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POLLY HORVATH

SUPER REICH

Aus dem Englischen von Anne Brauner


INHALT

DER IRRTUM

EINE EINLADUNG ZUM ABENDESSEN

DIE SPIELE

EINE LETZTE FRAGE

DER PLAN

SCHWEBEND

DIE ZEITMASCHINE

CONEY ISLAND

FREDDY UND DELIA

TANTE HAZELNUTS SCHMUCK

ENTFÜHRT

NEUE LEBEN

DER ANZUG

DER PRÄSIDENT

IM VERBORGENEN

EIN FREUND

ÜBERRASCHUNG

FÜR

ARNIE, EMILY, ANDREW,

ZAYDA, BONNY UND MILDRED

DER IRRTUM

Rupert Brown wohnte mit seiner großen Familie in einem sehr unscheinbaren Häuschen am Stadtrand von Steelville in Ohio. Rupert hatte so viele Brüder und Schwestern, dass es sich anfühlte, als würde er in einem eigenständigen kleinen Staat wohnen. Sie krabbelten über die Möbel, sie rannten hinein und hinaus. Sie waren groß und klein, Jungen und Mädchen – mit hellbraunem Haar, einer spitzen Nase, hohen Wangenknochen und schmalen Lippen. Sie waren alle dünn.

Die Browns hatten so viele Kinder, dass Mrs Brown behauptete, sich die Namen nicht mehr merken zu können. Meistens sprach sie ihren Nachwuchs mit «Hey du» an. Es gab Geschwister, die Rupert kaum kannte und mit denen er nur selten redete. Innerhalb der Familie mit ihren vielen Geheimnissen und getrennt voneinander verlaufenden Werdegängen wurden die verschiedensten Bündnisse geschlossen. Wenn man dicht aufeinanderhockt, muss es noch lange nicht gemütlich sein. Zeitweise ist es einfach nur eng.

Mit zehn Jahren lief Rupert so unauffällig in seiner Familie mit, dass ihm höchstens seine sechsjährige Lieblingsschwester Elise Beachtung schenkte. Sie waren beide still und schüchtern und gaben sich große Mühe, den anderen aus dem Weg zu gehen.

Kurz vor Weihnachten brachten Ruperts große Brüder John und Dirk eine Katze mit nach Hause. Da sie häufiger Katzen klauten, hegte niemand einen Zweifel daran, dass auch dieses Tier keine Streunerin war. Vielleicht entführten die Brüder sie, weil sie sich heimlich nach einem Haustier sehnten, wenn sie auch behaupteten, nur ihren Spaß haben zu wollen.

«Fangen und freilassen. Wie beim Fliegenfischen, nur mit Katzen», erklärte John, als er die neue Katze hochhielt, um sie seiner Mutter zu präsentieren. Er sah sie so wehmütig an, dass Rupert überlegte, ob er darauf hoffte, die Mutter würde sich in das Tier verlieben und ihnen erlauben, es zu behalten.

«Habe ich euch nicht gesagt, ihr sollt damit aufhören!», kreischte Mrs Brown, die gerade von der Arbeit gekommen war. Sie putzte Büros im Stahlwerk.

Sie marschierte durchs Zimmer, packte die Katze und schleuderte sie in den Hinterhof. Dann knallte sie die Tür zu.

Elise sah besorgt aus dem Fenster. «Die Katze liegt reglos da», flüsterte sie Rupert zu, als er sich neben sie stellte.

«Ich sehe mal nach ihr», flüsterte er zurück. Ihre Mutter war in die Küche gegangen, um den dünnen Haferschleim zu kochen, den sie ihnen mit den Essensresten anderer Leute, die der Vater täglich auflas, üblicherweise zum Abendessen servierte.

Alle Kinder der Familie Brown waren auf der Hut vor ihrer Mutter. Sie schlug gerne einmal zu. Oder sie nahm beim Fernsehen eins der jüngeren Kinder auf den Schoß und knuddelte es, als würde diese liebevolle tröstliche Person ihr wahres Ich verkörpern. Da man nie wusste, welche Mutter aus ihr herausbrechen würde, war Vorsicht geraten.

Draußen war es kalt und Rupert graute es, als er zu der Katze schlich. Was, wenn sie verletzt war? Was sollten sie dann mit ihr anstellen? Seine Mutter würde ihr mit Sicherheit nichts zu essen geben und hatte auch kein Geld für einen Tierarzt. Doch Rupert konnte das Tier nicht einfach seinem Schicksal überlassen, oder? Musste er die Katze am Ende selbst töten, um sie zu erlösen? Er hatte keine Ahnung, wie man so etwas machte. Und wenn er der Katze helfen und gleichzeitig seine Mutter von ihr fernhalten musste? Und wenn sie nun schon tot wäre, was dann?

Gerade als er nah genug dran war, um zu sehen, dass sie noch atmete, fuhr ein Polizeiwagen die Straße hinauf und hielt vor dem Haus der Browns. Während Rupert über der Katze kauerte, konnte er beobachten, wie die Wagentüren geöffnet wurden und zwei Polizisten ausstiegen und zur Tür gingen. Oh nein, oh nein! Sie wollten bestimmt seine Brüder verhaften. Wenn sie die Katze fänden, würden sie dann alle drei mitnehmen, John, Dirk und ihre Mutter, die Katzenquälerin?

Als Rupert die Hände nach der Katze ausstreckte, blickte sie ihn erschrocken an, rappelte sich mühsam auf und humpelte über den Hof. Bei dem Sturz hatte sie sich offenbar am Bein verletzt. Rupert lief ihr nach, um ihr zu helfen und sie gleichzeitig vor den Polizisten zu verstecken. Er hob sie hoch und trug sie zu dem leeren Werkzeugschuppen in der Ecke, als die Hintertür geöffnet wurde. Dirk und John rannten hinaus, sprangen über den Zaun und rasten über das Nachbargrundstück.

«Ich komme gleich wieder», flüsterte Rupert der Katze zu, bevor er still und unauffällig ins Haus ging.

«Was fällt Ihnen ein!», hörte er seine Mutter an der Haustür sagen. «Uns Tag und Nacht wegen irgendwelcher Katzen zu belästigen.»

«Mrs Fraser hat ausgesagt, sie hätte genau gesehen, wie Ihre Söhne sich die Katze geschnappt und mit ihr weggelaufen sind», sagte einer der beiden Polizisten mit müder Miene.

«Bitte schön, durchsuchen Sie das Haus!», schrie Mrs Brown. «Stellen Sie die Hütte auf den Kopf und suchen diese Katze. Viel Glück!»

«Wollen Sie damit sagen, dass Sie die Katze freigelassen haben?», fragte der andere, der genauso erschöpft aussah. Sie hatten beide müde, unglückliche Polizistenaugen. So sahen Menschen aus, die alle traurigen Varianten menschlichen Fehlverhaltens kannten, und gesehen hatten, was für schreckliche Dinge die Leute einander antaten, und gleichzeitig wussten, dass sie trotz aller Müdigkeit und Traurigkeit weiterhin an Türen klopfen und für Ordnung sorgen mussten.

Elise nahm Ruperts Hand. Er drückte sie, als plötzlich Mr Brown mit einer großen Tüte Küchenabfälle an der Veranda auftauchte.

«Schon wieder die Bullen?» Er drängte ins Haus, wo es nur wenig wärmer war als draußen. «Möchten Sie einen halb aufgegessenen Taco?», fragte er einen der beiden Polizisten übertrieben gastfreundlich und kramte in der Tüte mit Möhrengrün und fast leeren Chipstüten. «Er muss hier irgendwo sein. Ist noch fast das ganze Fleisch drin.»

«Nein, danke.» Der andere Mann hob die Hand. «Ich habe gerade gegessen.»

«Ein Stückchen Twinkie-Cremeküchlein?»

«Nein, echt nicht.»

«Ich hätte noch eine Flasche Blaubeersirup. Den hat wohl einer probiert und ihm hat’s nicht geschmeckt», sagte Mr Brown.

«Darauf schwimmt schon Schimmel», sagte der Polizist.

Mr Brown schraubte die Flasche auf und trank einen Schluck. «Bisschen herb!»

«Zu ihren Söhnen, Mr Brown.» Der Polizist startete einen neuen Versuch.

Als Mrs Brown die beiden Polizisten vernichtend ansah, tauschten sie einen Blick. Sie nahmen ihre Umgebung genau wahr: die abgewetzten Möbel, die schmutzigen Kinder in ihren verdreckten Lumpen, die Eiseskälte im Haus, Elises und Ruperts verängstigte Mienen – die anderen Kinder waren nacheinander die Treppe hochgeschlichen, nur fort von der Polizei und dem Zorn ihrer Mutter.

«Wir möchten uns kurz mit ihnen unterhalten, Mrs Brown», sagte der eine Polizist. «So geht’s nicht weiter. Jeder weiß, dass Ihre Söhne Katzen entführen. Wir sollen durchgreifen, fordern die Leute.»

«Klar. Wetten, dass all diese Leute ihre Katzen zurückbekommen haben?», sagte Mrs Brown. «Die Leute lassen ihre Katzen durch die Stadt streunen, wo sie in anderer Leute Hinterhöfe schleichen, aber deswegen werden weder die Katzenhalter noch die Katzen verhaftet. Wenn man seine Katze auf die Straße lässt, muss man sich nicht wundern, wenn sie hin und wieder verschwindet, würde ich sagen. Ihr piesackt immer die Armen, ihr taucht hier auf und brandmarkt meine Söhne als Diebe, obwohl ihr es nie beweisen könnt, stimmt’s? Wieso nutzt ihr eure Zeit nicht dafür, echte Truthähne für die Weihnachtsgeschenkkörbe ranzuschaffen statt unschuldige Bürger zu belästigen? Das wäre wirklich sinnvoll, das wäre Dienst an der Bevölkerung. Jedes Jahr das Gleiche: Wir bekommen einen Korb, der sich Weihnachtstruthahnkorb schimpft. Aber wo bleibt der Truthahn, frage ich mich. Es handelt sich ja wohl eher um ein Hühnchen, nicht mal um ein Brathähnchen.»

«Ma’am, sie heißen einfach Weihnachtstruthahnkörbe, weil … also, weil man sie schon immer so genannt hat. In einigen Körben sind Truthähne, in anderen Hühnchen. Es kommt auf die Spenden an. So, und wo sind jetzt Ihre Söhne?»

«Woher soll ich das wissen?», fragte Mrs Brown.

«Sie sollen sich vorsehen, richten Sie ihnen das aus», erwiderte der Polizist. Er zuckte sichtlich resigniert die Schultern. «Wenn Mrs Fraser die Katze zurückbekommt, drücken wir diesmal noch ein Auge zu. Beim nächsten Mal nehmen wir Ihre Söhne mit.»

«Mache ich, kein Problem», sagte Mrs Brown. «Wenn Sie Beweise hätten, säßen sie längst im Bau. Ich bin doch nicht von vorgestern.» Mit diesen Worten schlug sie den Polizisten die Tür vor der Nase zu.

Nachdem sie abgefahren waren, flüsterte Elise: «Wie geht’s der Katze?»

«Sie hinkt», antwortete Rupert ebenso leise, ohne nachzudenken.

«Sie hinkt!», rief Elise entsetzt.

«Wer hinkt?», bellte Mrs Brown und sah sie mit einer wahrhaft fürchterlichen Miene an.

«Die Katze», flüsterte Rupert.

«Wo?»

«Im Werkzeugschuppen», wisperte er und wich an die Wand zurück.

«Dann sieh zu, dass du sie los wirst!», kreischte Mrs Brown.

«Eure Mutter ist hart wie ein Stein», sagte Mr Brown und prustete vor unterdrückter Freude über seinen eigenen Scherz. «Kennt ihr ihr Geheimnis? Sie hat keine Gefühle! HAR HAR HAR!» Er krümmte sich vor Lachen.

«Sie hat ihre Wut gut im Griff», murmelte Dirk, der mit John durch die Hintertür zurückkam.

Mrs Brown warf den beiden einen derart vernichtenden Blick zu, dass Mr Brown sein schallendes Gelächter hinunterschluckte und den Fernseher einschaltete. Als John und Dirk sich zu ihm auf das schäbige Sofa setzten, schlichen auch die anderen Kinder langsam wieder die Treppe herunter.

