen Todeszahlen kaum jemand für möglich gehalten. Führende Politiker hatten solche Reaktionen völlig ausgeschlossen. Anfang des Jahres 2020 war es noch Mehrheitsmeinung, »Corona-Leugner« zu sein. Der öffentliche Rundfunk in Deutschland erklärte etwa in einer Sendung Corona-Panikmache zum Hinweis auf rechtsextremes Gedankengut.

Europa traf der Schock, zum Epizentrum10 der Coronavirus-Pandemie zu werden, und die Meinung drehte sich. Angesichts exponentiell wachsender Belegungen der beschränkten Intensivstationen, des Institutionenversagens53 bei der Ausstattung der Krankenhäuser mit Schutzausrüstungen und bei anderen Prozessen der Pandemiebewältigung schien der Griff zum Panikknopf, zur Stopptaste, alternativlos.

Es war eine Schocksituation der Ungewissheit15 des Pandemiegeschehens durch Unwissen über die kausalen Zusammenhänge und der mangelnden Vorbereitung – beides Folgen fehlender Innovation43 und Lernfähigkeit. In einer solchen Lage des Unwissens blieb nur die mittelalterliche Methode des Lockdown. Das ist so, als wäre unsere Mikrowelle kaputt und wir müssten Feuer machen.

Schon nach wenigen Wochen deutete sich an, dass die Autorität der Wissenschaft16 mit prophetischer Gabe verwechselt worden war. Die epidemiologischen Modelle waren durchwegs falsch. Die Abflachung der Zahl an Intensivpatienten setzt viel früher ein. Heute blicken wir gebannt auf Infektionszahlen, die weitgehend irrelevant sind.

Die Spaltung39, vor allem in den USA57, verhindert eine kritische Bestandsaufnahme. Der Lockdown war politisch alternativlos, weil die Gesellschaft nach anfänglicher Sorglosigkeit in Panik gekippt war, und praktisch zumindest plausibel, weil die mögliche Selbstverstärkung der Todesdynamik zu klären und zu bremsen war. Im Nachhinein ist mit steigender Gewissheit davon auszugehen, dass die Folgeschäden des Lockdown – auch und gerade gesundheitlich – größer sein werden als der abgewandte Schaden.

Nicht Europa hat die Pandemie in den Griff bekommen, sondern die Pandemie Europa – und die entstandene Verwirrung könnte die Grundlage für das Wüten einer weit schlimmeren, völlig übersehenen Pandemie sein: eine Pandemie von Gedankenviren42.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 1, 11, 12, 16, 17, 29, 30, 39, 40, 42, 49, 53, 57

9. War die Pandemie ein Schock, ohne den wir kaum Probleme hätten?

Das Virus kam nicht mit einem UFO aus dem Weltall. Pandemien sind eine der am meisten prophezeiten und analysierten Gefahren einer globalisierten52 Welt. Alle paar Jahre gibt es Kandidaten für Pandemien.

Einer der bekanntesten und reichsten Menschen der Welt versucht mit großem Mitteleinsatz seit vielen Jahren, die Weltaufmerksamkeit auf das Thema zu richten. Eine Studie im Auftrag des deutschen Bundestages simulierte vor wenigen Jahren ausgerechnet das Szenario einer »Corona-SARS-Pandemie« mit alarmierenden Ergebnissen – für die sich offenbar niemand interessierte. Als wahrscheinlichster Überträger solcher Viren waren schon lange Fledermäuse identifiziert, als wahrscheinlichster Ausbruchsort galt China. Diese Pandemie ist also keinesfalls ein »schwarzer Schwan«, ganz im Gegenteil könnte dieser Schwan kaum weißer sein.

Auch als »weißer Schwan« ist die Pandemie schrecklich ­genug, wenn auch bei weitem nicht so schrecklich, wie die ­erwähnten Warner prognostiziert hatten. Es tröstet, dass sie Kinder nahezu völlig verschont und geringe Letalität14 aufweist.

