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Peter Gerdes
Stahnke und der Spökenkieker
Kriminalgeschichten

Zum Autor
Peter Gerdes, geb. 1955, lebt in Leer (Ostfriesland). Studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete als Journalist und Lehrer. Schreibt seit 1995 Krimis und betätigt sich als Herausgeber. Seit 1999 leitet er das Festival „Ostfriesische Krimitage“. Seine Krimis wurden bereits für den niedersächsischen Literaturpreis „Das neue Buch“ nominiert. Gerdes betreibt mit seiner Frau Heike das „Tatort Taraxacum“ (Krimi-Buchhandlung, Veranstaltungen, Café und Weinstube) in Leer. Neuere Veröffentlichungen: „Ostfriesische Verhältnisse“, „Langeooger Serientester“, „Friesisches Inferno“ und „Ostfriesen morden anders“.
www.petergerdes.com; www.tatort-taraxacum.de
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2020
(Originalausgabe erschienen 2003 im Leda-Verlag)
Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer
unter Verwendung eines Fotos von: © Jenny Sturm/stock.adobe.com
und © algr53/stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6840-7
VON FALL ZU FALL
Hauptkommissar Stahnke lebt, und das besser als je zuvor. Der Fünfzigjährige hat – nachdem ihm seine Frau davongelaufen ist – mit der Studentin Sina eine attraktive, 20 Jahre jüngere Gefährtin bekommen. Irgendwann ist er auch befördert worden, und mit Oberkommissar Kramer steht ihm ein zwar humorloser und maulfauler, aber effizienter Mitarbeiter zur Seite. Er »schätzte seinen Assistenten ebenso wie der ihn, aber die beiden Männer hatten es sich angewöhnt, daraus ein Geheimnis zu machen. Zuweilen sogar vor sich selbst.«
Stahnke lebt, und das deutlicher als je zuvor. »Ein anderes Blatt« und »Thors Hammer« (beide 1997) brachten frühe Ermittlungen, da waren andere Personen mindestens ebenso wichtig wie er. In »Ebbe und Blut« (1999) gewinnt er Kontur, in der ersten Fallsammlung »Das Mordsschiff« (2000) hat er bereits Vergangenheit und Zukunft, ist die runde Figur geworden, die ich liebe: ein Zweizentner-Mann mit stoppelblondem Kopf, dem seine »ungesteuerten Gedankenkaskaden« unbehaglich sind, weil er ein langsamer, von seinen Vorurteilen leicht verführbarer Denker ist.
»Der Etappenmörder« (2001) wurde zu Stahnkes bislang größtem und gefährlichstem Fall. Damals wandte sich Sina ab von ihrem früheren Freund, dem immer mal wieder auftauchenden Sportjournalisten Marian Godehau, und ihm zu. Spätestens seit damals aber habe ich für Stahnke zu fürchten begonnen. Es würde ihn doch nicht etwa ein ähnliches Schicksal erwarten wie Sherlock Holmes? Der sollte ja auf dem Höhepunkt des Erfolgs nach dem Willen seines Schöpfers in die Reichenbachfälle gestürzt werden. Was wird Peter Gerdes noch mit Stahnke vorhaben? Sina könnte sich von dem deutlich Älteren abwenden. Oder der stille Kramer macht endlich das, was er unverständlicherweise bis heute nicht gemacht hat und klettert die Karriereleiter an ihm vorbei. Stahnke könnte auch in den sturzbachartigen Fällen untergehen, die ein anthologisierter Kommissar nun einmal zu lösen bekommt, und sein Gesicht verlieren. Oder er muss ins zweite Glied zurück, weil der Autor eine andere Figur in sich entdeckt hat, die er nun fördert und zur Hauptfigur macht.
Einmal habe ich Peter geschrieben: »Geh vorsichtig um mit Stahnke, er ist mir lieb und wert. Wehe Du tust ihm was, so wie Agatha Christie ihrem Poirot.« Und habe ihm auch den Grund für meine Zuneigung gestanden: »Viel mehr als die großen Analytiker und geschwinden Puzzle-Füger mag ich nämlich die Umstandskrämer und Bauchdenker, die Melancholiker. Jene, die immer ein bisschen wirken wie aus der Welt gefallen – und die sie doch so genau kennen, weil manchmal eben der Blick von unten genau die richtige Optik ist. Also Pater Brown, Maigret, Brunetti, Wallander. Ja, und Stahnke eben. Also geh bloß vorsichtig mit ihm um!«
Unvorstellbar, dass Stahnke in der Gegend herumrennt und mit dem Revolver fuchtelt. »Einen Fall mental zu sezieren und zu strukturieren war fast ebenso befriedigend wie die Ergreifung eines Täters aus Fleisch und Blut. Und bestimmt ebenso kreativ.« Manchmal scheint ihn sogar die Tat mehr zu interessieren als der Täter. Auf die Spitze wird das im Fall »Schiefer als Pisa« getrieben, dessen lässige Tätervernachlässigung wohl einzigartig in der Kriminalliteratur sein dürfte.
Der große Stille aus dem Norden irrt sich mitunter, manchmal müssen ihn Freunde und Kollegen auf die richtige Lösung bringen; und immer wieder helfen ihm die merkwürdigsten Analogien weiter. Das alles gefällt mir. Es macht Stahnke unverwechselbar, liebenswert und höchst lebendig. Also hoffe ich, dass es ihm – von Fall zu Fall – weiterhin gut gehen wird. Und er keinen Reichenbach-Reinfall erlebt!
Klaus Seehafer
BLONDES GIFT
»Mein ist die Rache«, sprach der Herr im grauen Anzug. Hauptkommissar Stahnke schüttelte milde das massige, blondstoppelige Haupt und bemühte sich um eine pastorale Modulation seiner Stimme.
»Eben nicht, Herr Krüger«, antwortete er. »Selbstjustiz sieht unser Rechtssystem nun einmal nicht vor.«
»Aber genau das machen die doch mit mir.« Der hochgewachsene, hagere Mann mochte an die fünfundsechzig Jahre alt sein, was aber nur die Längsfurchen in seinem langen, aristokratischen Gesicht verrieten. Kerzengerade saß Wendelin Krüger, Mitglied der Handelskammer seit über dreißig Jahren, auf Stahnkes marodem Besucherstuhl, ohne die Rückenlehne in Anspruch zu nehmen. Ein Sinnbild der Unnachgiebigkeit.
»Sicher, Herr Krüger.« Auch Stahnke bemühte sich jetzt um Haltung, ein Vorhaben, das bei seiner Massigkeit wenig Aussicht auf Erfolg hatte. »So sieht es jedenfalls aus. Ehe wir aber etwas unternehmen können, brauchen wir Beweise. Etwas Handfestes eben. Bis jetzt haben wir ja bloß Vermutungen. Wenn auch recht plausible, wie ich zugeben muss.«
»Vermutungen.« Krüger schnaubte verächtlich durch die Nase, so überzeugend, wie Stahnke es bisher nur in alten Preußen-Filmen gesehen und gehört hatte. »Etwas Handfestes! Ha!«
Ingeborg balancierte das Kaffee-Tablett herein. Sie lächelte Krüger an, als sie die schlanke Blümchen-Tasse vor ihm abstellte. Stahnke bekam seinen HSV-Humpen, wie immer.
»Danke, Inge«, sagte er. Sein Lächeln fiel unsicher aus und blieb unerwidert.
»Bitte, Herr Stahnke.« Mit schnellen Schritten verließ die Frau den Raum, das leere Tablett unter den rechten Ellbogen geklemmt.
Wie konnte ich nur so dämlich sein, dachte Stahnke. Nicht zum ersten Mal. Eine Affäre mit der eigenen Sekretärin, das war ja wohl der klassische Blödsinn. Der beste Beweis für einsetzende Torschlusspanik. Stahnke war jetzt fünfzig und das Alleinsein nach all den Jahren mit Katharina nicht mehr gewohnt, auch wenn er sich seit geraumer Zeit zwangsläufig mehr und mehr Praxis darin aneignete. Daher hatte er Inges Avancen einfach nichts entgegenzusetzen gehabt.
Natürlich hatte er sich auch geschmeichelt gefühlt. Inge war acht Jahre jünger als er und ausgesprochen attraktiv. Schlank und sportlich, irgendwie handfest erotisch. Richtig, diese Hände. Klein und fest, zart und frech. Als Inge sich zum ersten Mal bei ihm eingehakt hatte, nach einem dieser endlosen Verhör-Abende, die sie zusammen mit ihm klaglos ertrug wie ein echter Kumpel, da hatte er gezittert wie ein Drahtseil unter Spannung. Sie hatte es gespürt. Und fester zugefasst.
