Читать книгу: «Neun richtig, eins falsch.»
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Peter Zulehner
NEUN RICHTIG, EINS FALSCH
Warum wir nur die Fehler sehen – und wie wir das ändern können

Copyright © Leykam Buchverlagsgesellschaft m.b.H. Nfg. & Co. KG, Graz – Wien 2021
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Covergestaltung: Doris Grahl, Art Direktion, Hamburg
Lektorat: Johanna Frank-Stabinger
Satz: Annalena Weber – Buchdesign, Hamburg
Druck: Finidr, s.r.o.
Gesamtherstellung: Leykam Buchverlag
www.leykamverlag.at
ISBN 978-3-7011-8185-8
eISBN 978-3-7011-8220-6
Die Drucklegung des vorliegenden Bandes wurde unterstützt durch:

Das Lernfeld, das mir meine beiden Söhne
geboten haben, und die Thesen, die ich
aus dem Gelernten geformt habe, machen
einen großen Teil dieses Textes aus.
Lukas und Florian – dieses Buch ist euch
beiden gewidmet.
INHALT
Weshalb es dieses Buch gibt
Wir alle kennen eine Ariane – Prolog
Woher kommt unser Fokus auf das Negative?
Weil wir es von klein auf gelernt haben
Der soziale Vergleich prägt unsere Verhaltensmuster
Eine kurze gedankliche Übung zum Beweis
Fazit: Wir kennen es nicht anders
Die Gegenspieler eines positiven Miteinanders und wie Sie ihnen mit wirksamen Entstörungsmaßnahmen den Nährboden entziehen
Das persönliche Wertegerüst – Ihr Kompass für ein verletzungsfreies Navigieren im Miteinander
Warum leben Sie nicht Ihre Wahrheit und Ihre Werte?
Was ist das Schlimmste, das Ihnen passieren kann?
Neid – der größte Energieträger nach der Sonne
Kulturgut Neid – wehrt ab, was wir an anderen bewundern
Abwertung – unter dem Deckmantel des Humors
Wir sind nicht immer Opfer, sondern manchmal auch Täter
Die drei Schritte der Entschuldigung
»SVE« – das Breitband-Gegenmittel
Komplize Humor
Wunde Punkte – die weißen Flecken auf der Landkarte unseres Miteinanders
Die Dosis macht das Gift
Abschätzige Gestik und Mienenspiele
»Der dritte Mann«
Beschämung und Demütigung
Die Lust an der Bloßstellung
Suchtmittel Skandale
Öffentliche Hinrichtungen reloaded
Diffamierung und Mobbing
Mobbing – eine »Kunst« der schwächsten Stunde
Selbst-Downgrading
Ein kleines Stück Magie – Das Gesetz der Anziehung
»Heut’ bin i wieder herg’richt!«
Die größte Zahl – Ein kleiner Ausflug in die Mengenlehre
Andere downgraden
Positiv-Tage
Zusammenfassung und Empfehlungen
Wirksame Verhaltensweisen und Gedanken, die Sie kennen sollten!
Zutaten für ein gutes Miteinander
Ernten, was wir säen
Wertschätzung
Das Einmaleins der Wertschätzung
Anerkennung und Lob
Das richtige Maß
Dankbarkeit
Von Söldnern und geladenen Magazinen
Zufriedenheit
Die Grundstimmung, in der wir auf unser Leben blicken
Zusammenfassung und Empfehlungen
The Big Five – Die Großen Fünf – für ein gutes Miteinander
Meine Top-Werkzeuge für einen Kursanstieg auf Ihrer Positiv-Seite
Kurssturz auf der Positivseite
Boshaftigkeitsverbot
Liebevolles Betrachten – ein magischer Zaubertrick
Was wir an Fatalismus konstruieren und Energie aufwenden, um etwas Negatives zu finden
Liebevolles Betrachten – der magische Zaubertrick (Oder: »Iss was G’scheit’s!«)
Zwei Voraussetzungen, drei Fragen
Es gibt nur zwei Voraussetzungen, unter denen wir bereit sind, unser Verhalten zu ändern
Drei Fragen führen uns zur Entscheidung (Oder: »Warum im März der Sommer beginnt!«)
Wie Sie ganz sicher und im Handumdrehen eine Enttäuschung einfahren – und wie Sie das vermeiden können
Die eigene Sichtweise ist nicht automatisch die richtige
Achillesfersen – wie Sie mit Ihren Schwächen umgehen
Let the professionals do the job!
Walk the talk – Ein gutes Beispiel ist der beste Lehrmeister
»Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es« (Erich Kästner)
»Sperrstund is’« (Hans Moser) – Es gibt Bereiche, da dürfen wir uns keine Fehler gestatten
Andere annehmen, wie sie sind – Der Energiespartipp Ihres Lebens
Andere annehmen, wie sie sind – Eine Grundhaltung, die Ihr Leben verändern wird
Die eigenen wunden Punkte kennen
Zusammenfassung und Empfehlungen
Die Top-10-Werkzeuge für einen deutlichen Kursanstieg auf Ihrer Positiv-Seite
Weiterführende Literatur/Literaturverzeichnis
Danke
Über den Autor
Gendererklärung
Personenbezogene Aussagen in diesem Buch beziehen sich auf alle Geschlechter.
Ein Wort zu den Erzählungen in meinem Buch
Alle Erzählungen stammen aus meinem persönlichen Fundus an Erfahrungen und Erlebtem. Auf Namensnennungen habe ich verzichtet, weil sie keinen Mehrwert darstellen, aber ich habe für alle Geschichten das Einverständnis der ursprünglichen Protagonisten zum Abdruck und zur Erwähnung in meinem Buch erhalten. Es ist also ausgeschlossen, dass es um Sie geht, wenn Sie sich in der einen oder anderen Erzählung wiederzuerkennen glauben, ohne dass ich mit Ihnen explizit darüber gesprochen habe.
Weshalb es dieses Buch gibt
»Jeder Mensch sollte die Welt mit seinem Leben ein ganz klein wenig besser machen.«
Frances Hodgson Burnett, Schriftstellerin, 1849–1924
Wertschätzung und Anerkennung sind zentrale Bedürfnisse von uns Menschen, sie steuern uns und führen uns zur Entfaltung und Selbstverwirklichung. Für unser Selbstwertgefühl sind sie so wichtig wie die Nahrung. Nicht umsonst ist »Feedback is the breakfast of Champions« von Kenneth H. Blanchard – US-amerikanischer Unternehmer und Autor von Managementbüchern – eines der bekanntesten Zitate in der Managementliteratur, und es drückt sehr gut aus, was ich meine: Positive wie auch negative Rückmeldungen dienen uns zur Orientierung, wie unser Verhalten von Außenstehenden bewertet und verstanden wird. Diese Rückmeldungen einzuholen, zu geben und mit ihnen souverän und dankbar umzugehen, sind wesentliche Grundpfeiler sozialer Kompetenz und wichtige Zutaten für ein gutes Miteinander – sowohl im beruflichen wie auch im privaten Kontext. Wir wollen wahrgenommen und wertgeschätzt werden sowie Anerkennung für unsere Leistungen und unser Verhalten bekommen. Über weite Strecken meines Lebens fällt mir dabei eines auf: Aus verschiedensten Gründen fokussieren wir bei anderen – wie auch bei uns selbst – auf das, was nicht passt, was uns nicht in Ordnung erscheint oder nicht unseren Erwartungen entspricht. Egal wie gut jemand etwas macht oder wie positiv etwas ist: Beinahe reflexartig rücken wir das Negative ins Zentrum unseres Blicks, sogar dann, wenn es in der Fülle des Positiven eigentlich untergehen müsste.
Negativ wiegt schwerer – warum ist das so? Auf diese Frage ein paar Antworten zu geben und effiziente Methoden zu zeigen, die uns aus diesem fehlerorientierten Denken herausführen können, ist mein Antrieb für dieses Buch.
Ratgeber zum Thema Rückmeldung – das gutbekannte Feedback, eines der wichtigsten Werkzeuge wirksamer Führungsarbeit, – füllen ganze Wände in den Buchfachhandlungen rund um den Globus, dasselbe gilt für Literatur zu den Methoden, wie man kritisch-korrigierende wie auch positive Rückmeldung passgenau beim Gegenüber platziert. Das Thema scheint bis zur Erschöpfung und bis in die letzten Winkel ausgeleuchtet, viele winken gelangweilt ab, sobald es zum Gesprächsinhalt wird (»Wissen wir alles …«, »Schon hundertmal gehört …«, »Lernen die doch heute schon im Kindergarten …«), und dennoch finde ich folgenden Umstand auffällig: Wir sind sofort zur Stelle, wenn es Negatives rückzumelden gibt, Positives hingegen ruft kaum oder zumindest deutlich weniger Reaktionsbedarf bei uns hervor. Was ist passiert, dass wir auf »richtig« kaum reagieren, während wir bei »falsch« sofort in Gang kommen? Haben wir verlernt, das Richtige, das Positive, das Gute zu sehen oder konnten wir es noch nie, weil wir es nicht vermittelt bekamen und ab einem bestimmten Punkt unseres Lebens auf das Falsche, das Negative, das Schlechte geprägt wurden?
Einer meiner Coachees – als Coachee wird jene Person bezeichnet, die sich coachen (von seinem Coach zu unterschiedlichen Themen und Herausforderungen des beruflichen und / oder privaten Alltags begleiten) lässt – ist Führungskraft im Dienstleistungssektor und es sind 15 Kennzahlen, an denen er monatlich gemessen wird. Bei 14 dieser betriebswirtschaftlichen Kennzahlen ist er immer unter den Top Drei, also entweder bester, zweitbester oder drittbester Performer unter insgesamt 27 Kollegen mit dem gleichen Stellenprofil. Bei einer einzigen Kennzahl bewegt er sich selten aber doch im Mittelfeld – zwar im oberen, aber eben im Mittelfeld.