Allenfalls schockierend sind die politischen Reaktionen und werden die wirtschaftlichen Folgen sein. Zuerst die Verschleierung in China58, dann in Europa das brutale Exempel, gefolgt von Institutionenversagen53, Schaden durch falsche Inter­ventionen12 und Spaltung39 der Gesellschaft, verstärkt durch mediale41 Panikmache. Noch schlimmer als all das werden die Folgen der politischen Schadensbewältigung sein.

Doch absehbare Entwicklungen, auch wenn sie negative sind, stellen weder Schock noch Krach17 dar. Der relativ hohe Wohlstand in Europa lässt vieles als Luxusproblem erscheinen, doch das ist auch ein Hinweis auf mangelnden Antrieb, mangelnden Realismus und schwindende Lernfähigkeit.

Nicht das »Jammern auf hohem Niveau« ist das Problem, sondern die Kritik- und Antriebslosigkeit auf unverdientem Niveau. Die Gewöhnung an hohe Lebensqualität3 bei schwindendem eigenen Beitrag führt notwendigerweise zu Schocks: zum Platzen von Blasen18.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 1, 6, 8, 12, 17, 30, 35, 53, 57

10. Warum wurde Europa zum Epizentrum?

Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen Letalität14 und hoher Virenlast sowie Anhäufung von Risikogruppen. Das bedeutet: Alte Menschen in geschlossenen Räumen sind das wesentlichste Element des Epidemiegeschehens.

Womöglich wird letztlich der größte Teil des norditalienischen Horrors dem staatlich gesteuerten Sammeln von Infizierten in Spitälern und Altersheimen zuzuschreiben sein, wenn jemals eine Aufklärung des Geschehens gelingt. Ähnliches ist in New York geschehen.

Die Italiener hatten allerdings auch Pech: früher einsetzende Ansteckungsdynamik bei noch geringerem Wissensstand und noch geringerer Aufmerksamkeit. Höhere Anzahl von Mehrgenerationenhaushalten; vielleicht hat auch die körpernähere Kultur eine Rolle gespielt – eigentlich Dinge, die für die Italiener sprechen. Am stärksten wirkte wohl ohnehin spontane »soziale Distanz«, nachdem die Sorge in der Gesellschaft gewachsen war. Auch diese freiwillige Vorsicht setzte in Italien erst später ein, wirkte aber in den anderen europäischen Staaten – darunter auch Schweden, wo sich die Ausbreitung nach bereits geweckter Sorge vollzog.

Italien wurde als Tourismusdestination52 – so wie Deutschland als Industriedestination – früh von Infizierten besucht; für die Schuldzuweisungen an die Modeindustrie, in der relativ viele Chinesen – oft illegal – arbeiten, gab es keine weiteren Belege. Italien hatte auch relativ früh die direkte Einreise aus China unterbunden, was angesichts moderner Mobilität relativ wirkungslos ist. Völlige Grenzschließungen hätte man damals ausnahmslos für Irrsinn gehalten.

Mittlerweile müssen wir auch Ansteckungs- und Todes-Epizentren unterscheiden. Hohe Todeszahlen verweisen auf große Ansteckungsdynamik unter überdurchschnittlich alten und kranken Menschen. Hohe Ansteckungszahlen entstehen durch »Superspreader«: längere Nähe in geschlossenen Räumen mit viel Atemaustausch durch lautes Sprechen, Singen und intensivem Mundkontakt.

Das Epizentrum Ischgl in Tirol war eines der Ansteckung, die Todeszahlen vor Ort sind überraschend niedrig – statistisch unter der Relevanzschwelle. Verbindungen zu Todes-Epizentren anderswo sind bislang nicht belegt, zumal nach Ischgl der ­Fokus schon auf der Pandemie lag und die Vorsicht entsprechend größer war.

