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P E T E R S C H E E R

Lust aufs Alter

Unkonventionelle Gedanken über das Älterwerden

F A L T E R V E R L A G

© 2016 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.

1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9

T: +43/1/536 60-0, E: bv@falter.at, W: www.falter.at

Alle Rechte vorbehalten.

Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub: 978-3-85439-585-0

ISBN Kindle: 978-3-85439-586-7

ISBN Printausgabe: 978-3-85439-580-5

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Teil 1 Anleitung zum Älterwerden

Zwei ältere Herren

Der fröhliche Pensionist

Sie sind unwichtig

Sie sind gesünder, als Sie glauben

Lebensführung

Sie sind reicher, als Sie glauben

Meiden Sie manche Menschen, treffen Sie andere

Es ist wie eine zweite Jugend

Teil 2 Betreuung und Sterben

Mein Großvater

Träume

Das Foto

Die Apfelblüte

Was heißt es sich zu kümmern?

Gestorben muss werden, so oder so

Ernstl stirbt

Die Verscheuchung

Die Sorge

Die Diagnose(n)

Heute geht alles schief

Der Beginn des Abschieds

Wie erleben die Alten die Betreuung?

Mutter schweigt

Verlust der Erinnerung

Die Steinsetzung

Zwei Jahre danach

Auf dem Weg in den Wald

Nachwort

Der Autor

Fußnoten

Vorwort

Es ist ein schweres Buch, das Sie in Händen halten. Manchmal hat es mich als Autor stutzig gemacht: So viel „Wahrheit“, so viel Reflexion steckt drin. Nicht nur das Wissen, dass ich mit dem Älterwerden zunehmend unnötig geworden bin, nein, auch meine „Wichtigkeit“, meine „Bedeutung“ habe ich dem nicht vorhandenen Wind des Kosmos übergeben. Und so ist es auch ein leichtes Buch, denn die Erkenntnis, unwichtig und leicht ersetzbar zu sein, macht auch leicht und froh.

Dazu eine kleine Geschichte: Zwei Esel gehen am Morgen bepackt aus dem Dorf. Der eine hat Salz geladen, schwer und drückend lastet es auf seinem alt gewordenen Körper. Der andere aber hat Schwämme mit, die fühlen sich an wie Luft. Der Zweite triumphiert ob seines glücklichen Loses. Da plötzlich setzt heftiger Regen ein, wie in den ersten Sommertagen des Jahres 2016, und die Furt durch den Bach ist voll reißenden Wassers. Strauchelnd versinken beide Esel und versuchen verzweifelt, das Ufer zu erreichen. Und siehe da: das Salz löst sich auf, die Schwämme saugen sich voll, der erste Esel ist gerettet, der zweite ertrinkt.

„Wer wird von Dir erhöht, wer erniedrigt? Wer bleibt gesund, wer wird krank?“, heißt es im Gebet, das mit einem „Alles ist in Deiner Hand!“ endet. Ob man nun glaubt oder nicht: wir kennen des Menschen Schicksal nicht und seine Zukunft ist ungewiss.

Da es nun einmal so ist, werden Sie in diesem Buch durch Ihre Pflichten als Älterwerdende ebenso wie durch jene, die sie gegenüber der allenfalls noch vorhandenen älteren Generation haben, geleitet. Sie werden durch die Angst vor Krankheit und Tod geführt wie auch durch die Verzweiflung, die mit der Erkenntnis des plötzlichen Unnötigseins einhergeht. Sie werden aber auch die Freude an der damit verbundenen Entlastung kennen lernen. Vor allem aber werden Sie sehen, wie leicht diese Tage sein können. Da an Ihren Erfahrungen, an Ihrem Wissen kaum mehr jemand interessiert ist, können Sie diese grad so gut für sich behalten. Da Ihre Meinungen für die jungen Menschen ohne Belang sind, brauchen Sie diese auch nicht abzusondern. Nehmen Sie sich stattdessen Zeit und Muße, sich fröhlich und stoisch von der Welt zu verabschieden, ihre Schönheiten zu sehen, zu riechen und zu bestaunen.

Krankheiten und die zunehmende Schwäche des Körpers und des Geistes bedrohen diesen Genuss. Diese zuzulassen und sich darum zu kümmern, sie einigermaßen in Schach zu halten, auch darum geht es. Ein Loblied auf das zentraleuropäische Gesundheitswesen zu singen und dankbar jeden Tag, an dem nicht alles schmerzt, zu genießen, das klingt leichter, als es ist. Denn die Geister der Vergangenheit, die Erinnerung an die Wichtigkeit der eigenen Meinung, die eigene Bedeutung und insgesamt die Verklärung der Zeit, in der man jung war, machen manche giftig und geistig alt.

Dieses Buch soll helfen, genau das zu vermeiden. Schauen Sie den Jungen zu; erfreuen Sie sich an ihren Lösungsversuchen; erklären Sie ihnen nicht, wie sie es besser machen könnten; und schließlich: Ruinieren Sie Europa nicht, nur weil Ihnen langweilig ist und Sie sich nach einer Zeit zurücksehnen, die nicht mehr kommen wird, nach einem Leben, das vergangen ist.

„Alter ist wie Jugend, nur ohne Zukunft“, hat mir in einer Diskussion der vormalige Präsident des Österreichischen Forschungsförderungsfonds, Univ.-Prof. Dr. Christoph Kratky, gesagt. Wie wahr!

Peter Scheer

Ich widme dieses Buch

meiner geliebten Frau Marguerite,

die mein Leben so besonders lebenswert macht.

Ich bedanke mich für hilfreiche Korrekturen

bei meiner privaten Lektorin Mag.a Gertraud Stadler, Graz.

Peter Scheer, August 2016

Teil 1

ANLEITUNG ZUM ÄLTERWERDEN

Zwei ältere Herren

Zwei ältere Herren sitzen in Zermatt beim Abendessen. Die Wahl des Lokals war ihnen schwergefallen. Dabei waren es nicht die Auswahlkriterien ihrer Jugend gewesen, die es schwer gemacht hatten, denn es gab in Zermatt kein Restaurant, das sie sich nicht hätten leisten können. Sie mussten auch nicht auf ihre Linie schauen, noch gab es Dinge, die sie nicht aßen oder nicht mehr vertrugen. Sie wollten einfach nicht zu nobel essen, vor allem der ältere der beiden Freunde, die sich seit über dreißig Jahren kannten, hasste Noblesse – sie erinnerte ihn an seine vielen beruflichen Essen, bei denen ihm meist schlecht geworden war. Noblesse, so meinte er, drücke sich meist im übertrieben schlechten Benehmen des Personals aus, welches ihn nicht als Promi wahrnahm und daher schlecht behandelte, sowie in überhöhten Preisen. Gestern waren sie erst im Walliserhof, einem der noblen Hotelrestaurants an der Bahnhofstraße, gewesen. Der Ober, wie sie ihn auf Wienerisch nannten, also der Chef de rang, hatte, als sie sich an den von ihnen reservierten Tisch setzen wollten, Peter, den Älteren, angeschrien, dass dieser Tisch reserviert sei, und als sich dann klärte, dass alles seine Richtigkeit habe, kein Wort der Entschuldigung gefunden. Überdies war der Tisch praktisch mitten im Raum gestanden, aber doch so knapp an der unbenutzten Bar, dass die Kellner immer wieder an ihm anstreiften. Schließlich war die Speise – das Züricher Geschnetzelte mit Rösti, weshalb sie sich ein traditionell schweizerisches Lokal ausgesucht hatten – unspektakulär gewesen und Peter hatte kommentiert, dass es eben schwer sei, indischen oder thailändischen Köchen die Besonderheiten der schweizerischen Küche nahezubringen. Auf den Nachtisch hatten sie dann verzichtet, so frustriert waren sie vom Service und der Kost. Der Kellner hatte sie, obwohl nach Aussprache und Sprachtönung offensichtlich eher Italiener als Schweizer, vielleicht aber auch Tessiner, ständig belehrt, dann bestimmt, wann er Wein und wann Bier bringen würde, und zuletzt auch noch bei der Bezahlung das Trinkgeld zurückgewiesen, als hätten sie einen Fauxpas begangen.

Deshalb waren sie heute in ein einfaches Lokal gegangen, eines, das ihnen der Skilehrer empfohlen hatte. Sie hatten die Suchbedingungen folgendermaßen dargestellt: Es sollte ein Lokal sein, das der Skilehrer selbst besucht und in dem man gutes Essen bekommt. Pedro, ein Argentinier, der seit Jahrzehnten als Skilehrer arbeitete, kannte sich aus. Für sich allein wollte er nicht kochen, und so war er auf die Mittagseinladungen seiner Kunden angewiesen oder an seinen freien Tagen eben auf Restaurants, die gut und billig kochten.

Sie saßen nun im ersten Stock der Pizzeria, die Fenster gingen auf die Bahnhofstraße, die Tische waren mit einfachen, rotkarierten Tischdecken gedeckt, die Karte bestand aus nur zwei Seiten, wovon die eine ausschließlich Pizzen enthielt. Neben ihnen saß eine Gruppe Japaner mit einem deutsch sprechenden Guide. Sie aßen Pizza, Nudelgerichte und Hauptspeisen zugleich, tranken Tee und Wein und lachten viel. Möglicherweise waren es auch Chinesen, das Lachen und die Lautstärke ihrer Unterhaltung deuteten eher darauf hin.

Die zwei Herren fühlten sich also gleich wohl: Beide hatten die Sommer seit ihrer Kindheit im Süden verbracht. Der Kleine und Jüngere zunächst mit den Eltern in Campinganlagen rund um Caorle, Jesolo und Lignano. Der Große und Ältere mehr in Jugoslawien, da die Eltern Kommunisten gewesen waren und günstige Tarife in Parteiheimen bekamen. Beide waren sie Kinder des Wirtschaftswunders: Schon als er elf Jahre alt war, 1962, war die Mutter mit ihm, dem Jüngeren, und seiner Schwester in ein schönes Hotel nach Lignano Sabbiadoro gefahren und so lange geblieben, wie das Geld reichte. Später, als Jugendliche, fuhren sie auf eigene Faust nach Italien. Der Kleine per Autostopp nach Venedig, der Große mit einem billigen Auto bis in den Süden Italiens, in den Mezzogiorno, nach Ancona und Sizilien. Der Kleine hatte seine Flitterwochen sowohl mit der ersten wie auch mit der zweiten Frau in Italien verbracht. Das erste Mal ging es mit dem geliehenen Audi 100 des Schwagers über den Apennin nach Rom, mit einem lustigen Zwischenstopp in den Bergen in Pian del Voglio. Dort war er, bekleidet mit einem Lodenmantel, über einen niedrig gespannten Draht gesegelt und so komisch hingefallen, dass seine schwangere Frau lange lachen musste. Der Größere hatte seine vierte Ehe in Venedig geschlossen, der Kleine war Trauzeuge gewesen, wie übrigens auch schon bei den Ehen zwei und drei, wobei der Große immer schwören musste, dass der Kleine noch nie zuvor sein Trauzeuge gewesen war. In den letzten Jahren hatte der Große versucht, seinen Urlaub am Keutschacher See in Kärnten zu verbringen, aber das ist nun einmal nicht Italien, und so fuhr er fast täglich über die Grenze, um Nudeln zu essen.

Der Kellner kommt, er spricht ausreichend, aber schlecht Deutsch. Der Kleine bestellt natürlich auf Italienisch, der Große findet das affig und bestellt auf Deutsch. Sie nehmen miteinander eine Pizza Napolitana als Vorspeise, vor allem, weil sie keinen geschmolzenen Käse am Abend essen wollen – dazu sind sie wohl doch schon zu alt. Dann noch Fritto misto für den Großen und Scaloppine al Limone für den Kleinen, die Lieblingsspeise des jeweils anderen. Sie waren zum Skilaufen nach Zermatt gekommen, kurz vor Weihnachten, in der Vorsaison. Überall sonst lag in diesem warmen Winter des Jahres 2014 kein Schnee, Zermatt, vor allem Cervinia, war damals schneesicher und sie genossen die lange Abfahrt vom kleinen Matterhorn, welche die längste der Alpen ist. Sie ließen es sich an nichts fehlen: Mit Ausnahme des heutigen Tages hatte sie eine rotblonde Skilehrerin mit britischen Wurzeln immer pünktlich um neun Uhr vom Hotel abgeholt, ein elektrisch getriebenes Taxi bestellt, war mit ihnen zur Gondel gefahren oder zum Zug auf den Gornergrat und hatte sie gemütlich über sonnenbeschienene Pisten ins Tal geführt. Ihr Hotel war keines der Luxusschuppen, sondern ein gutbürgerliches Haus, in dem sie zwei Juniorsuiten mit Blick aufs Matterhorn genommen hatten. Problemlos bewältigten beide die sportliche Belastung. Der Große spielte zuhause bis zu fünf Mal die Woche Tennis und fuhr im Sommer mit dem Fahrrad zum Tennisplatz, der Kleine ging viel zu Fuß, fuhr immer mit dem Rad und lief fast jeden Tag um 6.20 Uhr eine kleine Runde mit seinem Laufpartner in Graz. Keinesfalls vermieden sie es, Bewegung zu machen, der Große ging sogar manchmal zu Fuß in seine im neunten Stock gelegene Wohnung in Chicago.

Gesunde Senioren also, einige Implantate und Brücken im Mund, der Große an der Gallenblase operiert, der Kleine Hämorrhoiden und sonst das Übliche. Beide gut krankenversichert und offensichtlich nicht arm.

Das Gespräch kam auf die Bewältigung des Alters. Ausgelöst hatte es der Kleine, da er ein Buch darüber schreiben wollte, oder, wie er sagte, schreiben müsse, aber auch, weil er seine jährliche Vorsorgeuntersuchung vor sich hatte, die es verhindern würde, mit dem Großen noch zwei Tage in Wien zu verbringen. Sein Arzt sei wunderbar, sagte er. Er nähme ihn dran, obwohl er inzwischen ärztlicher Direktor des Krankenhauses der Elisabethinen in Graz geworden sei, er hieße nicht nur Professor Stark, sondern sei auch wirklich stark und nähme alle Wünsche und Vorbedingungen des Kleinen gütig hin. Er untersuche die Gefäße, die Carotisgabel und das Blut. Der Arzt sei zwar über die horrenden Fettstoffwechselbefunde des Kleinen immer wieder entsetzt, aber sie könnten gut darüber reden. Der Große war gewöhnlich empört, wenn dieses Thema zur Sprache kam. Nie würde er zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen, ließe sich weder ins Herz schauen noch ein Rohr in den Hintern schieben. Er wollte auf seine Krankheit warten, dann wäre seiner Meinung nach noch immer Zeit genug, zu einem Arzt zu gehen.

Diesmal aber geschah fast ein kleines Wunder: Der Große machte dem Kleinen keine Vorhaltungen, dass er zu Gesundenuntersuchungen gehe und ein Buch über das Altern schreiben wolle, und der Kleine versuchte nicht den Großen zu überreden, sich untersuchen zu lassen. Sie ließen sich gegenseitig sein, wie sie sind, was selten vorkam.

So ging das Gespräch weiter: Was tun, wenn einer der beiden durch Krankheit oder Altersschwäche entweder der Frau oder den Kindern zur Last fallen würde oder in ein Alters- oder Pflegeheim müsse? Der Große war da ganz eindeutig: Er würde sich umbringen. Er konnte den Überlegungen des Kleinen zur Altenpflege zwischen Schuldgefühl und Aggression (wie sie den Backbone dieses Buches ausmachen) einfach nichts abgewinnen. Die Mutter des Großen war früh, mit siebenundsechzig Jahren, in nur drei Monaten an einem Pankreaskarzinom gestorben, der Große war drei Tage vor ihrem Tod weggefahren, er konnte es nicht mitansehen.

Der Vater des Großen kam ohne seine Frau schlecht zurecht. Er nahm gegen viele Beschwerden Schmerzmittel, die seine Nieren angriffen, dann ließ er sich an der Prostata operieren und wäre an den Folgen der Operation fast gestorben, vielleicht auch, weil er wieder zu viele Schmerzmittel nahm. Er erlitt einen Schlaganfall und lebte gerade noch lange genug, um von seinem jüngsten Sohn und der Schwiegertochter aus dem Haus geworfen zu werden. Er zog in eine kleine Wohnung, wo eine Philippinin nach ihm sah und wo er, besucht nur von des Großen zweiter Frau, dann auch starb.

Des Kleinen Vater war mit vierundsechzig gestorben, er hatte die Weihnachtsfeiertage, die er hasste, mit Essen und Trinken verbracht. Zur Verbesserung seiner sexuellen Fähigkeiten hatte er noch eine Messerspitze Strychnin genommen, und so erlag er seinem zweiten Infarkt.

