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Inhalt
1 Cover
2 Titel
3 PROLOG
4 1. Kapitel
5 2. Kapitel
6 3. Kapitel
7 4. Kapitel
8 5. Kapitel
9 6. Kapitel
10 7. Kapitel
11 8. Kapitel
12 9. Kapitel
13 10. Kapitel
14 11. Kapitel
15 12. Kapitel
16 13. Kapitel
17 14. Kapitel
18 15. Kapitel
19 16. Kapitel
20 17. Kapitel
21 18. Kapitel
22 19. Kapitel
23 20. Kapitel
24 21. Kapitel
25 22. Kapitel
26 EPILOG
Petra E. Jörns
Im Licht der Horen
Auge – Erstes Licht

Space Opera
Jörns, Petra E.: Im Licht der Horen. Auge – Erstes Licht. Hamburg, Plan9 Verlag 2020
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-948700-03-4
Dieses Buch ist auch als eBook erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.
ePub-eBook: 978-3-948700-07-2
Lektorat: global:epropaganda Michael Haitel
Korrektorat: Aileen Hiecke
Satz: 3w+p GmbH, Rimpar
Umschlaggestaltung: Christl Glatz, © Agentur Guter Punkt, München
Umschlagmotiv: © Sylphe_7/GettyImages, Bildnummer: 538337660 (Raumschiff)
© vjanez/GettyImages, Bildnummer: 619672888 (Planet)
© dottedhippo/GettyImages, Bildnummer: 911448766 (Metorit
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
Der Plan9 Verlag ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,
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© Plan9 Verlag, Hamburg 2020
Alle Rechte vorbehalten.
https://www.plan9-verlag.de Gedruckt in Deutschland
PROLOG
Ein heller Punkt zog seine Bahn zwischen den Sternen. Während sie ihm mit dem Blick folgte, wechselte die Perspektive. Persephone tauchte im Hintergrund auf, eine blaue Kugel mit hellen Wolkenbändern vor der Schwärze des Alls. Der helle Punkt bewegte sich von ihr fort, auf eine Stelle in der Umlaufbahn zu, wurde größer und größer und entpuppte sich als Raumfähre der Kolonialen Flotte – und zerplatzte vor ihren Augen in einer Garbe aus gleißenden Funken!
Dee schreckte hoch. Ihr Herz raste, kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn. Einige Augenblicke blieb sie einfach so sitzen, damit beschäftigt, sich in dem fremden Zimmer zurechtzufinden. Bis sie sich erinnerte.
Sie hatte in der kleinen Pension von Mistress Kiriakidis eingecheckt. Weil sie die Leere in ihrer Wohnung nicht ertragen konnte, die in der City von New Haven durch die bodentiefen Fenster auf die Glaspaläste der Umgebung starrte. Einer Wohnung, die noch leerer war, seit sie sie allein bewohnte.
Langsam stand sie auf. Der Holzboden unter ihren nackten Füßen war rau. Sie ging zu der doppelflügeligen Tür, die auf einen winzigen Balkon führte. Sie öffnete die Türflügel, trat hinaus und hob den Blick zum Himmel. Der Wind, der vom Meer her blies, fing sich in ihren Haaren und brachte einen Hauch von Kühle.
Endlich fand sie den Punkt zwischen den Sternen, der die CFF Nyx markierte. Das erste Schiff einer neuen Serie, das die Jäger der Erde vom Himmel fegen würde.
Morgen. Morgen würde sie an Bord gehen, um dort ihren Dienst als Chefingenieurin und Zweiter Offizier anzutreten. Ein Anflug von Stolz erfüllte sie. Hunderte hatten sich für die Stelle beworben, doch sie war ausgewählt worden. Nicht ohne guten Grund, da sie an der Entwicklung der neuen Gelmatrix mitgearbeitet hatte.
War es nicht Ironie, dass Paul indirekt seinen Anteil daran trug? Paul, der Sternenpilot, der ihr vorgegaukelt hatte, eine Familie gründen zu wollen, um sie so von Bord der CFF Achilles nach New Haven in die Forschungslabore zu locken – nur damit er bei der Admiralität Karriere machen konnte. Ein Pilot, der Akten schleppte! Lachhaft. Und sie war darauf reingefallen, hatte alles für ihn und den Kleinmädchentraum von einer heilen Welt aufgegeben. Einen Traum, der nie wahr geworden war, mit diesem Mann nicht wahr werden konnte, da der der Falsche war.
Und doch stand sie nur seinetwegen jetzt an dem vielleicht bedeutendsten Punkt ihres Lebens. Verrückt.
Ihr Blick glitt vom Himmel auf die Bucht, wo die Wellen unablässig an den weißen Strand rauschten. Wegen dieser Aussicht war sie hier, in ihrer letzten Nacht auf Persephone. Das war die Aussicht, an die sie sich in der Enge des Schiffes erinnern wollte, die künftig ihre Heimat sein würde. Und nicht an die glitzernden Glaspaläste und die Leere der ehemals gemeinsamen Wohnung in der City.
Hier. Hier wollte sie hingehören. Dort war nie ihr Zuhause gewesen.
Und morgen, ab morgen würde die Nyx ihr Zuhause sein.
Ihr Blick fand wieder den hellen Punkt zwischen den Sternen. Eine Fähre. Die vor Persephone zerplatzte. Ihre Fähre?
Sie fröstelte, und es war nicht nur der Nachtwind. Nein, sie war keine Seherin. Nur eine minderklassifizierte Maschinenversteherin, gerade genug, um sich einen Ruf als besonders begabte Ingenieurin zu erwerben. Mehr nicht.
Nein, wäre sie imstande gewesen, die Zukunft vorauszusehen, dann hätte sie auch Pauls Betrug sehen können.
Ein Albtraum also.
Mit einem letzten Blick zurück auf das Meer ging sie wieder zu Bett. Und obwohl sie dachte, nicht einschlafen zu können, tat sie es doch.
1. Kapitel
Das Pad neben ihrem Bett weckte sie viel zu früh. Sie setzte sich auf und rieb sich die Augen.
Heute war der große Tag.
Vorfreude und ein Hauch von Nervosität erfasste sie. Wie lange war sie nicht mehr an Bord eines Schiffes gewesen? Sechs Jahre? Ganz automatisch ging sie die Rangabzeichen noch einmal durch, rief sich die Namen der Personen in Erinnerung, die mit ihr gemeinsam auf der Nyx dienen würden.
Captain Coulthard, Commander De Sutton, Doktor Tipton, Lieutenant Hawk, Lieutenant Watanabe, Junior Lieutenant Nayiga.
Und ihre Leute, die Crew im Maschinenraum: Chief Petty Officer Riley, Petty Officer Peres ...
Aufhören! Sie machte sich damit nur nervös.
Um sich zu beschäftigen, duschte sie, putzte sich die Zähne und ging zu ihrem Koffer. Die dunkelgraue Uniform nach all den Jahren wieder anzuziehen, jagte einen Schauer über ihren Rücken. Nun, da sie wieder Dienst auf einem Kriegsschiff haben würde, durfte sie sie wieder tragen. Mit Stolz. Sie war keine Angestellte im Forschungslabor mehr. Sie gehörte wieder dazu. Zu jenen Männern und Frauen, die tagtäglich im seit Jahrhunderten währenden Krieg gegen die Erdregierung ihr Leben für die Kolonien riskierten. Zu denen die Bürger der Kolonien zu Recht mit Stolz aufsahen.
Die Frau, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, war ihr fremd. Sie studierte ihr Gesicht, die dunklen, glänzenden Haare, die es umrahmten, die blauen Augen, die wach und neugierig wirkten. Nicht wirklich hübsch, aber auch nicht unattraktiv. Zu wenig Brust; die Uniform betonte den Mangel noch. Paul konnte sich darüber nicht mehr beschweren.
Sie packte ihre Sachen zusammen, schloss den Hartschalenkoffer und trat ein letztes Mal auf den kleinen Balkon hinaus, berauschte sich noch einmal am Anblick des Blaus und der Weite.
Weshalb verkaufte sie die Wohnung in der City eigentlich nicht, um sich hier etwas zu suchen?
Wenn sie zurückkehrte, würde sie sich darum kümmern. Jetzt war die Zeit, einen neuen Anfang zu wagen.
Als sie die knarrende Holztreppe hinunterging, näherte sich das Geräusch klappernder Absätze. Dee unterdrückte ein Seufzen.
»Aah, Mistress MacNiall! Einen wunderbaren guten Morgen!« Im Morgenlicht, das durch die bunten Scheiben des Eingangsbereichs gefärbt wurde, kam ihr Mistress Kiriakidis entgegen. Graue Strähnen wanden sich durch die pechschwarzen Haare, die sich in einer Hochsteckfrisur auf ihrem Kopf türmten. Sie trug ein billiges geblümtes Kleid, das die Hälfte ihrer trotz des Alters immer noch schlanken Oberschenkel freiließ, und dazu viel zu hochhackige Pantoletten, die in Dee die Angst weckten, sie könne sich bei jedem Schritt den Knöchel brechen.
»Haben Sie gut geschlafen?« Sie lächelte und entblößte dabei eine Reihe ebenmäßiger Zähne, die eine Spur zu weiß waren.
»Ich möchte bezahlen.« Dee reichte ihr die Magnetkarte ihres Zimmers.
Die Magnetkarte wie eine Trophäe in die Höhe gehalten, klackerte Mistress Kiriakidis Richtung Theke.
»Es war wieder in den Nachrichten, dass ein Botschafter der Erdregierung hier ist. Hier. Auf Persephone! Ein Botschafter der Erde!« Mistress Kiriakidis schüttelte den Kopf. »Glauben die wirklich, wir könnten so einfach Frieden schließen? Nach ... wie lange dauert jetzt schon dieser unselige Krieg?«
Zweihundertelf Jahre. Eigentlich wollte Dee nur die Magnetkarte für das Zimmer abgeben und die Rechnung begleichen.
»Was denken die sich eigentlich? Nichts, möchte ich wetten. Erst schicken sie uns ihre Mutanten, um uns kleinzukriegen. Und dann schießen sie auf uns, weil wir diese Leute angeblich beschützen. Dabei wären wir selber froh, sie wieder loszuwerden. Wenn Sie mich fragen, ist dieses ganze Gerede vom Frieden doch auch nur wieder eine Masche, um uns reinzulegen. Damit wir uns in Sicherheit wiegen, während sie in Ruhe den nächsten Angriff planen.«
Mistress Kiriakidis hatte die Theke erreicht und begann Zahlen in den Geldkartenautomaten einzugeben. »So ist es doch, oder nicht?«
Wortlos reichte Dee ihr ihre Geldkarte.
»Was sagen Sie dazu?«, tönte Mistress Kiriakidis, während sie die Karte in den Schlitz des Automaten steckte. »Sie sind doch bei der Flotte. Sie müssen doch wissen, was die vorhaben.«
Fast hätte Dee gelacht. Das wünschte sie sich selber – zu wissen, was der Senat plante. Aber wer wusste das schon?
»Es geht um ein Waffenstillstandsabkommen. Und ich wette, dass die Erde als Preis die Auslieferung aller hoch eingestuften Mutanten verlangt.«
»Dann sollte der Senat zustimmen. Das würde viele Probleme beseitigen. Wenn Sie mich fragen.«
Dee dankte Gott im Stillen dafür, dass Mistress Kiriakidis nicht gefragt wurde. Auch wenn sie selber schon einige Male diesen Gedanken gehabt hatte. Sie war nur ein unbedeutender Klasse-fünf-Mutant. Ihre Auslieferung würde die Erdregierung bestimmt nicht verlangen. Hoffte sie. Mit Bestimmtheit aber die von etwa hundert Mutanten der Klasse eins und zwei.
Der Gedanke, auf sie zu verzichten, war verführerisch. Ohne sie wäre es sicherer in den Kolonien. Nur hieße das, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Und das gehörte sich nicht. Und es bedeutete auch, dass es niemanden mehr geben würde, der Schiffe mit der neuen Gelmatrix fliegen und warten konnte. Und das war fast noch wichtiger. Nur würden Menschen wie Mistress Kiriakidis das alles nie verstehen.
Dee seufzte. »So einfach ist das nicht. Was, wenn die Erdregierung sie tötet? Glauben Sie, die Untergrundbewegung ließe das so einfach zu?«
Das war das einzige Argument, das Mistress Kiriakidis vielleicht überzeugen konnte. Vor der Untergrundbewegung der Mutanten hatten alle Angst.
Mistress Kiriakidis zuckte mit den Schultern und zog die Karte wieder aus dem Schlitz. »Eben. Ausliefern. Alle miteinander. Soll die Erdregierung sich doch mit ihnen herumschlagen.« Mit einem Lächeln reichte sie Dee die Karte zurück. »Einen guten Flug wünsche ich Ihnen.«
Dankbar darüber, dem Wortschwall der Frau endlich entkommen zu können, steckte Dee die Karte ein und nahm ihren Koffer. »Auf Wiedersehen«, sagte sie im Gehen.
Doch Mistress Kiriakidis klapperte bereits wieder Richtung Speisezimmer.
So groß hatte sie den Raumhafen gar nicht in Erinnerung. Sie frühstückte in der Kantine, zwischen all den fremden Männern und Frauen in Uniform, mit Blick auf das Startfeld mit den Raumfähren. Folgte mit ihrem Blick den silbernen Gebilden, die im Blau des Himmels verschwanden.
Mit einem Frösteln erinnerte sie sich an den Traum der letzten Nacht. Sie nahm einen Schluck Kaffee, ließ den Becher stehen und griff nach dem Koffer, um sich auf den Weg zu machen, bevor aus dem mulmigen Gefühl mehr werden konnte.
Noch eine Viertelstunde. Sie hatte gedacht, dass es kein Problem sein konnte, die Fähre in dieser Zeit zu finden. Doch die Zahlen der vielen Gates brachten sie durcheinander, sodass sie am Ende doch in Eile geriet. Völlig außer Atem kam sie zwei Minuten zu spät am Gateway an.
Ein junger Mann erwartete sie. Groß, breitschultrig, braun gebrannt und gut aussehend, das Klischee eines Piloten. Er lächelte sie breit an, während er pflichtschuldig, wenn auch ein wenig nachlässig salutierte. »Lieutenant Hawk, zu Ihren Diensten, Ma’m!«
Ma’m. Dee schauderte bei der Anrede. »Verzeihen Sie die Verspätung. Ich habe mich verlaufen.«
Er lachte und griff nach ihrem Koffer. »Das passiert allen hier, Ma’m.« Aus der Nähe wirkte er indianischer, als das Bild in seiner Akte es hatte vermuten lassen. »Folgen Sie mir.« Ganz selbstverständlich, als wäre er hier zu Hause, ging er voraus.
Dees Blick irrte durch die Fenster des Gateways auf die Fähre. Ihre Hände wurden feucht.
Nur ein Albtraum. Es war nur ein Albtraum. Mehr nicht.
»Hier entlang. Alles in Ordnung, Ma’m?«
Sie zuckte zusammen. »Ja, ja.« Einen Herzschlag lang starrte sie ihn verwirrt an, ehe sie ihm endlich ins Innere der Fähre folgte und sich auf den Sitz setzte, den er ihr zuwies.
Elegant ließ Hawk sich danach vor ihr in den Pilotensessel gleiten. Seine Finger betätigten verschiedene Schalter und die Luke schloss sich mit einem Zischen. Dann konnte Dee das statische Rauschen hören, das aus dem Komm drang. Ihre Finger verknoteten sich.
»Schließen Sie den Gurt, Ma’m«, sagte er, bevor er eine Anfrage aus dem Komm beantwortete.
Sie gehorchte, ertappte sich dabei, dass ihre Hände zitterten, und verschränkte sie wieder ineinander. Sie waren eiskalt.
Raus hier! Raus, solange noch Zeit war!
Wie in Watte gepackt, lauschte sie dem Gespräch zwischen dem Lieutenant und der Flugüberwachung. Es war, als würde sie einem Dialog in einer fremden Sprache folgen, so wenig verstand sie. Die Worte ergaben einfach keinen Sinn, bis Hawk sagte: »Bestätige: Starterlaubnis erteilt.« An Dee gewandt setzte er hinzu: »Wir starten, Ma’m!«
Ihr war, als habe Hawk damit ihr Todesurteil gesprochen. Aber bevor sie etwas erwidern konnte, zeigte ihr das leichte Heben ihres Magens, dass die Fähre bereits abgehoben hatte.
Das Blau des Himmels wich der Schwärze des Alls. Langsam, kaum merklich, bis es nicht mehr zu leugnen war. Hinter ihnen fiel der blaue Ball Persephone zurück.
Dee fühlte, wie Hawk die Fähre in eine Umlaufbahn schwenkte. Jetzt. Jetzt, war es passiert. Unwillkürlich schloss sie die Augen.
»Da ist sie!« Der Stolz, der aus Hawks Stimme sprach, brachte Dee dazu, die Lider zu öffnen. Die silberne Silhouette eines Raumschiffs hob sich vor dem Samtschwarz des Weltalls ab. Unwillkürlich entwich Dee ein leises Seufzen, während sie sich vorbeugte, um besser sehen zu können. Ihre Finger umklammerten die Lehne von Hawks Sessel.
Zu nah, rief eine Stimme in ihrem Kopf. Aber sie ignorierte sie. Vergaß alles. Sogar die Angst, die sie eben noch im Griff gehalten hatte.
Ihr Blick folgte den eleganten Linien. Verliebte sich in Details, fand endlich die Anordnung der Triebwerke. Suchte die Zeichnungen auf ihrem Schreibtisch mit dem vollendeten Werk in Übereinstimmung zu bringen. Und scheiterte. Versagte kläglich angesichts dieses Wunderwerks aus Menschenhand.
»Kleiner Rundflug?«, fragte Hawk mit einem Grinsen auf dem Gesicht.
Sie wollte »Nein« sagen, doch Hawk hatte seinen Vorschlag bereits in die Tat umgesetzt. Eigentlich war das einen Tadel wert. Aber immer neue Ansichten der Nyx versetzten Dee in Staunen, ließen ihr keine Zeit für eine Rüge.
Da! Hätten die Gurte sie nicht gehalten, wäre sie von ihrem Sitz aufgesprungen. Oh ja, so sollte es sein! Die nahe Anordnung der Konvektions- und der Sprungtriebwerke zueinander musste die Energieausbeute und damit die Wendigkeit und Schnelligkeit des Schiffes immens erhöhen. Zusammen mit der neuen Gelmatrix würde sich kein herkömmliches Schiff mit diesem messen können.
Das musste den Wendepunkt in diesem leidigen Krieg markieren. Zugunsten der Kolonien. Die Erdregierung konnte nicht mehr behaupten, sie wüsste von nichts, wenn koloniale Schiffe einfach verschwanden. Dann würden sie es der Erdflotte heimzahlen. Schiff für Schiff. Was kümmerten da noch Waffenstillstandsabkommen?
Jetzt verstand sie Hawks Stolz. Er gehörte dazu, zur handverlesenen Crew dieses außergewöhnlichen Schiffes auf seiner Jungfernfahrt.
Auch Hawk war nicht durch Zufall hier. Sie erinnerte sich daran, dass er die Bellerophon geflogen hatte, das Schiff mit der Testmatrix, nachdem dieser andere Pilot – wie hieß er doch gleich? – einen Teil der Forschungsdaten für den Widerstand gestohlen hatte. Demnach musste Hawk ein Mutant sein. Denn nur Mutanten konnten eine Gelmatrix fliegen.
»Schönes Schiff, nicht wahr?«, fragte Hawk, ohne sich umzudrehen.
Ob er wusste, dass sie an der Entwicklung der Gelmatrix mitgearbeitet hatte? »Ja, das ist sie.« Sie versteckte den Stolz in ihrer Stimme nicht.
Als sei es das Signal für ihn gewesen, den Rundflug zu beenden, steuerte Hawk eine dunkle Öffnung an, hinter der ein Hangar liegen musste. In einem Bogen flog er durch die offenen Luken und setzte sacht auf dem Stahlboden auf. Die Hangartore schlossen sich hinter ihnen wie das Maul eines großen Fisches.
In Sicherheit. Es war nichts passiert.
Dee begriff es erst, als ihr Blick auf eine Anzeige der Konsole fiel. Sie zeigte an, dass Atemluft in den Hangar gepumpt wurde, der sich den Blicken durch die Frontscheibe als hoher, kahler Raum darbot. Ihnen direkt gegenüber durchbrach ein Schott das Grau der Wände. Hinter einer Glasscheibe befand sich die Beobachtungskabine für den Hangar, in der in sterilem Licht die Silhouette einer Frau auszumachen war.
Als die Konsolenanzeige für die Atemluft das Skalenende erreichte, öffnete die Frau das Schott der Beobachtungskabine und kam auf sie zu. Sie trug die dunkelgraue Uniform der Flotte mit Selbstbewusstsein, als wäre sie damit auf die Welt gekommen. Breitbeinig blieb sie vor der Fähre stehen.
Hawk stand auf und öffnete die Luke. »Nach Ihnen, Ma’m.« Mit einem Grinsen ließ er Dee den Vortritt.
»Ich danke Ihnen für den Flug.« Nach einem Nicken in Hawks Richtung kletterte Dee nach draußen.
Ozongeruch stach ihr in die Nase. Hoch aufgerichtet schritt sie auf die Frau mit den Rangabzeichen eines Captains zu, die im Hangar wartete. Vor ihr salutierte Dee so zackig, wie sie es nach den Jahren in den Forschungslabors noch zuwege brachte. »Chefingenieurin Lieutenant Commander Deirdre MacNiall meldet sich zum Dienst, Ma’m.« Die so lange nicht mehr benutzten Worte hörten sich aus ihrem Mund fremd an.
Das dunkle, kinnlange Haar der Frau vor Dee wurde von ersten grauen Strähnen durchzogen. Sie bot ihr eine sehnige Hand. Das Lächeln auf dem energischen Gesicht wirkte fehl am Platz, dem Blick der eisblauen Augen schien nichts zu entgehen. »Captain Penelope Coulthard. Ich freue mich, Sie als meinen Zweiten Offizier an Bord zu begrüßen.«
Wieder erinnerte sich Dee an ihren Traum.
