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Philipp Probst
ALPSEGEN
Die Reporterin am Lauenensee
Philipp Probst
ALPSEGEN
Die Reporterinam Lauenensee
orte Verlag
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Gesetzt in Arno Pro Regular
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readbox publishing, Dortmund, www.readbox.net
ISBN Buch 978-3-85830-266-3
ISBN eBook 978-3-85830-273-1
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PROLOG
Dieser Geruch!
Res ging langsam durch den Stall. Er kontrollierte die Seile, die zum Anbinden der Kühe gebraucht wurden. Den Holzboden, den er im letzten Herbst kurz vor Wintereinbruch neu gezimmert hatte. Die Leitungen der Melkmaschine. Immer wieder schaute er nach oben zum Dach und war erleichtert, dass er keinen Schaden entdeckte. Der Stall hatte den Winter ebenso gut überstanden wie der Rest der Alphütte. Alles war bereit.
Dieser Geruch!
Bald würde es wieder so weit sein: Kühe, die von der Weide kamen, Stroh, Mist, frische Milch. Das erzeugte diesen speziellen Geruch. Ein Geruch, der nicht nur in die Kleidung drang, sondern in alle Poren.
Und in die Seele.
Es war dieser Geruch, den Res liebte. Aber auch hasste. Der Geruch von Liebe. Von Ablehnung. Liebe, als er als Bub im dunklen Stall des alten Familienbetriebs im Tal auf dem Schoss seines Vaters sass und die Euter der Kühe streicheln durfte. Ablehnung, als er das erste Mal auf einem einbeinigen Melkschemel sitzen sollte, ausrutschte und in den Mist fiel. Wie ihn der Vater aus dem Stall jagte. Und er auch keinen Trost bei der Mutter fand.
Warum nicht?
Ja, warum nicht? Es war eine von vielen Fragen …
Res passierte den Durchgang zur Hütte und schloss die Stalltüre. Dann schwenkte er den Holzarm, an dem das grosse Käsekessi hing, hin und her und stellte ein leises Quietschen fest. Er ging in die Scheune, holte die Ölflasche und schmierte das Scharnier. Jetzt war wirklich alles bereit.
Res verriegelte die Hütte und pfiff Kobi, dem schwarzen Labradormischling. Dieser kam nach einiger Zeit angetrottet. Allerdings eher ungern, denn er kaute an irgendetwas herum.
«Eine halbtote oder ganz tote Maus gefangen?», fragte Res. «Du bist ein echtes Raubtier.» Er strich Kobi mit seiner grossen, adrigen Hand über den Kopf. Dieser würgte das, was auch immer es war, herunter und wedelte.
«Na los, nach Hause oder Spaziergang?»
Kobi trabte auf dem schmalen Weg Richtung Tal.
«Faule Socke! Los, wir machen eine Runde.»
Res ging mit grossen Schritten den Trampelpfad der Kühe entlang. Der schmale Weg führte ihn über die Hochebene und über einen Hügel steil hinunter in den Wald. Kobi trabte voran, blieb immer wieder stehen, schnüffelte oder blickte zurück zu seinem Herrchen.
Res hörte tief unten in der Schlucht das Tosen des Bachs. Dann entdeckte er plötzlich die alte Waldhütte. Sie war ziemlich verfallen. Die Bretter hingen herunter, die Stürme und der Schnee hatten ihr in all den Jahren zugesetzt. Den nächsten Sturm würde sie kaum überstehen. Wie viele Stunden und Tage hatte er hier als Jugendlicher verbracht? Mit seinem Bruder, manchmal auch mit Schulfreunden.
Und mit Mädchen.
Wie geht es meinem Baum?, fragte er sich plötzlich. Res ging hinter die Hütte. Da bei der Feuerstelle stand er. Sein Vater hatte die Feuerstelle zusammen mit seinen Söhnen gebaut. Stein für Stein. Dann hatte sich der Vater an die grosse Tanne gelehnt, einen Stumpen angezündet, geraucht und zugeschaut, wie seine Buben Feuer machten. Oder es versuchten. Wie sie scheiterten und wie sie sich schliesslich stritten, weil es jeder besser wissen wollte, wie es geht.
Zu blöd, Feuer zu machen, hatte der Vater gemurmelt.
Res schluckte. Dann lächelte er. Später hatte er gelernt, Feuer zu entfachen. Es war ganz einfach. Und die Mädchen waren immer so beeindruckt. Ja, die Mädchen. Es war so unbeschwert damals.
Res betrachtete seinen Baum. Die Tanne. Er liess den Blick nach oben zur Baumspitze schweifen. Ein gesunder, starker Baum.
Erinnerungen. Viele Erinnerungen. Aber eine war ihm gerade ganz präsent. Er ging nochmals zur zerfallenen Hütte. Auf der Rückseite musste die Stelle sein. Die Holzwand war tatsächlich noch einigermassen intakt, durch die grosse Tanne war sie auch etwas geschützt. Res untersuchte die Bretter. Und er fand die Stelle. Er kratzte das Moos und den Dreck weg.
Da kam es zum Vorschein, das kleine Herz. Darunter war auch noch ein A und ein Plus-Zeichen zu erkennen. Doch der zweite Buchstabe fehlte. Er war verschwunden. Res untersuchte die Stelle ganz genau und stellte fest, dass jemand diesen Buchstaben herausgeschnitzt haben musste. Und zwar vor nicht allzu langer Zeit. Die Schnitte sahen frisch aus. Oder war im Sturm vielleicht ein Ast dagegen geknallt?
Egal. Es war nur eine Erinnerung. Aber eine wunderschöne. Eine an ein ganz besonderes Mädchen …
«Los, Kobi, weiter!»
Der Labradormischling trabte Richtung Tal. Doch Res pfiff ihn zu sich. Er wollte noch nicht zurück, er wollte zum Bach und dann den Berg hinauf. Er krempelte die Ärmel seines Flanellhemdes hoch und ging los. Aber er kam nur langsam vorwärts, weil er immer wieder über Stämme steigen musste, die am Boden lagen. Kobi hüpfte darüber und robbte manchmal auch unten durch.
Der Sturm hat ordentlich gewütet, stellte Res fest. Doch plötzlich kam ihm die Sache seltsam vor. Die Bäume lagen nicht alle in der gleichen Richtung am Boden, sondern kreuz und quer. Res betrachtete die Abbruchstellen. Und entdeckte Einschnitte einer Säge. Sie waren deutlich zu erkennen. Andere waren nur geritzt. Res wunderte sich. Was war hier los? Hatte er nicht kürzlich bei einem Bier im Pub von Kollegen gehört, dass in einigen Wäldern Bäume angeschnitten worden seien? Sie hatten dem keine grosse Bedeutung zugemessen. Darüber gelacht. Und spekuliert, dass Ausserirdische geheime Botschaften hinterlassen hätten …
Res durchquerte den Wald und erreichte den Bach. Das Wasser glitzerte, sprudelte über die Steine, Tausende Tropfen flogen in regelmässigen Bahnen durch die Luft. Weiter. Jetzt wieder steil bergauf. Res erreichte die Baumgrenze, ging immer weiter und war bald viel höher als die Alp. Hier oben lag zum Teil noch Schnee. Kobi rannte los und wälzte sich in einem Schneefeld. Res kam hinterher, stapfte durch den nassen Schnee, sank immer wieder ein. Er atmete schwer, aber es tat gut.
Immer weiter.
Dann stand er vor der Geröllhalde. Sie war nur zum Teil als Steinwüste zu erkennen, denn auf ihr lag noch sehr viel Schnee. Res ging weiter. Und Kobi hüpfte ihm hinterher. Hechelnd.
Res gönnte sich erst eine Pause, als er vor der Wand stand. Wieder viele Erinnerungen. Die Klettereien mit seinem Bruder. Der Unfall! Wie Stefan heruntergefallen war, sich am Bein verletzt hatte. Ein Donnerwetter vom Vater, eine Salbe von der Mutter, das war alles, was es gegeben hatte. Keinen Trost, keine Umarmung.
Warum nicht …?
Res liess sich in den Schnee fallen. Kobi kam zu ihm und leckte ihm übers Gesicht. Res drückte ihn an sich. Er spürte den schnellen Herzschlag des Hundes. Nach einiger Zeit wurde er ruhiger. Res wollte sich nur etwas ausruhen und dann nach Hause gehen. Er schloss die Augen. Nur kurz …
Als er aufwachte, war es schon ziemlich dunkel. Res fror. Er rollte die Ärmel seines Hemdes hinunter. Er hatte Durst und schob sich etwas Schnee in den Mund. Er stand auf und blickte um sich. Kobi war viel weiter unten, rannte jetzt aber zu ihm herauf.
Res wollte ihm entgegengehen, doch dann entdeckte er Skispuren. Sie stammten wohl von den letzten Tourenfahrern dieses Frühlings. Res folgte ihnen. Sie führten der Felswand entlang zur Krete. Dort verloren sie sich. Die Stürme hatten den Schnee weggetragen. Wahrscheinlich hatte sich auf der Krete eine gefährliche Wächte gebildet, ein gefährlicher Überhang aus Schnee. Trotzdem ging Res weiter.
Nicht nach Hause. Er konnte nicht. Es trieb ihn weiter bergauf.
Auf der anderen Seite des Bergkamms musste dieser Couloir sein – der Eiskanal. Dieser enge Korridor zwischen den Felsen, im Winter ein Adrenalinkick für gute Skifahrer.
Am Himmel funkelten die ersten Sterne. Die Venus strahlte hell. Die schmale Sichel des Mondes erhob sich über dem Horizont. Wind kam auf. Res ging weiter Richtung Krete. Kobi blieb vor dem nächsten Schneefeld stehen, liess Res vorbei und machte keinen Schritt weiter.
«Los, komm, wir gehen da lang!», rief Res.
Doch Kobi bewegte sich nicht mehr. Er bellte. Wedelte. Bellte erneut. Drehte sich um und trabte den Berg hinunter. Blieb wieder stehen und kläffte. Er streckte dabei die Vorderpfoten aus und duckte sich.
Res stapfte durch das Schneefeld. Weiter Richtung Krete und dann diesen Kanal hinunter! Nein, unmöglich! Der Eiskanal war viel zu steil, fast senkrecht. Er würde ihn schon gar nicht erreichen. Denn jetzt erkannte er deutlich die mächtige Wächte. Wenn er sie betreten würde, würde er einbrechen, eine Lawine aus Eis, Nassschnee und Steinbrocken auslösen.
Trotzdem trieb es ihn weiter.
Hier war es also passiert. Hatte seine Mutter wirklich nur den Adrenalinkick gesucht? Sie war eine ausgezeichnete Skifahrerin, sie kannte jede Abfahrt, jede Route, jeden Stein, jeden Baum. Auch den Eiskanal.
«Dieser verdammte Eiskanal», murmelte Res.
Tanze mit dem Schnee, hatte seine Mutter immer gesagt. Und war über den Schnee geschwebt, hatte ihre langen Haare im Wind herumwirbeln lassen und vor Freude laut gejauchzt und gesungen.
Hatte sie geschrien, als sie in den Tod stürzte?
Res zog es weiter. Kobi war ihm jetzt doch gefolgt, bellte ihn aber immer wieder an.
«Du findest den Weg nach Hause auch ohne mich», rief Res dem Labradormischling zu. Dieser kauerte im Schnee und kläffte nun ununterbrochen.
Doch Res ging weiter. Er sank immer tiefer ein. Manchmal bis zu den Oberschenkeln. Hier lag deutlich mehr Schnee. Res spürte Felsen unter seinen Füssen. Noch stand er also nicht auf der Wächte, nicht über dem Abgrund. Er machte vorsichtig einen Schritt. Sank erneut ein. Fand aber wieder Halt.
Er hörte ein leises Grollen. Dann Steine aufschlagen. Sie stürzten auf der anderen Seite des Kamms den Eiskanal hinunter. Die Aufschläge wurden immer leiser, aber sie waren noch lange zu hören. Die Furche war tief.
Noch einen Schritt. Noch immer fester Boden unter dem Schnee.
Weiter! Weiter! Res hörte das Bellen des Hundes nicht mehr.
Plötzlich eine Frauenstimme. Sie rief seinen Namen, seinen Taufnamen. «Andres!» Die Stimme kam ihm bekannt vor. Er schaute sich um. Aber niemand war zu sehen.
«Andres!»
Res blieb stehen. Keuchte. War es die Stimme seiner Mutter? Er war sich nicht sicher. War es möglich, dass er sich nicht an ihre Stimme erinnern konnte? Egal. Er ging weiter. Er musste weitergehen. Jetzt. Der Wind wurde stärker. Es war ein eiskalter Wind.
«Andres!»
Noch ein Schritt. Wieder spürte er festen Boden. Weiter! Der nächste Schritt …
Kein fester Boden mehr.
«Andres!»
1
Selma wollte gerade den Spachtel mit der roten Farbe auf ihrer Leinwand ansetzen, als sie im Treppenhaus ein Poltern hörte. Sie ignorierte den Lärm und strich mit dem Spachtel schwungvoll von links nach rechts über die aufgespannte Fläche. Dann kniff sie die Augen zusammen und stellte zufrieden fest, dass zumindest der Anfang vielversprechend wirkte.
Es polterte erneut im Treppenhaus. Selma seufzte und wartete. Sie ahnte, was jetzt kommen würde.
«Mon dieu!» Es war die Stimme ihrer Mutter. Solange ihre Mutter noch «Mon dieu» rufen konnte, war alles halb so schlimm. Selma blieb ruhig und wartete auf den nächsten Einsatz ihrer Mama.
«Selmeli!»
«Voilà», murmelte Selma und verdrehte die Augen. Sie konnte es nicht leiden, wenn ihre Mutter sie mit «Selmeli» ansprach. Der Kosenamen erinnerte sie zu sehr an das alte Basler Stadtoriginal Selmeli – jene gute Seele, die immer an der Herbstmesse Popcorn verkauft und Geld für benachteiligte Kinder, Jugendliche und Senioren gesammelt hatte.
«Selmeli!», rief Mutter erneut. Selma legte den Spachtel auf die Farbpalette. Sie kniff noch einmal die Augen zusammen und stellte sich nun den nächsten Strich auf der Leinwand vor. Er müsste dieses Mal von rechts nach links führen. Und nach oben …
«Selmeli!» Und einige Sekunden später ein energisches: «Selma!»
Das war nun das entscheidende Stichwort. Selma wischte sich die Hände am Schurz ab, öffnete die Türe des Malateliers im Dachgeschoss, schaute ins Treppenhaus hinunter und rief: «Mama? Alles in Ordnung?»