Die 14 unter den Top Drei sind kein Thema bei den regelmäßigen Vorstandssitzungen und werden von den Anwesenden bei der Präsentation regungs- und kommentarlos zur Kenntnis genommen – dafür wird von den Sitzungsteilnehmern ausführlich und ausgedehnt zu analysieren versucht, weshalb es »bei dieser einen Kennzahl wieder einmal nicht für ganz oben gereicht hat«.
Ist das nicht völlig bizarr? Über »diese eine Kennzahl« wird oft stundenlang diskutiert, das Lob und die Anerkennung für die herausragende Leistung, bei 14 aus insgesamt 15 Kennzahlen unter den drei Besten zu sein, werden meinem Coachee verwehrt und er verlässt – wenig überraschend – jede Vorstandssitzung mit dem Gefühl der Demotivation und Frustration.
Hand aufs Herz. Dachten Sie beim Lesen obiger Zeilen über meinen Coachee auch gerade, dass das Verhalten des Vorstands völlig normal ist und es doch vorrangige Aufgabe des obersten Gremiums eines Unternehmens sein muss, sich auf das zu konzentrieren, was nicht so gut läuft und was optimiert werden muss? Meine jahrzehntelange berufliche Praxis und meine mehr als tausend Stunden mit Coachees jeglicher Hierarchiestufen in unterschiedlichsten Branchen haben mir gezeigt, dass Sie mit dieser Ansicht in bester Gesellschaft wären.
Warum denken die meisten von uns so? – Weil wir es nicht anders lernen, und zwar von Kindesbeinen an. Selbst wenn Eltern oder Erziehungsberechtigte ihren Kindern ein wertschätzendes und auf das Positive fokussierte Miteinander vorleben, treffen unsere Kinder (und natürlich auch wir selbst) außerhalb der Familie in der Realität auf ein System, in dem spätestens ab der Volksschule nicht das Richtige und das Positive zählen, sondern mit einem großen Überhang das Falsche und das Negative im Mittelpunkt des Interesses stehen.
Bei Kleinstkindern ist aus Prinzip noch alles richtig und großartig. Selbst für ein »Stinkerl« in die Windel oder den Topf kassieren unsere Kleinen frenetischen Applaus. Zeichnet ein Kind einen Tausendfüßler, schenkt dem Vater das Bild und sagt: »Schau Papa, ich habe ein Pferd für dich gezeichnet!«, wird der begeistert antworten: »Wow! Ein tolles Pferd hast du da gezeichnet!« Oder kennen Sie tatsächlich jemanden, der zum Kind sagen würde: »Das ist doch kein Pferd, das ist im besten Fall eine Raupe oder ein Tausendfüßler, aber eigentlich kenne ich überhaupt kein Tier, das so aussieht wie das auf deiner Zeichnung!«? Egal, was unsere Kleinsten sagen oder tun – wir finden immer etwas Positives oder etwas, das es zu loben gilt. Wir übertreiben es geradezu mit unserer positiven Bestärkung. Dass zu viel Lob, manipulatives oder pauschalierendes Lob mehr schadet als nützt, ist durch Studien untermauert. Doch darauf möchte ich an dieser Stelle nicht das Augenmerk richten, sondern auf die Tatsache, dass es uns bei unseren Kleinsten mühelos gelingt, an wirklich allem etwas Gutes zu sehen – und wenn sich das Positive nicht sofort und freiwillig offenbart, geben wir uns wie selbstverständlich ein wenig Mühe, und schon finden wir etwas Gutes, etwas Positives, etwas Herausragendes.
Irgendwann jedoch dreht sich der Wind. Ab der Vor- und Volksschule sind wir plötzlich Bewertungen ausgesetzt und lernen sehr, sehr schnell, dass das Negative, das, was wir falsch machen oder nicht so gut können wie andere, sehr viel mehr Gewicht hat als die positiven Dinge und das, was wir richtig machen. Ab dem Zeitpunkt, wo die Bewertung in unser Leben tritt, dreht sich das uneingeschränkte und bedingungslose Positivdenken und Positivbewerten ins Gegenteil. »Jetzt beginnt der Ernst des Lebens«, lautet der Unheil verkündende und mit einem Schluss-mit-lustig-Unterton ausgestattete Satz, den die meisten von uns irgendwann zu hören bekamen oder womöglich selbst gesagt haben. Der Ernst des Lebens also. Das bedeutet im Grunde nichts anderes, als dass es vorher lustig war und ab sofort wird es nicht mehr lustig sein, sondern eben ernst. Da kommt Freude auf, nicht wahr? Unsere Kinder werden unvermittelt und weitgehend unvorbereitet in eine Umwelt katapultiert, in der nicht mehr alle gleichermaßen fabelhaft und genial sind, sondern in der in »richtig« oder »falsch« eingeteilt wird. In positiv oder negativ. In gut, weniger gut oder schlecht. Was falsch ist, wird kräftig rot markiert – für das Richtige gibt es keine Farbe. Die Kinder erkennen, dass es einen Unterschied macht und dass es eine Bedeutung hat, in welche Kategorie – richtig oder falsch – man fällt und dass plötzlich nicht mehr alles brillant und fantastisch ist, was sie sagen oder tun. Richtig und falsch lassen sich nicht einmal mehr eindeutig auseinanderhalten, denn was vorher toll war, ist plötzlich verkehrt: »Ein Pferd hat vier Beine. Das kann also kein Pferd sein, was du hier gezeichnet hast!«, heißt es plötzlich in der Schule. Das Leben bekommt einen ernsten Unterton, wenn sich die Bewertung in unserem Leben breitmacht. Damit nicht genug – es wird auch noch verwirrend. Wir lernen, was richtig ist und was falsch, aber das scheint nicht immer eindeutig zu sein. Die Bewertung ist nämlich keine fixe Größe, sie unterliegt neben ein paar harten und weitgehend unbestechlichen Kriterien (Punkteanzahl, Grammatik, Rechenergebnis und so weiter) ein paar sehr variablen Parametern (Belieben, Ermessen, Geschmack, Laune, Zufall, um nur ein paar zu nennen). An der Bewertung klebt also ein gehöriges Maß an Willkür und Schwankungsbreite, und diese Unstetigkeit nimmt im Lauf unseres Lebens Fahrt auf. Sind es anfangs noch die Kleinigkeiten (»Wie viele Beine hat ein Pferd?«), kommen recht schnell gewichtigere Dinge hinzu (»Bin ich richtig angezogen?«, »Werde ich den gesellschaftlichen Codes gerecht?«). Im Mittelpunkt unseres Interesses steht das Dazugehören, denn wir können nicht auf unser Umfeld verzichten, es nicht abschütteln, und damit liegt der Fokus automatisch auf den Fehlern, die es dafür auszumerzen gilt. Das Positive, das lernen wir früh und schnell, ist eine Selbstverständlichkeit und nichts, das es hervorzuheben gilt – ganz nach dem Motto: »Nicht geschimpft ist schon gelobt genug!«
Zappen Sie einmal in Gedanken durch die Fernsehkanäle. Die erfolgreichsten Unterhaltungsshows spiegeln das perfekt wider. Was wir zu sehen bekommen, ist das Gegenteil von Wertschätzung und Anerkennung: nämlich Herabwürdigung, Demütigung, Bloßstellung. Wir lassen uns von Mobbingsituationen berieseln und sehen zu, wie Kandidaten vor einem Millionenpublikum verlacht werden. Wir sehen zu, wie sich Menschen weit jenseits ihres beruflichen Zenits in Container oder in den Regenwald sperren lassen und sich der endgültigen Demontage jeglichen Ansehens und Respekts aussetzen. Ist es Ihnen schon einmal aufgefallen? Kurz bevor es den Kandidaten reicht (»Ich bin raus«, »Es ist Zeit für mich zu gehen«) oder es den Zusehern sogar daheim in den sicheren vier Wänden zu viel zu werden droht, kommen von den Juroren oder vom Publikum Lob oder Wertschätzung (»Du hast mich heute positiv überrascht«, »Du warst heute für mich die Beste«, »Du hast die meisten Anrufe bekommen«, »Du hast die meisten Likes erhalten«) – und die Show geht weiter.
Ab dem Moment, wo wir zur Schule gehen, wird mit Rot markiert, was falsch ist. Für das Positive gibt es keine farbliche Entsprechung. Was richtig und gut gemacht wurde, bleibt unbeachtet – wie die 14 Top Drei-Kennzahlen meines Coachees. Es ist die Farbe Rot, der das Los zuteil wurde, jeweils mit Ausrufezeichen für »stopp«, »falsch« oder »Achtung« zu stehen. Ein rotes Kleid muss absolut perfekt sitzen, heißt es in eingeweihten Kreisen, denn es zieht alle Blicke auf sich. Das ist natürlich nicht mein Fachgebiet, aber ich meine, dass es auch bei einem blauen oder grünen Kleid nicht schadet, wenn es gut sitzt. Aber sehen Sie, was diese Farbe mit uns macht?
Ein Kompliment an ein Gegenüber wird in den meisten Fällen mit einem abschwächenden, relativierenden Hinweis quittiert. Wenn Sie zum Beispiel zu jemandem sagen: »Das haben Sie echt gut gemacht, Herr Kollege!«, dann hören Sie: »Aber nein, das ist doch mein Job!« Wenn Sie zu einer Frau sagen: »Du siehst toll aus heute!«, hören Sie: »Nicht doch, ich bin überhaupt nicht geschminkt!« Wenn Sie sagen: »Das Kleid steht dir ausgezeichnet!«, hören Sie: »Rot, ich weiß, sehr gewagt …« Wenn Sie zu jemandem sagen: »Ich bedanke mich, dass Sie das für mich gemacht haben!«, hören Sie: »Das ist doch nicht der Rede wert!« Wenn Sie zu einem Mann sagen: »Wunderschöner Wagen!«, hören Sie: »Unvernünftig viele PS, ich weiß …« Ich gehöre noch zu jenen Menschen der alten Schule, die anderen gern ein Kompliment machen: »Gut siehst du aus!«, »Tolles Kleid – steht dir hervorragend!« oder »Super gemacht! Ich bin beeindruckt!«, »Tolle Vorgangsweise, Kompliment!«, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Nur äußerst selten ist die Reaktion ein »Vielen Dank, das freut mich sehr!« Viel öfter hingegen kommt Folgendes: »Aber nein, ich muss doch dringend zum Friseur!«, »Das Kleid ist doch ein uraltes Ding!«, »Ohne die Unterstützung der Kollegen hätte ich das nicht geschafft!« und so weiter. Die Aufzählung ließe sich nahezu endlos weiterführen.