Wenn es nicht ihre Fähre gewesen war, die sie gesehen hatte, wessen Fähre war es dann?
2. Kapitel
Auf den Plänen hatte alles viel größer gewirkt. Die Kommandozentrale war winzig. Alle Räume in der Nyx waren winzig, als hätte man versucht, alles zu verdichten, um so viel Platz wie möglich zu sparen. Und alles war grau, als hätte man auch bei der Farbauswahl Sparsamkeit walten lassen. Wenigstens war das allgegenwärtige Grau der Schiffswände deutlich heller als das der Uniformen, sonst wäre die Mannschaft Gefahr gelaufen, zu Schatten zu verblassen.
Captain Coulthard öffnete ein weiteres Schott. »Der Maschinenraum!«
Zögernd trat Dee hindurch. Ein wenig fürchtete sie, auch der Maschinenraum könne ähnlich vollgestopft wie der Rest des Schiffes sein.
Es war noch schlimmer, als sie erwartet hatte. Gleich hinter dem Zugang befanden sich auf der rechten Seite zwei Terminals für die Diagnose. Direkt dahinter lagen die Hyperspulen und der Konverter, der ein sonores Brummen verströmte. Auf der linken Seite fand sie zwei Konsolen für die Überwachung der Lebenserhaltungssysteme. Hier schloss sich unmittelbar die Wasseraufbereitungsanlage an, die von der Atemluftaufbereitung durchbrochen wurde.
Na, herzlichen Dank! Da hatte sich ja jemand außerordentliche Mühe gegeben, ihr die Arbeit zu erschweren. Wie sollte man denn hier etwas reparieren oder warten?
»Darf ich vorstellen?«, sagte Coulthard und wies auf einen Mann und eine Frau in der dunkelgrauen Uniform der Flotte. »CPO Riley und PO Peres. Die zehn Crewmen, die Ihnen ebenfalls unterstehen, werden Ihnen Ihre beiden Unteroffiziere bekannt machen.«
Coulthard deutete bei ihren Worten zuerst auf den Mann, dann auf die Frau und anschließend auf Dee. »Ihre neue Chefin. Lieutenant Commander Deirdre MacNiall.«
»Freut mich, Sie kennenzulernen, Ma’m.« Der blonde, gut aussehende Riley trat vor und salutierte forsch. Seine Ähnlichkeit mit Paul war fast ein wenig unheimlich.
»Freut mich ebenso, CPO Riley.« Dee nickte knapp. Insgeheim wurde ihr allein bei der Aussicht mulmig, nun täglich mit diesem Mann zusammenarbeiten zu müssen.
»Sie haben an der Entwicklung der Gelmatrix mitgearbeitet?«, fragte Riley mit glänzenden Augen.
»Das ist richtig.« Die Verehrung, die Dee in Rileys Augen zu erkennen glaubte, behagte ihr nicht. »PO Peres?«
Peres grüßte mit Verspätung. »Chief.« Auch auf ihrem flächigen Gesicht glaubte Dee, Ehrfurcht zu erkennen. Peres’ graue Haare waren kurz geschoren, kürzer als Rileys, dem eine blonde Strähne ins Gesicht hing. Trotzdem trug Peres ein rotes Stirnband. Sie war klein, aber reichlich kompakt, und Dee stellte sich lieber nicht vor, wie sie durch einen Wartungsschacht robbte.
»Angenehm«, sagte Dee.
Um den Blicken von Peres und Riley auszuweichen, trat sie an die Hyperspulen heran und versuchte, dem Verlauf der Plasmaleitung zu folgen.
Als hätte Peres Dees Gedanken erraten, zeigte sie nach oben. »Das Sanktum ist da oben, Chief. Aber das wissen Sie sicherlich.«
Eine Galerie zog sich auf der nächsten Deckebene um den Maschinenraum. Gegenüber dem Eingang auf der unteren Ebene war oben ein Schott zu erkennen.
Langsam fand sich Dee zurecht und schaffte es, die Pläne aus ihrem Kopf mit der Realität in Einklang zu bringen. Da war es also, das Herz des Schiffes. Dee glaubte fast, es fühlen zu können. Ein riesiges Pulsieren, das versuchte, ihr seinen Rhythmus aufzudrängen.
»Können wir es uns ansehen?«
Coulthard zeigte auf Riley. »Riley!«
Riley schenkte Dee ein freundliches Lächeln. »Wenn Sie mir folgen wollen, Ma’m?«
Plötzlich hatte Dee die Vision einer Hand, die ihren Hintern tätschelte. Paul hatte das getan. Nicht nur bei ihr, sondern bei jeder Frau, die in sein Beuteschema fiel.
Aber Paul war weit weg. Er schleppte jetzt Akten für die Admiralität und konnte tun und lassen, was er wollte.
Riley hatte schon die schmale Stahltreppe erreicht, die sich über den Hyperspulen zur Galerie zog. Bevor er die erste Stufe nahm, drehte er sich um und wartete, bis sie zu ihm aufschloss. »Nach Ihnen, Ma’m.«
Die Vision der Hand auf ihrem Hintern wurde übermächtig. Aber sie schaffte es, sich nichts von ihrer Aversion anmerken zu lassen, obwohl Riley ihr viel zu dicht folgte.
Als sie die Galerie erreichten, überholte er sie und streifte dabei mit seiner Hand ihren Oberschenkel. Dee zuckte zusammen.
Als sei nichts geschehen, blieb Riley neben dem oberen Schott stehen und betätigte den Öffnungsmechanismus. »Das Allerheiligste«, sagte er und trat hinein.
Dees Nackenhaare sträubten sich. Ob wegen des blauen Leuchtens, das durch das Schott drang, oder Rileys Berührung, wusste sie nicht. Sie brauchte einen Augenblick, bevor sie es über sich brachte, ihm zu folgen.
Riley stand in der Mitte des kleinen Raums. In der Mitte der Wand gegenüber lag der Zugang zu einem Wartungsschacht, links und rechts transparente Plastscheiben.
Dee gruselte es bei dem Gedanken, diesen Schacht jemals betreten zu müssen. Das Schild, das darauf prangte, war wohl nicht ohne Grund angebracht: »Bryson-Strahlung! Todesgefahr! Max. eine Stunde mit Strahlungsschutzanzug.«
Die Strahlung war das blaue Leuchten, das durch die Scheibe zur Rechten drang. Blau und gefährlich. Wie gebannt trat Dee näher, um das obere Ende des Fusionsreaktors zu betrachten, der sich an dieser Stelle durch den Kern des Schiffes bohrte.
Riley trat hinter sie. »Ist es nicht immer wieder berauschend, wie schön der Tod sein kann?« Seine Stimme klang ehrfürchtig.
Dee konnte seinen Atem in ihrem Nacken spüren. Zu nah. Viel zu nah.
Wortlos trat sie an die andere Scheibe. Ein riesiger Tank befand sich dahinter, der von dem blauen Leuchten gespeist wurde und in einem überirdischen Licht schimmerte. Er war das Interface, mit dessen Hilfe der Pilot die Strings manipulierte, an denen das Schiff entlangglitt. Der Anblick war atemberaubend. »Ist sie das?«
»Die erste Gelmatrix in einem Serienschiff. Ja, Ma’m. Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, ob ich den Piloten, der dieses Geschoss beherrschen will, beneiden oder bemitleiden soll.«
Mit einem Mal stand Riley wieder so nah, dass Dee glaubte, seine Körperwärme fühlen zu können. Mit einem Ruck drehte sie sich zu Riley um.
»Sie sollten hoffen, dass er es beherrschen kann. Sonst enden wir als Hackfleisch im All. Und ich rate Ihnen, künftig Abstand zu mir zu halten. Zwei Schritte. Verstanden?«
Als habe sie ihn geschlagen, wich Riley zurück. »Es tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, Ma’m. Nehmen Sie meine Entschuldigung an?«
Kein guter Einstieg! »Akzeptiert«, hörte sie sich sagen. »Dieses eine Mal.«
»Ich verspreche, dass es nicht wieder vorkommen wird.« Riley salutierte.
»Das hoffe ich für Sie.« Ohne einen Gruß ließ Dee ihn stehen.
»... und hier ist Ihre Kabine«, beendete Captain Coulthard den Schiffsrundgang. Mit einer Berührung des Bedienpanels öffnete sie das Schott und gab den Blick auf eine Kabine frei, für die die Bezeichnung Verschlag passender gewesen wäre.
Dees Blick sah ihren Koffer, den jemand dort deponiert hatte, und das Stockbett, auf dem eine Frau saß. Gute Güte, sie musste die Kabine doch nicht etwa teilen?
»Darf ich Ihnen Junior Lieutenant Nayiga vorstellen?« Coulthard deutete auf die dunkelhäutige Schönheit auf dem Bett.
Elegant schob Nayiga ihre langen, schlanken Beine über den oberen Bettrand und ließ sich zu Boden gleiten. Schlanke Taille, beeindruckende Brust.
»Und das ist Lieutenant Commander MacNiall«, setzte Coulthard die Vorstellungsrunde fort.
»Ich freue mich, Sie kennenzulernen.« Nayigas Stimme war ein samtiger Alt. Mit einem Lächeln bot sie Dee die Hand. »Ich habe Ihnen aufgrund Ihres Ranges und Ihres Alters selbstverständlich das untere Bett überlassen.« Eine Reihe ebenmäßiger weißer Zähne wurde sichtbar, als sie lächelte. Die schwarzen Haare waren im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
Dee schüttelte die angebotene Hand. Sie war nicht alt!
»Entschuldigen Sie mich.« Coulthard deutete ein Nicken an, bevor sie sich entfernte. »Einsatzbesprechung ist um sechzehn fünfzehn.«
Nayiga lächelte noch etwas breiter. »Ich lasse Sie am besten allein, damit Sie sich in Ruhe umziehen und frisch machen können.«
Sie musste sich nicht frisch machen! Aber Hauptsache, die Andere verschwand endlich. Trotzdem sagte sie: »Danke.«
Immer noch lächelnd überließ Nayiga ihr die Kabine. Das Schott schloss sich hinter ihr. Dee war allein. Endlich. Mit einem Seufzen ließ sie sich auf das untere Bett sinken.
Wunderbar! Nayiga war genau die Art von Frau, auf die Paul flog. Große Brüste, wohl gerundete Körperformen, lange Haare und einen guten Kopf kleiner als Dee. Sexy. Nicht so langweilig und knabenhaft wie sie.
»Vergiss ihn«, rief sie sich einmal mehr Siobhans Worte in Erinnerung. Ihre Schwägerin und beste Freundin hatte recht. Es gab wichtigere Dinge, auf die sich jetzt konzentrieren musste.
Sie war auf diesem Schiff. Weil sie die meiste Erfahrung mit der neuen Gelmatrix mit sich brachte. Weil sie bei ihrer Erforschung und Entwicklung mitgearbeitet hatte.
Weil sie etwas Besonderes war.
So besonders wie dieser Pilot, der dazu in der Lage war, dieses Geschoss zu fliegen.
Mutanten eben.
Sie konnten von Glück reden, dass der Senat die Angst vor den Mutanten nicht wie die Erdregierung schürte. Dabei lagen die Mutantenkriege auf der Erde bereits Jahrhunderte zurück – und auch in den Kolonien gab es einen guten Grund, die Mutanten zu fürchten. Dafür sorgten die terroristischen Aktivitäten der Untergrundbewegung. Da konnte selbst sie als Klasse-fünf-Mutantin froh sein, dass der Senat Mutanten nicht internierte und auslöschte – wie die Erdregierung das einst getan hatte.
Oder gab sich der Senat nur deshalb so liberal, weil die Koloniale Flotte neuerdings auf Gelmatrizen setzte, statt auf die herkömmlichen bioneuronalen Sprunginterfaces der Erdflottenschiffe, die jeder ausgebildete Nichtmutant bedienen und warten konnte? Die Gelmatrix konnte nur durch Mutanten manipuliert und gewartet werden.
Nun gut. Wenn der Senat die Mutanten nur deshalb brauchte, um den Krieg zu gewinnen – umso besser! Dann würde sie ihnen zeigen, dass sie recht daran taten. Bevor vielleicht doch irgendjemand auf den Gedanken kam, die Mutanten einem Friedensabkommen mit der Erdregierung zu opfern.
»Unsere Mission hat sich geändert.« Coulthard blickte sich im Konferenzraum um, als wolle sie sich vergewissern, dass ihr alle Anwesenden zuhörten. Sie hätte die Einsatzbesprechung nicht effektiver beginnen können.
»Aber ...«, wandte der Erste Offizier De Sutton, der rechts neben Coulthard saß, mit gerunzelter Stirn ein.
Kurz hatte Dee die Vision des Juraprofessors der Akademie, der mit blasierter Miene eine Litanei von möglichen Bedenken gegen eine abweichende Auslegung der Flottenstatuten deklamierte. Genau wie bei diesem Juraprofessor, prägte De Suttons Gesicht ein sauber getrimmter Vollbart. Nur war De Suttons Bart dunkelbraun, nicht grau überhaucht wie der des Professors damals.
Auf Coulthards missbilligenden Blick glättete sich De Suttons Stirn, sein Gesichtsausdruck wurde hochnäsig. »Ma’m, mit Verlaub. Ich muss Sie daran erinnern, dass unser Schiff bisher nicht erprobt wurde und zudem mit einer unerfahrenen Crew bestückt ist. Es wäre ausgesprochen waghalsig ...«
»Ich bin über diese Fakten sehr wohl im Bilde«, erwiderte Coulthard. »Nichtsdestotrotz werden wir mit sofortiger Wirkung von der Admiralität einberufen, um einen Kurierdienst von höchster Priorität zu übernehmen.«
De Sutton runzelte nun doch wieder die Stirn. »Gemäß Paragraf acht der Einsatzstatuten darf ein Prototyp nicht für Kurierdienste der obersten Priorität eingesetzt werden. Es wäre natürlich zu diskutieren, ob das erste Schiff einer geplanten Serie als Prototyp zu werten ist. Nichtsdestotrotz müsste zuerst überprüft werden, ob alle Crewmitglieder die entsprechende Freigabe besitzen.«
»Zur Kenntnis genommen, De Sutton. Dann erledigen Sie das. – Watanabe!« Ohne weitere Umschweife wandte Coulthard sich dem Leiter der Einsatztruppen neben Dee zu.
»Sir?« Der große Japaner hatte bisher keine Miene verzogen. Dee war sicher, seinen Namen im Zusammenhang mit einer Tapferkeitsmedaille gehört zu haben. Sie wunderte sich, dass Watanabe trotz seines Alters immer noch Lieutenant war. Entweder war er geschickt darin, seinen Vorgesetzten auf die Füße zu treten oder er war zwischenzeitlich für längere Zeit beurlaubt gewesen.
De Suttons Mund war leicht geöffnet, als wolle er noch etwas sagen. Aber außer Dee schien das niemand zu bemerken. Als Coulthard sich an Watanabe wandte, klappte er langsam den Mund wieder zu.
»Rüsten Sie das Quartier von De Sutton mit den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen für den Aufenthalt eines Gastes der höchsten Sicherheitsstufe aus. De Sutton wird sich für die Dauer unseres Auftrags das Quartier mit Hawk teilen. Das Einverständnis der beiden Herren vorausgesetzt.« Coulthard hob fragend die Augenbrauen.
»Aye, Ma’m«, antwortete Hawk sofort.
»Ma’m, ich muss Sie nicht daran erinnern, dass nach Paragraf hundertfünfundzwanzig höherrangige Offiziere ein Recht auf Privatsphäre haben!« Mit hoch erhobenem Kinn sah De Sutton Coulthard an.
»Doktor Tipton, wären Sie dazu bereit, das Quartier mit Lieutenant Hawk zu teilen?« Mit erhobener Augenbraue sah Coulthard den Doktor an, der bisher schweigend zugehört hatte.
Tiptons Miene wurde noch eine Spur griesgrämiger. Graue Bartstoppeln zierten sein hageres Gesicht. »Es tut mir leid, Captain. Aber ohne ein Quartier direkt benachbart zur Krankenstation kann ich keine einwandfreie, medizinische Versorgung garantieren.«
»Nun denn! De Sutton, da Lieutenant Hawk als höherrangiger Offizier ein Recht auf Privatsphäre hat, verbietet sich selbstverständlich der Vorschlag, ihn bei den niederen Dienstgraden unterzubringen. Aber ich bin sicher, dass Sie eine Möglichkeit finden werden, auch Ihre Privatsphäre zu wahren.« Coulthard lächelte De Sutton unverbindlich an. »Zu den Daten.«
»Ma’m!«, unterbrach De Sutton den Captain. »Ich muss pro ...«
»Commander De Sutton, ich bin sicher, dass Sie eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung finden werden. Ich verlasse mich darauf – und nun zu den Fakten.«
Coulthard ließ den Blick über die versammelten Offiziere schweifen. Die eisblauen Augen musterten zuerst De Sutton, Doktor Tipton und Hawk zu ihrer Rechten und dann Nayiga, Watanabe und Dee zu ihrer Linken.
Dee straffte sich. Sie kam sich mit einem Mal wie ein Schulmädchen vor. Den anderen Anwesenden schien es nicht anders zu gehen. Selbst De Sutton wagte keine Widerworte mehr.
Coulthard drückte einen Knopf am Besprechungstisch und auf dem Bildschirm an der gegenüberliegenden Wand wurde das Bild eines Mannes sichtbar. Dee erkannte ihn sofort. Es handelte sich um Clark Duras, den Botschafter der Erdregierung, der zurzeit auf Persephone weilte.
Botschafter war eigentlich das falsche Wort. Sowohl der Botschafter der Erdregierung, als auch der der Kolonien konnte eigenständige Entscheidungen treffen, ohne sich zuvor mit der Regierung abstimmen zu müssen. Der Botschafter der Erde war nur seinem Präsidenten verpflichtet, und der Botschafter der Kolonien dem Senat. Aber Dee wusste nicht, ob der Botschafter der Erde ebenso innerhalb einer Flottenhierarchie stand wie der Botschafter der Kolonien.
»Ich bin sicher, dass jeder hier im Raum diesen Mann kennt. Unser Auftrag lautet, Clark Duras zur waffenfreien Zone zu bringen, um ihn dort in die Obhut eines Schiffes der Erdregierung zu übergeben. Unsere Botschafterin Fay Hagen wird uns auf dieser diplomatischen Mission begleiten. Ich habe für sie bereits mein Quartier geräumt und Commander MacNialls Kabine bezogen, die freundlicherweise dazu bereit war, ein Quartier mit Junior Lieutenant Nayiga zu teilen.«
Nayiga warf Dee einen vielsagenden Blick zu.
Aha. So wurden hier an Bord also Entscheidungen gefällt. Captain Coulthard beschloss etwas und alle nickten. Und De Sutton hatte die Arschkarte gezogen. »Es war mir ein Vergnügen, Ma’m.« Dee bemerkte, wie De Sutton sie bei diesen Worten musterte.
Natürlich musste der sofort nachlegen. »Ma’m, unter diesen Voraussetzungen werde ich Ihrem Ansinnen selbstverständlich entsprechen. Darf ich dennoch darauf hinweisen, dass es angebracht wäre, dass wir unseren Status als Quasiprototyp gegenüber Herrn Duras als Vertreter der Erdregierung verschweigen.«
Coulthards Miene wurde frostig. »Commander De Sutton, Sie dürfen annehmen, dass die Admiralität Ihre Einwände bedacht und den Befehl in Kenntnis aller zu erwägenden Details getroffen hat. Setzen Sie sich bitte mit dem Problem der Unterbringung auseinander. Der Leibwächter des Botschafters wird ebenfalls eine Unterkunft benötigen. – Watanabe! Sorgen Sie für die erforderlichen Sicherheitsprotokolle und unterbreiten Sie mir bis zwanzighundert Ihre Vorschläge. Hawk, MacNiall, der Botschafter erwartet morgen um null achthundert auf dem Gelände der Admiralität seine Abholung. Prüfen Sie die Fähre und machen Sie sich mit den Sicherheitsstandards vertraut, die Ihnen Watanabe übermitteln wird. Nayiga, ich erwarte Vorschläge, um den Botschafter adäquat zu unterhalten. Und Doktor Tipton ...«
»... überprüfen Sie die medizinische Datenbank nach entsprechenden Einträgen«, brummte Tipton. Sein ohnehin faltiges Gesicht wirkte noch zerknautschter als zu Beginn der Einsatzbesprechung.
»Sie sagen es.« Coulthard lächelte. »Ich empfehle mich.« Bei diesen Worten erlosch das Bild des Botschafters und Coulthard verließ den Raum.
Dees Blick blieb an dem antiken Breitschwert hängen, das an der Wand des Besprechungsraums hinter Coulthards Sitz hing. Es war der einzige persönliche Gegenstand im Raum. Warum nur musste sie bei seinem Anblick an das berühmte Damoklesschwert denken?
Nayigas leises Atmen im Bett über ihr störte Dee beim Einschlafen.
Die Fähre war überprüft. Es gab nichts, worüber sie sich Sorgen machen musste.
Außer diesem Traum, der nichts zu sagen hatte. Wenn morgen etwas schieflief, dann war es Hawks Schuld und nicht die ihre. Und Hawk wirkte nicht so, als würden ihm Fehler unterlaufen. So selbstsicher waren alle Piloten. Warum sollte er eine Ausnahme sein?
Sie sollten also den Botschafter der Erdregierung befördern. Die CFF Nyx! Ein Quasiprototyp mit einer Crew, die noch nie zusammengearbeitet hatte. Was dachte sich die Admiralität dabei? Das war doch Irrsinn! War Coulthard so karrieregeil, dass sie sich um den Job geprügelt hatte?
Coulthard, Coulthard ... Woher kannte sie den Namen?
In Dees Hirn regte sich nichts. Bis auf die Gewissheit, den Namen schon gehört zu haben.
