Читать книгу: «Dieses viel zu laute Schweigen»

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eISBN 978-3-8271-8406-1

Petra Bunte

Dieses

viel zu laute

Schweigen


Die Geschehnisse, sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden. Einige Fälle, die innerhalb der Geschichte erwähnt werden, basieren jedoch auf wahren Medienberichten, wie z. B. der Fall Kitty Genovese, Dominik Brunner, Tuğçe Albayrak und weitere Beispiele, die Felix entdeckt bzw. zugespielt bekommt.

Die Texte zu den Regeln der Zivilcourage stammen mit freundlicher Genehmigung zur Verwendung von den folgenden Internetseiten:

Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes

www.aktion-tu-was.de

Agentur MediaMix Bremen

www.zeig-courage.de

Außerdem wurde ich bei der Recherche unterstützt vom Bundesnetzwerk Zivilcourage, einem Zusammenschluss von o. g. und diversen anderen Vereinen und Organisationen, die sich sehr für das Thema engagieren. Weitere Infos unter: www.bundesnetzwerk-zivilcourage.de

„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“

(Molière)

Anna

„Hey! Bist du schon zu Hause?“, klang mir die Stimme meiner besten Freundin gut gelaunt aus dem Handy entgegen.

In einem waghalsigen Manöver versuchte ich, gleichzeitig den Anruf anzunehmen, die Tür hinter mir zu schließen und die Tasche mit den Einkäufen dabei nicht fallen zu lassen. Es war, als hätte Nele bloß darauf gewartet, dass ich in meiner Wohnung angekommen war. Wie auch immer sie das machte, denn wegen einer Baustelle fuhr die S-Bahn zurzeit so unregelmäßig, dass ich selbst kaum wusste, wann das war.

„Schon ist gut“, grummelte ich und kickte mir die Schuhe von den Füßen. „Ich bin echt froh, dass ich endlich Feierabend habe. Dieses neue Buchungsportal macht mich wahnsinnig.“

„Ach, du Arme“, sagte meine Freundin mitfühlend. „Immer noch nicht besser?“ Sie hatte sich bereits die ganze Woche geduldig mein Gemecker über die Softwareumstellung im Reisebüro angehört. Heute war es mit der Anteilnahme allerdings schnell wieder vorbei, und ohne eine Antwort abzuwarten, fügte sie unerträglich munter hinzu: „Ich wüsste da etwas, was dich sicher aufmuntern wird.“ Dabei klang sie so furchtbar energiegeladen, wie es nur Menschen sein können, die samstags nicht arbeiten müssen.

„Oh nein, lieber nicht“, erklärte ich lachend, weil ich ahnte, dass Nele damit alles andere als einen gemütlichen Abend zu Hause meinte.

Und prompt konterte sie: „Oh doch! Ich weiß, dir ist jetzt wahrscheinlich eher nach Sofa zumute, aber da kannst du hin, wenn du alt und langweilig bist. Also …“ Sie hielt kurz inne und säuselte dann mit ihrer schönsten Bettelstimme: „Allerliebste Anna-Maus, es ist mir wirklich total wichtig. Würdest du bitte heute Abend mit mir ins Old Chap gehen? Du weißt schon, das ist diese urige Kneipe in der Nähe vom Bahnhof. Ich habe einen Hinweis bekommen, dass sich der Postmann da rumtreiben soll.“

Ich stöhnte auf und war nicht sicher, ob ich lachen oder weinen sollte. So viel zum Thema gemütlicher Sofa­abend.

Meine liebe Freundin hatte es so richtig erwischt, nachdem sie neulich ein Paket bei diesem „superheißen Typen vom Postschalter“ abgeholt hatte. Seitdem bekam sie auf wundersame Weise ständig Lieferungen diverser Onlineshops, und da sie bedauerlicherweise nie zu Hause war, wenn der Paketbote kam, musste sie wohl oder übel immer wieder mit ihrem Benachrichtigungsschein an den Schalter. Doch jetzt hatte sich scheinbar eine Möglichkeit aufgetan, ihren Traumprinzen außerhalb der Post aufzuspüren. Und wenn Nele mit „allerliebste Anna-Maus“ anfing, würde es schwer für mich werden, aus der Nummer rauszukommen.

Ich fuhr mir mit der freien Hand müde durch die Haare und sagte: „Ach, Nelli. Wie zuverlässig ist deine Quelle denn? Und muss das heute sein? Ich hab wirklich keine Lust mehr auszugehen.“

„Bitte, bitte, bitte!“, bettelte sie. „Die Quelle ist absolut wasserdicht. Er hat mich nämlich selbst drauf gebracht. Aber alleine hingehen ist blöd.“

Hmmm. Das klang vielversprechend. Gleichzeitig amüsierte ich mich darüber, dass meine Freundin quengelte wie eine verknallte Sechzehnjährige, dabei hatten wir diese Zeiten seit über zehn Jahren hinter uns.

Sehnsüchtig betrachtete ich meinen E-Book-Reader auf dem Wohnzimmertisch und verfluchte die Tatsache, dass ich Nele so gut wie nie etwas abschlagen konnte. Und dass sie das genau wusste.

Ich seufzte ergeben und fragte: „Holst du mich wenigstens ab? Die S-Bahn ist im Moment eine einzige Katastrophe.“

„War das ein Ja?!“, quiekte sie begeistert. „Du bist die Beste! Aber abholen geht leider nicht, sorry. Mein Bruder hat mir grad so ein teuflisches Zeug zum Probieren gegeben, da bist du schon betrunken, wenn du nur dran riechst.“

„Und so willst du deinem Postmann begegnen?“, bemerkte ich skeptisch.

Nele lachte. „Ein bisschen Mut antrinken kann ja nicht schaden.“

Ich schüttelte belustigt den Kopf, bis mir etwas einfiel. „Und du bist wirklich sicher, dass er ausgerechnet heute da sein wird?“, vergewisserte ich mich. „Die deutsche Mannschaft spielt nachher bei der EM um den Einzug ins Achtelfinale. Da wird er doch sicherlich Fußball gucken, oder?“

„Man merkt, dass du noch ein bisschen Jan-geschädigt bist“, kicherte Nele. „Aber es kann ja nicht jeder so fußballverrückt sein wie dein Ex. Hoffe ich jedenfalls. Erinnere mich daran, dass ich ihn nachher gleich danach frage. Das gibt sonst definitiv Abzüge in der B-Note.“

„Ich fürchte, mit der Einstellung wirst du als einsame, alte Jungfer sterben“, bemerkte ich grinsend.

Meine Freundin seufzte schwermütig. „Ich weiß. Wobei … Mir fällt da grad tatsächlich jemand ein, dem dieses Gekicke völlig egal zu sein scheint. Und er sieht verdammt gut aus und ist unglaublich charmant“, schwärmte sie.

„Na, jetzt machst du mich aber neugierig. Raus damit! Wer ist es? Den muss ich mir unbedingt mal angucken.“

Nele stieß ein prustendes Lachen aus. „Erde an Anna! Du bist mir ein Herzchen. Mach mal die Augen auf! Dieses Prachtexemplar läuft doch ständig vor deiner Nase rum. Ich meine nämlich deinen süßen Nachbarn.“

„Was? Lukas?“, hakte ich überrascht nach. „Woher willst du denn wissen, dass der sich nicht für Fußball interessiert?“

„Hallo?! Er kam neulich vom Einkaufen nach Hause, während das erste Deutschlandspiel lief. Das tut kein normaler Mann, wenn es nicht um Leben und Tod geht“, erklärte sie mit ihrer eigenen unschlagbaren Logik.

„Du hast echt ’ne Macke, Nelli.“

„Was denn?“, protestierte sie empört. „Der Typ ist echt heiß, und damit erzähle ich dir ja wohl nichts Neues. Apropos …“ Sie machte eine kunstvolle Pause. „Frag doch ihn, ob er dich fährt. Und wenn er schon mal da ist, kann er auch gleich mitkommen ins Old Chap.“

„Na klar“, konterte ich und verdrehte amüsiert die Augen.

Diese alte Kupplerin! Hätte ich ihr bloß nie von Lukas erzählt. Aber seit er vor ein paar Wochen in der Wohnung nebenan eingezogen war, geisterte er mir ständig durch den Kopf. Und da ich meiner Freundin grundsätzlich nichts vormachen konnte, hatte sie natürlich sofort durchschaut, was da im Busch war. Erst recht, seit wir ihm einmal zusammen im Treppenhaus begegnet waren und sie sich selbst von seinem umwerfenden Lächeln überzeugen konnte.

Lukas war so ein Mensch, der einen Raum bloß durch seine Anwesenheit zum Strahlen brachte, selbst wenn man ihn gar nicht kannte. Groß, blond, leuchtend blaue Augen und immer ein Lächeln und einen netten Spruch auf den Lippen – wie sollte man da nicht ins Schwärmen geraten? Eine Zeit lang hatte ich sogar gedacht, dass er richtig mit mir flirtete. Aber da war wohl der Wunsch Vater der Single-Gedanken gewesen, denn nachdem ich Lukas letztes Wochenende dabei erwischt hatte, dass er mit der achtzigjährigen Frau Schulze aus dem Erdgeschoss genauso schäkerte, waren mir Zweifel gekommen. Anscheinend war das seine Art, und ich Dummerchen hatte mir eingebildet, dass sein Augenzwinkern nur mir galt. In Wirklichkeit lagen ihm die Frauen wahrscheinlich reihenweise zu Füßen, und er konnte jede haben, die er wollte. Da hatte ich, die Durchschnittsfrau von nebenan, sowieso keine Chance.

„Papperlapapp“, hatte Nele widersprochen, als ich ihr davon erzählte. „Jetzt stell dein Lichtlein mal nicht unter den Scheffel. Du siehst gut aus, bist ein intelligentes Mädchen und hast eindeutig den Heimvorteil. Also ran an den Mann!“

Bei meiner Freundin klang das immer alles so leicht. Sie hätte sicher längst bei ihm geklingelt, ihn auf eine gute Nachbarschaft zum Essen eingeladen und dabei von vorne bis hinten über sein Leben ausgefragt. Aber so selbstbewusst war ich leider nicht.

Heute Abend ging es allerdings nicht um mich, sondern um sie. Deshalb sagte ich entschieden: „Vergiss es! Ich nehme die Bahn. Nicht, dass Lukas unterwegs plötzlich doch Gefühle für mich entwickelt und wir es gar nicht erst zu dir schaffen. Dann guckst du nämlich in die Röhre mit deinem Postmann.“

Außerdem hatte Lukas gar kein Auto, aber das würde ich meiner Freundin jetzt nicht auf die Nase binden.

„Haha, sehr witzig“, murrte sie. „Statt dumme Sprüche zu machen, sieh lieber zu, dass du herkommst! Und für euch beide überlege ich mir etwas anderes.“

„Aye, aye, Ma’am. Und du lass in der Zwischenzeit die Finger von dem Teufelszeug!“, ermahnte ich sie grinsend.

„Ja, Mama!“, stöhnte sie. „Bis gleich.“

„Bis gleich.“

Kichernd legte ich das Handy zur Seite, brachte meine Einkäufe in die Küche und ging dann ins Bad. Der anstrengende Tag im Reisebüro hatte seine Spuren hinterlassen, die dringend kaschiert werden mussten. Man konnte schließlich nie wissen, wer einem unterwegs begegnete. Also sprang ich unter die Dusche, föhnte meine dunkelblonden Naturlocken halbwegs in Form und legte ein leichtes Make-up auf. Anschließend zog ich mich an und warf einen Blick auf die Uhr. Gleich halb acht. Die nächste Bahn fuhr um zehn vor … wenn sie denn kam.

Auf dem Weg vom Schlafzimmer in die Küche hörte ich draußen im Hausflur etwas klappern, das verdächtig nach Lukas klang, und Schritte, die im Treppenhaus immer leiser wurden.

Schade, dachte ich seufzend. Knapp verpasst. Hätte er nicht einen Moment später losgehen können? Aber bis ich meine Schuhe angezogen und die Tasche aus der Küche geholt hatte, war er sicher längst über alle Berge.

Für einen kurzen Augenblick war ich in Versuchung, aus dem Fenster zu schauen, um wenigstens einen Blick auf ihn zu erhaschen, doch dann schüttelte ich über mich selbst den Kopf. Anna, du bist echt bescheuert!

Es war nicht nur Nele, die sich wie ein verliebter Teenager aufführte. Aber allein der Gedanke an Lukas hatte mich schon in gute Laune versetzt.

Lächelnd dachte ich an eine Nacht vor etwa zwei Wochen zurück, in der wir in den frühen Morgenstunden unsanft von einem Feueralarm aus dem Haus getrieben worden waren. Zum Glück hatte es sich dabei um einen Fehlalarm gehandelt, und nachdem die Feuerwehr keinen Brand festgestellt hatte, durften wir relativ schnell zurück in unsere Wohnungen. Aber dieser Morgen würde mir für immer in Erinnerung bleiben.

Bloß mit einem T-Shirt, Jogginghose und Schlappen an den Füßen bekleidet, hatte ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestanden und ängstlich am Haus hochgeschaut, als Lukas dazugekommen war. In seiner gewohnt lockeren Art bemerkte er: „So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt, als ich diese Wohnung ausgesucht habe. Ein bisschen Action ist ja ganz schön, aber nicht um diese Zeit. Ich hoffe, das geht hier nicht öfter so rund.“

Ich brachte vor Anspannung keinen Ton raus und schüttelte nur den Kopf.

Lukas stupste mich am Arm an und sagte: „Gib’s zu, du hast heimlich im Bett geraucht und damit den Brandmelder ausgelöst.“

Seine Gelassenheit stand in so krassem Gegensatz zu meiner eigenen Angst, dass ich lachen musste, und ein selten schlagfertiger Teil von mir konterte: „Nein, bestimmt nicht. Wenn, dann muss es wohl eher der Neue gewesen sein, der die Hausregeln noch nicht kennt.“

„Würdest du mich verraten, wenn es so wäre?“, gab er mit funkelnden Augen zurück.

Ich war überzeugt davon, dass er es nicht getan hatte. Doch bei seinem neckischen Blick brachte ich ohnehin nichts anderes als ein Kopfschütteln zustande. Wahrscheinlich hätte ich in diesem Moment nicht einmal mitbekommen, wenn das Haus neben mir abgebrannt wäre.

„Hey, frierst du so?“, hörte ich Lukas plötzlich wie aus weiter Ferne sagen. Er deutete auf die Gänsehaut auf meinen Armen, die ich selbst bisher gar nicht wahrgenommen hatte. Kurzerhand zog er seinen Sweater aus, unter dem er noch ein T-Shirt trug, und sagte: „Nimm das. Mir ist warm genug.“

Auffordernd streckte er mir den Pullover entgegen und lächelte mich an.

„Danke“, murmelte ich verlegen und zog ihn mir über den Kopf. Das Sweatshirt war mir natürlich zu groß, aber seine Körperwärme steckte darin und war so angenehm, dass mir ein wohliger Schauer über den Rücken rieselte. Außerdem wurde ich in eine Wolke Lukas-Duft eingehüllt, der mich ganz schwach werden ließ.

„Besser?“, wollte er wissen.

„Ja, danke“, antwortete ich mit einem zaghaften Lächeln.

Etwa eine halbe Stunde später gaben die Feuerwehrleute Entwarnung, und wir durften zurück in unsere Wohnungen.

„Gott sei Dank“, stieß ich erleichtert hervor und merkte erst jetzt, wie angespannt ich die ganze Zeit gewesen war.

Lukas musterte mich prüfend und fragte: „Alles okay? Geht es dir gut?“

Ich nickte zaghaft. „Ja. Aber so was muss ich echt nicht öfter haben. Und mit Schlafen war es das, glaub ich, auch für heute Nacht.“

Er lächelte mitfühlend, warf einen nachdenklichen Blick über meine Schulter hinweg die Straße entlang und meinte: „Die Bäckerei da vorne macht gerade auf. Was hältst du davon, wenn wir uns was Richtiges anziehen und dann auf den Schreck zusammen frühstücken gehen?“

Ich sah ihn überrascht an, während die Schmetterlinge in meinem Bauch ein Freudentänzchen aufführten. Frühstück mit Lukas? Da sagte man doch nicht Nein! Bis ich zur Arbeit musste, war noch Zeit, und diese zwei Stunden waren jeden beängstigenden Feueralarm wert. Wir redeten, lachten, neckten uns, flirteten sogar miteinander und lernten uns um einiges besser kennen, als es bisher zwischen Tür und Angel im Treppenhaus möglich gewesen war. Die Zeit verging viel zu schnell, und ich hasste es, unser unverhofftes Date – wenn man es denn überhaupt so nennen konnte – beenden zu müssen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen.

Vor meiner Wohnungstür angekommen, brachte Lukas die Welt jedoch schlagartig wieder in Ordnung, indem er lächelnd erklärte: „Das sollten wir mal wiederholen.“

„Unbedingt“, erwiderte ich mit einem glücklichen Grinsen. „Aber bitte nicht wieder heimlich vorher rauchen, okay?“

Er lachte leise. „Na gut. Weil du es bist.“

Dann hob er plötzlich die Hand und strich mir sanft eine Locke aus dem Gesicht. Ich wagte es kaum zu atmen, während mein Herz ein paar Purzelbäume schlug. Mein ganzer Körper kribbelte in erwartungsvoller Vorfreude, dass er mich küsste. Doch Lukas lächelte nur, wünschte mir einen schönen Tag und ging.

Oh Mann! Wie sehr hatte ich in diesem Moment darauf gehofft, dass seine Blicke und dieses Necken und Flirten etwas zu bedeuten hatten und mehr daraus werden könnte. Aber seitdem hatte ich ihn kaum gesehen und wenn, dann nach wie vor nur im Vorbeigehen. Vielleicht sollte ich doch endlich meinen Mut zusammennehmen und unter irgendeinem Vorwand bei ihm klingeln. Oder ihm alternativ im Wäschekeller auflauern.

Seufzend schlüpfte ich in Schuhe und Jacke, schnappte mir meine Tasche und den Schlüssel und verließ die Wohnung.

Nachdem ich die Tür hinter mir zugezogen hatte, hörte ich von unten Schritte, die die Treppe raufkamen, und vermutete, dass es einer der Studenten aus dem Dachgeschoss war. Doch als ich um die Ecke bog, kam mir Lukas entgegen.

„Hey“, sagte ich überrascht. „Bist du nicht eben erst runtergegangen?“

Er sah mich an und lächelte auf diese hinreißende Lukas-Art, bei der ich sofort weiche Knie bekam. „Was man nicht im Kopf hat, holen die Beine nach. Aber gut aufgepasst, Frau Nachbarin“, neckte er mich augenzwinkernd. „Kann es sein, dass du mich stalkst?“

Ich schüttelte lachend den Kopf. „Oh nein. Ich kenne nur niemanden sonst, der er schafft, mit seinem Schlüsselbund so einen Krach zu machen.“

Lukas grinste ohne das geringste Anzeichen von Schuldbewusstsein. Das Thema war mittlerweile ein Running Gag zwischen uns, seit ich ihn einmal darauf angesprochen hatte, dass es ständig polterte, wenn er seine Wohnungstür aufschloss. Lukas hatte mir daraufhin einen geschnitzten Holzanhänger in Form eines Hais gezeigt, von dem er sich angeblich unmöglich trennen konnte. Mit einem zerknirschten Lächeln hatte er mir versprochen, dass er demnächst besser aufpassen würde, ihn nicht mehr an die Tür zu hauen, doch bisher hatte das nicht funktioniert.

„Ich glaube, ich schenke dir mal einen Schaumstoffanzug für deinen Hai“, sagte ich jetzt schmunzelnd.

„Selbst genäht?“, konterte er mit funkelnden Augen.

„Maßgeschneidert“, erwiderte ich mit Schmetterlingen im Bauch.

Lukas lachte und meinte: „Vorsicht! Ich könnte dich beim Wort nehmen. Wobei das seinem Image ganz schön schaden könnte. Einen Hai im rosa Flauschanzug nimmt doch keiner ernst.“

„Hab ich was von rosa gesagt?“

Wir grinsten uns vergnügt an, und wie so oft wünschte ich mir, der Moment würde nie vorbeigehen. Doch dummerweise warf Lukas einen Blick auf seine Armbanduhr und sagte: „Sorry, aber ich muss dann mal. Ich hab gleich ein Date mit ein paar Kollegen beim Public Viewing. Anscheinend hab ich die Probezeit im Team bestanden und darf jetzt auch privat mitspielen.“

Er zwinkerte mir verschwörerisch zu, und es war unschwer zu erkennen, wie er sich darüber freute, in seiner neuen Firma angekommen zu sein. Aber wer wollte einen so sympathischen Menschen wie ihn auch nicht in seiner Truppe haben?

„Herzlichen Glückwunsch“, gab ich lächelnd zurück. „Dann wünsche ich dir viel Spaß. Auch wenn du ja eigentlich gar nicht so auf Fußball stehst.“

Der letzte Satz war mir wie von selbst herausgerutscht, nachdem ich vorhin erst mit Nele darüber gesprochen hatte. Und ich hätte mir am liebsten die Zunge abgebissen, als ich sah, wie Lukas für eine Millisekunde stockte. Doch er konterte wie üblich mit einem lockeren Spruch und sagte: „Jetzt wirst du mir langsam unheimlich. Hat dir das etwa auch mein Hai verraten?“

„Hmmm“, machte ich nachdenklich. „In gewisser Weise schon. Wenn dein Hai an der Tür poltert, während der Rest der Männerwelt Fußball guckt, dann ist das verdächtig.“

„Okay“, lachte er. „Du hast mich durchschaut. Aber ich werde den Abend schon irgendwie überleben.“

„Das will ich doch hoffen.“

Wir sahen uns an und grinsten.

„Also dann“, meinte er. „Dir auch einen schönen Abend, beim Fußball oder was auch immer.“

„Danke“, erwiderte ich, und im nächsten Augenblick war er die Treppe rauf verschwunden. Schade. Aber auch ich sollte mich langsam sputen, wenn ich die S-Bahn erwischen wollte.

Felix

Ich hasste diese Fortbildungen, bei denen man nichts Neues lernte, sondern bloß teilnehmen musste, um diesen oder jenen Schein für seinen Job als Physiotherapeut nachweisen zu können. An einem sonnigen Wochenende wie diesem konnte ich mir wirklich Schöneres vorstellen. Aber zumindest der Abend versprach unterhaltsam zu werden. Wir hatten uns mit einigen Seminarteilnehmern zum gemeinsamen Fußballgucken in der Hotelbar verabredet, was bei der Truppe ganz lustig zu werden schien. Ich war zwar kein wahnsinnig großer Fußballfan, aber alles war besser, als alleine auf dem Zimmer zu sitzen, wo sich meine Gedanken nur wieder in Regionen verirren würden, die ich nicht mehr betreten wollte.

Zwischen Abendessen und Anpfiff des Spiels blieb etwas Zeit, deshalb ging ich raus in den angrenzenden Park, zog das Handy aus der Tasche und rief meinen Bruder an. Wie ich Lukas kannte, würde er den Samstagabend garantiert nicht zu Hause verbringen, aber jetzt, um kurz nach halb acht, war es vielleicht früh genug, um ihn zu erreichen.

„Hey Bruderherz“, meldete er sich mit diesem unerschütterlich sonnigen Gemüt, mit dem er seine Mitmenschen gleichermaßen erfreuen als auch zur Weißglut treiben konnte. „Hast du mal wieder Sehnsucht nach mir?“

„Mal wieder ist gut“, gab ich trocken zurück. „Wenn ich nicht ab und zu bei dir anrufen würde, würde ich gar nichts mehr von dir hören.“

Ich wollte ihm eigentlich gar nicht direkt mit Vorwürfen kommen, aber mittlerweile war es frustrierend, dass er sich so rarmachte, seit er wegen des neuen Jobs knappe hundert Kilometer von mir entfernt wohnte.

Doch Lukas nahm es gewohnt locker und sagte: „Sorry. Hier ist alles so neu und aufregend, da rast die Zeit nur so dahin. Ich verspreche hoch und heilig, mich zu bessern.“

Unwillkürlich musste ich lächeln. Diese Art von Versprechungen kannte ich. Und trotzdem konnte ich ihm nie lange böse sein.

„Schon okay. Wie läuft’s bei dir? Haben sie in der neuen Firma schon bereut, dich eingestellt zu haben?“, zog ich ihn auf.

Lukas lachte. „Ja. So sehr, dass sie mich heute Abend zwingen, mit ein paar Leuten zum Public Viewing zu gehen.“

„Oh, wow, gleich die Höchststrafe. Was hast du angestellt?“

„Keine Ahnung. Vielleicht war ich ein bisschen zu nett zu den Kollegen.“

„Kollegen oder Kolleginnen?“, hakte ich grinsend nach. Ich kannte ja meinen Bruder, den Herzensbrecher, und ahnte, dass ihm nach diesen ersten sechs Wochen die Frauen in der Firma bereits sabbernd hinterherhechelten.

„Kollegen, du Honk! Ich hab dir doch erzählt, dass es in meiner Abteilung nicht mal die obligatorische Quotenfrau gibt. Und der Verwaltungstrakt ist leider ziemlich weit entfernt.“

„Du Ärmster“, neckte ich ihn.

