Читать книгу: «Wie ich das Schweigen brach»
Rachael Denhollander

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-7751-7490-9 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-6047-6 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© der deutschen Ausgabe 2021
SCM Verlagsgruppe GmbH · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: info@scm-haenssler.de
Originally published in English in the U.S.A. under the title: What Is a Girl Worth? by Rachael Denhollander
Copyright © 2019 by Rachael Denhollander
German edition © 2021 by SCM Verlagsgruppe GmbH
with permission of Tyndale House Publishers, Inc.
All rights reserved.
Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen
Übersetzung: Tabitha Krägeloh
Lektorat: Stefanie Respondek
Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart
Titelbild: Author photo taken by Jacob Roberts copyright © 2019 Autorenfoto: © Jacob Roberts
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Jedem Opfer
mit seiner persönlichen Geschichte und Identität.
An die, die vorher kamen,
die noch folgen
und die nicht länger unter uns sind.
Es ist nicht deine Schuld.
Es ist nicht deine Schande.
Dir wird geglaubt.
Du sollst wissen, wie viel du wert bist.
Inhalt
Vorwort
Anmerkung der Autorin
Prolog
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
Epilog
Dank
Über die Autorin
Beratungs- und Anlaufstellen für Betroffene sexualisierter Gewalt
Anmerkungen
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
Vorwort
»In dem Moment, als ich mich zum Gerichtssaal umwandte, war ich plötzlich überwältigt von dem Geschenk, das uns allen gegeben worden war. Von der Kraft, die wir gemeinsam gefunden hatten. Wir hatten noch viel mehr erreicht, als ich mir je erhofft hatte – und das war jeder einzelnen Stimme zu verdanken, die erhoben worden war.«
Rachael Denhollander
»Wie ich das Schweigen brach« ist die bewegende Geschichte einer mutigen jungen Frau, die die Aufdeckung eines der größten Missbrauchsskandale der US-amerikanischen Geschichte ins Rollen brachte. Mutig wagte sie den ersten Schritt, der nötig war, um den Täter zu stoppen. 16 Jahre nach der eigenen Gewalterfahrung sah sie plötzlich eine Möglichkeit, dass ihre Stimme gehört wurde, und diese setzte sie mit aller Entschiedenheit ein. In den schweren Monaten vor und während des Prozesses war sie bereit, auf so viel Lebensqualität zu verzichten, eigene Retraumatisierung in Kauf zu nehmen und der Öffentlichkeit tiefste Einblicke in ihre Privatsphäre zu gewähren. Sie ging den ersten Schritt, damit weitere Betroffene folgen konnten. Nur auf diese Weise gab es überhaupt Hoffnung auf ein gerichtliches Verfahren. Nur so konnte der berühmte Sportmediziner und Arzt der US-Turnerinnen Larry Nassar in seinen kriminellen Machenschaften gestoppt werden. Rachael Denhollander, deren Geschichte auch für den deutschsprachigen Raum höchste Relevanz hat, gebührt unser ganzer Respekt und Dank.
In ihrem Buch beschreibt die Autorin eine Kultur des Missbrauchs, die die sexualisierte Gewalt gegen mindestens 156 junge Mädchen und Frauen ermöglichte. Genau wie sprichwörtlich ein »Dorf« nötig ist, um ein Kind zu erziehen und ins Leben zu begleiten, so ist ebenfalls ein »Dorf« nötig, um ein solches Kind zu missbrauchen. Und wiederum ist ein »Dorf« nötig, um einen Missbrauchstäter zu stoppen. Fassungslos ist sie schließlich nicht nur über das Ausmaß der Gewalt, sondern auch über all das, was in den großen mächtigen Institutionen die Gewalt rund um Nassar ermöglichte und was nicht getan wurde, um den Missbrauch zu stoppen – obgleich es möglich gewesen wäre.
Rachael Denhollander erlebte Missbrauch auf unterschiedlichen Ebenen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrem Leben. Auch im Kontext von Gemeinde, die ihre Macht und ihren Einfluss seinerzeit nicht nutze, um sie und andere Kinder zu schützen, und auch nicht, um den Täter zur Verantwortung zu ziehen. Stattdessen verlor man sich in theologischen Diskussionen darüber, welche Schritte »schriftgemäß« waren, und weigerte sich, mit Experten zusammenzuarbeiten. Auf diese Weise wurde der Missbrauch nicht ernst genommen und schließlich vertuscht. Die Gemeindeleitung entzog sich ihrer Verantwortung und vernachlässigte ihre Fürsorgepflicht. Eine Erfahrung religiösen Missbrauchs, die zusätzlich zu verkraften war.
Eine weitere Episode begann direkt vor der Aufdeckung des großen Missbrauchsskandals bei den US-Turnerinnen. Rachael und ihr Mann Jacob gehörten in dieser Zeit zu einer Gemeinde, die gerade dabei war, sich einem bestimmten Gemeindenetzwerk anzuschließen. Das Problem war, dass in diesem Gemeindenetzwerk nur wenige Jahre zuvor zahlreiche Vorwürfe darüber laut geworden waren, dass Pastoren und Gemeindeleiter Beschuldigungen sexueller Übergriffe routinemäßig falsch handhabten. Die eigene Gemeindeleitung nahm die Pastoren des Netzwerkes jedoch automatisch in Schutz, obgleich man keinerlei sichere Informationen hatte, dass die vielfältigen Vorwürfe nicht berechtigt waren. Dies wurde von den Denhollanders hinterfragt. Ihr warnendes Hinterfragen sowie ihr gewohntes Engagement, sich in den sozialen Medien zu Themen des Missbrauchs zu äußern, führten in kürzester Zeit dazu, dass sie ihrer Ämter in der Gemeinde enthoben wurden. Man warf ihnen vor, dass sie Schaden anrichteten. Rachael und Jacob verloren damit jeden Rückhalt ihrer Gemeinde, weil sie mit ihrer Wahrnehmung und Erfahrung verantwortungsvoll umgegangen waren. Sie erlebten, was Betroffene in religiös missbräuchlichen Settings typischerweise erfahren: Menschen, die Probleme ansprechen, werden selbst als Problem behandelt!
In den beschriebenen Szenarien wird eine überaus große Not in unserer Welt deutlich, im säkularen Kontext ebenso wie in christlichen Settings. Unterschiedlichste Formen des Missbrauchs sind nur da dauerhaft möglich, wo das Umfeld mitmacht. Wo es zu unbequem ist, genau hinzuschauen und sich mit wichtigen Themen zu beschäftigen. Wo wir Unrecht nicht wahrhaben wollen und uns weigern, Schuld und Mitschuld beim Namen zu nennen. Wo sich unsere Orientierungslosigkeit weigert, fachliche Hilfe zu suchen, und wo Beratungsresistenz boomt. Wo wir über sexuellen und religiösen Missbrauch lieber nicht aufklären, weil Organisationen und christliche Gemeinschaften dann ja angegriffen werden könnten. Wo wir vor den nötigen Konsequenzen Angst haben und deshalb schweigen. Der Schein muss gewahrt bleiben. Haben wir im Blick, dass wir dadurch Betroffene im Stich und Täter weiter gewähren lassen und unsere eigene Glaubwürdigkeit riskieren?
Durch verschiedene offengelegte Skandale ist zumindest das Thema der sexualisierten Gewalt auch in Europa massiv in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt. Viele säkulare und kirchliche Organisationen arbeiten mit Hochdruck an Präventiv- und Schutzkonzepten gegen sexuellen Missbrauch. Jedes Engagement in diesem Kontext ist wertvoll. Gleichzeitig braucht es an vielen Orten noch eine ehrliche Aufarbeitung dessen, was bereits geschehen ist.
Das Thema des religiösen Missbrauchs ist währenddessen noch lange nicht verstanden. Die Vernachlässigung einer Fürsorgepflicht durch die Gemeindeleitung – wie im Buch beschrieben – ist eines seiner Gesichter. Genauso wie das Phänomen der Beschämung und Diskreditierung derer, die Probleme ansprechen.
Rachael Denhollander wurde zu einer mutigen Stimme für Tausende Betroffene. Ihre ehrliche Auseinandersetzung mit vielen wichtigen Fragen berührt. Sie handelte nach den Werten ihres Glaubens, die in folgenden Bibelworten zum Ausdruck kommen:
»Du aber tritt für die Leute ein, die sich selbst nicht verteidigen können! Schütze das Recht der Hilflosen! Sprich für sie und regiere gerecht! Hilf den Armen und Unterdrückten!« (Sprüche 31,8-9 Hfa).
»Lernt wieder, Gutes zu tun! Sorgt für Recht und Gerechtigkeit, tretet den Gewalttätern entgegen und verhelft den Waisen und Witwen zu ihrem Recht!« (Jesaja 1,17 Hfa).
Wie schön wäre es, wenn wir alle aus dieser Geschichte lernen könnten – in unserer Gesellschaft und ganz besonders in christlichen Settings aller Art! Wenn wir alle im Blick auf Dynamiken sexualisierter Gewalt und toxischer Spiritualität ehrlich werden, wenn Machtmissbrauch jeder Art verstanden und beendet wird, könnte es sein, dass nicht nur das Leid unzähliger Betroffener gewürdigt wird (was ihnen so sehr zusteht), sondern dass es in Zukunft mehr sichere Orte gäbe, an denen Menschen leben können. Und dass Kirchen und Gemeinden ihre Glaubwürdigkeit wiedererlangen, wo sie diese durch Missbrauch oder einen falschen Umgang damit verloren haben.
Unser Handeln hat Gewicht für diese Zeit, in der wir leben. Und es hat Ewigkeitsrelevanz, für uns und andere.
Ich schließe mit den Worten, die Rachel Denhollander selbst in ihrem Finale wählt:
»Es gibt noch so viel zu tun. So viel Böses zu bekämpfen, so viel Heilung zu erreichen, so viele Verletzte zu lieben. Entscheiden wir uns immer wieder dafür, ungeachtet der Kosten das Richtige zu tun […] Die Dunkelheit ist da und wir können sie nicht ignorieren. Aber was wir tun können ist, uns von ihr zum Licht weisen zu lassen.«
Inge Tempelmann
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Anmerkung der Autorin
Dieser Bericht enthält meine Darstellung der Ereignisse, die mich dazu bewegten, gegen meinen Peiniger auszusagen. Ich möchte den Schaden aufdecken, den Missbrauchstäter anrichten und der entsteht, wenn Missbrauch verharmlost oder ignoriert wird. Einige Namen und persönliche Daten habe ich geändert, um die Privatsphäre einzelner Personen zu schützen. Bei der Beschreibung der Ereignisse stütze ich mich nicht nur auf meine Erinnerung, sondern auch auf meine persönliche Korrespondenz, Medienberichte, Gerichtsprotokolle sowie medizinische und juristische Unterlagen. Wie es bei allen Autobiografien der Fall ist, ist dies meine ganz persönliche Version der Geschichte.
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Prolog
4. August 2016, 10:32 Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren …
An diesem Morgen hatte ich nicht vorgehabt, eine E-Mail zu schreiben. Mit drei Kindern unter fünf Jahren musste und wollte ich meine Zeit tagsüber damit verbringen, die schlichten, aber reichen Freuden mit den Kleinen zu genießen – und nur wenn es möglich war ein paar Stunden meiner eigenen Arbeit dazwischenzuschieben. Mein Mann Jacob war Vollzeitstudent, der nebenbei jobbte und selten vor dem Abendessen zu Hause war. An diesem Morgen hatte ich mich auf meinem Laptop angemeldet, um die Einkaufsliste zu suchen, die ich am Vorabend getippt hatte. Zufällig war Facebook noch geöffnet, sodass mir die Schlagzeile sofort ins Auge fiel – ein häufig angesehener Nachrichtenartikel, der nur wenige Stunden zuvor gepostet worden war: »Augen vor sexuellem Missbrauch verschlossen: Wie USA Gymnastics es unterließ, Fälle zur Anzeige zu bringen.«
Was für ein Schock. Mein Mann und ich hatten die Leiter unserer Kirchengemeinde gerade erst auf ein ähnliches Problem angesprochen, das eine Gemeinde betraf, die sie unterstützten; die Wunde fühlte sich noch sehr frisch an. Ich sah mich um, um sicherzugehen, dass mein fünfjähriger Sohn, der bereits fließend lesen konnte, nicht in der Nähe war. Dann klickte ich auf den Link.
Was ich las, erfüllte mich mit einer Trauer, die ich nicht ausdrücken kann. USA Gymnastics hatte systematisch Berichte über sexuelles Fehlverhalten in einem Aktenschrank vergraben – Beschwerden von über vierundfünfzig Teamtrainern, in einem Zeitraum von zehn Jahren –, und einige dieser Trainer hatten danach noch jahrelang kleine Mädchen missbraucht. 1 Ich hätte am liebsten geweint. Nur zu gut wusste ich, was diese armen Kinder durchgemacht hatten.
Am Ende des Artikels stand folgender Hinweis: »Der IndyStar wird weiterhin in dieser Sache ermitteln.« Die Redaktion hatte eine E-Mail-Adresse angegeben, an welche die Leser Hinweise senden konnten. Mein Magen drehte sich um. In diesem Moment war ich mir in zwei Punkten ganz sicher.
Erstens hatte ich recht. Der Dachverband United States of America Gymnastics (USAG) hatte Fälle sexuellen Missbrauchs verheimlicht, um das Gesicht zu wahren. Wenn sie ihre Trainer beschützt haben, vermutete ich, hätten sie ihn erst recht beschützt. Sie hätten nie auf mich gehört.
Zweitens war das der Moment, auf den ich fast sechzehn Jahre lang gewartet und gehofft hatte. Jemand hatte aufgedeckt, wie USAG mit sexuellem Missbrauch umging. Das bedeutete, jemand hatte den Mund aufgemacht, und mehr noch, dieser Person war geglaubt worden. Der Artikel verbreitete sich schnell, was wiederum bedeutete, dass die Öffentlichkeit ihm Aufmerksamkeit schenkte.
Gleich dort, mit meinem zahnenden Baby auf dem Rücken, brach ich meine unumstößliche Regel über das Schreiben von E-Mails während des Tages. Vor- und zurückwippend, um die kleine Ellianna ruhig zu halten, tippte ich:
Ich schreibe diese E-Mail, um einen Vorfall zu melden … Nicht von meinem Trainer wurde ich belästigt, sondern von Dr. Larry Nassar, dem Mannschaftsarzt von USAG.
Ich war fünfzehn Jahre alt.
Einen Moment hielt ich inne. Ich wusste genau, was es für mich und meine Familie bedeuten würde, wenn das Team vom IndyStar beschließen sollte, die Geschichte aufzugreifen. Ich wusste schon seit Jahren, was der Preis dafür sein würde. Doch es musste sein, und wenn ich es jetzt nicht tat, würde es vielleicht nie passieren.
Die Patientenakten, in denen meine Behandlung aufgezeichnet ist, befinden sich in meinem Besitz, sie liegen in einem Aktenschrank bei meinen Eltern, ein paar Stunden von hier entfernt.
Ich wusste, dass meine Beweise spärlich waren. Aber an der Art und Weise der Untersuchung des IndyStar erkannte ich, dass die Journalisten etwas von den Auswirkungen sexueller Gewalt verstanden, davon, wie Beweise aussahen und welche Muster man häufig erkennen konnte. Sie hatten die Schattenseite von USAG gesehen, weil sie den Missbrauchsopfern geglaubt hatten. Trotzdem, … ich wusste, wie es sich anfühlte, den Mund aufzumachen und abgewiesen zu werden.
Ich habe Nassar nie irgendwem gemeldet, außer meiner Trainerin, ein paar Jahre später … Mir wurde gesagt, dass ich es bloß niemandem sagen solle, … es würde auf mich zurückfallen. So entschied ich mich dagegen, zur Polizei zu gehen, … mein Wort stand gegen seines … Ich war mir sicher, dass man mir nicht glauben würde.
Unruhig sah ich mich in meiner Küche um.
Wir waren gerade mit dem Frühstück fertig und ich schrieb eine E-Mail, die – wenn sie ihren Zweck erfüllte – unser Leben völlig auf den Kopf stellen würde. Ich schüttelte mich innerlich, unterdrückte entschlossen die in mir aufsteigende Übelkeit und tippte zwei letzte Sätze:
Bisher hatte ich wenig Hoffnung, dass irgendetwas aufgeklärt werden würde, wenn ich an die Öffentlichkeit ginge, deshalb habe ich geschwiegen. Wenn sich das nun ändern könnte, werde ich mich so öffentlich wie nötig äußern.
Dann drückte ich auf Senden.
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EINS
»Warum hast du nicht eher etwas gesagt?« Diese Frage wurde mir häufiger gestellt, als ich zählen kann. Manchmal ist die Motivation dahinter der aufrichtige Wunsch, es zu verstehen, und manchmal wird die Frage wie eine Waffe eingesetzt, um Zweifel darüber zu äußern, ob mein Missbrauch überhaupt stattgefunden hat. Die Wahrheit ist, dass ich sehr wohl etwas gesagt habe, viele von uns haben das. Aber wie alle Opfer von sexueller Gewalt bestätigen können, ist es eine Sache, etwas zu sagen – gehört und ernst genommen zu werden eine andere.
Sexuelle Straftäter sind wie Raubtiere und machen Jagd auf die Wehrlosen. Sie rechnen damit, dass die Opfer sich nicht selbst schützen können, aber vor allem, dass alle anderen zu viel Angst haben, um ihnen entgegenzutreten. Ich hasse Ungerechtigkeit. Aber Schweigen und Apathie gegenüber Ungerechtigkeit verabscheue ich noch mehr. Viel zu oft ist die Überzeugung der Täter, dass niemand sie herausfordern wird, begründet. Und genau das hat verheerende Folgen für die Opfer, auf die sie es abgesehen haben. Aber so darf es nicht länger bleiben.
Schon immer hatte ich einen starken Gerechtigkeitssinn und den Wunsch, andere zu beschützen. An einem Nachmittag, ich war ungefähr sieben Jahre alt, brachte meine Mutter mich und meine beiden jüngeren Geschwister Joshua und Bethany zu McDonald’s, wo wir mit anderen Kindern zum Spielen verabredet waren. Es gab einen Spielbereich mit einem Bällebad, verzweigten Tunneln und einer kurvigen Rutsche, die einem einen solch gehörigen elektrischen Schlag versetzte, dass auch die geschmeidigste Frisur in eine perfekte Nachbildung von Albert Einsteins Schopf verwandelt wurde, noch ehe man unten ankam. Die Tunnel und das Bällebad waren meine Lieblingsplätze im Spielbereich, man konnte sich die wildesten Abenteuer in diesem Plastiklabyrinth vorstellen. Gerade war ich damit beschäftigt, die Plastiktunnel nach feindlichen Eindringlingen zu durchsuchen, als ich es sah. Direkt unter mir attackierte ein Junge, etwa in meinem Alter, meinen Bruder und meine Schwester mit den Füßen! Eine heftige Welle von Emotionen erfasste mich. Als die Älteste und Stärkste von uns Dreien wusste ich, was meine Aufgabe war, nämlich die zu beschützen, die sich nicht selbst schützen können. Ich hatte es von dem Moment an gewusst, als meine Mutter meinen neugeborenen Bruder aus dem Krankenhaus mit nach Hause gebracht hatte, damals war ich etwa zweieinhalb Jahre alt. Es war einer dieser Augenblicke, die mir bis heute deutlich in Erinnerung geblieben sind.
Mein kleiner Bruder war »nagelneu« und die erstaunlichste winzige Person, die ich mir hatte vorstellen können. Ich wollte mich so sehr um Joshua kümmern, dass meine Mutter mich beim Windelwechseln zuschauen ließ und mir jeden Schritt dieser Prozedur erklärte. Und das war es wirklich – im Jahr 1987 waren die Stoffwindeln noch nicht so hübsch mit Druckknöpfen, Taschen und Einsätzen ausgestattet wie heute. Es waren die altmodischen Dinger, die man falten und mit riesigen Sicherheitsnadeln befestigen musste. Ich erinnere mich an die Einweisung meiner Mutter, als wäre es gestern gewesen. Sie zeigte mir, wie man den Stoff faltete, um die richtige Form zu erhalten, auf welcher Höhe die Windel auf dem kleinen Bauch des Babys liegen musste und wie man überprüfte, ob sie an den Beinchen richtig saß. Dann tat meine Mutter etwas, das ich nicht mehr vergessen werde. Sie schob ihren Zeige- und Mittelfinger unter die Kanten, an denen sich die Windelenden trafen, und sagte: »Denk immer daran, deine Finger zwischen die Windel und das Baby zu halten, genau da, wo du die Nadel durchstechen willst. Wenn die Nadel einmal abrutscht, ist es die Mama, die verletzt wird, und nicht das Baby.«
»Weißt du, Rachael«, fuhr sie fort, »das Wichtigste ist, die Kleinen zu schützen.« Und das lebte sie uns mit ganzem Herzen vor. Ich wurde mit meinen eigenen Stoffwindeln und Nadeln ausgestattet und durfte an meiner Cabbage Patch-Puppe üben. Jedes Mal, wenn ich der Puppe die Windel wechselte, machte ich alles genau so, wie es mir meine Mutter gezeigt hatte. Gewissenhaft faltete ich die Windel und überprüfte, wie mein Schützling darauf lag. Dann schob ich meine Finger unter die Kanten, holte tief Luft und stach die Nadel durch. Und wissen Sie was? Kein einziges Mal habe ich meine Puppe gepikst. Natürlich hatte ich jedes Mal, wenn ich übte, einen Anflug von Sorge, dass ich mir mit der Nadel selbst in die Finger stechen würde. Aber ich sagte mir einfach immer wieder: Das Wichtigste ist, das Baby zu schützen. Das ist meine Aufgabe.
Fünf Jahre später bei McDonald’s war dieser Instinkt noch genauso stark.
Das ist meine Aufgabe.
So schnell ich konnte, kletterte ich die Rutsche hinunter und rannte zu dem älteren Jungen hinüber. Ohne zu zögern, packte ich ihn bei den Handgelenken, zerrte ihn von meinen Geschwistern weg und hielt meine Arme ausgestreckt, um mich von seinem schwingenden Fuß fernzuhalten. Zornig starrte mich der Junge an und versuchte sich zu befreien, während er mich anschrie, ihn loszulassen. Ich atmete tief durch, hielt ihn weiter fest und schlug nicht zurück. Ich war einfach nur fest entschlossen, meine Geschwister zu beschützen und sagte mit fester und ruhiger Stimme:
»Hör auf. Du tust ihnen weh, und du bist alt genug, um es besser zu wissen. Wenn du noch mal meinst, jemandem wehtun zu müssen, sage ich es einem Erwachsenen.«
Er versuchte, sich zu wehren, doch ich hielt ihn weiter fest.
»Hör auf«, wiederholte ich. »Du bist alt genug, um es besser zu wissen.«
Verärgert hielt er inne und grunzte dann ein trotziges »Okay!«.
Meine Geschwister waren inzwischen außer Reichweite, also ließ ich los und der Junge stampfte davon. In dem Moment kamen unsere Mütter an die Tür, die von ihrem Tisch aus beobachtet haben mussten, wie ich den Jungen in Schach gehalten hatte.
»Ist alles in Ordnung?«, rief meine Mutter.
Ich warf einen Blick über die Schulter zu dem Jungen, der jetzt in einiger Entfernung vor sich hin schmollte.
»Uns geht es gut«, versicherte ich ihr.
Wir spielten weiter und ich war erleichtert. Meine Geschwister waren nicht verletzt, ich hatte meine Aufgabe erfüllt und das genutzt, was mir gegeben war, um sie zu beschützen – mein Alter, meine Kraft und meine Worte. Damals hatte ich gewusst, was ich zu tun hatte, weil mir eindringlich beigebracht worden war, dass man immer das Recht hat, sich selbst und andere zu verteidigen. Meine Eltern unterstützten mich darin, mutig für etwas oder jemanden einzutreten. Sie ließen es mich sogar üben, damit ich genau wusste, was ich zu tun und zu sagen hatte, wenn ich je dazu gezwungen sein würde.
»Du hast immer das Recht, dich selbst und andere zu verteidigen«, hatten sie gesagt, »aber schlag niemals wütend um dich. Schlag nicht mit den gleichen Mitteln zurück und tu nur das, was nötig ist, um dich oder andere zu schützen.«
Mit anderen Worten: Meine Motivation sollte Liebe sein – nicht Zorn oder Rache. Es sollte darum gehen, den anderen aufzuhalten, ohne den Wunsch zu hegen, ihm Schaden zuzufügen.
Genauso brachten mir meine Eltern bei, dass Kinder, die sich schlecht benahmen, oft wütend und verletzt waren und es deshalb wichtig war, auch Mitgefühl für sie zu haben. Sie ermutigten mich, solchen Querschlägern die Wahrheit zu sagen und sie daran zu erinnern, dass sie verständiger sein konnten und sollten und dass sie für ihre Entscheidungen verantwortlich waren. Und sie erklärten mir, dass ich die Hilfe einer Autoritätsperson in Anspruch nehmen sollte, statt im Zorn meine eigene Form von Gerechtigkeit zu üben.
Angesichts dieser frühen Lektionen – und der Tatsache, dass ich unglaublich stur und streitlustig war, wenn ich das Gefühl hatte, im Recht zu sein – glaube ich nicht, dass meine Eltern überrascht waren, als ich im Alter von acht Jahren verkündete, eines Tages Anwältin werden zu wollen, um Familien und Kinder zu beschützen. Wenig später setzte ich meinen ersten »Vertrag« auf.
Eines Nachmittags stellte ich fest, dass meine Mutter zu viel Zeit am Telefon verbrachte, um eine Freundin in einer Krise zu unterstützen, und zu wenig Zeit damit, mir bei den Mathe-Hausaufgaben zu helfen. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft daran, wie frustriert ich war. Dass ihre Gespräche wichtig waren, ahnte ich, aber, meine Güte, wenn sie von mir erwartete, dass ich meine Matheaufgaben machte, musste sie auch ihren Teil der Abmachung erfüllen! Wir brauchten einfach ein paar konkrete, definierbare Grenzen in diesem Haushalt. In meiner Verzweiflung nahm ich also ein Blatt Papier und einen Bleistift und setzte, angetrieben von gerechter Empörung, einen Vertrag auf. Ich entwarf eine Vereinbarung, in der sich meine Mutter verpflichten würde, eine festgelegte, begrenzte Zeit am Telefon zu verbringen und mir so lange wie nötig bei Mathe zu helfen. Im Gegenzug würde ich meine für das Schuljahr festgelegten Lektionen abschließen. Dann zog ich zwei Linien darunter, auf denen wir beide unterschreiben konnten, brachte den Vertrag meiner Mutter und machte ihr meinen Standpunkt klar. Von da an wurden meine Matheaufgaben stets fristgerecht unterstützt – und meine Eltern waren weiterhin der Ansicht, dass Jura die ideale Studienwahl für mich werden würde.