Oder gab es einen guten Grund, ausgerechnet die Nyx mit diesem Auftrag zu betrauen? Dee rieb sich die Stirn. Abschreckung. Würde die Erdregierung davon ausgehen, dass der Botschafter auf einem Prototyp befördert wurde? Niemals. Gesetzt den Fall, die Erdregierung käme zu dem Schluss, die Koloniale Flotte hätte eine ganze Flotte dieser Schiffe, könnte das dazu führen, einen geplanten Angriff zu verzögern?
Ja, das wäre denkbar. Aber nur, wenn sie es schafften, dem Botschafter eine reibungslos funktionierende Crew und ein ebenso reibungslos funktionierendes Schiff zu präsentieren. Aber Coulthard schaffte das – falls De Sutton den Mund hielt.
Dee wurde kalt. War das etwa die Coulthard? Die Frau, die die CFF Argos in der Schlacht um Hekate befehligt hatte? Ein Mitglied der Schattenabteilung des Geheimdienstes, hieß es damals. Niemand hatte das Gerücht bestätigt. Aber nur ein Mitglied der Schattenabteilung hätte die entsprechenden Informationen und Befehlsgewalt innegehabt, um Coulthards eigenmächtige Entscheidungen in der Schlacht um Hekate zu rechtfertigen. Und wie sonst wäre zu erklären gewesen, dass Admiral Nikolajewa Coulthards Entscheidungen nachträglich in aller Öffentlichkeit gutgeheißen hatte?
Das erklärte einiges. Wo war sie da nur hineingeraten? Und das alles nur, um Paul zu vergessen! Er würde sich totlachen, wenn er davon erführe.
Dee schlang die Arme um den Oberkörper und drehte sich auf die andere Seite, den Blick der Wand zugekehrt.
Paul war fort. Sie war allein. Endgültig.
Nein, sie vermisste Paul nicht.
Sie vermisste nur jemanden an ihrer Seite.
Siobhans Gesicht erstand in ihrer Erinnerung. Dee sah sie lächeln. Fast glaubte sie, ihre Stimme zu hören. »Warte einfach ein Weilchen. Auch du wirst einen Mann finden, der dich liebt. So wie Seanan mich liebt.«
Siobhans Gesicht verblasste, machte Dunkelheit Platz.
Aus der Schwärze schälten sich die Konturen der Kommandozentrale. Dee fand sich an ihrer Konsole wieder. Ihr Blick war auf die Kontrollen der Fähre gerichtet, in der sich Hawk und ein Passagier befanden. Es war nicht der Botschafter. Aber der Name wollte ihr nicht einfallen.
Was machte Hawk da? Der Kurs der Fähre wich vom vorgegebenen ab.
»Ma’m, die Fähre weicht vom Kurs ab.«
»Auf den Schirm.« Das war Coulthard.
Dee gehorchte. Im nächsten Augenblick sah sie das zweite Flugobjekt, das sich der Fähre näherte. »Kollisionsalarm.«
»Ausweichkurs«, blaffte Coulthard.
Dees Finger drückte den Kommunikationsknopf. »Hawk, ausweichen! Ausweichkurs! Sofort!«
Aus dem Komm drang statisches Rauschen.
Zu spät.
Auf dem Bildschirm erblühte eine Feuerblume, als die beiden Flugkörper miteinander kollidierten.
Während Dee noch entsetzt auf den Monitor starrte, wurde er schwarz. Bis langsam ein blaues Leuchten die Dunkelheit ersetzte.
Dee sah sich um. Sie kniete in einem engen Raum, in dem sie sich kaum rühren konnte. Die Gestalt eines Mannes versperrte ihr den Weg.
Nach kurzem Zögern kroch sie weiter. Nach einem halben Meter hielt sie inne und spähte, entdeckte blonde, kurze Haare und die Uniform der Flotte.
Paul! Dee wurde übel.
In diesem Augenblick bewegte sich der Mann und wandte sich ächzend zu ihr. Das war nicht Paul. Paul war stets makellos rasiert. Goldblonde Bartstoppeln zierten die aschfahlen Wangen des Fremden. Sein Atem ging flach und angestrengt. Das kantige Gesicht war hohlwangig und schweißig und trotzdem schön. So unpassend die Bezeichnung auch schien, eine andere fiel ihr nicht ein.
Er blinzelte. Die dunklen Augen richteten sich auf sie. Dann flatterten seine Lider und mit einem leisen Stöhnen schloss er sie.
Dee riss die Augen auf und begriff erst in diesem Augenblick, dass sie sie gemeinsam mit ihrem Gegenüber geschlossen hatte.
Sie stand wieder auf der Brücke. Auf dem Hauptbildschirm sah sie einen Fächer von Geschossen auf die Nyx zuschießen. Wie versteinert starrte sie auf den Monitor, hörte die Entsetzensschreie der anderen Crewmitglieder, fühlte, wie die Nyx sich aufbäumte und mit einem ohrenbetäubenden Donnern zerbarst.
Dee erstickte ein Wimmern und schreckte hoch. Schweiß stand auf ihrer Stirn.
Über ihr regte sich ein Körper. Eine schlaftrunkene Stimme meldete sich. »Commander? Stimmt etwas nicht?«
»Alles in Ordnung«, erwiderte Dee mechanisch.
Aber nichts war in Ordnung. Rein gar nichts.
3. Kapitel
»Was machen Sie hier, Ma’m?« Das war Hawk. Ertappt zuckte Dee zusammen und stieß sich prompt den Kopf an der Konsole, unter der sie lag.
»Letzte Kontrollen«, erwiderte sie. Gab es eine noch lahmere Ausrede? Wenn die Fähre nun in die Luft flog, würde jeder denken, sie habe sie manipuliert.
Hawks dunkler Kopf beugte sich zu Dee hinunter. »Aber wir haben doch gestern gemeinsam die Fähre von vorne bis hinten durchgecheckt. Was überprüfen Sie denn noch?«
»Ein Ungleichgewicht im ... im ...« Dee kam ins Schwitzen. Mit zitternden Händen stopfte sie die Kabel zurück in den Bauch der Konsole. Eines verhedderte sich und wäre in Dees Händen fast gerissen. »Mist!«
Hawk räusperte sich. »Ma’m, wissen Sie, wie spät es ist? Ich muss in fünf Minuten starten.«
»Oh, verdammt!« Dee ließ die Hände sinken. Über ihr hingen die Kabel aus der Konsole wie die Eingeweide eines geschlachteten Tiers. »Ich wollte doch nur ...«
»... sichergehen.« Dee glaubte Sarkasmus in Hawks Stimme zu hören. »Oder die Fähre sabotieren?«
»Was bilden Sie sich ein?«, fauchte Dee. Ruhig, mahnte sie sich, ganz ruhig. Mit immer noch zitternden Fingern begann sie, Kabel für Kabel an seinen Platz zurückzuschieben.
»Wir sind alle nervös, Ma’m. Ich kann das verstehen. Aber in fünf Minuten muss ich starten. Kriegen Sie das hin?«
»Selbstverständlich! Wenn Sie aufhören, auf meine Finger zu starren!«
Hawk zuckte mit den Schultern. »Wie Sie wünschen, Ma’m. Ich wollte nur helfen.« Er stand auf und setzte sich an die Pilotenkonsole.
Dee hörte, wie er diverse Schaltkreise prüfte. Routinecheck, begriff sie. Ganz ruhig jetzt! Nur einmal tief durchatmen und an nichts mehr denken. Die Anspannung und Nervosität wichen von ihr. Ihre Hände hörten auf zu zittern und plötzlich wusste sie genau, in welcher Reihenfolge sie die Kabel in den Bauch der Konsole schieben musste. Vorsichtig drückte sie den Deckel zurück an seinen Platz und lauschte dem leisen Klicken, mit dem er einrastete.
»Beeindruckend.« Hawk kniete plötzlich neben ihr. »Wie haben Sie das geschafft, Ma’m?«
Fast ließ Dee das Prüfgerät fallen, das sie gerade einstecken wollte. Hitze stieg ihr ins Gesicht. Im ersten Moment wollte sie ihn zurechtweisen, schaffte es aber gerade noch, sich zurückzuhalten. Immerhin hatte er recht. Es war beeindruckend, dass sie die Konsole in der kurzen Zeit richten konnte.
»Übung«, erwiderte sie schlicht und schaffte es, ein selbstsicheres Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Wenn Piloten ihr Können arrogant zur Schau trugen, konnte sie das auch. »Jahrelange Übung, Lieutenant. Und nun machen Sie Platz, damit ich unter der Konsole hervorkommen kann.«
Grinsend stand Hawk auf. Groß und breit, wie er war, überragte er Dee um einen Kopf, als sie vor ihm stand.
»Sie sind ... Ich meine, das war große Klasse.« Er räusperte sich. »Ich war gestern Abend auch noch einmal hier und habe die Konsolen und den Kurs überprüft. Wird schon schiefgehen. Ich fliege das Baby doch jeden Tag.«
Sein Siegerlächeln misslang diesmal.
Dee wurde kalt. Er war ein Mutant. Er fühlte auch, dass etwas nicht stimmte. Oder er war einfach nur nervös – so wie jeder Pilot es wäre, wenn er den Botschafter der Erdregierung befördern musste. Selbst Paul wäre jetzt nervös und der war so feinfühlig wie ein Plasmastrahl.
»Natürlich«, antwortete Dee. »Wir wollen beide nur sichergehen.«
»Aye, Ma’m.« Und endlich gelang Hawk sein Siegerlächeln.
Dee schritt zum Schott. Es drängte sie danach zu sagen: »Passen Sie auf sich auf!« Aber die Worte wollten nicht über ihre Lippen kommen.
Wie in Trance saß Dee vor ihrer Konsole in der Kommandozentrale. Ihr Blick hing am Flugüberwachungsmonitor, verfolgte die Spur des leuchtenden Punktes, der die Raumfähre markierte, in der Hawk Clark Duras und Fay Hagen zur Nyx brachte. Ihr Herz klopfte, als wolle es zerspringen.
Es war alles in Ordnung. Sie war keine Seherin.
Der Punkt kam näher. Im Hintergrund schwirrten die Stimmen der anderen Crewmitglieder.
Jetzt ...
»MacNiall. Hören Sie mich?«
Erschrocken wirbelte Dee herum und sah sich Coulthard gegenüber, die sie missbilligend fixierte.
»Ma’m?«
Coulthards Stimme glich einem Kübel voll Eiswasser. »Alle Offiziere in den Hangar! Sofort! Die Fähre legt in wenigen Minuten an.«
Dee sprang auf. »Aye, Ma’m.« Nach einem letzten Blick auf den Monitor mit dem leuchtenden Punkt folgte sie Coulthards energischen Schritten.
Die Fähre stand bereits im Hangar. Davor warteten De Sutton, Nayiga und Tipton. Dee reihte sich zwischen De Sutton und Tipton ein. Watanabe sicherte mit einem kleinen Einsatzteam den Hangar.
War das wirklich nötig? Der Anblick verstärkte ihre Nervosität. Dass De Sutton neben ihr penetrant nach Schweiß stank, was auch sein übermäßiger Deodorantgebrauch nicht vertuschen konnte, und Tipton in regelmäßigen Abständen die Nase hochzog, trug nicht dazu bei, sie zu beruhigen.
Ein Zischen ertönte. Ozongeruch überdeckte Deo und Schweiß. Ein Schwall kalter Luft fegte durch Dees Haare und die Luke der Fähre öffnete sich.
Nichts. Wieso war wieder nichts passiert?
Eine blonde Frau kletterte aus der Fähre. Ihre kurzen Haare schimmerten zu silbrig, um eine natürliche Haarfarbe zu sein. Das Gesicht war zu glatt, als dass es zu ihrem Alter von über sechzig Standardjahren gepasst hätte. Altrosafarbener Chiffon umflatterte ihre schlanke Gestalt, während sie mit einem strahlenden Lächeln auf Coulthard zueilte.
Wie konnte diese Frau in der Hierarchie über dem Captain stehen? Aber die Flotte hatte einst ihrer Ernennung zugestimmt und damit ihren Rang als Ehrenadmiral der Flotte bestätigt. Also hatte es wohl seine Richtigkeit.
»Captain Coulthard! Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Fay Hagen.« Ohne Coulthards Reaktion abzuwarten, griff Hagen nach deren Hand und schüttelte sie.
Coulthard verzog keine Miene. »Die Ehre ist ganz meinerseits, Botschafterin.«
Immer noch lächelnd ließ die Botschafterin ihren Blick über die anwesenden Offiziere schweifen. »Hervorragend. Ganz hervorragend.« Angesichts des Einsatzteams runzelte sie die Stirn und wedelte mit der Hand. »Bitte, kein Einsatzteam. Überwachen Sie den Hangar nur mit technischen Mitteln. Ich möchte nicht riskieren, dass der Botschafter unsere Fürsorge missversteht.« Ihre Stimme klang entschuldigend.
Weshalb fühlte sich das auf einmal wie eine Generalprobe an?
In diesem Moment verließ Hawk die Fähre und salutierte vorschriftsmäßig vor Coulthard.
»Wo ist der Botschafter?«, fragte Coulthard kühl.
»Ma’m, Miss Hagen ...« Hawk ließ die Grußhand sinken und stand stramm.
»Mistress Hagen«, unterbrach Hagen ihn sanft.
»... Mistress Hagen bestand darauf, die Ankunft des Botschafters auf sechzehnhundert zu verschieben, um mit Ihnen zuvor die diplomatischen Belange durchzugehen.« Hawk schwitzte.
»So.« Coulthard lächelte. Dee wollte nicht in Hagens Haut stecken.
»Entschuldigen Sie bitte die Planänderung. Aufgrund neuer Informationen sah ich mich leider dazu gezwungen. Am besten wäre es, wir würden das weitere Vorgehen unter vier Augen besprechen.« Hagen bedachte Coulthard mit einem warmen Blick und wandte sich den wartenden Offizieren zu. »Und wollen Sie mir nun nicht Ihre prächtigen Offiziere vorstellen, Captain?«
»Mit Vergnügen.« Coulthards hellblaue Augen waren kalt. Dee glaubte zu hören, wie sie mit den Zähnen knirschte.
»Ma’m?« Nayiga drehte sich halb zu Dee um. Auf Nayigas Konsole blinkte ein Icon.
Im ersten Moment wollte Dee sie an Coulthard verweisen. Dann erinnerte sie sich, dass Coulthard sich nun schon seit Stunden mit De Sutton, Watanabe und der Botschafterin im Besprechungszimmer befand, um die diplomatischen Belange durchzugehen – wie Hawk es genannt hatte. Im Moment hatte Dee also die Befehlsgewalt in der Kommandozentrale, auch wenn sie nicht auf Coulthards Platz saß. »Was gibt’s?«
Hoffentlich war es nichts Wichtiges. Das fehlte ihr jetzt noch! Andererseits ... Was war so schlimm daran, das Kommando inne zu haben? Auf der Achilles war sie daran gewöhnt gewesen. Und sie war immer noch die gleiche Frau.
»Hier ist ein Admiral Mason. Er bittet darum, an Bord der Nyx gebracht zu werden.«
Dee runzelte die Stirn. »Bringen Sie ihn auf meinen Monitor.«
»Aye, Ma’m.«
Im nächsten Augenblick erschien das Bild eines distinguierten Mannes in Admiralsuniform auf Dees Bildschirm. Für sein Alter war er eine blendende Erscheinung.
»Hier spricht der Zweite Offizier, Lieutenant Commander MacNiall. Captain Coulthard und der Erste Offizier sind zur Zeit nicht abkömmlich. Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Sir?«
Hoffentlich hatte ihre Antwort professionell genug geklungen.
»Admiral James Mason.« Der Admiral straffte sich ein wenig. »Letzte Order für Captain Coulthard und Mistress Hagen.« Ein Lächeln umspielte bei dem Namen der Botschafterin seine Lippen. »Schicken Sie mir Ihre Fähre zum Raumhafen der Admiralität.«
Ein Admiral, der eine Order persönlich überbringen wollte?
»Wie Sie wünschen, Sir. Ich werde dem Piloten sofort Anweisung geben, Sie abzuholen. Nyx Ende.«
»Verstanden. Ende.« Das Bild des Admirals erlosch.
Nachdenklich starrte Dee auf den Monitor.
Was konnte so wichtig sein? Natürlich! Die Untergrundbewegung der Mutanten musste sich gemeldet haben. Deshalb hatte Hagen den Plan geändert. Alles passte mit einem Mal zusammen.
»Ma’m?« Nayiga räusperte sich. »Stimmt etwas nicht?«
»Ich bin nicht sicher.« Dee hob den Kopf und suchte Hawk, der breitschultrig hinter der Pilotenkonsole saß.
Er drehte sich um, als habe er Dees Blick gespürt. »Ma’m!«
»Sie haben gehört, was der Admiral will. Holen Sie ihn ab!«
Leichtes Unwohlsein breitete sich bei den Worten in Dee aus. Nein! Er durfte nicht fliegen! Er musste ...
Zwei Flüge hatte die Fähre bereits hinter sich gebracht und nichts war passiert. Sie hatte nur Albträume. Nichts weiter.
»Ma’m, ist Ihnen nicht gut?« Dee sah in Nayigas besorgtes Gesicht. »Soll ich den Doktor holen?«
Brüsk schob Dee sie beiseite. »Unsinn!«
»Terrorwarnungen?«, fragte Hawk.
Dee schüttelte den Kopf. »Nein, nur ein paar letzte Befehle der Admiralität. Nun gehen Sie schon!«
Hawk salutierte. »Aye, Ma’m!«
Als er die Kommandozentrale verließ, verstärkte sich ihr Unwohlsein. Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn. Es drängte Dee, ihn zurückzurufen. Stattdessen nickte sie Nayiga zu und setzte sich wieder vor ihre Konsole.
Sie war keine Seherin! Es war alles in Ordnung.
Ein Schott zischte.
Dees Blick huschte zu Coulthard, die mit energischen Schritten die Kommandozentrale betrat. Endlich. Ein Teil der Last fiel von ihr ab.
»Bericht!« Coulthard musterte den Hauptbildschirm, wo der leuchtende Punkt, der die Fähre markierte, sich dem Zentrum näherte – und damit dem Standpunkt der Nyx. Ihre Stimme war so eisig, dass Dee unwillkürlich fröstelte.
»Admiral James Mason hat darum gebeten, an Bord gebracht zu werden. Um ein paar letzte Befehle für Sie zu überbringen«, sagte Dee schnell.
»So.«
Die Pause nach dem Wort erzeugte bei Dee eine Gänsehaut.
Mit süffisantem Unterton fuhr Coulthard fort: »Mistress Hagen persönlich zu verabschieden, lässt sich der alte Charmeur wohl nicht entgehen.«
Mason und Hagen? Dee glaubte, sich verhört zu haben. Ein Admiral ließ sich von ihnen abholen, um seinen Gefühlen nachzugeben?
»Es tut mir leid, Ma’m. Falls ...«
Coulthard unterbrach Dees Entschuldigung mit einem Wink ihrer Hand. »Wenn die Admiralität befiehlt, dann gehorchen wir. Nicht wahr, Commander?« Wieder war der süffisante Unterton in Coulthards Stimme nicht zu überhören.
»Aye, Ma’m.« Dees Blick glitt zu ihrem Konsolenmonitor, auf dem immer noch der Kurs der Fähre abgebildet wurde. Was sie sah, glich einem Déjà-vu. Schweiß brach plötzlich auf ihrer Stirn aus. Ihr Magen zog sich zusammen.
Nein.
Der Kurs der Fähre wich von der projizierten Kurve ab.
Dee keuchte. Ihr wurde heiß und kalt zugleich. Das Herz klopfte so laut in ihren Ohren, dass es alle anderen Geräusche übertönte. Sie spürte den zweiten Punkt, bevor sie ihn sah.
»Kollisionsalarm.« Ihre Stimme war nur ein Krächzen.
»Auf den Schirm«, blaffte Coulthard.
Nayiga kam Dee zuvor. Doch Dee wusste bereits, wie Coulthards nächster Befehl lauten würde, und stellte mit zitternden Fingern den Funkkontakt zur Fähre her.
»Stellen Sie Kontakt zur Fähre her! Ausweichkurs!«
Dees Worte kamen nahezu zeitgleich: »Hawk, Ausweichkurs! Weichen Sie aus! Hawk!«
Auf dem Monitor verschmolzen die beiden Punkte miteinander und erloschen. In Dees Ohren dröhnte das statische Rauschen der Funkverbindung. »Lieutenant Hawk? Hören Sie mich? Lieutenant Hawk!«
Licht ergoss sich über die Kommandozentrale.
»Zu spät.« Coulthards Stimme klang völlig emotionslos.
Dee wirbelte herum und sah gerade noch die Feuerblume, die die Explosion der beiden Flugkörper auf den Hauptmonitor brannte.
Das Breitschwert hinter Coulthards Platz im Besprechungszimmer ähnelte mehr denn je einem Damoklesschwert.
»Commander MacNiall, ich erwarte einen ausführlichen Bericht über den Status der Fähre.«
Zu ihrer Rechten saß Hagen. Tipton und De Sutton waren aufgerückt, sodass Tipton nun auf Hawks Platz saß. Immer noch umgab Hagen der Hauch von altrosafarbenem Chiffon. Nichts an ihr deutete darauf hin, dass sie unter Stress stand.
Wie konnte sie so gelassen sein? Gerade eben hatte sie erfahren, dass der Mann, mit dem sie anscheinend liiert war, getötet worden war. War sie wirklich so professionell?
»Ma’m, Lieutenant Hawk und ich haben die Funktionstüchtigkeit der Fähre gestern Abend bis ins kleinste Detail überprüft. Jeder von uns hat zudem separat noch diverse Checks durchgeführt. Weder Hawk noch ich konnten eine Fehlfunktion feststellen.«
Weshalb hatte sie das erwähnt? Das machte sie doch nur verdächtig. Andererseits, wäre es nicht noch verdächtiger, wenn sie es verschwieg und jemand beim Prüfen der Einträge herausfand, dass sie heute Morgen in aller Herrgottsfrühe an der Fähre herumgemurkst hatte?
»Zusatzchecks?« Coulthard hob die linke Augenbraue.
