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Peter Gerdes
Kurz und schmerzlos
Kriminalgeschichten

Zum Autor
Peter Gerdes, geb. 1955, lebt in Leer (Ostfriesland). Studierte Germanistik und Anglistik, arbeitete als Journalist und Lehrer. Schreibt seit 1995 Krimis und betätigt sich als Herausgeber. Seit 1999 Leiter des Festivals »Ostfriesische Krimitage«. Die Krimis »Der Etappenmörder«, »Fürchte die Dunkelheit« und »Der siebte Schlüssel« wurden für den Literaturpreis »Das neue Buch« nominiert. Gerdes betreibt mit seiner Frau Heike das »Tatort Taraxacum« (Krimi-Buchhandlung, Veranstaltungen, Café und Weinstube) in Leer.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2020
(Originalausgabe erschienen 2011 im Leda-Verlag)
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer
unter Verwendung eines Fotos von: © Ingo_Bartussek/stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6446-1
16.50 ab Oldenburg
Wieder einmal stand er zu früh im Gang. Jedes Mal stand er zu früh im Gang. Kaum hatte der Zugchef via Lautsprecher verkündet, dass man den nächsten Bahnhof »in wenigen Minuten« erreichen werde, stand Stahnke im Gang, die Aktentasche bleibschwer am Schulterriemen und das rollenbewehrte Reiseköfferchen auf den Hacken, und ließ sich durchschütteln, von unerwarteten Kurven abwechselnd gegen Zugfenster und Abteilwand schleudern und von plötzlichen Weichenpassagen fast von den Füßen reißen. Statt bequem im Polstersitz hocken zu bleiben, bis draußen die ersten Ausläufer der Bahnsteige auftauchten, was ja meistens doch etwas länger als nur ein paar Minuten dauerte. Wenn es aber so weit war, blieb eigentlich immer noch genügend Zeit aufzustehen, das Gepäck aufzunehmen und gemessenen Schrittes in Richtung Ausgang zu gehen. Der Zug fuhr schon nicht vorzeitig ab – dafür sorgte die Schlange der anderen, die wieder einmal zu früh im Gang gestanden hatten.
Wieder so eine Weiche. Im letzten Moment konnte er sich mit der linken Hand am Fensterrahmen abstützen, sonst hätte er die vor ihm stehende Frau heftig angerempelt. Das hätte übel ausgehen können, denn die Frau trug ein schlafendes Kind in den Armen und eine ballondicke Strandtasche über der Schulter. Offenbar war sie unterwegs zur Küste, wollte wohl in einen Sielort, vielleicht auch auf eine der Inseln, auf jeden Fall ans Wasser, in die Sonne, in einen gemütlichen Strandkorb. Wie sie sich hier auf den Beinen hielt, ohne sich irgendwo festhalten zu können, war ihm schleierhaft. Offenbar verfügten Mütter über Fähigkeiten, die zu verstehen Männer nicht geschaffen waren.
Sie drehte sich zu ihm um und musterte ihn zunächst misstrauisch, ehe sie ein nachsichtiges Lächeln aufsetzte, als sei er ebenfalls ein Kind, wenn auch ein besonders großes und tapsiges. Peinlich berührt versuchte er ein Antwortlächeln, das die Frau aber nicht mehr erreichte, da sie ihren Blick bereits wieder nach vorne gerichtet hatte.
Endlich kam der Zug zum Stillstand, die Türen wurden aufgestoßen und die Schlange der Passagiere begann sich zu dehnen, wurde zur Raupe, die nun aus eigenen Kräften auf ihren vielen Füßen hin und her schwankte. Kühle Luft drang von Bahnsteig in den stickigen Gang. Ihm war, als sei der Geruch von Rauch und Ruß immer noch wahrzunehmen, obgleich hier doch bestimmt seit Jahrzehnten keine Dampflok mehr gefahren war.
»… Anschluss auf Gleis sieben.« Stahnke bekam nur den Schluss der Durchsage mit, als er die beiden Gitterstufen zum Bahnsteig hinabstieg, seinen Rollkoffer hinter sich her zerrend, aber er kannte seinen Reiseplan ohnehin auswendig. Gleis sieben, das war seine Verbindung, 16.50 Uhr ab Oldenburg, über Bad Zwischenahn, Leer und Emden nach Norddeich. Sieben Minuten Zeit für den Bahnsteigwechsel, kein Problem.
Die Menschenmenge wogte die ausgetretenen Stufen hinab in die Katakomben unter den Gleisen. Unmittelbar vor Stahnke gingen zwei Männer, die ihm bereits im Intercity aufgefallen waren, kaum dass der Hannover verlassen hatte. Der eine trug einen dunkelgrauen Mantel, unter dem scharfe Bügelfalten und polierte Lackschuhe von Akkuratesse zeugten; Aktenkoffer und Laptop wiesen ihn als Geschäftsmann aus. Der andere hatte ausgewaschene Jeans und abgeschabte Camel-Boots an. Dass er um die Körpermitte herum so ausgebeult aussah wie das Michelin-Männchen, lag nur zum Teil an seinem gesteppten Plastikanorak; sein aufgedunsenes Gesicht verriet, was seinen Wanst so hatte anschwellen lassen. Statt einer Reisetasche schwenkte der Mann eine Plastiktüte, als wollte er sich mit aller Macht zum Penner abstempeln.
Zwei grundverschiedene Typen also, die sich denn auch auf dem Hannoveraner Bahnsteig keines Blickes gewürdigt hatten. Stahnke erinnerte sich deutlich daran. Kaum aber war der IC losgefahren, hatten beide zielstrebig den Großraumwaggon in der Zugmitte aufgesucht, sich einander gegenüber niedergelassen und ein ebenso intensives wie leise geführtes, von den üblichen Zuggeräuschen vollkommen überdecktes Gespräch begonnen. Wie es der Zufall wollte, fast unter Stahnkes Augen.
Am Fuß der Treppe strebte die Mehrzahl der Reisenden nach rechts, Richtung Gleis sieben. Auch das ungleiche Paar blieb im Hauptstrom, nach wie vor Seite an Seite. Beide sehen aus wie Mitte dreißig, überlegte der Hauptkommissar; der Suffkopp mag in Wirklichkeit vielleicht ein paar Jahre jünger sein, für einen verlorenen Sohn aber reicht es vom Alter her auf keinen Fall. Brüder? Wenn, dann Stiefbrüder, aber auch danach sah es eher nicht aus. Es musste etwas anderes sein, das diese beiden Männer verband.
Aber was ging ihn das eigentlich an? Er hatte Urlaub, feierte genauer gesagt aufgelaufene Überstunden ab. Der Lehrgang in der Polizeiakademie Hannover – »Möglichkeiten der Rasterfahndung im Computerzeitalter«, du lieber Himmel! – hatte ihn mächtig geschlaucht, da kamen ihm ein paar Tage Erholung gerade recht. Und zwar nicht etwa zu Hause in Leer. Freunde würde er besuchen, welche von früher, die von des Schicksals und des beruflichen Fortkommens Mächten weit in den Süden verschlagen worden und jetzt an die Küste zurückgekehrt waren, genauer gesagt nach Norddeich. Sie hatten ihn eingeladen. Das verhieß gute Gespräche, womöglich im Strandkorb mit Blick aufs Meer, lange Spaziergänge und noch längere Abende bei Skat und Bier oder Billard und Wein. Vielleicht auch Billard und Bier oder … Jedenfalls freute er sich auf eine unbeschwerte Zeit. Und er dachte nicht daran, sich auch nur die Hinfahrt selbst zu vermiesen, indem er seinen beruflichen Reflexen nachgab und in allem und jedem etwas Gesetzwidriges witterte.
Anderseits waren die beiden Typen wirklich auffällig. Geradezu verdächtig.