Mrs Brown machte sich auf den Weg zur Küche, um die mitgebrachten Abfälle zu begutachten. Als sie an Elise vorbeikam, die wegen der verletzten Katze und dem Besuch der Polizisten leise weinte, fauchte sie: «Aufhören!»

Elise steckte den Daumen in den Mund. Obwohl sie zu alt zum Daumenlutschen war, landete er manchmal dort, wenn ihre Mutter in der Nähe war.

Rupert ging nach draußen und fand die Katze im Werkzeugschuppen vor, wo sie ihre Vorderpfote ableckte. Er nahm sie auf den Arm und ging zum Haus der Frasers, das zehn Blocks entfernt lag. Der Weg erschien ihm grauenvoll, weil er jeden Moment damit rechnete, dass der Polizeiwagen um die Ecke bog. Wenn die Polizisten ihn sahen, würden sie glatt ihn des Diebstahls beschuldigen. Rupert hatte solche Angst davor, dass er zweimal beinahe umgekehrt wäre, doch letztendlich fürchtete er sich noch mehr vor seiner Mutter. Zum Glück begegnete er niemandem außer einem Mann, der aus dem Bus stieg und mit dem Heimweg beschäftigt war, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was ein Kind der Browns mit einer Katze machte.

Vor dem Haus der Frasers setzte Rupert die Katze behutsam ab und wollte sie so lange beobachten, bis sie sicher zur Tür gehumpelt war. Doch die Katze löste zwar nicht unbedingt eins ihrer neun Leben, aber doch wenigstens eine ihrer neun wundersamen Genesungen ein, denn sie hinkte nun überhaupt nicht mehr, sondern rannte von Rupert fort, so schnell ihre Pfoten sie trugen.

Rupert fand das beruhigend, befürchtete jedoch gleichzeitig, die Katze könnte sich bis in alle Ewigkeit vor den Menschen fürchten. Möglicherweise hatte seine Familie ein Ungeheuer aus ihr gemacht, das jeden kratzte oder anfauchte, der ihr zu nahe kam. Sorgenvoll machte er sich auf den Heimweg.

«Hast du die Katze zurückgebracht?», fragte Elise, die an der Haustür auf ihn wartete.

«Ja, es geht ihr gut, sie hinkt nicht mehr. Geh», drängte er leise, denn seine Mutter kam gerade vom Spülen aus der Küche und ließ den Blick schweifen, ob es nicht jemanden gab, den sie zusammenstauchen konnte.

Elise lief nach oben zu ihrem Bett.

«Wieso hat das so lange gedauert?», fragte seine Mutter. «Wir haben schon gegessen.»

Es gab nie genug für alle. Wenn das Essen fertig war, schlangen sie es umstandslos hinunter. Die ganze Familie war ständig hungrig, doch da er jetzt auch noch das Abendessen verpasst hatte, fühlte Rupert sich, als sei er kurz vorm Verhungern. Wie lange konnte man auf diese Weise hungern, überlegte er, während er sich zum Bett schleppte, bevor der Körper seine eigenen Knochen fraß? Nach dem Einschlafen träumte er die ganze Nacht davon, knochenlos über den Boden zu huschen.

Am nächsten Morgen wartete Rupert vor der Schule auf Elise, die später loslief als Rupert, der gerne zu früh da war. Als sie näherkam, sagte er: «Sollen wir es doch noch mal versuchen und uns beim Gratis-Frühstück anstellen?»

«Ich habe zu viel Angst», antwortete Elise.

«Ja, ich auch», sagte Rupert und lehnte am Eingang, bis es schellte. Elise rannte zu ihrem Unterrichtsraum, der in einem anderen Flügel lag,

Hungernde Kinder konnten ein Gratis-Frühstück bekommen, doch er nahm an dieser Maßnahme nicht teil, weil die Frau an der Essensausgabe die Browns ebenfalls nicht leiden konnte. John und Dirk hatten ihre Katze gestohlen und sie erst nach drei Tagen zurückgegeben. Das verzieh sie ihnen nie. Ihrer Meinung nach waren alle Browns vom gleichen diebischen Schlag. Als Rupert es tatsächlich einmal gewagt hatte, sich für ein kostenloses Frühstück anzustellen, hatte sie ihm einen bösen Blick zugeworfen, der ihn bis ins Mark erschütterte. Er hatte es seitdem nie mehr versucht, und seine Brüder und Schwestern auch nicht.

Da Rupert so dünn war, hätte er vor Gesundheit geradezu strotzen müssen. Die Ärzte behaupten schließlich, Dünnsein sei gesund, am allergesündesten sogar. Wenn es nach ihnen ginge, sollten alle Menschen zwei Tage in der Woche fasten, damit die schlechten Zellen abstarben und die guten sich besser entwickelten. Doch Rupert, dünn wie er war, mit lauter guten Zellen und keinem Platz für schlechte, fühlte sich keineswegs gesund. Jeden Tag verzweifelte er auf dem Heimweg beinahe daran, es nach Hause zu schaffen, bevor ihm vor Hunger schwindelig wurde. Und wenn er endlich dort ankam, befürchtete er jeden Tag, auf der Stelle ohnmächtig zu werden.

Zuhause ging er dann ins Schlafzimmer, von denen es in ihrem Haus drei gab. Eins für die Jungen, eins für die Mädchen und eins für Mr und Mrs Brown. In den Jungen- und Mädchenzimmern schliefen die jüngeren Kinder in den Betten und die älteren darunter. Rupert teilte sich den Boden unter einem Bett mit John und Dirk. Nach der Schule legte er sich oft unter das Jungenbett und sammelte die nötige Energie, um sich zu dem Abendessen aus Haferbrei die Treppe hinunterzuschleppen. Die Mahlzeit verlieh ihm dann gerade genügend Kraft, um wieder hochzugehen und einzuschlafen. Das war sein Leben. Ein Leben, das von der Hoffnung geprägt war, sich nicht zum Gespött zu machen, indem er in Ohnmacht fiel.

Dann geschah es eines Tages doch. Er fiel tatsächlich in Ohnmacht, und zwar an einem Tag mit enorm viel Tiefschnee.

Wie üblich stand Rupert auf und machte sich auf den Weg zur Schule. Um dorthin zu gelangen, musste er von seinem Haus im Wohngebiet der Ärmsten der Armen am Stadtrand an den Schienen entlang und am Kraftwerk vorbeigehen. Dort standen nur verfallene Häuser. Weiter ging es durch das Viertel, deren arme, aber doch stolze Bewohner sich trotz ihres geringen Einkommens um ordentliche Rasenflächen und gekehrte Treppen bemühten. Als Nächstes passierte Rupert die Häuser der Mittelschicht mit sauber geschnittenen Hecken, Gärten und Fensterläden, hinter denen er sich nur glückliche, wohlgenährte Menschen vorstellte, und schließlich die prächtigeren Häuser der Reichen. Und kurz bevor er die Schule erreichte, ging er an den Villen der Superreichen vorbei.

Als Rupert sich auf den Weg machte, wunderte er sich, dass seine Mutter an diesem Morgen das karge, aus einem Löffel Haferbrei pro Person bestehende Frühstück nicht bereitgestellt hatte. Außerdem fiel ihm auf, dass noch niemand vor ihm Fußspuren im Schnee hinterlassen hatte. Er musste die Knie hochziehen und den tiefen, schweren, nassen Schnee durchqueren. Das war besonders lästig, weil er keine Stiefel, sondern nur Turnschuhe besaß, doch er wagte es nicht, auf der Straße zu laufen. Sie wurden nie gut geräumt, sodass die Autos andauernd auf der glatten Fahrbahn zusammenstießen. Da konnte man als Junge schnell überfahren werden, obwohl der Verkehr an diesem Tag fast zum Erliegen gekommen war, was auch höchst seltsam war.

Rupert dachte daran, aufzugeben und die Schule zu schwänzen, doch er wollte als Erwachsener etwas Besonderes werden. Was, wusste er noch nicht, aber ihm war klar, dass man ohne Schulabschluss nichts Besonderes zustandebrachte. Deshalb zwang er sich weiterzugehen und sagte sich beständig Man muss es nur wollen, es ist alles eine Frage des Willens. Als er sich unvermittelt hinsetzte, stürzte eine Schneewehe über ihm ein und der nasse kalte Schnee färbte seinen Nacken rot, weil er weder Schal noch Mütze hatte. Und auch keinen Mantel. Es musste reichen, die drei Hemden, die er besaß, übereinanderzuziehen, und darüber ein löchriges Sweatshirt. Das klappte ganz gut, bis es richtig kalt wurde. Dann hatte er nicht nur ständig Hunger, sondern fror auch noch ununterbrochen. Als er nun wieder aufstand, hatte er schon fast Frostbeulen und war sich wirklich nicht sicher, ob er noch einen einzigen Schritt weitergehen konnte. Doch die herrliche Aussicht darauf, gleich in der geheizten Schule sitzen zu können, trieb ihn weiter. Er musste nur noch um die Ecke biegen.

Doch hinter dieser Ecke waren keine Autos, keine Kinder, die sich eine Schneeballschlacht lieferten, kein Licht, kein Bus. Rupert sah zu seinem Entsetzen nur ein leeres Gebäude vor sich.

Er wusste sofort, dass er etwas falsch gemacht hatte.

Entweder ist Wochenende, dachte er, oder die Lehrer sind auf einer Fortbildung oder es ist Feiertag. Die Morgen erlebte Rupert so verschwommen in seiner ewigen Müdigkeit, dem ewigen Hunger, dass er zwar das Ausbleiben des Haferbreis bemerkt hatte, aber nicht, dass sonst niemand aufgestanden war. Tja, es half alles nichts, er musste umkehren und versuchen, weder in Ohnmacht zu fallen noch zu erfrieren. Alles eine Frage des Willens, sagte er sich erneut. Zumindest konnte er in seinen eigenen Fußstapfen zurücklaufen und musste den frisch gefallenen, reinen Schnee nicht mit seinen Turnschuhen entweihen. Das sparte ein wenig Energie, immerhin das. Rupert machte sich auf den Rückweg.

Zunächst kam er durchs Viertel der Superreichen mit seinen sieben Villen. Sie standen auf riesigen Grundstücken mit hohen Zäunen, Hecken oder Toren, die sogar Katzendiebe wie die Johns und Dirks dieser Welt abhielten. Hier waren nicht nur die Superreichen, sondern auch ihre Katzen in Sicherheit.

Als Rupert gerade eins dieser Tore passierte, schwang es auf, um ein Auto durchzulassen. Das Tor schwenkte direkt auf Rupert zu und eine verschnörkelte Eisenverzierung hakte sich in einem Loch seines Sweatshirts ein und hievte ihn hoch. In diesem Augenblick fiel Rupert in Ohnmacht. Das Tor schwang noch ein Stück weiter auf, sodass sein bewusstloser, daran hängender Körper gegen die Eisenstangen schlug. Bäng, bäng, bäng.

Rupert erwachte aus seiner Ohnmacht mit dem Gedanken, dass er zu allem Überfluss auch noch blaue Flecken bekommen würde, als das Auto durch das Tor fuhr und stehenblieb. Eine Frau steckte den Kopf aus dem Fenster und sah ihn unverwandt an.

«Baumelt da jemand am Tor, Billingston?», fragte sie.

«Ich glaube, Sie haben recht, Mrs Cook», antwortete Billingston, der Fahrer.

«Dann drücken Sie den Elektroschockknopf, dafür ist er schließlich da. Um ungeladene Gäste abzuschrecken.»

