Читать книгу: «Wie ich das Schweigen brach»
Rachael Denhollander

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-7751-7490-9 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-6047-6 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© der deutschen Ausgabe 2021
SCM Verlagsgruppe GmbH · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: info@scm-haenssler.de
Originally published in English in the U.S.A. under the title: What Is a Girl Worth? by Rachael Denhollander
Copyright © 2019 by Rachael Denhollander
German edition © 2021 by SCM Verlagsgruppe GmbH
with permission of Tyndale House Publishers, Inc.
All rights reserved.
Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen
Übersetzung: Tabitha Krägeloh
Lektorat: Stefanie Respondek
Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart
Titelbild: Author photo taken by Jacob Roberts copyright © 2019 Autorenfoto: © Jacob Roberts
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Jedem Opfer
mit seiner persönlichen Geschichte und Identität.
An die, die vorher kamen,
die noch folgen
und die nicht länger unter uns sind.
Es ist nicht deine Schuld.
Es ist nicht deine Schande.
Dir wird geglaubt.
Du sollst wissen, wie viel du wert bist.
Inhalt
Vorwort
Anmerkung der Autorin
Prolog
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
Epilog
Dank
Über die Autorin
Beratungs- und Anlaufstellen für Betroffene sexualisierter Gewalt
Anmerkungen
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
Vorwort
»In dem Moment, als ich mich zum Gerichtssaal umwandte, war ich plötzlich überwältigt von dem Geschenk, das uns allen gegeben worden war. Von der Kraft, die wir gemeinsam gefunden hatten. Wir hatten noch viel mehr erreicht, als ich mir je erhofft hatte – und das war jeder einzelnen Stimme zu verdanken, die erhoben worden war.«
Rachael Denhollander
»Wie ich das Schweigen brach« ist die bewegende Geschichte einer mutigen jungen Frau, die die Aufdeckung eines der größten Missbrauchsskandale der US-amerikanischen Geschichte ins Rollen brachte. Mutig wagte sie den ersten Schritt, der nötig war, um den Täter zu stoppen. 16 Jahre nach der eigenen Gewalterfahrung sah sie plötzlich eine Möglichkeit, dass ihre Stimme gehört wurde, und diese setzte sie mit aller Entschiedenheit ein. In den schweren Monaten vor und während des Prozesses war sie bereit, auf so viel Lebensqualität zu verzichten, eigene Retraumatisierung in Kauf zu nehmen und der Öffentlichkeit tiefste Einblicke in ihre Privatsphäre zu gewähren. Sie ging den ersten Schritt, damit weitere Betroffene folgen konnten. Nur auf diese Weise gab es überhaupt Hoffnung auf ein gerichtliches Verfahren. Nur so konnte der berühmte Sportmediziner und Arzt der US-Turnerinnen Larry Nassar in seinen kriminellen Machenschaften gestoppt werden. Rachael Denhollander, deren Geschichte auch für den deutschsprachigen Raum höchste Relevanz hat, gebührt unser ganzer Respekt und Dank.
In ihrem Buch beschreibt die Autorin eine Kultur des Missbrauchs, die die sexualisierte Gewalt gegen mindestens 156 junge Mädchen und Frauen ermöglichte. Genau wie sprichwörtlich ein »Dorf« nötig ist, um ein Kind zu erziehen und ins Leben zu begleiten, so ist ebenfalls ein »Dorf« nötig, um ein solches Kind zu missbrauchen. Und wiederum ist ein »Dorf« nötig, um einen Missbrauchstäter zu stoppen. Fassungslos ist sie schließlich nicht nur über das Ausmaß der Gewalt, sondern auch über all das, was in den großen mächtigen Institutionen die Gewalt rund um Nassar ermöglichte und was nicht getan wurde, um den Missbrauch zu stoppen – obgleich es möglich gewesen wäre.