Jetzt schwenkten sie nach rechts, die Treppe hinauf. Na prima, natürlich ging es hier zum Gleis sieben! Also würde er diese Gestalten auch bis Leer nicht loswerden. Vermutlich sogar bis Norddeich. Wenn er sich jetzt nicht endlich zur Ordnung rief.
Er verlangsamte seinen Schritt, entschlossen, die beiden Männer ganz gezielt aus den Augen zu verlieren.
Etwas stupste ihn weich in die Seite. Erschrocken drehte er sich um: die Frau mit dem Kind und der Strandtasche. Das ballondicke, sperrige Ding hatte ihren Überholversuch vereitelt. Die Frau lächelte entschuldigend. Diesmal bekam er eine angemessene Erwiderung hin, was seine Stimmung sofort wieder hob. Und ein Blick nach vorne stellte seine Urlaubslaune endgültig wieder her.
Das ungleiche Paar nämlich war in der Menge verschwunden.
Der Bahnsteig war gepackt voll, und als der Zug einrollte, setzte ein Unheil verheißendes Gedränge und Geschiebe ein. Wohl dem, der eine Platzkarte hat, dachte Stahnke. Er hatte keine. Dafür hatte er Glück, denn als der Zug zum Stehen kam, befand sich eine der Waggontüren direkt vor seiner Nase. Ungeduldig verfolgte er den Tröpfelstrom der Aussteigenden, die augenscheinlich froh waren, endlich aus dem Gang herauszukommen, in dem sie vermutlich unnötig lange gestanden hatten. Dann reckte er seine breiten Schultern, sperrte den Einstieg einen Augenblick lang frei und gab der Frau mit dem Kind einen Wink. Diesmal schenkte sie ihm ein warmes Lächeln voller Dankbarkeit, als sie in seinem Schutz samt ihrer schlummernden Last freihändig die Stufen erklomm.
Drinnen begann der Kampf um die freien Plätze. Der erste Großraumwagen, durch den sich schob, war komplett ausgebucht. Erst im nächsten hatte er Glück: drei freie Plätze an einem Tisch. Zwar saß er nicht gerne so beengt, da aber bereits die ersten Platzsuchenden aus der Gegenrichtung eintrafen, überlegte er nicht lange und klemmte seine knapp zwei Zentner hinter die Tischkante.
Die Frau mit dem Kind nahm ihm gegenüber Platz.
Er musterte sie verstohlen, während sie das Kind vorsichtig auf den Fensterplatz gleiten ließ und in ein Reiseplaid wickelte, das sie aus ihrer Ballontasche gezerrt hatte. Die Frau war klein, blond, schlank und zierlich. Ausgesprochen hübsch fand er sie mit ihren verspielten Ohrringen, die an kleine Mobiles erinnerten, und dem kaum geschminkten Gesicht. Auch das Kind war niedlich, pausbackig und stupsnasig; aus seiner Kapuze quollen braune Locken hervor. Durch das hektische Gewirr ringsum ließ es sich in seinem Schlaf kein bisschen stören. Beneidenswert, fand Stahnke.
Er räusperte sich. »Fahren Sie auch nach Norddeich?« In einem Zug wohl die denkbar unverfänglichste Gesprächseröffnung.
Sie schrak zusammen, als hätte er sie angebrüllt, und zeigte wieder die ängstliche, misstrauische Miene von vorhin. Dann aber entspannte sie sich ein wenig und antwortete: »Nein. Wir steigen schon in Emden aus.«
Er nickte, als habe er keine andere Auskunft erwartet, und bemühte sich um einen möglichst freundlichen und begütigenden Gesichtsausdruck. Offenbar reiste die Frau nicht sehr oft, vielleicht auch einfach nicht oft allein, und war durch die Verantwortung für sich und vor allem ihr Kind verunsichert. Na ja, dachte er, jetzt bin ich ja hier. Vielleicht kann ich sie ein wenig unterstützen.
»Wie alt ist denn der Kleine?«, fragte er. Je normaler, desto weniger beunruhigend die Frage.
»Drei Jahre und vier Monate.« Sie hatte ihre Fassung zurückgewonnen und schien einer harmlosen Unterhaltung nicht gänzlich abgeneigt. »Er hat Probleme mit den Bronchien, wissen Sie, und kann deshalb nachts oft nicht schlafen. Daher bin ich froh über jede Stunde, die er tagsüber schläft.«
Darüber dachten die meisten Eltern anders, erinnerte sich Stahnke; Kinder, die nachts wach lagen und weinten, hinderte man am Tage zumeist am Schlafen, da sie sonst in der folgenden Nacht erst recht nicht in den Schlaf zu bekommen waren. Aber für chronisch kranke Kinder galten gewiss andere Regeln. Er nickte verständnisvoll.
Die Frau hatte eine Zeitung aus ihrer Tasche gekramt und aufgeschlagen. Allzu groß schien ihre Lust auf eine Unterhaltung also doch nicht zu sein. Na denn, wie auch immer. In Norddeich würde es mehr als genügend Gelegenheit zu interessanten Gesprächen geben.
Aber doch merkwürdig. Die Frau wollte gar nicht ans Meer; warum dann diese Strandtasche? Besaß sie denn kein anderes, geeigneteres Behältnis? Na, wie auch immer. Wenigstens besser als eine Plastiktüte.
Der Zug ruckte an und begann zu rollen. Am anderen Ende des Großraumwaggons richteten sich gerade die letzten Passagiere, die noch reguläre Sitzplätze hatten ergattern können, häuslich ein, während zwei Nachzügler die Notsitze zwischen den Gangfenstern herunterklappten. Stahnke warf einen mitfühlenden Blick zu ihnen hinüber – und traute seinen Augen nicht: Da war es wieder, das ungleich Paar! Aktenkoffer, Laptop und Plastiktüte wurden unter die Sitze geschoben, Lackschuhe und Camel-Boots nebeneinander gestellt, und schon steckten die Köpfe wieder zusammen. Zusammengezogene Augenbrauen ließen eine ernste Thematik erahnen. Verhandlungen vielleicht? Ging es womöglich um ein Geschäft? Aber was für Geschäfte konnten zwei so ungleiche Typen hier im fahrenden Zug miteinander tätigen?
Eine Frage, auf die es viele mögliche Antworten gab. Darunter so ziemlich alle illegalen Möglichkeiten, die sich denken ließen.
Offenbar hatte er die beiden eine Kleinigkeit zu lange angestarrt, denn plötzlich blickte er genau in die Augen des Gutgekleideten. Dunkle Augen, ein sehr intensiver Blick. Geradezu unheimlich. Auch der schludrige Dicke begann sich ihm zuzuwenden. Schnell senkte Stahnke die Lider, drehte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf das Kind.
Als hätte er das gespürt, begann sich der kleine Junge zu regen. Er räkelte sich, reckte pummelige Fäustchen aus den Ärmeln seiner Jacke und produzierte dazu speichelgetränkte Brabbellaute, ohne die Augen zu öffnen. Ein putziges Bild, anrührend und abschreckend zugleich; Stahnke fühlte sich kleinen Kindern gegenüber stets verunsichert und vollkommen hilflos, denn er verstand sie noch weniger als ihre Mütter. Die Kinder wiederum, das wusste er aus unangenehmer Erfahrung, quittierten solches Unverständnis zumeist mit lautstarker Ablehnung. Also beschränkte er sich aufs distanzierte Süßfinden.
Die Mutter des Kleinen reagierte dafür umso schneller. Sie legte ihre Zeitung beiseite und zauberte aus den Tiefen ihrer Ballontasche ein Teefläschchen hervor, entfernte die Schutzkappe und schob dem Kind den Gummisauger zwischen die speichelfeuchten Lippen. Der Junge griff mit beiden Händen nach der Flasche und begann gierig schmatzend zu trinken. Nach wenigen Schlucken fiel er mit einem schnaufenden Seufzer in seinen Schlummer zurück.