Und schon durchfuhr ein starker Stromstoß Ruperts kleinen, leicht ramponierten Körper. Er zuckte so heftig zusammen, dass er erneut mit Wucht gegen das Eisentor knallte, das sich kurz darauf schloss. Der Wagen fuhr mit Mrs Cook weiter, die froh war, dass damit solchen Streichen ein Riegel vorgeschoben worden war. Sicherheitshalber betätigte Billingston den Elektroschockknopf am Tor ein zweites Mal, bevor er davonfuhr. Diesmal wurde Rupert in die Luft katapultiert, flog über die vier Meter hohe Hecke und landete auf der falschen Seite. Also auf der Villenseite und dem verschneiten Rasen der superreichen Bewohner, genau da, wo ihn niemand haben wollte. Rupert rechnete jeden Moment damit, den klebrigen triefenden Speichel bösartiger Wachhunde auf seinem Körper zu spüren, und gleich darauf ihre scharfen Reißzähne. Wenn man sich auf das Schlimmste einstellte, das einem passieren konnte, das Schlimmste, das man sich überhaupt vorstellen konnte, geschah seiner Erfahrung nach normalerweise genau das. Deshalb wartete er geduldig darauf, gefressen zu werden. Seine Energie reichte nicht einmal mehr dafür aus, sich zu bewegen, geschweige denn zu kämpfen. Die Minuten vergingen. Kein Hund fiel über ihn her. Auch keine Katze. Die Leute hatten für Tiere wohl nicht viel übrig.

Rupert wollte sich gerade aufrappeln, als jemand sagte: «Wie bist du denn hierhergekommen?»

Das war Turgid Rivers, der reichste Junge in der ganzen Schule. Er war in der sechsten Klasse, eine über Rupert.

«Und du wohnst anscheinend hier», sagte Rupert schwach.

Turgid nickte.

«Schönes Haus», sagte Rupert.

Und fiel erneut in Ohnmacht.

EINE EINLADUNG ZUM ABENDESSEN

Als Rupert diesmal wach wurde, lag er vor einem großen warmen Kamin. Über ihm schwebte Turgids schmales neugieriges Gesicht.

Zunächst wähnte er sich im Wohnzimmer der Rivers – der Teppich war so üppig und flauschig, der Kamin so breit, laut prasselte das Feuer –, doch während er allmählich zu sich kam und den Kopf nach links und rechts drehte, begriff er, dass er sich in einem normalen Zimmer befand. In Turgids Zimmer, dem Spielzeug nach zu urteilen.

«Du meine Güte», sagte Turgid. «An Weihnachten ist immer was los. Man weiß nie, was es gibt. Aber mit einem toten Mitschüler auf dem Rasen habe ich nun doch nicht gerechnet. Ich habe dich hier reingeschleppt. Schwer bist du nicht gerade.»

«Aber tot auch nicht», sagte Rupert.

«Lebendig sieht anders aus! Wie bist du hinters Tor gekommen?», fragte Turgid.

«Soweit ich weiß, wurde ich mit einem Elektroschock darüber geschleudert», antwortete Rupert.

«Oh, unser Sicherheitssystem. Aber wieso bist du nicht zu Hause bei deiner Familie? Morgens früh an Weihnachten?»

«Weihnachten?»

«Ja, klar. Das musst du doch wissen», sagte Turgid.

«Deshalb war niemand in der Schule», sagte Rupert kraftlos. Es ging ihm wirklich ziemlich schlecht. Aufgrund der Mischung aus nagendem Hunger und Elektroschocks war er nicht in bester Verfassung.

«Du bist zur Schule gegangen?», fragte Turgid verwundert. «Aber war eine Socke voller Spielsachen nicht ein kleiner Hinweis?»

«So etwas machen wir nicht. Ich glaube, ich werde wieder ohnmächtig», sagte Rupert matt.

«Du meine Güte», sagte Turgid. «Kann ich dir irgendwie helfen? Wieso fällst du andauernd in Ohnmacht? Das ist doch nicht normal. Bist du krank?»

«Es liegt am Hunger, glaube ich», sagte Rupert. «Oder an der Kälte. Jedenfalls nicht an den Elektroschocks, weil ich mich vorher auch schon so gefühlt habe. Ihr müsst euch keinen Vorwurf machen.»

«Keine Sorge, wir hier machen uns nie irgendwelche Vorwürfe. Also, Mann, was können wir für dich tun? Iss ein bisschen Schokolade!» Turgid holte einen Schokoladen-Nikolaus aus einem Haufen Zeug neben seinem Bett. «Der war in meiner Socke.»

«Echt?», fragte Rupert. «Das ist dein Nikolaus.»

«Tja, ich möchte nicht, dass du hier ständig bewusstlos wirst», antwortete Turgid.

Er brach einen Schokoladenarm ab und reichte ihn Rupert, der sich hinsetzte und ihn sich in den Mund stopfte. Auf der Stelle ging es ihm besser. Die Schokolade schmolz auf seiner Zunge und rann in seinen Magen, wo sie einen Hunger zum Leben erweckte, der so stark war, als würde die Schokolade wie eine Flamme Ruperts Eingeweide auftauen und einen ungeheuren Appetit entfachen.

«Mehr», krächzte Rupert, den Mund voll Schokolade und Speichel.

Turgid gab ihm den ganzen Nikolaus und wandte höflich den Blick ab. Rupert sah schauderhaft aus.

Nachdem Rupert den Nikolaus und drei weitere Weihnachtsverzierungen aus Schokolade verzehrt hatte, die Turgid ihm noch obendrein gegeben hatte, ging es ihm sehr viel besser. Dann merkte er auf einmal, dass er tropfnass war und trotz des prasselnden Kaminfeuers unkontrollierbar zitterte.

«Du musst etwas Trockenes anziehen», meinte Turgid.

Er lief zu seinem Kleiderschrank und holte die wärmsten Sachen heraus, die er finden konnte: eine Jogginghose, ein Sweatshirt und Strümpfe, alles aus Fleece. Dann holte er noch ein Handtuch für Ruperts verschmiertes Gesicht aus dem Badezimmer, während Rupert sich umzog.

Nun war Rupert warm und trocken und obwohl er noch nicht unbedingt satt war, stand er auch nicht mehr kurz vorm Hungertod.

«Danke, vielen Dank.» Mehr brachte er nicht heraus.

«Keine Ursache», erwiderte Turgid. «Das macht irgendwie Spaß. Wie mit einem Haustier.»

«Aber ich muss gehen», sagte Rupert. Wenn wirklich Weihnachten war, würden sie an diesem Tag ihren Weihnachtstruthahnkorb erhalten. Das gab es nur einmal im Jahr und er wollte es auf keinen Fall verpassen.

«Oh nein», sagte Turgid. «Du musst zum Abendessen bleiben, ich bestehe darauf. Selbst wenn es nicht unsere Schuld ist, hast du aufgrund unseres Sicherheitssystems einen schrecklichen Schock erlitten. Eigentlich kann es nur Mrs Cook gewesen sein, die den Befehl dazu gegeben hat. Sie ist unsere Köchin, aber der Name ist reiner Zufall. Wir nennen unseren Butler jetzt nicht Mr Butler. Er heißt Billingston und hat höchstwahrscheinlich den entscheidenden Knopf gedrückt. Aber mit Sicherheit auf Befehl von Mrs Cook. Es gefällt ihr ein bisschen zu gut, wenn die Leute nach einem Elektroschock brutzeln. Sie hat den Wagen genommen, um eine Weihnachtsgans zu kaufen, weil Tante Hazelnut meinte, ohne Gans wäre es kein richtiges Weihnachten. Mrs Cook hatte einen Rostbraten geplant. Es gab noch nie Gans, aber Tante Hazelnut hat in letzter Zeit viel Dickens gelesen, weil die Bibliothekarin, die bei uns wohnt, ihr andauernd neue Bände mitbringt –»

«Ihr habt eine eigene Bibliothekarin?», unterbrach Rupert ihn verwundert. Oh, diese reichen Leute!

«Ja, aber nicht so, wie du denkst. Sie ist nicht bei uns angestellt. Wir wissen nicht einmal genau, wer sie eigentlich ist. Beziehungsweise Onkel Moffat sollte es schon wissen. Es war nämlich so, dass er ein Zimmer in unserem Haus als Losgewinn bei einer Benefizveranstaltung gespendet hat. Wahrscheinlich meinte er es so, dass jemand ein Wochenende hier verbringen dürfte. Die Leute wollen schrecklich gerne wissen, wie es in der Villa der Rivers aussieht. Die Bibliothekarin hat gewonnen und ist mit einem Koffer eingezogen. Da sie nie wieder ausgezogen ist, haben wir uns angewöhnt, ihr höflich keine Beachtung zu schenken. Onkel Moffat hatte gesagt, so sollten wir die Person behandeln, die gewann, sowohl unseretwegen als auch ihretwegen. Auf diese Weise konnte sie uns beobachten, ohne sich unwohl zu fühlen. Doch statt am Montag wieder nach Hause zu gehen, blieb sie und wir beachteten sie weiterhin nicht, während sie uns unaufhörlich hinter Sesseln und Vorhängen nachspionierte. Letztendlich haben sich alle an diese Regelung gewöhnt. Nicht dass es uns wirklich gefallen würde, so weit würde ich nicht gehen, aber sie macht sich nützlich. Wenn man sie lässt, bringt sie Bücher mit. Jedenfalls futtern sie bei Dickens offenbar immer Gänse, und schon schickt Tante Hazelnut Mrs Cook los, eine zu kaufen. Mrs Cook hat sich ganz schön aufgeregt, weil sie es nicht leiden kann, wenn in letzter Minute das Menü geändert wird. Vermutlich hat sie dir deshalb die Elektroschocks verpasst, das darfst du nicht persönlich nehmen. Sie war schlecht drauf und hatte Lust auf diesen ‹Brutzelmoment›, wie sie es nennt. Deswegen, verstehst du, musst du mit uns zu Abend essen. Soll ich bei euch anrufen und Bescheid sagen?»

«Wir haben kein Telefon», sagte Rupert.

«Wie sonderbar», meinte Turgid. «Seid ihr sonderbar?»

Darauf hatte Rupert keine Antwort. Er wollte sagen, nein, sie wären ganz normal, oder zumindest halbwegs normal. Ein Telefon konnten sie sich einfach nicht leisten. Doch wenn er das sagte, würde er zugeben, wie bitterarm sie waren, und das wäre peinlich gewesen. Also schwieg er. Abgesehen davon fand er es mindestens so sonderbar, reich zu sein.

Als Rupert nicht antwortete, fragte Turgid: «Soll ich Billingston hinschicken, damit sie auf dem Laufenden sind?»

«Geht schon, das ist ihnen egal», sagte Rupert, ohne nachzudenken.

«Es ist ihnen egal, ob du zum Weihnachtsessen kommst?», bohrte Turgid weiter.

Rupert dachte, wenn sie sein Fehlen wider Erwarten doch bemerkten, würden sie sich schlicht und einfach freuen, dass sich einer weniger an der Rauferei um das dürftige Hähnchen beteiligte. Nur Elise nicht. Sie würde vermutlich merken, dass er nicht da war, aber auch sie wäre mit ihnen Gedanken wohl zu sehr bei dem Hühnchen, um sich Sorgen zu machen. Nagender Hunger machte das mit den Menschen.

«Nein, so etwas sehen wir ganz locker», sagte Rupert, weil er die Verwicklungen eines Lebens nicht erklären konnte, das mit Turgids nicht die geringste Ähnlichkeit hatte.

«Dann wäre ja alles geklärt.»

Als von unten jemand nach Turgid rief, zog er Rupert mit zum Treppenabsatz.

«Turgid, mein Schatz!», rief die Stimme erneut aus einem Winkel des Hauses. «Mrs Cook hat in dem einzigen Laden, der an Weihnachten geöffnet hat, keine Gans aufgetrieben. Deshalb gibt es doch Rostbraten. Es ist alles fertig und Mrs Cook möchte, dass wir essen, damit sie nach Hause gehen und mit ihrer Familie zu Abend essen kann.»

«Okay, Mutter», rief Turgid zurück. «Aber ist es nicht ein bisschen früh?»

Es war zehn Uhr morgens.

«Anscheinend hat sie um vier mit dem Kochen begonnen», antwortete Mrs Rivers’ körperlose Stimme. «Wir wollen nett zu ihr sein, schließlich ist Weihnachten. Hast du keinen Hunger?»

«Eigentlich nicht, ich esse schon den ganzen Morgen Schokolade. Hast du Hunger, Rupert?», fragte Turgid.

«Ich habe immer Hunger», erwiderte Rupert wahrheitsgemäß.

«Rupert ist am Verhungern!», rief Turgid. «Er isst mit uns. Das ist doch in Ordnung, Mutter, oder?»

«Absolut», sagte Mrs Rivers. «Ein neuer Mitspieler. Die Spiele werden immer besser, wenn mehr mitmachen.»