Wir sind dermaßen auf Negatives konditioniert, dass wir das Positive überhaupt nicht mehr sehen – nicht bei uns und nicht bei anderen. Wir sehen das Negative zuerst – die Signalfarbe Rot, das personifizierte Falsch. Unsere Antennen für das Negative sind so fein justiert, dass wir etwas orten, wo es nichts zu orten gibt, und das geht so weit, dass wir (vermeintlich) Negatives sofort auf uns beziehen. Wenn Sie, einmal angenommen, zu Ihrem Gegenüber sagen: »Es war ein anstrengender Tag heute, aber das gemeinsame Abendessen macht das mehr als wett, danke, dass du mich überredet hast, noch ein wenig auszugehen!«, hören Sie nicht selten etwas wie: »Wir hätten zu Hause essen sollen, das wäre entspannter für dich gewesen!« Wenn Sie sich bei Ihrem Reisebüro für die unkomplizierte Umbuchung Ihres Fluges bedanken, hören Sie vielleicht etwas wie: »Es tut mir leid, dass wir unter den gegebenen Umständen nicht den gesamten Rechnungsbetrag erstatten konnten!«
Achten Sie darauf! Wenn zu Ihnen jemand sagt: »Vielen Dank für die Unterstützung!«, und Sie darauf antworten: »Mehr konnte ich leider nicht für Sie tun!«, stellen Sie sich bitte die Frage, wie Ihre abschwächende Antwort bei Ihrem Gegenüber ankommt! Sie wirkt entwertend und Ihr Gegenüber hat im schlimmsten Fall das Gefühl, Sie hätten ihm das Wort im Mund umgedreht.
Während der Text für dieses Buch entsteht, ist die Welt von einer Pandemie betroffen. Viele Länder haben Ausgangsbeschränkungen erlassen, manche Regionen befinden sich quarantänebedingt in der totalen Isolation, der weltweite Flugbetrieb ist fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Kindergärten, Schulen, Restaurants und Geschäfte sind geschlossen, viele verlieren ihre Arbeitsplätze oder befinden sich in der Kurzarbeit. Die Menschen verfolgen während dieses »Notbetriebs« gebannt die diesbezügliche Berichterstattung. Und auch hier fällt mir auf, dass sich diese vorwiegend auf das Verheerende, Apokalyptische und das Angsteinflößende der Pandemie konzentriert.
Meldungen über Todes- und Infektionsraten, explodierende Arbeitslosenzahlen und gesundheitliche Auswirkungen der Lockdowns auf Körper und Psyche der Menschen dominieren die Nachrichten. Weshalb wird uns nicht – im Sinne einer ausgewogenen Gewichtung – auch das Positive, Ermutigende, Motivierende präsentiert? Denn das gibt es! Es gibt Länder, in denen greifen die dort getroffenen Maßnahmen, und diese Tatsache würde den Menschen Mut machen und die Einschränkungen würden etwas erträglicher erscheinen. Wir orientieren uns jedoch an jenen Ländern, in denen es aktuell am schlimmsten ist, und nicht an jenen, in denen sich die Entwicklung klar positiv darstellt. Hören wir in Ausnahmefällen doch einmal positive Meldungen zur Pandemie, kommen diese zumeist verknüpft mit einer Warnung und einem Dämpfer des Weges: Wir dürften uns nicht zur Unvorsichtigkeit verleiten lassen, heißt es dann, oder: Die kulturellen Gegebenheiten, Einwohnerzahlen, klimatische oder sonstige Bedingungen ließen sich überhaupt nicht vergleichen mit den unseren, und so weiter. Jeder positiven Meldung wird mit einem negativen oder abschwächenden Beisatz ihre positive und ermutigende Wirkung genommen.
Egal, um welchen Lebensbereich es sich handelt, ich stelle immer wieder fest, wie sehr wir auf das Negative konditioniert sind.
In ihrer Sendereihe Liebesg’schichten und Heiratssachen lud die mittlerweile verstorbene Journalistin Elisabeth T. Spira Menschen zur Partnersuche vor der Kamera. Die Kandidaten präsentierten sich in ihrem privaten Umfeld und zeigten sich im Interview sehr ehrlich und offen mit ihren Schwächen und Eigenheiten – dank Elisabeth T. Spiras Feingefühl für das richtige Setting und die richtigen Fragen gab es keine Bloßstellung, nur ungefilterte Ehrlichkeit. Das machte auch den großen Erfolg ihrer Sendungen aus. Wenn die Teilnehmer danach gefragt wurden, wie der gesuchte perfekte Mensch an ihrer Seite denn sein solle, passierte regelmäßig etwas Spannendes: Die Kandidaten hatten enorme Mühe, die schönen Eigenschaften des potenziellen Partners (wer sucht schon einen Partner mit negativen Attributen?) in Worte zu fassen. Wie er nicht sein soll, was er nicht darf, was er nicht erwarten darf – das wussten alle genau, da sprudelten die Sätze nur so aus ihnen heraus, häufig verbunden mit Geschichten über negative Erfahrungen mit Partnern in der Vergangenheit. Das Negative können wir sofort abrufen. Das Positive – und letztlich vorrangig Wichtige insbesondere in einer erfüllenden Partnerschaft – zu benennen, gestaltete sich in den Beiträgen deutlich sperriger. Die Kandidaten rangen nach den passenden Formulierungen, so, als würden sie etwas Unerhörtes einfordern, etwas, das ihnen nicht zusteht, sie nicht kennen oder in Worte fassen können. Dasselbe Stocken ist wahrzunehmen, wenn es darum ging, den Sehern zu vermitteln, was sie selbst an Gutem und Schönem in eine Partnerschaft einbringen würden – das Positive abzurufen und hervorzuheben, fällt den meisten von uns unendlich schwer.
Wenn ich meine Kunden am Beginn von Meetings oder beim Start eines Coaching-Prozesses frage, was denn bei den Gesprächen oder beim Coaching das ideale Endresultat sein und wie die Situation nach Beendigung unserer Zusammenarbeit aussehen sollte, herrscht zumeist ratlose Stille, und angestrengtes Nachdenken folgt. Wenn ich aber frage, was auf keinen Fall passieren beziehungsweise was nicht das Resultat unserer Zusammenarbeit sein dürfe, dann geht es Schlag auf Schlag.
Frage ich in Mediationen oder Coachings, was mein Kunde an seinem Partner, seinem Mitarbeiter oder seiner Führungskraft besonders schätzt, zeigt sich mir das gleiche Bild: intensives Nachdenken und im besten Fall ein paar mühsam herausgepresste Floskeln. »Er ist eigentlich ganz nett«, »Ich kann mich immer melden, wenn ich etwas brauche«, »Er ist immer pünktlich und korrekt«. Wenn ich danach frage, was mein Kunde an seiner Führungskraft weniger schätzt, ist die Schlagzahl bei den Antworten eine um vieles höhere. Völlig anders als das Positive scheint das Negative eine extrem ergiebige Quelle. Es ist für mich jedes Mal aufs Neue erstaunlich, wie stark sich besonders in solchen Momenten unsere intensive Prägung auf das Negative offenbart.
Egal ob Führungskräfte, Mitarbeiter, Großeltern, Eltern, Lehrer, Erziehungsberechtigte oder Partnersuchende – wir sind auf das Negative, das Falsche gepolt. Selbst, wenn das Positive und das Richtige überwiegt – wir übersehen es und wissen nichts daraus zu machen, geschweige, uns darüber zu freuen. Ich möchte Ihren Blick dafür schärfen, was dieses Mangeldenken mit uns anstellt und Ihnen zeigen, wie viel Leichtigkeit in unser Leben kommt, wenn es uns gelingt, den imaginären Rotstift beiseitezulegen. Mein Wunsch ist es, Ihnen mit diesem Buch Denkanstöße für ein leichtfüßigeres und wertschätzenderes Miteinander zu liefern und Ihnen ein paar sofort umsetzbare Handlungsweisen und Werkzeuge in die Hand zu geben, deren Wirkung Sie verblüffen wird. Auf den folgenden Seiten finden sich viele Beispiele und Erzählungen aus meinem beruflichen wie auch privaten Alltag. Einige Geschichten sind darunter, die mich und meinen Umgang mit anderen nachhaltig geprägt haben. Beinahe täglich macht es mich demütig und dankbar zu sehen, wie auf meinen Input hin bereits eine leichte Kurskorrektur im Verhalten eine sofortige Verbesserung im Miteinander bewirkt, sei es in der Führungsarbeit, im Berufsleben, bei erzieherischen Fragen oder in der Partnerschaft. Mit Lob, Anerkennung und Wertschätzung – in diesen dreien findet das Positive seinen Ausdruck – haben wir völlig unterbewertete Instrumente in der Hand, die wir viel zu wenig nutzen, wenn es darum geht, uns gegenseitig zu motivieren. Sie stehen jedem von uns unbegrenzt zur Verfügung, sie kosten nichts, für sie brauchen wir kein Budget zu beantragen (eine sehr beliebte Ausflucht im Berufsleben), und sie entfalten ihre positive Wirkungsweise unverzüglich. Es ist so leicht und es tut so gut, sie anzuwenden – das möchte ich gern ins Bewusstsein rücken. Ich möchte, dass Sie lernen, das Positive zu fokussieren und das Richtige zuerst zu sehen – und danach erst das Negative, das Falsche. Ich möchte, dass Grün – bildlich gesprochen – Ihre neue Signalfarbe wird.