Stahnke riskierte einen erneuten, diesmal sorgsam getarnten Seitenblick zum ungleichen Paar. Immer noch das gleiche Bild: intensive Verhandlungen bei vorgeneigten Oberkörpern, zusammengesteckten Köpfen und sparsamen Gesten. Noch war man sich anscheinend nicht einig.
Ein silbriges Glänzen auf dem Gangboden fing Stahnkes Blick ein. Was war das? Gerade eben hatte dort noch nichts gelegen, da war er sich sicher, da konnte er sich auf sein in jahrzehntelanger beruflicher Routine geschultes Auge verlassen. Das Silbrige musste eben erst dorthin gelangt sein. Vermutlich war es einem der beiden verdächtigen Männer aus der Tasche gefallen. Beziehungsweise aus dem Koffer oder der Plastiktüte. Was mochte es sein? Er traute sich nicht, den Gegenstand offen zu fixieren, um nicht schon wieder die Aufmerksamkeit der beiden zu erregen.
»Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Bad Zwischenahn«, verkündete der Bordlautsprecher. Einige Reisende erhoben sich und stellten sich in den Gang. Natürlich viel zu früh.
Auch draußen vor den Fenstern der Notsitzseite bewegte sich etwas. Eine graubraune Silhouette näherte sich langsam, nahm an Größe und Masse zu. Ein Güterzug war es, der vom Gleis einer Nachbarstrecke im Bogen herangeführt wurde. Die beiden Züge fuhren mit annähernd gleicher Geschwindigkeit, was zu einem faszinierenden, aber auch etwas beängstigenden Effekt führte. Wie ein großes Tankschiff, das sich viel zu schnell einer Kaimauer näherte und daran zu zerschellen drohte, schwamm ein mächtiger, elefantengrauer Kesselwagen schwungvoll heran, wölbte sich ihnen entgegen und schien jeden Augenblick die Fenster sprengen zu wollen, bis die Gleisführung endlich die Parallele erreicht hatte und die Annäherung beendet war. Langsam, Meter für Meter, fiel der Güterzug zurück. Der große Kesselwagen entschwand den Blicken, die er sekundenlang gefesselt hatte.
Auch die beiden Männer auf den Notsitzen hatten wie gebannt auf den Nachbarzug gestarrt. Eine Chance, die sich Stahnke nicht hatte entgehen lassen. Behutsam zog er den Fuß, unter dessen Sohle das Silbrige knisterte, zu sich heran und halb unter seinen Sitz. Jetzt noch ein kurzes Räkeln, ganz wie vorhin der kleine Junge schräg gegenüber, ein Veränderung der Position, wie sie jeder Reisende während der langen Stunden auf dem Polstersitz Dutzende Male vornimmt, und er hielt den Gegenstand in seiner Hand.
Bremsen quietschten. Das Ein- und Aussteigen ging schnell, sehr groß war der Andrang nicht. Ein schriller Pfiff schickte den Zug wieder auf die Strecke.
Im Sichtschutz seiner übereinandergeschlagenen Beine öffnete Stahnke vorsichtig die Faust und nahm das silbrige Ding in Augenschein. Im ersten Augenblick war er enttäuscht. Rauschgift hatte er erwartet, verpackt in Stanniol oder Haushaltsfolie; stattdessen war es nur ein Streifen aus einer Tablettenpackung. Ein leerer obendrein. Dann aber las er die Aufschrift und war wieder wie elektrisiert.
»Rohypnol« stand dort. Diesen Namen kannte er, auch wenn er im Moment nicht sagen konnte, wofür er stand. Aber er wusste, dass er diesen Namen bereits im Zusammenhang mit einem Verbrechen gehört hatte. Also handelte es sich vermutlich um eine illegale Droge.
Jetzt wusste er endlich, worüber diese beiden Galgenvögel dort drüben verhandelten. Rauschgifthändler waren das also. Ein Großhändler vermutlich, natürlich der mit den Lackschuhen, einer, der die internationalen Vertriebswege kontrollierte. Und einer, der für die Verteilung in der Region zuständig war; das war natürlich der Plastiktütentyp. Vermutlich hing er selber an der Nadel oder war tablettensüchtig. Rohypnol – der Name hatte etwas Hypnotisches. Wie mochte es wohl wirken, dieses Zeug? Er hatte das Gefühl, dass er das schon einmal gewusst haben musste und dass es ihm irgendwann wieder einfallen würde. Hoffentlich bald.
Draußen vor den Fenstern nahm die Anzahl der Parallelgleise zu. Ihr Zug wurde langsamer. Leer lag bereits hinter ihnen, Emden konnte nicht mehr weit sein. Die Frau sammelte schon ihre Siebensachen ein. Vorsichtig entwand sie dem immer noch tief schlafenden Kind das Teefläschchen, setzte die Schutzkappe drauf und versenkte es in ihrer ballonförmigen Reisetasche. Die Zeitung ließ sie liegen; anscheinend legte sie keinen Wert mehr darauf.
Entsetzt stellte Stahnke fest, dass auch die beiden ungleichen Männer ihre ebenso ungleichen Gepäckstücke unter ihren Sitzen hervorholten. Also wollten sie ebenfalls in Emden raus. Jetzt war guter Rat teuer. Sollte er auch aussteigen und die beiden weiter im Auge behalten? Dann würde der Zug ohne ihn weiter nach Norddeich fahren, das war klar, und seine Freunde würden vergeblich am Bahnhof auf ihn warten. Ein Handy hätte seine Lage erheblich verbessert, aber das lag natürlich wohlverwahrt in seiner Schreibtischschublade im Büro. Mist, verfluchter.
Aber was war das? Offenbar waren sich die beiden Männer doch noch handelseinig geworden. Der Elegante klappte gerade seinen Aktenkoffer auf, der Schlampige wühlte in seiner Plastiktüte. Also sollte die Übergabe gleich hier im Zug vollzogen werden! Großartig, was für ein Dusel, besser ging es doch gar nicht! Da konnte er ja zuschlagen und die beiden einsacken, ohne deswegen seinen Zug zu verpassen.
Ausgezeichnet war auch, dass er seine Handschellen nicht ebenso wie das Handy in die Schublade gepackt hatte. Von denen trennte er sich nun einmal nicht so leicht wie von diesem neumodischen Nervtöter. Er war eben Traditionalist, das gab er zu. Jetzt würde ihm das zugutekommen.
Beide Männer hatten offenbar gefunden, was sie in ihren jeweiligen Behältnissen gesucht hatten, und holten es hervor. Stahnke zückte seine Handschellen und erhob sich. Breitbeinig baute er sich vor den beiden Ganoven auf.
Fassungslos starrten die beiden ihn an, die Münder weit offen, die Augen beinahe aus den Höhlen quellend. Das, was sie in ihren Händen hielten, pressten sie unwillkürlich an sich, als könnten sie es jetzt noch vor dem Zugriff des Gesetzes schützen.
Was aber war es? Silbrig wie Tablettenstreifen sah es nicht aus, auch nicht bunt wie Euroscheine. Es waren – Bücher!?
»Gesangbücher«, sagte Stahnke, der nun seinerseits zu spüren glaubte, wie sich seine Augäpfel mehr und mehr aus ihren Höhlen hervordrängten. »Sie tauschen evangelische Gesangbücher aus?«
»Ja, allerdings«, sagte der Schlampige, der sich bereits wieder gefasst hatte, während der Elegante immer noch wie erstarrt auf seinem Notsitz hockte. »Mein Reformierter Kollege und ich haben festgestellt, dass wir beide gerade vom Evangelischen Kirchentag in Hannover kommen. Ich bin Lutheraner, daher kannten wir uns bisher nicht. Wir hatten eine sehr aufschlussreiche Unterhaltung und wollten nun – aber was geht Sie das überhaupt an? Und was bezwecken Sie mit diesem lächerlichen Auftritt?«
Irgendjemand musste in Stahnkes Oberstübchen einen Dampfstrahler angestellt haben; anders jedenfalls waren dieses Zischen, das plötzlich durch seinen Schädel schallte, und dieser enorme Schweißausbruch nicht zu erklären. Ich habe es wieder getan, dachte er. Ja, verdammt, I did it again, und da hilft jetzt auch kein Ooops mehr. Diese Blamage werde ich bis zur Neige auskosten müssen, jedenfalls bis nach Emden, und den Rest der Fahrt muss ich wohl stehend verbringen, denn in diesem Waggon kann ich mich auf keinen Fall mehr blicken lassen. Verdammt, verdammt, du blöder Kasperkommissar, hast du denn noch immer nichts gelernt aus dem, was deine Phantasieermittlungen dir schon alles eingebrockt haben?