DIE SPIELE

Kurz darauf versammelten sich alle im Esszimmer.

«Also ehrlich», sagte Onkel Moffat, als sie Platz nahmen. «Es wird von Jahr zu Jahr lächerlicher, wann wir mit dem Essen anfangen.»

«Ja, wieso essen wir so früh?», fragte Turgids jüngere Schwester Sippy.

«Die Frage ist, ob es sich um ein zeitiges Abendessen oder ums Frühstück handelt, zu dem es heute Braten gibt», sagte Onkel Henry, ein magerer Mann mit Hakennase und einem widerspenstigen weißen Haarschopf.

«Soll ich dir erklären, wer wer ist?», fragte Turgid Rupert, als Billingston ein weiteres Gedeck für ihn auflegte.

«Ich werde mich nie an alle erinnern können», sagte Rupert, der nur Her mit dem Essen, her mit dem Essen dachte.

«Ach, aber bestimmt. Das sind mein Bruder Rollin und meine Schwester Sippy. Meine Mutter ist die korpulente blonde Frau neben dir am Kopf des Tisches. Mit ihrer komischen Brille sieht sie aus, als würde sie ständig die Augen zusammenkneifen», erwiderte Turgid so leise, dass sie ihn nicht hören konnte. «Am anderen Ende des Tisches sitzt mein Vater und das da ist Onkel Moffat – der Dicke mit den roten Bäckchen. Er wohnt mit meinen Cousins und meiner Cousine hier, die allesamt schrecklich sind. Sie heißen William, Melanie und Turgid. Mit denen gibst du dich am besten gar nicht erst ab, sie streiten sich ohnehin die ganze Zeit. Ihre Mutter, meine Tante Anne, ist auf einen Milchbauernhof in Wisconsin abgehauen – frag nicht, warum. Mein Onkel Henry sitzt mit seinem violetten Smoking am Kamin und die sehnige, sehr weiß gepuderte Dame mit den roten Locken neben ihm ist Tante Hazelnut. Sie kann man sich leicht merken, weil sie außer meiner Mutter die einzige Frau hier ist.»

«Hast du gesagt, es gibt noch einen Turgid? Ist das ein alter Familienname?»

«Nein, und es gab mächtig Ärger, als Onkel Moffat und Tante Anne verkündeten, sie würden ihren Sohn ebenfalls Turgid taufen. Oh, und da ist die Bibliothekarin, von der ich eben gesprochen habe. Sie steht hinter dem Vorhang und beobachtet uns. Ich hatte vergessen, dass außer Mutter und Tante Hazelnut doch noch eine Frau hier wohnt. Beim Abendessen habe ich sie nie auf dem Schirm, weil sie so still ist. Wir wissen nur wenig über ihr Leben und stehen ihr nicht nah genug, um sie auszufragen. Aber nach allem anderen kannst du sie fragen, sie weiß es mit Sicherheit. Versuch es nur, los, trau dich. Mutter hält sie für eine Auskunftsbibliothekarin.»

«Später vielleicht», sagte Rupert.

Er war verschüchtert und überwältigt. Mittlerweile redeten alle laut durcheinander. Mrs Cook war mit einer Terrine hereingekommen und füllte am Kopf des Tisches mit einer Kelle die Suppenteller, die Billingston einzeln servierte.

Als die Suppe bei dem anderen Turgid angekommen war, griff er zum Löffel und begann zu essen, als Onkel Henry rief: «DIE KNALLBONBONS!»

«Leg den Löffel hin, Turgid», sagte Tante Hazelnut.

«So ein Blödsinn», sagte Mrs Rivers.

«Blödsinn? Alle lieben Knallbonbons», widersprach Onkel Henry und hob etwas hoch, das in Ruperts Augen aussah wie ein Zylinder in Geschenkpapier, das sich an beiden Enden rüschte.

Zunächst sah er nur zu, doch dann probierte er es selbst mit Turgid, während jeweils eine Person an einem Ende des Riesenbonbons zog und ihr Tischnachbar am anderen. Leise Explosionen ertönten, bevor die Zylinder aufgerissen wurden und jeweils eine Papierkrone, ein Witz und ein kleines Partygeschenk herausfielen.

«Vor dem Essen muss jeder seinen Witz laut vorlesen», befahl Onkel Henry.

«Was sagt ein Schneemann zum anderen?», rief Sippy.

«Riecht es bei dir auch nach Möhren?», kreischte Tante Hazelnut und schüttete sich aus vor Lachen.

«Was sagt ein Elch zum anderen?», las Onkel Henry vor.

«Keine Ahnung», sagte Onkel Moffat.

«Nichts. Elche können nicht reden», las Onkel Henry vor.

Einer nach dem anderen kam an die Reihe. Als Rupert dran war, entfaltete er nervös den Zettel mit seinem Witz, als Onkel Henry fragte: «Moment. Wer bist du?»

«R-R-R-Rupert», stammelte Rupert.

«Viel mehr sagt uns das auch nicht», sagte Onkel Moffat.

«Er lag im Vorgarten auf dem Rasen, halb erfroren und bewusstlos», erklärte Turgid.

«Du lieber Himmel, noch ein Bibliothekar?», fragte Onkel Henry.

«Mach dich nicht lächerlich!», dröhnte Onkel Moffat. «Er ist höchstens neun Jahre alt.»

«Zehn, fast elf», flüsterte Rupert.

«In letzter Zeit tauchen hier plötzlich andauernd Leute auf und ziehen ein», sagte Mr Rivers, der nie darüber unterrichtet worden war, was es mit der Bibliothekarin auf sich hatte. Er arbeitete bis in den Abend hinein und war häufig nicht auf dem Laufenden, was die Familie anging.

«Was ist denn mit seiner Stimme los?», fragte William.

«Nichts, also halt den Mund und lies deinen Witz vor», sagte Turgid.

«Es könnte sich doch um einen Bibliothekarlehrling handeln», sagte Onkel Henry, ohne die anderen zu beachten. «Das würde sein Flüstern erklären. In Bibliotheken wird man immer aufgefordert zu flüstern. Wetten, dass ich recht habe? Habe ich recht, mein Junge?»

«Nein», flüsterte Rupert.

«HA!», sagte Onkel Moffat.

«Ich hoffe, du bist wieder aufgetaut», sagte Mrs Rivers freundlich.

«Ja, vielen Dank», wisperte Rupert.

«Moment mal!», schrie Mrs Cook, die gerade mit Oliven und Selleriestangen hereinkam. «Bist du nicht der Junge, den ich vom Tor herunterschocken wollte?»

«Das war nicht meine Schuld», erklärte Rupert hektisch. «Ich ging vorbei und das Tor hat sich in mein Sweatshirt gebohrt.»

«Oh, Mrs Cook, Sie haben doch nicht wieder gebrutzelt?», fragte Mrs Rivers vorwurfsvoll.

«Ich kann mich nur wiederholen», erwiderte Mrs Cook. «Mir macht es auch nicht mehr Spaß als anderen, Leute zu verbrutzeln. Ich verscheuche nur die Bettler. Sie sollten dafür mein Gehalt erhöhen.»

«Ach, kommen Sie, ein bisschen gefällt es Ihnen schon, geben Sie es ruhig zu», sagte Onkel Henry.

«Na ja, ein bisschen. Jeder schaut gern zu, wenn die Leute ein bisschen brutzeln», sagte Mrs Cook abwehrend.

«Ich sehe jetzt aber keine Löcher in deinem Sweatshirt, mein Junge», sagte Mr Rivers, der sich über seiner Suppenschüssel den Kopf verrenkte, um Rupert prüfend anzusehen.

«Ich habe ihm eins von meinen gegeben, Vater», sagte Turgid. «Lasst ihr ihn jetzt bitte in Ruhe? Rupert, lies deinen Witz vor.»

«Was sagt ein Elch zum anderen?», las Rupert vor.

«Den hatten wir schon!», rief Onkel Moffat vorwurfsvoll.

«Wie du weißt, gibt es immer Wiederholungen», sagte Onkel Henry. «Das reicht mit den Knallbonbons. Jetzt wird die Suppe gegessen.»

Und das taten alle. Als Rupert merkte, dass sie ihre Papierhüte aus den Knallbonbons aufgesetzt hatten, stülpte er sich seinen ebenfalls über den Kopf und löffelte seine Suppe. So etwas Köstliches hatte er noch nie im Leben gegessen. Sie bestand aus viel Sahne, Kartoffeln und anderen unbekannten Zutaten und er schlang sie still in sich hinein. Rupert war als Erster fertig. Er wünschte, es gäbe noch mehr, doch Billingston räumte seinen Teller sofort ab.

Während Rupert wartete, dass die anderen aufaßen, betrachtete er sein Partygeschenk, ein kleines Kartenspiel in einer durchsichtigen Plastikverpackung.

«Was soll ich damit machen?», flüsterte er Turgid zu, obwohl er gar nicht hätte flüstern müssen, da ja nun alle aßen, sich unterhielten und Wein (die Erwachsenen) oder Shirley Temples tranken (die Kinder). Das Esszimmer war von fröhlichem Festtagslärm erfüllt.

«Keine Ahnung», murmelte Turgid.

«Was machst du denn mit deinem Partygeschenk? Was ist es überhaupt?»

«Hmmm, sieht wie ein Schlüsselanhänger aus», antwortete Turgid. «Wir legen sie normalerweise zu dem anderen Weihnachtskram und was dann damit passiert, weiß ich nicht. Vermutlich werden sie weggeworfen. Eigentlich kann mit dem Zeug aus den Knallbonbons keiner etwas anfangen. Jedes Jahr der gleiche langweilige Quatsch. Aber so ist das eben, es gehört zu Weihnachten dazu. Gibt es in deiner Familie keine Knallbonbons?»

Rupert hätte beinahe gesagt, bei ihnen gebe es nicht einmal etwas zu essen, was allerdings wegen des Weihnachtstruthahnkorbs auch nicht ganz stimmte. Obwohl das Hähnchen nie für alle reichte, bekam jeder etwas aus dem Korb. Die übrigen Lebensmittel im Korb kamen von der Tafel und stammten größtenteils aus den Küchenschränken der Spender, die beim Kauf daneben gegriffen hatten und die Sachen deshalb abgaben. Häufig gab es etwas in der Art von geräuchertem Tintenfisch oder Chipotle-Kichererbsen, was den Browns weiß Gott nichts ausmachte. Sie hatten rein gar nichts dagegen, die Fehlkäufe von Steelville aufzuessen.

«Nein, Knallbonbons hat es bei uns noch nie gegeben», sagte Rupert.

Wenn Turgid sich nicht zusammenreimen konnte, dass jemand, der sich keine Winterstiefel oder einen Mantel leisten konnte, wahrscheinlich auch kein Geld für Weihnachts-Knallbonbons hatte, wollte Rupert nicht so unfreundlich sein, ihn darauf hinzuweisen. Rupert war nicht einmal sicher, ob Turgid bemerkt hatte, dass er keine Stiefel und keinen Mantel trug. Als er das kleine Kartenspiel unter seinem Brotteller verbergen wollte, fiel ihm auf, dass darauf ein Brötchen lag. Er aß es und entdeckte dann das Butterstückchen, das er ganz in den Mund steckte. Ein erstaunliches Geschmackswunder, das auf seiner Zunge schmolz. Butter hatte er noch nie gegessen. Das einzige Fett, das die Browns je zu Gesicht bekamen, war Schmalz. Er mochte Schmalz, aber Butter kam einfach aus einer anderen Welt. Außerdem dachte er die ganze Zeit, dass es wohl in Ordnung sein würde, wenn er sein Partygeschenk behielt, da die Rivers ihre wegwerfen würden. Möglicherweise konnte er sogar auch die anderen mitnehmen, bevor sie im Müll landeten. Er hatte noch nie ein Spielzeug besessen, genauso wenig wie seine Brüder und Schwestern. Deshalb legte er still die Hand auf das Kartenspiel, ließ sie an die Tischkante und weiter über sein Bein gleiten. Dann steckte er die Karten in Turgids Jogginghose, von wo er sie später in seine eigene befördern wollte.