Wir alle kennen eine Ariane – Prolog
»Wir glauben, Erfahrungen zu machen. Aber die Erfahrungen machen uns.«
Eugène Ionesco, französisch-rumänischer Autor und Dramatiker, 1909 – 1994
Einer meiner Söhne hatte eine Klassenkameradin, ihr Name ist Ariane. Schon in der Volksschule tat sie sich als überaus begabtes Kind hervor – egal in welchem Unterrichtsfach, den Lernstoff machte sie sich spielerisch zu eigen. Sie war talentiert und lerneifrig und nur in seltenen Fällen gab es eine andere Note als ein »Sehr gut«. Zumeist war auch das »Sehr gut« kein gewöhnliches »Sehr gut«, sondern eine Römische Eins, immer hochverdient, denn Ariane hatte große Freude am Lernen. Gab es bei einer Klassenarbeit die maximale Punktezahl von zehn – Ariane hatte elf.
Unser Sohn kam eines Tages von der Schule nach Hause. Obwohl es gute Nachrichten aus der Bildungsstätte zu berichten gab, schien er etwas verhalten. Es hatte ein Diktat gegeben, auf das er mit »gut« benotet worden war. Von zehn Wörtern hatte er neun richtig geschrieben, nur eines falsch, und zwar das Wort »immer«, bei dem er ein »m« vergessen hatte.
Neun von zehn Wörtern richtig geschrieben, und nur eines davon falsch – dafür hätte er sich ein kräftiges Lob und die Würdigung seiner guten Leistung verdient, aber stattdessen hatte er von der Lehrerin eine Sonderaufgabe mit nach Hause bekommen. Er musste »immer« dreißigmal schreiben, drei weitere Wörter mit Doppel-m suchen und diese jeweils zehnmal schreiben. Dabei hatte es wesentlich schwierigere Wörter zum Diktat gegeben als das eine, das er falsch geschrieben hatte: das Wort »vielleicht« beispielsweise, ein Wort mit »v«, »ie«, Doppel-l und gleich zwei Zwielauten!
Im Diktat selbst war das fehlende »m« kräftig in Rot markiert, während die neun richtig geschriebenen neben dem einen in Signalfarbe gekennzeichneten Wort natürlich gänzlich verblassten – dieses Bild hat sich mir zutiefst eingeprägt.
Ariane hatte übrigens zehn von zehn Wörtern richtig geschrieben. Warum ich das erwähne? Nun. Unser Sohn war damals doppelt gefordert, denn für mich war das Abschneiden von High-Performerin Ariane bei Leistungstests die Benchmark, an der es sich zumindest zu orientieren galt.
Das sah dann beispielsweise so aus:
»Papa, ich habe eine Eins!«
»Sehr gut! Was hat denn die Ariane?«
In meinen Vorträgen schreien die Zuhörer an dieser Stelle meistens laut auf und lachen herzhaft – so gut wie jeder erkennt sich in irgendeiner Form wieder: Entweder in dem Bild mit den rot markierten Fehlern oder sie kennen jemanden, der zwar nicht Ariane heißt, aber trotzdem an die eher aussichtslose Hürde aus früheren Schultagen erinnert, die es performancemäßig zu überwinden galt, wenn man die Eltern stolz machen wollte.
Ist das nicht verrückt? Es muss völlig egal sein, welche Note Ariane hat, eine Eins ist die beste Note – das muss gewürdigt werden und verdient Lob und Anerkennung!
Wenn ich die Geschichte in meinen Vorträgen erzähle, frage ich an dieser Stelle gern die Zuhörer, ob sie sich vorstellen können, welche Frage der Papa in der Geschichte (also ich) ihrer Ansicht nach als nächstes stellt. Die Auflösung aus den Reihen der Teilnehmer kommt immer prompt:
»Wie viele ›Sehr gut‹ gab es denn?«
Ich habe in der Tat danach gefragt, wie viele »Sehr gut« es gegeben hatte, und wenn ich daran denke, ärgere ich mich heute maßlos über mich selbst. Denn es muss nicht nur egal sein, welche Note eine Ariane hat, es muss auch völlig egal sein, wie viele Einser es insgesamt gegeben hat. Eine Eins ist die beste Note und sie ist nicht weniger wert, wenn es mehrere Einser in der Klasse gibt!
Ist es nicht ein Irrsinn, was wir mit unserem Fokus auf das Falsche, das Negative, das rot Markierte schon unseren Kindern zumuten? Ich stehe nicht an zuzugeben, dass ich eine ganze Weile in dieser Ecke zu Hause war und das ist auch einer der Gründe, weshalb Sie dieses Buch heute in Händen halten. Die Geschichte von Ariane war für mich einer der wesentlichen Ausgangspunkte dafür, unseren Fokus auf das Negative genau unter die Lupe zu nehmen, selbst zu erkennen und aufzuzeigen, wie sehr er den allerkleinsten Dingen des Lebens innewohnt.
Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass der eine oder andere Leser von sich sagen wird, dass auch er früher so gehandelt und gedacht hat oder vielleicht sogar heute noch das eine falsche zuerst oder sogar anstatt der neun richtigen Wörter sieht.
Wann auch immer ich die Geschichte von Ariane in meinen Vorträgen erzähle, kommen jedes Mal starke Reaktionen aus dem Publikum – die Erzählung lässt kaum jemanden unberührt. Oft höre ich: »Wir haben auch eine Ariane, nur bei uns heißt sie Maximilian«, oder die Zuhörer bringen ihre Bestürzung zum Ausdruck und nehmen sich vor: »Ich frage meine Tochter nie wieder nach den Noten der anderen!«
Was das zuvor beschriebene Verhalten mit unseren Kindern macht? Ich erzähle Ihnen, wie bei uns daheim die Geschichte weiterging:
Wieder einmal kam unser Sohn von der Schule nach Hause und wir waren schon gespannt, denn die Kinder sollten an dem Tag die Mathematikschularbeit zurückbekommen. Die Haustür war kaum ins Schloss gefallen und die Schultasche abgestellt, schallte uns vom Flur schon das Ergebnis entgegen: »Ich habe ein ›Befriedigend‹, und Paps, bevor du fragst: Die Ariane hat auch nur ein ›Gut‹!«
Kinder können Erwachsenen ganz schön die Decke wegziehen.
Mein Sohn berichtete überdies, dass er ein Beispiel richtig gerechnet hatte, welches Ariane nicht hatte lösen können. Mein Verhalten, seine Leistungen dahingehend abzuklopfen, ob es nicht auch noch ein wenig besser (am besten besser als Ariane) gegangen wäre, hatte also dazu geführt, dass er sich über Ariane rechtfertigte (wozu überdies bei einem »Befriedigend« überhaupt keine Notwendigkeit bestand).
Die Schularbeit war offenbar sehr fordernd gewesen, denn unser Sohn präsentierte uns (bevor ich ihn danach fragen konnte) neben seiner Arbeit auch gleich die Klassenergebnisse dazu: Es hatte viele »Nicht genügend« gegeben, sodass kurze Zeit sogar eine Wiederholung der Arbeit im Raum gestanden war, sehr viele »Genügend«, nur eine Handvoll »Befriedigend«, lediglich ein »Gut« von Ariane und kein einziges »Sehr gut«. Das »Befriedigend« unseres Sohnes war angesichts des Schwierigkeitsgrades des Geforderten ein sehr beachtliches und – eben! – zufriedenstellendes Resultat gewesen, aber mein Lob kam nicht mehr ungefiltert bei ihm an, das habe ich gespürt.
Die Geschichte geht noch weiter.
Unser Sohn ist mittlerweile Mitte dreißig, in einer Geschäftsführerposition in der österreichischen Handelslandschaft tätig und hat selbst Familie. Er rief mich vor rund einem Jahr an, um mir zu erzählen, dass bei ihm ein nächster Karriereschritt bevorstünde: Er würde ab kommendem Monat die Geschäftsleitung einer Handelskette im Nahrungsmittelbereich übernehmen, bekäme einen Firmenwagen und ein noch attraktiveres Gehalt und sei sehr motiviert, denn die Beförderung wäre genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen.
Ich darf an dieser Stelle gleich vorwegnehmen, dass es im Leben mit der bloßen Einsicht, etwas nicht ganz richtig gemacht zu haben und mit der konsequenten Umsetzung der Entscheidung, es ab da besser zu machen, nicht immer getan ist. Oft holt uns nämlich noch viele Jahre später die Erkenntnis ein, welche Spuren wir mit unserem Verhalten bei anderen hinterlassen haben, wie auch in diesem Fall. Denn mein Sohn fügte folgenden Satz hinzu:
»Und Paps, bevor du fragst: Ich weiß nicht, wie viel Ariane verdient, und ob sie ebenfalls einen Firmenwagen hat, und ob und wie viele Mitarbeiter sie führt, das weiß ich auch nicht!«
Ich habe schon erwähnt, dass sich mir das Bild des einen, im Diktat falsch geschriebenen und rot markierten Wortes zutiefst eingeprägt hat. Nicht zufällig ist diese Geschichte auch titelgebend.
Der Gedanke, die neun richtig geschriebenen Wörter grün zu markieren oder sie zumindest positiv zu kommentieren, ist der Lehrerin vermutlich gar nicht in den Sinn gekommen. Ich persönlich achte seit jenen Tagen rigoros drauf, nur in Blau zu schreiben, ausschließlich das Positive zu markieren und anzumerken und mein Umfeld mit diesem eher ungewöhnlichen Verhalten »anzustecken«. Sobald ich sehe, dass jemand mit Rot schreibt oder etwas rot markiert, spreche ich ihn darauf an und weise darauf hin, dass er sich mit der roten Farbe seitenweise selbst darauf hinweist, etwas falsch gemacht zu haben, etwas korrigieren, etwas besser machen zu müssen. Ich darf Ihnen sagen, dass wirklich jeder sofort versteht, was ich damit meine. Denn die meisten haben gelernt, dass es im Leben darum geht, möglichst wenige Fehler zu machen, und dieses Verständnis wird früh gefördert, indem Fehler traditionell in Rot markiert werden. Auf ihnen liegt das Augenmerk – nicht auf dem, was richtig gemacht wurde.