»Mein Kollege hat Sie etwas gefragt«, ließ sich der Elegante vernehmen. Jetzt wurde sogar der mutig. Hilfe suchend blickte Stahnke sich um. Es war aber keinerlei Hilfe in Sicht, nur jede Menge gaffender Augenpaare.
»Meine Damen und Herren«, ergriff der Bordlautsprecher das Wort, »in wenigen Minuten erreichen wir Emden. Sie haben Anschluss …«
Die Frau auf der anderen Tischseite erhob sich, stellte ihre Ballontasche zurecht und griff nach dem schlafenden Kind. Viel zu früh und viel zu lange würde sie wieder im Gang stehen.
Sein Blick streifte die liegengebliebene Zeitung. Vermischte Meldungen, die Seite mit Klatsch und Tratsch, Mord- und Gerichtsberichten. Eine Schlagzeile sprang ihm ins Auge. Ein schon oft gelesener Name.
Und plötzlich war alles klar.
Sein massiger Körper beschrieb eine Vierteldrehung auf dem rechten Absatz, sein rechter Arm schoss vor, seine Hand vollführte eine hundertfach geübte Bewegung. Seine Handschellen klickten.
Fassungslos starrte die Frau ihn an. »Was?«, stammelte sie. »Warum?«
»Rohypnol«, sagte Stahnke. »Sie hätten das entführte Kind mit einem anderen Medikament betäuben sollen, nicht ausgerechnet mit dem Zeug, mit dem auch dieser belgische Kinderschänder Marc Dutroux und seine Frau ihre Opfer ruhiggestellt haben. Es ist zwar wirkungsvoll, aber zu bekannt.«
Das Gesicht der Frau begann sich zu einer Maske aus Wut und Qual zu verzerren. Eruptive Schluchzer zerfetzten die Worte, die sie hervorstieß, bis zur Unkenntlichkeit. Ihr schmaler Körper krümmte sich zitternd. Stahnke, der sich die andere Handschelle um das eigene Handgelenk gelegt hatte, spürte, wie sich das Zittern auf ihn übertrug. Aber nur äußerlich. Es ließ ihn kalt.
Er wandte sich wieder den beiden Geistlichen zu. »Bitte entschuldigen Sie mein kleines Ablenkungsmanöver«, sagte er lächelnd. »Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu sehr erschreckt.«
Wieder blickten ihn die beiden Kirchenmänner mit runden Augen an. Diesmal aber nicht entsetzt, sondern bewundernd.
Kirche, dachte er. Dabei fällt mir etwas ein. Richtig, die Heilige Elisabeth von Ungarn. Die wollte den Armen etwas zu essen bringen, obwohl ihr hartherziger Ehemann es ihr streng und bei Strafe verboten hatte. Prompt überraschte er sie eines Tages, als sie mit einer Schürze voller Brot das Haus verließ. »Was hast du da in der Schürze?«, fragte er. »Rosen«, log sie. »Dann zeig mir die Rosen«, sagte ihr Mann. Sie öffnete die Schürze – es waren Rosen darin.
Na, Rosen würde er nicht bekommen. Aber eine Täterin und ein befreites Kind statt einer saftigen Blamage, das war ja weiß Gott besser als Blumen.
Wie ein Heiliger fühlte er sich trotzdem nicht.
Ostfriesischer Volkssport
»Siehst du«, sagte Stahnke in belehrendem Ton, »das ist der wahre ostfriesische Volkssport! Schultern vor, Knie beugt, das Sportgerät fest im Griff, Ziel anvisieren, und dann immer kräftig. Vor allem schön im Rhythmus. Was ist dagegen schon Boßeln!«
»Aaah ja.« Kramer verzog keine Miene. »Und wie nennt sich dieser, äh, Volkssport?«
»Na wie wohl.« Stahnke zuckte die Schultern. »Pflastern natürlich.«
Kramer nickte, was aber vor allem am Zustand der Straße lag, über den ihr betagter Dienstwagen schaukelte. Der Logaer Weg glich einer Berg-und-Tal-Bahn, bestens geeignet als Teststrecke für Offroad-Fahrzeuge und deren Bereifung, schon wegen seiner Patchwork-Oberfläche. Da war wirklich alles dabei, sogar Kopfsteinpflaster.
Hauptkommissar Stahnke bedachte seinen Kollegen mit einem verkniffenen Seitenblick. Hin und wieder könnte er wirklich über einen meiner Witze lachen, dachte er, schließlich bin ich sein Vorgesetzter. Oder er könnte wenigstens so tun. Aber nein, nichts da. Guckt teilnahmslos aus der Wäsche wie ein Stein. Wie ein Pflasterstein, ha!
Stahnke gluckste. Kramer schüttelte den Kopf. Lag wohl immer noch an der schlechten Straße.
Auf den Grundstücken linker Hand wurde eifrig gepflastert. Runde Rücken in kariertem Flanell krümmten sich unter heißer Sommersonne, kräftige Arme holten rhythmisch aus, dumpfe Schläge gummiarmierter Hämmer hallten von Häuserwänden und den Bäumen des gegenüberliegenden Parks wider. Jede zweite oder dritte Auffahrt schien fällig zu sein. Wahrlich, dachte Stahnke, wenn Pflastern der wahre ostfriesische Volkssport ist, dann ist das hier das Trainingslager.
»Bist du sicher, dass er zu Hause ist?«, fragte Kramer. »Ans Telefon gegangen ist er ja nicht.«
»Ich bin sicher«, erwiderte Stahnke. »Hab’ mich bei den Nachbarn erkundigt. Er ist da, auf seinem Grundstück.«
»Und was treibt er da?«
»Rate mal.«
Das Haus von Ortwin Globisch lag im Nordosten von Leer, fast auf der Grenze zwischen Heisfelde und Loga, da, wo die Wohnbebauung sachte ins Landwirtschaftliche überging. Die Grundstücke waren groß dort, sehr groß. Manchem, der kein leidenschaftlicher Gärtner war, waren sie allzu groß. So hatte man im Laufe der Jahre viele Parzellen aufgeteilt, hatte Häuser in zweiter Reihe gebaut. Platz war ja reichlich vorhanden, und alle waren zufrieden.
Fast alle. Ortwin Globisch gehörte nicht dazu.
Stahnke lenkte den Dienstwagen durch beschauliche Nebenstraßen. Das Schaukeln hatte aufgehört und damit auch Kramers Kopfbewegungen. »Warum müssen wir das eigentlich machen?«, fragte der Oberkommissar. »Die Frau ist doch nur als vermisst gemeldet.«
Stahnke schwieg. Unter den verschiedenen Fachkommissariaten half man sich gegenseitig aus, das wusste Kramer ebenso gut wie er. Außerdem hatte er so ein Gefühl. Mehr als das. Aber er behielt es lieber für sich.
