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Peter Henisch
Der Jahrhundertroman
Roman

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Salzburg – Wien
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Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien
Lektorat: Jessica Beer
ISBN ePub:
978 3 7017 4643 9
ISBN Printausgabe:
978 3 7017 1731 6
Für Eva
Dankbar für Rat, Hilfe, Liebe
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
1
Zwei Euro pro Seite, hatte Herr Roch gesagt. Zwei Euro pro Seite würde er ihr bezahlen. Es ginge darum, ein Manuskript abzutippen. Ein Manuskript, an dem ihm gelegen sei.
Sie würde sich etwas dazuverdienen und ihm würde sie einen Gefallen tun. Einen großen Gefallen, denn an diesem Manuskript sei ihm viel gelegen. Es handle sich nämlich um einen Roman. Um einen Roman, an dem er seit Jahren schreibe und an dem er, wenn sie ihn recht verstanden hatte, noch weiterschreiben wolle.
Aber zuerst ginge es darum, das Vorhandene zu überblicken.
Das Wort überblicken aus dem Mund des Herrn Roch! Beinahe peinlich – der alte Mann war extrem kurzsichtig. Sein Blick durch die dicken Brillen tat ihr fast weh.
Wenn er die Zeitungen las, tief über den Tisch gebeugt, an dem er für gewöhnlich saß, dem Tisch in der Ecke neben dem Notausgang, verwendete er zusätzlich eine kleine Lupe. So eine, wie sie die Markensammler gebrauchten, die sich jeden Dienstag hier trafen. Das war einer der Tage, an denen Lisa relativ viel zu tun hatte. Auch am Freitag tat sich einiges, da kamen die Damen, die Canasta oder Tarock spielten. Sonst war der Job im Café Klee eher beschaulich.
Aber ist dir da nicht stinklangweilig? hatte Ronnie gefragt.
Als er sie noch manchmal abgeholt hatte, also am Anfang des Semesters.
Da ist ja nichts los, hatte er gesagt, ich würde das keine zwei Wochen aushalten.
Lisa hielt es schon mehr als zwei Monate hier aus.
Das hier war einmal eine gute Gegend, sagte die Chefin, das Geschäft hat floriert. Das kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. Damals haben wir hier noch zwei Billardtische gehabt und eine eigene Backstube haben wir betrieben. Da sind noch Cremeschnitten und Torten in der Vitrine gelegen, nicht nur die paar Schokobrezel und Manner-Schnitten.
Trotzdem sollte Lisa manchmal die Scheiben der Vitrine polieren. Es durfte ja nicht so aussehen, als hätte sie nichts zu tun. Und die Tischplatten aus echtem Marmor, von denen einige zwar schon Sprünge, aber immer noch eine gewisse Würde hatten, sollte sie bitte abwischen. Auch wenn noch gar niemand darauf gefrühstückt hatte.
Wenn sich Lisa dann in eine der mit ehemals grünem Samt tapezierten Nischen setzte und ihren Laptop aufklappte, hatte Frau Resch allerdings nichts dagegen. Sie ging davon aus, dass ihre Aushilfe etwas für die Uni tippte. Was studieren Sie, hatte sie gefragt, als sie Lisa eingestellt hatte, aha, schön. Lisa hatte den Verdacht, dass sie vielleicht selbst einmal studiert hatte.
Doch dann war ihr Studium wahrscheinlich im Sand verlaufen oder es war etwas dazwischengekommen. (Ein Mann, ein Kind, eine Ehe, eine Scheidung, eine Depression.) Darüber wollte Frau Resch aber nicht gern reden. Die zwei oder drei Mal, als Lisa sie doch darauf ansprechen wollte, wandte sie sich rasch ab und ging in die Küche.
Wie flink Sie tippen! sagte Herr Roch. Das könnte ich nie.
Er habe immer nur mit zwei Fingern getippt. Wenn es nötig war. In seinem früheren Leben. Aber das liege schon ein paar Jahre zurück.
Den Roman jedoch habe er natürlich mit der Hand geschrieben. Es war ihm wichtig, die Gedanken direkt vom Kopf in die Hand fließen zu lassen. Leider hatte er dann seinen Schlaganfall gehabt. Mein Schlaganfall, sagte er. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der er von seinem Roman sprach.
Mit dem er nun, sagte er, wieder in Schwung kommen wolle. Wobei ihm Lisa entscheidend helfen könne. Indem sie vorerst abtippe, was schon vorliege. Zwei Euro pro Seite. Das sei doch ein faires Angebot.
Hallo, liebe Semira, tippte Lisa,
sorry, dass ich mich so lang nicht gerührt hab. Liegt daran, dass ich eine Weile gebraucht hab, um mich auf die Situation hier in Wien einzustellen. Hab an der Uni inskribiert und einen Platz in einer WG gefunden.
War und ist aber beides nicht ohne Probleme. Also die Uni: nichts als Hektik am Anfang. Z.B. hätte ich beinah den Anmeldetermin für so ein blödes Proseminar versäumt. Und dabei war es wichtig, ausgerechnet in dieses Proseminar hineinzukommen.
Sonst verlierst du gleich Zeit, bist, kaum dass du zu studieren angefangen hast, schon im Rückstand. Hat Ronnie gesagt, der mir gerade noch rechtzeitig über den Weg gelaufen ist. Oder bin ich ihm über den Weg gelaufen? Ist eine Frage der Perspektive, nicht wahr? Jedenfalls ist er bereits im dritten Semester und kennt sich aus. Nicht nur an der Uni kennt er sich aus, sondern auch in der Stadt. Ronnie kennt nicht nur nur billige Mensen und Shops. Er kennt auch jede Menge coole Lokale.
Außerdem hat er mir ja ganz gut gefallen. Mit seiner ständigen Besserwisserei ist er mir aber schon bald auf die Nerven gegangen. Und vielleicht war es doch keine so gute Idee, gleich mit ihm in diese WG zu ziehen. Wo wir zwar zwei durch einen Gemeinschaftsraum getrennte Zimmer haben, aber anfangs oft in einem Bett gelandet sind.
Der Job, den ich hier gefunden habe, ist aber okay. Kellnerin in einem Kaffeehaus im 17. Bezirk. Ein Job, bei dem ich mir die Arbeit einigermaßen einteilen kann. Halbwegs kompatibel mit den Vorlesungen, die ich besuchen muss.
Die Chefin (Fr. Resch heißt sie) hat Verständnis dafür. Aber was sie mir zahlen kann, ist nicht viel. Einen kleinen Zuschuss könnt ich schon brauchen. Hab um Studienbeihilfe angesucht, doch ob ich die bekommen werde, ist alles andere als sicher.
Mein Vater verdient zu gut, und dass ich kein Geld mehr von ihm nehmen will, ist eigentlich Privatsache. Die Kolleginnen in der Beratungsstelle der Hochschülerschaft haben gemeint, ich kann das ja als Anmerkung ins Einreichungsformular schreiben. Aber vorgesehen ist so etwas nicht. Jetzt kann ich bis auf Weiteres nur abwarten.
Da ist allerdings ein Gast im Café, der mir einen Nebenverdienst anbietet. Herr Roch. Ein alter Mann. Nach einem Schlaganfall ein bisschen beschädigt. Ich könnte, sagt er, etwas für ihn abtippen. Doch ich weiß nicht recht, ob ich darauf eingehen soll.
Aber jetzt schreib ich schon wieder viel zu lang von mir. Und von meinen vergleichsweise kleinen Problemen. Wie geht es dir? Dass du jetzt noch ein Jahr in unserer alten Schule absitzen musst, ist echt blöd. Aber im Mai machst du die Matura und vielleicht kannst du ja dann auch nach Wien kommen.
Immerhin ist ja alles noch halbwegs gut ausgegangen, oder? Hauptsache ist doch, dass die leidige Geschichte mit eurem Bleiberecht nun geklärt ist. Hoffentlich gehts deiner Mutter jetzt etwas besser! Du wirst sehen, es wird alles gut.
Was schreiben Sie, Fräulein Lisa? fragte der Herr Roch.
Nichts Interessantes, sagte sie. Etwas für die Uni, log sie.
Tatsächlich sollte sie etwas für die Uni schreiben. Aber immer, wenn sie dazu ansetzte, verlor sie schon nach wenigen Sätzen den Faden.
Dann tippte sie unversehens ganz etwas anderes. Manchmal einfach nur, was sie an so einem langen Vormittag im Café Klee hörte und sah. Wie draußen der Regen rauschte. Wie die Pendeluhr tickte. Wie der Luster mit den Krakenarmen zitterte, wenn ein schweres Auto vorbeifuhr.
Etwas für die Uni also, sagte der Herr Roch.
Mit seinen trockenen Lippen lächelte er.
Er lächelte, als ob er ihr nicht glaubte – oder lächelte er, als ob er wüsste?
Dieser Herr Roch ging ihr manchmal ganz schön auf die Nerven.
Schon weil er sie permanent mit Fräulein anredete. Das ist doch, sagte sie, eine Anrede von vorgestern. Schon möglich, sagte er, vielleicht bin ich auch von vorgestern. Aber sehen Sie, es gibt mich noch immer.
Fräulein Lisa, sagte er. Liebes Fräulein Lisa! Haben Sie sich mein Angebot durch den Kopf gehen lassen? Was zögern Sie noch? Was ist das Problem? Zwei Euro pro Seite. Können Sie die nicht brauchen?
Ja, warum zögerte sie noch? – Also zuerst, sagte sie später, war da so ein Bauchgefühl. Einmal abgesehen davon, dass der Typ sie nervte. Eine Ahnung, dass sie sich damit etwas einbrocken würde. Eine Suppe, die sie vielleicht nicht so gern auslöffeln wollte.
Und dann war da sein Gerede von diesem Roman. Manchmal nannte er diesen Roman sogar seinen Jahrhundertroman. War das sein Ernst? Erwartete er, dass sie das ernst nahm? War das nicht geradezu ein Indiz dafür, dass sowohl mit dem Mann als auch mit dem Manuskript, von dem er sprach, etwas nicht stimmte?
Okay, wenn er sie dafür bezahlte, hätte sie, ohne lang zu fragen, auch das Telefonbuch abtippen können. Seine schriftstellerische Kompetenz konnte ihr doch egal sein. Aber schließlich hatte sie Germanistik inskribiert, weil sie ein gewisses Interesse an Literatur hatte. Und das war ihr nach den ersten sechs, sieben Wochen Uni noch nicht ganz vergangen.
Ist der Herr Roch ein Autor? fragte sie die Chefin.
Der? Ein Autor? – Hören Sie zu, Lisa: Dieser Herr ist vor allem ein Dampfplauderer!
Nun schloss ja das eine das andere vielleicht gar nicht aus. Und Dampfplauderer – das klang ja beinahe harmlos.
Doch die Frau Resch fügte diesem Urteil noch etwas hinzu:
Passen Sie auf, Lisa, lassen Sie sich von dem nicht einwickeln!
Und dann erhob sie ganz ungewohnt laut ihre Stimme:
Das wollte ich Ihnen ohnehin schon längst sagen, Lisa, der Herr Roch ist ein Stammgast und es ist gut, wenn Sie angemessen freundlich zu ihm sind, aber es ist besser, wenn Sie dabei eine gewisse Distanz wahren!
Eben. Obwohl Lisa der Ton, in dem die Chefin das gesagt hatte, etwas übertrieben vorkam, fand sie ihr Bauchgefühl dadurch bestätigt. Doch genau das, die Distanz zu wahren, war ein Problem. Es war ein geringeres Problem, wenn die Frau Resch da war – dann trat sie an den Tisch des Herrn Roch, stellte ihm hin, was er bestellt hatte, lächelte, aber ließ sich auf kein längeres Gespräch ein. Bloß war die Frau Resch bald immer weniger da.
In den ersten Wochen, die sie im Café Klee aushalf, hatte Lisa sich manchmal gefragt, warum diese Frau sie überhaupt eingestellt hatte. Für das wenige, das im Café Klee zu tun war, wäre keine Aushilfe nötig gewesen. Worum ging es ihr also, der Frau Resch? Ging es ihr darum, nicht ganz den Kontakt zur jüngeren Generation zu verlieren? Schon möglich. Aber nun stellte sich heraus, worum es ihr noch ging.
Nach zwei, drei Tests, durch die sich erwies, dass sie dem Mädel das spärlich besuchte Lokal für eine gewisse Zeit allein überlassen konnte, blieb sie länger und länger weg. Unternahm nicht nur immer ausgedehntere Shoppingtouren, sondern hatte schon bald Termine bei der Friseurin, bei der Kosmetikerin, im Fitnesscenter, im Bräunungsstudio. Und der Herr Roch bekam das natürlich bald mit. Immer öfter tauchte er gerade dann auf, wenn Frau Resch soeben gegangen war.
Na, so etwas! sagte er dann etwa, nachdem er an seinem Tisch in der Ecke Platz genommen hatte. Ist Ihre Chefin schon wieder ausgeflogen! Na ja, sie will sich halt auch noch ein bisschen des Lebens freuen. Solang noch das Lämpchen glüht. Was meinen Sie, Fräulein Lisa – hat sie einen Freund?
Weiß ich doch nicht, sagte sie. Interessiert mich auch nicht.
Wirklich nicht? sagte er. Aber das wäre doch hübsch! Na, jedenfalls kann sie sich jetzt etwas mehr entfalten. Seit Sie, Fräulein Lisa, da sind. Das ist ja ein Glück!
Nicht nur ein Glück für die Frau Resch – auch und besonders für die Gäste. Speziell vom ästhetischen Standpunkt aus betrachtet. Bedauerlicherweise sehe ich ein bisschen schlecht. Aber dafür hab ich trotzdem einen Blick.
Er nahm die Brille ab und putzte sie. Zwinkerte mit seinen Maulwurfsaugen. Fräulein Lisa. Sie sind ein Sonnenstrahl! Vor Ihnen haben nur alte Weiber hier ausgeholfen.
Jetzt hören Sie aber auf! sagte sie. Ihre zweifelhaften Komplimente können Sie sich sparen. Überhaupt Komplimente! Die kommen in meiner Generation nicht mehr an.
Tatsächlich? sagte er. Das ist aber auch ein bisschen schade, oder?
Was weiß ich?! sagte sie. Sie fand diese Bemerkung ärgerlich.
Ja, er nutzte diese Stunden, der Herr Roch. Nicht nur, um sie anzubraten, sondern auch für etwas anderes. Wenn sie an ihrem Tisch vor dem Laptop saß und tippte, hörte sie ihn in den Zeitungen blättern. Manchmal blätterte er sanft, manchmal blätterte er heftig, aber ab und zu hörte sie auch das leise Geräusch, das er verursachte, wenn er eine Seite herausriss.
Manchmal tat er das auch, wenn Frau Resch da war. Aber dann ging er dabei behutsamer vor. Langsam, langsam, gewissermaßen in Zeitlupe. Wenn nur Lisa da war, glaubte er offenbar, er müsse sich nicht so sehr zurückhalten.
Oder er hatte es darauf angelegt, dass sie davon Notiz nahm und irgendwann einmal darauf zu sprechen kam. Eine Weile versuchte sie es noch zu ignorieren. Aber dann, eines Donnerstagnachmittags, als Frau Resch wie üblich in der Bräunungsröhre lag und daher kaum vor fünf zu erwarten war, ging sie ihm doch auf den Leim.
Sie brauchen nicht zu glauben, dass ich das nicht merke! sagte sie.
Glaub ich auch nicht, sagte er. Aber Sie werden mich nicht verraten.
Nein, sagte sie. Das ist nicht meine Art. Aber warum tun Sie das?
Wenn Sie sich zu mir setzen, sagte er, werde ich es Ihnen erklären.