Es war ein Segen, Eltern zu haben, die erkannten, dass aus Sturheit Ausdauer und Entschlossenheit werden kann, wenn man sie in die richtigen Bahnen lenkt. Wie meine Mutter mich oft erinnerte, sind unsere größten Schwächen oft auch unsere größten Stärken – solange wir richtig damit umgehen. Statt zu versuchen, diesen Teil meiner Persönlichkeit zu unterdrücken, brachten meine Eltern mir bei, wie ich ihn kontrollieren und zu meinem Vorteil nutzen konnte und gleichzeitig dabei meine Motivationen zu hinterfragen. Kämpfte ich nur für etwas, weil ich gewinnen wollte – selbst wenn ich im Recht war –, oder kämpfte ich für etwas, weil es mir um die Liebe zu Gott und dem Nächsten ging? Wenn ich einfach nur recht haben und gewinnen wollte, würde ich letzten Endes nur von Überheblichkeit angetrieben sein. Dann wäre ich versucht, ungute Kompromisse einzugehen, Fakten zu verdrehen, andere zu manipulieren und vielleicht sogar Teile der Wahrheit zu ignorieren. Wenn ich nur von dem Wunsch zu siegen angetrieben wäre, könnte meine Zielstrebigkeit für andere gefährlich werden – und letztendlich auch für mich selbst. Meine Eltern lehrten mich, dass ich mich davor schützen konnte, indem ich stattdessen die Liebe zu meiner Motivation machte. Liebe würde die Bereitschaft garantieren, die Wahrheit zu hören und zu sehen. Auch wenn das bedeutete, zugeben zu müssen, dass ich falsch lag. Liebe würde dafür sorgen, dass ich sogar mit denjenigen mitfühlte, die Unrecht getan hatten, gleichzeitig würde sie aber auch ein kompromissloses Streben nach Wahrheit ermöglichen. So wurden mir die Werkzeuge dafür gegeben, schon früh meine Meinung zu vertreten, und ebenso die Erlaubnis, diese Werkzeuge zu gebrauchen.
Und das tat ich auch.
Die Vorstellung, an der viele Menschen festhalten wollen – dass Missbrauchsopfer nicht wissen, wie sie ihre Meinung sagen sollen –, ist nicht wahr. Wir müssen uns von dieser Vorstellung trennen und stattdessen versuchen zu verstehen, was es wirklich ist, das die Opfer zum Schweigen bringt.
Ein roter Faden in der gesellschaftlichen Reaktion auf Missbrauch ist das Argument: »Ich sage ja nicht, dass es ihre Schuld war. Ich sage nur, dass ich anders reagiert hätte.« Es fühlt sich sicherer an, zu glauben, dass Missbrauch nur denen passiert, die es »zulassen«. Aber genau genommen gibt man damit den Opfern die Schuld, indem man andeutet, dass sie den Missbrauch hätten stoppen können, wenn sie nur anders reagiert hätten. Dieser Trugschluss muss über Bord geworfen werden, wir sollten uns bemühen, zu verstehen, warum manche Opfer während oder selbst nach einem Missbrauch nicht dagegen angehen.
Die Wahrheit ist, dass ich die nötigen Werkzeuge besaß und auch schon früh gelernt hatte, sie einzusetzen. Doch als es so weit war, reichten sie nicht aus, um mir zu helfen, gehört und ernst genommen zu werden.
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ZWEI
»Ich darf nicht sehr oft aus dem Haus gehen«, flüsterte ich schüchtern und kauerte mich im Bürostuhl zusammen. »Und es ist beängstigend für mich, in der Öffentlichkeit zu sein.«
»Wag. Es. Nicht!«, drohte meine Mutter, während sie sich offensichtlich bemühte, nicht laut loszulachen.
Wir saßen im Sprechzimmer des Lungenfacharztes. Ich war etwa zwölf Jahre alt und litt an schwerem, hartnäckigem Asthma. Die Klinik schrieb eine jährliche Untersuchung vor, bei der nicht nur mein Arzt, sondern auch ein Sozialarbeiter und ein Kinderpsychologe anwesend waren. Da das Krankenhaus einer Hochschule angehörte, begleiteten den Arzt manchmal ein oder zwei Studenten.
Das Homeschooling-Konzept war in den Neunzigerjahren noch nicht besonders weit verbreitet. Wenn die für mich zuständigen Ärzte erfuhren, dass ich zu Hause unterrichtet wurde, stellten sie mir für gewöhnlich viele Fragen. Deshalb hatte ich das etwas gemeine Verlangen, alle Klischees in Bezug auf den Hausunterricht auszupacken, nur um zu sehen, wie sie reagieren würden.
»Du schaffst es noch, dass wir beide gemeldet werden!«, sagte meine Mutter mit einem Grinsen. Wir lachten immer noch, als der Psychologe und ein Student das Behandlungszimmer betraten und fragten, was denn so lustig sei. Ich erzählte es nicht, obwohl ich wusste, dass sie leider oft gute Gründe hatten, Fragen zu stellen.
Eigentlich liebte ich diese Klinik. Mein Lungenarzt war großartig, und seine Krankenschwester Margaret mochte ich schon, seit ich ganz klein war. Kurz nach diesem Besuch wechselte Margaret in eine Forschungsabteilung, aber sie kam auch später noch jedes Mal vorbei, um mich zu sehen, wenn ich einen Termin hatte.
Ich liebte es auch, zu Hause unterrichtet zu werden, und das nicht nur wegen des vielen Materials, das es für Insider-Witze bot. Die Möglichkeiten, die sich daraus ergaben, waren unbezahlbar. Meine Eltern glaubten an den Wert von Fleiß und einer positiven Arbeitshaltung, deshalb hatte ich neben der Schularbeit auch mehrere Jobs, für die ich verantwortlich war. Mit elf Jahren ging ich babysitten, und bevor ich Teenager wurde, hatte ich schon einen Teilzeitjob als Kindermädchen. Das bedeutete manchmal, dass der Unterricht abends, am Wochenende oder früh am Morgen stattfinden musste, damit ich meine Aufgaben erledigen konnte, bevor ich fürs Babysitten abgeholt wurde. Doch es bedeutete auch, frühzeitig mit Zeit und Geld umgehen zu lernen.
Meine Mutter las uns jeden Tag laut vor, und auch mein Vater kam oft dazu. Er konnte uns Ausschnitte aus Der Hobbit und Herr der Ringe mit einer Gollum-Stimme vorführen, dass wir Gänsehaut bekamen. Als ich auf der Mittelstufe war, meldete ich mich über eine lokale Homeschool-Vereinigung für einen Rhetorik- und Debattierkurs an, mit dem ich eine weitere Liebe entdeckte. Ich hielt nicht besonders gerne informative Vorträge, aber überzeugende Rhetorik und Debattieren waren eine ganz andere Sache. Ich lernte, wie man Fragen anhört und beantwortet, wie man ein Gegenüber ins Kreuzverhör nimmt, wie man Beweise sammelt und einsetzt und wie man Informationen nutzt, um einen Fall aufzubauen. Ich liebte die intellektuelle Herausforderung, die dafür notwendig war.
Meine Eltern versuchten bewusst, mich und meine Geschwister in die Gesellschaft zu integrieren und uns zu dienstbereiten Menschen zu erziehen. Praktischerweise ermöglichte uns unser flexibler Stundenplan, an einer Vielzahl von freiwilligen Tätigkeiten teilzunehmen. Wir sollten lernen, Menschen jeden Alters und jeder Herkunft mit Offenheit und Liebe zu begegnen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen – nicht als besonderes Projekt, sondern als Bestandteil des täglichen Lebens.
Mit etwa zehn Jahren organisierten meine Freundinnen und ich einmal ein Familienfest, um Geld für eine gemeinnützige Organisation zu sammeln, die sich um Frauen in Krisensituationen kümmerte. Wir Mädchen hatten Stunden damit verbracht, Schmuck zu basteln, um ihn zu verkaufen – je knalliger und greller, desto besser. Es gab Spiele, eine Verlosung und unseren Stand voll ziemlich nutzloser, selbst gemachter Handarbeiten, die die Leute aus reiner Gutherzigkeit kauften, um den Dienst zu unterstützen.
Michelle und ich kannten uns schon seit jenem schicksalhaften Tag in unserem Garten, als wir uns feierlich die wichtigste Frage stellten, die sich zwei Fünfjährige stellen können: »Willst du meine Freundin sein?« Wir stimmten beide zu. Ihre ältere Schwester Sarah wurde automatisch Teil unserer Clique, kurz darauf schlossen sich Katie und Jessie unserem Trio an. Über die Jahre hinweg fanden wir viele Möglichkeiten, uns gegenseitig herauszufordern und zu amüsieren. Zum Beispiel die Übernachtungen, bei denen wir an mehreren aufeinanderfolgenden Nächten von Haus zu Haus zogen. Das hatte alle möglichen Abenteuer zur Folge – Sackhüpfen in einem halben Meter Neuschnee in der Winterlandschaft von Michigan, spätabendliche Schnitzeljagden im Supermarkt und mitternächtliche Gespräche im Überfluss.
Meine Eltern versuchten uns Kindern beizubringen, in einer Art und Weise zu lieben, die ich zu der Zeit noch nicht ganz verstand. Sie lehrten uns, dass wir im Leben mit so ziemlich jedem auskommen würden, wenn wir auch in Konflikten und schwierigen Lebenssituationen lernten, anderen mit Liebe und Hilfsbereitschaft zu begegnen. Und sie hatten recht. Wir kannten all die normalen Zankereien unter Geschwistern, aber wir lernten auch früh, Kompromisse zu schließen, uns zu entschuldigen und in guter Weise miteinander umzugehen. Unsere Eltern lebten uns vor, dass die Liebe die Grundlage für alles war und nicht die Autorität. Liebe unterdrückt nicht, Liebe strebt danach, zu kommunizieren und zu verstehen. Liebe ist demütig und gibt Fehler zu, sie versucht, den Schaden zu beheben. Liebe beschützt.
Hinter alldem stand die Liebe zu Jesus Christus. Meine Eltern hatten die verblüffende Fähigkeit, Wahrheiten aus der Bibel in fast jede Situation einzuflechten. So wurde mir die Tatsache, dass ich eine Sünderin war und Vergebung brauchte, durch ein äußerst ungewöhnliches Mittel bewusst: Toilettenpapier.
Ich war im stattlichen Alter von drei Jahren und fasziniert von den Kartonrollen, auf die das Toilettenpapier gewickelt war. Man hatte so viele fantasievolle Möglichkeiten, wenn man ein paar dieser Mehrzweck-Papprollen besaß. Eines schicksalhaften Tages war plötzlich keine leere Toilettenpapierrolle mehr zu finden, und ich brauchte für das aktuelle Abenteuer, das ich mir in meinem störrischen kleinen Kopf ausgedacht hatte, unbedingt eine. Also schlich ich ins Badezimmer – ganz leise, da ich wusste, dass mein Vorhaben streng verboten war – und lief auf Zehenspitzen zu der vollen Toilettenpapierrolle. Hinter der geschlossenen Tür begann ich nun verstohlen, das Papier abzuwickeln, um an die ersehnte Papprolle darunter zu gelangen – bis ich nach einiger Zeit bemerkte, dass meine illegale Aktion eine ziemlich offensichtliche Spur hinterlassen hatte, die sich quer über den Fliesenboden zog. Unbeirrt legte ich eine Pause ein und begann stattdessen, meine Arbeit zu vertuschen, indem ich all das abgewickelte Papier einfach direkt in die Toilette stopfte. In dem Moment, als ich mich kurz fragte, ob sich wohl alles hinunterspülen lassen würde, fand mich meine Mutter – noch immer eifrig die Toilette vollstopfend.
Mama, die sehr gut darin war, Parallelen zu ziehen, fragte mich ganz ruhig, was ich denn tun würde. Ich kannte das Wort dafür: Sünde. Ich hatte mich entschieden, gegen das zu rebellieren, was mir gesagt worden war.
Während wir auf unserer karierten Couch saßen und die Morgensonne durchs Fenster hereinschien, stellte meine Mutter den Zusammenhang für mich her. Ich war nicht die Einzige, die ungehorsam gewesen war, auch Adam und Eva waren es gewesen. So wie sie ohne Erfolg versucht hatten, ihre Sünde zu verbergen, waren auch meine Bemühungen, meine »Sünde« zu vertuschen, erfolglos gewesen. Und auch wenn ich noch so viel Gutes tat, würde das die begangene Schuld nicht rückgängig machen. Ich verstand. Ich setzte die Puzzleteile zusammen und erkannte in meinem kleinen Kinderherzen, wie sehr ich einen Retter brauchte. Auf der Stelle tat ich Buße für meine Sünde, bat Jesus, mir zu vergeben – und wurde so zum schlimmsten Albtraum unseres Pastors: eine sture Dreijährige, die darauf bestand, getauft zu werden.
Meine Sünden waren mir vergeben worden und ich wusste genau, was nun zu folgen hatte. Ich sollte es öffentlich verkünden, dass ich nun zu Jesus gehörte, und allen weitererzählen, was er getan hatte. Also eilte ich am nächsten Sonntag eifrig zu unserem Pastor und erklärte ihm, was geschehen war und was ich nun tun wollte. Für ihn jedoch schien die Angelegenheit weniger eindeutig zu sein. Er druckste herum und erklärte meinen Eltern schlussendlich, dass er Kinder erst mit mindestens acht Jahren taufte. Ich war frustriert und am Boden zerstört.
»Er hindert mich daran, Jesus zu gehorchen!«, protestierte ich. »Glaubt er denn nicht, dass ich wirklich gerettet bin?«
Am darauffolgenden Sonntag redete ich erneut auf ihn ein. Ebenso am nächsten und am übernächsten. Doch er blieb standhaft, und mein verzweifelter Wunsch, gehorsam zu sein, wurde nur noch größer. Irgendwann erkannte mein Vater, dass ich keine Ruhe darüber finden würde, bis ich getan hatte, was ich für das Richtige hielt. Also stellte er an einem heißen Sommertag unser kleines blaues Planschbecken im Garten auf, hängte den Gartenschlauch hinein und füllte es. Er wusste, dass ich Jesus gehorchen wollte, also sagte er mir, dass er mich an Ort und Stelle taufen würde, damit ich öffentlich meinen Glauben bekennen konnte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich ins kalte Wasser kletterte und mich hinkniete. Ich gab mein Zeugnis und sagte meinen Lieblingsvers auf. Dann hielt ich mir die Hände vors Gesicht und mein Vater taufte mich. Auch an die Erleichterung kann ich mich erinnern und an die Freude, die meine Seele so spürbar überkam wie das kalte Wasser, das an mir herabtriefte. Ich war gehorsam gewesen.
Als ich dann endlich das magische Alter erreichte, das mein Pastor für die »echte« Taufe vorgesehen hatte, nahm ich freudig daran teil. Doch ich wusste genau, dass es nur eine Fortsetzung dessen war, was ich bereits vor Jahren ausgedrückt und begonnen hatte.
Das Vorbild der sich aufopfernden Liebe, das Christus am Kreuz vorlebte, war die Richtschnur für das Leben, das meine Eltern führten. Ihre Liebe zu uns war nicht von der Art Autorität geprägt, in der es darum ging, wer das Sagen hatte. Es war vielmehr eine Liebe, die sich ganz für uns einsetzte. Auch in alltäglichen Dingen, indem sie sich zum Beispiel die Zeit nahmen, die Sorgen eines Kleinkindes oder die eines gereizten Teenagers anzuhören. Sie brachten uns bei, dass ihre Autorität nur begrenzt notwendig war, was bedeutete, dass sie ihre Entscheidungen mit uns besprachen, unsere Meinungen anhörten und respektierten, und sich mit uns zusammensetzten, um gemeinsam Lösungen zu finden. Das hieß nicht, dass kein Gehorsam nötig war oder dass wir sie dazu überreden durften, ihre Meinung zu ändern. Aber wir konnten jederzeit und mit allen Belangen zu ihnen kommen und wurden ernst genommen. Gleichzeitig konnten wir ihren Entscheidungen vertrauen – auch denen, die uns nicht gefielen –, weil wir ihnen vertrauten.
Doch ich lernte nicht nur, dass Liebe zuhört und hört, sondern auch, dass Liebe handelt und beschützt.
Als ich etwa sieben Jahre alt war, hatten meine Geschwister und ich uns den ganzen Tag über gezankt, über jede Kleinigkeit gejammert und uns schlichtweg geweigert, Mama zu gehorchen, wenn sie uns etwas auftrug. Gegen Ende des Tages hatte sie genug und flüchtete an den einzigen Ort, an dem eine Mutter gelegentlich die Tür abschließen und sie auch geschlossen lassen kann – das Badezimmer. Als meine Geschwister und ich erkannten, dass wir uns selbst überlassen waren, hörten wir sofort auf zu streiten und wurden zu Komplizen, die ihre Unabhängigkeit in vollen Zügen genossen. In trotziger, ausgelassener Freude hüpften wir so hoch und so wild wir konnten auf den Betten unseres Zimmers herum und katapultierten mit jedem Sprung Stofftiere und Babypuppen durch die Gegend. Wir wussten ganz genau, dass Mama schon lange über den Punkt hinaus war, an dem sie uns hätte aufhalten können. Natürlich hegten wir alle den leisen Verdacht, dass sich unsere wilde Party am Ende nicht lohnen würde. Doch da wir die Grenze, von der an es kein Zurück mehr gab, bereits überschritten hatten, wollten wir es in vollen Zügen genießen. Bis Papa nach Hause kam.
Schon kurze Zeit später hörten wir ihn im Flur nach unserer Mutter rufen, die sich noch immer im Badezimmer aufhielt. Wir wurden sofort still. Die Puppen hörten auf, durchs Zimmer zu fliegen, und wir rutschten ernüchtert, und mit dem unangenehmen Gefühl, dass uns Ärger drohte, von den Betten. Einige Augenblicke später kam unser Vater aus dem Badezimmer und rief nach mir. Sein ernster, tiefer Tonfall war ein Vorbote dafür, dass der Spaß nun definitiv vorbei war und die Abrechnung bevorstand. Ich ging in der Erwartung zu ihm, zu hören zu bekommen, wie ungezogen wir gestritten hatten oder auf den Betten herumgesprungen waren und dass wir für unser Verhalten bestraft werden würden. Stattdessen verlagerte er den Fokus.
»Hast du gewusst, dass deine Mutter im Badezimmer sitzt und weint?«, wollte er wissen.
Ich hatte nicht geahnt, dass es so schlimm war, obwohl das ihre Abwesenheit in den letzten dreißig Minuten erklärte. Schweigend schüttelte ich den Kopf.
»Das ist meine Frau.« Seine Stimme drückte unmissverständliche Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit aus. Ich spürte, wie sich eine Last auf meine Schultern legte.
»Das ist meine Frau«, wiederholte er. »Dein Verhalten heute hat meiner Frau wehgetan, und du musst eines wissen: Ich liebe sie und ich werde sie beschützen.«
Ich weiß heute nicht mehr, welche Konsequenzen es gegeben hatte, gegen die Regeln zu verstoßen. Aber an eines erinnere ich mich ganz genau: Meine Mutter wurde beschützt. Und sie wurde beschützt, weil mein Vater sie liebte.
Was ich ebenfalls lernte war, dass Liebe danach strebt, aufeinander zuzugehen und den anderen zu verstehen. Auch das war Bestandteil der Liebe, die mir vorgelebt wurde.
An einem warmen Sommertag schaute meine Mutter gerade noch rechtzeitig aus ihrem Schlafzimmerfenster, um zu sehen, wie ich mich mit einem gewaltigen Satz auf meinen kleineren, fünfjährigen Bruder stürzte. Ich war kein aggressives Kind, aber in jenem Sommer war ich ständig wütend. Ich hatte starke Allergien und bekam wöchentlich Spritzen, zudem lief meine Behandlung nicht besonders gut. Mein Arzt war ein düsterer, ernster Mann. Er war groß, dünn und kahl und sah auf unheimliche Weise wie Captain Jean-Luc Picard von Star Trek aus – nur ohne das entwaffnende Lächeln und die freundliche Stimme.
Er kümmerte sich gewissenhaft um seine Patienten, aber seine Fürsorge äußerte sich in unverblümten, schroffen und sachlichen Eigenarten, die wenig dazu beitrugen, dass ich mich umsorgt fühlte oder offener für die wöchentlichen Injektionen wurde. Es half auch nicht, dass er das Serum selbst mischte, um die richtige Dosierung zu erhalten, was zu einem grauenvollen Kreislauf aus Versuch und Irrtum führte, der sehr schwere und oft schmerzhafte Reaktionen auslöste.
Damals merkte ich selbst nicht, wie wütend ich war. Ich wusste nur, dass ich keine Wahl, keine Stimme und keine Möglichkeit hatte, die Behandlung zu beenden. Aber meine Mutter verstand mich. Zuerst rettete sie meinen Bruder und stellte sicher, dass es ihm gut ging, dann holte sie mich nach drinnen. Ich wusste, dass ich jetzt fällig war. Doch statt mich sofort zu bestrafen oder wütend zu sein, beugte sich meine Mutter zu mir herunter und umarmte mich.
»Ich weiß, dass du gerade wütend bist«, sagte sie. »Das ist keine einfache Zeit für dich und du hast keine andere Wahl, als das zu ertragen, was dir wehtut. Ich weiß, dass es wirklich schwer für dich ist.«
Sie sprach mit mir über alles – wie krank ich war und wie frustriert und wütend ich mich fühlen musste, weil ich gezwungen war, etwas so Schmerzhaftes zu erdulden.
»Ich kann nicht zulassen, dass du anderen wehtust«, sagte sie mir. »Aber ich will dir helfen, das hier durchzustehen und Wege zu finden, deine Gefühle auszudrücken, ohne andere zu verletzen.« Und dann weinte sie mit mir.
Liebe versucht zu verstehen und zu kommunizieren. Statt frustriert und wütend darüber zu sein, was ich getan hatte, versuchte mich meine Mutter mit Liebe zu erreichen, ohne dabei die Wahrheit zu beschönigen oder andere ungeschützt zu lassen.
Auch meine Eltern baten um Entschuldigung, wenn sie etwas falsch gemacht hatten. Die Verantwortung für getroffene Entscheidungen zu übernehmen, war in unserer Familie genauso wenig verhandelbar wie demütig genug zu sein, falsche Entscheidungen zuzugeben und um Vergebung zu bitten. Es war einer der Aspekte unseres Familienlebens, die ich am meisten schätzte, weil ich gesehen hatte, was geschehen konnte, wenn dies nicht der Fall war.
In meiner frühen Kindheit erlebte ich, wie eine uns nahestehende Familie infolge von Missbrauch auseinanderbrach. Der Vater hatte ein massives Wutproblem. Wenn irgendetwas nicht nach seinem Willen lief, ließ er es an seiner sanften Frau und seinen kleinen Kindern aus. Nicht körperlich, doch sein verbaler, emotionaler und psychischer Missbrauch hinterließ Wunden auf ihren Seelen, die nicht weniger schmerzhaft waren als Faustschläge. Er hatte immer Gründe und verteidigte sich damit, sie hätten etwas getan, um seine Wut zu verursachen. Hin und wieder gab er zwar zu, dass er anders hätte reagieren sollen, doch auf seine Entschuldigungen folgte immer ein »Aber ihr …!«.
Der Tag, an dem sich alles zuspitzte, war meine erste Erfahrung mit einem Missbrauchsopfer.
Die Frau war in ihren Dreißigern. Ich war neun und werde nie vergessen, wie ich auf Zehenspitzen stand und versuchte, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, während ich die weinende Frau umarmt hielt. Mir war ganz schlecht vor Kummer über das, was man ihr angetan hatte. Meine Eltern sprachen in der Zeit oft mit uns Kindern über die unschönen Situationen, die wir zwangsläufig miterlebten. Sie hatten uns beigebracht, das Licht zu lieben und zu schätzen – nun war es ihnen wichtig, dass wir auch die dunklen Seiten des Lebens kennenlernten.
»So verhalten sich Menschen, die andere missbrauchen«, erklärten sie uns. »Alles dreht sich nur um sie. Sogar wenn sie sich entschuldigen, konzentrieren sie sich auf sich selbst – wie ihnen Unrecht getan wurde oder was sie ihrer Meinung nach alles richtig gemacht haben –, um so den Fokus vom Leid abzulenken, das sie verursacht haben. Sie übernehmen nie wirklich die Verantwortung für irgendetwas.« Solche Menschen schieben die Schuld immer auf andere, sagten sie. Aber die Liebe tut das nicht. Die Liebe kümmert sich zuerst um den Schaden, der der anderen Person zugefügt wurde. Und im Gegensatz zu Missbrauch entschuldigt oder verharmlost die Liebe kein Fehlverhalten.
»Wenn du jemandem wehgetan hast und dich entschuldigen musst, sagst du: ›Das und das tut mir leid‹, und fertig. Du machst einen Punkt. Du sagst nichts, um das, was du getan hast, zu rechtfertigen, zu verharmlosen oder zu entschuldigen. Du bist immer für deine Entscheidungen verantwortlich, unabhängig davon, was jemand anderes getan hat.« Diese Art von Liebe lebten mir meine Eltern jeden Tag vor.
Mit neun Jahren lernte ich so die Kennzeichen von Missbrauchstätern zu erkennen. Und noch etwas lernte ich aufgrund meines schweren Asthmas und meiner Allergien schon früh: dass selbst die gutmütigsten Ärzte Behandlungspläne verfolgten, die unangenehm sein konnten. Doch es sollte noch Jahre dauern, bis ich erkannte, wie geschickt sich die verschiedensten Muster von Missbrauch als Aufrichtigkeit tarnen und wie schön sie verpackt sein können.
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DREI
»Du wirst enttäuscht sein«, sagte mein Vater ernst.
»Was ist?«, schrie ich fast durchs Telefon. »Haben sie verloren? Was meinst du damit?«
»Ich meine damit, dass du enttäuscht sein wirst.« Es kratzte in der Leitung.
»Oh nein …«, stöhnte ich. »Wie konnten sie verlieren? Sie lagen gestern Abend so weit vorn! Du musst mir erzählen, was passiert ist!«
»Auf gar keinen Fall«, lachte mein Vater. »Du musst warten, bis wir es heute Abend zusammen ansehen.«
»Du machst mich wahnsinnig!«
Es war der Sommer 1996. Die Olympischen Spiele fanden in diesem Jahr in Atlanta statt, und das Mannschaftsfinale der Turnerinnen war am Vorabend ausgestrahlt worden. Ich verfolgte den Sport schon seit einiger Zeit wie besessen. Die Turnerinnen, ihre Trainer, das Punktesystem, die internationale Konkurrenz … das alles war unglaublich spannend für mich. Ich kannte die Kürmusik jeder einzelnen Turnerin und meine Lieblingselemente ihrer Übungen, wusste, welche Turnerinnen so groß waren wie ich und welche bei diesen Spielen vielleicht Rekorde brechen würden. Ich hatte jeden Wettkampf verfolgt außer den vom Vorabend, an dem die Frauen im Mannschaftsfinale angetreten waren. Wie die ganze Nation hatte ich seit Monaten auf diesen vielversprechenden Wettkampf gewartet, es gab nur ein Problem. Das Mannschaftsfinale wurde spät nachts ausgestrahlt – und meine Eltern bestanden auf regelmäßige Schlafenszeiten.
Das muss man sich mal vorstellen. Es war das größte Ereignis im Turnen, unser Team würde vielleicht die erste US-amerikanische Frauenmannschaft aller Zeiten werden, die eine Goldmedaille gewann! Und meine Eltern schickten mich ins Bett.
Immerhin hatten sie mir versprochen, die Übertragung für mich aufzunehmen, damit ich mir jede einzelne Kür ansehen konnte. Wir würden es am nächsten Tag gemeinsam anschauen, sagten sie. Großartige Idee. Nur dass ich, als ich am nächsten Morgen aufwachte, aus dem Bett sprang und schrie: »Haben sie gewonnen? Was ist passiert? Haben sie gewonnen?« Die Antwort, die ich darauf erhielt, war: »Wir werden es alle gemeinsam ansehen«, was so viel bedeutete wie: »Und davor werden wir dir nichts verraten!«
Was noch schlimmer war: Gemeinsam bedeutete mit meinem Vater. Nach der Arbeit. Abends. Das hieß, dass ich den ganzen Tag warten musste, um zu erfahren, was passiert war.
Egal wie sehr ich drängte, meine Mutter weigerte sich, auch nur ein Wort darüber zu verlieren, wie das Finale am Vorabend ausgegangen war.
»Du musst es mir erzählen!«, jammerte ich mit beinahe verärgertem Unterton.