Keine Antwort. Was Selma aber nicht erschreckte. Es war schliesslich nicht der erste Treppensturz ihrer Mutter. Selma kletterte die steile Holztreppe bis zu ihrer Wohnung im dritten Stock hinunter. Hier begann das eigentliche Treppenhaus mit Handlauf. Selma setzte sich auf den Handlauf und rutschte gekonnt zum zweiten Stock hinunter.
«Charlotte! Was ist passiert? Bist du verletzt?» Das war Leas Stimme, der Coiffeuse aus dem Erdgeschoss, die dort ihren Salon hatte.
Selma rutschte vom zweiten in den ersten Stock.
«Danke, Lea, sehr nett. Meine Tochter kann oder will mich nicht …»
«Ich bin da, Mama!», rief Selma und rutschte noch eine Länge Richtung Erdgeschoss. Lea half Charlotte gerade beim Aufstehen. Auf der Steintreppe lag eine Tasche mit Einkäufen. Zwei Brötchen und einige Kartoffeln waren herausgepurzelt. Eine Stufe höher lag ein Bund Pfingstrosen.
«Endlich», bemerkte Charlotte trocken und schaute Selma finster an.
«Hast du dir weh getan?»
«Natürlich nicht», sagte Charlotte geistesabwesend, denn sie war ganz darauf konzentriert, ihre langen, bordeauxrot lackierten Fingernägel zu begutachten. «Glück gehabt, meine Nägel sind heil geblieben. Aber meine Frisur sitzt wohl nicht mehr korrekt.»
Lea strich einige der weissen Strähnen von Charlotte Legrand-Hedlunds Haaren zurecht: «Alles bestens, Charlotte. Obwohl, wir müssten deine Bob-Frisur mal wieder ein bisschen in Schuss bringen.»
«Hach, Lea», meinte Charlotte in einem deutlich höheren Tonfall. «Was bist du doch für ein geschäftstüchtiges Fräulein.» Sie warf Selma einen strengen Blick zu: «Da könntest du von deiner Freundin etwas lernen.»
«Mama, ich arbeite! Ich war am Malen.»
«Ja, ja, die brotlose Kunst.»
Selma sammelte die Brötchen und die Kartoffeln ein, legte sie in die Tasche und schnappte sich dann die Pfingstrosen.
«Die sind übrigens für dich», sagte Charlotte lakonisch. «Damit wenigstens ein bisschen Farbe in dein Leben kommt.»
«Meine schwarze Phase ist längst vorbei. Ich male jetzt wieder mit allen möglichen Farben.»
«Aha, schön, gratuliere. Ich habe aber nicht die Farben auf der Leinwand gemeint, sondern die Farben in deinem Leben.»
Selma verkniff sich jeden Kommentar, weil sie keine Lust hatte, die immer gleichen Diskussionen zu führen. Vor allem nicht vor ihrer Freundin Lea. Stattdessen fragte sie ihre Mutter, ob sie Doktor Werner anrufen solle.
«Nicht nötig, François hat sicher Wichtigeres zu tun, als sich um eine alte Schachtel zu kümmern. Im Übrigen ist nur meine Strumpfhose am Knie etwas lädiert.»
Selma führte ihre Mutter in deren Wohnung im ersten Stock und setzte sie aufs alte und etwas abgewetzte Biedermeier-Sofa. Das Sofa passte so gar nicht in Charlottes Wohnung mit all den weissen Möbeln im schwedischen Landhausstil. Und sonderlich bequem war es auch nicht. Aber es war halt ein Erbstück der Legrands.
Selma begutachtete das linke Knie. Aus dem Badezimmer holte sie einen Wundspray und ein Pflaster und behandelte die kleine Schürfung. «Die Strumpfhose ist futsch, aber das Knie ist so weit in Ordnung», diagnostizierte Selma.
«Die Strumpfhose kann man doch noch flicken», räsonierte Charlotte.
«Sie ist gerissen, Mama. Aber zum Glück ist dir nichts passiert. In einigen Tagen sollte die Wunde verheilt sein.»
«In meinem Alter dauert das Wochen, Liebes. Jetzt kann ich wieder nur schwarze Strumpfhosen anziehen und sehe aus wie eine alte Tante.»
«Du kannst ja auch Hosen anziehen. Aber nicht die engen! Du musst halt mal die weiten aus der Kommode ausgraben, okay?»
Charlotte warf ihrer Tochter nur einen grimmigen Blick zu.
«Und Mama», fuhr Selma fort, «wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst keine schweren Taschen die Treppe hinaufschleppen? Und dann noch in diesen Schuhen! Du bist doch schon einige Male gestolpert.»
«Was ist denn mit meinen Schuhen?», fragte Charlotte empört, stellte ihren rechten Fuss schräg und betrachtete lächelnd ihre schwarzen Pumps.
«Das sind High-Heels!», sagte Selma.
«Aber, aber, Liebes. Ich bitte dich!»
«Für eine ältere Dame sind fünf Zentimeter hohe Absätze High-Heels.»
Charlotte Legrand-Hedlund zog ihren Fuss zurück, erhob sich mit einem leisen Stöhnen und zog ihren enganliegenden, hellblauen Jupe nach unten. Energisch meinte sie zu ihrer Tochter: «Keine Diskussion. Und nein, ich werde niemals ins Altersheim gehen. Nur falls du beabsichtigst, dies in deiner Ansage noch zu erwähnen. Das Altersheim ist zu teuer. Zudem müssten wir dann diese Wohnung neu streichen, um sie überhaupt vermieten zu können.»
«Einfach die Wände anpinseln hilft nicht, Mama. Wir müssten eigentlich das ganze Haus sanieren.»
«Eben.»
Charlotte zog ihre Pumps aus und humpelte in die Küche. Selma holte die Einkäufe und half ihr beim Einräumen.
«Danke», sagte Charlotte schliesslich. «Und vergiss die Pfingstrosen nicht, Selmeli.»
«Ja, Mama. Danke. Und bitte, zum tausendsten Mal, nenn mich nicht Selmeli, vor allem nicht vor anderen Leuten. Es nennt mich niemand mehr Selmeli.»
«Ach was, Liebes.»
Ja, es gab tatsächlich noch jemand, der Selma Legrand-Hedlund Selmeli nannte. Und sie auch durchaus wie ein kleines Mädchen behandelte. Aber von dem hatte sie schon länger nichts mehr gehört.
2
Gedankenverloren stieg Selma die Treppe hinauf. Im zweiten Stock blieb sie kurz stehen, legte ihr Ohr an die Wohnungstüre. Es war nichts zu hören.
Wie viele Jahre waren vergangen, als sie das letzte Mal in dieser Wohnung war? Wie es da drin wohl aussah? Hatte ihre Mutter sie jemals wieder betreten? Selma wusste es nicht. Und getraute sich auch nie, danach zu fragen. Das war ein schwieriges Thema. Ein ganz, ganz schwieriges. Elin, Selmas jüngere Schwester, hatte an einem Heiligen Abend einmal gefragt. Ausgerechnet am Heiligen Abend!
Charlotte Legrand-Hedlund hatte danach kein Wort mehr gesprochen. Dafür hatte sie im Wandtresor nachgeschaut, ob der einzig bekannte Schlüssel zu dieser Wohnung noch dort lag. Zuvor hatte sie einen Hofknicks gemacht, denn der Tresor war hinter einem Gemälde von Gustav IV Adolf versteckt, dem abgesetzten schwedischen König, der anfangs des 19. Jahrhunderts für einige Zeit in Basel im Exil gelebt hatte.
Selma ging hinauf zu ihrer Wohnung, stellte die Pfingstrosen in eine Vase und schaute zum Fenster hinaus auf den Rhein. Ihre Gedanken rotierten. Irgendwann würde ihre Mutter schon einsichtig werden. Es pressierte zwar nicht, Charlotte war gesund und mobil und würde eigentlich auch nicht stolpern. Wenn sie statt Pumps endlich flache Schuhe tragen würde. Aber die High-Heels konnte man ihr nicht wegnehmen, schliesslich war Charlotte Legrand-Hedlund eine Dame. Ja, sie war wirklich eine.
Und auch wenn sie durchaus noch viele Jahre in ihrem geliebten Haus «Zem Syydebändel» würde leben können – für Selma war es höchste Zeit, sich zumindest um eine Alterswohnung oder ein Altersheim zu kümmern und vielleicht sogar einen Platz zu reservieren. Im Alter konnte immer etwas passieren. Selma oder Lea waren nicht immer im Haus und konnten helfen. Natürlich würde man Betreuung und Hilfe organisieren können, trotzdem: Selma war es einfach nicht wohl. Aber da kämpfte sie nicht nur mit ihrer Mutter, auch ihre Schwester Elin sträubte sich. Eine Legrand-Hedlund geht niemals in ein Altersheim, lautete Elins Devise.
«So ein Blödsinn», murmelte Selma. «Dieser falsche Familienstolz! Nur weil unser Grossvater und unser Vater in diesem Haus gestorben sind.»
Sie drehte sich um und ging langsam auf und ab. Das alte Parkett knarrte. Welche Geheimnisse sind wohl in dieser Wohnung im zweiten Stock versteckt?, fragte sie sich. Und vor allem: Woher kommen die seltsamen Geräusche, die Schritte, die sie nachts manchmal hörte?
Plötzlich hatte Selma das Bedürfnis, an die frische Luft zu gehen.
«Warte!», rief Lea, als Selma bereits draussen war. «Willst du den Malschurz nicht mit einer Jacke tauschen?»
Selma bemerkte ihren Fauxpas erst jetzt und kam zurück.
«Aber Madame», sagte Lea schnippisch und lachte. «Eine Legrand-Hedlund im Malschurz in der Öffentlichkeit!»
«Ein Skandal», gab Selma zurück. «Ein Fasnachtssujet!»
«Und nimm die Haarklammer ab, Süsse.»
«Oh! Ich brauch eh eine neue Frisur. Wann hast du Zeit?»
«Für dich immer. Wenn es sein muss, jeden Tag.»
Die beiden Frauen lachten. Dann spurtete Selma die Treppe hinauf, schlüpfte aus der Malschürze, schnappte sich ihre Jeansjacke, nahm die Haarklammer ab, wuschelte ihre dunkelbraunen Haare und rutschte wieder die Geländer hinunter.
Sie machte von ihrem Haus «Zem Syydebändel» einen Spaziergang über die Mittlere Rheinbrücke ins Kleinbasel. Von dort schlenderte sie flussaufwärts in Richtung Wettsteinbrücke. Ihre Gedanken waren immer noch bei ihrer Mutter und der ganzen Familiengeschichte. Als sie gerade unter der Wettsteinbrücke durchging, erhielt sie ein Whatsapp von Marcel. Er fragte sie, ob sie Zeit und Lust für einen Kaffee hätte.
Sie hatte Zeit. Und mit Marcel käme sie wenigstens auf andere Gedanken. Also drehte sie um und ging zurück.
Selma und Marcel trafen sich in der Confiserie Seeberger an der Schifflände, ganz in der Nähe des Hauses der Legrand-Hedlunds am Totentanz. Marcel biss gerade in einen Buttergipfel, als Selma auftauchte. Schnell schluckte er und wischte sich den Mund sauber, um Selma mit drei Küsschen zu begrüssen.
«Was macht die Kunst?», fragte Marcel.
«Was macht die Linie 16?», fragte Selma zurück. Marcel arbeitete bei den Basler Verkehrs-Betrieben als Wagenführer und Chauffeur. Da Marcel an der Schifflände seine Pause verbrachte, ging Selma davon aus, dass er gerade auf der Linie 16 gewesen war. Schliesslich war hier Endstation dieser Linie, und die Fahrerinnen und Fahrer machten hier oft den Schichtwechsel.
«Bin heute mit dem Bus unterwegs. Komme von der Linie 36. Aber nun erzähle! Ich spüre es: Dich bedrückt etwas.» Marcel verschlang gierig den Rest des Croissants.
«Mein lieber Hobby-Psychologe …»
Marcel hob den Zeigefinger, kaute, schluckte und meinte dann: «Diese Croissants! Herrlich. Aber …», er klopfte sich auf seinen wirklich nicht dicken Bauch, «sie machen dick. Okay, Selma. Ich bin kein Hobby-Psychologe, sondern Psychologe ausser Dienst.» Marcel lächelte und nippte an seiner Kaffeetasse. «Das macht einen sehr grossen Unterschied.»
Selma bestellte sich einen Latte Macchiato und löffelte genüsslich den Milchschaum ab.
«Na los, was ist?», hakte Marcel nach.
«Nichts. Alte Familiengeschichte. Meine Mama ist heute Morgen gestürzt. Sie hat sich nicht wirklich verletzt, veranstaltete aber das übliche Tamtam.»
«Hast du heute schon gemalt?»
«Ich hatte gerade angefangen, als …»
«Mit welcher Farbe?», unterbrach Marcel.
«Rot.»
«Rot?» Marcel runzelte die Stirn und wollte gleich noch etwas sagen.
«Stopp, stopp!», intervenierte Selma. «Wenn du jetzt den dämlichen Spruch ‹Rot wie die Liebe› bringst, nenn ich dich wirklich nur noch Hobby-Psychologe.»
«Ich könnte dir jetzt einen längeren Vortrag halten. Über Goethes Farbenlehre und deren Bedeutung für den Menschen.»
Selmas dunkelbraune Augen funkelten. Sie mochte Marcel einfach. Sie mochte ihn sogar sehr. Seinen feinen Humor, seine Empathie, seinen Intellekt. Auch wenn er manchmal ein kleiner Klugscheisser sein konnte. Wie damals, als sie ihn im Tram kennengelernt hatte.
Selma lächelte. Plötzlich hob sie ihre Hand und hielt sie an ihre rechte Wange, tat so, als wollte sie sich mit dem Ellbogen auf dem Tisch abstützen. Doch Marcel ergriff ihre Hand und zog sie weg. Selma versuchte ihr Lächeln zu unterdrücken, was ihr aber nicht gelang. Sie prustete laut drauflos.
«So gefällst du mir.»
Selma beruhigte sich und sagte: «Du weisst, dass ich das blöde Grübchen in meiner Wange nicht mag.»
«Und du weisst, dass ich es liebe. Es macht dein Lächeln einzigartig.»
«Du alter Charmeur», meinte Selma und strich Marcel über die Wange. Sie spürte winzige Stoppeln: «Oh, hat es heute Morgen für die Rasur nicht mehr gereicht?»