Also, die Sache ist die, sagte er und dämpfte die Stimme, obwohl niemand sonst im Raum war. Mein Jahrhundertroman ist ja ein Roman, der in der Vergangenheit, nämlich vor hundert Jahren, beginnt, aber in der Gegenwart endet. Und nun ist es so: Was die Vergangenheit angeht, so hat man ja alle möglichen Quellen. Aber was die Gegenwart betrifft, die ich ja auch irgendwie einfangen will, ja, muss, denn ich will ja diese beiden Zeitebenen zueinander in Beziehung setzen, brauche ich dazu natürlich auch gewisse Materialien.
Verstehe, sagte sie, zum Beispiel Zeitungsartikel.
Das habe ich mir gedacht, sagte er, dass Sie mich verstehen – Sie schreiben ja auch.
Wie kommen Sie darauf? sagte sie.
Aber das merke ich doch! sagte er. Ich bin zwar etwas kurzsichtig, aber nicht blind.
Wenn Sie da drüben sitzen, nur ein paar Meter von mir entfernt, und tippen … Wie Sie dabei dreinsehen, wie Sie atmen, wie Sie manchmal die Zungenspitze zwischen die Lippen schieben … Das macht auf mich nicht den Eindruck, als ob Sie wirklich was für die Uni schreiben würden, sondern …
Das geht Sie nichts an, sagte sie, stand auf und zog sich hinter die Theke zurück.
Sie schreiben doch manchmal Gedichte, habe ich recht?
Rasch klickte sie den Text, an dem sie gerade geschrieben hatte, weg.
Gedichte? Wie kommen Sie denn auf diese Idee?
Gehör, sagte er. Ich höre die Länge und Kürze der Zeilen.
Nun war Lisas Laptop zwar wirklich nicht mehr der jüngste. (In ihrer gegenwärtigen Situation konnte sie sich keinen neuen leisten.) Und die Tastatur war schon ein bisschen klapprig. Aber Herr Roch hatte erstaunlich feine Ohren.
Sein Gehör hatte durch den Schlaganfall offenbar nicht gelitten.
Gedichte also, sagte er, geben Sie’s zu.
Wenn er lächelte, hing sein rechter Mundwinkel ein bisschen schief.
Ach was! sagte sie. Ich mache halt viele Absätze.
Ist mir doch ganz egal, ob das, was ich da ab und zu tippe, Prosa ist oder Lyrik. Prosaische Lyrik oder lyrische Prosa, was weiß ich. Stimmt, ich habe etwas davon bei diesem Poetry-Slam vorgelesen. Aber das war Ronnies Idee! Ich hätte mir das nicht einreden lassen sollen.
Hi, Mira! Du fragst, wie das gelaufen ist. Was soll ich dir sagen / schreiben? Blöd ist es gelaufen! Kaum waren wir dort, im Hinterzimmer eines mir gleich unsympathischen Lokals, hab ich mich schon fehl am Platz gefühlt. Mein erster Impuls war, wieder umzudrehen, aber Ronnie hat mich zurückgehalten.
Dabei kann ich gar nicht sagen, warum ich mich unter den anderen, die dort hinkamen, so wenig wohlfühlte. Bis auf wenige Ausnahmen, lauter Leute in unserem Alter. Ein paar davon hatte ich, glaube ich, schon an der Uni gesehen. Vielleicht lag es ja auch an mir, an meiner eigenen Unsicherheit, aber so war das eben.
Dort aufzutreten war schlicht und einfach nicht meins. Einmoderiert von diesem Blödmann, der sich aufführte wie ein DJ. Den meisten Applaus hatten die, die rappten oder sonst irgendeine Show abzogen. Ich las meinen Text vom Blatt. Nur Ronnie applaudierte.
Deine Performance, sagte er, war halt nicht gerade mitreißend. Wie er das Wort Performance sagte, dafür könnt ich ihn schon ohrfeigen. Übrigens ist er jetzt mit Tina zusammen. Die studiert nicht nur Germanistik, sondern auch Anglistik und Komparatistik, ist aber trotzdem eine blöde Kuh.
Erzählen Sie etwas von sich, sagte der Herr Roch – aber was sollte sie ihm denn groß erzählen? Dass sie Ende Mai die Matura gemacht hatte, trotz allem, was sie von der Vorbereitung auf diese sogenannte Reifeprüfung (Reife / Wofür denn?) abgehalten, was ihre Konzentration darauf erschwert hatte? Und dass sie gleich anschließend ihren Koffer gepackt hatte, nicht um mit ihrer Klasse auf Maturareise zu fahren, sondern um von zu Hause auszuziehen (zu Hause / Wo war das)? Aus dem Haus, in dem sie eine überbehütete und viel zu lange Kindheit verbracht hatte, und dann zwei oder drei Jahre des Zweifels?
Aus der Kindheit war sie herausgefallen wie aus einem allzu schönen Traum. Einem Traum, aus dem ihre Eltern ihren um zwei Jahre jüngeren Bruder Jakob und sie nicht aufwachen lassen wollten. Dieser Traum spielte in einem großen, alten, aber selbstverständlich den Bedürfnissen einer wohlhabenden Familie von heute angepassten Haus mit adrett eingerichteten Zimmern, einem weitläufigen Garten mit prächtigen, alten Bäumen, Biotop und Pool und einer hohen Mauer rundherum. Und manche Sequenzen dieses Traums spielten in noch absurder von der Außenwelt abgeschirmten Ferienressorts.
Sollte sie das erzählen? Nein, das war peinlich. Für sich hatte sie es notiert, in ihr Tagebuch (Nachtbuch). Sobald sie erwachsen genug dazu gewesen war. Um sich klarzumachen, was sie gehasst hatte (vorerst noch uneingestanden, aber nachhaltig):
Diese sowohl in den Ferien als auch daheim, wo es ja doch am schönsten sein sollte, aufgenommenen Videos, die wir immer wieder ansehen mussten.
Diese demonstrative Innigkeit zwischen Papa und Mama.
Dieses Glück, das vor allem uns Kids zum Strahlen brachte.
Mimik, Gestik, alles war auf die Darstellung unseres komfortablen Glücks programmiert.
Auch wenn es uns manchmal schon ein bisschen langweilte.
Strahlend gückliche Kinder glücklicher Eltern.
In Papas Videoclips spielten wir unsere Rollen perfekt.
Den Verdacht, dass das alles nicht stimmte, hatte ich allerdings schon länger gehabt. Den Verdacht, dass die Wirklichkeit nicht so kitschig schön wäre. Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich vor dem Spiegel stand und zum ersten Mal die Pickel auf meiner Stirn wahrnahm. Ich drückte sie aus und es blutete und das war hässlich. Aber das war die Wahrheit und sie zu sehen hatte etwas Befreiendes. Und ich verspürte Lust, das zu demonstrieren. So schlug ich die Tür meines Teenagerzimmers, das im ersten Stock lag, hinter mir zu, schritt die Treppe hinunter in unseren sogenannten Salon, wo schon alle bei Tisch saßen und auf mich warteten (Vater, Mutter, Bruder, Hund und Katz, die natürlich auch glücklich zusammenlebten), und zeigte mich. Aber Mama sprang sofort auf und kam mit Wattepads aus dem Bad zurück, Papa schüttelte nur den Kopf und Jakob (Bruder Jakob / Bruder Jakob / schläfst du noch?) zuckte die Achseln, und dann aßen wir Lachs und den Kaviar, den ein dankbarer Patient meines Vaters aus St. Petersburg geschickt hatte.
Sollte sie das erzählen? Nein, dazu hatte sie keine Lust. Und schon gar nicht wollte sie erzählen, wie dieser Film dann gerissen war. Kurz bevor sie nach La Réunion fliegen sollten – einmal was anderes, auf den Kanaren hatten sie ja schon alle Inseln durch. Aber das Flugzeug flog dann eben ohne sie, denn in der Nacht davor war Papas Verhältnis mit seiner Ordinationshilfe aufgeflogen und von diesem Morgen an war alles ganz anders.
Zuerst der monatelange Streit meiner Eltern und dann die Stille, als sie endlich ausgestritten hatten. Unterbrochen von den Telefonaten, die meine Mutter mit ihrer Anwältin führte. Zwischendurch heulte sie auch, die liebe Mama. Aber wenn sie mit der Anwältin die Konditionen der Scheidung besprach, streute sie zwischendurch immer wieder Gehässigkeiten gegen Papa ein, und da verging mir das Mitleid gründlich. So viel war schon wahr, dass sich mein Vater, der seine um zwanzig Jahre jüngere Ordinationshilfe nicht nur vögelte, sondern auch die Absicht hatte, ein neues Leben mit ihr zu beginnen, damit als echtes Arschloch erwies. Jedenfalls ihr, unserer armen Mama, gegenüber. Aber dass sie ihn, wie sie der Anwältin wiederholt und mit am Telefon fast überschnappender Stimme sagte, nun zugrunde richten wollte – sie werde es ihm heimzahlen, er sollte zahlen, zahlen und noch einmal zahlen … das konnte ich nicht mehr hören. Mein Bruder zog sich in sein Zimmer zurück, verschanzte sich hinter dem Bildschirm und schoss auf alles, was sich bewegte. Mich aber trieb es aus dem Haus.
Dann ließ ich mich treiben. Weg aus dem blöden Villenviertel und der Schrebergartenöde. Durch den kleinen Wald und über die große Wiese. Und weiter und weiter, vorbei am Soldatenfriedhof und am Kreuzweg. Und dann, das ergab sich, hatte ich es nicht mehr weit zum Haus des Großvaters.
Um Missverständisse zu vermeiden: Es war nicht so, dass ich eine besondere Beziehung zu ihm hatte. Solange er gesund gewesen war, waren Besuche bei ihm eher eine Pflichtübung. Das galt auch für meine Eltern und meinen Bruder. Längere Besuche beim Opa gab es nur zu Weihnachten und zu seinem Geburtstag.
Sonst kamen wir eher nur auf einen Sprung. Er war ein alter Mann, der sich bemühte, zu uns Kindern freundlich zu sein, aber man merkte ihm die Mühe an. Er fragte, wie es uns in der Schule gehe, er schenkte uns große Tafeln Schokolade, von denen er immer einen Vorrat im Haus hatte, weil er selbst gern naschte. Er streichelte uns, solange wir klein waren, über den Kopf, was wir nicht wirklich gernhatten, aber wir ließen ihm die Freude, für den Fall, dass es ihm wirklich eine Freude war.
Nun aber war der Opa ein Pflegefall. Eines Morgens war er aus dem Bett aufgestanden und unversehens gestürzt. Er hatte sich nichts gebrochen, aber er kam nicht mehr auf die Beine. Im Spital hatte man ihn durchgecheckt, Indizien für einen Gehirnschlag hatte man angeblich nicht entdeckt, aber als man ihn wieder nach Hause gebracht hatte, brauchte er buchstäblich für alles Hilfe.
Er hatte zwei Pflegerinnen, die ihn abwechselnd betreuten. Rund um die Uhr, wohlgemerkt, zwei Wochen im Monat die eine und zwei Wochen im Monat die andere. Zwei Slowakinnen, die Papa, wie er oft nebenbei erwähnte, weit über den Tarif bezahlte. Mein Vater, der anfangs noch öfter vorbeischaute, um zu sehen, ob alles klappte und mit Zdenka und Rosa, so hießen die beiden, die pünktliche Verabreichung der Sedativa zu besprechen, die dem Großvater seiner Ansicht nach guttaten, aber dann, als der Krieg zwischen Mama und ihm ausgebrochen war, immer weniger.
Mama hatte Besuche bei ihrem kranken Schwiegervater schon vorher kaum ertragen. Der arme alte Mann tat ihr so leid, dass sie seinen Anblick einfach nicht aushielt. Und seinen Geruch. Der Großvater wollte ziemlich häufig aufs Klo. Ihn dorthin und wieder zurückzubringen war zwar eine Aufgabe, die von den Slowakinnen erledigt wurde, sowohl von Zdenka als auch von der etwas weniger robust gebauten Rosa, aber selbst wenn man da diskret wegsehen konnte, wegriechen konnte man nicht.
Jetzt, da ich öfter vorbeikam, versuchte ich ihn von der Konzentration auf seinen Stuhlgang abzulenken. Manchmal gelang das sogar. Er hatte eine Reihe von DVDs mit Aufnahmen der Sendung Universum. Einmal, als wir eine Folge ansahen, in der die Kameraleute Löwen an der Tränke beobachtet hatten, die in der grellen Sonne blinzelten, fragte er mich, ob ich glaubte, dass man Raubtieren Brillen verschreiben könnte. Er war ja früher Augenarzt gewesen.
Aber warum sollte Lisa das dem Herrn Roch erzählen?
Sie schrieb es. Für sich. Sie konnte ja schreiben, was sie wollte.
Später würde sie vielleicht mehr darüber schreiben.
Doch den Herrn Roch ging das überhaupt nichts an.
Sie fing an, die Graffiti zu notieren, die sie auf dem Weg von der Straßenbahn zum Café oder vom Café zur Straßenbahn las:
No borders. Freiheit für alle. Kein Mensch ist illegal
Manche waren nach einer Weile übertüncht, aber wenn man wusste, was da gestanden hatte, konnte man es noch eine Zeitlang erahnen.
Leben statt funktionieren. Let’s dance, baby.
Entschuldigung, sagte der Herr Roch, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten … Ob Sie schreiben oder nicht schreiben, das ist natürlich Ihre Angelegenheit … Und erst recht, was Sie schreiben. Gar keine Frage! … Ich hab nur gedacht, wenn Sie womöglich selbst schreiben, nur einmal angenommen …
Als ob er sie mit diesen Floskeln einkreisen wollte.
Also nur einmal angenommen, sagte er, gesetzt den Fall … Dann wären Sie für den Job, den ich Ihnen anbiete, ganz besonders qualifiziert. Um nicht zu sagen – und vor diesem Wort ließ er eine effektvolle Pause – prädestiniert.
Jetzt hören Sie aber auf! sagte sie.
Aber das meine ich ernst! sagte er. Sie sind die Person, die mir helfen kann, den Jahrhundertroman endlich in den Griff zu bekommen. Eine Person, die nicht nur flott auf dem Laptop tippt, sondern …
Sondern was?
Sie sind auch eine Person, die dieses Projekt interessiert.
So, sagte sie.
Ja, sagte er. Oder interessiert es Sie etwa nicht?
Was sollte sie sagen? Sie wollte nicht unhöflich sein.
Ja klar, sagte er, bevor ihr eine ausweichende Antwort einfiel. Sie können sich halt noch zu wenig darunter vorstellen.
Von da an versuchte er ihr zu erklären, was es mit dem Jahrhundertroman auf sich habe. Das war allerdings nicht so einfach, denn er holte recht weit aus. Und das führte dazu, dass er manchmal unterbrochen wurde. Das Café Klee hatte nach wie vor nicht viele Gäste, aber einige, um die sie sich zu kümmern hatte, kamen doch.
Dass Herr Roch dann nicht weiterredete, lag aber nicht nur daran, dass sie sich vorübergehend von seinem Tisch entfernen musste. Er verstummte, so kam es ihr vor, durch jede dieser Unterbrechungen verstimmt. Als ob es eigentlich eine Zumutung wäre, dass Personen, die das, was da zwischen ihm und ihr zu besprechen war, nichts anging, einfach in ihr Gespräch hereinplatzten. Vielleicht war es aber auch so, dass er, wenn er in seinen Ausführungen gestört wurde, irritiert war und vergaß, was er gerade zuvor hatte sagen wollen.
So viel bekam sie trotzdem mit, dass er die Idee des Jahrhundertromans schon lang mit sich herumtrug. Eigentlich, sagte er, seit dem Jahr 1999. Am 1. Jänner 2000 habe er sich hinsetzen und mit dem Jahrhundertroman anfangen wollen. Und das habe er auch tatsächlich getan, aber dann sei ihm Verschiedenes dazwischengekommen.