Warum lag das Epizentrum der Pandemie nach China58 nicht in Asien? Die dynamischsten Orte mit dem höchsten Verkehr aus China – Singapur, Hongkong und Taiwan – waren nach vergangenen Epidemien vorbereitet. Es gab keinen Mangel an Schutzausrüstung, mehr Vorsicht in der Gesellschaft und frühes Nachverfolgen möglicher Ansteckungsketten auf höchstem technischen Niveau.

Letzteres ist in Europa aus Gründen des Datenschutzes13 nicht möglich. Die Ansteckungsdynamik durch das Verhalten freier Menschen war aber kaum der Kern des Problems. Die Übersterblichkeit hätte wohl durch früheren Schutz der Risikogruppen vermindert werden können. Und auch das hätte vor allem die Unterlassung einer Gefährdung durch mangelhafte Prozesse im Gesundheitssystem bedeutet, durch welche die dichte Ansammlung von Alten und Kranken in geschlossenen Räumen in Europa eher die Regel als die Ausnahme ist.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 8

11. Sollten exponentielle Entwicklungen verhindert werden?

Seit der Pandemie8 ist die Furcht vor exponentieller Entwicklung noch größer geworden. Schon davor hatten Kritiker unseres Wirtschaftssystems vor unbeschränktem Wachstum50 gewarnt.

Tatsächlich findet in der Regel eine Verwechslung statt: Die meisten Prozesse, die als Exponentialfunktionen erscheinen, sind tatsächlich S-Kurven (Sigmoidfunktionen).

Unser Gehirn tut sich extrem schwer dabei, Selbstbeschleunigung und Selbstverlangsamung zu verstehen, da beides nichtlineare Prozesse sind. Die S-Kurve verbindet beides: Die Selbstbeschleunigung wird erst bemerkt, wenn sie so steil wird, dass sie in die Vertikale geht; dann schlägt Sorglosigkeit in Panik um. Der Punkt des steilsten Aufstiegs in der S-Kurve ist aber schon der Wendepunkt.

Natürliche Prozesse sind komplexe Kombinationen: Das rasante Wachstum eines Faktors entfernt diesen von den anderen Faktoren, die er als Nährboden, Elemente und Verbindungen benötigt. Die Selbstverlangsamung bleibt unbemerkt, bis die Dynamik zum Erliegen kommt.

Dynamik28 lässt sich selten verhindern, nur verlagern, wenn sie in der Selbstbeschleunigungsphase ist. Der Fokus der Interventionen12 auf den steilsten Punkt ist ungünstig. Wir wenden dann die meisten Mittel auf, wenn es eigentlich zu spät ist – und könnten dann noch der verheerenden Täuschung einer Wirksamkeit erliegen, wenn die Selbstverlangsamung tatsächlich später eintritt. Während der Flut ist es sinnlos, Dämme zu bauen.

Gewiss erkennt der Leser hier schon eine Minderheitenmeinung38 zur Pandemie8, aber die Analogie geht weiter und gilt auch anderen Interventionen12, etwa jenen zur Bewältigung der Wirtschaftskrise17.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 2, 6, 18, 21, 28, 39, 50, 55

12. Wären wir ohne politische Interventionen nicht in die Katastrophe gerutscht?

Auf der einen Seite sollten Interventionen wie verordneter Hausarrest in weiten Teilen Europas Menschenleben retten, auf der anderen Seite sollten Interventionen wie Überbrückungsliquidität die Wirtschaft retten. Zumal die Pandemie8 noch nicht mit Gewissheit bewertet werden kann, sei hinsichtlich des ersten Ziels nur leiser Zweifel angemeldet: Die Härte der Interventionen wird wohl eher mit höherer Sterblichkeit korrelieren. Bei einer Ansteckungsdynamik vor allem in Innenräumen ist das behördliche Leeren der Straßen wohl kontraproduktiv gewesen, und die Leerung der Krankenhäuser für den erwarteten Ansturm von Pandemieopfern hatte klarerweise dramatische Nebenfolgen durch drastisch reduzierte Gesundheitsversorgung.