»Kommt gar nicht infrage«, antwortete sie, während sie ganz offensichtlich jeden Augenblick genoss. »Du wolltest das ganze Erlebnis, es unmittelbar mitverfolgen, also werde ich dir nichts sagen! Du musst es selbst herausfinden, wenn wir es heute Abend ansehen!«
»Ahh!«, rief ich.
Dann hatte ich einen brillanten Einfall. Ich wartete, bis Mama die Küche verließ, eilte zum Papierkorb und begann, die Zeitungen zu durchwühlen. In der Ausgabe von heute Morgen würde ich die Ergebnisse sicher finden.
Ha!, dachte ich triumphierend, während ich darauf achtete, keinen Lärm zu machen. Die Wahrheit war, dass ich Spannung hasste und es nicht ausstehen konnte, Dinge nicht zu wissen. Ich war eines der Kinder, die ein Wörterbuch benutzten, um jedes Wort nachzuschlagen, von dem meine Eltern sagten, dass sie es mir erklären würden, wenn ich älter wäre. Ich war eigenständig. Ich konnte die Antworten selbst finden. Ich würde einfach einen Blick auf die Ergebnisse werfen und meinen Eltern nichts davon erzählen, damit sie am Abend ihr Freude genießen konnten, mich zu »überraschen«. Wo war diese blöde Zeitung?
»Ach übrigens, wir haben die Tageszeitung versteckt«, rief Mama beiläufig vom Wohnzimmer herüber, »also such sie erst gar nicht.«
Meinen Eltern war wirklich alles zuzutrauen. Es dauerte eine Ewigkeit bis zum Abend. Endlich durfte ich in dem schwelgen, was das halbe Land – jeder, der keine Eltern hatte, die auf Schlafenszeiten bestanden – bereits am Vorabend genossen hatte. Begeistert kreischte ich bei jeder schön ausgeführten Serie von Überschlägen, jeder Reckübung und Schwebebalken-Kür, voller Ehrfurcht vor der absoluten Perfektion, die über unseren Fernsehschirm wirbelte. Der unglaubliche Fleiß und die harte Arbeit dieser jungen Frauen zahlten sich direkt vor meinen Augen aus, als sie eine Übung nach der anderen mit Bravour meisterten. Und wie der Rest der Welt schnappte ich erschrocken nach Luft, als Dominique Moceanu in der vorletzten Übung des Wettkampfs bei ihren beiden Sprunglandungen stürzte und somit drohte, das amerikanische Team in letzter Minute vom ersten Platz zu stoßen. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie sie sich gefühlt haben musste. Ich wusste, dass sie sehr gut war, sehr hart gearbeitet hatte und ihr der Wettkampf sehr wichtig war. Jetzt blieb nur noch Kerri Strug übrig – mit dem letzten Sprung des Abends. Ich wusste, wie das Punktesystem funktionierte; noch ein gelungener Sprung würde dem Team den Sieg sichern. Aufgeregt beugte ich mich nach vorne. Jeder meiner Muskeln war angespannt, als sie die Anlaufbahn entlangsprintete, sich vom Sprungbock abstützte, darüberflog und dann … auch Kerri schaffte es nicht, präzise zu landen. Als sie für ihren zweiten Sprungversuch zum Startpunkt zurückhumpelte, war klar, dass sie sich am Fuß verletzt haben musste.
»Neeein. Nein, nein, nein!«, jammerte ich und hielt mir die Hände vors Gesicht. »Sie werden verlieren. Sie sind so nah dran und jetzt werden sie verlieren!« Das also hatte mein Vater gemeint. Aber es gab noch einen winzigen Hoffnungsschimmer. Noch war ein letzter Sprung ausstehend. Und wie am Vorabend sicher auch der Rest der Welt schrie ich vor Aufregung, als Kerri nach diesem letzten Sprung auf ihren Füßen landete, kurz stehen blieb und dann – offensichtlich von Schmerzen überwältigt – auf der Matte zusammenbrach.
Ich sah, wie die Trainer und ein Arzt zu ihr eilten. »Ich hab sie, ich hab sie, … ich hab sie«, hörte ich eine Männerstimme sagen.
Die Emotionen des Augenblicks waren förmlich spürbar. Diese jungen Mädchen hatten mit ihren perfekten Körpern geschafft, was keinem anderen US-amerikanischen Turnerinnen-Team je gelungen war. Sie hatten einen hohen Preis bezahlt, einschließlich der Verletzung einer Kameradin, aber sie hatten durchgehalten. Es war unglaublich.
Wieder einmal wusste ich, wie sehr ich diesen Sport liebte. Als ich klein war, hatte ich regelmäßig Turnstunden gehabt und war seitdem davon fasziniert. Ich konnte mich an vieles nicht mehr erinnern – nur daran, wie sehr die Schaumgrube gestunken hatte. Und wie gerne ich hatte weiterturnen wollen, als es aus finanziellen Gründen nicht mehr möglich gewesen war. Es war einfach zu teuer.
Inzwischen war ich elfeinhalb, also ein paar Jahre zu alt, um ernsthaft eine Karriere als Turnerin zu beginnen. Trotzdem wollte ich zurück in die Turnhalle. Alles daran faszinierte mich. Ich liebte die Kombination aus geistiger und körperlicher Fähigkeit, die der Sport erforderte. Den hohen Grad an Perfektion und die vielen Wiederholungen, die nötig waren, um jede Bewegung makellos und schön auszuführen. Ich staunte über die körperliche Stärke und Gelenkigkeit der Turnerinnen sowie über ihren Fleiß und ihre Entschlossenheit. Es gefiel mir, dass man diesen Sport nicht halbherzig oder nebenbei erlernen konnte. Ich war Perfektionistin und wollte einen Sport, der genau das von mir verlangte.
Nach diesem Abend, an dem ich zugesehen hatte, wie unser Team sich die Goldmedaille holte, begann ich, meine Eltern darum zu bitten, wieder Turnunterricht nehmen zu dürfen. Ich flehte und bettelte, bis meine Mutter bei ein paar Vereinen anrief. Aber die Gebühren waren selbst für Einsteiger ziemlich hoch und stiegen danach rapide an.
Als wir wieder einmal darüber diskutierten, platzte ich plötzlich heraus: »Ich werde mithelfen, das Geld dafür aufzutreiben.«
»Wie bitte?«, fragte meine Mutter ein wenig erschrocken.
»Ich werde helfen, dafür zu bezahlen«, wiederholte ich.
Sie schwieg einen Moment. »Du willst es wirklich so gerne?«
»Ja.« Ich atmete tief durch. »Ja, ich will es wirklich.«
Ich arbeitete schon seit einiger Zeit als Babysitterin und war es gewohnt, Geld beizusteuern, wenn ich etwas Besonderes haben wollte. Für meinen Klavierunterricht half ich Mama bereits, das Haus meines Klavierlehrers zu putzen – ein freundliches Entgegenkommen meines Lehrers, welches es mir und meinen Geschwistern ermöglichte, ein Instrument zu erlernen. Die Idee, für meine Turnstunden zu arbeiten, erschien mir also völlig logisch. Alles, was ich wollte, war eine Chance.
»Na gut«, antwortete meine Mutter. »Wenn es dir wirklich so viel bedeutet, werden wir einen Weg finden, es möglich zu machen.«
Ein paar Wochen später stand ich in einem kleinen Turnstudio, inmitten eines Einkaufszentrums. Ich sah zu, wie ein Mädchen einen Handstützüberschlag vorwärts übte – in einem winzigen Vorraum, der noch dazu mit Plastikstühlen vollgestopft war. Der renovierte Laden, in dem sich auch eine Turnhalle befand, war so klein, dass nur eine halbe Tumbling-Bahn, ein verkürzter Sprunganlauf, ein Stufenbarren und ein paar Schwebebalken hineinpassten. Einige Matten und die nötige Ausrüstung fürs Männerturnen rundeten die kleine, vollgestellte Arena ab. Es war kaum etwas los – nur eine Handvoll Mädchen im Wettbewerbs-Team und ein paar Freizeitkurse.
Nebenan boten die Angestellten von Claire’s Boutique duftende Lotionen und glitzernde Haarspangen feil, während einen Raum weiter Turnerinnen mit blutenden Händen und zweckmäßigen Pferdeschwänzen durch die Luft wirbelten. Man konnte den Kreidestaub in der Luft riechen. Ich liebte es.
Meine Mutter freundete sich sofort mit der Empfangsdame an, und später bemerkte sie, wie gut sie es fand, dass die Eltern alles sehen und hören konnten, was in der Turnhalle vor sich ging. Wir hatten beide noch keine Ahnung von der dunklen Seite, die mein Lieblingssport mit sich bringen würde, aber meine Mutter besaß eine große Portion gesunden Menschenverstand. Zu wissen, was mit ihren Kindern geschah, war für sie immer sehr wichtig. Sie hatte auch keine Scheu davor, die einzige Mutter zu sein, die immer dabei war, um alles zu beobachten, auch wenn andere Eltern sich deshalb über sie lustig machten.
»Es ist egal, was die anderen sagen oder denken«, sagte sie mir. »Dein körperliches und geistiges Wohl sind es mir wert, als Spinnerin angesehen zu werden!«
Als wir die Turnhalle an jenem Tag verließen, war ich für den Anfängerkurs angemeldet, besaß meinen ersten Turnanzug (aus Baumwolle, mit graublauem Karomuster) und war so aufgeregt, dass ich Schmetterlinge im Bauch hatte. Die fünf Tage, die ich auf meine erste Stunde warten musste, fühlten sich wie eine Ewigkeit an.
Als ich in der darauffolgenden Woche aus dem kleinen Studio trat, war ich erschöpft, aber beschwingt. Mein Trainer war der Betreiber der Turnhalle, ein ehemaliger Goldmedaillengewinner aus Osteuropa. Er übernahm die meiste Trainingsarbeit – angefangen bei dem großartigen Mädchen, das ich am ersten Tag über die halbe Tumbling-Bahn hatte wirbeln sehen, bis hin zu Anfängerinnen wie mir.
Was mich betraf, ich sah lächerlich aus und wusste es. Mit meinen fast zwölf Jahren war ich 1,67 Meter groß, schlaksig, mit langem Oberkörper. Ganz und gar nicht wie die winzigen Athletinnen, mit denen ich trainierte, die kompakte Muskeln und einen perfekten Körperbau hatten. Doch ich wusste, was ich wollte und dass ich alles erreichen konnte, wenn ich nur hart genug dafür arbeitete. Eigentlich reichte es mir schon, es einfach nur um der Freude willen zu tun, die es mir brachte.
Das erste einstündige Training verließ ich wie im Rausch. Nicht nur, weil ich endlich turnen durfte, sondern weil ich nun eine Vorstellung davon hatte, was ich tun musste. Mein Trainer war von der alten Schule, ich hatte vorher keinen anderen getroffen, der seine Athleten so konditionierte wie er. Als Hobby-Turnerin auf Level 1 bestand meine erste Trainingseinheit aus Sprints, sechzig Liegestützen, sechzig Rumpfbeugen, lächerlichen Klimmzug-Versuchen mit Ober- und Untergriff, Froschsprüngen, Relevés (wie eine Ballerina auf die Zehenspitzen stellen), ausgiebigem Dehnen und einer Einweisung in grundlegende Techniken. Ich wusste, dass ich eine unermüdliche Arbeitsmoral brauchte, wenn ich es jemals auf Wettkampfniveau schaffen wollte, und der Ablauf des ersten Trainings gab mir eine Vorlage, nach der ich arbeiten konnte.
An diesem Abend dehnte ich mich zwei Stunden lang und wiederholte das gesamte Konditionstraining. Es gab nicht viel, was ich zu Hause üben konnte, aber ich wollte so stark und gelenkig wie möglich werden, um meine knapp bemessene Zeit in der Turnhalle voll auszuschöpfen. Auch die darauffolgenden Abende dehnte und trainierte ich noch mindestens eine Stunde lang bis zur Schlafenszeit. Innerhalb von zwei Wochen beherrschte ich jeden Spagat perfekt und konnte die verlangten Konditionsübungen mit relativ korrekter Technik und Form ausführen. Es war nicht viel, aber es war ein Anfang.
Den ganzen Herbst, Winter, Frühling und Sommer lang übte ich in der kleinen Turnhalle im Einkaufszentrum und ergänzte mein Training zu Hause. Ich saß im Spagat, während ich meine Schularbeit erledigte, trainierte eine Stunde vor dem Schlafengehen und drehte Pirouetten auf unserem Küchenboden. Den größten Teil der naturwissenschaftlichen Literatur für die Schule las ich kopfüber, im halben Handstand an der Tür zum Wäschezimmer. Das Sofa nutzte ich häufiger, um Überspagat zu üben, als um darauf zu sitzen, und die rauen Holzbretter, mit denen neu gepflanzte Bäume in unserem Garten eingezäunt wurden, dienten mir als Schwebebalken.
Neun Monate nachdem ich zum ersten Mal die kleine Turnhalle betreten hatte, sage mein Trainer die Worte, auf die ich gewartet hatte: »Ich würde gerne darüber sprechen, dass Rachael dem Wettkampfteam beitritt.«
Für eine zwölfjährige Turnerin, die nicht »ins Profil passte«, konnte es nichts Besseres geben. Ich war nicht fürs Collegeturnen gemacht, geschweige denn für die Olympischen Spiele. Viele Trainer hätten mich links liegen lassen, aber meiner gab mir eine Chance. Endlich würde ich zu einem Mitglied von USA Gymnastics werden. Ich würde die Anstecknadel, den Mitgliedsausweis und einen echten Wettkampfanzug bekommen. Das war es, wofür ich so hart gearbeitet hatte, ich war begeistert.
»Was meinst du?«, fragte meine Mutter.
Wir waren beim Infotreffen gewesen, um zu erfahren, was es bedeuten würde, Teilnehmer des Wettkampfprogramms zu werden. Neben der Anzahl der Trainingstage und -stunden ging es vor allem um die finanziellen Anforderungen. Die Gebühren für die Turnhalle, die Wettkämpfe und die Kleidung sowie die »Nebenkosten« für Dinge wie Gelenkstützen und zusätzliche Trainingsanzüge waren zusammengenommen höher, als es sich meine Familie leisten konnte. Und meine Mutter hatte noch andere Bedenken. Sie wusste, dass zum einen Probleme mit dem eigenen Körperbild weit verbreitet waren und es zum anderen häufig Verletzungen gab. Aber ich wollte es. Ich wollte es unbedingt.
»Ich habe doch den Teilzeitjob als Babysitterin«, schlug ich vor. »Einen Teil von dem Geld brauche ich, um etwas zum Biologieunterricht beisteuern zu können. Aber der Rest könnte in meine Turngebühren fließen!«
Meine Mutter dachte eine Weile darüber nach, dann sagte sie: »Wir könnten fragen, ob es irgendwelche zusätzliche Arbeiten in der Turnhalle gibt, die wir übernehmen könnten, um die Gebühren zu reduzieren.«
Mein Puls beschleunigte sich. Ja! Es wird funktionieren!
»Aber was ist, wenn du dich verletzt?«, fragte sie dann und brachte mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. »Dein Vater und ich wollen, dass du das tun kannst, was dir Spaß macht. Aber nichts ist so wichtig wie deine Gesundheit und deine Sicherheit, mein Schatz. Wenn wir das durchziehen, musst du darauf gefasst sein, dass du dich so schlimm verletzen könntest, dass es unklug sein würde weiterzumachen.«
Meine Eltern scheuten sich nicht davor, auch schwierige Themen anzusprechen, also diskutierten wir an jenem Abend über alle Eventualitäten, bevor wir eine Entscheidung trafen. Wir sprachen über die Sicherheitsvorkehrungen, die wir treffen würden, um mich vor falschen Vorstellungen bezüglich meines Körperbildes zu bewahren, wie wir die Kommunikation offen gestalten würden, damit ich mit allen Bedenken zu meinen Eltern kommen könnte, wie ich mit dem Druck umgehen würde, einen »Turnerinnenkörper« zu erreichen und dem Wunsch, meinem Trainer gefallen zu wollen. Auch meine Bereitschaft, den Sport aufzugeben, wenn es in meinem besten körperlichen, geistigen oder emotionalen Interesse lag, kam zur Sprache, welche Grenzen es für die Trainer geben sollte, wenn sie mir Hilfestellung gaben oder mich dehnten, wie ich die Privatsphäre in der Umkleidekabine wahren würde und welche Arten von Themen ein Trainer nie mit mir als Sportlerin besprechen sollte. Wir sprachen über alles.
Am Ende entschieden wir, es zu versuchen, die Ermahnung meiner Mutter stets vor Augen: »Wenn dein Vater und ich irgendetwas sehen, das uns Anlass zur Sorge um deine Gesundheit oder Sicherheit gibt, bist du schneller raus, als du dir vorstellen kannst.« Sie wusste, dass es schwierig sein würde, mich von diesem Sport abzubringen. »Und ich bin bereit, wenn nötig deinen Zorn mir gegenüber zu riskieren, um dich zu schützen.«
Uns all dessen bewusst, unterschrieben wir den Papierkram, bezahlten die erste Rate der Gebühren und kauften meine ersten Zughilfen (ein spezieller Handschutz mit kleinem Holzstab in der Nähe der Fingerspitzen, mit deren Hilfe man sich besser am Stufenbarren festhalten kann – WIE SIE DIE OLYMPIATEILNEHMER TRAGEN! Ja, zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben dachte ich immer in Großbuchstaben an sie).
Um ehrlich zu sein, ich hatte große Angst, als ich zum ersten Mannschaftstraining ging. Die Turnhalle war erst kürzlich in eine ehemalige Autowerkstatt umgezogen und besaß nun eine Tumbling-Bahn in (fast) voller Länge, eine verlängerte Anlaufbahn für Sprünge, einen zweiten Stufenbarren und eine Mannschaftskabine. Diese letzte Besonderheit war eigentlich nur ein winziger Raum mit einer Wand voll hölzerner Ablagefächer, aber trotzdem war es die Mannschaftskabine.
Unser winziges Team bestand aus neun Mitgliedern, angefangen von aufstrebenden Athletinnen auf Level 5, wie mir, bis hin zu unserer einzigen Turnerin auf Level 9. Ich war fast die Älteste und mit Abstand die Schlechteste, eine Tatsache, die mich ziemlich unsicher machte.
Meine Nervosität ließ jedoch schnell nach, als die erfahreneren Mädchen mich durch das selbstständige Aufwärmen und die Stunde mit Konditionsübungen führten, mit der jedes dreistündige Training begann. Sie beantworteten alle Fragen, die eine brennende Perfektionistin mit der Angst, Fehler zu machen, beschäftigten, und erzählten freundlicherweise selbstironische Geschichten von ihren ersten Tagen in der Mannschaft. Daher fühlte ich mich nicht ganz so dumm, als sich meine Beine nach der ersten halben Stunde Muskeltraining in Wackelpudding verwandelten (obwohl das nichts war im Vergleich zu dem Muskelkater, den ich in den nächsten zwei Wochen haben sollte).
Nach und nach wurde das Mannschaftsleben zur Routine. Meine Hände waren von Blasen übersät, rissig und schwielig, auch dann noch, als meine Muskeln sich bereits an das intensive Konditionstraining gewöhnt hatten. Jeden Tag erledigte ich meine Schularbeit, ging babysitten und dann in die Turnhalle. Einmal die Woche – um einen Beitrag zu den Kosten meiner heiß begehrten Turnstunden zu leisten – half ich meiner Mutter, die ganze Einrichtung zu putzen.
Mit der Zeit fühlte ich mich immer mehr als Teil des eng geknüpften kleinen Teams, das meine Erwartungen übertraf. Es gab keine Ego-Kämpfe, keinen Wettstreit zwischen Turnerinnen, keine fiesen Bemerkungen und keinen Spott über diejenigen, die keinen absolut perfekten Rückwärtsüberschlag machen konnten (und ja, damit meine ich mich). Stattdessen halfen sich alle Mitglieder gegenseitig und boten einander freundliche Korrekturen oder Umarmungen an, wenn jemand entmutigt war. Wir freuten uns über die Erfolge der anderen, halfen uns gegenseitig weiter, und unser Trainer trug dazu dabei, das alles zu ermöglichen. Er war ein Mann der leisen Töne, sanftmütig, zurückhaltend und ruhig. Sein »Sehr gut …«, das mit einem allmählich schwächer werdenden osteuropäischen Akzent gesprochen wurde, war das höchste Kompliment, das wir für eine gelungene Übung bekommen konnten.
Die Turnhalle besaß keinen großen Schnickschnack, und es gefiel mir so. Wir machten das Beste aus dem, was wir hatten, auch wenn das im Winter hieß, bei unserer Ankunft einen Eiszapfen am Wasserhahn vorzufinden, weil die Heizung nur dann eingeschaltet war, wenn wir trainierten. Wir wuchsen enger zusammen, wenn wir »Mir ist so kalt, ich erfriere!« kreischten, und zitternd in die Umkleidekabine liefen, bis die Heizung in Gang kam. Dann stellten wir die wildesten Spekulationen darüber an, was wohl passieren würde, wenn auch das Wasser in der Toilette einmal gefrieren sollte. Glücklicherweise wurde die kleine Halle schnell warm. Innerhalb von wenigen Minuten schmolz das Eis, wir zogen unsere Jogginghosen aus und das Training begann. Im Sommer hatten wir das gegenteilige Problem – den Luxus einer Klimaanlage gab es nicht. Zu unserem Glück hatten wir dafür Garagentore, die sich vollständig öffnen ließen, sodass im vorderen Teil der Halle eine leichte Brise wehte. Aber wenn neun Turnerinnen drei Stunden lang bei über dreißig Grad trainierten, Brise hin oder her, konnte man die Luft in der Umkleidekabine schneiden.
Fast täglich wurden wir von unserem Trainer ermahnt, gut zu essen und viel zu trinken, etwas, von dem ich heute weiß, dass es nur wenige Trainer tun. Die anderen Mädchen tranken Gatorade, aber ich bevorzugte – zur Entrüstung aller anderen – V8-Eistee für einen schnellen Kalorienkick während des Trainings. Unterm Strich kam das Leben in einen festen Rhythmus, und es war gut.
Um am Ende des Sommers unseren Fortschritt zu beurteilen, ließ uns unser Trainer eine Reihe von Konditions- und Dehntests durchführen. Dazu gehörte das Seilklettern – eine Herausforderung, bei der eine Turnerin ihre Beine in perfekter L-Form ausstreckt und ein bodenlanges Seil nur mit der Kraft ihrer Arme hoch- und herunterklettert, ohne zwischendurch den Boden zu berühren.
»Komm schon, du bist fast da! Du schaffst es!«, riefen wir, als eine unserer Teamkolleginnen zum dritten Mal in Folge nur mit den Händen das Seil erklomm. Sie keuchte, pausierte und streckte immer wieder ihre schmerzenden Arme aus. Endlich schaffte sie es auch dieses Mal wieder bis nach oben und schlug gegen den Metallbalken, an dem das Seil hing. Das metallische Geräusch hallte bis zu uns herunter und signalisierte ihren Erfolg.
Auf ihrem Weg nach unten rief mein Trainer mit ruhiger Stimme: »Vorsichtig, vorsichtig.« Dann, mit einem leicht warnenden Unterton: »Pass auf deine Hände auf!«
Nachdem sie ohne Seilbrand unten angekommen war, rief er freudig aus: »Wo kam das denn her?« Er deutete auf ihre drahtigen Arme und drückte gestikulierend seine Überraschung darüber aus, dass ihr winziger Körper die Kletterübung so gut gemeistert hatte.
»Sie fühlen sich wie Wackelpudding an«, keuchte sie zurück.
Er nahm ihre Handgelenke und schüttelte sanft die Erschöpfung aus ihren Armen.
»Meine auch! Meine auch!«, fiel eine andere Teamkollegin ein und streckte ihre Arme aus. Er lachte und schüttelte bereitwillig auch ihre Arme.
Ich wusste nicht, wie ungewöhnlich das war, bis zwei Wochen später eine Gastturnerin aus einem anderen Verein mit uns trainierte. Sie war jung, etwa elf Jahre alt. Wir übten Tumbling (eine Reihe von Überschlägen, Flickflacks, Salti und Schrauben), wobei je eine Hälfte unseres Teams in zwei verschiedenen Ecken der Halle stand. Meine Partnerin und ich waren bereits an der Reihe gewesen und warteten, bis das restliche Team wieder auf der anderen Seite angekommen war. Als die neue Turnerin sich für den Anlauf bereitmachte, hielten wir den Atem an. Sie hatte Bandagen an beiden Handgelenken und am Knie, wir wussten, dass sie auch gegen Schmerzen im Rücken und an den Kniesehnen ankämpfte. Ihre Mutter hatte es dem Trainer gegenüber erwähnt, bevor wir begannen, und beharrt: »Sie ist es gewohnt, sich durchzukämpfen.«
Die Kleine lief los und warf sich mit unglaublicher Anstrengung in einen Salto mit einer ganzen Schraube. Meine Partnerin und ich schnappten nach Luft.
»Sie wird sich ernsthaft verletzen«, flüsterte meine Teamkollegin mir zu. »Das ist nicht in Ordnung.«
Und das war es auch nicht.
Die Gastturnerin sprang gefährlich tief, was dazu führte, dass sie bei jeder Landung hart auf die Matte aufsetzte. Ihre Knöchel und Knie waren überstreckt, um den Aufprall abzufangen, der durch den falschen Winkel viel zu heftig war. Schlimmer noch, ihr Kopf war viel zu nah am Boden.
»Sie könnte sich das Genick brechen«, sagte meine Partnerin kopfschüttelnd.
Sogar ich konnte sehen, dass ihr Salto nicht annähernd straff genug war, um eine Schraube zu üben, wenn sie gesund gewesen wäre. Geschweige denn in verletztem Zustand.
»Wer lässt sie so trainieren?«, fragte ich ungläubig. »Sehen die nicht, wie gefährlich das für sie ist?«
»Sie ist eins von Johns Mädchen«, antwortete meine Kameradin resigniert.
»Oh.«
Wir wussten beide, was das bedeutete.
»Eins von Johns Mädchen« bedeutete, dass sie eine Athletin bei Twistars war, einem der bekanntesten Turnvereine in unserem Bundesstaat. Der Leiter dieses Vereins war John Geddert, und in der Turnerwelt eilte ihm sein Ruf voraus. Seine Mädchen verletzten sich oft, meistens schwer. Fast alle von ihnen, sogar die Anfängerinnen, wurden von Problemen am Rücken, an den Knien und an den Kniesehnen geplagt. Teamkolleginnen und Eltern, die schon seit Jahren in der Welt des Kunstturnens waren, sagten, dass er seine Turnerinnen dazu drängte, Übungen zu machen, für die sie noch nicht bereit oder nicht stabil genug waren, was häufig zu noch schlimmeren Verletzungen führte. Er schrie, er schimpfte, manche Mädchen und Eltern in unserem Verein hatten gesehen, wie er mit Dingen warf, und es wurde gemunkelt, dass dazu auch manchmal seine eigenen Turnerinnen gehörten. Dieses Verhalten trat nicht nur während des Trainings auf – er tat es auch bei Wettkämpfen, direkt vor den Augen der Eltern, der anderen Trainer und der Richter von USAG.
Aber niemand stoppte ihn.
Weil John gute Ergebnisse erzielte.