Als er nach seiner heimlichen Tat aufschaute, merkte er, dass Onkel Henry ihn nachdenklich beobachtete. Rupert wurde so rot, dass er glaubte, die Farbe einer Aubergine anzunehmen. Er wurde rot, bis er zu explodieren glaubte. Rasch senkte er den Blick auf seinen Teller und als er schließlich den Kopf hob, hatte Onkel Henry eine andere Miene aufgesetzt. Er zwinkerte Rupert zu und unterhielt sich weiter mit Sippy.

Es war schrecklich, dass er ihn auf frischer Tat ertappt hatte. Rupert war davon überzeugt, gerade genau das getan zu haben, was sie von einem Jungen erwarteten, der auf der falschen Seite der Stadt wohnte. Es war ihm peinlich und er bereute es zutiefst, doch als nun die übrigen Suppenteller abgeräumt wurden und Mrs Cook eine Vielfalt von Terrinen und Platten servierte, wich seine Verlegenheit neuer Aufregung. Schon für jemanden, der gutes Essen gewohnt war, wäre dies ein außergewöhnliches Mahl gewesen, aber als jemand, der von dünnem Haferbrei und Küchenabfällen lebte, traute er seinen Augen nicht. Es gab Braten, Kartoffelpüree, Röstkartoffeln und Yorkshire-Pudding, dazu salzige Küchlein mit Bratensoße, Möhren und Mais, Bohnen und Füllung. Es gab Cranberry-Soße, Multbeerengelee, gemischtes Essiggemüse, Teufelsgurken und Schokoladengurken. Es gab Käsesoufflé und Spinatsoufflé und Löffelbrot. Bergeweise Essen, die unterschiedlichsten Speisen, die nun in Windeseile herumgereicht wurden. Und ehe Rupert es sich versah, häufte es sich auf seinem Teller.

Während des restlichen Abendessens aß er stumm und sehr konzentriert immer weiter. Er fühlte sich wie ein Bär vor dem Winterschlaf, der sich das gesamte Gewicht für den Winter anfressen musste. Das ist für Januar, dachte er und nahm Kartoffeln nach. Das ist für Februar, dachte er und lud sich noch mehr Braten auf den Teller, den er mit weiterer Soße beträufelte.

Mittlerweile war ihm fast ein bisschen schlecht, aber kaum hatte er den letzten Bissen verspeist, wurde auch bereits der Teller abgeräumt und Kuchen aufgetischt, Mince Pie und Torten mit Äpfeln und Kürbis, Kirsche, Schokolade und Banane. Dazu gab es Plätzchen und Vanillesoße, Liebesknochen und Törtchen. Es gab Pudding. Es gab Obst. Es gab Käse.

Leider war Rupert zu seiner tiefen Enttäuschung bewusst, dass er keinen Bissen mehr essen konnte. Er war bis oben voll und spürte buchstäblich, wie das Essen auf seine Speiseröhre drückte und drohte, ihm wieder hochzukommen. Da war kein Platz mehr, beim besten Willen nicht.

«Oh, aber du musst ein bisschen Nachtisch essen, Rupert», sagte Mrs Rivers, als sie nach einer Weile merkte, dass er sich im Gegensatz zu der Familie nicht an den frei verfügbaren Süßigkeiten bediente.

«Ich kann nicht mehr», sagte Rupert.

«Du hättest dich vorher nicht so vollfressen dürfen», sagte Melanie, die den Mund voll Kuchen hatte. «Ich habe dich gesehen.»

«Halt die Klappe», sagte Turgid.

«Ich meine ja nur», sagte Melanie.

«Rupert kann seinen Nachtisch nach den Spielen essen, wenn die anderen zum zweiten oder dritten Mal zugreifen», sagte Mrs Rivers. «Ich habe auch keinen Hunger mehr. Billingston, räumen Sie ab.»

Auf ihren Befehl hin befreite Billingston den Tisch von den Tellern mit Resten von Kuchen, Plätzchen und Pudding. Auch die Bonbonpapiere, Witze und Partygeschenke verschwanden. Billingston sammelte sogar die Papierkronen ein. Rupert gab seine nur ungern her, weil er sie für Elise aufbewahrt hatte. Sie landete mit den anderen im Kamin. Schließlich standen nur noch die Gläser auf dem Tisch.

Erst jetzt merkte Rupert, dass er sein Shirley-Temple-Getränk nicht angerührt hatte. Obwohl er großen Durst hatte, war nur für ein kleines Schlückchen Platz. Es schmeckte köstlich. Das sprudelige Getränk war rot und mit einer Maraschinokirsche verziert. Wie alles, was er heute verzehrt hatte, war es auch das Beste, was er je getrunken hatte, die erstaunlichste Ausgabe eines Getränks, die ihm je untergekommen war. Er war so entzückt, dass ihm nach Weinen zumute war. Doch dafür war keine Zeit, denn Billingston trug einen Haufen eingepackter Gewinne herbei, die er auf dem Tisch ausbreitete.

Dann kam Mrs Cook ins Esszimmer, um sich zu verabschieden. Sie war in Mantel, Hut und Handschuhe gekleidet, auf dem Sprung, um mit ihrer eigenen Familie Weihnachten zu feiern.

«Oh, Mrs Cook», sagte Mrs Rivers. «Ihre Geschenke liegen auf der Anrichte.»

«Danke», erwiderte Mrs Cook unterkühlt. Wie in jedem Jahr fand sie, dass die Rivers zu lange getafelt hatten. Sie war sicher, dass sie es nur taten, um sie zu ärgern. Sie hatte bereits eine große Tragetasche und zwei Müllsäcke in den Händen, die sie öffnete, um die Geschenke der Familie Rivers hereinzuschaufeln.

«Hoffentlich haben wir Ihren Geschmack getroffen», sagte Mrs Rivers, wandte sich an Rupert und flüsterte: «Ihr gefällt eigentlich nie etwas davon. Tja.»

Rupert fiel keine Entgegnung ein. Mrs Rivers schien ihn zu mögen und allein das war in seinen Augen bereits außergewöhnlich. Es war nicht so, dass die Leute ihn persönlich nicht leiden konnten. Die einen mochten ihn wegen seiner Lebenssituation nicht, weil er so heruntergekommen aussah und, wie er befürchtete, nicht gut roch – obwohl er so oft zu baden versuchte, wie es in dem überfüllten Haus ging – und die anderen mochten ihn nicht, weil seine Brüder Katzen klauten. Da damit ungefähr alle Einwohner der Stadt abgedeckt waren, war er freundliche Blicke nicht gewohnt.

Mrs Cook stolzierte aus dem Esszimmer und zog die Müllsäcke hinter sich her.

«Oh, und Mrs Cook», rief Mrs Rivers ihr nach. «Falls jemand am Tor schaukelt, lassen Sie ihn in Ruhe, ja? Schließlich ist Weihnachten.»

Ohne stehenzubleiben oder sich umzudrehen, nickte Mrs Cook und ging.

«So», sagte Onkel Moffat und rieb sich fröhlich die Hände. «Reichen wir erst einmal den Zylinder herum?»

«Ich weiß nicht, wie man das spielt», flüsterte Rupert Turgid zu.

«Ach, das ist ganz einfach», sagte Turgid. «Alle nehmen einen gefalteten Zettel mit einer Zahl aus einem Hut, den wir herumgehen lassen. Derjenige mit der Nummer Eins nimmt einen Gewinn vom Tisch und packt ihn aus. Dann geschieht das Gleiche mit der Nummer Zwei, aber Nummer Zwei kann nun entscheiden, ob er seinen Gewinn behalten oder gegen den ersten tauschen möchte. Nummer Drei kann seinen Gewinn behalten oder gegen den von Nummer Eins oder Zwei eintauschen. Nachdem man einmal an der Reihe war, kann man nicht mehr auswählen. Die beste Zahl ist natürlich die letzte, weil man seinen Gewinn gegen den aller anderen tauschen kann. Es gibt tolle Gewinne, aber auch ganz schreckliche.»

«Es geht darum, mehrere Leute richtig unglücklich zu machen», ergänzte Onkel Henry. «Am Ende bricht immer jemand zusammen und heult.»

«Oh nein», sagte Rupert.

«Das ist das Beste daran, mein Junge!», rief Onkel Henry. «Nimm auf niemandes Gefühle Rücksicht. Wenn einer etwas gezogen hat, das er oder sie unbedingt haben will, tausche, wenn du an der Reihe bist. Nimm es ihm weg, mach ihn unglücklich. Das ist im Kern der Unterhaltungswert dieses Spiels.»

Rupert hatte nicht vor, das zu tun. Er würde sich schätzungsweise über jeden beliebigen Gewinn freuen. Bisher war er durchs Leben gekommen, indem er nicht auffiel, kein Theater machte und sich keine Feinde schuf. – Billingston brachte den Hut mit den Zetteln herein, der anschließend herumging. Rupert nahm ein Stück Papier und entfaltete es. Er hatte die Vier gezogen.

«Das ist nicht gerade die beste Zahl», sagte Melanie wissend.

«Vielleicht sogar die schlechteste», sagte der andere Turgid.

Als alle eine Zahl vor sich liegen hatten, nahm Mrs Rivers, die die Eins gezogen hatte, einen Gewinn und packte ihn aus. Es war eine Apfelsine.

«Tja, ich bin geliefert», sagte sie verdrossen. «Die will bestimmt niemand eintauschen. Wieso ziehe ich immer so eine niedrige Zahl? Wieso habe ich in all den Jahren, die ich dieses Spiel schon spiele, noch nie eine gute Zahl gezogen? Ich glaube, die sind gezinkt.»

«Das sagst du jedes Jahr», meinte Mr Rivers, der die Zwei gezogen hatte. Er bekam eine Reihe Nancy-Drew-Bücher.

«Großartig», sagte er. «Die habe ich noch nie gelesen. Ich sehe eine herrliche Woche vor mir.»

«Falls du sie behalten darfst», flötete William.

«Was nicht der Fall ist», sagte Melanie entschlossen. Sie hatte die Drei und packte bereits ihren Gewinn aus – eine Pralinenschachtel. «Perfekt. Ich tausche sie gegen deine Nancy-Drew-Bücher, vielen Dank.» Dann lief sie um den Tisch zu Mr Rivers, schnappte ihm die Bücher weg und warf ihm ihre Pralinenschachtel zu.

«Dabei mag ich die nicht mal», sagte Mr Rivers traurig.

«Hättest du lieber eine Apfelsine?», fragte Mrs Rivers.

«Das hättest du wohl gerne», entgegnete Mr Rivers und blickte schmollend aus dem Fenster.

«Ich mag Pralinen», sagte Sippy hoffnungsvoll.

«Du kannst jetzt nicht tauschen», schnaubte Onkel Henry. «Ihr wart beide schon dran und du kannst Sippy nicht einfach die Pralinen geben. Sie weiß genau, dass es gegen die Regeln verstößt! Ihr seid mit eurem Gewinn geschlagen, hier wird nicht geschummelt!»

Jetzt war Rupert an der Reihe. Er wählte einen kleinen Gewinn und öffnete ihn. Es war ein Kazoo.

«Oh, vielen Dank», wisperte er, ohne im Entferntesten zu wissen, was es war.

«Bei wem bedankst du dich?», spottete William.

«Das ist ein beschissener Gewinn», sagte der andere Turgid.

«Stimmt, aber meine Nancy-Drew-Bücher bekommst du nicht. Denk gar nicht erst drüber nach.»

«Er kann alles haben, was er möchte!», sagte Onkel Henry.

«Er wohnt nicht einmal hier», beschwerte sich Melanie.

«Das ist nicht vorgeschrieben», entgegnete Onkel Henry. «Wenn du eine neue Regel aufstellen willst, musst du dich an das Regelkomitee wenden. Man kann nicht einfach mit einer neuen Regel ankommen, zum Beispiel, dass man hier wohnen muss, um einen Gewinn abzustauben.»

«Es gibt kein Regelkomitee», sagte Melanie. «Das hast du dir ausgedacht.»

«Selbstverständlich gibt es ein Regelkomitee», sagte Onkel Henry. «Wie hätten wir die Regeln sonst aufstellen sollen? Bist du dümmer als ein Pantoffeltierchen? Bist du völlig deiner Sinne beraubt?»