Der Kleine hatte sein ganzes Leben mit seiner Mutter verbracht. Da seine Schwester mit neunundvierzig Jahren gestorben war, waren er und die Mutter noch mehr ein Paar geworden, als sie es ohnedies immer schon gewesen waren. Er hatte mit der Mutter Urlaube gemacht, zuerst eine Safari in Kenia, dann einen Wochentrip nach New York, vierzehn Tage Bali, Karibikkreuzfahrt und zuletzt noch eine Kreuzfahrt im Mittelmeer. Sie waren ein Paar und er wollte nicht, dass er sich einmal würde vorwerfen müssen, nicht beizeiten alles mit ihr unternommen zu haben. Er war natürlich auch ihr Arzt und betreute sie mal besser, mal schlechter. In den Zeiten, in denen seine Mutter im Sommer Angst vor dem Alleinsein gehabt hatte, gab es schon Auseinandersetzungen mit seiner Frau, die sich nicht jeden Urlaub durch die Trennungsangst ihrer Schwiegermutter „zerstören“ lassen wollte. Jedenfalls hatte die Mama die letzten zwanzig Jahre mit ihm und seiner Familie gelebt. Vor einem Jahr war sie nach einem Schlaganfall gestorben.

„Was für eine Frechheit, den Kindern zur Last zu fallen“, hob der Große an. Er liebte die Provokation, er fuhr gern mit dem glühenden Schwert ins eigene und noch lieber ins Herz des Kleinen. So konnte der Dialog beginnen. Selbstmord war einmal ein Spezialgebiet des Kleinen gewesen, er hatte bei dem von der Presse so bezeichneten Selbstmordpapst Österreichs, Erwin Ringel (1921 – 1994), gelernt und war über vier Jahre dessen Stellvertreter an der Medizinischen Fakultät der Uni Wien gewesen. Der Kleine zweifelte an der Fähigkeit der meisten Menschen, sich als Pflegebedürftige umzubringen. Seine Mama wollte sich sechs Tage vor ihrem Tod – mit ihm sprach sie da kaum noch – umbringen. Zuerst bat sie ihren Sohn um Hilfe, dann den praktischen Arzt, der sie betreute. Der Sohn verweigerte die Mithilfe am Selbstmord mit dem Hinweis auf die Erinnyen, die ihn dann verfolgen würden, und außerdem sei er fürs Leben da und nicht für die Mithilfe zum Selbstmord. Der praktische Arzt, Dr. Gustav Mittelbach, Gründer und Betreiber des Sozialmedizinischen Zentrums in Graz und fast ein Freund der Familie, lachte, als die Mutter des Kleinen ihn um Sterbehilfe bat: „Nehmen Sie doch all die Medikamente, die sie hier herumliegen sehen, Frau Scheer.“ Daraufhin beschloss die Mama, nicht mehr zu reden, mit niemandem, nicht mehr zu essen, nicht zu trinken – was zum selben Ergebnis führte, nur langsamer und quälender.

„Man muss es sich jetzt, also beizeiten, herrichten“, das war wieder der Große. Der Große ist gelernter Pharmazeut, der Kleine Arzt. Man einigte sich daher auf Diazepam (Valium) und Midazolam (Dormicum) als Einstiegsdroge und Phenobarbital (Luminal) als Tötungsmedikament. Der Kleine wollte gelesen haben, dass auch die Schweizer Todesagenturen Luminal1 als Tabletten verwenden. Außerdem hatte es für Marylin Monroe gereicht, also würde es auch für sie reichen. Zwar nahm der Große immer wieder ziemlich viel Diazepam ein, wenn er einen Jetlag hatte, und der Kleine trank gern Alkohol, sie müssten daher die Dosis diesem Umstand anpassen. Zwei bis drei Gramm pro Kopf würden ausreichen.

Aber wann genau wäre der Schlussstrich zu ziehen? Dann, wenn man sich den Kindern ausliefern müsste, wenn man nicht mehr Auto fahren oder telefonieren könnte, oder erst, wenn man unerträgliche Schmerzen bekäme? Wann würde der rechte Zeitpunkt gekommen sein, wann verlöre man die Freude am Leben, wann gäbe man die Hoffnung auf? Woher, so wandte der Kleine ein, kämen dann die vielen Alten, die sich von Pflegerinnen zum Beispiel in Israel, wo man das allenthalben sähe, im Winter mit dem Rollstuhl in die Sonne, im Sommer in den Schatten schieben ließen? Woher kämen die Alten, die ihre Ersparnisse für diese Pflegerinnen ausgäben, weder Stuhl noch Harn mehr halten könnten und dann mit versiegender Stimme den uninteressierten Philippininnen Vorträge über die Erkenntnisse eines langen Lebens hielten, die sich ihre Kinder nicht anhören wollten? Wieso lebten die noch? Hatten die nur den richtigen Zeitpunkt übersehen?

Der Kleine kannte Beispiele ohne Zahl. Der Große war so sehr mit der durch ihre Oberflächlichkeit gekennzeichneten amerikanischen Kultur verwachsen, dass es ihm erst während des Gesprächs auffiel, dass einer seiner Tennispartner vor Wochen erkrankt war und er sich nie erkundigt hatte, wie es um ihn stehe. Er war, wie er sagte, kein Helfer. Der Kleine hatte seinen Großonkel in Israel immer wieder besucht, der mit fast neunzig in ein Altersheim gekommen war. Acht Jahre wartete er dort auf seinen Tod. Er sagte einmal zum Kleinen, dass das seine schwerste Aufgabe sei. Wie bereits in meinem Buch „Taubenfüttern ist nicht genug“2 beschrieben, hatten sie ihm ohne Indikation einen Harnkatheter eingeführt, der zu wiederkehrenden Infektionen und zu dauerndem Harndrang führte. Man hatte ihn dann zu wickeln begonnen, so dass er wund wurde, zuletzt hatte man die Bettdecke so festgezurrt, dass er ein Geschwür am Fuß bekam. Iziu war Apotheker gewesen, der Enkel des Kleinen hieß nun mit dem zweiten Namen nach seinem Urgroßonkel, den er nie kennen gelernt hatte. Wieso hatte er den richtigen Augenblick verpasst und musste nun Tag für Tag in dem stinkenden Aufenthaltsraum sitzen und kleine Plastikperlen auf Schnüre fädeln, die dann wieder in eine Schale gegossen wurden?

Das Gespräch im Restaurant wurde hitziger und nachdenklicher zugleich. Jetzt, da sie beide in Pension waren, konnten sie es sich besser vorstellen, bösartigen Menschen ausgeliefert zu sein. Der Kleine erinnerte sich an die Betreuungsmannschaft Izius, die in einer Ecke des Aufenthaltsraums Kaffee trank und den Alten in den Rollstühlen zusah, wie sie miteinander zu sprechen versuchten oder wie Strafgefangene sinnlose Arbeiten ausführten. Beschäftigungstherapie vor dem Mittagessen nannte man das. Iziu fand das entwürdigend; er war zwar blind, aber noch hell im Kopf und hätte lieber mit jemandem gesprochen, anstatt Plastikkugeln aufzufädeln. Wie es seine Art war, machte er niemandem Vorwürfe, auch nicht seiner Tochter, die ihn dorthin gebracht hatte statt ihn in ihrem Haus aufzunehmen, das sie mit seinem Geld gebaut hatte und in dessen Untergeschoß die Mutter ihres Mannes lebte (die allerdings auch nur einmal alle Wochen in das Obergeschoß kommen durfte). Er versuchte sich einfach aufzulösen, aber sein über all die Jahre gut trainierter Körper und das wenige Essen, das er immer zu sich genommen hatte, ließen ihn fast hundert Jahre alt werden. Worauf hat er sich noch gefreut? Auf die Besuche der Tochter, die Besuche seiner Enkelkinder und deren Kinder? Wieso hatte er nicht eine ausreichende Anzahl Tabletten geschluckt, als er seine Wohnung hergeben musste und seine Tochter und der Schwiegersohn ihn ins Heim brachten?

Joachim Fuchsberger (1927 – 2014) hat ein Buch übers Alter geschrieben: „Altwerden ist nichts für Feiglinge!“ (Gütersloher Verlagshaus, 2011). Darin erklärt er, wie schwer es ist, alt zu werden und zu sein. Der Schlussfolgerung Fuchsbergers, dass man nämlich Mut zum Altwerden brauche und dass es dann Spaß mache, können sich die beiden Herren im Zermatter Restaurant nicht anschließen. Was soll denn daran Spaß machen? Die in Kaffee eingetunkte Semmel, die man mit den dritten Zähnen zermalmt? Oder der Blick auf die Berge, die man einst bestiegen und dann mit Skiern befahren hat? Das soll ein Vergnügen sein?

Joachim Fuchsberger hat in dem Film „Die Spätzünder“ (2010) mitgespielt. In einem Altersheim sieht man, wie die Alten trotz der furchtbaren Betreuung durch eine repressive Chefin Freude am Leben und am Singen mithilfe eines Künstlers, welcher wegen Drogenbesitzes zu dieser Art Sozialdienst verurteilt wurde, haben. Die Insassen sind Reiche und Gebildete. Abgeschoben von ihren Kindern und einem Regime ausgeliefert, das an ein nobles Straflager erinnert, finden sie sich zu einer heimlich probenden Kapelle zusammen und treten mit dem Lied „Live Is Life“ der steirischen Rockband Opus auf. Sie sind glücklich.

Das Leben neigt dazu, Märchen nicht wahr werden zu lassen. Genau durch solche Fantasien und Träume retten sich die Alten über den richtigen Moment des Abtritts hinweg und unterstützen ihre Todesangst durch die Regeln der Religionen, die Selbstmord verbieten. Die im Alter zunehmende Feigheit, da sind sich die Freunde einig, verhindert den Suizid und lässt ehemals nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu behinderten Krüppeln werden, die sich einreden, dass sie nun für ihr Streben und ihren gesellschaftlichen Beitrag entgolten werden. Welch ein Irrtum! Sie machen weder sich noch ihrer Umgebung Freude.

Jean Améry (1912 – 1978) hat in seinem Buch „Über das Altern“ (1968) seinen Selbstmord für den Zeitpunkt angekündigt, an dem er nicht mehr Herr seiner Selbst sein würde. Ich erinnere mich an seinen Vortrag, den eines traurig gewordenen Linken, der an der Entwicklung der Politik, an dem wiederaufflammenden Antisemitismus und an der Welt verzweifelte. Er war nicht im eigentlichen Sinn depressiv. Erwin Ringel, der ihn zu dem Vortrag eingeladen hatte, sagte mir, dass zwei Gründe zu dessen baldigem Ende führen würden: die Enttäuschung über die Verarbeitung der Nazidiktatur einerseits und die ständigen Fragen von Journalisten und naiven Studenten, wann er, Jean Améry, sich nun endlich das Leben zu nehmen gedenke. Ringel hatte recht. Hans Mayer, der sich nach dem Krieg Jean Améry nannte, nahm sich das Leben.

Beispiele fallen unseren Freunden viele ein. Doch plötzlich wird der so schnell gefasste Beschluss noch einmal reflektiert: Wann und wie soll es geschehen? Wer wird das Startsignal geben? Wäre der jeweils andere imstande, die Lebenstüchtigkeit zu beurteilen und das Todesurteil auszusprechen? Würde man sich an dessen Urteil halten oder, wie es in dieser Freundschaft schon manchmal vorkam, eine „Pause“ machen, den anderen verraten? Einfach, weil man Angst hat, Angst vorm Sterben, Angst vorm Grab, Angst vor der Unendlichkeit.

Sie können dieses Buch so verstehen: Es wird Ihnen keinen Rat geben, der sie am Leben hängen lässt. Es wird Sie nicht bestärken, Diät zu halten, weil Sie dadurch länger leben. Es wird Ihnen nicht raten, sich für schlechte Zeiten einen Notgroschen zurückzulegen, aber es wird Ihnen empfehlen, auf sich zu schauen. Ungefähr so: Verbrauchen Sie sich, verschwenden Sie sich und das Ihre und Sie werden keine Erben zurücklassen, die sich streiten müssen – denn es wird nichts geben, worum sie sich streiten können. „Verbrauchen Sie sich und das Ihre“ heißt aber auch, dass Sie nicht warten, bis einschränkende Erkrankungen wie Morbus Parkinson kommen oder Ihre Knie nicht mehr das tun, was Sie wollen. Vielmehr ist es ein Buch, das Sie auffordert, die Freuden des Pensionistendaseins zu genießen und abzutreten, bevor es zu spät ist. Das wird nicht dann sein, wenn sie ein Hörgerät brauchen – aber dessen Besitz sollte Sie vom Opernbesuch abhalten, weil sie „es“ nicht mehr hören. Das wird auch nicht dann sein, wenn Sie einen Stock brauchen, aber der sollte Sie vom Berggehen abhalten, weil sie für sich und andere zur Gefahr geworden sind. Sobald Sie aber in den Rollstuhl kommen, sollten Sie darüber nachdenken, was Sie noch erwarten können und was Sie noch machen wollen.

Die Grenze für meine Mama war die selbstkontrollierte Ausscheidung.

Darauf können sich die Freunde auch einigen: Wenn sie gewickelt werden müssen, aber die Hand noch bewegen können, dann würden sie das Medikament nehmen. Die Frage, ob es nicht besser wäre, unter einer Plombe Zyankali einzubauen, wie es die SS-Führer taten, lassen sie offen. Hermann Göring (1893 – 1946) hat draufgebissen, Rudolf Heß (1894 – 1987, die letzten vierzig Jahre verbrachte er im Kriegsverbrechergefängnis Spandau) nicht. Dieser entzog sich der Hinrichtung, jener wurde zu einem Symbol des Siegerrechts. Zwei Karrieren angesichts eines unverstehbaren Verbrechens. Also, da sind sich die Freunde einig – für eine Zyankalikapsel sind sie eine Nummer zu klein. Was sie jetzt wissen und besprochen haben, bleibt: Sie werden sich beobachten und zu verhindern versuchen, was verhindert werden muss: das Siechtum des Alters, das den fröhlichen Pensionisten langsam verderben lässt.

Der fröhliche Pensionist

Wer die Pension erfunden hat, ist mein Freund! Zufällig weiß ich, wer das war: Reichskanzler Otto von Bismarck (1815 – 1898), vor dessen Denkmal am Großen Stern in Berlin ich immer eine Gedenkminute abhalte. Nicht, dass ich nicht vorher die Verdienste Bismarcks für die Vereinigung des Deutschen Reichs würdigte, nein, wirklich dankbar bin ich ihm wegen der Allgemeinen Krankenversicherung, vor allem aber der Pension. Er wollte mit diesen Maßnahmen den Sozialismus verhindern. Mit gutem Augenmaß hat er sie berechnet: Damals – also nach dem Krieg gegen Frankreich 1870/71 – war die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer – und nur diese arbeiteten im Sinne des Lohnerwerbs – sechsundsechzigeinhalb Jahre. Also sagte der Reichskanzler paraphrasiert: „Dann sollen die Menschen mit fünfundsechzig in Rente gehen, dann haben sie noch eineinhalb Jahre, in denen sie sich ihrer Familie widmen, ihre Dinge ordnen und so einen friedlichen Lebensabend genießen können.“ Denn das Wort Lebensabend kommt von daher, dass es sich nicht um einen dritten Lebensabschnitt handelte, wie man das heute oft sieht, sondern eben um einen „Abend“, an dem die letzten Wochen und Monate verbracht wurden, noch so weit gesund, dass man sich um seine Angelegenheiten kümmern konnte, um sich dann auf den Weg ins Grab zu machen.

Wie anders ist das heute. Man spricht von der dritten Phase (in welcher der Autor sich jetzt befindet), in der man im Grunde noch alles kann: Ski fahren, reisen, lieben, neue Dinge erlernen, wie zum Beispiel Computer und Tablets bedienen, und sogar Freude am Geldausgeben hat und – so es gut gegangen ist – an der Frau oder dem Mann, mit dem bzw. der man zusammen ist. Am Übergang zur Phase vier3 ändert sich das dann langsam.

Am größten Bauernmarkt der steirischen Landeshauptstadt Graz, dem Kaiser-Josef-Markt, arbeiten fast nur Pensionisten der Phase drei bis vier. Sie kommen frühmorgens, meist um 5.20 bis 6.30 Uhr, bauen mithilfe eines Enkels oder des Platzbetreuers den Stand auf, frühstücken warm angezogen einen heißen Kaffee, für den sie eine eigene Tasse mitgebracht haben, verkaufen Obst, Hühner, Eier, Gemüse, Selbstgebackenes, Fleisch und Wurst und sogar Fische. Der Rücken schmerzt und die Beine wollen nicht mehr so recht. Sie sind eine unverzichtbare Kraft in der häuslichen Landwirtschaft, ohne sie wäre das Familieneinkommen geringer. Es ist dies aber nicht der Sinn der Pension, wie Bismarck sie sich vorgestellt hat. Ihm zufolge bereitet sich der ideale Pensionist auf das Sterben vor. Dieser ist, dem Wortwitz sei es geschuldet, fast ausgestorben.