Rachael Denhollander erlebte Missbrauch auf unterschiedlichen Ebenen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrem Leben. Auch im Kontext von Gemeinde, die ihre Macht und ihren Einfluss seinerzeit nicht nutze, um sie und andere Kinder zu schützen, und auch nicht, um den Täter zur Verantwortung zu ziehen. Stattdessen verlor man sich in theologischen Diskussionen darüber, welche Schritte »schriftgemäß« waren, und weigerte sich, mit Experten zusammenzuarbeiten. Auf diese Weise wurde der Missbrauch nicht ernst genommen und schließlich vertuscht. Die Gemeindeleitung entzog sich ihrer Verantwortung und vernachlässigte ihre Fürsorgepflicht. Eine Erfahrung religiösen Missbrauchs, die zusätzlich zu verkraften war.
Eine weitere Episode begann direkt vor der Aufdeckung des großen Missbrauchsskandals bei den US-Turnerinnen. Rachael und ihr Mann Jacob gehörten in dieser Zeit zu einer Gemeinde, die gerade dabei war, sich einem bestimmten Gemeindenetzwerk anzuschließen. Das Problem war, dass in diesem Gemeindenetzwerk nur wenige Jahre zuvor zahlreiche Vorwürfe darüber laut geworden waren, dass Pastoren und Gemeindeleiter Beschuldigungen sexueller Übergriffe routinemäßig falsch handhabten. Die eigene Gemeindeleitung nahm die Pastoren des Netzwerkes jedoch automatisch in Schutz, obgleich man keinerlei sichere Informationen hatte, dass die vielfältigen Vorwürfe nicht berechtigt waren. Dies wurde von den Denhollanders hinterfragt. Ihr warnendes Hinterfragen sowie ihr gewohntes Engagement, sich in den sozialen Medien zu Themen des Missbrauchs zu äußern, führten in kürzester Zeit dazu, dass sie ihrer Ämter in der Gemeinde enthoben wurden. Man warf ihnen vor, dass sie Schaden anrichteten. Rachael und Jacob verloren damit jeden Rückhalt ihrer Gemeinde, weil sie mit ihrer Wahrnehmung und Erfahrung verantwortungsvoll umgegangen waren. Sie erlebten, was Betroffene in religiös missbräuchlichen Settings typischerweise erfahren: Menschen, die Probleme ansprechen, werden selbst als Problem behandelt!
In den beschriebenen Szenarien wird eine überaus große Not in unserer Welt deutlich, im säkularen Kontext ebenso wie in christlichen Settings. Unterschiedlichste Formen des Missbrauchs sind nur da dauerhaft möglich, wo das Umfeld mitmacht. Wo es zu unbequem ist, genau hinzuschauen und sich mit wichtigen Themen zu beschäftigen. Wo wir Unrecht nicht wahrhaben wollen und uns weigern, Schuld und Mitschuld beim Namen zu nennen. Wo sich unsere Orientierungslosigkeit weigert, fachliche Hilfe zu suchen, und wo Beratungsresistenz boomt. Wo wir über sexuellen und religiösen Missbrauch lieber nicht aufklären, weil Organisationen und christliche Gemeinschaften dann ja angegriffen werden könnten. Wo wir vor den nötigen Konsequenzen Angst haben und deshalb schweigen. Der Schein muss gewahrt bleiben. Haben wir im Blick, dass wir dadurch Betroffene im Stich und Täter weiter gewähren lassen und unsere eigene Glaubwürdigkeit riskieren?
Durch verschiedene offengelegte Skandale ist zumindest das Thema der sexualisierten Gewalt auch in Europa massiv in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt. Viele säkulare und kirchliche Organisationen arbeiten mit Hochdruck an Präventiv- und Schutzkonzepten gegen sexuellen Missbrauch. Jedes Engagement in diesem Kontext ist wertvoll. Gleichzeitig braucht es an vielen Orten noch eine ehrliche Aufarbeitung dessen, was bereits geschehen ist.