Lukas schnaubte und meinte: „Gibt es eigentlich sonst noch einen Grund für deinen Anruf oder willst du dich nur über mich lustig machen? Dafür hab ich nämlich keine Zeit. Meine Bahn fährt gleich.“

„Sorry. Nee, ich wollte bloß mal hören, wie es dir geht, weil ich hier grad nichts anderes zu tun habe.“

„Du und nichts zu tun?“, fragte er ungläubig. „Wo bist du denn?“

„Bei dieser Fortbildung in Dortmund.“

„Ach ja, richtig“, erwiderte er, und ehe er es aussprach, wusste ich, was als Nächstes kam. „Und? Gibt es da auch ein paar heiße Physiotherapeutinnen?“

Ich verdrehte im Stillen die Augen. Das war typisch mein Bruder. Manchmal fragte ich mich, ob wir wirklich die gleichen Gene in uns hatten oder einer von uns nach der Geburt vertauscht worden war.

„Für dich bestimmt“, gab ich widerwillig zurück.

„Lass mich raten“, feixte Lukas. „Du hast gar nicht richtig hingeguckt, oder?“

„Du kannst mich mal.“

Er stieß einen übertriebenen Seufzer aus. „Ach, Feli, was soll ich mit dir bloß machen? Du wirst echt ein komischer, brummiger Einsiedler, wenn du so weitermachst. Fehlt eigentlich nur, dass du dich in eine einsame Hütte im Wald zurückziehst.“

„Sehr witzig“, knurrte ich. Konnte er mich nicht endlich damit in Ruhe lassen? Er wusste genau, dass ich nach der Trennung von Steffi für keine neue Beziehung bereit war. Und bloß aus Spaß durch verschiedene Betten zu hüpfen wie er, das war nicht mein Ding. Aber ob ich ihm das sagte oder mit einer Wand redete, kam bei Lukas auf dasselbe raus.

„Apropos Hütte“, lenkte ich deshalb schnell vom Thema ab. „Du denkst an den Termin nächste Woche, ja? Der Makler hat gesagt, dass er gegen elf Uhr da sein wird, und es war nicht leicht, ihn zu überreden, dass er extra am Samstag rauskommt.“

„Ich weiß. Das erzählst du mir jetzt zum dritten Mal“, erwiderte Lukas gelangweilt. „Und ja, ich werde da sein.“

Hoffentlich. Ich wusste, dass er absolut keine Lust darauf hatte, sich um den Verkauf des Hauses unserer Großmutter zu kümmern. Aber alleine würde ich es nicht tun. Wir hatten es zusammen geerbt, also war er genauso dafür verantwortlich wie ich. Fürs Erste gab ich mich jedoch geschlagen und sagte: „Wir können ja vorher noch mal telefonieren, wann du genau kommst. Ich will dich schließlich nicht länger von deinem heiß ersehnten Fußballabend abhalten.“

Ich sah direkt vor mir, wie Lukas eine Grimasse zog und mir den Mittelfinger zeigte. Er hatte mit Fußball nichts am Hut und hätte heute Abend bestimmt tausend andere Sachen lieber gemacht. Aber ich konnte verstehen, dass er diesen Anschluss an seine Kollegen auf keinen Fall verspielen wollte. Vielleicht sollte ich ein netter Bruder sein und ihm die Daumen drücken, dass Deutschland es heute nicht ins Achtelfinale schaffte. Dann bliebe ihm zumindest ein weiteres Rudelgucken erspart.

„Herzlichen Dank!“, flötete Lukas zuckersüß in den Hörer. „Ich wünsche dir auch viel Spaß bei deinem restlichen Knochenbrecher-Seminar. Und mach die Augen auf, was da für Frauenkörper um dich herumsitzen, die mal ordentlich durchgeknetet werden wollen.“

„Blödmann! Mach’s gut.“

„Du auch. Wir hören uns.“ Damit legte er auf, und ich nahm kopfschüttelnd mein Handy vom Ohr.

Wann wurde dieser Clown endlich erwachsen? Wahrscheinlich nie. Ich war nur vier Jahre älter als er, fühlte mich manchmal allerdings doppelt so reif. Und bloß weil ich nicht wie er jedem Rockzipfel hinterherlief, hieß das längst nicht, dass ich keinen Spaß haben konnte und ein komischer, brummiger Einsiedler war.

Entschlossen stand ich von der Bank auf und ging zurück zum Hotel. Schon von Weitem hörte ich das Gelächter der anderen Seminarteilnehmer in der Bar, die vergeblich versuchten, einer Kollegin zu erklären, was Abseits war. Aber sie erfüllte jedes Klischee und kapierte es nicht.

Gut gelaunt gesellte ich mich dazu, bestellte mir ein Radler und freute mich auf den Fußballabend in dieser fröhlichen Runde.

Dann wollen wir doch mal sehen, wer heute Abend mehr Spaß hat, Bruderherz!

Anna

Als ich an der Haltestelle ankam, stellte ich fest, dass meine S-Bahn wegen der Baustelle in der Nordstadt ausfiel und ich auf die nächste warten musste. Ich sollte mir wirklich angewöhnen, vorher online den aktuellen Fahrplan zu checken. Andererseits wäre ich Lukas nicht begegnet, wenn ich erst später losgegangen wäre …

Seufzend ging ich am Raucherbereich vorbei, lehnte mich ein Stück weiter an die Metallbrüstung und zog mein Handy aus der Tasche, um Nele eine Nachricht zu schicken, wann ich bei ihr sein würde.

Für einen Samstagabend war an der Haltestelle nicht viel los. Außer mir waren etwa eine Handvoll Leute da, und kaum einer kannte den anderen, wie es in unserer Wohngegend typisch war. In der Nähe des Ticket­automaten standen zwei ältere Frauen, die beinah ununterbrochen plapperten. Sie waren die Einzigen, die nicht alleine unterwegs waren, und sie redeten für die anderen drei gleich mit. Völlig unbeeindruckt davon tippte der Skater aus dem Nachbarhaus auf seinem Smartphone rum. Die Blondine aus dem Drogeriemarkt saß auf einer der Bänke und war in eine Zeitschrift vertieft. Und der Anzugträger mit dem Blumenstrauß starrte gedankenverloren vor sich auf den Boden und rauchte.

Plötzlich wurde es hinter mir unangenehm laut. Fünf Jugendliche oder eher schon junge Erwachsene kamen mit einem Bluetooth-Lautsprecher über die Straße und beschallten mit einem nervtötenden Gangsta-Rap und ihrem eigenen Gegröle den Bahnsteig. Vorneweg lief ein Mädchen bzw. eine junge Frau, hinter ihr vier Jungs, die lautstark johlten, sich über das Musik-Geplärre hinweg anschrien und sichtlich betrunken waren. Sie waren geschätzt Anfang zwanzig, trugen schwarze Kapuzenpullis und Hosen, die ihnen bis in die Kniekehlen hingen. Einer von ihnen hielt eine Schnapsflasche in der Hand.

Unwillkürlich kroch ich etwas tiefer in meine Jacke, als könnte ich mich dadurch unsichtbar machen. Solche Typen waren mir nicht geheuer, und ich hatte keine Lust, mich von denen blöd anquatschen zu lassen. Doch zum Glück steuerte die Gruppe direkt die andere Seite des Bahnsteigs an, ohne mich weiter zu beachten. Sie waren ganz auf die Frau vor sich fixiert, doch die schien auch genug von den Jungs zu haben und drehte sich gerade um, um ihnen mit wütend blitzenden Augen die Meinung zu geigen. Aber die jungen Männer lachten nur.

Das arme Mädel. In dem Alter alleine mit vier Typen unterwegs zu sein, war echt kein Spaß. Vermutlich war einer von denen ihr Freund oder zumindest Schwarm und musste sich jetzt betrunken vor seinen Kumpels beweisen, was ihr gehörig auf die Nerven ging. Wenn es so war, war dieser Kerl ein Idiot, denn mit ihren kupferroten Haaren war sie in meinen Augen wunderschön und hätte wahrscheinlich jeden haben können. Aber was ging es mich an?

Ich überließ die fünf ihrem Gezanke und Gegacker und zog mein Handy hervor, das soeben vibrierend den Eingang einer neuen Nachricht gemeldet hatte. Es war allerdings nicht wie erwartet Nele, sondern meine Tante, die eine Entscheidungshilfe brauchte, ob sie im Urlaub wirklich nach Spanien fliegen oder doch lieber in Deutschland bleiben sollte. Ich unterdrückte ein Stöhnen, beschloss, dass die Antwort Zeit bis morgen hatte, und steckte das Handy wieder weg.

Als ich anschließend aufblickte und über den Bahnsteig schaute, hatten die vier jungen Männer ihre weibliche Begleitung umringt, und der größte von ihnen rückte ihr ziemlich auf die Pelle. Na also. Hätte ich darauf wetten müssen, wer zu der Rothaarigen gehörte, hätte ich auf genau ihn getippt. Was immer sie an ihm fand, denn von meinem Freund hätte ich mir gewünscht, dass er seine Kumpels auf Abstand hielt. Aber offenbar waren sie dafür bereits zu betrunken. Wie zum Beweis reichten sie jetzt dem Mädchen die Schnapsflasche, doch sie schüttelte den Kopf und versuchte, einen der Typen von sich zu stoßen. Der Große direkt vor ihr hob eine Hand, um ihr beruhigend eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen.

Nun nimm sie schon in den Arm und bring sie von deinen blöden Freunden weg!, dachte ich im Stillen und wollte mich gerade von der Szene abwenden, als ich bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Sie ließ sich nämlich nicht in den Arm nehmen, stieß auch den Großen von sich und schien mit aller Macht einen Ausweg zu suchen.

Ich runzelte nachdenklich die Stirn und versuchte zu verstehen, was dort vor sich ging. Im selben Moment schaute die junge Frau in meine Richtung, und als sich unsere Blicke trafen, sah ich die Panik in ihren Augen. Schlagartig wurde mir klar, dass das keine normale Zänkerei unter Jugendlichen war, sondern dass sie überhaupt gar nichts mit den jungen Männern zu tun hatte und unfreiwillig in ihre Fänge geraten war.

Angespannt stieß ich mich von der Metallbrüstung ab. Das Herz schlug mir plötzlich bis zum Hals, und ich blickte Hilfe suchend über den Bahnsteig. Die anderen mussten doch auch merken, was da los war. Aber niemand rührte sich. Im Gegenteil. Der Skater hatte sich eher ein Stück vom Schauplatz entfernt. Die Quasselstrippen tuschelten mittlerweile nur noch miteinander. Die Frau aus der Drogerie hatte sich der Scheibe des Wartehäuschens zugewandt, um in deren Spiegelbild ihre Haare zu richten. Und der Anzugträger zündete sich die nächste Zigarette an und tat so, als linste er nicht ständig verstohlen zu der Szene rüber.

Na toll! Hallo?! Konnte bitte mal jemand dahin gehen und dem Mädchen helfen?

Ein Teil von mir drängte, dass ich selbst etwas tun sollte. Ein anderer zweifelte noch. Was, wenn ich die Situation falsch interpretierte und das Mädel doch zu den Jungs gehörte? Und überhaupt … Sollte ich mich hier vor allen zum Affen machen? Die Typen würden mich sowieso bloß auslachen und sich darüber freuen, ein weiteres Opfer gefunden zu haben. Und wer wusste schon, was sie dann mit mir anstellen würden?

Hin- und hergerissen schaute ich ein weiteres Mal in die Runde, während die junge Frau immer mehr in Bedrängnis geriet. Sie wurde von einem der Halbstarken zum nächsten herumgereicht und dabei eindeutig gegen ihren Willen angefasst.

Mist! Ich musste irgendetwas tun. Aber was? Und warum ausgerechnet ich? Die anderen waren schließlich auch noch da! Doch sie alle taten weiterhin so, als ginge sie das nichts an, und ich war mir sicher, dass ich ebenso wenig Hilfe zu erwarten hatte, wenn ich es wagen sollte, in die Szene einzugreifen. Also was tun?

Verstohlen blickte ich zur Anzeigetafel hoch, in der Hoffnung, dass jeden Moment die S-Bahn eintreffen und dem Spuk ein Ende bereiten würde. Doch das Display zeigte weitere vier Minuten Wartezeit an.

Ich schloss die Augen und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sich die Situation wie durch Zauberhand plötzlich auflösen möge und alles wieder gut wäre. Warum musste das ausgerechnet jetzt passieren? Warum hier direkt vor meiner Nase? Und das nur, weil ich mich von Nele bequatschen lassen hatte, mit ihr auszugehen.

Nachdem ich die Augen wieder geöffnet hatte, sah ich auf der anderen Seite jemanden die Stufen zur Haltestelle hochkommen und keuchte erleichtert auf, als ich erkannte, dass es Lukas war. Er blickte den Bahnsteig entlang und grinste mir wie immer fröhlich entgegen. Doch ich war so aufgewühlt wegen der jungen Frau, dass die Schmetterlinge in meinem Bauch wie erstarrt in ihrer Höhle blieben. Statt ihn ebenfalls anzulächeln, schaute ich nervös rüber zu der Pöbeltruppe und wieder zurück zu Lukas. Ich wollte ihm mit den Augen zu verstehen geben, dass etwas nicht stimmte, und ihm entgegengehen, um zu erklären, was los war. Aber Lukas war meinem Blick bereits gefolgt und zögerte bloß den Bruchteil einer Sekunde, bevor er die Situation erfasst hatte und zielstrebig auf die fünf jungen Leute zusteuerte.

Diese Wendung der Ereignisse kam so unerwartet, dass ich ein paarmal blinzeln musste, um zu registrieren, dass ich die Szene nicht nur träumte. Ich hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass Lukas ebenfalls mit der Bahn zum Public Viewing fahren würde. Aber wie aus heiterem Himmel war er plötzlich hier, als wäre er sprichwörtlich von eben jenem geschickt worden. Genau so jemand wie er hatte an dieser Stelle gefehlt – einer, der nicht bloß zuguckte, sondern machte. Ich kannte ihn zwar gar nicht gut genug, um das beurteilen zu können, aber es passte zu dem romantisch-verklärten Bild, das ich von ihm hatte: der immer gut gelaunte Strahlemann, der beherzt eingriff, wenn jemand Hilfe brauchte, und wirklich böse werden konnte, wenn man seiner Liebsten etwas tun wollte. In diesem Fall war es zwar nicht seine Liebste, sondern eine fremde junge Frau, aber dieser ausgeprägte Beschützerinstinkt sprach für ihn. Außerdem war er ein großer, sportlicher Mann und würde allein dadurch diesen Möchtegern-Gangstern Respekt einflößen.

Ich atmete erleichtert auf und beobachtete fasziniert, wie Lukas sich selbstsicher vor der Truppe hinstellte, auf die junge Frau zeigte und etwas sagte. Leider konnte ich nicht verstehen, was, denn die Bluetooth-Box übertönte alles und plärrte irgendwas von „auf die Fresse hauen“. Die Jungs sahen aus, als hätten sie genau das am liebsten mit Lukas gemacht. Der Große reckte das Kinn und machte so ein Ey-Alter-was-willst-du-Gesicht. Auch seine Kumpels hatten sich vor Lukas aufgebaut und die junge Frau völlig vergessen.

Diese nutzte die Gelegenheit, um ein Stück in meine Richtung zu flüchten, und ich wollte zu ihr gehen und sie fragen, ob alles in Ordnung war. Doch ich konnte den Blick nicht von Lukas abwenden, der weiter mit ernster Miene auf die Typen einredete. Und das schien denen gar nicht zu gefallen.

Plötzlich fing der Anführer der Gang an, Lukas mit der Hand vor die Brust zu stoßen. Mein Puls schoss in die Höhe. Nein, nein, nein, nein, nein! So nicht! Die würden sich jetzt doch wohl nicht an Lukas vergreifen?! Von wegen Respekt! Er war vielleicht größer und kräftiger, aber die anderen waren zu viert.

Na und?, wisperte eine Stimme in mir. Mit den restlichen Wartenden zusammen bist du zu sechst, also tu was!

Ich blickte in die Runde und versuchte abzuschätzen, wer von den Anwesenden am ehesten bereit sein könnte, zu helfen und die anderen mitzuziehen, doch die Bilanz war ernüchternd. Sie erinnerten mich in diesem Moment an die drei berühmten Affen, die sich die Hände über Ohren, Mund und Augen hielten – nichts hören, sagen, sehen. Keiner rührte sich, als wären sie alle Teil eines festgefrorenen Standbilds. Außer dem rothaarigen Mädchen, das wie gelähmt vor Angst mit weit aufgerissenen Augen zusah, wie die vier Halbstarken ihren Retter attackierten.

Und jetzt?

Zögernd setzte ich einen Fuß vor den anderen, ohne genau zu wissen, was ich eigentlich tun wollte, als im selben Augenblick die Bahn an die Haltestelle heranfuhr und quietschend neben mir zum Stehen kam. Ich spürte, wie mir vor Erleichterung eine ganze Wagenladung Steine von der Seele fiel. Hätte mir vor einer Viertelstunde jemand gesagt, dass ich einmal so glücklich sein würde, dieses Graffiti-verschmierte und meist hoffnungslos überfüllte Vehikel vor mir auftauchen zu sehen, hätte ich ihn für vollkommen verrückt erklärt. Doch jetzt hätte ich den Lokführer vor Dankbarkeit umarmen können.

In dem naiven Glauben, dass damit schlagartig alles vorbei war, beobachtete ich, wie die junge Frau nach vorne lief und einstieg, so weit wie möglich entfernt von diesen miesen Typen. Auch die Affenbande, wie ich die anderen Wartenden im Stillen getauft hatte, flüchtete in irgendwelche versteckten Winkel.

Ganz so leicht war es für Lukas leider nicht, denn der Anführer der Pöbeltruppe war noch nicht mit ihm fertig. Ich sah, wie er weiter heftige Verwünschungen und drohende Gesten in seine Richtung schickte, und ich wollte lieber gar nicht wissen, was passiert wäre, wenn Lukas ihm den Rücken zugedreht hätte. Aber zum Glück hatten seine Kumpels anscheinend etwas vor, was ihnen wichtiger war als eine Prügelei, denn sie zogen ihn mit sich zu einer der hinteren Türen, und die Gefahr war gebannt. Gott sei Dank!

Meine Beine fühlten sich an wie Pudding, als ich ebenfalls in die Bahn stieg – gleichzeitig mit Lukas, und beide schauten wir im selben Moment rüber zum jeweils anderen Einstieg, sodass sich unsere Blicke trafen. Doch anders als sonst strahlten und funkelten seine Augen nicht, sondern der Ausdruck darin war undefinierbar und verursachte ein merkwürdiges Grummeln in meinem Magen. Lukas musste hundertprozentig mitbekommen haben, dass ich selbst zu feige gewesen war, um einzugreifen, und genau wie die anderen nur zugeguckt hatte, wie die Typen erst die junge Frau und dann ihn bedrängt hatten. Ich hätte zu gerne gewusst, was er jetzt über mich dachte. Und was immer es war, er hatte sicherlich recht damit. Aber … Ach, keine Ahnung. Es war ja zum Glück alles gut gegangen.

Trotzdem wäre ich Lukas am liebsten hinterhergelaufen, um es ihm zu erklären und ihm zu sagen, wie froh ich war, dass wenigstens er in der Situation eingegriffen hatte. Aber dafür waren wir zu weit voneinander entfernt. Stattdessen versuchte ich ihm mit den Augen ein wortloses: „Danke, dass du dich darum gekümmert hast“, rüberzuschicken, doch da war die Gelegenheit vorbei, und die Bahn hatte ihn verschluckt.

Ich ließ mich am anderen Ende des Waggons in den letzten freien Sitz fallen und bemerkte erst jetzt, wie sehr meine Hände zitterten. Das war definitiv nicht mein Tag heute. Und die Tatsache, dass die meisten Fahrgäste angetrunkene und johlende Fußballfans auf dem Weg zum Public Viewing waren, machte die Situation nicht besser.

Aufgewühlt zog ich mein Handy aus der Tasche und schrieb eine Nachricht an Nele.

Hast du noch was von dem Teufelszeug da? Ich könnte gerade einen Schluck vertragen.

Was ist passiert?, kam es von ihr zurück. Bist du in die falsche Bahn gestiegen? Das müsstest du als Reiseverkehrskauffrau besser können. Dahinter ein Zwinker-Emoji mit ausgestreckter Zunge.

Sehr witzig!, tippte ich grummelnd. Aber das wär mir sogar lieber als der Mist, den ich eben am Bahnsteig erlebt habe.

Was war denn los? Bist du okay?

Ja. Mir geht’s gut. Aber Lukas hätte es beinah erwischt. Erzähl ich dir gleich.

Oh nein! Jetzt machst du mich neugierig. Wo bist du denn gerade?

Schillerstraße. Bin in zehn Minuten da.

Gut. Bis gleich. Pass auf dich auf!

Ich steckte mein Handy wieder weg und schaute rüber zu der Pöbeltruppe. Ihre furchtbare Musik hatten sie in der Zwischenzeit zum Glück ausgemacht. Stattdessen redeten die jungen Männer aufgeregt aufeinander ein und mussten sich wahrscheinlich gegenseitig mit ihren Erzählungen übertrumpfen, wie sie es dem Kerl gezeigt hatten, der es gewagt hatte, ihnen den Spaß mit ihrem Opfer zu verderben. Was für ein paar Armleuchter! Wie gut, dass ich kein Wort von ihrem Gerede verstehen konnte.

Was wohl weiter vorne vor sich ging? Dummerweise konnte ich Lukas von meiner Position aus nicht sehen, obwohl er als einer der wenigen Männer ohne Fußball-Trikot eigentlich leicht auffallen müsste. Tat er aber nicht.

Schließlich siegte die Neugier, also opferte ich meinen Sitzplatz und tauschte ihn gegen einen Stehplatz an der Tür ein. Dennoch dauerte es einen Moment, bis ich meinen Nachbarn entdeckt hatte bzw. zuerst das rothaarige Mädchen neben ihm. Sie wischte sich gerade über die Augen und nickte, während er ihr eine Hand auf die Schulter gelegt hatte, etwas sagte und sie damit wenigstens kurz zum Lachen brachte. Unwillkürlich musste ich lächeln. Das war Lukas, der Sonnenschein vom Dienst. Man konnte direkt dabei zusehen, wie ihm ihr Herz zuflog, und ich hoffte bloß, dass sich dieses Teenie-Mädchen nicht gleich hoffnungslos Hals über Kopf in ihn verliebte. Ich an ihrer Stelle hätte es bestimmt getan, und in diesem Augenblick wünschte ich mir beinah, die Typen hätten es auf mich abgesehen gehabt und ich wäre diejenige, die sich jetzt von Lukas trösten lassen durfte. Dann sah ich wieder die Szene am Bahnsteig vor mir, und mir lief es kalt den Rücken runter. Nein, vielleicht doch lieber nicht.

Gedankenverloren schaute ich aus dem Fenster und träumte vor mich hin, während die Bahn ruckelnd zum Stehen kam, Leute ausspuckte und andere wieder einsammelte. Draußen auf dem Bahnsteig entdeckte ich plötzlich das rothaarige Mädchen, das zielstrebig auf einen jungen Mann zusteuerte. Ich beobachtete lächelnd, wie dieser die Arme ausbreitete, sie an sich zog und küsste. Ja, der passte definitiv besser zu ihr als einer dieser Pöbeltypen, und ich freute mich, dass da jemand war, der sich nach dem Schreck um die junge Frau kümmerte. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass Lukas jetzt alleine da vorne saß. Alles in mir drängte, zu ihm zu gehen. Doch die Bahn war mittlerweile unglaublich voll, und ich war kaum vorwärtsgekommen, als bereits die nächste Haltestelle erreicht war und Lukas aufstand und zur Tür ging.

Bedauernd schaute ich ihm hinterher, wie er umringt von einer Horde Fußballfans aus der Bahn stieg und am Waggon entlang Richtung Berliner Platz davonging. Ich beschwor ihn im Stillen, zu mir raufzugucken, und tatsächlich hob er einen Moment später den Kopf, sah mich und lächelte mir zu, genauso strahlend wie eh und je. Er hob grüßend die Hand und war kurz darauf aus meinem Blickfeld verschwunden.

Mühsam versuchte ich, die dummen Schmetterlinge im Bauch wieder zu beruhigen, aber die blöden Viecher hatten ihren eigenen Willen und kribbelten weiter. Ich war erleichtert, dass Lukas mir mein Verhalten am Bahnsteig nicht übel genommen hatte. Und trotzdem blieb ein nagendes Gefühl, dass ich es ihm erklären sollte. Dass ich ihm und auch der jungen Frau helfen wollte, aber keine Ahnung hatte, wie. Vielleicht sollte ich einfach aussteigen, um wenigstens kurz mit ihm zu reden. Die zwanzig Minuten, bis die nächste Bahn kam, würde Nele schon verkraften.

Mit plötzlicher Entschlossenheit drehte ich mich um und versuchte, an einem Kinderwagen vorbeizukommen, doch es war zu spät. Ehe ich am Ausstieg angekommen war, fing es an zu piepen, die Türen gingen zu, und die Bahn fuhr weiter. Durch das Fenster sah ich, wie Lukas die Straße überquerte, anschließend blieben mir nur meine Was-wäre-wenn-Gedanken. Was, wenn ich es geschafft hätte, rechtzeitig zur Tür zu kommen? Was, wenn er gemerkt hätte, dass ich bloß seinetwegen ausgestiegen war? Hätte er dann vielleicht erkannt, dass ich mehr von ihm wollte als eine gute Nachbarschaft? Und was, wenn er dabei festgestellt hätte, dass es ihm genauso ging? Oder eben nicht?