Aber Stahnke war nicht der Typ, der unterschiedliche Erwartungen lange ignorieren konnte. Er war einfach zu ehrlich. Natürlich hatte es eine Weile gedauert, bis er es selbst begriff. Zuerst hatte er sich in Inges offene Arme geworfen wie in einen Zeit-Strudel, der ihn zurück führte in die Lebensphase des Suchens, des Ausprobierens, des Spielens. In eine längst vergangene Lebensphase. In diesen Strudel aber war er alleine getaucht. Inge lebte und liebte hier und jetzt. Ihre Suche war niemals ziellos, und wenn sie spielte, dann nach festen Regeln. Sie wollte keine Affäre, sie wollte eine Beziehung. Etwas Handfestes eben.
Als Stahnke das klar geworden war, da hatte er es ihr gesagt. Etwas ungelenk vielleicht – »du, lass das mal, wir müssen reden« –, aber unmissverständlich. Dass Katharina sich zwar von ihm getrennt, er sich aber noch immer nicht von ihr gelöst habe. Dass er deshalb zu einer neuen Bindung einfach nicht in der Lage sei. Das hatte er ihr gesagt, ganz offen; ein bisschen bewunderte er sich sogar dafür.
Na ja, vielleicht hatte er die Karten nicht sofort auf den Tisch gelegt, aber doch ziemlich bald, kaum dass der erste Rausch verflogen war. Er wollte genießen, aber sie sollte sich nicht ausgenutzt fühlen.
Natürlich tat sie genau das.
Krüger stellte seine Tasse lautlos auf die Untertasse zurück. Seinem Gesichtsausdruck war nicht zu entnehmen, ob ihm Inges Kaffee mundete. Auch Stahnke trank. Der Kaffee war stark, fast bitter, mit viel Milch und Zucker darin. Typisch Inge: Wenn schon, denn schon. Nicht schlecht, auf Dauer aber würde ihm das auf den Magen schlagen.
»Wann glauben Sie denn etwas Handfestes vorweisen zu können?«, fragte Krüger. »Wenn man mir das nächste Lager zertrümmert hat?«
Zynisch konnte er also auch sein, der Herr Import-Export-Kaufmann. Was aber kein Wunder war, schließlich hatte man ihm übel mitgespielt. Erst diese Rufmordkampagne – »Garantiert in die Gruft mit Wendelins Walnüssen« – und dann die Verwüstung seines Speichers. Dutzende von Nuss- und Kaffeesäcken hatten sie aufgeschlitzt und dann mit dem Feuerlöscher draufgehalten. »Als nächstes bin ich selber dran«, fürchtete Wendelin Krüger. Deshalb hatten ihn die Kollegen auch zu Stahnke ins Dezernat Gewaltverbrechen geschickt.
»Mal anders herum gefragt.« Stahnke beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Schreibtischplatte, die Unterarme vorgestreckt, die Handflächen offen, als wollte er nach dem langen grauen Herrn greifen. »Kann es denn sein, dass vielleicht etwas dran ist an den Vorwürfen, die gegen Sie erhoben wurden? Schließlich handeln Sie ja mit ›notleidenden Partien‹. Und wenn Sie wirklich schimmelige Nüsse verkauft haben sollten, wäre das ja keine Kleinigkeit. Die sind ziemlich gesundheitsschädlich, habe ich mir sagen lassen. Tja, und dann wäre es immerhin denkbar, dass nicht böse Konkurrenten Ihr Lager verwüstet haben, sondern wütende Verbraucher.«
Stahnke kam richtig in Fahrt, wie so oft, wenn sich aus ein paar Spekulationen plötzlich ein hübsches, stimmiges Bild zu formen begann. »Nüsse, das ist doch etwas für Naturköstler, oder? Nüsse im Müsli, klar. Oder im Kuchen. Na, und wenn solche Leute merken, dass man ihnen ausgerechnet in ihr Gesundheits-Essen Gift reingemischt hat, dann kann es doch sein, dass die losgehen wie die Tierschützer. Oder?«
Stahnke klatschte die Handflächen auf den Tisch. Einen Fall mental zu sezieren und zu strukturieren war fast ebenso befriedigend wie die Ergreifung eines Täters aus Fleisch und Blut. Und bestimmt ebenso kreativ.
Wendelin Krüger schnaubte wieder, diesmal lauter als zuvor. Mit einem Ruck erhob er sich, so dass der Besucherstuhl ein paar Zentimeter über das graue Linoleum nach hinten rutschte, was nach Krügers Kategorien vermutlich einem Wutausbruch gleichkam. »Mein Herr«, sagte er dennoch beherrscht, »ich habe nicht den Eindruck, dass Sie sich meinem Anliegen in gebührender Weise widmen, und bin nicht länger bereit, meine knapp bemessene Zeit auf Ihre abstrusen Theorien zu verwenden. Guten Tag.«
Starker Abgang, dachte Stahnke, als der lange, gerade, graue Rücken durch die Tür verschwand. Er nahm sich vor, weitere Erkundigungen über die Geschäfte des Herrn Wendelin Krüger einzuholen. Gleichzeitig sollten die Kollegen von der Streife Krügers diverse Lager in der Speicherstadt verstärkt im Auge behalten. Wissen konnte man ja nie.
Inge schaute herein. Ein giftiger Blick. »Noch einen Kaffee, Herr Stahnke?«
Es war so bitter, viel bitterer noch als ihr starker Kaffee, und durch keinerlei Milch oder Zucker gemildert. Mit dem Lass-uns-doch-Freunde-bleiben-Mythos hatte Inge in den letzten zwei Wochen gnadenlos aufgeräumt. Wenn schon, denn schon – ganz oder gar nicht. Liebe war nicht, also war Feindschaft. Und jeder, der die Entwicklung vom kollegialen »Sie« zum erst kumpelhaften, dann begehrlichen »Du« verfolgt hatte, wusste jetzt natürlich Bescheid.
Stahnke suchte Inges Blick, hielt ihm aber nicht stand. »Ja bitte«, sagte er und schichtete ein paar Aktendeckel um, hinter denen er sich am liebsten ganz versteckt hätte. Es war ja so bitter.
Da war die Akte Krüger. »Vandalismus St-Annen-Straße«, das war in unmittelbarer Nähe des Speicherstadtmuseums. Irgendwie passend, machte doch dieser ganze Herr Wendelin einen irgendwie musealen Eindruck. Vielleicht konnte man ihn ja ausstopfen und ins Museum neben eine der alten Sortiermaschinen stellen.
Inge platzte mit dem Kaffee mitten in sein Lachen hinein. Ihr blasses Gesicht unter dem dunkelblonden Pilzkopf blieb unverändert streng. »Ist sonst noch etwas, Herr Stahnke?«
»Nein.« Der Hauptkommissar schluckte trocken. »Danke. Du kannst Feierabend machen, Inge.«
Sie drehte sich um, mit schwingendem Rock, zeigte ihm das Muskelspiel ihrer schlanken Waden. Wie hatten sie es genossen, alle beide, wenn er zärtlich in diese Waden hineinbiss, sich dann langsam nach oben …
Sie ging grußlos.
»Kramer«, sagte Stahnke, ohne die Stimme zu heben.
Sein Assistent erschien in der Tür, verlässlich wie immer, und schwieg auffordernd.
»Sie waren doch auch neulich im Speicherstadtmuseum.«
Keine Antwort. Wer von Kramer eine Antwort wollte, musste schon eine richtige Frage stellen. Aber eine ausbleibende Verneinung reichte ja auch.
»Hat man Ihnen da auch von diesen Giften erzählt, die entstehen, wenn bestimmte Lebensmittel falsch gelagert werden? Wie heißen die noch?«
»Aflatoxine«, sagte Kramer wie aus der Pistole geschossen. »Ein Mischwort. Aspergillus für Pilz, flavus für gelb oder auch blond. Und Toxine für Gift, klar.«
»Blonde Pilze?« Stahnkes zweifelnder Blick glitt an Kramers Miene ab. »Blondes Gift? Gefährlich?«
»Kann tödlich sein«, sagte Kramer. »Die Dosierung müsste ich aber nachschlagen.«
»Und die befallen Nüsse?«
»Erdnüsse, Paranüsse, Pistazien, Haselnüsse, also tropische und auch heimische Arten. Und natürlich Kaffee.«
»Kaffee.« Stahnke hob seinen Becher an den Mund und trank. »Gerösteten?«
»Nein, Rohkaffee. Wenn er feucht wird, nicht richtig gelüftet. Aber die Rückstände bleiben nach dem Rösten drin. Das ist ja gerade das Gemeine.« Kramer schob eine Hand in die Tasche und lehnte sich lässig an den Türpfosten. Ein ungewohnter Anblick.
»Man kann es allerdings riechen, wenn Kaffee befallen ist. Riecht modrig und ein bisschen nach Gras. Solche Partien müssen dann sorgfältig neu sortiert werden.«
»Ah ja«, sagte Stahnke, »die so genannten notleidenden Partien.«
»Exakt«, sagte Kramer.
Er wartete einen Moment; als sein Vorgesetzter aber keine Anstalten machte, das ohnehin schon ungewöhnlich ausgedehnte Gespräch fortzusetzen, wandte er sich ab.
