Читать книгу: «Fear Street 59 - Der Angeber»

Inhalt
Kapitel 1 – Was würdest du …
Kapitel 2 – „Hey, Al – du …
Kapitel 3 – So kam es …
Kapitel 4 – „Was?“, stieß ich …
Kapitel 5 – Sandy stürzte zur …
Kapitel 6 – Hillary und Al …
Kapitel 7 – „Hey, es war …
Kapitel 8 – Genauer gesagt: Manche …
Kapitel 9 – „Ohhhhh.“ Ich wimmerte …
Kapitel 10 – „Wir glauben Ihnen …
Kapitel 11 – Das Wetter am …
Kapitel 12 – „Mit so etwas …
Kapitel 13 – Sandy beging einen …
Kapitel 14 – „Jetzt hab ich …
Kapitel 15 – Hinter uns war …
Kapitel 16 – Genau das lag …
Kapitel 17 – Wir liefen zur …
Kapitel 18 – „Oh!“, riefen wir …
Kapitel 19 – Ich wollte vor …
Kapitel 20 – „Mir hat er auch …
Kapitel 21 – Hillary und ich …
Kapitel 22 – Ich wollte möglichst …
Kapitel 23 – Ich kann mich …
Kapitel 24 – Es traf mich …
Kapitel 25 – Ich wollte meinen …
Kapitel 1
Was würdest du tun, wenn einer deiner besten Freunde dich beiseite nähme und dir sagte, dass er dir ein Geständnis machen muss?
Was würdest du tun, wenn er dann damit herausrückte, dass er jemanden umgebracht hat? Wenn er dich bitten würde, es niemandem weiterzuerzählen.
Was würdest du tun?
Die Eltern deines Freundes einweihen? Die Polizei über den Mord informieren? Ihn zu überreden versuchen, sich seinen Eltern anzuvertrauen? Mit deinen eigenen Eltern reden?
Oder würdest du das Geheimnis für dich behalten?
Keine leichte Entscheidung, nicht wahr? Ich bin siebzehn und habe eigentlich immer gedacht, dass ich auf eine Menge Fragen eine gute Antwort weiß. Aber als ein wirklich guter Freund aus unserer Clique uns bei sich zu Hause zusammentrommelte und vor versammelter Mannschaft gestand, einen Mord begangen zu haben – nun … da waren wir alle völlig ratlos.
Eines steht jedenfalls fest: Als Hillary Walker, Taylor Snook und ich an jenem warmen Tag im letzten Mai nach der Schule zu mir nach Hause gingen, dachten wir an alles Mögliche, aber nicht an Mord.
Die Luft war frisch und mild. Die alten Bäume in unserem Garten hinterm Haus trieben frische grüne Blätter, und im Blumenbeet neben der Garage wogten sanft rote und gelbe Tulpen hin und her.
Der Garten war über und über in helles Nachmittagslicht getaucht. Hillary, Taylor und ich ließen unsere Schultaschen fallen, setzten uns in Gras, streckten die Beine aus und hielten unsere Gesichter in die Sonne.
Taylor strich sich ihre weißblonden, lockigen Haare aus dem Gesicht. Ihre grünen Augen funkelten im Sonnenlicht. Dann machte sie die Augen zu und drehte ihr Gesicht wieder zur Sonne hin und lächelte. „Julie, hast du dich eigentlich schon mal nackt gesonnt?“, fragte sie mich aus heiterem Himmel.
Hillary und ich mussten über ihre Frage lachen. Taylor machte sich immer einen Spaß daraus, uns zu schocken.
„Du meinst, hier im Garten?“, fragte ich.
„Nein, am Strand natürlich“, erwiderte Taylor scharf und seufzte genervt, als hätte ich eine völlig dämliche Frage gestellt. Taylor war noch ziemlich neu in unserer Clique, und ich hatte öfter das Gefühl, dass sie mich nicht sonderlich mochte.
„Ich war mal im Winter mit meinen Eltern auf einer der Karibischen Inseln, auf St. Croix, und da sind wir an einem Nacktbadestrand gewesen“, erklärte Taylor, die noch immer die Augen geschlossen hatte und bei der Erinnerung daran lächelte.
„Und – hast du da ohne Badeanzug gebadet oder nicht?“, fragte Hillary gespannt.
Taylor kicherte. „Ich war doch erst sieben.“
Ihr Kichern war so ansteckend, dass wir auch losprusteten.
Hillary stand auf. Der lange Zopf, zu dem sie ihre Haare immer geflochten hat, hüpfte auf ihrem Rücken hin und her. „Julie, können wir nicht ins Haus gehen?“, fragte sie. „Ich finde, ich bin braun genug!“
Taylor und ich mussten wieder lachen. Hillary ist nämlich dunkelhäutig.
Ich streckte Hillary eine Hand hin, um mich von ihr hochziehen zu lassen. „Kannst du es denn nicht mal länger als fünf Minuten an einem Fleck aushalten?“, seufzte ich.
Hillary und ich kennen uns schon seit Ewigkeiten. Ich bin an ihre manchmal etwas hektische Art und ihre schnelle Redeweise gewöhnt, aber andere Leute verblüfft sie damit immer wieder. Wenn sie plötzlich loslegt, schießen ihre Augen hinter der Brille mit dem weißen Kunststoffgestell wie wild hin und her.
Sie ist anstrengend – das ist der einzig passende Ausdruck für Hillary.
Sie ist klug, hübsch, lustig und … eben anstrengend.
Hillary erinnert mich manchmal an dieses Kinderspielzeug, das man aufzieht und das dann schnell und unberechenbar in irgendeine Richtung abdüst, sobald man es loslässt.
Sie zog mich hoch, und wir schleppten unsere Schultaschen ins Haus. Mit ein paar Dosen Limo und einer Tüte Tortilla-Chips ließen wir uns an unserem runden Küchentisch mit der gelben Tischdecke aus Plastik nieder.
Unser Gesprächsthema Nummer eins waren natürlich Jungen, hauptsächlich Vincent und Sandy.
Vincent Freedman gehört auch zu unserer Clique. Mit ihm bin ich schon seit Ewigkeiten befreundet. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mir seit einiger Zeit wünsche, er wäre mehr als nur ein guter Kumpel. Ich glaube, Vincent und ich würden wirklich ein tolles Paar abgeben.
Aber das steht auf einem anderen Blatt.
Vincent hat leider nicht den blassesten Schimmer, dass ich unheimlich in ihn verliebt bin. Er kommt wahrscheinlich gar nicht auf die Idee, weil wir uns schon so lange kennen.
Sandy Miller ist auch einer meiner ältesten Freunde. Er geht nun schon seit ungefähr einem Monat mit Taylor, und durch ihn ist sie in unsere Clique gekommen.
Der arme Sandy. Seit Taylor sich für ihn interessiert, hat er total abgehoben. Er ist wirklich kaum wieder zu erkennen!
Sandy ist eigentlich ein ganz schüchterner, stiller Typ und nicht gerade der begehrteste Junge an unserer High-School. Wahrscheinlich steht er immer noch unter Schock, weil ausgerechnet ein so hübsches Mädchen wie Taylor ihn für den tollsten Hecht aller Zeiten, für Brad Pitt persönlich zu halten scheint!