Da war die richtige Straße. Stahnke spähte nach den Hausnummern. Viele waren überwuchert, ausgeblichen, abgeblättert oder schlicht nicht vorhanden. Dies hier war eben kein Neubauviertel. Jedenfalls nicht in der ersten Reihe. Aha, dort war die 23. Jetzt einfach abzählen: 25, 27, 29. Der Hauptkommissar stoppte den Wagen am Bordstein. »Wir sind da.«
»Hausnummer 29 a«, sagte Kramer. »Also zweite Reihe, oder?«
»In der Tat.« Stahnke nickte bedeutungsvoll. Kramer runzelte die Stirn.
Die Auffahrt von Nummer 29 war schmal, und die Backsteine, mit denen sie befestigt war, wiesen tiefen Spurrinnen und breite Ritzen auf, aus denen das Unkraut hervorquoll. Müsste auch mal in Ordnung gebracht werden, dachte Stahnke im Vorübergehen. Am besten gleich neu gepflastert. Ha!
Ein älterer Mann werkelte im Garten, schob eine Karre mit Grünabfällen nach hinten und beäugte die Besucher kritisch, ohne sie anzusprechen. An der hinteren Grundstücksgrenze war die Auffahrt mit Flechtzaunelementen versperrt; nur ein schmaler Durchlass bestand noch, durch den man einen Blick auf das Haus Nummer 29 a erhaschen konnte, das deutlich jüngeren Datums war als das vorne gelegene.
»Was ist das denn für ein Blödsinn?«, fragte Kramer. »Die Bewohner des Hintergrundstücks benötigen doch diese Durchfahrt! Wie sollen die denn jetzt mit dem Auto zu ihrem Haus kommen?«
»Da sagst du was Wahres.« Stahnke schmunzelte. »Aber mit Vernunft hat das hier auch wenig zu tun. Eher mit einem weiteren ostfriesischen Volkssport.«
»Und welcher soll das nun wieder sein? Nachbarn ärgern?«
»Genau«, sagte Stahnke. »Ärgern und verklagen.«
Die beiden Kriminalbeamten zwängten sich durch die Zaunlücke. Rhythmische, dumpfe Schläge tönten ihnen entgegen. Ortwin Globisch war tatsächlich zu Hause. Er kniete auf seiner Auffahrt, den Rücken krumm, den armierten Hammer fest umfasst, den nächsten Betonstein in seinem planierten Sandbett fest im Blick. Tuck, tuck, tuck. Und ein Griff nach links, neuer Stein, knirschend eingepasst. Tuck, tuck, tuck. Globisch arbeitete konzentriert und flott. Allerdings tat er dies an seiner rückwärtigen Grundstücksgrenze, dort, wo bis vor Kurzem offensichtlich noch ein Blumenbeet gewesen war.
»Warum tun die Leute das?«, fragte Kramer.
»Was? Nachbarn ärgern und verklagen?«
»Quatsch, nee. Pflastern!«
»Tja«, erwiderte Stahnke nachdenklich, »da gibt es eine Menge praktischer Gründe. Der viele Regen, der den Boden aufweicht, der ganze Schmutz, klar. Aber mit festen, sauberen Wegen allein ist es natürlich nicht getan. Der echte Ostfriese hört dann noch lange nicht auf zu pflastern, im Gegenteil, dann fängt er erst richtig an. Autostellplatz, noch einer für den Zweitwagen und einer für Gäste, dann die Terrassen, eine pro Himmelsrichtung außer nach Norden, außerdem Grillplatz, Kaminholzplatz, feste Gründung für den Werkzeugschuppen, den Geräteschuppen, den Fahrradschuppen. Und natürlich die Wege dazwischen, man will ja überall hinkommen können, ohne unversiegelten Erdboden zu betreten, wie die kleinen Kinder bei Himmel und Hölle. Das hat schon was von Besessenheit, nicht wahr? Als ob die Leute hier sich immer noch vor der Natur fürchten und sie daher möglichst wenig sehen wollen. Oder als ob sie sonst etwas zu verbergen hätten.«
»Danke«, sagte Kramer, »ich ziehe die Frage zurück.«
Globisch bemerkte die beiden Kripobeamten erst, als ihre Schatten auf seine Arbeit fielen. Er guckte hoch, blinzelte, nickte grüßend. »Schon was Neues?«, fragte er.
Stahnke schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Nach wie vor keine Hinweise auf den Aufenthaltsort Ihrer Mutter.«
Globisch nickte, grunzte, wandte sich wieder seinen Pflastersteinen zu. Tuck, tuck, tuck.
Kramer stemmte die Fäuste in die Hüften und starrte seinen Vorgesetzten mit erhobenen Augenbrauen an. Für ihn kam das einem Gefühlsausbruch gleich, ausgelöst durch den absoluten Mangel an Gefühlen, die dieser Globisch angesichts des Verschwindens seiner eigenen Mutter zeigte. Stahnke aber ignorierte Kramers Gebaren, woraufhin dieser schnell in seine gewohnt stoische Haltung zurückfiel.
»Neue Auffahrt?«, fragte der Hauptkommissar stattdessen Globisch. »Jetzt also doch? Aber in dieser Richtung ist doch der Graben.«
»Plattenbrücke«, stieß Globisch hervor, ohne von seinem Tun abzulassen oder sich gar umzudrehen. »Betonguss. Ist schon in Auftrag gegeben. Nach vorne hin mach’ ich dicht. Sehen Sie ja.«
»Aber warum?«, fragte Stahnke. »Vor Gericht haben Sie doch gewonnen.«
Der Kniende schnaubte zur Bestätigung. »Schon. Aber diese Bedingungen! Nur ein Auto, Schritttempo, Gäste nur nach Anmeldung – nee, nee. Jetzt mach’ ich das lieber richtig. Hinten verläuft ja der Bauernweg, für Anlieger frei. Da baue ich mir eine eigene Zufahrt, gegen die dann keiner etwas sagen kann.«
Stahnke drehte sich um. In der Zaunlücke waren der eisengraue Haarschopf und das gebräunte Gesicht des älteren Mannes vom Vordergrundstück zu sehen, mit halboffenem Mund und zusammengekniffenen Augen. Eilig entfernte sich der Mann, eine Karre voll Kompost vor sich her schiebend.
Tuck, tuck, tuck machte Globischs Gummihammer.
Der Hauptkommissar nahm Kramer bei der Schulter und zog ihn ein paar Schritte beiseite, außerhalb der Hörweite des Hausherrn, obgleich der sie gar nicht weiter beachtete. »Globisch hat dieses Grundstück geerbt, samt Haus«, erläuterte er. »Von seiner Großmutter, der alten Frau Janssen. Seine Mutter bekam Haus und Grundstück an der Straße. Beide sind jeweils Einzelkinder und damit die einzigen Erben.«
»Da hat unser fleißiger Freund hier aber das bessere Schnäppchen gemacht«, kommentierte Kramer. »Der Schuppen da vorne ist doch uralt. Das Dach hängt durch, keine Iso-Fenster, und wer weiß, wie es da drinnen aussieht.«
Stahnke nickte. »Frau Janssen war von ihrem Erbanteil auch sehr enttäuscht.« Auf Kramers fragenden Blick hin erläuterte er: »Verwitwete Globisch. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie ihren Mädchennamen wieder angenommen. Ihr Sohn, so heißt es, soll ihr das sehr übel genommen haben.«
Kramer nickte langsam. Hinter seiner Stirn arbeitete es sichtlich.
»Eigentlich hatte Frau Janssen sowieso damit gerechnet, den gesamten Immobilienbesitz ihrer Mutter überschrieben zu bekommen. Auf jeden Fall aber fand sie, ihr stehe das bessere Haus zu. Das Testament war jedoch eindeutig und nicht anfechtbar, eine Klage sinnlos. Also hat sie ihrem Ärger auf andere Art Luft gemacht, nämlich mit Schikane.«
Stahnke machte eine Pause, lauschte auf das Tuck, tuck, tuck von Globischs Hammer und dem Quietschen der Schubkarre vom Vordergrundstück. Als Kramer ihm nicht den Gefallen tat nachzufragen, seufzte der Hauptkommissar und fuhr ohne dies fort.