Stahnke rief ihn jedoch noch einmal zurück. »Sagen Sie, wie wirken die denn eigentlich, diese Aflatoxine?«
Kramer zuckte die Achseln. »Weiß nicht genau. Scheint aber mehr was Langfristiges zu sein. So über die inneren Organe, vor allem die Leber. Langsam, aber sicher.«
»Danke«, sagte Stahnke. Kramer verschwand.
Der Hauptkommissar hob seinen Kaffeebecher zur Nase und schnupperte. Milch und Zucker milderten die bittere Strenge des Getränks. Stahnke runzelte die Stirn. »Mein ist die Rache«, murmelte er vor sich hin.
Dann schüttelte er den Kopf: »Ach was, Unfug.« Entschlossen nahm er einen kräftigen Schluck und stellte den Becher zurück auf den Schreibtisch.
Oder schmeckte der Kaffee etwa doch etwas muffig?
»Quatsch«, sagte Stahnke. »Nie im Leben.«
DIE KREUZIGUNG DES
DR. WOHLMANN
»Typisch«, grunzte Stahnke und ließ die blickdichte Gardine zurück vors Fenster fallen, »einen dicken Jaguar vorm Haus stehen haben, aber lauthals jammern, dass die Kohle nicht mehr reicht. Ärzte. Bäh.«
Wie um seine Schmähung zu unterstreichen, tupfte sich der Hauptkommissar einen Tropfen Heilpflanzenöl unter die Nase. Das allerdings hatte ganz praktische Gründe, denn in der Praxis von Dr. Wohlmann stank es mörderisch. Buchstäblich. Und was da so stank, war der Doktor selbst.
»Und?«, fragte Stahnke, als Polizeiarzt Dr. Mergner aus dem Behandlungsraum ins Wartezimmer trat, wo der Hauptkommissar schon seit geraumer Zeit genau das tat, wozu das Zimmer gedacht war. Er tat es ungern, aber professionell. Seine Hände steckten nicht etwa deshalb in den Taschen seines Trenchcoats, um seine leitende Position zu unterstreichen. Jedenfalls nicht nur. Stahnke wusste, dass die größte Bedrohung für Spuren an Tatorten tollpatschige Polizisten waren. Also hielt er sich zurück und die Hände bei sich. Spuren und sonstige Fakten waren für die Kriminaltechniker da, für die Fotografen und die Ärzte. Sein Job war die Kopfarbeit, das, was er »die mentale Bewältigung eines Falles« nannte. Oft schon hatte er durch pure Gedankenarbeit Struktur ins postmortale Chaos gebracht. Nun ja, auch das Umgekehrte war ihm bereits widerfahren. Aber das stand auf einem anderen Blatt.
Mergner blickte so verwirrt drein wie immer. Seine ewig schief auf dem Nasenrücken hängende Nickelbrille mit den flaschenbodendicken Gläsern, auf denen sich ebenso viele Fingerspuren nachweisen ließen wie an manchem Tatort, sein wirrer Haarschopf und seine fahrigen Bewegungen stempelten ihn zur Karikatur seines Berufsstandes. Aber Stahnke, der die Außenwirkung seiner eigenen gut zwei Zentner und seines blondstoppeligen Rundschädels gut einzuschätzen wusste, ließ sich von Äußerlichkeiten längst nicht mehr täuschen. Mergner verstand sein Handwerk, auch wenn er dies zuweilen nach Kräften verbarg.
Der dürre Gerichtsmediziner warf seine langen Arme empor, so plötzlich und ruckartig, dass Stahnke unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. »Sie können sich’s aussuchen«, krähte Mergner. »Lungenperforation durch die abgesplitterten Enden mehrerer gebrochener Rippen. Innere Blutungen. Milzriss. Kreislaufzusammenbruch. Außerdem ist der Körper weitgehend dehydriert. Schon mal ’ne ganze Palette, nicht wahr? Und wer weiß, was ich sonst noch finde, wenn ich ihn erst auf dem Tisch habe.«
Mergner pflegte seine Leichen in Oldenburg zu öffnen, mit einer schier unglaublichen Präzision, von der sich Stahnke schon des öfteren hatte überzeugen können, ebenso widerwillig wie anerkennend. Reiner Zufall, dass Mergner gerade in Leer zu tun gehabt hatte, als der Leichenfund im Ärztehaus am Ostersteg gemeldet wurde.
»Danke«, sagte Stahnke. »Und was denken Sie?«
Wieder hob Mergner Arme und Hände, eine Geste, die alles zwischen Ratlosigkeit und Verzweiflung ausdrücken konnte. »Äußerste Brutalität«, stieß er hervor, »hab ich selten gesehen, so was. Ein Irrer, wenn Sie mich fragen. Vielleicht religiös motiviert. Sie wissen schon, Ostern und so.« Mergner raufte sich die Haare, befingerte seine Brille und vergewisserte sich, dass sein ausgeblichener Schlips auch wirklich schief hing. »Aber erwarten Sie bitte nicht, dass …«
»… auch nur ein Wort davon in Ihrem Bericht steht«, unterbrach Stahnke und nickte besänftigend. »Sie sind Mediziner, kein Kriminalist, und den Mörder muss ich schon selber finden. Ich weiß.«
»Genau.« Mergner blickte sich nach seiner Tasche um. »Und darum möchte ich auch verschärft gebeten haben, dass Sie ihn nämlich finden, den Mörder, allein schon aus standesmäßiger Betroffenheit heraus.« Er hielt inne, wie eingefroren mitten in der Bewegung: »Oder standesgemäßer? Wie sagt man?«
»Standesmäßige Betroffenheit ist schon standesgemäß, denke ich«, erwiderte Stahnke. Als Mergner die Stirn runzelte, schob er schnell nach: »Und was können Sie zum Todeszeitpunkt sagen?«
»Der Verwesungsprozess ist schon recht weit fortgeschritten, beschleunigt durch die Hitze«, sagte Mergner, der gedanklich sofort umgeschaltet hatte. »Das erfordert einiges an Rechnerei. Aber ich sage mal: Karfreitag.«
Wieder nickte Stahnke. Mergners Da-war-doch-noch-was-Blick ließ er an seinem Pokerface, das er in langen Dienstjahren ganz nach Bedarf ein- und auszuknipsen gelernt hatte, abgleiten. Er bedankte sich herzlich und schüttelte den Polizeiarzt mit einem kräftigen Händedruck aus seiner Grübelei. Mergner zuckte die Achseln und ging.
Widerstrebend wandte sich Stahnke wieder dem Behandlungszimmer zu. Kramer kam ihm entgegen, kreidebleich. »Die Bestatter sind da«, sagte der Oberkommissar mit einer Stimme, deren gepressten Klang Stahnke unwillkürlich in der Rubrik »grünlich« einordnete. »Können wir ihn jetzt losmachen?«
»Gleich«, sagte Stahnke und schob sich an seinem Assistenten vorbei, ohne die Hände aus den Manteltaschen zu nehmen.
Karfreitag. Doch, da könnte etwas dran sein, überlegte Stahnke, während er Wohlmanns Leiche ein weiteres Mal betrachtete. Der leblose Körper des Kinderarztes saß auf dem grünen Linoleum, das verzerrte Gesicht eingesunken, der Leib aufgedunsen, mit dem Rücken an einen breiten Heizkörper gelehnt, die weit ausgebreiteten Arme mit Handschellen an die Heizungsrohre gefesselt. Tatsächlich gemahnte das Bild an eine Kreuzigung. Das Heizungsventil war bis zum Anschlag aufgedreht gewesen, und da es über die Osterfeiertage noch einmal recht kühl geworden war, hatte der Gasbrenner ganz hübsch gepowert. Den Kollegen von der Funkstreife, die als Erste alarmiert worden waren, war eine fürchterliche Hitze entgegengeschlagen. Und ein entsetzlicher Gestank.
Wohlmann war misshandelt worden, ob vor oder nach seiner Kreuzigung, musste noch ermittelt werden. Vermutlich war beides der Fall. Der oder die Täter hatten den Arzt geschlagen und getreten, hatten ihm mehrere Rippen gebrochen, Blutergüsse zugefügt und innere Organe verletzt. Dann hatten sie ihn seinem Schicksal überlassen, angekettet und mit fest verklebtem Mund.
Einige Zeit hatte er sicherlich noch gelebt, rasend vor Schmerzen, Angst und Durst. Seine Handgelenke waren blutig gescheuert, seine Kleidung von Kot und Urin verschmutzt. Wie lange mochte es gedauert haben, bis der Tod ihn erlöste? Karfreitag, Samstag, Ostersonntag, Ostermontag – die Praxis war über die Feiertage natürlich geschlossen, ebenso wie alle anderen im Haus, keiner der Kollegen hatte Notdienst gehabt. Das große Gebäude war praktisch menschenleer gewesen. Keine Chance auf Rettung, keine Hoffnung, nur brennende Hitze und Qualen bis zum Schluss.
