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Peter Gerdes
Solo für Sopran
Langeoogkrimi

Zum Autor
Peter Gerdes, geb. 1955, lebt in Leer (Ostfriesland). Studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete als Journalist und Lehrer. Schreibt seit 1995 Krimis und betätigt sich als Herausgeber. Seit 1999 Leiter des Festivals »Ostfriesische Krimitage«. Die Krimis »Der Etappenmörder«, »Fürchte die Dunkelheit« und »Der siebte Schlüssel« wurden für den Literaturpreis »Das neue Buch« nominiert. Gerdes betreibt mit seiner Frau Heike das »Tatort Taraxacum« (Krimi-Buchhandlung, Veranstaltungen, Café und Weinstube) in Leer.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2020
(Originalausgabe erschienen 2005 im Leda-Verlag)
Herstellung: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer
unter Verwendung eines Fotos von: © Olaf Schlenger / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6468-3
1.
Wuchtig rollte es heran, krachend schlug es zu, schleifend und saugend zog es sich zurück. Er schnappte nach Luft.
Das stetig dröhnende Donnern der Brandung hatte seinen Kopf rhythmisch durchrauscht, seit er sich auf dieser Insel befand, Woge um Woge, Tag und Nacht. Was aber jetzt in seinem Kopf rauschte, war nicht die See, sondern der Schmerz, der ihn immer wieder aufs Neue ansprang und schüttelte und ihn zurück unter die Oberfläche zu drücken versuchte. Welle um Welle. Mühsam hielt er stand, während er so viel kühle Nordseeluft wie möglich durch seine rasselnden Bronchien presste. Die Schmerzen tosten, tauchten ihn aber nicht unter, spülten ihn nicht davon. Fürs Erste blieb er bei Bewusstsein.
Vorsichtig stemmte er sich hoch, stolperte mit kurzen, schlurfenden Schritten über den festen Sand in Richtung Spülsaum, bückte sich, was das inwendige Rauschen gefährlich anschwellen ließ und einen heftigen Anfall von Übelkeit auslöste, und tauchte schließlich seine Hände in den prickelnden Schaum des nächsten Brandungswellenausläufers. Breite, dicke Hände mit kurzen, dicken Fingern. Sie zitterten. Das Blut, das an ihnen haftete, war bereits getrocknet, und er musste kräftig rubbeln, um die Krusten zu lösen.
Auch seine Füße waren breit und dick, stellte er fest. Und sie waren nackt, wie auch seine Beine, die gänsehäutig und stachelhaarig aus kurzen, weiten Hosen ragten. Merkwürdig, dachte er, wieso habe ich nackte Beine? Er konnte sich überhaupt nicht erinnern, schwimmen gegangen zu sein.
Dann fiel ihm auf, dass er sich an gar nichts erinnern konnte. An überhaupt nichts. Null.
Im ersten Moment erheiterte ihn dieser Gedanke. Wie, an nichts erinnern! Das gab es vielleicht im Kino, vorzugsweise in Hollywoodschinken, wo sich hübsche junge Amnesierte in höchst fotogener Weise auf die Suche nach dem verschollenen Ich und seinem meist ebenso attraktiven Gegenstück vom anderen Geschlecht machten. Aber doch nicht … hier. Und doch vor allem nicht er.
Nur: Wo war »hier«? Und wer er?
Als er spürte, dass er mit diesen Fragen ins Dunkle stocherte wie mit einem Blindenstock, schwoll das Rauschen in seinem Kopf wieder zu einem Tosen an. Sitzend fand er sich wieder, auf dem Hosenboden im Sand, dessen Feuchtigkeit unangenehm kalt durch seine Badehose drang. Badehose? Nein, das waren Boxershorts, weite, blau-weiß gestreifte, vorne geknöpfte Boxershorts. Oben herum trug er nichts als ein Unterhemd, Feinripp weiß. Himmel, in welchem Aufzug lief er hier herum?
Wer – er? Und wo?
Moment mal, einen Moment mal. Beschwichtigend klappte er seine dicken Hände hoch und richtete die Handflächen nach vorne, als wollte er die unaufhörlich anrollende Brandung zum Innehalten auffordern. Vielleicht galt die Geste auch den Schmerzwellen in seinem Kopf – vergebens war sie in beiderlei Hinsicht. Immerhin aber half sie ihm, seine wild und schäumend flutenden Gedanken zu kanalisieren.
Dies hier war eine Insel, so viel wusste er. Und dass er hier nicht lebte, sondern nur zu Gast war, wusste er auch. Zu Besuch war er hier. Aber bei wem?
Wirklich zu Besuch? Aber warum war ihm dieser Ort dann so vertraut? Und wenn ihm diese Insel vertraut war, warum wusste er dann ihren Namen nicht?
Er versuchte es anders herum. Sein eigener Name? Nichts, gar nichts. Sein Alter? Er schaute an sich herab, musterte seine kräftigen Gliedmaßen und seinen noch weit kräftigeren Bauch, erspähte ergraute Brusthaare im Ausschnitt seines Unterhemds, fuhr sich mit den Händen über den pochenden Schädel, ertastete eine recht weit entwickelte Stirnglatze, einen kurz gestutzten Haarkranz und eine kräftige, äußerst druckempfindliche Schwellung über dem linken Ohr. Der Jüngste war er nicht mehr, eindeutig. Irgendwas zwischen fünfzig und sechzig. Und angeschlagen, in des Wortes wörtlicher Bedeutung.
Aber wo waren sie hin, diese fünfzig oder sechzig Jahre? In seinem Gedächtnis waren sie jedenfalls nicht.
In seinem Gedächtnis waren ja nicht einmal die letzten fünf oder sechs Stunden. Alles wie ausgelöscht. Auf einen Schlag.
Ein Schlag?
Plötzlich bemerkte er, dass ihm kalt war. Saukalt sogar. Nicht nur seine Hände zitterten, nein, er bebte am ganzen Körper. So, als hätte er die ganze Nacht im Freien verbracht, nur mit Unterwäsche bekleidet.
Welche Tageszeit war eigentlich gerade? Automatisch blickte er auf sein linkes Handgelenk: Keine Uhr, nichts, nur ein dicker Arm samt dazu passender Hand. Den Unterarm zierten ein paar rotblaue Flecken, die sich frisch anfühlten, sowie eine verwaschen aussehende Tätowierung, dunkelblau, irgendetwas Rundes, Ausgefranstes. Keine Idee, was das sein konnte, jedenfalls keine Uhr.
Er blickte hoch, sah in einen blauen, fast wolkenlosen Himmel, ohne zu blinzeln, spürte einen Anflug von Wärme hinter dem rechten Ohr und auf dem rechten Schulterblatt. All das schien auf den frühen Morgen hinzudeuten. Warum? Er wusste es nicht.
Was konnte geschehen sein? War er ein Frühaufsteher, ein Frühsportler, der sich beim Strandlauf übernommen und einen Blackout gehabt hatte? Nein, das passte nicht zu ihm, da war er sich sicher, wer immer er auch sein mochte. Außerdem trug er kein Sportzeug, sondern Unterwäsche. Und nirgendwo um ihn herum lagen andere Kleidungsstücke. Zum Glück war auch kein anderer Mensch in Sichtweite. Nichts als Meer, Strand und Dünen. Und das rote Dach eines eckigen weißen Turms, der die Dünen überragte.
Moment, was war das gerade gewesen?
Wieder klappte er seine Hände hoch, machte die Geste des Beschwichtigens, des Abstoppens. Hitzewellen jagten durch seinen vor Kälte bebenden Körper. Welcher seiner Gedanken hatte das ausgelöst? Meer, Strand? Nein. Düne? Auch nicht.
Rotes Dach?
Rot?
»Rot«, murmelte er und erschrak vor seiner eigenen, unerwartet hell und krächzend klingenden Stimme. »Blut.« Die Ränder der abgewaschenen Krusten waren noch gut zu erkennen. Was für Blut war das? Wessen Blut?
Erneut musterte er seinen Körper, fuhr sich mit den Handflächen über Kopf, Nacken und Schultern. Ohne Ergebnis.
Sein eigenes Blut war das jedenfalls nicht.
2.
Heiden hielt im Laufen inne, schüttelte seine Beine aus, deutete ein paar Dehnübungen an und tupfte sich mit dem Handtuch, das er elegant um seinen Nacken geschlungen trug, den dünnen Schweißfilm von der Stirn. Er liebte Bewegung am frühen Morgen, vor allem nach kurzen, unruhigen Nächten. Und hier auf der Insel, an einem herrlichen frühherbstlichen Morgen wie diesem, bereitete ihm sein Standardprogramm, kombiniert aus kräftezehrendem Strandlauf und dem kaum weniger anspruchsvollen Auf und Ab der Höhenpromenade, doppeltes Vergnügen. Einen Heidenspaß sozusagen.
Selbstzufrieden lächelte er über das kleine Wortspiel, das er schon hundertfach aus Schülermündern vernommen hatte. Ihm machte es nichts aus, wenn mit seinem Namen gewitzelt wurde, im Gegenteil. Sein Name war schließlich Teil seiner Persönlichkeit, und jede Aufmerksamkeit, die diesem Namen zuteil wurde, wurde auch ihm zuteil. Das war wichtig für Leopold Heiden.
Das Rauschen der Brandung schien ihm heute früh besonders intensiv, und er tänzelte ein wenig auf der Stelle, um die Promenade, die von diesem Punkt aus einen herrlichen Blick über Strand, Sandbänke und Nordsee bot, noch nicht gleich wieder in Richtung Hotel verlassen zu müssen. Was für ein Klang! So gleichmäßig und doch niemals monoton, so unterschwellig und dabei doch so präsent. Ob man eine Symphonie für Brandung und Chor komponieren konnte? Heiden lächelte. Solche spontanen Einfälle liebte er an sich. Nicht, dass er diesen etwa umzusetzen gedachte; dafür gab es im Augenblick zu viel anderes zu tun. Dinge, die ihm genügend Aufmerksamkeit verschaffen würden. Die Sache mit der Brandung konnte er ja für spätere Gelegenheiten in der Hinterhand behalten.
Hatte sich da unten am Strand gerade etwas bewegt?
Heiden kniff die Augen zusammen; seine Sehkraft hatte in jüngster Zeit etwas nachgelassen, aber eine Brille verweigerte er sich. Schließlich arbeitete er hart an seiner äußeren Erscheinung und das mit einigem Erfolg, wie er fand, da wäre eine sichtbare Sehhilfe mehr als nur ein Rückschlag gewesen. Geradezu ein Stilbruch. Ausgeschlossen. Außerdem sah er auch ohne Brille noch gut genug, um zu erkennen, dass die Gestalt dort unten ein Mann war, ein älterer offensichtlich und dick dazu, ein Mann also, der sich weit weniger gut gehalten hatte als er selbst. Vor allem aber handelte es sich ganz eindeutig nicht um ein Mitglied seines Chores, und darauf kam es ihm an.
Seine Schäfchen, für die er eher unwillig die Verantwortung trug, wohnten nämlich über den halben Ort verteilt. Selbst jetzt, in der Nachsaison, war es nicht möglich gewesen, alle fünfundsechzig Mitglieder des Jann-Berghaus-Chores in ein und derselben Wohnanlage unterzubringen. Schließlich waren Herbstferien, zahlreiche Stammgäste befanden sich auf der Insel oder hatten sich angekündigt, und kein Langeooger Vermieter würde einem Stammgast absagen, nur um für ein paar Tage eine Horde Gymnasiasten zu beherbergen. Heiden konnte froh sein, dass es ihm letztlich überhaupt gelungen war, alle Sänger in den verschiedensten Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen unterzubringen, ohne auf den Campingplatz zurückgreifen zu müssen.
Die Folge war natürlich, dass sich der wimmelnde Haufen, überwiegend kaum der Pubertät entwachsen, nur sehr unzureichend überwachen ließ. Er und seine Kollegin vom Leeraner Jann-Berghaus-Gymnasium, Oberstudienrätin Margit Taudien, mussten sich auf überraschende Stippvisiten in willkürlich bestimmten Unterkünften beschränken. Trinkgelage und verbotswidriges Rauchen befürchtete er weniger; seine Chorsänger waren überwiegend ehrgeizig und wussten genau, worum es hier ging und dass sie all ihre Kondition brauchen würden, um zu bestehen. Mehr Sorgen bereiteten ihm die Techtelmechtel, die sich gleich im halben Dutzend anzubahnen schienen, direkt unter seinen gestrengen Blicken. Der Himmel mochte wissen, was sich abends und nachts in den Dünen so alles tat. Bloß gut, dass es um diese Jahreszeit nach Sonnenuntergang schon empfindlich kühl wurde. Das würde manchen Gefühlsüberschwang dämpfen. Hoffentlich. Jedenfalls fehlte ihm jede Spur von Lust, sich mit den möglichen Folgen solcher Hemmungslosigkeiten herumzuärgern.
Heiden schlenkerte mit den Armen und setzte sich trippelnd wieder in Bewegung. Andererseits, was war so schlimm daran, wenn in den Langeooger Randdünen zusammenfand, was sowieso früher oder später zusammenfinden würde? Schließlich gab es Kondome, und sie waren frei verkäuflich.
Ein schallendes Lachen platzte aus ihm heraus, so laut, dass es von den Dünenkämmen widerhallte. Nein, die Erziehung seiner Schüler zu geschlechtlicher Enthaltsamkeit war gewiss nicht seine Aufgabe. Und auf seine Schülerinnen traf das ebenso zu. Ganz besonders auf eine.
Leise vor sich hin pfeifend trabte er weiter in Richtung Wasserturm.
3.
»Guck mal hier! Voll trendy, was?« Sabrina hielt sich ein winziges, spitzenartig durchbrochenes Etwas, dessen fransige Ausläufer knapp bis zur Nabelgegend baumelten, vor den Busen und schaute ihre Mitbewohnerinnen erwartungsvoll an.
»Lass mal sehen. Ach du Schande, wo willste das denn tragen? Bei Rotlicht?« Wiebke Meyers Reaktion lag irgendwo zwischen Anerkennung und Neid, ungeachtet der Empörung und Ablehnung signalisierenden Wortwahl, und wurde auch so aufgefasst. Auf den Klang kam es an in der Kommunikation unter Teenagern, das benutzte Vokabular war zweitrangig. Bis zur Nonverbalität war es nur noch ein kleiner Schritt.