Er kann sein Glück kaum fassen. Aber ehrlich gesagt wundern wir uns alle, dass ein so umwerfendes Mädchen wie Taylor sich ausgerechnet in Sandy verknallt hat.
Aber auch das steht auf einem anderen Blatt.
Wir hockten also um den Küchentisch herum, redeten über Jungen und hatten dabei jede Menge zu lachen. Schließlich kamen wir auf die Party zu sprechen, auf die Party schlechthin.
Eine Party bei Reva Dalby ist nämlich immer eine Riesensache. Reva ist die Tochter der reichsten Eltern der ganzen Schule. Ihr Vater besitzt eine Kette von mindestens hundert Warenhäusern, und ihre Familie bewohnt ein riesiges Anwesen in North Hills, mit Wachhunden und hohen Zäunen ringsherum.
Reva hatte sämtliche Mitschüler der Abschlussklassen eingeladen und gleich zwei Bands engagiert, die in dem großen Garten hinter ihrem Haus spielen sollten. Eine eher drittklassige Band mit dem Namen Garage Boys, die sonst immer in der Red-Heat-Disko in Shadyside auftritt, und die Rap-Gruppe 2Ruff4U, die extra für die Party von Los Angeles eingeflogen wird. Reva kann es sich natürlich nicht verkneifen, uns das ständig unter die Nase zu reiben.
Niemand von uns kann Reva besonders gut leiden. Ich meine, sie würde nicht gerade die Wahl zum beliebtesten Mädchen der High-School gewinnen. Aber was soll’s? Schließlich gibt sie die Party des Jahres, und alle sind wild darauf hinzugehen.
Wir redeten noch eine Weile über das große Ereignis. Hillary zerbrach sich den Kopf darüber, was sie anziehen sollte. „Die Party ist doch draußen, nicht wahr?“, sagte sie. „Und abends ist es noch ganz schön kühl. Aber ich möchte mich auch nicht zu warm anziehen, schließlich will ich richtig abtanzen. Wenn ich lange Hosen und ein Sweatshirt trage …“
An diesem Punkt klinkte ich mich aus dem Gespräch aus. Es war typisch für Hillary, dass sie sich eine Menge unnötige Gedanken machte und diese so schnell hervorsprudelte, dass es unmöglich war, auch nur ein Wort einzuwerfen.
Sie redete immer noch wie ein Wasserfall, als ich plötzlich ein lautes Geräusch an der Küchentür hörte.
Ich sprang erschrocken auf, als eine kräftige Gestalt, ohne anzuklopfen, die Tür aufriss und zu uns in die Küche stürmte.
Wir schrien alle drei gleichzeitig auf.
Und damit begann der Ärger …
Kapitel 2
„Hey, Al – du hast es wohl auch nicht mehr nötig anzuklopfen, was?“, sagte ich ärgerlich.
Al Freed schnaubte verächtlich. Er schlenderte lässig zu uns an den Tisch und sah uns mit einem schiefen Grinsen an. „Wie geht’s denn so, Mädels?“
„Ohne dich geht’s uns bestens!“, zischte Hillary ihn an.
Taylor und ich lachten, aber Al fand es alles andere als lustig.
Al ist mit uns zusammen in der Abschlussklasse. Er ist groß, hat blonde Haare und ist der größte Angeber, den man sich nur vorstellen kann. Er findet sich unwiderstehlich und prahlt zu jeder Gelegenheit mit seinem Geld.
Mit seinen kleinen, runden Augen, die eng nebeneinander liegen, und seiner großen Hakennase erinnert er mich immer an einen Geier, der kurz davor ist, sich auf seine Beute zu stürzen.
Er zieht grundsätzlich nur schwarze Sachen an, was diesen Eindruck noch verstärkt. Er läuft ständig mit einem coolen Grinsen herum, so als wollte er allen zeigen, was für ein knallharter Bursche er ist.
Ich weiß, dass Al bei meiner Beschreibung nicht besonders gut wegkommt, dabei hat er auch mal zu unserer Clique gehört. Wir konnten ihn wirklich alle gut leiden. Aber dann begann er, sich mit ein paar richtig üblen Typen aus Waynesbridge herumzutreiben.
Al veränderte sich. Er fing an, irgendwelche krummen Dinger zu drehen, mit denen er eine Menge Kohle gemacht hat. Das haben mir jedenfalls ein paar andere Jungen erzählt, mit denen er auch viel zusammen war. Und er handelte sich eine Menge Ärger ein, und damit meine ich ernsthaften Ärger mit der Polizei.
Schade. Immer wenn ich Al sehe, muss ich daran denken, wie er früher war, und ich wünschte, er würde seine neuen „Freunde“ in die Wüste schicken und wieder so werden, wie er mal war.
Aber das ist wohl ziemlich unwahrscheinlich.
Jetzt stand Al also am Küchentisch und baute sich vor uns auf. „Ich seh euch doch an der Nasenspitze an, dass ihr gerade von mir geredet habt“, flachste er. „Ihr seid doch alle ganz verrückt nach mir, stimmt’s?“
„Da irrst du dich aber gewaltig“, erwiderte Taylor kühl. Wenn sie will, können ihre grünen Augen kalt wie Marmor werden und eisige Blicke abfeuern.
„Du willst Sandy doch schon lange den Laufpass geben und lieber mit mir wegfahren“, redete Al weiter.
„Mit welcher Art Dreirad fährst du denn im Moment gerade so durch die Gegend?“, machte Hillary sich über ihn lustig.
Wie schon gesagt: Hillary reagiert immer blitzschnell und ist nie um eine Antwort verlegen.
Als Segelohren liefen rot an. Daran kann man bei ihm immer erkennen, dass er wütend ist.
Mir war gar nicht aufgefallen, dass er eine Dose Bier in der Hand hielt, bis er sie an den Mund setzte. Er nahm einen kräftigen Zug und rülpste lauthals.
„Du weißt wirklich, wie man Mädchen imponiert“, zog Taylor ihn wieder auf.
Hillary trommelte nervös mit ihren langen roten Fingernägeln auf den Tisch. In ihren Brillengläsern spiegelte sich das Sonnenlicht, das durchs Fenster fiel, aber ich konnte trotzdem erkennen, dass sie Al keine Sekunde aus den Augen ließ.
Ich glaube, dass Al ihr inzwischen ein bisschen Angst machte. Aber da war sie in guter Gesellschaft. Mir ging es genauso.
Er klemmte sich die Bierdose zwischen Ober- und Unterarm, beugte den Arm und zerdrückte sie lässig. „Hab ja auch lange daran gearbeitet“, sagte er.
„Walnüsse mit den Zähnen zu knacken ist für dich sicher auch ein Kinderspiel“, murmelte Hillary ironisch.
Al ging nicht auf sie ein, sondern warf die Dose quer durch die Küche in die Spüle. Sie landete mit einem lauten Scheppern und hinterließ eine Spur aus Biertropfen auf dem weißen Küchenboden.
„He, pass doch ein bisschen auf!“, rief ich. „Was willst du eigentlich von uns, Al? Was hast du hier überhaupt verloren?“
Er sah mich mit seinen blauen Augen an. „Du warst mir von allen schon immer die Liebste, Julie. Du bist die Allerbeste.“ Er zeigte auf Hillary und Taylor. „Die taugen nichts. Aber du bist einsame Klasse.“
Ich verdrehte die Augen. „Also, was willst du, Al?“, wiederholte ich ungeduldig.