Oh Mann! Dieser Kerl war nicht gut für meinen Seelenfrieden. Nele hatte recht, ich musste etwas tun. Entweder würde dadurch diese blöde Sehnsucht nach Lukas gestillt werden oder ich würde krachend auf dem Boden der Tatsachen landen, wüsste dann aber wenigstens, woran ich war. Dumm nur, dass ich anschließend keine Möglichkeit hatte, ihm aus dem Weg zu gehen. Wie auch, wenn man Tür an Tür wohnte? Gar nicht so einfach, das Ganze.

Als ich an der nächsten Haltestelle ausstieg, wurde ich am Bahnsteig von Nele empfangen und in eine stürmische Umarmung gezogen.

„Ich dachte, ich hole dich lieber ab“, plapperte sie munter drauflos und hakte sich bei mir ein. „Nicht, dass dir wieder etwas Blödes passiert. Also erzähl! Was war da los?“

Ich war so froh, sie zu sehen, und atmete erleichtert auf.

„Da waren vier Typen, die eine junge Frau belästigt haben“, fing ich mit meinem Bericht an und drehte mich um, um mich zu vergewissern, dass die Idioten weiterfuhren und sich nicht als Nächstes hier an der Haltestelle ein neues Opfer suchten. Aber sie waren nicht mehr da, und an dem Platz, wo sie bis vorhin gesessen hatten, hatte sich in der Zwischenzeit eine Familie mit zwei Kindern niedergelassen. Ich überlegte kurz, ob ich mich in der Reihe vertan hatte, doch ich war mir hundertprozentig sicher, dass es genau dieser Platz gewesen war.

Nachdenklich runzelte ich die Stirn und warf einen prüfenden Blick über den Bahnsteig. Die Pöbeltruppe war nirgends zu sehen. Was einerseits gut war. Andererseits bedeutete das, dass sie an derselben Haltestelle wie Lukas ausgestiegen sein mussten, denn davor hatten sie definitiv im Waggon gesessen.

„Was ist?“, fragte Nele, als ich plötzlich stehen blieb.

„Ich weiß nicht“, murmelte ich unsicher, schaute nach rechts und links und scannte mit den Augen die zahlreichen Gesichter um mich herum ab, aber die Typen waren nicht unter ihnen. In Kurzform versuchte ich meiner Freundin zu erklären, was passiert war und dass ich ein mulmiges Gefühl hatte, weil die zwielichtigen jungen Männer mit Lukas zusammen ausgestiegen waren.

„Ach“, meinte Nele in ihrer unbekümmerten Art und lachte sogar dabei. „Das heißt gar nichts. Am Berliner Platz ist das Public Viewing. Da muss man sich, glaub ich, eher Gedanken um die Männer machen, die nicht dort aussteigen.“

Ich verzog das Gesicht zu einem halbherzigen Lächeln und versuchte, mich zu beruhigen. Sie hatte bestimmt recht damit, dass es bloß Zufall war, auch wenn mir dieser überhaupt nicht gefiel.

„Na komm!“ Nele stupste mich aufmunternd in die Seite. „Was du brauchst, ist etwas zu trinken und ein bisschen Ablenkung, dann sieht die Welt wieder anders aus. Sieh es doch mal so: Du hast jetzt einen super Grund, morgen ganz beiläufig bei Lukas anzuklingeln und zu fragen, wie es ihm geht nach der Geschichte.“

Sie grinste mich dermaßen selbstzufrieden an, dass ich lachen musste. „Du kannst es nicht lassen, oder?“

„Nö. Also, was meinst du? Auf ins Old Chap?“

Ich nickte langsam, rührte mich jedoch keinen Zentimeter von der Stelle, denn so leicht konnte ich den Gedanken an Lukas und die vier Typen nicht abschütteln.

„Ach, Anna-Maus“, sagte Nele sanft. „Ich kann ja verstehen, dass das eine Scheißsituation war. Aber Lukas ist ein großer Junge, und am Berliner Platz ist es rappelvoll. Was sollte ihm da passieren?“

Ich stieß ein bitteres Lachen aus, schließlich hatte ich vorhin selbst erst erlebt, dass es nichts zu bedeuten hatte, wie viele Leute da waren, wenn alle nur wegguckten und niemand reagierte. Schlagartig stieg heiße Scham in mir auf, weil ich ebenfalls nicht gehandelt hatte.

„Was hättest du eigentlich an meiner Stelle gemacht?“, wollte ich von meiner Freundin wissen, woraufhin sie nachdenklich die Unterlippe zwischen die Zähne zog.

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich den anderen Männern an der Haltestelle einen Tritt in den Hintern gegeben, damit sie etwas tun. Oder irgendwie so was.“

Tja, das hätte ich wohl auch tun sollen. Aber jetzt war es zu spät.

„Hast du seine Nummer nicht?“, fragte Nele in meine Gedanken hinein. „Dann ruf Lukas doch an und frag ihn, ob alles okay ist. Wenn das grad so übel war, wie du sagst, wird er verstehen, dass du dir Sorgen machst, und sich garantiert auch ein bisschen gebauchpinselt fühlen.“

„Schön wär’s. Aber woher sollte ich seine Nummer haben?“

„Mein Gott!“, stöhnte sie. „Ihr seid solche Trantüten! Ich an deiner Stelle hätte längst Nummern und Wohnungsschlüssel ausgetauscht und mich zum Blumengießen angeboten. Könnte ja immer mal ein Notfall sein, oder nicht?“

„Sagt die, die selbst den Klempner kaum ohne polizeiliches Führungszeugnis in ihre Wohnung lässt“, erwiderte ich skeptisch.

„Hallo?!“, gab Nele empört zurück. „Wir reden hier über deinen Lukas und nicht über einen völlig fremden, augenscheinlich notgeilen Testosteron-Strotz im Blaumann.“

Ich grinste sie kurz an und brütete anschließend weiter schweigend vor mich hin.

„Hey“, redete Nele beruhigend auf mich ein. „Dem geht’s bestimmt gut. Und wenn er wüsste, was in deinem Köpfchen grad so vor sich geht, wäre er ganz schön blöd, wenn er dich nicht sofort schnappen und dir deine ganzen Grübeleien einfach wegvö… äh … ich meine, wegküssen würde.“

Ob ich wollte oder nicht, ich musste lachen. „Du hast echt einen Knall.“

„Ich weiß. Und wenn du mich fragst, gibt es jetzt drei Möglichkeiten. Erstens: Wir gehen ins Old Chap, machen uns keinen Kopf mehr um Dinge, die eh nicht so sind wie du glaubst, und haben einen schönen Abend. Zweitens: Wir fahren zu dir nach Hause, igeln uns ein und erzählen uns gegenseitig Horrorgeschichten, bis Lukas nach Hause kommt und unsere panischen Schreie hört. Oder drittens: Wir fahren zum Berliner Platz und gucken nach, ob es ihm gut geht. Aber dir ist hoffentlich klar, dass eine Nadel im Heuhaufen nichts dagegen ist.“

Ich schaute sie an und wusste, dass meine Freundin ohne Weiteres auf ihre Chance mit dem Mann vom Postschalter verzichtet hätte, um genau das zu tun. Doch dann stellte ich mir vor, wie wir beim Public Viewing aufkreuzten und Lukas und seine Kollegen sich über meinen Auftritt als seine Babysitterin schlapplachen würden. Ganz abgesehen davon, dass wir ihn erst mal unter Tausenden Leuten finden mussten.

Innerlich schüttelte ich über mich selbst den Kopf und überlegte, was Lukas sagen würde, wenn er wüsste, was gerade in mir vorging. Auslachen würde er mich sicher nicht, dafür war er viel zu charmant. Aber ich konnte direkt vor mir sehen, wie seine Augen amüsierte Funken sprühten.

Also gut, rief ich mich selbst zur Ordnung. Mach dir nicht in die Hose, Anna! Der kommt schon klar und hat wahrscheinlich längst das erste Bier intus, während du dich hier von deinen Hirngespinsten veräppeln lässt.

Ich atmete tief durch und schaute meine Freundin an. „Okay“, sagte ich. „Lass uns ins Old Chap gehen. Ich brauche jetzt dringend einen Schnaps oder so was.“

Nele grinste zufrieden, hakte sich bei mir ein und dirigierte mich Richtung Ausgang. „So gefällst du mir schon besser.“

Am Ende wurde der Abend trotz allem unerwartet schön. Nachdem Nele mir gestanden hatte, dass ihr Traumprinz bloß bemerkt hatte, ob es sein könnte, dass er sie neulich im Old Chap gesehen hatte, glaubte ich kaum, dass er deshalb ausgerechnet heute hier auftauchen würde. Aber er kam tatsächlich kurz nach uns in die Kneipe und hatte zudem einen sehr sympathischen Freund mit dabei. Leon war zwar in festen Händen und ohnehin nicht unbedingt mein Typ, aber wir hatten eine Menge Spaß miteinander, während Nele und ihr Postmann baggerten, was das Zeug hielt. Timm schien völlig hingerissen von ihr zu sein und vergaß immer öfter, nebenbei einen Blick auf den Fernseher in der Ecke zu werfen, auf dem das Fußballspiel übertragen wurde.

Ich grinste vergnügt in mich hinein, als ich feststellte, dass Nele auch keinen Exoten erwischt hatte. Wobei ihm meine Freundin für den Moment wirklich wichtiger zu sein schien als das Spiel. Aber ich glaubte mich zu erinnern, dass es damals bei mir und Jan ebenso gewesen war, bevor ich nach und nach immer weiter ins Abseits abgeschoben wurde und die Sache beendete.

Um uns herum wurde laut gejubelt, als feststand, dass die deutsche Mannschaft das Spiel gewonnen und den Einzug ins Achtelfinale geschafft hatte. Auch Timm ließ sich davon mitreißen, zog meine verblüffte Freundin übermütig in seine Arme und wirbelte sie einmal in die Runde. Ihr Gesicht war goldwert. Sie strahlte mich glücklich an, und ich versuchte mühsam, mich für sie zu freuen und nicht daran zu denken, wie gerne ich selbst in diesem Moment jemanden an meiner Seite gehabt hätte. Lukas zum Beispiel. Sehnsüchtig nippte ich an meinem Cocktail und fragte mich, wie es ihm wohl gerade ging beim Rudelgucken.

Gegen ein Uhr verabschiedete ich mich von den anderen und gönnte mir ein Taxi für den Heimweg. Mein Bedarf an Bahnfahrten war für heute mehr als gedeckt. Außerdem war ich müde und angetrunken und wollte so schnell wie möglich ins Bett.

Draußen vor dem Haus schaute ich an der Fassade hoch zu Lukas‘ Wohnung in der Hoffnung, dass dort Licht brannte. Mein alkoholisiertes, wagemutiges Ich hätte dann vielleicht bei ihm geklingelt, um sich zu vergewissern, dass bei ihm alles in Ordnung war. Doch hinter seinen Fenstern war alles dunkel. Kein Wunder, nachts um halb zwei. Wahrscheinlich schlief er schon. Oder er war nach dem Public Viewing mit seinen Kollegen weiter durch die Stadt gezogen und machte das Nachtleben unsicher, denn Lukas war eigentlich nicht der Typ, den ich mir am Samstagabend alleine zu Hause auf dem Sofa vorstellen konnte.

Seufzend schloss ich die Haustür auf, stieg die zwei Stockwerke hoch zu meiner Wohnung und fiel von den Cocktails benebelt in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Aus diesem wurde ich am nächsten Morgen unsanft herausgerissen, als das Handy klingelte und meine Schwester anrief. Im selben Moment, in dem ich ihren Namen auf dem Display las, fiel mir siedendheiß ein, dass ich etwas vergessen hatte. Kathi und ihr Mann waren heute zur Geburtstagsfeier seines Chefs eingeladen, und ich sollte den kleinen Flo hüten. Schon vor Wochen hatten wir verabredet, dass mein Schwager mich abholen und ich mich bei ihnen zu Hause um mein Patenkind kümmern würde.

Mist! Nele hatte mich gestern so mit ihrem blöden Old Chap überrumpelt, dass ich es völlig verschwitzt hatte. Also hieß es Beine in die Hand nehmen, denn Mark war bereits unterwegs und würde spätestens in einer halben Stunde bei mir sein.

Zwischen Dusche, Anziehen und einer schnellen Tasse Kaffee rief auch noch Nele an, die mir unerträglich glücklich jedes einzelne Detail über ihren Timm erzählen wollte. Ich vertröstete sie auf später und wappnete mich innerlich für den anstrengenden Tag mit einem extrem munteren Dreijährigen. Zum Glück hatte ich gestern Abend nicht allzu viel getrunken, sonst hätte ich jetzt ein echtes Problem.

Ich hatte gerade den letzten Schluck Kaffee runtergeschluckt und räumte meine Tasse in die Spüle, als es bereits an der Tür klingelte.

„Bin unterwegs!“, rief ich Mark durch die Gegensprechanlage zu, schnappte mir meine Sachen und machte mich auf den Weg.

Im Hausflur wanderte mein Blick wie von selbst rüber zur Nachbarwohnung, und ich fragte mich, ob Lukas wohl auch schon wach war. Flüchtig tauchte eine Erinnerung an die Szene vom Bahnsteig in meinem Kopf auf. Doch im Großen und Ganzen hatte ich den Vorfall bereits verdrängt und als ein kleines, unbedeutendes Zwischenspiel abgehakt. Stattdessen rief ich mir lieber Lukas‘ strahlendes Lächeln vor Augen, und wie auf Knopfdruck waren auch die Schmetterlinge wach, um mit mir in den Tag zu flattern.

Felix

Nach einem geselligen Abend in der Hotelbar, einem unerwartet lehrreichen Rest des Seminars und einer überraschend staufreien Heimreise kam ich am Montagmorgen gut gelaunt zur Arbeit und staunte ein wenig über die verblüffte Reaktion meiner Kollegen. Hatte ich tatsächlich so lange nicht mehr gelacht und Späße gemacht? Wie es aussah, hatte Lukas recht, und ich hatte mich nach der Trennung von Steffi stärker verändert, als ich dachte. Doch den Gedanken an sie verdrängte ich schnell, ehe die schlechte Laune zurückkehrte. Stattdessen machte ich mich mit Schwung an die Arbeit.

In der Mittagspause setzte ich mich draußen vor der Praxis in die Sonne und checkte auf meinem Smartphone die Nachrichten, die in der Zwischenzeit eingegangen waren. Hauptsächlich waren es Anfragen von Freunden, ob ich am kommenden Wochenende nicht dieses oder jenes mit ihnen unternehmen wollte, wobei ich prompt an Lukas‘ Worte denken musste. Von wegen komischer Einsiedler!

Mit einem zufriedenen Lächeln antwortete ich meinen Leuten, dass ich diese Woche leider schon verplant war, aber gerne ein anderes Mal darauf zurückkommen würde.

Als ich schließlich einen Blick in mein E-Mail-Postfach warf, erstarrte ich. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Hatte ich diesem verdammten Makler nicht deutlich genug zu verstehen gegeben, dass wir wirklich nur am Samstagmorgen Zeit hatten, weil Lukas zu weit weg wohnte, um innerhalb der Woche herzukommen? Und jetzt war dem werten Herrn angeblich etwas dazwischengekommen, und er fragte, ob wir uns nicht doch schon am Freitagabend treffen konnten. Er wäre auch zu einem späten Termin außerhalb der normalen Zeiten bereit. Na, wie gnädig!

Ich stieß geräuschvoll die Luft aus und überlegte, ob Lukas in dieser Woche Früh- oder Spätschicht hatte. Wenn er Frühschicht hätte, könnte es funktionieren. Wenn nicht, dann würde sich der Verkauf des Hauses weiter verzögern.

Ziemlich angepisst wechselte ich zu WhatsApp und schrieb Lukas: Ruf mich bitte mal an, sobald du kannst! Dringend!

Doch ich wartete vergeblich. Bis nachmittags um vier hatte er meine Nachricht nicht einmal gelesen, obwohl er entweder um diese Zeit längst zu Hause war oder sie vor der Arbeit noch gesehen haben musste.

Weitere zwei Stunden später, als ich selbst Feierabend machte, hatte ich die Faxen dicke und rief ihn an, auch auf die Gefahr hin, ihn mitten in der Schicht zu erwischen.

„Der angerufene Teilnehmer ist momentan nicht erreichbar“, teilte mir eine Frauenstimme vom Band mit. „Wenn Sie eine Rückrufbenachrichtigung per SMS senden wollen, drücken Sie …“

Shit! Frustriert unterbrach ich die Ansage und schickte Lukas selbst eine Nachricht. Aber den Rest des Abends wartete ich weiterhin vergeblich auf eine Antwort.

Im Stillen verfluchte ich meinen unzuverlässigen Bruder, der sich wahrscheinlich gerade irgendwo vergnügte und bloß keinen Bock auf mich und diesen langweiligen Organisationskram hatte. Ärgerlich scrollte ich unsere letzten Chats bei WhatsApp durch, bis ich einen Hinweis darauf gefunden hatte, dass er in seiner zweiten Woche in der neuen Firma Spätschicht gearbeitet hatte. Demnach hatte er diese Woche Frühschicht, und wenn er sich bis morgen früh nicht gemeldet hatte, würde ich dem Makler für Freitagabend zusagen. Dann musste Lukas sehen, dass er herkam, egal, was er sonst geplant hatte.

Punkt! Aus! Ende der Durchsage!

Anna

Als ich am Montagabend von der Arbeit nach Hause kam, stand vor unserer Haustür ein junger Mann, der an der Fassade hochblickte und etwas ratlos wirkte. Ich hatte ihn nie zuvor hier gesehen, aber er machte einen recht harmlosen Eindruck, deshalb trat ich ohne zu zögern neben ihn, zog meinen Schlüssel aus der Tasche und sagte: „Hallo.“

„Hallo“, erwiderte er automatisch und drehte sich zu mir um.

Wir musterten uns schweigend, und ich fragte mich, ob er eventuell Hilfe brauchte. Vermutlich wollte er zu einem der Studenten aus der WG im Dachgeschoss, bei der so oft die Bewohner wechselten, dass sich längst keiner mehr die Mühe machte, die Namensschilder an der Klingel auszutauschen. Kein Wunder, dass man da als Besucher überfordert war.

„Suchst du jemanden?“, erkundigte ich mich freundlich.

Der junge Mann runzelte nachdenklich die Stirn und antwortete etwas zerstreut: „Ja … das heißt, nein. Ich wollte eigentlich zu Lukas Engelhardt, aber er scheint nicht da zu sein.“

„Ach so“, gab ich möglichst neutral zurück, während mein Herz alleine bei der Erwähnung seines Namens einen kleinen Hüpfer außer der Reihe machte. „Wart ihr denn verabredet?“

„Nein.“

„Tja, dann hast du wohl einfach Pech gehabt.“ Ich steckte meinen Schlüssel ins Schloss und erwartete, dass er sich daraufhin verabschieden und gehen würde. Doch er rührte sich nicht von der Stelle, und ich spürte, dass er noch etwas loswerden wollte.

„Kennst du Lukas?“, fragte er, ehe ich die Tür aufschließen und im Haus verschwinden konnte. „Also, wenigstens vom Sehen, meine ich? Er ist erst vor ein paar Wochen hierhergezogen.“

„Ja“, sagte ich und drehte mich wieder zu ihm um. „Er wohnt direkt neben mir. Wieso?“

Er zögerte kurz. „Hast du ihn zufällig seit dem Wochenende mal gesehen?“

Ich sah ihn überrascht an: „Warum willst du das wissen?“

Ich hatte schließlich keine Ahnung, wer er war, und da konnte ja jeder daherkommen, um die Nachbarn auszuhorchen. Andererseits … Jetzt, wo er danach fragte, fiel mir auf, dass ich tatsächlich nicht wusste, ob Lukas seit unserer letzten Begegnung am Samstagabend noch einmal hier gewesen war. Und das, obwohl ich ihn dank seines polternden Hais eigentlich immer hörte, wenn er nach Hause kam. Allerdings war ich selbst ebenfalls unterwegs gewesen, überlegte ich im Stillen. Gestern bei Flo, der mir wirklich alles abverlangt und bloß eine erschöpfte Hülle von mir übrig gelassen hatte, und heute bei der Arbeit. Aber mich beschlich plötzlich ein dumpfes Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte.

„Ich bin ein Kollege von Lukas“, erklärte der Fremde, der meine Unsicherheit zu spüren schien. „Wir waren Samstagabend mit ein paar anderen aus unserem Team zum Public Viewing verabredet und …“

„Ja, ich weiß“, unterbrach ich ihn auf einmal seltsam angespannt. „Und da wollte er auch hin. Wir haben uns direkt vorher zufällig getroffen und darüber geredet.“

Der junge Mann lächelte nachsichtig. „Er war auch bei uns, und wir hatten einen coolen Abend miteinander“, meinte er. „Aber seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Dabei hatten wir uns eigentlich für Sonntag bei mir verabredet, weil die Jungs Lukas von meiner Plattensammlung erzählt haben und er sie unbedingt mal sehen wollte. Aber er ist nicht gekommen und hat sich auch nicht gemeldet. Ich habe erst gedacht, er hat es verpennt, weil wir am Samstag schon ziemlich was gebechert hatten. Aber nachdem er heute bei der Arbeit auch nicht aufgetaucht ist und keiner was von ihm gehört hat, dachte ich, ich gucke mal lieber, ob bei ihm alles in Ordnung ist.“

„Oh“, machte ich überrascht und zermarterte mir das Hirn darüber, ob ich Lukas nicht doch gehört und es nur vergessen hatte. Er konnte ja nicht spurlos verschwunden sein.

„Hast du mal versucht, ihn anzurufen?“, fragte ich und fühlte mich ziemlich dumm und naiv, als er antwortete: „Ja, klar. Aber er ist nicht zu erreichen, sondern es geht sofort eine Bandansage ran.“

Merkwürdig, dachte ich, während in meinem Hinterkopf eine Erinnerung an die Pöbelszene von der S-Bahn-Haltestelle aufblitzte. Vor mir sah ich das Bild, wie der Anführer der Truppe Lukas mit der Hand vor die Brust stieß, doch ich verdrängte es schnell wieder. Was sollte diese Szene damit zu tun haben, dass Lukas nicht zu erreichen war? Er war am Samstag schließlich vollkommen unversehrt bei seinen Kollegen angekommen, selbst wenn diese Halbstarken an derselben Haltestelle wie er ausgestiegen waren.

„Ich kenne Lukas ja noch nicht lange, aber das passt nicht zu ihm“, fügte der junge Mann hinzu. „Er ist eigentlich eher so ein Kumpeltyp, mit dem man Pferde stehlen kann, und keiner, der sich plötzlich wieder vom Acker macht.“

„Hmhmm“, murmelte ich nachdenklich. „Den Eindruck hatte ich auch. Aber als er bei euch war, war alles normal? Oder ist dir etwas Komisches aufgefallen?“

Er musterte mich neugierig, und ich fürchtete, mich damit etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt zu haben. Natürlich hätte ich ihm von dem Vorfall an der S-Bahn-Haltestelle erzählen können. Aber das tat hier doch gar nichts zur Sache, oder? Außerdem schämte ich mich dafür, dass ich an dem Abend nicht anders reagiert hatte.

Doch zu meiner Erleichterung schüttelte er gleich darauf entschieden den Kopf. „Nein. Im Gegenteil. Lukas war wie immer total gut drauf. Der Scherzkeks hat sogar behauptet, dass ihm Fußball komplett am Arsch vorbeigeht. Kannst du dir das vorstellen?“, feixte er, und ich konnte mir nur mühsam das Kichern verkneifen.

„Was du nicht sagst!“

„Ja. Schräg, oder? Jedenfalls haben wir das Spiel geguckt und danach etwas den Sieg gefeiert. Anschließend wollten ein paar von uns in der Innenstadt durch die Kneipen ziehen, aber Lukas hatte was mit einer Frau am Gange und ist geblieben. So wie die ihn angehimmelt hat, ging es wahrscheinlich bloß noch um das Zu-mir-oder-zu-dir, nachdem wir weg waren.“ Er verzog den Mund zu einem verunglückten Grinsen, in dem eindeutig etwas Neid lag.

Ich lachte leise und versuchte dabei, dieses eifersüchtige Pieken in meiner Brust zu ignorieren. Es war doch klar, dass einem Mann wie Lukas die Frauen reihenweise zu Füßen lagen. Und nur, weil er mit jeder von ihnen flirtete, musste das ja nicht gleich etwas zu bedeuten haben. Also atmete ich tief durch und konzentrierte mich wieder auf das eigentliche Problem, denn diese Aussage von seinem Kollegen erklärte trotzdem nicht, warum Lukas heute unentschuldigt bei der Arbeit gefehlt hatte.

Ich zuckte erschrocken zusammen, als plötzlich die Haustür von innen geöffnet wurde und die alte Frau Schulze mit ihrem Rollator herauskam.