«Herrje», sagte Mrs Rivers. «Jetzt hast du sie zum Weinen gebracht.»

«Ich habe nur wichtige Dinge gefragt», sagte Onkel Henry. «Fragen, die sie sich selbst stellen sollte.»

«Bin ich dümmer als ein Pantoffeltierchen?», schrie Melanie und stand auf. «Ich weiß nicht einmal, was ein Pantoffeltierchen ist!»

«Meine Rede», sagte Onkel Henry, faltete die Hände und nickte still.

«Und ich weine nicht!», schrie Melanie weiter. «Onkel Henry stellt mitten im Spiel Regeln auf und erfindet Institutionen, um damit durchzukommen.»

«Gar nicht! Das habe ich noch nie getan!», sagte Onkel Henry. Er erhob sich beleidigt und baute sich vor Melanie auf.

«Nimm ihre Bücher, mein Junge», sagte Onkel Moffat zu Rupert. «Das wird ihr eine Lehre sein.»

«Ich behalte doch lieber dieses Ding, danke», flüsterte Rupert und umklammerte sein Kazoo.

«Du weißt doch nicht mal, was das ist!», sagte der andere Turgid und krähte vor Lachen.

«Er spielt nicht richtig mit!», sagte Rollin.

«Genau!», sagte William. «Spielverderber.»

«Haltet die Schnauze», sagte Melanie. «Natürlich möchte er ein Kazoo haben. Wer würde das nicht wollen?»

«Ich bin dran», sagte Turgid und sorgte für Ablenkung, indem er seinen kleinen Gewinn auspackte.

Es war das neue Bauern-Jahrbuch von 1996. Er tauschte es gegen die Pralinen seines Vaters ein. Am liebsten hätte er die Nancy-Drew-Bücher genommen, aber er fürchtete sich vor Melanie.

«Gott sei Dank», sagte Mr Rivers und betrachtete das Kalendarium fürs nächste Jahr. «Damit kann man wenigstens etwas anfangen.» Er begann, die Wettervorhersage für Januar zu lesen.

«Hättest du nicht eigentlich lieber eine Apfelsine, Turgid, mein Schatz?», fragte seine Mutter.

«Nein, und das weißt du genau», antwortete Turgid.

«Ich weiß wirklich nicht, warum wir Apfelsinen im Haus haben», sagte Mrs Rivers düster. «Keiner mag sie.»

«Ich schon, aber ich hätte eben lieber die Pralinenschachtel», sagte Turgid.

«Aber ich habe dich auf die Welt gebracht», sagte Mrs Rivers.

«Nicht das schon wieder», sagte Turgid.

Mrs Rivers neigte dazu, diese Tatsache zu erwähnen, wenn es nicht nach ihrer Nase ging.

«Dreizehn Stunden in schrecklichen Wehen», murmelte Mrs Rivers vor sich hin, denn die anderen hörten gar nicht mehr zu.

«Früher galt eine Orange oder auch eine Banane als exotisch, ein Luxusgut», sagte die Bibliothekarin hinter dem Vorhang. Sie hatte sich beim Abendessen an kleinen Tellern vom Tisch bedient und war damit jeweils zu ihrem Platz hinter dem Vorhang zurückgekehrt. Dort hatte sie in ihrem Essen gestochert und abwechselnd gelesen oder gelauscht. «Es gab Zeiten, da hätten Kinder sich sehr gefreut, so etwas zu Essen zu bekommen.»

«Vielen Dank für die Information», sagte Onkel Moffat und verdrehte leicht die Augen.

«Und willkommen im Zeitalter moderner Kühlung», sagte Mrs Rivers. «Können wir jetzt weiterspielen?»

Es ging voran, bis William eine kleine tote Maus auspackte und sie gegen Melanies Nancy-Drew-Bücher tauschte. Daraufhin weinte sie heftig und heulte, sie würde ihre Familie hassen.

«Ha ha, Melanie hat den Scherzpreis gewonnen», sang William.

«Billingston sucht die Gewinne aus und bei Jupiter, er übertrifft sich jedes Jahr selbst mit einem abscheulichen Scherzpreis!», frohlockte Onkel Henry. «Letztes Jahr war es ein verschimmelter Käse. Tja, Melanie, auf der toten Maus wirst du wohl sitzenbleiben. Wie rasch sich doch unsere Lebensumstände wandeln. Wusch wusch ganz oben in der Welt und dann wusch wusch wieder unten. Die tauscht keiner ein, außerdem ist das Spiel sowieso zu Ende.»

«Oh, Melanie, nimm es bitte nicht so schwer. Du kannst die Bücher in der Bibliothek ausleihen», sagte die Bibliothekarin durch den Vorhang. «Ich habe dir immer schon gesagt, dass man mit einem Ausweis der Stadtbibliothek niemals arm ist.»

«Sie wird sowieso nie arm sein», sagte Mr Rivers. «Sie ist eine Rivers.»

Doch Melanie heulte viel zu laut, um irgendetwas anderes wahrzunehmen. Soweit man es verstehen konnte, ging es recht unzusammenhängend darum, dass sie einfach gewinnen wollte.

Schließlich sagte Tante Hazelnut: «Jetzt halt den Mund, Melanie, es ist nur ein Spiel.»

Und Onkel Henry stand auf und brüllte: «WEITER!»

Sie gingen zum nächsten Spiel über. Für die körperbetonteren Spiele zogen sie ins Wohnzimmer um.

Sie spielten Scharaden. Sie spielten Ochs am Berg. Sie spielten Scattergories, Pictionary und Dictionary. In der Zwischenzeit schaffte Billingston immer mehr Gewinne aus einem scheinbar unerschöpflichen Vorrat heran. Rupert hatte einen wahren Berg davon angehäuft. Und was waren das für Preise! Er hatte ein Eisenbahnset und warme Winterstiefel, die ihm zwar zwei Nummern zu groß waren, doch das war ihm egal. Er hatte jetzt eine Schneeschaufel und war Mitglied im Keks-des-Monats-Club. Er besaß ein ferngesteuertes Flugzeug und einen Stapel warmer Pullover. Am allerbesten fand er, dass er in seiner Familie zum ersten Mal Weihnachtsgeschenke verteilen konnte. Bisher hatten die Browns höchstens von John und Dirk Geschenke erhalten – und das waren meistens, nein, immer Katzen gewesen.

Rupert saß da und überlegte fröhlich, wer was bekommen sollte. Die Eisenbahn wollte er einem seiner jüngeren Brüder geben, das ferngesteuerte Flugzeug seinem Vater. Er würde es toll finden, da war er sicher. Dann hatte er beim Fernsehen etwas zu tun. Die Pullover konnten verteilt werden, einige waren so groß, dass sie sogar seiner Mutter passen könnten. Für John und Dirk sah er einen Plüschtiger und einen Plüschlöwen vor, obwohl sie als Jugendliche dafür wahrscheinlich schon zu alt waren. Aber er hegte die Hoffnung, sie könnten sie als angemessenen Ersatz für echte Katzen betrachten. Mittlerweile waren auch die Nancy-Drew-Bücher in seinen Besitz gelangt, nachdem William sie in einem Spiel namens Pick an Melanie verloren hatte, die sie Rupert im Zuge eines Spiels ausliefern musste, das Onkel Henry erfunden hatte. Onkel Henry fand es am allertollsten und nannte es Pfand, weil jedermann seinen Lieblingsgewinn wieder verlieren konnte.

Seit Rupert die Bücher gewonnen hatte, fürchtete er sich vor Melanie, doch Onkel Henry hatte ihm versichert, Melanie sei während der Spiele immer beängstigend. Es sei aber gut für sie, Sportsgeist zu entwickeln und Rupert solle sie gar nicht beachten. Wenn Melanie sich nicht rächte, sollten die Bücher für Elise sein. Elise saß abends gern mit Rupert zusammen, der sich dann als Ablenkung von der Eiseskälte Geschichten für sie ausdachte. Aber die Geschichten waren nie besonders gut. Er hatte im Leben außer Hungern und Frieren wenig erlebt, sodass sich das in die Geschichten schlich, bis sie als Ablenkung nicht mehr wirklich gut zu gebrauchen waren. Doch jetzt konnte er ihr die Nancy-Drew-Bücher vorlesen und das machte ihn glücklicher als alles andere, was an diesem Tag geschehen war.

Am Nachmittag gelangten die Rivers schließlich zu ihrem letzten Spiel.

EINE LETZTE FRAGE

Alle mal herhören!», rief Onkel Henry. «Bringt die Gewinne auf den Esstisch zurück.»

«Gehört das wirklich mir?», flüsterte Rupert Turgid zu und wies auf die zahlreichen Gewinne, die er sich auflud. Sie passten gar nicht alle auf den Tisch und der musste eine Vielzahl hinter seinem Stuhl ablegen.

«Das ist alles deins, ganz recht», sagte Turgid. «Du hast anständig und ehrlich gewonnen. Nicht schlecht für deine ersten Spiele.»

Rupert konnte es kaum glauben, denn es widersprach allem, was er nach seinen bisherigen Erfahrungen vom Leben erwartete. Er konnte sein Glück kaum fassen, dass dieses schreckliche Tor ihn geschnappt und über die Hecke geschleudert hatte. Das beweist nur, dachte er, dass man nicht zu hastig über das urteilen soll, was einem im Leben widerfährt – was gut oder schlecht ist oder zu besseren oder schlechteren Dingen führen kann. Er hatte gedacht, er wüsste, womit zu rechnen war, und es hatte sich herausgestellt, dass man nie wissen konnte, was kam.

Er merkte es zwar nicht, doch in seinem Entzücken zappelte er auf seinem Platz und grinste über das ganze Gesicht.

«Was ist denn mit dem los?», fragte William und zeigte mit dem Finger auf Rupert.

«Wahrscheinlich hat er Flöhe», sagte Melanie. «Flöhe und meine Nancy-Drew-Bücher. Einen schlimmeren Gast kann man sich meines Erachtens nicht vorstellen.»

«Es sind nicht deine Nancy-Drew-Bücher», sagte Turgid. «Er hat sie gewonnen.»

«Stimmt, aber ich hatte sie zuerst und ich wohne hier. Im Gegensatz zu ihm, einer Vogelscheuche, die du vom Rasen gekratzt hast!», sagte Melanie mit funkelnden Augen.

«Möchtest du sie wiederhaben?», fragte Rupert Melanie höflich und machte Anstalten, ihr die Bücher zu bringen.

«Schluss jetzt!», sagte Onkel Henry barsch. «Hier wird nicht geschummelt. Wenn Melanie sie haben wollte, hätte sie sie nicht im Pfandspiel verlieren sollen. Du kannst den Leuten nicht einfach etwas geben! Das wären ja chaotische Zustände! Anarchie! Da hätten wir womöglich den Jabberwocky zu fürchten! Da könnte gleich der Brabbelback durch den Dusterwald rennen. Eins sage ich dir, so etwas dulde ich an meinem Spieltisch nicht!»

«Oh», sagte Rupert und setzte sich wieder.

«Also, ich warne dich. Ich habe dich auf dem Kieker», sagte Melanie und sah Rupert mit zusammengekniffenen Augen an.

«Hervorragend! Das ist die richtige Einstellung», meinte Onkel Henry.

Man sah Rupert sein Elend an.

«Egal», sagte Turgid. «Gleich hast du die Chance, alle Gewinne zu gewinnen.»

Noch mehr Gewinne, dachte Rupert. Was für ein Tag!

Da Mrs Rivers darauf bestand, dass sie vor dem letzten Spiel den Nachtisch aßen, legten alle ihre Gewinne auf den Boden. Billingston deckte erneut den Tisch und servierte die Kuchen und Torten, die Liebesknochen und Puddings noch einmal. Eine weitere Stunde verging mit konzentriertem Vollstopfen. Diesmal hatte Rupert wieder Platz dafür. Er arbeitete sich ebenso durch die Süßspeisen, bis ihm schlecht wurde, wie er es bei den herzhaften Gerichten getan hatte. Es war eine herrliche Form von Übelkeit. Schließlich wurde alles für das letzte Spiel des Tages abgeräumt.

Onkel Henry setzte sich, schaute sich mit schmalen Augen am Tisch um und holte dann schwungvoll ein Kartenspiel aus der Tasche.