»Ist gut«, sagte Stahnke. »Sie können ihn losmachen.« Die Kollegen machten sich ans Werk, die Bestatter öffneten den Leichenkoffer.
Kramer saß im Wartezimmer und blätterte in einer Zeitschrift mit braunem Pappeinband. Lesezirkel, alter Kram, wie in den meisten Praxen. Stahnke setzte sich neben seinen Kollegen. Eine Tageszeitung vom vergangenen Donnerstag lag aufgefächert auf dem niedrigen Tisch, Sportteil obenauf.
»Haben Sie die mitgebracht?«, fragte Stahnke.
Kramer schüttelte den Kopf: »Lag schon hier, als ich kam. Wieso? Soll ich sie ins Labor geben?«
Stahnke antwortete nicht. Vorsichtig blätterte er um, jede Seite nur mit den Fingerspitzen berührend. Regionalsport, Bundesliga, Lokalsport, darunter ein Block mit Bumsanzeigen. Es folgten zwei weitere Seiten mit Inseraten und ganz hinten die Familienanzeigen. Geboren, geheiratet, gestorben. Tja. Eigentlich konnte man Lebensläufe recht knapp zusammenfassen.
»Was waren das eigentlich für Handschellen?«, fragte er.
»Ziemlich professionelle Dinger«, sagte Kramer. »Kein Kinderspielzeug mit Sicherheitsknöpfchen. Leider. Diese haben Polizei-Qualität. Es sind aber ziemlich viele von den Dingern in Umlauf.«
»Ach. Und wo wird so was verkauft?«
Ein feines Grinsen spielte um Kramers schmale Lippen: »In Sexshops natürlich.«
»Natürlich«, bestätigte Stahnke eilig. »Na, dann wollen wir die mal überprüfen.«
»Schon veranlasst«, sagte Kramer.
Hin und wieder könnte ich ihn eigentlich loben, dachte Stahnke. Stattdessen aber fragte er: »Deutet denn irgendetwas auf Sexspielchen hin? Ich meine, es sollen sich ja schon Leute selbst erdrosselt haben beim Versuch, sich den Extra-Kick zu geben.«
Kramer brachte es fertig, gleichzeitig zu nicken und den Kopf zu schütteln, ohne dabei debil auszusehen. »Schon, aber das können wir ausschließen. Das hier übersteigt alle mir bekannten Sado-Maso-Praktiken. Ich meine natürlich, alle, von denen ich bisher gehört habe.«
»Natürlich«, bestätigte Stahnke. Das Grinsen verkniff er sich. »Also dann, was haben wir?«
»Dr. med. Hanno Wohlmann, 43 Jahre, verheiratet, keine Kinder. Niedergelassener Kinderarzt, alteingesessene Praxis vom Schwiegervater übernommen, Ehefrau arbeitet als Sprechstundenhilfe mit. Gut situiert, aber nicht übermäßig begütert.«
»Na, für einen Jaguar reicht es immerhin«, unterbrach Stahnke.
Kramer hob fragend die Augenbrauen: »Wieso Jaguar? Die Wohlmanns haben einen Passat, dunkelblau. Kein schlechter Wagen, aber kein Jaguar.«
Stahnke wies mit dem Daumen über seine Schulter; Kramer erhob sich halb und linste durch die Gardine. »Ach der«, sagte er. »Ist mir auch aufgefallen. Der gehört aber nicht Wohlmann, sondern einem seiner Nachbarn. Banker oder so.«
Stahnke nickte stumm. Dass ihm das immer wieder passieren musste! Ständig tappte er in die Falle seiner eigenen Vorurteile. Was ins Bild passte, wurde geglaubt. Glauben aber hieß nicht wissen. »Und nicht wissen heißt sechs«, pflegte sein alter Mathelehrer stets zu ergänzen. Man musste eben genauer hinsehen. Stahnke, setzen. Nur gut, dass er bereits saß.
Das Wartezimmer besaß zwei Türen; die eine führte zum Behandlungszimmer, die andere zum Flur mit der Rezeption, den weiteren Ordinations- und Therapiezimmern und dem Durchgang zu den Privaträumen. Vom Flur her war ein zaghaftes Klopfen zu hören.
»Bitte«, sagte Kramer.
Die Tür wurde einen Spalt breit geöffnet, und ein kleiner, vierschrötiger Mann schob seinen Kopf hindurch. »Brauchen Sie noch etwas?«, fragte er.
»Danke«, sagte Kramer. »Aber kommen Sie doch einen Augenblick herein, Herr Przybilski.«
Ein Bauerngesicht, dachte Stahnke. Rund, pausbäckig, stark geädert, flankiert von zwei leuchtend roten Segelohren. Drei zu eins, dass das der Hausmeister ist.
»Herr Przybilski ist hier der Hausmeister«, erläuterte Kramer.
Stahnke erhob sich, schüttelte dem Mann die Hand und lächelte ihm so leutselig zu, dass der gar nicht anders konnte als zurückzulächeln, obwohl ihm offenkundig gar nicht danach zu Mute war.
»Sie haben uns also angerufen«, stellte Stahnke fest; von irgendwem hatte er das aufgeschnappt. »Haben Sie auch die Leiche gefunden?«
Przybilski nickte. »Ja. Das Fräulein Weiß, die junge MTA, also die neue Sprechstundenhilfe, hat bei mir geklingelt. Weil sie nicht reinkam in die Praxis, nicht wahr, und weil es so roch. Ich habe dann aufgemacht, und zusammen sind wir rein.«
»Fräulein Weiß?« Stahnke blickte Kramer an.
»Schock«, sagte Kramer knapp. »In Behandlung. Noch nicht vernehmungsfähig. Wir werden benachrichtigt.«
»Und warum konnte die Dame nicht hinein? Hatte sie keinen Schlüssel? Immerhin arbeitet sie doch hier.«
»Doktor Wohlmann hat seinen Angestellten nie Schlüssel gegeben«, sagte der Hausmeister. »Nur er und seine Frau hatten welche. Einer von beiden kam immer als Erster, der andere ging als Letzter.«
»Und wer wäre heute dran gewesen mit früh da sein? Wohlmann oder seine Frau?«
»Der Herr Doktor«, sagte Przybilski. »Er wollte über die Feiertage noch Unterlagen für die Krankenkassen aufarbeiten, hat er mir letzte Woche erzählt. Seine Frau ist verreist. Besucht ihre Eltern in Bremen über die Feiertage. Soll erst übermorgen zurück sein.«
»Sie ist schon benachrichtigt«, kam Kramer Stahnkes Frage zuvor. »Die Bremer Kollegen haben das übernommen.«
Stahnke rieb sich das Kinn; seine Bartstoppeln raschelten leise. Er fixierte Kramer und fragte mit gedämpfter Stimme: »Haben Sie dieses Fräulein Weiß gesehen?«
Kramer nickte.
»Und?«
Kramer zuckte die Achseln. »Jung. Hübsch. Niedlich.« Er lehnte sich zurück. »Meinen Sie das?«
»Klar«, sagte Stahnke. »Und sie war neu hier in der Praxis, nicht wahr?« Ein verlockender Gedanke: Geldsack trifft Jungbrunnen, betrogene Gattin wird zur Bestie. Klischee, sicher. Aber warum war das Klischee? Weil es immer wieder vorkam.
Vorsichtig, Stahnke, dachte Stahnke. Denk an den Jaguar.
»Wer tut so was? Wer tut bloß so was?« Przybilskis Stimme klang halb erstickt.
Überrascht blickte Stahnke auf. Der Hausmeister stand gekrümmt da, das Gesicht in seinen Handflächen verborgen. »Er war doch so ein feiner Mensch, der Herr Doktor. Hat immer nur allen geholfen. Sich um jeden gekümmert, um die Kinder, hat sie gesund gemacht. Ein Wohltäter. Wer tötet denn so jemanden? Wer bringt so einen um? Und dann auch noch so.«
Stahnke legte ihm beide Hände auf die Schultern; dieses Maß an Vertraulichkeit mochte gerade noch angehen. »Genau das ist die Frage, Herr Przybilski«, sagte er. »Und genau deswegen sind wir ja hier. Um das rauszukriegen. Vertrauen Sie uns, wir werden den Mörder schon finden.« Fast hätte Stahnke über seine eigenen Worte den Kopf geschüttelt. Seit wann machte er denn so große Sprüche? Und so sentimentale obendrein?
Der Hausmeister rieb sich die Augen, bedankte sich und ging.
Alles in allem ein ziemlich peinlicher Auftritt, fand der Hauptkommissar.
»Blödsinn«, sagte Kramer.
Stahnke spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. »Wie – äh …« Sein Mund blieb stumm und offen.