Johns Turnerinnen waren nur ein Mittel zum Zweck. Wenn eine Athletin verletzt war, war eine andere bereit, ihren Platz einzunehmen. Nach einem Wettkampf gingen wir einmal als Team zusammen aus und sprachen dabei ernüchtert darüber, wie sehr Johns Mädchen sich fürchteten zu essen, sogar nach einem Wettkampf. Ein paar aus meinem Team, die schon mit einigen von Johns Spitzenturnerinnen unterwegs gewesen waren, erzählten im Flüsterton, dass diese Mädchen oft nur ein paar Salatblätter auf dem Teller hatten, obwohl sie den ganzen Tag in Wettkämpfen angetreten waren. Sie wussten alle, dass sie beim nächsten Training gewogen werden würden, und auch, dass John sie immer beobachtete. 2
Wenn diese Gastturnerin eine von Johns Athletinnen war, gab es nichts, was wir oder unser Trainer für sie tun konnten.
In jenem Jahr las ich das Buch Little Girls in Pretty Boxes von Joan Ryan, einer Sportredakteurin der San Francisco Chronicle. Es war eine verurteilende Anklage gegen die Welt des Wettkampfturnens und Eiskunstlaufs, die den physischen, emotionalen und sogar sexuellen Missbrauch offenlegte, den die Autorin beinahe als ein Kennzeichen dieser Sportarten ansah. Sie argumentierte, dass kleine Mädchen in diesem Sport nicht mehr wert waren als die Medaillen, die sie gewinnen konnten, sodass sie ausgehungert, misshandelt und benutzt wurden, damit ihre Körper und Fähigkeiten perfekt blieben – wie »schöne Schachteln«. Das war es, was das Publikum sehen wollte.
Mit jedem Kapitel, das ich las, spürte ich mehr einen Krieg in meinem Innern toben. Ich wusste, dass einige der Charakterisierungen von Trainern in diesem Sport wahr waren, weil ich selbst schon solche erlebt hatte. Doch als ich am Ende des Buches angelangt war, klappte ich es zu, setzte mich auf den kratzigen Berberteppich in unserem Keller und schüttelte den Kopf. Ich hatte ein ungutes Bauchgefühl und meine Gedanken überschlugen sich.
Das kann nicht wahr sein, dachte ich. Es kann nicht alles wahr sein. Die Autorin muss übertrieben haben. Sie muss die schlimmsten Beispiele herausgepickt und all die guten ausgelassen haben. Obwohl ich den Gedanken, ob die Realität wirklich so hässlich sein konnte, bewusst von mir wies, verspürte ich weiterhin ein nagendes Gefühl in der Magengrube. Immer wieder drehte ich das Buch in meinen Händen um.
Nichts, was sie sagt, ist ein Geheimnis, dachte ich. Wenn sie die Wahrheit sagt, sind die Beweise offensichtlich und nicht schwer zu finden. Sie hat sie gefunden. Wenn sie die Wahrheit sagt, weiß jeder bei USAG, dass diese Dinge passieren.
Ich atmete tief durch und schüttelte wieder und wieder den Kopf, als wollte ich meine Zweifel und Bedenken abschütteln. »Es kann nicht wahr sein«, wiederholte ich laut. »Denn wenn es wahr und wirklich so schlimm wäre, dann wüssten es alle. Und wenn sie es wüssten, würden sie es stoppen, oder? Ganz sicher glaubt niemand wirklich, dass Medaillen mehr wert sind als kleine Mädchen.«
Ich wiederholte es immer wieder und tröstete mich mit diesem Gedanken. Es kann nicht wahr sein, denn wenn es wahr wäre, würde es jemand stoppen. Jemand würde für diese Mädchen eintreten.
Jemand würde es stoppen.
Jemand würde es stoppen.
Oder?
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VIER
»Ja!«, kreischte Erin und reckte eine Faust in die Luft.
»Du hast es geschafft! Du hast es geschafft!« Sie schrie so laut, dass man es in der ganzen Halle hören konnte, während sie eine der Turnerinnen stürmisch umarmte. »Ich bin so stolz auf dich!«
Es war Hochsommer und Erin hatte das Training für die Saison übernommen, damit der Betreiber der Turnhalle seine Familie in Europa besuchen konnte. Erin war bei Weitem die lebhafteste Trainerin, die man sich vorstellen konnte, und sie gab alles, um unser winziges Team und jede einzelne Person darin mit ihrer unübertroffenen Zielstrebigkeit zu formen und zu unterstützen. Natürlich erwartete sie dafür viel von uns, doch sie verband ihren Unterricht mit einem so intensiven Enthusiasmus, dass er die ganze Turnhalle mit Energie auszufüllen schien.
»Stell dich da hin«, sagte sie eines Tages und zeigte auf eine Linie am Boden. Sie versuchte, mir zu erklären, in welchem Winkel ich aufkommen musste, um meinen Handstützüberschlag rückwärts mit der richtigen Streckung auszuführen. Ich stellte mich gehorsam an die Linie; dann kam sie zu mir her und stellte sich nur wenige Zentimeter entfernt vor mir auf.
»Wenn wir fertig sind, solltest du das hier können«, erklärte sie und sprang ohne ein weiteres Wort rückwärts in einen Handstützüberschlag, wobei ihre perfekt gestreckten Füße dicht an meinem Gesicht vorbeiflogen. Weil sie es im richtigen Winkel gesprungen war, hatte ich nur den Luftzug und keinen kräftigen Tritt gegen meinen Unterkiefer gespürt. »Siehst du? Ich habe dich nicht getreten!«
Ich nickte eifrig, obwohl ich mein Leben gerade buchstäblich vor meinem inneren Auge vorbeiziehen gesehen hatte. »Wenn du das jetzt versuchen würdest, würdest du mich umbringen«, erklärte sie grinsend. »Wenn ich ›Schultern zurück‹ sage, meine ich das auch!«
Erin schaffte es in jenem Jahr nicht, meinen Rückwärtsüberschlag zu korrigieren, und das Problem lag eindeutig auf meiner Seite. Was sie jedoch erreichte, war noch viel wichtiger. Sie zeigte mir, wie ein guter Trainer in die nächste Generation investiert. Für Erin waren wir nicht nur Fähigkeiten und Ergebnisse, wir waren Menschen mit Herzen, Gedanken, Körpern und Seelen, die geformt werden wollten. Sie interessierte sich für uns, für die Entwicklung unserer Persönlichkeit und dafür, wer wir sein würden, wenn wir die Turnhalle verließen.
»Was ihr hier lernt, wird euch euer ganzes Leben begleiten«, sagte sie.
Und sie hatte recht. Mit ihren Worten und ihrem guten Beispiel brachte sie uns Dinge bei, die uns, bis der Sommer vorüber war, zu besseren Menschen gemacht hatten. Sie lehrte uns, wie wichtig es war, in jeden Einzelnen zu investieren und nicht nur in diejenigen, die vielleicht später die öffentliche Aufmerksamkeit erregen würden. Sie ermutigte uns, uns über die Erfolge unserer harten Arbeit zu freuen, über jede gut ausgeführte Übung. Und vor allem lehrte sie uns die kraftvolle Wahrheit, dass die Liebe die größte Motivation ist, die man haben kann. Wir alle blühten in jenem Sommer auf, weil unsere Herzen, Gedanken, Körper und Seelen sicher waren. Wir arbeiteten noch härter an unseren Fertigkeiten und Einstellungen, weil wir geschätzt wurden. Und wir lernten, Fleiß, Ausdauer, Konzentration und eine gute Arbeitsmoral auf eine Art und Weise kennen, wie wir es vorher nie erlebt hatten.
Die Trainer, die ihre Turnerinnen benutzten, um Erfolg zu haben, zogen vielleicht die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Aber sie ließen leere Hüllen von kleinen Mädchen zurück, deren Körper und Gefühle so verletzt waren, dass manche von ihnen nie ganz wieder heil werden würden. Erin wurde nie zu einer berühmten Trainerin, aber sie und unser Vereinsleiter taten in jener winzigen Halle in Kalamazoo, Michigan, mehr Gutes, als die berühmtesten Trainer es je tun würden – Trainer, die in hochmodernen Komplexen arbeiteten und sich mit Trophäen schmückten, die mit dem Blut, dem Schweiß und den Tränen kleiner Mädchen erkauft worden waren.
Dank des intensiven und gründlichen Konditions- und Techniktrainings unseres Trainers war die Verletzungsrate bei uns sehr niedrig. Aber selbst das reichte nicht, um mich ganz davor zu schützen. In jenem Sommer wurden die Schmerzen in meinen Handgelenken und meinem Rücken immer schlimmer. Kurzum: ich war nicht fürs Turnen gemacht. Ich hatte einen zu langen Oberkörper und ungelenkige Schultern, zudem hatte ich viel zu spät mit dem Sport angefangen. Mein Körper war schlichtweg abgekämpft von den ständigen Belastungen. Als es so schlimm wurde, dass ich morgens mit einem tauben Bein und einem ausstrahlenden Ischiasschmerz aufwachte, verschwendete meine Mutter keine Zeit mehr und brachte mich sofort zum Arzt.
Kurze Zeit später saß ich auf dem zerknitterten weißen Papier einer Arztliege, glücklicherweise hatten wir einen Termin in einer der bekanntesten sportmedizinischen Kliniken der Region bekommen. Doch dieser Tag sollte einer der am meisten frustrierenden meiner Turnkarriere werden. Nicht unfreundlich, aber forsch und sehr geschäftsmäßig marschierte der Arzt herein. Es war offensichtlich, dass er andere Dinge zu tun hatte. Er stellte sich vor, schüttelte meiner Mutter und mir kurz die Hand und fragte: »Also, wo liegt das Problem?«
Ich erzählte von den Schmerzen im Rücken und den Handgelenken, wies auf die Stellen an den Daumen, die oft taub waren, und zeigte ihm, bei welchen Bewegungen die Schmerzen schlimmer wurden.
»Und dein Rücken?«, fragte er. »Was löst da die Schmerzen aus?«
Ich beschrieb die Bewegungen und fügte hinzu: »Aber es kann auch schon wehtun, wenn ich einfach nur sitze, gehe oder alltägliche Dinge tue.«
»Hmm.« Er warf einen Blick auf mein Krankenblatt und die kurze medizinische Vorgeschichte, die in der Aktenmappe notiert war. »Nun ja, die Sehnen und Muskeln sind wahrscheinlich entzündet und drücken deshalb auf die Nerven, was zu Schmerzen und Taubheitsgefühlen führt.« Dann sah er auf und sagte: »Kühlen wäre eine gute Sache.«
Ich blinzelte. Kühlen? Er sagt das, als wäre es eine ganz neue Idee. Hat er nicht mitbekommen, dass ich Turnerin bin? Wir leben von Tapes und Eis.
Er las noch einmal die Notizen und untersuchte meine Handgelenke etwas genauer. Ich wartete gespannt auf die dringend benötigte Klarheit und Anweisung. Endlich nickte er. Ich wappnete mich. Jetzt kommt es …
»Ich denke, die Sehnen sind definitiv überanstrengt«, verkündete er selbstbewusst und klappte die Mappe zu.
»Okay … ja«, stimmte ich zu, während ich versuchte, einen höflichen Ton zu bewahren. »Das Turnen ist sehr anstrengend. Was ich eigentlich wissen möchte ist, ob Sie irgendwelche Vorschläge haben, wie es besser werden könnte oder wie ich mich vor Verletzungen schützen kann.«
Es gibt bestimmt etwas, das ich machen kann, dachte ich. Physiotherapie oder Tipps, was ich tun darf und was nicht. Dehn- oder Kraftübungen. Etwas, was ich an meinem Training verändern könnte!
»Nun, du musst einfach alles ruhen lassen«, sagte er, als könnte er nicht verstehen, warum wir überhaupt dieses Gespräch führten. »Du musst eine Pause machen.«
»Eine Pause … von allem?«, fragte ich. »Können Sie mir nicht sagen, was ich ohne Probleme machen kann und was nicht? Im Turnen ist eine Pause nicht wirklich möglich. Normalerweise machen wir zumindest so viel vom Training mit, wie wir können, während eine Verletzung heilt. Können Sie mir nicht sagen, was ich vielleicht doch tun kann?«
Er blieb standhaft. »Mach einfach eine Pause«, wiederholte er lässig.
Ich versuchte, meine Frustration zu verbergen. »Okay. Wie lange denken Sie, dass es dauern wird?«
»Mmm … ich würde mit zwei Monaten anfangen.«
»Zwei Monate?« Ich schrie fast. »Ich kann nicht einfach zwei Monate Pause machen!« Mühsam versuchte ich, die Fassung zu bewahren, aber diesen Kampf verlor ich schnell.
»Tut mir leid.« Er zuckte mit den Achseln. »Das ist die einzige Möglichkeit.«
Ich öffnete erneut den Mund und schloss ihn wieder, ohne ein Wort zu sagen. Es war zwecklos. Hier würde ich eindeutig nicht weiterkommen.
Mama und ich meldeten uns ab und machten uns auf den Weg zum Auto.
Ich war fustriert. »Das ist doch Blödsinn!« Ich ließ meiner Verzweiflung freien Lauf. »Wir haben noch nicht einmal irgendwas versucht, und er sagt mir einfach, dass ich zwei Monate Pause machen soll?«
Meine Mutter war ratlos. Sie wusste, wie frustriert ich war, aber sie hatte auch keine andere Idee.
»Es tut mir wirklich leid, Schatz«, sagte sie mitfühlend. »Ich weiß aber nicht, was wir sonst tun sollten. Es wäre dumm weiterzumachen, wenn du solche Schmerzen hast. Nichts ist es wert, einen bleibenden Schaden in Kauf zu nehmen.«
Enttäuscht starrte ich auf die graue Fußmatte unseres Wagens. Noch am gleichen Tag bat ich meine Mutter, mich fürs Ballett anzumelden. So würde ich wenigstens die zwei Monate nutzen können, um meine Tanzkünste zu verbessern, damit ich, wenn ich in die Turnhalle zurückkehrte, wenigstens etwas getan hätte, das ich später vielleicht würde gebrauchen können.
In jenen acht langen Wochen fühlte es sich an, als würde die Zeit nicht vergehen. Einmal die Woche ging ich für eine Stunde ins Ballett und fühlte mich total unterfordert. Meine Handgelenke und mein Rücken fühlten sich bald etwas besser an, aber sie waren ganz sicher noch nicht wieder belastbar. Am Ende der zwei Monate hatte ich genug. Ich musste es wenigstens wieder versuchen.
An meinem ersten Tag zurück in der Halle eilte ich in die Umkleidekabine, stellte meine Sporttasche in mein Fach und atmete tief ein. Der vertraute Geruch von Kreidestaub, Lederriemen und verschwitzten Turnanzügen stieg mir in die Nase. Das war es. Hier gehörte ich hin.
Nach zwei vollen Monaten Pause wieder anzufangen brachte meine Frustration jedoch auf ein ganz neues Level. Gib einfach dein Bestes, sagte ich mir immer wieder. An der verlorenen Zeit konnte ich nichts ändern, es war also sinnlos, mentale und emotionale Energie deswegen zu verschwenden. Das Einzige, worauf du Einfluss hast, ist das, was dir heute vor die Füße kommt.
In den nächsten Wochen wiederholte ich dieses Mantra immer wieder und versuchte, das ungute Gefühl in meiner Magengrube zu ignorieren. Mit jedem Training wurden die Schmerzen in den Handgelenken und im Rücken wieder schlimmer. Es war, als hätten die zwei Monate Pause im Grunde gar nichts gebracht. Schon bald wurden meine Daumen wieder taub und morgens erwachte ich mit dem vertrauten Kribbeln im linken Bein. Ich kämpfte gegen die Hoffnungslosigkeit an. Was jetzt? Wir waren bereits in der besten Sportmedizin der Umgebung gewesen, und ich wusste genau, was ich hören würde, wenn wir wieder dorthin gingen.
»Was soll ich nur machen? Ich kann nicht bis in alle Ewigkeit immer wieder zwei Monate Pause machen!«, schnaubte ich nach einem Training verzweifelt. Ich stand mit meiner Mutter an der hüfthohen Wand, die den Elternbereich von dem mit blauem Teppichboden bedeckten Turnbereich trennte. »Es gibt keine anderen Optionen mehr!«
Während ich später meine Übungen beendete und die letzten paar Minuten des Trainings im Überspagat saß, begann meine Mutter, mit der Empfangsdame über das Problem zu sprechen. Als ich dazukam, hörte ich nur noch das Ende ihres Gesprächs.
»Es kann wirklich schwer sein, einen Arzt zu finden, der den Sport gut genug kennt, um hilfreich zu sein«, sagte die Rezeptionistin einfühlsam. Da ihre beiden Töchter als Turnerinnen auf einem höheren Level an Wettkämpfen teilnahmen, hatte sie viel mehr Erfahrung in diesem Bereich. Viele Mütter fragten sie um Rat, wenn sie Bedenken in Bezug auf ihre eigenen Kinder hatten. Jetzt wanderte ihr Blick zwischen meiner Mutter und mir hin und her. »Haben Sie schon darüber nachgedacht, sie mal zu Larry zu bringen?«
Meine Gedanken wanderten ins Jahr 1996 zurück. Ich hab sie, ich hab sie, … ich hab sie. Ich erinnerte mich an den Arzt, der zu Kerri Strug geeilt war, um sich nach ihrem legendären Sprung um sie zu kümmern – der Mann, der hinter der Absperrung gestanden hatte und ihr zu Hilfe geeilt war. Ich hab sie, ich hab sie, … ich hab sie. Das war Larry Nassar. Der Arzt des Olympischen Teams. Der medizinische Spitzenkoordinator für USAG. In der Welt des Turnens war Larry der Experte schlechthin. Sein Buch über Sporttherapie und Konditionstraining wurde als wegweisend erachtet. Turner, die seinen Rat nicht befolgten, taten dies auf eigene Gefahr.
Einmal hatte ich von einer Turnerin aus einem Verein in der Nähe gehört, die sich das Genick gebrochen hatte. Als sie für die Reha zu Larry ging, drückte er sein Entsetzen über ihre mangelhafte Muskelentwicklung aus und fragte: »Haben deine Trainer denn nicht mein Buch gelesen?«
Als sie ihm erzählte, dass sie das Buch wohl hätten, es aber nicht wirklich befolgten, sagte er etwas, was mich zutiefst getroffen hatte, als ich davon hörte: »Wenn deine Trainer meinem Protokoll gefolgt wären, wäre so etwas nicht passiert.« Das Leben einer Turnerin hatte sich für immer verändert durch eine katastrophale Verletzung, die vermeidbar gewesen wäre, hätte man auf Larry gehört.
»Er ist der Beste der Besten.« Die Stimme der Empfangsdame holte mich in die Realität zurück. »Er findet Dinge, die sonst niemand sieht, und kann sie mit Methoden behandeln, die sonst niemand beherrscht.«
Ich nickte. Jeder wusste das. Aber ich war nur eine Turnerin auf Level 5, wie genau sollte das funktionieren? Meine Mutter hatte die gleiche Frage.
»Behandelt er überhaupt Kinder auf diesem Level?«, fragte sie.
»Oh, Larry behandelt jeden!«, versicherte sie uns. »Er arbeitet in der Sportmedizinischen Klinik der Michigan State University, und die ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Ihr müsst nur anrufen und einen Termin vereinbaren.«
Ich zuckte mit den Achseln und warf mir meine leuchtend blaue Sporttasche über die Schulter. »Es ist einen Versuch wert, denke ich.«
Dennoch fiel es mir schwer zu glauben, dass ein Arzt von Dr. Nassars Größe wirklich Zeit für eine Turnerin in meiner Situation hatte. Außerdem war seine Praxis anderthalb Stunden von uns entfernt – hin und zurück drei Stunden Fahrt. Zudem war ich mir nicht sicher, ob das überhaupt funktionieren würde. Meine Mutter war jedoch ein wenig enthusiastischer.
»Vielen Dank!«, sagte sie nachdrücklich. »Ich werde gleich morgen anrufen.«
»Also«, sagte meine Mutter mit einer leisen Spur von Aufregung in der Stimme, »wir haben einen Termin!«
Das ging schneller, als wir beide erwartet hatten. Bei den meisten Spezialisten dauerte es sehr lange, bis man einen Termin bekam, und Larry … er war der Arzt des olympischen Teams. Wir hatten uns auf eine lange Wartezeit eingestellt, aber zu unserer großen Überraschung war mein Termin schon in wenigen Wochen. Am 2. Februar, keine zwei Monate nach meinem fünfzehnten Geburtstag.
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. »Gut!« Zum ersten Mal verspürte ich einen Hauch von Hoffnung.
»Ja«, stimmte meine Mutter zu. »Wir müssen jetzt nichts weiter tun als warten. Die Rezeptionistin der Klinik sagte auch, dass wir eine lockere kurze Hose für dich mitbringen sollen. Die Untersuchungen sind ziemlich gründlich, nehme ich an, und du musst dich gut bewegen können.«
Ich nickte. Das erschien mir logisch, Turnen war ein bewegungsintensiver Sport. Jetzt war es nur noch eine Frage von ein paar kurzen Wochen, bis ich endlich Hilfe bekommen würde.
Später in jener Woche liefen meine Mutter und ich um den Häuserblock, wie wir es oft taten, wenn es viel zu besprechen gab. Diesmal ging es um meine Verletzungen und was ich im weiteren Verlauf bedenken sollte.
»Es geht nicht nur darum, wann du wieder turnen kannst, weißt du«, sagte meine Mutter. »Es kann sein, dass du ganz damit aufhören musst. Was ich nicht will ist, dass du eine langfristige Verletzung davonträgst, die nicht so schlimm geworden wäre, wenn du früher aufgehört hättest.«
»Ich weiß«, stimmte ich zu, obwohl ich es nicht zugeben wollte. »Ich weiß, dass die Antwort lauten könnte, dass ich aufhören muss. Aber vorher möchte ich gern alles tun, was möglich ist, bevor ich diese Entscheidung treffe. Und du hast recht, das Wichtigste ist, wieder gesund zu werden. Ich denke, zu Larry zu gehen ist die beste Chance, die wir dafür haben.«
Meine Mutter nickte und atmete ein paarmal tief durch. »Es gibt noch eine andere Möglichkeit, die wir in Betracht ziehen könnten, wenn es nötig ist«, sagte sie mit leichtem Zögern. »Ich habe mit Mrs. Harp gesprochen, sie hat gefragt, wie es dir geht. Ich erzählte ihr, wie enttäuschend unser Termin in der sportmedizinischen Klinik war, und sie hatte noch eine andere Empfehlung.«
»Welche?«, fragte ich, während ich meine Arme im Rhythmus unserer Schritte schwang.
»Na ja … du weißt ja, dass sie viele Schmerzen in ihrem Rücken und im Steißbein hatte. Sie hat mir erzählt, dass nur ein Therapeut ihr helfen konnte, der Knochen und Muskeln in diesem Bereich behandelte, aber …«
Meine Mutter hielt erneut inne und sagte dann vorsichtig: »Der Therapeut macht das, indem er von innen auf alles zugreift. Sie sagte, es wäre eine relativ neue Behandlungsmethode, aber bei ihr hätte sie wirklich Wunder gewirkt. Sie schlug vor, dass wir es auch bei ihrem Therapeuten versuchen könnten, wenn wir sonst nirgends Hilfe für dich finden.«
Ich schwieg eine Weile, während ich das Gesagte in meinem Kopf sortierte. Als wir um die Ecke zu unserem Haus bogen, sagte meine Mutter: »Noch eine Runde?«
»Ja, können wir«, antwortete ich langsam, immer noch in Gedanken versunken. »Ich glaube, ich wäre bereit, diese Therapie wenn nötig auszuprobieren, … denke ich. Keine besonders angenehme Vorstellung, aber immer noch besser als chronische Probleme, was meinst du?«
Meine Mutter nickte zustimmend. »Manchmal muss man bestimmte Dinge tun, die nicht sehr angenehm sind, aber notwendig, um gesund zu werden.« Dann erinnerte sie mich daran, dass ihre Freundin Stacy Physiotherapeutin war. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine Therapeutin in ihrer Praxis gibt, die ebenfalls diese Therapie durchführt. Und wir könnten uns jederzeit wieder dagegen entscheiden.«
Das wäre mir auf jeden Fall lieber, dachte ich. »Okay, gut zu wissen. Aber ich denke, wir fangen besser mit Larry an. Er kennt den Sport, es ist sein Fachgebiet. Ich glaube nicht, dass es einen Besseren gibt als Larry.«
Ein paar Wochen später stiegen meine Mutter, meine Geschwister und ich in unseren Minivan, um zum »Besten der Besten« zu fahren. Wie so oft musste die ganze Familie Verzicht üben, damit ich diesen Termin wahrnehmen konnte. Drei Stunden Hin- und Rückfahrt im Auto und mindestens eine weitere Stunde in der Praxis – das war eine erhebliche Störung des Alltags und der Routine aller Beteiligten. Doch für eine Chance, zu dem Arzt zu gehen, der die Olympiateilnehmerinnen behandelte, war es all das wert. Wer bekam schon eine solche Gelegenheit?
Es fühlte sich unwirklich an, die Praxis zu betreten. Ein paar andere Athleten saßen in dem kleinen Wartezimmer. Manche waren offensichtlich Turnerinnen und ich konnte allein an ihrem Körperbau und ihrer Muskelstruktur erkennen, dass sie viel besser waren als ich. Ich fühlte mich unbehaglich und fehl am Platz. Die Frau an der Anmeldung lächelte und nahm die Versicherungskarte meiner Mutter entgegen. Dann reichte sie mir ein Klemmbrett mit einem Stapel bedruckter Seiten.
»Wir brauchen vor allem das Oberste«, sagte sie und zeigte auf ein Formular mit einer Liste von Symptomen, die man ankreuzen musste, und einer Abbildung des weiblichen Körpers von vorne und hinten, auf der ich überall ein X setzen sollte, wo ich Schmerzen hatte.
Ich setzte mich auf einen der Stühle im Wartezimmer und betrachtete die Fotos des Turnerinnenteams der Michigan State University, die an der gegenüberliegenden Wand hingen. Larry war auch ihr Arzt. Er ist die erste Wahl von allen, staunte ich. Ernsthaft. Ich kann kaum glauben, dass ich hier bin.
Endlich lenkte ich meine Aufmerksamkeit zurück auf die Formulare, markierte beide Handgelenke und die Ischiasregion im unteren Rücken, und begann mich durch die Liste mit Symptomen zu arbeiten. Kribbeln? Ja. Pulsierender Schmerz? Ja. Taubheit? Ja.
»Haben wir Fälle von hohem Cholesterin in der Familie?«, flüsterte ich meiner Mutter zu, als ich zu dem Abschnitt mit der Familienanamnese kam. Wir füllten ihn gemeinsam aus. Als ich die Papiere der Empfangsdame zurückgab, öffnete sich die Tür zum Behandlungszimmer und ich sah eine Turnerin mit einer Kniebandage heraushumpeln. Sie wurde von einem sympathisch aussehenden Mann begleitet, der ihr die Tür aufhielt.
»Kommst du zurecht? Okay, Kleine, gute Besserung!« Er winkte kurz und eilte dann den Gang hinab. Es war Larry. Ich war überrascht, dass er dieses Mädchen bis zur Tür begleitet hatte. Die meisten Ärzte schickten einen einfach alleine weg. Vielleicht zeigten sie einem noch kurz, wo der Ausgang war, bevor sie davonrauschten. Aber Larry hatte diese Turnerin begleitet, um sicherzugehen, dass sie klarkam, obwohl er offensichtlich wahnsinnig beschäftigt war. Ich nahm an, dass sie schon seit längerer Zeit hierherkam, da er so locker und vertraut mit ihr umging.
Kurze Zeit später lief ich selbst durch diese Tür. – Ich versuchte, nicht vor Aufregung zu kreischen, als ich die Fotos sah, die den Gang säumten: die »Glorreichen Sieben« von den Olympischen Spielen 1996. Sie waren das großartigste Turnerinnenteam der US-Geschichte, und Larry hatte Fotos von vielen von ihnen, manche davon sogar mit Autogramm und persönlicher Widmung an ihn. Mit großen Augen sah ich sie mir an, als wir durch den Flur in Richtung des leeren Behandlungszimmers gingen.