«Frühdienst. Musste um …»
«Entschuldige», unterbrach ihn Selma und kramte ihr Handy aus der Jackentasche. Sie betrachtete das Display und sagte: «Da muss ich rangehen.» Sie stand auf und rückte ihren Stuhl beiseite.
«Du kannst auch hier telefonieren», meinte Marcel erstaunt. «Wir haben doch keine Geheimnisse voreinander.»
«Das nicht. Aber du kennst ja den Typen, der anruft. Der schreit so laut ins Telefon, dass alle Gäste mithören können.»
Marcel verdrehte nur die Augen.
3
«Selmeli, was für eine Freude!», schrie der Kerl im breitesten Berner Dialekt ins Telefon. «Mein Mäuschen! Oder Myysli, wie man bei euch in Basel sagt. Wie geht es dir?»
«Jonas! Schön von dir zu hören, wie immer laut und deutlich. Warte bitte kurz.» Selma schaute nach rechts und links, überquerte den Fussgängerstreifen und ging zur kleinen Plattform oben an der Treppe, die zu den Rheinschiffen hinunterführte. «Voilà, da bin ich. Wie geht es dir?»
«Ach, Selmeli, wie soll es einem alten, verbrauchten Kerl schon gehen? Meine Zeit ist vorbei. Mir fehlt eine Muse, ein Mäuschen! Eines wie du.»
«Lass gut sein, Jonas. Erstens bist du nicht alt, zweitens bin ich nicht jung, drittens bin ich kein Mäuschen und viertens heisse ich Selma.»
«Selmeli, Kleines …»
«Und klein bin ich auch nicht.»
«Du weisst, dass ich auf grosse Frauen stehe. Ha! Wir wären ein grossartiges Paar, Selmeli. Entschuldige, Selma natürlich, Madame Selma Legrand-Hedlund, alte schwedische Königsdynastie, veredelt mit französischem Adel und im noblen Basler Daig sess- und fresshaft geworden.» Jonas Haberer lachte. Er lachte so laut und unangenehm, dass Selma ihr Handy vom Ohr nehmen musste. Einige Passanten schauten irritiert zu ihr, lächelten dann aber. Selma lächelte verlegen zurück. «Wie geht es der Frau Mama?», wollte Jonas Haberer wissen, nachdem er sich beruhigt hatte.
«Danke der Nachfrage, alles bestens.»
«Sie nennt dich ja auch Selmeli.»
«Jonas, was kann …»
«Grüsse deine Mama ganz lieb. Eine wirklich entzückende Dame. Und so attraktiv.»
«Ich werde es ausrichten. Was kann ich für dich tun?»
«Ja, du hast recht, Selmeli, lassen wir den Quatsch mit den Nettigkeiten. Ich habe Arbeit für dich.»
«Lass hören.»
«Keine grosse Sache, bringt aber ordentlich Kohle. Und dir wird der Job Spass machen.»
«Ich steige weder in die Gosse, noch mache ich eine Recherche im Milieu. Diese Zeiten sind vorbei.»
«Das waren aber schöne Zeiten. Nein, Selmeli. Die Gesellschaft ‹Service Versicherungen› will für ihr Kundenmagazin eine Reportage über ein Schweizer Alpwirtschaft. Berner Oberland. Romantik. Alles gut. Alles schön. Tolle Fotos, himmelblau, einige Filme dazu, Clips – Bewegtbilder, wie man das heute nennt. Bewegtbilder, was für ein dämlicher Ausdruck!» Wieder prustete Jonas Haberer los, diesmal aber nur kurz. «Eben. Bewegtbilder. Und natürlich einen literarisch-geschwollenen Schönwettertext, wie nur du ihn schreiben kannst, Kleines.»
«Klingt gut.»
«Ha! Der alte Haberer wusste, dass dir das gefällt. Vielleicht verkaufe ich die Reportage später noch einem deutschen Hochglanzmagazin. Landluft, Landmist und wie diese Heftli alle heissen. Sennen sind hipp, das Alpleben liegt im Trend. Wird toll! Bist du dabei?»
Vor ihrem fotografischen Auge stellte sich Selma bereits die schönen Bilder vor, die sie machen würde. Also sagte sie zu.
«Wunderbar. Nächste Woche geht es los. Wenn das Wetter mitspielt. Du musst nichts machen. Der alte Haberer hat das Konzept bereits zusammengeschustert und wird es dir übergeben, wenn du mit dem Zug von Basel ins Berner Oberland tuckerst. Ich nehme an, du weigerst dich noch immer, mit dem Auto zu fahren, du grüne Gutmenschin.»
«Du kannst mir das Konzept auch mailen.»
«Papperlapapp! Ich bin nicht so digital, ich mag nicht immer e-mailen.» Er sprach das Wort absichtlich deutsch aus: e-mailen. «Der persönliche Austausch ist mir halt noch wichtig. Alte Schule, mein Mäuschen.»
Obwohl sie nicht wirklich begeistert war, sagte Selma zu. Schliesslich war Jonas Haberer ihr Auftraggeber. Und zudem war er es gewesen, bei dem sie das journalistische Handwerk gelernt hatte.
Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie nach dem Fotostudium an einer Akademie in Vevey am Genfersee auf dem Boden der Realität gelandet war. Da Werbung nicht ihr Ding war, wagte sie den Schritt in den Journalismus und träumte davon, eine weltbekannte Fotoreporterin zu werden. Auch wenn es nicht die ganz grosse Karriere wurde – Selma konnte sich in der Landschafts- und Porträtfotografie einen Namen schaffen. Und da sie dank Haberer und seinem damaligen Team auch eine gute Texterin und Rechercheurin geworden war, hatte sie heute den Vorteil, grosse Reportagen aus einem Guss abzuliefern.
«Schickst du mir wenigstens die Koordinaten per Mail, Jonas?», fragte Selma schliesslich. «Damit ich weiss, wann ich wo sein muss. Und ich mich auch noch ein wenig vorbereiten kann.»
«Geht klar, Selmeli. Geht klar, pass auf …» Haberer schien plötzlich abgelenkt zu sein, «… ich muss. Bonne journée.» Weg war er.
«Einen schönen Tag», wünschte auch Selma, obwohl die Verbindung bereits unterbrochen war. Typisch Haberer, sagte sich Selma, wenn er hat, was er will, ist man nicht mehr wichtig. Sie lächelte und liess den Blick über die Mittlere Brücke schweifen.
«Jonas Haberer, der Kotzbrocken», murmelte sie und musste lachen. So hatten sie und ihre Kolleginnen und Kollegen damals bei der Gratiszeitung «Aktuell» ihren Chef heimlich genannt: «Kotzbrocken Haberer.»
Selma ging zurück in die Confiserie. Marcel war aber bereits gegangen und bezahlt hatte er auch. Vielleicht musste er ja zu seiner zweiten Schicht. Also versuchte sie ihr Glück an der Eisengasse, der Bushaltestelle an der Schifflände. Und tatsächlich: Marcel richtete sich gerade im Cockpit eines Busses der Linie 33 ein.
«Excusez», sagte Selma, «hat etwas länger gedauert. Danke für den Kaffee.»
«Wenn dein Berner Schreihals Haberer anruft, geht es immer etwas länger. Kommst du mit?»
«Klar, eine Station, zum Totentanz.»
Marcel fuhr los und musste sich vorsichtig einen Weg durch die vielen Radfahrer erkämpfen. «Die Haltestelle beim Totentanz heisst übrigens Universitätsspital», korrigierte er Selma kurz darauf. «Aber du hast recht, früher war es tatsächlich die Haltestelle Totentanz.»
Selma erinnerte sich gerade an ihr erstes Zusammentreffen mit Marcel. Es lag schon gut zwei Jahre zurück, Selma hatte von der Schifflände zum Marktplatz mit ihrer schweren Fototasche einen 100-Meter-Sprint zurückgelegt, um das 8er-Tram zum Bahnhof noch zu erreichen, das an der Schifflände gerade losgefahren war. Sie war damals in eleganten Lackpumps mit ziemlich hohen Hacken unterwegs, weil sie im Kultur- und Kongresszentrum in Luzern an einer Musikgala die Solisten porträtieren musste. Am Marktplatz hatte der «8er» dann auf sie gewartet. Und Selma war nach vorne zum Fahrer gegangen und hatte sich bedankt. Der Fahrer war Marcel. Er hatte zu ihr gesagt, dass ihre Leistung, in High-Heels zu rennen, zwar beeindruckend, ihrer Gesundheit aber wenig förderlich sei. Klugscheisser!, hatte Selma gedacht. Doch bei der zweiten und dritten zufälligen Begegnung in einem Tram oder Bus hatte sich Marcel als durchaus charmant erwiesen. Und erst recht, als sie sich ebenso zufällig in der Confiserie Seeberger getroffen und das erste Mal einen Kaffee zusammen getrunken hatten.
«Für mich ist die Haltestelle Universitätsspital immer noch der Totentanz», sagte Selma jetzt. «Ist mir schleierhaft, warum man diese Haltestelle umgetauft hat. Schliesslich ist und bleibt das der Totentanz.»
«Ja, aber beim Totentanz liegt halt auch das Universitätsspital. Und ganz ehrlich, Selma: Möchtest du in ein Spital einrücken, dessen Bushaltestelle Totentanz heisst?»
«Du philosophischer Psychologe», foppte ihn Selma.
Marcel stoppte und öffnete die Türen: «Hast du von Haberer einen neuen Fall erhalten?»
Selma lächelte nur.
«Okay, wann geht’s los?»
«Bald. Ich melde mich.» Selma stieg aus und warf Marcel wie immer eine Kusshand mit den immer gleichen Worten zu: «Pass auf dich auf, mein Liebster.»
«Pass auf dich auf, meine Liebste.»
Selma ging durch den kleinen Park zu ihrem Haus am Totentanz und betrat Leas Coiffeursalon.
«Kannst du etwas machen?», fragte sie ihre Freundin und zupfte an ihren Haaren herum.
«Der Anlass?»
«Fotoreportage auf einer Alp.»
«Hm? Kurzhaarfrisur?»
Selma zog entsetzt die Luft ein.
«Na, dann kürze ich hinten und auf der Seite ein bisschen, so dass du einen schönen Schnitt hast, die Haare aber gut zusammenbinden oder hochstecken kannst. Falls du Kühe melken musst.»
«Kühe melken?»
«Das macht man doch auf einer Alp. Und käsen.»
«Ich fotografiere aber.» Noch einmal fuhr sie mit ihren Händen durch die langen Haare. «Also gut. Schneiden. Aber nicht zu kurz.»
«Keine Angst. Wie immer. Aber du musst noch ein bisschen warten. Habe gerade eine andere Kundin. Geniess in der Zwischenzeit die Kopfmassage.»
Eine Auszubildende wusch Selma die Haare und massierte gekonnt Selmas Kopf. Die Reporterin schloss die Augen und dachte an die wunderschöne Bergwelt und freute sich immer mehr über den Auftrag.
Ihr vibrierendes Handy holte sie in die Realität zurück. Nach dem die Auszubildende ihre Behandlung beendet hatte, warf Selma einen Blick auf ihr Smartphone. Haberer hatte ihr tatsächlich das Mail geschickt.
Die Alpwirtschaft, die sie besuchen sollte, lag bei Gstaad, oberhalb des Lauenensees. Selma spürte, wie ihr Puls schneller wurde.
Haberer hatte auch den Namen der Bauernfamilie geschickt.
Selma bekam Herzrasen.
4
Die Reporterin wuchtete den schweren Rucksack auf die Ablage des Zugabteils und liess sich in den Sitz plumpsen. Aus ihrem zweiten kleinen Rucksack, den sie als Handtasche verwendete, kramte sie das Handy hervor und wollte es gerade einschalten. Im noch dunklen Bildschirm erkannte sie aber ihr Spiegelbild und konnte nicht anders, als einmal mehr ihre Frisur zu überprüfen. Um sich besser zu sehen, schaltete sie das Smartphone ein, wählte in der Foto-App den Selfie-Modus und sah sich nun auf dem Display wie in einem Spiegel. Nein, sie konnte sich mit ihrer Frisur einfach nicht anfreunden. Lea hatte in den vergangenen Tagen noch drei Mal Hand anlegen müssen. Das letzte Mal kurz vor der Abreise. Die Coiffeuse hatte sie ausdrücklich davor gewarnt, dass ihre Haare irgendwann zu kurz sein könnten.
Nun war es definitiv so weit. Die Haare waren zwar noch knapp schulterlang, aber für Selma definitiv zu kurz.
Sie versuchte es zuerst mit einem Haargummi, dann mit einer Klammer, mit einem Haarreif, schliesslich mit der Sonnenbrille, die sie sich ins Haar steckte – sie fand alles doof. Also schüttelte sie ihre Haare und klickte auf dem Handy die Foto-App weg. Sie wollte sich nicht mehr sehen.
Der Zug fuhr an. Selma legte das Smartphone zur Seite und schaute zum Fenster hinaus. Was für ein schöner Sommertag! Mit der vorbeiziehenden Landschaft flogen Selmas Gedanken davon. Zurück in ihre Jugend. In das Chalet im Saanenland, das ihre Familie so oft im Sommer oder im Winter gemietet hatte. Sie erinnerte sich an all die Wanderungen, die ihr damals so endlos lange und mühsam vorgekommen waren. An ihren Vater Dominic-Michel, den leidenschaftlichen Berggänger, der die Familie angetrieben und stets das Tempo vorgegeben hatte.
Selma musste lachen. Sie sah vor ihrem inneren Auge gerade das verbissene Gesicht ihrer Mutter, wie sie wortlos hinterherkraxelte.
Dann gab es diese Bauernfamilie in der Nachbarschaft. Der mürrische Vater und die lebenslustige Mutter mit den schönen, langen, goldschimmernden Haaren. Und die beiden Buben, die Elin so blöd fand. Fand sie sie wirklich blöd? Ach, Elin war doch einfach noch zu jung. Selma dagegen …
Die Kohlers. So hiessen sie. Was ist aus ihnen geworden?, fragte sich Selma. Sie hatte im Internet gesucht, aber nichts gefunden. Waren es wohl dieselben Kohlers, die sie jetzt besuchen würde? Würde sie ihn tatsächlich wiedersehen, den älteren der beiden Brüder?
Ihr Herz klopfte sofort wieder schneller. Nervös drehte sie an dem silbernen geflochtenen Ring an ihrer rechten Hand.