Das Thema des religiösen Missbrauchs ist währenddessen noch lange nicht verstanden. Die Vernachlässigung einer Fürsorgepflicht durch die Gemeindeleitung – wie im Buch beschrieben – ist eines seiner Gesichter. Genauso wie das Phänomen der Beschämung und Diskreditierung derer, die Probleme ansprechen.
Rachael Denhollander wurde zu einer mutigen Stimme für Tausende Betroffene. Ihre ehrliche Auseinandersetzung mit vielen wichtigen Fragen berührt. Sie handelte nach den Werten ihres Glaubens, die in folgenden Bibelworten zum Ausdruck kommen:
»Du aber tritt für die Leute ein, die sich selbst nicht verteidigen können! Schütze das Recht der Hilflosen! Sprich für sie und regiere gerecht! Hilf den Armen und Unterdrückten!« (Sprüche 31,8-9 Hfa).
»Lernt wieder, Gutes zu tun! Sorgt für Recht und Gerechtigkeit, tretet den Gewalttätern entgegen und verhelft den Waisen und Witwen zu ihrem Recht!« (Jesaja 1,17 Hfa).
Wie schön wäre es, wenn wir alle aus dieser Geschichte lernen könnten – in unserer Gesellschaft und ganz besonders in christlichen Settings aller Art! Wenn wir alle im Blick auf Dynamiken sexualisierter Gewalt und toxischer Spiritualität ehrlich werden, wenn Machtmissbrauch jeder Art verstanden und beendet wird, könnte es sein, dass nicht nur das Leid unzähliger Betroffener gewürdigt wird (was ihnen so sehr zusteht), sondern dass es in Zukunft mehr sichere Orte gäbe, an denen Menschen leben können. Und dass Kirchen und Gemeinden ihre Glaubwürdigkeit wiedererlangen, wo sie diese durch Missbrauch oder einen falschen Umgang damit verloren haben.
Unser Handeln hat Gewicht für diese Zeit, in der wir leben. Und es hat Ewigkeitsrelevanz, für uns und andere.
Ich schließe mit den Worten, die Rachel Denhollander selbst in ihrem Finale wählt:
»Es gibt noch so viel zu tun. So viel Böses zu bekämpfen, so viel Heilung zu erreichen, so viele Verletzte zu lieben. Entscheiden wir uns immer wieder dafür, ungeachtet der Kosten das Richtige zu tun […] Die Dunkelheit ist da und wir können sie nicht ignorieren. Aber was wir tun können ist, uns von ihr zum Licht weisen zu lassen.«
Inge Tempelmann
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Anmerkung der Autorin
Dieser Bericht enthält meine Darstellung der Ereignisse, die mich dazu bewegten, gegen meinen Peiniger auszusagen. Ich möchte den Schaden aufdecken, den Missbrauchstäter anrichten und der entsteht, wenn Missbrauch verharmlost oder ignoriert wird. Einige Namen und persönliche Daten habe ich geändert, um die Privatsphäre einzelner Personen zu schützen. Bei der Beschreibung der Ereignisse stütze ich mich nicht nur auf meine Erinnerung, sondern auch auf meine persönliche Korrespondenz, Medienberichte, Gerichtsprotokolle sowie medizinische und juristische Unterlagen. Wie es bei allen Autobiografien der Fall ist, ist dies meine ganz persönliche Version der Geschichte.