„Huch“, sagte sie, nachdem sie beinah in mich hineingelaufen wäre. „Entschuldigen Sie, Fräulein Anna. Ich habe gar nicht gemerkt, dass jemand vor der Tür steht.“ Sie blickte an mir vorbei zu Lukas‘ Kollegen. „Guten Tag, junger Mann.“

„Guten Tag“, grüßte er höflich zurück, hielt ihr die Tür auf und trat einen Schritt zur Seite, um sie vorbeizulassen. Frau Schulze rührte sich jedoch nicht von der Stelle und musterte ihn skeptisch von Kopf bis Fuß. Wahrscheinlich hielt sie ihn für meinen Liebhaber, und der musste natürlich erst mal genauestens unter die Lupe genommen werden, bevor er hier im Haus ein und aus gehen durfte.

„Frau Schulze, haben Sie Lukas Engelhardt heute zufällig schon gesehen?“, fragte ich schnell. Zum einen, um sie von irgendwelchen abwegigen Gedanken abzubringen. Zum anderen, weil der alten Frau selten entging, wenn jemand das Haus betrat oder verließ. In ihrer kleinen Erdgeschosswohnung hatte sie die beste Sicht auf den Eingangsbereich, und seit ihr Mann vor zwei Jahren gestorben war, hatte sie leider kaum etwas anderes zu tun, als sich um das Leben ihrer Nachbarn zu kümmern.

„Den Herrn Engelhardt?“, überlegte sie laut. „Nein. Schon länger nicht mehr. Warum fragen Sie?“

„Nur so“, erwiderte ich ausweichend, um sie nicht zu beunruhigen. „Er hat anscheinend eine Verabredung vergessen, aber das kann ja mal vorkommen.“

Frau Schulze wiegte nachdenklich den Kopf hin und her und meinte: „Jaja, immer diese jungen Leute. Haben einfach zu viel um die Ohren heutzutage. Aber eins sag ich Ihnen, Fräulein Anna: Passen Sie immer gut auf sich auf. Es gibt viele böse Menschen da draußen. Dieser arme Mann, den sie da gerade erst gefunden haben. Fast totgeprügelt haben sie den.“

Was?! Ich erstarrte innerlich, während sich die Gedanken in meinem Kopf überschlugen. Fast totgeprügelt? Wen? Wann? Wo? Schockiert sah ich zu Lukas‘ Kollegen rüber, dessen Namen ich nach wie vor nicht kannte. Der blieb im Gegensatz zu mir gelassen, schien aber selbst bisher nichts davon gehört zu haben und wandte sich an Frau Schulze: „Was meinen Sie damit?“

Die Alte blickte etwas ratlos zwischen uns hin und her. „Ja, hört ihr jungen Leute denn keine Nachrichten mehr? Das kommt doch seit gestern ständig durchs Radio. Sie haben gesagt, dass ein junger Mann überfallen und zusammengeschlagen wurde. Irgendwo in der Stadt … Aber wo war das auch noch … Ach, ich habe es leider vergessen.“

Eine eisige Faust griff nach meinem Brustkorb und drückte immer weiter zu.

Lukas!, war mein einziger Gedanke. Was, wenn es sich dabei um ihn handelte? Wenn die Pöbeltruppe ihm doch aufgelauert hatte, um sich an ihm zu rächen?

Am liebsten hätte ich meine Nachbarin geschüttelt, damit sie mir sagte, wo dieser Überfall passiert war. Stattdessen kam dem kläglichen Rest meiner funktionsfähigen Hirnzellen eine andere Idee. Hektisch wühlte ich in meiner Tasche nach dem Handy und rief mit zitternden Fingern die Google-Suche auf. Währenddessen bekam ich gar nicht mehr mit, wie Lukas‘ Kollege sich weiter mit Frau Schulze unterhielt und sie schließlich ihrer Wege zog. Erst als er mich vorsichtig am Arm berührte, wurde mir bewusst, dass er mit mir redete.

Wie erwachend blickte ich zu ihm auf und musste dabei einen ziemlich panischen Eindruck gemacht haben, denn er legte mir besänftigend eine Hand auf die Schulter. „Hey“, sagte er ruhig. „Jetzt mach dich nicht gleich verrückt. Das muss überhaupt nichts mit Lukas zu tun haben.“

„Und wenn doch?“, stieß ich heiser hervor. Er wusste ja nichts von der Szene am Bahnsteig, sonst wäre er sicher auch nicht mehr so gelassen.

Der junge Mann deutete mit einer Kopfbewegung auf mein Handy. „Hast du was gefunden?“

Ich schaute zurück auf das Display und schüttelte frustriert den Kopf. „Nein. Bis jetzt bloß eine Überschrift, und wenn man weiterlesen will, muss man bezahlen.“

„Beim Anzeiger?“, hakte er nach.

„Ja.“

„Ich hab da ein Abo“, sagte er und zog sein eigenes Handy aus der Tasche.

Im selben Moment ging die Haustür ein weiteres Mal auf, und die fünfjährigen Zwillinge aus dem ersten Stock stürmten laut kreischend zwischen uns hindurch, gefolgt von ihrer gestressten Mutter. Auch das noch! Die Jungs waren bekannt dafür, dass sie einen in Grund und Boden quatschten, dabei lagen meine Nerven sowieso schon blank. Aber zum Glück schien es meine Nachbarin eilig zu haben, denn sie scheuchte ihre Söhne energisch weiter Richtung Auto.

Nachdem sie weg waren, schlug ich Lukas‘ Kollegen vor, zu mir nach oben zu gehen, bevor wir erneut gestört wurden. Ich kannte ihn zwar überhaupt nicht, doch ich hatte jetzt andere Sorgen, als darüber nachzudenken, ob er möglicherweise ein Frauenschänder oder Serienmörder sein könnte. Und wie zum Beweis dafür, dass er es nicht war, hörte ich ihn auf dem Weg die Treppe rauf hinter mir sagen: „Ich bin übrigens Olli.“

Wie von selbst verzogen sich meine Lippen zu einem Lächeln. „Anna“, erwiderte ich, und auch wenn Nele mich dafür garantiert zur Schnecke machen würde, reichte mir das, um diesen Wildfremden mit in meine Wohnung zu nehmen.

Schweigend gingen wir durch ins Wohnzimmer, wo Olli sich in seinen Account bei unserer Tageszeitung einloggte und ich gleichzeitig nach anderen, uneingeschränkten Artikeln suchte, aber nicht fand. Bis Olli mir sein Smartphone reichte, auf dessen Display mir der Artikel über den Überfall ins Auge sprang. Ängstlich nahm ich es entgegen und las den Text, während mir die eisige Faust immer weiter die Luft abdrückte.

Von einem bisher nicht identifizierten jungen Mann war dort die Rede, der am frühen Sonntagmorgen mit lebensgefährlichen Verletzungen hinter ein paar Müllcon­tainern eines Wohnblocks in der Nähe des Berliner Platzes gefunden worden war. Es hieß, er sei möglicherweise das Opfer eines Raubüberfalls geworden, da er weder Handy noch Portemonnaie bei sich trug. Die Verletzungen stammten laut Aussage der behandelnden Ärzte von zahlreichen Schlägen und Tritten gegen den gesamten Körper. Es wurden Zeugen gesucht, die in der Nacht etwas Verdächtiges beobachtet hatten bzw. jemanden vermissten, auf den die Personenbeschreibung passte.

„Oh mein Gott“, flüsterte ich fassungslos und las ein weiteres Mal die Angaben zum Aussehen des Opfers: Mitte zwanzig bis Anfang dreißig, groß, blond, sportlicher Körperbau, blaue Jeans, dunkelblaues T-Shirt mit grauem Aufdruck auf der Brust.

„Das alles passt genau auf Lukas. Und er war da, am Berliner Platz.“

„Ja, das schon“, gab Olli zu bedenken. „Aber beides trifft auf zig andere Leute auch zu. Du hast keine Ahnung, was da beim Public Viewing los war. Und blaue Jeans und dunkelblaues Shirt sind keine außergewöhnlichen Klamotten.“

Er wollte mich beruhigen, aber ich meinte in seiner Stimme ein leichtes Zögern zu hören. So viel Zufall konnte es außerdem gar nicht geben, dass Lukas ausgerechnet in dem Moment von der Bildfläche verschwand, in dem so ein schreckliches Verbrechen geschah. Schon für sich alleine klang das ziemlich unwahrscheinlich, geschweige denn, wenn man die Vorgeschichte kannte.

Erzähl es ihm!, wisperte eine leise Stimme in mir. Aber ich konnte nicht. Ich war wie gelähmt vor Angst und Entsetzen und dachte immer wieder nur: Bitte, lass es nicht Lukas sein! Bitte, bitte, lass es nicht Lukas sein!

„Anna?“

Ich hob den Kopf und bemerkte Ollis fragenden Blick. Er spürte anscheinend, dass etwas in mir vorging, was über die bloße Sorge um einen Nachbarn hinausging.

Verzweifelt presste ich die Lippen aufeinander und gab ihm schweigend sein Handy zurück. Dabei erstickte ich fast an all den ungesagten Worten, die mir in der Kehle steckten und rauswollten, aber nicht konnten. Nicht durften. Weil meine Befürchtungen dann Realität geworden wären. Vor meinem geistigen Auge sah ich die vier üblen Gestalten von der Haltestelle, wie sie Lukas beim Einsteigen in die Bahn ihre Drohungen hinterhergerufen hatten. Was, wenn es da einen Zusammenhang gab? Was, wenn es wirklich Lukas war, der dort schwer verletzt gefunden worden war? Verdammt, warum hatte ich mich nur von Nele beruhigen und ablenken lassen, wo ich von Anfang an dieses mulmige Gefühl gehabt hatte? Was, wenn wir doch zurückgefahren wären, um uns zu vergewissern, dass es ihm gut ging? Andererseits war ja zunächst alles bestens gewesen, solange er bei seinen Kollegen war …

„Okay“, riss Olli mich aus den Gedanken. „Was hältst du davon, wenn wir zur Polizei gehen und ihnen von Lukas erzählen, bevor wir uns hier weiter verrückt machen? Wenn er es wirklich ist, dann werden sie es schnell herausfinden können. Und wenn nicht, dann müssen wir uns darum wenigstens keinen Kopf mehr machen.“

Ich zuckte kaum merklich zusammen. Polizei? Alles in mir sträubte sich dagegen, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gab, denn ich hatte mir bisher nichts zuschulden kommen lassen. Aber das ging mir plötzlich alles zu schnell. Wenn ich dorthin ginge, müsste ich auch von dem Vorfall an der Haltestelle erzählen. Und dann würden sie fragen, warum ich nicht früher etwas gesagt hatte. Und … keine Ahnung, was noch alles. Ich war mit der ganzen Situation vollkommen überfordert und hätte mir am liebsten die Decke über die Ohren gezogen, bis dieser Albtraum vorbei war und Lukas wieder quicklebendig mit seinem Hai an die Tür polterte. Mir war klar, dass das keine sehr erwachsene Reaktion war. Aber ähnlich wie an der Haltestelle war ich in völliger Hilflosigkeit erstarrt.

Zögernd schaute ich zu Olli und bemerkte, dass er mich forschend beobachtete. Unter seinem Blick schrumpfte ich immer mehr zusammen und fühlte mich furchtbar schlecht.

„Das nimmt dich alles ganz schön mit, was?“, sagte er mitfühlend. „Also, wenn du willst, kann ich auch alleine gehen. Aber darf ich deinen Namen angeben, wenn die Beamten danach fragen?“

Ich schluckte trocken und nickte langsam. „Glaubst du, dass sie das wissen wollen? Ich kann doch auch nicht mehr dazu sagen als du.“

Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Nur für den Fall. Und vielleicht sollten wir auch unsere Handynummern austauschen, damit wir uns auf dem Laufenden halten können. Nicht, dass Lukas plötzlich hier auftaucht, während ich mich da mit der Polizei rumschlage.“

Meine Lippen verzogen sich zu einem winzig kleinen Lächeln. „Schön wär’s.“

Olli lächelte ebenfalls, tippte die Kontaktliste auf seinem Smartphone an und ließ sich meine Nummer diktieren. Nachdem wir unsere Daten gegenseitig gespeichert hatten, stand er auf und sagte: „Tja, dann will ich mal.“

Ich brachte ihn zur Tür, wo wir beide kurz innehielten und zu Lukas‘ Wohnung rüberschauten.

„Ich geb dir nachher Bescheid, was sie gesagt haben“, versprach Olli, bevor er ging.

„Danke“, erwiderte ich leise.

Er war schon die ersten drei Stufen runter, als mir etwas einfiel. „Olli?“

„Ja?“ Er blieb stehen und schaute über die Schulter zu mir zurück.

„Kannst du die Polizei bitte fragen, ob sie bei dem Mann von dem Überfall einen Schlüsselanhänger mit einem geschnitzten Hai dran gefunden haben?“

Er zog fragend die Stirn in Falten, nickte wortlos und ging.

Zurück in meiner Wohnung, ließ ich mich kraftlos aufs Sofa fallen, zog die Knie an die Brust und vergrub aufgewühlt mein Gesicht dazwischen. Das Herz pochte hart gegen meinen Brustkorb und pumpte rauschend das Blut durch meinen Körper. Lukas’ rätselhaftes Verschwinden und die Nachricht über den Überfall in der Nähe vom Berliner Platz hatten mich vollkommen schockiert, und ich wusste auch genau, warum. Was mir allerdings völlig schleierhaft war, war die Frage, wie ich nach dem Vorfall an der Haltestelle zwei Tage lang so tun konnte, als wäre nichts gewesen. War ich wirklich so oberflächlich, dass ich nach dem ersten Panikmoment die Szene einfach abhaken konnte? Oder war es ein fieser Trick meiner Psyche, das Ganze so gut zu verdrängen und zu hoffen, dass nie wieder jemand darauf zurückkommen würde? Tja, das hatte definitiv nicht funktioniert, und die schlagartige Erinnerung daran hatte mir den Boden unter den Füßen weggezogen.

Ich wusste nicht, wie lange ich so dort gesessen hatte, als mein Handy plötzlich klingelte und ich beinahe einen Herzinfarkt bekam. War das etwa schon die Polizei? Und falls ja, was sollte ich denen sagen?

Zögernd rappelte ich mich auf, beugte mich über den Tisch, um nach dem Smartphone zu greifen, und stieß erleichtert die Luft aus, als ich den Namen meiner Schwester auf dem Display las.

„Hey“, sagte ich leise, und irgendetwas daran ließ bei ihr die Alarmglocken läuten, denn sie wollte sofort wissen, was passiert war. Also erzählte ich es ihr, angefangen bei der Szene am Bahnsteig, bis hin zu Olli und der Nachricht über den Überfall.

„Oh Gott! Warum hast du das denn nicht gestern schon erzählt?“, rief Kathi entrüstet.

„Ihr musstet doch weg“, verteidigte ich mich wenig überzeugend. „Außerdem habe ich selbst nicht mehr daran gedacht, weil es aussah, als wäre alles gut gegangen. Aber jetzt …“ Unter Tränen brach ich ab und zog schniefend die Nase hoch.

„Ach, Anni“, sagte sie sanft. „Mach dich nicht verrückt, hörst du? Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass das eine etwas mit dem anderen zu tun hat. Meinst du, diese Typen hätten sich deinen Nachbarn nicht sofort gekrallt, wenn sie das vorgehabt hätten? Die hatten bestimmt etwas Besseres vor, als ihn stundenlang zu beobachten und auf die passende Gelegenheit zu warten.“

„Keine Ahnung. Aber würdest du so einen Überfall ernsthaft am helllichten Tag in der Nähe von Tausenden Fußballfans machen oder nicht doch eher abwarten, bis es dunkel und weniger bevölkert ist?“

„Hm“, machte Kathi ratlos. „Jetzt warte erst mal ab, bis die Polizei das Opfer identifiziert hat. Mit dem Hinweis von diesem Olli müsste das ja ziemlich schnell zu klären sein. Aber selbst wenn es wirklich Lukas ist, dann muss das nicht unbedingt etwas mit den Typen aus der Bahn zu tun haben. Letztendlich kann das wahrscheinlich sowieso nur er selbst sagen.“

„Wenn er es noch kann“, erwiderte ich niedergeschlagen, denn der Zeitungsartikel hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass das Opfer des Überfalls lebensgefährliche Verletzungen erlitten hatte und eine weitere Stunde hilflos hinter den Müllcontainern kaum überlebt hätte.

Für einen Moment blieb es still zwischen uns. Dann bemerkte Kathi zögernd: „Sag mal, Schwesterherz, kann es sein, dass wir hier nicht bloß über einen deiner Nachbarn reden?“

Ich gab ein kleines, trauriges Lachen von mir. Meine große Schwester witterte anscheinend potenziellen Familienzuwachs. In meinem Alter war sie bereits seit zwei Jahren verheiratet, und sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, mich ebenfalls möglichst bald unter die Haube zu bringen. Zu dumm, dass mir dafür bisher der richtige Partner fehlte. Und selbst wenn Lukas doch auf verworrenen Wegen des Schicksals derjenige sein sollte, der für mich bestimmt war, dann hatten wir jetzt gerade andere Probleme als ein Kleid in Weiß oder Champagnerfarbe.

„Das kommt wahrscheinlich darauf an, ob du ihn oder mich fragst“, erklärte ich ausweichend.

„Also magst du ihn“, schlussfolgerte sie messerscharf, und da es eine Feststellung und keine Frage war, musste ich nicht darauf antworten.

„Ich fühle mich einfach so mies, weil ich nichts getan habe, um ihm oder der jungen Frau zu helfen“, gestand ich ihr leise.

„Aber was hättest du denn tun sollen?“, entgegnete Kathi entschieden. „Dich selbst in Gefahr bringen? Man hört doch immer wieder, wie so etwas endet. Irgendwer will irgendwem helfen und ist am Ende selbst tot. Nee, Anni. Das ist auch keine Option.“

Mir lief bei ihren Worten ein eisiger Schauer über den Rücken. Ja, davon hatte ich auch schon einmal gehört. Aber es musste doch noch etwas anderes geben zwischen Nichtstun und Sein-Leben-riskieren, oder?

„Vielleicht hättest du ganz simpel die Polizei rufen sollen“, meinte Nele, als ich später mit ihr telefonierte.

„Die Polizei?“, wiederholte ich ungläubig. „Bis die da gewesen wäre, war doch längst alles vorbei.“

„Na und?“, erwiderte sie gelassen. „Aber sie hätten eine Spur gehabt und an jeder Haltestelle ein paar Beamte hinstellen können oder so was. Du hättest jedenfalls deine Pflicht getan und müsstest dich jetzt nicht mit deinem schlechten Gewissen rumschlagen. Mal ganz abgesehen davon, dass du überhaupt nicht weißt, ob es wirklich einen Zusammenhang gibt.“

„Hmmm“, murmelte ich unschlüssig. Einerseits klang das logisch, andererseits viel zu einfach. Außerdem war es dafür jetzt sowieso zu spät.

„Hey“, sagte Nele sanft. „Beruhig dich, Anna-Maus. Manchmal passieren halt mehrere blöde Sachen zufällig auf einmal. Jede Wette, dass dein Lukas sich gerade irgendwo vergnügt und keinen Schimmer von dem Überfall hat.“

„Ich möchte dir so gerne glauben.“

„Dann tu es! Und wenn es anders sein sollte, kannst du dir später immer noch den Kopf darüber zerbrechen. Sieh es mal so: Vielleicht musste das alles passieren, damit du endlich deinen süßen Hintern hochkriegst, um den nächsten Schritt bei deinem Traumprinz zu machen.“

„Na toll. Dann verzichte ich lieber, als so einen Scheiß zu erleben.“

„Grummel, grummel, grummel“, machte sie. „Ich kann verstehen, dass dich das alles ziemlich fertigmacht. Aber dieses ganze Was-wäre-wenn bringt doch nichts.“

Ich wusste, dass sie recht hatte, und trotzdem konnte ich nicht damit aufhören. Meine Freundin schien das zu spüren, denn als ihr mein Schweigen zu lange dauerte, sagte sie: „Soll ich zu dir kommen? Ich hab zwar eigentlich gleich ein Telefon-Date mit Timm, aber wenn du willst …“

„Nein“, unterbrach ich sie schnell. „Ist schon okay, ich komme klar. Ich warte bloß auf eine Nachricht von Olli, und dann versuche ich ein bisschen abzuschalten.“

Bei diesen Worten kugelte sich tief in mir ein kleines Teufelchen vor Lachen am Boden. Wem wollte ich eigentlich etwas vormachen?

Nele dagegen kaufte mir mein haltloses Versprechen scheinbar ab, sagte: „Braves Mädchen“, und verabschiedete sich.

Eine halbe Stunde später war es so weit, dass mir mein Handy die erlösende Nachricht anzeigte. Nur, dass sie nicht wirklich erlösend war, denn Olli schrieb: Alles erledigt, aber mehr kann ich dir leider nicht sagen. Die bei der Polizei haben sich alles angehört, sich bei mir bedankt und werden sich drum kümmern. Bin nicht sicher, ob ich jemals was von denen hören werde.

Ich schluckte meine Enttäuschung runter und antwortete: Na toll! Also sind wir genauso schlau wie vorher. Hast du nach dem Schlüsselanhänger gefragt?

Ja. Aber der Typ, mit dem ich zu tun hatte, hatte entweder ein gutes Pokerface oder echt keine Ahnung. Er wird das überprüfen …

Das sind ja tolle Aussichten. Im schlimmsten Fall liegt Lukas also halb tot im Krankenhaus, und wir kriegen es nicht mal mit? Er hat hier doch niemanden sonst. Soweit ich weiß, ist er von weiter weg hierhergezogen.

Ja, schrieb Olli. Aber ich werde morgen mal eine Kollegin aus der Personalverwaltung anstiften, dass sie sich bei mir meldet, wenn sie etwas hört. Irgendwer muss die Firma ja benachrichtigen, falls Lukas länger ausfallen sollte.

Gute Idee, erwiderte ich. Gibst du mir Bescheid, sobald du etwas Neues weißt?

Natürlich. Du auch? Kann ja sein, dass die Polizei oder ein Verwandter an seiner Wohnung auftaucht. Wenn er es denn überhaupt ist …

Ja klar, antwortete ich mit einem traurigen Lächeln. Dieser Olli gefiel mir. Er nahm die Sache wirklich ernst, hatte dabei aber so eine praktische Art, statt wie ich kopflos in Panik zu verfallen.

Nachdem wir uns voneinander verabschiedet hatten, blieb ich einen Moment reglos auf dem Sofa sitzen und beschloss dann, ins Bett zu gehen, auch wenn ich sowieso kein Auge zubekommen würde.

Ich kannte Lukas kaum. Zwischen uns war bisher nichts gewesen außer diesem unglaublich schönen gemeinsamen Frühstück nach dem Feueralarm und ein bisschen Treppenhausflirterei. Und trotzdem könnte ich es nicht ertragen, wenn ihm etwas zugestoßen wäre. Vielleicht auch deshalb, weil tief in mir ein hauchzartes Zipfelchen meines Unterbewusstseins darauf beharrte, dass ich es hätte verhindern können.

Die Nacht wurde wie erwartet furchtbar. Statt zu schlafen, lauschte ich auf jedes kleine Geräusch im Treppenhaus, doch nie blieben die Schritte an der Tür nebenan stehen, sondern polterten jedes Mal weiter rauf ins Dachgeschoss.

Als ich am Dienstagmorgen zur Arbeit kam, war ich wie gerädert. Und ausgerechnet heute hatten wir nach Feierabend eine weitere Schulung für die neue Buchungssoftware. Das perfekte Timing, denn meine Konzentration ging mit jeder Stunde mehr Richtung null. Aber auf wundersame Weise schaffte ich es, auch diesen Tag zu überstehen.

Zwischendurch schaute ich ständig auf mein Handy und hoffte, dass Olli sich mit Neuigkeiten gemeldet hatte. Doch alles, was er am frühen Nachmittag schrieb, war, dass er bisher nichts gehört hatte.

Abends um halb zehn hatte ich endlich Feierabend. Auf dem Weg nach Hause versuchte ich vergeblich, meine hoffnungsvolle Erwartung, dass Lukas wiederaufgetaucht sein könnte, zu bremsen und mich gegen die Enttäuschung zu wappnen, wenn es eben nicht so sein sollte. Alles in mir kribbelte vor Nervosität, und sobald unser Wohnblock in Sichtweite kam, suchte ich mit den Augen die Fassade nach den Fenstern von Lukas‘ Wohnung ab. Die zwei außen rechts waren meine und daneben …

Ich schnappte überrascht nach Luft. Da war Licht hinter einem der Fenster! Vorsichtshalber zählte ich noch einmal nach, aber es war definitiv das vierte Fenster von rechts im zweiten Stock, also die Wohnung von Lukas!

Schlagartig schoss mein Puls in die Höhe. Am liebsten wäre ich sofort losgerannt, um bei ihm zu klingeln und mich erleichtert in seine Arme zu stürzen. Stattdessen blieb ich wie erstarrt stehen und blickte mit wild klopfendem Herzen weiter nach oben. So ganz traute ich der Sache nicht über den Weg. War das wirklich Lukas da in der Wohnung? Sollte tatsächlich auf einmal alles wieder gut sein? Oder war es vielleicht doch bloß ein Angehöriger, der gekommen war, um ihm ein paar Sachen fürs Krankenhaus zu holen?