Zwar habe er sich, sagte Roch, nicht entmutigen lassen. In immer neuen Anläufen habe er versucht, den Jahrhundertroman in Schwung zu bringen. Aber da habe es nicht nur Probleme gegeben, die mit seinem persönlichen, in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts ein wenig entgleisten Leben zusammenhingen (einmal ganz abgesehen von den Problemen, die sich durch seine, wie er es nannte, kleine Behinderung ergaben). Es gab auch Probleme, die, wie er betonte, im Wesen des Projekts lagen.
Das Wesen seines Projekts! Wenn er so redete, ging er ihr wieder recht auf den Geist. Vor allem weil er nie klarmachen konnte, worin dieses Wesen eigentlich bestand. Ach was, dachte sie dann, warum hör ich mir das überhaupt an? Und trotzdem schaffte er es, sie immer wieder an seinen Tisch zu locken.
Und dann, eines Nachmittags, kam es zum Eklat. Das war an einem Mittwoch, als die Chefin früher als erwartet aus dem Sonnenstudio zurückkam. Für gewöhnlich briet sie dort bis 17 Uhr. Aber da hatte es einen Stromausfall gegeben, der zum Frust der Kunden an diesem Abend nicht mehr behoben werden konnte, und so war die Frau Resch, als sie die Tür öffnete und auf einmal im Raum stand, in dem Roch und Lisa bis dahin zu zweit gewesen waren, ohnehin schon ziemlich geladen. Diesen Zusammenhang begriff Lisa allerdings erst später. Im Moment überraschte sie die Heftigkeit der Reaktion. Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie haben sich nicht zu den Gästen zu gesellen, rief ihre Arbeitgeberin erstaunlich schrill, augenblicklich kommen Sie mit mir in die Küche! Und wenn Sie, Herr Roch, mir die Lisa nicht in Ruhe lassen, kriegen Sie Lokalverbot!
Ich weiß schon, sagte Roch, als Frau Resch das nächste Mal weg war, Ihre Chefin will nicht, dass Sie sich mit mir abgeben. (Das war an einem Monatsersten. Vormittags. Da musste sie auf die Bank.) Sie ist mir nicht wirklich gewogen, die Madam. Sie hält mich für einen Scharlatan oder weiß der Teufel, wofür sie mich hält.
Er schnaubte empört, suchte in seinen Sakkotaschen nach einem Taschentuch und schnäuzte sich.
Oder sie bildet sich ein, ich mach Sie ihr abspenstig. Aber das fällt mir doch überhaupt nicht ein! Ich will mich doch nicht um das Vergnügen bringen, von Ihnen meine Melange und mein Frühstücksei serviert zu bekommen.
Er trank einen Schluck Kaffee und begann sein Ei aufzuklopfen.
Aber damit, sagte er, muss es doch nicht sein Bewenden haben. Lisa! Sie sind doch eine sensible Person. Sie sind die, die mir helfen kann, das habe ich Ihnen gleich angesehen.
Angesehen? sagte sie. Und wie sehen Sie so was?
Er nahm die Brille ab und putzte sie. Sie meinen: Mit diesen schlechten Augen?
Nein, entschuldigung, sagte sie. So habe ich es nicht gemeint.
Schon recht, sagte er, Sie müssen das nicht zurücknehmen. Ich bin nicht ganz so heikel, wie Sie glauben.
Er setzte die Brille wieder auf. So viel ist wahr: Ich würde Sie gerne besser sehen. Aber vielleicht ist es so: Manche Defekte, mit denen man leben muss, kann man mit der Zeit ein bisschen ausgleichen. Wenn man weniger sieht, spürt man vielleicht mehr. Also vielleicht hab ich es eher gespürt als gesehen, dass Sie, liebes Fräulein Lisa, etwas anders sind – ja, besser kann ich es nicht sagen – etwas anders.
Anders als wer? fragte sie.
Nun, sagte er, anders als die meisten Leute, die hier hereinkommen.
Und wahrscheinlich auch anders als die meisten, die draußen vorbeigehen.
Draußen war Nebel, die Leute, die vorbeigingen, waren auch für jemanden, der überhaupt keine Brille brauchte, nur schemenhaft zu sehen. Lisa fühlte sich verpflichtet, zumindest diese Unbekannten in Schutz zu nehmen.
Aber woher wollen Sie denn das wissen, sagte sie, wie all diese Menschen gestrickt sind? – Doch insgeheim, das heißt auf eine Art, die sie sich vorerst nur halb und halb eingestand, fühlte sie sich durch seine Worte bestätigt. Oder durchschaut? Sowohl das eine wie auch das andere. Durchschaut und bestätigt in ihrem Selbstgefühl.
Durchschaut und erkannt in ihrem Anderssein. Denn das war es doch, was sie seit Langem empfand. Nicht erst seit sie, mit elf oder zwölf, Harry Potter gelesen hatte. Eingebildetes Anderssein. Oder war es Anderssein als Einbildung?
Dieses Outsiderfeeling, etwas zwischen Unsicherheit und – ja, doch: Stolz.
Schon im Kindergarten hatte sie das empfunden, schon in der Volksschule. Dieses Gefühl, nicht ganz dazuzugehören. Manchmal war sie sich vorgekommen wie von einem anderen Stern.
Und so ging es ihr ja auch jetzt wieder. In der WG war sie immer noch eine Fremde. Am liebsten zog sie sich in ihr Zimmer zurück. Aber das grenzt an Kommunikationsverweigerung, sagte Ronnie, dafür, dass man kaum zwei Worte mit den anderen redet und dann die Tür hinter sich zumacht, zieht man nicht in eine WG.
Was ist denn das für ein schräger Typ? fragte Ronnie.
Weiß ich nicht, sagte sie. Ich werde nicht recht schlau aus ihm. Wenn ich es richtig mitgekriegt hab, war er früher Buchhändler. Oder er hat in einer Bücherei gearbeitet.
Und jetzt?
Jetzt ist er anscheinend schon längere Zeit in Pension. Und schreibt etwas. Oder hat etwas geschrieben. Oder will etwas schreiben.
Was denn?
Irgend so einen Roman, sagte sie.
Es war wahrscheinlich besser, Ronnie nicht ganz einzuweihen.
Das Wort Jahrhundertroman kam ihr jedenfalls nicht über die Lippen.
Sie wollte sich nicht lächerlich machen. Oder sie wollte Roch nicht lächerlich machen.
Und du willst etwas von diesem Roman abtippen?
Vielleicht, sagte sie.
Na, gratuliere! sagte Ronnie. Lass dich bloß nicht auf was Verrücktes ein!
Wahrscheinlich hatte auch das eine Rolle gespielt. Was sie tat oder ließ, war doch ihre Sache! Ronnie hatte ihr gar nichts mehr dreinzureden! Womöglich ließ Tina sich das gefallen. Sie nicht.
Und Roch ließ nicht locker. Er arbeitete weiter daran, Lisa die von ihm behauptete geistige Verwandtschaft zwischen ihm und ihr zu suggerieren. Sehen Sie, sagte er, als ich so jung war wie Sie, da habe ich auch Gedichte geschrieben.
Aber ich habe Ihnen doch gesagt …, sagte sie.
Ja, ja, sagte er. Ich weiß schon. Aber vor mir brauchen Sie das doch nicht zu verleugnen.
Ein paar von meinen Gedichten, sagte er, sind sogar veröffentlicht worden. In Literaturzeitschriften. Von denen es damals noch viele gegeben hat. Viel mehr als jetzt, kommt mir vor, damals war vieles im Aufbruch. Aber das war im inzwischen vergangenen Jahrhundert.
In meinem Jahrhundert, sagte er. Er lachte und musste husten. Dass so ein Jahrhundert, aus dem man kommt, auf einmal vergangen ist! Und jetzt bald seit zwei Jahrzehnten! Das ist schon komisch, wissen Sie. Manchmal erschrickt man darüber, aber das ist erst recht komisch.
Dass man auf einmal so etwas wie ein Fossil ist …
Er hustete noch immer, offenbar war ihm etwas in die falsche Kehle gekommen.
Diese aufgebackenen Semmeln, nichts als Bröseln … In meinem Jahrhundert hat es noch anständige Semmeln gegeben.
Sie klopfte ihm auf den Rücken.
Danke, sagte er, lieb von Ihnen. Dafür, Fräulein Lisa, haben Sie sich ein Gedicht verdient:
Ich bin / es hat nichts zu sagen / wer
Ich komme / ich soll mich nicht fragen / woher
Ich gehe / man wird mir schon schaffen / wohin
Man legt darauf Wert / dass ich pausenlos fröhlich bin.
Kennen Sie das?
Kommt mir irgendwie bekannt vor, sagte sie.
Ja, sagte er. Eine kleine Variation.
Von Ihnen? fragte sie.
Nein, sagte er. Nicht von mir. Aber es gefällt mir. Darum habe ich es mir gemerkt und kann es auswendig.
Schön, sagte sie.
Ja, sagte er. Und wahr … Denn genau das, liebes Fräulein Lisa, genau das ist es ja.
Was? fragte sie.
Was wir uns nicht gefallen lassen dürfen! Diese Erinnerungslosigkeit. Diese Geschichtslosigkeit. Diese erbärmliche Gesichtslosigkeit.
Fällt Ihnen das nicht auf, wenn Sie zum Beispiel in der Straßenbahn fahren, Fräulein Lisa? Diese Leere in den Blicken der meisten Leute? Aus der Leere in ihren Köpfen schauen sie hinaus ins Leere … Oder sie starren auf die Bildschirme ihrer Handys, dieser verführerischen Spielzeuge, die von der Welt drinnen und draußen ablenken.
Ganz selten liest jemand noch ein Buch, hab ich recht? Wenn Sie von hier stadteinwärts fahren, zum Schottentor, wo Sie, nehme ich an, aussteigen, um an die Uni zu gehen, wie viele Leute sehen Sie da, die ein Buch lesen? Vielleicht irgendwelche frommen Muslime, die den Koran lesen, oder irgendwelche bildungsbeflissenen Chinesen! Aber die Hiesigen, unsere Landsleute, unsere Zeitgenossen, die noch ein Buch lesen – und nicht, wenn sie sich schon der anachronistischen Anstrengung unterziehen, mit den Augen gedruckten Zeilen zu folgen, eine dieser elenden Gratiszeitungen, in denen bis auf ein paar idiotische Schlagzeilen nichts drinsteht, nichts und wieder nichts, sodass man es, wenn man aussteigt, auch gleich wieder vergessen kann und das bunte Blatt, in dem man, ohne irgendwas wahrzunehmen, geblättert hat, in den Papierkorb wirft, wo es hingehört – die Menschen dieser angeblichen Kulturnation, die heutzutage in den öffentlichen Verkehrsmitteln noch ein richtiges Buch lesen, sind eine aussterbende Spezies.
Sie haben recht, sagte Roch, manchmal spreche ich ziemlich lange Sätze. Auch das sei ein Anachronismus in Zeiten wie diesen. Aber dazu bekenne er sich, darauf sei er stolz. Denn was sind denn das für Zeiten, bitteschön, in denen ein Satz über mehr als zwei Zeilen, ein Satz mit mehr als bloß Satzgegenstand und Satzaussage, also mit Ergänzungen, Beifügungen, fallweise sogar mit Umständen der Art und Weise, des Ortes und vor allem der Zeit, die Geduld und das Fassungsvermögen dieser an geistiges Fastfood gewöhnten Menschen schon überfordert?
Ja, sagte Roch, das ist doch die traurige Wahrheit. Wir leben in Fastfoodzeiten, Fräulein Lisa. Und die meisten Leute finden das ganz normal, wenn nicht sogar gut. Kurz angebunden an den Pflock des Augenblicks.
Und deswegen schreibe er den Jahrhundertroman. Deswegen und dagegen. Das heißt, er habe begonnen, ihn zu schreiben. Dann habe sich zwar einiges ergeben, das die Verwirklichung dieses Projekts erschwerte, manchmal sei er schon drauf und dran gewesen, zu verzagen. Doch jetzt, seit Lisa erschienen sei, habe er neuen Mut gefasst.
Er sagte tatsächlich: Seit Sie erschienen sind. Sie sind die Person, die mir wirklich helfen könnte. Ja, Fräulein Lisa, geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß! Darf ich Sie auf etwas einladen? Es wäre mir eine Freude.
Sie ging dazu über, die Graffiti zu fotografieren.
Mehr Wildnis. Riot-Girl statt Barbie Girl.
Lebe grenzenlos. Diese Parole war eines Tages durch ein zwischen die ersten zwei Buchstaben eingefügtes i ergänzt worden. Lisa fotografierte sie noch einmal. Und dann noch einmal. Bei besseren Lichtverhältnissen.
Liebe grenzenlos. Genau. Das gefiel ihr.
Sie war versucht, das Foto Ronnie zu zeigen.
Schau! sagte sie. Aber Ronnie war gerade in ein Videospiel vertieft.
Wahrscheinlich war er auch nicht der richtige Adressat für diese Botschaft.
Stimmt schon, vielleicht erinnerte Herr Roch Lisa ein wenig an ihren Großvater … Durch die Art, wie er gewisse Wörter aussprach … Das Wort Melange zum Beispiel … Oder das Wort Bagage … Aber darüber hinaus hielt sich die Ähnlichkeit in Grenzen.
Nach seinem Schlaganfall war seine rechte Seite, wie er es nannte, ein bisschen lädiert. Aber er war auf den Beinen, das war doch das Wichtigste. Und er war lang nicht so alt wie ihr Opa damals. Der hatte zuletzt behauptet, er sei bereits hundert.
Aber nein, Opa, sagte sie, du bist noch nicht hundert, du warst gerade erst neunzig.
Wie willst du das wissen? antwortete er. Man ist so alt, wie man sich fühlt. Wer bist du überhaupt? Warte! Du kommst mir bekannt vor … Du kommst mir bekannt vor, aber ich erinnere mich nicht an deinen Namen.
Ich bin Lisa, sagte sie. Lisa, deine Enkelin. Lisa, dein Enkelkind.
Du lügst, sagte er. Du bist kein Kind, du bist eine Frau … Sie sind eine fremde Frau (da war er auf einmal per Sie mit ihr) … Ich kenne Sie nicht. Wer hat Sie überhaupt hereingelassen?
Er verkniff die Augen. Sind Sie die neue Pflegerin?
Nein, Opa, sagte sie, es gibt keine neue Pflegerin.
Und wo ist Zdenka? fragte er.
Zdenka hat sich ein bisschen hingelegt. Oben, im kleinen Zimmer, hat sie sich hingelegt, in dem Papa für sein Examen gelernt hat.
Welcher Papa? fragte er.
Na, mein Vater, Dein Sohn!
Ich habe einen Sohn? fragte er.
Klar, Opa, du hast einen Sohn.
Das ist mir entgangen, sagte er, das muss ich meiner Frau sagen. Seien Sie so freundlich und rufen Sie meine Gattin!
ach Großvater lieber Großvater letzten Endes warst du schon nicht mehr ganz auf dem Laufenden
Zdenka lag oben im Zimmer in dem mein Vater für sein Examen gebüffelt hatte
ich saß neben dir und hielt deine überraschend leichte Hand
aber deine Frau meine Oma lag seit sieben Jahren draußen auf dem Friedhof
doch die Vögel zwitscherten trotzdem auf der Terrasse
fraßen das Körnerfutter pickten das Fett aus den Meisenringen
schau Opa sagte ich die vielen Vögel ach ja sagte er Amsel Drossel Fink & Star
ob ich den Frühling noch ertrage ob ich mir noch ein Jahr antun soll ich weiß nicht
Aber das hatte nichts damit zu tun. Das hatte nichts damit zu tun, dass sie sich schließlich doch auf den Job mit Rochs Roman einließ. Das hatte vor allem mit ihrer finanziellen Lage zu tun. Und die wurde damals, im Laufe des November, prekär.