„Zwanzig Dollar“, sagte er und hielt mir seine große Pranke hin. Seine Hand war voller schwarzer Ölflecken, und unter seinen Fingernägeln saß dick der Dreck. Vermutlich hatte er an seinem Wagen herumgewerkelt. „Das ist auch schon alles. Nur lächerliche zwanzig Mäuse.“
„Was soll das? Du hast doch selber Geld wie Heu“, erwiderte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Julie, die Geschäfte laufen momentan nicht so besonders“, sagte Al. Er nahm seine dreckige Pfote nicht weg, sondern fuchtelte mir damit weiter vor dem Gesicht herum. „Stell dich nicht so an! Schlappe zwanzig Kröten. Wenn ich sie nicht wirklich dringend bräuchte, würde ich dich ja nicht drum bitten.“
Er widerte mich an. „Al, ich bin völlig blank“, erklärte ich. „Außerdem schuldest du mir sowieso schon zwanzig Dollar.“
„Hau endlich ab, Al“, mischte Hillary sich ein. „Warum suchst du dir nicht irgendeinen Job?“
„Wer würde den denn schon nehmen?“, meinte Taylor gehässig.
Ich war ein bisschen überrascht, dass Taylor sich einmischte. Schließlich war sie erst vor wenigen Monaten, so um Weihnachten herum, nach Shadyside gezogen und gehörte noch nicht lange zu unserer Clique. Sie kannte Al nun wirklich noch nicht gut genug, um so einen bissigen Kommentar abzugeben.
Wahrscheinlich wollte sie mir einfach nur helfen.
Al zog eine Zigarette aus der Tasche seines schwarzen Flanellhemds. Er zündete sie an und warf das Streichholz einfach auf den Boden.
„He, lass das!“, rief ich und schob ihn zur Tür. „Du weißt genau, dass meine Eltern nicht wollen, dass hier geraucht wird!“
Grinsend wich er mir aus. Er zog kräftig an seiner Zigarette und blies mir den Rauch ins Gesicht.
„Lass sie in Ruhe, Al“, sagte Hillary bestimmt. Sie stand auf und schob ihren Stuhl zur Seite. Gemeinsam rückten wir ihm auf die Pelle.
„Hey, nicht, lasst das!“ Er hob beide Hände, um uns abzuwehren.
„Raus mit dir!“, rief ich. „Wenn meine Mutter nach Hause kommt und Zigarettenqualm riecht …“
Er schnippte die Asche auf den Küchentisch. Mit zusammengekniffenen Augen sah er mich spöttisch lachend an. „Julie, deine Eltern haben dir doch das Rauchen verboten. Aber ich kenne da ganz zufällig ein kleines Geheimnis. Du rauchst trotz des Verbotes, nicht wahr?“
„Halt die Klappe!“, fuhr ich ihn an.
Sein Lachen wurde zu einem gemeinen Grinsen. „Ich hab dich nämlich letztes Wochenende in der Einkaufspassage dabei ertappt. Paff-paff-paff.“ Wieder blies er mir den Zigarettenrauch ins Gesicht. „Julie ist wirklich eine ganz Schlimme. Vielleicht sollte ich es deiner Mutter verraten …“
„Nein!“, schrie ich aus voller Kehle.
Meine Mutter hat Hillary und mich nämlich im letzten Schuljahr in meinem Zimmer beim Rauchen erwischt – und sie hat getobt! Wenn es ums Rauchen geht, ist sie immer gleich auf hundertachtzig. Sie hat mir nach dem Examen eine Belohnung von tausend Dollar versprochen, wenn ich es schaffen würde, keine einzige Zigarette mehr anzurühren.
Ich möchte mir lieber nicht vorstellen, was meine Eltern sich einfallen lassen würden, wenn sie dahinter kämen, dass ich ab und zu eine Zigarette rauche, wenn ich mit meiner Clique unterwegs bin. Meine Mutter würde garantiert restlos ausflippen. Es würde jedenfalls unangenehm werden, verdammt unangenehm sogar.
Und es war klar wie Kloßbrühe, dass Al mir nicht zum Spaß gedroht hatte. Er würde mich verpetzen, es sei denn, ich stellte mich weiter gut mit ihm.
Aus diesem Grund hatte ich auch neulich die zwanzig Dollar für ihn herausgerückt.
„Al, ich bin völlig pleite. Ehrlich“, sagte ich wieder.
„Ja. Schon gut.“ Wieder schnippte er Asche vor Taylor auf den Tisch.
„Wofür brauchst du denn so dringend zwanzig Dollar?“, fragte Hillary.
„Damit ich mit Taylor ausgehen kann“, antwortete er.
„Haha. Dass ich nicht lache!“, murmelte Taylor und streckte Al die Zunge heraus.
„So gefällst du mir am allerbesten!“, sagte er zu ihr.
Sie seufzte und schüttelte den Kopf. „Werd doch endlich mal erwachsen!“
Al drehte sich wieder zu mir um. Der Ausdruck auf seinem Gesicht gefiel mir nicht. So hart und eiskalt hatte ich ihn früher nie erlebt.
„Wie wär’s denn, wenn ich ein kleines Loch ins Tischtuch brenne, Julie? Meinst du, du könntest die zwanzig Kröten dann auftreiben?“
„Al, bitte …“, bettelte ich.
Aber er drehte die Zigarette zwischen seinen Fingern und hielt sie immer näher an den Küchentisch.
„Al! Hör auf!“, rief ich und war mit einem Satz bei ihm. Aber er wirbelte herum und stellte sich mir mit seinem breiten Rücken in den Weg.
Er hielt das glühende Ende der Zigarette ganz dicht an die Plastiktischdecke. „Komm schon, Julie. Irgendwo wirst du doch bestimmt noch zwanzig Dollar ausgraben. Du willst doch nicht, dass deine Mutter ein großes Brandloch in der Tischdecke entdeckt, oder?“
„Hör auf damit! Lass das!“
Gemeinsam zogen Hillary und ich ihn vom Tisch weg. Die Zigarette fiel auf den Fußboden. Al schien sich bestens zu amüsieren – sein widerliches lautes Lachen hallte durch die Küche.
Mit vereinten Kräften schoben wir ihn zur Küchentür. „Mach’s gut, Al“, sagte ich.
Aber er wand sich los und drehte sich zu Hillary hin.
„Dein Vater ist doch ein stadtbekannter Arzt. Ich wette, dass du zwanzig Dollar für mich lockermachen kannst.“
Hillary ließ ihn los und sah ihn genervt an. „Warum sollte ich dir auch nur einen einzigen Penny geben?“
Al kam mit seinem Gesicht ganz nah an Hillarys Ohr. Er rückte ihr so dicht auf die Pelle, dass er ihren Ohrring aus orangefarbenem Glas hätte anknabbern können. „Wegen Chemie“, flüsterte Al, allerdings laut genug, dass Taylor und ich es hören konnten.
Hillary blieb die Spucke weg.
„Du möchtest doch bestimmt nicht, dass Mr Marcuso erfährt, dass du in der Examensarbeit in Chemie gemogelt hast“, sagte Al zu Hillary.
„Du willst mich doch wohl nicht erpressen!“, zischte Hillary mit zusammengebissenen Zähnen.