Die gewonnene Zeit wurde von der Politik vorwiegend zur Inszenierung genutzt. Das politische System scheint keine Spur lernfähiger geworden zu sein. Doch Wutbürger, die den schwarzen Peter nun allein den Regierungen zuschreiben, sollte man nicht für ihre Minderheitenmeinung38 loben, sondern als Teil jener unproduktiven Spinner tadeln, deren Freiheit zu spinnen zwar sakrosankt sein muss, aber individuell nicht heroisiert werden darf. Immerhin haben die meisten Privatleute die Zeit der größten Ungewissheit als Corona-Ferien konsumiert oder als Vorwand genutzt, im Job weniger zu leisten. Eine Gesellschaft, die von sorgloser Ignoranz in kopflose Panik verfallen ist, sollte nach einem völlig unverdienten Popularitätshoch für die machthabenden Politiker nun nicht im Nachhinein allzu besserwisserisch über ihre Politiker wüten, auch wenn sich die allermeisten Maßnahmen als sinnlos bis schädlich erweisen werden. Mehr Wut ist angebracht über das Sinken der eigenen Innovationskraft oder hohe Abhängigkeit von Transfers.

Die plötzlichen Einkommensausfälle setzen viele naturgemäß unter Existenzdruck, vor allem mangels eigener Liquidität31 und hoher Schuldenlast. Wenn der Schaden schon angerichtet ist, dann soll ihn die Politik zumindest reparieren – so die landläufige Einstellung.

Doch Politik kann nur das zuteilen, was aktueller oder künftiger Produktivität entspringt. Schadenswiedergutmachung durch Politik kann daher nur auf der Grundlage von einer der folgenden Prämissen funktionieren: Erstens, Politiker sind in der Lage- und Zukunftseinschätzung besser als private Entscheider. Zweitens, durch Schuldtitel können künftige Steuereinnahmen heute schon erlöst werden und der frühere Einsatz erspart später höhere Kosten oder bedeutet größeren Wohlstand. Die zwei Alternativen bedeuten also: Gegenwärtige Umverteilung25 von schlechterem Mitteleinsatz durch private Entscheider zu besserem Mitteleinsatz durch politische Entscheider oder zeitliche Umverteilung von später schlechterem privaten oder politischen Mitteleinsatz zu heute besserem politischen Mitteleinsatz.

Dass die erste Prämisse hält, erscheint aktuell nicht sonderlich wahrscheinlich. Die schockartigen9 Extremmaßnahmen sind klarer Hinweis auf falsche Lageeinschätzung durch die Politik. Gewiss, auch die Gesellschaft war nicht viel weitsichtiger, doch kann Umverteilung natürlich nie von den Kurzsichtigeren zu den Weitsichtigeren innerhalb der Gesellschaft gehen. Die Logik gebietet, dass sie nur von heute noch Wertschöpfenden zu heute nicht mehr Wertschöpfenden gehen kann.

Daher bleibt als einzige Alternative – da scheint sich auch die Politik sicher – nur die zweite Prämisse: Abwendung der Notlage durch neue Schulden22. Seit de facto zinslose Staatsanleihen34 aber das zunehmend wichtigste Zentralbank-Asset sind, bedeutet das Geldschöpfung20.

Gewiss ist die aktuelle Katastrophe nicht einfach auszusitzen. Es ist wesentlich leichter, Produktionsprozesse anzuhalten als sie wieder zum Laufen zu bringen. Grundsätzlich erlauben Kurseinbrüche und Unternehmenskonkurse das Übergehen der Produktionsstruktur in die Hände jener, welche die Zukunft besser antizipiert haben: Heute heißt das, in die Hände derjenigen, die liquider und robuster aufgestellt sind, flexibler mit neuen Situationen umgehen können und Potenziale vor anderen erkennen. Fluglinien können sich in Luft auflösen, Flugzeuge – abgesehen von merkwürdigen Ausnahmen – nicht.