Während ich noch zögerte, tauchte eine Silhouette am Fenster auf, und ich keuchte vor Erleichterung auf. Größe, Statur, Haare – alles, was ich von hier unten erkennen konnte, passte. Das war Lukas! Er war wieder da! Ihm war nichts passiert!

In Rekordzeit legte ich das letzte Stück bis zur Haustür zurück und schaffte es nur mit Mühe, sie aufzuschließen, weil meine Finger vor Aufregung so stark zitterten. Ich hätte heulen können vor Freude, zwang mich aber, es nicht zu tun. Was sollte Lukas denn denken, wenn ich plötzlich tränenüberströmt vor seiner Tür stand? Es würde schon schwer genug sein, ihm nicht sofort um den Hals zu fallen.

Ohmeingottohmeingottohmeingott! Er war wirklich wieder da. Die ganze Angst war umsonst gewesen. Völlig überwältigt taumelte ich die Treppe rauf, während auf jeder einzelnen Stufe ein Lukas-ist-da in meinem Kopf herumtanzte.

Als ich schließlich vor seiner Wohnungstür stand, flatterten unzählige Schmetterlinge in aufgeregter Vorfreude in meinem Bauch herum. Ich freute mich so wahnsinnig darauf, ihn zu sehen. Nur dass das in diesem Fall wenig mit Verliebtheit zu tun hatte, sondern mit der unfassbaren Erleichterung, dass ihm nichts passiert war. Dass die Szene an der Haltestelle kein Nachspiel gehabt hatte und ich deshalb dieses furchtbare Was-wäre-wenn-Karussell in meinem Kopf endlich abstellen konnte.

Ich atmete tief durch und drückte mit zitternden Fingern auf die Klingel.

Hinter der Tür hörte ich Schritte näher kommen, dann ein „Hallo?“ und ein leises Fluchen: „Wie funktioniert denn dieses Mistding?“

Im selben Moment rutschte mir das Herz in die Hose. Das war nicht Lukas. Es war nicht seine Stimme. Außerdem hätte er im Gegensatz zu dem Mann in seiner Wohnung gewusst, wie man die Gegensprechanlage im Flur bediente. Aber wer war es dann? Und wo war Lukas?

Für einen Augenblick stand ich wie gelähmt vor der Tür und fragte mich, ob es das zu bedeuten hatte, was ich glaubte. Dann hob ich wie in Zeitlupe die Hand und klopfte sacht an die Wohnungstür, um dem Fremden zu verstehen zu geben, dass ich hier oben direkt davor stand. Die Tür öffnete sich, und dahinter kam ein Mann zum Vorschein, der einerseits unglaubliche Ähnlichkeit mit Lukas hatte und andererseits überhaupt nicht. Er war genauso groß, genauso blond, genauso gut trainiert, doch damit hörten die Gemeinsamkeiten bereits auf. Seine Augen waren zwar auch blau, aber wesentlich weniger intensiv, eher schon grau und glanzlos, statt so strahlend und funkelnd wie die von Lukas. Überhaupt wirkte er furchtbar blass und matt und war das genaue Gegenteil von diesem lebenslustigen Strahlemann, der normalerweise hier wohnte. Es musste sein älterer Bruder sein, von dem Lukas mir bei unserem gemeinsamen Frühstück erzählt hatte. Und in dem Zustand, in dem er sich befand, wurde mir schlagartig klar, dass sich jeden Moment alle meine Befürchtungen bestätigen würden.

Felix

Bis Montagabend um elf hatte ich immer noch nichts von Lukas gehört und startete für diesen Tag einen letzten Versuch, ihn anzurufen. Für den Fall, dass er doch Spätschicht gearbeitet hatte, müsste er jetzt definitiv Feierabend haben. Aber es ging wieder nur die Bandansage ran. Verdammt! Hatte der Kerl sein Handy ausgeschaltet, oder was?

Ärgerlich legte ich mein Smartphone zur Seite und beschloss, ins Bett zu gehen. So langsam konnte Lukas mich gerne haben.

Als ich eine halbe Stunde später gerade eingeschlafen war, läutete es an der Haustür. Verwirrt schlug ich die Augen auf, warf einen Blick auf den Radiowecker und überlegte, wer zum Teufel um diese Zeit bei mir klingelte. Hauptsache, das waren nicht diese Jugendlichen, die bei uns in der Straße ständig Blödsinn machten.

Im Nachhinein fragte ich mich, wieso ich nicht gleich auf das Offensichtliche gekommen war. Wenn es spät­abends an der Tür klingelte, bedeutete das doch nie etwas Gutes. Vor allem dann nicht, wenn man bereits den ganzen Tag vergeblich versucht hatte, seinen Bruder zu erreichen. Aber diese Verbindung hatte ich nicht gesehen und wurde von den beiden Polizeibeamten vor meiner Tür eiskalt erwischt.

Sie wollten wissen, ob ich der Bruder von Lukas Engelhardt war. Sie fragten, ob sie einen Moment hereinkommen könnten. Sie erzählten etwas von einem Überfall und dass ich mit in die Klinik kommen sollte, um zu bestätigen, dass es sich bei dem Opfer um meinen Bruder handelte.

In meinem Kopf herrschte schlagartig Chaos. Krankenhaus? Überfall? Lukas? Nein! Das musste ein Irrtum sein!

Die nächsten anderthalb Stunden versanken in einem Nebel aus Hoffen und Bangen. Knapp hundert Kilometer waren definitiv zu weit für die Angst, die sich mit dem Auftauchen der Polizisten in meinem Bauch zusammengeballt hatte.

Das kann nicht Lukas sein!, redete ich mir gut zu. Wer sollte ihm so etwas antun wollen? Das ist doch absurd. Aber ich schlage mir gerne die Nacht um die Ohren, um euch zu sagen, dass ihr euch vertan habt.

Doch tief in meinem Inneren ahnte ich, dass diese Hoffnung vergeblich war. Die Polizei würde nicht über die weite Strecke solchen Aufwand betreiben, wenn sie nicht einen guten Grund dafür hätte, oder?

Oh, shit! Konnte mich bitte mal jemand wecken und aus diesem Albtraum erlösen?

Aufgewühlt fuhr ich mir mit den Händen übers Gesicht und griff nach meinem Handy, in dem naiven Glauben, dass dort unverhofft eine Nachricht von Lukas eingegangen sein könnte und dem Spuk ein Ende machte. Aber abgesehen von der Uhrzeit war das Display leer.

Nach einem unübersichtlichen Gewirr von Gängen und Fahrstühlen stand ich schließlich mit schweißnassen Händen auf der Intensivstation. Wie ferngesteuert folgte ich einem Arzt in einen Raum, der vorne, rechts und links aus Glaswänden bestand, trat an das Bett heran und hätte meinen eigenen Bruder beinah nicht erkannt. Überall an ihm waren Kabel und Schläuche und führten in zahlreiche blinkende und piepende Maschinen, die fast die komplette vierte Wand einnahmen. Lukas‘ Gesicht war tiefrot und blau und geschwollen und eins der wenigen Körperteile, die nicht in einem Gips oder Verband steckten.

Vollkommen schockiert starrte ich auf ihn herunter und brachte vor Entsetzen keinen Ton heraus. Erst als der Arzt mich zum wiederholten Mal fragte, ob das Lukas war, schaffte ich es zu nicken. Das kleine Muttermal an seiner linken Schläfe ließ keinen Zweifel daran. Plötzlich hatte ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, und musste mich am Fußende des Bettes festhalten, um nicht in die Knie zu gehen.

„Was ist mit ihm?“, würgte ich an dem Kloß in meinem Hals vorbei. „Er wird doch wieder gesund, oder?“ Selbst in meinen Ohren klang die Frage nach einem verzweifelten Flehen. Und genau das war es, was ich fühlte: pure Verzweiflung.

Der Arzt dagegen verzog keine Miene, als er mir etwas von zahlreichen Knochenbrüchen, inneren Verletzungen, Prellungen, Quetschungen und künstlichem Koma erzählte. Aber es gab wohl auch keinen Weg, jemandem schonend beizubringen, dass der Patient in Lebensgefahr schwebte und Glück hatte, es überhaupt bis hierher geschafft zu haben.

Mir war kotzübel von all den Informationen und der Angst, dass ich meinen Bruder verlieren könnte. Gleichzeitig kochte die Wut in mir hoch. Wer hatte ihm das verdammt noch mal angetan? Und warum überhaupt? Die Polizei tappte bei diesen Fragen völlig im Dunkeln und vermutete einen Raubüberfall, da Lukas kein Portemonnaie und Handy bei sich gehabt hatte, als er gefunden wurde. Hätte sich nicht ein Kollege auf dem Revier gemeldet, wüssten sie nicht einmal, wer er war.

Völlig neben der Spur sank ich auf einen der Besucherstühle im Wartebereich vor der Intensivstation. Dort harrte ich die ganze Nacht und den folgenden Tag aus, bis die Schwestern mich nach Hause schickten, damit ich mich ausruhte und ein wenig schlief. Sie sagten, ich könnte sowieso nichts tun und sie würden mich sofort benachrichtigen, wenn sich an Lukas‘ Zustand etwas änderte.

Ich glaubte kaum, dass ich auch nur ein Auge zukriegen würde, war aber mittlerweile so erschöpft, dass ich es zumindest versuchen musste. Also raffte ich mich auf und fuhr zu Lukas‘ Wohnung. Die Polizei hatte mir seinen Schlüssel überlassen, und zu mir nach Hause wäre ich jetzt eh nicht gefahren. Ich wollte auf jeden Fall in der Nähe meines Bruders bleiben und würde höchstens noch einmal zurückfahren, wenn ich unbedingt etwas aus meiner eigenen Wohnung brauchte. Bei der Arbeit hatte ich mich für den Rest der Woche abgemeldet, und weiter reichte mein Horizont momentan nicht. Im Gegenteil. Genau genommen konnte ich gar nicht mehr denken und war einfach froh über jede Stunde, die verging und in der Lukas überlebt hatte.

Nachdem ich die Wohnungstür hinter mir zugemacht hatte, blieb ich eine Weile reglos im Flur stehen und lauschte in diese unerträgliche Stille hinein. Lukas sollte jetzt hier sein und so etwas sagen wie: „Hey, Bruderherz, was stehst du denn so bedröppelt da rum? Komm rein und mach’s dir bequem. Hätte ich dich erwartet, hätte ich doch einen Kuchen gebacken.“

Dabei wussten wir beide, dass er eine absolute Niete in der Küche war.

Mit einem traurigen Lächeln legte ich den Schlüsselbund mit Lukas‘ geliebtem Hai-Anhänger auf die Kommode und ging langsam durch die Wohnung. Dafür, dass mein Bruder manchmal ein echter Chaot war, war es hier überraschend ordentlich. Seit seinem Umzug vor sechs Wochen war ich nicht mehr hier gewesen, und ich staunte, wie gemütlich er es sich gemacht hatte. Auf der Anrichte neben dem Fernseher standen ein paar Fotos, doch ich zwang mich, nicht hinzuschauen. Ich wusste, dass ich es jetzt nicht ertragen würde, ein Bild von unseren Eltern oder einem frech grinsenden Lukas zu sehen. Stattdessen ging ich weiter in die Küche, und wie aufs Stichwort fing mein Magen an zu knurren.

Im Kühlschrank fand ich ein paar Eier, einen Rest Schinken und etwas Milch. Obwohl ich davon überzeugt war, keinen Bissen runterzukriegen, haute ich es zusammen in die Pfanne und machte mir ein Rührei.

Nach dem Essen suchte ich mir ein paar frische Klamotten aus dem Schrank und ging duschen. Zum Glück hatten Lukas und ich dieselbe Größe, sodass ich mir zunächst mit seinen Sachen weiterhelfen konnte.

Anschließend rief ich meinen besten Freund Martin an, um ihm zu erzählen, was passiert war. Auch er war völlig erschüttert und bot mir sofort seine Hilfe an, wenn ich etwas benötigte oder Beistand brauchte. Es tat gut, mit ihm zu reden, aber wirklich helfen konnte er nicht. Das konnte niemand, denn momentan half bloß abwarten und beten, in der Hoffnung, dass es tatsächlich eine höhere Macht gab, die selbst die untreuesten Schäfchen in einer solchen Situation erhörte.

Als Martin sich nach einigem „Kopf hoch“ und „Halt die Ohren steif“ verabschiedet hatte, nahm ich mein Smartphone vom Ohr und starrte nachdenklich auf das Display. Es waren nur zwei, drei Stichworte, die ich bei Google eingeben musste, um nachlesen zu können, was mit Lukas passiert war. Aber wollte ich das? War das, was die Polizisten mir erzählt hatten, nicht schon schlimm genug, als dass ich mir jetzt einen mehr oder weniger wahrheitsgemäßen Abklatsch davon antun sollte?

Mitten in meine Überlegungen hinein klingelte es an der Tür. Ich zuckte erschrocken zusammen und spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.

Bitte lass das nicht die Polizei mit schlechten Neuigkeiten aus der Klinik sein!

Das war zwar totaler Blödsinn, jetzt wo das Krankenhaus meine Telefonnummer hatte, aber zum logischen Denken war ich gerade nicht in der Lage. Deshalb hatte ich auch keine Idee, wer sonst bei Lukas klingeln sollte. Eine seiner Liebhaberinnen jedenfalls nicht, denn so gut kannte ich meinen Bruder, dass er seine Eroberungen nie mit zu sich nach Hause nahm, um später keine Heulsusen vor seiner Tür stehen zu haben, die etwas missverstanden hatten.

Zögernd ging ich in den Flur, kämpfte mit diesem Türöffner-Sprechapparat-Ding und drehte mich überrascht zur Tür um, als es leise dagegenklopfte.

Draußen stand eine junge Frau, die mich einerseits ziemlich verschreckt anschaute, andererseits aber nicht so wirkte, als hätte sie mit Lukas gerechnet. Sie musterte mich schweigend, während in ihren Augen ein Kampf aus bitterer Erkenntnis und naivem Nicht-wahr­haben-wollen tobte. Diese Gefühlsregung kam mir bekannt vor. Allerdings fragte ich mich, was bei ihr der Grund dafür sein mochte, denn von Lukas‘ Zustand konnte sie kaum etwas wissen. Also, wer war sie und was wollte sie?

„Hallo“, sagte ich, und es klang selbst in meinen Ohren eher wie eine Frage.

„Hallo“, gab sie unsicher zurück. „Ich wollte eigentlich zu Lukas. Ist er da?“

Ich sah sie an und spürte, dass sie die Antwort bereits kannte. Doch in ihrem Blick lag so ein flehendes Bitte-sag-ja, dass ich meine eigene Verzweiflung darüber fast vergaß.

„Nein“, presste ich mit seltsam belegter Stimme heraus und fühlte mich wie ein Arschloch, weil ich ihre Hoffnung so gnadenlos zerstören musste. „Tut mir leid.“

Die junge Frau senkte den Kopf und sackte dabei regelrecht in sich zusammen. Ich beobachtete sie einen Moment nachdenklich und war jetzt wirklich neugierig, wer sie war.

Als ich sie danach fragte, stammelte sie hektisch: „Oh … ja … ähm, sorry. Ich bin Anna … von nebenan.“ Mit der Hand deutete sie rüber zu ihrer Wohnungstür.

Ah, die Nachbarin. Lukas hatte mal von ihr erzählt. Aber ich konnte mich nicht daran erinnern, dass die beiden besonders dicke miteinander gewesen wären. Jedenfalls nicht so, dass es ihr komisches Verhalten erklärt hätte.

„Du bist sein Bruder, oder?“, fragte diese Anna, bevor mir selbst eingefallen war, was ich als Nächstes sagen sollte.

Ich nickte schwach und antwortete: „Ja, Felix.“

Anschließend breitete sich erneut Schweigen zwischen uns aus. Ich sah ihr an, dass ihr eine Frage auf der Zunge lag. Aber ich wollte sie nicht hören und schon gar nicht darauf antworten, denn wenn ich erst mal ausgesprochen hätte, was mit Lukas passiert war, dann wäre es plötzlich real und kein beschissener Albtraum mehr. Mit Martin darüber zu reden, war eine Sache. Aber warum sollte diese fremde Frau in einem solchen Traum auftauchen? Konnte sie nicht einfach wieder verschwinden? Ihr Nachbar war nicht da, Punkt, Ende der Durchsage. Wenn ich sie mir so anschaute, war ihr Lukas ohnehin wichtiger, als er sein sollte. Der typische Moment, bevor die armen Häschen erkannten, was für ein Weiberheld Lukas war, und sich Hoffnungen auf mehr machten. Andererseits … wieso hatte ich das Gefühl, dass sie mehr wusste, als sie eigentlich wissen konnte? Hatte mein Bruder in den letzten Wochen etwa eine wundersame Wandlung durchlebt und sich ausgerechnet von seiner Nachbarin bekehren lassen? Unter anderen Umständen hätte ich mich wahnsinnig darüber gefreut. Doch jetzt verkomplizierte es die Sache nur unnötig, denn ich wollte mich neben meiner eigenen Angst nicht auch noch mit ihrer auseinandersetzen. Aber ich konnte ihr ja schlecht die Tür vor der Nase zuschlagen.

Anna

Es fühlte sich an wie ein Tanz auf rohen Eiern, den ich hier mit diesem Felix veranstaltete. Er schien mich so schnell wie möglich wieder loswerden zu wollen, ohne etwas erklären zu müssen. Ich dagegen würde nicht eher gehen, bevor ich nicht erfahren hatte, was mit Lukas war, auch wenn ich gleichzeitig furchtbare Angst davor hatte.

„Ihm ist etwas passiert, oder?“, fragte ich leise.

Felix schluckte schwer und sah so mitgenommen aus, dass es eigentlich Antwort genug war. „Luka ist im Krankenhaus“, erklärte er zögernd, und alleine dieses liebevoll weggelassene S am Namen seines Bruders machte deutlich, wie viel er ihm bedeutete. „Er … Es war wahrscheinlich ein Überfall, sagt die Polizei.“

Nein! Nein, nein, nein! Bitte nicht!, schrie eine Stimme in mir, obwohl ich es die ganze Zeit geahnt, befürchtet, gewusst hatte.

„Also doch“, flüsterte ich entsetzt, mehr zu mir selbst als zu ihm. Aber natürlich hatte er es gehört und schaute mich überrascht an.

„Was heißt das, also doch?“

Ich wich seinem intensiven, fragenden Blick aus und wurde plötzlich von meinen Schuldgefühlen erdrückt. Wie sollte ich Felix nur erklären, was ich alles wusste und vor allem, warum ich nichts getan hatte? Dass ich es vielleicht hätte verhindern können, aber stattdessen mein Bauchgefühl in die Ecke getreten hatte und mit meiner Freundin ein paar Cocktails trinken gegangen war? Das konnte ich nicht. Nicht, solange ich nicht wusste, wie es Lukas ging und ob das eine überhaupt mit dem anderen zu tun hatte. Immerhin bestand weiterhin die Möglichkeit, dass es gar keine Verbindung zwischen dem Überfall und der Pöbeltruppe am Bahnsteig gab. Mit einem voreiligen Geständnis würde ich Felix nur unnötig verrückt machen und er mich völlig umsonst hassen.

„Ich habe davon gehört“, antwortete ich ausweichend und wagte es nicht, ihm dabei in die Augen zu gucken. „Eine Nachbarin hatte es erwähnt, direkt nachdem ich unten vor der Tür Lukas‘ Kollegen getroffen hatte. Er war auf der Suche nach ihm und …“ Ich geriet ins Stocken, sammelte mich kurz und erklärte weiter: „Wir haben zusammen versucht, im Internet mehr über den Überfall in Erfahrung zu bringen, weil wir beide seit Samstagabend nichts mehr von Lukas gehört und gesehen haben. Und die Personenbeschreibung passte dann genau auf ihn, deshalb … Ich hatte so ein komisches Gefühl, also ist Olli zur Polizei gegangen, um denen das zu melden. Und jetzt sagst du, dass es wirklich Lukas ist.“

Meine Stimme versagte den Dienst, und mir liefen ein paar dicke Tränen über die Wangen. Hastig wischte ich sie mit dem Handrücken weg, doch es kamen immer neue.

Felix stand währenddessen vollkommen reglos vor mir und schwieg, starrte an mir vorbei ins Leere und hatte anscheinend seinen eigenen Film vor Augen. Erst als ich mich bewegte und überlegte, ob ich besser gehen sollte, reagierte er und sagte überraschend: „Willst du vielleicht mit reinkommen?“

Unentschlossen schaute ich rüber zu meiner Wohnungstür, dann wieder zu ihm. Felix hielt meinen Blick fest, und ich meinte in seinem so etwas zu erkennen wie: Lass mich bitte nicht alleine!

Ich bekam eine Gänsehaut und nickte schwach.

Er machte einen Schritt zur Seite, und ich betrat zögernd den Flur. Dabei fiel mir sofort der Schlüsselbund auf der Kommode ins Auge. Wie von selbst griff meine Hand nach dem hölzernen Hai und strich sanft mit dem Finger darüber.

Ich spürte Felix‘ fragenden Blick auf mir und legte den Hai schnell zurück. „Tut mir leid“, erklärte ich beschämt. „Es ist nur … das ist so ein Insidergag zwischen Lukas und mir, weil er es nie schafft, seine Wohnung aufzuschließen, ohne mit dem Ding gegen die Tür zu poltern.“

Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, doch es war so unendlich traurig, dass es mir das Herz brach.

„Der Hai hat eine tiefere Bedeutung für ihn, oder?“, hakte ich vorsichtig nach.

Felix nickte stumm. Sein gequälter Gesichtsausdruck sprach Bände, deshalb ließ ich es damit gut sein. Vielleicht würde ich eines Tages erfahren, was es mit dem Schlüsselanhänger auf sich hatte. Und wenn nicht, dann nicht. Jetzt hatten wir jedenfalls andere Sorgen.

Wir gingen weiter ins Wohnzimmer, das vom Grundriss genauso beschaffen war wie meins, nur spiegelverkehrt und deutlich karger und männlicher eingerichtet. Wäre ich jetzt mit Lukas hier gewesen, hätte ich ihn bestimmt nach Hobbys und Lieblingsfilmen, -büchern, -musik und Ähnlichem gefragt. Aber die Situation war eine völlig andere, und Felix wirkte hier genauso fehl am Platz wie ich. Er deutete einladend aufs Sofa, blieb selbst jedoch stehen und schien nicht zu wissen, wohin mit sich und seiner Ruhelosigkeit. Meiner Meinung nach gehörte er ins Bett, so übernächtigt und erschöpft, wie er aussah. Aber ich konnte mir vorstellen, dass er in seiner Situation sowieso nicht schlafen konnte.

„Erzählst du mir, was mit Lukas passiert ist?“, fragte ich leise, als Felix keinerlei Anstalten machte, von sich aus zu reden.

„Frag lieber, was ihm nicht passiert ist“, antwortete er matt. „Luka ist von oben bis unten kaputt. Brüche, Prellungen, Quetschungen.“ Er hielt kurz inne, und mir entfuhr ein entsetztes: „Oh mein Gott“.

Felix starrte geistesabwesend aus dem Fenster und fügte hinzu: „Der oder die Täter müssen ganze Arbeit geleistet haben. So viel Gewalt. Und das bloß für so ein paar Euro und ein Smartphone.“

Ich zuckte innerlich zusammen. Nicht nur wegen der Verletzungen, sondern weil ich nach wie vor davon überzeugt war, dass es eben kein gewöhnlicher Raubüberfall war.

„Ist denn schon sicher, dass nicht doch etwas anderes dahintersteckt?“, gab ich zögernd zu bedenken.

„Was sollte das denn sein?“, meinte er wenig überzeugt. „Luka ist so ein Everybody’s darling, der keiner Fliege was zuleide tun kann. Und da soll ausgerechnet er sich mit jemandem schlagen? Eher quatscht er den Gegner mit seinem Charme unter den Tisch.“

Bei der Vorstellung musste ich beinahe lächeln, doch die Last meines schlechten Gewissens war stärker.

„Und wenn er an einen Gegner geraten ist, bei dem das nicht gewirkt hat?“

Felix drehte sich um und bedachte mich mit einem nachdenklichen Blick.

„Ich meine ja nur“, erklärte ich schnell, bevor er auf die Idee kam, dass ich irgendetwas wissen könnte. „Olli hat zum Beispiel erwähnt, dass Lukas was mit einer Frau am Wickel hatte. Was, wenn da plötzlich ein eifersüchtiger Freund aufgetaucht ist? Oder er sich in etwas anderes eingemischt hat, was jemandem nicht gefallen hat?“

Wie zum Beispiel die Belästigung einer jungen Frau durch vier ekelhafte Typen an der Bahnhaltestelle, dachte ich im Stillen, während eine leise Stimme in mir drängte, es auch auszusprechen.