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Prolog
4. August 2016, 10:32 Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren …
An diesem Morgen hatte ich nicht vorgehabt, eine E-Mail zu schreiben. Mit drei Kindern unter fünf Jahren musste und wollte ich meine Zeit tagsüber damit verbringen, die schlichten, aber reichen Freuden mit den Kleinen zu genießen – und nur wenn es möglich war ein paar Stunden meiner eigenen Arbeit dazwischenzuschieben. Mein Mann Jacob war Vollzeitstudent, der nebenbei jobbte und selten vor dem Abendessen zu Hause war. An diesem Morgen hatte ich mich auf meinem Laptop angemeldet, um die Einkaufsliste zu suchen, die ich am Vorabend getippt hatte. Zufällig war Facebook noch geöffnet, sodass mir die Schlagzeile sofort ins Auge fiel – ein häufig angesehener Nachrichtenartikel, der nur wenige Stunden zuvor gepostet worden war: »Augen vor sexuellem Missbrauch verschlossen: Wie USA Gymnastics es unterließ, Fälle zur Anzeige zu bringen.«
Was für ein Schock. Mein Mann und ich hatten die Leiter unserer Kirchengemeinde gerade erst auf ein ähnliches Problem angesprochen, das eine Gemeinde betraf, die sie unterstützten; die Wunde fühlte sich noch sehr frisch an. Ich sah mich um, um sicherzugehen, dass mein fünfjähriger Sohn, der bereits fließend lesen konnte, nicht in der Nähe war. Dann klickte ich auf den Link.
Was ich las, erfüllte mich mit einer Trauer, die ich nicht ausdrücken kann. USA Gymnastics hatte systematisch Berichte über sexuelles Fehlverhalten in einem Aktenschrank vergraben – Beschwerden von über vierundfünfzig Teamtrainern, in einem Zeitraum von zehn Jahren –, und einige dieser Trainer hatten danach noch jahrelang kleine Mädchen missbraucht. 1 Ich hätte am liebsten geweint. Nur zu gut wusste ich, was diese armen Kinder durchgemacht hatten.
Am Ende des Artikels stand folgender Hinweis: »Der IndyStar wird weiterhin in dieser Sache ermitteln.« Die Redaktion hatte eine E-Mail-Adresse angegeben, an welche die Leser Hinweise senden konnten. Mein Magen drehte sich um. In diesem Moment war ich mir in zwei Punkten ganz sicher.
Erstens hatte ich recht. Der Dachverband United States of America Gymnastics (USAG) hatte Fälle sexuellen Missbrauchs verheimlicht, um das Gesicht zu wahren. Wenn sie ihre Trainer beschützt haben, vermutete ich, hätten sie ihn erst recht beschützt. Sie hätten nie auf mich gehört.
Zweitens war das der Moment, auf den ich fast sechzehn Jahre lang gewartet und gehofft hatte. Jemand hatte aufgedeckt, wie USAG mit sexuellem Missbrauch umging. Das bedeutete, jemand hatte den Mund aufgemacht, und mehr noch, dieser Person war geglaubt worden. Der Artikel verbreitete sich schnell, was wiederum bedeutete, dass die Öffentlichkeit ihm Aufmerksamkeit schenkte.
Gleich dort, mit meinem zahnenden Baby auf dem Rücken, brach ich meine unumstößliche Regel über das Schreiben von E-Mails während des Tages. Vor- und zurückwippend, um die kleine Ellianna ruhig zu halten, tippte ich:
Ich schreibe diese E-Mail, um einen Vorfall zu melden … Nicht von meinem Trainer wurde ich belästigt, sondern von Dr. Larry Nassar, dem Mannschaftsarzt von USAG.
Ich war fünfzehn Jahre alt.
Einen Moment hielt ich inne. Ich wusste genau, was es für mich und meine Familie bedeuten würde, wenn das Team vom IndyStar beschließen sollte, die Geschichte aufzugreifen. Ich wusste schon seit Jahren, was der Preis dafür sein würde. Doch es musste sein, und wenn ich es jetzt nicht tat, würde es vielleicht nie passieren.
Die Patientenakten, in denen meine Behandlung aufgezeichnet ist, befinden sich in meinem Besitz, sie liegen in einem Aktenschrank bei meinen Eltern, ein paar Stunden von hier entfernt.