Stellen Sie sich kurz vor, Sie befinden sich in einem Meeting, Sie schreiben die wichtigsten Sachen mit und Ihr blauer Kugelschreiber gibt plötzlich den Geist auf. Sie borgen sich einen roten Kugelschreiber und schreiben eine Weile mit diesem mit. Nach einer kurzen Pause geht die Besprechung weiter, aber der rote Kugelschreiber ist weg, denn den hat ein Kollege ausgeborgt. Sie borgen sich also einen neuen Stift, der ist diesmal schwarz, und Sie schreiben weiter mit. Visualisieren Sie bitte nun Ihre Mitschrift aus dieser Besprechung. Sie haben nur die allerwichtigsten Sachen zu Papier gebracht, aber welche Dinge werden Ihnen als Erste ins Auge fallen, wenn Sie die Mitschrift am nächsten Tag zur Hand nehmen? Blau, rot oder schwarz? Möglicherweise waren es To-dos – auf welche Farbe fällt Ihr Blick zuerst und welche Aufgaben werden Sie deshalb möglicherweise sofort in Angriff nehmen? Sehen Sie, was die Farbe Rot mit uns macht?
Ich habe die Schulergebnisse meines Sohnes mit meiner Orientierung an der Klassenbesten unabsichtlich abgewertet und dem Positiven, dem Richtigen weniger Beachtung geschenkt als den rot markierten Stellen. Jahrzehnte später ist mir während des Telefonats mit meinem Sohn ein weiteres Mal intensiv ins Bewusstsein gerückt worden, wie konsequent wir alle darauf achten, was vermeintlich nicht passt und welche Spuren diese Prägung hinterlassen kann.
Ich erzähle die Geschichte von Ariane häufig in meinen Vorträgen und bitte zum Schluss das Publikum, die Hand zu heben – Sie sind jetzt eingeladen, mitzumachen! – , wer ebenfalls eine Ariane kennt. Und ich kann Ihnen sagen: Jeder kennt eine Ariane – auch wenn sie Emma oder Maximilian heißt!
Woher kommt unser Fokus auf das Negative?
WEIL WIR ES VON KLEIN AUF GELERNT HABEN
Wie soll ein Volksschulkind auf die Idee kommen, sich über neun richtig geschriebene Wörter zu freuen, wenn ihm nur das eine falsche, das rot markierte Wort in die Augen springt? Anstatt neunmal die Farbe Grün zu benutzen, setzt die Lehrerin einmal Rot ein – und eine »Strafaufgabe« gibt es obendrein (denn wie soll ein Volksschüler das als »Vertiefungsübung« sehen können?). Auch wenn in den vergangenen Jahren viel darüber diskutiert und geschrieben wurde, dass wir uns darauf konzentrieren sollten, die Talente unserer Kinder zu fördern, und nicht ausschließlich auf die Schwächen zu blicken, hat sich in der gelebten Praxis dahingehend nicht sehr viel bewegt. Von klein auf werden wir durch das rote Kennzeichnen darauf hingewiesen, was falsch ist. Das Augenmerk liegt auf jenen Aspekten, die es zu korrigieren und zu verbessern gilt – nicht auf Stärken und auf Talenten. Wir haben gelernt, dass es im Leben darum geht, das Negative auszumerzen, besser werden zu müssen und so wenige Fehler wie möglich zu machen. Der Preis, den wir dafür bezahlt haben, ist der, dass wir für die positiven Dinge keinen Blick und kein Sensorium mehr haben. Wir kennen es nicht anders, wir sind daran gewöhnt: Gewohnheiten sind vergleichbar mit ausgetretenen Wegen in einem großen Garten – wir nehmen den bereits bekannten, sichtbaren Weg und nicht zuallererst den unbekannten durch dichtes Gestrüpp.
Unser Gehirn ist evolutionsbedingt darauf ausgerichtet, uns vor Gefahren zu schützen. Das bedeutet, dass wir sehr achtsam für Negatives in unserem Leben sind und sehr schnell auf gefährliche Situationen reagieren. Das ist zunächst einmal nicht schlimm, sondern sichert unser Überleben.
Wenn Sie mit Ihrer Hand eine heiße Herdplatte berühren, ziehen Sie Ihre Hand automatisch zurück. Sinnes- und Nervenzellen nehmen den Schmerz wahr und leiten ihn weiter, wir empfinden Schmerz, und aus unserer Empfindung »heiß!« wird die Reaktion »Hand wegziehen!«. Synapsen – vom griechischen Wort synapsis (Verbindung) abgeleitet – sind die Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen, zwischen Nerven- und Sinneszellen oder zwischen Nervenzellen und Muskelfasern, und diese Verbindungen brauchen wir, damit solche wichtigen Informationen wie in obigem Fall schnellstmöglich übertragen werden und Informationen sowie Impulse weitergeleitet werden, um beispielsweise »heiß!« augenblicklich zu erkennen und die Hand mithilfe der Muskelfasern auf der Stelle wegziehen zu können.
Verhaltensmuster setzen sich durch ihre permanente Wiederholung fest und hinterlassen an diesen Stellen verdickte Synapsenstränge. Unter Druck oder in Stresssituationen reagieren diese Stellen durch ihre stärkere Ausformung schneller als die anderen, die weniger benutzten, und so wiederholen wir uns in diesem gelernten Verhalten – wir benutzen den bequemeren, bekannten, fein ausgetretenen Weg durch den Garten.
Unsere persönliche Wertewelt wird von tief in uns eingeprägten Parametern gesteuert: von unserem Umgang mit richtig oder falsch, von dem Stellenwert, dem wir positiv oder negativ beimessen und von unserer Gewichtung von »Grün« und »Rot«. Je nachdem, welchen Rang richtig und falsch in unserer Kindheit hatten und welche Reaktionen und Verhaltensweisen uns von unseren Bezugspersonen und unserem Umfeld von klein auf vorgelebt wurden – die Summe unserer Erfahrungen ist das Fundament für unsere eigene Priorisierung von gut oder schlecht, richtig oder falsch, »Grün« oder »Rot«.
DER SOZIALE VERGLEICH PRÄGT UNSERE VERHALTENSMUSTER
Viele unserer Verhaltensmuster sind durch Erwartungshaltungen geprägt. Wir verhalten uns schon von Kindheit an so, wie wir denken, es könnte den Bezugspersonen gefallen – sei es der Mutter, dem Vater, der Kindergärtnerin oder dem Handarbeitslehrer. Der soziale Vergleich spielt dabei eine immens große Rolle.
Bei der Erstkommunion sind viele Eltern darauf erpicht, dass ihr Kind das hübscheste ist – welches der Kinder sich bei der Erstkommunionvorbereitung am interessiertesten und präsentesten hervorgetan hat, ist den meisten Eltern weniger wichtig, es gibt so viele andere, nach außen gerichtete Dinge zu organisieren und vorzubereiten. Die Hochsteckfrisuren vieler Erstkommunionmädchen lassen manche erwachsene Braut erblassen – eine außergegenständliche Wertung dominiert das Geschehen, eine optische nämlich, und es geht maximal am Rande um ein gemeinsames Erleben dieser schönen und bedeutsamen Feier. Schon während Firmungen und Erstkommunionfeiern wird unter den Eltern hinter vorgehaltener Hand über jene gesprochen, die »ein ausgeborgtes Kleid« und »keine ordentliche Frisur« haben. Sei hübsch, sei perfekt, sei brav, bringe keine Flecken an das teure Outfit und mache keine Fehler beim Vorlesen in der Kirche – das ist es, was die meisten Kinder aus diesen Events mitnehmen (neben ein paar Geschenken und später hoffentlich dem angenehmen Gefühl, dass alles fehlerlos über die Bühne gegangen ist).
Der Sportlehrer sagt zum jüngeren Bruder: »Die Sportsachen zu Hause vergessen … das hätte es bei deinem älteren Bruder nicht gegeben!« Er sagt nicht: »Schön, dich in meiner Klasse zu haben – dieses Jahr haben wir endlich einen Fußballer in der Mannschaft, mit dem wir die Fußballmeisterschaft der Schule gewinnen können.« Er sagt auch nicht: »Dein Bruder konnte nicht Fußball spielen, schön dass wir jetzt dich in der Klasse haben – und bitte vergiss die Sportsachen nicht mehr, damit du immer mitmachen kannst!« Nein, er sagt: »Die Sportsachen zu Hause vergessen … das hätte es bei deinem älteren Bruder nicht gegeben!« – Anstatt auf Motivation setzt er auf eine herabwürdigende, fehleraufzeigende und damit sehr effiziente Methode, um den jüngeren Bruder dazu zu bringen, die Sportsachen nicht mehr zu vergessen. Mein älterer Bruder ist einfach so viel besser als ich, dem passieren solche Fehler nicht – das ist es, was der jüngere so von klein auf lernt.
Vielleicht findet sich auch der eine oder andere Leser in einem der beiden Beispiele wieder. In meinen Seminaren und Vorträgen erzählen die Teilnehmer regelmäßig von ähnlich gelagerten Erlebnissen. Woran erinnern Sie sich zuerst, wenn Sie an Ihre Tanzschulzeit, Ihre Hochzeit, den letzten Urlaub oder die letzte Firmen-Weihnachtsfeier denken? Zumeist sind es die Fehler, die Ausrutscher, die negativen Aspekte, die wir in Sekundenbruchteilen abrufen können, oder Situationen, in denen wir (oder andere) im sozialen Vergleich (vermeintlich) schlechter abgeschnitten haben.