Im Bahnhof Bern marschierte Selma zum Treffpunkt und schaute sich nach Jonas Haberer um. Es erstaunte sie nicht, dass er noch nicht da war. Menschen kamen und gingen, einige rannten, andere standen wie die Reporterin etwas ratlos herum und warteten. Ein lautes Stimmengewirr, jemand rief nach jemand anderem, einer johlte – und plötzlich vernahm Selma ein vertrautes Geräusch.
Klack – klack – klack.
Sie drehte sich um, erblickte Jonas Haberer und wurde sogleich unsanft umarmt.
«Selmeli!», schrie ihr Haberer ins Ohr. «Du bist ja noch schöner geworden.»
Selma löste sich aus der Umarmung und schaute Jonas Haberer auf die Füsse. «Sag nicht, dass du immer noch die gleichen, roten Cowboystiefel trägst wie damals?»
«Aber natürlich. Die sind in der Zwischenzeit mit meinen Füssen verwachsen.» Haberer lachte laut und ordinär und schob Selma in Richtung Rolltreppe. Klack – klack – klack. Seine schweren Schritte übertönten beinahe den Lärm der Bahnhofshalle und zogen viele Blicke auf sich.
«Am liebsten hätte ich ein Bier, aber es ist wohl noch zu früh dafür. Feiern wir unser Wiedersehen also mit Kaffee.»
In einem Bistro zeigte Jonas Haberer Selma das Konzept der Alpreportage und präsentierte ihr auch schon ein Layout.
«Das habe ich den Versicherungsmenschen gezeigt», erklärte Haberer. «Sie waren begeistert! Heile Welt. Sonnenaufgang. Sonnenuntergang. Alpsegen! Mond. Sterne. Kühe, Käse, Jungtiere, Jö. Dazu naturverbundene, schöne Menschen. Und fröhlich müssen sie sein. Sie sind ja gut versichert, du weisst, was ich meine?»
«Also eine Werbereportage?», stellte Selma trocken fest.
«Das darfst du nicht so sehen, Selmeli. Wir Journalisten müssen anders denken als früher. Moderner.»
«Moderner? Aha.»
«Genau. Pass auf, die bezahlen gut für diese Reportage. Wirklich gut. Und es ist eine schöne Sache. Das leistet sich doch sonst kein Magazin mehr heute, ausser es hängt am Tropf einer Geldmaschine. Also! Und dann verkaufe ich die Reportage später lukrativ weiter. Das geht für die Leute von ‹Service Versicherungen› in Ordnung. Habe ich extra für dich so ausgehandelt.»
Jonas kramte noch einige Unterlagen aus seiner Ledertasche. «Der alte Haberer hat schon recherchiert und einige Zahlen und Fakten zur ganzen Alpwirtschaft zusammengestellt. Damit du dich ganz auf tolle Bilder und ein paar nette Aussagen der lustigen Älpler konzentrieren kannst. Bin ich nicht toll?»
«Warum machst du die Reportage nicht selbst?»
«Ich kann weder fotografieren noch habe ich Lust auf Berge. Zudem muss ich für einige Politiker ein paar Reden schreiben und irgendwelche Lügenkommuniqués aufsetzen. Ich bin mittlerweile ein ziemlich guter Fake-News-Produzent.» Wieder lachte Haberer laut und unangenehm.
«Du hast zwar die Seiten gewechselt, bist aber immer noch der Gleiche wie früher.»
«Ich bin noch genau der Gleiche. Und glaubst du wirklich, mir macht das Spass? Mein Haudegen-Journalismus ist heute zwar nicht mehr gefragt, aber ich bleibe eine Boulevard-Ratte.» Haberer kramte noch ein Papier hervor: «Das habe ich auch noch gefunden.» Er schob es Selma zu.
Die Reporterin las die Überschrift aus dem «Anzeiger von Saanen»: «Der Baumfrevler hat wieder zugeschlagen.»
Haberer strich seine halblangen, fettigen Haare glatt, neigte sich zu Selma und flüsterte: «Na, kribbelt’s wieder? Baumfrevler sind ein gutes Thema für uns Journalisten. Baumfrevler, Baumtöter und Baumquäler lassen die Emotionen hochkochen. Wie Tierquäler und andere Irre. Das gibt Auflage, Klicks, Quoten. So eine Geschichte ist ein …»
«Jonas!», unterbrach Selma. «Ich sollte doch fröhliche und gut versicherte Menschen porträtieren.»
«Ja, genau. Aber kannst dich ja trotzdem ein bisschen umhören.»
Jonas Haberer stand auf, knallte das Geld für die beiden Kaffee auf den Tisch und verabschiedete sich.
Klack – klack – klack.
Selma schaute ihm nach und lachte.
5
Je höher sich der Zug das Tal hinaufwand, desto höher schlug Selmas Herz. In Zweisimmen hatte sie noch einmal umsteigen müssen, jetzt sass sie in einem Panoramawagen der Montreux-Oberland-Bahn Richtung Gstaad und konnte die Aussicht geniessen.
Die Erinnerungen flogen ihr nur so zu: Dort entdeckte sie einen Wanderweg, von dem sie sicher war, ihn schon abgelaufen zu sein. Und da war doch dieser Hang, den wir im Winter mit den Skiern hinuntergesaust sind, sinnierte Selma.
Der Zug erreichte Saanenmöser. Selma drückte sich fast die Nase am Fenster platt. Denn jetzt glaubte sie wirklich, all die geheimen Wege und Pfade zu entdecken, die sie und Elin im Winter auf ihren Abfahrten vom Hornberg erkundet hatten. Nächster Halt Schönried, der Blick hinauf zum Horneggli. Und wieder die schönen Erinnerungen. Wie es dem weissen Elefanten oben auf dem Gipfel wohl gehen mag, von dem ihre Skilehrerin Edith immer erzählt hatte, fragte sich Selma. Edith, die Frau des mürrischen Bauern, die Mutter der beiden Nachbarsbuben, die Frau mit den schönen langen Haaren, die Selma so bewundert hatte. Die so schön golden glänzten. Die in der Luft herumwirbelten, wenn sie elegant und leicht die Piste herunterwedelte und den Kindern immer zurief: «Ihr müsst tanzen!»
Ja, der weisse Elefant und all die Zwerge und Fabelwesen, von denen Edith immer behauptet hatte, dass es sie ganz sicher gebe. Man müsse nur genau hinschauen, Freude empfinden und ein offenes Herz haben. Dann würde man sie sehen. Elin und Selma waren sich sicher, die Wesen entdeckt zu haben. Schliesslich waren sie auch davon überzeugt, ein offenes Herz zu haben.
Selma angelte ihr Handy aus dem kleinen Rucksack und schrieb ihrer Schwester ein Whatsapp: «Hei, Elin! Rate mal, wo ich bin: Erinnerst du dich an die Heimat des weissen Elefanten und all der anderen Fabelwesen? Liebe Grüsse, Selma.»
Der Zug fuhr nun langsam hinunter nach Gstaad. Selma bewunderte diese liebliche Märchenlandschaft mit den vielen Hügeln und Bergen, den fetten grünen Wiesen und den mächtigen Tannen.
Ihr Handy vibrierte: «Hei, grosse Schwester. Du bist in Gstaad, ich weiss. Mama hat’s gesagt. Ihr geht es übrigens nicht so gut. Sie hat Schmerzen wegen ihres Treppensturzes. Sie ist jetzt bei uns. Liebe Grüsse, Elin.» Selma antwortete nicht. Ihre gute Laune wurde gerade etwas getrübt. Typisch Charlotte: Kaum war sie weg, musste sie Elin anrufen und ihr ihr Leid klagen.
In Gstaad stieg Selma gleich ins Postauto um, das nach Lauenen fuhr. Allerdings nahm sich Selma vor, vor ihrer Heimreise noch durch den mondänen und weltbekannten Touristenort zu schlendern, um festzustellen, was sich in Gstaad in all den Jahren geändert hat. Gab es diese Bäckerei mit den leckeren Streuselkuchen noch? Die Käserei, in der Selmas Vater in bester Ferienlaune immer drei oder vier Kilo Bergkäse eingekauft hatte? Käse, den zu Hause in Basel niemand mehr essen wollte und den die Mutter schliesslich über mehrere Wochen in Gratins, Aufläufen und Käseschnitten verarbeitete.
Und gab es auch diese Boutique mit all den Scherenschnitten noch? Scherenschnitte als Bilder, aber auch gedruckt auf T-Shirts, Tassen und Tellern. Selma war fasziniert von diesem traditionellen Kunsthandwerk, das im Saanenland noch immer gelebt wurde. Ihr gefielen die Motive: Alpszenen mit Menschen und Tieren. Und vor allem mit Bäumen. Mit mächtigen, starken Bäumen, die oft im Zentrum der Motive standen oder gar das Grundmotiv darstellten. Auf den Ästen spielten sich dann die Szenen aus dem bäuerlichen Leben ab, auf ihnen standen Menschen, Tiere, Häuser.
Sie wollte unbedingt in diesen Laden! Denn dort wurden auch Trachten angeboten. Wie hatte sie sich doch als junges Mädchen eine Tracht gewünscht und sich vorgestellt, einmal mit einer echten Saanegeiss am Seil an einem Alpabzug teilzunehmen.
Bei der Dorfausfahrt Richtung Lauenen musste der Bus wegen eines Lieferwagens kurz anhalten. Da entdeckte Selma am Strassenrand mehrere Bäume, die deutlich beschädigt waren, mit einer Axt verletzt und einer Säge geritzt. Selma dachte an den Zeitungsartikel über den Baumfrevler, den ihr Haberer mitgegeben hatte …
Zuhinterst im Tal angekommen, stieg Selma aus dem Postauto, band ihre Haare mit dem Gummi zusammen, schulterte ihren schweren Rucksack und nahm den Handtaschenrucksack an ihre Brust. Aus diesem holte sie die kleine, aber äusserst teure Kamera hervor, die sie für Schnappschüsse verwendete. Sie orientierte sich kurz an den Wanderwegweisern, blickte den Hang hinauf und sah, dass ihr ein zünftiger, gut anderthalbstündiger Aufstieg über den Chüetungel zur Alp der Familie Kohler bevorstand. Zuerst machte sie allerdings noch einen kurzen Fussmarsch zum Lauenensee. Sie ging am Restaurant vorbei, auf dessen Gartenterrasse einige Wanderer sassen. Sie passierte auch den kleinen Steg, der hinaus aufs Wasser führte. Zwei junge Frauen lagen darauf und sonnten sich. Selma ging weiter und fotografierte das glitzernde Wasser, die Uferlandschaft und die Hügel und Berge dahinter. Es war bereits später Nachmittag. Die Sonne tauchte das Panorama in ein weiches Licht. Selma war eine Fotografin alter Schule und verzichtete so weit wie möglich auf Fotofilter und aufwendige Nachbearbeitungen am Computer. Ihre Bilder sollten natürlich sein, authentisch.
Selma ging dem Ufer entlang, stieg dann den Berg hinauf, um einen noch besseren Standort für ihre Aufnahmen zu erreichen. Die Reporterin gönnte sich eine Pause, legte ihre Rucksäcke ab und setzte sich ins Gras. Sie genoss den Blick auf den See und die imposanten Berge. Und die Ruhe. Es war nur das Zirpen der Grillen im trockenen Gras zu hören. Selma nahm ihre Kamera und fotografierte, aber das leise Klicken ihrer Kamera empfand sie in diesem Moment als störend.
Selma blieb eine Weile sitzen, atmete tief durch. Dann stand sie auf, schulterte ihre Rucksäcke und kraxelte noch höher hinauf. Sie fotografierte den Lauenensee nun von noch weiter oben, war ganz begeistert von dieser wunderschönen Natur und vergass die Zeit. Schliesslich gelangte sie auf einen Schotterweg.
Jetzt muss ich aber wirklich los!, befahl sich Selma und schaute sich um. Sie hatte die Orientierung verloren. Deshalb zückte sie ihr Handy, öffnete Google-Map und sah, dass sie sich auf der falschen Talseite befand. Sie musste die Schotterstrasse hinunter und auf der anderen Seite den Aufstieg zur Alp der Kohlers in Angriff nehmen. Selma seufzte und ärgerte sich über sich selbst. Aber nur kurz. Schliesslich hatte sie tolle Fotos machen können.
Sie wollte gerade losmarschieren, als sie ein Motorengeräusch hörte. Es wurde rasch lauter. Der Motor stotterte, dann jaulte er auf. Er klang gefährlich. Selma brachte sich neben dem Feldweg in Sicherheit. Der Wagen war ziemlich schnell unterwegs und zog eine dichte Staubwolke hinter sich her. Er donnerte an Selma vorbei. Die Reporterin wurde von der Wolke regelrecht verschluckt. Sie konnte kaum mehr sehen und musste husten.
Bremsen quietschten, der Staub legte sich langsam. Eine Frau mit leuchtenden blauen Augen lehnte sich aus dem Fenster eines hellblauen Jeeps. «Entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht gesehen», rief die Frau auf Hochdeutsch, was Selma etwas irritierte. «Alles in Ordnung?»
Selma trat auf den Weg zurück und klopfte sich den Staub aus der Kleidung. Dann nahm sie den Gummi aus ihren Haaren, lehnte sich nach vorne, um den Dreck aus ihren Haaren zu schütteln. Dabei verlor sie wegen des schweren Rucksacks fast das Gleichgewicht.
«Geht es?», fragte die Frau, die Selma jetzt am Arm festhielt und ihr half, sich aufzurichten.
«Findet eine Rallye statt?», fragte Selma säuerlich.
«Ähm, nein, ich bin nur etwas spät dran, wir melken bald die Kühe.»
«Sind Sie Sennerin?»
«Ja, also nein. Ich bin auf einer Alp angestellt. Als Käserin. Aber ich bin Deutsche, wie Sie sicher hören. Ich lebe eigentlich in Dresden und bin Lehrerin. Habe mir aber eine Auszeit genommen. Bereits meine zweite. Ich war letzten Sommer schon hier oben.»