»Aye, Ma’m. Ich wollte noch einige Relaisschaltungen durchgehen, die in dieser Fährenbauart einige Male zu Problemen geführt haben.« Das stimmte. Das konnte jeder nachprüfen.
»Probleme?«, hakte Coulthard nach. »Gehören dazu auch Abweichungen vom Kurs?«
Dees Kragen wurde eng. »Nein, Ma’m. In über neunzig Prozent der Fälle handelte es sich um Fehlfunktionen in der Funkverbindung. Dies scheint eine Schwachstelle dieser Fährenreihe zu sein.«
Coulthard runzelte die Stirn. Die Pause zog sich in die Länge.
Hagen öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Coulthard kam ihr zuvor. »Könnte diese Schwachstelle dazu geführt haben, dass Lieutenant Hawk die Nyx nicht erreichen konnte?«
»Aber ...«, wandte Hagen ein.
Coulthard schüttelte unwillig den Kopf und forderte Dee mit einem Wink der Hand auf, zu antworten.
»Das wäre im Bereich des Möglichen, Ma’m.«
Verwundert lauschte Dee ihrer eigenen Antwort. Es wäre in der Tat möglich! Weshalb war sie nur so dumm gewesen, nur im Kurscomputer zu suchen? Jemand hatte verhindern wollen, dass Hawk mit der Nyx Kontakt aufnahm, bevor ... Aber das würde bedeuten ...
»Wäre es möglich, dass Sie diese Schwachstelle bei Ihren Checks übersehen haben, Commander?«
Dee schluckte. »Ma’m, ich habe gestern Abend alle Schaltungen mit Lieutenant Hawk überprüft. Auch das Funkrelais. Gestern Abend liefen alle Konsolen einwandfrei. Ich weiß um das Problem der Funkschaltungen. Deshalb habe ich mich gestern Abend vergewissert, dass in diesem Bereich keine Fehlfunktion vorliegt.«
»Das bedeutet?« Coulthard legte die Handflächen aneinander und fixierte Dee.
Hagen horchte auf. »Heißt das, dass Sie meine Befürchtungen bestätigen, Captain?«
»Das haben Sie gesagt, Mistress Hagen.« Coulthards Blick fixierte nach wie vor Dee. »Sagen Sie es mir, MacNiall! Ist es möglich, dass diese Fehlfunktion sich nachträglich eingeschlichen hat? Haben Sie die Schaltung heute Morgen deshalb noch einmal überprüft?«
»Nein, Ma ‘m. Ich habe heute Morgen die Flugleitkontrollen überprüft und nicht das Funkrelais.« Dee schwitzte.
»Bezieht sich Ihr Nein darauf, dass sie es nicht für möglich halten, dass sich die Fehlfunktion nachträglich eingeschlichen hat?«
»Verzeihung, Ma’m.« Dee atmete tief durch. »Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Fehlfunktion von selbst nachträglich eingeschlichen hat, halte ich für gering. Und nein, ich habe heute Morgen leider nur die Flugleitkontrollen überprüft und nicht das Funkrelais. Aber Lieutenant Hawk hat ebenfalls eigenständige Checks durchgeführt. Es wäre im Bereich des Möglichen, dass er dabei unwillentlich einen Defekt im Funkrelais provozierte.«
»Ich verstehe.« Coulthard fixierte die Wand gegenüber. Mit einiger Verzögerung setzte sie hinzu: »Ich danke Ihnen für Ihre ehrliche Antwort, MacNiall. Ich habe nur noch eine Frage: Wieso haben Sie die Flugleitkontrollen überprüft, wenn Sie wussten, dass das Funkrelais zu Problemen führt?«
»Weil ...«
Weil sie schlecht geträumt hatte? Nein, das war die dümmste Antwort, die sie geben konnte.
»... ich die Flugleitkontrolle gestern aufgrund der Funkrelaisproblematik vernachlässigt hatte und sichergehen wollte, nichts übersehen zu haben.«
»So.« Mehr nicht. Das eine Wort genügte, dass Dee ein Schauer über den Rücken rann.
»MacNiall, Watanabe, ich möchte, dass Sie so viele Wrackteile bergen, wie es Ihnen bis fünfzehnhundert möglich ist. Ich werde dazu eine Fähre und einen Piloten von der Admiralität anfordern. Suchen Sie nach Hinweisen auf einen Sabotageakt.«
Dee nickte.
»Aye, Sir«, fügte Watanabe hinzu.
»Ich hoffe nach wie vor, dass meine Befürchtungen nicht bestätigt werden«, sagte Hagen leise.
»Das hoffe ich auch. Aber wir dürfen keine Möglichkeit außer Acht lassen. Nayiga, überprüfen Sie die Funkprotokolle und die optischen Aufzeichnungen aller Sensoren während des betroffenen Fluges.«
Nayiga räusperte sich. »Inklusive des Raumhafens, Ma’m?«
»Inklusive des Raumhafens.«
»Aye, Ma’m.«
»Ma’m, ich protestiere«, mischte sich De Sutton ein. »Der Raumhafen unterliegt der Autorität der Admiralität. Befehle zu seiner Überwachung können nur von der Admiralität höchstselbst angeordnet werden.«
Coulthard zeigte ihm die Zähne. »Das ist mir bekannt, Commander. Ich habe Nayiga auch nur um eine Überprüfung aller Aufzeichnungen gebeten, die wir zufällig gemacht haben.«
»Ich muss Sie warnen, Captain. Das ...«
»Zur Kenntnis genommen.« Coulthard wischte den Einwand weg wie eine lästige Fliege. »Setzen Sie sich mit der Admiralität in Verbindung und drücken Sie den Hinterbliebenen unser aufrichtiges Bedauern aus. Und lassen Sie bei der Presse verlauten, dass es sich um einen Unfall handelte. Ich kümmere mich um einen neuen Piloten.«
Sichtlich schockiert starrte De Sutton Coulthard an. »Ma’m, mit Verlaub. Sie wollen die Mission trotzdem annehmen?«
»Ja, Commander. Ich wüsste nicht, was dagegen spräche.« Coulthards Stimme war kühl.
»Wo wollen Sie so schnell einen Piloten herbekommen?«, fragte De Sutton.
»Ist das wirklich ein Problem?« Hagens Stimme war sanft.
»Das wird meine Sorge sein«, antwortete Coulthard.
»Da ist noch ein Wrackteil.« Watanabe deutete auf den Monitor der Fähre. Der klobige Raumanzug ließ seine Bewegung unbeholfen wirken.
»Uhrzeit?«, fragte Dee, während sie eines der Wrackteile begutachtete, die sie bereits geborgen hatten. Viele waren es nicht, die den Laderaum der Fähre füllten. Dennoch waren es eindeutig zu viele, um sie alle gründlich genug überprüfen zu können. Einige davon waren zudem organischer Natur und die bereiteten Dee die größten Probleme.
Der arme Hawk! Was, wenn sie an seinem Tod schuld war? Was wenn ... Sie durfte nicht darüber nachdenken. Wenn es einen Saboteur gab, dann mussten sie ihn finden. Das war das Einzige, was momentan zählte.
»Fünfzehn achtunddreißig.« Die Stimme des Piloten klang gelangweilt. Er gähnte. »Zeit, Schluss zu machen. Mein Dienst endet um sechzehnhundert. Ich muss noch ...«
»Lieutenant Carlyle, es ist mir gleichgültig, wann Ihr Dienst endet. Sie wurden mir bis sechzehnhundert zugeteilt und deshalb werden Sie mir bis sechzehnhundert zur Verfügung stehen«, sagte Dee. »Haben wir uns verstanden?«
»Aye, Ma’m.«
Ohne ein weiteres Wort widmete sich der Pilot wieder seiner Konsole. Er war dunkelhaarig, drahtig und gut aussehend. Zu gut aussehend. Und er hatte das gleiche verdammte Grinsen wie alle Piloten.
»Dort«, sagte Watanabe und deutete erneut auf das Wrackteil. »Sieht nach einem Teil der Verkleidung aus.«
Dee erhob sich und kam zum Monitor. Das Wrackteil wies Explosionsspuren auf.
»Holen Sie es an Bord«, entschied sie, obwohl sie nicht wirklich glaubte, dass es einen entscheidenden Hinweis liefern würde.
Was sie wissen wollte, wusste sie schon. Es gab keinen Hinweis auf den Einsatz von Explosivstoffen. Wenn es Sabotage gewesen war, musste jemand die Flugleitkontrolle manipuliert haben. Und die hatte sie noch am Morgen ausführlich unter die Lupe genommen.
Es passte nicht zusammen. Sie übersah etwas. Irgendwo war das entscheidende Puzzlestück vergraben. Sie konnte es nur nicht erkennen.
Gesetzt den Fall es war wirklich ein Terrorakt – dann hatte die Untergrundbewegung versucht, den Botschafter zu töten und aus Versehen den Falschen erwischt? Und Coulthard wollte die Mission trotzdem annehmen? Woher wollte sie so schnell einen Ersatzpiloten bekommen, der sich mit Gelmatrizen auskannte? Es würde höchstens eine Handvoll Piloten in der Flotte geben, die für den Job geeignet waren.
Dee hielt inne. Was, wenn Hawk das Ziel war? Was, wenn die Untergrundbewegung auf diese Weise einen ihrer Männer an Bord bringen wollte? Das war absurd. Die Wahrscheinlichkeit, dass einer von deren Männern ausgewählt wurde, war viel zu gering.
Wirklich?
Oder hatte das Attentat etwas mit Admiral Masons Auftrag zu tun? Coulthards Bemerkung fiel Dee wieder ein. Dafür, dass Hagen und Mason liiert gewesen waren, hatte Hagen außerordentlich professionell reagiert. Sie hätte es nicht geschafft, so ruhig zu bleiben, wenn Paul getötet werden würde. Nicht einmal jetzt.
Was machte sie hier eigentlich? Sie war Ingenieurin. Sie sollte im Maschinenraum sein, anstatt Wrackteile einzusammeln.
Sie dachte an das Labor auf Persephone und einen Augenblick lang empfand Dee Heimweh. Dort war alles so einfach gewesen. Dort musste sie sich nur um Maschinen kümmern und nicht um irgendwelche Attentäter.
»Wir sind dran«, verkündete Carlyle.
Dee trat neben ihn an die Pilotenkonsole und beobachtete das Flugmanöver. Kein Vergleich mit Hawk und schon gar nicht mit Paul.
Trotzdem grinste Carlyle triumphierend, als er es geschafft hatte, die Fähre so neben dem Wrackteil zu positionieren, dass Watanabe es mithilfe eines Raumanzugs bergen konnte.
»Wir haben es«, verkündete Watanabes Stimme nach ein paar Minuten per Funk.
Dees Blick fiel auf die Uhr. Es war fünfzehn achtundfünfzig.
Carlyle seufzte laut und vernehmlich.
»Bringen Sie uns zur Nyx, Carlyle.« Dee betätigte den Funk. »Watanabe! Wir kehren um.«
Dee kam gerade noch rechtzeitig in den Besprechungsraum. Hagen war dieses Mal nicht anwesend.
»MacNiall.« Coulthard sah ihr entgegen. »Bericht!«
Dee eilte zu ihrem Platz und setzte sich umständlich. »Aye, Ma’m. Ich konnte keinen Hinweis auf den Einsatz von Sprengstoffen finden. Um Manipulationen an den Relais zu überprüfen, war das Material, das wir bergen konnten, nicht ausreichend. Aus meiner Sicht gibt es nur zwei Möglichkeiten, wie es zu dem Zusammenstoß kommen konnte. Entweder hat der eigenständige Check von Mister Hawk einen Defekt in der Flugleitkontrolle verursacht oder es war schlicht ein Unfall. Beides erscheint mir aber unwahrscheinlich.«
»Weshalb?«, fragte Coulthard.
»Lieutenant Hawk war ein außerordentlich guter Pilot. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass er aus Versehen mit einem anderen Flugobjekt kollidieren könnte. Allerdings fällt es mir ebenso schwer zu glauben, dass er aus Unkenntnis bei seinem Check die Flugleitkontrolle beschädigt hat.«
Verherrlichte sie ihn damit? Nein, er war fähig. Eigentlich konnte es nur Sabotage gewesen sein.
»Danke.« Coulthard schien einen Moment zu überlegen.
De Sutton räusperte sich. »Wünschen Sie einen Bericht über meinen Kontakt mit der Presse?«
Coulthard runzelte die Stirn. »Wurden Ihnen gegenüber irgendwelche Verdachtsmomente geäußert?«
»In der Tat«, erwiderte De Sutton. »Aber ich bin sicher, dass ich überzeugend genug war, um selbige zu zerstreuen. Was mir erwähnenswert scheint, ist jedoch, dass nahezu alle Pressevertreter einen Sabotageakt als gesichert ansahen. Bis ich die Annahme widerlegte. Mir schien es fast so, als hätten einige von ihnen einen ... nennen wir es ›Hinweis‹ ... erhalten. Das stimmt mich nachdenklich.«
Coulthards Miene verfinsterte sich. »Gehen Sie der Sache nach«, sagte sie schließlich nach einer Pause. »Unauffällig.«
»Das versteht sich von selbst, Ma’m.« De Sutton hob eine Augenbraue. »Noch eine prekäre Angelegenheit, Ma’m. Die Trauerfeierlichkeiten anlässlich Mister Hawks Ableben ... Wünschen Sie, dass sie an Bord durchgeführt werden?«
Coulthard schwieg. Wie eine Statue saß sie an ihrem Platz. Sekunden schienen zu verstreichen. »Nein«, sagte sie endlich. »Lassen Sie die Trauerfeierlichkeiten für Lieutenant Hawk auf Persephone durchführen. – Nayiga, was hat die Sichtung der Aufzeichnungen ergeben?«
»Ma’m, mit Verlaub«, mischte De Sutton sich ein. »Aber das wird bedeuten, dass die Crewmitglieder der Nyx nicht an den Trauerfeierlichkeiten teilnehmen können.«
»Dessen bin ich mir bewusst, Commander De Sutton. – Nayiga, Ihre Ergebnisse!«
Im Raum herrschte betretenes Schweigen. De Sutton schluckte, widersprach jedoch nicht mehr.
War Hawk ihr wirklich so gleichgültig? Waren sie ihr alle so gleichgültig?
»Nayiga!«
Nayiga zuckte zusammen. »Verzeihung, Ma’m. Eine andere Fähre hat den Raumhafen, kurz nachdem Lieutenant Hawk gestartet ist, verlassen. Es handelte sich um eine militärische Fähre. Sie ging auf direkten Kollisionskurs mit der unseren.« Nayiga unterbrach sich und warf De Sutton einen unsicheren Blick zu. »Ich habe mir erlaubt, die Kennung der Fähre herauszusuchen und ihre Flugdaten zu überprüfen. Sie stand bereit und war nicht für einen Flug eingetragen.«
Coulthard beugte sich vor.
»Die optischen Sensoren zeigen einen Mann, der die Fähre kurz zuvor betritt. Hier.« Auf dem Monitor an der Wand erschien das unscharfe Bild eines Mannes in Uniform aus der Vogelperspektive, der sich einer Fähre näherte. Er verweilte kurz am Schott. Kurz darauf öffnete es sich und der Mann verschwand im Innern der Fähre. Wenig später startete sie.
»Ich habe mir außerdem erlaubt, den Weg des Mannes zurückzuverfolgen.« Das Schott der Fähre ging wieder auf. Anscheinend lief die Aufzeichnung rückwärts. Wie zu sehen war, kam der Mann aus einem der Gebäude, die den Raumhafen umgaben.
»Ma’m, ich muss darauf hinweisen, dass dieses Vorgehen Paragraf achtundvierzig der Flottenstatuten widerspricht«, wandte De Sutton höflich ein.
»Formulieren Sie Ihre Einwände schriftlich. Ich komme später darauf zurück«, unterbrach Coulthard ihn. »Weiter, Nayiga. Haben Sie noch etwas herausgefunden? Wer ist der Kerl?«
»Ich habe sein Porträt durch die Flottendatenbank laufen lassen. Er wird nicht im Flottenregister geführt. Ich habe sein Konterfei danach auch noch durch die Datenbank mutmaßlicher Angehöriger des Untergrunds gejagt. Das Ergebnis erhielt ich erst kurz vor Beginn unserer Besprechung.« Nayiga sah zu Coulthard. »Sein Name ist Conner Patrick. Er wird als Angehöriger der auf Persephone ansässigen Untergrundzelle geführt.«
Dee starrte auf das verwaschene Porträt. Der Mann wirkte unscheinbar. Er war im mittleren Alter, mit einem Ansatz zur Glatze und deutlichem Doppelkinn. Nichts an ihm wies ihn als Attentäter aus.
Coulthard schwieg. Nachdenklich rieb sie ihre Stirn, bis sie endlich zu einem Entschluss gekommen zu sein schien. »Watanabe, erhöhen Sie den Sicherheitsstandard aller Computer um eine Stufe und überprüfen Sie die Akten sämtlicher Crewmitglieder. De Sutton, Sie liefern den Quercheck.«
»Ma’m«, begann De Sutton, aber Coulthard beachtete ihn nicht. Watanabe nickte nur.
»Nayiga, gute Arbeit. Suchen Sie in den Datenbanken, die Ihnen zur Verfügung stehen, nach Kontakten von diesem Mister Patrick. Ich will alles wissen, was Sie über ihn herausfinden können.«
Nayiga lächelte verbindlich. »Aye, Ma’m.«
»Wurde der Körper des Mannes in den Trümmern gefunden?«, fragte Coulthard.
»Ja«, antwortete Tipton mürrisch. »In Teilen.«
»Dann untersuchen Sie die Leichenteile, die wir haben. Wenn der Kerl Parodontose hatte, dann will ich es wissen.«
»Aye, Captain«, antwortete Tipton. »Heute oder gestern?«
»Gestern, Doktor. Gestern.« Coulthard schmunzelte.
Endlich wandte sie sich an Dee. »Und Sie, MacNiall, überprüfen dieses Schiff auf Herz und Nieren. Wenn es hier weitere Überraschungen gibt, dann will ich, dass Sie sie finden.«
Dee stöhnte innerlich. »Ma’m, eine Frage. Bis wann erwarten Sie unsere Vollzugsmeldung?«
Coulthard überlegte kurz. »Bis wann können Sie fertig sein?«
»Mindestens ein Tag, Ma’m. Falls ich alleine arbeite.« Hoffentlich verstand Coulthard den Hinweis.
»Lassen Sie CPO Riley und PO Peres mitarbeiten, aber tarnen Sie die Aktion als Routineüberprüfung. Wie, das überlasse ich Ihnen. Schaffen Sie das bis morgen früh?«
»Aye, Ma’m. Mit einer Nachtschicht für alle – ja.« Das würde hart werden. Und wie sie das als Routineüberprüfung tarnen sollte, war ihr schleierhaft.
»Das wird genügen. Die Ergebnisse der anderen erwarte ich um neunzehnhundert. Der Botschafter wird um zwanzighundert erwartet. Wir starten planmäßig morgen Vormittag um null achthundert. Das wäre alles.«
De Sutton meldete sich noch einmal zu Wort. »Ma’m, mit Verlaub, darf ich Ihren Worten entnehmen, dass wir einen neuen Piloten haben? Sollte dem so sein, bitte ich Sie in aller Form um die Übermittlung seiner Akte.«
»Ja, wir haben einen neuen Piloten. Sein Name ist Lieutenant Jameson McAllister. Und seine Akte wurde bereits überprüft. Von mir. Weitere Fragen?«
Coulthard sah sich um. Nayiga stand der Mund offen. Unter Coulthards Blick senkte sie jedoch schnell den Kopf.
De Sutton wirkte völlig entgeistert. »Ma’m, bei allem gebührendem Respekt. Aber das kann nicht Ihr Ernst sein!«
»Er ist hoch qualifiziert und wird in wenigen Stunden eintreffen.«
»Ich protestiere!«, sagte De Sutton.
»Das ist alles!«
De Sutton klappte den Mund zu. Aber Coulthard hatte gar nicht erst auf eine Erwiderung De Suttons gewartet. Sie verließ bereits den Raum.
4. Kapitel
Jameson McAllister. Dee ließ das Prüfgerät sinken. Irgendwann hatte sie den Namen bereits gehört. Es war kein angenehmer Zusammenhang gewesen. Wenn sie sich doch nur erinnern könnte! Sie rieb sich die Nase, aber das brachte sie auch nicht weiter.
Riley und Peres hatten die Routineüberprüfung murrend geschluckt. Dee hatte die beiden zu den Konvektionstriebwerken geschickt. Die waren wenig anfällig für Störungen und taugten nicht für Attentate. Eigentlich sollte sie währenddessen die Sprungtriebwerke überprüfen, aber ...
Endlich war Dee bis zu den Schaltkreisen für den Hangar vorgedrungen. Sie kauerte hinter der herabgenommenen Verschalung der Überwachungskabine. Wenn sich irgendjemand außer Hawk und ihr an der Fähre zu schaffen gemacht hatte, dann würde sie hier die Antwort finden. Es sei denn, der Betreffende war gut genug gewesen, seine Spuren zu beseitigen.
Dee löste gerade eine Verbindung, als ihr ein Blinken an der Konsole auffiel: Die Anzeige für den Status der Hangartore. Dem Stand der Atemluft nach, die die Kontrolle daneben anzeigte, mussten sie sich gerade geschlossen haben.
Eine Fähre? Natürlich. Der angekündigte neue Pilot.
Ihre Finger lösten eine weitere Verbindung und verbanden die freien Enden mit ihrem Prüfgerät. Im schummrigen Licht waren die Tasten kaum zu erkennen, die sie betätigen musste. Mit gerunzelter Stirn zog sie sich von der Wand zurück, um das Licht des Hangars nutzen zu können.
Sie erkannte drei Autorisierungscodes. Einer davon war der ihre. Während sie die Codes auf ihrem Prüfgerät speicherte, zischte das Schott der Fähre. Die Gegensprechanlage war aktiviert. Dee hörte leichte Schritte aus dem Lautsprecher. Vorsichtig beugte sie sich zur Seite, um von ihrem erhöhten Standort einen Blick auf den Ankömmling zu werfen.