Zum sozialen Vergleich gehört auch der Vergleich mit den Eltern: »Du bist wie dein Vater.« Was uns als kleine Kinder noch entzückt, kann später zur Beleidigung oder zur Bedrohung werden. Oder als Entschuldigung herhalten: »Stimmt. Ich trinke ab zu ein Glas Wein zu viel. Mein Vater hat das auch gemacht!«, »Stimmt. Mir rutscht hin und wieder die Hand aus. Ich bin selbst auch geschlagen worden!«, »Meine Mutter hatte einen Putzfimmel, den habe ich offensichtlich von ihr übernommen!« Solche Sätze hören wir regelmäßig, aber kaum jemand kommt auf die Idee, zu artikulieren, was er Gutes von seinen Eltern mitbekommen hat. Wie oft haben Sie schon jemanden sagen gehört: »Ich bin ein fleißiger Mensch, das habe ich von meinem Vater gelernt«, »Ich bin ein guter Sportler, denn meine Mutter war auch vielseitig sportlich begabt«, »Ich bin sehr ordnungsliebend, das habe ich von meiner Mutter übernommen« oder »Ich kann Rückschläge gut wegstecken, das haben mir meine Eltern beigebracht«.
Schreiben Sie ganz spontan Eigenschaften auf, die Sie von Ihren Eltern vermeintlich geerbt haben – links die negativen, rechts die positiven. Darf ich raten, welche Spalte länger ist? Und darf ich fragen, bei wie vielen Begriffen in der Spalte mit den positiven Eigenschaften Sie in Gedanken ein »Eigentlich« oder »Durchaus« hinzugefügt haben, weil Sie sich zwar schon »durchaus mutig« oder »eigentlich ganz klug« finden, sich aber schwergetan haben, sich selbst das Attribut »mutig« oder »klug« zuzuordnen?
Für den sozialen Vergleich ziehen wir in der Regel die Kategorie »Negativ« heran. Wir blicken auf die Dinge, die vermeintlich nicht der allgemeinen Erwartungshaltung – und damit auch nicht der unseren – entsprechen. Wir haben es so gelernt und dieses Verhaltensmuster ist aufgrund der intensiven Prägung so stark in uns verankert, dass es sich nicht so ohne Weiteres ablegen lässt. Wir praktizieren diese Projektion auf das Falsche und das Negative so lange und so intensiv, dass wir als Erwachsene mit Lob und Anerkennung überhaupt nicht mehr umgehen können. In meinen Seminaren orte ich auf diese Aussage hin gelegentlich den einen oder anderen skeptischen Blick, denn wer steht schon gern dazu, zuerst auf das Negative zu blicken und auf das, was seiner Ansicht nach nicht der allgemeinen Erwartungshaltung entspricht? Ich trete dann mithilfe einer kleinen Übung den Beweis für meine These an:
EINE KURZE GEDANKLICHE ÜBUNG ZUM BEWEIS
Stellen Sie sich vor, Ihr Vorgesetzter bittet Sie in sein Büro. Sie wissen nicht genau worum es geht, der Assistent Ihres Chefs hat Ihnen nicht sagen können, was der Grund für den kurzfristig einberufenen Termin ist und Sie gehen daher davon aus, dass von Ihnen nichts Spezielles dafür vorzubereiten ist. Sie nehmen etwas zum Schreiben und Ihr Notizbuch mit und begeben sich zum Termin.
Der Grund für das kurzfristige Treffen überrascht Sie sehr, denn Ihr Vorgesetzter entschuldigt sich für die kurze Arbeitsunterbrechung, aber es war ihm ein großes Anliegen, sich bei Ihnen für Ihren Einsatz bei einem bestimmten Projekt zu bedanken. Er sagt Ihnen, Sie hätten das super gemacht und eine sensationelle Leistung gezeigt.
Lassen Sie diese Situation bitte kurz auf sich wirken und stellen Sie sich vor, wie Sie reagieren werden.
Ich nehme an, Sie werden sich bedanken und die meisten von Ihnen werden etwas in der Art hinzufügen: »Danke. Aber das war ich nicht allein« oder »Danke. Das hätten Sie aber auch ohne mich hinbekommen«.
Die Übung besteht aus zwei Teilen.
Stellen Sie sich bitte ein weiteres Mal vor, Ihr Vorgesetzter bittet Sie in sein Büro. Sie wissen nicht genau worum es geht, der Assistent Ihres Chefs hat Ihnen nicht sagen können, was der Grund für den kurzfristig einberufenen Termin ist und Sie gehen daher davon aus, dass von Ihnen nichts Spezielles dafür vorzubereiten ist. Sie nehmen etwas zum Schreiben und Ihr Notizbuch mit und begeben sich zum Termin.
Der Grund für das Treffen ist leider kein angenehmer. Ihr Vorgesetzter konfrontiert Sie mit einem Fehler, den Sie gemacht haben und der leider sehr kostspielig für das Unternehmen werden kann.
Lassen Sie auch diese Situation bitte kurz auf sich wirken und stellen Sie sich vor, wie Sie reagieren werden.
Ich nehme an, Sie werden den Fehler zur Kenntnis nehmen, sich vielleicht bestürzt zeigen, sich entschuldigen und versichern, für sofortige Abhilfe zu sorgen. Eines aber werden Sie ganz gewiss nicht machen – Sie werden mit Sicherheit nicht sagen: »Das war ich nicht allein, das hat das ganze Team vergeigt« oder gar: »Sie bauen selbst auch gelegentlich Mist«.
An dieser gedanklichen Übung offenbart sich unsere intensive Prägung auf das Negative besonders deutlich: Verläuft ein Gespräch mit dem Vorgesetzten positiv, dann zählt der Zusammenhalt, denn Positives zu betonen und für sich zu reklamieren, wäre eitel – so haben das die meisten von uns gelernt. Negatives auf andere abzuwälzen ist hingegen noch strenger verpönt und deshalb würde im Normalfall kaum jemand sagen: »Das habe ich nicht allein verbockt, da war das ganze Team beteiligt …«
FAZIT: WIR KENNEN ES NICHT ANDERS
Unsere Verhaltensmuster setzen sich durch ihre permanente Wiederholung fest. Unser Umgang mit richtig oder falsch, der Stellenwert, dem wir positiv oder negativ beimessen und unsere Gewichtung von »Grün« und »Rot« ist erlernt, tief in uns eingeprägt und steuert unsere persönliche Wertewelt. Wir leben und wir führen fort, was wir von klein auf gelernt haben: Wir haben gelernt, dass es im Leben darum geht, auf das Negative zu fokussieren, Falsches auszumerzen, besser werden zu müssen und so wenige Fehler wie möglich zu machen. Der Preis, den wir dafür bezahlen, ist der, dass wir für die positiven Dinge kaum mehr einen Blick und vor allem kein Sensorium mehr haben. Wir kennen es nicht anders, wir sind daran gewöhnt.
Die Gegenspieler eines positiven Miteinanders und wie Sie ihnen mit wirksamen Entstörungsmaßnahmen den Nährboden entziehen
»Auf Veränderung zu hoffen, ohne selbst etwas dafür zu tun, ist wie am Bahnhof zu stehen und auf ein Schiff zu warten.«
Albert Einstein, deutscher Physiker, 1879 – 1955
Das Gegenteil von einem guten Miteinander ist ein Gegeneinander. Weil es nicht für jeden von uns einen eigenen Planeten mit all den bekannten und gewohnten Annehmlichkeiten gibt, sollte es uns allen ein Anliegen sein, möglichst gut miteinander auskommen. Wir Menschen sind soziale Wesen und von dem Moment an, wenn wir auf die Welt kommen, auf andere angewiesen. Nach der Geburt könnten wir allein nicht überleben und wir sind, um uns gesund – sowohl im körperlichen wie auch im psychischen Sinne – entwickeln zu können, auf die Zuwendung anderer Menschen und auf die Lernerfahrungen angewiesen, die uns andere ermöglichen. Dennoch machen wir einander so oft unnötig das Leben schwer. Die zu diesem Zweck ausgerichteten Praktiken unserer auf das Negative und das Falsche gepolten Mitmenschen haben sich mit zunehmender Zivilisation verfeinert. Herabsetzung, Entwürdigung und Gegeneinander finden vorwiegend nicht mehr mithilfe primitiver Formen von Gewalt statt, sondern wurden und werden zunehmend durch subtilere, psychologische Methoden ersetzt, die alle miteinander die Funktion haben, das eigene Selbst zu schützen, es anzuheben und sich damit über andere zu stellen. Neid ist dabei die häufigste Triebfeder vieler solcher Handlungen.