»Sie fand nämlich heraus, dass die Teilung der ursprünglichen Parzelle niemals ins Grundbuch eingetragen worden war. Erschien ja auch unnötig, da beide Grundstücke der alten Frau Janssen gehörten. Eine Eintragung hätte nur unnötige Kosten verursacht, glaubte man. Erst, nachdem die Grundstücke vererbt worden waren, wurde das zum Problem. Beziehungsweise zur Chance, Ärger zu machen.«
Kramers Gesicht blieb steinern, trotzdem hatte Stahnke das deutliche Gefühl, dass sein gewöhnlich so scharfsinniger Kollege nicht darauf kam, wo der Hase im Pfeffer lag. Das freute ihn diebisch. Einige Sekunden lang weidete er sich daran, dann stampfte er mit dem Fuß auf. »Hier liegt das Problem. Wir stehen drauf! Es ist diese Auffahrt hier.«
»Klar«, sagte Kramer. »Das Überwegungsrecht. Wird ein Grundstück geteilt und der hintere Teil bebaut, muss das Überwegungsrecht von der Straße nach hinten ins Grundbuch eingetragen werden. Geschieht dies nicht, hängt es vom Besitzer oder Mieter des vorderen Teils ab, ob er dem sogenannten Hintersassen eine Überquerung gestattet. Oder eben nicht.«
Die Miene des Oberkommissars blieb unbewegt, trotzdem fühlte sich Stahnke seines kleinen Triumphs beraubt. Seine breiten Schultern sanken ein wenig herab. »Richtig«, bestätigte er. »Beide Häuser waren zum Zeitpunkt des Erbfalles vermietet, aber Mutter Janssen kannte den Mieter des Hauses, das sie erbte, recht gut. Der Typ ist Tiefbauarbeiter, im Kopf eher schlicht, aber dafür streitsüchtig. War wohl nicht weiter schwer, den so weit aufzustacheln, dass er anfing, seinen Nachbarn vom Hintergrundstück, mit dem er bis dahin recht gut ausgekommen war, zu schikanieren und ihm das Leben schwer zu machen.«
»Ostfriesischer Volkssport«, repetierte Kramer. »Nachbarn ärgern.«
»Ärgern und verklagen«, korrigierte Stahnke. »Der Hintersasse spielte das Spiel nämlich mit und übernahm den Klagepart. Sein frischgebackener Vermieter, der Herr Globisch, sprang ihm bei, weil er sich von seiner Mutter nicht alles bieten lassen wollte, beide erwirkten zusammen eine Einstweilige Verfügung auf freie Überfahrt, und so konnte Frau Janssen nicht anders, als Gegenklage zu erheben. So standen sich denn Mutter und Sohn vor Gericht gegenüber.«
»Klassisch«, sagte Kramer.
»Ein gefundenes Fressen für die ganze Siedlung«, bestätigte Stahnke. »Um es mal abzukürzen, Globisch gewann, bekam das Überwegungsrecht für den jeweiligen Hausbewohner zuerkannt, wenn auch unter Auflagen, wie eben gehört. Mutter Janssen schäumte und versprach noch im Gerichtsgebäude, dass das nicht das letzte Wort gewesen sei. Sie werde sich schon noch etwas einfallen lassen.«
»Und dann?«, fragte Kramer.
»Dann«, antwortete Stahnke mit funkelnden Augen, »dann war die alte Ziege weg.«
»Äh … wieso?« Der Oberkommissar schaute jetzt doch verwirrt. »Gehörte etwa auch eine, äh, alte Ziege zum Erbe?« Noch während er sprach, schien er endlich zu begreifen.
Stahnke bot alle Selbstbeherrschung auf, die ihm zu Gebote stand, um nicht loszubrüllen vor Lachen. »Du fluchst nicht oft, nicht wahr?«, fragte er scheinheilig. »Man merkt’s.«
»Stimmt«, antwortete Kramer mit drohendem Unterton. »Aber ich weiß durchaus, wie das geht. Also bitte.«
»Alte Ziege ist eine sehr verbreitete Bezeichnung für Frau Janssen«, fuhr Stahnke eilig fort. Er war froh, den stets bestens informierten Kramer endlich einmal vorgeführt zu haben, wollte es aber nicht ernstlich mit ihm verderben. »Hier in der Siedlung, meine ich, wo man sie kennt. Die Kollegen haben mal rumgefragt und wenig Schmeichelhaftes zu hören bekommen. Die Dame scheint sich mit fast jedem angelegt zu haben, immer wegen Kleinigkeiten, und pflegte sich dabei schnell im Ton zu vergreifen. Freunde hat sie sich auf diese Art kaum gemacht. Halbwegs ausgekommen ist sie nur mit Becker, ihrem Mieter. Der soll ihr charakterlich recht ähnlich sein.«
»Becker. Ist das der Mann, der da vorne im Garten arbeitet?«
»Das ist sein Vater. Becker junior ist bei der Arbeit, außerdem hat er mit Gartenarbeit nichts im Sinn, spielt lieber Fußball und Skat. Der Senior war früher Steuerberater, ist jedoch frühpensioniert und kümmert sich seitdem hier um den Garten und alles andere.«
»Das kann man wohl sagen«, bestätigte Kramer, den Blick auf die Zaunlücke gerichtet. Als Stahnke sich umwandte, war bereits nur noch das sich entfernende Quietschen der Schubkarre zu hören.
Tuck, tuck, tuck ertönte es von der anderen Seite. Das Geräusch schien von den Häuserwänden widerzuhallen. Vielleicht aber waren das auch nur andere Nachbarn, die ebenfalls pflasterten.
»Frau Janssen ist also als vermisst gemeldet«, nahm Kramer den Faden wieder auf. »Wie lange noch gleich?«
»Seit über einer Woche«, sagte Stahnke. »Auto, Pass, Handy, Koffer, Kleidung – alles noch da, in ihrer Wohnung. Sehr unwahrscheinlich, dass sie einfach nur verreist ist.«
»Du meinst, jemand hat sie verschwinden lassen?«
»Das meine nicht nur ich«, antwortete Stahnke.
»Und der Hauptverdächtige ist der mit dem stärksten Motiv.« Kramer machte eine Kopfbewegung über die Schulter, dorthin, wo es weiterhin tuck, tuck, tuck machte. »Also der Sohn, Ortwin Globisch.« Er fixierte seinen Vorgesetzten. »Meinst du, dass er sie hier …?« Vorsicht tippte er mit der Fußspitze auf das frisch verlegte Pflaster, dessen Fugen noch nicht einmal verschlämmt waren. »Hier? Auf seinem eigenen Grund und Boden?«
Stahnke zuckte die Achseln. »Warum nicht? Wenn er doch sowieso gerade pflastert … Was könnte unauffälliger sein?«
»Aber dann hätte er das Grab seiner Mutter doch stets und ständig vor Augen!« Kramer breitete seine Arme aus: »Er würde sogar förmlich … darauf herumtrampeln!«
Stahnke schmunzelte. »So, wie ich Globisch und sein Verhältnis zu seiner Mutter einschätze, würde ihn das nicht weiter stören.«
Kramer schüttelte nur den Kopf.
Endlich einmal entgleisen ihm seine Gesichtszüge, freute sich Stahnke innerlich. Endlich einmal kann man von seiner Miene etwas ablesen. Und wenn es auch nur Verständnislosigkeit ist.
»Sagtest du nicht, Globisch hätte sein geerbtes Haus vermietet?«, fragte Kramer nach einer Pause.