»Oder wenn du zu Hause für deinen Liebsten mal wieder Lapdance machst.« Theda Schoons schneidender Kommentar war von ganz anderer Qualität, das war unüberhörbar. Ihre Ablehnung war scharf und auch so gemeint, was ihr Gesichtsausdruck deutlich widerspiegelte. Gerade deshalb ging Sabrina nicht darauf ein.
»Aber da ziehst du doch etwas drunter, oder?« Stephanie Venema war, ungeachtet ihrer fast 180 Zentimeter Körperlänge, die Kindlichste des Quartetts, das in der kleinen Ferienwohnung untergebracht worden war. Ihr Gesicht mit den leicht schräg stehenden Augen und der kräftigen Kieferpartie war nicht gerade klassisch schön, aber doch sehr apart, und ihre hellblond leuchtende Mähne sicherte ihr jederzeit Aufmerksamkeit. Noch wirkte sie mit ihren dünnen, schlaksigen Armen und Beinen und den großen Händen und Füßen wie ein Fohlen bei den ersten Gehversuchen. Dass sich dieser Eindruck jedoch bald ändern würde, war absehbar.
»Na logo, was denkst du denn!« Sabrina Tinnekens lachte, teils erheitert, teils abfällig. Obwohl sie mit ihren sechzehneinhalb Jahren nur ein knappes Jahr älter war als Stephanie, hatte ihre Ausstrahlung nichts Kindliches mehr. Selbst in ihrem züchtig geschlossenen, wadenlangen und geblümten Nachthemd, eigens für die Insel-Tour aus Altbeständen hervorgekramt, waren ihre fraulichen Formen unverkennbar. Das Spitzentop ließ ahnen, wie sie die zur Geltung bringen konnte. »Natürlich trage ich was drunter. Ein schwarzes Top. Oder ein Bustier, je nachdem.«
»Na, dann wird’s aber very sexy, heieiei!« Wiebke Meyer drehte sich um ihre eigene Achse, als trage sie selbst das so verrucht wirkende Kleidungsstück, passend zu dem verklärten Lächeln auf ihrem Gesicht. Ihr drahtiger, fast knabenhafter Körper wirbelte nur so herum, und man konnte sich gut vorstellen, wie sie vergangenen Monat ihre Voltigiergruppe zum Bezirkstitel geführt hatte. »Wo hast du das denn gekauft, etwa hier auf der Insel? So etwas muss ich auch haben, unbedingt.«
»Wozu? Da rutscht du doch glatt durch mit deinen spitzen Gräten.« Theda wickelte sich energisch in ihren Bademantel und raffte Wäsche, Socken und Jeans zusammen. »Wenn von euch keiner ins Bad will, dann geh ich eben. Keine Lust, wieder zu spät zur Probe zu kommen.« Eine Spur lauter als nötig fiel die Badezimmertür hinter ihr ins Schloss.
»Was die nur wieder hat!« Wiebke rümpfte die Nase. »Total spießig, die dumme Kuh. Nichts als Schule und Chor im Kopf. Mit der kannste überhaupt keinen Spaß haben.« Barfüßig huschte sie in den Flur und musterte sich im Garderobenspiegel: »Spitze Gräten, pah.«
»Ach, die ist im Stress, da musst du dir nichts bei denken.« Stephanie war wie immer auf Versöhnung aus, das war so etwas wie Prinzip bei ihr, aber ihre Miene signalisierte deutlich, dass auch sie Theda für reichlich zickig hielt. »Sie will eben unbedingt mit nach Amiland.«
»Ameland? Wieso will die denn auf noch ’ne Insel? Reicht ihr Langeoog etwa noch nicht?« Wiebke hatte ihr Pyjama-Oberteil bis über den Rippenbogen angehoben und war ganz mit der Inspektion ihres hageren Körpers beschäftigt.
»Amerika meine ich natürlich. U-S-A! Die Reise mit dem JBG-Chor über Weihnachten nach Illinois und Oregon, auf Einladung der Nachkommen ausgewanderter Ostfriesen. Schon vergessen?«
»Ach die!« Die Schlafanzugjacke fiel wieder herunter, und es überraschte, dass sie Wiebkes Rippen dabei nicht wie ein Xylophon zum Klingen brachte. »Die hab ich doch längst abgehakt. Da gibt’s überhaupt nur vierzig Plätze insgesamt, davon ganze fünfzehn für Sopran. Und wir sind über dreißig Sopranistinnen, wenn du alle mitrechnest, auch die Oberstufe. Wie sollen wir denn da eine Chance haben? So gut sind wir schließlich auch nicht.«
»Theda scheint davon nicht so überzeugt zu sein«, wandte Stephanie ein. »Jedenfalls entwickelt die voll den Ehrgeiz. Letzten Sommer hatte sie doch zu rauchen angefangen, weißt du nicht mehr? Und kaum kam die Nachricht von der Amerika-Fahrt, schon war wieder Schluss damit, von heute auf morgen. Die will mit, das hat die sich echt in den Kopf gesetzt.«
»Wenn das mal kein Hirngespinst ist!« Wiebkes grelle Stimme ging durch Mark und Bein. Inzwischen hatte sie ihre Aufmerksamkeit ihren mausbraunen, strähnigen Haaren zugewandt, raffte sie über dem Schädel zu einer Palme zusammen, um größer zu wirken. »Es gibt doch bestimmt mehr als fünfzehn Soprane in unserem Chor, die besser sind als sie. Das holt Theda in der kurzen Zeit niemals auf. Und erinnerst du dich, was sie sich vorgestern geleistet hat? Diesen fetten Patzer bei unserem Geburtstagsauftritt? Seitdem ist die Kleine bei Heiden doch sowieso unten durch.«
»Aber bei diesem Auftritt waren wir doch alle nicht besonders«, beschwichtigte Stephanie. »Nicht nur Theda. War ja auch eine Schnapsidee vom Heiden, dem Pastor die Zusage zu geben, ohne richtige Probe vorher und alles! Ganz egal, wie bedeutend diese Tante ist, die da achtzig wurde.«
»Bedeutend war«, schrillte Wiebke dazwischen. »Kurz nach unserem Auftritt ist sie gestorben. Heute früh beim Brötchenholen hab ich’s gehört. Ist das angesagte Gesprächsthema im Dorf.« Sie grinste breit: »Da siehst du mal, wie schlecht wir waren!«
Theda platzte mitten in ihr Gelächter hinein, einen Handtuchturban auf dem Kopf und eine Dampfwolke im Schlepptau. Mit einem mürrischen Seitenblick verschwand sie in ihrem Schlafzimmer und warf die Tür hinter sich zu.
»Hat die das schon wieder auf sich bezogen?« Stephanie sah besorgt aus. »Die ist aber auch empfindlich!«
»Ist doch scheißegal«, sagte Wiebke und wandte sich dem frei gewordenen Badezimmer zu. Sabrina aber war schneller gewesen und schloss lachend hinter sich ab.
»Blöde Gans«, maulte Wiebke. »Die hält sich auch wohl für was Besseres.«
»Jedenfalls glaubt sie auch, dass sie mitfährt nach Amerika«, sagte Stephanie. »Dabei singt sie auch nicht besser als Theda. Oder als du und ich.«
»Na ja, hör mal.« Wiebke setzte eine überlegene Miene auf. »Bei Sabrina liegen die Dinge doch ein bisschen anders. Wenn die mitfährt, dann hat das ja wohl nichts mit Singen zu tun.«
»Womit denn dann?« Stephanies Augen rundeten sich.
Wiebke schnaubte verächtlich: »Na womit wohl, du Baby.«
4.
Sie sitzen da wie zwei Schüler vor ihrem Lehrer, wenn es die Noten gibt, schoss es Lüppo Buss durch den Kopf. Ein ungehöriger Gedanke, gewiss, und er versuchte ihn auch gleich wieder aus seinem breiten, hochstirnigen Kopf zu verbannen. Das gehörte sich einfach nicht gegenüber trauernden Hinterbliebenen, so durfte man nicht denken. Aber was half’s, als Polizist war Lüppo Buss nun einmal darauf trainiert, Situationen möglichst schnell und treffend einzuschätzen. Und die Janssens saßen eben da wie erwartungsvolle Musterschüler, die sich nicht ganz sicher sind, ob es denn auch wirklich für eine Eins gelangt hat.
»Störe ich?«, fragte der Inselpolizist leise und blieb abwartend unter der Tür stehen. Nicole und Ulfert Janssen schauten stumm zu ihm herüber, überließen Pastor Rickerts das Antworten, als sei der jetzt hier Hausherr und nicht sie beide. Den Pastor schien das nicht weiter zu verwundern, vermutlich war er es gewohnt, in Trauerangelegenheiten das Heft in die Hand zu nehmen. Genau genommen verhielt er sich damit ebenso wie ein leitender Ermittler der Kriminalpolizei an einem Tatort. Eigentlich waren sich die geistliche und die weltliche Ordnungsmacht doch ziemlich ähnlich, stellte der Kommissar fest.
»Komm ruhig rein, Lüppo«, sagte Rickert Rickerts. »Wir sind auch bald durch mit allem. Nur noch ein paar Sachen klären fürs Abdanken, dann haben wir’s up Stee. Soll ja alles recht flott über die Bühne gehen.« Einladend zog er einen weiteren Stuhl heran: »Setz dich doch.«
»Ich hatte noch gar nicht kondoliert«, sagte Lüppo Buss und durchquerte den weitläufigen Raum. »Hab’s gerade erst erfahren.« Er reichte erst Nicole, dann Ulfert die Hand: »Herzliches Beileid zum Verlust eurer Tante.« Dann verbesserte er sich: »Großtante, meine ich natürlich. Ich habe sie ja immer nur Tant’ Lüti genannt.«
Nicole Janssens schmale, langknochige Hand fühlte sich kühl und trocken an, Ulferts fleischige dagegen heiß und feucht. Sie waren eben ziemlich verschieden, nicht nur äußerlich, er mit seinen kurzen, dunkelbraunen, krausen Haaren und sie mit ihren langen, glatten blonden. Der Tod der alten Dame schien sie unterschiedlich stark zu berühren. Aber Lütine war ja auch Ulferts Großtante gewesen, väterlicherseits. Verständlich, dass er einen mitgenommeneren Eindruck machte als Nicole.
Lüppo Buss nahm den angebotenen Stuhl und setzte sich an die Schmalseite des gläsernen Esstischs. Durch die transparente Platte hindurch konnte er die Tischbeine sehen. Sie bestanden aus kunstvoll geschmiedetem Eisen, ebenso wie die Stühle, und standen auf glasierten Terrakottafliesen. Eine niedrigere Version des Glastischs stand, wie er von früheren Besuchen wusste, in der Fernsehecke zwischen drei über Eck platzierten Ledersofas. Kalte Pracht, dachte er und strich sich mit dem Zeigefinger die buschigen blonden Augenbrauen glatt. Passt überhaupt nicht in die Landschaft hier, Langeoog ist doch nicht Südfrankreich. Im Sommer mag’s ja noch angehen, aber im Winter, da fröstelt es einen doch zwischen Glas, Eisen, Leder, Stein und diesen geweißten, unangenehm rauen Wänden, denen man schon von weitem ansieht, dass sie nicht berührt werden sollen. Kalt und ungemütlich. Da helfen auch Fußbodenheizung und Thermopanefenster nichts.
Früher hatte Tant’ Lüti selber dieses herrschaftliche Anwesen bewohnt, ganz allein, damals, als sie ihren Besitz noch persönlich verwaltet hatte. Ehe man ihr das Krankenzimmer direkt neben der guten Stube eingerichtet hatte. Da hatte es hier noch ganz anders ausgesehen, viel ostfriesischer, mit dunklem Holz, dicken Samtdecken und echten Kapitänsbildern an den Wänden, die sturmzerzauste Dreimaster zwischen schaumgekrönten Wogen und bedrohlich dunklen Wolken zeigten. Keineswegs ärmlich, alles andere als das, denn Lütine Janssens Besitz war ansehnlich, weiß Gott. Das wussten alle, auch wenn sie nicht mit ihrem Eigentum geprahlt hatte.
Geerbt hatte sie, natürlich, denn so ohne weiteres war ja an derart viel Grund und Boden auf dieser Insel nicht heranzukommen. Aber sie hatte durch viel Arbeit und eine Menge Geschick mit ihrem Pfund gewuchert. Früh verwitwet und kinderlos, hatte sie all ihre Energie in die Geschäfte gesteckt. Aus Ferienhäuschen hatte sie Pensionen gemacht, aus Pensionen Hotels, aus Hotels Kurkliniken. Ihre Betriebe liefen ausgezeichnet, auch jetzt noch, da die kapitalistische Marktwirtschaft unverhüllter und brutaler regierte und die Leute ihre Euros fester als früher zusammenhielten. Tant’ Lüti hatte es eben verstanden, zur rechten Zeit Stammgäste an sich zu binden, deren Finanzlage krisenunabhängig war. Leute, die gerne etwas mehr ausgaben, solange es um das eigene Wohl ging. So war nicht nur ihr Vermögen, sondern auch ihr Einfluss stetig weiter gewachsen. Kaum ein Projekt, zu dem sie nicht vorher gehört, kaum eine Entscheidung, die gegen ihren Willen gefällt worden wäre. Tja, Lütine Janssen war jemand auf Langeoog.
Gewesen. Denn jetzt war sie ja tot. Lüppo Buss hatte sich noch gar nicht an diesen Gedanken gewöhnt.
Selbst im Tode hatte Tant’ Lüti bewiesen, wie eng sie den Prinzipien der Insel und des Lebens für den Tourismus verbunden gewesen war: Ein echter Langeooger nämlich starb einfach nicht während der Hauptsaison, wenn niemand Zeit für solche Dinge hatte. Insulaner starben im Herbst und Winter, frühestens im Oktober, zu Zeiten also, da so etwas die Geschäfte nicht nachhaltig störte. Auch Lütine Janssen hatte bis Oktober durchgehalten. Allein damit hatte sie sich den Respekt ihrer Mitmenschen verdient.