Doch sofort wurde sie von Felix übertönt, der sich stöhnend neben mir aufs Sofa fallen ließ und haareraufend sagte: „Ich weiß es nicht. Und ich hoffe nur, dass wir es überhaupt jemals erfahren werden und der oder die Täter dafür verknackt werden. Aber bis jetzt hat die Polizei keinen einzigen Anhaltspunkt.“

Er blickte wieder auf und starrte einen Moment geradewegs durch mich hindurch. „Das kann doch nicht sein, oder?“, überlegte er laut. „Da stehen ein paar große Wohnblocks drum herum, und keiner will etwas gehört oder gesehen haben? Wenn du mich fragst, haben die alle bloß weggeguckt, weil sie zu feige waren. Aber können sie dann nicht wenigstens jetzt eine Zeugenaussage machen?“

Er war zum Ende hin immer lauter geworden, und jedes Wort fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Denn ohne es zu wissen, hatte er damit auch mich gemeint. Betroffen presste ich die Lippen aufeinander, hin- und hergerissen, ob ich ihm von dem Vorfall an der Haltestelle erzählen sollte. Aber ehe ich eine Entscheidung treffen konnte, klingelte sein Handy.

Felix und ich zuckten gleichzeitig zusammen. Angespannt schaute er auf das Display, nicht bereit, weitere schlechte Nachrichten zu empfangen. Aber offenbar kannte er den Anrufer oder die Anruferin und entspannte sich schlagartig. Er ging ran, versprach, dass er gleich zurückrufen würde, und legte sofort wieder auf.

„Ein Freund“, sagte er knapp.

Wir sahen uns an, und sein Blick brachte mich völlig aus der Fassung. Das Blau seiner Augen war bei genauerem Hinsehen doch intensiver, als ich gedacht hatte, und erinnerte mich viel zu sehr an Lukas. Allerdings an einen ernsthaften, niedergeschmetterten Lukas, den ich so nie kennengelernt hatte. Und die Vorstellung, dass sein Strahlen und Funkeln dem Überfall zum Opfer gefallen und für immer erloschen sein könnten, zerriss mir das Herz. Ich hatte das Gefühl, es keinen Moment länger in Felix‘ Gegenwart auszuhalten – und schaffte es gleichzeitig doch nicht, mich von ihm abzuwenden.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir uns so angeschaut hatten, als Felix vollkommen unerwartet sagte: „Weiß Luka eigentlich, was er hier gerade verpasst?“

Ich blinzelte verwirrt und konnte mir auf diese Frage keinen Reim machen. „Wie meinst du das?“

„Was du für ihn fühlst“, erwiderte er mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass es mir die Sprache verschlug.

Wieso glaubte eigentlich jeder, über mein Gefühlsleben Bescheid zu wissen? Jeder, außer demjenigen, den es betraf. Ich presste die Lippen fest aufeinander und schüttelte den Kopf.

„Hätte mich auch gewundert“, meinte Felix.

Stirnrunzelnd bemerkte ich: „Du sprichst gerne in Rätseln, oder?“

Um seine Mundwinkel zuckte es, was mir eine klitzekleine Vorstellung davon verschaffte, dass auch der Ernsthaftere der beiden Brüder lächeln konnte.

„Nein, eigentlich nicht“, erklärte er. „Aber Luka ist … Ach, egal. Ist jetzt nicht wichtig.“

Natürlich machte er mich damit erst recht neugierig, doch ich hatte den leisen Verdacht, dass ich gar nicht wissen wollte, was Lukas seiner Meinung nach war.

Für einen kurzen Moment schwiegen wir uns gedankenverloren an, dann sagte ich leise: „Tja, also … Dann will ich mal gehen, damit du telefonieren kannst.“

Felix nickte, allerdings spürte ich ein leichtes Zögern dahinter. Unentschlossen stand ich auf, nahm meine Tasche und steuerte die Wohnungstür an. Draußen im Hausflur drehte ich mich noch einmal zu ihm um.

„Wenn was ist, weißt du ja, wo du mich findest.“ Mit einem einladenden Lächeln deutete ich rüber zu meiner Wohnung.

„Danke“, erwiderte er und sah dabei so verloren aus, dass ich ihn am liebsten umarmt hätte.

„Es wird bestimmt alles wieder gut“, versuchte ich ihn zu trösten, während ein kleines Teufelchen in mir empört erklärte: Was bist du doch für eine elende Heuchlerin!

Schnell verabschiedete ich mich von Felix und flüchtete rüber in meine eigenen vier Wände, aus Angst, dass er mir die Gedanken an der Nasenspitze ablesen könnte.

In der Stille und Einsamkeit meiner Wohnung bohrte sich die brutale Wahrheit schließlich ungehindert einen Weg in mein Bewusstsein: Lukas war wirklich dieser aufs Übelste zugerichtete, halb totgeprügelte junge Mann aus den Nachrichten. Und ich hätte es vielleicht verhindern können.

Verzweifelt ließ ich mich auf einen Küchenstuhl fallen und griff nach meinem Handy, um Nele anzurufen, doch ich erreichte nur die Mailbox.

Verdammt! Warum ging sie denn ausgerechnet jetzt nicht ran?!

Ich musste unbedingt mit jemandem reden, und die Nächstbeste, die mir einfiel, war meine Schwester. Kathi hörte sich mein unzusammenhängendes Gestammel und Geschniefe an und machte keinen Hehl daraus, wie erschüttert sie war. Erst als ich darauf beharrte, dass es bestimmt einen Zusammenhang zu der Pöbeltruppe am Bahnsteig gab, und erklärte, dass ich zur Polizei gehen musste, um eine Aussage deswegen zu machen, verfiel sie wieder in den Vernünftige-große-Schwester-Modus.

„Bist du dir sicher?“, bemerkte sie zweifelnd. „Warte doch erst mal ab. Die Polizei wird schon …“

„Worauf soll ich denn warten?“, unterbrach ich sie ungeduldig. „Die Polizei hat nichts. Gar nichts. Und wenn keiner etwas sagt, werden die Täter nie gefasst und lachen sich ins Fäustchen. Aber wenn erst einer den Anfang macht, und das kommt an die Öffentlichkeit, dann ziehen vielleicht andere nach und melden sich auch. Felix hat vollkommen recht. Da, wo es passiert ist, wohnen so viele Leute drum herum. Irgendjemand muss doch etwas davon mitbekommen haben.“

Ich hörte Kathi tief durchatmen und nachdenklich schweigen. „Ja“, meinte sie schließlich. „Einerseits hast du sicher recht. Aber andererseits … Hast du dabei mal an dich gedacht? Wenn es an die Öffentlichkeit kommt, wissen auch deine S-Bahn-Täter, dass sie verpfiffen wurden. Und dir ist schon klar, dass die wissen, wo sie dich finden, oder? So viele Leute waren an dem Abend nicht am Bahnsteig, wie du gesagt hast. Da werden die bestimmt ganz schnell drauf kommen, wer bei der Polizei geplaudert hat. Und wenn sie tatsächlich so böse sind, wie du denkst, möchtest du dann wirklich jeden Tag von dort mit der Bahn losfahren?“

„Aber …“, wollte ich protestieren, doch die Worte blieben mir auf halbem Weg im Hals stecken. Weil es genauso war, wie sie sagte, und das verursachte mir eine eisige Gänsehaut. Ich war auf die S-Bahn angewiesen, und zwar auf genau diese Haltestelle, denn die nächste war zu weit entfernt, um dorthin zu laufen. Was, wenn die Typen wirklich da auftauchten und sich an mich erinnerten? Andererseits … deshalb konnte ich doch nicht schon wieder nichts tun, oder?

„Was soll ich denn machen?“, flüsterte ich hilflos.

„Halt dich einfach da raus, Anna“, sagte Kathi eindringlich. „Bitte. Du kannst es eh nicht ungeschehen machen, und ich will nicht, dass dir auch etwas passiert.“

Sie klang ehrlich besorgt. Doch das war nicht alles, was ich aus ihren Worten heraushörte. „Das heißt, du glaubst auch, dass es die Typen von der Haltestelle waren?“, vergewisserte ich mich.

„Nein“, antwortete sie zögernd. „Ja … Ich … Ach, keine Ahnung. So was passiert doch sonst alles immer woanders oder im Fernsehen. Aber … Überleg dir einfach gut, was du tust, okay?“

„Hmhmm.“

Für einen Moment herrschte Schweigen im großen, weiten Handynetz.

„Anna?“, sagte Kathi dann leise.

„Hm?“

„Ich kann verstehen, dass dir das keine Ruhe lässt. Aber wenn du wirklich zur Polizei gehst, dann verschwinde wenigstens eine Weile von der Bildfläche, bis die Täter gefasst sind, okay? Kannst du nicht vielleicht ein paar Nächte bei Nele unterkommen?“

Ich stieß ein trauriges Lachen aus. „Die hat selbst kaum Platz, seit sich ihr Bruder bei ihr einquartiert hat.“

„Du kannst auch zu uns kommen“, schlug sie vor, doch wir wussten beide, wie unrealistisch das war. Von Kathis Zuhause aus würde ich locker doppelt so lange bis zur Arbeit brauchen. Außerdem hatte sie bereits genug um die Ohren mit dem kleinen Flo. Aber ihr Angebot rührte mich.

„Danke“, erwiderte ich. „Ich werde drüber nachdenken.“

„Du wirst schon das Richtige tun, Anni! Und meld dich, wenn was ist!“

Mit diesen Worten verabschiedeten wir uns voneinander, und ich war wieder alleine mit der Frage, was ich jetzt tun sollte. Zur Polizei gehen oder nicht? Oder wenigstens mit Felix reden?

Verzweifelt vergrub ich das Gesicht in meinen Händen und sah sofort wieder seinen ratlosen, mutlosen, hilflosen Blick vor mir. Diese Angst um seinen Bruder und eine Traurigkeit, die sehr viel tiefer ging. Ich wollte nicht diejenige sein, die ihm mit diesem weiteren Vorfall den Rest gab. Aber ich musste, denn nur so würde die Tat möglicherweise aufgeklärt werden können und Felix wieder etwas zur Ruhe finden. Und Lukas … ihm war ich es ebenfalls schuldig, dass die Täter, die ihm das angetan hatten, ihre gerechte Strafe bekamen. Wurden diese Haltestellen nicht alle videoüberwacht? Dann müsste es doch ein Leichtes sein, die Pöbeltruppe darauf zu erkennen, oder? Ich musste der Polizei bloß den entscheidenden Hinweis geben, dann würden sie die Kerle schnappen, und ich musste keine Angst mehr vor ihnen haben.

Vorher wollte ich allerdings noch mit Nele telefonieren und hören, was sie dazu sagte. Außerdem musste ich Olli unbedingt Bescheid geben, was ich erfahren hatte.

Entschlossen wischte ich mir über die Augen, riss ein Stück Küchenpapier von der Rolle ab und putzte mir die Nase. Anschließend brachte ich zuerst Olli auf den Stand der Dinge und rief dann meine Freundin an. Als Nele hörte, was los war, fackelte sie nicht lange und machte sich sofort auf den Weg zu mir. Keine zehn Minuten später saß sie neben mir auf dem Sofa, und ich erzählte ihr alles über Felix und Lukas, meine Ängste und Zweifel und das, was Kathi gesagt hatte.

„Scheiße“, brachte Nele die Sache sehr knapp, aber ziemlich treffend auf den Punkt. Sie runzelte die Stirn, brütete einen Moment still vor sich hin und erklärte dann, dass sie an meiner Stelle auf jeden Fall zur Polizei gehen würde. Und dass ich jederzeit bei ihr unterkommen könnte, wenn ich mich zu Hause nicht sicher fühlte. Ihren Bruder würde sie einfach rausschmeißen, der ginge ihr eh auf die Nerven. Sie klang dabei so selbstsicher und entschlossen, dass ich ihr am liebsten blind vertraut hätte. Aber in der Zwischenzeit hatten sich auch Kathis Bedenken so tief in mir verwurzelt, dass ich wie immer viel zu lange zögerte und Was-wäre-wenn-Gedanken wälzte.

„Ach, Anna-Maus“, seufzte Nele. „Was ist das alles für ein Mist. Also wenn du mich fragst, schlafen wir jetzt erst mal eine Nacht drüber, und morgen früh kannst du dann mit klarem Kopf entscheiden, was du tun willst, okay? Und sei es, dass du diesen Felix zum Frühstück einlädst und wenigstens mit ihm redest.“

„Hmhmm.“ Ich nickte und kaute nachdenklich auf meiner Unterlippe herum, als meine Freundin urplötzlich das Thema wechselte und fragte: „Sieht er eigentlich auch so unverschämt gut aus?“

Ungläubig riss ich den Kopf hoch und schaute sie fassungslos an. „Sag mal, geht’s noch?“

Die Frage war typisch Nele, doch als sie mich dabei frech angrinste, verzogen sich meine Mundwinkel wie von Geisterhand geführt nach oben. Sie hatte die faszinierende Gabe, selbst in der schlimmsten Situation ihren Humor zu behalten, ohne dass es sich falsch oder gefühllos anfühlte. Es war einfach ihre Art, und letztendlich war ich ihr jedes Mal dankbar, wenn sie es schaffte, mich damit aus dem Sumpf zu ziehen. Heute jedoch verpuffte die Wirkung sofort wieder.

Ich dachte an Felix, sah seinen verlorenen Blick vor mir und fragte mich, was er gerade machte. Ob er wenigstens ein bisschen schlafen konnte? Zu hören war jedenfalls nichts aus der Nachbarwohnung.

„Was glaubst du denn?“, antwortete ich mit einem Moment Verzögerung traurig. „Wie soll man schon aussehen, wenn einem die Nachricht, dass sein Bruder brutal überfallen wurde, den Boden unter den Füßen weggezogen hat? Genetisch sind sich die beiden vielleicht sehr ähnlich, aber ansonsten ist Felix gerade das genaue Gegenteil von einem Strahlemann.“

„Hmmm“, machte Nele. „Kann ich mir denken. Aber stell dir mal vor, eines Tages ist alles wieder gut und du hast plötzlich zwei solche Prachtexemplare vor dir stehen! Nicht, dass du dann Probleme kriegst, dich für einen von ihnen zu entscheiden.“

„Nele“, knurrte ich drohend. „Es reicht. Das ist jetzt echt nicht mehr komisch.“

Sie lachte und knuffte mich liebevoll in die Seite. „Ach, Süße. Du weißt doch, dass ich nur versuche, dich aufzumuntern. Es nützt ja nichts, in Trübsinn zu verfallen. Damit ist niemandem geholfen.“

„Ja, ich weiß“, gab ich widerwillig zurück.

Anschließend diskutierten wir darüber, ob Nele heute Nacht bei mir bleiben sollte oder nicht, und nachdem ich sie endlich überzeugt hatte, dass sie mich alleine lassen und nach Hause fahren konnte, umarmte sie mich fest und ging.

Als sie im Treppenhaus außer Sichtweite war, wanderte mein Blick wie von selbst rüber zur Nachbarwohnung. Unwillkürlich tauchte ein trauriges Paar blauer Augen vor mir auf. Und tatsächlich hatte ich in den letzten zwei Stunden fast genauso oft an Felix gedacht wie an Lukas. Aber bestimmt nicht so, wie Nele es vorhin gemeint hatte.

Kopfschüttelnd schloss ich die Tür und machte mich fertig fürs Bett. Doch an Schlaf war wie erwartet nicht zu denken. Mir gingen tausend Dinge durch den Kopf, während gleichzeitig Bilder von einem strahlenden Lukas und einem am Boden zerstörten Felix auf meiner inneren Leinwand auftauchten. Vergeblich versuchte ich, abzuschalten und endlich zur Ruhe zu finden, schaffte es aber nicht. Denn das, was mir am unerträglichsten und lautesten im Schädel herumhämmerte, war mein eigenes Schweigen.

Felix

Nachdem Anna gegangen war, lehnte ich mich mit dem Rücken an die Wohnungstür und sackte erschöpft in mich zusammen. Das Gespräch mit Lukas‘ Nachbarin hatte mir die letzte Kraft geraubt. Ich kannte sie nicht und wusste nicht, was zwischen ihr und Lukas eigentlich lief. Aber diese paar Minuten hatten ausgereicht, um zu erkennen, was für ein liebenswürdiger Mensch sie war, und ich würde meinen Bruder ordentlich zur Sau machen, wenn er es wagen sollte, sie nur als eine seiner Gespielinnen zu benutzen. Wenn er es denn überhaupt noch konnte …

Ich verbot mir, den Gedanken weiterzuverfolgen, und griff stattdessen zum Handy, um Martin zurückzurufen. Anschließend schleppte ich mich ins Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf. Im Traum wirbelten zahlreiche Erinnerungsfetzen durcheinander und vermischten sich mit allerhand Blödsinn, den das Chaos in meinem Kopf dazwischenwarf: Es klingelte an der Tür, und als ich öffnete, lag ein völlig zertrümmerter Lukas davor; meine verstorbene Oma hielt mich im Arm und sagte: „Du musst jetzt ganz tapfer sein, mein Junge“; und dann war da Anna, die mir den Schlüsselbund reichte, mir mit der anderen Hand so sanft über die Wange strich, wie sie es vorhin bei dem kleinen Holz-Hai getan hatte, und erklärte, dass alles wieder gut werden würde.

Schweißgebadet wachte ich auf und wusste im ersten Moment nicht, wo ich war. Es war halb sechs Uhr morgens. Keine Nachrichten oder verpassten Anrufe auf meinem Smartphone. Das wertete ich als gutes Zeichen. Trotzdem packte mich sofort wieder die Ruhelosigkeit. Also zog ich mich an, legte einen kurzen Zwischenstopp im Bad ein, schloss äußerst vorsichtig die Wohnungstür zu, um nicht mit dem Hai an den Rahmen zu poltern, und machte mich dann auf den Weg ins Krankenhaus.

Lukas‘ Zustand war unverändert schlecht, und die Ärzte hielten ihn weiterhin im künstlichen Koma, damit sich sein Körper in Ruhe auf die Heilung konzentrieren konnte.

Nach wie vor fassungslos, wie jemand so gewalttätig sein konnte, beobachtete ich, wie sich der Brustkorb meines Bruders im Takt der Beatmungsmaschine hob und senkte. Anschließend harrte ich erneut stundenlang im Wartebereich vor der Intensivstation aus. Während ich dort saß und nichts anderes tun konnte, als zu warten, tauchten aus meinem Gedächtnis bruchstückhaft Bilder aus der Vergangenheit auf. Szenen aus unserer Kindheit und Jugend, die trotz des frühen Todes unserer Eltern glücklich gewesen waren und geprägt von der Liebe unserer Großeltern und absolutem Zusammenhalt. Feli und Luka gegen den Rest der Welt, mit allem Jungs-Blödsinn, der dazugehörte.

Wie gerne würde ich die Zeit dorthin zurückdrehen. Aber jetzt waren wir erwachsen und spätestens seit dem Tod von Oma Grete vor sechs Monaten auf uns alleine gestellt – so, wie man es mit Ende zwanzig bzw. Anfang dreißig eigentlich ohnehin sein sollte. Trotzdem war es ein Unterschied, ob da noch jemand war, den man jederzeit um Rat fragen konnte, oder nicht. Besonders in einer Situation wie dieser, auch wenn Oma gerade dafür vorgesorgt hatte.

Nach dem frühen Unfalltod unserer Eltern hatte sie darauf bestanden, dass wir uns jeweils mit achtzehn mit dem Thema Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Organspendeausweis befassten, und ließ dabei keine Ausrede gelten. Sie wollte nicht diejenige sein, die eines Tages darüber entscheiden musste, ob unser Leben unnötig verlängert werden sollte oder unsere Organe gespendet werden durften. In unserem jugendlichen Leichtsinn hatten wir natürlich amüsiert die Augen verdreht und das alles ausgefüllt, als hätte es nichts mit uns zu tun. Doch jetzt saß ich hier und wusste seit dem Gespräch mit dem Arzt heute Morgen, dass ich nachher in Lukas‘ Wohnung einen ganz bestimmten Ordner suchen musste, auch wenn sich alles in mir dagegen sträubte. Was, wenn die Ärzte aufgrund der Unterlagen die Maschinen abstellen wollten, ich aber nicht bereit dazu war? Bis zu diesem Gespräch hatte ich den Gedanken erfolgreich verdrängt, dass es dermaßen schlimm um Lukas stand. Doch die Realität war leider eine andere.

Am Nachmittag brauchte ich dringend eine Pause von der erdrückenden Krankenhausatmosphäre und dem Dunst aus Desinfektionsmitteln. Ich holte mir in der Cafeteria einen Kaffee und ein belegtes Brötchen und setzte mich damit draußen im Park in die Sonne.

Als ich mein Handy aus der Tasche zog, sah ich, dass den Tag über zahlreiche Nachrichten eingetroffen waren. Ich hatte das Gerät auf der Intensivstation in den Flugzeugmodus und auf lautlos gestellt und erschrak, als ich unter anderem die Nachricht über drei verpasste Anrufe einer Nummer hier aus der Stadt entdeckte. Die Polizei? Sonst kannte hier niemand außer dem Krankenhaus meine Kontaktdaten.

Ich holte tief Luft und tippte nervös auf das Display. Wie erwartet musste ich erst weiterverbunden werden, dann landete ich bei Frank Oppermann, dem leitenden Ermittler in Lukas‘ Fall. Er bedankte sich für meinen Rückruf und erklärte mit ernster Stimme, dass es neue Informationen gab. Statt mich gleich darüber aufzuklären, fragte er jedoch: „Wissen Sie zufällig, ob Ihr Bruder am Samstagabend mit der S-Bahn unterwegs war? Und falls ja, wann er ungefähr von zu Hause weggefahren ist?“

Ich hätte beinah spontan „Nein“ gesagt, doch dann fiel mir ein, dass ich mit Lukas telefoniert hatte, als er gerade loswollte … und dass ich den Maklertermin absagen musste, weil ich momentan andere Sorgen hatte, als das Haus meiner Oma zu verkaufen.

„Ähm … ja“, antwortete ich und zwang mich zur Konzentration. „Er muss so gegen acht mit der Bahn gefahren sein. Lukas hat seit seinem Umzug kein eigenes Auto und meinte, dass er in der Stadt auch keins braucht.“

„Hmhmm“, brummelte der Beamte vor sich hin.

„Warum wollen Sie das wissen?“, hakte ich irritiert nach. „Der Überfall war doch erst viel später, und zwischendurch war er wie geplant beim Public Viewing, hatte Ihr Kollege gesagt.“

„Ja, das ist richtig. Aber es gibt möglicherweise einen Zusammenhang zu einem Vorfall, der sich bereits vorher an der Haltestelle Georgstraße ereignet hat“, sagte er. Dann erzählte er mir von einer Zeugenaussage, laut der eine junge Frau an eben jener Haltestelle, an der Lukas eingestiegen war, von ein paar Männern belästigt worden war. Mein Bruder hatte anscheinend eingegriffen, um ihr zu helfen, und war anschließend selbst zur Zielscheibe der jungen Männer geworden. Bevor es allerdings zu weiteren Handgreiflichkeiten kommen konnte, wäre die Bahn eingetroffen und jeder seiner Wege gegangen, erklärte der Beamte. Es sei nicht sicher, ob es dabei einen Zusammenhang zu dem Überfall gab, aber sie müssten der Spur nachgehen.

Ich sackte in mich zusammen und stieß geräuschvoll die Luft aus. Nein! Bitte nicht!

Ich konnte mir allzu gut vorstellen, wie Lukas dieser jungen Frau geholfen hatte. Er hatte schon immer einen ausgeprägten Beschützerinstinkt gehabt und war unerschrocken genug, um bei einer solchen Szene beherzt einzugreifen. Besonders, wenn es sich dabei um eine gut aussehende junge Frau handelte. Aber beim Gedanken daran, dass er für diese gute Tat so übel zugerichtet worden sein könnte, stellten sich mir die Nackenhaare auf.

„Und … wie geht es jetzt weiter?“, fragte ich zögernd. „Gibt es überhaupt eine Chance, die Täter zu kriegen und herauszufinden, ob beides miteinander zu tun hat?“

„Wir tun, was wir können“, sagte Frank Oppermann. „Es gibt ein paar vage Beschreibungen der Männer, mit denen wir morgen an die Öffentlichkeit gehen. Wir hoffen dadurch auf weitere Zeugenaussagen. Aber einfach wird es tatsächlich nicht. Ich wünschte, der Vorfall wäre uns sofort gemeldet worden, dann hätten wir die Videoaufzeichnung vom Bahnsteig sichern können. Aber so werden die Aufnahmen bedauerlicherweise nach vierundzwanzig Stunden überschrieben.“

Was?! Oh, shit!

„Aber … da waren doch bestimmt noch mehr Leute an der Haltestelle, oder?“, überlegte ich laut. „Hat denn von denen niemand eingegriffen?“

„Leider nein“, antwortete der Beamte knapp. „Aber wir hoffen wie gesagt darauf, dass uns der Zeugenaufruf weiterbringt. Ich gebe Ihnen Bescheid, sobald es etwas Neues gibt.“

„Okay, danke.“ Ich beendete die Verbindung und starrte fassungslos das Smartphone in meiner Hand an, als wäre das Gerät für irgendetwas von dem verantwortlich, was ich gerade erfahren hatte. Gleichzeitig überlegte ich, was schlimmer wäre: Wenn Lukas das Zufallsopfer eines Räubers geworden war oder wenn es wirklich einen Zusammenhang zu seiner Hilfsaktion am Bahnsteig gab. Letztendlich war es jedoch egal. Denn das Einzige, was im Moment zählte, war, dass er überlebte.