Al lachte. „Sicher will ich das! Was denn sonst?“
„Aber du hast mir die Examensarbeit vom letzten Jahr doch freiwillig gegeben!“, protestierte Hillary. „Ich hab dich nicht darum gebeten, Al. Du hast sie mir einfach auf den Tisch gelegt!“
„Aber du hast daraus abgeschrieben, stimmt’s?“, sagte Al hämisch. „Wenn jemand Mr Marcuso steckt, dass du gemogelt hast, Hillary, dann lässt er dich achtkantig durch die Prüfung rasseln. Und dann ist es aus mit dem fantastischen College, für das du eine Zusage hast. Buhu!“
„Al, du warst früher mal richtig nett“, sagte ich kopfschüttelnd. „Warum bist du bloß so unausstehlich geworden?“
Er zog mich an den Haaren. „Das hab ich mir bei dir abgeguckt!“, feuerte er zurück und lachte über seinen schlauen Einfall.
„Du kannst doch nicht einfach hier reinmarschiert kommen und versuchen, uns zu erpressen“, mischte Taylor sich wieder ein. Sie hatte sich nicht vom Tisch weggerührt. Mir kam es so vor, als diente er ihr als Schutzschild gegen Al.
„Ja. Mach endlich die Flatter!“, sagte ich mit Nachdruck und schubste ihn wieder an. „Ehrlich. Mach ’nen Spaziergang!“
Aber Hillary kramte schon in ihrer Tasche herum. Sie zog einen Zwanzigdollarschein heraus und drückte ihn Al in die ausgestreckte Hand.
„Wann zahlst du es mir zurück?“, fragte sie ihn. Sie sah ihn dabei nicht an, sondern hielt den Kopf gesenkt.
„Gute Frage“, erwiderte Al mit einem fiesen Grinsen. „Das weiß ich selbst noch nicht.“ Er stopfte das Geld in die Tasche seiner schwarzen Jeans. Dann drehte er sich zur Tür hin. „Schönen Tag noch!“
Er ging drei Schritte – und blieb dann abrupt stehen, denn in diesem Moment kam meine Mutter zur Windfangtür herein. „Oh, hi, Mrs Carlson.“ Er war so verdattert, dass er wieder rote Ohren bekam.
In beiden Armen eine braune Einkaufstüte, trat meine Mutter in die Küche. „Hallo, alle zusammen. Ich bin heute ausnahmsweise ein bisschen früher dran.“
Al nahm ihr die Tüten ab und stellte sie auf den Küchentresen.
Meine Mutter wischte sich die Haare aus dem Gesicht. Sie hat die gleichen dunkelbraunen Haare und die gleichen großen braunen Augen wie ich – das war’s dann aber auch schon mit unseren Gemeinsamkeiten.
Meine Mutter behauptet immer, ich hätte große Ähnlichkeit mit Demi Moore.
Ich finde, sie sollte sich besser mal eine Brille zulegen.
„Du bist in letzter Zeit aber ein ziemlich seltener Gast bei uns“, sagte meine Mutter zu Al.
„Ich war ziemlich im Stress“, antwortete Al, der immer noch feuerrote Ohren hatte. Dann verabschiedete er sich schnell und hastete zur Tür hinaus.
„Warum ist er denn ganz in Schwarz? Ist jemand gestorben?“, fragte meine Mutter erstaunt.
Wir kamen nicht mehr dazu zu antworten, denn plötzlich schrie sie entgeistert auf und zeigte wutschnaubend auf den Fußboden.
Mir war sofort klar, was los war: Sie hatte die Zigarette entdeckt, die Al einfach fallen gelassen hatte.
„Mom …“, begann ich.
Sie bückte sich und hob sie mit wutverzerrtem Gesicht auf. „Die brennt ja noch!“
„Das war Al!“, rief ich. „Wir haben nicht geraucht. Die Zigarette gehört Al!“
„Das stimmt, Mrs Carlson“, sagte Hillary. Taylor und Hillary standen mit betretenen Gesichtern herum. Am liebsten wären sie vom Erdboden verschluckt worden. Schließlich hatten sie schon öfter miterlebt, wie meine Mutter wegen einer Sache, die ihr nicht in den Kram passte, völlig ausrastete.
„Es ist mir völlig egal, wer von euch hier geraucht hat, Julie“, sagte meine Mutter mit steinernem Gesichtsausdruck und sprach jedes einzelne Wort betont langsam aus. „Die Verantwortung dafür liegt bei dir, wenn ich nicht zu Hause bin, und …“
Laut seufzend brachte sie die Zigarette zum Spülbecken.
„Eine Bierdose auch noch?“, schrie sie schrill.
„Die ist auch von Al!“, riefen Taylor und ich im Chor.
Hillary drückte sich gegen die Wand und sah aus, als wäre sie am liebsten mit der Blümchentapete verschmolzen.
„Du hast sie einfach ins Spülbecken geworfen?“, sagte meine Mutter bedrohlich leise.
Ich setzte zu einer Antwort an, aber was hatte es schon für einen Zweck? Mir war klar, dass ich dick in der Tinte saß.
Es spielte keine Rolle, dass die Bierdose und die Zigarettenkippe auf Als Konto gingen. Seit meine Mutter Hillary und mich in meinem Zimmer beim Rauchen erwischt hatte, traute sie mir sowieso nicht mehr über den Weg.
Ich bin mir sicher, dass sie glaubt, es ginge hier drunter und drüber, wenn sie nicht da ist. Und nun kommt sie nach Hause und findet offenbar ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt.
„Julie, das bedeutet Hausarrest für dich am Wochenende“, sagte meine Mutter mit gepresster Stimme. Ihr Kinn zuckte, und sie sprach betont ruhig, weil sie versuchte, ihre Wut in den Griff zu bekommen.
„Nein! Das kannst du mir nicht antun!“, rief ich. Ich merkte selbst, dass meine Stimme einen völlig verzweifelten Klang hatte, aber ich konnte mich nicht zusammenreißen.
„Die Party!“, protestierte ich. „Revas Party! Mom, wenn du mir Hausarrest gibst, verpasse ich die Party!“
Meine Mutter legte einen Finger auf ihren Mund. „Kein Wort mehr!“
„Das kannst du doch nicht machen!“, jammerte ich. „Ich bin siebzehn, und ich will Revas Party nicht –“
„Ich dulde es nicht, dass Freunde von dir herkommen und in meiner Abwesenheit Bier trinken und Zigaretten rauchen“, schrie meine Mutter mich an und explodierte nun doch. „Und wenn es eine Party im Buckingham-Palast wäre – es interessiert mich nicht! Du bleibst zu Hause! Dann verpasst du die Party eben. Noch ein Widerwort, und du gehst mir die ganzen nächsten zwei Wochen nirgends mehr hin!“
Ich fuchtelte mit den Fäusten in der Luft herum und ließ einen Wutschrei los. Hillary und Taylor sahen aus lauter Mitleid mit mir verlegen weg.
„Daran ist ganz allein Al schuld!“, dachte ich innerlich kochend. Dieser miese Kerl! Das habe ich ganz allein ihm zu verdanken!
Was für ein schrecklicher Nachmittag!
Ich glaube, an diesem Tag war uns dreien – Hillary, Taylor und mir – genau gleich zumute: Wir hätten Al umbringen können.