Ich wusste, dass meine Beweise spärlich waren. Aber an der Art und Weise der Untersuchung des IndyStar erkannte ich, dass die Journalisten etwas von den Auswirkungen sexueller Gewalt verstanden, davon, wie Beweise aussahen und welche Muster man häufig erkennen konnte. Sie hatten die Schattenseite von USAG gesehen, weil sie den Missbrauchsopfern geglaubt hatten. Trotzdem, … ich wusste, wie es sich anfühlte, den Mund aufzumachen und abgewiesen zu werden.
Ich habe Nassar nie irgendwem gemeldet, außer meiner Trainerin, ein paar Jahre später … Mir wurde gesagt, dass ich es bloß niemandem sagen solle, … es würde auf mich zurückfallen. So entschied ich mich dagegen, zur Polizei zu gehen, … mein Wort stand gegen seines … Ich war mir sicher, dass man mir nicht glauben würde.
Unruhig sah ich mich in meiner Küche um.
Wir waren gerade mit dem Frühstück fertig und ich schrieb eine E-Mail, die – wenn sie ihren Zweck erfüllte – unser Leben völlig auf den Kopf stellen würde. Ich schüttelte mich innerlich, unterdrückte entschlossen die in mir aufsteigende Übelkeit und tippte zwei letzte Sätze:
Bisher hatte ich wenig Hoffnung, dass irgendetwas aufgeklärt werden würde, wenn ich an die Öffentlichkeit ginge, deshalb habe ich geschwiegen. Wenn sich das nun ändern könnte, werde ich mich so öffentlich wie nötig äußern.
Dann drückte ich auf Senden.
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EINS
»Warum hast du nicht eher etwas gesagt?« Diese Frage wurde mir häufiger gestellt, als ich zählen kann. Manchmal ist die Motivation dahinter der aufrichtige Wunsch, es zu verstehen, und manchmal wird die Frage wie eine Waffe eingesetzt, um Zweifel darüber zu äußern, ob mein Missbrauch überhaupt stattgefunden hat. Die Wahrheit ist, dass ich sehr wohl etwas gesagt habe, viele von uns haben das. Aber wie alle Opfer von sexueller Gewalt bestätigen können, ist es eine Sache, etwas zu sagen – gehört und ernst genommen zu werden eine andere.
Sexuelle Straftäter sind wie Raubtiere und machen Jagd auf die Wehrlosen. Sie rechnen damit, dass die Opfer sich nicht selbst schützen können, aber vor allem, dass alle anderen zu viel Angst haben, um ihnen entgegenzutreten. Ich hasse Ungerechtigkeit. Aber Schweigen und Apathie gegenüber Ungerechtigkeit verabscheue ich noch mehr. Viel zu oft ist die Überzeugung der Täter, dass niemand sie herausfordern wird, begründet. Und genau das hat verheerende Folgen für die Opfer, auf die sie es abgesehen haben. Aber so darf es nicht länger bleiben.
Schon immer hatte ich einen starken Gerechtigkeitssinn und den Wunsch, andere zu beschützen. An einem Nachmittag, ich war ungefähr sieben Jahre alt, brachte meine Mutter mich und meine beiden jüngeren Geschwister Joshua und Bethany zu McDonald’s, wo wir mit anderen Kindern zum Spielen verabredet waren. Es gab einen Spielbereich mit einem Bällebad, verzweigten Tunneln und einer kurvigen Rutsche, die einem einen solch gehörigen elektrischen Schlag versetzte, dass auch die geschmeidigste Frisur in eine perfekte Nachbildung von Albert Einsteins Schopf verwandelt wurde, noch ehe man unten ankam. Die Tunnel und das Bällebad waren meine Lieblingsplätze im Spielbereich, man konnte sich die wildesten Abenteuer in diesem Plastiklabyrinth vorstellen. Gerade war ich damit beschäftigt, die Plastiktunnel nach feindlichen Eindringlingen zu durchsuchen, als ich es sah. Direkt unter mir attackierte ein Junge, etwa in meinem Alter, meinen Bruder und meine Schwester mit den Füßen! Eine heftige Welle von Emotionen erfasste mich. Als die Älteste und Stärkste von uns Dreien wusste ich, was meine Aufgabe war, nämlich die zu beschützen, die sich nicht selbst schützen können. Ich hatte es von dem Moment an gewusst, als meine Mutter meinen neugeborenen Bruder aus dem Krankenhaus mit nach Hause gebracht hatte, damals war ich etwa zweieinhalb Jahre alt. Es war einer dieser Augenblicke, die mir bis heute deutlich in Erinnerung geblieben sind.