Nicole Janssen stellte ihm eine Teetasse hin. Seine Haut prickelte, als er ihren schlanken, hochgewachsenen Körper wenige Zentimeter hinter seiner muskulösen Schulter spürte. Als ob ihre Aura die seine gestreift hätte. Verstohlen und ein wenig schuldbewusst genoss er das Gefühl.
Hart klapperte die Untertasse mit dem traditionellen Rosenmotiv auf der gläsernen Tischplatte, metallisch klirrte der reich verzierte kleine Silberlöffel, laut knallte der Kluntje in die zarte Porzellanschale. Lüppo war sich nicht sicher, ob er Nicole wirklich willkommen war. Das wusste man bei ihr ja nie.
Aber Ulferts Frau musste ein größeres Herz haben, als man vermutete, wenn man ihr gegenüberstand und ihr in die Augen blickte, die aussahen wie aus graublauem Porzellan. Schließlich hatte sie Lütine Janssen mehr als vier Jahre lang gepflegt. Ob »aufopferungsvoll«, der Ausdruck, mit dem der Pastor gerade Nicoles Tätigkeit umschrieb, der richtige dafür war? Egal, Ulfert nickte jedenfalls eifrig, und sicher war, dass seine Frau eine Menge Arbeit geleistet hatte. Eine Menge harter Arbeit, denn Tant’ Lütis Krebserkrankung war schwer und von der unangenehmen Sorte gewesen. Kein Zuckerlecken für Nicole, der die Pflegerinnenrolle ganz selbstverständlich zufiel, obwohl sie mit Lütine Janssen gar nicht leiblich verwandt war. Aber sie war schließlich eine Frau. Nein, wahrlich kein Zuckerlecken.
Nicht einmal mit einem ansehnlichen Erbe vor Augen.
»Na, dann haben wir wohl alles geklärt.« Rickert Rickerts klatschte in die schaufelartigen Hände, blickte noch einmal von einem seiner Schäfchen zum anderen, sicherheitshalber auch zu Lüppo Buss; ebenso sicherheitshalber schloss der sich dem allgemeinen Nicken an. Er wollte lieber nicht vom Pastor in ein weiteres »klärendes Gespräch« verwickelt werden, schließlich hatte er heute noch etwas vor. Schnell senkte er seine Nase in die Teetasse.
»Ist doch nett, dass der Leeraner Chor auch morgen auf der Beerdigung singen wird, nicht wahr? Wird sich gut machen in der schönen Kapelle«, sagte Pastor Rickerts.
»Morgen schon?« Lüppo Buss machte keinen Versuch, seine Überraschung zu verbergen. »So schnell? Aber sie ist doch gerade erst … Ich meine …« Weil ihm die Worte fehlten, breitete er die Arme aus.
»Stimmt schon.« Rickerts nickte. »Aber Ulfert und Nicole hier wollen es eben hinter sich bringen. Kann man ja auch verstehen.«
»Tant’ Lüti hätte das auch so gewollt«, versicherte Ulfert Janssen. »Ihr wisst doch, sie hat nie etwas davon gehalten, lange rumzutüdeln. Anpacken statt schnacken, das hat sie doch immer gesagt, nicht wahr?«
»Klar, hat sie. Weiß ich doch.« Rickerts tätschelte väterlich Ulferts Hand. »Auf Langeoog ist es ja außerdem kein Problem, alles rechtzeitig zu organisieren und dafür zu sorgen, dass auch jeder Bescheid kriegt. Ist ja alles hübsch überschaubar.«
»Schon geschehen«, bestätigte Ulfert Janssen.
»Na siehst du«, sagte Rickerts. »Und weil die Beerdigung bereits am Freitag ist, haben wir eben auch den Leeraner Chor dabei. Weil die doch am Sonnabend schon wieder nach Hause fahren. Der Chorleiter, Herr Heiden, hat sofort zugesagt, als ich ihn fragte. Na, wir kennen uns ja auch schon eine ganze Weile. Mir schlägt er so leicht nichts ab. Nur zu einer Namensänderung konnte ich ihn noch nicht bekehren.«
Gegen Witzchen in einem Trauerhaus schien Rickerts keinerlei Vorbehalte zu haben. Laut lachend stemmte er seine Pranken auf die Glasplatte und hievte seinen athletischen, wenn auch etwas aus den Fugen geratenen Körper aus dem Stuhlpolster. Lüppo Buss erhob sich ebenfalls, mit erheblich weniger Kraft- und Lärmaufwand als der Geistliche, dafür eleganter und in der halben Zeit.
Rickerts’ Hand fühlte sich so rau und massiv an wie die eines Landarbeiters. Ulferts Hand war immer noch warm und schwitzig, Nicoles immer noch kühl und distanziert. Wirklich ein ungleiches Paar.
Im Hinausgehen ließ Lüppo Buss seinen Blick gewohnheitsgemäß durch den Raum schweifen. Ein paar Grafiken schienen neu zu sein, ebenfalls zwei schmiedeeiserne Plastiken, vermutlich teuer, allesamt. Und der gläserne Couchtisch war durch einen hölzernen ersetzt worden. Na sieh mal an, dachte der Inselpolizist, vielleicht kommen die Janssens ja doch noch zur Vernunft.
5.
Von draußen war es Leopold Heiden so vorgekommen, als summte es im Haus der Insel wie in einem Bienenstock. Als er jedoch die Tür zum Kleinen Konzertsaal aufstieß, schlugen ihm Lärmwogen entgegen wie sonst nur in der Pausenhalle des Jann-Berghaus-Gymnasiums. Sänger oder nicht, fünfundsechzig Schüler waren und blieben eben vor allem fünfundsechzig Schüler. Also in erster Linie laut.
Oberstudienrätin Margit Taudien stürzte ihm entgegen, das runde Gesicht strahlend wie die Morgensonne, ein Bündel Notenblätter mit beiden Armen gegen die Brust gepresst. »Einen wunderschönen guten Morgen, großer Meister«, rief sie wie jeden Tag mit lautem, etwas schrillem Diskant.
Heidens Reaktion bestand aus einem fingierten Zusammenzucken und einem entsagungsvollen Blick zur Saaldecke. Für den demonstrativen Eifer seiner Kollegin hatte er nichts als Verachtung übrig, die er mal mehr, mal weniger zu verbergen suchte. Heute verbarg er sie gar nicht. Sie würde das ignorieren, tapfer wie immer. Das wusste er, und das war gut so, denn er brauchte sie. Seine Verachtung aber wurde dadurch nur noch gesteigert.
»Gott zum Gruße, meine Beste«, gab er zurück. »Haben Sie Töne?«
»Wie bitte?« Margit Taudien stutzte, riss die Augen weit auf und blickte hilfesuchend in die Runde, ehe sie einen ihrer rundlichen Arme aus der Notenklammer löste und sich die Hand zum Zeichen einsetzenden Begreifens gegen die Stirn schlug: »Ach, so meinen Sie das!« All diese Gesten vollführte sie mit slapstickartiger Überakzentuierung, als befinde sie sich nicht zur Probe im Kleinen Konzertsaal, sondern im Großen Bühnensaal zur Aufführung. Absolut stummfilmreif, fand Heiden. Jetzt fehlte nur noch …
Da begannen sich auch schon die Notenblätter aus ihrer nur noch halbfesten Armklammer zu lösen und in einer gischtenden Papierkaskade zu Boden zu pladdern. Sofort sprangen mehrere Jungen und Mädchen hinzu, um ihrer Lehrerin beim Aufsammeln behilflich zu sein und damit vor ihrem Chorleiter einen guten Eindruck zu machen, kamen einander dabei zwangsläufig in die Quere und rempelten sich gegenseitig um. Slapstick in Reinkultur, Heiden hatte es ja gleich gewusst.
Jetzt aber genug damit. Er ignorierte seine Kollegin, die anscheinend noch etwas sagen wollte, und klatschte dreimal kräftig in die Hände. »Guten Morgen allerseits!«, donnerte er mit wohltrainierter, voluminöser Stimme, die durch das allgemeine Getöse fuhr wie ein Panzerkreuzer durch eine Horde Windsurfer. »Es wird ernst! Silentium und Aufstellung.«
Mehr als sechzig Jungen und Mädchen stoben nur so aus- und durcheinander, um sich gleich darauf in hundertfach geübter Weise wieder zu formieren. Aus lauter Individuen wurde in Sekundenschnelle eine Gemeinschaft, aus einem strukturlosen Gewimmel ein massiver Block. Heiden liebte diesen Anblick. Fast noch mehr aber liebte er die gespannte Aufmerksamkeit, mit der alles an seinen Lippen hing. Alle fieberten sie der Entscheidung entgegen, die einzig und allein er fällen und verkünden konnte. Himmel, das war Macht, und sie fühlte sich gut an.
»Die Auswahl ist getroffen«, verkündete er überflüssigerweise, schließlich hatten alle seit Wochen auf diesen Termin hingearbeitet. »Zu neunundneunzig Prozent wird sich daran nichts mehr ändern. Da müsste schon etwas ganz Außergewöhnliches passieren.« Er blickte kurz hoch und in die Runde, suchte ein ganz bestimmtes Gesicht, fand es und lächelte dünn. Seine Wimpern senkten sich wieder.
»Ich beginne mit den Herren der Schöpfung.« Umständlich nestelte er ein Bündel Notizzettel aus der Hosentasche. Das Papier knisterte unnatürlich laut in der atemlosen Stille. Nicht, dass Heiden seine Aufzeichnungen benötigt hätte; die Namen hatte er längst im Kopf, jeden einzelnen, jederzeit abrufbar. Aber warum sollte er die Spannung nicht noch etwas steigern, den gewissen Moment nicht noch ein klein wenig hinauszögern? Ihm gefiel das.
»Der Bass.« Der Chorleiter blätterte ein bisschen, als läge der betreffende Zettel nicht sowieso obenauf. »Henning Voss, Theodor Zenker, Martin Eden …« Heiden stellte fest, dass die Jungen recht gelassen blieben. Kein Wunder, beim Bass war die Sache relativ klar, ebenso wie beim Bariton. Die Leistungsunterschiede waren deutlich, und fast alle Sänger wussten längst, ob sie dabei sein würden oder nicht. Ein wenig anders sah es beim Tenor aus, da würde es gleich wohl zwei lange Gesichter geben.
Aber das war ganz gewiss nichts im Vergleich zu den Tränenfluten, die bei den Mädchen zu erwarten waren. Vor allem im Sopran. Nirgendwo war die Anzahl der Auszusondernden so groß, waren die Leistungsunterschiede insbesondere in der Grauzone zwischen brillant und bieder so gering wie dort. Von den insgesamt fünfundzwanzig Sängerinnen und Sängern, die hier und heute erfuhren, dass sie sich die Hoffnung auf eine kostenlose USA-Reise abschminken konnten, gehörten allein fünfzehn zum Sopran.
»… und Klaus Töbken. So, das war’s, meine Herren. Alle Aufgerufenen dürfen sich gratulieren, den anderen danke ich für ihr strebendes, wenn auch nicht vom erträumten Erfolg gekröntes Bemühen. And now upon the Ladies.«
Die Jungs trugen es allesamt mit Fassung, stellte Heiden fest. Auch die Aussortierten blieben betont cool, einige rangen sich sogar ein pflichtschuldiges Lachen über den alten Heinrich-Lübke-Witz ab. Ein paar der Mädchen lachten ebenfalls. Klar, die Favoritinnen, denen das Flugticket nicht zu nehmen war. Die anderen blieben stumm, standen bleich und starr, wie in Alabaster gemeißelt. Hopp oder topp – jetzt gleich würden sie es erfahren, aus seinem Munde. Heiden verspürte ein wohliges Kribbeln im Bauch, während er die Namen der Altistinnen verlas.
Dann war es so weit. »Sopran.« Kurze Raschelpause. »Maren Gödeke, Elisabeth Heeren, die drei Tanjas …« Gleichmäßig, wie nach dem Metronom, las er die Namen der Gesetzten herunter, deren Erwähnung niemanden überraschte, am allerwenigsten sie selbst. Dann aber hatte Heiden die Sektion erreicht, die er selber »die Grauzone« nannte; lauter Mädchen, die passabel, aber nicht überragend sangen, die man durchaus mitnehmen konnte, aber nicht musste. Fußballtrainer nannten so etwas »Ergänzungsspieler«.
Jetzt kam Bewegung in die Reihen des Chors, und auch die Stille war nicht mehr absolut. Name für Name rief ein heftiges Keuchen, ein unterdrücktes Juchzen, ein halblautes »Ja!« hervor. Da gehen Wunschträume in Erfüllung, dachte er, und sein Lächeln vertiefte sich. Träume, ja. Zwei Namen noch, dann werden wir hören, wie Träume zerbrechen.
»Sabrina Tinnekens.« Der vorletzte Name, das eine Gesicht. Sein Blick fing es ein. Sie lächelte, klar, aber keineswegs so, wie er erwartet hatte, nämlich dankbar und selig wie ein beschenktes Kind unterm Weihnachtsbaum. Oh nein. Dieses Lächeln fiel reichlich selbstsicher aus. So, als habe sich diese Person ihren Platz auf der Liste redlich verdient. Womit auch immer. Was die sich wohl einbildete! Heidens Hochstimmung war dahin.
»Und Hilke Smit. So, meine Damen, das war’s.« Er stopfte die Zettel zurück in seine Hosentasche.
Seufzer, gleich reihenweise, wie erwartet. Und ein Schluchzer, der sich Bahn brach, obwohl sich Theda Schoon beide Hände vor den Mund gepresst hatte. Ach ja, die kleine Theda. Sicherlich hätte er sie mitnehmen können. Aber eben nicht müssen. Einen zwingenden Grund hatte sie ihm nicht geliefert. Obwohl er ihr die Möglichkeit geboten hatte. Tja, Chance verpasst, so war das nun einmal.
Dabei fiel ihm auf, dass er Hilke Smit gar nicht hatte jubeln hören. Und als er den wohlvertrauten Sopranblock ins Visier nahm, stellte er fest, dass er sie auch nicht sah.