«Das ist Poker», erklärte Turgid Rupert. «Wir spielen so lange, bis ein Gewinner übrigbleibt, der dann alles bekommt.»

«Heißt das, ich verliere vielleicht meine Gewinne wieder?», fragte Rupert. «Die, die ich in den anderen Spielen gewonnen habe?»

«Yep, wahrscheinlich schon. Onkel Henry ist unfassbar gut im Poker. Dad auch. Onkel Moffat ist nicht schlecht. Sie spielen seit Jahren. Wir anderen sind ungefähr gleich gut. Am Ende des Spiels geht einer von uns mit dem ganzen Zeug als Sieger davon. Das ist hart. Andererseits geht es ja nicht um die Sachen, sondern um den Geist des Spiels, nicht wahr?»

Nein, dachte Rupert, es geht um die Sachen. Er drehte den Kopf und betrachtete seine Gewinne. Er besaß eine warme Wintermütze, einen Plüschbär, zwei Pralinenschachteln, ein Monopolyspiel, eine vollständige Enzyklopädie, deren zahlreiche Bände er nicht einmal hochheben konnte. Er bräuchte wahrhaftig einen Lastwagen, um das alles nach Hause zu bringen. Vieles hatte er sich noch gar nicht richtig anschauen können. Beinahe hätte er gefragt, ob er an dieser Stelle nicht aufhören und behalten könnte, was er bisher zusammengetragen hatte. Doch er spürte, dass das nicht gut ankommen würde. Deshalb setzte er sich nervös auf seinen Platz, während sein Magen vor Angst und Völlerei laut knurrte.

Onkel Henry und Onkel Moffat versuchten, Rupert die Regeln in allen Einzelheiten darzulegen, während die anderen sich um sie drängten und eigene Tipps besteuerten.

«Wir spielen nur mit fünf Karten», sagte Melanie.

«Damit es nicht zu kompliziert wird», sagte William.

«Du spielst nicht mit deinem Blatt, sondern mit den Mitspielern», sagte Mr Rivers. Rupert verstand nur Bahnhof.

«Du musst ein gutes Pokerface machen», sagte der andere Turgid. «Sieh mal.»

Er zog so eine grausige Grimasse, dass Rupert vor Angst beinahe vom Stuhl fiel, und Turgid lachen musste.

«Ja, ja, das reicht jetzt, er hat es verstanden», sagte Onkel Henry. «Los, teilt die Karten aus.»

Doch Rupert hatte es nicht verstanden, jedenfalls nicht sofort, und verlor gleich in den ersten beiden Spielen sowohl den Teddybär als auch eine der begehrten Pralinenschachteln. Wer gewann, bekam nicht nur seinen eigenen Einsatz zurück, sondern auch die Gewinne, die die anderen gesetzt hatten. Ruperts Verstand, der normalerweise nicht gefüttert wurde und deshalb nicht sonderlich ergiebig war, war entbrannt, angefeuert von dem vielen Zucker und ausgeruht, weil er so lange nicht im Einsatz gewesen war. Ausnahmsweise spielte er mit und kam Rupert zu Hilfe. Allmählich fand er heraus, was er mit seinen Karten tun sollte und wie es mit dem Blatt der anderen aussah. Er schätzte ab, wie groß die Chance war, dass der Einsatz der Mitspieler auf ihrem Blatt beruhte. Er hätte nicht sagen können, wie er das machte, doch er machte es richtig, denn er begann zu gewinnen. Jedes Spiel.

«Er pfuscht», beschwerte sich William.

«Das reicht, William», sagte Mrs Rivers. «Das sagen wir hier nie.»

«Wie soll er denn pfuschen?», fragte Turgid. «Er hat noch nie Poker gespielt.»

«Das sagen alle Falschspieler», sagte William. «So kriegen sie dich.»

«Das war’s», sagte Onkel Henry, stand auf und warf William einen bösen Blick zu. «Du musst den Tisch verlassen.»

«Mir doch egal», sagte William. «Meine Gewinne sind ohnehin weg.» Er ging und schmollte vor dem Fernseher.

«Kümmere dich nicht um ihn», sagte Onkel Henry. «Er war immer schon ein schlechter Verlierer. Aber du! Du bist unglaublich! Du bist ein Genie. So etwas haben wir noch nie erlebt. Jedenfalls hast du Leben in unser diesjähriges Weihnachtsfest gebracht. Ja, das hast du, junger Rupert! Du bist wirklich etwas ganz Besonderes!»

Rupert wurde rot. Dann gewann er erneut. Er gewann, bis sich um ihn herum die Gewinne nur so stapelten. Und wieder fragte er sich, wie er das alles nach Hause tragen sollte. Vielleicht würden die Rivers ihm erlauben, mehrfach zu gehen. Der tollste Gewinn waren die Winterstiefel. Er hatte es ausgehalten, an den Füßen zu frieren, weil ihm nichts anderes übriggeblieben war. Aber jetzt, da er wusste, sie würden warm bleiben, konnte er die Vorstellung, sie könnten jemals wieder frieren, nicht ertragen. Offenbar konnte man die Dinge nur über sich ergehen lassen, bis es Hoffnung auf Erlösung gab. Entsetzt stellte er fest, dass dies alles nur noch schlimmer machte, denn jetzt hoffte er tatsächlich auf bessere Zeiten. Und Hoffnung war etwas Schreckliches, weil es die Notwendigkeit erstickte, das Schlimmste zu erdulden. Sobald diese Notwendigkeit nicht mehr da war, schwand auch die stählerne Fähigkeit dazu. Jetzt war die Vorstellung eiskalter Füße unerträglich und das war gefährlich, weil er noch nicht aus dem Schneider war.

Beim letzten Blatt trat er gegen Onkel Henry an. Der Sieger bekam alles. Auch Onkel Henry hatte auf seiner Seite des Tisches eine Vielzahl begehrenswerter Gewinne angehäuft, zum Beispiel einen Schneerutscher und ein Skateboard. Und eine ganze Kiste mit Mais in der Dose. Rupert dachte, er würde Onkel Henry mit Freuden dessen Gewinne und auch seine eigenen überlassen, wenn er jetzt aufhören und die Stiefel mitnehmen dürfte. Nur die Stiefel. Er wäre glücklich, wenn er nur die Stiefel nicht verlöre.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Rivers, die nicht zum letzten Showdown antraten, normalerweise längst genug voneinander und den Spielen und gingen zum Fernseher, lasen im Wohnzimmer ein Buch am Kamin oder machten sich noch einmal über den Nachtisch her. Doch an diesem Weihnachten veranlasste die elektrische Energie zwischen Onkel Henry, dem Experten, und Rupert, dem Neuling – die beide unbedingt gewinnen wollten und den Gegner mit zusammengekniffenen Augen über ihre Karten hinweg genau beobachteten – alle, stumm auf ihren Plätzen zu bleiben. Mittlerweile lagen sämtliche Gewinne gestapelt auf dem Esstisch, der unter ihrem Gewicht ächzte.

«Wer gewinnt? Wer gewinnt?», fragte Mrs Rivers nervös.

«Ach, halt die Klappe, Beth», sagte Onkel Moffat.

«Rupert soll gewinnen», sagte Turgid.

«Oh nein, unbedingt Henry», sagte die Bibliothekarin hinter dem Vorhang. «Henry gewinnt immer.»

«Natürlich muss es Onkel Henry sein», sagte Melanie. «Dann kann er mir die Nancy-Drew-Bücher zurückgeben.»

«Gib’s auf, die Bücher kannst du abschreiben», höhnte Rollin. «Auch wenn Onkel Henry gewinnt. Und das muss er, hier geht es um die Familienehre.»

«Nein, lasst den Neuen gewinnen», sagte Tante Hazelnut. «Diese Familie sollte mal gehörig aufgerüttelt werden.»

Rupert und Onkel Henry schwiegen. Sie atmeten langsamer und hatten die Augen zu noch engeren Schlitzen verengt. Das Esszimmer war auf zwei Blätter und einen Haufen Gewinne geschrumpft.

Ich werde hier nicht der Sieger sein, dachte Rupert. Ich kann es nicht sein. Ich muss es sein.

Onkel Henry und Rupert hatten jeweils fünf Karten. Sie durften vier Karten abwerfen und dafür vier neue Karten verlangen, um ein besseres Blatt zu bekommen. Rupert hatte drei Sechsen. Es war gut, drei zu haben, egal wovon. Vier war besser. Es wäre sogar ungewöhnlich, ein besseres Blatt als vier gleiche Karten zu haben. Doch er hatte keine Ahnung, was Onkel Henry auf der Hand hatte. Falls Onkel Henry vier neue Karten ziehen würde, hätte er vermutlich gar nichts zu bieten. Wenn er aber nur um eine neue Karte bat, war sein Blatt wahrscheinlich sehr gut.

In der Hoffnung auf eine weitere Sechs bat Rupert um zwei neue Karten und warf die beiden, die keine Sechs waren, ab. Onkel Moffat reichte sie ihm. Rupert hob die beiden Karten nacheinander zu seinem Blatt. Die erste war eine Neun. Aber die zweite, nein, das war unmöglich. Das konnte nicht sein! Eine vierte Sechs! Er würde gewinnen! Er durfte nicht nur seine, sondern auch Onkel Henrys Gewinne behalten! Moment, so musste es nicht unbedingt kommen. Freu dich nicht zu früh, dachte er. Es hing von Onkel Henrys Blatt und den Karten ab, die er bekam. Und jetzt bat Onkel Henry ebenfalls um zwei neue Karten. Vielleicht hatte er drei gleiche, vielleicht hatte er drei Siebenen und würde eine vierte bekommen. Das würde ausreichen, damit Onkel Henry gewann. Vier Siebenen.

Onkel Henry steckte die beiden Karten nacheinander in sein Blatt, wie Rupert es eben getan hatte, und begutachtete, was das Schicksal ihm beschert hatte. Rupert studierte Onkel Henrys Gesicht so aufmerksam, als stünde dort der Sinn des Lebens geschrieben, doch er konnte nicht erkennen, was Onkel Henry bekommen hatte. Seinem Gesicht war nichts zu entnehmen.

Onkel Henry blickte starr zurück. «Nur zwei Karten, ja?», sagte er schließlich. «Du bluffst, Rupert. Ich wette, du hast nichts auf der Hand. Darauf setze ich alles.»

«Ja, äh, okay. Ich setze alles außer den Stiefeln», sagte Rupert voller Hoffnung. Schließlich konnte Onkel Henry alle möglichen Blätter haben, die besser waren als sein eigenes. Er könnte ein Full House haben, oder einen Royal Flush. Er blieb lieber vorsichtig und hielt den einen Gewinn zurück.

«Mach dich nicht lächerlich!», sagte der andere Turgid. «Das kannst du nicht machen. Du musst seinen Einsatz ausgleichen. Du musst setzen, was er setzt, und er hat alles gesetzt. Also musst du auch alles setzen oder zurückziehen. Es kommt aufs Gleiche heraus. Sag’s.»

Plötzlich war Rupert umzingelt.

«Sag’s! Sag’s! SAG’S! SAG’S! SAG’S!», schrien sie, bis Rupert schwindelig wurde. Es rauschte in seinen Ohren, er hielt es nicht mehr aus.

«ICH SETZE ALLES!», brach es aus ihm heraus, denn alles war besser als das.

Es wurde ganz still.

«Spieler, deckt eure Karten auf», sagte Mr Rivers.

Gemächlich legte Onkel Henry seine Karten offen auf den Tisch. Rupert betrachtete sie. Dann sah er noch mal hin. Zunächst wurde ihm schlecht. Könige! Onkel Henry hatte Könige! Und Könige waren viel mehr wert als Sechsen. Aber halt – konnte es sein? Onkel Henry hatte, also er hatte nur drei!

Rupert legte seine Karten offen auf den Tisch.

Einen Augenblick lang war es totenstill und Rupert überlegte bereits krankhaft, ob sie sich auf ihn stürzen und ihn umbringen würden. Das wäre kein völlig unerwartetes Ende dieses Tages.

Dann ertönte lautes Geschrei und Onkel Henry schrie am lautesten.