Natürlich konnten wir unmöglich ahnen, dass Al zwei Wochen später tatsächlich nicht mehr am Leben sein würde.
Kapitel 3
So kam es also, dass ich die Party verpasste.
Ob ich das meiner Mutter wohl je verzeihen kann? Allerfrühestens in zehn Jahren vielleicht.
Hillary verkündete, es sei die tollste Party unserer gesamten Schulzeit an der Shadyside High-School gewesen. Sie neigt eben manchmal zu kleinen Gehässigkeiten.
Sie hätte die Party ja auch aus Rücksicht auf mich als den langweiligsten Abend ihres ganzen Lebens hinstellen können. Stattdessen rieb sie mir unter die Nase, wie sensationell die zwei Bands gespielt hätten, dass sie bis zwei Uhr morgens nicht mehr von der Tanzfläche gekommen sei und dass sie danach im Mondschein im beheizten Swimmingpool der Dalbys geschwommen wäre. Noch nie hätte sie sich so gut amüsiert, und alle hätten sich ständig bei ihr erkundigt, wo ich denn eigentlich bliebe.
Ich flehte Hillary an, nie wieder auch nur ein Sterbenswörtchen über die Party zu verlieren. Das war jetzt eine Woche her, und sie hielt ihr Versprechen – bis wir am Freitag nach der Schule die Canyon Road entlang zu Sandy gingen.
Die tief hängenden Wolken verhießen Regen. Es war nasskaltes, ungemütliches Wetter. Der Winter schien noch einmal zurückgekommen zu sein.
„Ich verstehe Taylor und Sandy einfach nicht“, fing Hillary an.
Ich rückte meinen Rucksack, der geradezu überquoll vor Hausaufgaben, die ich am Wochenende erledigen wollte, auf den Schultern zurecht. „Was ist denn mit den beiden?“, fragte ich und war mit den Gedanken bei meiner Projektarbeit in Geschichte.
„Na ja, du hättest sie mal auf Revas Party erleben sollen“, fuhr Hillary fort.
Ich blieb stehen und packte sie am Ärmel ihres blauen Pullovers. „Du hast es versprochen – kein Wort mehr über die Party!“
Sie zog den Arm weg. „Ich rede doch gar nicht von der Party, Julie, sondern von Taylor und Sandy.“
„Mhm … was ist denn mit ihnen?“, fragte ich mürrisch.
„Ich hab sie auf der Party beobachtet“, sagte Hillary. „Es war wirklich ein Bild des Jammers. Sandy ist Taylor wie ein Hündchen auf Schritt und Tritt gefolgt. Und Taylor hat kaum ein Wort mit ihm gesprochen. Sie war ja auch schwer damit beschäftigt, sich um die anderen Jungen zu kümmern, die hinter ihr her waren.“
„Sie flirtet eben gern“, versuchte ich Taylor in Schutz zu nehmen. Im Laufschritt liefen wir über die Straße, bevor die Ampel wieder auf Rot sprang.
„Es war widerlich“, beharrte Hillary. „Du hättest sehen sollen, wie sie mit Bobby Newkirk getanzt hat. Und dann hab ich mitgekriegt, wie sie mit einem Jungen, den ich noch nie gesehen habe, hinter der Garage herumgeknutscht hat.“
„Oh, hm“, murmelte ich. „Und was hat Sandy gemacht?“
„Ist wie ein aufgescheuchtes Reh herumgerannt, um sie mit Cola zu versorgen“, berichtete Hillary. „Also, ich versteh das nicht. Er muss doch mitbekommen haben, wie Taylor sich aufführt. Das war so was von offensichtlich! Sie hat praktisch so getan, als wäre Sandy gar nicht da, und er hat bloß gelächelt und ist ihr die ganze Zeit hinterhergerannt.“
„Das nenn ich wahre Liebe“, bemerkte ich trocken.
„Das ist wirklich nicht lustig“, schimpfte Hillary mich aus. „Du weißt genau, wie ernst Sandy es mit ihr meint.“
„Ich wünschte, Vincent würde mich endlich auch mal ernst nehmen“, murmelte ich vor mich hin.
Hillary drehte sich zu mir um und sah mich forschend an. „Was hast du gerade gesagt?“
„Ach nichts.“ Ich seufzte. Ich sah Taylor vor mir, wie sie auf der Party mit irgendwelchen Jungen herumflirtete. Auf die gleiche Weise hatte ich es bei Vincent auch schon einmal versucht, aber er hatte wohl gemeint, ich albere bloß herum, und es nicht weiter ernst genommen.
„Sandy ist bestimmt ein prima Kerl“, fuhr Hillary fort. „Aber ich glaube –“
„Ich finde, dass sie wirklich toll zusammenpassen“, unterbrach ich sie. „Vielleicht kriegt Taylor es ja so hin, dass Sandy ein bisschen lockerer wird und seine Schüchternheit ablegt. Immerhin ist Taylor seine erste richtige Freundin. Es wär ja immerhin möglich, dass er darüber so aus dem Häuschen ist, dass ihn das völlig umkrempelt. Vielleicht …“
Ich winkte einigen Schulfreunden zu, die gerade in einem Kombi an uns vorbeifuhren. Erst als der Wagen außer Sicht war, fiel mir Hillarys sorgenvolle Miene auf.
„Ich finde nicht, dass Taylor Sandy gut tut“, wandte sie ein. „Sie wird ihm bestimmt das Leben schwer machen. Wahrscheinlich bekommt er bei der erstbesten Gelegenheit von ihr den Laufpass.“
„Mir ist auch klar, dass er die Sache viel ernster sieht als sie“, gab ich ihr Recht. „Aber meinst du nicht, dass du ein bisschen zu hart mit Taylor ins Gericht gehst?“
Hillary blieb der Mund offen stehen. „Wie bitte? Zu hart? Was redest du denn da?“
Als wir in die Canyon Road einbogen, blies uns ein kräftiger Wind ins Gesicht. Das rote Backsteinhaus, in dem Sandy wohnte, stand gleich an der nächsten Biegung.
Ich hatte das Gefühl, dass Hillary ein bisschen eifersüchtig auf Taylor war. Bis Taylor sich mit Sandy angefreundet hatte, waren Hillary und ich nämlich die einzigen Mädchen in unserer Clique gewesen. Dann war Taylor aufgekreuzt – mit ihren schicken Klamotten, ihrer tollen Frisur, ihrem hübschen Gesicht und ihrer perfekten Figur. Im Nu hatte sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden.
Es wäre also wirklich kein Wunder, wenn Hillary ein ganz klein wenig eifersüchtig auf sie wäre.
Aber als wir so nebeneinander auf dem Bürgersteig herliefen, beschloss ich, diesen Gedanken für mich zu behalten. Es würde Hillary bloß kränken, und dann würde sie die ganze übrige Woche darauf verschwenden, es abzustreiten.
„Taylor ist schon in Ordnung“, sagte ich stattdessen. „Sie ist gar nicht so übel. Sie kommt nur gern auf ihre Kosten, wenn es ums Spaßhaben geht, das ist alles. Und dabei ist sie nicht gerade zimperlich.“
Hillary lachte spöttisch. „Das kannst du wohl laut sagen!“
Ich ging auf die Kiesauffahrt zu, die zu Sandys Haus führte. Aber Hillary hielt mich zurück. „Warte noch“, murmelte sie und blickte zum Haus hoch.