Die Frau mit den blauen Augen war deutlich kleiner als die Reporterin und wirkte sehr zierlich. Sie sprach schnell und trat dabei ständig von einem Bein aufs andere, fuchtelte mit den Armen und liess ihre langen, blonden Haare herumwirbeln. «Wo wollen Sie denn mit Ihrem grossen Rucksack um diese Uhrzeit noch hin? Zur Geltenhütte? Oder zur Wildhornhütte? Da sind Sie aber ganz falsch! Sind Sie Bergsteigerin? Ach, Sie wollen sicher aufs Wildhorn. Das würde ich auch mal gerne. Aber eben, keine Zeit. Also zur Geltenhütte oder zur Wildhornhütte müssen Sie da drüben hochsteigen.» Die Frau zeigte auf die andere Seite des Tals. Dann wandte sie sich wieder Selma zu: «Ihr Rucksack muss ganz schön schwer sein. Ich war heute in Gstaad einkaufen, habe deshalb auch viel Gepäck. Dann musste ich noch auf einer Alp frische Kräuter für unsere Schmiere holen, mit der wir den Käse einreiben, sie ist unser Geheimrezept. Aber dann habe ich mich verquatscht und muss jetzt ein bisschen Gas geben. Soll ich Sie ein Stück mitnehmen?»
Selma war sprachlos. Zu surreal erschien ihr diese wirblige Frau mit dem rasanten Mundwerk und dem ebenso rasanten Fahrstil in dieser idyllischen Umgebung. Sie war dauernd in Bewegung, liess ihre schlanke, fast zarte Figur und ihre ebenso zerbrechlich wirkenden Arme und Beine herumzappeln. Sie hatte ein schönes, feines Gesicht mit markanten Wangenknochen. Sie liessen ihre grossen blauen Augen noch grösser erscheinen.
«Na?», hakte die Frau nach. «Wollen Sie mitfahren?»
«Nein, ich will nicht zur Geltenhütte, auch nicht aufs Wildhorn. Ich möchte auf die Alp der Familie Kohler.»
«Oh. Dann kommen Sie mit.»
6
Selma fühlte sich wieder ganz als Reporterin.
Sie sass in einem klapprigen Auto, wurde auf ihrem Sitz hinund hergeworfen, weil die Strasse holprig war. Und weil die Fahrerin viel zu schnell fuhr. Wie früher, als sie als junge Fotografin in der Welt herumgereist war, die abenteuerlichsten Gegenden aufgesucht hatte und ab und zu auch in kritische Situationen geraten war. Stundenlang hatte sie in solchen Rostlauben gesessen und sich von Menschen fahren lassen, die nur Vollgas oder Vollbremsung kannten. Machos, die ihr, der jungen, hübschen Reporterin, beweisen wollten, wie toll sie fahren konnten.
In Krisengebieten war sie tagelang an irgendwelchen Checkpoints festgehalten worden. Und allzu oft war sie bei ihrer Arbeit von sturen Polizisten, Sicherheitsbeamten und Militärs schikaniert und behindert worden.
Das war nach ihrer Zeit bei der Zeitung «Aktuell» gewesen. Sie hatte die Nase voll vom Boulevard-Journalismus, von der Jagd nach Schlagzeilen, vom polternden Chef Jonas Haberer. Sie hatte gedacht, sie könnte auf eigene Faust tolle Fotoreportagen machen und sie den Magazinen verkaufen. Sie hatte die Leserinnen und Leser über die Sinnlosigkeit kriegerischer Auseinandersetzungen aufklären wollen. Und sie hatte vor allem über die Zerstörung des Planeten informieren und die Leute aufrütteln wollen. Sie hatte Umweltskandale aufdecken, über die Ausbeutung von Tieren und die Ausrottung ganzer Tierarten berichten wollen. Doch sie hatte schnell erkennen müssen, dass sie naiv gewesen war und der Medienmarkt wegen der Digitalisierung anders, schneller und viel billiger funktionierte. Oft passierte es ihr, dass sie zu spät kam. Bis sie endlich an ihrem Ziel angekommen war – wenn überhaupt – hatte bestimmt schon ein anderer Reporter Material geliefert. Oder irgendjemand, der diesen Beruf nie erlernt hatte. Fotos konnte mittlerweile jeder mit seinem Handy schiessen, sie ins Netz stellen und für Aufsehen sorgen.
Selma musste nach einem Jahr zugeben, dass sie viel zu unerfahren war. Dass sie vielleicht auch zu wenig hart war für dieses Geschäft. Sie bekam von den Redaktionen zwar meistens grosses Lob für ihre tollen Bilder, aber kaufen wollten sie sie nicht. Die wenigen Geschichten, die sie an grosse Zeitschriften verkaufen konnte, deckten nicht einmal ihre Reisespesen.
Schliesslich hatte sich Selma auf schöne Bildreportagen spezialisiert und schnell Erfolg gehabt.
Eine weitere Vollbremsung katapultierte Selma nach vorne. Doch sie wurde vom Gurt zurückgehalten. Dieser schien in dieser Klapperkiste tatsächlich einwandfrei zu funktionieren. Sie standen vor einem Holzverschlag und einer kleinen Seilbahn. Selma befürchtete das Schlimmste. Die Gondel der Seilbahn bestand nur aus einer Holzkiste. Zudem waren die Aufhängung, die Seile, die Rollen und auch der erste Mast ziemlich rostig. Nie im Leben würde Selma mit dieser Bahn fahren.
Die Frau kurbelte nun mit sehr viel Kraft am Lenkrad, legte mit einem lauten Knacken im Getriebe den Rückwärtsgang ein und parkte den hellblauen Jeep direkt neben der Holzkiste der Bahn.
«Das ist aber nicht Ihr Ernst», sagte Selma vorsichtig.
Die Frau lachte. «Natürlich, damit fahren wir jetzt hoch. Ich muss nämlich auch zum Kohler-Bärg.»
«Danke, aber ich verzichte.»
«Keine Angst, war nur Spass», sagte die Frau. Sie stieg aus und öffnete die Ladeklappe des Jeeps. Dann band sie ihre Haare zusammen und hievte Selmas Rucksäcke, zwei weitere Rucksäcke und eine von Lebensmitteln überquellende Ikea-Tragtasche in die Holzkiste der Bahn. Den Beutel mit den frischen Alpkräutern nahm sie allerdings in die Hand. Nun rief sie mit ihrem Handy jemanden an und teilte ihm mit, dass er die Bahn laufenlassen könne. Tatsächlich begann sich kurz darauf die Gondel krächzend in Bewegung zu setzen. Selma dachte gerade daran, dass in ihrem Rucksack Fotomaterial von mehreren tausend Franken verstaut war. Wenn die Gondel abstürzen würde, wäre alles verloren. Bis auf die kleine Kamera, mit denen sie die Bilder des Lauenensees geschossen hatte und die sich Selma nun um den Hals hängte. Offenbar traute Martina der Bahn auch nicht ganz, schliesslich behielt sie die Kräuter lieber bei sich.
«So, jetzt müssen wir marschieren», sagte die Frau mit den blauen Augen und legte ein zügiges Tempo vor. Noch war der Weg einigermassen flach. Er führte durch einen schönen, romantischen Tannenwald. Die Reporterin machte mit der kleinen Kamera noch einige Aufnahmen und begutachtete die Baumstämme, fand aber keine Einritzungen oder sonstigen mutwilligen Beschädigungen. Schliesslich kamen sie an einem Wasserfall vorbei, den Selma ebenfalls fotografierte. Dann begann der steile Aufstieg. Die Frau ging im gleichen Tempo weiter. Selma geriet schnell ins Schwitzen.
«Ich bin auf dem Kohler-Bärg die Käserin», erzählte nun die Frau fröhlich. «Das habe ich dir ja schon gesagt. Ich bin übrigens Martina, entschuldige, habe mich gar nicht vorgestellt. Und geduzt habe ich dich auch schon. Sorry. Ich hoffe, das ist in Ordnung für dich. Wir sind ja etwa im gleichen Alter.»
«Klar ist das in Ordnung», keuchte die Reporterin. Allerdings schätzte sie die Frau einige Jahre jünger ein. «Ich heisse Selma.»
«Was für ein schöner Name. Selma wie die grosse Märchenerzählerin Selma Lagerlöf. Ach, ich liebe die Geschichte von Nils Holgersson und den Wildgänsen. Ich lese das Buch immer mit meinen Schülern. Deine Eltern waren sicher auch Fan von Selma Lagerlöf?»
«Ich weiss es nicht. Ich und meine Schwester haben beide Vornamen mit schwedischem Bezug. Unser Opa war Schwede.»
«Toll! Schweden muss auch so schön sein wie die Schweiz.» Martina sprach munter weiter während sie flink den steilen Bergweg hinaufging und dabei den Kräuterbeutel hin- und herschaukeln liess. Selma bekam nichts mehr mit, sondern konzentrierte sich darauf, einen Fuss vor den anderen zu setzen, um einigermassen Martinas Tempo mithalten zu können. Bei besonders steilen Passagen streckte Martina Selma ihre Hand entgegen und zog die Reporterin mit Schwung hinauf.
Nach einer guten halben Stunde blieb Martina endlich einmal stehen, drehte sich um und blickte ins Tal hinunter. Selma machte einige Aufnahmen dieser quirligen Frau. Martina lächelte in die Kamera. Die Reporterin hatte Mühe, ihre Kamera ruhig zu halten, weil ihr Puls zu hoch und ihre Atmung zu schnell war. Durch den Sucher der Kamera bemerkte sie aber, dass auch Martina nun einige Schweissperlen auf ihrer Stirn hatte.
Selma atmete kräftig durch, beruhigte sich und sagte nun zu Martina: «Dreh dich mal um und nimm kurz den Gummi aus den Haaren, damit deine Haare schön über die Schultern nach unten fallen. Und wenn ich ‹Jetzt› sage, wendest du den Kopf zu mir. Okay?»
«Okidoki. Klappe, die erste, Frau Regisseurin.»
Selma musste lachen. Dann rief sie: «Jetzt!» Martina drehte den Kopf, einige Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht, Selma drückte auf den Auslöser. Ein tolles Bild!, war sich Selma sicher. Sie machte die Aufnahme noch dreimal. Dann forderte Selma Martina auf, einige Kräuter aus dem Beutel zu nehmen und daran zu riechen. Auch dies gab ein grossartiges Foto.
«Riech du mal», sagte Martina zur Reporterin und streckte ihr die Kräuter hin.
Selma nahm einen tiefen Zug: «Herb, würzig… was sind das für Kräuter?»
«Das verrate ich dir nicht. Aber wegen diesen Kräutern ist mein Käse der beste Käse der Welt.»
«Und warum verrätst du es mir nicht? So geheim?»
«Natürlich. Und ich vermute, dass du Reporterin bist und deshalb auf den Kohler-Bärg willst. Habe ich recht?»
«Ja. Bin ich angekündigt?»
«Ich habe davon gehört. Schön, dann bleibst du sicher einige Tage, oder?»
«Habe ich vor», antwortete Selma und betrachtete ihre Aufnahmen auf dem kleinen Bildschirm der Kamera. Sie lächelte. Denn sie fand die Bilder schön. Martina war eine fotogene Frau. Selma hätte kein besseres Model für diese Reportage finden können. Zarte Frau in romantischer Landschaft in einem knüppelharten Job als Sennerin und Käserin. So wäre ihre Reportage schnell im Kasten und sie könnte bald wieder nach Hause fahren und mit dem Schreiben beginnen.
«Uiii», meinte Martina plötzlich und starrte Selma an.
«Was ist?», fragte Selma erstaunt.
Jetzt grinste Martina.
Selma lächelte erneut.
«Da ist es wieder. Wie süss! Du bekommst so ein Grübchen in der Wange, wenn du lächelst. Ich bekomme das nur, wenn ich richtig lache.»
Martina tat so, als müsste sie lachen, und zeigte auf ihr Grübchen. Da musste Selma wirklich lachen, was Martina dazu anstiftete, ebenfalls laut zu lachen.
Ein verrücktes Huhn, dachte Selma, als sie weitergingen.
Nach etwas über einer Stunde Aufstieg erreichten die beiden Frauen den Chüetungel und damit die Bergstation der Materialseilbahn. Tatsächlich waren Selmas und Martinas Gepäck angekommen. Selma war erleichtert, vor allem, dass ihre Fotoausrüstung die Fahrt heil überstanden hatte. Sonst hätte sie die ganze Reportage nur mit der kleinen Kamera machen können. Bewegtbilder oder Aufnahmen mit der Drohne hätte sie vergessen müssen. Sie atmete tief durch und blickte auf die Alphütten: «Das also ist der Kohler-Bärg.»
«Nein», sagte Martina. «Jetzt sind wir erst auf rund 1800 Meter über Meer. Der Kohler-Bärg ist da oben», sie zeigte mit der rechten Hand nach links zu einem weiteren, steil ansteigenden Hang. «Er liegt auf knapp über 2000 Meter über Meer. Wir müssen also noch weiter aufsteigen.» Martina zeigte nun auf die rechte Seite: «Dieser Berg ist übrigens das Niesehorn und dahinter ist das Wildhorn.»
Martina packte Selmas schweren Rucksack, half ihr beim Anziehen und gab ihr den kleinen Handtaschenrucksack in die Hand. Danach katapultierte sie sich selbst ihre eigenen Rucksäcke plus die Ikea-Tasche über die Schultern, funkelte Selma mit ihren blauen Augen an und meinte lächelnd: «Auf geht’s!»
Selma konnte kaum glauben, welche Kraft in dieser Frau steckte. Zwar ging sie nun etwas langsamer weiter, doch Martinas Tempo war trotz der schweren Last immer noch hoch. Die Reporterin schoss auch jetzt wieder eine Menge Fotos: Die zierliche Martina, die diese riesige Last schleppte und lächelte.
Die Last wurde noch grösser. Denn Martina blieb immer wieder stehen, griff nach Steinen und packte sie in den Rucksack vor ihrer Brust.
«Sammelst du Kristalle?», fragte Selma keuchend.
«Nein, Figuren. Figuren für meinen Steingarten.»
«Figuren?»
«Da, schau!» Martina holte einen kleinen Stein aus dem Rucksack und zeigte ihn der Reporterin. «Siehst du dieses Gesicht?»
Selma sah es nicht. «Na, ja …»
«So ein freches Bubengesicht», meinte Martina und zeigte auf irgendwelche Linien im Stein. «Das ist Nils Holgersson.» Sie kicherte und marschierte weiter. «Du bist ja Selma», sagte sie fröhlich. «Und dieser Stein ist jetzt Nils!»
«Okay», sagte Selma nur und stapfte bergauf.
«Ich bin wieder da!», schrie Martina, als sie nach einer halben Stunde Fussmarsch endlich den Kohler-Bärg erreichten. «Und ich habe Besuch mitgebracht!» Dann wandte sie sich Selma zu: «Sie haben wohl schon mit Melken angefangen. Soll ich dir jetzt die Leute vorstellen oder später? Ich weiss halt nicht, sie sind im Stall …», sie musterte Selma von oben bis unten, «… wir sollten dir vielleicht erst mal Stiefel und ein Übergewand besorgen, sonst …»
«Lass mal», unterbrach Selma. «Ich schaue mich einfach rund um die Hütte und den Stall um und mache einige Fotos. Das Licht ist gerade so schön.»