So eine Scheiße, mailte sie Semira. Die Hoffnung auf die Studienbeihilfe kann ich begraben. Zuerst hat es wochenlang gedauert, bis die Kommission auf mein Ansuchen reagiert hat. Und jetzt wollen sie eine notariell beglaubigte Bestätigung, aus der hervorgeht, dass mich mein Vater nicht finanziell unterstützt.
Und mein Vater müsste das unterschreiben. Was für eine Idee! Natürlich wird er das nie machen. Er hat mir ja erst unlängst ein Kuvert mit zwei Fünfhundertern geschickt. Ich habe mir vorgenommen, sie nicht anzurühren, aber ich weiß nicht, wie lang ich das durchhalte.
Herr Roch jedoch bot ihr zwei Euro pro Seite. Okay, sagte sie. Ich könnte dieses Manuskript jetzt abtippen.
Das freut mich, sagte er. Das freut mich ganz außerordentlich. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen gleich morgen die erste Lieferung bringen.
Diese erste Lieferung sollte sie allerdings nicht im Café Klee entgegennehmen. Die Chefin musste nichts davon mitbekommen. Erneut hatte diese Roch mit Lokalverbot gedroht, wenn er ihre Kellnerin nicht in Ruhe lasse. Er war zwar nicht ganz sicher, wie ernst sie das meinte, aber vielleicht war es besser, sie nicht zu provozieren.
Lisa traf Roch also in einem etwa eine Viertelstunde vom Café entfernten Park. Als sie ein paar Minuten zu spät, kurz nach halb drei, dort hinkam, saß der Alte schon auf einer Bank. Das Wetter war in dieser Woche wieder besser geworden, die Sonne brachte die letzten Blätter, die noch an den Bäumen hingen, zum Leuchten. Für Mitte November war es ein erstaunlich milder Tag.
Neben Roch auf der Bank stand eine etwas abgeschabte Aktentasche. Darin war wahrscheinlich das angekündigte Manuskript. Als sich Lisa, ohne lang zu überlegen, so zu ihm setzte, dass die Tasche vorerst zwischen ihnen stand, stellte er sie von links nach rechts.
Dabei wirkte die Tasche bedenklich gewichtig.
Schön, dass Sie gekommen sind, sagte er, ich habe schon befürchtet, Sie haben es sich anders überlegt.
Er nahm ihre Hand und hielt sie für ein paar Augenblicke fest.
Entschuldigung, sagte er, als er merkte, dass ihr das nicht recht war. Ich bin nur so froh, dass Sie sich wirklich entschlossen haben …
Er beendete den Satz nicht. Ließ ihn gewissermaßen in der Luft hängen.
Vielleicht spürte er den leisen Zweifel, der sich inzwischen wieder in ihr rührte. Hatte sie sich wirklich entschlossen? Erwartete er, dass sie es noch einmal bestätigte, oder fürchtete er, dass sie wieder dementierte? Der halbe Satz hing in der Luft, zwischen ihm und ihr war für ein paar Sekunden eine etwas ratlose Stille.
Ein Engel geht durch den Raum, das heißt genau genommen durch den Park. Roch versuchte zu lächeln, als er das sagte. Nun kam sein Lächeln ja meistens ein bisschen schief. Aber vielleicht kam es ihr jetzt, da sie neben ihm saß, noch etwas schiefer vor als sonst.
Ich seh keinen Engel, sagte sie. Womöglich war das ein bisschen brutal. Doch sie hatte das Gefühl, eine gewisse Nüchternheit könnte in dieser Situation nicht schaden.
Gewiss, sagte Roch. Sie haben natürlich recht. Von Engeln sollte man nicht so leichtfertig reden.
Okay, sagte sie, dann geben Sie mir das Manuskript. Sie war jetzt für eine möglichst rasche Abwicklung der Übergabe.
Natürlich, sagte Roch. Ich will Sie nicht länger aufhalten. Wer weiß, was Sie heute Abend noch Schönes vorhaben.
Er beugte sich über seine Aktentasche und zog eine große, schwarze Mappe heraus. Zwei darübergespannte Gummibänder sollten offenbar verhindern, dass die darin enthaltenen Seiten herausrutschten. Wie viele Seiten es waren, ließ sich auf den ersten Blick nicht abschätzen. Aber für eine erste Lieferung waren es viele.
Es war jedenfalls nicht leicht, diese Mappe in ihrem Stadtrucksack unterzubringen. Sie brachte da alles Mögliche unter, Sachen für die Uni, Kosmetiktäschchen, das Buch, das sie gerade las. Und den Laptop natürlich. Alles kein Problem. Doch diese Mappe war sperrig, der Zipp ließ sich kaum schließen.
Roch war ihr noch behilflich, sich den Rucksack wieder umzuhängen. Und dann stand sie da, mit dieser Last auf dem Rücken, die er ihr somit aufgeladen hatte. Irgendwie wehrlos, die Bewegungsfreiheit ihrer Arme eingeschränkt durch die Träger des Rucksacks, die sich ungewohnt eng anfühlten. Und genau in diesem Augenblick steckte ihr Roch noch einen Hundert-Euro-Schein in die Manteltasche.
Als Vorschuss, sagte er. Für die ersten fünfzig Seiten.
Aber …, sagte sie.
Lassen Sie nur, sagte er. Es ist mir eine Freude.
Na bitte, dachte sie, wenn es ihm eine Freude ist … Dann wollte sie ihm diese Freude nicht verderben.
Und dann ist sie schon auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle, die letzten paar Meter läuft sie sogar, damit ihr die Straßenbahn, die gerade hält, nicht davonfährt. Und die Mappe im Rucksack ist beim Laufen hinderlich, aber sie schafft es. Im Wagen ist es sehr voll, sodass Berührungen mit anderen Menschen unvermeidlich sind. Und da erschrickt sie, weil sie plötzlich den Eindruck hat, dass jemand den Zipp ihres Rucksacks zu öffnen versucht.
Sie glaubt, die Berührung gespürt zu haben, aber vielleicht hat sie sich das nur eingebildet. Jedenfalls ist der Zipp, als sie ihn kontrolliert, ganz ordentlich geschlossen.
Und selbst wenn wirklich ein Taschendieb sein Glück versucht hätte – für die sperrige, schwarze Mappe mit dem Manuskript hätte er sich wohl kaum interessiert.
Die erste Lieferung zum Jahrhundertroman. Passen Sie gut darauf auf, hat Roch gesagt, es ist das Original. Zwar habe er versucht, es fotokopieren zu lassen, aber die Fotokopien, die man ihm im Copyshop angefertigt hat, erschienen ihm zu blass. Und sie solle den Text ja möglichst gut lesen können.
Und dann, stell dir vor, Semira: Dann sitz ich an meinem Schreibtisch in meinem WG-Zimmer. Über dem Manuskript, das mir dieser Roch am Nachmittag anvertraut (so seine Worte) oder aufgebürdet hat (so mein vielleicht doch nicht ganz falscher Eindruck). Aber nun, nachdem ich die Einladung, mich doch zu den anderen zu setzen, wieder einmal ausgeschlagen hab (sie sitzen draußen im Gemeinschaftsraum, öffnen eine Flasche Bier nach der anderen und reden über irgendetwas, das sie offenbar urlustig finden, denn sie lachen viel), nachdem ich also die Einladung, mich am Gemeinschaftsleben zu beteiligen, wieder einmal ausgeschlagen hab … sitz ich da über diesem Konvolut, auf das ich inzwischen doch auch etwas neugierig bin, und – kann kein Wort lesen.
Und da muss ich mir eine Zigarette anzünden, obwohl ich mir vorgenommen hab, mir das Rauchen abzugewöhnen. Ich versuch, Seite für Seite zu lesen, denn vielleicht, denk ich, wird die Schrift ja nach und nach leserlicher. Oder meine Augen werden sich daran gewöhnen. Ich gebe mir wirklich Mühe, aber es nützt nichts.
Und ich rauch mir eine zweite Zigarette an und dann noch eine. Und frag mich, in welcher Schrift dieser Herr Roch überhaupt schreibt – möglicherweise handelt es sich um einen Mix aus Latein und Kurrent (eine Schrift, die ich ja eigentlich nur vom Hörensagen kenne). Ich rauch weiter und dann muss ich den Aschenbecher ausleeren, in dem schon erstaunlich viele Kippen sind. Mit der Schrift, die ich in der Schule gelernt hab, sind die Zeichen, die ich da zu entziffern versuche, jedenfalls nur sehr entfernt verwandt.
Dazu kommt, dass die Zeilen, die der Verfasser schreibt, manchmal völlig entgleisen.
Rein grafisch betrachtet sieht das recht interessant aus. Auch aus psychologischer Sicht kann man das Schriftbild wahrscheinlich interessant finden. Aber fortlaufend lesen und somit abtippen kann man das nicht.
Oder jedenfalls kann ich das nicht. Beim besten Willen nicht, da besteht keine Chance. Zu diesem Ergebnis bin ich etwa um Mitternacht gelangt. Bis dahin hat sich der Aschenbecher zum zweiten Mal gefüllt und ich hab keine Zigaretten mehr.
Und dann kommt Ronnie herein. Natürlich wieder einmal, ohne anzuklopfen.
Ich hab gesehen, dass bei dir noch Licht brennt, sagt er, was treibst du?
Mein erster Impuls ist, ihn gleich wieder aus meinem Zimmer hinauszuwerfen, das er gefälligst als meinen Privatbereich respektieren soll. Doch ich beherrsch mich und werf ihn nicht hinaus.
Hast du eine Zigarette für mich? frage ich.
Ja, sagt er, aber nur von den roten Gauloises.
Ich rauche für gewöhnlich die leichteren, gelben, aber das ist mir jetzt egal.
Schau einmal, sage ich. Kannst du irgendwas von diesem Text lesen?
Das ist ja ein Ding, sagt er. So etwas gibts ja eigentlich gar nicht!
Und dann? Ja, und dann bin ich halt wieder rückfällig geworden. Nicht nur nikotinmäßig. Es hat sich so ergeben. Zuerst sind wir noch ganz ernsthaft über dem Manuskript gesessen und haben versucht, vielleicht doch noch den einen oder anderen Absatz zu entziffern. Aber als auch die Zigaretten ausgegangen waren, die Ronnie in der Jackentasche gehabt hat, da hat er noch eine Packung aus seinem Zimmer geholt und dazu ein Fläschchen mit einem Rest Schnaps mitgebracht, der von irgendeiner Party übriggeblieben ist, und dann haben wir das Manuskript und die Tatsache, dass wir auch zu zweit nicht schlau daraus geworden sind, immer komischer gefunden und haben fast nur mehr gelacht.
Und dann sind wir eben auf einmal im Bett gelegen. Und das war wieder einmal nicht ganz das, was ich dumme Gans mir immer wieder einbilde, dass es sein sollte. Am Anfang – na ja, da hab ich mir gesagt, okay, warum nicht, ich bin zwar ein bisschen beschwipst, aber das hilft vielleicht. Aber im Endeffekt war es erst recht ernüchternd.
Bin dann kurz eingeschlafen, aber bald wieder aufgewacht. Und da ist Ronnie immer noch neben mir gelegen und hat unverschämt viel Platz eingenommen. Und ich hab mir gedacht, wie kommt er dazu und wie komm ich dazu und was war das jetzt? Und dann hab ich nicht mehr einschlafen können, nicht nur, weil Ronnie zu allem Überfluss geschnarcht hat, sondern auch, weil ich wieder an Roch hab denken müssen und mich ständig aufs Neue gefragt hab, was ich ihm antworten soll, wenn er mich morgen Vormittag im Café auf sein Manuskript anspricht, denn das wird er sicher tun.
Das ist die Lage, Semira. Eindeutig eine Schräglage, nicht wahr? Und ich weiß noch nicht recht, wie ich wieder ins Lot komm. Was hältst denn du davon? Hast du vielleicht einen guten Rat für mich? Ich halte dich auf dem Laufenden. Ciao, du Liebe.
Am Morgen rief Lisa dann die Chefin an. Heiser vom ungewohnt vielen Rauchen und Trinken. Tut mir leid, sagte sie, aber ich kann heute nicht kommen, ich bin schwer verkühlt. Nehmen Sie Aspirin C, trinken Sie warmen Tee und bleiben Sie im Bett, sagte Frau Resch.
Das tat Lisa nicht. In ihrem Bett lag ja immer noch Ronnie.
Steh gefälligst auf, sagte sie und zog ihm die Decke weg, ich will lüften.
Was dir nicht einfällt! Lüften! In aller Herrgottsfrühe! – Er schlüpfte in seine Jeans. Und was hast du danach vor?
Weiß noch nicht, sagte Lisa.
Was hältst du von einem gemeinsamen Frühstück?
Mit nacktem, sehr weißem Oberkörper stand er am Fenster. Hielt sich erstaunlicherweise für sehenswert. Erst gehen wir frühstücken und danach machen wir einen kleinen Spaziergang.
Aber ich hab mich doch eben erst krank gemeldet.
Ich bitte dich. Deswegen wirst du dir doch keinen Hausarrest antun!
Und er hatte ja recht. Frau Resch, die, gerade weil ihr heute keine Aushilfe zur Verfügung stand, kaum aus dem Café wegkonnte, würden sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht treffen. Und ihre Stammgäste, meist alte Leute, kamen wahrscheinlich selten aus ihrem Bezirk heraus.
Roch allerdings … Roch würde Frau Resch sicher fragen, wo Lisa bleibe. Wahrscheinlich würde die Chefin ihm unwillig antworten. Aber soviel würde er mitbekommen, dass sie heute nicht mehr im Café auftauchen würde. Und dann? Ja eben. Was würde Roch mit diesem Tag anfangen?
Das kam ihr in den Sinn, als sie im Espresso auf dem Servitenplatz saßen. Und ging ihr noch immer durch den Kopf, als sie bei der U-Bahn-Station Friedensbrücke die Stufen zur Donaukanallände hinuntergestiegen waren. Die Summerstage war so gut wie eingewintert, die Sessel und Tische, die während der wärmeren Jahreszeit am Ufer standen, waren in irgendwelchen Depots verschwunden. Aber es schien nach wie vor ein bisschen Sonne und die Wasseroberfläche glitzerte.
Und dann erschrak sie, als ihnen unter einer der nächsten Brücken ein Mann entgegenkam, der sie aus der Entfernung an Roch erinnerte. Vielleicht lag das ja nur daran, dass er ein wenig hinkte, denn als er näherkam, sah er ganz anders aus als Roch. Im ersten Moment aber war sie fast überzeugt gewesen, dass er es war. Und hätte, in der Hoffnung, dass er sie mit seinen schlechten Augen noch nicht erkannt hatte, am liebsten rasch umgedreht.
Das ist doch absurd, sagte Ronnie, warum hast du diesem Typen gegenüber ein schlechtes Gewissen?
Ich hab gar kein schlechtes Gewissen, behauptete sie. Es ist einfach so … Er erwartet, ja, er erhofft sich etwas von mir … Und es ist mir unangenehm, ihn enttäuschen zu müssen.
Nenn es, wie du willst, beharrte Ronnie. Ich finde, du solltest es jedenfalls nicht übertreiben. Dein Mitleid mit diesem alten Sack könnte sich durchaus in Grenzen halten. Vielleicht ist er ja bloß ein bisschen verrückt, aber vielleicht ist er ein richtiger Psychopath.
Sie gingen an der Uferböschung entlang. Ronnie kickte eine leere Coladose ins Wasser.