Mir ist es wichtig, Bewusstsein dafür zu schaffen, in wie vielen unserer Lebensbereiche wir durch unseren Fokus auf das Negative mit dem Gegenteil eines guten Miteinanders konfrontiert sind. Ich möchte Ihnen meine eigenen Erfahrungen zur Verfügung stellen und Werkzeuge in die Hand geben, mittels derer Sie sich einfach und gelungen gegen die negative Fokussierung abgrenzen und mit positiv ausgerichteten Verhaltensweisen effizient gegensteuern können. Permanenter Negativität ausgesetzt zu sein, fügt uns Schaden zu. Das Ausmaß des Schadens in Form von Verletzungen ist unterschiedlich hoch: Manchmal sind es kleine Abwertungen in der Gestalt von Unhöflichkeit und Respektlosigkeit, die sich schnell überwinden lassen, aber es gibt auch über Jahre und gar jahrzehntelang andauernd ausgeübte destruktive Handlungen an uns, die auf Dauer unseren Selbstwert zersetzen und uns körperlich und seelisch krank werden lassen. Auch das bewusste Vorenthalten von Lob, Anerkennung oder Wertschätzung kann uns krank machen. Das kann Verbitterung oder Aggression zur Folge haben oder es kann passieren, dass wir eine deutliche Reaktion zeigen und auf diese Weise signalisieren, dass wir mit der Situation unzufrieden sind – wir machen uns unbequem und werden selbst zu Gegenspielern eines guten Miteinanders. Was ich mit dem Sich-Unbequem-Machen meine, zeichne ich für Sie mit einem Bild aus der Kindererziehung nach:
Der Einjährige und der Fünfjährige sitzen auf der Couch im Wohnzimmer. Der Einjährige hat Geburtstag. Mama, Papa, Onkel, Tante, Opa, Oma: Alle sind da und fokussieren sich auf den Einjährigen. »Wie du lieb lachst«, »Du hast heute Geburtstag, schau was ich dir mitgebracht habe«, »Wie groß du schon bist«, alle möglichen liebevollen Wortmeldungen und Komplimente regnen auf den Kleinen herab. Die gesamte Zuwendung konzentriert sich auf den Einjährigen. Der Fünfjährige fühlt sich zu wenig beachtet und sieht sich zum Handeln gezwungen. Er gibt in einem vermeintlich unbeobachteten Augenblick dem Einjährigen einen Stoß, der natürlich schreit und zu weinen beginnt. Im selben Moment gehört dem Fünfjährigen die gesamte Aufmerksamkeit von Mama, Papa, Oma, Opa, Onkel, Tante. Der Fünfjährige musste zwar damit rechnen, dass nicht alle Reaktionen angenehm sein werden, denn die Mama wird ihn in jedem Fall kurz rügen. Aber er folgt einem inneren Antrieb, und jede Aufmerksamkeit ist besser als gar keine Aufmerksamkeit! Der elterliche Tadel geht schnell vorüber, und rasch wird umgeschwenkt auf einen liebevollen Tonfall und es regnet Wertschätzung und auf ihn nieder: »Sei doch nett zu deinem kleinen Bruder«, »Du bist doch schon so groß«, »Du gehst ja schon bald in die Schule«, »Bald hast du Geburtstag und dann bekommst du Geschenke und eine Torte mit Kerzen«, »Auf deiner Torte sind dann schon viele Kerzen« …
Das Sich-Unbequem-Machen ist eine sehr übliche Taktik, zu der nicht nur unsere Kleinsten greifen, denn sie garantiert Aufmerksamkeit für die eigenen Anliegen. Vielleicht kennen Sie die Situation, wenn der Mitarbeiter im für Sie denkbar ungünstigsten Zeitpunkt mit einer Forderung auf Sie zukommt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Mitarbeiter so gut wie nie mit ihrer Kündigung drohen, wenn das Fahrwasser gerade etwas ruhiger ist und der Vorgesetzte ein paar Tage hat, an denen er ein wenig Luft zum Abarbeiten verschiedener Sachen hat. Sie drohen mit ihrer Kündigung in einem Moment, wo der Vorgesetzte gerade nicht weiß, wo ihm der Kopf steht und welches Projekt er zuerst in Angriff nehmen soll. Ein Partner, der verletzt ist, macht sich auch nicht dann unbequem, wenn beide gerade in Ruhe beim Essen sitzen und gemütlich ihre Beziehung reflektieren oder über den nächsten Sommerurlaub sprechen, sondern er stellt den anderen beispielsweise beim Essen mit Freunden bloß, um seiner Verletzung Ausdruck zu verleihen. Das Sich-Unbequem-Machen ist der erste Schritt, mit dem wir signalisieren, dass uns am und im Miteinander (sei es eine Verhaltensweise, eine Situation, ein falsches Wort am falschen Platz und so weiter) etwas stört oder dass uns daran etwas nicht gefällt. Wenn wir damit nicht weiterkommen, lassen wir uns andere Taktiken einfallen, um die Lage zu unseren Gunsten zu drehen. Wir verfeinern die Methoden oder wir verstärken sie, je nachdem. Und während wir uns noch darüber den Kopf zerbrechen, wie wir das Gegenüber endlich zu einem verträglicheren Verhalten bringen können, sind wir schon längst selbst Teil der Negativspirale, ohne dass es uns überhaupt auffällt.
DAS PERSÖNLICHE WERTEGERÜST – IHR KOMPASS FÜR EIN VERLETZUNGSFREIES NAVIGIEREN IM MITEINANDER
»Wer seine Grenzen kennt, ist schon ein halber Weiser.«
John Galsworthy, englischer Erzähler, Sozialkritiker und Dramatiker, Nobelpreis für Literatur 1932, 1867 – 1933
Permanenter Negativität ausgesetzt zu sein, fügt uns Schaden zu. Wenn wir aus verschiedenen Gründen passiv sind, die Situation über uns ergehen lassen und durchtauchen, lassen wir uns sehenden Auges eine noch tiefere Verletzung zufügen. Wir dürfen nicht zulassen, was uns schadet. Das sagt sich leicht dahin, das ist mir bewusst. Insbesondere, weil wir viele der Widersacher eines guten und wertschätzenden Miteinanders von klein auf kennengelernt haben. Sie gehören dazu, sie sind zur Normalität für uns geworden. Oft ist uns gar nicht bewusst, dass wir den äußeren Umständen nicht einfach ausgeliefert sind, sondern sogar sehr großen Einfluss darauf haben, welchen Verlauf sie nehmen. Wir haben die Wahl: Was lassen wir zu und was nicht? Was lassen wir mit uns machen und was nicht? Und außerdem: Wie und mit welchen Mitteln halten wir dagegen?
Was wir zulassen und was nicht ist natürlich von Person zu Person unterschiedlich. Es gibt Mitarbeiter, die haben kein Problem damit, wenn sie vom Vorgesetzten bloßgestellt oder zum »Abteilungsbutler« degradiert werden, aber es gibt auch Mitarbeiter, die reagieren beim kleinsten Witz schon sehr allergisch (und der muss nicht einmal auf sie bezogen sein, sondern da reicht es schon, wenn es um ein Thema geht, über das sie einfach nicht lachen können, auch wenn der Rest der Kollegenschaft das kann, und zwar sehr herzhaft). Es gibt Mitmenschen, die stört es nicht, wenn man sie auf eine ihrer Schwächen anspricht, aber es gibt auch welche, die sehr frontal und angriffig aus der Deckung kommen, wenn das passiert.
Was wir zulassen und was nicht, das müssen wir klar und deutlich für uns definieren. Dafür brauchen wir in unserer Wertelandschaft und innerhalb unseres Selbstwertgefühls eine genau erkennbar gezogene Linie, und sie gilt es, im Fall einer Grenzverletzung zu verteidigen.
Wie wir uns zur Wehr setzen, ist ebenfalls sehr unterschiedlich und auch dieses Wie ist etwas, das wir fest umrissen für uns abstecken müssen. Man muss die Regeln kennen, wenn man sie brechen will, heißt es. Das ist – umgelegt auf unser Thema – ein sehr nützlicher Gedanke: Wir müssen die zur Verfügung stehenden und für uns infrage kommenden Methoden und Taktiken zur Gegenwehr kennen und mit ihnen vertraut sein. Nur so können wir im Fall einer Grenzverletzung schnell und sicher entscheiden, welche die richtige ist und wie wir wirksam agieren und reagieren können. Das Sich-Unbequem-Machen mag sich im ersten Moment befreiender und richtiger anfühlen, als eine verletzende Situation über sich ergehen zu lassen – aber mit großer Sicherheit wird der Nutzen des Sich-Unbequem-Machens nicht von Dauer sein. Um nicht in einer Endlosschleife an wehrhaftem Aktionismus zu enden, der nichts an der kränkenden oder störenden Situation ändert, müssen wir wissen, wie und mit welchen Methoden wir effizient, gewalt- und aggressionsfrei vorgehen können, um zu einem guten und wertschätzenden Miteinander zu gelangen. Ob eine Gegenwehr nachhaltig erfolgreich ist, hängt vom Wie ab. Wie setzen wir uns sinnvoll zur Wehr – das ist die Königsdisziplin in der wirksamen Verteidigung unserer Werte. Ich werde Ihnen auf den folgenden Seiten anhand einiger Erzählungen und Beispiele zeigen, wie das geht.
Ein Architektenteam kam zu einem Meeting bei einem Immobilienverwalter, der bei den Architekten eine Planung in Auftrag gegeben hatte. Die Tochter des Immobilienverwalters arbeitet in diesem Unternehmen als Prokuristin. Die Architekten hatten mit der Prokuristin ein paar Dinge vorbesprochen, wobei es offensichtlich zu einem Missverständnis gekommen war. Worum es im Detail ging, ist an dieser Stelle nicht wichtig. Der Immobilienverwalter wollte jedenfalls wissen, wie es zu dieser Fehlinformation gekommen war, worauf die Architekten ihm sagten, dass sie offenbar beim Vorgespräch mit der Prokuristin etwas falsch verstanden haben mussten. Woraufhin der Immobilienverwalter sagte: »Was habe ich da nur für eine Missgeburt in die Welt gesetzt?!« Alle Anwesenden blieben passiv. Die Tochter wehrte sich nicht, die Architekten reagierten ebenfalls nicht (denn die hätten theoretisch sagen können, dass sie in einer Atmosphäre, in der die 52-jährige Tochter des Auftraggebers von selbigem als »Missgeburt« bezeichnet wird, nicht über Aufträge sprechen möchten – aus meiner Sicht, und das möchte ich festhalten, wäre das sogar ihre Pflicht gewesen). »Was habe ich da nur für eine Missgeburt in die Welt gesetzt?!« Der Satz stand im Raum und blieb unkommentiert. Nichts ist passiert – nach außen hin.