Aktuell wird ein viel zu großer Teil der Produktionsstruktur von Akteuren kontrolliert, die sie falsch einsetzen, etwa den sogenannten Zombieunternehmen. Falsch bedeutet in mangelnder Übereinstimmung mit den aktuellen und künftigen Bedürfnissen und Plänen der Menschen.

Doch Krisen17 sind stets Hinweise auf negative Überraschungen – das heißt, die meisten lagen in ihrer Einschätzung falsch, was zu Schockstarre führen kann. Je weniger agil und lernfähig eine Gesellschaft, desto gravierender die Krisenohnmacht. In dieser Situation könnten Kapitalstrukturen zu schnell zerstört werden, weil der Zugang von neuen und besseren Unternehmern und Investoren stockt.

Die größte Gefahr liegt darin, dass sich ein weit unterschätzter, weil unsichtbarer Teil des Kapitals in Luft auflöst: Wissen. Entwickelte Produktionsstrukturen sind weit eher geistiger als materieller Natur. Stillstehende Produktion könnte die nötige Weitergabe, Mehrung und Erhaltung von Wissen bedrohen. Wirtschaftlich relevantes Wissen benötigt praktische Anwendung, um frisch zu bleiben, es kann schnell obsolet werden.

Leider wird dieser geistige Aspekt von den meisten übersehen. Er bedeutet nämlich nicht, dass es nun vor allem um den Erhalt von Arbeitsplätzen26 ginge.

Nahezu alle geld-, fiskal- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen werden, wenn sie sich daran orientieren, Schaden »gutzumachen«, Lernunfähigkeit belohnen, Strukturanpassungen vereiteln und nachhaltige Grundlagen der Produktivität weiter untergraben – führen also in eine Interventionsspirale54. Die einzig sinnvollen politischen Maßnahmen federn vorübergehend größte Not ab und verhindern Katastrophen des Kapitalkonsums. Alle weiteren Maßnahmen sind gesellschaftlicher Natur – können aber natürlich von Politikern, die ja Teil der Gesellschaft sind, angeregt, begleitet, gestützt werden.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 1, 7, 8, 9, 11, 15, 17, 20, 21, 29, 40, 53, 54, 55, 56, 58, 62

13. Bedeutet strengerer Datenschutz mehr Freiheit?

Das Recht auf Privatsphäre ist Teil der Freiheit48, indem wir Mitbürger in ihrer Autonomie respektieren. Privatsphäre im eigentlichen Sinne scheint immer weniger zu gelten: Das schwindende Vertrauen40 führt zu Generalverdacht. An Abhören, Konteneinsicht, »Doxing« (Identifizierung von Menschen gegen ihren Willen), Kapitalverkehrskontrollen55 gewöhnen wir uns langsam. Merkwürdig ist nur, dass der Datenschutz so präsent zu sein scheint: Die EU5 verordnete eine strenge Datenschutzverordnung zur nationalen Umsetzung, amerikanische Unternehmen sind immer wieder in der Kritik – und ein gewisser Stolz scheint in Europa vorhanden zu sein, es mit Daten strenger zu nehmen.

Doch das ist vor allem Ablenkung. Gesetzlich liegt nun der Fokus auf Daten, die Menschen freiwillig teilen und deren Verarbeitung kaum schlimmere Folgen für sie hat als Werbekontakte. Gewiss ist das Geschäftsmodell der »(un)sozialen Medien41« bedauernswert, es ist aber Folge und nicht Ursache der kurzfristigen Gratiskultur.