Martina rannte in die Hütte und rief noch einige Male, dass sie wieder da sei. Selma befreite sich von ihrem Gepäck, lehnte den schweren Rucksack an die Holzwand neben der Türe, legte den kleinen Handtaschenrucksack oben drauf und setzte sich auf die Bank, die auf der anderen Seite des Hütteneingangs stand. Sie atmete durch. Sie sog die frische Bergluft tief in ihre Lungen. Es roch nach frischen Gräsern, ein wenig nach Kuhmist und nach einem noch etwas strengeren Geruch. Selma stand auf, ging nach links der Hüttenmauer entlang und entdeckte die Ursache für diesen Duft. Acht, neun, zehn Ferkel lagen in einem grossen Holzverschlag mit einem Unterstand und einem Durchgang zu einer kleinen Weide. Als Selma näher trat, schossen die Ferkel auf, quietschten und kamen sofort angerannt. Die Reporterin hielt ihnen ihre Hand hin. Die Ferkel streckten ihr ihre kleinen Rüssel entgegen, beschnupperten und stupsten Selmas Hand. Selma zückte ihre Kamera, ging in die Knie und machte Fotos.
Nachdem die Ferkel sich wieder etwas beruhigt hatten, hörte Selma ein Meckern und bimmelnde Glöcklein. Sie ging weiter der Mauer entlang und kam an einer Treppe vorbei, die in den Keller führte. Sie passierte auch die Toilette, deren Türe halboffen stand und gelangte schliesslich zu einem nächsten Gehege. Hier wurde sie von zwei weissen Ziegen angestarrt. Die Ziegen hielten den Kopf etwas schräg und meckerten erneut. An ihren Hälsen hingen kleine Glöcklein. Wie die Schweine hatten auch die Ziegen einen Unterstand und eine eigene kleine Weide.
Selma machte wieder einige Aufnahmen, ging zu den Ziegen, hielt auch ihnen die Hand hin und sagte: «Ihr seid wohl Saanegeissen.» Selma streichelte über ihre Köpfe. «Mein Traum vom Alpabzug mit einer Ziege wird also doch noch wahr. Sogar mit zwei echten, weissen Ziegen aus dem Saanenland.»
Hinter der Hütte stand ein alter Schilter – ein Motorkarren mit Ladebrücke –, der etwa in einem gleich erbärmlichen Zustand war wie der Jeep. Daneben lagen alte Reifen und Felgen, zwei leere Fässer, weiter hinten Motor- und Handsägen. Und in einem Holzbock, der mit frischen Spänen übersät war, steckte eine Axt. Vor dem grossen Tor zum Stall standen eine Sense, mehrere Rechen, Heu- und Mistgabeln. Alles machte einen sehr unordentlichen Eindruck.
Ein leises Surren war zu hören. Es kam eindeutig vom Stall. Selma öffnete das Tor einen Spaltbreit und schaute hinein. Es war nicht der eigentliche Stall, sondern eine kleine Scheune, die am Stall angebaut war. Auch dort präsentierte sich ein ähnliches Bild wie vor dem Tor: ein Durcheinander an Werkzeugen, Milchkannen, Körben. Eine weitere Sense lag auf dem Boden, mehrere Sicheln, eine grosse und eine kleine Säge. Selma entdeckte auch einige Plastikkannen und Kanister, auf denen chemische Zeichen und Warnplaketten prangten. Wozu braucht man solch gefährliche Produkte auf einer Alp?, fragte sich Selma. Weiter hinten stand eine Palette mit grossen Säcken, die ebenfalls mit Giftsymbolen gekennzeichnet waren. Schliesslich sah sie rechts in der Ecke die Quelle des monotonen Surrens: ein ziemlich neu aussehender Stromgenerator, auf dem «super silent» stand.
Die Reporterin schloss das Tor und ging zur Rückseite des Stalls. Hier roch sie Abgas. Sie sah ein Rohr, das durch ein schlecht abgedichtetes Loch in der Steinwand aus dem Stall und dann nach oben führte. Dort endete das Rohr. Feiner Rauch wurde herausgeblasen. Selma vermutete, dass es der Auspuff des Generators war.
Sie ging weiter und erreichte am anderen Ende des Stalls eine Betonfläche, die voller Kuhfladen war. Neben dem Trampelpfad, der von der Betonfläche auf die Weide führte, wuchsen Brennnesseln. Weiter hinten, gleich neben dem Misthaufen, sprudelte aus einem mit Schnitzereien verzierten Holzhahn Wasser in einen ausgehölten Baumstamm. Selma spähte kurz in den Stall, allerdings konnte sie nicht viel erkennen ausser einige Hinterteile von Kühen. Ein Tier muhte zünftig. Jetzt hörte Selma auch das leise, regelmässige Zischen der Melkmaschine.
Plötzlich schoss ein schwarzer Hund aus dem Stall. Selma erschrak. Der Hund wedelte, beschnupperte sie kurz und trabte wieder in den Stall zurück.
Selma schlenderte nach vorne zum Hütteneingang. Die Sonne war mittlerweile hinter den Bergen verschwunden. Selma machte noch einige Fotos. Ein kühler Wind kam auf. Selma fröstelte. Sie ging zum Rucksack, um sich einen Pullover zu holen.
Als sie hinkauerte und sich am Rucksack zu schaffen machte, kam ein alter Mann mit einem grossen Eimer aus der Türe und stiess gegen sie. Selma schaute erschrocken auf. Der Mann funkelte sie mit seinen grünen Augen an. Von seinem Gesicht war nicht viel zu sehen, da er einen wilden, grau-weissen Bart hatte und eine Mütze trug. Er roch nach Stall.
Der Mann murmelte irgendetwas, was Selma aber nicht verstand. Die Reporterin stand auf, entschuldigte sich, dass sie im Weg stehe und streckte ihm die Hand entgegen: «Ich bin Selma Legrand-Hedlund, ich bin …»
«Keine Zeit», murrte der Kerl bloss und ging mit seinem Kessel und dem Melkstuhl am Po an Selma vorbei zu den Schweinen, denen er Milch in die Tränke goss. Die Ferkel quietschten laut.
Na toll, dachte Selma, zuerst das verrückte Huhn und jetzt ein Brummbär! Sie schlüpfte in den Pullover, setzte sich auf den Rand des grossen Steinbrunnens, der einige Meter vor der Hütte stand. Neben dem Brunnen war ein kleiner Steingarten. Das war also Martinas Steinsammlung. Selma kauerte sich nieder und betrachtete einzelne Steine. Mit viel Fantasie entdeckte sie tatsächlich alle möglichen Figuren: Zwerge, Trolle, Tiere. Sie erinnerten Selma an Ediths Fabelwesen.
Die Reporterin stand auf und wusch ihre Hände im kalten Wasser des Brunnens. Das Wasser plätscherte unaufhörlich. Allein dieses monotone Geräusch wirkte auf Selma sehr entspannend. Sie hätte sich am liebsten ins Gras gelegt und die Augen geschlossen.
Doch sie riss sich zusammen. Denn der Himmel färbte sich langsam zartrosa. Es dunkelte schnell ein. Selma schoss noch eine Anzahl Fotos. Zuletzt machte sie eine Aufnahme mit dem Handy. Dann kontrollierte sie, ob sie Empfang hatte. Sie hatte. Schwach zwar, aber immerhin. Sie schickte das Abendhimmelbild via Whatsapp an Marcel. Dazu schrieb sie: «Hei Marcel, du Farbenpsychologe: Ist das nun rosa, rosarot oder nach Goethes Farbenlehre pfirsichblüt?»
Es verging keine Minute, bis Marcel zurückschrieb: «Wie wäre es mit orange-rot? Abendrot ist immer orange-rot. Laut Goethe. Solltest du als Malerin wissen.»
«Klugscheisser. Ich male nach Intuition.»
«Alles gut bei dir auf der Alp? Oder muss ich dich schon abholen?»
«Alles gut.»
«Ho! Ho!» Das war eindeutig Martinas Stimme. «Ho! Ho!»
Selma ging zum Stall und sah, wie die Kühe ins Freie traten. Einige gingen oder rannten direkt auf die Weide, andere trotteten gemächlich zum Baumstamm-Brunnen und tauchten ihre Mäuler ins Wasser. Der schwarze Hund sprang herum, bellte und trieb die Kühe auf die Weide.
Als Martina Selma erblickte, hüpfte sie auf sie zu und liess ihre langen Haare im Wind flattern. «Die Männer machen nun den Stall, ich koche. Hilfst du mir?»
«Klar.»
«Hast du dein Zimmer schon entdeckt? Es ist da oben. Einfach die Aussentreppe hinauf und rechts. Du musst das Zimmer allerdings mit mir teilen. Ist das okay für dich? Wir kommen schon klar, was?»
In der Hütte war es warm. Mitten im Raum war die Feuerstelle mit Glut, ein Wassertopf hing darüber. Rechts auf einem grossen Schwenkarm aus Holz war das kupferne Käsekessi, abgedeckt mit einem Holzdeckel. Daneben waren fein säuberlich mehrere Schöpfkellen, die Käseharfe und viele weitere Utensilien aufgehängt.
Gleich hinter der Käserei, dem Hauptraum der ganzen Alphütte, befand sich die Küche. Dort herrschte im Gegensatz zur Käserei ein ähnliches Chaos wie hinter dem Stall. Auf dem Gasherd standen Pfannen, der Spültrog war voll mit schmutzigen Tellern, auf dem grossen Esstisch, der mit einem blumigen Plastiktischtuch bezogen war, befanden sich ein angeschnittenes Brot, eine offene Biskuitpackung und schmutzige Kaffeetassen.
«Ich muss nur kurz aufräumen, dann kann’s losgehen», meinte Martina und begann, rasant abzuwaschen. Selma half ihr. Dann kramte die Sennerin aus der Ikea-Tasche eine Packung Nudeln heraus und holte aus dem Schrank ein Einmachglas, das Martina der Reporterin stolz als selbst gemachte Tomatensauce präsentierte.
Keine halbe Stunde später rief Martina die Männer zum Essen. Der bärtige, alte Mann, mit dem Selma vor der Hütte zusammengestossen war, erschien nun ohne Mütze und nickte ihr wortlos zu. Dann betrat ein gross gewachsener Kerl die Küche, der ebenfalls einen Bart hatte. Keinen richtigen Bart. Auch keinen Dreitagebart. Es waren vielmehr einzelne Barthaare.
Er schaute Selma nicht an, nickte bloss, setzte sich und schöpfte sich und dem Alten die dampfenden Nudeln in die Teller. Schliesslich kam ein hagerer, etwas jüngerer Mann, glatt rasiert und wohlduftend, der sofort zu Martina stürmte und Selma nicht wahrzunehmen schien.
«Ich bin frisch geduscht», sagte er lächelnd zu Martina. «Riech mal!»
«Stefan, wir haben einen Gast», machte ihn Martina auf Selma aufmerksam. «Die angekündigte Reporterin! Sie hat den Weg tatsächlich gefunden. Ich habe ihr aber ein bisschen geholfen.»
«Hei», sagte Selma und reichte Stefan die Hand. «Ich bin Selma.»
Stefans Hand war gross, rau und kräftig. Das Lächeln auf seinem Gesicht verschwand. «Selma Legrand-Hedlund», sagte er. «Ich weiss. Und deine Schwester heisst Elin. Die Basler Mädchen.» Er wandte sich dem Alten zu: «Papa, erkennst du sie nicht?»
Der Alte schaute nicht von seinem Teller auf.
Stefan lies Selmas Hand los und rückte ihr einen Stuhl zurecht: «Bitte, setz dich zu uns.»
Selma blieb aber stehen und sah zum Mann mit dem ungepflegten Bart: «Dann bist du Andres. Andres Kohler. Stefans älterer Bruder.»
Der Kerl schaute auf, seine Augen waren ebenso grün wie diejenigen seines Vaters. Sie funkelten. Selma kannte diese Augen. Und sie glaubte, hinter dem ungepflegten Bart jetzt ein Lächeln zu sehen. Oder verzog er einfach die Mundwinkel?
«Ich bin Res», murrte der Kerl. «Kein Mensch nennt mich Andres.»
7
Selma trat in die Nacht hinaus und schloss leise die Hüttentüre. «Andres, bist du draussen?»
Sie erhielt keine Antwort. Sie ging einige Schritte, blieb stehen und schaute zum Himmel hinauf. Millionen von Sternen funkelten, die Milchstrasse war deutlich zu erkennen.
Selma ging zu ihrem Rucksack, der immer noch vor der Hütte stand, und holte die grosse Kamera und das Stativ. Dann positionierte sie sich rund fünfzig Meter vor der Hütte, montierte die Kamera auf dem Stativ und wählte im Sucher den Bildausschnitt. Die Hütte mit dem hell erleuchteten Küchenfenster, dahinter der Bergkamm und über allem der glasklare Sternenhimmel. Selma drückte immer wieder auf den Auslöser und veränderte dabei Blende und Belichtungszeit. So sollte ein perfektes Bild gelingen.
Selma war ganz in ihre Arbeit vertieft, als plötzlich hechelnd der schwarze Hund angerannt kam und voller Freude wedelte.
«Hei, hei, du Streuner, ganz allein unterwegs?»
«Nein», hörte Selma eine Männerstimme sagen.
«Andres?»
Plötzlich stand er vor ihr.
«Andres, da bist du ja! Warst du spazieren?»
«Ich heisse Res. Andres gibt es nicht mehr.»
«Verstehe. Res. Ich werde mich daran gewöhnen müssen. Für mich warst du halt der Andres, damals.»
«Damals ist lange her, Selma. Sehr, sehr lange.»
Selma fuhr sich mit den Händen durch die Haare: «Wie geht es dir?»
«Gut.»
Die Reporterin machte noch einige Aufnahmen, packte dann das Stativ mitsamt Kamera und sagte: «Setzen wir uns kurz vor die Hütte?»
Res antwortete nicht. Selma ging zum Haus, stellte die Kamera ab und setzte sich auf die Bank. Sofort stupste der schwarze Hund Selmas Hand und blickte sie treuherzig an. Selma streichelte ihn. «Wie heisst du denn, mein Lieber?»
«Kobi», sagte Res.