»Blödsinn ist das. Von wegen Wohltäter Wohlmann. Der war als Kinderarzt nicht halb so gut, wie dieser Przybilski ihn hinstellt.«
Erleichtert stellte Stahnke fest, dass Kramer nicht ihn gemeint hatte. Dann erst registrierte er die Bedeutung seiner Worte. »Kein guter Arzt? Mangelndes Fachwissen oder menschliche Defizite?«
»Beides, wenn Sie mich fragen«, sagte Kramer. Der hagere Mann blickte zu Boden. Man konnte durch seinen Mantel hindurch sehen, dass er die Fäuste in den Taschen ballte.
»Ja«, sagte Stahnke, »das tue ich. Erzählen Sie mal.«
»Meine Tochter«, sagte Kramer. »Stephanie. Sieben Jahre alt. Sie erinnern sich?«
Der Hauptkommissar nickte. Kramer hatte den kleinen Blondschopf vor ein paar Wochen einmal mit ins Büro gebracht. »Girls day« – was das wohl zu bedeuten hatte? Allzu viel konnte Stahnke mit Kindern nicht anfangen, aber Steffi hatte ihm gefallen. Sie war unglaublich clever, eigentlich so gar nicht kindlich. Vielleicht deshalb.
»Sie hat nur ein Auge«, sagte Kramer. Und verbesserte sich schnell, als er den entsetzten Blick seines Vorgesetzten sah: »Natürlich sind beide Augen noch da, aber sie kann nur auf einem sehen. Das andere ist praktisch blind.«
»Das tut mir Leid.« Stahnkes Stimme klang brüchig.
»Ja.« Kramer fuhr fort: »Sie war erst sechs Monate alt, als mir etwas auffiel. Beim Füttern, wissen Sie. Da saß ich mit ihr im Kinderzimmer, nur die Nachttischlampe brannte, die Kleine war ganz entspannt, saugte mit Hingabe und schaute mich dabei an, die Augen weit offen und die Pupillen riesengroß. Ich konnte alles darin sehen, mich selbst, das Zimmer, alle meine Träume. Und plötzlich diese kleine Galaxis in ihrem rechten Auge.«
Mein Gott, Kramer, dachte Stahnke. Die Ratio auf zwei Beinen, beherrscht bis zum Gehtnichtmehr, durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Dachte ich immer. Dieser Gegenbeweis war nun wirklich nicht nötig. Er wandte sich ab, als sein Kollege das Taschentuch zückte, und drehte sich erst wieder um, als Kramer weitersprach.
»Im selben Moment, als ich diesen Nebel bemerkte, wusste ich auch schon, was das war. Ich wusste es, aber ich konnte es nicht glauben. Statt genauer hinzusehen, wollte ich es einfach nicht wahrhaben, verstehen Sie?«
»Verstehe ich«, sagte Stahnke. »Und dann gingen Sie zu Wohlmann?«
»Er hat mir genau das erzählt, was ich mir zu hören gewünscht hatte. ›Ach, das kennen wir ja, überängstliche Eltern, die bilden sich alles Mögliche ein. Nicht wahr, hahaha, das wollen wir mal nicht so ernst nehmen, was besorgte Eltern so zu sehen glauben.‹ Tja. Ich hab’s ihm geglaubt, weil ich ihm glauben wollte, weil es ja so schön gewesen wäre, wenn es gestimmt hätte.« Kramer schluckte. »Hat aber nicht gestimmt.«
»Was war es denn?«
»Ein Blutgefäß, das da nicht hingehörte. Habe mich später über die Zusammenhänge informiert. Während der Entwicklung eines Embryos werden sozusagen Versorgungsleitungen für bestimmte Organe aufgebaut, zum Beispiel für die Augen. Und wenn die dann fertig aufgebaut sind und nur noch zu Ende wachsen müssen, werden diese Leitungen, also die Adern, wieder abgebaut. Eben aufgelöst. Ihre Substanz geht in den kleinen Körper mit ein.«
»Schlau«, sagte Stahnke.
Kramer lächelte: »Ja, nicht wahr? Ist schon eine tolle Sache, das Leben, so rein planungstechnisch. Nur leider wurde diese eine Versorgungsleitung nicht wieder abgebaut. Sie blieb bestehen, dort, wo sie nicht mehr hingehörte. Echter Planungsfehler.«
»Genetischer Defekt?«
»Vermutlich.« Kramers Blick ging an Stahnke vorbei ins Leere. »Die Ader saß als Fremdkörper an der Linse, weiß und gekrümmt, wie eine winzig kleine Galaxis, und hat sie getrübt. Wenn man rechtzeitig operiert hätte, wäre die Linse zwar wohl auch nicht mehr zu retten gewesen, auf jeden Fall aber hätte man die Sehfähigkeit des Auges annähernd erhalten können, und dann hätte Steffi die Möglichkeit gehabt, sich eines Tages als Erwachsene eine künstliche Linse implantieren zu lassen. Das kann sie jetzt abhaken.«
»Kann Steffi denn mit dem rechten Auge gar nichts mehr sehen?«
»Praktisch nichts. Selbst die restliche Sehfähigkeit, die paar Prozent, die anfangs noch nachzuweisen waren, wurde nicht erhalten. Das hat Wohlmann auch versaut. Falsch therapiert, zu spät, zu halbherzig. Der Augenarzt, zu dem wir später gegangen sind, hat’s gar nicht glauben wollen. Aber da war der Schaden schon angerichtet.«
»Und was hat dieser … dieser Doktor Wohlmann dazu gesagt?« Stahnke bekam seine Kiefer nur mit Mühe auseinander. Die verkrampften Muskeln schmerzten.
»Was er gesagt hat? ›Glückwunsch zu Ihrer Diagnose, Sie hatten ja wohl doch Recht.‹ Das hat er gesagt. Wirklich wahr. Steffi hat den doch überhaupt nicht interessiert. Ich bin damals aus dieser Praxis rausgegangen wie betäubt. Und nie wieder hingegangen. Wir haben sofort danach den Kinderarzt gewechselt. Wer weiß …«
»Ja«, sagte Stahnke. Nicht, dass er Kramer eine Affekthandlung zugetraut hätte. Eine Gewalttat schon gar nicht. Aber verstanden hätte er es. Was sicher ein Fehler war, überlegte er, denn schließlich war Rache keine Privatsache, sondern – tja, seine. Seine Sache. In gewisser Weise. Als Sachwalter des staatlichen Gewaltmonopols. Aber immerhin wäre dies schon Motiv Nummer drei. Erstens religiöser Wahn, zweitens Eifersucht, drittens Rache. Ein nettes Sortiment. Man musste nur noch seine Wahl treffen. »Rache«, murmelte er vor sich hin.
»Was?« Kramer schreckte hoch.
»Wir sollten uns doch mal die Patientenkartei durchschauen«, sagte Stahnke. »Vielleicht mit Mergner zusammen, der sieht bestimmt Dinge, die wir nicht sehen. Oder nicht verstehen. Wo sind denn die Akten hier?«
»In den Metallschränken nebenan«, sagte Kramer. »Steht jedenfalls dran. Die Dinger sind abgeschlossen. Aber da kommen wir schon ran. Soll ich den Przybilski rufen?«
»Przybilski.« Stahnke stutzte.
»Ja, Sie wissen doch, den Hausmeister …« Er unterbrach sich, weil Stahnke ungeduldig abwinkte. Da war etwas, kein Gedanke, keine Erinnerung, sondern nur ein Zipfelchen davon, irgend etwas Erhaschtes. Was?
»Die Zeitung«, sagte er. »Her das Ding.«
Kramer fragte nicht, sondern schob das Blatt wortlos über den Tisch.
Der Sportteil. Regionalsport, Bundesliga, Lokalsport? Nein. Huren- und sonstige Anzeigen auch nicht. Was war es?
Geboren, geheiratet, gestorben. Das war es. Die Todesanzeigen. Schnell überflog er die fett gedruckten Namen in den schwarz umrandeten Annoncen. Blätterte um, schaute, blätterte zurück. Nein, das war es nicht. Kein Przybilski. Kein kleines Kind dieses Namens, gestorben wegen ärztlicher Interesselosigkeit und Selbstüberschätzung, kein kleiner Engel, der nach Rache schrie.
Oder? Nicht so hastig, Stahnke, nicht so luschig. Schau genauer hin.
Er las die Lebensdaten der Verstorbenen. Erstaunlich, wie alt die Leute in Ostfriesland wurden … aber hier, geboren 1990, ein kleiner Junge. Aber er trug einen ganz anderen Namen und hatte auch nicht in Leer gelebt. Die Anzeige war mit einem Kreuz versehen und mit einem Spruch. Nein, kein Bibelwort: »Enttäuschtes Hoffen brennt heißer als die Hölle.« Ach herrje, wer ließ sich denn so was einfallen?
Stahnke sah zu Kramer hinüber. Der Oberkommissar hatte sich wieder hingesetzt, die Beine gespreizt, den Oberkörper geneigt, die Ellbogen auf die Schenkel gestützt, die Handflächen gegeneinander gepresst und den Blick zu Boden gerichtet. Oh ja, auch er hatte gehofft. Obwohl er gesehen hatte und wusste. Aber da war einer, der hatte seiner Hoffnung Nahrung gegeben. Nicht aus Bosheit, nein, aus reiner Bequemlichkeit und Besserwisserei. Was war wohl schlimmer?