Während ich dies schreibe, ruft mich ein relativ neuer Freund an. Meine Apple-Sammlung hat seit einiger Zeit die Funktion, dass das Telefon sowohl auf dem Tablet, meinem McBook Air als auch auf meinem Smartphone läutet. Da ich gerade schreibe, hebe ich – etwas genervt – am Computer ab. Es ist Günther, Sportlehrer und ehemaliger Teilnehmer an den Leichtathletik-Europameisterschaften, der mit mir am letzten Februarwochenende Ski fahren gehen will. Er hat seine Kontakte spielen lassen, um ein geeignetes Quartier zu finden, aber feststellen müssen, dass alles ausgebucht ist. Das wollte er mir mitteilen. Nur das Super-Luxus-Resort ist noch frei, aber er findet, dass das einfach zu teuer ist. Es kostet zwischen dreihundert und vierhundert Euro pro Person und Tag, und das kann und will er sich nicht leisten. Während wir telefonieren und ich ihn zu beruhigen versuche, ihm erkläre, dass er ja mit mir fahre und ich ihn gerne einladen würde, rufe ich das Hotel auf Booking.com auf. Ich mag diese Website, sie hat die günstigsten Preise und man kann meist kostenlos stornieren, zudem bin ich dort Genius-Kunde, was immer das auch heißen mag. Tatsächlich gibt es noch ein Zimmer, sogar die Juniorsuite mit zwei unabhängigen Betten, was bei meinem Schnarchen kein Fehler ist, und es kostet tausendeinhundertsechsunddreißig Euro inklusive Halbpension. Ein Schnäppchen. Denn gerade im Februar 2015 ist der Euro gegenüber dem Schweizer Franken um dreißig Prozent gefallen, der US-Dollar war für uns noch nie so teuer und ich weiß, dass ich in den Tagen vor Schladming aus Jux und Tollerei als Mitglied des Verwaltungsausschusses des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks in Brandenburg sitzen und junge, hoffnungsvolle Menschen auswählen werde, die um ein Stipendium angesucht haben. Das heißt im Klartext, dass ich gerade – international gesehen – von meiner bescheidenen Rücklage etwa dreißig Prozent verloren habe, dass ich drei Lebenstage für einen guten Zweck geben werde, an denen ich sonst arbeiten und Geld verdienen könnte, und dass ich in Phase drei bin, also noch Ski fahren kann und will.

Überdies bin ich Vater von fünf Kindern, und alles, was ich nicht selbst verbrauche, werden sie zu bekommen versuchen. Mein geliebter mittlerer Sohn hat in der letzten Woche von mir einen Flug nach Los Angeles erbeten, dann war er beim Zahnarzt, den er sehr ernst nimmt, seit er um zirka zehntausend Euro Goldplomben benötigt hatte. (Weil er zuvor seit seinem vierzehnten Lebensjahr weder Zähne geputzt hat noch zum Zahnarzt gegangen war und seine Eltern belehrte, dass er gute Zähne habe, bis die alten Idioten ihm eine Zahnreparatur in dieser Höhe ermöglichten, so dass sogar der behandelnde Zahnarzt nachfragte, ob er sich wohl dafür bedankt habe). Meine liebe zweite Tochter benötigt für ihr Studium Unterstützung und bekommt mindestens fünftausendvierhundert Euro im Jahr von mir dafür, ohne dass ich rechne, was ich und meine Frau ihrer nun achtjährigen Tochter so alles geben. Diese Geschichte ist endlos, nur mein Ältester verdient mit seinen Ideen und unserer Umsetzung so viel, dass auch wir was davon abbekommen. So gleicht sich alles aus. Daher kann ich mir das Hotel leisten. Schließlich war es aber doch nicht nötig, sondern nur eine Protzerei von mir. Günther bekam zwei Einzelzimmer im berühmten Sporthotel Royer und wir gaben die Differenz für Steaks aus.

So haben sie jetzt schon einiges erfahren, was einen fröhlichen Pensionisten ausmacht: Wie schon in meinem letzten Buch4 beschrieben, geht es darum, zu sich und anderen gut zu sein. An nichts soll man es sich oder den anderen fehlen lassen. Sei es das nun erwachsene Pflegekind mit ihren beiden Kindern, die auch einmal gern einen Geburtstag haben wollen, sei es eines der anderen Kinder, seien es die Blumen, die ich heute früh meiner Liebsten, mit der ich auch noch verheiratet sein darf, schenkte – alles ist drin und kann genossen werden. Die Blumen waren eine Unterstützung für ihren Dienst, den sie aus Nettigkeit für ihre Kollegin machte. Als sie aus dem Auto stieg, sagte sie: „Es sind nur wenige, die so viel Freude aneinander haben wie wir!“ Der Mensch will sich unterscheiden. Jeder will besser sein. Sogar meine sonst so bescheidene Frau.

Hier darum ein paar Hinweise, wie man ein fröhlicher Pensionist wird:

– Nehmen Sie sich nicht zu sehr ernst – wie sollten Sie auch, und auf was hinaus?

– Versuchen Sie nicht, nützlich zu sein. Da Sie sich ja nicht ernst nehmen, wollen Sie auch nicht nützlich sein, weil Sie wissen, dass Sie es nur noch bedingt sind. Vor allem verbinden Sie mit Ihrem Nützlichseinwollen keine Ansprüche.

– Jammern Sie nicht. Heute Morgen bin ich beim Laufen hinunter vom Schlossberg gestürzt und mein lieber Laufpartner hat mich gelobt, weil ich so abgerollt habe wie James Bond, wie er meinte – er hasst Jammerer fast mehr als alles andere. So wurde mir Anerkennung gezollt und ich beklagte nicht einmal das Loch am Knie der neuen Hose.

– Keine Besserwisserei. Sie wissen es nämlich wirklich nicht besser, wie man es heute richtiger macht. Weder in der Politik noch in Ihrem eigenen Berufsfeld (also in meinem Fall in der Medizin) noch sonst wo. Sie hatten Ihre Chance und haben sie – hoffentlich – genutzt. Jetzt sind die Jüngeren dran und werden ebenfalls versuchen, die Probleme der Welt zu lösen. Und seien wir ehrlich: Sie und ich haben ausreichend Fehler gemacht, die Welt, die wir übergeben, ist bei weitem nicht perfekt.

– Seien Sie großzügig und keinesfalls geizig. Sowohl Ihr Totenhemd als auch das der anderen hat keine Taschen. Geld ist flüchtig, der Wunsch, einen Notgroschen zu haben, ist trügerisch. Früher, wie etwa von den wunderbaren russischen Schriftstellern des vorletzten Jahrhunderts beschrieben, wurde oft der letzte Groschen gestohlen, versoffen oder verspielt. Manchmal wurde der Besitzer oder die Besitzerin des Notgroschens auch ermordet – alles nicht zu empfehlen. „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!“ ist keine Empfehlung in Zeiten stark wechselnder Aktienkurse, der täglichen Hiobsbotschaft, der Euro (der nun mal mein Zahlungs- und Einkommensmittel ist) werde nicht mehr lange Bestand haben, und wo man sieht, dass ganze Staaten vor dem Konkurs stehen, was oft nur unter Aufwendung erheblicher Mittel zu verhindern ist.

– Betreiben Sie regelmäßig Sport, denn Sie wissen, dass Sie dann besser leben, nicht unbedingt länger. Sie werden sich wie ich freuen, wenn sie stürzen und blitzschnell wieder aufstehen.

– Essen Sie mit Freude und zwar aus einem einzigen Grund: weil’s schmeckt. Machen Sie keine absurden Diäten, sondern halten Sie sich auf Ihrem Niveau. Sie brauchen keine Waage, weil Ihnen Hosen oder Röcke ohnehin sagen, wie es um Sie steht. Probieren Sie jedes Jahr einen alten Anzug oder ein altes Kostüm. Passen Sie noch rein, dann haben Sie es richtig gemacht, ist nicht einmal daran zu denken, den Knopf zuzumachen, dann müssen Sie umkehren und durch Bewegung und Vermeidung von Fett und Kohlehydraten wieder dorthin zurück, wo Sie waren. Ich bin ein wenig bösartig: An jedem Hochzeitstag trage ich meinen Hochzeitsanzug. Meine Frau hat seit unserer Hochzeit leider etwas zugenommen. Sie kehrt jetzt um. Ich freue mich darüber.

– Denn Sie wissen: es sind die letzten Meter, die Sie gehen. Die Kerze, mit der man das Leben manchmal vergleicht, ist schon weitgehend abgebrannt, aber noch steht die Flamme ruhig. Ob sie noch fünf, zehn oder zwanzig Jahre haben, die letzten werden nicht Ihre besten sein. Ihre besten Jahre sind heute. Was immer Sie noch tun wollen, tun Sie es jetzt! Oder nie.

– Daher: Seien Sie frohen Mutes! Die Tatsache, dass Sie bald nicht mehr sind, sollte Sie trösten. Niemand wird Sie vermissen, auch wenn die Menschen es gerne sagen. Es geschieht aus Nettigkeit. Sie waren nie wirklich nützlich, weil es ohne Sie ebenso gegangen wäre, und sind es daher auch jetzt nicht. Sie sind nicht einmal ein Staubkorn im Kosmos, nur „Staub“, weil ein Sandkorn gut und gern ein paar Millionen Jahre existieren kann, besonders, wenn es aus Silizium ist, während Sie zwischen fünfzig und neunzig Jahre haben. Besser ein Hauch im Kosmos sein, der wie der Hauch Ihres Atems an einem kalten Wintertag kurz vor Ihrem Mund steht und dann vergeht. Kinder pusten gleich noch einmal, weil es so lustig aussieht. Und das sind Sie dann: ein Hauch aus einem fröhlichen Kindermund. Hoffentlich.

Während ich nun die Regeln für den fröhlichen Pensionist fast fertig habe, klingt mir im Ohr, was Günther mir zum Abschied sagte, bevor er mit seinen Schülern zum Schwimmen ging: „Ich habe noch nie so was gemacht, einfach mit einem Freund auf ein Wochenende Ski fahren zu gehen, ohne dass es für jemanden war oder einen Nutzen oder Sinn hatte.“ Klar, Günther ist zwanzig Jahre jünger und erkennt erst jetzt, dass das Leben so oder so vorbeigeht.

Es gibt allerdings das Bedürfnis nach Beachtung, das der an sich guten Idee des langsamen Vergehens einen Riegel vorschiebt, das Bedürfnis nach einer Bühne, danach, dass einem zugehört wird – privat und öffentlich. Fragt man sich, warum sich Menschen in Fernsehshows zeigen oder im Rundfunk Interviews geben, ist die Antwort immer die gleiche: Sie wollen gesehen und beachtet werden.

Alte Menschen haben dazu einige Möglichkeiten: Sie können karitativ tätig werden, können sich Vereinen anschließen, sich um ihre Nachkommen kümmern oder – und das kommt leider allzu häufig vor – untereinander auf alles und jedes schimpfen und sich über die heutige Zeit, die heutige Jugend und die aktuelle Politik aufregen. Das zuletzt genannte Verhalten wäre reine Verschwendung der ohnedies versiegenden Lebenskraft. Dass der Mensch offenbar unfähig ist, ohne Beachtung zu leben, stimmt ein wenig traurig. Langsames Verglimmen scheint fast unmöglich, denn die Eitelkeit und der Wunsch nach Beachtung sind einfach zu groß.

Was tun? Es ist die Schere, die sich zwischen Wissen und Praxis auftut. Einerseits weiß man, dass man unnötig geworden ist, andererseits sucht man sich Bühnen. Absolut verbieten sollte man sich aber Jammern, Besserwisserei und Altklugheit, die sich im Erzählen von Geschichten aus der „guten alten Zeit“ äußert.

Als sich Österreich nach zwölf Jahren entschloss, die EU-Richtlinie zum Arbeitszeitgesetz umzusetzen, durften ab 2015 Ärzte „nur“ mehr achtundvierzig Stunden pro Woche arbeiten. Österreich hat zwar immer um Aufschub ersucht, aber die so gewonnene Zeit nicht zur Vorbereitung genutzt. In einer Diskussion in der Senior-Exzellenz-Akademie der Medizinischen Universität Graz berichtete ein dreiundsiebzigjähriger Chirurg, dass er selbst immer die Nacht durchoperiert und danach fröhlich weitergearbeitet habe. Er schlug ein Lebensarbeitskonzept in dem Sinn vor, dass man zum Beispiel ab dem fünfunddreißigsten oder vierzigsten Jahr nach dem Nachtdienst nach Hause gehen könne, aber nicht, wie neuerdings, müsse. Gute Idee. Nur zu spät. Die Regelung war vor fünfzehn Jahren geschaffen worden. Das heißt, der Professor hätte sich damals in diesen europaweiten Prozess einbringen und seine Erfahrungen darlegen müssen, um die Arbeitszeitregelung in seinem Sinn zu beeinflussen. Da er das nicht getan hat, ist es so gekommen, wie es gekommen ist. Jetzt haben seine Vorschläge nur einen Sinn: eine Bühne zu betreten (und sich dabei lächerlich zu machen).

Heinrich Mann (1871 – 1950) hat in seinem Roman „Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen“ (1904) so ein Lächerlichwerden eines alten Mannes auf extreme Weise geschildert. Josef von Sternbergs 1930 entstandener Film „Der blaue Engel“ nach Manns Roman, in dem Emil Jannings von Marlene Dietrich zutiefst gedemütigt wird, zeigt, was passiert, wenn man als Alter auf eine Bühne kommt, die man nie betreten hat oder längst hätte verlassen sollen. Zuletzt wird aus dem honorigen Professor der deutschen Kleinstadt der dumme August. Seine Rolle besteht darin, in einem schlechtsitzenden Kostüm auf der Bühne zu stehen und von seiner jugendlichen Geliebten ein Ei am Kopf zerschlagen zu bekommen. Das Ei rinnt ihm den Kopf hinunter, die ehemaligen Schüler johlen, zerstört wankt der Greis hinter die Kulissen. Wer das je gesehen hat, verliebt sich als Alter nicht in eine junge Varieté-Darstellerin und gibt den Clown auf der Bühne.

In einem Bestseller des Jahres 2004, „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier, findet sich ebenfalls ein Lehrer der klassisch-philologischen Fächer Latein und Griechisch. Nach der flüchtigen Begegnung mit einer Frau auf einer Brücke in Basel lässt er alles liegen und stehen und macht sich auf die Suche nach dem Leben. Er findet mehr, als er sucht. Geheimnisse und Aufregungen, die ihn weiter führen, als er je zu träumen wagte.

Beide Romane zeigen: Es gibt keinen Weg zurück, weder in die Einfachheit noch in die Sicherheit der geachteten Position eines Gymnasiallehrers. Den Hintergrund der beiden Romane, so könnte man vermuten, bildet auch die berechtigte Angst, was die beiden Junggesellen in der Pension machen werden. Übersetzungen für Museen? Nachhilfestunden geben? Mit Hut und Mantel auf den Markt gehen und ehemalige Schüler, die nun Karriere gemacht haben, grüßen, Mitglied im Schachklub oder beim Männerbund Schlaraffia werden?

Denn eines gilt es nicht zu unterschätzen: das Bedürfnis nach Beachtung bleibt stark wie der Wunsch, gestreichelt zu werden oder sich geliebt zu fühlen und Anerkennung zu finden. Wer sich einredet, das nicht mehr zu brauchen, belügt sich und wird meist bitter. Sehen Sie sich nur die Leserbriefe zu Zeitungsartikeln an, dann wissen Sie, was ich meine. Sollten Sie selbst solche Briefe schreiben, kann ich Ihnen nur raten, sich schleunigst eine Bühne zu suchen, mag sie auch noch so klein sein. Selbst wenn Sie im Kaffeehaus Meinungen austauschen und sich dabei ertappen, die Zeitungsartikel und -kommentare der letzten Zeit wiederzugeben – alles immer noch besser, als nicht beachtet zu werden.