«Du hast einen wirklich tollen Hund», sagte Selma und lächelte Res an.
«Es ist nicht mein Hund. Es ist unser Hund.» Res setzte sich nun ebenfalls auf die Bank, allerdings mit grossem Abstand zu Selma.
«Kobi, du bist ein süsser Hund», sagte Selma und knuddelte ihn. Als sie ihn losliess, stupste er sie gleich wieder. Selma vergrub ihre Hände im schwarzen Fell des Hundes und massierte seinen Nacken. Manchmal blitzten ihre beiden silbernen Ringe hervor. Jener am linken kleinen Finger etwas heller als der geflochtene Ring an ihrem rechten Ringfinger, da er mit feinen Diamanten besetzt war. Kobi schien die Massage zu geniessen und schloss die Augen.
«Weisst du, Res, mir sind so viele Erlebnisse in den Sinn gekommen, als ich heute angereist bin», sagte Selma nach einer Weile. «All die Wanderungen! Aber vor allem die tollen Skitage mit deiner Mutter. Wann kommt Edith auf den Berg?»
Selma erhielt keine Antwort. Res starrte geradeaus in die Nacht. Die Stille empfand Selma als äusserst beklemmend. Zum Glück war Kobi da, den Selma massieren und streicheln konnte.
Nach einigen Minuten nahm die Reporterin erneut einen Anlauf, um ein Gespräch in Gang zu bringen: «Es ist wirklich Zufall, dass ich diesen Auftrag erhalten habe. Als ich dann sah, dass die Alp, auf der ich die Reportage machen sollte, von einer Familie Kohler bewirtschaftet wird, dachte ich schon, dass es möglicherweise ihr seid. Jedenfalls freue ich mich sehr, euch alle wieder zu sehen.»
Res antwortete auch jetzt nicht. Reglos starrte er in die Nacht.
Hatte sie etwas Falsches gesagt oder gefragt? Was war mit Res passiert? Sie hatte ihn gesprächiger in Erinnerung. Scheu war er allerdings schon damals, aber nur am Anfang. «Wie sind eigentlich all die Tiere auf die Alp gekommen?», wollte Selma wissen und hoffte, mit dieser sachlichen Frage Res’ Schüchternheit zu überwinden.
«Alpaufzug», antwortete Res. «Zu Fuss. Nur die Ferkel haben wir in Kisten mit der Transportbahn und dem Schilter hinaufgefahren.»
Ob das wirklich eine gute Idee war mit dem Alpabzug, auf den Selma sich schon gefreut hatte. Er erschien ihr gerade äusserst anstrengend. Aber sie war mittlerweile auch müde.
Plötzlich wurde die Hüttentüre aufgerissen.
«Da seid ihr ja!», rief Martina und setzte sich mit einem Seufzer zwischen Selma und Res. Kobi ging nun zu ihr und holte von Martina seine Streicheleinheiten ab.
«Jetzt bin ich auch endlich fertig. Der Tag war lang. Runter nach Gstaad, einkaufen, zur Kräuteralp, dann zurück, hochsteigen und noch alles zu uns schleppen.»
«Hättest ja den Schilter benutzen können», warf Res mürrisch ein.
«Mit diesem klapprigen Trecker fahre ich nicht. Da schlepp ich lieber.»
«Konnte dir leider nicht helfen», sagte Selma. «Ich war selbst schwer beladen.»
«Ich bin ja stark», lachte Martina und spannte ihre Oberarmmuskeln an. Dann schmiegte sie sich an Selma: «Finde es total schön, dass du hier bist.» Sie löste sich von Selma und wandte sich Res zu: «Das wird sicher eine tolle Geschichte, nicht wahr?» Sie tätschelte sanft seinen Oberschenkel.
«Wir brauchen das Geld», murrte Res.
«Geld?», fragte Martina erstaunt.
«Ja, Geld. Die Versicherung, für die wir dieses Kasperlitheater machen, bezahlt uns ein gutes Honorar und gewährt uns sogar einen Prämienrabatt.»
«Ach, komm, Res, das macht doch Spass! Wir sind schliesslich ein Spitzenteam. Jetzt werden wir Stars.»
Res stand auf und verzog sich wortlos in die Hütte.
Martina seufzte erneut. Dieses Mal sehr viel tiefer. «Ich muss ins Bett, Selma. Kommst du auch? Hast du unser Zimmer schon gefunden?»
«Nein, ich kam noch nicht dazu.»
«Na komm, dann helfe ich dir, dein Zeugs hochtragen. Zeige dir auch gleich das Badezimmer. Und die Toilette ist neben dem Schweinestall. Hast du sicher schon gefunden …»
«Ja, gut. Danke. Ich komme gleich», sagte Selma.
«Wir haben ein reines Mädchenzimmer, da können wir noch ein bisschen quatschen, wie früher in den Klassenlagern.» Martina lächelte. Ihre blauen Augen funkelten. Sie stand auf, schickte Kobi in die Hütte, packte Selmas Sachen und stapfte mit ihnen die Aussentreppe in den oberen Stock hinauf.
Selma blieb noch einen Moment sitzen, stand dann auf und machte ein paar Schritte. Sie dachte an Haberers Worte: «Heile Welt. Sonnenaufgang. Sonnenuntergang. Kühe. Käse. Naturverbundene, schöne Menschen. Und fröhlich müssen sie sein.»
«Fröhlich», sinnierte Selma leise. «Wenn hier oben bloss alle so fröhlich wären wie Martina.»
8
Aus dem geplanten Mädchengespräch wurde nichts. Als Selma mit ihrer Handy-Taschenlampe ins Zimmer schlich, schlief Martina bereits tief und fest. Selma nahm ihre beiden Ringe von den Fingern und verstaute sie in einer kleinen Schachtel in ihrem Handtaschenrucksack. Dann zog sie sich bis auf die Unterwäsche aus, zitterte vor Kälte und huschte unter die rot-weiss karierte Decke. Das Bett knarrte. Es war zu schmal. Und vor allem zu kurz. Zumindest für Selma. Entweder schauten die Füsse unten heraus, oder sie berührte mit dem Kopf die Wand. Selma entschied sich für die dritte Variante, drehte sich auf die Seite und winkelte ihre langen Beine an. Sie hörte Martinas ruhigen Atem und schlief ebenfalls bald ein.
Sie erwachte, weil die Ferkel quietschten. Selma setzte sich auf, neigte sich zum Fenster vor, schob den zur Bettdecke passenden rot-weissen Vorhang etwas zur Seite und linste hinaus. Sie konnte gut die Weiden, die Hochebene, ja sogar die Berge erkennen. Offenbar war der Mond aufgegangen. Sie überlegte kurz, ob sie nochmals zum Fotografieren hinausgehen sollte. Doch sie verwarf den Gedanken, da sie viel zu müde war. Die Ferkel beruhigten sich. Selma suchte mit ihren Augen angestrengt die nähere Umgebung ab. War vielleicht ein Fuchs oder gar ein Wolf oder sonst ein Tier unterwegs, das die Ferkel aufgeschreckt hatte? Oder war es ganz normal, dass junge Schweine mitten in der Nacht quiekten? Jedenfalls konnte sie weder ein Tier erkennen, das herumschlich, noch einen Menschen. Einen Menschen? Ein etwas bedrohlicher Gedanke. Andererseits: Was sollte ein Mensch hier oben mitten in der Nacht schon wollen?
Selma legte sich wieder hin und zog die Decke zurecht. Sie schloss die Augen.
Dann hörte sie ein seltsames Knarren. Ein Klopfen. Wieder ein Knarren. Schritte.
Selma schreckte auf. Horchte ganz genau. Doch nun war alles wieder still, Selma vernahm nur Martinas Atem. Holz verzieht sich und knarrt deshalb, sagte sie sich und kuschelte sich wieder ein. Zudem kenne ich die Geräusche hier oben auf der Alp noch nicht. Sie sind neu. Zu Hause in Basel gibt es ja auch immer wieder seltsame Geräusche und Schritte. Aus dem geheimnisvollen zweiten Stock.
Doch es half alles nichts. Selma konnte nicht einschlafen. Nach einiger Zeit schaute sie auf ihr Handy. Es war kurz nach zwei Uhr. Das Smartphone zeigte auch an, dass der Akku bald leer sein würde. Ich muss es am Morgen aufladen, nahm sie sich vor. Allerdings fragte sie sich, wo. Hatte die Hütte überhaupt Strom? Muss sie haben, schliesslich hatte in der Küche Licht gebrannt. Und die Melkmaschine … ach ja, der Generator hinten in der Scheune, fiel Selma ein. Der Generator und das kaputte Abgasrohr! Also gab es sicher irgendwo eine Steckdose. Und wenn nicht, wäre das auch nicht schlimm. Wobei die Akkus der Kamera auch Strom … Langsam verloren sich Selmas Gedanken.
Als sie erneut erwachte, blickte sie in ein lächelndes Gesicht und grosse blaue Augen.
«Guten Morgen, Selma», flüsterte Martina. «Gut geschlafen?»
«Hei», brachte Selma knapp hervor.
«Es geht los. Kommst du mit? Wir treiben die Kühe von der Weide in den Stall.»
Selma war plötzlich hellwach: «Klar, gib mir fünf Minuten. Und vielleicht einen Kaffee.»
«Kaffee gibt es später. Dann aber mit frischer Milch.»
«Na dann.» Selma wuschelte ihre Haare, strich sie glatt und band sie mit einem Haargummi streng zusammen.
Es kam selten vor, dass Selma schon frühmorgens schwitzte. Sie ging die Tage gerne langsam an, brauchte jeweils viel Zeit, um sich und ihre Gedanken zu ordnen. Und ihre Haare. Sie hatte einen Haartick, das war ihr bewusst. Zum Glück hatte Lea ihren Salon gleich in Selmas Haus «Zem Syydebändel».
Selma brauchte vor allem Kaffee. Am liebsten einen mittelstarken Filterkaffee mit viel Milch. In dieser Hinsicht war sie ganz schwedisch aufgewachsen und erzogen worden. Die damals sündhaft teure Espressomaschine war ausschliesslich dem Vater vorbehalten gewesen.
Doch nun rannte Selma ohne Kaffee bergauf und bergab. Sie fotografierte, wie Martina, Res, Stefan und Hund Kobi die Kühe zusammentrieben. Das Licht der Morgendämmerung war einzigartig, zudem stand der halbvolle Mond über der Bergsilhouette. Immer wieder stellte Selma die Kamera auf Videofunktion und machte einige Filmaufnahmen. Es war wunderschön. Fast kitschig. Genauso hatte sich Selma das vorgestellt.
Manchmal hörte sie den Pfiff eines Murmeltieres. Dann blieb sie stehen, schaute um sich und hoffte, dass sie das Murmeltier fotografieren könne. Doch meistens sah sie es nicht. Oder es war viel zu weit entfernt. Plötzlich entdeckte die Reporterin beim Niesehorn Gämsen. Aber auch sie waren viel zu weit weg, um ein gutes Foto machen zu können. Selma freute sich trotzdem über das Schauspiel in der Bergwelt. Und hatte Lust, sich der Kunst der Tierfotografie zu widmen, sich stunden- oder tagelang in einem Versteck auf die Lauer zu legen.
Kühe zu fotografieren war wesentlich einfacher. Gemächlich trotteten sie in den Stall und gingen zielstrebig zu ihren Plätzen, über denen kleine Tafeln mit ihren Namen hingen. Papa Kohler musste die Tiere nur noch mit den Stricken anbinden.
«Finden die Kühe ihren Platz immer allein?», fragte Selma, die in die viel zu grossen Stiefel stieg, die ihr Martina gegeben hatte. Auch der blaue Overall war ihr einiges zu gross.
Der Alte antwortete nicht.
Als die fünfundzwanzig Kühe im Stall angebunden waren, begannen die Kohler-Männer mit dem Melken. Selma fotografierte. Oder versuchte es. Die Männer drehten sich immer von ihr weg. Und wenn sie fragte, ob sie kurz zu ihr schauen könnten, verzogen sie keine Miene.
Die Männer schleppten die Kannen in die Hütte und leerten die Milch ins Käsekessi. Martina feuerte an. Selma machte viele Aufnahmen. Und im Gegensatz zu den Männern posierte Martina gerne vor der Kamera. Selma musste sie eher bremsen.
«Res!», meinte Martina, als dieser gerade seine Milch ins Kessi leerte. «Du musst lächeln.» Sie packte ihn am Arm und posierte mit ihm für Selma. Das waren zwar keine Szenen, die Selma für ihre Reportage brauchte, aber vielleicht halfen sie ja, das Eis zu brechen. Als Selma sah, dass Res Martina etwas ins Ohr flüsterte, wandte sie sich ab. Allerdings bemerkte sie im Augenwinkel, wie Martina Res über den Rücken strich, ihre Hand über seine Hüfte gleiten liess, ihm schliesslich an den Po fasste und so tat, als rücke sie ihm den einbeinigen Melkstuhl zurecht.
9
Nach dem Melken gab es endlich Kaffee. Es gab sogar ein richtiges Frühstück. Natürlich war es Martina, die alles vorbereitet hatte.
Der Kaffee schmeckte gut. Es war zwar kein Filterkaffee, sondern Pulverkaffee mit Zichorie. Aber das war für Selma in Ordnung. Sie kannte die Mischung Kaffee und Zichorie von ihrer Mutter.
Die Männer assen Brot, Butter, Konfitüre, Honig. Und natürlich Käse. Selma kostete ein Stück. Es schmeckte würzig herb. Sie glaubte tatsächlich, die Kräuter, die ihr Martina beim Aufstieg zu riechen gegeben hatte, herauszuschmecken. Martina erklärte stolz, dass das ihr Bergkäse vom letzten Jahr sei. Sie selbst ass keinen, sondern löffelte ein Müsli mit frischer Milch.
«Rösti …», fragte Selma zögerlich, «… also Rösti gibt es heute auch nicht mehr zum Frühstück, oder?» Sie lächelte etwas verlegen und fügte hinzu: «Ist so eine dämliche Klischeefrage einer Stadttussi, was?»
Dass sie von den Männern keine Antwort erhielt, wunderte Selma mittlerweile nicht mehr. Dass allerdings auch Martina schwieg, erstaunte sie. Irgendetwas schien sie plötzlich zu beschäftigen. Selma versuchte ebenfalls ein Müsli zu essen. Aber die Flocken blieben ihr im Hals stecken. Die bedrückende Stimmung machte ihr zu schaffen. Dabei wäre doch alles so schön hier oben in den Bergen. Gerade schienen die ersten Sonnenstrahlen durchs Küchenfenster.