Der Mann, der aus der Fähre kam, trug Turnschuhe, graue ausgebeulte Jogginghosen und ein zerschlissenes ärmelloses Shirt, das den Blick auf athletische Schultern und Arme freigab. Die blonden Haare waren zerzaust und hingen bis auf seine Schultern. Er hatte einen grauen Seesack geschultert, den er nun mit einer geschmeidigen Bewegung zu Boden gleiten ließ.
»Lieutenant Jameson McAllister meldet sich zum Dienst. – Sir.«
Die Stimme war ein rauer Bariton. Dee konnte Zorn und Bitterkeit in ihr hören. Das »Sir« klang durch die kleine Sprechpause nahezu wie eine Beleidigung.
»Lassen Sie das, Jameson.« Coulthard kam langsam auf ihn zu und blieb vor ihm stehen.
McAllisters Haltung lockerte sich. Breitbeinig und mit hoch erhobenem Kopf begegnete er Coulthards Blick.
Die beiden kannten sich.
»Sie wissen, unter welchen Bedingungen Sie hier sind?«
»Aye.«
»Ihnen ist hoffentlich klar, was mich das gekostet hat. Ich musste alle Hebel in Bewegung setzen.«
»Ich weiß es zu schätzen.« Doch seine Haltung wirkte eher provokativ.
»Nutzen Sie Ihre Chance.«
»Mit Verlaub: Welche Chance?« Die Worte klangen hart und anklagend. »Sie haben selbst gesagt, dass ich keine Rehabilitation erwarten darf.«
»Ist fliegen zu können nicht genug?«
Für einen kurzen Augenblick senkte er den Kopf um eine Winzigkeit, bevor er ihn mit einem Ruck wieder hob. »Doch«, antwortete er. »Das ist es. Mehr als genug.«
Eine Pause entstand, die Dee umso schmerzhafter empfand, je länger sie andauerte. Es kam ihr vor, als wolle keiner der beiden das nächste Wort sprechen, als befürchteten beide, zu verlieren. Umso erstaunter war Dee, dass McAllister das Schweigen brach.
»Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet. Dafür. Und dafür, dass Sie mich da herausgeholt haben. Für alles.« Er bot ihr seine Hand.
Coulthard ignorierte die Geste. »Danken Sie mir nicht zu früh.«
Mit einem sichtbaren Ruck straffte er sich und nahm Haltung an. Die Hände auf seinem Rücken ballten sich zu Fäusten. »Ich hatte nichts damit zu tun. Ich würde niemals ...«
»Ich sagte es bereits: Nutzen Sie Ihre Chance. Ich habe Sie für eine Mission hierher gebracht. Jetzt liegt es an Ihnen! Beweisen Sie mir, dass Sie es wert sind. Dann werde ich mich weiterhin für Sie einsetzen.«
McAllister schwieg. Ganz langsam öffneten sich seine Fäuste, bis er sich plötzlich einen Ruck gab und nach dem Seesack griff. »Ich werde mein Bestes tun. Das verspreche ich Ihnen.«
Coulthard versperrte ihm den Weg. »Oh nein, Jameson. Nicht Ihr Bestes! Das, was erforderlich ist. Ich brauche Sie!«
»Es wird keinen Anlass zur Klage geben. Sie haben mein Wort darauf.« Die Worte klangen, als müsse er sie zwischen seinen Zähnen hervorpressen. Dabei hob er sein Kinn noch ein wenig. Seine Haltung war so aggressiv, dass Dee einen Moment um Coulthards Wohlergehen fürchtete.
Lange standen sich die beiden so gegenüber, bis Coulthard ihm den Weg zur Hangartür freigab. »Ich erwarte Sie in Uniform und mit vorschriftsmäßiger Frisur um neunzehnhundert im Besprechungsraum. Sorgen Sie dafür, dass ich es nicht bereue.«
»Aye – Sir.« Da war sie wieder, diese kleine, kaum wahrnehmbare, provokante Pause vor dem »Sir«. Doch Coulthard schien gewillt, sie zu ignorieren.
Als er sich zur Tür wandte, konnte Dee sein Gesicht sehen. Einen irren Augenblick glaubte sie, er habe sie bemerkt, aber er schritt mit festem Blick an der Kabine vorbei Richtung Schott.
Dees Herz machte einen Satz. Das war der Mann aus ihrem Traum. Und er trug Sträflingskleidung.
Er stand auf Hawks Platz, als Dee den Besprechungsraum betrat. Sein makelloses, frisch rasiertes Gesicht wirkte wie aus Stein gemeißelt. Die dunkelgraue Uniform betonte seine durchtrainierte Figur, als wäre sie für ihn entworfen worden. Die blonden Haare waren nur noch zwei Fingerbreit lang.
Die Verwandlung war perfekt, trotz der kurzen Zeit, die er zur Verfügung gehabt hatte. Hoch aufgerichtet, breitbeinig und mit den Händen auf dem Rücken wirkte er, als wäre er einem Werbefilm der Flotte entsprungen. Nur die widerspenstigen Haare schienen zeigen zu wollen, welcher Geist wirklich in diesem Mann wohnte.
»Darf ich Ihnen Lieutenant Jameson McAllister vorstellen?«, brach Coulthard das Schweigen. »Er wird für die Dauer dieser Mission unser Pilot sein.«
Die anderen Offiziere hatten Platz genommen. Nur McAllister stand noch. Mit regloser Miene fixierte er die Wand ihm gegenüber.
Woher kannte sie nur seinen Namen? Die Frage ließ Dee keine Ruhe.
»Ma’m, ich habe eine Beschwerde vorzubringen«, brach De Suttons näselnde Stimme das Schweigen. »Lieutenant McAllister hat meine ... unsere Kabine verwüstet. Ich bestehe darauf, dass Sie ihn dafür zur Rechenschaft ziehen.«
McAllister atmete tief ein. Sein Blick suchte Coulthard.
Deren Miene war eisig. »Wir hatten eine Abmachung.«
»Ich war in Eile«, quetschte McAllister hervor. Seine dunkelgrauen Augen fixierten De Sutton. »Ich werde den Schaden selbstverständlich beheben. – Sir.«
De Suttons Stimme wurde ungewöhnlich laut. »Ich weigere mich, mit ihm ein Quartier zu teilen.«
»Sir.« McAllisters Blick wanderte zu Coulthard. »Ich versichere Ihnen, dass es zu keinen weiteren Zwischenfällen kommen wird.«
Coulthard schien befriedigt. »Setzen Sie sich, McAllister.« Zu De Sutton gewandt sagte sie: »Sie haben Lieutenant McAllister gehört, Commander De Sutton. – Zu den Ergebnissen! Watanabe!«
De Suttons Lippen wurden schmal. »Ma’m, mit Verlaub. Sie können mich nicht zwingen ...«
»Commander De Sutton!« Coulthard sprach leise, dennoch hatte jedes ihrer Worte die Schärfe eines Peitschenhiebs. »Die Sache ist geklärt. Sollten Sie weitere Einwände haben, richten Sie diese bitte schriftlich über meine Person an die Admiralität. Ansonsten steht es Ihnen frei, von Ihrem Posten zurückzutreten. Für adäquaten Ersatz zu sorgen, dürfte nicht schwerfallen.«
Das waren klare Worte. McAllisters Anwesenheit war ihr wichtiger als De Suttons. Wobei Coulthard recht haben dürfte: Es würde um einiges leichter sein, einen qualifizierten Ersten Offizier als einen weiteren Piloten für dieses Schiff zu finden. Auch wenn diese Crew noch so handverlesen war.
Während De Sutton nach Luft schnappte, setzte McAllister sich in einer gleitenden Bewegung an den Tisch. Sein Blick traf Dee. Ertappt senkte sie die Lider. Nur um aus den Augenwinkeln zu beobachten, dass er sie weiterhin fixierte. Als suche er nach einer Antwort, die nur sie ihm geben könne.
Natürlich! Er hatte sie gesehen – im Hangar!
Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, widmete Dee ihre Aufmerksamkeit dem Captain.
»Die Ergebnisse, Watanabe!«, wiederholte Coulthard ungerührt.
Watanabes Blick wanderte zuerst zu McAllister, bevor er endlich antwortete. Als müsse er sich vergewissern, dass dieser seinen Bericht wirklich hören durfte.
»Alle Crewmitglieder haben die entsprechenden Sicherheitsfreigaben. Wenn auch bei einigen aufgrund ihrer Vorgeschichte Zweifel an ihrer Loyalität aufkommen könnten.«
Coulthard runzelte die Stirn. »Präzisieren Sie das!«
»Nahezu fünfzig Prozent der Crew haben während des Krieges durch Kriegshandlungen Familienmitglieder verloren. CPO Rileys Familie wurde während eines Angriffs auf den Heimatplaneten seiner Eltern vollständig eliminiert. Grund genug für die Hälfte der Crew, um im Untergrund gegen einen Waffenstillstand mit der Erdregierung zu kollaborieren.«
Watanabes Blick ruhte auf McAllister, als gehöre er zu dieser Hälfte.
»Des Weiteren haben wir drei Crewmitglieder an Bord, die als Mutanten klassifiziert wurden.«
Dee vergaß einen Augenblick zu atmen. Ungerührt fuhr Watanabe fort, während er McAllister weiterhin fixierte.
»Zwei Crewmitglieder wurden als Klasse fünf eingestuft, können also als unbedeutend angesehen werden. Ein weiteres Crewmitglied wurde als Klasse zwei klassifiziert, kommt jedoch aufgrund äußerer Umstände nicht für den Sabotageakt in Betracht.«
Watanabe sah Coulthard an und Dee glaubte, Missbilligung in seinen dunklen Augen zu erkennen.
»Da das Waffenstillstandsabkommen aber auch die künftige Stellung der hoch eingestuften Mutanten behandelt, halte ich dieses Crewmitglied für ein Sicherheitsrisiko.«
Er sprach nicht von ihr, zum Glück! Dees Herz schlug laut und hart. Er sprach von ...
McAllister presste die Lippen aufeinander.
Coulthards Stimme klang erstaunlich ruhig. »Wie Sie bereits erwähnten, kommt dieses Crewmitglied nicht für den Anschlag infrage.«
Es ging um McAllister. Coulthard verteidigte ihn. Fühlte sie sich ihm so sehr verbunden?
»Noch etwas?«, fragte Coulthard.
Watanabes Blick richtete sich auf Nayiga. »Junior Lieutenant Nayigas Name fiel in Zusammenhang mit einem Datendiebstahl auf der CFF Bellerophon vor knapp einem Jahr. Der Vorfall konnte bisher nicht geklärt werden. Ein anderes Crewmitglied ist ebenfalls ...«
»Ma’m! Ich schwöre Ihnen, dass ich nichts damit zu tun hatte«, unterbrach Nayiga ihn. Sie sah zu McAllister, der ihrem Blick mit finsterer Miene begegnete.
Bellerophon. Die Testmatrix. Dee horchte auf. Gerade noch rechtzeitig senkte sie den Kopf, statt wie Nayiga McAllister anzustarren.
Daher kannte sie seinen Namen! Er war der Pilot, der vor Hawk die Testmatrix geflogen hatte. Derjenige, der die Forschungsdaten gestohlen hatte. Coulthard musste verrückt sein! Wie konnte sie nur ...
Coulthard hob die Hand. »Beruhigen Sie sich, Nayiga! Wenn ich Grund zu der Annahme hätte, dass irgendjemand hier an diesem Tisch einen Akt des Hochverrats begangen hätte oder ihn unterstützte, dann wäre er nicht hier. Das gilt für jeden. War das alles, Watanabe?«
»Ja, Ma’m.« Zum ersten Mal klang Watanabe zornig, seit Dee ihn kannte.
McAllister musterte den Tisch. Seine Miene war nach wie vor nicht zu deuten. Nayiga starrte ihn unverhohlen an.
Kein Wunder! Immerhin musste Nayiga ebenso wie ihr klar sein, dass dieser Mann verdächtigt wurde, die Forschungsergebnisse über die Gelmatrix gestohlen zu haben. Und trotzdem saß er hier, im Besprechungszimmer der Nyx. In dem Protoserienschiff mit einer Gelmatrix, das den Botschafter der Erde befördern sollte. Das erklärte auch Watanabes offensichtlichen Zorn. Er schien nicht glücklich über Coulthards Wahl zu sein. Verständlicherweise.
»Die Sicherheitsstandards?«, fragte Coulthard.
»Wurden alle weisungsgemäß erhöht«, antwortete Watanabe mit wütendem Blick.
»Nayiga, was konnten Sie über Mister Patrick herausfinden?«
Nayiga zuckte zusammen. »Ma’m! Conner Patrick war seit zwölf Jahren verheiratet mit Sandra Martin. Sie haben zwei gemeinsame Kinder, ein Mädchen von acht und einen Jungen von fünf Jahren. Patrick arbeitete als Beamter im öffentlichen Dienst beim Finanzamt. Mistress Martin ist Lehrerin. Beide sind bisher nicht straffällig geworden. Patricks Name tauchte in der Liste der Untergrundkämpfer auf, da er Besuch von diesem Mann hatte.«
Das Bild eines kantigen Mittvierzigers erschien auf dem Wandschirm. »Das ist einer der beiden führenden Köpfe der Widerstandsbewegung. John VanAllen. Er wird überwacht, konnte sich jedoch vor ein paar Wochen seinen Bewachern entziehen. Seitdem ist Patricks Name auf der Liste.«
Coulthard studierte das Konterfei des Mannes. »Der VanAllen?«
»Ja, Ma’m. Der jüngere der beiden Brüder.«
»Danke, Nayiga. – Doktor, haben Sie etwas für mich?« Coulthard lächelte.
Tipton zog die Nase hoch. »Ich konnte die Leichenteile drei männlichen Personen zuordnen. Eine davon war laut DNA-Muster eindeutig Lieutenant Hawk. Die zweite Admiral Mason. Die dritte Person war weiß, mittleren Alters, leicht übergewichtig und untrainiert. Und er hatte Diabetes. Könnte unser Mister Patrick sein. Wenn Sie mir sein DNA-Muster geben, kann ich es überprüfen.«
»Captain Coulthard, darf ich darauf hinweisen, dass die DNA-Muster von Zivilpersonen nicht für militärische Zwecke verwendet werden dürfen?« De Suttons Stimme klang unwirsch.
»Sie dürfen, Commander De Sutton«, lächelte Coulthard. »Nayiga, übermitteln Sie dem Doktor das DNA-Muster. Ich erwarte Ihr Ergebnis, Doc.«
»Ist mir ein Vergnügen.« Tipton hustete und feixte in De Suttons Richtung.
De Sutton presste die Lippen aufeinander. »Das ist ...«
»Wie ich bereits sagte, Commander De Sutton: Sollte Ihnen mein Führungsstil missfallen, nehme ich gerne Ihr Versetzungsgesuch an.«
Mit hoch erhobenem Kopf musterte De Sutton Coulthard aus schmalen Augen.
»Wie ist Ihr Stand, MacNiall?«, fuhr Coulthard ungerührt fort.
»Wir kommen gut voran. Bisher konnten wir keine Unregelmäßigkeiten finden. Ich bin sicher, dass wir planmäßig starten können.«
Einen Moment lang war Dee versucht hinzuzusetzen, dass sie die Autorisierungscodes der Personen aus den Überwachungseinheiten des Hangars ausgelesen hatte, die in den letzten vierundzwanzig Stunden dort gearbeitet hatten. Aber das Ergebnis war nichtssagend. Sie hatte Hawks, Rileys und ihren eigenen Code gefunden. Riley hatte Wartungsarbeiten an einem überlasteten Energierelais vorgenommen. Aber Dee schwieg, denn sonst wäre auch herausgekommen, dass sie bei McAllisters Ankunft anwesend war.
»Das wäre dann alles. Weitere Ergebnisse direkt an meine Person. Ich erwarte Sie morgen um null siebenhundert zu einer letzten Einsatzbesprechung.«
Coulthard nickte als Zeichen, dass sie entlassen waren.
»Sir!«
»Einwände, McAllister?«, fragte Coulthard.
»Wenn Sie mir die Aufzeichnung der Flugdaten überlassen, könnte ich die Flugbahn hinsichtlich Anomalien überprüfen.«
»Wie meinen Sie das?« Coulthard runzelte die Stirn. »Welche Anomalien?«
»Eine Extrapolation der Flugbahn könnte Rückschlüsse darauf geben, welches Ziel die Flugobjekte ansteuerten. Sir.«
Coulthard zögerte sichtlich, bevor sie schließlich nickte. »Gut, tun Sie das, McAllister, und übermitteln Sie mir Ihre Ergebnisse.« Mit Blick auf die anderen Offiziere fügte sie hinzu: »Sie können gehen.«
De Sutton war der Erste, der durch das Schott preschte. Aus jeder seiner Bewegungen sprach verhaltener Zorn. Dee folgte ihm hinaus auf den Gang.
Nayiga überholte sie und prallte fast mit ihr zusammen, während sie über ihre Schulter blickte. »Verzeihung.« Bevor Dee antworten konnte, eilte sie davon. Ihre Schritte hallten im Korridor wider, vermischten sich mit denen der anderen Offiziere und verhallten.
Dee blieb stehen. Coulthard sollte ihr Ergebnis erfahren. Auch wenn sie zugeben musste, das Gespräch mit McAllister belauscht zu haben. Mit einem Seufzen kehrte sie wieder um.
Das Schott stand noch offen. Dee sah McAllister, der ihr den Rücken zukehrte und breitbeinig und mit auf dem Rücken verschränkten Händen vor Coulthard stand.
Seine Stimme war rau. »Ich sehe die Notwendigkeit ein.«
»Dann freut es mich, Sie an Bord begrüßen zu dürfen, Lieutenant McAllister. Es freut mich wirklich.«
Coulthard bot ihm die Hand. Dee konnte ihr Gesicht nicht sehen. Mit leichter Verzögerung ergriff McAllister sie.
»Ich danke Ihnen«, antwortete er leise.
Behutsam zog sich Dee zurück. Sie kam sich mit einem Mal wie ein Voyeur vor. Ihre Meldung konnte sie ebenso gut schriftlich machen.
Dee starrte auf den Monitor. Sie war allein im Maschinenraum. Riley überprüfte die Energieleitungen und Peres hatte sich in den Hypermodulen vergraben.
Es wurde Zeit, dass sie mehr über den feinen Mister McAllister herausfand. Vermutlich war sie der letzte Offizier, der diese Anfrage stellte. Watanabe hatte es getan. Er wusste mehr. Und sie wollte verdammt sein, wenn sie sich nicht wenigstens McAllisters Personalakte ansah. Außerdem war sie der Zweite Offizier an Bord. Es war ihre Pflicht, den Captain auf Gefahren hinzuweisen.
Energisch begann Dee, seinen Namen einzutippen. »Eintrag im Flottenregister«, las sie als Antwort. »Dienstrang Lieutenant, Mutant der Klasse zwei.« Na also!
Befriedigt klickte sie auf den Querverweis zu seiner Personalakte. »Zugriff verweigert«, blinkte auf dem Monitor. Dee blinzelte und versuchte es noch einmal. »Zugriff verweigert.« Die Freigabe war der Admiralität vorbehalten.
Dann eben anders! Dee tippte nur den Namen »McAllister« ein. »Jameson«, wurde aufgelistet – und darüber »Ian, Dienstrang Captain, Schwerer Kreuzer CFF Ulysses«. Nervös biss sie auf ihre Unterlippe und klickte auf den Verweis zu Captain Ian McAllisters Personalakte.
Ein Bild erschien. Ein distinguierter blonder Mann mit energischem Blick. Die Ähnlichkeit mit Jameson McAllister war nicht zu übersehen. Dee überflog die Daten. Er schien ein ziemlich fähiger Offizier zu sein. Persönliche Daten. Aha! Verheiratet mit Hera Donovan, Mutant der Klasse zwei, Regierungsmitarbeiterin. Was war das jetzt schon wieder? Und da, ein Sohn. Jameson McAllister, Alter siebenundzwanzig, Pilot bei der Flotte.
Blinzelnd klickte Dee auf den Namen »Hera Donovan«. »Botschafterin der Vereinten Kolonien«, las sie. »Getötet im Einsatz.« Die Sache war fünf Jahre her. Dee fand noch diverse Verwandte von Jamesons Mutter, aber keine weiteren Angaben zu ihrem Tod.
Nachdenklich starrte sie auf den Monitor mit Mistress Donovans Porträt. Eine wunderschöne, dunkelhaarige Frau mit dunkelgrauen Augen lächelte sie warmherzig an. Er hatte ihre Augen. Himmel, in was verrannte sie sich da? Einmal mehr kam sie sich vor wie ein Voyeur.
Dennoch tippte sie den Namen »Bellerophon« ein. Eine Flut von Daten überschwemmte den Bildschirm. Sie suchte die Crewliste heraus und fand recht schnell Nayigas Namen. Sie hatte das Schiff vor einem Jahr verlassen. Und tatsächlich, auch McAllister war bis zu diesem Zeitpunkt ein Crewmitglied der Bellerophon gewesen.
Jetzt wollte sie es wissen. Was war damals eigentlich passiert? Sie suchte nach dem Logbuch und überflog es rückwirkend ab dem Zeitpunkt, da McAllister das Schiff verlassen hatte.
Sie musste nicht lange suchen. Da stand, dass McAllister aufgrund erdrückender Indizien des Hochverrats angeklagt worden war. Die Daten der Forschungsergebnisse über die Testgelmatrix waren aus dem Hauptcomputer kopiert worden und es war sein Autorisierungscode, der im Terminal gefunden wurde. Er behauptete, zum Zeitpunkt des Diebstahls mit Kayleigh Monahan verabredet gewesen zu sein, seiner Freundin, wie es schien. Die war jedoch nachweislich zum fraglichen Zeitpunkt mit Myriam Nayiga zusammen gewesen.
Nachdenklich starrte Dee auf Nayigas Namen. Grund genug, Nayiga mal auf den Zahn zu fühlen!