Stahnke nickte. »Er hatte. Aber sein Mieter hat inzwischen gekündigt. Kann man ja auch verstehen nach dem ganzen Ärger. Zwar haben Globisch und er vor Gericht gesiegt, aber das Verhältnis zu seinem direkten Nachbarn war danach natürlich zerstört. Wer will schon neben solch einem Streithammel wohnen?«
Kramer blickte sich demonstrativ um. »Tja, ganz schön ländlich, die Gegend. Ziegen gibt es hier. Und jetzt auch noch Hammel!« Der Oberkommissar fixierte seinen Vorgesetzten: »Fehlt nur noch ein Hund.«
Jetzt war es an Stahnke, ratlos zu gucken: »Hä?«
Kramer lächelte zufrieden. »Ein Leichenspürhund natürlich, was sonst? Anscheinend bis du dir deiner Sache ja schon sicher und hast mich nur mit hierher geschleift, um Globisch nach vollendeter Überführung einzusacken. Also, was ist, wo bleibt der Leichenhund?«
Stahnke seufzte ergeben. Hatte er wirklich gedacht, Kramer länger als ein paar Sekunden hinters Licht führen zu können? Er schaute auf seine Armbanduhr. »Hundeführer und Hund sind bestellt«, sagte der Hauptkommissar. »Es kann sich nur noch um Minuten handeln, bis sie eintreffen.«
»So.« Kramer verschränkte seine Hände hinter dem Rücken und wippte auf seinen Fußballen auf und ab. »Der Sohn also. Erbt er?«
»Natürlich nicht«, erwiderte Stahnke. »Globisch und seine Mutter haben sich doch gehasst und zuletzt bis aufs Messer bekämpft. Klar, dass sie ihn enterbt hat. Bis auf den Pflichtteil.«
»Aha.« Kramer wippte weiter. »Als Motiv bliebe also Hass, nicht aber Gewinnsucht. Ein starkes Motiv, aber nicht so stark wie beides zusammen. Du sagtest, Frau Janssen sei verwitwet gewesen?«
»Ja, in der Tat. Aber …«
»Lebte sie allein?«
»Keine Ahnung.« Stahnke brauste auf: »Sag mal, wird das hier ein Verhör?«
Kramer ging nicht darauf ein. »Ich habe das Foto gesehen, das die Vermisstenstelle von ihr hat. Nicht mehr die Jüngste, aber doch ansehnlich restauriert. Die lebte bestimmt nicht allein, habe ich mir gedacht. Wozu sonst dieser Aufwand?«
Stahnke zuckte stumm die Achseln. Kramers Auftritt verschlug ihm die Sprache.
»Und tatsächlich hatte sie einen neuen Lebenspartner. Ein Anruf hat genügt, um das herauszufinden. Vorhin, als du mich losgeschickt hast, einen Wagen holen. Per Handy.« Er schnippte mit den Fingern. »Mal eben so.«
Jetzt sackte dem Hauptkommissar auch noch der Unterkiefer weg.
»Bei Frau Janssen ging die Liebe nicht durch den Magen, sondern durchs Portemonnaie«, fuhr Kramer fort. »Sie war schon seit ihrer ersten Ehe nicht arm, aber als durch den Tod ihrer Mutter noch ein weiteres Haus samt Grundstück und Mieteinnahmen dazu kam, suchte sie sich professionelle Hilfe. Denn nichts war ihr verhasster, als Steuern zu zahlen. Zum Glück fand sich schnell jemand, der ebenso wenig Skrupel hatte wie sie und sie davor bewahrte. Ebenfalls schon angegraut, aber noch gut erhalten. Zum Dank ließ sie ihn nicht nur an ihr Geld, sondern auch in ihr Bett.« Einmal noch wippte Kramer, und seine Augenbrauen schienen dabei oben zu bleiben. »Der Mann ließ sich nicht lange bitten und griff zu. Allerdings etwas gründlicher, als Frau Janssen erwartet hatte, denn er war ebenso habgierig wie sie.«
Stahnke klappte den Mund wieder zu. Er ahnte, wen Kramer angerufen hatte.
»Er nahm sie regelrecht aus, brachte Teile ihres Besitzes in die eigene Hand und hatte das wohl mit dem Rest noch vor. Frau Janssen aber kam dahinter«, fuhr der Oberkommissar fort. »Es gab eine Auseinandersetzung, eine lautstarke, wie mein Telefonpartner berichtete. Seitdem ist Frau Janssen verschwunden.«
Über die Auffahrt des vorderen Grundstücks näherten sich Schritte. Ein uniformierter Polizeibeamter erschien in der Zaunlücke, einen erwartungsvoll hechelnden Schäferhund an der Leine, und grüßte. »Wo fangen wir an? Das neue Pflaster hier?«, fragte er.
Kramer öffnete den Mund, aber Stahnke schnitt ihm das Wort ab. »Nein«, sagte er. »Eher doch nicht. Sondern im Garten des vorderen Hauses. Am besten beim Komposthaufen.«
Ein quietschendes Geräusch näherte sich. Stahnke drängte sich am Hundeführer vorbei. »Herr Becker, bleiben Sie doch einmal stehen.«
Der Mann mit dem eisengrauen Haarschopf riss erschrocken die Augen auf, ließ die Karrengriffe los und begann zu laufen. Ehe Stahnke reagiert hatte, war Kramer schon an ihm vorbei gesprintet. Becker senior schaffte es nicht einmal vom Grundstück herunter. So sehr er sich auch sträubte, gegen Kramers routinierten Griff hatte er keine Chance.
»Platz«, sagte der Hundeführer, nachdem sein Leichenhund neben dem frisch aufgehäuften Kompost angeschlagen hatte, und: »Brav.« Zur Belohnung ließ er das Tier an einem bunten Knotentau zerren. »Klarer Fall, die Leiche ist da drin.« Zu Stahnke gewandt, fügte er hinzu: »Aber das wusstet ihr natürlich schon wieder mal vorher, was?«
Der Hauptkommissar nickte versonnen. »Tja. Älterer, gieriger Liebhaber nimmt reiche Witwe aus, packt seinem eigenen Sohn die Leiche in den Garten, während der Verdacht auf den Sohn der Ermordeten fällt. Clever. Aber nicht clever genug.«
Kramer näherte sich, am Arm den inzwischen gefesselten Becker.
Stahnke beugte sich vor und raunte dem Hundeführer zu: »Jedenfalls für einige von uns.« Er grinste.
Kramer Miene blieb unbewegt wie ein Pflasterstein.
Essener Dauerlieger
»Ich traue dir nicht«, sagte Sina.
Stahnke mimte den Empörten. »Waas? Na hör mal, ich bin Beamter!«
»Sei froh. Als Schauspieler bist du nämlich echt schlecht.« Das letzte Wort sprach sie mit einem genüsslich in die Länge gezogenen »ä«, während sie sich über den kleinen Tisch beugte, die Ellbogen aufstützte und ihr Gegenüber kritisch fixierte. Ihr leichtes Sommertop war tief ausgeschnitten, und Stahnke gönnte sich einen ebenso tiefen Blick.
»Hallo, mein Gesicht ist hier oben!«
»Ich weiß. Aber die Konkurrenz ist zu zweit. Au!« Etwas zu spät zog Stahnke seine Füße zurück.
»Lustmolch, vertrauensunwürdiger. Sowas gehört getreten.« Sina spitzte die Lippen, schnappte freihändig nach ihrem Strohhalm und nuckelte an ihrer Cola.
Stahnkes Lächeln zog sich in die Breite, bis der Hauptkommissar tatsächlich fast wie ein Molch aussah. Nach mehrjähriger Pause war er erst seit ein paar Wochen wieder mit Sina Gersema zusammen, sein Glück war noch ganz frisch und prickelnd und schäumte bei jeder Gelegenheit auf und über. Da reichte schon die bloße Erwähnung des Wortes ›Lust‹, egal in welcher Kombination.