Ich fuhr mir mit der Hand müde übers Gesicht, atmete tief durch und machte mich auf den Weg zurück zur Intensivstation. Nach Absprache mit den Ärzten durfte ich zum Glück auch außerhalb der Besuchszeiten zu Lukas rein, wenn ich nicht zu lange am Stück blieb oder die Schwestern und Pfleger gerade etwas bei ihm zu erledigen hatten. Doch länger als ein paar Minuten hielt ich es diesmal ohnehin nicht bei ihm aus. Nachdem ich erfahren hatte, dass mein Bruder möglicherweise nur deshalb so zugerichtet worden war, weil er helfen wollte, konnte ich es noch weniger ertragen, so hilflos neben seinem Bett zu sitzen und einfach nichts tun zu können. In mir kochte die Wut hoch, und am liebsten hätte ich um mich geschlagen und irgendetwas zertrümmert. Dabei war ich eigentlich eher ein friedlicher Mensch. Aber die ganze Situation warf mich völlig aus der Bahn. Deshalb verabschiedete ich mich kurz darauf von Lukas und versprach ihm, später wiederzukommen. Ich musste dringend raus an die Luft, mich bewegen und diese überschüssige Energie in mir loswerden. Also marschierte ich los, ließ den Klinikparkplatz links liegen und folgte der Straße, die am ehesten ein bisschen Grün zwischen all dem Teer und Beton zu bieten hatte. Sie führte aus der Stadt raus Richtung Außenbezirke, und während der Verkehr sich immer mehr lichtete, wurde auch ich allmählich etwas ruhiger.

Ich hatte keine Ahnung, wie weit ich gelaufen war oder wo ich mich überhaupt befand, als die ersten Regentropfen auf meine nackten Arme fielen. Überrascht blickte ich zum Himmel rauf, an dem sich in der Zwischenzeit dicke graue Wolken zusammengeballt hatten. Und wie aufs Stichwort fing es an zu donnern.

Fluchend suchte ich nach einem schützenden Unterstand und entdeckte ein Stück weiter das Wartehäuschen einer S-Bahn-Haltestelle. Wie sich herausstellte, hatte ich Glück im Unglück und die Linie führte direkt zum Klinikum.

Nichtsdestotrotz war ich ziemlich nass, als ich dort ankam, deshalb ging ich nicht zu Lukas rauf, sondern gleich zu meinem Auto. Alles in mir drängte zwar danach, noch einmal nach ihm zu sehen. Aber wenn ich keine Erkältung riskieren wollte, sollte ich jetzt lieber fahren und mir etwas Trockenes anziehen, bevor ich in den nächsten Tagen gar nicht mehr zu ihm durfte. Denn selbst einem Laien wie mir war klar, dass die kleinste Infektion meinen Bruder mit größter Wahrscheinlichkeit umbringen würde.

Anna

Als ich am späten Mittwochnachmittag Feierabend machte, regnete es in Strömen. Deprimiert beobachtete ich, wie die Tropfen an der Fensterscheibe der S-Bahn herunterliefen, und hing meinen Gedanken nach. Die Sache mit Lukas ließ mich einfach nicht los, von daher passte das Wetter perfekt zu meiner Stimmung. Wenigstens hatte ich heute Morgen in weiser Voraussicht einen Schirm eingepackt, sodass ich auf dem Weg zum Supermarkt und nach Hause nicht klatschnass wurde.

An unserem Wohnblock angekommen, sah ich in der Parkreihe davor ein Auto mit fremdem Kennzeichen stehen. Das war an und für sich nichts Ungewöhnliches, denn die Studenten bei uns im Haus kamen oft von weiter weg. Merkwürdig war jedoch, dass das Licht daran brannte und eine Gestalt vollkommen reglos hinter dem Lenkrad kauerte. Beim Näherkommen erkannte ich, dass es Felix war. Er starrte durch die Windschutzscheibe raus in den Regen und schien in Gedanken meilenweit weg zu sein. Wenn ich mich nicht täuschte, sah er noch schlechter aus als am Abend zuvor, und prompt schlug mir das Herz bis zum Hals. Was, wenn etwas mit Lukas war? Wenn er …

Nein!, unterbrach ich mich selbst. Es gab sicherlich eine ganz simple Erklärung dafür, warum er nicht ausstieg und nach oben ging. Vielleicht hatte er keinen Schirm dabei und wollte nicht nass werden. Außerdem konnte ich sein Gesicht durch die leicht beschlagene und vollgetropfte Scheibe gar nicht richtig erkennen und mir alles Mögliche einbilden.

Entschlossen holte ich Luft und klopfte vorsichtig an die Seitenscheibe, um Felix nicht zu erschrecken. Aber natürlich tat ich es doch. Ruckartig drehte er den Kopf zu mir herum, schien einen Moment zu brauchen, bis er regis­triert hatte, wer ich war, und ließ dann das Fenster herunter.

„Hey“, sagte ich lächelnd. „Willst du hier warten, bis der Regen aufhört, oder kann ich dir ein Stück von meinem Schirm anbieten?“

Felix blickte wieder nach vorne, als hätte er gar nicht bemerkt, dass es überhaupt regnete. Dabei war sein ganzes Shirt voll mit nassen Flecken.

„Alles okay bei dir?“, vergewisserte ich mich zögernd.

Er zuckte mit den Schultern, und so hilflos und verloren, wie er dabei wirkte, hätte er auch gleich den Kopf schütteln können.

„Felix? Bitte sag was! Ist mit Lukas alles in Ordnung?“

Daraufhin stieß er ein bitteres Lachen aus. „Nein. Ganz bestimmt nicht.“

„Aber er lebt?“, bohrte ich weiter.

Für einen Moment passierte gar nichts, und ich befürchtete schon das Schlimmste, dann nickte er.

Ich atmete erleichtert auf. So weit, so gut. Aber irgendetwas musste trotzdem geschehen sein.

„Kommst du mit rein?“, versuchte ich es erneut. „Dann können wir in Ruhe reden. Hier ist es grad etwas ungemütlich.“

Außerdem wollte ich sowieso mit ihm sprechen. Jedenfalls war das bis vorhin mein Plan gewesen. Doch jetzt war ich unsicher, wie viel ich ihm in seinem Zustand noch zumuten konnte.

Felix sah mich an, ließ die Fensterscheibe wieder hochfahren, zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und stieg aus.

Auf dem Weg die Treppe rauf bemerkte ich, dass sein Shirt auf dem Rücken ebenfalls nass war. Doch als ich ihn darauf ansprach, nuschelte er bloß etwas vor sich hin, das wie „verlaufen“ klang. Ich fragte nicht weiter nach, schlug ihm vor, sich erst mal umzuziehen, und bot ihm an, dass er danach gerne zu mir rüberkommen und später mit mir essen konnte.

„Danke“, erwiderte er leise, und ich rechnete fest mit einem Aber, doch es kam nicht.

Eine knappe halbe Stunde verging, und ich fragte mich gerade, ob Felix wirklich kommen würde, als es endlich klingelte. Er hatte sich nicht nur umgezogen, sondern auch geduscht, denn er roch frisch nach Shampoo oder Seife. Genauso wie Lukas am Samstagabend im Treppenhaus. Die Erinnerung daran war wie ein Schlag in die Magengrube, doch ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, hielt ihm einladend die Tür auf und sagte: „Komm rein! Essen dauert noch einen kleinen Moment. Willst du was trinken?“

„Nein, danke.“ Er folgte mir in die Küche und beobachtete schweigend, wie ich meinen Auflauf in den Ofen schob. „Anna … Das mit der Einladung zum Essen ist wirklich nett von dir“, bemerkte er, nachdem ich mich wieder aufgerichtet hatte. „Aber … Ehrlich gesagt habe ich überhaupt keinen Appetit, und ich glaube, ich bin heute auch keine so gute Gesellschaft.“

Da war es, das Aber. Ich sah ihn an und wartete, bis er mich ebenfalls anschaute. In seinen Augen tobte ein Sturm an Gefühlen, doch ich konnte unmöglich erkennen, was genau darin vor sich ging.

„Was ist passiert?“, fragte ich leise.

Felix musterte mich einen Augenblick lang stumm, ehe er niedergeschlagen antwortete: „Es war vielleicht doch nicht nur ein Raubüberfall.“

„Was?! Aber was … Ich meine, wieso …“ In meinem Kopf überschlug sich plötzlich alles. Es konnte nicht sein, dass er schon von dem Vorfall am Bahnsteig gehört hatte. Ich wollte ihm doch gleich erst davon erzählen.

„Die Polizei hat mich heute angerufen“, begann er und erklärte mir genau das, was ich ihm bisher verschwiegen hatte.

Atemlos hörte ich ihm zu und überlegte nebenbei fieberhaft, wer diese Zeugin war, die den Vorfall an der Haltestelle gemeldet hatte. Die blonde Frau aus dem Drogeriemarkt? Oder eine von den beiden Alten? Auf jeden Fall jemand, der mutiger gewesen war als ich, denn nach den ganzen Grübeleien der Nacht hatte ich beschlossen, erst mit Felix zu reden und dann zur Polizei zu gehen, vielleicht sogar mit ihm zusammen. Aber jetzt war die Situation eine völlig andere.

Ich schluckte schwer. „Felix, ich …“, setzte ich an, ihm endlich zu sagen, was ich wusste. Doch er war zu sehr in seinen eigenen Gedanken gefangen und redete unbeirrt dazwischen.

„Kannst du dir vorstellen, dass die anderen Leute wirklich nur zugeguckt und nichts getan haben? Sie haben diese junge Frau einfach ihrem Schicksal überlassen und Luka genauso. Ich würde ja sagen, er hat Glück gehabt, dass die Bahn in dem Moment kam, aber … Was, wenn der Überfall wirklich damit zu tun hat und sich der Racheakt dieser Truppe bloß auf später verschoben hat?“

Jeder einzelne Satz von ihm fühlte sich an wie eine Ohrfeige, und genau die hatte ich verdient. Verbissen presste ich die Lippen aufeinander und spürte, wie mich der Mut verließ. Statt ihm alles zu erklären, sagte ich deshalb nur vorsichtig: „Vielleicht hatten sie Angst, da auch mit reingezogen zu werden.“

Felix schnaubte. „Ja. Das würde mir alleine bestimmt genauso gehen. Und vielleicht war es zu leichtsinnig von Luka, so vorzupreschen. Aber da war niemand alleine! Und zusammen hätten sie es ja wohl mit vier Halbstarken aufnehmen können oder die Polizei rufen oder was weiß ich was.“

Ich schrumpfte immer mehr in mich zusammen und wollte wie schon bei Nele ins Feld werfen, dass die Polizei ohnehin zu spät da gewesen wäre. Aber ich brachte keinen Ton heraus. In meiner Kehle sammelte sich ein riesengroßer Kloß an Tränen, und wenn ich es selbst nicht tat, würde der mich jeden Moment verraten. Und mit seiner nächsten Bemerkung verpasste Felix mir den Gnadenstoß.

„Wenn bloß einer rechtzeitig den Mund aufgemacht hätte, hätte die Polizei jetzt wenigstens die Aufnahmen von der Überwachungskamera. Aber so ist es zu spät.“

Was?! Ich riss erschrocken den Kopf hoch, doch er merkte es nicht einmal, weil er völlig in Gedanken versunken auf die Tischplatte starrte. Eine eisige Hand schnappte sich mein Herz und drohte es zu zerreißen.

„Warum ist es zu spät?“, fragte ich mit belegter Stimme.

„Weil die Aufzeichnungen nur vierundzwanzig Stunden gespeichert und dann überschrieben werden“, antwortete er niedergeschlagen.

Nein! Das war jetzt nicht wahr, oder?

Vierundzwanzig Stunden. Sonntagabend. Wenn mir bis dahin doch bloß aufgefallen wäre, dass Lukas nicht nach Hause gekommen war. Oder wenn ich meinem Bauchgefühl gefolgt wäre, als ich erkannt hatte, dass die Pöbeltruppe mit ihm zusammen am Berliner Platz ausgestiegen war.

„Ich … Entschuldige mich kurz“, presste ich mit letzter Kraft heraus, verließ fluchtartig die Küche und stürzte ins Bad. Mir war plötzlich furchtbar übel, doch letztendlich waren es nur Tränen, die in Sturzbächen aus mir herausschossen. Wie gerne hätte ich meine Schuldgefühle einfach ausgekotzt, aber so leicht wollte es mir mein Gewissen nicht machen.

Ich hatte schon eine ganze Weile zusammengekauert auf dem Klodeckel gesessen, als es leise an der Tür klopfte.

„Anna?“, hörte ich Felix gedämpft durch das Holz. „Ist alles okay?“

„Ja“, rief ich mit zittriger Stimme. „Bin gleich wieder da.“

„Gut. Ich habe den Ofen schon mal abgestellt“, sagte er.

Unwillkürlich musste ich lächeln. Und weinen. Wie sehr hatte ich mir gewünscht, mit Lukas näher in Kontakt zu kommen, ihn zu besuchen oder zu mir einzuladen, gemeinsam zu essen, zu reden, zu lachen. Stattdessen war es jetzt sein Bruder, der hier war und sich wie selbstverständlich in meiner Küche zu schaffen machte. Nur das Lachen fehlte. Und das mit dem Reden war so eine Sache, an der ich dringend arbeiten musste.

Ich atmete tief durch, putzte mir die Nase und klatschte mir kaltes Wasser ins Gesicht, um meine verheulten Augen wenigstens einigermaßen zu kaschieren. Es war allerdings vergeblich, also gab ich es auf, band mir die Haare neu zusammen und ging zurück in die Küche.

Felix saß am Küchentisch und starrte gedankenverloren vor sich hin. Als er mich kommen hörte, hob er den Kopf und musterte mich einen Moment schweigend.

„Sorry“, murmelte ich verlegen und wandte mich geschäftig dem Schrank zu, um ein paar Teller und Gabeln herauszuholen. Ich spürte seinen Blick in meinem Rücken und fragte mich, was er gerade dachte. Doch ich musste gar nicht weiter überlegen, denn die Antwort darauf gab er mir selbst.

„Anna, ich will dir ja nicht zu nahetreten“, begann er zögernd. „Aber … Ich fürchte, dass das, was du für Luka empfindest, ziemlich einseitig ist. Er ist einfach so ein Typ …“ Er stockte. „Keine Ahnung, wie ich das am besten ausdrücken soll.“

Ich drehte mich zu ihm um und lächelte traurig. „Meinst du, ich weiß nicht, dass jemand wie er nicht zu haben ist? Mir ist schon klar, dass Männer wie Lukas entweder vergeben oder bloß auf ein Abenteuer aus sind. Aber darum geht es nicht. Es ist …“

Sag’s ihm!, wisperte eine Stimme in mir.

Felix hielt meinen Blick fest und wartete schweigend ab, dass ich weiterredete. Verstohlen wischte ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Es ist nur im Moment alles etwas viel auf einmal“, quetschte ich heraus, wandte mich von ihm ab und hasste mich selbst für meine Feigheit.

„Ja, das ist es“, hörte ich ihn leise hinter mir sagen.

Verzweifelt biss ich mir auf die Unterlippe und wünschte mir plötzlich, dass er doch lieber wieder gehen würde. Ich erstickte beinah an meinem Schweigen, aber ich bekam einfach nicht heraus, was ich ihm eigentlich sagen wollte. Sagen sollte. Sagen musste.

Geistesabwesend griff ich nach der heißen Auflaufform und merkte in allerletzter Sekunde, dass ich die Topflappen vergessen hatte. Das wäre schmerzhaft geworden.

Ich zwang mich zur Konzentration, atmete tief durch und stellte das Essen auf den Tisch. Felix beobachtete mich still dabei und lächelte verlegen, als sein Magen im selben Moment ein eindeutiges Knurren von sich gab. Der beste Beweis dafür, dass Appetit und Hunger zweierlei Dinge waren. Auch mir war nicht nach Essen zumute, aber dem Körper war das leider herzlich egal.

Schweigend füllte ich uns auf, stellte zwei Gläser und eine Flasche Wasser auf den Tisch und setzte mich. Felix bedankte sich leise, darüber hinaus waren uns die Worte irgendwie ausgegangen.

Als ich die Stille nicht länger aushielt, versuchte ich es mit Small Talk und fragte ihn: „Was ist mit dir? Hast du eine Freundin?“

„Nein.“ Sein Gesicht verdüsterte sich und war Antwort genug. Es war, als wäre eine Klappe heruntergefallen, auf der stand: heute keine Sprechstunde. Ich war mir ziemlich sicher, dass er im Gegensatz zu seinem Bruder sehr wohl der Typ für eine feste Beziehung war. Aber wie es aussah, hatte ihm jemand das Herz gebrochen. Da war ich ja schön ins Fettnäpfchen getreten. Vielleicht sollte ich auch lieber den Mund halten.

Eine Weile aßen wir schweigend unseren Auflauf, bis Felix nur noch in seinen restlichen Nudeln herumstocherte, schließlich die Gabel zur Seite legte und sagte: „Tut mir leid. Ich schaffe nicht mehr.“

„Ist schon okay.“

Wir sahen uns an, und in meinem Bauch fing es an zu rumoren. Ich hätte allerdings nicht sagen können, ob es an meinen Schuldgefühlen, an seiner Ähnlichkeit zu Lukas oder diesem herzzerreißend melancholischen Blick lag. Vermutlich alles zusammen.

„Also dann.“ Felix räusperte sich und rückte seinen Stuhl nach hinten. „Danke für das Essen. Ich fahre jetzt noch mal in die Klinik. Zu Luka, und weil ich den Ärzten ein paar Unterlagen bringen muss.“

Mit einem stummen Nicken beobachtete ich, wie er aufstand, und folgte ihm in den Flur. Ich wusste nicht, was für Unterlagen er meinte, doch es musste etwas Bedeutsames sein, denn ich spürte, wie sehr er sich dagegen sträubte.

An der Wohnungstür blieb Felix stehen, schien über etwas nachzudenken und drehte sich noch einmal zu mir um. „Der Überfall …“, sagte er zögernd. „Ich würde mir gerne angucken, wo das war. Kannst du mir vielleicht zeigen, wie ich da hinkomme?“

„Ja … klar“, antwortete ich, schließlich hatte ich mir die Karte von dem Tatort im Internet so oft angesehen, dass sie sich schon auf meiner Linse festgebrannt hatte. „Das ist eigentlich ganz leicht zu finden“, fügte ich hinzu. „Mit der Bahn jedenfalls. Oder willst du lieber mit dem Auto hin?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Wenn es mit der Bahn einfacher ist, mache ich das.“

„Okay. Also, dann nimmst du …“

„Anna?“, unterbrach er mich.

„Ja?“

Felix schaute mich an, und ich sah, dass in seinen Augen ein wahrer Kampf tobte. Er wollte anscheinend etwas loswerden, rang jedoch mit sich, ob er es wirklich wagen konnte, mich darauf anzusprechen. Es war bloß ein kurzer Augenblick, aber mir kam es vor wie eine Ewigkeit, denn je länger sein Schweigen andauerte, umso mehr beschlich mich eine dunkle Vorahnung, und mein Herz fing an zu rasen. Er wollte doch wohl nicht, dass ich …

„Würdest du mitkommen?“

Oh nein, bitte nicht! Ich hatte es kommen sehen, und trotzdem riss mir seine Frage den Boden unter den Füßen weg. Ausgerechnet ich sollte mit ihm zum Berliner Platz fahren, wo sein Bruder fast totgeprügelt worden war? Ich hätte an dem Abend dorthin fahren sollen, dann wäre es vielleicht gar nicht so weit gekommen! Stattdessen stand ich jetzt hier und hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Alles in mir schrie Nein, weil ich Angst vor meiner eigenen Reaktion hatte, wenn ich mit dem Schauplatz des Überfalls konfrontiert wurde. Mal abgesehen davon, dass ich, um dorthin zu kommen, zunächst mit Felix zusammen zur S-Bahn-Station musste. Es war so schon schwer genug, jeden Tag wieder an den Bahnsteig zu kommen, die Szene vor mir zu sehen, wie diese Pöbeltruppe Lukas vor die Brust stieß, und nicht von meinem schlechten Gewissen erdrückt zu werden. Und das ausgerechnet mit Felix zusammen? Nein!

Doch dann machte ich den Fehler und schaute Felix in die Augen, und diese quälende Angst und Ungewissheit darin zwangen mich in die Knie. Ich merkte, dass ich nickte, ehe ich weiter darüber nachdenken konnte.

„Passt es dir vielleicht morgen?“, fragte er zögernd.

„Ja. Aber erst abends“, hörte ich mich sagen. „Ich bin so gegen sechs zu Hause, dann könnten wir gleich los.“

„Danke.“ Ein leichtes Lächeln zuckte um seine Lippen. Dann drehte er sich um und ging.

Felix

Zurück in der Wohnung meines Bruders, fühlte ich mich plötzlich schrecklich einsam. Seit Steffi nicht mehr bei mir war, war ich es gewohnt, alleine zu leben, aber hier war es viel zu still, und in jeder Ecke lauerten die Gedanken an Lukas und das, was passiert war.

Nachdenklich betrachtete ich die Wohnzimmerwand und wünschte, ich könnte durch sie hindurchgucken. Was Anna jetzt wohl machte? Einerseits wäre ich gerne bei ihr geblieben. Andererseits war ihre Verzweiflung mehr, als ich ertragen konnte. Ich fragte mich, ob sie sich tatsächlich so hoffnungslos in meinen Bruder verliebt hatte oder ob sie bloß ein sehr empathischer Mensch war, dass ihr seine Geschichte so naheging. Wahrscheinlich beides. Ich hatte mich wirklich zusammenreißen müssen, um sie nicht tröstend in meine Arme zu ziehen und festzuhalten. Vielleicht auch, um selbst etwas Halt bei ihr zu finden. Aber ich wusste, dass es ein Fehler wäre. Sie war schließlich nur die Nachbarin meines Bruders und eine völlig Fremde für mich. Es hatte gutgetan, mit jemandem reden zu können, aber alles Weitere würde die Sache unnötig verkomplizieren. Ich musste mich auf Lukas konzentrieren und brauchte meine gesamte Kraft für ihn. Da konnte ich es mir nicht leisten, mich darüber hinaus um die Gefühle von jemand anderem zu kümmern. Es hatte mal eine Zeit gegeben, in der ich davon überzeugt gewesen war, dass geteiltes Leid halbes Leid sein könnte. Doch diese Illusion wurde auf brutale Weise zerstört, und ich würde einen Teufel tun, mich ein weiteres Mal auf so etwas einzulassen.

So weit die Theorie. In der Praxis ging mir Anna allerdings nicht aus dem Kopf. Immer wieder sah ich ihren verschreckten Blick vor mir und hörte ihr Weinen durch die Badezimmertür. Oh Mann! Das musste dringend aufhören!

So abgelenkt, verpasste ich auf dem Weg zum Krankenhaus die richtige Kreuzung und musste eine extra Runde um den Block fahren, wobei ich mich im Gewirr einiger Einbahnstraßen verfranste und tatsächlich mein Navi brauchte, um wieder zurückzufinden. Zähneknirschend lenkte ich meinen Wagen schließlich auf den Parkplatz und bemerkte, dass ich an genau derselben Stelle stand wie heute früh. An dem Morgen, an dem ich noch nichts von Lukas‘ heldenhaftem Einsatz und der Angreifergruppe an der S-Bahn gewusst hatte. Oder davon, was für eine unglaublich nette und gefühlvolle Nachbarin hinter seiner Wohnzimmerwand lebte. Es hatte ein bisschen was von dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier. Ich drückte im Kopf auf den imaginären Repeat-Knopf und überlegte, in welcher Situation ich etwas anders machen könnte, wenn ich die Chance dazu hätte. Wahrscheinlich an dem Punkt, an dem ich nach dem Telefonat mit der Polizei einfach weggelaufen war, statt bei Lukas zu bleiben.

Im selben Moment fiel mir siedend heiß ein, dass ich seitdem nicht ein Mal auf mein Handy geguckt hatte und es seit dem Nachmittag auf lautlos gestellt war. Was, wenn das Krankenhaus in der Zwischenzeit versucht hatte, mich zu erreichen, weil etwas mit Lukas war? Ich verdammter Idiot!

Hektisch zog ich das Smartphone hervor und warf einen Blick auf das Display. Drei WhatsApp-Nachrichten, zwei E-Mails, fünf entgangene Anrufe. Shit! Ich war drauf und dran, sofort zur Intensivstation loszurennen, tippte dann aber doch erst das Telefonprotokoll an und sah, dass es mein Chef war, der versucht hatte, mich zu erreichen. Gott sei Dank!

Erleichtert atmete ich auf und wartete darauf, dass sich mein Puls wieder normalisierte. Es war allerdings einiges an Adrenalin, das mein Kreislauf verarbeiten musste. Und ich schwor mir, mein Handy ab sofort keine fünf Minuten mehr aus den Augen zu lassen.

Als ich mich wieder beruhigt hatte, rief ich trotz der späten Stunde meinen Chef zurück, der eine dringende Frage zur Rezeptabrechnung einer meiner Patientinnen hatte. Anschließend redeten wir über Lukas und den Überfall und wie ich mir das Ganze in den nächsten Wochen vorstellte mit der Arbeit und dem Krankenhaus. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung. Aber Thomas versprach, sich etwas zu überlegen, und wünschte mir bzw. Lukas alles Gute. Ja, das konnten wir brauchen.