Ein paar Enten flogen auf und landeten wieder.
Roch! sagte er. Was ist denn das überhaupt für ein Name? Ist das nicht irgendso ein Horrorvogel?
Jetzt hör aber auf! sagte sie.
Doch, doch, sagte er, das ist irgend so ein Monster! Wandte sich von ihr ab und blickte hinüber ans andere Ufer.
Die Graffiti dort drüben: hässliche Fratzen.
Wenn du mir nicht glaubst, sagte er, schau ins Internet.
Und da fand sie dann wirklich einiges: Der Vogel Roch, auch Roc, Rokh, Ruch oder Rock (von arabisch ar-Ruchch. Wortursprung aus dem Persischen). Ein Fabelwesen aus den Erzählungen von Tausendundeiner Nacht.
Wird aber auch in den Beschreibungen von Marco Polo und anderen Reisenden und Händlern erwähnt. Angeblich über dem Indischen Ozean gesichtet. Ein Vogel von unwahrscheinlicher (legendärer) Größe. Nach der kryptozoologischen Haupttheorie basiert die Legende vom Vogel Roch im Wesentlichen auf dem mittlerweile ausgestorbenen Elefantenvogel (Aepyornis maximus) aus Madagaskar.
Neben dem Wikipedia-Artikel war auch ein Bild zu sehen. Der Vogel Roch, stand darunter, zerstört Sindbads Schiff. Ach ja, Sindbad! Sie erinnerte sich. Als sie noch klein war, hatte ihr der Vater eine CD mit Sindbads Reisen geschenkt. Aber als sie aus der alten Wohnung in der Landstraße hinaus in das neue Haus am Pöstlingberg gezogen waren, war sie immerhin schon zehn, also ein großes Mädchen, und der Karton mit den Kinderbüchern und den Märchen-CDs war entsorgt worden.
Drei Tage blieb Lisa dem Café Klee fern. Das schien ihr zum Auskurieren einer mittelschweren Verkühlung angemessen. Natürlich hätte sie auch eine Grippe vorschützen können, die auszukurieren mindestens eine, wenn nicht gar zwei Wochen dauerte – die Viren lagen um diese Jahreszeit angeblich in der Luft. Aber zu lang wegzubleiben wäre nicht nur der Chefin gegenüber unfair, sondern auch unklug gewesen – sie sollte nicht auf die Idee kommen, sich inzwischen um eine andere Aushilfe umzusehen.
Da war Lisa also wieder, am Vormittag des vierten Tages. Lassen Sie sich anschauen, sagte Frau Resch – na ja, ein bisschen blass sehen Sie noch aus! Sie brauchen Vitamine, mein Kind, Zitronen, Orangen, Kiwis! Warten Sie, ich mach Ihnen eine heiße Limonade.
Mit diesen Worten verschwand sie schon in der Küche. Um nicht bloß dumm hinter der Theke zu stehen, griff Lisa nach einem Tuch und polierte ein paar Gläser. Dann kam Frau Resch mit der Limonade zurück, in der sie mit einem langstieligen Löffel rührte. Ich hab auch Honig hineingetan, sagte sie, das ist gut für die Nerven.
Setzen Sie sich ruhig hin, sagte sie, und trinken Sie das in kleinen Schlucken. Sie sehen ja, das Lokal ist wieder einmal nicht überfüllt. Lisa fühlte sich angenehm bemuttert. Auch wenn sie sich beim Trinken ein bisschen schäbig vorkam, weil sie diese Fürsorge der Vortäuschung falscher Tatsachen verdankte.
Bis zehn kamen nur zwei oder drei Gäste, um elf, in ihrer großen Pause, kamen ein paar Lehrerinnen aus der Klosterschule um die Ecke. Da gab es dann einiges zu servieren und anschließend abzuräumen. Wer aber vorläufig nicht auftauchte, war Herr Roch. Lisa fragte sich, wo er blieb, aber Frau Resch wollte sie lieber nicht nach ihm fragen.
Am frühen Nachmittag wollte die Chefin auf die Post. Gut, dass Sie wieder da sind, Lisa, da kann ich das noch heute erledigen. Und anschließend würde sie noch einen Sprung auf den Markt machen. Roch erschien keine zehn Minuten, nachdem Frau Resch gegangen war.
Fräulein Lisa! sagte er. Was für eine Freude, dass Sie wieder da sind! Na, hoffentlich sind Sie jetzt wieder wohlauf und munter! Sie sind mir abgegangen, wissen Sie? Ohne Sie ist dieses Lokal einfach ein trauriger Ort.
So traurig, dass es ihn gar nicht mehr gereizt habe, schon früh am Vormittag hierherzukommen. Ehrlich gesagt, sei es ihm in den letzten beiden Tagen sogar schon fragwürdig erschienen, am Morgen überhaupt aufzustehen. Angesichts dieser trostlosen Finsternis vor dem Fenster. Ohne die Perspektive, im Café Klee durch Lisas Anblick und Gesellschaft aufgemuntert zu werden.
Etwa so redete er und war kaum zu bremsen. Und da merkte sie schon, dass es ihr nicht leichtfallen würde, ihm zu sagen, was sie sich zu sagen vorgenommen hatte. Merkte das schon, bevor er auf den Roman zu sprechen kam. Wie sollte sie ihm denn beibringen, dass sie ihm das Manuskript und die hundert Euro, die er ihr zugesteckt hatte, zurückgeben wollte, schlicht und einfach deshalb, weil sie es nicht lesen konnte, und dass sie sein Ansinnen, ein derartiges Manuskript nicht nur zu lesen, sondern auch noch abzutippen, eigentlich als Zumutung empfand, wenn nicht als schlechten Scherz.
Sag’s ihm kurz und bündig, hatte ihr Ronnie geraten, sag’s ihm klipp und klar. Aber Ronnie hatte leicht gute Ratschläge geben. Für ihn war Herr Roch ein Phantom, ein Freak, eine komische Figur. Sie aber hatte diesen alten Mann, mit dem sie doch, wenn sie ihren Job im Café Klee nicht aufgeben wollte, voraussichtlich noch längere Zeit irgendwie auskommen musste, nun wieder leibhaftig vor sich.
Ja, sie hatte das Manuskript in der großen, schwarzen Mappe wieder in ihren Stadtrucksack gezwängt, um es ihm zurückzugeben. Und den Geldschein, den er ihr als Vorschuss zugesteckt hatte, hatte sie auch dabei. Aber sie wollte Roch doch nicht mutwillig wehtun. Und beleidigen wollte sie ihn auch nicht.
Also sagte sie nicht, dass sie sein Manuskript nicht lesen konnte. Sondern nur, dass sie gewisse Schwierigkeiten mit seiner Schrift habe. Schwierigkeiten, die es ihr allerdings unmöglich machen würden, den Text abzutippen. Jedenfalls in einem halbwegs vernünftigen Tempo.
Ach so? sagte er. Ach ja. Das habe ich mir fast gedacht. Dass es nicht leicht für Sie sein wird, sich einzulesen. Also zuallererst, meine Schrift zu entziffern. Wenn es allerdings so schwer ist, werden wir uns eine andere Vorgangsweise einfallen lassen müssen.
Eine andere Verfahrensweise, sagte er und ließ das Wort wirken, während er die Brille abnahm und sie mit einem Brillenputztüchlein zu putzen begann. Mit so einem kleinen, dottergelben Rauledertüchlein. Einem sogenannten Rehhäutel (so hatte das jedenfalls ihr Großvater genannt). Wo ist denn mein Rehhäutel? Gegen Ende hatte der Opa dieses Brillenputztüchlein ständig gesucht.
Ständig gesucht hatte er es in den Taschen seiner Hausjacke. Linke Tasche, rechte Tasche, Brusttasche, und dann wieder von vorn. Linke Tasche, rechte Tasche, Brusttasche, ganze Nachmittage lang. Ich muss meine Brille putzen. Es ist so diesig.
Eine andere Verfahrensweise, sagte Roch, jedenfalls für die ersten Seiten des Romans. Bis Sie sich an meine Schrift gewöhnen, bis Sie, was das Lesen meiner Schrift betrifft, ein wenig in Schwung kommen. Ich werde Ihnen also für den Anfang ein bisschen Hilfe leisten. Gewissermaßen als Schrittmacher – verstehen Sie, was ich meine?
Wir werden doch, sagte er, nicht gleich den Mut verlieren, nicht wahr? Wir können die ersten Seiten des Romans doch gemeinsam dechiffrieren.
Faltete das Brillenputztuch sorgfältig zusammen, bettete es ins Brillenetui, setzte die dicke Brille wieder auf, lächelte.
Sie kommen zu mir und ich werde Ihnen diktieren.
So also stellte er sich das vor. Hatte er es von Anfang an darauf angelegt?
Ist das Ihr Ernst? sagte sie. Ich soll zu Ihnen in Ihre Wohnung kommen?
Ich beiße nicht, sagte er. Oder sehe ich so aus? Allerdings wollte ich Sie eigentlich nicht in meine Wohnung einladen, sondern in mein Depot.
Rochs Depot. Vage erinnerte sie sich nun, dass er schon früher davon gesprochen hatte. Von einem Raum, in dem er offenbar altes Zeug lagerte. Seine Wohnung sei klein, sagte er, im Depot aber habe er 250 Quadratmeter zur Verfügung. Dort lagere er einiges von den Materialien, die er beim Schreiben benötige.
Was denn für Materialien?
Bücher, Zeitungen, Fotos: Inspirationshilfen. Wenn Sie mich dort besuchen, werden Sie es ja sehen.
Ach so? dachte sie. Das werden wir erst sehen, ob ich das sehen werde!
Die Wegzeit, sagte Roch, können wir selbstverständlich zusätzlich verrechnen.
Pass auf, sagt Ronnie. Der Alte will dich entweder verarschen oder vernaschen.
Blödsinn, sage ich. Warum sollte er mich verarschen wollen …? Und vernaschen? – Der ist doch jenseits von Gut und Böse!
Ja, eben, sagt Ronnie. Das ist ein Zustand ungeahnter Freiheit.
Ronnie kann ganz schön fies lächeln, wenn er so drauf ist.
Wer weiß, was so einem Opa, der halt auch noch ein bisschen Spaß haben will, in diesem Zustand alles einfällt.
Was vor allem dir einfällt! sage ich. Du hast doch nichts als Sex im Schädel!
Du verkennst mich, sagt er. Ich bin ein romantischer Idealist.
Und will mich umarmen. Aber manchmal mag ich das gar nicht.
Was glaubt er denn? Dass er nur die richtige Taste drücken muss, und ich funktioniere? Nur die richtige Zone am Touchscreen berühren? Das kann er vielleicht mit Tina machen. Aber mit mir nicht!
Na schön, wie du glaubst, sagt er und wirkt ein bisschen verärgert. Rennt in meinem Zimmer hin und her, in dem er eigentlich nach wie vor nichts verloren hat. Erinnert mich mit diesem Hin- und Her-Gerenne noch ganz überflüssigerweise an meinen Vater.
Also ich an deiner Stelle, sagt er, würde dort nicht hingehen.
Sollte sie hingehen oder sollte sie nicht? Zwar ärgerte sie Ronnies Gerede, aber vielleicht hatte er trotzdem nicht ganz unrecht. Frau Resch brauchte sie gar nicht zu fragen, was sie davon hielt. An deren heftige Reaktion auf Rochs erste Versuche, sie für seinen Roman zu interessieren, konnte sie sich noch gut genug erinnern.
Roch hatte ihr die Adresse seines Depots auf einen Kassablock geschrieben. In etwas verwackelten, aber immerhin leserlichen Großbuchstaben. WIEN 8, FLORIANIGASSE NR. 4A. Das ist leicht zu finden, hatte er gesagt: die kleine, grüne Tür neben dem großen Haustor.
Wann können wir anfangen? Morgen? Oder übermorgen? Ich diktiere, Fräulein Lisa, und Sie tippen. Ich bin sicher, wir sind ein gutes Gespann. Wenn wir in Fahrt kommen, schaffen wir pro Sitzung zwanzig Seiten.
Ich weiß nicht, sagte sie. Sehen Sie, ich muss zuerst einmal meine Proseminararbeit fertig schreiben.
Er legte den Kopf schief. Wirklich? Bereits so früh? … Zwei Euro pro Seite. Scheint Ihnen das zu wenig? … Meinetwegen kann es auch etwas mehr sein.
Und das war, zugegeben, eine Versuchung. Aber Lisa musste ihr nicht gleich nachgeben. Den Vorsatz, kein Geld von ihrem Vater anzunehmen, hatte sie schon gebrochen – den ersten der beiden Fünfhundert-Euro-Scheine, die er ihr geschickt hatte (sie würde immer seine Tochter bleiben, hatte er auf die Rückseite eines beigelegten Fotos geschrieben, eines Fotos, auf dem sie, im Alter von sieben oder acht, neben ihm am Bug eines Segelboots zu sehen war, braungebrannt wie er, mit im Wind wehendem Haar), den ersten dieser beiden Fünfhunderter hatte sie sich schon wechseln lassen. Da würde es auf den zweiten auch nicht mehr ankommen.
Aber dann? Wenn dieses Geld verbraucht war? Wie viel Verlass war auf Papas schlechtes Gewissen? Was ihr zustand, war die Kinderbeihilfe, die er ihr, wenn sie studierte, bis zum vierundzwanzigsten Lebensjahr überweisen musste. Darüberhinaus war er zu nichts verpflichtet.
Und Mama? – O weh, die arme Mama! Sie gab ihr Geld nach wie vor für den Anwalt aus, der mit Papas Anwälten im Clinch lag. Und für die Psychotherapeutin, die ihr über all den Frust hinweghelfen sollte. Wenn es nach ihr ging, musste Lisa nicht studieren: Sie kannte seit einiger Zeit einen netten Zahnarzt, der ihre Tochter ohne Weiteres als Assistentin einstellen würde.
Blieb also das Geld, das Lisa als Kellnerin verdiente. Das würde gerade reichen, um die Studiengebühr und die Miete für das WG-Zimmer zu bezahlen. Übrigens eine unverschämt teure Miete. Grund genug also, sich Herrn Roch warmzuhalten.
Manchmal ertappte sie sich jetzt beim Kopfrechnen. Wenn sie Roch beim Wort nahm und – ohne unverschämt zu sein – sagen wir zwei fünfzig pro Seite verlangte, machte das 50 Euro pro Nachmittag. Angenommen, sie besuchte ihn Dienstag und Donnerstag – wofür sie zwar eine oder zwei Vorlesungen ausfallen lassen musste, aber irgendwelche Mitschriften würde sie schon bekommen -, ergab das 100 Euro pro Woche. Die sprachen dafür, Rochs Angebot anzunehmen.
Aber drängen durfte er sie nicht.
Eines Nachmittags, als sie ihre Kellnerinnenstunden hinter sich gebracht hatte und auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle war, ging er plötzlich neben ihr her. Ja, so etwas, sagte er, was für eine hübsche Überraschung. Dass wir einander zufällig über den Weg laufen!
Wohin gehen Sie, Fräulein Lisa? Darf Sie ein Oldie wie ich ein Stück begleiten? Ich hoffe, mein Hinken bringt Sie nicht aus dem Takt.
Tatsächlich hatte sein Hinken so nah neben ihr etwas Irritierendes: Sie musste sich zusammennehmen, um nicht ebenfalls zu hinken.
Wahrscheinlich hatte er sich vorgestellt, hier draußen ungestörter auf sie einreden zu können als im Café. Aber diese Rechnung ging nicht ganz auf. Da war erstens der Verkehrslärm, durch den sie ohnehin nicht alles verstand, was er ihr sagen wollte, und zweitens ihre Neigung, eine gewisse Distanz zwischen ihm und sich zu wahren, auch wenn das auf dem schmalen Gehsteig, auf dem sie gingen, nicht leicht war.