«VIER SECHSEN! Exzellent! Exzellent! Der Junge ist ein Genie! Was hat der für ein GLÜCK! Noch nie hat ein Junge so viel Glück gehabt. Rupert, Rupert, du gewinnst, mein Junge. DU GEWINNST ALLES!»

Rupert saß da, als hätte man ihn mit einem Hammer erschlagen, doch Onkel Henry nahm das gar nicht zur Kenntnis und hüpfte weiter auf seinem Stuhl auf und ab.

«Was für ein stilles Wasser! So eine Überraschung! Ich habe mich im Leben noch nie so gefreut, dass ich verloren habe. Was für ein Spiel, was Moffat! Was für ein Spiel!»

Onkel Henry stand auf und präsentierte ein kleines Tänzchen. Er hakte sich bei Onkel Moffat ein und tanzte mit ihm durchs Esszimmer, bis sie zwei Ohrensessel umwarfen. Sie wirbelten immer schneller, bis Onkel Henry abhob, weil Onkel Moffat viel schwerer war, und im Kreis flog, die Füße in der Luft. Er riss Geschirr vom Tisch und Gemälde von den Wänden. Schließlich fielen sie übereinander und lagen unter hysterischem Gelächter am Boden. Rupert blieb allein und still sitzen. Er hätte gern mit ihnen gelacht, doch er bekam kaum Luft.

«Du hast gewonnen! Du hast alles gewonnen!», schrie Onkel Henry, der sich taumelnd aufrappelte und es Rupert erklären wollte, der es offensichtlich nicht verstanden hatte, weil er so stumm und reglos dasaß.

Alle jubelten und boxten Rupert freundlich auf den Arm, um ihn zu ermuntern, sein Glück zu genießen.

Mit einem Mal stand Melanie, die in einer Ecke gesessen hatte, auf.

«Noch nicht ganz», sagte sie und lächelte boshaft. Auf Rupert wirkte sie immer mehr wie eine Eidechse.

«Oh je», sagte Onkel Henry, setzte sich und rieb sich den Kopf.

«Oh ja, oh je», sagte Onkel Moffat und wollte sich aufsetzen, aber im Augenblick war er dafür zu dick und zu vollgefressen. Er beschloss, noch ein paar Minuten liegenzubleiben, blickte traurig an die Decke und sagte immer wieder: «Oh je, oh je, oh je. Ja, ich fürchte, so ist es.»

Mr Rivers wandte den Blick ab.

Die Cousins und Cousinen seufzten.

Jetzt bringen sie mich doch noch um, dachte Rupert, und fressen mich vielleicht. Er warf Mrs Rivers einen flehenden Blick zu.

Mrs Rivers rang nervös die Hände und sagte schließlich: «Rupert, mein Lieber, Melanie meint, dass du noch eine traditionelle Weihnachtsfrage beantworten musst, um endgültig zu gewinnen. Dann hast du wirklich gewonnen und kannst all die Sachen behalten.»

«Was?», fragte Rupert und wurde nun wirklich wieder munter. Wie unfair war das!?

«Es ist nur eine Kleinigkeit», sagte Mrs Rivers.

«Kaum erwähnenswert», sagte Melanie mit einem Funkeln in den Augen.

«Nur eine unbedeutende Tradition, wie Mrs Rivers sagte», sagte Mr Rivers.

«Was?», fragte Rupert erneut und wurde blass.

«Oh, guck nicht so ängstlich», sagte William, der wie ein mordlustiger Hai ins Esszimmer zurückgekehrt war.

«Das machen wir jedes Jahr», sagte der andere Turgid. «Billingston sucht eine Frage aus der Enzyklopädie heraus und derjenige, der beim Poker gewonnen hat, muss sie beantworten. Bei einer richtigen Antwort gewinnst du alles, bei einer falschen verlierst du alles.»

«Aber … ich habe schon gewonnen», sagte Rupert, der vom Verlauf der Ereignisse so verstört war, dass er nicht mehr höflich schweigen konnte.

«Eigentlich nicht», sagte Mr Rivers.

«Noch nicht», sagte Melanie.

«Echt, Melanie, er hat gewonnen», sagte William. «Die Frage ist nur, ob er seine Gewinne behalten darf.»

«Bestimmt», sagte Sippy.

«Unwahrscheinlich», sagte Rollin.

«Du wirst die Frage richtig beantworten, da bin ich mir sicher. Du siehst wie ein schlauer Junge aus», sagte Mrs Rivers mit einem sehr verunsicherten Blick.

«Selbstverständlich hast du nur eine Chance», sagte William.

«Eine Frage», sagte Melanie.

«Eine Antwort», sagte der andere Turgid.

«Das wird dich lehren, falsch zu spielen», sagte William.

«Raus!», sagte Onkel Henry. Also war William erneut von allem Spaß ausgeschlossen.

«Okay», sagte Rupert leise. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn und seine Hände zitterten. Mrs Rivers holte den Umschlag mit der diesjährigen Frage und streckte ihn nervös von sich.

Alle schauten auf Rupert.

Mrs Rivers ließ den Blick über die Gesichter in der Runde schweifen und holte tief Luft.

«Ich hoffe», sagte sie mit zitternder Stimme, als sie den Umschlag öffnete, «es ist ein kleines bisschen leichter als die Frage vom letzten Jahr.»

«Die war echt unmöglich», sagte Onkel Henry. «Schwachsinnig geradezu. Die Frage war absurd. Ich habe alles verloren. Aber das wäre jedem so gegangen. Eine lächerliche Frage war das. Ich habe noch zu Billingston gesagt, er solle lieber aufhören, so schwere Fragen zu stellen. Selbstverständlich macht er es uns schwer, denn wenn der Sieger die Antwort nicht weiß, schenken wir Billingston alle Gewinne. Er hat also etwas davon, wenn man scheitert. Aber mach dir keine Sorgen, mein Junge.» Onkel Henry bückte sich ein wenig und klopfte Rupert auf die Schulter. «Dir passiert das nicht. Du gehst noch zur Schule. Dein Geist ist frisch, deine Gehirnzellen sind noch nicht abgestorben und verwehen nicht wie die Samen der Pusteblume. Du wirst kein Problem damit haben.»

«Um Himmels willen, lies sie endlich vor», sagte Tante Hazelnut. «Ich kann nicht den ganzen Tag hier stehen. Ich habe sieben Stücke Kuchen gegessen, ich muss mich hinlegen und verdauen.»

«Äh, in diesem Jahr geht es um Geografie», verkündete Mrs Rivers und räusperte sich. «Billingston hat Geografie genommen. Immer wählt er so schwierige Fragen aus.»

«Bist du gut in Erdkunde, mein Junge?», fragte Onkel Moffat.

«Natürlich ist er das!», sagte Onkel Henry. «Unser Junge ist in allem gut. Hast du nicht eben gesehen, wie er mich beim Poker fertiggemacht hat? In einem Spiel, das er noch nie gespielt hatte?»

Rupert hob hoffnungsvoll den Kopf. Er war nämlich wirklich gut in Geografie. Er interessierte sich für die Welt, weil er eines Tages reisen wollte, sobald er sich zu jemandem entwickelt hatte, der etwas Besonderes tat – was auch immer das sein mochte. Er hatte bereits alle Hauptstädte auswendig gelernt und mit Kanada angefangen. Er kannte die Kontinente. So schlecht war das nicht. Zum Glück war es keine Mathematikaufgabe. Er hörte auf zu zittern und riss sich zusammen.

«Ich bin bereit», sagte er.

«Ähem, gut, ähem», sagte Mrs Rivers matt. Trotz allem machte sie immer noch einen eher unglücklichen Eindruck und legte den Zettel zur Seite. Sie faltete die Hände. «Hört mal, vielleicht kann Billingston eine andere Frage stellen, die ein bisschen, und ich sage nur ein bisschen leichter ist.»

«Das ist gegen die Regel», sagte Melanie. «Das wäre geschummelt.»

«RAUS!», sagte Onkel Henry, drehte sich blitzschnell um und warf Melanie einen bitterbösen Blick zu.

«Nein, nein», sagte Mrs Rivers aufgewühlt. «Sie hat recht, also in gewissem Maße wäre das tatsächlich geschummelt. Es ist nicht in Ordnung, sie rauszuwerfen, weil sie die Wahrheit gesagt hat. Rupert, mein Lieber … ?»

«KOMM ENDLICH ZU DER VERMALEDEITEN FRAGE!», dröhnte Onkel Moffat, der wieder auf die Beine gekommen war, das Ganze jetzt gründlich satthatte und seine Zigarre rauchen wollte.

«Gut, gut, na dann», sagte Mrs Rivers, lächelte Rupert mitfühlend an und las vor: «In welchem Land befindet sich Huambo?»

«Was?», fragte Rupert bestürzt. Er wusste nicht einmal, was ein Huambo war. Eine Frucht? Ein Gebäude? Ein Softdrink? Ein Tanz? Nein, es ging um Geografie, also musste es sich um einen Ort handeln. Oder gehörten zur Geografie auch Dinge, die im Zusammenhang mit Orten standen? Wie sich herausstellte, wusste er nicht einmal, was alles zum Thema Geografie zählte. Was für ein Albtraum!

«Das ist ja einfach», sagte Melanie und verdrehte die Augen.

«Das weiß doch jeder», sagte der andere Turgid mit einem fiesen Lächeln. «Oder, Rupert?»

«Lesen Sie die Frage bitte noch einmal vor?», bat Rupert bibbernd. Wenn Melanie und der andere Turgid die Frage einfach fanden, hatte er sich vielleicht verhört.

«Nein, es tut mir schrecklich leid, aber das ist nicht gestattet», sagte Mrs Rivers. «Die Regeln schreiben vor, dass ich die Frage nicht wiederholen darf und du über deine Antwort nicht nachdenken darfst. Aber als Neuling wollen wir dir dreißig Sekunden Bedenkzeit geben.»

«Das ist geschummelt …», setzte Onkel Henry an, doch da er Rupert so gern hatte, fuhr er fort: «In Ordnung. Eine Sonderregelung vom Komitee. Nur dieses eine Mal. William, du kannst zum Countdown wieder hereinkommen.»

«DREISSIG, NEUNUNDZWANZIG, ACHTUNDZWANZIG, SIEBENUNDZWANZIG …»

Die Familie umschwärmte Rupert nun. William war zurückgekehrt und seine Augen glühten wie die eines Wildhundes. Einstimmig und laut zählten sie rückwärts. Wenn Rupert eine Chance gehabt hatte, die geheimnisvolle Information aus einem verborgenen Winkel seines Gehirns hervorzuzaubern, so war sie vertan. Er wusste nur noch, welche Zahl sie ihm als nächste im Sprechchor vorbringen würden.

Währenddessen rückte die Familie immer näher. Sie kamen ihm jetzt alle wie Wildhunde vor, und er war das Kaninchen in ihrer Mitte. Jeden Moment würden sie über ihn herfallen. Sein Blick fiel auf die Stiefel. Die Stiefel! Konnte er sie sich schnappen und weglaufen? Er spürte ihren heißen Atem. Er schaute hoch in ihre starren Augen. Ihm war plötzlich viel zu warm. Er hatte zu viel gegessen. Möglicherweise musste er sich übergeben.

«ZEHN, NEUN, ACHT …»

Rupert senkte den Blick wieder. Und dann, als würde ein kleines Licht aufflackern, hörte er das Wort noch einmal. Huambo. Und ihm ging ein Licht auf, das ihm bekannt zuflüsterte. Bekannt? Etwas … Er hatte das Wort irgendwo auf einer Landkarte gesehen. Er sah die Karte vor sich, und darauf einen großen Kontinent. Welcher war’s? Nordamerika? Nein. Asien? Nein.

Das Esszimmer schwankte in Wellen, die Menschen, die ihn umzingelten, schienen sich wie Bäume im Wind zu wiegen.

«SIEBEN, SECHS …»

Dann fiel es ihm ein. Afrika! Er hatte einmal vor dem Büro des Rektors sitzen müssen, weil John und Dirk die Katze der Sekretärin gestohlen hatten. Zwei Stunden hatte er auf einer harten Bank zugebracht, während der Rektor herauszufinden versuchte, ob Rupert bei der Entführung mitgewirkt hatte. Er hatte nichts zu tun gehabt und an der gegenüberliegenden Betonwand eine Karte von Afrika entdeckt.

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