Gründe für diese Situation gibt es viele: die Vereinzelung und Vereinsamung der Menschen in den Städten, die dann in Kleinwohnungen allein leben; die Auflösung der Mehrgenerationenfamilie; die frühzeitige Beendigung der Erwerbstätigkeit; der Jugendwahn mit der Folge, dass es immer weniger Platz für Ältere in der Gesellschaft gibt; die Besetzung der Senate mit aktiven, erwerbstätigen Menschen (statt mit „Alten“, wie der Name nahelegt); die Auflösung der Religionen im Alltag der westlichen Gesellschaften; die Versorgung mit Pensionen und Renten, die eine Erwerbstätigkeit unnötig machen (und so die Bühne des Berufslebens schließen); nicht zuletzt die hohe Scheidungsrate. Das Ergebnis: Fast gesunde und noch aktive Alte haben keine Bühne mehr und schimpfen, einsam geworden, nur noch vor sich hin.

Nicht nur, dass Sie die Schimpfenden meiden müssen, um gesund zu bleiben, sie sollte für sie auch Anlass sein, sich eine Bühne zu suchen.

Sie sind unwichtig

Leider ist es mir schon seit meiner Kindheit unverständlich, wie Menschen sich selbst so ernst nehmen können. Mit der ersten Todesangst, dem Wahrnehmen, dass ich sterblich bin, hat mich die Fähigkeit verlassen, mich ernst zu nehmen. Dazu kam noch, dass Menschen in meiner nächsten Umgebung lebten, welche die Besten beim Hinscheiden beobachtet hatten. Meine Kindheit war voll von Geschichten über die Shoah5 und es waren so viele hervorragende Gestalten, wie der Kinderarzt meiner Mama, Prof. Knöpfelmacher, deren Opfer. Sein Bild sah ich in jenem Spital, in dem ich als junger Turnusarzt meine Ausbildung begann, er war für mich ein Vorbild. Er ging am 23. April 1938 in den Tod, der wohl so freiwillig nicht war. Er, der als einziger Arzt die Tuberkulose meiner Mama sofort erkannt hatte, er, der das von Julius Tandler gegründete Karolinen-Kinderspital leitete, er mit all seinen Verdiensten und seinem Abstand zur jüdischen Religion. Aber diese Zugehörigkeit durch Geburt war sein Todesurteil, entehrt wollte er nicht leben und wohl auch nicht in einer Zeit, die nur das Leben einer selbstdefinierten Herrenrasse als wertvoll ansah. Viele Kinderärzte, die den Nationalsozialisten dienten und Kinder auf alle möglichen Weisen ums Leben brachten, hätten sich an ihm ein Beispiel nehmen sollen. Stattdessen wurden sie zu Mördern. In Wien waren von zirka achthundert Kinderärztinnen und Kinderärzten plötzlich nur mehr etwa hundert übrig, weil fast neunzig Prozent von ihnen Jüdinnen und Juden im Sinne der Rassengesetze waren.

Es kommt aber noch schlimmer: Nicht nur die Tatsache, dass sie sterblich sind, nicht nur die Erfahrungen, dass Menschen andere Menschen ermorden, macht sie unwichtig, nein, sie sind auch unwichtig, weil es ohne sie ebenso gut gehen würde. Vielleicht sogar noch ein bisschen besser. Sie stehen nämlich im Weg. Das Raumschiff Erde hat inzwischen so viele Kopien der Spezies Mensch, dass viele Tier- und Pflanzenarten verdrängt werden und schließlich aussterben. Alles, was wir essen, ist geronnenes Sonnenlicht. Wer es verbraucht, ist egal, aber er nimmt es jemandem anderen weg. Daran ist nicht zu rütteln. Sie stehen im Weg und standen immer schon im Weg. Wenn Sie nicht ein außergewöhnliches Genie sind, gleich welcher Art, stehen Sie im Weg. Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Martin Luther King (1929 – 1968) hat das Leben der Afroamerikaner in den USA wesentlich verbessert – er war wichtig, nützlich und starb früh. Mahatma Gandhi (1869 – 1948) hat einen friedlichen Weg aus der Sklaverei des Kolonialismus aufgezeigt und aß zudem noch wenig. Er stand wenigen im Weg. Nur wer für andere da ist, steht manchmal nicht im Weg. Alle anderen tun es.

Ich durfte mir fast vierzig Jahre lang einreden, nützlich zu sein. Ich war Kinder- und Jugendfacharzt, behandelte Kinder und junge Menschen und es schmeichelte mir, wenn Eltern und Kinder mir ein gutes Zeugnis ausstellten. Sogar Wissenschaft durfte ich betreiben, Studenten ausbilden und die Fachliteratur um ein paar hundert Seiten bereichern. Ich war, so dachte ich, der Inbegriff der Nützlichkeit. Ich half in der Standespolitik und änderte mehrere Gesetze im Sinne der Kinder und ihrer Familien. Es war wirklich toll. Vielleicht habe ich meinen Rüssel vollgekriegt, wurde satt an Nützlichkeit und glaube daher, sie nicht mehr so dringend zu brauchen.

Das ist gut so. Wenn es bei Ihnen aber anders ist, wenn Sie nicht nützlich waren oder es sich nicht so gut haben selbst einreden können oder einreden lassen, dann machen Sie sich keine Hoffnungen: Jetzt werden Sie es sicher nicht mehr. Wozu auch? Der Friedhof ist übervoll von Nützlichen, die sich zudem auch noch für unersetzbar hielten. Sie hatten Termine und Gespräche, Bedeutung, die Sie sich gaben oder die man Ihnen gab. Sie schienen wichtig zu sein. Dann gingen Sie und es war, als wären sie nie da gewesen.

Ich erinnere mich, dass ich einmal bei einer Patientin, acht Jahre alt, auf Bitten ihres Vaters, den ich flüchtig kannte, im Nachtdienst ins Krankenzimmer kam. Die Krankheit – juveniles Rheuma – galt als bekannt und wurde fachgemäß von der Spezialistin des Hauses diagnostiziert und behandelt. Aber das Mädchen wurde nicht gesund. Die anerkannte Kollegin hatte sich geirrt. Ich empfahl lediglich die Vorstellung in einer Spezialklinik in Garmisch-Partenkirchen, wo eine Sonderform gefunden und sie geheilt wurde. Heute ist sie eine zwanzigjährige Frau ohne Behinderung. Ich ging mit stolzgeschwellter Brust hinaus und wuchs noch einmal zehn Zentimeter, als mich der Vater anrief und sagte, dass ich geholfen hätte.

Komisch, die Klinik, an der ich arbeitete, steht und funktioniert auch ohne mich. Die Kranken werden versorgt und alle Patienten und deren Eltern, die mir schmeichelten, dass es ohne mich schlechter sei, dass ich ihnen und ihrer Familie so wichtig wäre – sie kommen jetzt ohne mich aus. Kinder leiden, werden gesund, manche werden kränker, manche sterben – alles geht seinen normalen Gang. Freunde sagen mir, dass die Klinik ohne mich zugrunde ginge. Das erinnert mich nur an einen alten Witz aus meiner kommunistischen Studentenzeit.

Ein Genosse des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wird nach New York geschickt, um den Kapitalismus zu beobachten. Er bleibt über die ausgemachte Zeit von vier Wochen in New York, bereist dann noch die gesamte USA und erreicht schließlich Hollywood, von wo er vom lokalen NKWD (Geheimdienst der Sowjetunion) schleunigst in ein Flugzeug in die UdSSR verfrachtet wird. Angekommen, befragen ihn die Genossen, wie es gewesen sei, was er gesehen habe. „Genossen“, hob er an und seufzte, „der Kapitalismus liegt im Sterben! Der Kapitalismus ist tot! Nur der Sozialismus lebt!“ Erfreut lehnen sich die Genossen, die wegen der langen Abwesenheit ihres ZK-Mitglieds schon skeptisch geworden waren, zurück. „Aber ich sage euch, Genossen: Was für ein Tod!“, fügt der Zurückgekommene noch hinzu. Das war sein Todesurteil.

Wie kommen Sie darauf, dass es ohne Sie schlechter gehen würde? Wie erklären Sie sich Drohungen älterer Menschen wie: „Werdet’s schon sehen, wenn ich nicht mehr bin!“ oder „Schauts nur, wie ihr das ohne mich macht!“. Anders werden sie es machen, und Sie können – wenn sie noch die Phase vier erreichen – ihnen sogar dabei zusehen. Wie viel Leid könnte verhindert werden, wenn die Alten es nicht immer besser wüssten und wenn sie den Jungen nicht im Wege stünden. Was zählt Ihre Erfahrung? Nichts. Erfahrung, so sagt der erfreulicherweise mit mir befreundete Univ.-Prof. Dr. I. D. Mutz, einer der besten Kinderärzte Österreichs, ist etwas für Leute, die nicht lesen können. Denn die anderen haben begriffen, dass das Wissen der Menschheit aufgezeichnet wurde und so allen zur Verfügung steht, die keine Analphabeten sind. Also auch Ihnen, wenn Sie das gerade lesen. Niemand gibt irgendwas auf Ihre Erfahrung, niemand braucht sie; sie ist meist aus einer anderen Zeit. Schön, wenn sie andere Alte treffen, die sich noch an das Vierteltelefon erinnern und daran, wie es war, wenn man keinen Schilling eingesteckt hatte und zu Hause anrufen musste, weil man den Zug oder den Bus versäumt hatte. In Zeiten der Mobiltelefonie ist das so aktuell wie die Hellebarde des mittelalterlichen Ritters. Historisch lustig, für Sie eine nette Erinnerung, aber nichtsdestotrotz unwichtig. Ebenso ist es verzichtbar zu erfahren, wie Sie Ihre Kinder aufgezogen haben. Sie haben eine Wirtschaftswundergeneration aufgezogen, die eine aus den Zerstörungen des Krieges auferstehende Wirtschaft möglich gemacht hat. Alle Kräfte waren gefragt. Meine Generation war so zahlreich, weil Platz war. Heute sind zu viele da. Vieles ist ersetzbar. Die „Märkte“ sind zu einem kaum steuerbaren Individuum geworden, das selbst Finanzfachleute nur ansatzweise verstehen. Viele Tätigkeiten wurden durch Maschinen ersetzt und es gibt deshalb keinen Brockhaus, kein fünfzig Bände umfassendes Nachschlagwerk mehr, weil alle Informationen über das Internet verfügbar sind. Man braucht es schlicht nicht mehr, es ist unnötig geworden. Wie schön!

Daher sind Ihre Erfahrungsberichte über die Schwierigkeiten der Recherche zu Ihren Zeiten so bedeutend wie alle Geschichten, die Ihre Kindheit, Jugend, Adoleszenz und Erwachsenenzeit betreffen. Ihre Kinder gehen mit den eigenen Kindern anders um. Vielleicht besser, vielleicht bereiten sie diese auf eine andere Welt vor, in der andere Anforderungen auf diese Kinder warten. Vielleicht machen sie es richtig, wenn sie die Kinder verwöhnen. Vielleicht machen sie es richtig, wenn sie ihnen beibringen, nichts zu essen, was ihnen nicht schmeckt. Vielleicht soll es so sein und sie bereiten ihre Kinder auf eine Überflussgesellschaft vor, die diese nur so und nicht anders kennen. Dass Sie noch mit dem Befehl aufgewachsen sind, alles aufzuessen, was auf den Tisch kam, war das Ergebnis eines extremen Mangels vor und im Krieg, den Ihre Eltern erlebt hatten. Deswegen sind Sie heute vielleicht übergewichtig und essen mehr, als Ihnen guttut. Vielleicht haben Sie wahrgenommen, dass es wunderbar ist, ein Auto zu haben, und dass es schön ist, überall hinfahren zu können. Ihre Kinder wissen aber, dass die fossilen Energien begrenzt sind und dass es daher – auch aus gesundheitlichen Gründen – besser ist zu gehen. Daher werden sie ihre eigenen Kinder auf Fahrrädern mitnehmen und zum Gehen anhalten und dabei verwöhnen und eventuell sogar tragen, obwohl sie den Kinderwagen dabei haben. Sie werden das Kind im Tragetuch haben und nebenher den Wagen schieben und hoffen, dass sie das Kind in den Wagen legen können, wenn es eingeschlafen ist. Vergleichen Sie das nicht mit der Art, wie Ihr Kind aufgewachsen ist. Es war eine andere Zeit und Sie können stolz sein, wenn Sie das Kind so großgezogen haben, dass es für die Zeit, in der es nun selbst Erziehungsaufgaben wahrzunehmen hat, diese auch wahrnehmen kann. Das ist alles.

Eine kleine Geschichte dazu: Ein Vogelvater erkennt, dass er seine Kinder retten muss. Der zu einem reißenden Strom angewachsene Fluss droht das Nest hinwegzuschwemmen. Die Kleinen können in dem Sturm und über die tosenden Wogen noch nicht hinwegfliegen. Also nimmt der Vater eines nach dem anderen in den Schnabel und fliegt über den Fluss. „Wirst du mich auch einmal retten, wenn ich alt und schwach bin?“, fragt er das Erste. „Nein“, antwortet dieses. Er lässt es fallen. Ebenso ergeht es dem Zweiten. Das Dritte aber antwortet: „Nein, aber ich werde meine Kinder ebenso retten wie eben du mich!“

Das ist die richtige Antwort. Es geht um die Sicherung des Genoms, des Überlebens der Art. Dafür sind wir ausgestattet, das ist es, was wir tun müssen, auch wenn es schon zu viele Menschen gibt.

Wenn Sie in meinem Alter sind, haben Sie Ihre „Aufzuchtspflichten“ erfüllt. Die Kinder sind groß, haben ihr eigenes Leben und ihre eigenen Vorstellungen. Ihnen zuzusehen reicht völlig, und liebevoll da zu sein, sollten sie einen doch noch brauchen. Ihnen Geschichten zu erzählen, um ihnen zu sagen, wie sie es besser machen könnten, ist verzichtbar und macht nur böses Blut. Den Geschichten der Kinder zuzuhören hingegen wird Ihnen Freude bringen.

Ich kann Sie beruhigen: Unwichtig zu sein ist schön. Sie sind plötzlich frei. Nichts bedrängt oder hetzt Sie mehr, Sie müssen nichts tun. Denn die Wahrheit ist: Sie werden nicht gebraucht! Und wenn doch, dann nur wie die Bauern am Markt, die den Jungen bei der Erwerbsarbeit helfen. Wenn sie aber nachlassen, geschieht etwas, was viele nicht wahrhaben wollen: Es geht auch ohne sie. Denn plötzlich hat vielleicht die Schwiegertochter Zeit oder der Enkel, und die machen es eben anders, aber genauso gut, und wenn Sie Glück haben, dürfen Sie manchmal noch ein wenig mithelfen.

Daher zerstreiten Sie sich nicht. Vermeiden Sie es, recht haben zu wollen und Anweisungen zu geben. Sie sind unwichtig, man lässt Sie bestenfalls leben, man sagt Ihnen, dass das, was Sie wissen, obsolet geworden ist – und auch wenn Sie vielleicht mit den neuen Medien und den neuen Erkenntnissen der Wissenschaft Schritt halten, wozu? Was wollen Sie damit bezwecken? Sich wichtig machen? Wichtig sein?

Ich bin Mitglied in einem Herrenclub. Eine wunderbare Sache. Wir reden uns ein, den Armen zu helfen und die Welt zu verbessern. So weit, so gut. Wir reden uns auch ein, dass der, der mehr Fähigkeiten hat, einen größeren Beitrag für die Gemeinschaft leisten soll und dass höhere Posten eine höhere Verantwortung bedingen und nicht der Ehre wegen da sind. Und dann die traurige Realität: Die alten Männer beschimpfen sich, unterstellen einander das Schlimmste: Diebstahl, Raub, auch Nepotismus6. All das widerspricht dem Regelkanon des Herrenclubs. Es ist wie in einem Senat, der nicht von seiner Macht lassen kann. Selbst in so wunderbaren Zukunftsfilmen wie „Star Wars“ oder „Matrix“ findet sich ein Senat. Das sind immer alte Menschen, die das Sagen haben. Und das, obwohl die Schwächen des Alters nur allzu sichtbar sind. Man wird ängstlicher, obwohl man nichts mehr zu verlieren hat. Man wird dümmer, weil man vieles vergisst. Man wird zögerlicher, weil man alles besser und genauer zu überlegen meint, und doch nur langsamer denkt. Man beginnt sich selbst zu glauben, weil man sich weniger überprüft. Man wird starrer, vor allem, weil im Gehirn die Neuronen langsam abgebaut (und kaum ersetzt) werden und sich stattdessen im besten Fall weiße Substanz an diesen Stellen ausbreitet, wenn nicht Amyloid wie bei Alzheimer oder Kalk wie bei der vaskulären Demenz. Man fürchtet die Jungen, und zwar zu Recht: Sie werden diese Welt übernehmen und die Alten hinwegfegen, auf den Kehrrichthaufen der Geschichte werfen und ihnen ankreiden, dass sie viele Probleme der Welt, wie Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, Kriege, Elend, Hunger und Not, nicht ausreichend bekämpft haben. Sie fürchten die Jungen so wie der Leitwolf den jungen Wolf fürchtet, da dieser – schon im Interesse des Genoms und der Auswahl des Besten – ihn verdrängen und ungerührt zulassen wird, dass sein Vater oder Onkel allein verhungert. Seien wir froh, dass Kultur und Anstand die Alten überleben lassen. Wenn wir klug sind, dann leben wir in der Stadt und nicht im Ausgedinge oder im Kellerstöckl, wie es in der Steiermark heißt, leben im eigenen Haus und nicht im Altersheim. Nur wenn wir nicht weitergeben wollen, wenn wir den Hof nicht überschreiben, die Jungen nicht ins Grundbuch lassen, dann werden wir zu Recht rausgedrängt, weil wir nicht loslassen können, unterdrückerisch sind oder einfach besserwisserisch. Also seien Sie fröhlich und heiter und geben Sie keine Ratschläge!