Eine Krankenschwester hielt uns die Tür auf, und wir traten ein. Ich bemerkte einen Arzttisch in der rechten Ecke, schräg gegenüber von einem Rollwagen, dem Waschbecken und den Schränken. Der Rollwagen war länger als üblich, und es befanden sich nur ein Gefäß mit Massagelotion und ein Seifenspender darauf. Ein einsamer Stuhl stand neben dem Kopfende des Untersuchungstisches. Der Arzthocker war zurückgeschoben und stand in der Nähe des Waschbeckens.
Die Schwester forderte mich auf, meine lockere kurze Hose anzuziehen. »Er wird gleich bei Ihnen sein«, sagte sie, als sie hinausging.
»Hast du die Bilder von den ›Glorreichen Sieben‹ gesehen?«, flüsterte ich meiner Mutter zu, während ich schnell in die lockeren Baumwollshorts schlüpfte, die ich mitgebracht hatte.
Sie nickte und nahm neben dem Untersuchungstisch Platz. Wir mussten nicht lange warten.
»Hi«, sagte eine freundliche Stimme, als sich die Tür öffnete. Und herein kam Larry, das Poloshirt in die graue Hose mit Bügelfalte gesteckt, ein Handy am Gürtel und eine Brille auf der Nasenspitze. Er bewegte sich schnell und gab erst mir und dann meiner Mutter die Hand. Seine Stimme klang fröhlich. »Sieht aus, als gäbe es bei dir einiges zu tun, Kleine!«, sagte er, als er das Krankenblatt hervorholte.
Ich nickte und lächelte schüchtern. Er lächelte zurück. Als er auf das Blatt schaute, bemerkte er meine Stiefeletten, die neben dem Stuhl meiner Mutter standen.
»Schöne Stiefel!«, rief er aus. »Die sind toll! – Okay, mal sehen, was wir hier haben.«
Dann begann die Untersuchung. Er prüfte meine Beweglichkeit und Körperspannung, ließ mich eine Reihe von Bewegungen und Tests ausführen und positionierte mich immer so, wie er es für den nächsten Test brauchte. Während er arbeitete, plauderte er die ganze Zeit und machte sich schnelle Notizen auf dem Blatt, das er in der Hand hielt. Der Sportarzt in Kalamazoo hatte nicht einmal einen Bruchteil der Untersuchungen durchgeführt, die Larry jetzt machte. Mit jedem Test wuchs meine Zuversicht. Er wusste offenbar ganz genau, was er tat.
»Mach mal so«, wies er mich an. Er ballte seine Hände zu Fäusten, sodass sie die Daumen umschlossen, und hielt die gebeugten Ellenbogen seitlich am Körper, mit den Fäusten nach vorne. »Jetzt beuge nur die Faust nach unten.«
Ich tat genau, was er sagte.
»Tut das weh?«, fragte er.
Ich verzog das Gesicht und nickte.
»Das habe ich mir gedacht.« Er zwinkerte mir zu. Dann nahm er eine meiner Hände und begann, die Strukturen zu erklären. Er benannte die schmerzenden Sehnen und zeigte, wo sie zusammentrafen und am Arm entlang verliefen.
»De-Quervain-Syndrom. Keine Sorge, Kleine. Das kriegen wir wieder hin.«
Bis zum Ende der Untersuchung hatte ich einige wichtige Dinge erfahren. Erstens war die Beweglichkeit meiner Schultern extrem eingeschränkt, was dazu führte, dass ich meine Handgelenke bei jeder Handstützbewegung überstreckte und zusätzlich massiven Druck auf meinen unteren Rücken ausübte. Zweitens wurden die Muskeln in meinem Rücken nicht in der richtigen Reihenfolge aktiviert, was dazu führte, dass mein unterer Rücken viel mehr Gewicht trug, als er sollte. Und drittens war meine Hüfte verdreht.
Larry gab mir eine Reihe von Dehnübungen für meine Handgelenke mit und zeigte mir, welche Gelenkstützen ich zum Tumbling verwenden sollte. Dann ging er mit mir ein paar Übungen durch, um die Muskeln in meinem Rücken neu auszurichten, und brachte mir Dehnübungen für meine Schultern bei. Was die verdrehte Hüfte betraf – das könne er sofort beheben, sagte er mir. Er holte ein Modell von einem Becken aus einer Schublade.
»Sehen Sie das?«, fragte er und streckte es meiner Mutter hin. »Diese Seite ihres Beckens ist verdreht«, erklärte er. »Man muss es nur zurechtrücken. Ich werde den Beckenknochen nehmen und ihn wieder an seinen Platz ziehen, okay?« Er schob seine Brille hoch, hob die Augenbrauen und nickte ihr zu, als würde er ihr eine Frage stellen.
»Okay«, antwortete meine Mutter.
Dann zog Larry mich in die Mitte des Raumes, nur wenige Meter von meiner Mutter entfernt, und schob meine Füße etwa dreißig Zentimeter auseinander. Er kniete sich hin und legte seine eine Hand mit festem Druck auf meinen unteren Rücken. Dann blickte er zu Boden, als wollte er sich konzentrieren, und schlang seine andere Hand unter der Hose um die Innenseite meines Beines.
»Gut, ich werde jetzt etwas Druck ausüben«, erinnerte er mich. Plötzlich schob sich seine Hand in meine Hose. In meine Unterhose. In mich. Moment – was? Ich blickte auf ihn hinab. Er biss sich leicht auf die Lippe, als würde er sich konzentrieren – kein Anzeichen dafür, dass irgendetwas nicht stimmte. Meine Mutter saß direkt vor mir und beobachtete, wie er meine Hüfte richtete. Er stieß seine Finger tiefer hinein und zog fest. Es tat weh.
»So!«, verkündete er. »Ich habe es!« Er lächelte zu mir hoch.
In meinem Kopf fand ein fortlaufender Dialog statt. Er hat gesagt, dass er den Beckenknochen drehen muss. Dieser Therapeut, über den Mama und ich gesprochen haben … er arbeitet auch von innen an den Knochen und Muskeln. Es muss diese Technik sein, dachte ich. Vermutlich ist Larry wirklich unsere letzte Chance. Wenn er diese innere Technik schon anwendet, gibt es nicht mehr viel, was wir noch probieren können.
»Also gut, Kleine, hüpf hier herauf und leg dich auf den Bauch«, wies er mich an, während er auf den Tisch klopfte.
»Ich würde gerne das Weichteilgewebe etwas bearbeiten – Myofasciale Therapie«, sagte er und sah meine Mutter an. »Sie hat Verspannungen in ihrem Rücken, die noch mehr Zerrungen und Entzündungen verursachen, wenn man sie nicht behandelt.
Ja, ja … genau so«, sagte er. Er fuhr fort, mich richtig zu positionieren und alles vorzubereiten, während er redete.
Dann zog er meine Hose ein wenig nach unten und steckte ein Handtuch hinein, um sie unten zu halten. Währenddessen plauderte er ungezwungen weiter.
»Habe ich vorhin dein Chemiebuch gesehen?«, begann er. »In welchem Kapitel bist du? Ich werde hier nur etwas Massagelotion auftragen«, fügte er lässig hinzu und schmierte mit einem Holzspatel eine große Portion auf die Innenseite meines Oberschenkels. Dann nahm er etwas davon auf die rechte Hand und begann, meinen unteren Rücken zu massieren. Er knetete die schmerzenden Muskeln erst mit seiner Faust, dann mit seiner geöffneten Handfläche und zum Schluss führte er mit seinem Unterarm feste, gleitende Bewegungen über den ganzen Rücken aus. Bei einem kurzen Blick über die Schulter sah ich, dass er konzentriert die Augen schloss. Es störte mich nicht, ich hatte häufig Physiotherapeuten gesehen, die bei der Behandlung von Weichteilgewebe die Augen schlossen, damit sie sich auf das konzentrieren konnten, was sie in den Muskelfasern spürten.
Doch dann glitt seine linke Hand wieder zum Oberschenkel und nahm dabei etwas Massagelotion auf. Sie fuhr unter meine kurze Hose. In meine Unterhose. Zwei Finger in mich hinein. Beiläufig massierend. Ich blickte zu meiner Mutter, die nur einige Zentimeter von mir entfernt saß. Sie lächelte beruhigend und beantwortete Larrys letzte Frage über meine Chemielektion.
Ich sah zu Larry hoch. Er hatte noch immer die Augen geschlossen, während er mit meiner Mutter plauderte. Das muss die Therapie sein, über die Mama und ich gesprochen hatten, überlegte ich wieder. Sagen wollte ich nichts. Das Ganze war unangenehm genug, und wenn er wüsste, wie peinlich es mir war, wäre es noch unangenehmer. Mama weiß von dieser inneren Therapie, dachte ich. Sie würde etwas sagen, wenn es komisch wäre. Larry stand genau zwischen ihr und mir. Sie könnte ihm leicht eine Frage stellen, wenn etwas für sie nicht richtig aussah. Es muss diese Therapie sein.
Ich dachte an all die Bilder an der Wand zurück. USAG vertraut Larry seine allerbesten Turnerinnen an und die Michigan State University auch. Ich dachte an Larrys selbstsichere, schamlose Bewegungen. Das ist eindeutig etwas, was er regelmäßig macht. Ich bin kein Testfall. Das ist eine normale Behandlung für ihn. Andere Patientinnen hatten sicher ihren Eltern von dieser Behandlung erzählt. Es war unmöglich, dass man an der MSU oder bei USAG noch nichts davon gehört hatte. Und wenn es je einen Zweifel daran gegeben hätte, was er tat, hätte es mit Sicherheit schon jemand überprüft.
Wenn etwas nicht in Ordnung wäre, hätte ihn jemand gestoppt.
Oder?
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FÜNF
»Also gut, Kleine, ich denke, das reicht für heute«, sagte Larry, als er meine Hose wieder zurechtrückte. Er drehte sich um und ging zum Waschbecken, wo er die Massagelotion abwusch, während er sich weiter mit meiner Mutter unterhielt.
»Wir kriegen sie wieder hin«, zwitscherte er fröhlich und warf die Papierhandtücher in einen kleinen Mülleimer, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder mir zuwandte. »Ich werde dir eine Liste mit Dehnungen und anderen Übungen mitgeben, und ich würde dich in nächster Zeit gerne regelmäßig sehen, um deinen Fortschritt im Auge zu behalten. Ich denke, wir sollten dir etwas Physiotherapie zwischen den Terminen verschreiben, um an der Stabilisierung deines Rückens und deines Beckens zu arbeiten. Ich bin mit den Therapeuten in regelmäßigem Kontakt, um ihnen Anweisungen zur besten Vorgehensweise zu geben. Warte einen Moment, ich hole, was du brauchst.«
Als er das Behandlungszimmer verlassen hatte, wandte sich meine Mutter mir zu und fragte: »Nun, was denkst du?«
Ich dachte darüber nach, bevor ich ihr antwortete. Er war gründlich. Er machte Ursachen ausfindig, die bisher niemand gefunden hatte. Er konnte mir genau sagen, was ich tun musste, um an dem jeweiligen Problem zu arbeiten, gab mir genaue Anweisungen, was ich beim Turnen tun durfte und was nicht. Er nahm sich sehr viel Zeit, um die Behandlung mit einem Physiotherapeuten zu koordinieren und einen auf mich angepassten Plan zu erstellen. Und wir wissen, dass die interne Beckenbodentherapie auch von vielen anderen Therapeuten praktiziert wird, rief ich mir in Erinnerung.
Nach dem letzten Fehlversuch bei dem Arzt in Kalamazoo war Larrys Ansatz ehrlich gesagt fantastisch. Im Gegensatz zu jenem Weißkittel, der kaum dazu bewegt werden konnte, von meiner Akte aufzusehen, war Larry aufmerksam. Er stellte Fragen, um herauszufinden, was genau meine Schmerzen verursachte und an welchen Trainingseinheiten ich gerade arbeitete. Er schien aufrichtig an mir interessiert zu sein – daran, wer ich war, nicht nur als Patientin, sondern als Person. Er unterhielt sich mit meiner Mutter über die alltäglichen Dinge im Leben – Schule, Familie, Kirche. Statt von einem Arzt behandelt zu werden, der sich nicht einmal die Mühe machte, auch nur einen einzigen praktischen Vorschlag anzubieten, bekam ich von ihm einen maßgeschneiderten Plan, der darauf abzielte, jeden Aspekt meiner aktuellen Beschwerden zu behandeln und zu verhindern, dass sie erneut auftraten. Der Arzt, dem unsere Olympionikinnen anvertraut waren, war bereit, einer unbekannten Turnerin auf Level 5 Zeit zu widmen, nur weil sie seine Hilfe benötigte.
»Ich denke, er ist wirklich gut«, sagte ich beinahe ungläubig. »Was meinst du?«
Meine Mutter war ziemlich praktisch veranlagt. Sie hatte weder Angst, Fragen zu stellen noch auf Antworten zu bestehen, und ein Arzt, der nichts erklärte oder Fragen als Belästigung ansah, war mehr als abschreckend für sie. Aber Larry schien alles richtig zu machen. Besser als jeder Arzt, bei dem ich je gewesen war. Er hatte sogar ein Skelett hervorgeholt, um zu erklären, was mit meiner Wirbelsäule geschah, und mir alle Namen der Muskeln, Knochen und Sehnen genannt, die mit meinen Rücken- und Handgelenksschmerzen zusammenhingen. Selbst die Physik der jeweiligen Abläufe in Handgelenk und Rücken, während ich bestimmte Übungen machte, hatte er erklärt und erläutert, warum die Dehnübungen, die er mir gegeben hatte, helfen würden.
»Ja, er scheint sehr gut zu sein«, stimmte meine Mutter mir zu. »Ich schätze seine Gründlichkeit und seine Bereitschaft, über das zu sprechen, was los ist. Das ist deutlich mehr Hilfe, als wir anderswo bekommen haben.«
In diesem Moment öffnete sich die Tür und Larry kam zurück, er blätterte durch einen Stapel Papiere. »Das sind die Übungen und Dehnungen, über die wir gesprochen haben. Du machst sie zu Hause und in der Turnhalle, in Ordnung?« Er ging mit mir die Seiten durch und reichte mir dann einen zweiten Stapel. »Das ist für deinen Trainer, falls er weitere Details über deine Probleme wissen möchte.« Dann holte er ein paar weitere Blätter hervor, die seine medizinische Diagnose und ein paar handschriftliche Notizen darüber enthielten, welche Art von Aktivitäten ich vermeiden sollte. »Nimm dieses ganze Paket mit zur Physiotherapie. Es enthält die technischen Informationen für deinen Therapeuten. Meine Nummer steht auch darauf, sie können mich jederzeit anrufen, wenn sie deinen Behandlungsplan oder erste Fortschritte mit mir besprechen wollen.« Er lächelte und wandte sich an meine Mutter. »Oh, und sie könnte nach der Korrektur der Hüfte ein wenig wund sein, geben Sie ihr also ruhig eine Schmerztablette, wenn nötig.«
Ich zuckte leicht zusammen. Das schien einfach so … persönlich. Meine Mutter lächelte zurück. »Ja, das können wir machen!«
»Alles klar«, sagte Larry. »Ich bringe sie noch nach vorne. Du kommst dann alle paar Wochen her, okay?« Ich sah meine Mutter an, nickte und lächelte verlegen. »Vereinbaren Sie etwa sechs Termine mit der Sprechstundenhilfe, damit wir die Zeit freihalten, und dann werden wir sehen, wie es weitergeht.«
Er legte seine Hand auf meine Schulter und führte mich sanft nach draußen. Wir gingen zurück durch den Flur, an den Fotos der Olympiateilnehmerinnen vorbei und zu meinen Geschwistern, die immer noch geduldig im Wartezimmer saßen und ihre Schularbeiten erledigten. Larry hatte mir die Tür aufgehalten, als wir gingen, und enthusiastisch seine nächste Patientin begrüßt. Ein Mädchen, das etwas jünger war als ich. »Heyyy! Schön, dich zu sehen! Wie geht es dem Knie? Komm herein, Kleine. Wir kriegen dich schon wieder hin.«
Wieder hinkriegen. Das klang gut.
Am nächsten Tag kehrte ich mit einem klaren Ziel und fester Entschlossenheit in die Turnhalle zurück. Die Handgelenksbandagen waren bestellt, meine Handgelenke mit der neuen Methode, die Larry mir gezeigt hatte, getapt, und zum ersten Mal hatte ich eine Orientierung. Ich folgte seinen Anweisungen wie einer Religion, mied gewissenhaft die Dinge, die ich vermeiden sollte, und gab mir bei allem, was ich tun konnte, die größte Mühe. Die neuen Dehnübungen und die Physiotherapie, die er empfohlen hatte, fügte ich zu meiner Trainingsroutine hinzu, und mein Trainer half mir, Möglichkeiten zu finden, die Übungen zu ersetzen, die ich aussetzen musste. Ich hatte großes Glück, einen Trainer zu haben, dem meine Gesundheit wirklich am Herzen lag. Er sperrte sich nicht gegen die Einschränkungen und Änderungen, die vorgenommen werden mussten, damit sich meine überanstrengten Muskeln und Sehnen erholen konnten. Ich stürzte mich also auf die Möglichkeiten, die ich hatte, und hoffte, dass sie genügen würden.
Das Übungsgerät in der Physiotherapie – eine dicke weiße Rolle aus Schaumstoff, etwas länger als meine Wirbelsäule – lag auf dem Boden, und ich versuchte mich so daraufzulegen, dass die Rolle an meiner Wirbelsäule entlang verlief. Dieses einfache Hilfsmittel hatte eine Vielzahl von Verwendungsmöglichkeiten, unter anderem, die Ausrichtung der Wirbelsäule zu trainieren. »Lass die Füße am Boden und lege deine Hände auf den Bauch«, erklärte mir meine Therapeutin.
»Das Ziel ist, das Gleichgewicht zu behalten. Heb einfach deinen linken Fuß ein paar Zentimeter an, dann stellst du ihn wieder ab und machst das Gleiche mit dem rechten Fuß. Wenn du eine Fehlausrichtung hast, wird es sich zeigen.«
Ich hob meinen Fuß, wie sie mir gesagt hatte. Kein Problem. Ich meine, ich trainierte vier Tage die Woche auf einem zehn Zentimeter schmalen Balken. Ich war es gewohnt, mich zu korrigieren und wieder ins Gleichgewicht zu kommen – wie schwer konnte das schon sein?
»Großartig, jetzt versuche es mit dem anderen Fuß.«
Gehorsam stellte ich den linken Fuß ab und begann, den rechten anzuheben. In dem Moment verstand ich, was sie damit gemeint hatte, dass eine Fehlausrichtung offensichtlich werden würde. Die steife Schaumstoffrolle rutschte unter mir weg, mein kaum angehobener Fuß ging nach unten und der andere flog in die Luft, um die enorme Gewichtsverlagerung zu kompensieren. Meine Hände schossen nach hinten und stützen sich am Boden ab.
»Meine Güte!« Ich begann zu kichern und die Therapeutin lachte mit. Offensichtlich hatte sie das schon mehr als einmal gesehen.
»Versuchen wir es noch einmal«, sagte sie. Wir taten es – mit dem gleichen Ergebnis. Wie sehr ich mich auch anstrengte, es war mir nicht möglich, auf der Rolle liegen zu bleiben, wenn ich den rechten Fuß anhob.
»Das werden wir üben«, sagte meine Therapeutin. Sie erklärte, dass die Wiederholung dieser einfachen Schritte helfen würde, meine Muskeln so zu trainieren, dass sie richtig aktiviert wurden und somit halfen, meine Wirbelsäule wieder besser auszurichten. Wir setzten die Schaumstoffrolle auf die immer länger werdende Liste mit Therapiehilfsmitteln, mit denen ich zu Hause arbeiten sollte.
»Lass uns jetzt deine Hüften untersuchen«, sagte sie. Ich sollte mich vor sie stellen, während sie mit ihren Daumen die Rückseite meiner Beckenknochen ertastete. Sie überprüfte die Vorder- und Rückseite und bemerkte die Drehung und den Höhenunterschied auf einer Seite.
»Ja, dein Becken ist verdreht und seitlich versetzt.«
Genau wie Larry gesagt hat, dachte ich.
»Ich werde dir beibringen, wie du das selbst korrigieren kannst, okay?« Sie nahm sich etwas Zeit, um mir das Konzept des Gegendrucks zu erklären und wie er angewandt werden konnte, um das Becken wieder in Position zu bringen. Auch wie ich selbst überprüfen konnte, ob es falsch ausgerichtet war, zeigte sie mir. Zu Hause sollte ich etwas Festes, wie einen Türrahmen oder ein Sofa, verwenden und mich dagegen drücken, um so die Fehlstellung selbst zu korrigieren. Meine Kleidung behielt ich die ganze Zeit an.
Ich frage mich, warum Larry es anders macht, dachte ich kurz. Ich hatte nicht die Zeit, um über die Frage nachzudenken. Meine Therapeutin holte bereits ein paar große Gymnastikbälle hervor und nahm Augenmaß, um zu sehen, welche Größe ich brauchte. Ich liebte Übungen mit dem Gymnastikball, die Herausforderung machte viel Spaß. Und wer spielt nicht gerne mit einem riesigen Hüpfball, der groß genug ist, um darauf zu sitzen!
An diesem Tag verließ ich die Praxis mit noch mehr Übungen für meine Therapie und noch mehr Unterlagen, die ich zu Larry mitnehmen sollte.
Bei ihm hatten wir noch nicht viel für meine Handgelenke getan, obwohl ich inzwischen ein paarmal wieder dort gewesen war. Er schien sich auf meinen Rücken zu konzentrieren, und diese innere Behandlung, die er beim ersten Mal gemacht hatte, war zu einer regelmäßigen Sache geworden. Wahrscheinlich ist der Rücken das dringlichere Problem, dachte ich. Ich bin mir sicher, dass wir zu den Handgelenken kommen werden, wenn die Rückenprobleme einmal unter Kontrolle sind.
»Alles klar, Aufwärmen für die Radwende«, rief mein Trainer durch die Halle, wobei er mit seinem Akzent ganz leicht das R rollte. Es war wenige Tage vor Ostern, und ich versuchte aus jedem Training das Beste zu machen, bevor das Landesfinale stattfand. Wir übten Tumbling über Kreuz – in zwei Ecken stand je eine Gruppe von uns und führte abwechselnd Serien von Bodenturnübungen aus – immer zur gegenüberliegenden Ecke hin, wie auf den Linien von einem X. Gerade hatte ich meine Serie von Handstützüberschlägen vorwärts beendet und begann mit den Übungen für Rückwärtsüberschläge. Beim ersten Durchgang zuckte ich ein wenig zusammen. Der Knochen im seitlichen Bereich meiner Schienbeine bereitete mir schon längere Zeit Probleme, gelegentlich verspürte ich einen stechenden Schmerz beim Aufprall. Da aber mein Rücken und meine Handgelenke mit Abstand oberste Priorität hatten, weigerte ich mich, über die Schmerzen im Schienbein nachdenken. Ich biss einfach die Zähne zusammen.
»Rachael, durch die Schultern! Deine Schultern!«, rief mein Trainer. Die »Abdruckphase« der Radwende, bei der die Hände den Boden kurz berühren und sich dann schnell wieder abstoßen sollten (wie ein Flummi beim Aufprall), war nicht meine Stärke. Um ehrlich zu sein, das Rückwärts-Tumbling im Allgemeinen war nicht mein Ding. Während ich darauf wartete, dass ich wieder an die Reihe kam, machte ich Handstandsprünge auf dem Sprunganlauf, um diesen Teil der Radwende zu üben. Dabei hörte ich auf das rhythmische Stampfen meiner Teamkolleginnen, die über den Boden rannten und wirbelten. Ich war die Nächste.
»Schultern!«, erinnerte mich mein Trainer.
Ich nickte und begann mit dem Anlauf. Eins, zwei, drei, Sprung! Ich streckte meinen Körper, konzentrierte mich auf den Abdruck und drehte mich auf dem Weg nach unten. Als ich landete, spürte ich wieder dieses Stechen in meinem Schienbein.
Knacks!
Das hatte ich gespürt.
Das hatte ich gehört.
Der innere Teil meines Fußes war bei der Landung leicht nach unten umgeknickt gewesen. Irgendetwas stimmt nicht. Ich spürte eine Mischung aus stechendem Schmerz und Taubheit. Während ich wieder in der Schlange wartete, schüttelte ich meinen Fuß, damit das Gefühl zurückkehrte und das Kribbeln aufhörte. Als ich wieder an der Reihe war, wollte ich losrennen, blieb aber nach zwei Schritten abrupt stehen. Es fühlte sich an, als hätte ich nicht die vollständige Kontrolle über meinen Fuß. Ich schüttelte den Kopf.
»Irgendetwas stimmt nicht«, sagte ich zu meinem Trainer. »Ich bin seitlich darauf gelandet«, erklärte ich und deutete nach unten.
»Ja, das habe ich gesehen.« Er schlug vor, dass ich eine Weile mit dem Tumbling pausierte und einfach an Übungen für den Handstütz arbeitete. Ich nickte, frustriert über ein weiteres potenzielles Problem. Also ging ich in den hinteren Teil der Halle und machte einen Handstand. Ich bog meinen Rücken durch, um meine Füße an die Wand zu stellen – so imitierte ich den letzten Teil eines Handstützüberschlags rückwärts –, dann schwang ich mich zurück auf meine Füße. Wieder und wieder übte ich diese Bewegung, aber die Übelkeit von den Schmerzen wurde so schlimm, dass ich schließlich zum Barren überging. Hier klappte es auch nicht besser. Schon der geringste Druck auf meinen Fuß führte zu Schwindel und Übelkeit. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu meinem Trainer zurückzugehen.
»Ich habe das Gefühl, als müsste ich mich übergeben«, gab ich zu.
»Lass mich mal sehen«, sagte er und deutete auf meinen Fuß.
Ich hob ihn auf die dicke Sprungmatte, wo er ihn nahm und vorsichtig mit den Fingern über eine Stelle fuhr, wo es geknackst hatte. Eine deutliche Schwellung und ein roter Fleck waren zu sehen. »Mädchen …« Er hielt inne. »Hast du dir jetzt auch noch den Fuß gebrochen?«
Unglücklich zuckte ich mit den Achseln. Ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte. Er schüttelte den Kopf.
»Ich denke, du gehst besser nach Hause und wartest mal ab. Vielleicht musst du es röntgen lassen.«
Frustriert, aber auch mit einer gewissen Erleichterung, atmete ich aus. Tief im Innern wusste ich, dass ich mit meinem Fuß nicht weiter würde trainieren können, und ich war dankbar, dass mein Trainer diese Entscheidung für mich getroffen hatte.
»Ich werde mit deiner Mutter sprechen«, versicherte er mir. »Geh du dich schon umziehen. Ruf mich morgen an und lass mich wissen, was der Arzt gesagt hat, okay?«
Ich stand dabei, als er später mit meiner Mutter sprach. »Sie sollte den Fuß kühlen und heute Nacht gut schlafen. Wenn der Schmerz sie wach halten sollte, bringen Sie sie gleich morgen früh in die Notaufnahme.«
In der Nacht waren die Schmerzen schlimmer geworden, und als wir am Morgen in der Notaufnahme saßen, waren wir alle ziemlich sicher, was das Röntgenbild zeigen würde. Umso überraschter waren wir, als der Arzt hereinkam und verkündete: »Ja, Sie haben einige kleine Knochenbrüche in diesem Knöchel.«
Knöchel? Ich blinzelte. Ich bin doch nicht wegen eines gebrochenen Knöchels hier.