Er winkte die Taudien heran: »Haben Sie denn die Anwesenheit gar nicht kontrolliert?«
»Aber selbstverständlich«, erwiderte die Oberstudienrätin entrüstet. »Hilke Smit ist heute früh nicht erschienen, das ist mir bekannt. Ich hatte nur noch keine Gelegenheit, es Ihnen …«
»Schon gut, schon gut«, winkte er ab: »Und? Wo steckt sie?«
Margit Taudien breitete die Arme aus: »Ihre Mitbewohnerinnen wissen es nicht. Angeblich hat sie gestern am frühen Abend noch einmal die Ferienwohnung verlassen, und als die anderen Mädchen heute Morgen in ihrem Zimmer nachschauten, war ihr Bett unberührt.«
Heiden runzelte die Stirn; Hilke war nicht gerade für ein ausschweifendes Nacht- und Liebesleben bekannt. Andernfalls hätte er es gewusst. Im Chor wurde grundsätzlich über alles getratscht, und auf solche Dinge achtete er.
»Haben Sie es schon über Handy versucht?«, fragte er.
Margit Taudien nickte beflissen: »Habe ich, selbstverständlich. Aber da meldet sich nur die Mailbox. Anscheinend hat Hilke ihr Gerät ausgeschaltet.«
Heiden wurde sich plötzlich wieder bewusst, dass fünfundsechzig Augenpaare auf ihn gerichtet waren, das von Kollegin Taudien mitgerechnet. Die Jugendlichen hatten ihr Geschnatter eingestellt; offenbar hatten sie gemerkt, dass ihr Leiter-Duo ungewöhnlich lange abgelenkt war, und waren vor Neugierde verstummt. Besser, er machte jetzt erst einmal weiter wie gewohnt. Bloß nicht die Pferde scheu machen.
»Fragen Sie zur Sicherheit mal bei der Polizei nach, ob die etwas wissen«, zischte er der Taudien zu. »Hier gibt es doch eine Polizei, soweit ich mich erinnere, oder? Wenn schon keine Autos.«
Die rundliche Frau nickte. »Ist gut«, sagte sie leise und entfernte sich, sorgsam darauf bedacht, keine auffällige Hast an den Tag zu legen.
Sehr schön, dachte Heiden, froh, sich nicht selber kümmern zu müssen. Auch wenn er um einen Besuch bei der Polizei wohl nicht herumkommen würde.
Er klatschte laut in die Hände. »So, genug getrödelt, frisch ans Werk! Uns steht noch eine Menge Arbeit bevor.«
6.
Das Meer kam auf ihn zu. Merkwürdig. Aber eindeutig.
Nicht nur Welle um Welle, klar, das auch. Nach wie vor brandete Woge auf Woge heran, kräftig und lautstark, obwohl der Wind im Moment ziemlich sanft wehte, wie er fand. Aber woher wollte er das wissen? Hatte er denn einen Vergleich?
Wie auch immer, dachte der dicke Mann, das Meer kommt auf mich zu. Seit Stunden fixierte er nun schon den Spülsaum, jene Zone, in der sich die schaumigen Ausläufer der gebrochenen Brandungswellen im nassen Sand verliefen und eine Markierung aus Treibholzstücken, Möwenfedern, Pflanzenresten, Plastikflaschen und sonstigem Unrat zurückließen. Keine Welle war wie die andere, und so war auch der Verlauf des Spülsaums ständigen Veränderungen unterworfen.
Nur eins war unübersehbar: Er kam auf ihn zu.
»Flut«, krächzte der dicke Mann leise vor sich hin. Seit Stunden das erste Wort, das er gesprochen hatte. Flut, natürlich, Ebbe und Flut. Sechs Stunden und ein bisschen, jeweils. Zweimal am Tag kam und ging das Wasser. Na also, da war ja doch noch etwas, dort oben unter seiner geschwollenen Schädeldecke, die nicht mehr ganz so wütend pochte wie heute früh. Wie viel mochte da noch sein?
Aber vorerst wartete er vergebens. Die erhoffte Erinnerungsflut wollte nicht einsetzen.
Der Spülsaum näherte sich nicht nur, er schwankte auch. Vor und zurück, vor und zurück, ebenso wie der blaue Himmel und die Schäfchenwolken über dem stahlgrau schimmernden Meeresspiegel. Das verwunderte ihn, bis er feststellte, dass es sein eigener dicker Körper war, der da schwankte. Vor und zurück, vor und zurück, die Arme oberhalb des halbkugeligen Bauches um die füllige Brust geschlungen. Selbsthypnotisch. Wie nannte man das noch, wenn jemand so vor sich hin wackelte – Autismus? Nein, Hospitalismus, das war es. Wieder ein Fundstückchen Erinnerung. Leider wiederum keins, das ihm weiterhalf.
Immerhin war ihm nicht mehr so kalt wie am frühen Morgen. Seit Stunden saß er nun schon hier am Strand, auf ein und demselben Fleck, wie gefangen in seinem egozentrischen Gewackel und seiner Erinnerungslosigkeit, und wartete. Auf sich selbst, genau genommen. Bisher aber war die erhoffte Offenbarung ausgeblieben. Er war sich selber immer noch so fremd wie heute früh, war nichts weiter als ein dicker Mann in Unterwäsche. Mit einer schmerzenden Beule am Kopf. Und Blutkrusten an den Händen.
»Hast du denn kein Handtuch?«
Der dicke Mann erstarrte. Natürlich, in den vergangenen Stunden, in denen er sich darauf beschränkt hatte, seinen Körper rhythmisch vor und zurück zu wiegen und dabei vielleicht ein weiteres verschüttetes Stückchen Erinnerung an die Oberfläche seines Bewusstseins zu schütteln, war nicht nur das Meer ein wenig auf ihn zugekommen und die Sonne ein Stückchen höher in den Himmel geklettert. Der Strand rund um ihn her hatte sich auch belebt, Menschen hatten ihre Decken und Badelaken ausgebreitet, sich zuerst zögernd und dann immer freimütiger bis aufs Schwimmzeug entblößt und ihre nussbraunen, madenweißen oder himbeerrosa Körper den wechselseitigen Blicken und den Sonnenstrahlen dargeboten. Längst war das Fleckchen Sandstrand, auf dem er am Morgen noch mutterseelenallein gehockt hatte, von anderen Badegästen umgeben, umringt, umzingelt. Förmlich eingekesselt. Nicht, dass er das nicht wahrgenommen hätte, nur hatte er es irgendwie ausgeblendet. Bis jetzt.
»Und hast du denn auch keine Badehose?«
Ein Schwall Sand prickelte über seinen rechten Oberschenkel. Langsam drehte er seinen Kopf auf dem dicken, kurzen Hals, peilte misstrauisch aus den Augenwinkeln.
»Was machst du denn eigentlich hier, wenn du kein Handtuch und keine Badehose hast?«
Die Kleine mochte sechs Jahre sein, vielleicht acht, älter auf keinen Fall. Dafür reichlich altklug. Wie sie da stand, das rundliche Kinn vorgestreckt, die Ellbogen angewinkelt, beide Fäuste in die babyspeckigen Hüften gestemmt, hätte sie gut und gerne eine amtlich bestallte Strandaufseherin sein können. Vielmehr die Karikatur einer solchen, angefertigt für die tägliche Kinderseite der Badezeitung.
»Klar hab ich Badesachen«, sagte der dicke Mann, einfach um etwas zu sagen.
»Und wo sind die?« Die Kleine erwies sich als hartnäckig. »Warum hast du deine Badehose denn nicht an? Warum sitzt du einfach so im Sand, wenn du ein Handtuch hast oder ein Badelaken? Und wo hast du das alles denn überhaupt?«
»Da drüben«, log er und wedelte mit der linken Hand vage nach links, zur anderen Seite des Strandgetümmels. »Hab mich noch nicht umgezogen. Wollte erst mal gucken.«
Der Kleinen schien das einzuleuchten. Sie nickte ernsthaft, wobei ihr das blendend weiße Sonnenhütchen tief in die Stirn rutschte. »Bist du denn ganz allein hier?«
Der dicke Mann seufzte leise. »Ich glaube schon«, antwortete er. »Jedenfalls habe ich noch keinen gesehen, der zu mir gehört.«
Wieder nickte das Mädchen. Offenbar hatte der dicke Mann genau den richtigen Ton getroffen. Das erstaunte ihn, denn er war nicht davon ausgegangen, besonders viel Erfahrung im Umgang mit Kindern zu haben. Aber was wusste er schon über sich?
Die Kleine trug tatsächlich einen Bikini. Das mintgrüne Höschen war ebenso mit einer gewellten Blümchenborte verziert wie das gleichfarbige Oberteil, das nichts anderes zu halten hatte als sich selbst. Eigentlich Blödsinn, Kinder in diesem Alter derart aufzuzäumen. Aber vermutlich konnten manche Eltern ihre Töchter gar nicht früh genug ins Rollenschema pressen.
Die Kleine musterte ihn weitaus unverhohlener als er sie. Anscheinend war sie mit dem Resultat ihrer Betrachtung zufrieden, denn sie fragte: »Kommst du mit ins Wasser? Mami und Papi haben noch keine Lust, und alleine traue ich mich nicht.«
»Aber ich habe doch meine Badehose noch gar nicht an«, versuchte er sich halbherzig herauszureden. Ein Fehler, wie ihm sofort klar wurde, denn mit Halbherzigkeiten war bei der kleinen Bikiniträgerin nicht durchzukommen.
»Die kannst du dir doch holen«, schlug das Mädchen vor, sichtlich froh, dass er nicht sofort und prinzipiell abgelehnt hatte. Ihr pummeliges Händchen wedelte vor seiner Nase herum, wies auf die andere Strandseite: »Von da hinten, wo du gesagt hast. Und dein Badelaken auch. Dann tust du dir dein Laken um und ziehst dir deine Badehose an, und dann gehen wir schwimmen.« Sie musterte ihn mit gekraustem Näschen: »Du hast doch ein Laken, das um dich rum passt, oder?«
»Gute Frage«, brummte er. Da hatte er sich ja in eine verteufelte Lage hineinmanövriert! Wo er doch weder Badehose noch Laken besaß, jedenfalls nicht jetzt und hier.
Andererseits …
Ewig hier sitzen bleiben und mit dem Oberkörper wackeln konnte er sowieso nicht. Irgendetwas musste er unternehmen. Er musste hier weg, und solange er nicht wusste, was von ihm selbst, der Beule an seinem Kopf und den Krusten an seinen Händen zu halten war, tat er bestimmt gut daran, möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Und ein dicker Mann in Badehose und mit einem Badelaken über der Schulter fiel hier am Strand mit Sicherheit weniger auf als einer in Unterwäsche. Ein von der textilen Seite her betrachtet kleiner, aber feiner Unterschied.
Und mit einem kleinen Mädchen im geblümten Mintbikini an seiner Seite konnte er sogar von einer perfekten Tarnung sprechen.
»Na gut, überredet«, sagte er und wuchtete sich mühsam aus der Kuhle, die sein Hintern in Stunden des Wiegens in den Sand gedrückt hatte. Eine wahrlich imposante Vertiefung. »Komm, wir holen meine Sachen. Da hinten müssen sie irgendwo liegen.«
Die Kleine klatschte begeistert in die Hände, dass die Sandkörnchen nur so stoben, und tanzte ausgelassen um ihn herum. Als er sich in Bewegung setzte, nach links, weg vom mutmaßlichen Lagerort des schwimmunwilligen Elternpaares, angelte das Mädchen nach seiner Hand und packte, da sie sich als zu dick erwies, energisch Mittel- und Zeigefinger. Jetzt wurde ihm doch etwas mulmig, aber für einen Rückzug war es zu spät.
»Wie heißt du eigentlich?«, fragte er. Und biss sich auf die Lippen.
Sie aber schien die Frage dem derzeitigen Stand ihrer Beziehung angemessen zu finden. »Binki«, antwortete sie. »Von Bianca. Aber Bianca finde ich doof, Binki ist besser. Und du?«
Na klar. Das hatte ja kommen müssen. Er zögerte nur einen Augenblick, dann sagte er fest: »Kurt. Ich heiße Kurt.« Und wenn er auch niemals so geheißen hatte, jetzt jedenfalls hieß er so.
Wie einen Radarstrahl schwenkte er seinen Blick suchend über den Strandsektor in ihrer Gehrichtung hin und her. Was er jetzt brauchte, war ein verlassenes Badelaken, und zwar eins, auf dem eine Herrenbadehose in ausreichender Größe lag. Wie groß mochte die Wahrscheinlichkeit sein, auf genau diese Konstellation zu stoßen? Gar nicht einmal so klein, entschied er. Schließlich dominierten um diese Jahreszeit die etwas älteren Kurgäste, und die älteren waren statistisch gesehen doch auch etwas kräftiger um die Körpermitte. Außerdem standen ältere Menschen in der Regel zeitig auf, gingen früher als andere an den Strand, schwammen früher und entledigten sich demzufolge auch früher ihrer nassen Badekleidung, um sich keine im Alter empfindlicher werdenden Körperteile zu verkühlen. Und weil Bewegung an frischer Luft und im kühlen Nordseewasser hungrig und durstig macht, war die Wahrscheinlichkeit, dass besagte ältere Menschen mal eben den nächsten Kiosk, einen Imbiss oder das Klohäuschen aufsuchten und zwar nicht ihre Wertsachen, wohl aber Laken und nasse Hosen ein paar Minuten unbeaufsichtigt ließen, durchaus …
Na bitte! Schon war er fündig geworden. Von einem gelb-rot-blau gestreiften Laken leuchtete ihn eine orangefarbene Badehose in großzügigem Bermudaschnitt geradezu an. Direkt daneben lag ein zerknülltes dunkellila T-Shirt, ebenfalls feucht. Mit etwas Glück bescherte ihm beides zusammen ein gesellschaftsfähiges Strand-Outfit.
Verstohlen sicherte er nach beiden Seiten: Niemand schien sich um das verwaiste Laken zu kümmern, keiner im näheren Umkreis strebte erkennbar darauf zu. »Hier, Binki«, sagte er. »Das sind meine Sachen.«
»Fein«, jubelte das Mädchen. »Dann beeil dich mit dem Umziehen.«
Mit unguten Gefühlen bückte er sich, jeden Augenblick damit rechnend, ein »Was machen Sie denn da?« oder, noch schlimmer, ein »Haltet den Dieb!« in die Ohren geknallt zu bekommen. Aber nichts geschah, als er nach der grellfarbenen Badehose griff und sie prüfend mit den Fingern auseinander spreizte. Na, groß genug schien sie jedenfalls zu sein. Also los.