Während ich das an einem noch kalten Vorfrühlingstag schreibe, muss ich zweimal zurückscrollen, um mich der Kapiteleinteilung zu vergewissern. Dies, obwohl ich joggen war und hin und zurück mit dem Fahrrad zum Treffpunkt mit dem Partner gefahren bin. So ist das mit der Verfasstheit eines Pensionisten. Sie wird schlechter.

Inzwischen schreiten die Jungen voran. Sie wissen mehr, und was sie nicht wissen, schauen sie nach. Sicher, auch sie haben Schwächen. Ihr Computer stürzt gern aufgrund von Überlastung ab und das, was sie in Wikipedia finden, stimmt nicht immer und sie können den Wahrheitsgehalt von Meldungen oft nicht richtig einschätzen. Aber diese kleinen Fehler lassen sich ausbügeln.

Die Fehler der Alten hingegen sind schwerwiegender. Sie erinnern sich gern an „ihre“ Zeit, sie kennen das Heute wenig oder schlecht, sie wollen von sich reden und zuletzt: sie wissen es besser.

Vor nichts muss man sich so hüten wie vor Besserwisserei. Nicht nur dass sie unsympathisch macht, nein, meistens hat man auch noch unrecht.

Der österreichische Architekt Harry Glück (* 1925) wurde zu seiner Zeit wegen seiner Gemeindebauten heftig angefeindet. Friedensreich Hundertwasser (1928 – 2000) warf ihm vor, er mache nur das, was die Stadt Wien und die Betonierer von ihm verlangten. Dann schuf er den Wohnpark Alt-Erlaa mit Schwimmbecken am Dach und Blumentrögen auf den Terrassen. Er sprach von seiner Philosophie, davon, dass der Mensch Wasser und Pflanzen brauche, um leben zu können – und heute ist er ein Genie, das zu seiner Zeit eben verkannt war. Was haben die Menschen geschimpft! Der Wind verfinge sich in den Bauten, sie würden wegen ihrer Höhe schwanken, das Schwimmbad am Dach sei nicht zu benutzen, weil im Sturm zu kalt, und überdies seien die Wohnungen zu teuer und zu entlegen, der Verkehr würde durch sie um ein Vielfaches zunehmen und daher seien diese Bauten mehr Belastung als Freude. All diese Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Dasselbe geschah bei der Schleifung der Wiener Stadtmauer und der Errichtung der Ringstraßenpalais. Manche lehnten das damals ab. Vielleicht muss das so sein. Das Neue überrascht, ist unvertraut und wird daher zurückgewiesen.

Auch in der Politik weiß fast jeder, wie es besser zu machen wäre. Einmal gab es in Österreich eine Koalition aus ÖVP und FPÖ. Wesentliche Weichen wurden gestellt, das Pensionsrecht verändert, so dass es möglich scheint, dass die Pensionen noch ein paar Jahre bezahlt werden können. Ein „Solidarbeitrag“ wurde bei den höheren Pensionen eingeführt, also eine Kürzung, der man diesen schönen Namen gegeben hat. Sicher komisch. Da zahlt der Staat seinen Beamten eine gute Pension, weil diese im Erwerbsleben ein geringeres Einkommen hatten als zum Beispiel Freiberufler, allerdings auch nicht deren Risiko. Es wird eine Lebensarbeitssumme errechnet und ausgezahlt. Natürlich haben alle anderen längst vergessen, dass sie jahrelang ein höheres Einkommen hatten als die Beamten, und wenn sie sich doch erinnern, rechnen sie es ihren Fähigkeiten und der Faulheit der Beamten zu. Somit gönnt keiner den Beamten ihre Pension. Der Souverän, das Volk, reduziert sie also, und damit das ohne Streik und ohne allzu viel Lärm einhergeht, nennt man es „Solidarbeitrag“ und schon ist die Pille mit einem Zuckerguss überzogen und wird geschluckt. Was kann man da besser machen? Nichts. Denn die Pensionen sind nicht finanzierbar. Entweder müssen die Menschen mehr zahlen oder früher sterben oder mehr Kinder haben. Zu viele Alte, zu wenige Junge und mäßige Wirtschaftsdaten erforderten diese Reformen.

Wie leicht kränkt man sich dann über eine solche Vorgehensweise. Denn wer will schon auf etwas verzichten, indem er zum Beispiel dazu beiträgt, dass auch in Zukunft, dann, wenn er längst nicht mehr lebt, die Pensionen finanzierbar bleiben?

Noch leichter lässt es sich über Kränkungen durch die Kinder und Enkel verzweifeln, die auf die Meinung der Alten keinen Wert legen. Das sollte Sie aber keineswegs kränken, denn es macht nichts. Was heißt schon „Wert legen“? Dass man Sie ernst nimmt. Warum wollen Sie unbedingt ernst genommen werden? Das will doch nur jemand, der sich selbst ernst nimmt, und das sollen Sie nicht tun. Es macht nur traurig.

Sie könnten auf den Gedanken kommen, dass Sie es wirklich besser wissen. Das wäre schade. Wie kommen Sie darauf? Und selbst wenn es so sein sollte: Erinnern Sie sich, jede Generation muss ihre eigenen Erfahrungen machen. Was denken Sie, wie viele junge Menschen dieses Buch lesen werden? Wie viele werden meinen Erfahrungsschatz in Anspruch nehmen wollen? Sie sind an einer Hand abzuzählen. Ich finde das nicht gut, weil ich natürlich hoffe, dass alle Menschen mein Buch kaufen und lesen. Meine Träume weisen mir diesen Weg. Aber natürlich wird es nicht so sein. Noch kann ich meine Träume von der Wirklichkeit unterscheiden. Mein Buch wird vielleicht von älteren Menschen gelesen, sie werden manches gut, manches schlecht finden. Auf jeden Fall aber werden meine Leser wissen, wie es besser zu machen gewesen wäre. Ich habe es da leicht. Ich vergleiche mich neuerdings mit jenen, die nichts tun. Diese Gruppe ist gar nicht so klein. Es gibt einfach Menschen, die gern ein Buch geschrieben hätten, die gern in der Früh aufgestanden wären, gern auf den Berg gegangen wären, gern mehr reisen würden. Nur, sie machen es nicht. Der Hund braucht sie, die Enkel oder andere Umstände halten sie an dem Ort, an dem sie angeblich nicht sein wollen. Und so verhält es sich mit allem, was man machen will. Die Umstände lassen es scheinbar nicht zu. Manchmal mag das ja stimmen, aber öfter sind wir es selbst, die es nicht zulassen, die wir uns im Weg stehen. Dabei ist es doch viel wichtiger, dass sie das kurze Stück, das sie noch gesund gehen können, erleben, genießen und freudig annehmen. Denn das, was sie weiterzugeben haben, das, für das sie wertgeschätzt werden wollen, das ist vorbei.

Sie sind gesünder, als Sie glauben

Alte Menschen, unglückliche Pensionisten, selbst die, welche in Phase drei sind – also im „gesunden Alter“ –, denken gern über ihre möglichen Krankheiten nach. Sie haben hie und da Schmerzen, fühlen sich an manchen Tagen nicht wohl und schlafen nach einem reichlichen Abendessen schlecht oder wachen nachts auf.

Die Schlafstörung

Das Schlafen wird beobachtet, Veränderungen werden gern als Schlafstörung empfunden. Ein amerikanischer Forscher, James J. McKenna7, konnte zeigen, dass es – jedenfalls bei Babys – keine Schlafstörungen gibt. Babys wachen einfach immer wieder auf und es liegt nur an der Reaktion der Umgebung, ob sie danach lang oder kurz wach sind. Die „Störung“ wird von der Umgebung diagnostiziert, die zum Beispiel gern durchschlafen würde. Schlafstörungen sind ein subjektiver Befund. Meine Frau und ich schlafen ganz unterschiedlich. Gestern schlief sie um 15.45 Uhr ein, nachdem sie ein Steak und etwas Brot gegessen hatte, schlief dann bis 20 Uhr, arbeitete bis 23.30 Uhr und wachte um 5.40 Uhr auf, weil ich sie weckte. Sie ging dann eine Stunde schwimmen. Ich hingegen war gestern um 6.20 Uhr joggen und radelte danach nach Hause. Seit ich Pensionist bin, erlaube ich mir manchmal, selbst wenn das Wetter strahlend schön ist und ich an sich im Freien sein müsste, ein Bad am Vormittag zu nehmen. Danach trockne ich mich kaum ab, ziehe mir den Bademantel mit Kapuze an und gehe nach den Anweisungen Sebastian Kneipps halbnass ins Bett. Ich schlief dann bis 10.45 Uhr, aß ein Müsli mit steirischem Apfel und südafrikanischen Weintrauben und schrieb an diesem Buch weiter. Im Garten schien die Sonne, sodass ich bei offenem Fenster die Gesänge der Vögel hörte. Zu Mittag aß ich ein Brot und, wie meine Frau, um 15 Uhr ein Steak. Nach einem Wissenschaftstermin und einem Treffen in einem Kaffeehaus spielte ich von 18 bis 22 Uhr Tarock, ein Kartenspiel. Mit dem Fahrrad nach Hause gekommen, war ich, trotz zwei halben Liter Bier und einer scharfen Wurst, hellwach und ging erst um 1.40 Uhr schlafen. Um 5.45 Uhr wurde ich wieder geweckt – Schwimmen für meine Frau, Joggen für mich stand auf dem Programm. Sowohl meine sechzigjährige Frau als auch ich schlafen also sowohl am Tag als auch in der Nacht, mal so, mal so. „Dem Schlaf braucht man nicht hinterherzurennen, der holt einen schon ein, wenn man ihn braucht“, sagte sie einmal. Wir genießen die Errungenschaft des elektrischen Lichts, stehen manchmal nachts auf, legen uns am Tag hin und schlafen und wachen wie die Tiere, die McKenna so wunderbar beobachtet hat.

Wir kennen allerdings auch Menschen, die in der Nacht schwer aufstehen. Das sind meist Langschläfer, die erst nach etwa einer Stunde eine REM-Phase, also den paradoxen Schlaf8, erreichen und daher unter zu kurzem oder wiederholt unterbrochenem Schlaf leiden. Sie erquicken sich daher auch nicht bei einem Mittagsschlaf, und wenn sie weniger als acht Stunden schlafen, sind sie müde. Bei ihnen ändert sich die Schlafarchitektur im Alter wenig. Das Wichtigste, was man aus der Schlafforschung wissen muss, ist: Es gibt keine Schlafstörung, es gibt nur das subjektive Gefühl, zu wenig geschlafen zu haben. Davon ausgenommen ist das Schlafapnoesyndrom, unter dem vor allem Männer leiden. Sie bekommen im Schlaf zu wenig Luft, ersticken fast und wachen dann müde auf. Schwere Hirnfunktionsstörungen, zum Beispiel nach einem Unfall oder Schlaganfall, können den Schlaf auch verändern; die Altersdemenz kann zu einem oft wiederkehrenden, nicht erquickenden Schlaf führen.

Die meisten „Schlafstörungen“ kommen jedoch aus der Unfähigkeit, sich an geänderte Umstände anzupassen, wie zum Beispiel das Vorhandensein kleiner Kinder, die in der Nacht essen wollen, oder weil man Nachtdienste machen muss oder eben einfach älter wird und man öfter auf die Toilette muss.

Es gibt einige Regeln, die man beachten sollte: Aufstehen, wenn weiterschlafen nicht geht. Nur dann liegen bleiben, wenn aufstehen gar nicht geht. Kein gemeinsames Schlafzimmer – besser zwei Zimmer, man kann sich ja jede Nacht besuchen. Es ist selten, dass zwei Menschen denselben Tag-Nacht-Rhythmus haben. Licht machen und alles tun, wozu man Lust hat. Keine Angst vor dem nächsten Tag. (Kein: „Ich muss morgen frisch sein!“) Nicht unbedingt zu schlafen versuchen, weil man am nächsten Tag zum Beispiel einen frühen Termin hat. Schlaf lässt sich nicht erzwingen, also soll man’s erst gar nicht versuchen. Es macht auch nichts, wenn man einmal eine Nacht durchmacht. Als Junger hat man das aus erfreulichen Gründen, etwa für ein Fest, gemacht, als Alter nützt man die Zeit und schreibt oder liest oder spaziert durch die menschenleere Stadt. Man ist nie mehr so ausgeschlafen, wie man es mit zehn oder elf Jahre war. Es macht nichts, dass man manchmal am Tag müde ist und einnickt; man hat nur mehr selten Wichtiges zu tun. Alles gelingt besser, wenn man sich nicht einredet, dass man müde ist. Daher gibt es auch fast keinen Grund, am Abend nicht Kaffee zu trinken und sofort daran zu denken, dass man dann nicht schlafen kann. Das zeigt nur, dass einem das Schlafen zu wichtig geworden ist. Dabei könnte es einem doch um jede Minute schade sein, die man von dem noch zu erwartenden Erdendasein verschläft. Koffein führt an sich nicht zu Schlaflosigkeit, sondern zu einer besseren Atmung, weswegen es auch bei Frühgeborenen, die an einer Regulationsstörung der Atmung im Schlaf leiden, verwendet wird.

Da Sie nun wissen und verstehen, dass es keine Schlafstörung gibt, haben Sie auch keine. Sollte Ihr Schlafrhythmus mit dem Ihres Partners nicht harmonieren, ziehen Sie schleunigst aus dem ehelichen Schlafzimmer aus und schlafen Sie, wenn Ihnen danach ist, suchen Sie sich eine Beschäftigung für die unterbrochenen Nächte oder fühlen Sie sich einfach heiter müde, denn es ändert gar nichts, wenn Sie sich ärgern. Haben Sie das alles beherzigt, brauchen Sie meist kein natürliches Beruhigungsmittel wie Baldrian, kein Schlafmittel und keinen Wein am Abend. Sollten Sie sich aber an solche Mittel gewöhnt haben, überlegen Sie sich, ob es noch lohnt, sie sich wieder abzugewöhnen. Welche Nebenwirkungen will ich vermeiden? Schadet es meiner Gedächtnisleistung? Werde ich dadurch unfallanfälliger? Wenn Sie diese Fragen negativ beantworten (gemeinsam mit ihrem Arzt), dann frage ich Sie: Warum wollen Sie sich das wieder abgewöhnen?

Gesundheit war einmal, nur die Todesangst treibt an

Die meisten Menschen beginnen sich um ihre Gesundheit zu kümmern, wenn es zu spät ist. Wie ich in dem Buch „Taubenfüttern allein ist nicht genug“, dessen Fortsetzung sie in Händen halten, geschrieben habe, führen die meisten Lebensstiländerungen statistisch nur bis zum vierzigsten Lebensjahr zu einem besseren und gesünderen Alter. Damals hatte man aber keine Zeit oder keine Lust oder einfach noch keine Todesangst – und so änderte man nichts. Hingegen wird aber großer Wert auf die Gesundheit dann gelegt, wenn sie im Schwinden begriffen ist. Gesundenuntersuchungen bei Senioren verlieren aber ihren Wert, wenn keine Gesundheit mehr festzustellen ist. Ebenso verhält es sich mit den Anweisungen zum Essen – also zu Diäten – und der Aufforderung, mehr Bewegung zu machen.

In einem Fernsehbericht über die „wahrhaften“9 Inglourious Basterds 10, also jenen Kämpfern des jüdischen Korps der Haganah (israelische Armee), die nach dem Krieg Naziverbrecher stellten und ohne Urteil töteten, sah man einen fünfundachtzigjährigen Mann, der sein ganzes Leben in einem Kibbuz schwer gearbeitet hatte. In der Dokumentation sieht man, wie er in der Früh nach dem Aufstehen im Unterleibchen Turnübungen macht. Der einstige militärische Drill ist noch spürbar, weshalb diese Übungen wahrscheinlich in der Dokumentation gezeigt wurden.