„Was ist denn los?“, fragte ich, drehte mich zu ihr um und sah sie besorgt an.
„Al hat mich schon wieder erpresst“, sagte Hillary und verdrehte die Augen. „Kannst du dir das vorstellen?“
„Was wollte er denn diesmal? Etwa wieder Geld?“
Hillary schüttelte den Kopf. „Er hat mich so lange weich geklopft, bis ich ihm meinen Wagen geliehen habe.“
„Oh“, brummte ich.
„Ich … ich hab mich so über Al aufgeregt und geärgert, dass ich es einfach jemandem erzählen musste“, stotterte Hillary.
„Bei mir ist es selbstverständlich gut aufgehoben“, beruhigte ich sie. „Schließlich bin ich deine beste Freundin.“
„Ständig ist er mir auf den Fersen und verlangt Geld von mir oder schreibt die Geschichtshausaufgaben bei mir ab oder verlangt meinen Wagen“, redete Hillary wie ein Wasserfall weiter. Ihre Stimme schnappte vor Wut fast über. „Er lässt mich einfach nicht in Ruhe. Und wenn ich Nein sage …“
„… droht er damit, deinen Eltern zu verraten, dass du in der Chemieprüfung gemogelt hast“, beendete ich ihren angefangenen Satz. „Wir sitzen im selben Boot, Hillary.“ Ich seufzte. „Mich versucht er auch dauernd unter Druck zu setzen.“
„Ich hasse mich dafür, dass ich das mit mir machen lasse!“, zischte Hillary und ballte die Hände zu Fäusten. „Al hat mich in der Hand, und das ist allein meine Schuld. Ich hätte die Chemiearbeit vom letzten Jahr einfach nicht von ihm annehmen dürfen. Nie, nie, nie! Das war der größte Fehler meines Lebens!“
Ich sah Hillary entgeistert an. In all den Jahren, seit wir uns kannten, hatte ich sie noch nie so aufgelöst erlebt.
Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter. Hillary zitterte ja! „Es kommt alles wieder in Ordnung“, redete ich leise und beruhigend auf sie ein. „Mit mir macht er doch das Gleiche. Aber irgendwann wird er die Lust daran verlieren. Ganz bestimmt!“
Sie sah mich mit ihren dunklen Augen hoffnungsvoll an. „Meinst du wirklich?“
Ich nickte. „Sein Interesse reicht immer nur von zwölf bis Mittag. Er wird es schnell leid werden, uns zu tyrannisieren, und sich neue Opfer suchen. Du wirst schon sehen.“
Hillary antwortete darauf nichts. Aber ihr war anzusehen, dass ihr förmlich der Kopf rauchte und sie angestrengt nachdachte – vielleicht über das, was ich gerade gesagt hatte.
Wir liefen mit laut knirschenden Schritten die kiesbestreute Auffahrt hoch. Ich wollte gerade klingeln, als die Haustür schwungvoll aufgerissen wurde.
Sandy stand vor mir in der Tür. An seiner besorgten Miene konnte ich sofort ablesen, dass irgendetwas nicht stimmte.
„Sandy – was ist denn passiert?“, fragte ich.
„Habt ihr schon von der Sache mit Al gehört?“, fragte er.
Kapitel 4
„Was?“, stieß ich hervor und bekam am ganzen Körper eine Gänsehaut.
„Kommt herein. Schnell!“, trieb uns Sandy zur Eile an. Er hielt uns die Tür auf, und Hillary und ich schlüpften an ihm vorbei ins Wohnzimmer.
Taylor und Vincent saßen jeder an einem anderen Ende der grünen Ledercouch. Trotz des stürmischen Wetters trug Taylor nichts weiter als ihre khakifarbenen Shorts und dazu ein kurzes, rotes Trägerhemd, das ihr nur bis zum Bauchnabel reichte.
Ich nickte den beiden kurz zu. „Was ist denn mit Al?“, fragte ich, während ich mich zu Sandy hin umdrehte.
„Er wurde von der Schule suspendiert.“ Taylor antwortete an Sandys Stelle.
„Ja, das stimmt.“ Sandy nickte zustimmend und knabberte nervös auf seiner Unterlippe herum. Wenn er das tut, sieht er immer viel jünger aus.
Sandy ist klein und ein bisschen rundlich. Er hat ein nettes Gesicht – nicht auffallend, aber nett. Allerdings kommt er mir irgendwie immer wie ein schüchterner, zappeliger Junge von zwölf Jahren vor.
„Warum?“, fragte Hillary. „Warum haben sie ihn denn von der Schule verwiesen?“
Vincent sah uns grinsend an. „Al hat vor Mrs Hirschs Augen seine Englischarbeit als Blättchen für Zigaretten benutzt und dann eine nach der anderen gequalmt.“
Hillary und ich hielten die Luft an.
„Du machst Witze!“, rief ich.
Vincents Grinsen wurde immer breiter. „Ja, das war nur ein Scherz. In Wirklichkeit hat er einen Streit angezettelt.“
„Kannst du denn nicht einmal ernst sein?“, sagte Sandy streng zu Vincent.
Vincent schüttelte verneinend den Kopf.
Taylor langte daraufhin quer über die Couch und schlug ihm auf die Schulter. „Du bist schrecklich!“, sagte sie spöttisch zu ihm.
„Danke“, erwiderte Vincent lächelnd.
Ich finde sein Lächeln einfach hinreißend. Sein Gesicht ist dann voller Lachfältchen, und seine tollen graugrünen Augen funkeln. Vincent trägt seine kastanienbraunen, fast schulterlangen Haare mit einem Mittelscheitel, und er sieht damit irgendwie süß aus.
Ansonsten ist er lang und schlaksig, was überhaupt nicht zu seinem Gesicht passt. Er hat riesengroße Hände, und mit seinen Quadratlatschen von Füßen bewegt er sich total linkisch. Er sieht wie ein großer, tollpatschiger Clown aus, eben einfach süß. Ich bin total in ihn verschossen. Aber das sagte ich ja schon.
Manchmal wünschte ich, Vincent, Sandy und die anderen würden nicht dauernd über alles Mögliche Witzchen reißen. Wenn Al wirklich von der Schule geflogen war, konnte das schließlich sein ganzes Leben über den Haufen werfen.
„Al hat sich mit David Arnold angelegt“, erzählte Sandy aufgeregt. „Nach der Schule haben sie sich auf dem Gang vor der Turnhalle in die Wolle gekriegt.“
„Ist David denn nicht in der Wrestling-Mannschaft?“, fragte ich.
„Ja. Ausgerechnet mit einem der stärksten Typen der ganzen Schule muss er sich prügeln. Echt clever, was?“, sagte Sandy.
„Er hätte sich irgendeinen Winzling dafür aussuchen sollen – dich zum Beispiel!“, zog Vincent Sandy auf.
Sandy sah ihn finster an.
„Hört auf herumzublödeln. Was ist denn nun wirklich passiert?“, fragte ich ungeduldig.
Vincent lachte. „Al hat David ein paar Kopfnüsse verpasst!“
„Das ist nun wirklich überhaupt nicht zum Lachen“, fuhr Sandy Vincent an.