Er warf sich das lila T-Shirt über die Schulter, ergriff das Badelaken und schlang es sich um die ausgebeulte Taille. Kleiner hätte das Tuch wahrhaftig nicht sein dürfen; nur mit Mühe bekam er die Enden verknotet. Vorsichtig begann er, im Sichtschutz des Lakens seine Unterhose abzustreifen, was sich als gar nicht so einfach erwies. Endlich aber hatte er das Ding bis zu den Knöcheln hinabgerollt. Er kickte es weg, balancierte auf einem Bein und schickte sich an, den rechten Fuß in die Badehose einzufädeln.
»Binkiii!«
Der Schrei hätte ihn fast aus dem Gleichgewicht gebracht, auch wenn er ganz anders klang als befürchtet. Kein kräftiger, erboster Mann war es, der da schrie, weil sich jemand an seinem Eigentum vergriffen hatte. Sondern eine Frau. Eine Mutter in höchster Panik.
»Binki, was macht der Mann da mit dir?!«
Erschrocken stieß er seinen rechten Fuß in den Badehosenbund, wechselte das Standbein, schob den linken Fuß hinterher, tastete mit dem großen Zeh nach dem richtigen Hosenbein. Und verhedderte sich. Verbissen um seine Balance kämpfend, hopste er im weichen Sand hin und her. Endlich waren beide Beine richtig positioniert, endlich, endlich konnte er die Hose hochziehen und sich aus seiner misslichen Selbstfesselung befreien. Schon …
Da löste sich der Knoten, der das Badelaken mehr schlecht als recht zusammengehalten hatte, und das bunte Tuch sank in den Sand.
Das Gebrüll schwoll zu ohrenbetäubender Lautstärke an. »Sie gemeiner Schweinekerl!«, kreischte die Frau. »Gehen Sie weg von meinem Kind!«
Panisch riss er an der Badehose, deren feuchter Innenslip sich einfach nicht über seine stämmigen Oberschenkel ziehen lassen wollte, und sprang von einem Bein auf das andere, während sich eine leuchtend rote, laut schreiende Gestalt in sein Blickfeld drängte. Sein Geschlecht begann munter zu pendeln. Jetzt brüllte auch Bikini-Binki, und um sie und ihn herum wurden die fragenden und verärgerten Ausrufe zahlreicher.
Endlich war die Hose oben. Der Mann, der sich Kurt nannte, raffte Laken und T-Shirt zusammen und rannte los, so schnell es der tiefe Sand und sein schwerer Körper eben zuließen, in Richtung Dünen, bloß weg von dem fürchterlichen Geschrei.
»Polizei« war eines der letzten Worte, die er noch deutlich verstehen konnte, ehe die allgegenwärtige Brandung alles verschluckte und mit ihrem gleichförmigen Rauschen überdeckte. Zwar keuchte er schon bedenklich, dieses Wort aber verlieh ihm die zweite Luft. Bloß das nicht, bloß keine Polizei. Das fehlte noch, als Sittenstrolch gepackt zu werden, ohne zu wissen, ob … Und was das mit dem Blut an seinen Händen auf sich hatte und mit allem anderen.
Seine Unterhose, die er im Sand hatte liegen lassen, fiel ihm erst einige Zeit später wieder ein.
7.
»Wie sieht sie denn aus?«, fragte Lüppo Buss.
Leopold Heiden warf beide Arme in die Luft. »Mein Gott, wie die Mädchen eben aussehen heutzutage, nicht? Dünngehungert ohne Ende, die Haare gefärbt, etwa so rosa wie eine Packung Aldi-Lachs, und natürlich so eine Krampe in der Nase. Piercing, Sie verstehen. Ein Wunder, dass die damit noch halbwegs singen konnte.« Der Chorleiter stutzte und verbesserte sich: »Kann, meine ich natürlich.«
Der Inselpolizist runzelte die Stirn. Dieser eingebildete Hampel mit seinem theatralischen Gefuchtel und seiner zur Schau getragenen Scheißegalhaltung gegenüber einem seiner Schützlinge machte ihn ärgerlich. Seine blonden, raupenartig borstigen Augenbrauen krochen bedrohlich aufeinander zu. Schön, noch wurde diese Hilke Smit erst seit ein paar Stunden vermisst, das musste nichts heißen, Teenager blieben nun einmal gelegentlich über Nacht weg. Aber so erbärmlich brauchte man sich als Verantwortlicher nun auch nicht anzustellen.
»Ihre Haare sind dunkelblond, mit pinkfarbenen Strähnchen«, meldete sich Heidens Kollegin zu Wort. »Sie ist sechzehn Jahre alt, wirkt aber eher jünger. Etwa einszweiundsechzig groß und schlank, beinahe noch kindlich. Das Piercing hat sie im linken Nasenflügel. Sie trägt eine Brille mit rotem Kunststoffgestell, das heißt, die sollte sie eigentlich tragen, denn sie ist ziemlich kurzsichtig, aber meistens trägt sie sie nicht.«
Lüppo Buss nickte und machte sich Notizen. Gott sei Dank war mit dieser Frau Taudien mehr anzufangen als mit ihrem Kollegen. Oder Chef? Schon auf dem Anrufbeantworter hatte die Stimme der Oberstudienrätin sehr kompetent geklungen. Wäre sicher besser gewesen, mit ihr allein zu sprechen, denn Heidens Gegenwart schien diese Frau doch sehr zu verunsichern. Aber heute am frühen Vormittag, als sie anrief, war Lüppo ja unterwegs gewesen, und inzwischen war die Chorprobe beendet, leider, so dass er jetzt beide am Hals hatte.
Typisch, dass ihm gerade jetzt solch eine Sache serviert wurde, da er alleine auf der Insel Dienst tat. Gewöhnlich waren sie zu zweit, er und sein jüngerer Kollege Bodo Jürgens. Mit zwei Mann ließ sich all das, was die Insulaner und ihre Gäste außerhalb der Hochsaison anstellen konnten, ganz gut bewältigen. Und während des Sommers bekamen sie ohnehin regelmäßig Verstärkung. Jetzt aber war Lüppo Buss ganz auf sich gestellt, denn Bodo Jürgens war gestern Abend in aller Eile aufs Festland geschafft worden. Mit dem Rettungshubschrauber. Und das aus gutem Grund, denn im Krankenhaus hatte man einen akuten Blinddarmdurchbruch festgestellt und sofort operiert. Lüppo Buss, der gerade zwei freie Tage in Esens abgebummelt hatte, wo er eine winzige Zweitwohnung unterm Dach eines schmucklosen Mehrfamilienhauses unterhielt, war sofort benachrichtigt worden und eilends nach Langeoog zurückgekehrt. Und jetzt saß er hier mit diesem Mist.
»Was wissen Sie denn sonst noch über das Mädchen?«, fragte er, den Blick betont fest auf Frau Taudien gerichtet. »Hat sie Sorgen? Irgendwelche Probleme, die sie bedrücken?« Aus den Augenwinkeln konnte er erkennen, wie Heiden, seine Nichtbeachtung augenblicklich registrierend, die Arme fest vor der Brust verknotete und beleidigt die Schallschluckplatten an der Bürodecke fixierte. Bestens, sollte er ruhig, solange er die Klappe hielt.
»Sie meinen …?« Die Lehrerin überlegte, wobei sie heftig mit den Augen rollte und die vollen Lippen nach vorne stülpte. »Nun ja«, sagte sie dann, »ich glaube schon. Sie fühlte sich wohl nicht richtig akzeptiert, nicht zugehörig, verstehen Sie? So etwas geht ja sehr schnell.«
Der Polizist nickte bedächtig. »Falsche Kleidermarke, uncooler Musikgeschmack, zu gute Schulnoten, etwas in der Richtung?«
»Nein, das nicht.« Die Oberstudienrätin schwenkte energisch den Zeigefinger. »Leistungsorientiert sind viele im Chor, deswegen wird man nicht gemobbt. Sonst schon, aber nicht bei uns. Und in Sachen Musik sind wir alle sehr flexibel, das liegt ja irgendwie in der Natur der Sache. Was die Mode angeht, so gibt sich Hilke alle Mühe, keinen angesagten Trend zu verpassen. Das ist es also nicht. Eher schon … ihre allgemeine Erscheinung, verstehen Sie.«
»Nein«, sagte Lüppo Buss. »Klären Sie mich auf.«
»Na ja.« Margit Taudien zuckte die Achseln. »Sie haben es ja selber notiert. Einszweiundsechzig, Figur eher knabenhaft, jünger aussehend. Wissen Sie, was das für eine Sechzehnjährige bedeuten kann? In dem Alter sind die Mädels doch alle stark verunsichert, haben mental keinen festen Boden unter den Füßen. Darum machen die alle so verzweifelt auf erwachsen. Was glauben Sie denn, warum sich manche von denen so herausputzen? Weil sie mit aller Gewalt etwas darstellen wollen, von dem sie überhaupt nicht wissen, ob sie es denn wirklich schon sind. Nämlich Frauen. Und wenn man dann so wie Hilke das Pech hat, dass die eigene körperliche Entwicklung das einfach noch nicht hergibt, dann kann das schon zum Verzweifeln sein.« Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund: »Oh Gott, das will ich jetzt aber wirklich nicht annehmen, dass ihr das dermaßen nahe gegangen ist, dass sie sich womöglich …«
»… etwas angetan hat?« Lüppo Buss schüttelte sanft das breite Haupt. »Vom Schlimmsten müssen wir ja nicht gleich ausgehen.«
»Sie wissen offenbar nicht, wie rücksichtslos Jugendliche in diesem Alter sind.« Die Lehrerin schien nicht geneigt, sich beschwichtigen zu lassen. »Geradezu brutal. Sagt Ihnen der Ausdruck ›Zickenterror‹ etwas? Da könnte ich Ihnen Geschichten erzählen! Also, wenn die Hilke von irgendeiner Clique, womöglich von ihrer eigenen, so richtig in die Zange genommen worden ist, dann garantiere ich für gar nichts.«
Lautes Klopfen an der Tür enthob Lüppo Buss einer Antwort. Ehe er noch »Moment bitte!« rufen konnte, wurde die Tür aufgerissen, und ein Schwall aufgeregt plappernder Menschen brach über ihn und die beiden Leeraner Lehrer herein. Allen voran eine Frau im erdbeerroten Badeanzug mit kupferrot gefärbten Haaren, zartrosa getönter Haut und krebsrot angelaufenem Gesicht. Mit der einen Hand schob sie ein kleines Mädchen mit weißem Sonnenhut und mintgrünem Blümchenbikini vor sich her, in der anderen schwenkte sie ein undefinierbares, allem Anschein nach recht voluminöses blauweiß gestreiftes Kleidungsstück, als sei es eine erbeutete Kriegsflagge.
»Ich bitte Sie, können Sie nicht …« Kommissar Buss schickte sich an, die ganze Autorität seines Amtes in die Waagschale zu werfen, um den Ablauf der Dinge in geordneten Bahnen zu halten. Aber er hatte keine Chance.
»Ein Sittlichkeitsverbrecher!«, rief die rote Dame. »Ein Kinderschänder! Da draußen am Strand, da läuft er herum, am helllichten Tag! Hier, meine Tochter hat er belästigt, hat sich schamlos vor ihr entblößt, und wer weiß, was er ihr noch alles angetan hätte, wenn ich nicht rechtzeitig zur Stelle gewesen wäre! Da, gucken Sie mal!« Sie klatschte das undefinierbare Kleidungsstück vor Lüppo Buss auf den Schreibtisch. Sandfontänen spritzten nach allen Seiten, Körnchen prickelten auf der polierten Tischplatte.
»Das sind seine Boxershorts«, erläuterte die rote Dame ihr Beutestück. »Die hat er vor meiner Tochter ausgezogen, und die Kleine musste ihm dabei zugucken. Was für ein Dreckskerl!« Die Frau rang nach Atem. »Als ob ich es geahnt hätte. Ich habe zu meinem Mann gesagt, Hermann, habe ich gesagt, ich sehe Bianca nicht, seit ein paar Minuten schon, wo ist Bianca, das macht mich ganz unruhig, habe ich gesagt. Also bin ich losgegangen und habe sie gesucht, und was soll ich sagen …«
Die rote Dame hielt erneut inne, um Luft zu holen. Eine Gelegenheit, auf die der Trupp, der sich in ihrem Schlepptau in das Polizeibüro an der Kaapdüne gedrängt hatte, nur gewartet zu haben schien. Offenbar waren sie allesamt Augenzeugen des soeben angezeigten Vorfalls geworden, und das taten sie jetzt mit gebührender Empörung und Lautstärke kund. Nur der Mann, der direkt neben der roten Dame und ihrer mitgrünen Bikinitochter stand, stimmte nicht in die Kakophonie der Entrüstung ein. Vermutlich Hermann, dachte Lüppo Buss.
Der Kommissar ließ als guter Therapeut dem aufgestauten Mitteilungsdrang der Tatzeugen erst einmal freien Lauf. Dann erhob er sich langsam aus seinem Drehstuhl, breitete die kräftigen Arme aus, blähte seinen Brustkorb auf und fixierte die Gruppe aus eisgrauen Augen. Eine Pose, die vollkommen ausreichte, um alle Anwesenden augenblicklich zum Schweigen zu bringen.
»Also gut«, sagte er leise. »Darf ich Sie alle jetzt bitten, einer nach dem anderen und ganz in Ruhe Ihre Aussage …«
Schon wieder entstand Tumult. Mist, dachte Lüppo Buss. Das hatte doch bis hierhin so gut geklappt. Wer machte denn da alles wieder zunichte? Wütend funkelte er den schmächtigen älteren Herrn an, der sich gerade durch die Reihen nach vorne drängelte. »Was wollen Sie denn jetzt?!«
»Entschuldigen Sie bitte.« Der kleine Mann schien unter den finsteren Blicken des Inselkommissars noch weiter zu schrumpfen. »Ich gehöre gar nicht zu den Herrschaften hier, wollte nur etwas abgeben, und da dachte ich, ich lege Ihnen das mal einfach auf den Schreibtisch. Hier, zwei Fundsachen.«
Der kleine Mann machte seine Ankündigung wahr. Wieder rieselte feuchter, salziger Sand über Lüppo Buss’ glänzenden Schreibtisch, und auf der Stirn des Polizeibeamten vereinigten sich zwei blonde, borstige Augenbrauenraupen zu einer einzigen. Abermals holte der Kommissar tief Luft.