Selma goss sich einen zweiten Kaffee ein. «Ich habe noch so eine Tussi-Frage», sagte sie. «Gibt es hier irgendwo eine Steckdose?»
Die drei Männer starrten sie an. «Für einen Fön?», fragte Stefan.
Selma lachte. Dann sagte sie: «Nein, für das Handy. Und allenfalls für die Akkus meiner Kameras.»
«Ja», murrte Res. «Aber nur wenn der Generator läuft.»
Die Männer frühstückten weiter. Selma umklammerte die heisse Kaffeetasse. Sie fühlte sich unwohl.
«Ich zeige dir die Steckdosen später», sagte nun Martina. «Aber jetzt muss ich käsen.» Sie stand auf, zwirbelte ihre langen Haare zu einem Dutt zusammen, zog einen weissen Gummischurz an und ging in die Käseküche. Auch die Männer standen auf und verschwanden. Selma begann, die Teller und Tassen abzuwaschen und die Nahrungsmittel zu versorgen. Schnell stellte sie fest, dass alles seine Ordnung hatte, dass die Kästchen sauber waren und dass selbst die offene Biskuitpackung, die am Vortag aufgerissen auf dem Tisch gelegen hatte, mit einer Alufolie und einem Gummi sorgfältig verschlossen aufbewahrt wurde. Offenbar war Martina die einzige, die aufräumte und putzte. Das Chaos in der Küche hatten die Männer angerichtet, während Martina zum Einkauf ins Dorf gefahren war.
Die Milch im Käsekessi dampfte. Martina rührte und überprüfte immer wieder die Temperatur mit einem Thermometer.
«Hei», sagte Selma. «Das Käsen musste du mir dann genau erklären. Vor allem muss ich fotografieren. Aber heute gehe ich erst einmal raus, das Licht ist gerade so wunderschön. Wer weiss, wie lange das Wetter hält?»
Martina lächelte sie nur kurz an.
Selma trat ins Freie. Hund Kobi kam sofort auf sie zugerannt. Die Reporterin begrüsste ihn wohl zum zehnten Mal an diesem Morgen. Er hatte ein feuchtes Fell. Er hatte sich sicher im nassen Gras gewälzt. Der Tau glitzerte magisch. Selma rannte ins Mädchenzimmer und holte ihre Drohne. Da der Akku des Handys noch nicht ganz leer war, verband sie die Drohne mit ihrem Smartphone und machte damit Luftaufnahmen. Selma war begeistert.
Auf dem kleinen Bildschirm entdeckte sie plötzlich Stefan. Er war hinter der Hütte und hackte Holz. Und Res kam immer wieder mit der Schubkarre aus dem Stall und fuhr zum Misthaufen.
Selma liess die Drohne landen, packte alles zusammen und schlenderte zum Stall. Res schob gerade wieder eine volle Mistkarre hinaus.
«Hei, Res!», sagte Selma energisch und stellte sich ihm in den Weg. «Was ist los mit euch?»
«Ich muss arbeiten.»
«Ach, Res. Irgendwas stimmt doch nicht. Papa Noldi redet nicht mit mir, Stefan wirkte richtig geschockt, als er mich sah. Und du murrst mich nur an. Früher hast du so viel gelacht …»
«Das war früher, Selma», sagte Res und stellte die Schubkarre ab. «Das war früher.»
«Ist etwas mit eurer Mama? Ist sie krank?»
Res schwieg lange, blickte zum Boden. Schliesslich sagte er leise: «Sie ist tot.»
Selma sah, wie Tränen in seine Augen schossen. Res packte die Karre und stiess sie auf den Misthaufen hinauf. Er warf sie um, fluchte, zerrte sie vom Haufen herunter und wollte zurück in den Stall.
Selma packte Res’ Arm: «Warum redest du nicht darüber?»
Res riss sich los: «Damit du es in die Zeitung schreibst? Nein, danke!»
«Res! Ich bin hier, um eine schöne Reportage zu machen. Rede mit mir, so wie früher, da haben wir auch über alles …»
«Noch einmal: Das war früher.»
Selma packte Res erneut am Arm: «Res, bitte, lass uns quatschen. So geht das nicht. Denk auch mal an Martina, sie ist eine so fröhliche Frau. Aber eure trübe Stimmung …»
«Was ist mit Martina?», fragte Res. Er schaute Selma in die Augen. Jetzt erkannte Selma wieder die schönen, grünen Augen.
«Martina ackert wie eine Verrückte.»
«Wir arbeiten hier alle wie die Verrückten. Und wozu? Das macht doch alles keinen Sinn mehr.» Res wandte sich ab und blickte nun gegen die Sonne. Selma liess seinen Arm los.
Res räusperte sich. «Machen wir nach dem Mittagessen einen Spaziergang?», fragte er schliesslich.
10
«Elin, ach, gut bist du da!» Charlotte Legrand-Hedlund setzte sich in ihrem abgewetzten Biedermeiersofa auf und stützte das linke Bein auf dem Stubentisch auf.
«Hei, Mama, wie geht es dir?» Elin legte die Tasche ab, umarmte ihre Mutter und schaute sich die Schürfung am Knie an. Zumindest versuchte sie es. Auf der Wunde war zwar kein Pflaster mehr, aber Charlotte hatte schwarze Nylonstrumpfhosen angezogen, die blickdicht waren.
«Wie soll es mir schon gehen? Mein Knie ist geschwollen.»
«Ja», bestätigte Elin und drückte sanft darauf. Charlotte reagierte sofort mit einem entsetzten «Mon dieu!»
«Mama, so schlimm kann es nicht sein. Wo ist überhaupt das Pflaster? Selma hat dir sicher ein Pflaster auf die Wunde geklebt.»
«Ich habe es weggerissen. Man konnte es durch die Strumpfhosen sehen.»
Elin verdrehte die Augen. Wie konnte man in diesem Alter noch so eitel sein, fragte sich Elin, unterliess es aber, eine Bemerkung zu machen. Stattdessen lächelte sie Charlotte an: «Magst du einen Kaffee?»
«Das wäre sehr nett, Liebes. Ich kam nicht dazu. Nachdem ich mich angezogen hatte, war ich so erschöpft, dass ich es gerade noch bis zum Sofa geschafft habe. Der Weg in die Küche war mir zu weit. Zum Glück hast du einen Hausschlüssel, ich hätte nicht mehr aufstehen und die Türe öffnen können.»
«Drama-Queen!», sagte Elin und marschierte lachend in die Küche. Sie schüttete Kaffee und einen Löffel Zichorie in den Filter und setzte die Kaffeemaschine in Gang. Nachdem das Wasser durchgelaufen war, goss sie die Brühe in eine grosse Tasse und gab reichlich kalte Milch dazu. Für sich selbst machte sie in der kleinen Espressomaschine einen deutlich stärkeren Kaffee.
«Danke, Elin», sagte Charlotte und nahm einen Schluck Milchkaffee. «Die Lebensgeister kehren zurück.»
«Dass du dieses fade Zeug immer noch geniessen kannst», stellte Elin verständnislos fest.
«Selmeli trinkt diesen Kaffee auch.»
«Aber ohne Zichorie.»
«Früher musste man sparen. Und ich mag den Kaffee so. Er ist nicht so stark. Dafür kann ich mehr davon trinken.»
«Schwedisch halt, Mama Charlotte Svea.» Elin betonte Charlottes Zweitnamen Svea laut und deutlich.
Charlotte lächelte: «Immerhin hat sich mein Vater bei meinem zweiten Namen durchsetzen können. Ansonsten war er ein richtiger Schwede. Zurückhaltend bis in den Tod. Nie hat er mit seinen Forschungserfolgen geprahlt, sondern immer sein Team und seine Vorgesetzten in den Vordergrund gerückt. Ach, ja, der gute alte Hjalmar …» Charlotte Svea schaute andächtig nach oben, runzelte aber plötzlich die Stirn: «Die Stuckaturen sind etwas matt geworden.»
«Wir sollten sie streichen lassen.»
«Aber, aber, die kann man reinigen. Selmeli behauptet, wir müssten nicht nur die Wände und die Decken streichen, sondern das ganze Haus sanieren. Sie will mich irgendwann ins Altersheim …»
«Das ist doch gar kein Thema, Mama», intervenierte Elin sofort. «Es gibt heute viele Möglichkeiten, damit man bis ins hohe Alter zufrieden zu Hause leben kann.»
Charlotte ging nicht darauf ein, sondern stellte trocken fest: «Das Haus zu renovieren, kostet eine Stange Geld.»
«Mama, wir könnten ja mal langsam …» Elin zögerte, wagte einen zaghaften Blick nach oben.
«Du meinst, wir könnten die Wohnung im zweiten Stock vermieten? Elin! Da sind euer Grossvater und euer Vater … na du weisst, schon.»
«Ja, sie sind gestorben. Aber das ist jetzt ein paar Tage her. Wäre es nicht an der Zeit …»
«Nein», räsonierte Charlotte.
«Okay, okay», meinte Elin nur und vergass das schwierige Thema «Zweiter Stock» gleich wieder. Es hatte sich an Charlottes Einstellung nichts geändert. Wahrscheinlich würde sich auch nie etwas daran ändern.
«Was macht deine Karriere, Liebes?», fragte Charlotte jetzt etwas schnippisch.
«Mama, ich habe zwei Buben! Und du bist auch nicht die Grossmutter, die tagelang Kinder hüten …»
«Sören und Sven müssen doch nicht mehr gehütet werden», meinte Charlotte. «Ich unternehme aber gerne etwas mit ihnen.»
«Natürlich, Mama. Ich will ja nur sagen, dass ich halt gerne zu Hause bin und meine Söhne selbst erziehen möchte. Eric und ich können es uns leisten. Mein Mann verdient genug. Zudem arbeite ich noch einige Stunden pro Woche in dieser Apotheke.»
«Einige Stunden!», sagte Charlotte vorwurfsvoll und trank ihren Kaffee aus. «In Schweden arbeiten alle Frauen. Und du mit deinem Studium, mit deinem Talent. Du wärst eine erfolgreiche Forscherin geworden genau wie dein Grossvater. Du hättest auch eine Bankkarriere machen können wie dein Vater.»
«Ich wollte aber Wissenschaftlerin werden.»
«Eben. Und jetzt bist du …»
«Ach, Mama», unterbrach Elin, «du machst es einem nicht einfach.» Es lag ihr auf der Zunge, zu erwähnen, dass Charlotte zwar Kunstgeschichte studiert und gut dreissig Jahre lang in diversen Funktionen im Basler Kunstmuseum gearbeitet, aber für ihre Familie ebenfalls auf die Karriere verzichtet hatte. Doch Elin liess es bleiben, sie hatte keine Lust, jetzt auf dieses Thema einzugehen. Deshalb erhob sie sich mit Schwung von ihrem Stuhl: «Na los, gehen wir!»
«Ach, ich weiss nicht.»
«Keine Widerrede. Wir haben es so abgemacht. Ein paar Tage wohnst du jetzt bei uns.»
«In Riehen. In dieser protzigen Villa.»
«Mama! Es ist keine protzige Villa. Es ist ein ganz normales Haus. Ich packe dir einige Sachen zusammen.»
«Sollten wir nicht erst Selmeli anrufen?»
«Ich werde mit meiner Schwester reden, versprochen.»
Elin ging ins Schlafzimmer ihrer Mutter und öffnete den grossen, antiken Schrank aus verschiedenfarbigem Nussbaumholz. Er war neben dem Biedermeiersofa das andere erdrückend wirkende Möbelstück in Charlottes Wohnung. Die Blusen, Kleider und die vielen Jupes in allen möglichen Farben und Längen – Elin fand einige definitiv zu kurz – hingen millimetergenau ausgerichtet an der Stange. Auch die Unterwäsche lag sorgfältig zusammengefaltet aufeinander.
«Wo sind deine Trainerhosen?», rief Elin ins Wohnzimmer.
«Trainerhosen? Ich habe keine Trainerhosen.»
Elin ging zurück ins Wohnzimmer: «Mama, Selma und ich haben dir doch Trainerhosen gekauft. Und weite, legere Freizeithosen.»
«So etwas ziehe ich nicht an. Du kannst aber Jeans einpacken.»
«Deine Jeans sind alle zu eng. Dein Knie ist geschwollen. Im Übrigen: Bist du für so enganliegende Hosen nicht langsam zu …» Elin zögerte.
«Zu alt? Ich bitte dich. Meine langen Beine sind bald das letzte Attraktive an mir.»
«Wir nehmen die Trainerhosen trotzdem mit. Wo sind sie?»
«Ganz unten in der Kommode.»
Elin ging ins Schlafzimmer zurück, kniete sich vor dem Möbel hin und öffnete die Schublade. Die weiten Trainer-, Freizeit- und Cargohosen waren ungebraucht, sogar die Etiketten hingen noch daran. Elin nahm alle Hosen heraus und stellte fest, dass ihre Mutter wirklich kein einziges Paar je getragen hatte. Sie schüttelte leicht den Kopf und murmelte: «Mama, Mama.» Als sie weiter nach hinten griff, stiess sie auf einen eckigen Gegenstand. Sie holte ihn hervor. Es war eine Schatulle mit goldverzierten Rändern. Sie sah ziemlich alt aus. Was war das für eine Schatulle? Elin hatte sie noch nie gesehen. Sie hätte schwören können, dass sie jeden Gegenstand, den ihre Mutter in ihrer Wohnung aufbewahrte, kannte. Schliesslich half sie zusammen mit ihrer Schwester regelmässig beim Putzen und Aufräumen. Aber diese Schatulle hatte sie wirklich noch nie gesehen. Hatte ihre Mutter ein Geheimnis? Noch ein Geheimnis? Es reichte doch, dass der ominöse zweite Stock ein solch grosses Geheimnis war.
Elin schüttelte die Schatulle vorsichtig. Im Inneren schepperte etwas. Lag vielleicht Schmuck darin? Eine Kette oder eine Uhr? Dafür gab es doch den Wandtresor hinter dem Bild von König Gustav IV Adolf. Oder das Schliessfach auf der Bank.
Elin war unsicher. Sollte sie Charlotte fragen? Oder die Schatulle einfach zurücklegen und vergessen? Oder …?
Vorsichtig öffnete Elin die Schatulle und untersuchte deren Inhalt. Es lief ihr plötzlich kalt den Rücken hinunter. Ja, sie musste dringend mit Selma reden.
Бесплатный фрагмент закончился.