Mein kleiner Bruder war »nagelneu« und die erstaunlichste winzige Person, die ich mir hatte vorstellen können. Ich wollte mich so sehr um Joshua kümmern, dass meine Mutter mich beim Windelwechseln zuschauen ließ und mir jeden Schritt dieser Prozedur erklärte. Und das war es wirklich – im Jahr 1987 waren die Stoffwindeln noch nicht so hübsch mit Druckknöpfen, Taschen und Einsätzen ausgestattet wie heute. Es waren die altmodischen Dinger, die man falten und mit riesigen Sicherheitsnadeln befestigen musste. Ich erinnere mich an die Einweisung meiner Mutter, als wäre es gestern gewesen. Sie zeigte mir, wie man den Stoff faltete, um die richtige Form zu erhalten, auf welcher Höhe die Windel auf dem kleinen Bauch des Babys liegen musste und wie man überprüfte, ob sie an den Beinchen richtig saß. Dann tat meine Mutter etwas, das ich nicht mehr vergessen werde. Sie schob ihren Zeige- und Mittelfinger unter die Kanten, an denen sich die Windelenden trafen, und sagte: »Denk immer daran, deine Finger zwischen die Windel und das Baby zu halten, genau da, wo du die Nadel durchstechen willst. Wenn die Nadel einmal abrutscht, ist es die Mama, die verletzt wird, und nicht das Baby.«
»Weißt du, Rachael«, fuhr sie fort, »das Wichtigste ist, die Kleinen zu schützen.« Und das lebte sie uns mit ganzem Herzen vor. Ich wurde mit meinen eigenen Stoffwindeln und Nadeln ausgestattet und durfte an meiner Cabbage Patch-Puppe üben. Jedes Mal, wenn ich der Puppe die Windel wechselte, machte ich alles genau so, wie es mir meine Mutter gezeigt hatte. Gewissenhaft faltete ich die Windel und überprüfte, wie mein Schützling darauf lag. Dann schob ich meine Finger unter die Kanten, holte tief Luft und stach die Nadel durch. Und wissen Sie was? Kein einziges Mal habe ich meine Puppe gepikst. Natürlich hatte ich jedes Mal, wenn ich übte, einen Anflug von Sorge, dass ich mir mit der Nadel selbst in die Finger stechen würde. Aber ich sagte mir einfach immer wieder: Das Wichtigste ist, das Baby zu schützen. Das ist meine Aufgabe.
Fünf Jahre später bei McDonald’s war dieser Instinkt noch genauso stark.
Das ist meine Aufgabe.
So schnell ich konnte, kletterte ich die Rutsche hinunter und rannte zu dem älteren Jungen hinüber. Ohne zu zögern, packte ich ihn bei den Handgelenken, zerrte ihn von meinen Geschwistern weg und hielt meine Arme ausgestreckt, um mich von seinem schwingenden Fuß fernzuhalten. Zornig starrte mich der Junge an und versuchte sich zu befreien, während er mich anschrie, ihn loszulassen. Ich atmete tief durch, hielt ihn weiter fest und schlug nicht zurück. Ich war einfach nur fest entschlossen, meine Geschwister zu beschützen und sagte mit fester und ruhiger Stimme:
»Hör auf. Du tust ihnen weh, und du bist alt genug, um es besser zu wissen. Wenn du noch mal meinst, jemandem wehtun zu müssen, sage ich es einem Erwachsenen.«
Er versuchte, sich zu wehren, doch ich hielt ihn weiter fest.