Er versuchte, darüber hinwegzureden. Sie sind unterwegs zur Uni, sagte er, nicht wahr? Sie sind ja bewundernswert fleißig, Fräulein Lisa! Was macht denn übrigens Ihre Proseminararbeit, kommen Sie damit voran?
Sie antwortete nur unwillig. Mit dieser Arbeit sei sie noch nicht fertig. Außerdem müsse sie noch eine weitere schreiben.
Was Sie nicht sagen! gab sich Roch verwundert. Die Anforderungen, die heutzutage schon im ersten Semester an die Studierenden gestellt werden, sind ja geradezu unwahrscheinlich!
Er hinkte neben ihr her. Sie sah ihn nicht an, sie schaute geradeaus. Doch sie spürte sein unverschämt schiefes Lächeln. Aber Kopf hoch, Fräulein Lisa, Sie werden das schon schaffen. Und dann werden Sie doch ein bisschen Zeit für mich und mein Projekt haben?
Dann würde sie zu ihm in sein Depot kommen und er würde ihr diktieren … Und das sollte sie doch interessieren … Sie werde dabei vielleicht einiges erfahren, das sie auf der Uni nicht erfahren würde … Also – einmal abgesehen von materiellen Fragen – auch in intellektueller Hinsicht werde es ihr Schaden nicht sein.
Und dann war die Straßenbahnhaltestelle bereits in Sichtweite. Und je näher sie ihr kamen, desto bedrängender redete er. Sie werden mich doch nicht hängen lassen, Lisa! (Bei diesen Worten fasste er sie sogar am Arm.)
Vergessen Sie bitteschön nicht, worum es geht!
Und ja, das wusste sie doch: Es ging um den Roman.
Seinen Roman, der nicht irgendein Roman war … Sondern – Doppelpunkt – ein Jahrhundert roman …
Das wusste sie ja. Das hatte er ihr doch schon hundertmal erzählt.
Dass er es als Verpflichtung empfunden habe, diesen Roman zu schreiben … Aus Dankbarkeit den Autoren und Autorinnen gegenüber, von deren Büchern er mehr als ein halbes Leben lang umgeben gewesen sei … Diesen Roman zu schreiben, an der Schwelle zu einem Jahrhundert, in dem Literatur oder zumindest Literatur, wie die in seinem Jahrhundert geschriebene, vielleicht, ja wahrscheinlich, in Vergessenheit … und so fort.
Und jetzt war die Straßenbahn da und sie stieg rasch ein.
Und die Falttür schloss sich hinter ihr und Roch blieb draußen. Er stand auf dem Gehsteig, sehr klein, und winkte ihr. Und sie atmete auf, erleichert darüber, dass er nicht mit eingestiegen war.
Und auf der Fahrt, auf dieser eine knappe Viertelstunde langen Straßenbahnfahrt bis zur Haltestelle Schottenring, wuchs ein Widerwille in ihr. Ein Widerwille und ein Trotz gegen Roch und seinen dubiosen Roman. Einmal vorausgesetzt, dass er wirklich nichts anderes von ihr wollte, als dass sie die unleserlichen Seiten seines Manuskripts nach seinem Diktat tippte (und einmal davon abgesehen, dass er ihr dafür, wenn sie ihn lang genug zappeln ließ, wahrscheinlich auch drei Euro pro Seite bieten würde): Warum sollte sie wer weiß wie viel Zeit und Energie auf die fixe Idee eines alten Mannes verschwenden, statt sich endlich ihren eigenen Texten zuzuwenden?
Nicht erst den Texten, die sie getippt hatte, seit sie in Wien war, im Café Klee oder in der WG oder – solange das Wetter warm genug gewesen war –, auf einer der kalten Bänke im Hof der Uni. Nein, auch jenen, die sie noch in Linz geschrieben hatte, schon viel früher. Texten, die doch noch in ihrem Smartphone gespeichert sein mussten, manche verschlüsselt, aber sie hatte das Passwort, das sie damals verwendet hatte, notiert. Genau: Statt sich in Rochs zwielichtiges Depot verschleppen zu lassen, sollte sie sich lieber in ihrem WG-Zimmer hinsetzen und zusammensuchen, vielleicht in einem neuen Dokument zusammenfassen, was sich da alles fand.
Zum Beispiel das:
einmal, als ich aufwachte mitten in der Nacht
da hing der Mond ganz schief vor dem Fenster und ich dachte, die Erdachse muss gekippt sein, während ich geschlafen habe.
draußen im Garten piepste ein Vogel ganz kläglich, aber der Hund schlief friedlich.
meine Eltern, an deren Tür ich horchte, offenbar auch, mein Bruder Jakob schnarchte sogar ein wenig.
die Katze war allerdings nicht zu finden, das Küchenfenster stand offen, sie war also unterwegs.
ich öffnete den Kühlschrank und trank kalte Milch aus der Flasche, damals mein Lieblingsgetränk.
dann hörte ich, wie die Katze, hinter meinem Rücken, durchs Fenster hereinsprang.
ich drehte mich um, sie war auf dem Tisch gelandet, ein kleiner Tiger, mit weichen Pfoten, aber scharfen Zähnen, dazwischen der Vogel, den legte sie mir hin, neben die Obstschüssel mit den rotbackigen Äpfeln:
ein Geschenk.
ich rührte das Frühstück nicht an.
was hast du? fragte die Mama.
nichts, sagte ich. Bloß keinen Appetit.
aber Kind, sagte die Mama.
ich bin kein Kind, sagte ich.
lauter gute Sachen, sagte der Papa. Das Müsli heute mit Waldbeeren.
und der Beinschinken ist super, sagte Jakob. Und die Senfeier sind echt geil.
und der Marmorkuchen, sagte die Mama mit Rufzeichen.
alles sah schön aus und roch gut. Und der Kaffee aus der neuen Moccamaschine duftete. Aber ich wollte lieber nichts davon. Nein, danke.
stand auf und ging Richtung Toilette, noch möglichst beherrscht.
kam aber keinen Moment zu spät dort an.
kotzte gut fünf Minuten lang, wenn nicht mehr.
danach war das Handwaschbecken voll mit Federn.
Jakob klopfte an die Tür. Andere Menschen haben auch ihre Bedürfnisse.
geh aufs Klo im Oberstock, rief ich, das hier dauert noch eine Weile.
ich fragte mich, ob ich die Federn einfach hinunterspülen konnte oder ob sie den Abfluss verstopfen würden.
die größeren erwischte ich mit Hygienepapier, aber die Flaumfedern waren widerspenstig.
was ist denn los mit dir? fragte mein Vater, als ich dann neben ihm im Auto saß.
wenn er am Vormittag in die Ordination musste, nahm er mich meist mit und ließ mich an der Ecke zur Schulstraße aussteigen.
Achselzucken.
schnall dich an, sagte er. War dir schlecht?
du hast doch hoffentlich nichts angestellt?
ich kapierte gar nicht gleich, was er meinte.
angestellt! Was für ein peinliches Wort in diesem Zusammenhang.
ich bin doch dein Papa, sagte er, mit mir kannst du über alles reden.
ich meine, auf so einer Party wie der, von der ich dich unlängst abgeholt hab, kann ja vielleicht dies und das passieren.
die Party, von der er mich, statt wie ausgemacht um zwölf, schon um halb zwölf abgeholt hatte.
statt draußen vor dem Lokal zu warten, wie ausgemacht.
urpeinlich. ich wollte gar nicht daran erinnert werden.
ich hab mit keinem meiner Mitschüler geschlafen, sagte ich, falls du das meinst.
okay, sagte er. Umso besser. Nichts für ungut.
von meinen Mitschülern kam doch keiner in Frage!
inzwischen waren wir in den Morgenstau geraten.
nur stockend kamen wir weiter. An fast jeder Ampel kamen wir bei Rot an.
bis zur Schule fehlten zwar nur mehr zwei Kreuzungen, aber ich wollte einfach raus.
die Luft behagte mir nicht mehr in Papas Volvo.
der Geruch der Ledersitze, auf die er so stolz war, der Geruch seines Rasierwassers …
lässt du mich bitte schon hier aussteigen? sagte ich. Die paar Schritte geh ich zu Fuß.
wie ich dann aber abbiege: Statt auf der Hauptstraße zur Schule zu bleiben, schlüpfe ich in eine der Nebengassen. Ich brauch einfach noch ein wenig Luft, muss durchatmen nach dieser Nacht, diesem Morgen. Auch wenn die Luft gar nicht gut ist, hier, in der Nähe der Fabrik, in der sie irgendeinen Kunststoff erzeugen. Aber das Gehen tut gut, und es ist ja erst zwanzig vor acht, ein kleiner Umweg muss drin sein. An einem Plankenzaun entlang, dann ein Stück zwischen Schrebergärten. Und an den Glashäusern vorbei, deren Dächer schon in der Sonne glitzern. Der Mond, den ich heute Nacht gesehen habe, ist schon untergegangen. Kein Wunder, er hat ja auch ausgeschaut wie ein kenternder Kahn (eine kenternde Gondel?).
jetzt ist es schon zehn vor acht, wenn ich noch rechtzeitig zur ersten Stunde in die Schule kommen will, muss ich rennen. Aber will ich das wirklich? Zahlt sich das aus? Die erste Stunde haben wir Chemie, o Gott! Die Chemie zwischen dem Chemielehrer und mir stimmt ohnehin nicht.
da ist es gescheiter, erst in der Pause zu kommen. Genau. Bis dahin kann ich mich noch ins Espresso setzen. Und einen Cappuccino trinken und einen Toast essen. Schließlich habe ich heute noch gar nichts im Magen.
Und dann sitze ich wirklich im Espresso, Rialto heißt es, da hängen Fotos von Venedig an der Wand. Und erinnere mich an ein Foto, auf dem ich, mit fünf oder sechs, auf dem Markusplatz steh, umgeben, ja sogar umflattert von allzu vielen Tauben. Und ich hab eine Tüte mit irgendwelchen Körnern in der Hand und soll diese distanzlosen Vögel füttern und dabei auch noch lieb dreinschauen. Was mir nicht recht gelingt, ich bin offenbar nicht überzeugt, dass sie mir nichts tun, und vielleicht werde ich gleich weinen.
und ich reiße ein paar Seiten aus der Mitte des Chemiehefts, denn das will ich mir notieren. Und es wird halb neun und es wird viertel vor neun und um zehn vor neun beginnt die Pause. Und jetzt müsste ich mich beeilen, um wenigstens zur zweiten Stunde zurechtzukommen. Aber da bin ich gerade so schön im Schreiben.
So hatte es angefangen. Und so ging es dann weiter. Sie war immer öfter schon etwas zu spät dran am Morgen. Zu spät, um zur ersten Stunde zurechtzukommen. Sodass sie sich lieber ins Espresso setzte und schrieb.
Sie schrieb Gedichte, sie schrieb Geschichten, sie schrieb Entschuldigungen in der Handschrift ihres Vaters. Meine Tochter war heute morgen unpässlich, ich ersuche daher, ihr Zuspätkommen zu entschuldigen. Manchmal schrieb sie statt Zuspätkommen gleich Fernbleiben. Das waren sehr produktive Vormittage.
Hi, Semira. Ich habe alte Texte von mir gefunden. Texte, die ich mit fünfzehn oder sechzehn geschrieben hab. Als du noch nicht in unserer Klasse warst. Sind ein paar ganz interessante Sachen darunter.
Jedenfalls hat mir das Wiederlesen Freude gemacht. Und hat mir Lust gemacht, etwas Neues zu schreiben. Ich mail dir drei Gedichte, die in den letzten Tagen entstanden sind. Die sind von den Graffiti inspiriert, die ich hier fotografiert hab.
Hey!Könntest nicht auch du die Graffiti in deiner Umgebung fotografieren? Die mailst du mir dann. Und ich mail dir wieder die meinen. In einer Geschichte, die ich geträumt habe, haben wir eine gemeinsame Reise per Interrail unternommen, aber ich weiß nicht mehr, wohin. Ich werde versuchen, diese Geschichte zu schreiben, vielleicht wird es sich dann herausstellen.
Schöne neue Welt. Kalt in mir. Warum nur, warum?
Keine Macht für niemand! Keine Angst! Refugees welcome!
Zuckererbsen für alle. Du bist schön. Liebe dich wie dich selbst,
Scheissmieten. Leckts mich doch alle am Arsch! Sinn-Sucht.
Sie hatte das Gefühl, jetzt gut unterwegs zu sein. So gut wie die ganze Zeit noch nicht, seit sie in Wien war. Durch Gedanken an ihre finanzielle Situation wollte sie sich nicht aus der Stimmung bringen lassen. Die schob sie beiseite – und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten sie dort bleiben können.
Doch Anfang Dezember rückten sie wieder ins Zentrum. Zwar kam noch ein Kuvert von ihrem Vater (worauf sie insgeheim gehofft hatte). Aber statt den beiden 500-Euro-Scheinen enthielt es diesmal nur zwei 200er. Womöglich wurde seine ehemalige Ordinationshilfe, die im südlichen Klima aufblühte, immer anspruchsvoller, da blieb logischerweise weniger Geld für die Tochter.
Ronnie bot ihr an, ihr etwas zu leihen, aber das lehnte sie ab. Er vergnügte sich ja schon wieder mit Tina. Lieber bat sie die Chefin um einen Vorschuss, den sie auch bekam. Doch zur Gewohnheit, sagte Frau Resch und seufzte, zur Gewohnheit dürfe das nicht werden.
Und da war immer noch Roch und sein Angebot. Im Café hatte er sie seit dem Tag, an dem er sie zur Straßenbahn begleitet hatte, nicht mehr auf das Romanprojekt angesprochen. Wenn er etwas bestellte und von ihr serviert bekam, war er freundlich zu ihr wie immer, und sie war freundlich zu ihm. Aber es war etwas Unerledigtes zwischen ihnen.
Deswegen wäre es ihr manchmal lieber gewesen, er wäre nicht mehr erschienen. Oder nein, wahrscheinlich wäre ihr das nicht lieber gewesen. Dann hätte sie echt ein schlechtes Gewissen gehabt. Das Manuskript, aus dem er ihr diktieren wollte, lag noch immer auf der Ablage in ihrem WG-Zimmer, manchmal hatte sie versehentlich (oder absichtlich?) etwas daraufgelegt, Zeitungen etwa und Bücher, aber es war nicht ganz darunter verschwunden.
Sie hatte den Zettel, auf den er ihr die Adresse seines Depots geschrieben hatte, in eine Innentasche ihres Rucksacks gesteckt. Manchmal, wenn sie dort etwas gesucht hatte, war er ihr unversehens in die Finger geraten. Einmal hatte sie ihn zusammengerollt, als ob sie eine kleine Zigarette drehen wollte, ein anderes Mal hatte sie ihn ganz winzig zusammengefaltet. Er sah also schon einigermaßen strapaziert aus, aber was darauf stand, war immer noch zu lesen.
Und dann kam ein Tag, an dem sie in ihrem WG-Zimmer saß und sich wieder einmal über einem der Skripten zur Einführung in die deutschsprachige Literaturwissenschaft langweilte. Schon dieser Titel ödete sie an, das wurde nicht besser. Und dann ging einem der Marker, mit dem sie Stellen aus dem knochentrockenen Text markierte, der Saft aus. Und als sie einen anderen suchte, eben in jener Innentasche ihres Rucksacks, hatte sie auf einmal wieder diesen Zettel in der Hand.
8. BEZIRK, FLORIANIGASSE 4A. Sie lebte jetzt schon einige Monate in Wien, konnte sich aber noch nicht ohne Weiteres orientieren. Sie fragte also ihr Smartphone nach dem Weg dorthin. Und war überrascht, wie schnell sie dort sein konnte.