»Ich bin nicht wegen meines Knöchels hier«, wiederholte ich laut. »Es ist mein Fuß.«
»Nein, nein«, beharrte der Arzt. »Glaub mir, der Bruch ist in Ihrem Knöchel.«
Frustriert atmete ich tief durch. »Nein«, wiederholte ich. Noch einmal wies ich auf die Stelle an meinem Fuß. »Es ist mein Fuß. Ich habe mich am Fuß verletzt.« Nachdrücklich zeigte ich auf die Stelle, wo es wehtat. »Genau hier. Der fünfte Mittelfußknochen.« Gott segne meinen Biologielehrer, fügte ich innerlich hinzu. »Ich bin gestern Abend beim Tumbling unglücklich darauf gelandet.«
»Oh …«, antwortete der Arzt. »Hmm. Wir werden das noch einmal überprüfen.«
Ich versuchte, gnädig zu lächeln, aber ich hatte die halbe Nacht mit qualvollen Schmerzen wach gelegen. Wenn mir jetzt jemand einreden wollte, ich kenne den Unterschied zwischen meinem Fuß und meinem Knöchel nicht, machte er sich nicht gerade beliebt bei mir.
Wenige Minuten später kam der Arzt zurück und hielt ein paar Röntgenbilder gegen das Licht. »Ja, er ist gebrochen. Ihr Fuß, meine ich. Ich habe den Bruch nicht bemerkt, weil mir auf den ersten Blick Knochensplitter in Ihrem Knöchel ins Auge gefallen sind, und sie sind nicht verheilt.« Er zeigte mir drei kleine Stellen auf dem Knochen, die wie feine Linien aussahen. »Aber, ja. Sie haben sich auch den Fuß gebrochen. Glücklicherweise ist der Knochen nicht verschoben, also werden wir den Fuß eingipsen und Sie dann an einen Orthopäden verweisen.«
Toll …, dachte ich und verzog das Gesicht.
Als der Arzt hinausging, um das Material für den Gips zu holen, sah ich meine Mutter verzweifelt an.
Ihr Gesicht spiegelte meine Frustration wider. »Weißt du was? Ich werde Larry anrufen. Vielleicht kann er dir spontan einen Termin geben, und wir können das Ganze gründlicher überprüfen lassen.«
Ein kleiner Hoffnungsschimmer keimte in mir auf. Larry würde wenigstens wissen, was ich selbst mit einem Gips noch tun konnte.
Und wieder zeigte sich Dr. Nassar verlässlich. Kaum hatte meine Mutter angerufen, hatten wir auch schon einen Termin. Larry würde sich um mich kümmern.
»Oh Mann!«, sagte Larry, umarmte mich und strich mir über die Schulter. »Es tut mir so leid. Warum hast du das gemacht?«, witzelte er, während er auf meinen blauen Gips deutete. Blau war die Farbe meines Teams. Wenn du sonst schon nichts machen kannst, sei wenigstens repräsentativ, hatte ich mir gesagt.
»Sehen wir uns mal die Röntgenbilder an.« Er befestigte sie am Leuchtkasten und betrachtete sie.
»Der erste Arzt dachte, es wäre mein Knöchel«, sagte ich verzweifelt. »Er hat den Bruch im Fuß nicht einmal gesehen.«
»Du meinst den Ermüdungsbruch hier?« Er wies auf eine Stelle am Wadenbein. »Das ist nicht einmal in der Nähe deines Fußes!«
»Ermüdungsbruch …?« Ich blinzelte irritiert. »Nein, davon hat er nichts gesagt.«
»Ja. Ja, genau hier. Hat dein Schienbein dir irgendwelche Probleme gemacht?« Er kam zu mir und hob mein gesundes Bein an. »Wir sollten auch das andere Bein untersuchen. Wenn die eine Seite betroffen ist, findet man es häufig auch auf der anderen Seite. Etwa hier«, sagte er und drückte mit dem Finger sanft auf einen bestimmten Punkt.
»Ja-ah!« Ich verzog das Gesicht und jaulte auf. »Das ist die Stelle.«
Larry lachte und entschuldigte sich. »Wir müssen auch von diesem Bein ein paar Röntgenbilder machen«, kündigte er an.
»Der andere Arzt hat aber nichts davon gesagt«, protestierte ich. »Er hat nur meinen Knöchel erwähnt.«
Larry schmunzelte und winkte ab. »Die sind schwer zu erkennen. Die meisten Ärzte wissen nicht, wie man danach sucht.«
»Aber was meinte er mit meinem Knöchel?«, fragte ich. »Er bestand darauf, dass ich wegen meines Knöchels gekommen sei, und es dauerte ewig, ihn davon zu überzeugen, dass es mein Fuß war.«
Larry schob seine Brille ein wenig nach oben und wies erneut auf das Röntgenbild. »Er meinte das hier, da hast du ein paar Knochensplitter. Das kommt relativ oft vor und passiert, wenn Turner bei ihren Überschlägen zu flach landen. Aber wenn die Splitter so winzig sind, sieht man sie erst, wenn der Knöchel zu heilen beginnt. Die Tatsache, dass der Kollege sie sehen konnte, hätte ihm zeigen müssen, dass es keine aktuelle Verletzung ist.«
Ich atmete tief durch. »Wie lange dauert es, bis man sie sehen kann? Ich meine, um eine Diagnose stellen zu können?«
»Oh, sie sind in der Regel frühestens nach ein paar Wochen zu sehen … Wenn man weiß, wonach man sucht«, sagte er. »Aber nie so schnell. Die hier sind ziemlich alt, sie sind fast verheilt.«
Inzwischen war ich wirklich verärgert. Larry wusste nicht, dass ich, noch bevor ich den ersten Termin bei ihm gehabt hatte, bereits zweimal bei einem Orthopäden gewesen war, um meinen Knöchel untersuchen zu lassen. Das erste Mal, nachdem ich schon einmal falsch aufgekommen war und starke Schmerzen hatte. Sechs Wochen später ging ich erneut zu ihm, um den Knöchel nochmals untersuchen zu lassen, weil er mir immer noch Probleme machte. Er hatte sogar Röntgenbilder machen lassen und mir, nachdem er sie angesehen hatte, versichert, dass alles in Ordnung sei.
In Gedanken begann ich, all die Ärzte aufzuzählen, bei denen ich gewesen war, die die Probleme völlig übersehen hatten oder nicht in der Lage gewesen waren zu helfen. Oh Mann. Wie gut, dass wir jetzt nur noch zu Larry gehen.
In einem Nebenraum wurde eine weitere Reihe Röntgenaufnahmen gemacht, die unsere Befürchtung bestätigten. Auch im rechten Wadenbein zeigte sich eine Ermüdungsfraktur.
Als ich ins Behandlungszimmer zurückkam, wartete Larry bereits auf mich. »Wenn du schon mal hier bist, wie geht es deinem Rücken?«, fragte er. »Ich kann mir vorstellen, dass er nach deiner schiefen Landung und dem Gehen an Stützen ziemlich wehtut?«
Ich nickte.
»Nun, wenn du jetzt da bist, können wir die Zeit nutzen, um dich wieder hinzukriegen. Mit der Physiotherapie musst du noch etwas warten, aber ich kann trotzdem etwas für dich tun, auch wenn du den Gips hast.«
Er wies auf den Tisch und half mir hinauf. Unterwegs schnappt er sich die Massagelotion. »Arme Kleine, alles tut weh!«, sagte er mit einem mitfühlenden Lächeln. Ich atmete tief durch und erinnerte mich an meine Frustration in der Notaufnahme. Bin ich froh, dass Larry bereit war, mir spontan einen Termin zu geben, dachte ich, während ich spürte, wie er mir die kurze Hose herunterrollte.
Die Behandlung war unangenehm und ich mochte sie nicht. Aber endlich schenkte mir jemand Aufmerksamkeit und war bereit, mir zu helfen. Ich sah zu meiner Mutter hoch, die auf dem Stuhl saß, hinter Larry konnte ich sie kaum sehen. Sie lächelte und ich lächelte zurück. Wir hatten endlich Hilfe bekommen.
Ein paar Wochen später war ich wieder in der Turnhalle – auf Krücken und mit Gips, aber wenigstens war ich zurück. Der Bruch war so weit geheilt, dass Larry keine Bedenken mehr hatte, der Knochen würde sich auch dann nicht mehr verschieben können, wenn ich mir versehentlich den Fuß stieß. Also hatte er grünes Licht gegeben. Ich durfte zwar keine Turnübungen machen, aber ich konnte meine Kondition trainieren, mich dehnen und einen Teil meiner Übungen aus der Physiotherapie machen. Es war eine lächerliche Angelegenheit, einen Turnanzug über den Gips zu bekommen, aber ich wollte es so gerne, dass es mir völlig egal war, wie lange es dauerte.
In den nächsten Monaten machte ich bei jedem Training meine Konditionsübungen – erst mit Gips, später mit einer Orthese – und wartete … wartete, dass der Knochen heilte. Den Gips konnte ich nicht leiden, aber ich mochte die Muskeln, die ich durch ihn bekam, weil ich bei jedem Klimmzug und jedem Beinheben sein zusätzliches Gewicht von mehr als vier Kilo stemmen musste. Schon vorher war ich ziemlich muskulös gewesen, aber es dauerte nicht lange, bis ich ahnte, dass ich im Armdrücken gegen die meisten Jungs in meinem Alter gewinnen würde. Das war immerhin auch schon etwas. Auch ein Sixpack zu haben, das sich unter dem Turnanzug abzeichnete, war ziemlich cool. Und ich wusste, dass es einfacher werden würde, den Sport wieder aufzunehmen, je fitter ich war. Sobald Larry sein »Okay« dafür gab.
In alldem war Larry da. Für die regelmäßigen Nachuntersuchungen ging ich zu ihm statt zu einem Orthopäden. Er blieb mit meiner Physiotherapeutin in Kontakt, sodass ich mit der Reha für mein Bein und meinen Fuß beginnen konnte, sobald der Gips abgenommen wurde. Und jedes Mal, wenn ich zu Larry kam, fragte er nach meinem Rücken. Das Gehen an Stützen brachte alles wieder aus dem Gleichgewicht. Ich ging nicht wegen meines Rückens zu ihm, aber er wusste, dass er wehtat, deshalb bot er bei jedem Termin an, ihn zu behandeln.
»Komm, auf die Liege, Kleine«, sagte er, und ich tat es. Ein paarmal rutschte seine Hand von vorne in meine Hose.
Sie muss ihm ausgerutscht sein.
Ist es möglich, so auszurutschen?
Natürlich war es ein Ausrutscher. Was sollte es sonst sein?
Einmal, als meine Mutter und ich aus dem Untersuchungszimmer kamen, waren Flur und Anmeldebereich bereits dunkel, scheinbar waren alle schon nach Hause gegangen. Ich hatte keine Ahnung, dass wir so lange drinnen gewesen waren, und war überrascht, dass Larry mit einer Patientin ganz allein gelassen wurde.
»Wen sollen wir morgen anrufen, um sicherzustellen, dass das über unsere Versicherung abgerechnet wird?«, fragte meine Mutter. »Wir waren ja eigentlich gar nicht wegen ihres Rückens hier, also sollte ich jemandem Bescheid sagen.«
Larry winkte ab, als wollte er ihre Bedenken beiseiteschieben. »Oh, keine Sorge. Sie brauchte die Hilfe. Das geht aufs Haus. Werde einfach schnell wieder gesund, ja, Rach?«
Er umarmte uns beide und wir gingen. Er war so anders als die anderen Ärzte, die nicht einmal von ihrem Papierkram hatten aufsehen oder zuhören können, wenn ich versucht hatte zu erklären, was mir wehtat. Gedankenverloren humpelte ich an den Fotos der »Glorreichen Sieben« vorbei. Ihre Unterschriften waren in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Kein Wunder, dass USAG und die MSU ihn bei sich haben wollen.
»Also … das war komisch«, flüsterte meine Teamkollegin Ashley.
Wir saßen auf der Rückbank des Minivans meiner Mutter und fuhren von Lansing nach Hause. Jetzt, wo ich die Orthese nicht mehr tragen musste, nahm ich zwar wieder am Turntraining teil – obwohl ich immer noch sehr eingeschränkt war und nur wenig mitmachen konnte –, setzte aber gleichzeitig meine Reha und Physiotherapie fort. Larry beaufsichtigte natürlich alles.
Da Ashley seit einiger Zeit erhebliche Rückenprobleme hatte und ihre Mutter sie nicht zu Larry bringen konnte, fuhren wir gemeinsam zu unseren Terminen bei ihm. »Behandelt er deinen Rücken auch so?«, fragte sie.
Ich dachte darüber nach, was Ashley mir anschließend beschrieben hatte.
Meine Mutter hatte sie und mich in das gleiche Behandlungszimmer mitgenommen. Sie wollte sichergehen, dass jemand bei Ashley war und ihrer Mutter berichten konnte, wie es weitergehen sollte. Larry kam herein, verteilte Umarmungen, machte Smalltalk und stellte Fragen über die Schule und das Turnen. Dann kam er zur Sache. Er untersuchte Ashleys Rücken gründlich und stellte dann einen umfassenden Plan zusammen – es war ja schließlich Larry. Er sagte ihr, dass er gerne etwas Weichteilmassage machen wollte, um die Muskeln zu lockern und alles wieder richtig auszurichten.
»Möchtest du, dass sie hinausgehen, oder ist es okay, wenn sie im Zimmer bleiben?«, fragte er. Ich fand es gut, dass er ihr die Möglichkeit gab, ihre Privatsphäre zu schützen.
»Nee, wir sind Teamkolleginnen. Wir sehen sowieso alle alles«, lachte sie.
Larry erwiderte das Lachen. »Keine Geheimnisse in der Umkleide!«, kicherte er.
Er ließ sie auf die Liege hüpfen und sich auf den Bauch legen, so wie auch ich immer lag. Ich sah, wie er ihre Hüfte mit einem Handtuch bedeckte, ihre Hose und ihr Shirt ein wenig zur Seite schob und begann, ihren Rücken mit seiner rechten Hand und seinem rechten Unterarm zu massieren, wie er es auch bei mir tat. Dann bemerkte ich, dass er seine linke Hand beiläufig unter das Handtuch gleiten ließ, während er sprach. Er scherzte und lachte mit ihr, während er ihre weichen Muskeln mit seiner sichtbaren Hand knetete.
Ich hatte die Hand unter dem Handtuch kaum bemerkt. Wow. Wenn ich nicht wüsste, was er da tut, würde ich es nie erraten. Ich wusste gar nicht, wie diskret er sein kann.
Bis Ashley es durch ihre Frage bestätigte, war ich mir tatsächlich nicht einmal sicher gewesen, ob Larry bei ihr das Gleiche gemacht hatte wie bei mir, obwohl ich diese innere Behandlung inzwischen schon oft erlebt hatte. Ich war erleichtert, festzustellen, dass es beinahe unmerklich war. Wir wollen ja schließlich, dass Ärzte unsere Privatsphäre schützen, oder? Die Fähigkeit, eine so heikle Behandlung durchzuführen, ohne etwas nach außen zu zeigen oder Aufmerksamkeit darauf zu lenken, schien der Notwendigkeit geschuldet zu sein, solch persönliche Anwendungen diskret zu behandeln.
Meine Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. »Ja, es ist unangenehm.« Ich schwieg einen Moment. »Aber, ja. Meinen Rücken behandelt er auch immer so. Eigentlich jedes Mal.«
Seine Bewegungen waren so routiniert, dass es für mich offensichtlich war, dass es eine normale Behandlungsmethode für ihn sein musste. Die Tatsache, dass Ashley und ich das Gleiche erlebt hatten – während wir auch noch im selben Raum waren –, bestätigte es.
»Na ja … ich meine, es ist Larry, richtig? Also …« Ihre Stimme verlor sich. Ich murmelte etwas Zustimmendes, während wir die Autobahn entlangfuhren. Ashley hatte recht. Es war Larry. Er behandelte tagtäglich von morgens bis abends Mädchen. Sogar die Olympiateilnehmerinnen. Es musste normal sein.
Auf dem restlichen Heimweg sprachen Ashley und ich nicht mehr viel.
Wochen später informierte mich meine Mutter, dass wir das Datum unseres nächsten Termins ändern mussten, weil eines unserer Autos ein mechanisches Problem hatte.
»Ach, das ist in Ordnung«, antwortete ich beiläufig. »Wir hätten den Termin wahrscheinlich sowieso verschieben müssen, ich bekomme in der Zeit meine Tage.« Ohne einen weiteren Gedanken fuhr ich fort, den Boden zu kehren.
»Warum sollte das eine Rolle spielen?«, unterbrach mich die verwirrte Stimme meiner Mutter.
Ich lachte. Peinlich! Äh, muss ich das jetzt wirklich erklären? »Na ja, ich meine … Er kann mich nicht wirklich behandeln, wenn ich meine Periode habe!«, sagte ich mit einem kurzen Lachen und warf ihr einen schiefen Blick zu, der meiner Meinung nach eindeutig war.
»Warum kann er dich nicht behandeln?«, sagte meine Mutter mit etwas mehr Dringlichkeit in der Stimme. »Rachael, macht er … macht er etwas Innerliches?«
Ich hielt verwirrt inne und stellte den Besen ab. »Äh, … ja?«
Warum ist das neu für sie? Wir gehen doch schon seit Monaten hin. Ich verstand es nicht.
»Rachael, das wusste ich nicht.«
Schock und Verwirrung, kombiniert mit einer Angst, die ich nicht verstand, stürzten auf mich ein. Ich zwang mich zu lachen. Mach es nicht noch unangenehmer, als es sowieso schon ist, ermahnte ich mich selbst. Ich wollte kein Theater. Es war schon peinlich genug, ohne zusätzliche Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Meine Mutter war immer sehr gut darin gewesen, mit meinen Geschwistern und mir über unseren Körper und über Sexualität zu sprechen, aber trotzdem … es war privat.
»Ich meine, was dachtest du, wie er mein Becken gedreht hat?«, fragte ich mit erzwungener Lässigkeit.
»Äußerlich!«, antwortete meine Mutter bestimmt. »Ich habe nicht gemerkt, dass er etwas Innerliches gemacht hat.« Sie hielt inne und atmete tief durch. »Na gut«, sagte sie mit fester Stimme, »Und was hältst du davon?«
Ich dachte eine Weile nach, bevor ich antwortete. Larry war der Arzt, dem USAG seine Olympiateilnehmer anvertraute. Außerdem war er der Arzt, an den die MSU ihre eigenen Turnerinnen überwies. Larry behandelte jeden Tag Mädchen, und das schon seit Jahren. Ich wusste, dass er das die ganze Zeit tat, sogar mehrmals am Tag. Und von der Freundin unserer Familie wusste ich, dass Physiotherapeuten spezielle Schulungen für die interne Beckenbodentherapie machen konnten. Also wählte ich meine Worte vorsichtig und ehrlich.
»Ich meine, es ist unangenehm … aber so ist das bei medizinischem Kram manchmal, oder?«
»Ja …«, antwortete meine Mutter, offensichtlich nicht überzeugt.
»Und wir wissen ja, dass es Therapeuten gibt, die interne Beckenbodentherapie praktizieren. Wir haben sogar schon darüber gesprochen, dass ich sie vielleicht brauche, nicht wahr? Und dass es nicht unbedingt angenehm sein wird, aber notwendig sein könnte?«, drängte ich.
»Ja, das stimmt.« Meine Mutter seufzte. »Das stimmt. Ich hatte nur vor, dich zu einer weiblichen Therapeutin zu bringen, wenn es sich herausstellen sollte, dass du wirklich irgendeine innere Behandlung brauchst.«
Ich zuckte mit den Achseln und begann wieder zu fegen. Der braune Geschirrschrank in unserem Esszimmer züchtete Wollmäuse, da war ich mir sicher. Ich zog eine besonders große aus der linken Ecke hervor. »Na ja, da Larry alles kann und das Fachwissen im Turnen hat, dachte ich eigentlich, dass wir entschieden hätten, bei ihm zu bleiben«, sagte ich.
Meine Mutter nickte, war aber noch nicht fertig. Sie gab nicht so leicht auf, und bald musste ich ihr eine Frage nach der anderen beantworten.
Hatte ich je das Gefühl gehabt, dass es unprofessionell war?
War es unangenehmer als eine normale ärztliche Untersuchung?
Hatte er je irgendetwas getan, das nicht wirklich medizinisch wirkte?
»Nein.«
»Nein.«
»Nein.«
Und ich glaubte meine Antworten. Nur eine schmutzige Fantasie würde eine medizinische Untersuchung sexualisieren. Dass ich daran arbeiten musste, nichts in die Behandlung »hineinzulesen«, war mein Problem.
Endlich gab meine Mutter nach. »Na gut. Aber wenn du dich je auch nur ein kleines bisschen unwohl fühlst oder das Gefühl hast, dass etwas nicht ganz richtig ist, sag mir sofort Bescheid. Wir können jederzeit zu einem anderen Therapeuten wechseln. Es gibt mehrere Physiotherapeutinnen in der Gegend, die interne Therapien durchführen.«
Ich nickte zustimmend. »Okay, das werde ich.« Und ich meinte es so, weil ich wusste, dass auch sie es so meinte. Wenn irgendetwas nicht stimmte, würde ich es ihr erzählen. Aber wenn wirklich etwas nicht stimmte, würde Larry bestimmt nicht jeden Tag Mädchen behandeln.
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SECHS
»Und wie geht es Ihrer Frau, jetzt, wo das Baby fast da ist?«
Larry senkte den Kopf und schüttelte ihn ungläubig. »Oh Mann. Es geht ihr großartig, Rach. Ich meine, sie fühlt sich natürlich ziemlich unwohl, aber wir sind so bereit für dieses kleine Mädchen.« Er machte eine Pause. »Ich kann es kaum erwarten.« Seine Stimme war voller Emotionen und Ehrfurcht.
Es war Spätsommer 2001, über anderthalb Jahre nachdem ich zum ersten Mal die Klinik der MSU betreten hatte. Larrys erstes Kind, ein kleines Mädchen, sollte in einigen Wochen zur Welt kommen, und er war fast übermütig, wenn er von ihr sprach. Seine Frau Stephanie hatte ich erst vor Kurzem getroffen, mit ihrer süßen und zierlichen Figur trug sie schwer an ihrem Babybauch. Ich konnte verstehen, dass sie beide sehnsüchtig auf die Ankunft des kleinen Mädchens warteten.
»Es muss sich unbeschreiblich gut anfühlen, Vater zu sein.« Er schüttelte erneut den Kopf, seufzte und wechselte dann in den Arbeitsmodus. »Also gut, Kleine, komm auf die Liege. Mal sehen, was wir hier haben.« Dann führte er eine Reihe von Kraft- und Beweglichkeitstests mit mir durch. Als er bei einem Test meiner Bauchmuskeln aus Versehen seinen Finger zwischen meinem Rücken und der Untersuchungsliege einklemmte, jaulte er vor Schmerzen auf. »Meine Güte, mit deinem Bauch gibt es jedenfalls keine Probleme!«, sagte er mit einem Lachen.
»Jetzt dreh dich um, damit wir an deiner Rückenmuskulatur arbeiten können.« Er schnappte sich die Massagecreme, trug sie auf und begann zu massieren. Während seine linke Hand in mir war und er mit der rechten meinen Rücken massierte, plauderte er mit meiner Mutter. »Was nehmen die anderen beiden Kinder gerade in Naturwissenschaften durch?«, fragte er.
Bevor sie antworten konnte, unterbrach er sich. »Mann, ich liebe diese Stiefel!«, sagte er mit einem Blick auf meine schwarzen Knopfstiefeletten, die neben dem Stuhl meiner Mutter standen. Ich bezweifelte, dass er sich wirklich für mein Schuhwerk interessierte, aber er wusste, dass ich die Stiefel mochte, also war es eine nette Geste, ein Kompliment darüber zu machen.
»Naturwissenschaften sind so wichtig«, sagte er und nahm das Gespräch mit meiner Mutter wieder auf. Er unterhielt sich immer mit ihr, über alle möglichen Dinge, zum Beispiel die Hausaufgaben, die meine Geschwister oft im Wartezimmer erledigten, während ich behandelt wurde. Einmal hatte er sogar mein Wissenschaftsbuch durchgeblättert und sich über das Hochschulniveau der Kapitel über Zell- und Molekularbiologie gefreut.
Plötzlich verstummte er für eine Weile, um sich zu konzentrieren. »Wow, du bist echt verspannt hier.« Ich lag still, während er eine schmerzende Stelle an meinem unteren Rücken bearbeitete. Seine linke Hand massierte mich dabei die ganze Zeit von innen. Seine Stimme verlor sich und er schloss die Augen. Dann zog er beiläufig seine Hand unter dem Handtuch heraus und trat näher an meine Schultern heran. Er stand zwischen meiner Mutter und mir. Ohne mit der rechten Hand zu pausieren, öffnete er mit der anderen Hand meinen BH durch das Shirt.
Er muss wahrscheinlich an meinem oberen Rücken arbeiten, überlegte ich, obwohl er das noch nie getan hatte. Seine Atmung wurde schneller und ich blickte auf. Noch immer hatte er die Augen geschlossen und schien völlig in Gedanken versunken zu sein. Ich legte meinen Kopf wieder ab, um ein paar Minuten später erneut aufzusehen, überrascht, dass er auf die andere Seite der Liege gewechselt war.
Das hat er noch nie gemacht, dachte ich. Er steht immer auf der rechten Seite, zwischen meiner Mutter und mir. Wortlos legte er seine Hände auf meine Hüften und drehte mich auf die Seite, sodass ich in seine Richtung sah, weg von meiner Mutter. Warum …? Was …? Das ist vollkommen neu …
Ich sah zu ihm hoch. Irgendetwas stimmt nicht. Angst überkam mich. Ich wusste nicht warum oder woran ich es merkte, aber irgendetwas war hier ganz und gar nicht in Ordnung. Ich blickte erneut zu Larry. Er hatte die Augen geschlossen und atmete schwer, beinahe keuchend. Sein Gesicht war leicht gerötet. Und seine Hose … ich bemerkte eine sichtbare Ausbuchtung an der Vorderseite. Das ist nicht … das ist unmöglich!
In dem Moment fasste Larry mit der rechten Hand über meine Hüfte und fuhr fort, meinen Rücken zu massieren. Seine linke Hand blieb vorne und stützte mich, während er mit der rechten Hand die schmerzenden Muskeln bearbeitete. Langsam begann er, sich meinen Oberkörper hochzuarbeiten, eine Hand auf meinem Rücken, die andere vorne. Meine Gedanken überschlugen sich. Er würde sich mit der Hand unter meinem T-Shirt nach oben durcharbeiten. Das würde er nicht tun. Natürlich nicht. Aber ich wusste, dass er genau das tun würde. Die Zeit verdichtete sich, während meine Gedanken sich vor Fragen überschlugen und ich meine eigenen Instinkte hinterfragte, weil es Larry war.
Ohne eine Pause, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, massierte er weiter und seine Hand wanderte nach oben. Plötzlich wie in einem Strudel aus Verwirrung und Angst schrie ich, dass er aufhören sollte, aber es kam kein Ton heraus. Panik überkam mich, und einen kurzen Moment lang wurde der Raum dunkel und ich verlor das Bewusstsein. Benommen und desorientiert spürte ich, wie er mich endlich zurückdrehte und meinen BH wieder schloss.
»Ich denke, das reicht. Du kannst dich wieder aufsetzen!«, säuselte er fröhlich.
Was ist gerade passiert?
Er half mir an den Rand der Liege, noch immer fühlte ich mich benommen und verwirrt. Meine Gedanken und mein Körper standen wie unter Schock, sodass ich kein Wort herausbekam. Und selbst wenn, was hätte ich sagen sollen?
Was ist da gerade passiert?