Die Datenschutzgrundverordnung lud im Wesentlichen Unternehmen Kosten und Mühen auf, ohne irgendeine der wahren Gefahren für die Privatsphäre einzudämmen. Die Datenverarbeitung, um die Zielgenauigkeit von Werbung zu erhöhen, ist keine reale Gefahr. Eine reale Gefahr ist die schwindende finanzielle Privatsphäre der Bürger60, denn sie könnte zu einer Existenzbedrohung werden, und der leichtfertige Umgang von Medien41 mit der realen Identität von Menschen, die zunehmend digitalen Mobs ausgesetzt werden, die immer öfter gewalttätig ins Analoge übergreifen. Manche Regierungen erzwingen sogar Klarnamen im Digitalen – ein gemeingefährliches Missverständnis digitaler Dynamik. Nicht vom Trollen, der »Hassrede« im Netz von marginalisierten Figuren, geht die größte Gefahr aus, sondern vom Hass, der digital organisiert gegen Einzelmenschen gerichtet werden kann.

Datenschutz ist also kaum Ausdruck von Freiheit, sondern Ausdruck einer Schizophrenie: Einerseits die Anspruchsmentalität, von der Kostenlosigkeit der werbefinanzierten Geschäftsmodelle zu profitieren, und der digitale Exhibitionismus von Narzissten, andererseits die Missgunst, irgendjemandem nützlich zu sein – und sei es auch nur durch im Einzelnen wertlose Daten, die erst im Aggregat und in Verbindung mit dem Konsumismus breiter Schichten wertvoll werden. Datenschutz ist vor allem aber ein Ablenkungsmanöver der Politik.

Diese merkwürdige Einstellung zu den Daten führt dazu, dass Europa zwar Datenerhebungsweltmeister ist, mit seiner alten Schriftkultur, die zunehmend in Behörden und Institutionen frei von realer Nützlichkeit gedeiht. Mit diesen Daten irgendetwas Sinnvolles anzustellen, da aber wird Europa zum Schlusslicht.

Der Bluff rund um die Daten gelingt dank technischen Unwissens: dass Datenzugriff nur total oder gar nicht möglich wäre und dass die gesamte Privatsphäre dahin wäre, wenn Daten verarbeitet würden. Tatsächlich erlaubt die Kryptographie Datenkontrolle und Datentrennung bei völliger Digitalisierung19.

Behörden arbeiten allen Ernstes noch mit Papierformularen, denn Mehrarbeit ohne Nutzen ist für sie kein Kriterium: Eigene Mehrarbeit ist stets Legitimierung von mehr Mitteln und mehr Bedeutung, Mehrarbeit der »Untertanen« bleibt ohne Konsequenz. Ständig werden uns Daten abgenötigt, eben ohne Nutzen und Sinn, und daher als reine Schikane. Aber als Daten bei der Pandemieeindämmung nützlich hätten sein können, zählten nur die Vorbehalte, als ob die Auswertung anonymisierter Bewegungsdaten ein schlimmerer Eingriff wäre als der verordnete Hausarrest gesunder Bürger.

Die Pandemie wäre die Gelegenheit zur Optimierung von Prozessen in Verwaltung und im Gesundheitssystem, für Innovation43 im Bereich digitaler Identität zur Vereinfachung des Lebens statt zur Überwachung. Die heutige Technik ermöglicht passgenaue Datenübermittlung nach gegebener Erlaubnis. Die ständige Aufnahme von Namen und Anschrift, die bei allen Interaktionen die volle Identität preisgibt, ist nur Ausdruck technischer Rückständigkeit. Denn letztlich geht es in den meisten Anwendungen gar nicht um die Übermittlung von Identitätsdaten, sondern um sicheres Erlaubnismanagement und den Schutz vor Datentäuschung.