Ein Video fiel ihr ins Auge. Sie wählte es an, ohne sich viel davon zu versprechen. McAllister erschien. Zwei Männer der Special Forces hatten ihn an den Oberarmen gepackt. Mit von Hass und Wut verzerrtem Gesicht stemmte er sich gegen ihren Griff. Ein Tritt gegen das Bein des Mannes zu seiner Linken und mit einem Ruck riss McAllister sich los. In einer Drehung rammte er dem anderen seine Faust ins Gesicht. Der dritte Mann erschien wie aus dem Nichts und schickte McAllister mit einem Schlag in den Nacken zu Boden.
Das Video erlosch. Erschüttert von der Wucht der Gefühle in McAllisters Miene starrte Dee auf den Bildschirm.
Ein Geräusch hinter ihr ließ sie zusammenzucken. Erschrocken drehte sie sich um.
Riley stand hinter ihr und lächelte sie an. »Neuigkeiten?« Sein Blick wanderte zum Monitor.
Verflucht, wie lange stand er schon da?
Mit einem Tastendruck warf Dee die Ergebnisse ihrer letzten Triebwerksanalyse auf den Bildschirm. »Alle Konvektionstriebwerke im Normbereich. Was machen die Energieleitungen?«
»Alles im Normbereich. Was darf ich jetzt für Sie tun, Ma’m?«
»Machen Sie sich an die Funkrelais für den Hyperfunk. Ich werde mich zwei oder drei Stunden schlafen legen und Sie dann ablösen.«
»Gerne, Ma’m.« Riley trat einen Schritt näher und stützte sich mit einer Hand auf die Konsole neben ihr. »Kann ich Ihnen noch anderweitig behilflich sein?«
Dee glaubte, seine andere Hand bereits auf ihrer Schulter zu fühlen. Sie fühlte sich auf dem Stuhl gefangen.
»Darf ich hoffen, dass Sie meine Warnung nicht vergessen haben?«, schnappte sie. »Oder muss ich Sie daran erinnern?«
Riley wich erschrocken zurück. »Ma’m. Verzeihung, Ma’m ...« Ohne ihre Antwort abzuwarten, deutete er einen Gruß an und strebte dem nächsten Schott zu.
Hatte Riley wirklich nicht begriffen, dass sie das nicht leiden konnte? Sie hatte tatsächlich seine Hand auf ihrer Schulter zu spüren geglaubt. Was erlaubte er sich? Oder bildete sie sich das ein?
War sie vielleicht ungerecht ihm gegenüber? Wenn er Paul nur nicht so ähnlich wäre ...
Bilder tauchten vor ihr auf. Bilder, die sie vergessen wollte. Von dieser fremden Frau, die sich wollüstig auf dem gemeinsamen Ehebett rekelte. Pauls Hände auf ihrem nackten Leib. Von den Schlaftabletten, die sie mit zitternden Händen ins Klo geworfen hatte, bevor sie in Versuchung geriet.
Wenn sie ihre Erinnerungen nur genauso fortspülen könnte!
Das Schott schloss sich. Nachdenklich starrte sie auf den Monitor. Sicher war sicher! Mit wenigen Tastendrucken löschte sie ihre Anfragen aus dem Logbuch.
In Gedanken versunken begab sie sich zu ihrem Quartier. Die Erinnerungen drängten immer wieder hervor. Mit aller Kraft versuchte sie, sich auf die Daten aus der Datenbank zu konzentrieren. McAllisters Blick, Hass und Wut in seinen Augen, daran blieben ihre Gedanken hängen. Das Bild jagte ihr immer noch einen Schauer über den Rücken und ganz langsam setzte es ihre Überlegungen in Gang.
Datendiebstahl. Mutant der Klasse zwei. Die Mutter im Einsatz verstorben. Er war anscheinend nach der Anklage aus dem Verkehr gezogen worden. Nein, im Gefängnis. Und nun holte Coulthard ihn an Bord der Nyx, damit ausgerechnet er mit dem Botschafter der Erdregierung an Bord ...
Coulthard war entweder verrückt oder ...
Sie fühlte sich ihm verpflichtet. Sie vertraute ihm. Aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht auch nur aus den falschen Gründen.
Ein Scheppern ließ Dee zusammenschrecken. Sie war im Korridor der Offiziersquartiere angekommen. Ein Schott stand offen, aus der Kabine dahinter kam das Geräusch. Vorsichtig trat Dee näher und entdeckte McAllister, der sich voll Zorn mit der Schulter gegen die Tür eines Spinds warf.
Sein Blick traf sie. Im gleichen Augenblick klickte es leise und die Spindtür sprang wieder einen Spalt auf. Sie wies bereits eine deutliche Delle auf. Mit einem Fluch ließ McAllister sie los. Prompt rutschten diverse Kleidungsstücke und andere Gegenstände aus dem Spind und verteilten sich auf dem Boden.
Während Dee fasziniert auf das Durcheinander starrte, kam McAllister auf sie zu und schloss mit einem Schlag auf das Bedienpanel das Schott vor ihrer Nase. In seinen dunkelgrauen Augen loderten so viel Zorn und Wut, dass Dee unwillkürlich zurückwich.
Coulthard schien zu glauben, dass er unschuldig war. Was, wenn sie sich irrte?
In Dees Quartier brannte noch Licht. Nayiga lag auf dem oberen Stockbett und schreckte zusammen, als Dee eintrat.
»Störe ich?«, fragte Dee. Sie wunderte sich, wie sanft ihre Stimme klang.
»Nein. Wieso fragen Sie?« Nayiga wischte sich über das Gesicht, bevor sie über den Rand des Bettes lugte. Ihre Augen wirkten verquollen, als habe sie geweint.
Dee wusste nicht, was sie antworten sollte. Langsam zog sie ihre Jacke aus, um sie über einen der beiden Stühle zu hängen. »Es wirkte, als wären Sie verärgert, dass man Sie mit der Sache auf der Bellerophon in Verbindung brachte.«
Nayiga setzte sich auf. »Wären Sie das an meiner Stelle nicht? Nur weil Sie zufällig an Bord des Schiffes waren, auf dem ein Verräter tätig war, werden Sie ihr Leben lang damit in Verbindung gebracht. Ist das fair?«
»Nein. Sie haben recht. Das ist es nicht«, antwortete Dee leise.
Eine Pause entstand.
»Und McAllister?«, fragte Dee. »Glauben Sie, dass ...«
»Er sollte nicht hier sein«, antwortete Nayiga heftig. »Er ...«
»Wie meinen Sie das? Glauben Sie, dass von ihm Gefahr droht?«
Nayiga rieb sich die Stirn. »Nein. Ja. Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Ich ... Ich habe immer geglaubt, dass er unschuldig ist. Vielleicht ... Vielleicht wollte ich es auch einfach nur glauben. Aber ... Aber es passt nicht zu ihm. Verstehen Sie?«
»Nein, tut mir leid. Das verstehe ich nicht. Nach allem, was ich in Erfahrung bringen konnte, wirkt er auf mich wie ein enormes Sicherheitsrisiko. Ich verstehe nicht im Geringsten, weshalb Coulthard ihn an Bord geholt hat.«
»Sie haben nachgesehen?«
»Was?«
»Die Sache auf der Bellerophon ...«
»Selbstverständlich. Als Zweiter Offizier muss ich wissen, wie ich die anderen Offiziere hinsichtlich ihrer Integrität einzustufen habe.«
Nayigas dunkle Augen fixierten Dee. »Und, Commander? Wie stufen Sie mich ein?«
Dee zögerte. Die Richtung, die das Gespräch einschlug, gefiel ihr nicht. »Aus meiner Sicht haben Sie bisher hervorragende Arbeit geleistet. Ich finde keine Hinweise, dass Sie in irgendeiner Weise nicht vertrauenswürdig sein sollten. Und wenn Coulthard das nicht genauso sehen würde, wären Sie wohl nicht hier.«
»Danke.« Ein winziges Lächeln stahl sich auf Nayigas Gesicht.
»Keine Ursache. Ich will Ihnen damit nicht schmeicheln. Umso mehr wundert es mich, dass Coulthard McAllister an Bord geholt hat.«
Nayiga schwieg. Nach einer Weile sagte sie: »Weil er gut ist. Einer der besten Piloten der Flotte. Wenn nicht sogar der Beste. Und weil er diese Gelmatrix beherrscht.«
»Trauen Sie ihm?«, fragte Dee.
Wieder schwieg Nayiga.
Diesmal hielt die Stille so lange an, dass sie Dee unangenehm wurde. »Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin. Wenn Sie befreundet sind ...«
»Befreundet?« Nayiga schüttelte den Kopf. In ihrer Stimme schwang Bitterkeit. »Bestimmt nicht. McAllister hat keine Freunde.«
»Dann trauen Sie ihm nicht?«
»Trauen? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Ich ...« Nayiga ballte die Fäuste und rang nach Atem. »Hören Sie! Ich weiß nicht, wer diese Daten damals gestohlen hat. Der Autorisierungscode ...« Sie zuckte mit den Schultern. »Entweder man ist gut genug, um den eigenen zu löschen, wenn man Daten stehlen will oder man besorgt sich den Code eines anderen. McAllister ist gut. Gut genug, um seinen Autorisierungscode löschen zu können, ohne dass jemand einen Hinweis darauf finden kann. Warum sollte er also seinen Code benutzen, noch dazu ohne ihn zu löschen? Halten Sie ihn für so dumm?«
Die Frage war rhetorisch. Trotzdem antwortete Dee. »Nein. Es sei denn ...«
»Es sei denn?«
»Und wenn er damit rechnet, dass niemand ihn für so dumm hält?«
»Ist das nicht einmal zu viel um die Ecke gedacht? Zudem passt dieser Datendiebstahl nicht zu ihm. Die Flotte ist das Einzige, was er liebt. Er würde sie niemals verraten. Eher würde er mit ihr untergehen oder für sie sterben.« Nayigas Worte klangen bitter.
Liebte Nayiga ihn etwa?
»Aber wenn er es nicht war, wer war es dann? Kayleigh Monahan?«
»Kayleigh.« Nayiga schnaubte und starrte Dee aus zornigen Augen an. »Sie ist ein Miststück. Eine Hure ...«
Aus Nayigas Worten sprach so viel Hass, dass Dee schauderte. Sie räusperte sich. »Heißt das, dass Sie glauben, dass Monahan die Daten gestohlen hat?«
»Ich sagte es bereits: Ich habe keine Ahnung, wer diese verdammten Daten gestohlen hat. Ich weiß nur eins: Dass dieses Miststück ihn verführt hat. Für sie hätte er alles getan. Alles. Sogar seine Seele verkauft.«
Und ob Nayiga in ihn verliebt war!
»Aber Sie sagten doch eben noch, dass er nur die Flotte liebt.«
»Das war, bevor er Kayleigh kennenlernte.«
Nayigas Worte gingen Dee nicht aus dem Kopf. Hatte Monahan McAllister derart den Kopf verdreht, dass er die Daten für sie gestohlen hatte? Und präsentierte ihn danach als Sündenbock, um selbst nicht in Verbindung damit gebracht zu werden? Dann lief eine Verräterin frei auf einem Schiff der Flotte herum. Und ein weiterer Verräter befand sich an Bord der Nyx. McAllister ...
Nein, sie konnte einfach nicht glauben, dass Coulthard sich so in ihm täuschte! Coulthard ließ sich nicht hinters Licht führen. Außerdem wirkte sie, als wüsste sie mehr.
Ein anderer Gedanke driftete an die Oberfläche. Was, wenn sie ihn als Köder auf die Nyx geholt hätte?
Dee wurde kalt. Sie zog die Decke enger um die Schultern und drehte sich auf die andere Seite, um eine bessere Einschlafposition zu finden. Doch McAllisters hasserfülltes Gesicht tauchte immer wieder im Dunkel des Quartiers auf, als würde er sie verfolgen.
Mist! Dann konnte sie genauso gut aufstehen!
Erneut wechselte Dee die Seite und starrte in die Schwärze der Kabine. Ein blauer Schimmer sickerte durch die Dunkelheit. Verdichtete sich. Hätte sie nicht gewusst, wie tödlich die blaue Strahlung war, hätte das Licht fast magisch gewirkt.
Sie befand sich in einem engen Raum. Ein Versorgungsschacht? Träumte sie etwa wieder?
Da entdeckte sie den Körper. Obwohl es ihr widerstrebte, rutschte sie näher. Der Mann versuchte, sich auf dem Ellbogen aufzurichten. Keuchend wandte er den Kopf in ihre Richtung. Es war McAllister.
Sein Gesicht war schweißnass und schmerzverzerrt.
»Sie?« Ungläubig riss er die Augen auf. Als habe das Wort all seine Kräfte gekostet, sank er im nächsten Augenblick stöhnend in sich zusammen.
Aber ... Das war ein Traum! Wie konnte er sie bemerken? Lag es daran, dass er ein Mutant war? Beeinflusste er sie etwa?
Trotz allem war es nur ein Traum. Er konnte ihr nichts tun. Und sie musste wissen, was er hier tat. Damit sie verstehen konnte ...
Vorsichtig robbte Dee näher und beugte sich über ihn.
Er blinzelte. Sein Blick irrte über sie hinweg. Er flüsterte etwas. So leise, dass Dee es nicht verstehen konnte.
Erschrocken wich sie zurück. Ihr Herz hämmerte.
Zitternd streckte er die Hand nach ihr aus, um sie festzuhalten und entblößte dabei seine rechte Seite, die von Blut getränkt war. Ein Stöhnen quoll aus seinem Mund. Zitternd ließ er die blutige Hand sinken, den Blick starr auf Dee gerichtet.
Der Anblick krampfte Dees Eingeweide zusammen. Spontan wollte sie nach seiner Hand fassen. Doch bevor sie ihn berühren konnte, wurden sein Blick glasig. Erstarrt hielt sie mitten in der Bewegung inne und schloss die Augen, um der lähmenden Verwirrung Herr zu werden.
Als sie die Lider wieder öffnete, stand sie in der Kommandozentrale. Dees Blick zuckte zum Hauptmonitor. Sie wusste, was sie dort sehen würde. Ein Fächer aus Geschossen raste auf die Nyx zu. Nichts konnte sie davon abhalten, das Schiff zu zerstören.
Wie festgesaugt hing ihr Blick an dem Bild. Von fern drangen die Schreie der anderen Crewmitglieder an ihre Ohren. Sie fühlte noch, wie sich die Nyx unter den Treffern aufbäumte. Dann füllte ein blendender Feuersturm die Brücke und löschte ihr Denken aus.
Mit einem erstickten Keuchen schreckte sie hoch. Durch die Dunkelheit drang Nayigas gleichmäßiges Atmen an ihre Ohren.
Ein Traum. Nur ein Traum.
»Sie?«, hörte sie McAllisters Stimme in ihrem Kopf. Stöhnend schlug sie die Hände vor ihr Gesicht.
Er wird sterben. Sie wusste es so klar und deutlich, als hätte sie es auf ihrem Konsolenmonitor gesehen. Und wenn er starb, starben sie alle.
Nein! Das war Unfug! Sie war keine Seherin.
Und Hawks Tod? Den hatte sie auch gesehen. Und Vaters Tod auch. Aber man konnte die Zukunft nicht ändern. Hatte sie es versucht? Hatte sie es denn je versucht?
Oh nein, sie wollte nicht sterben! Noch nicht. Sie wollte leben, Karriere machen, unabhängig und erfolgreich sein. Einen Mann finden, der sie liebte, ein Kind bekommen. Glücklich werden.
Dann musste sie ihn retten. So einfach war das.
Aber wenn sie ihren Traum falsch interpretierte? Wenn sie nur überleben konnten, wenn er starb? Oder sein Tod rein gar nichts mit der Zerstörung der Nyx zu tun hatte?
Nein. Sie wusste genau, was ihr Traum bedeutete. Dass die Nyx zerstört werden würde, weil er starb. Warum auch immer. Und das ließ nur einen Schluss zu – dass sie ihn retten musste.
Aber wie?
Coulthard informieren. Gute Idee! Die würde ihr bestimmt glauben.
Und wenn sie sich alles nur einbildete? Wenn er es war, der sie das sehen ließ? Er war ein Mutant der Klasse zwei. Die konnten solche Dinge.
Aber was hätte er davon? Er wurde des Hochverrats angeklagt. Wenn er sich einfach nur rächen wollte? An der Flotte, der Erdregierung oder wem auch immer?
Und sie saß dazwischen und war sein Empfänger, sein Schaf, das er zur Schlachtbank führte, um seine Rache zu vollziehen.
So viel Zorn und Hass. Wenn jemand Grund hatte, sich zu rächen, dann er. Sie durfte ihm nicht trauen.
Coulthard vertraute ihm. Und wenn sie ihn nur benutzte? In einem Spiel, von dem sie nichts wusste. Und auch Coulthard konnte sich irren!
Sie musste aufpassen. Sie musste ihn beobachten, bis sie klarer sah.
Aber wenn es dann zu spät war?
Sie erinnerte sich an den Zorn in seinem Gesicht, als er sich gegen den Spind warf, den Hass in seinen Augen, der De Sutton galt, an den Hass, mit dem er sich gegen seine Verhaftung zur Wehr setzte.
Er war gefährlich. Ihm im Wege zu stehen, konnte genauso tödlich sein wie diese Geschosse, die die Nyx treffen würden. Falls es diese Geschosse wirklich gab.
»Langsam und mit Bedacht«, sagte Siobhan immer. Genauso würde sie es halten.
5. Kapitel
Müde und zerschlagen setzte sich Dee am nächsten Morgen an ihren Platz im Besprechungsraum.
Sie hatten es tatsächlich geschafft. Dee konnte es immer noch nicht glauben. Aber Riley und Peres hatten ihr bewiesen, dass sie sich auf sie verlassen konnte. Dankbarkeit und ein bisschen Stolz erfüllten sie, überlagerten die Angst, die sie in der Nacht erfüllt hatte.
»Guten Morgen!« Coulthards Stimme klang frisch wie immer. Sie wandte sich sofort an Dee. »Statusbericht, MacNiall?«
Dee hob den Kopf. »Alle Teile überprüft, Ma’m. Einige Abweichungen, aber alle im Normbereich und beseitigt.«
»Ich wusste, dass ich mich auf Sie verlassen kann.«
Coulthards Lächeln ließ Dee im siebten Himmel schweben. Bis sie McAllisters Blick wahrnahm. Starr sah er sie über den Tisch hinweg an. Die Drohung war so deutlich, dass Dee nur ein Rauschen in ihrem Kopf hörte. Bis McAllister ruckartig den Kopf in Coulthards Richtung drehte.
»McAllister, Ihre Ergebnisse!«
»Aye, Sir.« Als habe es den Moment nie gegeben, begann McAllister zu dozieren. »Ich habe Dysons Ähnlichkeitstheorem auf die beiden Kursbahnen angewandt. Gehe ich von zwei unterschiedlichen Kursbahnen aus, von der die eine nichts mit der anderen zu tun hat, ergibt das eine Endlosschleife. Dies weist daraufhin, dass ein Kurs den anderen beeinflusst hat. Mit einer Ähnlichkeitsanalyse dritten Grades kann ich bei Annahme ...«
Aus Dees Unwohlsein wurde Faszination. Er verstand das tatsächlich. So ähnlich hatte nur der Professor für höhere Mathematik an der Akademie geklungen.
Coulthard unterbrach ihn mit einem Räuspern. »Können Sie das so erklären, dass auch ein Laie Sie versteht?«
McAllisters dunkelgraue Augen zeigten eine Spur von Irritation. Er fuhr sich mit der Hand über den Nacken und wirkte mit einem Mal zehn Jahre jünger. Der Eindruck verflog sofort, als er sich straffte und wieder zu sprechen begann.
»Fähre zwei hat sehr offensichtlich einen Verfolgungsalgorithmus benutzt, um die Fähre mit Lieutenant Hawk abzufangen. Ich tippe auf den Standardalgorithmus der Flotte. Hawk hat es bemerkt und versuchte auszuweichen. Leider zu spät.«
Das konnte er berechnen? Unglaublich! Oder hielt er sie gerade zum Narren?
Coulthard rieb sich die Stirn. »Sind Sie sicher?«
»Aye.«
De Suttons Stimme platzte dazwischen. »Ist das eine Theorie oder können Sie Ihre Behauptungen auch beweisen?«
Ein Wink Coulthards genügte, um ihn zum Schweigen zu bringen. »Genug! Ich denke, wir waren uns einig, Commander De Sutton.«
Mit herablassender Miene erwiderte De Sutton Coulthards Blick. »Es gibt keinen Grund, ein Versetzungsgesuch einzureichen.«
»Es freut mich, das zu hören.« Als wäre nichts geschehen, wandte sich Coulthard noch einmal McAllister zu. »Hätten Sie an Hawks Stelle die Kollision vermeiden können?«
McAllisters Blick wurde nachdenklich. »Möglich«, sagte er endlich. »Mit einer Traversale in scharfem Winkel ... Die meisten Verfolgungsalgorithmen machen da schlapp. Wenn die Triebwerke es mitmachen ... Ja.« Das »Ja« klang sehr bestimmt.
Angeber! Oh nein. Er meinte es genau so, wie er es sagte. Er war tatsächlich fest davon überzeugt, es zu schaffen.
»Danke, McAllister«, lächelte Coulthard. »Ziehen wir alle verfügbaren Daten in Betracht«, fuhr sie an alle gewandt fort, »können wir nur zu einem einzigen Schluss gelangen: Die Kollision war ein gezielter Anschlag auf eine Sternenflottenfähre, möglicherweise sogar auf einen Admiral der Flotte. Wir müssen zudem davon ausgehen, dass sich weitere Attentäter an Bord befinden, die die Funkverbindung unserer Fähre manipuliert haben, damit Hawk keine Verbindung mit uns aufnehmen konnte. Watanabe, Sie wissen, was das bedeutet.«
Watanabe nickte.
»Gut.« Coulthard erhob sich. »Dann werde ich jetzt Botschafterin Hagen hereinbitten, damit sie uns ihre Ratschläge hinsichtlich der diplomatischen Belange unserer Mission geben kann.«
An diesem Tag trug Hagen petrolblauen Chiffon. Ihr Blick wanderte über die versammelten Offiziere und blieb fragend an McAllister hängen.