Aus medizinischer Sicht haben Fitness- und Lebensstilvorschläge im Alter nur den Sinn, dass man sich jetzt besser fühlt, dass man beweglich bleibt, Treppen steigen kann, nicht traurig wird, weil man zuerst körperlich, dann geistig zunehmend abbaut, und dass man nicht so dick wird, dass an Bewegung kaum mehr zu denken ist. Das ist fein und erfreulich genug.

Besorgniserregend wird es jedoch, wenn alte Menschen sich von ihrer Angst dominieren lassen. Da wird zunehmend auf Salz verzichtet, angeblich wegen des Bluthochdrucks. Da erzählen ältere Menschen, dass sie dieses und jenes nicht mehr vertragen, und bekommen Diäten empfohlen, die das Leben zwar nur selten (etwa im Fall der erforderlichen Eiweißreduktion bei Nierenkranken) verlängern, es für die Betroffenen und deren Umgebung aber schwieriger machen. Warum so viel Angst und – auch wenn diese verständlich ist – warum ihr nachgeben? Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine, besondere Qualitäten des Essens, Rücksichtnahme auf Fettstoffwechsel und Elektrolyte, all das ist nur dann gerechtfertigt, wenn sich dadurch das aktuelle Lebensgefühl verbessert. Wenn diese Maßnahmen zu einem Korsett werden, das gegen die Todesangst geschnürt wurde, wäre es besser, diese Angst zu bearbeiten statt ihr nachzugeben. Das Ausmaß an Beeinflussbarkeit der durch die höhere Lebenserwartung zunehmenden Alterskrankheiten wie Bluthochdruck und Hypercholesterinämie durch Diäten ist erschreckend gering. Komisch ist vor allem, dass die höhere Lebenserwartung zu einer Steigerung der Todesangst geführt hat (vor allem durch den Verlust der unmittelbaren Auferstehungshoffnung).

Das lange Leben wirklich alt gewordener Menschen hat mehr mit Genetik und guter Lebensführung von Geburt an sowie mit gelungenen Beziehungen zu tun (im ländlichen Raum Japans zum Beispiel sind Tagesrhythmik, Essgewohnheiten und Lebensplanung seit Jahrhunderten unverändert). Die einzige Diät, die sich als lebensverlängernd herausgestellt hat, ist: wenig essen. Ob man das macht, wie heutzutage oft gepriesen, indem man jeden zweiten Tag nichts isst oder einfach immer wenig isst, sei jedem selbst überlassen. Aber jeder, der wenig isst, hat bessere Chancen, alt zu werden, sogar über sein genetisches Alter hinaus, als der, der dick ist. Dick wird man im Alter leicht, das Ausmaß an Bewegung nimmt ab, essen gehört zu den Tätigkeiten, die problemlos zu bewältigen sind und Spaß machen, zudem fördert es die soziale Interaktion, weil man meistens nicht alleine isst, und wenn es dazu auch noch etwas Alkohol gibt, wird die Zunge leicht und das Herz unbeschwert. Warum auch nicht?

Stattdessen wird den verschiedenen Wehwehchen nachgegangen, Arztbesuche werden zu den wichtigsten Terminen und die Ratschläge der Ärzte werden ernstgenommen.

Ich rate davon ab!

Essen Sie, was Ihnen schmeckt, und nicht, was angeblich gesund ist. Machen Sie ausreichend Bewegung, es tut Ihnen gut und Sie fühlen sich danach viel besser. Lachen Sie viel und nehmen Sie immer weniger ernst. Vor allem nicht sich selbst, denn Sie sind der Schauspieler, dem der Souffleur langsam das Zeichen gibt, von der Bühne abzutreten. Das ist nicht schlimm. Sie und ich, wir hatten unsere Chance und sie wird nicht wiederkommen. Nur wenige von uns haben noch die Chance, Papst oder Präsident zu werden. Schade, aber so ist es. Das sich nun auftuende Loch mit Sorgen um die eigene Gesundheit zu füllen, ist schal und dumm. Man könnte fast sagen: Je weniger Leben noch übrig ist, desto mehr hängt man daran. Wie eine Wurst, von der man eine Scheibe abschneidet und, da man sie nicht ganz durchgeschnitten hat, ein kleines Stück Haut noch festhängt. Unbedacht reißt man es – im besten Fall – ab. Oder man zieht es in die Länge, den Rest kennen Sie.

Die österreichische Schauspielerin und Kabarettistin Topsy Küppers (* 1931), einst Gattin des wunderbaren Georg Kreisler (1922 – 2011), bekam mit zweiundachtzig Jahren Krebs und hat nun ein Buch darüber geschrieben. „Mein Ungustl: Ein widerlicher Gast“ (Langen Müller, 2015), so nennt sie ihren Tumor, den sie mithilfe der Ärzte besiegt zu haben hofft. Bei der Buchpräsentation, die in der ORF-Society-Sendung „Seitenblicke“ gezeigt wurde, freuen sich alle Befragten mit der Autorin, dass sie ihren Ungustl besiegt hat. Aber sie ist dreiundachtzig! Wer hätte noch vor zehn oder zwanzig Jahren überhaupt etwas derart wortwörtlich Einschneidendes getan, um ein in diesem Alter auftretendes Karzinom zu bekämpfen? Wer hätte dieses Karzinom für etwas anderes gehalten als die zu erwartende lebensbeendende Krankheit, die hohes Alter eben mit sich bringt?

Stattdessen wird die Behandlung und die momentane Verbesserung als Sieg gegen den Krebs gefeiert, die Autorin im Kreis ihrer hauptsächlich Gleichaltrigen als Heldin begrüßt und der Arzt als Helfer in der Stunde der Not im Fernsehen gezeigt. Sogar Nacktfotos von Küppers sind in dem Buch zu sehen, von denen sie im österreichischen Rundfunk sagt, dass sie darauf gut aussehe. Topsy Küppers war in der Tat eine sehr gut aussehende Frau, als sie mit Kreisler „Heute Abend: Lola Blau“ gab. Ich kann das bezeugen, denn ich war bei der Erstaufführung (1971) dabei. Wieso genügt das nicht? Warum so am Leben hängen, wo man es doch im Altersheim fristet? Es ist die Kreatur, die sich weiterschleppen will und – nach dem Sieg über den Krebs – an etwas anderem sterben muss.

Daher: Kümmern Sie sich ruhig um Ihre Gesundheit, wenn es Ihnen Spaß macht, aber lassen Sie sich nicht durch ein „gesundes Leben“ einschränken.

Auf dem Berg ist Sonne und Nebel im Tal, man steigt neunhundert Meter zu der Schweizeben unter dem Hochanger durch das Weitental bei Bruck an der Mur auf, der Susannensteig ist schneebedeckt, an manchen Stellen eisig, weswegen mein Freund Ingo und ich „Kramperln“, also leichte Steigeisen, tragen. Die Wirtschaft auf Schweizeben ist offen. Platz ist nur mehr im Raucherzimmer, dort sitzt ein schweigsamer Mann an einem Tisch, darunter sein Hund, darauf zwei Zigarettenpackerln. Der Raum ist lichtdurchflutet, durch das Fenster blickt man in das weite Mürztal, die Nebeldecke lässt es wie ein Meer erscheinen. Es ist Frühstückszeit. Ingo bestellt ein Krügerl Bier, ich schließe mich an.

Zwei deutlich jüngere Frauen kommen in den Raum. Die Funktionskleidung wird Schicht um Schicht ausgezogen, ein schöner Anblick. Ein interessanter Geruch breitet sich aus: Der Geruch der Plastikkleidung vermischt sich mit dem Geruch der sich am Morgen gewaschen, beduftet und beim Aufstieg geschwitzt habenden Frauen im Alter von etwa vierzig bis fünfzig Jahren. Die Kleidung hängt jetzt auf einem Bügel neben dem Ofen, wo sie weiterduftet. Die beiden setzten sich, nehmen ihr transportables Diabetesbesteck aus der Hüfttasche und messen den Blutzuckerspiegel. Da die erste Messung sie nicht befriedigt, wird nochmals gestochen und wieder gemessen, das nun erreichte Ergebnis stellt sie zufrieden. Nun wird Insulin gespritzt, beide Frauen trinken einen Tee mit Süßstoff, ohne etwas zu essen.

Während wir nach dem großen noch ein kleines Bier trinken, werden die Oberteile wieder nach und nach angezogen. Die Frauen grüßen und verlassen die Hütte. Komisch, denken wir beide, sie müssten doch etwas essen. Andererseits scheinen sie sich mit ihrem Leiden auszukennen. Dass sie sich so verhalten, wird damit zusammenhängen – und auch damit, dass sie sich zu einem disziplinierten Leben entschlossen haben und es durchhalten. Alles an diesen Frauen wirkt diszipliniert: die Art, wie sie ihre Haare zusammengebunden haben, wie sie die Kleidung aufhängen und wie sie sich im Raum verhalten, selbst ihr Schimpfen, dass sie im Raucherraum sitzen müssen, weil im großen Zimmer gegenüber eine Geburtstagsfeier stattfindet. Sie bitten den schweigsamen Mann, während ihrer Anwesenheit nicht zu rauchen. Wir rauchen auch nicht. Die Wirtin unterstützt uns in unserer Disziplin: Sie verkauft uns keinen Schweinsbraten; angeblich, weil sie keine Zeit hat. Den Boden in dem ziemlich sauber erscheinenden Raum wischt sie dann aber auf. Sie hatte, scheint es, doch Zeit, nur keine Lust. Oder sie fand, dass wir dick genug seien. Oder sonst was.

Wir gehen fröhlich zu Tal, zu Ingo, der ein „ausgewogenes“ Menü – Steak mit Brot mit einer Flasche Nebbiolo aus dem Piemont – serviert. Ich werde meinen guten Vorsätzen untreu, nicht mehr Auto zu fahren, wenn ich auch nur ein klein wenig getrunken habe, und gleite heiter zurück nach Graz.

Gehen Sie an Ihre Grenzen

„Wer saufen kann, kann auch laufen“ war einer der Sinnsprüche aus dem „Taubenbuch“. Ich finde immer mehr, dass das stimmt. Zwar sagt Ingo: „Muskeln kann man trainieren, Gelenke und Sehnen nur ruinieren!“, und der Satz wird auch nicht besser, wenn man ihn umdreht. Dabei ist aber zu bedenken, dass das Ruinieren von jenen, die es nicht probieren, meist nicht erlebt wird. Die anderen werden meist mit künstlichen Gelenken versorgt, mit denen man fast jeden Sport betreiben kann: Wandern, Klettern, Laufen, Schwimmen und vieles andere mehr. Bewegung führt zu einer besserer Hirnleistung und einem guten Lebensgefühl. Das allein sollte schon reichen, um Sport zu machen und nicht nach Ausreden zu suchen.

Viktor Frankl (1905 – 1997) hat, als er mit zirka sechzig Jahren an Höhenangst zu leiden begann, wieder, wie in seiner Jugend, zu klettern begonnen. Er bestieg den Stüdlgrat am Großglockner. Das Foto11, das ihn am Grat im Seil hängend zeigt, ging damals um die Welt. Er war als Erfinder der Logotherapie vor allem in den USA eine Berühmtheit und das Foto galt als Beweis für die Richtigkeit seiner Gedanken, die er im Buch „ … trotzdem Ja zum Leben sagen“ (1946), in dem er von seinen Erfahrungen im Konzentrationslager erzählt, darlegte. Er war zu Recht berühmt. Denn nicht nur, dass er das Konzentrationslager überlebt hatte, nicht nur, dass er geschrieben hat, dass die moralisch Schwächeren, jene, die mehr auf sich schauten, größere Chancen hatten, dieses furchtbaren Regime zu überleben, nein, er hat die Idee des „Menschen zum Sinn“ gehabt: Die Sinnfrage war eine Herausforderung, mit der er seine depressiven Patienten konfrontierte und viele damit heilte. Er selbst konnte das sicher auch gut brauchen in seinem kleinen Kammerl in der Wiener Privatklinik, in die ihn die Feindschaft, der Neid und der unterschwellige Antisemitismus der Wiener medizinischen Fakultät verbannt hatte.

Der Wille zum Sinn war das Gegenteil jenes Triumphs des Willens, den die Nationalsozialistin Leni Riefenstahl (1902 – 2003) verherrlicht hat. Riefenstahls gleichnamiger Film zeigt den Reichsparteitag 1934 in Nürnberg, wo die Masse den Willen des Einzelnen aufsaugt und ihn so zu allem bereit macht. Diesen Menschen wird glauben gemacht, dass der kollektive Wille jede Grenze überschreiten kann. Die Katastrophe des Nationalsozialismus zeigt, dass dieser Glaube Grenzen überschreiten lässt, die man nie überschreiten sollte. Der kollektive „Herrenmensch“ betrat die Bühne der Geschichte und begann sein Zerstörungswerk.

Hat man Hannah Arendt (1906 – 1975) gelesen, weiß man, dass diese Überschreitungen die Fähigkeit zu einem klaren Urteil zerstört12, dass so die „Bestie Mensch“ freigelassen wird. Diese Bestie bewegt sich dann in einem Umfeld, das den Willen höher stellt als die moralische Entscheidung, und die Einzelnen können sich überdies einreden, dass sie Gutes tun, sogar dann, wenn sie die Gebote der Menschlichkeit außer Acht lassen. Dass es nie wieder so weit kommen möge, ist ein frommer, wahrscheinlich aber nicht in Erfüllung gehender Wunsch.

Ganz anders und doch ähnlich verhält es sich beim heutigen Sport. Bei Spitzenathleten wie dem Skispringer Thomas Morgenstern wurden die Grenzen zu weit gesteckt. Obwohl er am Schluss der Saison 2014 schon so müde war, dass er bei seinem vorletzten Sprung stürzte, wurde er noch einmal rausgehetzt – und stürzte so schwer, dass an seinem Aufkommen gezweifelt werden musste. Hermann Maier wurde dadurch zum Idol, dass er drei Tage nach seinem kapitalen Sturz in Nagano (1998) den Olympiasieg holte. Die Liste der Spitzensportler, die sich überfordern, ist lang. Da ist etwa Simon Amann, der trotz Sturzes weitersprang und sich schwer verletzte, oder Lindsey Vonn, die trotz ihrer Depressionen und einer Knieoperation 2014 im Jahr 2015 die Bestmarke gewonnener Rennen von Annemarie Moser-Pröll übertraf – wir wissen zwar, dass solche Grenzüberschreitungen, dass ein derart unverantwortlicher Umgang mit der Gesundheit jungen Menschen nicht tolerierbar ist, nehmen es aber einfach hin.

Die fröhlichen Pensionisten kann man ziemlich klar in drei Gruppen teilen: in jene, die Bewegung macht (das ist die größte Gruppe); in jene, die Pseudobewegungen macht; und in jene, die zu viel Sport betreibt, die ihr Alter nicht wahrnimmt oder verleugnet, die weiter die Sportart ihrer Jugend verfolgt und sich dabei chronisch überfordert. Warum ist das so? Die Antwort ist einfach: In der heutigen Kultur ist Altwerden keine Option. Der alte Mann, den mein Großvater in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts noch authentisch darstellte, ist verschwunden. Kein Anzugmacher, kein Schneider erzeugt noch Maßanzüge alten Stils. Die Hosen enden nicht mehr unter den Brüsten der alten Männer, die Sakkos sind nicht mehr so weit geschnitten, dass sie Platz für Brieftasche, Zigaretten, Bauch und Accessoires haben. Jeder muss körpernah geschnittene Sakkos tragen und von seinen sportlichen Erfolgen erzählen. Mein Sohn Aaron, der Soziologie in Wien studiert, sagt dazu: „Nur der Umstand, dass wir uns unseres Umfelds bewusst sind und die Zeitströmungen kennen, heißt noch lange nicht, dass wir außerhalb davon leben können.“ So ist das. Die meisten Pensionisten geben es auf, Bewegung zu machen. Sie sitzen, lesen, schauen fern und werden in der Folge dick und unbeweglich. Sie schämen sich dafür. Zu Recht. Das alles geht oft mit einer geistigen Unbeweglichkeit einher, einem Unzufriedensein, mit Pessimismus und Zorn auf die Jugend. Nicht schwer zu verstehen. Neid und Ärger über ein versäumtes Leben mischen sich mit dem Wissen um das Steckengebliebensein, eine furchtbare Melange der Bitterkeit.