Das innovative Verbinden von anonymisierten Suchanfragetrends, Bewegungsmustern und Gesundheitsdaten würde die mittelalterlichen Methoden von Lockdown und nationalen Grenzsperren wohl auch bei wesentlich schwereren Pandemien ersparen. Noch sind die Erfahrungen schwer vergleichbar, aber die weniger starke Unterbrechung des Alltagslebens in Taiwan und Singapur wird zum Teil auf die viel höhere Kompetenz im Einsatz digitaler Werkzeuge zurückzuführen sein, nicht bloß auf »Überwachung» – als ob in Europa wesentlich mehr relevante Privatsphäre gegeben wäre.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 10

14. Also doch nur ein weiterer Corona-Leugner?

Ich habe selbst bereits im Februar in Artikeln davor gewarnt, das Coronavirus zu unterschätzen, als in Europa noch Sorglosigkeit herrschte. Der Eindruck hoher Letalität in Norditalien führte dann zu Panik. Panik ist die Angst, die zu spät kommt. Wenn man schon in Panik geraten möchte, dann so früh wie möglich.

Zur guten Abschätzung von Letalitätszahlen braucht man ein möglichst kontrolliertes Umfeld; das unverstandene Seuchengeschehen in Italien eignete sich dafür nicht. Die Grundlage meiner Einschätzungen im Februar war daher das unfreiwillige Großexperiment auf dem Kreuzfahrtschiff vor Japan. Daraus ließ sich relativ bald eine Letalität errechnen, die nicht über der von schwereren Grippewellen liegt.

Seitdem in Europa mehrheitlich verachtete Politiker den Grippevergleich bemühten, ist er zu einem Tabu geworden. Das ist genauso dumm, wie den Grippevergleich zum Abwiegeln zu nutzen: Grippe ist kein Schnupfen, sondern ein Komplex von Infekten ausgelöst durch laufend mutierende Viren, der in Gesellschaften mit langer Lebenserwartung wachsende Todeswellen bedeutet, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.

Vor einer Pandemie mit Grippeähnlichkeit besorgt zu sein, ist richtig. RNA-Viren sind veränderlich, und eine neue Rekombination, die hohe Letalität (bei der Vogelgrippe z. B. 60 Prozent) mit hoher Infektiosität (R0 bei Masern z. B. 15) verbindet, ist nie auszuschließen – etwa durch lange Inkubationszeit, asymptotische Übertragung oder Spätfolgen. Im Nachhinein kann sich diese Sorge als nicht zielführend erweisen, weil jegliches Handeln irrelevant war – etwa weil die überwiegende Zahl an Mutationen keine Verschlimmerung der Lage bedeutet und die meisten Viren völlig harmlos, viele sogar gutartig sind.

Der mediale Fokus auf Infektionszahlen ist weitgehend irrelevant, denn diese folgen den Tests und sind nicht nach relevanten Unterschieden aufgeschlüsselt, nämlich Alter und Komorbidität. Inzwischen hat sich das gesamte Konzept einer Reproduktionszahl als Trugschluss16 erwiesen: Ein epidemiologisches Kürzel, eine Heuristik wurde durch akademisch-mediales Überstrapazieren zur Richtschnur und kehrte damit geringen praktischen Nutzen zu großem praktischen Schaden um. Da es keinen Durchschnittsmenschen mit einem modellhaft vorhersehbaren Verhalten gibt, gibt es auch nicht die Reproduktionszahl an sich, sondern eine Ansteckungsdynamik, die sich von Individuum zu Individuum und Kontext zu Kontext unterscheidet. Hier liegt der Schlüssel, die zahlreichen Paradoxa aufzuklären, die bei diesem komplexen Problem wieder die Spaltung39 und die Blasen18 nähren.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 8, 9, 39

15. Was können wir schon wissen?

Wir wissen bei aktuellen Fragen angesichts der unglaublichen Aufmerksamkeit, des wütenden Politisierens und des heute unvermeidlichen Lagerdenkens stets frustrierend wenig. Abschließende Beurteilungen müssen manchmal eine Generation warten, oft länger, gelegentlich gelingt die Aufklärung niemals. Es ist daher auch sinnlos, beim Handeln auf Gewissheit zu warten. Wir können Handlungen, und dazu zählen auch Urteile, oft nicht an ihren Konsequenzen messen, denn deren Gewissheit kommt zu spät oder gar nicht. Immer wieder können wir aber Rückschau halten, um Fehler zu erkennen.