»Ich glaube, wir wurden einander noch nicht vorgestellt, Lieutenant ...«
»Verzeihung«, mischte Coulthard sich ein. »Darf ich Ihnen Lieutenant Jameson McAllister vorstellen? Er wird Lieutenant Hawk für die Dauer unserer Mission ersetzen.«
McAllister war bei Coulthards Worten aufgestanden und ahmte wieder den Protagonisten des Flottenwerbefilms nach. Breitbeinig, hoch aufgerichtet und mit auf dem Rücken verschränkten Händen, fixierte er die Wand hinter der Botschafterin.
Hagen musterte ihn. »Mutant, nicht wahr?« Weder Coulthard noch McAllister antworteten ihr. »Angenehm«, sagte sie nach einer kleinen Pause und bot ihm die Hand.
McAllister deutete ein Nicken an und setzte sich wieder. »Madam!«
Hagens Miene erstarrte. Mit einem Räuspern überging sie den peinlichen Moment und schritt in die Mitte des U-förmigen Besprechungstisches.
»Ich denke, ich brauche Ihnen nicht zu erklären, wie wichtig der Besuch des Botschafters auf Persephone für unsere Zukunft ist.«
Dee hatte den Eindruck, Hagen meinte mit diesen Worten nur McAllister.
»Wie dem auch sei«, fuhr Hagen fort. »Die Vereinten Kolonien sind in einer verzweifelten Lage. Wir brauchen diesen Waffenstillstand, um endlich wieder in Kontakt mit den von uns abgeschnittenen Planeten in der neutralen Zone treten zu können. Rücksicht auf Einzelschicksale können wir uns dabei nicht leisten.«
Wieder schienen Hagens Worte allein McAllister zu gelten. Der schien das nicht zu bemerken oder zu ignorieren. Starr fixierte er die Wand hinter Hagen.
»Ich wünsche daher ...« Hagens Stimme gewann an Schärfe. »... dass jeder auf diesem Schiff sein Bestes gibt. Zwischenfälle jeglicher Art – und seien sie noch so trivial – müssen unterbunden werden. Ich wünsche, dass der Botschafter und sein Leibwächter mit gebührendem Respekt und ausgesuchter Höflichkeit behandelt werden. Auch wenn das Verhalten des Botschafters Ihnen das vielleicht schwer machen sollte. Ich bin persönlich für das Gelingen dieser Mission verantwortlich und ich kann kein Fehlverhalten dulden.«
Dee schluckte. Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu Coulthard, die der Botschafterin mit regloser Miene zuhörte.
»Über die Sicherheitsvorkehrungen haben wir bereits gesprochen«, fuhr Hagen fort.
Sowohl Coulthard als auch Watanabe nickten bei diesen Worten.
»Ich wünsche, dass alles so abläuft, wie wir es besprochen haben.« Hagen fixierte Coulthard. »Nun ist es an Ihnen, tätig zu werden, Captain.«
Dee stand in der Reihe der im Hangar wartenden Offiziere. Von der Beobachtungskabine aus hatte sie gesehen, wie die Fähre mit dem Botschafter an Bord behutsam aufsetzte. Da sich McAllister nicht im Hangar befand, nahm Dee an, dass er die Fähre gesteuert hatte.
Das Schott öffnete sich. Hagen trat zur Luke. Kurz darauf wurde ein großer, breitschultriger Mann in schwarzem Overall sichtbar.
Dee überlief es bei seinem Anblick eiskalt. Es war das erste Mal, dass sie einem Mitglied der Schwarzen Garde begegnete. Killer, war das Erste, was ihr einfiel. Monster das Zweite.
Als ob die Erdregierung mit der Produktion der Mutanten nicht genug Unheil angerichtet hatte! War es wirklich nötig, diese genverbesserten Soldaten zu züchten?
Der Leibwächter des Botschafters – niemand anders konnte er sein – verließ mit den Bewegungen eines gefährlichen Reptils die Fähre und stellte sich lauernd neben dem Schott auf. Hinter ihm wurde die Gestalt eines zweiten Mannes sichtbar, der die dunkelblaue Uniform der Erdflotte trug. Er war groß und grauhaarig und musterte die Anwesenden wie eine Bulldogge, kurz bevor sie zubeißt.
Hagen lächelte ihn an und trat auf ihn zu. »Es ist mir eine außerordentliche Freude, Sie an Bord der Nyx begrüßen zu dürfen, Botschafter.«
Erstaunlicherweise erwiderte Duras das Lächeln. Wenn es auch auf Dee wie das Lächeln eines Haifischs wirkte.
»Die Freude ist ganz meinerseits, Mistress Hagen.«
Mit einer eleganten Bewegung drehte sich Duras um, um die wartenden Personen überblicken zu können.
»Darf ich Ihnen Captain Coulthard vorstellen?«, fragte Hagen und wies auf Coulthard, die Duras am nächsten stand.
»Botschafter.« Coulthard grüßte Duras mit einem Nicken.
Duras trat auf sie zu und deutete eine Verbeugung an. »Captain Coulthard! Ich hätte Sie sofort an Ihrer Größe erkennen müssen. Wer könnte besser zu diesem kleinen Schiff passen!«
Coulthards Miene vereiste.
Hagen lächelte verbindlich. »Ich versichere Ihnen noch einmal mein aufrichtiges Bedauern darüber, dass wir kein größeres Schiff für Ihren Transport finden konnten. Aber Sie werden sehen, dass die technischen Spezifikationen der Nyx die mangelnde Bequemlichkeit bei Weitem wettmachen.«
»Darf ich Ihnen meine Offiziere vorstellen?«, mischte sich Coulthard ein.
Duras bedachte sie mit einem Blick, als sei sie ein Insekt. »Ich hoffe doch, dass ich und mein Leibwächter adäquat untergebracht werden!«
»Aber sicher«, erwiderte Coulthard honigsüß. »Mein Erster Offizier Commander De Sutton hat sich höchstpersönlich darum gekümmert. Ich bin sicher, dass alles zu Ihrer vollsten Zufriedenheit sein wird.«
De Sutton trat einen Schritt vor und deutete eine Verbeugung an. »Selbstverständlich«, beeilte er sich, hinzuzufügen. »Wenn ich Ihnen Ihre Kabine zeigen darf?«
In diesem Augenblick verließ McAllister die Fähre und stellte sich auf die andere Seite der offenen Luke. Als sie ihn direkt neben dem Schwarzen Gardisten sah, stellte Dee überrascht fest, wie klein er war. Der Kopf des Leibwächters zuckte in McAllisters Richtung, der völlig unbeeindruckt seinen Standort beibehielt.
Dees Nackenhaare richteten sich auf. Zwei Raubtiere, die sich gegenseitig belauerten.
»Thierry!« Die Stimme des Botschafters brach die Spannung.
Mit ausdrucksloser Miene baute sich der Leibwächter neben Duras auf.
Der Botschafter verzog die Lippen zu einem abschätzigen Grinsen. »Ich hoffe doch auf etwas mehr als nur die Kabine – damit sich der Ausflug wenigstens etwas lohnt.«
Fragend sah De Sutton Coulthard an.
»Sobald wir Kurs aufgenommen haben, wird Captain Coulthard sicherlich gerne Ihrer Bitte nachkommen«, antwortete Hagen an Coulthards Stelle.
Coulthards Augen wurden schmal. »Sicher.«
Mit selbstgefälliger Miene ließ der Botschafter Coulthard stehen und schritt Richtung Hangarausgang. »Ich verlasse mich darauf«, warf er noch hinter sich, während der Leibwächter ihm wie ein gut dressierter Hund auf dem Fuß folgte.
»Was bilden Sie sich ein?«, fauchte Coulthard, kaum dass Duras, Thierry und De Sutton den Hangar verlassen hatten.
Hagen versuchte ein Lächeln. »Beruhigen Sie sich doch bitte!«
»Was soll ich?«, schnappte Coulthard.
»Captain Coulthard, ich versichere Ihnen, dass es nicht meine Absicht war, Sie zu übergehen. Ich versuche nur, den reibungslosen Ablauf dieser Mission zu gewährleisten, deren Ausgang mit unserem Fortbestand eng verkn ...«
»Sparen Sie sich Ihre Floskeln! Ich bin nicht dumm. Wie können Sie diesem ... diesem arroganten Flegel einen Rundgang durch dieses Schiff versprechen? Sind Sie sich eigentlich im Klaren darüber, wo Sie sich befinden?«
»Auf einem Prototyp.« Hagens Stimme war immer noch ausgesucht höflich. »Der genau zu diesem Zweck für diese Mission ausgesucht wurde. Oder irre ich mich da?«
»Zu welchem Zweck?«
»Um den Feind davon zu überzeugen, dass es besser ist, sich zurückzuhalten und das Waffenstillstandsangebot anzunehmen.«
»Ich sagte es bereits: Ich bin nicht dumm. Nichtsdestotrotz bedeutet dies nicht, dass ich gewillt bin, einem Feind die empfindlichen Teile dieses Schiffes zu zeigen.«
Unbehaglich verlagerte Dee ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Es war nicht richtig, dass sie diesen Streit mitbekamen.
»Sir.« Dee drehte sich um und sah McAllister zwei Schritte auf Coulthard zugehen. »Es wird sich sicherlich eine Möglichkeit finden lassen, um beiden Seiten Genüge zu tun.«
Überrascht sah Coulthard ihn an.
Hagen lächelte. »Hören Sie auf den Lieutenant, Captain.«
Coulthards Miene verfinsterte sich. »Niemand bestreitet das, McAllister. Watanabe, machen Sie mit den betroffenen Offizieren einen Plan, was wir wie und wann dem Botschafter zu zeigen gedenken. Bis dieser Plan ausgearbeitet ist, gilt für den Botschafter und seinen Leibwächter ein eingeschränkter Bewegungsspielraum.«
»Captain Coulthard, ich bitte Sie«, versuchte Hagen, sie zu unterbrechen.
Aber Coulthard fuhr mit ihrer Erklärung fort, als habe sie den Protest nicht gehört. »Riegeln Sie mit Ihren Männern alles ab. Bis auf Weiteres werden unsere Gäste nur ihr Quartier, die Messe und die sanitären Anlagen zu Gesicht bekommen.«
Watanabe nickte. »Aye, Sir.«
»Und Sie«, wandte Coulthard sich schließlich doch an Hagen. »Mischen Sie sich nie wieder in meine Angelegenheiten ein! Niemand wagt es, mich auf meinem Schiff zu übergehen. Niemand! Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?«
»Ja, Captain. Das haben Sie!« Hagens Miene blieb freundlich. »Und ich versichere Ihnen noch einmal, dass es nicht meine Absicht war, Sie zu übergehen. Aber bitte denken Sie daran, wer bei diesem Auftrag das Sagen hat, wenn Sie ihn schon durch eigenmächtige Personalentscheidungen in Gefahr bringen.«
Das zielte eindeutig in McAllisters Richtung.
»Oh nein, Mistress Hagen!«, fauchte Coulthard. »Sie irren sich. Sie haben vielleicht das Sagen bei dieser Mission, aber nicht auf diesem Schiff.«
Mit diesen Worten ließ Coulthard Hagen stehen und verließ den Hangar.
Verblüfft sah Dee ihr nach. Das versprach ein interessanter Flug zu werden.
»Sir!«
Dee sah von ihrer Kommandokonsole auf. Sie waren mitten in den Startvorbereitungen. Ein Auge nervös auf die Kontrollen gerichtet, linste Dee hinter sich.
Watanabe nahm neben Coulthards Kommandostuhl Haltung an.
Coulthard sah ihn mit gerunzelter Stirn an. »Sagen Sie mir, dass es wichtig ist«, knurrte sie.
»Der Botschafter beschwert sich.«
Ein Wunder! Hatte sie da eben Ironie aus Watanabes Stimme gehört?
Seufzend schüttelte Coulthard den Kopf. »Haben Sie auch ab und an gute Nachrichten für mich, Otho?«
»Ich bemühe mich, Sir.«
Noch zwei, die sich kannten.
»Diese Mission wird mir anscheinend noch jede Menge graue Haare bescheren. Also! Was will er denn, der Herr Botschafter?«, fragte Coulthard.
Watanabe räusperte sich. »Er beklagt sich darüber, dass das Quartier nicht seinen Anforderungen entspricht. Zumal sein Leibwächter zu seinen Füßen schlafen muss.«
»Wie bitte?«
Bei diesen Worten drehten sich auch Nayiga und McAllister zu Coulthard um.
»Der Leibwächter muss auf dem Boden schlafen?«, echote Coulthard. »Das ist nicht Ihr Ernst!«
»Doch, Sir. Lieutenant Commander De Sutton hat dem Leibwächter einen Platz in einem leer geräumten Lagerraum zugewiesen. Äh, eine Art Abstellkammer, wäre der passendere Ausdruck. Thierry hat das kategorisch abgelehnt. Er besteht darauf, in einem Raum mit Mister Duras zu schlafen, um seiner Aufgabe angemessen nachkommen zu können. Und da Ihre Kabine nur mit einem einfachen Bett ausgestattet ist, bedeutet dies, dass Thierry auf dem Boden schlafen muss.«
Wie Watanabe es schaffte, bei diesem Bericht ernst zu bleiben, war Dee ein Rätsel. Trotz des Ernstes der Lage musste sie sich auf die Lippen beißen, um ein Kichern zu unterdrücken.
Coulthard stöhnte und stützte den Kopf in die Hand. Nach einer Weile hob sie ihn wieder. »Und wie schlägt der Herr Botschafter vor, dieses Problem zu lösen?«
»Er wünscht, dass Thierry Ihre Kabine bezieht.«
»Aha!« Stille herrschte, in der Coulthard sich mit einer Hand die Schläfen massierte.
»Sir, es würde mir nichts ausmachen, mit Lieutenant Watanabe besagten Lagerraum zu beziehen«, mischte McAllister sich mit ruhiger Stimme ein.
Überrascht sah Coulthard ihn an, bis plötzlich ein schiefes Lächeln auf ihrem Gesicht erschien. »Immer noch besser als eine Zelle oder mit De Sutton das Quartier zu teilen, oder?«
McAllisters Miene wirkte mit einem Mal trotzig. »Wie Sie meinen, Sir.«
Coulthard seufzte. »Da mir im Moment nichts Besseres einfällt – machen wir es so. Otho, Lieutenant McAllister zieht zu Ihnen in den Lagerraum und ich gehe mit De Sutton in ein Quartier. Teilen Sie dem Leibwächter des Botschafters die Kabine des Zweiten Offiziers zu. War’s das?«
»Ja, Sir. Wird gemacht, Sir.« Watanabe deutete einen Gruß an.
Er wollte schon gehen, als Coulthard ihn mit einem Wink zurückhielt. »Wieso muss ich das eigentlich klären? Das war De Suttons Aufgabe.«
»Ich weiß es nicht, Sir. Commander De Sutton hat mich zu Ihnen geschickt, um eine Entscheidung zu erbitten.«
»So.« Danach machte Coulthard wieder diese Pause, in der Dee jedes Mal eine Gänsehaut bekam. »Schicken Sie De Sutton in den Besprechungsraum – nach dem Sprung. Und nachdem die Quartierfrage geklärt wurde.«
Das versprach ungemütlich für De Sutton zu werden.
»Aye, Sir.«
»Ach, und Otho ...« Coulthard zögerte.
Fragend sah Watanabe sie an. »Sir?«
»Ich bin froh, dass Sie hier sind.«
Watanabe räusperte sich. »Trotz meiner Entscheidung? Sie wissen, dass ich jederzeit wieder so handeln würde.«
»Genau deswegen, Otho.«
Eine Pause entstand.
Worüber redeten die beiden da? Es klang, als habe Watanabe einst Coulthards Entscheidungen angezweifelt. Vielleicht sollte sie etwas für ihre Allgemeinbildung tun und bei Gelegenheit die Vorkommnisse bei der Schlacht um Hekate studieren. Es versprach, eine interessante Lektüre zu sein.
»Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen. – Penelope.«
Coulthard lächelte. »Ich danke Ihnen, Otho.«
»Sir!« Ein kaum wahrnehmbares Lächeln geisterte über Watanabes Lippen, bevor er mit einem Nicken die Brücke verließ. Zischend schloss sich das Schott hinter ihm.
Coulthard seufzte. »McAllister, ich danke Ihnen für Ihre Kooperationsbereitschaft. Und jetzt heben Sie meine Laune und zeigen Sie mir, dass Sie Ihre Auszeichnungen zu Recht tragen. Ich will einen sauberen Sprung sehen mit maximaler Reichweite. Was denken Sie, können Sie schaffen? Ich will diese Reise so schnell wie möglich hinter uns bringen.«
»Zehn Stunden bis zum Wiedereintrittspunkt dürften kein Problem sein, Sir«, antwortete McAllister.
Zehn Stunden? Dee glaubte, sich verhört zu haben. Bisher hatte sie keinen Piloten kennengelernt, der mehr als acht Stunden gewagt hätte. Und danach war ihr jedes Mal kotzübel gewesen.
Coulthard pfiff leise durch die Zähne. »Sooo gut also. Nun denn, McAllister, ich nehme Sie beim Wort. Zehn Stunden. Nayiga, warnen Sie die Crew. Sprung in zwei Minuten.«
»Aye, Ma’m«, antwortete Nayiga zackig und wandte sich ihrer Konsole zu. Im nächsten Augenblick hörte Dee ihren samtigen Alt über das Schiffskomm. »Kommandozentrale an alle! Sprungbereit machen. Sprung in einhundertzwanzig Sekunden.«
Ein Schauer lief über Dees Rücken. Zwei Minuten! Sie hasste das! Sie erinnerte sich an Bilder von Mannschaften von Schiffen, deren Hypersprung missglückt war. Zerhacktes Fleisch war alles, was von ihnen übrig blieb. Davon abgesehen, dass ihr bei jedem Ein- und Austritt aus dem Hyperraum speiübel wurde.
»MacNiall, Energie frei!« Coulthards Stimme klang fast heiter.
Mit bebenden Fingern gehorchte Dee. Die Anzeige auf ihrem Monitor zeigte den steigenden Energiefluss. »Jetzt«, sagte sie endlich mit heiserer Stimme. Ihr Blick wanderte wie gebannt zu McAllister.
Dieser hatte bereits die virtuelle 3D-Matrix vor seiner Konsole aufgebaut und die Finger hineingetaucht. Einen Augenblick lang glaubte Dee, er würde sich anders besinnen. Dann griff er langsam tiefer hinein. Ganz sanft zog er eine der Spitzen heraus, zippte sie um die Finger seiner linken Hand, holte weitere hervor, bis er einen Strang aus Fäden in der Linken hielt. Entschlossen nahm er sie in die Rechte und ballte diese zur Faust, während er die Matrix mit der Handfläche der Linken vorsichtig berührte. Er schloss die Augen.
Im Hintergrund zählte Nayiga die letzten Sekunden des Countdowns in das Schiffskomm. »... Fünf ... Vier ... Drei ... Zwei ... Eins ... Sprung.«
Dee hielt den Atem an und wartete auf das Unvermeidliche. Wie gebannt hing ihr Blick an McAllister.
Als Nayiga »Sprung« sagte, glaubte sie zu sehen, wie McAllister tief und langsam Atem holte. Gleichzeitig schob er mit der Linken die Matrix behutsam von sich weg, während er die Fäden fest in der geballten Rechten hielt. Kein Zittern war zu sehen, nicht ein winziges Zeichen von Unsicherheit. Keinerlei hektische Bewegungen, wie Dee sie von anderen Piloten kannte. Er brauchte keine schnellen Finger – wie Paul. McAllister glich einem Dirigenten, nein, einem Bezwinger, der sanft, aber bestimmt das Schiff in die richtige Bahn lenkte.
Ein sanfter Ruck erfasste Dees Magen. Das Universum verschob sich um den Bruchteil einer Millisekunde. Einen Augenblick hatte Dee den Eindruck, sich auf dem Scheitelpunkt einer Achterbahnabfahrt zu befinden. Sie wartete auf das Heben ihres Magens im Augenblick des Sturzes. Doch das Gefühl blieb aus. Mit Staunen starrte sie auf den Hauptmonitor und sah, wie die Sterne verwischten und dem Grau des Hyperraums Platz machten.
Ein selbstvergessenes Lächeln umspielte McAllisters Lippen. Langsam öffnete er die Augen und nahm die Hände aus der Matrix. Sein Blick fiel auf die Konsole. »Zehn Stunden bis zum Wiedereintrittspunkt, Sir.« Das Lächeln war fort, als hätte es nie existiert. Nur seine Finger strichen fast zärtlich über die Konsole.
An seiner Stelle lächelte Coulthard. »Ich danke Ihnen, McAllister. Gute Arbeit! MacNiall, übernehmen Sie die Einteilung der Brückenwache. Nayiga, informieren Sie die Crew.«
»Aye, Ma’m!« Nayiga klang freudig.
»Aye, Ma’m«, antwortete Dee mechanisch. Zehn Stunden Zeit. Das war unglaublich. Ihr Blick wanderte wieder zu McAllister, der seine Konsole völlig unbeeindruckt in Warteposition brachte.
Sie war auf den Wiedereintritt gespannt.
Warum mussten Energieleitungen immer dann herumzicken, wenn ansonsten alles bestens lief?
Mürrisch stapfte Dee durch den Korridor, der zum Maschinenraum führte. Nicht genug, dass sie jetzt zweieinhalb Stunden Brückenwache geschoben hatte, musste Riley sie in ihrer ohnehin schon knappen Freizeit mit dieser idiotischen Fehlfunktion belästigen?
Stimmen drangen an ihre Ohren. Zwei Personen stritten sich. Sie blieb stehen, um besser lauschen zu können. Sie hörte zwei Männerstimmen, die zu weit entfernt und durch das Echo der nackten Stahlgänge so verzerrt waren, dass Dee sie nicht erkennen konnte. Während sie noch überlegte, verstummten sie und Schritte hallten durch den Korridor, die sich von ihrem Standpunkt entfernten. Dann zischte ein Schott.