„Ein bisschen komisch ist es schon“, mischte Hillary sich ein. Erst machte es mich etwas stutzig, dass sie ein breites Grinsen im Gesicht hatte. Immerhin war Al mal ein guter Freund von uns allen gewesen. Aber dann wurde mir klar, dass sie Al die Abreibung von ganzem Herzen gönnte, nachdem er sie die letzte Zeit ständig belästigt und bedroht hatte.
„Sie sind aus heiterem Himmel aufeinander losgegangen“, fuhr Sandy fort. „Al hat es dabei viel schlimmer erwischt als David. Und als Al dann endlich auch mal einen Treffer landen konnte – wer kam da wohl gerade um die Ecke gebogen und hat es mitbekommen?“
„Mr Hernandez?“, fragte ich.
Sandy nickte. „Ja, der Direktor höchstpersönlich. Also wurde Al von der Schule verwiesen, nicht David. Hernandez hat Al jedenfalls mit dem endgültigen Rauswurf gedroht. Seine Eltern sind wahrscheinlich im Moment schon auf dem Weg zur Schule.“
„Denen werden sie wahrscheinlich so richtig die Hölle heiß machen“, meinte Vincent.
„Auweia“, murmelte ich und ließ mich in den grünen Ledersessel gegenüber der Couch fallen. „Das kann ja heiter werden!“
„Das kannst du wohl laut sagen“, bemerkte Hillary. Sie hatte die ganze Zeit mit ihrem Rucksack auf dem Rücken dagestanden. Jetzt stellte sie ihn neben der Couch ab.
Taylor stand auf und streckte sich. Sie rieb sich den Bauch unter ihrem kurzen, roten Trägerhemdchen.
„Wie hat sie es bloß geschafft, noch nach Hause zu gehen und sich umzuziehen?“, fragte ich mich. „Und warum ist sie so sommerlich angezogen? Etwa nur, um aufzufallen?“
„Es ist mir unbegreiflich, dass Al mal zu unserer Clique gehört hat“, sagte Taylor und sah dabei Sandy an. „In letzter Zeit baut er nur noch Mist und findet sich dabei total cool. Ich frage mich wirklich, worauf er sich etwas einbildet.“
„Ja. Er verpfuscht sich das ganze Leben“, stimmte Sandy ihr zu.
„Hey“, sagte Vincent wie üblich grinsend. „Wenn er schon etwas verpfuscht, dann doch besser sein Leben als unseres, oder?“
Taylor rieb sich wieder den Bauch. „Ich sterbe gleich vor Hunger“, quengelte sie. „Gibt’s denn hier nicht irgendwas zu essen?“
„Klar! Kein Problem!“, rief Sandy.
Hillary und ich warfen uns einen viel sagenden Blick zu. Hillary hatte Recht: Taylor brauchte bloß irgendeinen Wunsch zu äußern, und Sandy sprang sofort los.
„Ich glaube, ich hab da eine Tüte mit Tortilla-Chips gesehen“, sagte Sandy eifrig. „Und vielleicht steht im Kühlschrank ja noch ein Glas mit Chilisoße.“
„Habt ihr eigentlich schon gewusst, dass in unserem Land inzwischen mehr Chilisoße als Ketschup gekauft wird?“, fragte Vincent.
Keiner von uns sagte etwas dazu. Vincent wirft nämlich ständig mit solchen merkwürdigen Informationen um sich. Meistens stimmen sie tatsächlich – aber wen interessiert das schon?
Wir folgten Sandy in die Küche. Taylor entdeckte als Erste die Tüte Tortilla-Chips auf dem Küchentresen. Sie riss sie auf und nahm sich eine Hand voll heraus.
Hillary verfolgte, wie sich Taylor noch eine Hand voll Chips nahm und sie ausgehungert verschlang. „Wie ist es bloß möglich, dass du so schlank bleiben kannst, wenn du solche Mengen verputzt?“, fragte Hillary.
Taylor ließ sich eine Retourkutsche natürlich nicht entgehen. „Ich erbreche sie jeden Abend wieder“, erwiderte sie trocken.
Wir mussten alle lachen. Taylor ist wirklich unheimlich schlagfertig, auch wenn ihre Bemerkungen manchmal etwas daneben sind.
Sandy mühte sich unterdessen mit dem Glas Chilisoße ab. Ächzend und stöhnend versuchte er, den Deckel aufzubekommen. Schließlich stellte er das Glas auf den Kopf und klopfte auf die Unterseite.
Nichts zu machen.
Dabei ließ er Taylor keine Sekunde aus den Augen. Ich glaube, es war ihm peinlich, dass er es nicht schaffte, den Deckel aufzudrehen. Jungen sind in der Hinsicht ja manchmal etwas merkwürdig.
„Lass mich mal versuchen“, bot Hillary ihm an. Sandy wollte protestieren, aber sie nahm ihm das Glas einfach aus der Hand.
Mühelos schraubte Hillary den Deckel auf und sah Sandy mit einem triumphierenden Blick an. „Na, bin ich nicht eine Superfrau?“, fragte sie stolz.
Sandy wurde rot. Dabei hätte es ihm nun wirklich nicht peinlich zu sein brauchen. Aber ich konnte ihm ansehen, dass er sich richtig gedemütigt fühlte.
„Ich hatte ihn ja schon ein Stück weit aufgeschraubt“, brummte er.
Hillary winkelte ihren Arm an und ließ ihren Bizeps spielen. „Ich bin eben in Bestform. Schließlich trainiere ich jeden Morgen“, gab sie an.
„Du stemmst doch höchstens deine Zunge“, flachste Vincent.
„Haha“, sagte Hillary sarkastisch. Sie tunkte einen Chip ins Glas und reichte es dann an Taylor weiter.
„Ihr Jungen könnt mich ja mal in unserem Keller besuchen kommen“, schlug Hillary vor. „Mein Vater hat alle möglichen Fitnessgeräte angeschafft. Damit trainiere ich jeden Morgen vor der Schule eine halbe Stunde. Ich gehe jede Wette ein, dass ich besser in Form bin als alle anderen an unserer Schule.“
„Das ist wieder mal typisch Hillary“, dachte ich. „Immer muss sie in allem die Beste sein.“
Sandy wollte gerade etwas sagen, aber ein lautes Klopfen an der Küchentür hielt ihn davon ab.
Wir drehten uns alle gleichzeitig zur Glastür hin, die in den Garten führte.
Als ich Al auf der Türschwelle stehen sah, krampfte sich mein Magen zusammen.
„Was will er denn jetzt schon wieder?“, war mein erster Gedanke.
Und warum sieht er so merkwürdig aus?
Kapitel 5
Sandy stürzte zur Tür.
„Ich … ich finde nicht, dass du ihn hereinlassen solltest“, warnte Hillary Sandy.
Al klopfte mit seiner großen Faust so fest an die Glasscheibe, dass ich die Zähne zusammenbiss und förmlich darauf wartete, dass das Glas zerbrach. „He, Leute!“, rief er. „Lasst mich rein – ich bin es doch!“
Sandy, der seine Hand schon auf den Türknauf gelegt hatte, zögerte. „Warum brüllt er denn so herum?“
„Er scheint betrunken zu sein“, meinte Taylor und ging zu Sandy.