»Hör auf«, wiederholte ich. »Du bist alt genug, um es besser zu wissen.«
Verärgert hielt er inne und grunzte dann ein trotziges »Okay!«.
Meine Geschwister waren inzwischen außer Reichweite, also ließ ich los und der Junge stampfte davon. In dem Moment kamen unsere Mütter an die Tür, die von ihrem Tisch aus beobachtet haben mussten, wie ich den Jungen in Schach gehalten hatte.
»Ist alles in Ordnung?«, rief meine Mutter.
Ich warf einen Blick über die Schulter zu dem Jungen, der jetzt in einiger Entfernung vor sich hin schmollte.
»Uns geht es gut«, versicherte ich ihr.
Wir spielten weiter und ich war erleichtert. Meine Geschwister waren nicht verletzt, ich hatte meine Aufgabe erfüllt und das genutzt, was mir gegeben war, um sie zu beschützen – mein Alter, meine Kraft und meine Worte. Damals hatte ich gewusst, was ich zu tun hatte, weil mir eindringlich beigebracht worden war, dass man immer das Recht hat, sich selbst und andere zu verteidigen. Meine Eltern unterstützten mich darin, mutig für etwas oder jemanden einzutreten. Sie ließen es mich sogar üben, damit ich genau wusste, was ich zu tun und zu sagen hatte, wenn ich je dazu gezwungen sein würde.
»Du hast immer das Recht, dich selbst und andere zu verteidigen«, hatten sie gesagt, »aber schlag niemals wütend um dich. Schlag nicht mit den gleichen Mitteln zurück und tu nur das, was nötig ist, um dich oder andere zu schützen.«
Mit anderen Worten: Meine Motivation sollte Liebe sein – nicht Zorn oder Rache. Es sollte darum gehen, den anderen aufzuhalten, ohne den Wunsch zu hegen, ihm Schaden zuzufügen.
Genauso brachten mir meine Eltern bei, dass Kinder, die sich schlecht benahmen, oft wütend und verletzt waren und es deshalb wichtig war, auch Mitgefühl für sie zu haben. Sie ermutigten mich, solchen Querschlägern die Wahrheit zu sagen und sie daran zu erinnern, dass sie verständiger sein konnten und sollten und dass sie für ihre Entscheidungen verantwortlich waren. Und sie erklärten mir, dass ich die Hilfe einer Autoritätsperson in Anspruch nehmen sollte, statt im Zorn meine eigene Form von Gerechtigkeit zu üben.
Angesichts dieser frühen Lektionen – und der Tatsache, dass ich unglaublich stur und streitlustig war, wenn ich das Gefühl hatte, im Recht zu sein – glaube ich nicht, dass meine Eltern überrascht waren, als ich im Alter von acht Jahren verkündete, eines Tages Anwältin werden zu wollen, um Familien und Kinder zu beschützen. Wenig später setzte ich meinen ersten »Vertrag« auf.
Eines Nachmittags stellte ich fest, dass meine Mutter zu viel Zeit am Telefon verbrachte, um eine Freundin in einer Krise zu unterstützen, und zu wenig Zeit damit, mir bei den Mathe-Hausaufgaben zu helfen. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft daran, wie frustriert ich war. Dass ihre Gespräche wichtig waren, ahnte ich, aber, meine Güte, wenn sie von mir erwartete, dass ich meine Matheaufgaben machte, musste sie auch ihren Teil der Abmachung erfüllen! Wir brauchten einfach ein paar konkrete, definierbare Grenzen in diesem Haushalt. In meiner Verzweiflung nahm ich also ein Blatt Papier und einen Bleistift und setzte, angetrieben von gerechter Empörung, einen Vertrag auf. Ich entwarf eine Vereinbarung, in der sich meine Mutter verpflichten würde, eine festgelegte, begrenzte Zeit am Telefon zu verbringen und mir so lange wie nötig bei Mathe zu helfen. Im Gegenzug würde ich meine für das Schuljahr festgelegten Lektionen abschließen. Dann zog ich zwei Linien darunter, auf denen wir beide unterschreiben konnten, brachte den Vertrag meiner Mutter und machte ihr meinen Standpunkt klar. Von da an wurden meine Matheaufgaben stets fristgerecht unterstützt – und meine Eltern waren weiterhin der Ansicht, dass Jura die ideale Studienwahl für mich werden würde.