Dee zuckte mit den Schultern und ging weiter. Ihr Magen knurrte und verlangte nach Zuwendung. Sie wusste, dass sich ihre Laune erst wieder heben würde, wenn sie etwas gegessen hatte. Und Rileys Meldung hielt sie davon ab.
Mürrisch schlug sie mit der Hand auf das Bedienpanel, um das Schott zum Maschinenraum zu öffnen. Sie fand Riley vor einer Wartungskonsole. Als sie hereinkam, drehte er sich auf dem Absatz um, als erwarte er einen Angriff. Bei ihrem Anblick nahm er Haltung an, um dann auf sie zuzutreten. Zu nah. Wieder einmal.
Instinktiv wich Dee zurück. Doch trotz ihrer schlechten Laune beschloss sie, Rileys Verhalten zu ignorieren. Vielleicht tat sie ihm ja tatsächlich unrecht.
»Bericht, Riley. Und machen Sie es kurz. Ich habe Hunger.«
»Sie wollen mit mir essen gehen?« Ein schelmisches Lächeln umspielte Rileys Lippen, während er sich unweigerlich wieder näherte.
Also doch! »Riley, Sie spielen gerade mit einem Verweis. Ich sagte: Bericht!«
Augenblicklich verschwand das Lächeln von Rileys Gesicht. »Verzeihung, Ma’m. Ich ... Tut mir leid.« Er räusperte sich und machte nun seinerseits einen Schritt zurück. »Nun, es geht um die Energieleitung im Hauptkorridor. Der Durchfluss ist schon wieder zu hoch. Er ist zwar nicht im kritischen Bereich. Aber um sicherzugehen, wollte ich einen Bypass legen. Besser ich mach mir ein bisschen unnötige Arbeit, als dass das Mistding irgendwann der Meinung ist, explodieren zu müssen.«
»Seit wann?«
Riley warf einen Blick auf die Konsole und drückte ein paar Knöpfe, die die Anzeige veränderten. »Seit dem Sprung. Ist ja kein Wunder. Seitdem laufen die Sprungtriebwerke auf Volllast. Meiner Meinung nach ist die Leitung schlicht zu klein dimensioniert. Man hätte gleich einen Bypass einbauen sollen. Die meisten Sprungtriebwerke laufen über zwei Energieleitungen.«
Stirnrunzelnd trat Dee neben Riley an den Monitor. Ein kurzer Blick auf die Daten zeigte ihr, dass Riley recht hatte. »Sind wir zu schnell gesprungen?«
Riley schüttelte den Kopf. »Bestimmt nicht. Das war der sanfteste Hyperraumeintritt, den ich je erlebt habe. Man kann über diesen McAllister sagen, was man will, aber fliegen kann er. Das muss ihm der Neid lassen.«
Dee räusperte sich. »Sie sprechen über einen Offizier, Riley. Vergessen Sie das nicht.«
Unbeeindruckt zuckte Riley mit den Schultern. »Ein Offizier, der des Hochverrats angeklagt wurde und nun wieder Dienst tut. Mit dem Botschafter der Erdregierung an Bord. Verzeihung, Ma’m, aber auf mich wirkt das ziemlich widersprüchlich. Wenn ich auch durchaus verstehe, dass man ihn reaktiviert hat. Piloten, die dieses Geschoss fliegen können, sind rar in der Flotte. Dass man ihn jedoch an Bord frei herumlaufen lässt, in Amt und Würden, als wäre nichts geschehen, finde ich ... Naja, sagen wir mal gewagt.«
Eigentlich sprach Riley aus, was Dee selbst durch den Kopf gegangen war, nachdem sie das Logbuch der Bellerophon gelesen hatte.
»Ich glaube nicht, dass es Ihnen zusteht, sich ein Urteil darüber zu bilden, Riley. Der Captain wird wissen, was sie tut.«
»Oh, dessen bin ich sicher, Ma’m.« Riley deutete auf die Konsole. »Und – was sagen Sie? Bypass oder nicht?«
Die Daten waren zwar nicht allzu kritisch, dennoch. Wie Riley schon sagte, sicher war sicher. Dee nickte. »Tun Sie es und geben Sie mir Bericht, sobald Sie fertig sind.« Dees Magen knurrte.
»Aye, Ma’m.« Dieses Mal war Rileys Gruß einwandfrei.
Dee erwiderte ihn. Sie war schon unterwegs Richtung Schott, als sie stehen blieb. Rileys Tonfall war merkwürdig gewesen. »Eine Frage, Riley.«
Riley hatte sich bereits wieder über den Monitor gebeugt und drehte sich halb zu ihr um. »Ja, Ma’m?«
»Wie meinten Sie das? Sie sind sicher, dass der Captain weiß, was sie tut.«
»Wissen Sie nicht, wer McAllister zum Dienst freigegeben hat, Ma’m?« Riley klang ehrlich verblüfft.
»Sagen Sie es mir!«
»Admiral Nikolajewa. Die direkte Vorgesetzte von Captain Coulthard und Captain Ian McAllister. Muss ich mehr sagen?«
Dee vergaß zu antworten. Wollte Riley damit etwa andeuten, dass Admiral Nikolajewa McAllister aus persönlichen Beweggründen auf die Nyx versetzt hatte?
»Und wie jeder weiß, hat Admiral Nikolajewa Captain Coulthards Eingreifen in der Schlacht um Hekate nachträglich gedeckt. Wenn Sie mich fragen, stinkt das Ganze verdammt nach der Schattenabteilung.«
»Es gibt keine Schattenabteilung«, antwortete Dee, ohne nachzudenken.
Und wenn doch? Die Schlacht um Hekate schien noch interessanter zu sein, als sie gedacht hatte.
»Ja, ja, natürlich. Habe mich mal wieder versprochen. Ich will ja niemanden madig machen, Ma’m, aber denken Sie an meine Worte.«
Dee straffte sich unwillkürlich. »Ich glaube, es ist besser für uns beide, insbesondere für Sie, wenn ich Ihre Worte ganz schnell wieder vergesse, Riley.«
»Aye, Ma’m. Da haben Sie wohl recht.« Riley lächelte und grüßte zackig. »Danke, Ma’m.«
Danke mir nicht zu früh, dachte Dee. Laut sagte sie jedoch: »Weitermachen!«, und ging durch das sich öffnende Schott.
Überlaut hallten ihre Schritte im Korridor wider. Nach einigen Metern blieb Dee stehen.
Riley hatte recht. Wenn das Ganze eine Aktion der Schattenabteilung war, ergab es endlich Sinn. Das würde erklären, wie Coulthard es geschafft hatte, McAllister für diese Mission anzufordern. Bliebe die Frage zu klären wieso. Und eher glaubte sie Pauls Liebesschwüre, als dass McAllisters Flugkünste der einzige Grund dafür waren.
6. Kapitel
Leicht angewidert starrte Dee auf ihren Teller. Sie hatte wirklich nicht erwartet, dass die Flotte so gut war. Da gab’s doch den alten Witz: Je schlechter das Essen, desto besser die Truppe. Was war das eigentlich? Warm gemachtes Katzenfutter? Dee las »Eintopf mit Fleisch« auf der Tafel der Essensausgabe. Von welchem Tier das Fleisch stammte, verschwieg die Tafel. Ursache war sehr wahrscheinlich, dass es aus den Fleischkulturen der Retortenfabriken stammte – wie neunzig Prozent der kolonialen Fleischproduktion.
Dees Magen knurrte erneut. Sie klaubte sich ein Brötchen aus der Selbstbedienungstheke. Wenigstens etwas, das nicht eklig aussah. Wenn es auch nicht wirklich knusprig war und seine Herkunftsstoffe mindestens ebenso künstlich waren wie die des Eintopfs.
In der Offiziersmesse, die nur durch eine verspiegelte Glasscheibe von der Mannschaftsmesse getrennt war, saß Nayiga. Ihr Teller war nur zur Hälfte geleert und stand mit dem Löffel darin neben Nayigas linkem Ellbogen. Sie war gerade damit beschäftigt, ein Brötchen zu buttern. »Setzen Sie sich doch!« Nayiga lächelte freundlich und wies auf den Platz ihr gegenüber.
Da Dee nicht wusste, wie sie die Einladung ablehnen sollte, ohne unhöflich zu wirken, kam sie ihr wohl oder übel nach. Unwillkürlich seufzte sie.
Nayiga lachte leise. »Kann ich verstehen. Ich fand es auch widerlich.« Sie deutete auf ihren verschmähten Teller. »Aber die Butter und die Marmelade sind genießbar. Und der Kaffee auch.«
»Besser als nichts.« Dee schielte in Richtung Kaffeetasse und schnupperte. Der Duft wirkte authentisch und war so verführerisch, dass er sofort alle Geschmacksrezeptoren in Dee rebellisch machte. Was ihren Magen dazu veranlasste, laut und vernehmlich zu knurren.
»Tut mir leid«, sagte Dee, »aber ich habe kaum etwas gefrühstückt. Meistens muss ich mich nach dem Hypereintritt übergeben und deswegen verkneife ich mir das Essen direkt davor.«
»Wenn Lieutenant McAllister fliegt, brauchen Sie sich da keine Sorgen zu machen. Meistens spürt man den Übergang kaum. Und warten Sie erst einmal den Wiedereintritt ab! Wahnsinn!« Nayigas Augen glänzten vor Freude. »Ich kann es kaum erwarten.«
Wider besseres Wissen probierte Dee einen Löffel des Eintopfs. Zu salzig, war ihr erster Eindruck. Dann nahm sie den typischen Nachgeschmack des Synthofleischs wahr und schüttelte widerwillig den Kopf. »Schade, dass es mir nichts nützt. Das Essen wird dadurch nicht besser.«
»Das hier ist zwar wahrscheinlich genauso künstlich ...« Nayiga deutete auf ihr Brötchen mit Butter und Marmelade. »... aber dafür ist es wenigstens genießbar.«
»Wahrscheinlich haben Sie recht.« Trotzdem löffelte Dee den Eintopf in sich hinein. Wenigstens musste man ihn nicht kauen, dadurch blieb der Geschmack des Synthofleischs nicht lange haften. »Bin ich eigentlich die Einzige an Bord, die erst nachsehen musste, um zu wissen, dass unser neuer Pilot inhaftiert war?«
»Sie meinen ... Er kam aus dem Gefängnis auf die Nyx?«
Mist, sie hatte sich verplappert! »Nun, da er des Hochverrats angeklagt wurde, wird er wohl im Gefängnis gesessen haben«, verbesserte Dee sich schnell. »Nehme ich an.«
»Natürlich.« Nayiga lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Ich wundere mich nur, dass Sie sich nicht an die Verhandlung erinnern. Obwohl sie nicht öffentlich war, ging der Fall damals durch alle Medien. Immerhin habe ich neben seinem Vater auch diverse Admiräle im Verhandlungssaal gesehen.«
»Tatsächlich?« Richtig, Nayiga musste als Zeugin geladen gewesen sein.
»Admiral Nikolajewa war fast die ganze Zeit anwesend. Hat neben Captain McAllister gesessen. Aber letztendlich konnte sie auch nichts tun.« Nayiga zuckte mit den Schultern.
»Moment!« Dee schob den Teller von sich. Sie wollte ohnehin nichts mehr essen. »Er wurde verurteilt? Wieso lebt er dann noch? Ich habe bisher noch nie gehört, dass ein des Hochverrats schuldig Gesprochener in Kriegszeiten nicht zum Tode verurteilt wurde.«
»Nein, die Verhandlung wurde nach ein paar Wochen auf unbestimmte Zeit unterbrochen. Seitdem liegt sie wohl auf Eis. Soweit ich das beurteilen kann. Jedenfalls erhielt ich kurz darauf die Freigabe, um meinen Dienst wieder antreten zu dürfen. Während der Dauer der Verhandlungen war ich gesperrt – Zeugenaussagen. Sie wissen schon!« Nayiga seufzte.
Während Dee zuhörte, griff sie nach ihrem Brötchen und schnitt es auf. Als sie sich suchend nach der Butter umsah, schob Nayiga ihr ihre Reste zu.
»Hier! Bedienen Sie sich.«
»Danke!« Mit einem Lächeln Richtung Nayiga und mit Genuss biss sie in eine der Brötchenhälften. Süß. Künstlich, aber süß! Das war die Hauptsache.
Das wurde ja immer besser! Dann hatte McAllister also fast ein Jahr in Haft gesessen, für etwas, das man ihm in der Verhandlung nicht beweisen konnte. Hätte man es gekonnt, läge er jetzt unter der Erde. Und nun holte ihn die Schattenabteilung an Bord der Nyx.
Mit gesenktem Blick spielte Nayiga mit ihrer Kaffeetasse. »Ich bin froh, dass die Verhandlung eingestellt wurde.«
Dee blinzelte und schluckte den letzten Rest der einen Brötchenhälfte hinunter. Nayiga liebte ihn. »Es muss schwer sein, zu erfahren, dass ein Crewmitglied Verrat begangen haben soll.«
Nayiga sah auf. »Er ist nicht schuldig.«
Im nächsten Augenblick wurden ihre Augen weit. Dee drehte sich um, um zu sehen, wem Nayigas Blick galt.
McAllister stand im Eingang der Offiziersmesse. Als sich ihre Blicke trafen, wandte er ihr demonstrativ den Rücken zu und strebte einen leeren Tisch an. Mit einem Knall landete sein Tablett auf dem Tisch.
Dee kam sich ertappt vor. Fast schuldbewusst wandte sie sich wieder ihrem Brötchen zu. Hinter ihr hörte sie das Klackern, mit dem McAllisters Löffel den Teller traf. Nayiga starrte regungslos an Dee vorbei in seine Richtung.
Sanft legte Dee die Hand auf Nayigas Rechte. »Sie können sich gerne zu ihm setzen«, wisperte sie.
Nayiga schüttelte den Kopf. Dee glaubte, Röte in ihrem dunklen Gesicht zu erkennen. »Wieso haben Sie eigentlich nichts von dem Trubel mitbekommen vor einem Jahr?«, fragte sie.
Touché! Unwillkürlich senkte Dee ihre Stimme. »Beziehungsprobleme. Ich war ... ziemlich beschäftigt.«
»Das tut mir leid.« Nayigas geflüsterte Worte klangen ehrlich. »Und? Hat es sich wieder eingerenkt?«
»In gewisser Weise. Wir haben uns scheiden lassen.« Dee starrte auf die restliche Brötchenhälfte.
Hinter ihnen fiel ein Stuhl um. Nahezu zeitgleich klirrte ein Löffel gegen die verspiegelte Glasscheibe. Ohne nachzudenken, drehte Dee sich um.
McAllister stand ihr mit leicht gebeugtem Nacken und angewinkelten Beinen gegenüber. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, als warte er nur darauf, den ersten Schlag landen zu können.
»Wenn Sie schon hinter meinem Rücken über mich reden, dann seien Sie wenigstens so höflich, es nicht in meinem Beisein zu tun. – Sir.«
Mit einem Ruck kehrte er ihnen den Rücken zu und schritt Richtung Ausgang.
Viel zu verblüfft für eine Antwort ließ Dee ihn gehen. Erst als er die Messe verlassen hatte, erwachte sie aus ihrer Starre.
»Lieutenant McAllister! Zurück! Sofort!«
Nichts geschah.
»Ma’m!« Nayiga berührte Dees Schulter. Ihre Stimme klang flehentlich. »Ich bitte Sie ...«
»Was?«, schnappte Dee.
Nayiga schluckte. »Kein Eintrag. Bitte! Er hat es nicht so gemeint.«
»Sagen Sie ihm, dass er sich bei mir melden soll«, erwiderte Dee.
»Ma’m! Ich bitte Sie! Denken Sie noch einmal darüber nach.«
»Das gedenke ich zu tun«, sagte Dee steif. »Wenn er dazu bereit ist, meiner Aufforderung nachzukommen.«
»Sir!« Der raue Bariton klang vertraut. Überrascht nahm Dee die Hand vom Bedienpanel für das Schott zum Trainingsraum und drehte sich um.
McAllister stand hinter ihr. Dass er sie hier finden würde, konnte ihm nur Nayiga verraten haben. Wie immer, wenn er mit einem höheren Offizier sprach, hatte er die Hände auf dem Rücken. Sein Blick war auf die Wand hinter Dee gerichtet, als sei sie sein Ansprechpartner und nicht Dee. »Ich sollte mich bei Ihnen melden.«
Da er Dee nun direkt gegenüberstand, erkannte sie, dass er kaum größer war als sie. Im Gegenteil, vermutlich war er sogar ein oder zwei Fingerbreit kleiner.
»Was haben Sie sich dabei gedacht, Lieutenant?« Dee bemühte sich, ihre Stimme so kühl und beherrscht wie Coulthard klingen zu lassen.
McAllister schwieg.
Dee straffte sich. »Ich erwarte eine Antwort.«
»Ich war wütend.« Keine Regung. Nur seine Stimme war unerwartet rau.
Verblüfft musterte Dee ihn. Das plötzliche Aufblitzen von Verletzlichkeit irritierte sie. Spielte er ihr das nur vor oder war das echt?
»Ich verstehe Ihre Reaktion. Aber es muss Ihnen klar sein, dass Nayiga und ich nicht die Einzigen sind, die sich über Ihre Person unterhalten. Es ist nur natürlich – in Anbetracht der Umstände.«
McAllisters Kiefermuskeln traten hervor. »Das Verfahren gegen mich wurde eingestellt.«
Eingestellt? Das war neu! Bisher hieß es ›auf ungewisse Dauer vertagt‹. »Glauben Sie nicht, dass dieser Umstand erst recht zu Spekulationen führt?«
McAllister schob das Kinn vor und sah sie zum ersten Mal direkt an. »Ich habe keine Daten gestohlen.«
»Sie müssen mich nicht von Ihrer Unschuld überzeugen. Es ist völlig unerheblich, was ich glaube. Sie wurden des Hochverrats angeklagt und Sie wurden nicht freigesprochen. Trotzdem befinden Sie sich mit dem Botschafter der Erdregierung auf diesem Schiff. Was würden Sie anstelle der unwissenden Crewmitglieder an Bord denken? Nun? Sagen Sie es mir!«
Dees Antwort war schärfer ausgefallen, als sie beabsichtigt hatte. Sie bereute ihre Worte augenblicklich, als McAllister wieder an ihr vorbei die Wand anstierte.
Er war Pilot, blond, hübsch – verdammt hübsch. Trotzdem empfand sie kein Unbehagen in seiner Anwesenheit. War es seine Größe? Oder war sie schlicht zu wütend?
Er schwieg. Seine Miene war wie versteinert.
»Ich erwarte eine Antwort, Lieutenant!«
Sein Blick verlor sich. Das Schweigen zog sich in die Länge.
»Was erwarten Sie?«, platzte es plötzlich aus ihm heraus. »Dass ich Ihnen sage, dass mein Vater Admiral Nikolajewa bestochen hat? Oder dass Captain Coulthard mich angefordert hat, weil sie eine Freundin meiner Mutter war?«
»Ich erwarte, dass Sie sich wie ein Offizier verhalten«, antwortete Dee scharf.
In McAllisters dunkelgrauen Augen glitzerte es. Dee konnte förmlich sehen, wie er daran arbeitete, seine Gefühle hinunterzuschlucken.
»Ich bemühe mich«, würgte er schließlich hervor. Seine Lippen waren nur noch ein schmaler Strich.
»Das wird nicht genügen.« Nein, das war kein Zorn, den er unterdrückte. Es war Ohnmacht, Verzweiflung und Bitterkeit. Hatte sie etwa Mitleid mit ihm?
»Es wird keinen Anlass zur Klage mehr geben. Sie haben mein Wort.«
»Das haben Sie bereits Captain Coulthard versprochen. Überzeugen Sie mich, dass Sie es ernst meinen.«
Was war nur in sie gefahren? Das war gemein. Was erwartete sie noch von ihm? Wollte sie ihn etwa testen?
Das Schweigen zog sich in die Länge. Dee wusste nicht, wie sie es brechen konnte.
»Es tut mir leid, Sir«, sagte McAllister endlich heiser.
Dee musterte ihn verwundert, aber sein Blick fixierte starr und unbeweglich die Wand hinter ihr.
»Sie können gehen«, sagte sie leise.
»Sir. Danke, Sir.« Er schenkte ihr einen formvollendeten militärischen Gruß, bevor er sich auf dem Absatz umdrehte und davonging.
Dee fühlte sich so mies wie an jenem Abend, als sie Paul mit dieser Frau in eindeutiger Pose in ihrem Ehebett erwischte. Genau wie damals konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie weinen oder sich übergeben wollte.
Aber wieso? Sie hatte sich wie der leitende Offizier verhalten, der sie war. Im Gegenteil – eigentlich war sie viel zu nett zu ihm gewesen.
Seltsam. Weder hatte er Anstalten gemacht, mit ihr zu flirten, noch ihr zu nahe zu treten oder sie zu bedrohen – das, wovor sie sich am meisten geängstigt hatte. Fast schien es ihr, als habe er befürchtet, sie könne ihm zu nahe treten. Dabei verhielten sich alle Männer, die so gut aussehend waren wie er, als wären Frauen Freiwild.
McAllisters ganzes Auftreten, dieses Rühr-mich-nicht-an, genauso hatte sie sich verhalten. Damals, als Paul sie verletzt hatte. Hatte ihn jemand verletzt?
Der Gedanke war irritierend und gleichermaßen einleuchtend. Es würde vieles erklären. Nur nicht, weshalb sie das Bedürfnis verspürt hatte, ihm den Arm um die Schulter legen zu müssen.
»Ma’m, darf ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?« De Sutton hob ruckartig den Kopf, während er neben Coulthards Kommandostuhl auf der Brücke nach Atem rang.
In Coulthards Blick glitzerte Ärger. »Falls es Ihnen entgangen ist, Commander De Sutton, in fünf Minuten findet der Wiedereintritt in den Normalraum statt. Sie werden warten müssen, bis wir das Eintauchprozedere hinter uns gebracht haben.«
Бесплатный фрагмент закончился.