„Tja, uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als ihn hereinzulassen“, meldete sich Vincent zu Wort. „Schließlich sieht er uns hier drinnen ja ganz genau. Er wird garantiert nicht aufhören, gegen die Scheibe zu hämmern. Wir können ja nicht einfach so tun, als wäre er unsichtbar.“
„He, Kumpels! Macht auf! Ich bin’s – der coolste Typ der Stadt!“ Al presste seine Schulter gegen die Tür.
„Oh!“ Hillary bekam es mit der Angst zu tun und schrie auf.
„Ich werde ihn wohl hereinlassen müssen“, stöhnte Sandy. „Dieser Volltrottel tritt sonst womöglich noch die Tür ein.“
Sandy drehte den Knauf herum und öffnete die Tür.
Al kam mit wütendem Blick in die Küche gewankt. „Warum habt ihr denn nicht gleich aufgemacht?“ Er sprach betont langsam, und seine Augen wanderten von einem zum anderen.
„Weil wir dich nicht gehört haben“, sagte Sandy zu ihm.
Eine ziemlich lahme Ausrede.
„Was?“ Al schwankte hin und her, so als hätte er Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten. Dann sah er Sandy mit zusammengekniffenen Augen an.
„Er ist tatsächlich betrunken“, flüsterte ich Hillary zu. „Bis oben hin abgefüllt.“
„Ja, voll wie eine Haubitze“, erwiderte Hillary flüsternd.
Al schob sich an Sandy vorbei und ging torkelnd zum Kühlschrank. „Gibt’s hier im Haus ’n Bier?“ Er zog die Kühlschranktür auf.
„He – kommt überhaupt nicht in die Tüte!“, rief Sandy und lief schnell hin, um Al zu stoppen.
Al drehte sich um – und wäre fast vornübergefallen. „Wie? Kein Bier? Im untersten Kühlschrankfach hab ich aber einen Sechserpack gesehen.“
„Nein. Tut mir Leid“, sagte Sandy angespannt. Er versuchte, die Kühlschranktür wieder zuzumachen, aber Al ließ sie nicht los.
Sandy warf Taylor einen nervösen Blick zu. Dann drehte er sich wieder zu Al hin. „Setz dich doch erst mal, ja?“ Er legte Al eine Hand auf die Schulter, um ihn zu beruhigen.
Al wischte Sandys Hand wütend weg. „Fass mich gefälligst nicht an, ja“, murmelte er mit drohender, leiser Stimme. Er starrte Sandy aus wässrigen Augen an. „Hände weg! Rühr mich nicht an!“
„Nimm’s dir nicht allzu sehr zu Herzen, Al“, mischte ich mich ein und lief zu Sandy. „Wir haben gehört, was dir in der Schule passiert ist. Es tut uns Leid für dich. Du hast dir da wirklich schwer was eingebrockt.“
Ich glaube nicht, dass Al auch nur ein Wort von dem verstand, was ich sagte. Er stand schwankend in dem rechteckigen Lichtausschnitt der offen stehenden Kühlschranktür und starrte Sandy weiter wütend an. Obwohl es draußen ziemlich kühl war, rannen ihm Schweißperlen von der Stirn.
Hillary stand mitten in der Küche. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah Al mit ausdrucksloser Miene an, ohne ein einziges Mal zu blinzeln.
Sandy versuchte erneut, Al vom Kühlschrank wegzuzerren. Aber groß wie Al war, schob er kurzerhand eine Schulter vor und stieß Sandy weg.
„Ich lass mich doch von dir nicht so anstarren, Mann!“, sagte Al wütend.
„Al, bitte …“, flehte Sandy ihn an.
„Als ob du mir überlegen wärst“, murmelte Al gehässig.
Sandy machte einen Schritt rückwärts. Er ist mindestens zwanzig Zentimeter kleiner als Al und alles andere als athletisch gebaut.
„Du glaubst wohl, du wärst was Besseres als ich“, fuhr Al fort. „Du hältst dich wohl für etwas ganz Besonderes, was?“
„Al, mach bitte den Kühlschrank zu und setz dich hin“, sagte Sandy streng und zeigte zum Küchentisch.
„Wir haben dir doch nichts getan“, mischte ich mich ein und versuchte, ihn so von Sandy abzulenken. „Wir sind doch Freunde.“
Aber Al ließ Sandy nicht aus den Augen. „Von dir lass ich mir gar nichts sagen! Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Du hältst dich wohl für cool, nur weil Taylor so tut, als würde sie auf dich abfahren.“
„Al, halt die Klappe!“, schrie Taylor, die hinter uns stand, mit schriller Stimme.
„Ja – halt endlich die Klappe“, knurrte Hillary ihn eiskalt an.
„Du bist doch nur ein fieser, fetter Feigling“, schnaubte Al verächtlich.
Sandys Gesicht lief rot an. Seine Halsadern schwollen an, und ich konnte sehen, wie sie pulsierten.
Al kicherte. Keine Ahnung, was er daran so lustig fand. „Ein fieser, fetter Feigling“, sagte er noch einmal, fast flüsternd.
Uns war allen klar, dass er Sandy provozieren wollte, damit der auf ihn losging.
„Hey, Al … hast du etwa für heute immer noch nicht genug Zoff gehabt?“, rief Vincent.
„Mach bitte den Kühlschrank zu“, bat Sandy ihn erneut. Seine Kiefermuskeln zuckten, und er war immer noch rot im Gesicht.
Doch Al sah ihn mit seinem hässlichen, unangenehmen Grinsen an. „Na, dann versuch doch, mich dazu zu bringen!“
„Sandy – nein!“, schrie ich. Doch es war bereits zu spät.
Sandy griff nach Als Arm. Er bekam Al oberhalb des Handgelenks zu fassen und zerrte ihn mit aller Kraft vom Kühlschrank weg.
Al fluchte – und holte mit der anderen Faust aus.
Dabei kam er ins Stolpern und verlor das Gleichgewicht. Trotzdem traf seine Faust Sandy mit voller Wucht an der Wange.
Sandy schrie vor Schmerzen auf. Er taumelte rückwärts und hielt sich das Gesicht.
Schwer keuchend und vor Schweiß triefend, lehnte Al sich an die Kühlschranktür. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er Sandy an. Er war auf der Hut, weil er damit rechnete, dass Sandy zurückschlagen würde.
Sandy lief Blut aus dem Mund und tropfte auf den Fußboden. Seine Wange war an einer Stelle ein wenig aufgeplatzt. „Meine Zähne …“ Sandy spuckte Blut aus. „Du hast mir einen Zahn ausgeschlagen.“
Al rieb sich die Faust und ließ Sandy nicht aus den Augen. Sandy sah Al ebenfalls unverwandt an und hielt sich weiter das Gesicht, während ihm Blut aus dem Mund tropfte.
Da schrie hinter mir jemand wütend auf. Ich wirbelte gerade noch rechtzeitig herum, um mitzubekommen, dass Hillary sich wutentbrannt auf Al stürzte.
„Nein! Nicht!“, schrie ich. „Hillary – tu’s nicht!“
Hillary drückte Al mit voller Wucht gegen die Kühlschranktür.
Er war so überrascht, dass er laut aufstöhnte. Als er Hillary dann blitzschnell am Arm packte und sie zurückdrängte, erschien auf seinem schwitzenden Gesicht wieder sein breites Grinsen.
„Okay“, sagte er schwer keuchend. „Okay. Kein Problem. Dich erledige ich auch mit links!“
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