Der Schrei aber kam von Margit Taudien. »Oh nein, Hilke!« Die Lehrerin griff nach den beiden Gegenständen, die der kleine Mann abgelegt hatte, zuckte jedoch davor zurück wie vor einem Skorpionpärchen und schlug stattdessen die Hände vor ihr Gesicht.
Lüppo Buss trieb die Raupen auf seiner Stirn auseinander und richtete seinen Blick abwärts. Das eine der beiden Fundstücke war ein Handy, ein relativ neues Modell, mit Fotofunktion und allerlei sonstigem Schnickschnack. Nicht billig, aber kein Grund, in Panik zu geraten.
Das andere Fundstück war eine Brille. Schmal, eckig, mit rotem Kunststoffgestell.
»Oh nein«, wiederholte Margit Taudien. »Das arme Kind. Was hat er bloß mit ihr gemacht!«
Alle Anwesenden starrten sie verständnislos an. Selbst Heiden, dessen Gedanken in den letzten Minuten ganz andere Wege gegangen waren. Nur Lüppo Buss wusste genau, was die Lehrerin meinte. Und er musste zugeben, dass der Zusammenhang mehr als offenkundig war. Ein junges Mädchen verschwunden, ein Sittlichkeitsverbrecher aufgetaucht, zwei eindeutig zuzuordnende Fundstücke in der Nähe des Ortes entdeckt, wo der Täter sein Unwesen trieb.
Kalter Schweiß brach ihm aus.
Wieder öffnete er den Mund. Wieder kam er nicht zu Wort, denn erneut entstand Unruhe. Sehr heftige diesmal, denn der Mann, der sich jetzt seinen Weg von der Tür her durch das inzwischen zum Bersten vollgepfropfte Büro bahnte, war alles andere als klein und schmächtig. Vielmehr war er groß und dick, beinahe ein Koloss, spärlich bekleidet mit Badelatschen, dunklen Shorts und weißem Unterhemd, und er schien keinerlei Scheu vor dem Einsatz seiner Ellbogen zu haben.
Die rote Dame schrie auf: »Das ist er, das ist er! Der Lustmörder! Hilfe, zu Hilfe, so haltet ihn doch fest!«
Der Mann jedoch, der neben ihr stand und in dem Lüppo Buss ihren Ehemann Hermann vermutete, schüttelte nachdrücklich den Kopf und legte ihr die Hand auf die sonnenverbrannte, rosa schimmernde Schulter. Ein Schmerzensschrei stoppte ihr entsetztes Gezeter.
»Das ist er nicht«, sagte der mutmaßliche Hermann. »Ganz bestimmt nicht. Er sieht nur so ähnlich aus.«
Der große, dicke Mann hatte sich inzwischen bis zum Schreibtisch durchgetankt. Die rote Dame streifte er nur mit einem skeptischen Blick, dann wandte er sich Lüppo Buss zu. »Was ist das eigentlich für eine Insel hier?«, herrschte er ihn an. »Was ist das für ein Strand? Wissen Sie überhaupt, wie oft ich in Italien Badeurlaub gemacht habe? Und in Südfrankreich? Und nie, niemals hat mich dort jemand beklaut. Aber hier, auf Langeoog, im ach so friedlichen Ostfriesland! Da dreht man sich nur einmal kurz um, und was ist?«
Genau in diesem Augenblick platzte Lüppo Buss der Kragen. »Ja, und was ist? Was ist!?«, brüllte er los, den Kopf in den Nacken gelegt, um dem dicken Kerl in die wasserblauen Augen starren zu können. »Was glauben Sie wohl, wie gespannt ich darauf warte, dass Sie mir sagen, was hier ist! Na und, was ist nun?! Jetzt will ich es aber wissen. Und das eine sage ich Ihnen, wenn Sie mich hier wegen nichts und wieder nichts von meinen dringenden Dienstgeschäften abhalten, dann machen Sie sich bloß auf was gefasst!«
Die ganze kompakte Masse Mensch im Langeooger Polizeibüro hielt den Atem an. Selbst Leopold Heiden zeigte plötzlich wieder Interesse, entfaltete seine Arme und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, froh, die kommende Auseinandersetzung als Zuschauer in der ersten Reihe miterleben zu dürfen.
Der dicke Neuankömmling aber brüllte nicht zurück. Vielmehr sagte er in ruhigem Ton: »Sorry, das konnte ich ja nicht ahnen. Tut mir leid, ich kann warten. Geht ja um nichts Wichtiges, nur um ein paar Klamotten, die mir am Strand gestohlen worden sind. T-Shirt, Badehose und Laken, so etwas eben.«
»Eine orange Badehose?« Das war das kleine Mädchen, Bianca hieß sie wohl. »So ’ne ganz große?«
»Ja«, sagte der Mann und schaute ungläubig auf das Mädchen hinab. »Ich meine, orange war sie. Hast du etwa … ?«
»Stopp«, sagte Lüppo Buss laut, und er sagte es mit Nachdruck. Augenblicklich trat Schweigen ein. »Ab jetzt redet nur noch, wer gefragt wird, klar? Und zwar von mir. Keiner verlässt mein Büro, ehe ich nicht haarklein weiß, was hier läuft und was womit zusammenhängt. Und mit Ihnen hier fange ich an. Wer sind Sie eigentlich?«
»Ich?« Der dicke Mann klopfte seine Brustregion ab, wo aber nur Feinripp zu ertasten war, dann die Rückseite seiner kurzen Hose, und brachte ein dunkles Etui zum Vorschein. Wieder rieselte Sand auf den Schreibtisch, als er die Plastikhülle aufklappte und einen Ausweis zeigte. »Mein Name ist Stahnke. Kriminalhauptkommissar. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann … ?«
Er stutzte, weil sein Blick auf die blauweiß gestreiften Boxershorts gefallen war, die zusammengeknüllt vor ihm auf dem Schreibtisch lagen. »Was ist denn das?«, murmelte er, klappte seinen Ausweis zusammen und schob die Plastikhülle unter den Bund des Kleidungsstücks, um es prüfend anzuheben. Ein dunkler Fleck, bisher von den Falten fast verborgen, wurde sichtbar.
»Schon gesehen?«, wandte sich der Dicke wieder an Lüppo Buss. »Da ist Blut dran.«
8.
»Ach Mensch, ich kann mich immer so schlecht entscheiden.« Wiebke Meyers knochiger Zeigefinger zuckte zwischen den bunten Abbildungen der Eiskarte hin und her wie der Mouse-Cursor in einem Computerspiel. »Bananensplit? Spaghettieis? Oder hier, Amarettobecher, vielleicht mal was mit Alk?« Sie kicherte ungehemmt.
Stephanie Venema kicherte mit. »Nimm doch einfach alles zusammen, das kannst du dir doch locker leisten.«
»Jetzt fang du doch nicht auch noch an«, maulte Wiebke. »Bei mir setzt nun mal nichts an, da kann ich essen, so viel ich will. Kenne viele, die mich darum beneiden. Aber zu dürr bin ich doch nicht, oder?« Sie visierte Stephanie aus zusammengekniffenen Äuglein an: »Oder wie? Hä? Hä?!«
»Nein, natürlich nicht. Du bist nur ganz toll schlank«, bestätigte Stephanie friedfertig und wie gewünscht.
»He, du hast eine Sekunde zu lange gezögert. Das hab ich genau gemerkt. Also findest du mich doch zu dürr, ja? Gib’s nur zu, lügen ist zwecklos. Dürr und hässlich. Sag doch gleich, dass ich nie einen Kerl abkriege! Dann kann ich ja auch ins Wasser gehen. Oder mich vor den nächsten Zug werfen.«
Ihr Gesicht verzog sich zu einer faltigen Leidensmiene, die Mundwinkel sanken tief herab, und die hochgewölbte Unterlippe pendelte im Luftzug ihrer hechelnden Atemzüge vor und zurück. Etwa drei Sekunden lang, dann prustete Wiebke los.
Auch Stephanie wieherte. »Selbstmord wegen Untergewicht! Ausgerechnet Hilke! So was Bescheuertes, da können auch nur Lehrer drauf kommen. Etwas Angesagteres als mager zu sein gibt es doch gar nicht.«
»Außerdem haben die hier überhaupt keine richtigen Züge. Nur die Inselbahn.«
»Und die ist so langsam, da kannste dich nicht davor werfen. Höchstens wegschmeißen!«
Der italienische Ober erschien und lächelte milde auf die beiden giggelnden Teenager herab. Wiebke entschied sich nach einigem weiteren Zieren doch für einen Bananensplit; Stephanie bestellte, wohl unter dem Eindruck ihrer eigenen kalorienbezogenen Worte, nur einen Milchkaffee.
Dann fragte sie, nun wieder ganz ernst: »Aber was ist denn nun wirklich mit Hilke Smit? Hast du vielleicht ’ne Ahnung, wo sie stecken könnte?«
Wiebke zuckte die schmalen Schultern. »Wer weiß. Sie wollte doch so gerne ins Watt, weißt du nicht mehr? Eine Wattwanderung machen, nur mal eben ein paar Kilometer raus, hat sie gesagt. Das war noch auf der Fähre, du weißt doch, Langeoog III, das Ding, das so elegant aussieht wie ein zertretener Schuhkarton. Ich erinnere mich genau. So ein Ausflug ins Watt soll ja nicht ungefährlich sein, wenn man sich nicht auskennt, wegen der Flut, die kommt nämlich schneller als man denkt, und weil man die Entfernungen so schlecht abschätzen kann. Außerdem gibt es da diese Dinger, in denen man ersaufen kann, wie heißen die noch? Spülies?«
»Priele«, korrigierte Stephanie. Wieder prusteten beide gleichzeitig los.
Der Ober trat an ihren Tisch und servierte das Bestellte, lächelte nachsichtig über die sich immer noch kringelnde Wiebke, während sein Blick deutlich länger und auch wohlgefälliger auf Stephanies aparter Erscheinung ruhte. Das hellhäutige Mädchen errötete schlagartig, als habe ihr jemand mit Schwung einen Eimer Farbe ins Gesicht gekippt.
Kaum hatte sich der Kellner entfernt, beugte sich Wiebke so weit nach vorn, wie es die Sonnenschirmchen in ihrer Eisschale zuließen, und zischelte: »Hast du das gesehen? Der Typ ist scharf auf dich! Scharf wie ’ne Rasierklinge. Halt dich bloß ran, bei dem hast du echte Chancen.«
»Blödsinn.« Stephanie blinzelte schamhaft in ihren Kaffee, während ihre erhitzte Gesichtshaut tiefrot zu leuchten begann.
»Ich meine ja nur«, sagte Wiebke achselzuckend und schob sich einen gehäuften Löffel Eis mit Fruchtfleisch und Sahne in den Mund. »Was das sparen würde! So oft wie wir hier sitzen. Wäre doch nicht zu verachten.«
Wieder lachten beide gleichzeitig los, und hätte sich Wiebke nicht gerade noch rechtzeitig die Hand vor den Mund gehalten, wäre das für Stephanies paillettenbesticktes gelbes T-Shirt das vorläufige Ende gewesen.
»Was hältst du eigentlich von dieser Geschichte mit dem Triebtäter, der hier angeblich unterwegs sein soll?«, fragte Stephanie dann unvermittelt ernst. »Meinst du, da ist etwas dran?«
Wiebke nickte. »Gehört habe ich auch davon. Wieso, gibt es da einen Zusammenhang? Ich dachte, das ist so einer, der sein Ding kleinen Kindern und alten Weibern zeigt. Mir zeigt ja nie einer so was. Solche Typen sollen doch ganz harmlos sein, ich meine, die vergewaltigen niemanden und bringen keinen um. Eigentlich ganz arme Willis.« Wieder begann sie zu grinsen: »Ha, genau, armer Willy! Wird immer nur vorgezeigt.«
Diesmal jedoch ließ sich Stephanie von Wiebkes Albernheit nicht anstecken. »Ja, genauso habe ich es auch gehört. Aber eben das macht mich ja so stutzig.«
Wiebke hielt in dem Versuch, den Boden aus ihrer Eisschale herauszuschaben, inne: »Wieso?«
»Na, weil das so betont wird! Dass das Auftauchen dieses Kerls absolut nichts mit dem Verschwinden von Hilke zu tun haben soll.« Sie fuhr sich mit beiden Händen durch ihre blonden Haarkaskaden. Zwei Tische weiter klirrten Flaschen; offenbar war der Kellner nicht ganz bei der Sache. Die beiden Mädchen achteten nicht darauf.
»Wer hat das betont?«, hakte Wiebke nach.
»Na, die Taudien! Als sie uns heute Mittag aufgefordert hat, die Augen offen zu halten und darauf zu achten, ob wir irgendwo Hilke sehen oder irgendetwas, das darauf hindeutet, wo sie sein könnte. Weißt du nicht mehr?«
»Da muss ich wohl geistig nicht so ganz präsent gewesen sein«, sagte Wiebke. »Außerdem, so viel wie die Frau redet, wenn der Tag lang ist, wer will denn das alles wissen? Frag mich doch mal.«
Stephanie ließ sich nicht beirren. »Da hat sie doch auch von diesem Typen gesprochen. So ’n dicker Kerl, ganz alt schon, der sich am Strand vor einem Kind ausgezogen hat. Wir sollen doch auch aufpassen, ob wir so einen irgendwo sehen. Und dann hat die Taudien extra dreimal betont, dass die beiden Sachen nun aber auch überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Auffällig, oder?«
»Weiß nicht.« Wiebke warf den Löffel auf den Tisch und verschränkte die Finger unter ihrem spitz zulaufenden Kinn. »Ich meine, sich am Strand ausziehen, wer tut das denn nicht? Wenn man da gleich jeden verhaften wollte …«
»Eben!« Wie beschwörend streckte Stephanie beide Handflächen vor. »Darum glaube ich ja auch, dass da ganz etwas anderes dahinter steckt. Dieser Kerl ist bestimmt nicht bloß so ein Exi, wie heißt das noch, Expoinquisitor oder was. Und der hat bestimmt etwas ganz anderes auf dem Kerbholz als nur Hose runterlassen. Das wollen die uns nur nicht sagen, damit es keine Panik gibt.« Sie senkte ihre Stimme zu einem Raunen, das auf der anderen Seite des Tisches gerade noch zu vernehmen war: »Dabei sollen sogar schon Blutspuren gefunden worden sein!«
»Aber dann …« Wiebke runzelte die Stirn. »Dann könnte es ja sein, dass Hilke tatsächlich … Ich meine, dass es ein Verbrechen …« Trotz mehrerer Anläufe brachte sie das Wort nicht über die Lippen. All ihre Kaltschnäuzigkeit schien sie von einem Augenblick auf den anderen verlassen zu haben.