Von der Straßenbahnstation, die sie zu Fuß in fünf Minuten erreichen würde, musste sie nur eine einzige Station bis zum Schottentor fahren. Und dann mit der U-Bahn ebenfalls eine Station bis zur Haltestelle Rathaus. Wenn sie dort ausstieg, waren es bis zur Florianigasse nur ein paar Schritte. Und Nummer 4A mußte im zweiten Häuserblock links sein.
So einfach war das. Gegebenenfalls. Aber war dieser Fall nicht gerade jetzt gegeben? Sie brauchte nur ihren Laptop und das Manuskript in den Rucksack zu packen, in die Strickweste und den Mantel zu schlüpfen, denn es war kalt draußen, und die Mütze aufzusetzen, die sie sich unlängst auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Die rote Wollmütze, mit der sie, so Ronnie, aussah wie ein Schlumpf. Doch was ging das Ronnie an? Ihr Aussehen konnte ihm egal sein.
Blöderweise begegnete sie ihm noch im Flur:
Wo gehst du hin? fragte er.
Das geht dich nichts an, sagte sie.
Okay, sagte er. Und was machst du heut Abend?
Weiß ich noch nicht, sagte sie.
Siehst du, sagte er. Ich auch nicht.
2
Es dauerte eine Weile, bis Roch zur Tür kam. Seine Schritte hörten sich an, als käme er von weit her. Er blinzelte. Haben Sie es sich doch noch überlegt? Das freut mich. Kommen Sie weiter. Darf ich Ihnen aus dem Mantel helfen?
Und schon hatte er einen ihrer Ärmel ergriffen. Und dann den anderen. Eher eine Behinderung als eine Hilfe. Aber sie ließ es über sich ergehen. Roch hängte ihren Mantel an einen schon etwas invaliden Thonet-Kleiderständer.
Dann stand er da und wusste ein paar Sekunden lang nicht weiter. Nehmen Sie Platz, sagte er schließlich. Vielleicht setzen Sie sich am besten in den Schaukelstuhl. Draußen regnet es. Sie sind ein bisschen nass geworden, nicht wahr? Warten Sie, ich werde uns ein Kännchen Tee machen.
Und war schon verschwunden im dunklen Hintergrund. Der Raum war erstaunlich tief und gleichzeitig hoch. Keine flache Decke, sondern ein Gewölbe. Als sie vor der Tür gestanden war, hatte sie diese Dimensionen nicht erwartet.
Und überall Bücher, Bücher und wieder Bücher … Bücher, die nicht nur in den Regalen standen, die an so gut wie jedem verfügbaren Stück Wand montiert waren, sondern auch in unglaublich hoch getürmten Stößen aus dem Boden wuchsen. Manche dieser Stöße sahen aus, als hätten sie schon längst umfallen müssen. Doch da und dort schien es, als hätte das eine oder andere Buch, das vielleicht gerade noch rechtzeitig hinzugefügt worden war, ein vages Gleichgewicht wiederhergestellt.
Bei den Zeitungsstapeln dazwischen war die Statik offenbar noch labiler. Etliche hatten das Gleichgewicht verloren und lagen nun breit gefächert im Weg. Wie das raschelte unter Lisas Füßen! Doch es raschelte auch, wenn sie stehen blieb.
Ob es hier Mäuse gab? – Bestimmt gab es hier Mäuse! Nicht, dass sie prinzipiell etwas gegen Mäuse hatte. Nicht einmal gegen Ratten. Sie fand diese kleinen Nagetiere sogar lieb und war jederzeit dafür, sie vor Laborversuchen zu retten. Aber so frei herumlaufend und so unsichtbar raschelnd, so unberechenbar, das heißt womöglich auch in großer Zahl – also das war doch etwas recht anderes.
Allmählich wurde ihr etwas unbehaglich. Roch war verschwunden, um Tee zu machen – wo blieb er? Gab es dort hinten, wo er verschwunden war, überhaupt eine Küche? In diesem Moment konnte sie sich da keine Küche vorstellen. Allenfalls einen grindigen Elektrokocher. Einen Kocher, vor dem Roch auf dem Boden saß. Im Schneidersitz stellte sie ihn sich vor, wie einen Gnom aus einem Märchenfilm. Wie er dort saß und K.o.-Tropfen in den Tee mischte.
Aber sie ließ diese Fantasien nicht ausufern. Jetzt nimm dich zusammen, Lisa! Das ist doch Blödsinn! Du wirst doch Ronnie mit seinen Horrorvisionen nicht recht geben! Und tatsächlich war schon dieser Gedanke ein Grund, nicht doch noch, bevor Roch wieder auftauchte, die paar Schritte zur Tür zu tun und sich auf böhmisch (so hätte das ihr Großvater genannt und so würde es wahrscheinlich auch Roch nennen) zu empfehlen.
Stattdessen trat sie an eins der hohen Fenster. Obwohl sie ja erst vor kurzem hereingekommen war, hatte sie das Gefühl, ein bisschen frische Luft brauchen zu können. Frische Luft, um etwas freier zu atmen. Sauerstoff zur Ernüchterung der Gehirnzellen.
Das Fenster zu öffnen war allerdings nicht so einfach. Die Riegel aus Messing waren zwar schön, ließen sich aber nur schwer bewegen. Doch schließlich schaffte sie es: Das Fenster, dessen Rahmen offenbar ein wenig verzogen war, sprang auf. Draußen regnete es nun etwas stärker.
Auf einmal stand Roch neben ihr. Sie hatte ihn nicht kommen gehört.
Ja, genau, sagte er. Das Haus da drüben. … Sehen Sie das zweite Fenster von links im ersten Stock? … Akkurat an diesem Fenster habe ich mir Musil vorgestellt.
Nun hatte sie keins der Häuser auf der anderen Straßenseite besonders beachtet. Sie hatte ganz einfach hinaus in den Regen geschaut. Roch jedoch schien davon auszugehen, dass sich ihr Blick auf ein bestimmtes Haus konzentriert hätte. Irgendetwas hatte sie da nicht mitgekriegt.
Dort oben, an diesem Fenster, sagte er: Musil! … Robert Musil, in einem gestreiften Pyjama.
Aber wieso Musil? fragte sie. Und warum im Pyjama?
Das schien ihn zu überraschen. Er sah sie durch seine dicke Brille groß an.
Aber Fräulein Lisa! sagte er. Haben Sie denn das nicht gelesen?
Sie schüttelte den Kopf. Wo sollte sie das gelesen haben?
Na, in meinem Roman, sagte er. In meinem Manuskript!
Ich habe Ihnen doch gesagt, sagte sie, dass ich mit dem Lesen Ihres Manuskripts gewisse Probleme habe.
Er stand neben ihr, als müsste er sich auf etwas schon fast Vergessenes besinnen.
Ja, ja, sagte er. Dass Sie gewisse Probleme mit meiner Klaue haben, das habe ich schon verstanden … Gewisse Probleme mit gewissen Passagen … Aber doch hoffentlich nicht gleich mit dieser!
Tut mir leid, sagte sie, aber es sieht so aus.
Aber ich bitte Sie! sagte er. Das ist doch der Anfang! Geschrieben im Jänner des Jahres 2000. Damals hab ich doch noch ganz leserlich geschrieben!
Dann sagte er lange nichts. Versank in irgendwelchen Gedanken. Als hätte er einen Faden verloren, an dem er sich zuvor noch festgehalten hatte. Und als wäre er sich, ohne diesen Halt, beinah selbst abhandengekommen. Und womöglich, ja wahrscheinlich, war sie ihm auch abhandengekommen.
Doch dann, als sie fast schon sicher war, dass er ihre Anwesenheit einfach vergessen hatte, als sie nur noch das Manuskript aus dem Rucksack nehmen wollte, um es ihm auf den Schreibtisch zu legen, bevor sie ging, drehte er sich plötzlich nach ihr um. Ja, Fräulein Lisa. Sie haben völlig recht. Wir sollten endlich mit unserer Arbeit beginnen. Setzen Sie sich hin und packen Sie Ihren Laptop aus – den Tee können wir auch nebenbei trinken.
Und schon hat ihr Roch den Schreibtischsessel zurechtgerückt. Und schon ist er dabei, einen zweiten Sessel für sich heranzurollen. (Hinkend, aber dabei erstaunlich behände.) Und schon sitzt er startbereit an ihrer rechten Seite.
Und sie schafft es gerade noch, ihr Smartphone, das sie für gewöhnlich links trägt, in die rechte Tasche ihrer Wollweste zu stecken. Und hoffentlich unauffällig auf Record zu drücken. Für alle Fälle, denkt sie, für den Fall, dass er mir doch etwas zu nah kommt. Zwar ist sie sich nicht sicher, ob Aufnahmen dieser Art im Fall des Falles als Beweismittel akzeptiert werden (und was hätte sie dann davon, im Nachhinein, im Fall von Übergriffen, von Untergriffen, vor denen sie Ronnie, zynisch wie er ist, gewarnt hat?), und doch fühlt sie sich etwas sicherer bei dem Gedanken, dass von nun an alles dokumentiert wird.
Ob Roch etwas bemerkt hat? Nein, er macht nicht diesen Eindruck. Eifrig hat er die alte Schreibmaschine, ein Museumsstück, das er vielleicht doch manchmal benutzt oder, wer weiß, aus nostalgischen Gründen hier stehen hat, beiseitegeschoben, damit sie Platz hat für den Laptop. Und das Manuskript, das sie ihm zurückgegeben hat, liegt vor ihm auf dem Schreibtisch. Er beugt sich darüber und rückt sich die Lampe mit dem grünen Schirm zurecht.
Und dann beugt er sich noch etwas tiefer über das Manuskript und räuspert sich.
Und schüttelt den Kopf und nimmt die Brille ab.
Und putzt sie und setzt sie wieder auf und beugt sich erneut über das Manuskript. Blättert um, beugt sich über die zweite Seite, blättert einige Seiten weiter.
Und nimmt die Brille wieder ab. Und räuspert sich wieder.
Und schaut sie an mit seinen halb blinden Augen.
Wieso Musil? haben Sie mich gefragt. Ja, wieso gerade Musil? Vielleicht sollte ich Ihnen das vorerst erklären.
Wahrscheinlich sollte ich – und mit diesen Worten schiebt er das Manuskript ein Stück von sich weg – überhaupt noch einiges vorausschicken.
Hab ich Ihnen eigentlich schon erzählt, warum ich dieses Depot gemietet habe?
Das war damals, als die Büchereifiliale aufgelassen wurde, in der ich gearbeitet habe. Aber was geschieht mit den Büchern? habe ich gefragt – sehen Sie, ich habe ja mein halbes Leben zwischen den Büchern dieser Bücherei verbracht.
Zuerst bin ich davon ausgegangen, dass die Bände in eine andere Filiale der Städtischen Büchereien transferiert werden sollten. Aber wie sich herausgestellt hat, war das nicht so geplant. Die anderen Filialen hatten selbst genug Bücher. Die brauchten diese alten Schmöker gar nicht.
So ungefähr dachten die neuen Leute, die sich jetzt allenthalben wichtigmachten. Denen ging es um Ökonomie und Effizienz. Bücher waren für die – wie heißt das Wort, das sie fortwährend verwendeten? – obsolet. Früher oder später würde man das alles digitalisieren.
Mir tat das Herz weh. Wer weiß, in was für Hände die Bücher unter diesen Umständen gerieten! Wenn sie nicht einfach zum Müll geworfen wurden. Zwar waren allfällige Pressemeldungen über Bücherverbrennungen wahrscheinlich unerwünscht. Aber wenn man es unauffällig machte, konnte man die Bücher, die doch nur Lagerkosten verursachten, wahrscheinlich zur Müllverbrennungsanlage transportieren, ohne dass es überhaupt auffiel.
War ich paranoid? Vielleicht war ich paranoid. Aber seien wir uns doch ehrlich: Es geschehen viele Ungeheuerlichkeiten im Verborgenen. Viel ärgere, doch, das ist mir bewusst, als die Entsorgung – was für ein Wort! –, als die Entsorgung einer Anzahl alter Bücher. Aber ich fühlte mich diesen Büchern verbunden und wollte sie retten.
Gewiss, es wäre wichtiger, Menschen zu retten. Doch dazu hatte ich leider nicht die Mittel. Die Bücher zu retten hingegen war relativ einfach. Sie waren nicht teuer, man verschleuderte sie im Grunde, man war ja froh, dass man sie loswurde.
Also ließ ich die Bücher hierher transportieren. Und kaufte Regale und versuchte, die Bände in eine gewisse Ordnung zu bringen. Es war nicht ganz die Ordnung, die in der Bücherei bestanden hatte, dazu waren die Räumlichkeiten zu verschieden. Aber schließlich war ich mit dem Ergebnis ganz zufrieden.
Und dann ging ich zwischen den Bücherwänden hin und her. Und dachte darüber nach, wie ich den Jahrhundertroman beginnen könnte. Denn die Idee hatte ich ja schon seit langem. Aber jetzt, da man mich wegen einer dummen Anschuldigung in Frühpension geschickt hatte, hatte sich eine Situation ergeben, wo mich eigentlich nichts mehr an ihrer Verwirklichung hindern konnte.
Solang ich noch in der Bücherei tätig war, habe ich viel darüber nachgedacht, aber nie wirklich damit angefangen. Aller Anfang ist schwer, heißt es, aber einen Roman anzufangen, ist vielleicht besonders schwer. Nämlich nicht irgendeinen Roman anzufangen, sondern einen Jahrhundertroman. Der seinem Wesen nach das Wesen des Jahrhunderts widerspiegeln sollte. Ich war allerdings zu einem vorläufigen Ergebnis gekommen. Der Jahrhundertroman sollte ein Autorenroman werden. Ein Roman, in dem die Autoren eine tragende Rolle spielten. Die Autorinnen und Autoren meines Jahrhunderts.
Eine tragende Rolle würden sie spielen … Und zwar nicht nur, weil ich vielleicht da und dort auf ihre Bücher zu sprechen kommen, ja möglicherweise sogar aus diesen Büchern zitieren würde … Nicht nur so, also durch ihre Bücher vermittelt … Sondern auch unmittelbar, als Personen der Handlung.
Können Sie mir folgen, Fräulein Lisa, verstehen Sie, was ich im Sinn hatte? … Genau! Den Jahrhundertroman als Autorenroman! … Schriftstellerinnen und Schriftsteller, habe ich gedacht, sind doch Leute, die etwas vom Leben in ihrer Zeit festhalten. Unabhängig davon, ob sie das bewusst wollen, ob sie es darauf angelegt haben oder nicht. In ihren Romanen, Theaterstücken, Gedichten, in was auch immer sie schreiben, spiegelt sich etwas von ihrer Zeit wider. Und natürlich auch etwas von ihrem Leben. Obwohl man bei manchen von ihnen den Eindruck hat, dass ihr Leben vor allem oder im Wesentlichen aus Schreiben besteht. Aber selbst wenn sie der Ansicht sind, dass die außerliterarische Wirklichkeit, wie das einer von ihnen genannt hat, als er noch recht jung war, dass diese Wirklichkeit draußen, außerhalb des Elfenbeinturms, nur beim Schreiben stört – so gut kann man die Türen und Fenster des Turms gar nicht dichten, dass die Wirklichkeit nicht herein- und durchzieht.
Eine Zeitlang, sagt er, habe ich mir den Jahrhundertroman etwa so vorgestellt wie einen Staffellauf. Genauer: Wie diesen Lauf mit dem olympischen Feuer. Einer oder eine reicht die Fackel oder eigentlich die Flamme an den Nächsten oder die Nächste weiter. Und der oder die läuft seine Strecke und gibt sie wieder weiter und so weiter und so weiter und so fort.