Stahnke wandte sich ab. Sein Blick streifte den Heizkörper. Schau genau hin, verdammt noch mal.
Wieder las er die Anzeige: »Enttäuschtes Hoffen brennt heißer als die Hölle. Viel zu früh … nach langem Leiden … in Liebe…«, dann die Namen der Eltern und Großeltern, Geschwister gab es offenbar keine, aber da: »Dein Patenonkel.« Und dahinter der Name.
»Also doch«, sagte Stahnke. »Erich Przybilski.« Das Bauerngesicht. Er hatte genau hingeschaut: Die Augen hinter den vorgehaltenen Händen waren trocken gewesen.
»Was?« Wieder wurde Kramer aus seinen Gedanken hochgeschreckt.
»Holen Sie Przybilski her«, sagt Stahnke. »Bitte. Und seien Sie höflich zu ihm.«
DAS BLINZELN DES AUTOMATEN
Als er den Automaten sah, konnte sich Stahnke eines Grinsens nicht erwehren. »Kottan«, murmelte er leise vor sich hin. Tatsächlich erinnerte der ungeschlachte beigefarbene Kasten stark an den sadistischen Apparat aus der österreichischen Krimiserie. »Kein Kaffee für den Präsidenten«, zitierte der Hauptkommissar leise und stellte sich dabei seinen eigenen Chef vor, wie er versuchte, den Getränkeautomaten von einer Felsklippe zu stürzen.
»Wie bitte?«
Stahnke zuckte zusammen, aber es war nur Kramer.
»Nichts, nichts. Lassen Sie sich nicht stören.«
Kramer hob kurz eine Augenbraue und wandte sich ab. Spock, dachte Stahnke. Faszinierend. Dann schüttelte er den schweren, vom Vorabend her noch etwas umwölkten Kopf. Offenbar hatte er neben dem Wein- auch den Fernsehgenuss übertrieben, mangels anderweitiger Gesellschaft. Vielleicht sollte er es mal mit einem Kaffee versuchen.
Cappuccino sei alle, signalisierte ein rotes Lämpchen. Es schien ein wenig zu blinzeln. Also entschied sich Stahnke für »Kaffee mit Kaffeeweißer und Zucker«. Der Automat schluckte die Münzen und spie heiße Flüssigkeit aus. Allerdings keinen Becher, so dass die Plörre direkt in den Ausguss lief. Das Plätschern und Gurgeln erinnerte entfernt an unterdrücktes Lachen.
»Eigentlich wollten wir da ja noch Fingerabdrücke nehmen.« Der Vorwurf, der in Kramers Stimme mitschwang, wurde durch einen Anflug von Schadenfreude leicht gemildert.
»Oh.« Stahnke versteckte die kräftigen Hände in den Taschen seines Trenchcoats. Dort trug er sie ohnehin am liebsten. »Dann berichten Sie mal«, sagte er, denn ein Themenwechsel schien angebracht.
»Ein Küchenmesser«, referierte Kramer. »Klinge knapp zwanzig Zentimeter lang, sehr scharf. Glatt eingedrungen, genau zwischen zwei Rippen hindurch. Herzkammerperforation. Der Tod dürfte sofort eingetreten sein.«
Der Tote lag auf dem Rücken, längs vor der Spüle, von der Tür zur Redaktions-Teeküche halb verborgen. Stahnke runzelte die Stirn, während er die Leiche betrachtete. Eigentlich gab es nichts Ungewöhnliches zu sehen, wenn man einmal die Tatsache, dass da ein Mann von höchstens fünfunddreißig Jahren mit einem Messer in der Brust tot am Boden lag, nicht als ungewöhnlich einstufte; so etwas erlebte man eben gelegentlich in diesem Beruf. Nein, Leichen an sich irritierten den Hauptkommissar nicht mehr. Aber was dann?
Der Tote war mittelgroß und halbwegs schlank, trug braune Halbschuhe, blaue Jeans und ein schwarzblau kariertes Holzfällerhemd, auf dem sich rund um die Klinge, die zu etwa zwei Dritteln eingedrungen war, ein recht kleiner Blutfleck ausgebreitet hatte – bester Beleg für einen sauberen Stich und einen schnellen Tod. Das Gesicht war oval, die Frisur weder lang noch kurz, die Brille mittelgroß, das Gestell mittelstark. An diesem Mann gab es so gar nichts Auffälliges. War es womöglich das, was ihm aufgefallen war?
Nein. »Kramer«, sagte Stahnke, »schauen Sie doch mal, wie der liegt.«
Kramer schaute. Und zuckte die Achseln. »Auf dem Rücken«, sagte der Oberkommissar in einem Ton, als habe er noch niemals etwas Überflüssigeres ausgesprochen.
»Quatsch«, sagte Stahnke. »Oder ja, natürlich auf dem Rücken. Aber wie er daliegt! Total – na, ungeschickt eben, nicht wahr? Steif und irgendwie paddelig. So liegt man doch nicht.«
Kramer betrachtete seinen Vorgesetzten wie ein freundlicher Arzt einen eingebildeten Kranken. »Steif ist er jedenfalls«, sagte er dann. Den Rest ließ er unkommentiert, und das sagte alles.
»Wann ist der Tod denn eingetreten?«, fragte Stahnke.
»Gestern Abend zwischen halb elf und halb zwölf«, antwortete Kramer. »Um halb elf hat man ihn nämlich noch unten in der Technik gesehen. Irgendwann in der Stunde danach muss es ihn dann erwischt haben.«
»Was hatte er denn um diese Zeit noch hier zu suchen?«
»Der Mann«, Kramer blätterte in seinen Notizen, »übrigens ein gewisser Thomas Kretschmer, ist oder vielmehr war Sportredakteur der Ostfriesland-Nachrichten, gestern Abend hatte er Dienst, und Kickers Emden hat gespielt. Fußball-Oberliga. 0:3 verloren. Den Spielbericht hat Kretschmer noch aktuell geschrieben. Dann hat er sich in der Technik vergewissert, dass alles passte, und ist gegangen. Unten dachten alle, er sei nach Hause. Offensichtlich aber ist er noch einmal in den ersten Stock zurückgekehrt und in die Teeküche gegangen. Tja, und da liegt er immer noch.«
»Thomas Kretschmer also.« Stahnke war nicht gerade sportbegeistert, aber die Artikel mit dem Kürzel »teka« hatte er immer gerne gelesen. Nicht der Themen wegen, sondern weil ihm der Stil gefiel. Kretschmer hatte sich stets weniger für Resultate interessiert als für die Dramaturgie von Sportereignissen. An welchem Punkt war die Partie gekippt, welches Detail hatte sich im Nachhinein als richtungweisend herausgestellt? Kretschmer hatte einen scharfen Blick für die innere Struktur von Geschehnissen gehabt. Und sich Stahnke damit als verwandte Seele empfohlen.
»Gibt es schon eine Tätervermutung?«, fragte der Hauptkommissar. »Hatte Kretschmer Feinde?« Sportredakteure konnten sich schnell unbeliebt machen. Mehr als ein Trainer verdankte Kretschmers spitzer Feder schließlich einen vorzeitigen Jobverlust, und auch mit manchem Spieler war »teka« nicht eben freundlich umgesprungen. Wobei er seine Kritik zumeist in subtile Formulierungen kleidete. »Jatzke verwaltete den linken Flügel« – herrlich vernichtend. Aber ob Fußballer das überhaupt kapierten?
Kramer schüttelte den Kopf: »Ich habe bisher nur mit dem Hausmeister und den Sekretärinnen sprechen können; die Redakteure kommen erst später. Kretschmer scheint allgemein beliebt gewesen zu sein. Höflich, zurückhaltend, eben ein richtig netter Kollege.«
Stahnke nickte. Dieses Sozialprofil deckte sich hundertprozentig mit der äußeren Erscheinung des Ermordeten. Dabei steckten hinter dieser unscheinbaren Schale doch ein scharfer analytischer Geist und ein überdurchschnittliches Stilgefühl. Eine seltsame Diskrepanz, aber beileibe keine seltene. Der Hauptkommissar rieb sich die runden Wangen. Gab es nicht auch bei ihm selbst diesen seltsamen Kontrast zwischen körperlicher Plumpheit und geistiger Eleganz?
Allerdings hatte ihn noch keiner deshalb umgebracht.