Wer ist das? Dieser olympische Arzt, der sich um mich gekümmert hatte. Der Ehemann der süßen schwangeren Frau, die ich erst vor Kurzem getroffen hatte. Der Vater einer Tochter, die bald zur Welt kommen würde. Wer ist das? Ich war sechzehn. Er ging auf die vierzig zu.
Geistesabwesend saß ich auf dem zerknitterten Papier und antwortete knapp, wenn es notwendig war, während er meiner Mutter Anweisungen für die weitere Physiotherapie gab. Alles, was ich über Larry wusste, alles, was er gesagt und getan hatte, wirbelte durch meinen Kopf. Ich konnte den Mann, den ich kannte, nicht mit dem in Einklang bringen, der mich gerade an Stellen und in einer Weise berührt hatte, von denen ich sicher war, dass er es nicht hätte tun sollen. Völlig mechanisch beendete ich den Termin und ging hinaus. Ich wollte ihm nicht zeigen, wie beschämt und verängstigt ich vor wenigen Minuten gewesen war, und tat alles, was ich konnte, um normal zu erscheinen. Heute weiß ich, dass ich versucht hatte, ihn, wenn es mir nicht gelungen war, ihn von meinem Körper fernzuhalten, zumindest von meiner Seele fernzuhalten. Ich konnte meine Gedanken und Gefühle schützen. Ich konnte ihn daraus aussperren.
Wem hat er das noch angetan?
Es war, als könne ich mich schützen, indem ich keine zusätzliche Aufmerksamkeit auf meine Scham zog. Wie immer hatte ich ihn angelächelt und ihm gedankt, bevor wir gingen.
Als ich in jener Nacht im Bett lag, überschlugen sich meine Gedanken. Interpretiere ich zu viel hinein? Könnte es einen Grund für seine »Behandlung« gegeben haben? Nein. Larry hatte eine Absicht hinter dem, was er getan hat. Es war berechnet gewesen. Ich wusste, dass es so war. Und ich wusste, was das bedeutete. Der Larry, den ich zu kennen geglaubt hatte, war nicht der echte Larry. Wie ist das möglich? Auch nur zu denken, dass jemand ein Sexualstraftäter war, war eine unglaublich schwere Anschuldigung.
Wie eingebildet bist du eigentlich, dass du glaubst, er würde dich attraktiv finden? Damals wusste ich nicht, dass es bei sexuellem Missbrauch nicht um äußerliche erotische Anziehungskraft geht. Es geht um Kontrolle. Jeder kann ein Ziel sein. Sogar Teenager in der unbeholfenen Phase ihrer Pubertät. Aber was, wenn es doch nur das übermäßig sexualisierte und dramatische Denken meines jugendlichen Verstandes war? Wenn ich mich irrte, würde ich nicht nur Larry ruinieren, sondern auch mich selbst.
Aber ich irrte mich nicht.
Die ganze Nacht über rang ich mit mir selbst und schüttelte immer wieder den Kopf, als könnte ich so die streitenden Stimmen aus meinen Gedanken verbannen. Wie ein kleines Kind, das ungestüm die Münzen aus seinem Sparschwein schüttelt. Ich ballte meine Hände zu Fäusten, bis sich meine Fingernägel in die Handflächen bohrten. Der Schmerz gab mir etwas, worauf ich mich konzentrieren konnte, und half mir, mich zu orientieren.
Ich wusste die Wahrheit, aber sie half mir nicht weiter. Sie stellte alles auf den Kopf, was ich zu wissen geglaubt hatte. Jede Überzeugung, die ich gehabt hatte. Jede Interaktion. Jedes Wort. Jeden Kommentar. Ich wusste die Wahrheit, aber sie brachte keine Ruhe, sie brachte Verwirrung, Orientierungslosigkeit, Wut. Wer ist dieser Mann? Die Person, die mich an jenem Nachmittag so berechnend missbraucht hatte, und die Person, die jeder kannte, die ich zu kennen geglaubt hatte – wie passten diese beiden Seiten zusammen? Und was sollte ich tun?
Während ich zwar wusste, dass etwas mit mir geschehen war, das nicht in Ordnung war, war mir jedoch noch nicht klar, dass auch die Penetration und alles, was ich als »Beckenbodentherapie« abgestempelt hatte, alles andere als legitim gewesen war. Ich war mir nur sicher, dass es niemanden kümmern würde, wenn eine Jugendliche begrapscht worden war. Man musste sich nur umschauen, um das zu wissen. Die sexuelle Belästigung und Objektifizierung von Frauen, die schmutzigen Witze, das »Umkleidekabinen-Geschwätz«, das sexuell aggressive Verhalten von Männern – all das wurde ständig heruntergespielt.
Ich wusste auch, dass das, was passiert war, von vielen wahrscheinlich eher als Kompliment denn als Verbrechen angesehen würde – wenn mir überhaupt jemand glaubte. Traurigerweise hatte ich Ähnliches schon einmal erlebt, ausgerechnet in der Kirche, in der ich aufgewachsen war.
Ich erinnere mich so gut daran, als wäre es gestern gewesen. Die Gemeinde war klein, nur ein paar hundert Leute, und jeder kannte jeden. Meine Mutter spielte Flöte und gelegentlich sang sie in einem der Musikteams mit. Schon früh war ich für meine Liebe zu Kindern bekannt, nach dem Gottesdienst unterstützte ich tatkräftig die oft müden Mütter, indem ich mich um ihre Babys kümmerte oder während Besprechungen mit ihren Kleinkindern in der Kinderkrippe spielte. Unsere Familie war Teil einer eng verbundenen Kleingruppe zum Bibelstudium, deren Treffen immer ein Höhepunkt der Woche war. Meine Eltern hatten schon lange vor meiner Geburt enge Freundschaften mit Gemeindemitgliedern aus der Gruppe geschlossen, ich war im gleichen Alter wie ihre Kinder, und so waren wir zusammen aufgewachsen. Die Gemeinde war ein Teil unserer Familie, und wir waren ein Teil von ihr.
Doch etwas änderte sich, als ich sieben Jahre alt war. Nach der Sonntagsschule lief ich nicht mehr direkt zum »Briefkasten« – eine Wand voller Fächer, auf denen die einzelnen Familiennamen standen –, um nachzusehen, ob Mitteilungen oder Newsletter darin waren. Ich hüpfte nicht mehr durch die Gänge und fuhr mit dem Finger die Linien zwischen den riesigen, cremefarben gestrichenen Backsteinen nach und rannte nur noch selten mit den anderen Kindern über den saftig grünen Rasen. Viel mehr Zeit verbrachte ich damit, mich in der Damentoilette zu verstecken. Dann saß ich dort, zitterte und wünschte, jemand würde fragen, was los war. Aber gleichzeitig wusste ich, dass ich keine Ahnung hatte, was ich sagen sollte, wenn jemand danach fragte.
Ich war missbraucht worden, von einem Studenten aus unserer Kirche, der mich auch danach noch weiterverfolgte. Er hatte es getan, als er mich während einer Bibelstunde der Gemeinde auf seinem Schoß sitzen ließ. Niemand außer mir wusste davon. Ich war mir nicht sicher über das, was passiert war, außer dass ich schreckliche Angst gehabt hatte und mich körperlich krank fühlte. Genauso wenig konnte ich erklären, warum ich mich so fühlte. Also hielt ich mich auf der Toilette auf, dem einzigen Ort, an dem er mich nicht finden konnte. Bis er eines Tages nicht mehr kam, vermutlich weil er das Studium abgeschlossen hatte und umgezogen war. Aber irgendwie kehrte die Normalität auch dann nicht wieder ein, nachdem er gegangen war. Die Bibelgruppe, zu der wir gehörten, löste sich irgendwann auf, die Erwachsenen, die ich liebte und denen ich vertraute, wirkten plötzlich unnahbar und distanziert. Einige unserer engsten Freunde gingen fort, um eine neue Gemeinde zu gründen, und diejenigen, die blieben, standen uns als Familie nicht mehr nahe. Über ein Jahr später verließen auch wir die Gemeinde, die Gründe waren vage und unklar. Ich war am Boden zerstört und frustriert, dass ich nicht verstehen oder erfahren konnte, was geschehen war.
Erst Jahre später, als ich etwa zwölf Jahre alt war und die lebendigen Erinnerungen an damals einfach nicht abschütteln konnte, erzählte ich meiner Mutter, was dieser Mann getan hatte. Sie schwieg lange und sagte dann leise: »Es tut mir so leid.« Wir sprachen darüber, ich stellte Fragen und bekam endlich die Antworten, nach denen ich gesucht hatte. Aber sie gefielen mir nicht.
Irgendwann erfuhr ich, dass der Mann, der mich missbraucht hatte, gebeten worden war zu gehen, weil mehrere Studentinnen sich über sein Verhalten beschwert hatten. Aber es war schon viel früher Alarm geschlagen worden. Nicht allein aufgrund seines Verhaltens mir gegenüber, auch einem anderen kleinen Mädchen aus der Gemeinde war er gefährlich nahegekommen. Ein Missionars-Ehepaar und eine Gruppe von Seelsorgern, die sich besonders mit dem Thema »Sexuelle Gewalt« befassten, hatten die Warnsignale bemerkt: die übertriebene, zielgerichtete Aufmerksamkeit und die große körperliche Vertrautheit, mit denen Täter auf ganz typische Art und Weise Kinder manipulieren und versuchen, eine emotionale Verbindung aufzubauen. Sie hatten die Gemeinde daraufhin gewarnt, ohne zu wissen, dass bereits ein Missbrauch passiert war. Meine Eltern hatten sofort reagiert, indem sie entsprechende Maßnahmen ergriffen, um mich zu schützen, denn auch ihnen waren manche seiner Verhaltensweisen unangenehm aufgefallen. Sie hatten bereits einige Grenzen gesetzt, den Kontakt aber noch nicht ganz abgebrochen, weil sie an ihren Befürchtungen zweifelten. Sie wussten, wie schwerwiegend es war, auch nur einen Verdacht zu hegen, dass jemand ein Sexualstraftäter sein könnte. Dank derer, die den Mund aufgemacht und sofort reagiert hatten, war ich vor einem noch schlimmeren Missbrauch bewahrt worden, dafür werde ich ihnen für immer dankbar sein.
Doch ich erfuhr auch die andere Seite der Geschichte. Viele unserer Freunde aus der Gemeinde, von denen einige Älteste waren oder andere wichtige Positionen hatten, erkannten die Entscheidung meiner Eltern nicht als Schutzmaßnahme an. Da ich nichts von einem Missbrauch gesagt hatte, wurde ihre Reaktion als Anschuldigung ohne Beweise angesehen. Auch das Fachwissen der Seelsorger wurde abgelehnt, weil sie Unterlagen von Psychologen und lizenzierten Therapeuten verwendeten, die »außerhalb der Schrift« waren, darauf konnte man nicht vertrauen.
Einige der Leute, die Alarm geschlagen hatten, einschließlich meiner Mutter, hatten selbst einmal Missbrauch erlebt. Manchmal setzten die Skeptiker genau das als Waffe gegen sie ein: »Missbrauchsopfer übersexualisieren immer alles«, sagten sie. »Sie stülpen allem um sie herum ihre Erfahrungen über.« Aus diesem Grunde könne man auch ihnen nicht vertrauen.
Und es ging nicht nur um mich. Das Thema »Sexuelle Gewalt« und wie damit umgegangen werden sollte, hatte der Gemeinde schon lange Zeit schwer im Magen gelegen. Der erbitterte Streit darüber, welche Methoden in der kirchlichen Beratungsstelle für sexuellen Missbrauch angemessen und biblisch waren und welche nicht, hatte die Mitglieder schon seit Jahren gegeneinander aufgebracht. Meine Mutter erzählte mir, dass in demselben Gebäude, in dem von sexueller Gewalt Betroffene weinten und mit Seelsorgern beteten, andere Gemeindemitglieder Kassetten verteilten, die die Experten und das entsprechende Arbeitsmaterial, mit dem die Seelsorger arbeiteten, angriffen. Sie wurden als unbiblisch und gottlos abgestempelt. Bald ging es so weit, dass gewisse Kleingruppen keine Mitglieder der Beratungsstelle mehr in ihren Bibelstunden haben wollten.
Und die ganze Zeit über, während die Feindseligkeit in der Gemeinde ihren Höhepunkt erreichte, stellte dieser Mann mir nach.
Wie so oft hatten fehlgeleitete Theologien und die Weigerung, in solchen Angelegenheiten mit Experten zusammenzuarbeiten, dazu geführt, dass der sexuelle Missbrauch in den eigenen Reihen erst übersehen und dann vertuscht worden war. Ich war damals nicht die einzige Betroffene. Auch andere ernst zu nehmende und glaubwürdige Vorwürfe dieser Art des Missbrauchs waren unter den Teppich gekehrt worden. Für eine kleine Gemeinde von ein paar Hundert Mitgliedern war sexuelle Gewalt zu einem vorherrschenden und doch wohlbehüteten Geheimnis geworden. Jedes Mal, wenn ein Missbrauchstäter entlarvt oder ein Skandal aufgedeckt wurde, war die Reaktion die gleiche: Den Täter in aller Stille ausschließen. Es vertuschen. Niemandem davon erzählen. Meine Eltern kannten viele der Details nur, weil sie clever genug waren, um zu erkennen, dass die Methoden des Ausschlusses keinen Sinn ergaben. Zudem standen sie den wichtigsten Gemeindeleitern nahe genug, um Antworten verlangen zu können.
Die Informationen, die meine Mutter mir damals weitergab, nachdem ich ihr erzählt hatte, was passiert war, beantworteten Fragen, die mich jahrelang beschäftigt hatten. Sie erklärten auch das kühle Verhalten einiger Leute, das ich zuvor nicht verstanden hatte. Und sie waren mir zu einer Lektion geworden, die ich nie vergessen habe und sogar mit in Larrys Behandlungszimmer nahm: Wenn du es nicht beweisen kannst, sag nichts, denn es wird dich alles kosten.
Als ich in der Nacht, nachdem Larry mich missbraucht hatte, im Bett lag, dachte ich daran zurück, was meine Mutter mir darüber erzählt hatte, warum wir unsere Gemeinde verloren hatten. Schon damals wurde mir klar, wie unzulänglich viele Gemeinden mit sexuellem Missbrauch umgehen: Der Widerwille, es zu glauben. Die Weigerung, mit Experten zusammenzuarbeiten. Die Diskriminierung derer, die es tun. Verschwiegene Geheimhaltung, um das makellose Bild »des Evangeliums« zu bewahren, obwohl Gerechtigkeit die Liebe Christi doch viel besser demonstrieren würde. Und ich ahnte, dass die Situation außerhalb der Gemeinde nicht anders war.
Wenn unsere eigenen Freunde nicht bereit gewesen waren, den Bedenken meiner Eltern über einen Studenten Glauben zu schenken, wie würde dann die breite Öffentlichkeit jemals dem Wort einer namenlosen sechzehnjährigen Turnerin gegen einen weltbekannten olympischen Arzt glauben. Sosehr meine Gemeinde negative Presse verhindern und ihren Ruf wahren wollte – eine der zehn renommiertesten Universitäten der Vereinigten Staaten, wie die Michigan State es war, und ein olympischer Dachverband wie USAG wollten es sicherlich noch mehr. Und sie hatten die Macht, alles unter den Teppich zu kehren, was ich melden würde. Meine Mutter und ich wussten aus der Erfahrung des früheren Missbrauchs, den wir erlebt hatten, dass Missbrauchstäter, die sich mächtig und unerreichbar fühlen, in der Regel dazu neigen, ihre Aktivitäten zu verstärken. Wenn ich es versuchte und scheiterte, würde das ernsthafte Konsequenzen für weit mehr Menschen als nur für mich bedeuten können.
In den nächsten Tagen dachte ich darüber nach, es meiner Mutter zu erzählen, was bei Larry passiert war. Ich wusste, dass sie mir glauben würde. Aber ich hatte zu viel Angst, um es in Worte zu fassen, Worte würden es so viel wirklicher machen. Und die Verwirrung, die mich in jenem Moment erfasst hatte, war immer noch da. Ich wusste nicht einmal, wie ich klar denken sollte. Außerdem gab es nichts, was sie würde tun können. Selbst ihre Stimme würde meiner nicht mehr Macht verleihen, gegen die Institutionen und Personen, die Larry umgaben, anzugehen.
Es gab nichts, das ich tun konnte.
Ein paar Tage später erkannte ich, dass ich ein weiteres Problem hatte – ich sollte weiterhin zu Larry in die Behandlung gehen. Wenn ich aufhörte, müsste ich es begründen, was mir unmöglich erschien, also beschloss ich, Larry einfach zu sagen, dass es meinem Rücken besser ginge. Er konnte ein letztes Mal meine Handgelenke behandeln, und wir würden es dabei belassen.
Als er beim nächsten Termin ins Behandlungszimmer kam, schien es, als hätte sich nichts geändert, zumindest nicht für ihn. Das gleiche einnehmende Auftreten, der gleiche Small Talk, der gleiche Blickkontakt mit meiner Mutter und mir. Nachdem ich ihm mitgeteilt hatte, dass es meinem Rücken besser ginge, schien er froh zu sein und zögerte keinen Augenblick, sich stattdessen auf meine Handgelenke zu konzentrieren.
Nur eine Sache war wirklich neu. Larry war endlich geworden, worauf er gewartet hatte. Er war Vater geworden.
»Komm her, komm her!«, beharrte er beinahe im Flüsterton. Aufregung lag in seiner Stimme. »Komm schon!« Er bedeutete mir, an der Tür zu stehen zu bleiben, und schlüpfte für einen Moment hinaus. Dann kehrte er mit einem winzigen, weichen Bündel zurück. »Ich weiß, dass du sie gerne sehen wolltest, und ich muss einfach mit ihr angeben!«
Sein Gesicht strahlte vor Stolz, als er mir seine neugeborene Tochter zeigte. Seine Frau war kurz vorher zu Besuch gekommen, und als Larry sah, dass ich da war, hatte er sie auf dem Handy angerufen und gebeten, noch mal in die Praxis zurückzukommen, damit ich das Baby sehen konnte.
»Willst du sie halten?«, fragte er, obwohl er die Antwort schon kannte, da er wusste, wie sehr ich Kinder liebte. Er legte mir das Baby in die Arme und flüsterte: »Sie ist wundervoll.«
Seine Erstgeborene hatte eine winzige Knopfnase, feine Augenlider, die im Schlaf geschlossen waren, und dunkles Haar wie Larry. Ein zartes Händchen schaute aus der Decke hervor, in die sie eingewickelt war. »Sie sieht Ihnen ähnlich«, flüsterte ich.
Das war das letzte Mal, dass ich Larry sah. Er forderte mich nicht mehr auf, einen weiteren Termin zu vereinbaren. Meine Handgelenke waren noch nicht in Ordnung. Vielleicht konnte man an diesem Punkt wirklich nichts mehr tun – vielleicht aber hatte er auch das Interesse verloren. Oder er hatte einfach nur bekommen, was er wollte. Auf jeden Fall war es vorbei.
Das folgende Jahr über versuchte ich, das Ganze zu vergessen. Immer, wenn Erinnerungen hochkamen, schüttelte ich mich in Gedanken. Es gab nichts, was ich tun konnte, argumentierte ich vor mir selbst, also hatte es auch keinen Sinn, darüber nachzudenken. Wann immer ich Wut oder Angst verspürte, wies ich mich zurecht. Ich wiederholte die Lügen, die die Gesellschaft jedem Opfer von sexueller Gewalt vermittelte: Hör auf damit, überdramatisch zu sein. Es war keine so große Sache. Du interpretierst zu viel hinein und machst es schlimmer, als es war.
Warum … warum kam ich einfach nicht darüber hinweg?
Im Laufe der Zeit wurde ich immer aufgewühlter. Meine Toleranzgrenze für die allgemeinen Anzüglichkeiten, mit denen Frauen regelmäßig konfrontiert sind, war niedrig bis inexistent. Ich wusste nun, dass sich Gedanken ohne Vorwarnung in Taten verwandeln konnten, und ständig fühlte ich mich unsicher und ungeschützt. Plötzlich bekam ich Albträume, und die Erinnerungen an meinen ersten Missbrauchstäter kehrten mit aller Macht zurück. In Gedanken ging ich alles durch, was Larry von Anfang an getan hatte, um mein Vertrauen zu gewinnen – einfache Komplimente, unschuldige Berührungen, lockere Unterhaltungen, Interesse an meiner Person.
Wie kann ich wissen, dass jemand aufrichtig ist?, fragte ich mich.
Die grundlegendsten Handlungen menschlicher Beziehungen waren missbraucht worden.
Mein eigenes Vertrauen war als Waffe eingesetzt worden. Meine Bitte um Hilfe war ausgenutzt worden. Vielleicht war die einzige Möglichkeit, einen erneuten Missbrauch zu verhindern, diese Dinge einfach abzuschalten. Niemandem mehr zu vertrauen. Niemals mehr. Punkt.
Auch meine Mutter bemerkte meine Veränderung. Überfüllte Orte, Männer, die hinter mir standen, und einfache Ausflüge in Einkaufszentren oder Fast-Food-Restaurants wurden zu einem Problem. Was als lustige Mutter-Tochter-Unternehmung begann, verwandelte sich plötzlich und ohne Vorwarnung in den Auslöser einer Stimmung, die mich nervös und bissig machte. Meine Mutter wusste, dass etwas nicht stimmte.
Nach einem besonders katastrophalen Ausflug zu Subway, wo sich die normalerweise ausgewogene Rachael in eine schimpfende, nervöse Version ihrer selbst verwandelte, die auch auf die einfachste Frage keine freundliche Antwort mehr geben konnte, war meine Mutter sicher, dass etwas geschehen war, von dem sie nichts wusste. Doch klug und einfühlsam, wie sie war, diskutierte sie es nicht an Ort und Stelle mit mir, sondern blieb ruhig und wartete auf eine bessere Gelegenheit, um nachzuhaken.
»Darf ich dich fragen, was bei Subway los war?«, fragte sie lässig über das Geräusch von fließendem Wasser hinweg. Es war ein oder zwei Tage später, wir spülten gemeinsam das Geschirr. Meine Mutter übernahm das Nachspülen, während ich abwusch. Ich war also mehr oder weniger gezwungen zuzuhören, und das wusste sie.
»Ja, es tut mir leid«, seufzte ich. »Ich weiß, dass ich mürrisch war. Ich hatte einfach nur großen Hunger.« Das Trinkglas in meiner Hand wurde energischer geschrubbt, als es notwendig war. Um ehrlich zu sein, verstand ich meine unvorhersehbaren Reaktionen nicht einmal selbst. In den seltenen Fällen, in denen ich ahnte, warum ich aufgewühlt oder ängstlich war, schüttelte ich jede aufkeimende Erinnerung schnell mit der Ermahnung ab, nicht so dramatisch zu sein.
»Bist du sicher, dass das alles ist?«, fragte sie, während sie das Glas aus meiner Hand nahm und es unter das heiße Wasser hielt. »Mir ist aufgefallen, dass es dir nicht nur so geht, wenn du hungrig bist. Gibt es einen bestimmten Grund dafür, dass es dich so nervös macht, wenn jemand hinter dir steht?«
Ich legte eine weitere Tasse ins Spülbecken und täuschte Unschuld vor. »Ist das so?«
»Schatz …« Mama hielt inne. »Ist irgendetwas passiert, von dem ich nichts weiß?« In dem Schweigen, das darauf folgte, nahm sie die Tasse, die ich ihr hinhielt, und spülte sie ab.
»Ich weiß es nicht.« Okay, ja, das ist eine Lüge.
»Was ist los?«, beharrte meine Mutter sanft. Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass ich damit nicht davonkommen würde. Also konzentrierte ich mich auf die Handvoll Besteck, die ich gerade bearbeitete, und erzählte ihr, wie Larry meine Brust begrapscht hatte. Sie sagte keinen Ton, während weitere Blasen unter dem fließenden Wasser ihren Untergang fanden. Dann sah sie mich an.
»Das macht mich so unglaublich zornig.« Die Stimme meiner Mutter war voller Wut, Trauer und Bedauern. »Es tut mir so leid …«
Sie glaubte mir, ich hatte gewusst, dass sie es tun würde. Sie kannte die Erfahrung, wie es sich anfühlte, wenn einem nicht geglaubt wurde.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Fassungslos sah sie mich an. »Es tut mir so leid, mein Schatz. Wie konnte ich das nicht bemerkt haben? Ich war doch im selben Raum!«
Auch das hatte ich gewusst, dass sie sich selbst Vorwürfe machen würde. Der Kummer in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
»Es war nicht deine Schuld«, versicherte ich ihr. »Er wusste genau, was er tat, und drehte mich so, dass du es nicht sehen konntest. Du hattest keine Chance, es zu bemerken, und ich habe nichts gesagt.« Es war meine Schuld, schloss ich im Stillen.
»Das ist auch nicht zu erwarten, dass du dazu in der Lage sein solltest«, erwiderte sie. »Und es ist nicht deine Schuld.« Ihre Fähigkeiten im Gedankenlesen waren wie immer unschlagbar. Eine Zeit lang spülten wir schweigend weiter. »Dein Vater sollte es ebenfalls wissen. Möchtest du es ihm selbst sagen?«
Ich dachte eine Weile darüber nach. »Es wäre mir lieber, wenn du es ihm erzählst. Es ist mir wirklich unangenehm, darüber zu sprechen.«
»Das dachte ich mir«, gab sie zu. »Ich werde es dich wissen lassen, wenn ich mit ihm geredet habe, damit du Bescheid weißt.«
Vorsichtig hob ich den Stapel Teller ins Seifenwasser und versuchte dabei, nichts in die gelben Gummihandschuhe spritzen zu lassen, die ich immer trug. Die Teller klapperten leise, und das fließende Wasser rauschte sanft, während es über das Porzellan floss.
»Es tut mir so leid«, sagte meine Mutter erneut.
Wir spülten schweigend zu Ende. Es gab nichts mehr zu sagen.
Ein paar Tage später zogen wir uns nach dem Abendessen unsere Turnschuhe an und gingen unsere Runde um den Block.
»Kann ich dich noch etwas über Larry fragen?«, sagte meine Mutter, als wir um die erste Ecke bogen.
Ich nickte.
»Hältst du es für möglich, dass etwas mit der Beckenbodenbehandlung nicht stimmte?«, fragte sie.
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Es war die Frage, die ich mir selbst nicht hatte stellen wollen, die aber doch immer wieder leise in meinem Hinterkopf nachklang, egal wie oft ich versuchte, sie zu überhören. Ich schüttelte mich innerlich. Rede dir das aus. Sei nicht überdramatisch und interpretiere nicht zu viel hinein!, ermahnte ich mich streng.
»Das habe ich mich auch gefragt«, gab ich zu, »aber ich glaube nicht. Ich meine, wir wissen ja, dass es eine legitime Behandlungsmethode ist, wie sie auch Physiotherapeuten hier bei uns praktizieren. Und wir wissen, dass Larry Behandlungen durchführt, die sonst keiner macht. Wenn er so oft Beckenbodenbehandlungen durchführt, wie es scheint, muss er auf jeden Fall zertifiziert sein. Sonst hätte ihn schon längst jemand gestoppt. Ich meine …« Ich dachte an den Termin mit Ashley zurück. »Wir wissen, dass er das andauernd tut, mehrmals am Tag.«
Während meine Mutter neben mir lief, konnte ich spüren, dass sie nicht zufrieden war. »Ich frage mich nur, weil … jetzt im Nachhinein kommt mir manches seltsam vor.« Sie zählte ein paar Dinge auf. Er hatte keine Handschuhe getragen. Er hatte sie nicht um Erlaubnis gebeten oder wirklich erklärt, was er tat. Ich nickte und atmete ein paarmal tief durch. Ich hatte nicht wirklich eine Antwort, aber ich war auch nicht bereit, mir selbst einzugestehen, was da passiert war. Dass ich nicht bereit war, war mir nicht bewusst, in meinem Kopf ergaben die Antworten, die ich mir selbst gab, einfach Sinn.