Das ist mir vorerst als ganz brauchbares Modell erschienen. Eine Verfahrensweise, nach der ich vorgehen könnte. Aber als ich lang genug darüber nachgedacht hatte, bin ich wieder davon abgekommen. Denn natürlich leben und schreiben die Schriftstellerinnen und Schriftsteller eines Jahrhunderts nicht hintereinander, sondern nebeneinander, durcheinander, manchmal sogar gegeneinander, ihre Lebens- und Schreibzeiten überschneiden und überlappen sich.
Das heißt, sie denken gar nicht daran, alle in eine Richtung zu laufen. Warum sollten sie auch? Sie haben ja gar kein gemeinsames Ziel. Auch wenn es sie letzten Endes alle in eine Richtung treibt. Ans Ende der Zeit, die ihnen gegeben ist, und das ist ihnen meistens bewusster als anderen Leuten, die nicht schreiben.
Ich habe ja viele persönlich gekannt, sagt er, sehen Sie, als Buchhändler …
Ich habe gedacht, sagt Lisa, Sie waren in einer Bücherei tätig.
Natürlich, sagt er. Ich war stellvertretender Büchereileiter. Aber das eine schließt doch das andere nicht aus!
Das war also vor Ihrer Tätigkeit in der Bücherei?
Nein, sagt Roch.
Also nachher.
Ach was, nachher! sagt er.
Das klingt schon ein bisschen gereizt. Er steht auf und beginnt hin und her zu hinken. Das war zwischendurch. Das war in der Zwischenzeit.
Ja, sagt er, damals haben wir es eben mit einer eigenen Buchhandlung versucht. Meine Frau und ich. Wir waren noch relativ jung und risikofreudig. Das war vielleicht die schönste Zeit meines Lebens. Damals war meine Frau noch meine Freundin.
Eine kleine, feine Buchhandlung haben wir aufgemacht. Das war auf der Wieden, also im vierten Bezirk, in einer Seitengasse. Beinahe versteckt, aber dennoch auffindbar. Unsere Buchhandlung war sozusagen ein Geheimtipp.
Das Lokal, das wir gemietet haben, war eine ehemalige Bäckerei. Da hat es noch immer ein bisschen nach Brot gerochen. Und dann hat es eben nach Büchern gerochen, sagt Roch. Brot und Bücher. Für mich die besten Gerüche.
Vielleicht war das auch der Grund, warum er dann immer ein bisschen Brot im Laden gehabt hat. Für die Kunden, die ihm sympathisch waren. Ein bisschen Brot und ein bisschen Aufstrich und ein bisschen Wein. Und ein bisschen Apfelsaft für diejenigen, die lieber keinen Alkohol trinken wollten, und für die Kinder.
Da war eine Ecke, in der man sitzen und schmökern konnte. Ein kleiner, runder Tisch, ein paar Sessel und eine Stehlampe. Und eine eigene Lese- und Spielecke für Kinder. Ja, das war nett. Und das hat sich herumgesprochen.
Meine Frau, sagt Roch, hat zwar gefunden, dass wir die Gastfreundschaft nicht übertreiben sollten. Und so viel ist wahr: Es gab Leute, die nur Fettflecken in die Bücher machten und nichts kauften. Und ein paar Stammalkoholiker haben wir uns zugezogen. Aber wir haben auch gute Stammkunden gehabt, richtige Leserinnen und Leser.
Und dann eben die Autoren. Ja, liebes Fräulein Lisa, die Autoren und die Autorinnen. Es gab ein paar, die haben sich öfter bei uns anschauen lassen. H. C. Artmann und seine Entourage, Wolfgang Bauer und seine Fans – die waren manchmal ein bisschen laut. Aber da saß zuweilen auch der meist verschmitzt schweigende Gert Jonke.
Und Barbara Frischmuth und Elfriede Gerstl, einmal sogar Marlen Haushofer. Aber die war sehr scheu und verschwand bald wieder. Trude Marzik kam öfter vorbei, die plauderte gern und lachte viel. Manchmal beehrte uns auch die große Ilse Aichinger.
Roch sieht Lisa an, als müsste sie jetzt beeindruckt sein. Und sie versucht ja auch, so dreinzusehen. Doch es gelingt ihr, so scheint es, nicht ganz überzeugend.
Sagen Sie nicht, diese Namen sind den jungen Leuten von heute kein Begriff mehr!
Nun beugt er sich wieder über das Manuskript und beginnt darin zu blättern. Die kommen ja alle in meinem Jahrhundertroman vor! Allerdings nicht am Anfang. Da steht eine andere Generation. Obwohl ich im Lauf der Arbeit von der Idee abgekommen bin, streng chronologisch vorzugehen.
Am Anfang … sagt er und blättert wieder zurück im Manuskript. Am Anfang steht doch diese Szene mit Musil … Und dann sieht er Lisa auf einmal scharf an, erstaunlich mit seinen vielen Dioptrien. Könnte es sein, dass Sie die Seiten durcheinandergebracht haben?
Nein! Diesen Verdacht will sie gar nicht an sich heranlassen. Sie sei sorgfältig mit dem Manuskript umgegangen.
Doch kaum hat sie das gesagt, kommt ihr ein Gedanke an Ronnie in die Quere … Sein Umgang mit den unleserlichen Seiten war ja etwas weniger respektvoll.
Aber das wird sie Roch natürlich nicht sagen.
Sie hätten die Seiten halt nummerieren sollen, sagt sie.
Er nimmt einen Schluck Tee. Sie sieht, wie sich sein Adamsapfel bewegt. Dass alte Männer so dürre Hälse bekommen!
Nein, bei Roch ist es noch nicht so schlimm wie bei ihrem Großvater. Dieser alte Mann ist ja um einige Jahre jünger. Aber nun erinnnert sie sich an die Schildkröte, die sie zum siebenten Geburtstag bekommen hat, sie hat sie Max genannt. So eine Schildkröte kann hundert Jahre alt werden, hat ihr Vater gesagt, aber im Herbst haben sie sie für den Winterschlaf verpackt und im Frühling ist sie nicht mehr aufgewacht.
Roch aber redet weiter. Wieso Musil? sagt er. Ja, sehen Sie, Fräulein Lisa, einerseits war das ja naheliegend. Der Autor eines Romans, den viele als Jahrhundertroman bezeichnen. Auch wenn ihn nur wenige gelesen haben.
Andererseits war es vielleicht auch zu naheliegend. Ich meine: Das hätte bald jemandem einfallen können. Musil: ein heißer Tipp für so ein Vorhaben. Jedenfalls, wenn der Roman in Wien beginnen sollte.
Und das sollte er. Diese Entscheidung hatte ich getroffen. Sonst hätte ich natürlich noch ganz andere Kandidaten zur Auswahl gehabt. Proust in Paris oder Joyce in Triest oder Kafka in Prag. Und und und. Aber da wäre ich ins Uferlose geraten.
Also Wien. Auch das war naheliegend. Nicht nur, weil es die Stadt ist, in der ich nun einmal geboren und aus der ich, obwohl ich im Lauf meines Lebens manchmal weit weg wollte, nie richtig herausgekommen bin. Wien war ja damals, in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts, ein wahres Biotop. Ein Biotop für die Musik und die Malerei und die Psychoanalyse, die ja in ihren Anfängen vielleicht auch eine Art Kunst war. Und ja, ganz gewiss, ein fruchtbarer Froschteich für Schriftsteller.
Schnitzler, Hofmannsthal, Altenberg, Kraus und so fort. Mit jedem von denen hätte ich anfangen können. Nicht nur mit Musil, der sich ja vorerst gar nicht so lang in Wien aufgehalten hatte. Ich habe schon überlegt, ob ich diese Namen und noch ein paar andere auf kleine Zettel schreiben und dann einen dieser Zettel mit geschlossenen Augen aus einem Hut ziehen sollte.
Aber mir sind dann immer noch ein paar eingefallen. Und so ganz wollte ich die Entscheidung dann doch nicht dem Zufall überlassen. Obwohl … letzten Endes hat doch ein Zufall entschieden. Und was für ein Zufall! Sie werden sehen, Fräulein Lisa.
Eine Zeitlang, sagt Roch, habe er auch einen Romananfang mit Bertha von Suttner erwogen. Diese Idee hat ihm gerade deshalb gefallen, weil sie nicht jeder haben würde.
Bertha von Suttner, sagt er, die Autorin des Buchs Die Waffen nieder!. Wie sie, nach einer Veranstaltung in den Wiener Sophiensälen, den greisen Karl May umarmt.
Karl May? wundert sich Lisa. Was hat denn der hier zu suchen?
Karl May, sagt er, der soeben einen pazifistischen Vortrag gehalten hat.
Das war im März 1912, knappe zweieinhalb Jahre vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Mehr als 2000 Menschen sollen den Vortrag gehört haben.
Allerdings dürften manche enttäuscht gewesen sein, weil sie sich von Karl May etwas anderes erwarteten. Angeblich war auch der junge Adolf Hitler im Publikum. Und da kam nichts von Old Shatterhand – in dieser Rolle trat May längst nicht mehr auf. Er war ein filigraner, alter Mann und verkühlte sich bei diesem Wienbesuch – eine Woche später ist er an Lungenentzündung gestorben.
Und natürlich, sagt Roch, habe ich auch an Joseph Roth gedacht. Ich hätte vielleicht mit der Szene in den Jahrhundertroman einsteigen können, in der Roth, gerade neunzehn Jahre alt, von Lemberg, wo er zu studieren begonnen hat, nach Wien fährt. Es gibt eine sehr frühe Geschichte von ihm, die mit so einer Eisenbahnfahrt anfängt. Ich war arm, so beginnt diese Geschichte, und hätte eigentlich dritter Klasse fahren müssen. Aber ich stieg in die zweite.
Und Roch erzählt, wie der junge Mann dann im Zug eine schon etwas reifere Frau kennenlernt. Wie sie ins Gespräch kommen und wie es ihr gefällt oder wie es sie amüsiert, dass so ein halber Bub, der er noch ist, so gescheit daherredet. Und wie die Fahrt damals lang dauert (man fährt durch Tag und Nacht). Und als sie in Wien angekommen sind, wird er der Hauslehrer ihres Sohns.
Aber vielleicht hat das der Ich-Erzähler nur fantasiert und ist die ganze Zeit über in der dritten Klasse gesessen. Ein Ich-Erzähler, der zweifellos eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jungen Herrn Roth hat. Doch man soll Autoren, auch wenn Sie ICH schreiben, nicht mit ihren Protagonisten verwechseln. Auch wenn sie selbst, sagt Roch, zu solchen Verwechslungen neigen.
So viel aber ist nachweisbar, dass der junge Herr Roth im Sommer 1913 in Wien ankommt. Er wird in der Leopoldstadt wohnen, dem traditionellen Quartier der Zuwanderer aus Galizien. Er wird sein in Lemberg begonnenes Studium an der Wiener Uni fortsetzen und den Antisemitismus der hiesigen Kollegen kennenlernen. Er wird Nachhilfestunden geben, wird Zeitungsredaktionen anschreiben, die seine ersten Lyrik- und Prosatexte veröffentlichen sollen, und wird sich 1916 zum Einjährigen-Freiwilligendienst in der bereits recht dezimierten k. u. k. Armee melden.
So war das, sagt Roch. Es hätte viel für sich gehabt, den Roman mit Roth zu beginnen.
Er war mir auch, ehrlich gesagt, sympathischer als Musil. Und ich war auch schon drauf und dran, mich hinzusetzen und das längere Gedankenspiel, das ich da im Sinn hatte, mit Joseph Roth zu eröffnen. Aber da gerät mir, sozusagen im vorletzten Moment, eine Musil-Monografie in die Hände.
Auf den ersten Blick überhaupt nichts Besonderes. So eine Monografie mit alten Fotos, warten Sie, Fräulein Lisa, ich hole sie! Sie sollen sich vorstellen können, wie es mir damit ergangen ist.
Bei diesen Worten ist er schon unterwegs zu einem der Bücherregale. Und, trotz seiner Behinderung sehr flott, auch schon wieder auf dem Rückweg. Das Buch in der Hand.
Und dann legt er das Buch vor Lisa auf den Schreibtisch. Auf dem schon ziemlich abgegriffenen Cover ist ein älterer Mann zu sehen, offenbar Musil, den sie ja, ehrlich gesagt, sonst nicht vor sich gesehen hätte, keiner, den man auf den ersten Blick erkennt, keine Ikone wie Kafka oder Hesse oder Einstein oder Che Guevara oder Gandhi.
Und jetzt werde ich Ihnen was zeigen, sagt Roch. Die Lage des Magazins hier hat für mich ursprünglich keinerlei Bedeutung gehabt. Florianigasse 4 – ich habe das Angebot im Annoncenteil einer Zeitung gefunden. Die Lage, obwohl sie ganz schön ist, in dieser alten, auf ihre Art ehrwürdigen Gasse, nicht weit vom Zentrum, war für mich nur von sekundärer Bedeutung. Es ging mir in erster Linie darum, die Bücher unterzubringen. Und die Räumlichkeiten hier schienen mir dazu recht geeignet. Und die Miete war erstaunlich erschwinglich. Hab ich aus dem Fenster geschaut, so hab ich die Häuser auf der anderen Straßenseite gesehen, aber ich habe nichts mit ihnen verbunden.
Doch dann … Ja, dann habe ich in dieser Biografie geblättert. Und da finde ich – sehen Sie, Fräulein Lisa – diese Abbildung! Und mit diesen Worten schlägt er das Buch auf. Auf einer Seite, die er offenbar schon oft aufgeschlagen hat, denn dort öffnet sich das Buch geradezu bereitwillig.
Na, sagt er. Was sagen Sie?
Sie begreift nicht so rasch, was er meint.
Das etwas unterbelichtete Foto auf dieser Seite zeigt ganz einfach ein Haus. Ein älteres Haus, ein relativ niedriges Haus. Das Haus links daneben, auf dem Foto noch angeschnitten, ist um ein paar Stockwerke höher.
Ja, und?
Tja, sagt Roch, Eidetikerin sind Sie offenbar keine. Aber kommen Sie, sagt er, und nimmt sie an der Hand. Nimmt sie an der Hand, was ihr nicht angenehm ist, aber dem ersten Impuls, ihm diese Hand einfach zu entziehen, folgt sie dann doch nicht. Nimmt sie an der Hand und führt sie (wie ein kleines Mädchen, denkt sie schon etwas verärgert) ans Fenster.
Und öffnet das Fenster. Draußen regnet es nach wie vor. Aber inzwischen ist es noch dazu fast dunkel. Draußen die Florianigasse, unter der es plätschert, denn unter dem Kanalgitter in der Mitte der Fahrbahn fließt wahrscheinlich ein Bach. Die Fassade des Hauses gegenüber ist vielleicht gelb gestrichen, aber an einem verregneten Novemberabend wie heute sieht sie tatsächlich beinah so aus wie auf dem Schwarz-Weiß-Foto im Buch.
Na, sagt Roch, ist der Groschen endlich gefallen? Und führt sie (erst recht wieder an der Hand) zurück an den Schreibtisch. Und jetzt werden Sie mich vielleicht fragen, wieso dieses Haus da draußen in diesem Buch abgebildet ist. Sehen Sie, genau das habe ich mich damals, als ich zum ersten Mal in dieser Monografie geblättert habe, auch gefragt.
Und ich habe gelesen, was unter dem Foto steht. Jetzt kann ich das nicht mehr lesen, weil es so klein gedruckt ist. Aber ich weiß, was da steht, lesen Sie selbst, Fräulein Lisa. Da steht, dass Musil mit seiner Frau Martha just in diesem Haus gewohnt hat, nicht wahr, nur ein paar Monate zwar, im Jahr 1918, aber das waren sehr entscheidende Monate.
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