Geht man an seine Grenzen, überschreitet man sie ein bisschen, macht man – Grenzerfahrungen. Man sieht und spürt vor allem, was man noch kann. Kurz ist die Zeit, die einem noch gegeben ist. Man weiß, dass sich alles reduziert: die Erinnerung, die Elastizität, die Anzahl der neu anzusteuernden Neuronen, die neuen Einfälle und die Möglichkeiten, die man bei anderen Menschen hat. Man lernt schwerer Menschen kennen, nimmt deren Ideen und Einfälle nicht mehr so leicht auf, vor allem deshalb, weil man ohnedies schon alles zu kennen glaubt. Dieser Glaube ist irrig und kommt daher, dass das Gehirn „einrostet“. Dem entspricht die biologische Tatsache, dass die weiße Substanz (also die Kabeln) zunimmt und die Neuronen (also die Schaltstellen) weniger werden, schließlich baut sich auch die weiße Substanz langsam ab und das Vergessen wird zum Alltagsschicksal. Wichtiger denn je sind daher Grenzerfahrungen. Sie allein sind es, die neue Erfahrungen möglich machen. Damit meine ich nicht, dass jemand, der nie auf Skitouren gegangen oder Marathon gelaufen ist, jetzt im Alter plötzlich damit beginnen soll. Was ich meine, ist, dass sie an ihre jeweiligen Grenzen gehen sollen. Hören Sie nicht auf die Stimme der Vernunft – sie ist der Wegbereiter der Angst.

Das habe ich unlängst auch meinem sechs Jahre älteren Freund, der auch Peter heißt, gesagt. Er hat bis achtundsechzig gearbeitet und ist seit einem Jahr in Pension. Leider ist er nicht ganz gesund, hat Stents in den Herzkranzgefäßen, ein Auge wurde trüb und seine schon immer weiche und wärmende Seele ist noch weicher geworden. Wir redeten übers Skifahren. Er sprach von seiner Angst. Einmal ist er im Flachen ausgerutscht und konnte nicht mehr aufstehen, benötigte Hilfe, konnte sich mithilfe der Stöcke nicht hochziehen. Einmal stürzte er und hatte Angst, sich etwas gebrochen zu haben. Er sagt: „Ich habe Angst vor Schmerzen!“ Meine Frage „Ist Opium für Schmerzen verboten worden?“ brachte ihn zum Schmunzeln. Wir sind beide Ärzte, er Psychiater, ich Kinder- und Jugendarzt. Wir wissen um die Flüchtigkeit des Lebens und der Gesundheit, um die Kraft der Bewegung, die ihn mehr langweilt als mich, und um ihre relative Wirksamkeit.

Wie eine Studie kürzlich herausgefunden hat, lebt man durch regelmäßige Bewegung im besten Fall zwei Jahre länger, verbraucht aber für diesen Gewinn vier Jahre an Zeit – diese Art der Lebensverlängerung ist also keine wirkliche Verlängerung, das wissen wir. Allerdings haben wir bis dahin eine schönere Zeit. Ebenso wissen wir beide, dass diese zwei Lebensjahre, die ans Ende angehängt werden, nicht die besten sein werden, so dass wir uns nicht sicher sind, ob wir sie erleben wollen.

Und doch, Sie sollen an Ihre Grenzen gehen, um von den schrecklichsten der Altersleiden so lange wie möglich verschont zu bleiben: der Ängstlich- und Furchtsamkeit. Aggressionen gegenüber der Jugend und Ärger über sich selbst, der sich dann manchmal als Fremdenfeindlichkeit oder nörgelnde Verdammung von Neuerungen zu erkennen gibt oder in einer anderen Form zutage tritt, die ihrem Wesen oder ihren Vorerfahrungen entspricht. Nur wenn Sie sich erproben, nur wenn Sie wissen, wie weit Sie gehen können, werden Sie sich spüren, sich erleben und neue Erfahrungen machen.

Als ich meine jährliche Gesundenuntersuchung im Herbst hatte, war das Auto leider nicht in Graz geblieben. Ich hatte es in Wien abgestellt und nicht wieder abgeholt. Meine Kinder wollten es mir bringen, taten es aber nicht. Es war der warme Herbst 2014, die Zeitung voll mit Ankündigungen einer Klimakatastrophe. Ein Vespa-Roller stand in der Garage. Fast neu. Die letzte Erwerbung meines Sohnes, bevor er nach Israel ging. In meiner Jugend assoziierte ich mit Mopedfahren unbegrenzte Freiheit. Leider stürzte ich oft. Gezählte einundzwanzig Mal. Immer ohne Folgen, sogar, als es mich über die Kühlerhaube eines Pkws, die in die Kreuzung hineinragte, schleuderte. Ich krümmte mich zusammen und rollte wie eine Kugel ab. Nun sagte mir ein Freund, dass er das Mopedfahren aufgegeben hätte, weil, wie er sagte, „die Straße im Alter härter“ wird. Ich wollte aber zur Gesundenuntersuchung und war zu faul für das Fahrrad, zu geizig für das Taxi und zu hochmütig für die Straßenbahn, aber nicht feig genug für das Moped. Also – richtig – stieg ich aufs Moped, rollte die steile Straße vorm Haus hinunter und kam mit einem tollen Triumphgefühl an. Das Moped wurde danach für zwei Wochen mein Transportmedium: ob es sich um Einkaufen für die Familie handelte oder darum, meinen Sohn zur Bahn zu bringen – das Moped und ich konnten täglich mehr. Als mein Ältester sagte: „Wieso fährst eigentlich du? Das ist doch eine Verkehrung der Dinge!“, war ich stolz.

Gehen Sie an Ihre Grenzen, erst dort sehen Sie, was Sie können. Und es wird Sie stolz machen!

Gehen Sie zu Ärzten, sie helfen Ihnen

Es gibt Menschen wie mich, die gehen gern zu Ärzten. Einfach, weil sie von ihnen Hilfe erwarten und bekommen. Ebenso, weil sie gern manchen Krankheiten vorbeugen. Zahnausfall zum Beispiel. Deshalb gehen sie regelmäßig zur Zahnpflege. Sicher, die Zahnpflege ist nicht alles. Aber sie fördert den Kontakt zum Zahnarzt und jede Zahnpflegerin wird ein Löchlein, das sie entdeckt, Ihnen und dem Arzt melden und so weitere Schäden verhindern helfen.

Ebenso ist es mit den anderen Untersuchungen. Sicher, eine Darmspiegelung ab dem fünfzigsten Lebensjahr alle fünf Jahre einmal wird Darmkrebs nicht verhindern, aber sie ist die einzige Chance auf Früherkennung und -behandlung. Diese Liste könnte fast unendlich fortgesetzt werden. Jede Vorsorgeuntersuchung, jeder Kontakt mit dem medizinischen System birgt natürlich auch die Gefahr einer Überdiagnose in sich, aber wahrscheinlicher ist, dass man eine entstehende Krankheit früh abfängt, so dass sie noch heilbar ist. Gegen die Gefahren der Überdiagnose kann man sich leicht schützen: Kündigen Sie Ihre Zusatzversicherung! Erstens wird Ihnen die Versicherung sehr dankbar sein, denn Sie sind ein schlechtes Risiko geworden. Am liebsten hatte die Versicherung Sie, als Sie jung waren und daher gesund. Jetzt steigt täglich die Wahrscheinlichkeit, dass Sie die Versicherung in Anspruch nehmen werden. Das ist für den Profit der Versicherung schlecht. Daher werden Sie Ihre Kündigung widerspruchslos annehmen. Somit verführen Sie dann Ärzte und Ärztinnen nicht, sie aus niedrigen Motiven zu behandeln. Nicht Geld ist dann das Interesse der Mediziner, sondern ausschließlich der Wunsch, Ihnen zu helfen. Machen Sie also den für Sie guten Schritt und legen Sie sich in ein Mehrbettzimmer. Wenn Sie eine künstliche Hüfte brauchen, sind Sie dann zwar auf der Warteliste, werden aber von dem operiert, der es täglich tut, und müssen nicht einmal Danke sage. Wenn Sie dann doch Geld für Gesundheit ausgeben müssen, nehmen Sie das, das Sie sich an Zusatzversicherung erspart haben, und geben Sie es den Ärzten Ihrer Wahl.

Und dann: Haben Sie ein wenig, aber nicht zu viel Vertrauen. Der Arzt kann Sie verwechseln, inkompetent sein oder er ist einfach innerlich mit anderem beschäftigt. Daher überprüfen Sie die Empfehlungen, lesen Sie Beipacktexte, überlegen Sie selbst Vor- und Nachteile der Verschreibungen und Empfehlungen, vergleichen Sie diese mit Ihrem Lebenskonzept und schauen Sie, ob das alles zusammenpasst. Nehmen Sie zum Beispiel Tabletten gegen Bluthochdruck, sofern Sie noch Freude an Sex haben, nur mit Vorsicht, manche haben nämlich als Nebenwirkung Potenzstörungen. Überdies ist Bluthochdruck an sich keine Erkrankung, Sie nehmen die Tabletten vorsorglich, um Nachfolgeerkrankungen zu verhindern. Denken Sie über Medikamente nach, die den Fettstoffwechsel beeinflussen. Ab einem gewissen Alter kommt die Vorsorge gegen Arterienverkalkung zu spät. Überdies wird von diesen Medikamenten die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes mellitus zu erkranken, größer. Besprechen Sie Risiken mit Ihrem Arzt und treffen Sie dann eine gemeinsame Entscheidung. Seien Sie offen, lügen Sie Ihren Arzt nicht an und schenken Sie ihm das Vertrauen, das er braucht, um Sie gut behandeln zu können. Denken Sie aber auch daran: Jeder Arzt ist geneigt, Ihnen ein Rezept zu geben. Wenn Sie schon Medikamente einnehmen, kann es sein, dass die Wechselwirkungen nur mehr schwer zu überblicken sind. Achten Sie darauf, besprechen Sie das mit Ihrem Arzt und erinnern Sie sich an die Mathematik Ihrer Schulzeit: Gleichungen mit mehr als drei Unbekannten sind fast unlösbar. Daher sollten Sie wahrscheinlich nicht mehr als drei unterschiedliche Medikamente einnehmen.

Legen Sie sich nur ein Mal wirklich ins Bett – zum Sterben

„Im Bett sterbn d’ Leut“, sagt der Volksmund. Das stimmt. Sie brauchen das Bett zum Schlafen, sonst nicht. Weder werden grippale Infekte erträglicher oder heilen mit weniger Nebenwirkungen ab, wenn Sie im Bett liegen, noch wird eine Herzkrankheit vom Liegen besser. Das Bett ist gut zum (Bei-)Schlafen und für sonst nichts. Sicher, Sie sollen ein gutes Bett haben, denn im Bett und in den Schuhen verbringt man sein ganzes Leben – sagt ein Sprichwort. Daher müssen beide so gut wie möglich sein. Aber sonst meiden Sie das Bett, besonders wenn sie schon älter sind. Es macht Sie eher krank als gesund. Von der Entwicklung von Blutgerinnseln über allgemeine Schwäche bis zur empfundenen Schlafstörung – all das entsteht im Bett. Es wird Ihr Begleiter, wenn es dann so weit ist. Bis dahin ist es von Schaden. Das wussten die Menschen immer schon. Deshalb machten sie das Bett zwar weich und warm, aber sie stellten es in den dunklen Räumen auf, verhängten die Fenster und heizten den Raum oft nicht. All das, um die Anziehung des Bettes zu verringern und dessen Benützung auf die Nacht zu konzentrieren. Nehmen Sie das als Richtschnur. Wenn Sie das Bett brauchen, dann benützen Sie es. Ich warne aber vor der Idee, das Bett zu „hüten“. Das Bett hütet sich selbst. Es zieht Sie nur an, wenn Sie sich vor der Welt verstecken wollen oder weil Sie traurig sind oder weil es Ihnen bequem ist. Für Bequemlichkeit ist im Alter wenig Platz. Denken Sie immer daran, dass Sie – selbst wenn Sie römisch-katholischen Glaubens13 sind – die Ewigkeit haben, um sich auszuruhen. Das muss doch genügen. Die wenigen Stunden, die Sie auf Erden haben, sollten Sie sich nicht allzu viel ausruhen. Bleiben Sie in Bewegung, denken Sie an andere, achten Sie moderat auf Ihre Gesundheit, aber meiden Sie das Bett. Es darf ruhig einen Morgen geben, an dem Sie sich einen Morgenschlaf gönnen, zum Beispiel nach dem Sport, aber an sich reicht das. Je stärker es Sie anzieht, desto mehr gehen Sie in die andere Richtung! Vermeiden statt aufsuchen, weggehen statt hüten, wachen statt schlafen – das ist die Devise.

Lebensführung

Im Kurier, einer der größten österreichischen Tageszeitungen, erschien am 1. Februar 2015 ein Artikel mit dem Titel: „Die 5-L-Formel: Einfach gesund“. Der renommierte Altersforscher Georg Wick14 zeigt darin Strategien für ein besseres Leben auf.

Zehn bis fünfzehn Jahre, so heißt es im Bericht, könne man sein Leben verlängern. Die Ingredienzien dieses Rezepts sind: Leben (bewusst auf sich achten), Laufen (als Synonym für einen aktiven Lebensstil), Lernen (nicht nur in der Schule), Lachen (eine positive Grundeinstellung) und Lieben (nicht nur den Partner). Klingt gut, ist aber sicher für viele nicht ganz leicht umzusetzen. Aber: Alles, was man davon beherzigt, hilft. Wick erzählt, dass seine Mama achtundneunzig Jahre alt geworden ist, was ihm „gute“ Gene verheißt. Er behauptet aber, dass nur dreißig Prozent durch die Gene bestimmt seien. Das macht das Verkaufen seiner Ideen natürlich leichter, ob es stimmt, kann man nicht so genau sagen. Er jedenfalls wird alt und älter. Liegt es nun an seiner Lebensführung oder an den Genen? Eher, so meint man heute, an den Genen.

Die Ansicht, dass man arbeiten soll, um gesund zu bleiben, bis man es nicht mehr kann, ist strittig. Es hängt vom Beruf ab und von den eigenen Möglichkeiten. Unumstritten scheint, dass es falsch ist, Geistesarbeiter in Pension zu schicken. Kein Land, das erfolgreich ist, macht das. US-amerikanische Präsidenten bleiben selbstverständlich im Dienste der amerikanischen Diplomatie; emeritierte Professoren der besten europäischen technischen Universität, der ETH Zürich, bleiben, wenn sie es wollen, der Forschung, Beratung und Lehre bis ins hohe Alter erhalten; sie geben den jungen Forschern Ratschläge, edieren wissenschaftliche Journale und halten Vorträge in aller Welt. Natürlich sollte auch der Geistesarbeiter den Moment erkennen, an dem er die Weiterentwicklung der Forschung zu behindern beginnt. Er sollte wissen, wann er sich ausschließlich zu wiederholen beginnt und die Ideen der Jugend abzulehnen anfängt, oft einfach deshalb, weil er sie nicht mehr versteht. Rudolf Virchow (1821 – 1902) war so ein Mann: Seine Zellularpathologie hatte die Entwicklung seines Faches beflügelt, seine Mikroskopie zu großem Fortschritt beigetragen, wie man in dem ihm gewidmeten Museum an der Charité in Berlin sehen kann. Seine Ablehnung der Keimtheorie, die besagt, dass Bakterien und Viren Krankheiten auslösen, behinderte aber den Fortschritt, dem er sich mit seiner Macht als Geheimrat vehement entgegenstellte. Die sich daraus ergebende Feindschaft gegenüber dem Entdecker des Tuberkelbazillus, Robert Koch (1843 – 1910), hat ihn nicht nur lächerlich gemacht, sondern eine positive Entwicklung behindert.

Einzelfälle, die nicht ins Gewicht fallen, sind zum Beispiel der italienische Präsident Giorgio Napolitano (* 1925), der erst mit neunzig in Pension gegangen ist, der Papst und allenfalls mein Schwiegervater Jack David Dunitz (* 1923), Emeritus der ETH Zürich.

Jeden der Ratschläge von Wick sollte man befolgen. Aber nicht, um sein Leben zu verlängern, sondern um es währenddessen schöner zu haben. Die Zeit, wo noch vieles geht und möglich ist, muss man nützen. Jack Lemmon und Walter Matthau haben in drei Filmen (z. B. „Ein verrücktes Paar“, 1993) darüber „diskutiert“: Es sind immer zwei „Alte“, die miteinander streiten, sich versöhnen, sich verlieben und aus dem Leben noch etwas machen – oder eben nicht. Berührend ist der Auftritt von Jack Lemmons „Vater“, der auf die Frage seines Sohnes, ob er sich noch einmal auf eine Liebe einlassen soll, etwa so antwortet: „Wann denn, wenn nicht jetzt? Du kannst nichts nachholen!“

Es muss keine schwere Erkrankung kommen, um sich bewusst zu sein, wie es um einen steht. Man muss keinen Herzinfarkt haben oder Krebs, um zu wissen, dass das Leben endlich und vermutlich bald vorbei ist. Statistiken, der Blick auf die Geburtsurkunde und in die eigene Seele reichen völlig. Erinnerungen können dabei helfen: Wann sind meine Großeltern gestorben? Wie sehe ich aus der Sicht meiner Enkel aus? Welche Einschränkungen habe ich bereits? All das gibt ausreichend Auskunft über das unaufhaltsame Nachlassen der Kräfte und den baldigen Tod.