Er räusperte sich: »Kennen wir schon die Herkunft der Tatwaffe?«
»Sie stammt vermutlich aus der Schublade dort drüben«, sagte Kramer. »Dort gibt es ein ganzes Sammelsurium an Besteck und Küchengerätschaften, lauter Einzelstücke. Hier werden nämlich immer die Geburtstagsbrötchen geschmiert und die Kuchen aufgeschnitten, da bleibt immer mal etwas liegen.«
Der Messergriff war schwarz, offenbar aus Plastik. Das war günstig. »Fingerabdrücke?«
Kramer nickte. »Sind abgenommen und werden gerade untersucht. Es scheinen die Abdrücke einer einzigen Person zu sein.«
»Das könnte uns ja den Job ein bisschen erleichtern.« Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Was, wenn der Täter nicht zu den Beschäftigten der »Ostfriesland-Nachrichten« gehörte, sondern von außen gekommen war? Dann würden ihnen die Abdrücke herzlich wenig nützen. Es sei denn, er wäre ein Profi, den sie bereits in ihrer Kartei hatten. Aber diese Leute hinterließen gewöhnlich überhaupt keine Spuren.
Erneut musterte Stahnke den Toten. Auf sein Äußeres hatte Kretschmer sichtlich keinen Wert gelegt. Kleidung und Frisur drückten bewusste Nachlässigkeit aus, ohne bereits verkommen zu wirken. Als Sportredakteur musste er tagtäglich mit dem Körperkult, der in dieser Szene herrschte, konfrontiert gewesen sein. Diesem Kult hatte er sich offenkundig verweigert. Und andere Schwerpunkte gesetzt. Stahnke glaubte in einen Spiegel zu blicken.
»Chef.« Kramer winkte ihn hinaus auf den Flur. »Dies hier ist Frau Antje Winkler, Lokalredakteurin. Sie hat den Toten gut gekannt.«
Antje Winkler war mittelgroß, rotblond und sommersprossig; ihr Make-up war um die Augen herum verwischt, aber sie hatte sich bereits wieder im Griff. Trotzdem beschloss Stahnke, sich dem Thema auf Umwegen zu nähern. »Wer hat eigentlich Zugang zu den Räumen der Redaktion?«, fragte er. »Abends, meine ich.«
Die Rotblonde antwortete mit Turbogeschwindigkeit; Stahnke staunte, dass sich die Worte, die sich da im Eiltempo über ihre leuchtend roten Lippen drängten, nicht gegenseitig beiseite rempelten. »Praktisch jeder, der einen Schlüssel zu diesem Haus hat, und das sind alle, die hier beschäftigt sind. Es gibt zwar eine Zwischentür, die sich nur mit den Schlüsseln der Redaktionsangehörigen öffnen lässt, aber die steht häufig offen. Da verlässt sich immer einer auf den anderen, und am Ende ist dann wieder eine Kamera weg.«
»Heute früh war die Zwischentür aber zu«, unterbrach Kramer. »Ordnungsgemäß abgeschlossen. Hat der Hausmeister ausgesagt.«
»Das heißt also, die Tür wurde nach dem Mord abgeschlossen«, überlegte Stahnke. »Womöglich vom Mörder selbst. Das würde den Kreis der Verdächtigen auf die Redaktionsmitglieder eingrenzen. Es sei denn, Kretschmer hätte sich und seinen Mörder selbst hier eingeschlossen, und der Täter ist anschließend durch ein Fenster im Erdgeschoss raus. Oder mit Kretschmers Schlüssel.«
»Beides scheidet aus«, warf Kramer ein. »Laut Hausmeister waren alle Fenster geschlossen, und Kretschmers Redaktionsschlüssel haben wir am Bund in seiner Hosentasche gefunden.«
Fleißiger Kramer. Also einer von Kretschmers Kollegen. Stahnke wandte sich wieder an die Lokalredakteurin: »Frau Winkler, wie war denn Kretschmers Verhältnis zu den anderen Redaktionsmitgliedern? Gab es da Spannungen, Rivalitäten, vielleicht sogar Feindschaften?«
Die Rotblonde zuckte die Schultern: »Eigentlich war der Thomas ziemlich beliebt. Feinde hatte er hier bestimmt nicht, so nett und höflich, wie er immer war.« Sie runzelte die Stirn: »Spannungen gibt’s natürlich immer irgendwie, nicht wahr. Ich weiß, dass die Typen aus der Reportage nicht gut auf ihn zu sprechen waren. Aber das war purer Neid. Diese Reporter halten sich ja für die absoluten Edelfedern, und auf die Sportler und die Lokalen gucken sie verächtlich herab, das ist in jeder Zeitung so, nicht nur bei uns. Na, und was die Schreibe angeht, gab es bei uns in Wahrheit keinen besseren als den Thomas. Das hat die Reporter-Schnösel ganz schön gewurmt.« Einen Augenblick lang strahlte Antje Winkler; die Frage, wem ihre Sympathien in dieser Angelegenheit gegolten hatten, erübrigte sich. Schnell aber wurde das Gesicht der jungen Frau wieder ernst. »Armer Thomas.«
Neid auf fähigere Kollegen – so etwas gab es wohl in jedem Betrieb, auch bei der Polizei. Das alleine aber war noch kein Mordmotiv. »Standen in der Redaktion eigentlich personelle Veränderungen an? Oder hat es kürzlich welche gegeben? Versetzungen, Beförderungen vielleicht?«
Antje Winkler kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Offenbar hatte sie begriffen, worauf Stahnke hinaus wollte. »Thomas hatte keinerlei Karriere-Ambitionen. Er wollte kein Chef werden. Wollte genau den Job machen, den er machte. Beneidenswert.« Wieder verdüsterte sich ihr Blick.
Stahnke schaute Kramer an; der schaute ausdruckslos zurück. Einen pflegeleichteren Kollegen als Thomas Kretschmer schien es niemals irgendwo gegeben zu haben. Jedenfalls, soweit es die Redaktion, den eigenen Betrieb betraf. Nach außen dagegen, in seinen Artikeln, war Kretschmer durchaus scharf und spitz gewesen – ganz so wie die Messerklinge, die sein Leben vorzeitig beendet hatte. Wenn es also Feinde gab, so konnten sie nur von außen kommen. Aber genau das, nämlich von außen kommen, konnte der Täter ganz offensichtlich nicht. Wegen der verschlossenen Tür. Da biss sich doch die Katze in den Schwanz.
Eine laute Stimme ertönte plötzlich, ohne dass irgendjemand zu sehen gewesen wäre. Der Redaktionsflur war lang, so lang wie das gesamte Zeitungsgebäude, nur unterbrochen vom Treppenhaus, das ihn in der Mitte teilte. Die Glastüren standen offen. Die schallende Männerstimme musste ganz vom anderen Ende herübertönen. Ein beachtliches Organ.
Antje Winkler verdrehte die Augen. »Der schon wieder!«, stöhnte sie. »Sonst kommt der Proll doch nie so früh. Hat wohl gerochen, dass es hier etwas zu schnüffeln und zu tratschen gibt.«
»Proll?« Kramer zückte seinen Stift.
»Eigentlich heißt er Prollwitz«, sagte Antje Winkler. »Aber wir nennen ihn alle nur den Proll. Ein nerviger Typ. Genau das Gegenteil von Thomas Kretschmer. Wenn der hier …« Erschrocken schlug sie sich die Hände vor den Mund.
»Wenn der hier was?«, hakte Stahnke nach. »Nur keine falsche Scheu, erzählen Sie.«
Die Rotblonde ließ sich nicht lange bitten, viel zu groß schien der Mitteilungsdrang zu sein. »Na ja, also wenn der Proll hier liegen würde mit einem Messer in der Brust, dann hätte ich mich nicht gewundert. Keiner hätte das. Jeder, der mit dem zusammenarbeiten muss, bekommt früher oder später automatisch Mordgedanken.«
»Was ist denn so schlimm an dem?«, fragte Stahnke. »Laut ist er, na schön, aber sind andere das nicht auch?«
»Wenn’s nur das wäre! Der Proll ist nicht nur laut, der ist vor allem aufdringlich. Der quatscht einem die Ohren ab, ganz egal, ob man vielleicht gerade etwas Dringendes zu erledigen hat oder nicht, und bläst einem dabei seine Cappuccino-Fahne ins Gesicht. Das Zeug holt er sich nämlich andauernd aus dem Automaten hier. Und er zieht natürlich am liebsten über Kollegen her. Den wird man nicht los, wenn der sich einmal an einem festgelabert hat, da kann man so deutlich werden wie man will, der reagiert einfach nicht. Thomas hatte besonders unter ihm zu leiden, er braucht halt seine Konzentration, wenn er schreibt. Ein oder zwei Mal hat er ihn regelrecht rausgeschmissen.«
»Ach«, unterbrach Stahnke. »Dann kann es also sein, dass der Prollwitz einen Groll gegen Kretschmer hegte?«
Antje Winkler lachte: »Ach was, so etwas merkt der doch überhaupt nicht! Wenn Sie mal nach dem Gegenteil von Sensibilität suchen, dann nehmen Sie den Proll. Der Mann ist gegen alles immun. Der hat Hornhaut auf der Seele. Wenn er überhaupt eine Seele hat.«
Die schnarrende Männerstimme war während des Gesprächs keinen Augenblick lang verstummt. Jetzt wurde sie plötzlich lauter Ein kleiner, bulliger Mann war auf dem Gang erschienen und näherte sich mit schnellen Schritten, den Kopf mit der Halbglatze vorgereckt. Dass er seinen Gesprächspartner hatte zurücklassen müssen, schien ihm nichts auszumachen, wohl weil ihn am anderen Ende des Flurs ja neue erwarteten. Die Worte, die der Mann immer noch pausenlos ausstieß, ergaben für Stahnke keinen Sinn; offenbar waren es Fetzen der just abgebrochenen Unterhaltung, die er unermüdlich wiederholte, um die Pause bis zur nächsten zu überbrücken. Sein Blick war ebenso unstet wie sein Gang übertrieben fest; Stahnke bereitete sich auf einen unangenehmen Wortwechsel vor.