»Dass sie umgebracht wurde.« Stephanie schien diesen Gedanken schon länger zu wälzen und brachte ihn glatt heraus. »Hilke Smit tot! Kannst du dir das vorstellen?«
»Oh Gott.« Wiebke klang ehrlich erschüttert. »Und dieser Kerl läuft hier immer noch rum, alle halten ihn bloß für einen Exhibitionisten, und keiner sagt unsereinem, wie gefährlich der wirklich ist! Das ist ja …«
»Unverantwortlich. Genau.« Stephanie nickte nachdrücklich. »Wenn der Typ eine wie Hilke umgebracht hat, dann sucht der sich doch wahrscheinlich in diesem Moment schon ein neues Opfer. Jede von uns kann als Nächste dran sein. Und keiner warnt uns vor der Gefahr, in der wir schweben. Die lassen uns doch glatt mit offenen Augen dem Täter in die Arme laufen! Unmöglich, so was.«
»Aber jetzt wissen wir ja Bescheid«, sagte Wiebke und winkte dem Ober. »Jetzt können wir es ja übernehmen, alle zu warnen. Das ist schließlich nichts anderes als unsere verdammte Pflicht.«
»Genau. Lieber spät als nie.«
Während der Kellner umständlich nach dem Wechselgeld kramte, sagte Wiebke: »Mal gespannt, wer jetzt Hilkes Platz im Sopran kriegt. Das wird nun ja noch mal richtig eng.«
»Also hör mal! Noch wissen wir doch gar nicht, ob – und überhaupt. Glaubst du denn, dass die nicht wenigstens so lange warten, bis Hilke gefunden worden ist? Ich meine, bis sie wieder auftaucht?«
»Da kennst du aber Heiden schlecht.« Wiebke lachte schrill. »Wenn Hilke heute gefehlt hat, ohne dass ein ernster Grund vorlag, schmeißt der sie doch achtkantig raus. Wegen Unzuverlässigkeit. Na, und wenn es einen ernsten Grund gab …« Sie hob die Augenbrauen, bis sie unter ihrem fransigen Pony verschwanden.
»Du hast recht.« Eifrig nickend schüttelte Stephanie ihre Mähne. »So oder so, Theda hat vielleicht doch noch eine Chance.«
9.
»Natürlich ist Urlaubszeit! Glauben Sie, ich weiß nicht, dass Urlaubszeit ist? Wissen Sie eigentlich, von wo ich anrufe?« Lüppo staunte selber, wie unbeherrscht er in den Telefonhörer brüllte. Mit seinen Nerven stand es offenbar nicht zum Besten. Und das schon nach nicht einmal einem halben Tag Stress.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie lautete »klick«.
Seufzend legte er den Hörer an seinen Ruheplatz. Wenigstens kein Anschiss wegen seiner Unbeherrschtheit. Zuweilen musste man ja mit wenig zufrieden sein.
»Und?«, fragte der Mann, der sich an der gegenüberliegenden Seite seines Schreibtisches breit gemacht hatte. Was ihn nicht viel Mühe kostete, denn breit war er ohnehin. Ziemlich groß, mit ausladendem Kreuz und absolut kompatibler Wampe, einem stoppelhaarigen Rundschädel und kräftigen Armen und Händen. Stahnke. So sah der also aus.
Merkwürdige Augen hat er, fand Lüppo Buss. Rund, hellblau, etwas wässrig, auf den ersten Blick absolut harmlos. Aber sie hafteten wie Saugnäpfe. Wenn der die Leute nur lange genug anschaute, saugte er mit diesen Augen bestimmt allerhand aus ihnen heraus.
»Verstärkung kommt«, sagte der Inselkommissar. »Zwei Leute. Morgen. Mit der Fähre.«
»Zwei?«, fragte Stahnke ungläubig. »Morgen?«
Lüppo Buss lachte bitter. »Genau. Und das, obwohl wir hier gerade auf fünfzig Prozent der Sollstärke reduziert sind, sozusagen! Wittmund sagt, es gehe nicht anders, es sei Urlaubszeit. Tolle Neuigkeit für uns Insulaner.«
Stahnke nickte versonnen. »Tja, das erklärt dann ja auch, warum ich hier bin. Urlaub machen. Komisch, dass ich trotzdem wieder in einem Polizeibüro sitze, was?«
Lüppo Buss zeigte keine Reaktion.
Der massige Mann ihm gegenüber fühlte sich alles andere als willkommen. Ist ja auch klar, dachte Stahnke. Wie würde ich mich denn fühlen, wenn plötzlich ein Kollege von auswärts bei mir reinschneien würde, und zwar just dann, wenn ich in der Klemme sitze? Noch dazu ein höherrangiger, einer, dessen Foto man aus der Zeitung kennt? Bescheiden, äußerst bescheiden würde ich mich fühlen, und mehr als das. Aber wenn ich seine Hilfe brauchen könnte, würde ich ihn nicht wegschicken, sonst wäre ich ja ganz schön blöd. Und blöd sieht dieser Lüppo Buss eigentlich nicht aus.
»Da sieht man mal, was beim Plänemachen rauskommt«, erwiderte der Inselkommissar mit Verspätung.
Stahnke entschied, dies als Einladung zur Mitarbeit zu betrachten. »Packst du nix an, dann schleit di nix fehl, pflegte mein Vater immer zu sagen«, erwiderte er. »Oder mit anderen Worten: Wer keine Pläne macht, der hat auch nichts zum Ändern.«
Lüppo Buss grinste. »Stimmt. In meinem Fall heißt das, dass ich meinen Plan, die ganze Insel sowohl nach dem vermissten Mädchen als auch nach diesem verdächtigen Individuum zu durchkämmen, in die Tonne treten kann. Ohne eine Hundertschaft vom Festland ist das nicht zu machen. Am besten bräuchte ich dazu ein paar Züge Bereitschaftspolizei aus Oldenburg.«
»Und die können Sie nicht anfordern, weil Sie Ihre vorgesetzte Stelle in Wittmund nicht übergehen dürfen.« Stahnke nickte. Befehls- und Zuständigkeitsstrukturen waren ihm gleichermaßen bekannt wie verhasst. »Aber die Blutuntersuchung machen die schon noch für Sie, oder?«
Lüppo Buss nickte. »Die Unnerbüx ist schon unterwegs. Per Lufttaxi.«
»Haben wir auch eine Vergleichsprobe für die Genanalyse?«
»Ja«, bestätigte Buss. »Hilke Smits Waschzeug mit Haarbürste. Habe ich gleich dazugepackt.« Er rieb sich nachdenklich das Gesicht und strich sich danach sorgfältig über die dichten blonden Augenbrauen, ohne an deren raupenartiger Borstigkeit etwas ändern zu können. »In ihrem Zimmer fehlt nichts, sagen Hilkes Mitbewohnerinnen. Gepackt hat sie nicht.«
»Sieht nicht gut aus«, murmelte Stahnke.
»Morgen schicken sie mir also ein Ermittlerteam.« Der Ärger über die Kompetenzlage ließ Lüppo Buss offenbar so schnell nicht los. »Eins! Ich hatte drei angefordert, aber wer bin ich schon?« Hatte seine Stimme zuvor schon bitter geklungen, so wurde sie jetzt ätzend. »Hauptkommissar Dedo de Beer und eine Mitarbeiterin. De Beer wird die Sache an sich reißen, ist ja klar. Ich bin ja gerade gut genug für den Kleinscheiß. Fahrraddiebstähle, Ladendiebstähle, vielleicht mal ’n kleiner Einbruch. Oder hier, heute Morgen reingekommen, ein Bootsdiebstahl im Yachthafen! Aber wehe, es kommt mal dicker. Dann muss natürlich ein Hauptkommissar vom Festland ran.« Er schaute Stahnke an, als hätte er dessen Existenz zwischenzeitlich ausgeblendet: »Nichts für ungut, Herr Hauptkommissar.«
»Klar.« Stahnke räusperte sich. »Sagen Sie, sind Sie denn nicht gerne hier auf Langeoog? Ich meine, wenn Sie sich beruflich verändern wollen, mal andere Schwerpunkte setzen, andere Tapeten begucken, dann haben Sie natürlich auf dem Festland ganz andere Möglichkeiten als hier.«
»Um Gottes Willen, nein!« Lüppo Buss hob abwehrend die Hände. »Ich lebe furchtbar gerne hier. Bin auch hier geboren. Nicht, dass ich nicht schon mal was anderes gesehen hätte; während meiner Ausbildung bin ich ziemlich rumgekommen. Emden, Oldenburg, sogar Hannover. Habe mich durchaus schon ein bisschen orientiert. Gerade deshalb lebe ich ja so gerne hier.« Er beugte sich vor und pochte mit seinem rechten Zeigefinger auf die Tischplatte: »Aber dann soll das hier auch mein Beritt sein, bitteschön, verstehen Sie? Meiner und der von Bodo, meinem Kollegen. Dann will ich nicht den Eindruck haben, dass ich nur der Platzhalter bin, solange hier nichts läuft, was einen kompetenten Fachmann verlangt! Quasi als Trachtenfuzzi, der den Sessel warm hält, bis echte Polizisten kommen! Können Sie das nachvollziehen?«
»Kein Problem, kann ich«, entgegnete Stahnke, ohne eine Miene zu verziehen. »Aber dass das eine ziemlich blauäugige Einstellung ist, wissen Sie schon, oder? Keiner von uns hat Anspruch auf Revierabgrenzungen und so etwas in der Art. Wir sind schließlich Beamte, keine Sheriffs. Oder Kopfgeldjäger. ‚Mein Beritt’ oder ‚mein Fall’ – das gibt es offiziell nicht.«
»Weiß ich doch«, sagte Buss. »Offiziell. Aber man ist doch auch Mensch. Ich jedenfalls. Sie wohl auch, oder? Emotional funktioniert eben vieles anders als offiziell. Und emotional mag ich mir meine Motivation nicht gerne kaputttrampeln lassen. Meine Motivation ist nämlich sehr hoch, und sie ist für mich ein sehr hohes Gut. Ich betrachte es geradezu als Dienstpflicht, sie zu erhalten.«
»Gute Einstellung«, sagte Stahnke.
Lüppo Buss schmunzelte. »Sehen Sie«, meinte er dann, »das hätte Kollege de Beer niemals gesagt.«
»Aha, so ist das.« Stahnke richtete sich auf. »Dann lassen Sie uns doch mal überlegen, was wir bis morgen früh tun können. Auch ohne Hundertschaft. Solange die Motivation noch hoch ist.«
»Klinken putzen«, entgegnete Lüppo Buss prompt. »Restaurants, Kneipen, Cafés. Bilder von dem vermissten Mädchen habe ich ja bekommen. Vor allem die Läden abklappern, wo Jugendliche verkehren. Oase, Dwarslooper, Düne 13 und wie die alle heißen. Und dann die Hotels und Pensionen. Nachfragen, ob irgendwo ein Mann abgestiegen ist, auf den die Beschreibung passt.« Er grinste wieder: »Letzteres machen Sie am besten. Dann sparen wir uns das Phantombild. Die Ähnlichkeit zwischen Ihnen und dem Sittenstrolch scheint ja doch frappierend zu sein.«
Stahnke grinste müde zurück: »Was glauben Sie, mit was für Gangstern ich schon verwechselt worden bin! Da könnte ich Ihnen Storys erzählen. Na, vielleicht ein anderes Mal.« Er schickte sich an aufzustehen, hielt aber inne: »Was ist eigentlich mit den Eltern des Mädchens? Sind die schon informiert?«
»Habe ich versucht«, sagte Lüppo Buss. »Es geht aber keiner ans Telefon. Die Lehrerin, diese Frau Taudien, glaubt sich zu erinnern, dass das Ehepaar Smit die Gelegenheit genutzt hat, ohne ihre Tochter in Urlaub zu fahren. Südsee oder noch weiter weg. Anschrift oder Telefonnummer liegen nicht vor. Wenigstens wusste die Lehrerin die Blutgruppe des Mädchens.«
»Man fragt sich, wozu sich manche Leute eigentlich Kinder anschaffen, wenn sie dann doch nur ihre Ruhe vor ihnen haben wollen«, sagte Stahnke. »Erst werden die Kleinen verhätschelt bis zum Gehtnichtmehr, und dann heißt es: ›Hier ist dein Computer, da dein Fernseher, da hast du dein fettes Taschengeld – aber nun lass mich gefälligst auch in Frieden!‹ Und wir wundern uns dann über unsere Klienten.«
»Haben Sie Kinder?«, fragte Lüppo Buss.
»Ich? Nein, wieso?« Stahnke hieb sich beide Handflächen auf die Oberschenkel: »So, an die Arbeit! Wir haben noch den halben Nachmittag vor uns. Und den ganzen Abend.«
»Von der Nacht ganz zu schweigen«, ergänzte Lüppo Buss. Fasziniert blickte er seinem Kollegen nach, der sein mächtiges Kreuz schon zur Tür hinauswuchtete.
Macht einen durchaus zufriedenen Eindruck, überlegte er. Als sei er froh, endlich wieder etwas zu tun zu haben. Offenbar ist Urlaubmachen doch nicht jedermanns Sache.
10.