Es war ein Segen, Eltern zu haben, die erkannten, dass aus Sturheit Ausdauer und Entschlossenheit werden kann, wenn man sie in die richtigen Bahnen lenkt. Wie meine Mutter mich oft erinnerte, sind unsere größten Schwächen oft auch unsere größten Stärken – solange wir richtig damit umgehen. Statt zu versuchen, diesen Teil meiner Persönlichkeit zu unterdrücken, brachten meine Eltern mir bei, wie ich ihn kontrollieren und zu meinem Vorteil nutzen konnte und gleichzeitig dabei meine Motivationen zu hinterfragen. Kämpfte ich nur für etwas, weil ich gewinnen wollte – selbst wenn ich im Recht war –, oder kämpfte ich für etwas, weil es mir um die Liebe zu Gott und dem Nächsten ging? Wenn ich einfach nur recht haben und gewinnen wollte, würde ich letzten Endes nur von Überheblichkeit angetrieben sein. Dann wäre ich versucht, ungute Kompromisse einzugehen, Fakten zu verdrehen, andere zu manipulieren und vielleicht sogar Teile der Wahrheit zu ignorieren. Wenn ich nur von dem Wunsch zu siegen angetrieben wäre, könnte meine Zielstrebigkeit für andere gefährlich werden – und letztendlich auch für mich selbst. Meine Eltern lehrten mich, dass ich mich davor schützen konnte, indem ich stattdessen die Liebe zu meiner Motivation machte. Liebe würde die Bereitschaft garantieren, die Wahrheit zu hören und zu sehen. Auch wenn das bedeutete, zugeben zu müssen, dass ich falsch lag. Liebe würde dafür sorgen, dass ich sogar mit denjenigen mitfühlte, die Unrecht getan hatten, gleichzeitig würde sie aber auch ein kompromissloses Streben nach Wahrheit ermöglichen. So wurden mir die Werkzeuge dafür gegeben, schon früh meine Meinung zu vertreten, und ebenso die Erlaubnis, diese Werkzeuge zu gebrauchen.
Und das tat ich auch.
Die Vorstellung, an der viele Menschen festhalten wollen – dass Missbrauchsopfer nicht wissen, wie sie ihre Meinung sagen sollen –, ist nicht wahr. Wir müssen uns von dieser Vorstellung trennen und stattdessen versuchen zu verstehen, was es wirklich ist, das die Opfer zum Schweigen bringt.
Ein roter Faden in der gesellschaftlichen Reaktion auf Missbrauch ist das Argument: »Ich sage ja nicht, dass es ihre Schuld war. Ich sage nur, dass ich anders reagiert hätte.« Es fühlt sich sicherer an, zu glauben, dass Missbrauch nur denen passiert, die es »zulassen«. Aber genau genommen gibt man damit den Opfern die Schuld, indem man andeutet, dass sie den Missbrauch hätten stoppen können, wenn sie nur anders reagiert hätten. Dieser Trugschluss muss über Bord geworfen werden, wir sollten uns bemühen, zu verstehen, warum manche Opfer während oder selbst nach einem Missbrauch nicht dagegen angehen.
Die Wahrheit ist, dass ich die nötigen Werkzeuge besaß und auch schon früh gelernt hatte, sie einzusetzen. Doch als es so weit war, reichten sie nicht aus, um mir zu helfen, gehört und ernst genommen zu werden.