Es ist wichtig zu erkennen, wann man etwas im Raum stehen lassen kann und wann eine sofortige Reaktion angebracht ist. Es wird Menschen geben, die eine Beleidigung tatsächlich nicht kränkt, aber es wird welche geben, bei denen eine tiefe Verletzung die Folge ist. Obiges Beispiel habe ich mir nicht etwa selbst ausgedacht, es handelt sich um eine wahre Begebenheit, die sehr gut zeigt, was ich meine. Keiner der Anwesenden hätte diese Kränkung einfach im Raum stehen lassen dürfen – das ist eine destruktive und beleidigende Aussage, die ihresgleichen sucht. Ich kann mir beim allerbesten Willen weder vorstellen, dass sie nicht zutiefst verletzend ist, noch, dass jemand anderer so einen Satz aus dem Mund eines Vaters oder irgendeiner anderen Person für akzeptabel halten könnte. Wer sich aber nicht genau darüber im Klaren ist, wo seine individuellen Grenzen sind und wer nicht einschätzen kann, wann ein Zuviel erreicht ist, wird zu keiner adäquaten Reaktion fähig sein. Wer sein Wertegerüst, seine wunden Punkte und Schwächen nicht kennt, ist Negativität weitgehend schutzlos ausgeliefert und wird nicht angemessen gegensteuern können.
Wer oder was hält Sie davon ab, Verletzungen entgegenzuwirken? Falls Sie sich fragen, wann es an der Zeit ist, aus den Startblöcken zu kommen und wie Sie genau erkennen können, dass ein Punkt erreicht ist, an dem Sie Ihre Grenzen sichtbar machen, sichern und verteidigen müssen, möchte ich Ihnen ein paar Gedankenstützen in Form von unbestechlichen Fragen in die Hand geben, die Ihr Wertegerüst praktisch erdbebensicher machen. Das besonders Gute ist, dass Sie die ehrliche Beantwortung dieser Fragen davon abhalten wird, sich selbst zu manipulieren und Gründe dafür zu suchen, untätigbleiben zu können. Ich möchte nicht verschweigen, dass die Fragen ein wenig unangenehm sein können, insbesondere, weil schonungslose Ehrlichkeit gefragt ist. Behalten Sie Ihr Ziel fest im Blick – Sie möchten nicht mehr verletzt werden, Sie halten an Ihren Werten fest, Sie fordern ein wertschätzendes Miteinander ein, Sie möchten glücklich sein … – und fragen Sie sich:
Wer oder was hält mich davon ab, Verletzungen entgegenzuwirken?
Auf diese Frage gibt es in der Regel nur eine Antwort: Sie selbst sind es, Sie haben aus unterschiedlichen Gründen entschieden, untätig zu bleiben. Es ist im ersten Moment eventuell schmerzlich, wenn man sich das eingestehen muss, aber es ist auch eine ganz besonders gute Nachricht! Denn es bedeutet auch, dass es an Ihnen liegt, Veränderung herbeizuführen!
Warum leben Sie nicht Ihre Wahrheit und Ihre Werte?
Bitte fragen Sie sich: Wer oder was hält mich davon ab, meine Wahrheit und meine Werte zu leben und diese einzufordern, wenn ich bereit bin, die Konsequenzen zu tragen?
Diese Frage ist mir seit Jahrzehnten ein zentrales Anliegen und prägt mein gesamtes Tun. Die Antwort auf diese Frage ist in der Regel dieselbe wie bei jener, wer oder was uns davon abhält, Verletzungen entgegenzuwirken (siehe Seite 45): Wir selbst haben entschieden, gegen unsere eigene Wahrheit, gegen unsere eigenen Werte zu leben und wir selbst sind es, die wir uns dagegen entschieden haben, diese konsequent einzufordern. Warum tun wir das, warum handeln wir so selbstverletzend? Meistens, weil wir uns vor schlimmen oder unangenehmen Konsequenzen fürchten, oder diese als Ausrede verwenden, denn Veränderung ist normalweise nichts, was uns sehr behagt. Sich das einzugestehen, mag im ersten Moment vielleicht unangenehm und schmerzlich sein, aber es ist wie gesagt auch eine ganz besonders gute Nachricht! Denn Sie haben es in der Hand, Veränderung herbeizuführen! Die Konsequenzen, vor denen wir uns fürchten, sind es meistens, die uns vor einer Entscheidung erstarren lassen wie das Kaninchen vor der Schlange. Aber aus langjähriger Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass nichts mehr stimmt als der Spruch: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.
Was ist das Schlimmste, das Ihnen passieren kann?
Damit Sie beantworten können, ob Sie bereit sind, die Konsequenzen zu tragen, müssen Sie die Konsequenzen natürlich kennen. Die Frage scheint auf den ersten Blick daher unbeantwortbar, denn Sie können bei bestimmten Situationen und Konstellationen nicht alle Möglichkeiten erfassen, da sich die meisten davon völlig Ihrem Einflussbereich entziehen und von der Reaktion eines Gegenübers (oder gleich mehreren) abhängen. Sie müssen aber auch gar nicht alle Konsequenzen kennen, sondern nur die für Sie wesentlichen, nämlich jene, die Sie nicht ertragen würden.
Bitte fragen Sie sich: Was ist das Schlimmste, das mir passieren kann – und halte ich das aus?
»Das Schlimmste« passiert meistens nicht, und in den allermeisten Fällen ist »das Schlimmste« außerdem recht gut auszuhalten und weitgehend problemlos zu ertragen. Sobald man es nämlich visualisiert, verliert auch das größte Schreckensszenario seine angsteinflößende und hemmende Wirkung.
Mit einem meiner ehemaligen Vorgesetzten war ich ein paarmal in so einer Situation. Er verlangte, um nur ein Beispiel zu nennen, etwas von mir, das ganz klar mein Wertegerüst verletzte: Jemanden unter dem Vorwand zu kündigen, er würde schlechte Arbeit leisten, de facto war er meinem Vorgesetzten aber schlichtweg unsympathisch.
Auch da habe ich mir die Frage gestellt:
»Was ist das Schlimmste, das mir passieren kann?«
(Ich verliere meinen Job.)
»Halte ich das aus?«
(Völlig klar, dass ich das aushalte, denn ich habe keine Sorge, wieder eine Beschäftigung zu finden.)
Vor mittlerweile drei Jahrzehnten klopfte meine heutige Ghostwriterin an meine Bürotür, ohne Termin, einfach nur, um bei mir zu deponieren: »Herr Zulehner, ich möchte gern für Sie arbeiten!« Sie war nicht glücklich in ihrer Abteilung, hatte aber das Studium noch nicht abgeschlossen und war damit in Wahrheit nicht ausreichend qualifiziert, um in meinem damaligen Team zu arbeiten.
Vielleicht hat sie sich damals gefragt:
»Was ist das Schlimmste, das mir passieren kann?«
(Er sagt nein.)
»Halte ich das aus?«
(Natürlich. Das Schlimmste wäre, ich hätte nicht gefragt.)
Ich habe mich damals gefragt:
»Was ist das Schlimmste, das mir passieren kann?«
(Dass sie ihren Job nicht gut macht und ich mir dann jemand anderen für die Position suchen muss.)
»Halte ich das aus?«
(Natürlich halte ich das aus.)
Ich verrate Ihnen, wie die Geschichte ausgegangen ist: Wenige Monate später war sie ein hochgeschätzter und wertvoller Teil meines Teams, und dass ich damals so entschieden habe, freut mich bis zum heutigen Tag.
Neben dem Aspekt, dass wir uns häufig völlig unbegründet vor schlimmen Konsequenzen fürchten, ist ein weiterer wichtiger Blickpunkt im persönlichen Wertegerüst jener, dass es hier kein Richtig und kein Falsch gibt. Es ist Ihr Wertegerüst und trägt Ihre persönliche, individuelle Note, Ihre Handschrift. Mir ist beispielsweise Pünktlichkeit sehr wichtig. Pünktlichkeit gehört zu meinem Wertegerüst und ich fordere Pünktlichkeit auch ein. Ich kenne viele Menschen, für die Pünktlichkeit keinen besonderen Wert darstellt, unter ihnen Führungskräfte, denen es beispielsweise egal ist, wann die Mitarbeiter in der Früh ins Büro kommen, solange sie nur ihre Arbeit machen. Beides ist richtig. Mir ist Pünktlichkeit wichtig, daher lebe ich sie und fordere sie auch ein. Wem Pünktlichkeit nicht wichtig ist – wer selbst vielleicht dafür bekannt ist, grundsätzlich zu spät zu kommen – , wird es dagegen schwer haben, wenn er sie bei anderen einfordern möchte. Walk the talk heißt es im Amerikanischen, vorleben also, was man selbst für wichtig und richtig hält.
Persönliche Werte, Einstellungen, Haltungen sind wesentliche Treiber unseres Verhaltens. Werte sind das, was wir als erstrebenswert erachten und moralisch, ethisch, menschlich für gut befinden. Wir bekommen sie vorgelebt und vermittelt, und wir prägen im Laufe unseres Lebens selbst Werte aus. An Werten, die uns nützlich erscheinen, orientieren wir uns, wir übernehmen sie oder behalten sie bei. Andere stören uns möglicherweise und wir legen sie ab. Wer von seinen Eltern beispielsweise vorgelebt bekam, dass Pünktlichkeit keinen besonderen Wert darstellt, ist vielleicht im Zuge des Erwachsenwerdens damit konfrontiert worden, dass Unpünktlichkeit sozial tendenziell unverträglich ist und erhebt Pünktlichkeit irgendwann zu einem Teil seines eigenen Wertesystems. Wer streng religiös erzogen worden ist, kommt vielleicht im Laufe seines Lebens darauf, dass Religiosität für ihn keinen besonderen Wert darstellt – oder umgekehrt.
Die bewusste und regelmäßige Auseinandersetzung mit seinem persönlichen Wertesystem ist wichtig. Nur so wissen wir, wer wir sind, auf welche Weise wir durchs Leben gehen wollen und wo wir unsere individuellen Grenzen ziehen möchten – und wann der Punkt erreicht ist, diese nötigenfalls zu verteidigen. Das persönliche Wertegerüst funktioniert wie ein innerer Kompass, der uns bei Entscheidungen hilft, uns zu einem besseren und positiveren Miteinander führt und uns sicherer und stabiler macht in Situationen, in denen unsere Grenzen überschritten werden.
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