Sie wartete in der Nähe des Wasserturms auf ihn, nicht weit von dem neuen Lale-Andersen-Standbild, wie abgesprochen, und tat so, als studierte sie die Auslagen der Inselbuchhandlung. Ohne ein Zeichen des Erkennens wandte sie sich ab, kaum dass sie Blickkontakt aufgenommen hatten, und spazierte den breiten, befestigten Weg entlang in Richtung Strand. Er folgte ihr in gebührendem Abstand.
Das Wetter war immer noch ausnehmend schön, und die Sonne schien mit einer für diese Jahreszeit erstaunlichen Kraft. Zahlreiche Badegäste waren unterwegs, überwiegend ältere Leute, aber auch Ehepaare mit kleinen Kindern. Kaum jemand achtete auf das Mädchen mit den langen dunkelblonden Haaren, dem bunten Wickelrock, der hellgelb gestreiften Strandtasche und dem nachlässig geknöpften Herrenoberhemd, dessen untere Zipfel von gelegentlichen Windböen hochgeweht wurden und dabei kurze Blicke auf straffe, zimtbraune Haut ermöglichten. Und niemand achtete auf den schlanken, ebenfalls sommerlich gekleideten Herrn in mittleren bis vorgerückten Jahren, den es offenbar ebenfalls zu einem nachmittäglichen Sonnenbad an den Strand zog.
An der Dünenpromenade wandte sie sich nach links, vorbei an niedrigen, dicht bewachsenen und vom Weg aus gut einsehbaren Dünen, die für ihre Zwecke ungeeignet waren. Weiter voraus aber lag das nächste Dünenschart, eine der Stellen, wo der hohe Randdünengürtel, der die Insel auf ihrer der Nordsee zugewandten Seite schützend umgab, durchquert werden konnte. Dort führte ein Weg durch die Randdünen zum Strand. Diesen Punkt steuerte sie an.
Das Pflaster des Weges ging in schrundige, verwitterte hölzerne Planken über, die teilweise von puderfeinem Sand bedeckt waren wie von niedrigen Schneewehen. Heiden liebte diese Bohlenwege, die so eindringlich das Gefühl von Urwüchsigkeit und Abgeschiedenheit vermittelten. Einen Augenblick lang fühlte er sich versucht, anzuhalten und Schuhe und Strümpfe auszuziehen, um das raue Holz und den weichen Sand ganz unmittelbar auf der Haut zu spüren. Er verzichtete jedoch darauf, um nicht das Risiko einzugehen, die junge Frau aus den Augen zu verlieren.
Zu Recht, denn die verließ soeben den Bohlenweg, stieg seitlich über den niedrigen Drahtzaun, obwohl zahlreiche Hinweistafeln das Betreten des Schutzbereichs verboten, und bog in die Randdünen ab. Einige Urlauber schüttelten die Köpfe, die meisten aber kümmerten sich nicht darum, und schon gar keiner machte den Versuch, sie aufzuhalten. Abstecher in die geschützten Dünen galten als Kavaliersdelikt, solange man sich dort gesittet verhielt und keine Lagerfeuer entzündete oder wilde Partys feierte.
Heiden passierte die Stelle, an der das Mädchen abgebogen war, und schlenderte weiter, ohne sie auch nur eines Seitenblicks zu würdigen. Ein paar Dutzend Schritte weiter hockte er sich hin, um sich nun doch seiner Leinenschuhe und der hellgrauen Socken zu entledigen. Im Aufstehen blickte er sich wie von ungefähr um, stellte fest, dass sich gerade niemand in seiner Nähe befand, und bog ebenfalls in die Dünen ab.
Der weiche Sand schien an seinen Füßen zu saugen, während er energisch voranstapfte. Trotz des schweren Geläufs kam er flott voran. Wenig später war der Strandweg bereits außer Sicht.
Er hielt sich zwischen den knapp zwanzig Meter hohen, mit Quecke, Strandhafer und Sanddornsträuchern bewachsenen Sandhügeln, um kraftraubende Anstiege zu vermeiden und seine Deckung nicht zu gefährden. Wo sich eine Düne direkt vor ihm aufbaute, hielt er sich links. So müsste es klappen, schließlich war das Verfahren erprobt.
Und richtig, da war sie. Wie hingegossen lag sie auf einem blauen Badelaken, das sie am Fuß einer Düne ausgebreitet hatte. Wickelrock und Hemd hatte sie ausgezogen. Der hellrosa Bikini schien neu zu sein, jedenfalls kannte er ihn noch nicht. Das Oberteil war im Nacken geschnürt und formte ein atemberaubendes Dekolleté, und das Höschen war ziemlich knapp. Leise pfiff er durch die Zähne. Diese Sabrina verstand es wirklich, ihre körperlichen Vorzüge zu vermarkten.
Heiden ließ sich neben seine Schülerin auf das Badelaken sinken, sorgsam darauf bedacht, dass seine Gelenke nicht knackten, und beugte sich über sie. Ohne alle Umstände schlang sie ihre weichen Arme um seinen Nacken, zog ihn ganz zu sich heran und küsste ihn. Auch davon verstand sie etwas. Als sie wieder von ihm abließ, rang Heiden nach Atem.
Sie strahlte ihn an. »Klasse!«, sagte sie. »Ich freu mich so.«
Heiden lächelte geschmeichelt. »Ach, das war doch noch gar nichts«, erwiderte er, während seine langen Finger Sabrinas anmutig geschwungene Taille und Hüfte entlangfuhren. Er liebte es, diese zarte, elastische Haut mit den winzigen Flaumhärchen zu berühren, die golden vor dem zimtbraunen Untergrund flirrten. Bloß gut, dass die Tinnekens nicht diesem modischen Magerkeitswahn huldigte wie so viele ihrer Schulkameradinnen. Ihr Körper war trotzdem schlank und straff, dabei aber kein bisschen knochig, sondern griffig und geschmeidig, genau so, wie er es liebte.
Das Mädchen schaute ihn einen Augenblick lang verständnislos an. Dann warf sie den Kopf in den Nacken und lachte. »Nein, doch nicht der Kuss! Das habe ich doch nicht gemeint. Von der Amerikareise habe ich gesprochen!«
Pikiert richtete Heiden sich auf, stützte sich auf den linken Ellbogen und zog seine rechte Hand zurück. »Ja, klar. Die Reise. Habe ich doch gerne für dich getan.«
Ihr Lachen brach ab. »Du bist ja wohl nicht der Einzige, der etwas dafür getan hat«, sagte sie in scharfem Ton.
Heiden zuckte noch ein Stückchen weiter zurück. Da war er wieder, dieser selbstzufriedene Gesichtsausdruck, der ihm schon heute Vormittag im Haus der Insel aufgefallen war. Diesmal noch deutlicher, verstärkt durch einen Schuss Ärger über seine offenbar als Anmaßung empfundenen Worte. Ja, war denn dieses Mädchen, diese kindsköpfige junge Frau wirklich und wahrhaftig der Ansicht, ihr Chorleiter habe angesichts ihrer überragenden Leistungen gar nicht anders gekonnt, als sie mit Kusshand ins Amerika-Aufgebot zu berufen?
Dann dämmerte es ihm. Himmel, dachte er, wie blind war ich eigentlich. Dabei lagen die Fakten doch klar auf der Hand. An denen war nichts zu deuteln, die standen so fest wie die Noten einer Partitur. Der feine und entscheidende Unterschied aber lag in der Interpretation. Wie so oft. Und eben nicht nur in der Musik. Frühreifes, unerfahrenes junges Mädchen erliegt dem betörenden Charme eines erfahrenen Gentleman, lernt durch ihn die Liebe kennen und wird für ihre Hingabe mit einer schönen Reise belohnt – so hatte er die Sache gesehen. Jetzt sah er die Dinge mit Sabrinas Augen, und diese Perspektive trieb ihm trotz der wärmenden Herbstsonne kalte Schauer über den Rücken. Clevere, durchtriebene junge Frau will unbedingt ihren Ehrgeiz befriedigen, und weil die Sangeskunst allein dafür nicht ausreicht, setzt sie bedenkenlos auch ihren Körper ein. Und der geile alte Bock von Chorleiter ist eitel genug, sich darauf einzulassen und mit ihr in die Kiste zu steigen. Bums, schon ist die Amerikareise gebucht. Kein Wunder, dass das Früchtchen mit sich zufrieden war.
Er biss sich auf die Lippen. Na schön, dachte er, dann machen wir mal gute Miene und spielen das böse Spielchen auch zu Ende.
»Du hast recht«, sagte er in versöhnlichem Ton. »Hast dich mächtig ins Zeug gelegt. Respekt, meine Liebe. Deine Steigerung in den letzten Wochen war unverkennbar.«
»Wie meinst du das?« Misstrauisch kniff sie die Augen zusammen. »In welcher Hinsicht gesteigert? Beim Singen oder …«
Diesmal zog er sie zu sich heran, strich ihr mit beiden Händen über Nacken und Wirbelsäule, so wie sie es gerne hatte, und küsste sie. Schließlich verstand auch er einiges davon, und der Zorn, den er auf Sabrina empfand, tat seiner Lust auf ihre jungen, weichen Lippen keinen Abbruch.
»Wo denkst du hin«, sagte er, als sie beide wieder Luft holen konnten. »Beim Singen natürlich. Was das andere angeht, wie willst du dich da steigern? Du bist doch ein absolutes Naturtalent!«
Sie lachte geschmeichelt und dockte ihren Mund erneut an seinem an.
Unglaublich, dachte er, was man diesen jungen Dingern so auftischen kann. Drei Nummern gröber geschmeichelt als die absolute Schmalzgrenze – ganz egal, die glauben einfach alles. Gierig ließ er seine Hände über ihre Haut wandern.
Sie löste ihr Gesicht von seinem, fragte atemlos: »Willst du? Hier, mitten in den Dünen?«
Wäre ja nicht das erste Mal, schoss es ihm durch den Kopf. Laut aber sagte er: »Lust hätte ich schon, aber ich weiß nicht, ob wir hier wirklich ungestört sind. Um uns tagsüber zu treffen, sind die Dünen ja ideal, da sind unsere Leute entweder am Strand oder im Ort, aber für alles andere … zu riskant. Lieber heute Abend. Ich habe uns wieder ein Zimmer besorgt. Wollen wir uns so gegen halb zehn treffen? Beim Dünenfriedhof, wie immer?«
»Ist gut«, sagte sie und ließ von ihm ab. Sie kramte in ihrer Strandtasche, förderte eine Plastikflasche Mineralwasser zu Tage und trank durstig. Dann hielt sie ihm die Flasche hin.
Früher hätte ich die Flasche zuerst bekommen, dachte Heiden grimmig. Aber er sagte nichts, sondern griff zu und lächelte dankend.
»Sag mal«, fragte Sabrina, während sie ihr Hemd wieder überstreifte, »was wird jetzt eigentlich mit Hilkes Platz im Chor? Du hast doch bestimmt schon einen Ersatz für sie im Auge, ganz egal, ob ihr nun etwas zugestoßen ist oder nicht. Ist doch so, oder?«
»Tja.« Er zögerte. »Von den Leistungen her wäre Theda Schoon wohl dran. Trotz ihres Patzers neulich.«
»Nee, nicht?« Sabrina richtete sich im Sitzen steil auf, ein einziges Stück Ablehnung. »Auf keinen Fall Theda! Jede andere, aber nicht die.«
»Na sag mal!«, fuhr Heiden auf. »Wie kommst du denn dazu, so etwas zu sagen? Ich kann doch wohl besser beurteilen, wer hier am ehesten die Leistung bringt, die wir …«
»Und ich kann wohl am ehesten beurteilen, auf wen du scharf bist!« Sabrinas Stimme wurde schneidend. »Glaubst du, ich merke nicht, wie die sich an dich ranschmeißt? Dir schöne Augen macht? Ich weiß ja, dass dir so etwas gefällt. Aber das kommt nicht in Frage. Auf gar keinen Fall.«
»Und was, wenn doch?« Der Chorleiter war jetzt richtig sauer. »Willst du dann vielleicht vor lauter Wut deine Teilnahme an der Amerikareise absagen? Glaubst du etwa, du bist unersetzlich?«
»Frag nicht so dämlich«, sagte sie leise. »Dann gehe ich zur Taudien. Ich bin zwar schon über sechzehn, aber noch bin ich Schülerin. Und zwar deine. Von Unzucht mit Abhängigen hast du ja wohl schon gehört.«
Zum zweitenmal innerhalb weniger Minuten fragte sich Heiden, wie blind er denn gewesen war. Natürlich war er sich des Risikos bewusst gewesen – eines theoretischen Risikos, gewiss, aber keiner wirklichen Gefahr. Ihn, den Verehrungswürdigen, schwärzte man doch nicht an! Seine Gunstbeweise waren schließlich Geschenke, die heiß ersehnt und dankbar akzeptiert wurden …
Ja, Scheiße. Angeschmiert war er, und zwar nicht zu knapp. Diese miese kleine Göre hatte ihn jetzt in der Hand, und er musste nach ihrer Pfeife tanzen. Jedenfalls für ein Weilchen. Trotzdem, schlimm genug.
Er entschied sich einzulenken. »Wahrscheinlich hast du recht. Es muss auch nicht Theda sein. Da gibt es ja noch andere, die nicht viel schlechter sind. Wie wäre es denn …« Er ließ die Riege der Kandidatinnen vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Wirklich hässlich war keine von ihnen, stellte er fest; in einem gewissen Alter schienen alle Mädchen reizvoll zu sein. Jedenfalls für ihn.
Dann hatte er es. »Wie wäre es mit Wiebke Meyer?«
Sabrina nickte. »Wiebke ist in Ordnung«, sagte sie gönnerhaft. »Die ist noch voll das Kind. Total unreif.«
Sie erhob sich, schlang sich den Wickelrock um die Hüften und zerrte an ihrem Badelaken: »Steh mal auf!«
Gehorsam rappelte er sich hoch. »Dann sehen wir uns heute Abend?«
»Halb zehn, alles klar«, erwiderte Sabrina, ohne ihn anzusehen, und packte ihre Tasche fertig.
Sie hat die Zügel nicht nur fest in der Hand, sie hat sich auch schon an diesen Zustand gewöhnt, stellte Heiden fest. Eine unangenehme Situation.
Nachdenklich stapfte er durch den weichen Sand zurück in Richtung Wasserturm.
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