Fehler sind nicht bloß Unterschiede zwischen Ergebnis und Intention. Ergebnis und Intention können übereinstimmen, und dennoch kann die Handlung ein Fehler gewesen sein: wenn Ergebnis und Intention nur korrelieren und nicht kausal verbunden sind. Diese Fehler sind oft die gefährlichsten, weil sie so leicht zu übersehen sind und wir dann nichts aus ihnen lernen. Politiker haben Maßnahmen gesetzt12, und die Ansteckungskurven haben sich verflacht. Politischer Erfolg oder Bestärkung der Lernunfähigkeit?

Ergebnis und Intention können auch übereinstimmen, weil sich eine unwahrscheinliche Prämisse als richtig erwiesen hat. Die besten und wichtigsten Handlungen sind oft dieser Art: Erfolgreiche unternehmerische Entscheidungen, Abweichen von Dissidenten – die für eine Gesellschaft und Wirtschaft so wichtigen Minderheitenmeinungen38. Ein Erfolgsrezept ist das aber keines. Die meisten Unternehmer scheitern. Die meisten »Contrarians« sind Spinner. Unwahrscheinliche Ansätze sind meistens falsch, sonst wären sie nicht unwahrscheinlich.

Erkenntnissuche verstärkt angesichts der Ungewissheit und Komplexität der Welt meist die Zweifel. Steigendes Wissen mindert die Ungewissheit kaum, oft entscheiden wir mit mehr Wissen nicht besser, sondern schlechter. Das ist kein Argument gegen die Vernunft, aber eines das erklärt, warum Denker und Macher selten aus demselben Holz geschnitzt sind. Macher benötigen Gewissheit. Gegen die Ungewissheit helfen Intuitionen. Können diese nicht greifen, weil der Kurs zu stark vom Bekannten und Anerkannten abweicht, dann helfen Interessen und Ideologien. Auch auf der Basis von falschen Prämissen gefundene Gewissheit kann zu zielführendem Handeln motivieren. Ist dieses Handeln dann ein Fehler? Ich halte solches Handeln für falsch, obwohl es im Resultat richtig ist. Ebenso kann man sich auf der Basis von richtigen Prämissen zu einem Handeln entscheiden, das letztlich nicht zielführend ist. Ich halte solches Handeln für richtig, obwohl es im Resultat falsch ist.

Der schlimmste Umgang mit Ungewissheit ist derjenige, der von der Sorglosigkeit in die Panik kippt. Ungewissheit unterscheidet sich von Ignoranz. Ignoranz ist Desinteresse an der Welt, ob aus Fatalismus oder Bequemlichkeit. Ungewissheit erfahren wir erst in der Konfrontation mit der Realität. Das plötzliche Kippen von Ignoranz in Ungewissheit verunsichert, weil auf die Ungewissheit eben oft nicht gleich Gewissheit folgt, sondern meist weitere und wachsende Ungewissheit. Dann drängt es zu den falschen Gewissheiten, der Ungeduld, der Verachtung für Denker und dem Klammern an Interessen und Ideologien.

Ignoranz ist manchmal sogar vernünftig und meistens besser als die Panik. Diese »rationale« Ignoranz erkennt die Opportunitätskosten des Versuchs, zu Gewissheit zu gelangen oder Ungewissheit zu schultern. Sie hält sich an einfache Regeln, an das selbst Überschaubare und direkt Beeinflussbare. Zum Glück drängt das Gemüt manche Menschen zu mehr und Größerem. Oft gehört dazu Selbstüberschätzung und Geltungsdrang. Zu unserem Unglück ist der politische Weg dazu bequemer als der unternehmerische.

Kapitel, die auf dieses verweisen: Kap. 8, 16, 17, 18, 43, 60

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9783701181834
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