„Ein kleiner Kommentar gegen das Aufkommen von Reue wäre hilfreich, wenn man darüber nachzudenken beginnt, was man schon früher hätte machen müssen, was Reue impliziert, die sicher nicht gesund ist“, sagt mein Sohn Aaron, nachdem er mein Manuskript gelesen hat. Recht hat er. Nachholen geht nicht, das Leben bewegt sich vorwärts. Was versäumt ist, ist versäumt. Besser jetzt keine Zeit mit Wehmut und Trauer über die verlorenen Stunden vergeuden, sie werden nur, wie bei einer schlechten Investition, dem schon Verlorenen nachgeworfen und verhindern, dass man noch ein wenig Freude hat.

Ergreifen Sie die Ratschläge von Wick. Vielleicht verlängern sie das Leben, vielleicht aber machen sie auch nur den verbleibenden Teil besser. Sicher, man hätte vielleicht schon früher damit beginnen können: Lebenslanges Lernen fängt schon in der Schule an. Es ist die Einstellung zum Lernen, die es spannend und erfreulich erscheinen lässt. Intrinsische Motivation eben, lernen macht Spaß. So scheint es Wick ergangen zu sein, deshalb hat er Schüler herangebildet, Neues gelernt und seinen Beitrag geleistet. Diese Einstellung verlässt einen im Alter nicht. Selbst wenn man seine Interessen ändert, wie der kürzlich verstorbene Erfinder der Pille und erste Hersteller des Cortisons Carl Djerassi (1923 – 2015), und zum Beispiel Dichter und Kunstsammler wird, hat man immer noch dieselbe Einstellung zum Leben und zum Lernen. „So wenig Zeit und noch so viel zu tun!“, sagte Djerassi gern und zitierte dabei Gustav Klimt, von dem er Bilder in aller Welt kaufte. Dann schenkte er seine Sammlungen der Albertina Wien und dem Museum of Modern Art in New York und wurde sogar noch zum Benefaktor. Nun ist er tot, aber sein Geist lebt in seinen Entdeckungen, seinen Büchern und seinen Kunstsammlungen weiter. Wahrnehmen und einen Beitrag leisten macht das Leben schöner. Dann ist es vielleicht nicht so wichtig, wie lang es dauert.

Daher noch ein paar Bemerkungen zu den anderen Ratschlägen:

Leben heißt, dass man achtsam mit sich umgeht. Leben heißt, dass man sich gern hat, dass man sich mit Freude nach dem Baden eincremt, weil die Haut im Alter weniger Fett produziert, oder sich schön anzieht, weil man dann besser aussieht. Es heißt auch, dass man gern gut isst und meistens nicht mehr, als man verträgt. Das macht jeden Tag Spaß und muss nicht damit begründet werden, dass man dadurch sein Leben verlängert. Ich erinnere mich an eine Studie, in der die Vorteile der exakten Einstellung der Zuckerkrankheit ermittelt wurden. Die Vorteile der Reduzierung der Folgeerkrankungen des Diabetes mellitus wurden durch die damit einhergehende höhere Frequenz der Hypoglykämien mehr als aufgehoben. Die durch Unterzuckerung ausgelösten epileptischen Anfälle führten zu weit mehr Todesfällen, als es eine schlechte Einstellung zur Folge gehabt hätte. Den Zuckerkranken machte die strenge Einstellung keine Freude. Sie mussten sich bis zu sechsmal am Tag stechen, danach Insulin spritzen und erreichten doch keinen der Funktion der gesunden Bauchspeicheldrüse ähnlichen Verlauf des Blutzuckers. Das ist für mich ein Beispiel für eine optimale medizinische Versorgung, die leider für den Kranken einen nachteiligen Effekt hat.

Ob man nun Diabetiker ist oder einfach nur älter wird: Bewegung hilft in jedem Fall. Und das in zweierlei Hinsicht. Einerseits ist man hier und heute beweglicher, als man es morgen sein wird, und noch zu Aktivitäten fähig, die einem sonst verschlossen bleiben. Im Winter 2015 habe ich beim Skifahren viele ältere Menschen gesehen, die sich und andere gefährdeten. Einfach deshalb, weil die Technik noch in den körpereigenen Reflexen gespeichert war, aber die Durchführung der an sich richtigen Bewegungen bei schwierigeren Passagen, bei steileren Hängen nicht mehr funktionierte. Sie hatten nicht genügend Muskelkraft, nicht genügend Beweglichkeit, und so geriet die Bewegung schwach und die Skier gehorchten ihnen nicht. Stürze, Unfälle waren die Folge. Rudolf Hundstorfer (* 1951), von 2008 bis 2016 österreichischer Sozialminister, der einen sehr guten Job machte, ist ein Beispiel dafür. Die Arbeit ließ ihm wenig Zeit zum Training und er hat vielleicht auch vergessen, in der Zeit vor dem Skiurlaub zu trainieren. So kam es, dass er stürzte und sich das Becken brach.

Ich schlage vor, dass jeder einen Berg in seiner Nähe bezwingt oder eine halbe Stunde läuft oder eine vergleichbare Aktivität unternimmt, bevor er einen Skilift besteigt, um sicherzustellen, dass er körperlich fit ist. (Motto: „Fahr nur einen Berg hinab, den du auch hinaufgehen kannst!“) Gelingt diese Anstrengung mühelos, wird man auch die viel härteren Bedingungen auf der Piste bewältigen. Denn dort kommen hinzu: das neue Material, die schweren Schuhe, die Kälte und nicht zuletzt die Höhe. Diese Belastungen, vielleicht noch in Kombination mit Brillen, die sich beschlagen, schlechter Sicht durch Nebel oder Wolken, erhöhter UV-Strahlung und eventuell etwas Alkohol, der in der Skihütte konsumiert wurde, sind da noch nicht berücksichtigt. Aber wenn man sieht, wie schwer ältere Menschen nach einem Sturz aufstehen oder welche Probleme es ihnen macht, einige Schritte mit Skiern den Hang hinaufzugehen, wenn sie sich verfahren haben, dann kann man den Grad der Notwendigkeit einer guten Vorbereitung ermessen. Also: Regelmäßiges Ausdauertraining hilft, vor allem, wenn man sich in der Natur bewegen will.

Es ist auch förderlich, wenn man sich Partner dafür findet. Nichts ist so motivierend wie eine Partnerschaft am Berg oder im Tal. Allein nimmt die Motivation schnell ab und nach wenigen Trainingseinheiten wird man faul und müde. Jemandem verpflichtet sein, hinter ihm/ihr hergehen oder sie/ihn überholen, hilft. Ob es dabei unbedingt der Lebenspartner sein muss, sei dahingestellt. Viele Ehepartner sind über die Performance des anderen nicht erfreut, schimpfen dann aufeinander und statt Ausdauersport wird üble Beziehungsarbeit geleistet. Das soll nicht sein.

In einer Hütte auf der Mugl bei Niklasdorf in der Nähe von Bruck an der Mur trifft ein Ehepaar mit Tourenskiern ein. Sie kommen in die Hütte. Beide haben ein Aufspürgerät, für den Fall, dass jemand in eine Lawine gerät, der Mann außerdem eine Pulsuhr, sie sind perfekt ausgerüstet. Mein Freund und ich essen Eierspeise und Käsekrainer. Der Hund meines Freundes liegt unterm Tisch. Der Geruch erfüllt den warmen Hüttenraum, der Wirt bringt Bier und sogar noch eine zweite Wurst, weil sowohl ich als auch der Hund diese gerne und mit Genuss essen. Das Ehepaar am Nachbartisch bestellt gegen den Rat des Wirts Spinatschafkäsestrudel mit Salat. Dazu trinkt der Mann alkoholfreies Bier. Der Wirt sagte, dass er Spinat nicht leiden könne, weshalb er dieses Gericht, das bei seinen Gästen sehr beliebt ist, bei seiner Frau nur mit dem Namen „Was Grausliches!“ bestellt. Das hält das Ehepaar von der Bestellung nicht ab. Als der Strudel, der im Mikrowellenherd gewärmt wurde, serviert wird, ist schnell klar: Die Frau isst ihn gern, der Mann hingegen quält sich damit ab und schaut immer wieder zu uns und unserer Wurst herüber. Mir scheint, dass er sogar den Hund beneidet, der zwei Drittel der Wurst in kleine Stücke geschnitten bekommt, die er mit Genuss verschlingt. Das Ehepaar spricht während des Essens nicht, die Frau trinkt zwei Mal je einen halben Liter Apfelsaft mit Wasser verdünnt, der Mann bleibt bei seinem alkoholfreien Weizenbier.

Solche Sportpartnerschaften machen traurig. Meinem zehn Jahre älteren Bergkameraden ist es ziemlich egal, was ich esse, oft freut er sich aber, etwas abzubekommen, weil er selbst selten etwas bestellt. Da ich zur Eierspeise Butter und Marmelade ordere, nimmt er zur Wurst gerne von der Butter aufs Brot und als süßen Abschluss ein kleines Stück Brot mit Marmelade. Er ist ein wahrer Gentleman. Er würde nie eine Essensbestellung meinerseits mit dem Hinweis kommentieren, dass diese im Widerspruch zu meinem Wunsch stünde, abnehmen zu wollen. Er sieht zwar, dass ich keinen Gürtel mehr brauche, um die Hose an ihrem Platz zu halten, aber einen Kommentar dazu wird man von ihm nie hören. Ginge ich mit meiner Frau, ich könnte nicht garantieren, dass ich oder sie nicht die eine oder andere Bemerkung fallen ließen. So wird es auch bei den Nachbarn im Speiseraum der Hütte sein: Jeder würde das Essen des anderen kommentieren, und so essen sie das Gleiche, womöglich traut sich der Mann gar nicht, etwas anderes als seine Frau zu bestellen. Das ist kein Genuss, sondern Terror. Dementsprechend telefoniert der Mann auch während der kleinen Mahlzeit. Was keinen Spaß macht, kann ruhig unterbrochen werden.

Das bringt uns zum Lachen. Ja, lachen – das ist immer gut. Das gesamte Leben wird leichter, wenn man sich selbst nicht ernst nimmt und über sich lachen kann. Weil man seiner Umgebung mit Freude begegnet und sich selbst durch Humor und Reflexion das Leben erträglicher macht. Die Voraussetzung dazu ist, dass man wenig ernst nimmt. Das ist ziemlich einfach, weiß man doch, dass alles, was man heute ernst nimmt, morgen schon unwichtig ist. Dass alles, was man macht, bald durch den Tod relativiert wird und dass selbst eine simple Krankheit vieles abschwächt. Dazu kommt, dass der Mensch zwar die grundlegenden Fragen nach dem Woher, dem Warum und dem Wozu stellt, aber nicht beantworten kann. Diese Unfähigkeit, die das Schicksal des Menschen ist, zwingt uns zum Lachen. Wie kann man sich nur ernst nehmen? Kränkungen ergeben sich schnell. Das beginnt im Kleinen, wenn der fröhliche Pensionist zum Beispiel Wäsche aufhängt und die Frau die Art des Aufhängens kritisiert. Dann hört der kluge Mann auf, Wäsche aufzuhängen. Oder im so genannten Großen hat das zur Folge, dass man in Zeiten fallender Zinsen, wo man für Geld, das man auf der Bank hat, sogar noch zahlen soll, Angst bekommt, ja sogar Angst zu verhungern. Wenn sich der Pensionist sozial engagiert oder in kleinen Vereinen mitmacht, dann hoffentlich immer mit innerem Abstand, mit lichter Distanz, die es ihm ermöglicht, Freude zu empfinden und nicht leicht gekränkt zu sein. Denn die einfachsten Umstände können zur Kränkung führen: Nichtbeachtung von Vorschlägen; Berücksichtigung anderer statt ihm; zuletzt sogar eine Abwahl, die er nicht wollte. Es ist doch wunderbar, wenn andere es anders machen. Es ist fein, wenn andere etwas besser wissen und danach handeln. Es ist gut, wenn man wieder in die zweite Reihe treten und zuschauen kann, wie andere es machen. Das alles muss und soll doch nicht kränken. Nehmen Sie sich nicht so wichtig. Es war doch eine Tätigkeit, die nicht unbedingt gebraucht wurde, ob es im Kegelverein oder bei den Rotariern war. Jeder soll einmal Obmann sein dürfen, seine Ideen einbringen, und die Tatsache, dass man selbst ersetzbar ist, kann einen nun wirklich nicht mehr überraschen. Daher: Genießen Sie, solange es geht, lassen Sie leichten Herzens los und erfreuen Sie sich an der Weiterentwicklung der Sache.

Das führt unmittelbar zum vierten Punkt von G. Wick: der Liebe. Diese soll und muss nicht mehr ausschließlich sexuell, sondern umfassender verstanden werden. Sie bezieht sich nun auf die immer weiter wachsende Familie, auf die Kinder und Kindeskinder, deren Partner und nicht zuletzt auch auf Freunde und Bekannte.

Wer geliebt werden will, „sollte“ selbst lieben. Und bekanntermaßen so, wie es die Bibel vorschlägt: den anderen wie sich selbst. Das klingt einfacher, als es ist. Denn man ist weder schöner noch attraktiver noch agiler geworden. In der Tat zerstreiten sich manche Menschen im Alter mit sich selbst. Sie mögen sich so, wie sie sind, immer weniger. Bisweilen haben sie nie ihren Frieden mit sich gemacht und diese innere Zerrissenheit wurde nur von Arbeit oder Partnerschaftsproblemen überdeckt. Jetzt, da sie gesellschaftlich gestorben sind, jetzt, da sie sozial unnötig sind, deckt nichts mehr die Selbstaggression, das Auf-sichböse-Sein zu. Stattdessen wird die Selbstaggression sichtbar. Symptome dessen können sein: (Selbst-)Verwahrlosung, mangelnde Pflege, Griesgrämigkeit, starker Wunsch, gebraucht zu werden, Pessimismus und Zorn auf die Welt.

Es wird oft gesagt, dass man alte Menschen nicht mehr ändern kann, was so nicht stimmt15. In Krisen und unter Druck ändern sich Menschen oder sie brechen. Mit sich selbst Frieden zu machen, sich zu verzeihen, dass man so ist, wie man ist, lässt einen für sich und dann für andere erträglicher werden. Denn solange man sich böse ist, wird man andere eher be- und verurteilen. Hat man selbst eine bescheidene Karriere gemacht und ist damit unzufrieden, wird man von seinem Sohn oder der Tochter gesellschaftlichen Aufstieg verlangen; leidet man unter seinem sozial wenig verträglichen Wesen, wird man entweder noch unverträglicher oder man verlangt von anderen ein Entgegenkommen, das man selbst nicht anbietet. In Summe geht es darum, mit sich selbst auszukommen, jetzt, da die Ablenkungen weniger werden und die Anforderungen geringer.

Es mag überraschen, dass man das völlig selbst in der Hand hat. Niemand braucht einem dreinzureden, niemand muss einem helfen oder kann einen behindern. Man geht in die Natur, setzt sich auf eine Bank und freut sich, dass man die blühenden Bäume des Frühlings sieht, weiß, dass man nicht mehr viele Frühlinge sehen wird, und lacht, wenn kleine Kinder lachen. Dann kommt man fröhlich nach Hause. Jeder ist froh, die Frau, die Kinder, die Freunde. Das andere, leider häufig gelebte Modell sieht so aus: Man sitzt im Garten, ärgert sich über die Hunde, die ihre Notdurft verrichten, findet die Kinder zu laut und schlecht erzogen, ärgert sich über den Staub, der von den Bäumen fällt – im Schatten ist einem zu kalt, in der Sonne zu heiß. Man kommt übellaunig nach Hause, vom Spazierengehen schmerzen die Glieder, das angebotene Essen wird widerwillig an- und eingenommen, es wird geschimpft und Anrufe werden nicht getätigt bzw. nicht angenommen. Man ist allein, die Stimmung ist schlecht und bei einem Arztbesuch, der mit langer Wartezeit und Ärger verbunden war, bekommt man Antidepressiva verschrieben, die man aber nicht nimmt, weil man ja nicht geisteskrank ist. So könnte man im eigenen Saft schmoren, über die anderen im Stillen schimpfen und eine doch recht stabile Pseudobalance finden.

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22 декабря 2023
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9783854395850
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