Unmittelbar vor ihm aber schlug der bullige Mann plötzlich einen Haken, umkurvte auch Kramer und stürmte auf die Teeküche zu. Ehe die beiden Polizisten reagieren konnten, hatte Prollwitz die Tür erreicht und ließ sie mit einem wuchtigen Stoß seiner flachen Hand aufplatzen. Das Türblatt verfehlte die Leiche nur knapp und schlug krachend an die Innenwand.
»Sind Sie wahnsinnig«, brüllte Stahnke. »Verschwinden Sie hier, das ist ein Tatort!«
Kramer sagte gar nichts, sondern machte einen schnellen Schritt, packte den vorwitzigen Burschen am Kragen und riss ihn zurück. Eine Behandlung, die Prollwitz weiter nichts auszumachen schien. Er hatte gesehen, was er sehen wollte, und machte sich bereits auf den Rückweg. »He, Becker, du Lappen«, brüllte er durch den Korridor, »das ist dein Messer, das der Kretschmer da in der Brust hat! Das Ding, das du Weihnachten hier vergessen hast, damals, als wir deinen Stollen gegessen haben. War ja staubtrocken, das Zeug!« Mit jedem Schritt schallte seine Stimme ein bisschen leiser, und Stahnke stellte fest, dass er dafür dankbar war.
»Zum Glück sind ja nicht alle so«, nahm Antje Winkler ihren Berufsstand in Schutz.
Stahnke ging darauf nicht weiter ein, hatte die Worte tatsächlich gar nicht wahrgenommen. »Sagen Sie, welchen Job macht denn der Prollwitz hier?«, fragte er die Lokalredakteurin. Kramer, der die Teeküchentür wieder zugezogen hatte, horchte auf; in der Stimme seines Chefs schwang wieder einmal dieser gewisse Ton mit.
»Umbruchredakteur«, sagte die Rotblonde. »Er kontrolliert jede redaktionelle Seite, die von der Abteilung Druckvorstufe verarbeitet worden ist, ehe die eigentliche Druckplatte angefertigt wird. Darum fängt er gewöhnlich auch erst mittags an, weil er ja jeden Abend bis 23 Uhr bleiben muss. Gott sei Dank, so muss man ihn wenigstens nicht den ganzen Tag lang ertragen.«
»Dann müsste er ja gestern Abend zur Tatzeit hier im Haus gewesen sein«, stellte Kramer fest. Typisch für ihn, dass ihn selbst solch eine Nachricht nicht aus der Fassung brachte.
»Tatzeit? Ach, Sie meinen …« Antje Winkler stutzte und begriff. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, also wirklich nicht. So blöd wie der ist, aber einen Mord – nee. Jedenfalls nicht, wenn dabei nichts für ihn zu holen ist. Und da sehe ich nichts.«
Stahnke nickte zerstreut, schien mit seinen Gedanken schon wieder woanders zu sein. »Noch einmal zu Kretschmer. Schreiben konnte er ja, da sind wir uns einig. Aber wie war er denn sonst so, ich meine, in den alltäglichen Dingen, wie hat er sich da angestellt? Ein patenter Mensch?«
Antje Winkler lächelte; es sah nachsichtig aus. »Ach wissen Sie, der Thomas hat so viel Talent zum Schreiben mitbekommen, da war für andere Dinge wohl nichts mehr übrig. Der hat nicht einmal eine Flasche aufschrauben können, ohne sich zu bekleckern. Zwei linke Hände, sage ich nur. Total paddelig. Aber ihm konnte man’s ja nicht übel nehmen, nett wie er war.«
»Danke, Frau Winkler«, sagte Stahnke. »Sie haben uns sehr geholfen.« Etwas verwirrt ging die Rotblonde davon, den Korridor entlang, dorthin, wo Prollwitz’ schnarrendes Organ nach wie vor dröhnte.
»Und?« Kramer zeigte Anzeichen von Ungeduld – unglaublich.
Stahnke verschränkte die Arme hinter dem Rücken und wippte auf den Fußballen. »Wir haben den Mörder«, sagte er und wies mit dem Kopf in Richtung Teeküche. »Da drinnen liegt er.«
»Kretschmer selbst?« Kramer zog die Mundwinkel herab. »Selbstmord? Mit einem Küchenmesser? Also ich weiß nicht …«
»Natürlich nicht«, korrigierte Stahnke. »Kretschmer hat genau genommen auch keinen Mord begangen, sondern einen Mordversuch.«
»Und an wem?«
»Dieser Kretschmer«, sagte Stahnke, »war ein erstklassiger Schreiber. Seine Texte bedeuteten ihm etwas, sehr viel sogar, nicht zuletzt deshalb, weil sie das Einzige waren, worauf er sich etwas einbilden konnte. Die waren nicht einfach so hingeschmiert, die waren komponiert. Selbst unter Zeitdruck. Ich habe einige seiner aktuellen Berichte gelesen – erste Sahne, auch wenn er kaum mehr als eine halbe Stunde Zeit für hundert Zeilen hatte. So etwas erfordert natürlich volle Konzentration.«
Kramer nickte langsam; ihm dämmerte etwas. »Und wenn Kretschmer eins nicht gebrauchen konnte bei seiner Arbeit«, sagte er langsam, »dann war das …«
»Penetrante Störung, genau«, fuhr Stahnke fort. »Und dieser Proll, vielmehr Prollwitz, muss ihn mehr gestört haben, als selbst ein friedfertiges Schaf wie Kretschmer ertragen konnte. Schließlich sind Sportreporter praktisch die Einzigen, die neben dem Umbruchredakteur nach 22 Uhr noch hier oben sind. Und da Prollwitz offenbar ständig einen Gesprächspartner braucht, bekam Kretschmer regelmäßig den ganzen Segen ab.«
»Bis es dann reichte«, ergänzte Kramer. »Zum Beispiel gestern Abend, als wieder einmal ein später Spielbericht zu schreiben war. Na gut. Kretschmer griff also zum Messer – und dann? Kam Prollwitz ihm zuvor?«
Stahnkes Handy unterbrach die Unterhaltung mit dem Darth-Vader-Motiv. Das kriminaltechnische Labor. Der Hauptkommissar lauschte schweigend, bedankte sich dann und schaltete aus. »Auf dem Messergriff sind Kretschmers eigene Fingerabdrücke«, berichtete er. »Und zwar ausschließlich.«
»Und das heißt?«
»Dass es so war, wie ich’s mir dachte«, sagte Stahnke. »Kretschmer schreibt unter Stress, Prollwitz nervt und stört ihn. Kretschmer geht in die Technik, stellt fest, dass er mit seiner Arbeit unzufrieden ist, kann aber nichts mehr ändern, weil keine Zeit mehr ist. Wütend läuft er nach oben, geht in die Teeküche und greift sich ein scharfes Messer. Da hört er Prollwitz über den Gang kommen, der sich vermutlich wieder einmal einen Cappuccino holen will, und versteckt sich hinter der Tür, um ihm aufzulauern.«
Kramer nickte. »Ja, so weit klar. Aber dann?«
Statt einer Antwort streckte Stahnke den Kopf vor, ging mit schnellen Schritten auf die Tür zu und ließ sie mit einem wuchtigen Stoß seiner flachen Hand aufplatzen. Das Türblatt schlug krachend an die Innenwand.
»Dort stand Kretschmer«, sagte Stahnke. »Die Hand am Messergriff, das Messer in Stoßhaltung. Und weil er so paddelig war, zeigte die Spitze in diesem Moment vermutlich auf seinen eigenen Körper.«
»So dass die Tür ihm die Klinge in die Brust getrieben hat.«
Trotzdem schien Kramer noch nicht ganz überzeugt: »Aber dann müsste Prollwitz das doch mitbekommen haben. Warum hat der denn nichts gesagt, wenn es doch ein Unfall war?«
Stahnke zeigte auf den Kaffeeautomaten. Bei »Cappuccino« leuchtete ein rotes Lämpchen. »Sein Lieblingsgetränk war nicht vorrätig«, sagte er. »Prollwitz hat die Tür aufgestoßen, das rote Lämpchen gesehen, auf dem Absatz kehrtgemacht und ist davongestapft, noch ehe der Kretschmer umfallen konnte.«
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