Meine Mutter hielt erneut inne. »Es war beim vorletzten Besuch, dass er deine Brüste berührt hat, oder?«
Ich nickte.
»Das dachte ich mir, weil ich an dem Tag gemeint hatte, eine Erektion zu sehen. Es tut mir so leid, Schatz.« Sie suchte nach Worten. »Ich dachte, ich müsste mich geirrt haben …« Ihre Stimme verlor sich. »Es gab noch einen anderen Termin, bei dem ich meinte, ich hätte eine gesehen. Aber ich … ich habe es einfach nicht für möglich gehalten. Es war Larry.«
Ich konnte verstehen, was sie damit meinte. Aber ich wusste auch, dass die meisten es nicht verstehen würden.
»Okay, ich habe noch eine Frage.« Sie machte eine Pause. »Hast du darüber nachgedacht, zur Polizei zu gehen?« Wieder fing mein Herz an zu klopfen. Es gab tatsächlich zwei Fragen, mit denen ich mich nicht befassen wollte, und natürlich hatte meine Mutter beide gefunden.
»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, sagte ich und spürte Verzweiflung in mir aufkommen. Unsere Füße zertraten die heruntergefallenen Ästchen der großen Ahornbäume, die unsere Straße säumten.
»Noch eine Runde?«, fragte meine Mutter.
Ich nickte. Noch immer dachte ich über ihre letzte Frage nach. »Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll, Mama. Die Polizei erhebt fast nie Anklage gegen solche kleinen Verbrechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendetwas unternommen wird, ist nahezu bei null. Nur, dass er dann weiß, dass er nicht erwischt wird, obwohl mir klar ist, was er getan hat.
Meine Mutter nickte. »Hast du über die Tatsache nachgedacht, dass er es wahrscheinlich wieder tun wird, so wie sicher schon viele Male zuvor?«
Diese Tatsache belastete mich mehr als alles andere. »Ja. Und es macht mir wahnsinnige Angst. Aber Mama, wenn er es schon oft getan hat, hat doch bestimmt schon irgendjemand den Mund aufgemacht, vielleicht sogar schon mehrere. Aber er tut es immer noch, was bedeutet, dass bisher noch niemand zugehört hat. Wieso sollte jetzt jemand auf mich hören?«
Meine Mutter seufzte erschöpft. »Ich weiß nicht, wie wir irgendwen dazu bringen sollen, uns zu glauben.« Ich war dankbar, dass sie die Realität nicht beschönigte.
»Die MSU und USAG werden viele Gründe haben, es vertuschen zu wollen«, fügte ich hinzu und beendete so ihren Gedanken. »Ich kann nicht gegen beide Organisationen ankämpfen. Ich wüsste nicht einmal, wie ich genügend Druck aufbauen könnte, um sie dazu zu bringen, mich überhaupt ernst zu nehmen.«
Es fühlte sich wie ein unüberwindbares Hindernis an. Wie sollte eine einzige Person gegen zwei riesige Institutionen mitsamt der internationalen Berühmtheit und Beliebtheit eines Missbrauchstäters ankommen?
»Was, wenn wir zur Presse gehen?«, fragte meine Mutter.
Den gleichen Gedanken hatte ich auch schon gehabt. Vielleicht könnte es funktionieren. Es war das Jahr 2002, und die von Boston Globe durchgeführte Untersuchung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche erschütterte immer noch die ganze Welt.
»Das wäre die einzige Möglichkeit, genügend Druck aufzubauen, um gehört zu werden. Wenn wir andere Betroffene erreichen könnten … die Situation seiner Kontrolle und der Kontrolle der Organisationen entreißen könnten … Aber wie sollen wir das anstellen?«
Und wieder wussten wir beide, dass wir in einer Sackgasse waren.
»Ich meine, können wir nicht einfach zum örtlichen Nachrichtensender fahren und ihnen die Geschichte erzählen?«, fragte sich meine Mutter.
Ich schüttelte den Kopf. »Journalisten übernehmen solche Geschichten nicht einfach so. Man muss Beweise haben, und mein Wort wird nicht genug sein.« Ich hielt inne. »Wenn irgendjemand aufdeckt, was Larry tut, wird das landesweit in den Nachrichten sein, so berühmt wie er ist. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich damit umgehen kann, dass mein Missbrauch zu einem nationalen Nachrichtenbeitrag wird. Selbst wenn wir versuchen, meine Identität zu schützen, kann es gut sein, dass mein Name bekannt wird.«
Ich wusste, dass es vielleicht die einzige Möglichkeit war. Tief in meinem Innern wusste ich, dass ich diese Chance ergreifen würde, wenn es sein musste. Aber ich brauchte zuerst einen realistischen Ausweg, und den sah ich einfach nicht. Kein Medienunternehmen würde eine Geschichte aufgreifen, ohne Beweise dafür zu haben. Und die Wahrscheinlichkeit, dass mir überhaupt geglaubt werden würde … ging gegen null.
»Aber was, wenn er es wieder tut?«, fragte meine Mutter noch einmal.
Ich fühlte, wie mich Verzweiflung erfüllte. »Das wird er wahrscheinlich, aber ich habe keine Ahnung, wie ich ihn aufhalten soll. Eine anonyme Stimme wird niemals genug sein.«
Meine Mutter schwieg. Wir beide kannten die Realität.
Es gab nichts, was wir tun konnten.
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SIEBEN
»Hurra, hurra, hurra für mich!«, sang die kleine Turnerin, und ihre blonden Zöpfchen hüpften auf und ab, während sie im Kreis tanzte und mit den Armen wedelte. Gerade hatte ich diese winzige Person gelobt, weil sie ihren Bauch eingezogen hatte, als sie einen Rückschwung machte – ihren Körper vom Reck abstieß und wieder zurückfallen ließ –, und nun führte sie ihren eigenen kleinen Siegestanz auf und gratulierte sich für die gute Arbeit. Ich brach in Lachen aus und hob sie hoch.
»Sehr gut gemacht, Süße. Ich bin so stolz auf deine harte Arbeit!« Dann sah ich mich zu den anderen kleinen Turnerinnen um, die glitzernde Turnanzüge in verschiedenen Farben trugen, und lächelte. An der gegenüberliegenden Wand übte Leigh jetzt ihren einfachen Handstand, aber sie war noch so jung, dass sich ihr kleiner runder Bauch immer ganz hinreißend vorwölbte, auch wenn sie noch so sehr versuchte, ihn einzuziehen. Sie lächelte mich zwischen ihren auf dem Kopf stehenden Zöpfen an, wobei die Grübchen in ihren kleinen Wangen zeigten, wie viel Kleinkind noch in der frischgebackenen Vierjährigen steckte. Auf dem kleinen Schwebebalken übte Greta gerade das Gehen auf Zehenspitzen. Sie hatte die Wangen eingesogen und ihr Mund formte konzentriert ein perfektes kleines O. An verschiedenen Stationen um mich herum übten sechs kleine Mädchen – meine »Mini-Turnerinnen« – ihre Figuren oder saßen über Kreuz auf einem großen gelben Gummiring und federten mit grenzenloser Energie mit den Beinen auf und ab. Mein Herz war erfüllt. Ich hatte den perfekten Übergang geschafft.
Etwa sechs Monate zuvor hatte Jackie, die Cheftrainerin meines neuen Turnvereins, mit mir über meine Optionen gesprochen. Sie hatte angefangen, mich zu trainieren, als mein Turnverein in Kalamazoo sich vor ein paar Jahren mit dem einer anderen Stadt zusammengeschlossen hatte. »Weißt du, Rach, ich unterstütze dich bei allem, was du möchtest, und ich arbeite immer gerne mit dir. Aber wenn du beschließt, mit dem Trainieren aufzuhören, kann ich dir helfen, selbst Trainerin zu werden. Es ist eine großartige Möglichkeit, um in diesem Sport zu bleiben, und du könntest einen enormen Einfluss auf diese kleinen Mädchen haben.«
Ich wusste, dass sie es ernst meinte. Uns beiden war klar, dass ich es im Turnen nie weit schaffen würde, und selbst wenn ich wieder bei Wettkämpfen antreten sollte, würde ich keine beeindruckenden Ergebnisse erzielen. Aber Jackie investierte trotzdem in mich, arbeitete innerhalb meiner Grenzen mit mir und schlug mir neue und kreative Dinge vor, die ich in meine Übungen integrieren konnte. So half sie mir, das, was ich noch tun konnte, in gewisser Weise besonders zu machen und mein Training interessant zu gestalten. Während ihre Persönlichkeit sich sehr von Erins, meiner früheren Trainerin, unterschied, waren ihre Ideologien doch ähnlich, was nicht zu übersehen war. Jackie kümmerte sich um jedes Mädchen individuell. Es ging ihr darum, was die Kleinen durch den Sport lernen konnten, und nicht darum, was sie ihr persönlich einbringen würden. Sie war ruhig, vernünftig und auf sanfte Weise bestimmt. Wir hatten immer gewusst, dass wir mit unseren Sorgen jederzeit zu ihr kommen konnten, dass sie uns zuhören und sich darum kümmern würde. Wir konnten sie definitiv nicht aus der Fassung bringen, sie führte auch keinen Siegestanz auf wie Erin, wenn wir eine Übung endlich erfolgreich gemeistert hatten, aber ihr aufrichtiges »Ich freue mich so für dich!« bedeutete genauso viel.
Innerhalb der nächsten Wochen sprachen wir immer öfter über meine weiteren Möglichkeiten, und nachdem ich alle anderen Pflichten und Prioritäten berücksichtigt hatte, traf ich meine Entscheidung. Vor Kurzem erst hatte ich die Highschool abgeschlossen und erkannt, dass ein Vollzeitstudium am College nicht mit dem Wettkampfsport vereinbar war. Meine Chancen, wieder bei Wettkämpfen antreten zu können, waren ohnehin sehr gering, und wenn, würden sie mir nichts einbringen als noch mehr Verletzungen. Aber was ich von Jackie über die Arbeit mit Kindern würde lernen können, darüber, wie man ihnen half, ihre Ängste zu überwinden und durch den Sport wichtige Dinge fürs Leben zu lernen – das hatte bleibenden Wert.
Also ergriff ich die Chance, und es war genau so, wie ich es mir erhofft hatte. Wenig später begann ich, meine ersten eigenen Gruppen zu trainieren.
Mein Leben drehte sich weiterhin um zwei Dinge, das Pauken fürs College und das Turnen, aber es nahm eine neue Form an. Ich lernte noch immer im Spagat, trainierte weiterhin meine Kondition, um meine körperliche Fitness beizubehalten, und ab und zu, wenn der Turnunterricht vorüber war, machte ich zum Spaß ein paar Überschläge. Aber die meiste Zeit arbeitete ich als Trainerin. Zusätzlich zur Unterstützung der Wettkampfteams unterrichtete ich die teamorientierten Programme für kleine Mädchen, Kurse, die für Kinder ausgelegt waren, die ein vielversprechendes Talent im Turnen zeigten.
»Du wirst es in ihren Augen sehen«, sagte mir der Betreiber der Turnhalle. »Es liegt eine Schärfe darin. Die Kinder, die es lieben und ›das gewisse Etwas‹ haben – ihre Augen leuchten auf. Wenn du nicht sicher bist, ob ein Kind für ein Mannschaftsprogramm bereit ist, achte auf das Funkeln in seinen Augen.«
Er hatte recht. Es ist mehr als nur körperliches Können nötig, um im Turnen überragend zu sein. Kinder, die bereit für mehr sind, stechen auch mental und emotional hervor. Sie haben eine intellektuelle Schärfe, die es ihnen ermöglicht, schon in sehr jungem Alter Anweisungen zu verstehen und sich selbst zu korrigieren. Sie sind fähig, Ursache und Wirkung zu begreifen, die Auswirkungen, die ihr Training auf ihren Fortschritt hat. Sie haben ein inneres Feuer und einen Drang zu lernen sowie eine emotionale Reife, die sie befähigt, sich zu konzentrieren und selbst mit einem anspruchsvolleren Training umzugehen. Diese Kinder neigen dazu, frühreif und witzig zu sein, und es bereitet einem Trainer viel Spaß, mit ihnen zu arbeiten.
Einmal, als sich meine Gruppe von acht Mädchen – alle etwa sechs Jahre alt – zu den Bodenübungen um mich scharte, setzten sich Jade und Jillian ein paar Meter von mir entfernt auf den Boden. Ich saß vorgebeugt mit gestreckten Beinen da und hatte ihnen gerade eine neue Beinübung gegeben, die sie als Teil ihres Krafttrainings machen sollten.
Jade und Jillian waren schlau genug, um Anweisungen zu befolgen, aber irgendwie entging ihnen die Tatsache, dass ich jedes Wort ihres Gesprächs hören konnte.
»Was meinst du, warum Trainerinnen keine Turnanzüge tragen?«, fragte Jade ihre Freundin.
Jillian zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht. Es ist wahrscheinlich einfacher so. Aber wir müssen einen tragen, deshalb sollten die Trainerinnen es definitiv wahrscheinlich auch.«
»Na ja, Trainerinnen sind echt groß«, beobachtete Jade, »und Turnanzüge nicht. Ich denke, dass es vielleicht keine gibt, die groß genug für sie sind.« Sie nickte in meine Richtung, während sie ihre Beine bis an ihre Nase hochstreckte.
Jillian dachte darüber nach, während sie zählte, schüttelte dann aber den Kopf und traf eine Aussage, die das Gespräch vorerst beendete: »Nee, ich glaube schon, dass sie große Anzüge machen können. Ich glaube, sie trägt einfach keinen, weil es ihr peinlich wäre.«
Manchmal brachten meine frühreifen und geliebten Zwerge ihre Gedanken auch direkter zum Ausdruck. Zum Beispiel sah einmal eine meiner Minis, ein hinreißendes fünfjähriges Mädchen in ihrem lila glitzernden Lieblingsanzug, zu mir hoch und fragte: »Trägst du heute Lippenstift?«
»Nein«, zwinkerte ich ihr zu. »Ich hatte keine Zeit, einen aufzutragen, bevor ich herkam. Sonst wäre ich zu spät gewesen!«
»Hmpf«, antwortete sie in einem fröhlichen Tonfall. Dann erklärte sie, ohne zu zögern: »Du solltest es aber. Damit siehst du viel schöner aus!«
Ich musste schallend lachen. Das Leben war nie langweilig mit den Mini-Turnerinnen.
Schon bald lernte ich, welch unglaubliche Macht man als Trainer hat. Turnen ist ein ausgesprochen körperlicher Sport, der von der richtigen Technik abhängig ist. Und das nicht nur, um Fortschritte zu erzielen, sondern auch, um sich zu schützen. Das bedeutete, dass ein Trainer schon ab den untersten Schwierigkeitsgraden eine bedeutende Menge an Körperkontakt mit den Kindern haben musste: Man hatte sie immer wieder neu zu positionieren, um die richtige Körperhaltung und -stellung zu betonen und ihnen zur Sicherheit aller Beteiligten Hilfestellungen zu geben, selbst wenn sie nur die grundlegendsten Figuren übten. Was zugegebenermaßen mit einem gewissen Risiko für den Trainer verbunden war. Wie an dem Tag, als ich einer Turnerin am Stufenbarren half und sie eine Grätsche machte, anstatt die Beine zusammenzupressen – und mir dabei mit ihrem Knie die Nase brach.
Aber die vielen Möglichkeiten der Trainer, ihren körperlichen Zugang zu den Kindern zu missbrauchen, führten zu einem entsprechend höheren Risiko. Manchmal konnte ein Trainer seine Turnerinnen körperlich gefährden – sie überdehnen oder sie über die Grenze dessen antreiben, was sicher und erwünscht war –, manchmal aber auch verbal oder emotional verletzen, durch erniedrigende oder drohende Worte, die das Selbstwertgefühl der Kinder an ihre Stellung in der Welt des Sports banden. Und ich sah das Risiko für sexuellen Missbrauch. Mädchen mussten nicht nur akzeptieren, dass sie von einem Trainer berührt wurden, sondern ihre Sicherheit hing davon ab, und das wussten sie.
Darüber hinaus beobachtete ich die enge Bindung, die Kinder zu ihren Trainern entwickelten. Sobald die Kleinen bei Wettkämpfen antraten, waren sie in der Regel mindestens viermal die Woche in der Turnhalle, auch dann, wenn sie noch auf den untersten Schwierigkeitsstufen antraten. Dies begann oft bereits im Alter von acht oder neun Jahren. Ihre Trainer waren die ganze Zeit bei ihnen und machten alles mit ihnen durch – angefangen von dem Kummer, der Frustration und den Schmerzen bei Verletzungen bis hin zur Aufregung und Freude eines jeden Meilensteins oder erzielten Fortschritts. Kombiniert mit der intensiven gemeinsamen Zeit und der ständigen Notwendigkeit, in engem körperlichem Kontakt zu stehen, schuf ein solch nahes Verhältnis das perfekte Umfeld für sehr viel Unheil.
Die meisten Sportler – von klein auf daran gewöhnt, ihren Trainern zu vertrauen und sie als Autoritätspersonen anzusehen – würden verbalen, emotionalen und sogar körperlichen oder sexuellen Missbrauch sehr wahrscheinlich nicht selbst erkennen. Schlimmer noch, viele Turnhallen operieren so, dass die Eltern von ihren Kindern getrennt werden, da es nur sehr wenig Platz für Zuschauer gibt. Dies macht es schwierig zu sehen, und unmöglich zu hören, was in der Turnhalle vor sich geht.
Turnerinnen, die zu Wettkämpfen fahren, dürfen oft nicht mit ihren Eltern reisen oder unterwegs bei ihnen übernachten – auch nicht sehr junge Mädchen auf dem Anfängerlevel des Wettkampfs. Selbst die wachsamsten Eltern gewöhnen sich irgendwann an die Turnhallenroutine und können einfach nicht jeden Tag in der Woche bleiben, um beim Training zuzusehen. Besonders beunruhigend ist, dass die gleichen Dynamiken, die eine Turnerin dazu bringen, ihrem Trainer zu vertrauen – die intensive gemeinsame Zeit und die wichtigen gemeinsamen Erfahrungen, der gerechtfertigte enge Körperkontakt und die Abhängigkeit vom Trainer für Fortschritte und Sicherheit –, oft dazu führen, dass auch die Eltern ein tiefes Vertrauen und Zuneigung zum Trainer entwickeln. In vielen Fällen entsteht so eine gute Arbeitsbeziehung. Aber es kann Eltern auch dazu verleiten, Warnsignale für sexuellen Missbrauch zu ignorieren oder gar nicht erst wahrzunehmen. Auf diese Weise bleiben die Kinder ungeschützt und können sich an niemanden wenden, wenn etwas falsch läuft.
Ich erinnerte mich daran, dass ich einmal in einer auswärtigen Turnhalle trainierte, als ich mit meiner Familie im Urlaub war. Ich war schockiert, als der Cheftrainer am Ende des Trainings einer jungen Turnerin fröhlich ihre »Geburtstagsklapse« erteilte, wobei er wiederholt und spielerisch mit den Händen auf ihren kleinen Hintern schlug. Keine drei Meter entfernt sah die Gruppe von Müttern zu, die darauf warteten, ihre Töchter abzuholen, und lachten. »Er macht das mit allen an ihren Geburtstagen. Es ist so süß!«, hörte ich eine von ihnen sagen. Ich wusste nicht, ob dieser Trainer spezielle Hintergedanken dabei hatte, aber ich stellte mit Entsetzen fest, dass er gerade einen Spaß genutzt hatte, um das Berühren der privaten Bereiche eines kleinen Mädchens als etwas ganz Normales darzustellen. Und dabei war er auch noch so erfolgreich, dass die Mütter es für »süß« hielten.
Die Eltern aus der Turnhalle auszuschließen, war nicht die einzige Möglichkeit, um Missbrauch die Tür zu öffnen. Sie in alles einzubeziehen und dann fragwürdiges oder gefährliches Verhalten zu normalisieren funktionierte oft genauso gut. Auch konnte eine Gemeinschaft definitiv durch Angst zum Schweigen gebracht werden. So hatte ich zum Beispiel gehört, dass der Trainer von Twistars sowohl die Turnerinnen als auch die Eltern so sehr einschüchterte, dass sie sich allem fügten. Und manchmal gibt es ein noch wirksameres Hindernis, die Wahrheit zu sehen: eine Gemeinschaft, die sich einem Missbrauchstäter verschrieben hat, weil sie glaubt, dass eine fürsorgliche und gute Beziehung besteht.
Ich war dankbar, keine dieser Dynamiken selbst erlebt zu haben, weder in meinem alten noch in dem neuen Turnverein. Aber ich wusste, dass diese Gefahren existierten und sehr real waren. Vielleicht hatte ich auch deshalb das Gefühl, dass das Coaching mein Weg war, mein Möglichstes zu tun, um ein Kind positiv beeinflussen zu können. Ich war entschlossen, meinen Einfluss als Trainerin zu gebrauchen, um diesen kleinen Mädchen zu helfen, zu sicheren, starken, selbstbewussten und geschätzten Frauen heranzuwachsen.
Vor allem wollte ich meinen kleinen Turnerinnen beibringen, dass ihr Wert nicht darauf beruhte, was sie taten, sondern vielmehr darauf, wer sie waren. Das Training mochte sich momentan wie ihr ganzes Leben anfühlen. Aber ich wusste, dass ihre Tage in der Turnhalle einmal enden würden, und wenn ihr Selbstwert an einen Sport gebunden war, würden sie später mit vielen Dingen im Leben zu kämpfen haben. Sie würden sehr wahrscheinlich nicht wissen, wann sie zum Sport oder zu einem Trainer »Nein« sagen sollten, selbst wenn ihre eigene Gesundheit oder Sicherheit auf dem Spiel stünde. Und wenn es ihr sportlicher Erfolg war, der ihren Wert definierte, würden sie auch mit hoher Wahrscheinlichkeit unter Ängsten, Depressionen oder Problemen mit Körperbild und Selbstwertgefühl leiden. Wie ich mit ihnen sprach und wie ich sie behandelte, würde ihnen zeigen, was sie wert waren. Und diese Lektionen würden sie für immer begleiten, das wusste ich.
Als ich meinen eigenen Ansatz veränderte, um bewusst diese Ergebnisse zu erzielen, begann ich, die Mädchen anders zu korrigieren. Wenn eine Turnerin herumalberte und sich nicht konzentrierte, wies ich sie nicht für ihren Misserfolg im Erlernen einer Fertigkeit zurecht, sondern erinnerte sie daran, dass ihr Trainingserfolg davon abhing, wie gut sie ihre Zeit nutzte. Wenn eines der Mädchen eine Technik gut beherrschte, lobte ich sie nicht für ihren Erfolg, sondern sagte ihr, wie stolz ich auf ihre Konzentration war und dass sie sich darüber freuen konnte, wie gut sich ihre harte Arbeit auszahlte. Am Ende des Trainings wandte ich mich auch an ein Mädchen, das genauso hart arbeitete, aber weniger erfolgreich war. Ich erinnerte sie daran, wie stolz ich auf ihren Fleiß war, und sagte ihr: »Du hast weiter daran gearbeitet, obwohl es viel Zeit und Geduld benötigt, und das ist wirklich schwer. Du hast das heute sehr gut gemacht.« Die schönsten Momente im Training waren oft nicht die Tage, an denen eine neue Disziplin erreicht wurde, sondern die Tage, an denen eine neue Lebenskompetenz erlernt wurde.
Als die Wettkampfsaison 2003 näher rückte, trainierte ich schon seit einer Weile meine eigenen Vorwettkampf-Teams. Ich liebte meine Arbeit und den Sport, auch meine Kompetenzen als Trainerin hatte ich ausgebaut. Das Einzige, worin ich scheinbar keine Fortschritte machte, war, über das hinwegzukommen, was Larry getan hatte. Noch immer hatte ich Albträume und war in der Nähe von Männern nicht weniger ängstlich als noch ein Jahr zuvor. Dennoch schien es mir unmöglich, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, obwohl ich sie offensichtlich nötig hatte. Ich hasste es, dass es mein alltägliches Leben beeinflusste, meine Arbeit und alles, was ich liebte. Oft wies ich mich selbst dafür zurecht, dass ich nicht darüber hinwegkam, aber ich hatte das Gefühl, unmöglich unterscheiden zu können, wer wirklich ungefährlich war und wer nur so tat. In jener Wettkampfsaison folgte mir meine Angst bis in die Turnhalle – durch ein Ereignis, von dem ich gehofft hatte, dass es nie passieren würde.
Gerade hatte ich eine Privatstunde mit einem kleinen Mädchen beendet, mit dem ich seit jenem Frühjahr arbeitete. Sie war etwa sieben Jahre alt, unglaublich süß und still, aber zugleich auch wild entschlossen. Das war eine fantastische Kombination. Es gab nur ein Problem, ihre Füße drehten sich deutlich nach innen, was das Turnen schwierig und im weiteren Verlauf möglicherweise auch gefährlich machte. Wir hatten Dehn- und Kraftübungen mit ihren Knöcheln und Knien gemacht, in der Hoffnung, das Problem beheben zu können. Aber im Laufe des vergangenen Jahres war es nicht wirklich besser geworden.
Obwohl Jackie mitten in einer Trainingseinheit war, nahm sie sich eine Minute Zeit, um die Situation mit mir zu besprechen. Sie hatte gesehen, dass ich für diesen Tag mit dem Mädchen fertig war, und war zu uns herübergekommen.
»Ich fürchte, dass ihr Sichelfuß zum Teil strukturell bedingt sein könnte und von ihrer Hüfte kommt. Ich denke, sie sollte zu einem Spezialisten gehen«, sagte Jackie, während sie ihre Turnerinnen im Auge behielt.
Ich nickte. Das erschien mir auch sinnvoll.
Jackie machte bereits wieder ein paar Schritte auf ihr Team zu, dann hielt sie kurz inne und sagte: »Ich habe bereits mit ihrer Mutter gesprochen und ihr gesagt, dass ich sie gerne zu Larry schicken würde, um ihre Hüfte untersuchen zu lassen. Sie haben einen Termin vereinbart, den warten wir ab und sehen dann weiter.«
Moment, was?
Sie drehte sich um und lief zu ihrer Gruppe zurück. »Okay, Mädels, trinkt etwas und geht dann zum Schwebebalken!«
Ich stand regungslos da. Larry. Wegen ihrer Hüfte. Mir wurde schlecht. Wenn die Kleine wegen ihrer Hüfte zu ihm ging, würde er auch leichten Zugang zu allem anderen haben. Ich wusste, dass ich das auf keinen Fall zulassen durfte. Sie war mein Baby. Meine kleine Turnerin. Niemand würde sie anfassen. Ich musste es jemandem erzählen und einfach hoffen, dass man mir glauben würde. Verschiedene Möglichkeiten schossen mir durch den Kopf, während ich begann, meine nächste Stunde vorzubereiten.
Wem erzähle ich es? Was erzähle ich? Ich schüttelte den Kopf, während ich eine Keilmatte für Handstand-Übungen an der Wand aufstellte. Es wird mir sowieso niemand glauben. Ich fühlte mich hoffnungslos und verzweifelt. Abwesend stellte ich den Kinderbarren eine Stufe tiefer – meine nächsten Schülerinnen waren ziemlich klein. Du musst es versuchen. Egal was geschieht, du musst es versuchen. Das war meine Turnerin. Sie stand unter meinem Schutz. Ich war verantwortlich.
Mir war immer noch schlecht, als ich an jenem Abend nach Hause ging. Aber inzwischen war ich fest entschlossen, mir einen Plan auszudenken.
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