Ich steckte das Handy weg und griff schweren Herzens nach dem Umschlag auf dem Beifahrersitz. Ob ich wollte oder nicht, ich musste den Ärzten diese ganzen Vorsorgeunterlagen übergeben. Was auch immer danach passierte.

In der Zwischenzeit hatte es erneut angefangen zu regnen, und als ich aus dem Auto stieg, überfiel mich prompt die Erinnerung an Anna und daran, wie wir uns vor ein paar Stunden zusammen unter ihren Schirm gedrängt hatten. Unwillig schob ich den Gedanken zur Seite, brachte den Umschlag unter meiner Jacke vor dem Regen in Sicherheit und lief mit eingezogenem Kopf auf das Klinikportal zu.

Entgegen meinen Befürchtungen war Lukas‘ Zustand unverändert, was paradoxerweise gut war. „Nicht schlechter“ war in seiner Situation offenbar das neue „Gut“. Ich war eigentlich ein ziemlich geduldiger Mensch, aber ich ahnte, dass mir dieses untätige Warten auf Besserung alles abverlangen würde. Und tatsächlich musste ich allmählich anfangen, darüber nachzudenken, wie ich diesen Spagat zwischen Job und Krankenhaus schaffen sollte. Hundert Kilometer waren zu weit, um täglich hin und her zu pendeln, vor allem da ich dienstags und donnerstags bis in den späten Abend hinein zwei Therapiegruppen leitete. Das konnte man vielleicht eine Woche lang machen oder zwei, bevor man selbst auf dem Zahnfleisch ging. Aber die Ärzte hatten unmissverständlich erklärt, dass das hier weitaus länger dauern würde. Und eine Verlegung kam nicht infrage. Erstens war Lukas bisher nicht transportfähig, und zweitens gab es keine vergleichbar geeignete Klinik in meiner Nähe.

Ratlos fuhr ich mir mit den Händen übers Gesicht und wünschte, ich hätte eine große Familie, um wenigstens ein bisschen von dieser Sorge und Verantwortung abgeben zu können. Stattdessen war ich seit vielen Jahren Waise und im schlimmsten Fall demnächst Einzelkind. Von meinem Singledasein ganz zu schweigen. Wie schön es doch wäre, wenn da jedes Mal beim Nachhausekommen jemand warten würde, mit dem man zusammen essen und reden konnte wie vorhin mit Anna. Obwohl sie mich überhaupt nicht kannte, hatte sie mich spontan zu sich eingeladen, sich um mich gekümmert und unglaublich viel Verständnis gezeigt, auch wenn sie selbst mächtig unter der Situation litt. Nach meiner Erfahrung gab es wenige solcher Frauen. Und dann musste sie ihr Herz ausgerechnet an meinen Bruder verlieren.

„Weißt du Depp eigentlich, was du dir mit deiner Nachbarin entgehen lässt?“, flüsterte ich Lukas über das Piepen der Maschinen hinweg zu. Doch auf eine Antwort oder sonstige Reaktion hoffte ich vergeblich.

Und letztendlich landete ich wieder bei der Frage, wie das alles passieren konnte und wer ihm das angetan hatte. Vielleicht würden wir es nie vollständig erfahren. Aber ich wollte so viel wie möglich darüber wissen und war froh, dass Anna morgen mit mir zusammen zum Tatort fahren würde. Natürlich hatte ich ihr Zögern bemerkt und wusste, dass ich sie mit der Frage ziemlich überrumpelt hatte. Umso dankbarer war ich ihr, dass sie sich trotzdem dazu bereit erklärt hatte und ich mir das nicht alleine antun musste. Es war feige. Und es war nicht fair, sie weiter mit in meinen Sumpf reinzuziehen. Aber ich würde es wiedergutmachen. Wie auch immer.

Anna

Oh Mann, worauf hatte ich mich da nur eingelassen?! Das hatte ich jetzt von meiner blöden Hilfsbereitschaft, dass Felix ausgerechnet mich dabeihaben wollte, wenn er sich anguckte, wo das Drama um seinen Bruder seinen Lauf genommen hatte. Aber vielleicht war ja genau das meine gerechte Strafe. Schließlich war ich allein für diese Misere verantwortlich. Hätte ich bloß sofort etwas gesagt, auch auf die Gefahr hin, den Zorn der Pöbeltruppe auf mich zu ziehen. Oder spätestens bei der Polizei, nachdem ich von dem Überfall erfahren hatte, selbst wenn die mich zurechtgewiesen hätten, warum ich nicht gleich eingegriffen hatte. Nichts von alldem hätte schlimmer sein können als das, wo ich jetzt drinsteckte.

Andererseits war der gemeinsame Ausflug eine Gelegenheit, Felix endlich alles zu gestehen. Auf neutralem Boden sozusagen. Oder zumindest außerhalb meiner heimeligen vier Wände, denn weniger neutral konnte ein Ort in diesem Fall kaum sein.

Als ich am Donnerstag Feierabend hatte und nach Hause fuhr, wurde mir mit jedem Meter elender zumute, und auf dem letzten Stück zu Fuß war mir so schlecht, dass ich überlegte, Felix abzusagen. Wenn ich so aussah, wie ich mich fühlte, würde er mir garantiert abnehmen, dass ich krank war.

In meiner Verzweiflung rief ich Nele an, doch sie blieb wie immer gelassen.

„Felix wird dir schon nicht den Kopf abreißen“, versuchte sie mich zu beruhigen. „Klar wird er erst mal nicht begeistert sein, dass du es ihm nicht sofort gesagt hast. Aber der kriegt sich bestimmt auch wieder ein. Und wenn nicht … was soll’s? Es geht doch um Lukas und nicht um Felix, oder?“

Ich stieß ein humorloses Lachen aus. „Ja. Aber glaubst du etwa, dass die beiden nicht darüber reden, sobald Lukas wieder ansprechbar ist?“

„Natürlich werden sie das. Aber ich glaube auch, dass Mister Sonnenschein nicht unbedingt der nachtragende Typ ist“, erklärte sie. „Und so optimistisch, wie Lukas laut deiner Aussage durchs Leben stiefelt, wird er wahrscheinlich froh sein, dass du überhaupt geredet hast. Du weißt schon, diese Sache mit halb voll statt halb leer.“

„Hmmm“, murmelte ich wenig überzeugt. „Dein Wort in Gottes Ohr.“

„Ach, Anna-Maus“, seufzte Nele. „Das wird schon. Also, schwing deinen Hintern zu ihm rüber und rede Tacheles mit ihm. So wie du Felix beschrieben hast, ist er doch ein ganz Lieber.“

Wie von selbst verzogen sich meine Lippen zu einem kleinen Lächeln. Ja, das war er, soweit ich ihn bisher kennengelernt hatte.

Ich atmete tief durch und sagte: „Gut. Dann geh ich mal. Ich melde mich später.“

„Ich bitte darum!“, gab sie empört zurück, als wäre das jawohl eine Selbstverständlichkeit.

Nachdem wir uns voneinander verabschiedet hatten, griff ich nach meiner Jacke, Handy und Portemonnaie und machte mich schnell auf den Weg, bevor die Zweifel zurückkehrten. Felix und ich hatten nicht verabredet, wer bei wem klingeln würde, also konnte ich genauso gut die Erste sein. Entschlossen öffnete ich meine Wohnungstür und wäre fast in Felix reingelaufen, der soeben auf meine Klingel drücken wollte. Nach einer Schrecksekunde mussten wir beide lachen.

„Du bist aber schwungvoll heute“, meinte er, während mein Blick fasziniert an seinen Grübchen hängen blieb. Sie erinnerten mich schlagartig an Lukas, doch genauso schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden sie wieder.

„Ich … ähm … Ich hab dir eine Kleinigkeit mitgebracht. Als Dankeschön für gestern Abend und … für gleich“, sagte er in mein Schweigen hinein und reichte mir schüchtern einen kleinen Blumenstrauß und eine Schachtel Pralinen.

„Oh“, machte ich wenig einfallsreich. Schlagartig schnürte sich meine Kehle zu, und ich brachte nur mit Mühe heraus: „Das wäre doch nicht nötig gewesen.“

Was ich eigentlich meinte, war: Nein, lass, das hab ich nicht verdient!

Felix zuckte mit den Schultern und vergrub die Hände verlegen in den Hosentaschen.

„Danke.“ Ich wandte mich schnell von ihm ab und ging zurück in die Küche, um die Blumen ins Wasser zu stellen. In mir tobte ein Sturm an Gefühlen. Diese kleine Geste war wirklich süß von ihm und lieferte den besten Beweis für das Gespräch mit Nele vorhin: Er war ein ganz Lieber. Unter anderen Umständen hätte ich ihn so gerne näher kennengelernt und mehr Zeit mit ihm verbracht. Doch gleich musste ich ihm leider das Herz brechen. Das Geständnis, was für eine miese Heuchlerin ich war, kitzelte mich in der Kehle und wollte raus, ohne dass mein Kopf noch Einfluss darauf gehabt hätte. Trotzdem hielt ich mich zurück, bis wir alleine waren, denn im Haus ging es mal wieder zu wie in einem Taubenschlag. Erst polterten zwei der Studenten an uns vorbei die Treppe runter, und unten vor der Tür trafen wir auf Frau Schulze, die sich von Felix haarklein berichten ließ, wie es Lukas ging.

Unverändert schlecht. Punkt. Konnten wir jetzt weiter?

Doch Felix war genau wie sein Bruder zu nett für solch eine knappe Abfuhr und redete, bis Frau Schulze zufrieden war und mit ihrem Rollator davonzog.

Endlich draußen angekommen, atmete ich tief durch und schlug den Weg zur S-Bahn-Station ein. Unterwegs überlegte ich fieberhaft, wie ich anfangen sollte, um nicht allzu brutal mit der Tür ins Haus zu fallen, als Felix neben mir plötzlich sagte: „Anna, du musst das nicht tun, wenn du nicht willst. Du kannst mir auch einfach sagen, wo es langgeht.“

Ich presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. „Ist schon okay.“

„Wirklich?“

„Hmhmm.“

In das anschließende Schweigen hinein bemerkte er: „Eure Nachbarin will es immer ganz genau wissen, was?“

Ich lachte leise. „Allerdings. Sie ist besser als jeder Wachhund. Lukas hat mich sogar mal gefragt, ob sie eigentlich Buch darüber führt, wer wann das Haus verlässt oder betritt.“

„Und? Macht sie?“

„Vermutlich schon.“

Wir warfen uns einen schnellen Seitenblick zu und lächelten. Dann hatten wir die Haltestelle erreicht und verstummten beide wieder. Meine Füße waren auf einmal bleischwer und wollten sich weigern, weiterzugehen. Felix lief zum Glück vor mir und bemerkte nichts davon. Er stieg die Stufen hoch, blieb stehen und schaute sich um.

Es war ruhig um diese Zeit. Am anderen Ende des Bahnsteigs standen zwei Jungs, die ihrem Aussehen nach zum Sport wollten, und eine Frau, die ununterbrochen auf ihr Handy eintippte. Doch Felix schien sie gar nicht wahrzunehmen. „Hier hat also alles angefangen?“, bemerkte er leise.

„Ja.“ Ich beobachtete ihn einen Augenblick lang still und sah, wie sich seine Miene verfinsterte.

„Felix, ich muss dir etwas erklären“, wollte ich gerade anfangen, doch er war schneller und sagte: „Ich fühle mich wie in einer beschissenen Folge von Aktenzeichen XY. Nur dass es gleich zwei Fälle in einem sind.“

Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete, weil ich die Sendung dafür zu wenig kannte. Es war mir zu gruselig, solche Gewalttaten vor dem Schlafengehen zu gucken und zu wissen, dass es echt passiert war. Welche Ironie des Schicksals, dass ich jetzt mittendrin steckte.

„Wie meinst du das?“, hakte ich nach, als Felix keine Anstalten machte, von selbst weiterzureden.

„Na ja. Lukas‘ Zivilcourage, als diese Typen die junge Frau belästigt haben, wäre wohl eine Nominierung für den XY-Preis wert“, erklärte er. „Aber das danach … Es fehlen eigentlich bloß ein paar Schauspieler, die die Szene nachspielen. Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie das hier abgelaufen sein könnte, aber anscheinend fehlt mir dafür die kriminelle Energie.“

Ich trat einen Schritt näher an ihn heran und schluckte schwer. Jetzt oder nie!

„Stell dir vor, dass ungefähr dort an der Bahnsteigkante die Pöbeltruppe steht und diese junge Frau belästigt“, griff ich den Faden auf und hoffte, dass er verstehen würde. „Die anderen stehen da drüben, rauchen, lesen, starren auf ihr Smartphone, was auch immer, und tun mehr oder weniger so, als hätten sie nichts bemerkt. Dann kommt Lukas die Treppe rauf, sieht, was da läuft, und geht auf die Gruppe zu, um zu helfen. Die junge Frau … sie kann im Moment der Ablenkung fliehen, und plötzlich ist er es, auf den es die Pöbeltruppe abgesehen hat. Aber wieder reagiert keiner der anderen. Bis zum Glück die Bahn kommt und dem Spuk ein Ende macht.“

Ich starrte in meine Erinnerungen versunken auf den Schauplatz des Ganzen und wagte es weder zu atmen noch Felix anzusehen. Doch er schien so sehr in seine eigenen Gedanken vertieft zu sein, dass ich nicht sicher war, ob er mir überhaupt zugehört hatte. Vorsichtig blickte ich zu ihm rüber und sah, dass er die Hände zu Fäusten geballt hatte. Auf seiner Stirn hatte sich eine tiefe Furche gebildet. Wahrscheinlich würde er sich jeden Moment auf mich stürzen und mich wutentbrannt fragen, woher ich das so genau wusste. Doch nichts dergleichen geschah. Die Wut war zwar da, aber sie richtete sich nicht gegen mich. Jedenfalls nicht direkt.

„Ich wünschte, nur einer von denen wäre jetzt hier“, stieß Felix verächtlich hervor. „Ich weiß, dass das eine vielleicht gar nichts mit dem anderen zu tun hat. Und trotzdem würde ich ihnen jede einzelne Verletzung von Luka vor die Füße schleudern, damit sie kapieren, was passiert, wenn man wegguckt.“

Ich bin doch hier, dachte ich verzweifelt, aber das hatte er leider nicht verstanden. Oder er wollte es nicht begreifen, weil er nur das Gute in mir sah. Verdammt, wie konnte man bloß so naiv sein? Er kannte mich doch überhaupt nicht. Also warum kapierte er nicht, was ich ihm hier gerade sagen wollte? Dass ich, Anna Seewald, dabei gewesen war. Dass ich nur zugeguckt hatte. Und dass ich es bis jetzt einfach nicht übers Herz gebracht hatte, ihm davon zu erzählen.

„Felix, ich …“, setzte ich an, doch er war noch nicht fertig mit seinem Wutausbruch.

„Jede Wette, dass die sich nicht einmal jetzt rühren, nachdem die Polizei einen weiteren Zeugenaufruf gestartet hat“, schnaubte er. „Weißt du, wie sehr mich so etwas ankotzt? Es muss echt niemand den Helden spielen und sich selbst in Gefahr bringen. Aber einfach gar nichts tun? Das geht gar nicht, und ich wünsche diesen verdammten Feiglingen, dass sie selbst mal in eine solche Situation geraten und ihnen niemand zu Hilfe kommt.“

Felix hatte sich in Rage geredet, und seine Worte prasselten wie ein Gewehrfeuer auf mich ein. Jede Kugel ein Treffer.

Ich musste ihn ziemlich verschreckt angeguckt haben, denn als sich unsere Blicke trafen, wurde Felix schlagartig ruhig und machte ein zerknirschtes Gesicht.

„Oh, shit“, flüsterte er mit sichtlich schlechtem Gewissen. „Tut mir leid, Anna. Ich hab wohl ein bisschen die Kontrolle verloren.“

„Nein“, erwiderte ich leise. „Du hast ja recht.“

Ich hätte ihm so viel mehr sagen sollen, doch sein Ausbruch hatte mich völlig aus der Fassung gebracht. Deshalb zog ich fürs Erste wie eine Schildkröte den Kopf ein und hoffte, dass sich später eine Gelegenheit finden würde, in Ruhe mit ihm zu reden. Außerdem fuhr in diesem Moment die Bahn an die Haltestelle heran.

„Alles okay?“, fragte Felix sanft, als wir nebeneinander im Waggon saßen und ich mir verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischte.

Nein, nichts war okay, denn die letzten Minuten hatten mich schon fertiggemacht, obwohl mein Geständnis so grandios gescheitert war. Doch alles, was ich idiotischerweise von mir gab, war: „Du hast kein Ticket.“

Er lachte überrascht auf. „Nein. Aber du hast keine Ahnung, wie egal mir das ist.“

Ich lächelte schwach und starrte gedankenverloren aus dem Fenster, bis wir an der Haltestelle Berliner Platz ankamen. Mir war bewusst, dass Felix mich beobachtete, und ich fragte mich, was er sah. Anscheinend alles, außer der Wahrheit.

Draußen auf dem Bahnsteig zögerte ich kurz, obwohl ich genau wusste, wo es langging. Aber in diesem Augenblick brach die Erinnerung an Lukas über mich herein. Ich sah ihn vor mir, wie er mich am Samstagabend durch das Fenster angelächelt hatte und dann unbeschwert zum Public Viewing davongegangen war – nicht ahnend, was ihn in dieser Nacht erwartete.

Ich schüttelte mich innerlich und atmete tief durch. „Da lang“, sagte ich zu Felix und deutete auf die gegenüberliegende Straße. Mit schweren Schritten lief ich neben ihm her, für meine Verhältnisse ungewöhnlich langsam, als würde es irgendetwas bringen, den Moment hinauszuzögern, an dem wir den Tatort erreichten.

Und dann war es so weit. Schon aus der Ferne erkannte ich die großen Häuserblocks, nicht weit entfernt von dem Platz, auf dem das Public Viewing veranstaltet wurde. Die Gebäude lagen ein Stück von der Straße zurück, und davor gab es hinter einer Hecke verborgen eine Art Schuppen und eine Reihe von Müllcontainern. Von außen war die Ecke so schon kaum einsehbar, geschweige denn nachts im Dunkeln. Kein Wunder, dass Lukas erst Stunden später gefunden wurde.

Wir gingen die Hofeinfahrt hinauf bis zu dem Schuppen. Keiner von uns hatte seit der Haltestelle ein Wort gesagt. Ich blieb stehen, während Felix zwei Schritte weiterging und sich tief in Gedanken versunken umschaute, von den Containern rüber zur Straßenseite, an der Häuserfassade hoch und wieder zurück. Schließlich blieb sein Blick auf einem Punkt am Boden hängen und verharrte dort. Hatte er etwa Spuren von der Prügelei entdeckt? Da war doch hoffentlich kein Blut mehr, oder? Das konnte nicht sein. So stark, wie es gestern geregnet hatte, musste mittlerweile alles weggespült sein. Trotzdem machte ich unwillkürlich einen Schritt rückwärts. Ich hatte normalerweise kein Problem damit, Blut zu sehen, aber ich wusste, dass mir das hier in dieser Situation den Rest geben würde. Meine Kehle war ohnehin so zugeschnürt, dass ich kaum Luft bekam. Ich wünschte, Felix würde sich umdrehen und sagen, dass wir wieder gehen konnten, weg von diesem schrecklichen Ort. Und dann würde ich ihm endlich alles erklären. Doch er rührte sich nicht vom Fleck. Stattdessen sah ich, wie seine Schultern anfingen zu beben.

Oh mein Gott. Er weinte doch nicht etwa? Scheiße!

Ich gab es auf, gegen meine eigenen Tränen anzukämpfen, und ging zu ihm, aber er war vollkommen in sich selbst versunken und bemerkte es nicht einmal. Zögernd streckte ich die Hand nach seiner aus und berührte ihn sanft, um ihm zu zeigen, dass er nicht alleine war.

Felix blickte nicht einmal auf, doch wie von selbst verschränkten sich seine Finger mit meinen, als wäre es das Natürlichste der Welt. Ich betrachtete unsere verflochtenen Hände und dann sein Profil, das seitlich-schräg von hinten so sehr dem von Lukas glich, dass mir ganz schummerig wurde. Mein Herz schlug auf einmal ein paar Takte schneller, während mein Kopf versuchte, sich vorzustellen, wie es wäre, jetzt mit ihm hier zu stehen. Mit einem Lukas, dessen Verletzungen verheilt waren und der mit eigenen Augen den Ort des Geschehens sehen wollte. Der wusste, was ich getan bzw. nicht getan hatte, und mir trotzdem nicht böse war. Nur leider waren wir davon meilenweit entfernt.

„Wer tut so etwas?“, hörte ich Felix neben mir leise fragen. „Und vor allem warum?“ Seine Stimme klang brüchig und belegt und brachte mein Herz dazu, sich schmerzhaft zusammenzuziehen.

„Ich weiß es nicht“, flüsterte ich hilflos, und zumindest für den zweiten Teil seiner Frage war es die Wahrheit.

Er hob den Kopf und sah mich an. Wider Erwarten weinte er nicht, aber seine Augen waren rot unterlaufen, und es brannten tausend Emotionen und Fragen darin. Seine Hilflosigkeit und Verzweiflung waren kaum zu ertragen, und dennoch schaffte ich es nicht, den Blick abzuwenden. Sekundenlang schauten wir uns bloß an und versanken auf eine seltsame Art und Weise ineinander, bis meine Schuldgefühle das Kommando übernahmen und mich daran erinnerten, was ich zu erledigen hatte. Doch ehe ich nur ein Wort herausgebracht hatte, zog Felix mich plötzlich in seine Arme.

Oh … ähm … das …

Völlig überrumpelt reagierte ich im ersten Moment gar nicht. Dann schlang ich zögernd die Arme um seinen Rücken und hielt ihn fest. Ich war nie zuvor einem praktisch Fremden so nah gekommen, und doch fühlte es sich genau richtig an. Er brauchte das jetzt, und wenn ich schon für nichts anderes zu gebrauchen war, dann wollte ich ihm wenigstens das geben.

Oh nein!, protestierte eine empörte Stimme in mir. Du machst es bloß schlimmer damit! Das ist doch eindeutig ein Zeichen, dass er dir vertraut. Ausgerechnet dir!

Unwillkürlich versteifte sich mein Körper, was Felix prompt fehlinterpretierte. Er löste sich von mir, wich meinem Blick aus und sagte: „Tut mir leid. Ich … Da ist wohl irgendwas mit mir durchgegangen.“

„Ist schon okay“, gab ich leise zurück und wagte es ebenfalls nicht, ihn anzuschauen. Ein verlegenes Schweigen breitete sich zwischen uns aus, das allerdings jäh unterbrochen wurde.

„Entschuldigung! Was machen Sie denn da?“, rief jemand hinter uns. Ein Mann kam vom Haus her auf uns zu und musterte uns so kritisch, als hätten wir vor, ein paar wertvolle Müllsäcke zu klauen.

Felix hielt seinem Blick unbeirrt stand und erklärte überraschend gefasst: „Ich wollte mir kurz anschauen, wo mein Bruder Sonntagmorgen gefunden wurde. Sie haben das mit dem Überfall ja sicher mitbekommen, oder?“

Er klang dabei relativ neutral, aber als ich ihm einen kurzen Seitenblick zuwarf, sah ich, dass er sich mühsam beherrschen musste, um nicht etwas anderes zu sagen.

„Ach so. Ähm … ja, na klar“, sagte der Mann auf einmal recht kleinlaut. „Eine schlimme Sache. Wie geht es ihm denn?“

„Schlecht.“

Nur dieses eine Wort, mehr nicht. Felix strahlte ihm gegenüber etwas aus, für das ich keine Beschreibung fand, aber es machte mir Angst. Konnten wir jetzt bitte gehen?

„Wohnen Sie hier?“, hörte ich Felix fragen.

„Ja.“

„Waren Sie am Samstagabend zu Hause?“

„Ja.“

Ich schaute überrascht zwischen den beiden hin und her. Es klang wie ein Verhör. Und ehe er es aussprach, dämmerte mir, worauf Felix hinauswollte.

„Und Sie haben nichts von dem Überfall mitbekommen?“

Der Mann zögerte, deshalb legte Felix nach: „Das muss ein ziemlicher Radau gewesen sein. So wie Lukas zugerichtet wurde, muss er um sein Leben geschrien haben. Und das will hier niemand gehört haben?“

Sein ganzer Körper war angespannt, während er wachsam jede winzige Regung seines Gegenübers beobachtete. Der Mann fühlte sich sichtlich in die Ecke gedrängt. Die Luft zwischen den beiden vibrierte geradezu. Ich hätte nie gedacht, dass ein Mensch wie Felix so aggressiv sein konnte, aber anscheinend hatte ich mich geirrt.

„Hier sind doch ständig Jugendliche unterwegs, die in ihrem besoffenen Kopf rumschreien und randalieren“, versuchte sich der Anwohner zu verteidigen. „Außerdem war der Müller aus dem dritten Stock auch da mit seinem Hund. Der war viel näher dran, und ich dachte, der vertreibt sie schon, so wie er es sonst immer tut.“

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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460 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783827184061
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