»Warum beschimpfst du mich eigentlich so wüst?«, fragte er, während er nach seinem Bierglas griff. Es war leer. Keine Bedienung weit und breit. An diesem herrlichen Samstag war die MS Heisingen rappelvoll. An die dreihundert Passagiere drängten sich um die Tische an Oberdeck und in den Salons, um den Baldeneysee in der Frühsommersonne zu genießen, da hatte das Servicepersonal alle Hände voll zu tun.
Sina legte ihr Kinn auf die verschränkten Finger und senkte ihre langen Wimpern. »Weil ich dich kenne«, antwortete sie leise. »Von wegen, keine Hintergedanken! Eine Einladung zum gemütlichen Wochenendausflug, zusammen essen, Schiffchen fahren, ein bisschen sonnen … und das alles ohne dienstlichen Hintergrund? Nee, mein Lieber, das kauf ich dir nicht ab. Das passt nicht zu dir.«
»Aber wieso denn?« Stahnke breitete die Hände aus. »Genau das machen wir doch gerade! Ich meine, Ausflug und, äh, Schiffchen. Und was Essen betrifft – guck dich doch um! Ist das da am Ufer etwa nicht Essen?«
»Als Witzbold taugst du auch nichts«, erwiderte Sina. »Aber jetzt sag schon. Wen musst du hier verhören? Was wirst du durchsuchen? Oder geht es um eine Verhaftung?«
Stahnke seufzte. »Man hätte euch Frauen das Psychologiestudium besser doch nicht erlauben sollen.« Diesmal bekam er seine Füße rechtzeitig hoch, um Sinas Tritt auszuweichen.
Er lehnte sich zurück, schaute über die Reling hinaus auf den See, der geradezu kitschig blau, vom leichten Wind sanft gekräuselt und mit weißen Segeln verschiedenster Größen gesprenkelt war. Ein Anblick, der sämtlichen Vorurteilen über das Ruhrgebiet spottete. Selbst ein seelandschaftsverwöhnter Küstenbewohner konnte ihn genießen.
Genau das hatte Professor Groenewold auch gesagt.
Stahnke drehte sich zurück; Sinas goldbraune Augen erwarteten ihn schon. »Ja, du hast recht«, sagte er. »Tut mir leid. Ich hätte es dir gleich sagen sollen. Es ist aber wirklich nur eine Kleinigkeit, dauert nur ein paar Minuten. Keine Befragung oder Verhaftung oder so.« Er zuckte die Achseln. »Eigentlich der Fall sowieso schon abgeschlossen.«
»Solche Kleinigkeiten haben dich ja noch nie an irgendwas gehindert.« Sina grinste spöttisch. »Nun erzähl schon.«
Der Hauptkommissar rieb sich die weißblonden Haarstoppeln. Sie fühlten sich feucht an. Obwohl er in den letzten Monaten tüchtig abgespeckt hatte, schwitzte er immer noch schnell. Sina dagegen wirkte wie aus dem Ei gepellt. Bestimmt hielten die anderen Fahrgäste sie für seine Tochter. Das war ihm früher schon passiert, und es störte ihn jedes Mal.
»Unser Mann heißt Groenewold«, begann er. »Professor Dr. Ulfert Groenewold. Bis vor Kurzem Dozent an der Uni Oldenburg. Spezialist für Sprache und Literatur der Niederlande. Irgendwie naheliegend für einen gebürtigen Ostfriesen. Allerdings fristet die Niederlandistik in Oldenburg ein Schattendasein, und Groenewold ist ehrgeizig. Aus seiner Unzufriedenheit mit seiner untergeordneten Position im Fachbereich und seiner hohen Lehrverpflichtung hat er nie ein Geheimnis gemacht. Er wollte vor allem forschen, wollte einen eigenen Lehrstuhl mit Sekretariat und mit Assistenten, die in seinem Namen die lästigen Seminare und vielen Korrekturen erledigten. Und er wollte auch mehr Geld. Also musste er aus Oldenburg weg.«
»Völlig normal im Universitätsbetrieb. Man publiziert so viel wie möglich, das steigert den eigenen Marktwert, man bewirbt sich auf jede passende Stelle, wird zu Gastvorträgen eingeladen, und irgendwann klappt es dann.« Sina zuckte die Achseln. »Natürlich schafft es nicht jeder. Die Stellenpyramide verjüngt sich nach oben hin, und die Konkurrenz wird immer härter. Man muss sich halt durchsetzen können.« Ein Gedanke, der ihr mehr zu schaffen machte, als sie zugeben wollte. Sie stand kurz vor ihrem Abschluss in Psychologie, und wenn sie weiterhin an der Oldenburger Uni bleiben wollte, würde sie sich wohl auch in dieses Haifischbecken stürzen müssen.
»Groenewold hat sich hier in Essen beworben«, fuhr Stahnke fort. »Vielmehr an der Universität Duisburg-Essen, Standort Essen, Fachbereich drei. Niederlandistik gehört hier zur Germanistik. Ausgeschrieben war eine C4-Professur, gut dotiert und ausgestattet mit allem Drum und Dran. Entsprechend groß war der Bewerberandrang. Schon, dass Groenewold von der Berufungskommission eingeladen wurde, war ein großer Erfolg. Und man war auch ganz angetan von ihm. Unser Mann durfte sich Hoffnungen machen.«
Sina schnippte mit den Fingern. »Sag mal, Groenewold – ziemlich groß, schlank, kurzer Vollbart, schmale Brille, heller Anzug mit bunter Fliege? Noch keine vierzig Jahre? Den kenne ich. Ich meine, vom Sehen, aus der Mensa und so. Hat dort einen Stammplatz. Hält regelrecht Hof. Klar, als Prüfer hat er eine Machtposition, aber – glaub mir, Studenten können echt peinlich sein.«
»Er hat eine gewinnende Art«, sagte Stahnke. »Nicht zuletzt diese Tatsache brachte ihn oben auf die Berufungsliste. Allerdings nicht ganz nach oben, sondern auf Platz zwei. Manchmal reicht das schon, denn oft haben die qualifiziertesten Kandidaten mehrere Eisen im Feuer und verzichten im letzten Moment, weil es anderswo eine noch lukrativere Stelle gibt. Also kann man auch als Zweiter durchaus der Sieger sein. Allerdings nicht in diesem Fall.«
»Und wer hat die Stelle bekommen?«
»Ein gewisser Dr. habil. Friedemann Salewski. Mitte vierzig. War bis dahin Wissenschaftlicher Rat an der Uni Bielefeld. Karrieretechnisch eine ziemliche Sackgasse, habe ich mir sagen lassen. Salewski wollte unbedingt da weg – und er wollte unbedingt hierher. Genauer: hierher zurück. Er ist nämlich gebürtiger Essener, stammt aus Heisingen. War als Jugendlicher begeisterter Jollensegler beim Heisinger SC. Hat sein Elternhaus am Fährenkotten, das er schon als Student erbte, nicht verkauft, sondern vermietet, mit Eigenbedarfs-Vorbehalt, weil er eines Tages wieder darin wohnen wollte. Und er hat, seit er als Wissenschaftlicher Assistent regelmäßig verdiente, eine eigene Segelyacht auf dem Baldeneysee. Viel mehr Heimatverbundenheit geht nicht.«
»Kaum.« Sina nickte. »Jede Menge Motivation, vor allem, weil solche Stellen ja nicht alle Jahre ausgeschrieben werden. Dieser Salewski muss um die C4-Stelle gekämpft haben wie eine Kanalratte. Na ja, als Essener Jung hatte er bestimmt noch alte Kontakte. Sowas hilft ja auch.«
Stahnke hatte endlich eine der überforderten Bedienungen erwischt und war seine Bestellung losgeworden. »Klar hat er gekämpft«, sagte er dann. »Beide haben sie das. Scheint aber alles relativ fair zugegangen zu sein. Schließlich waren die beiden befreundet.«
»Ach. Das macht die Konkurrenzsituation ja besonders pikant. Wie kam es denn dazu?«
»Die Niederlandistik ist hierzulande ein überschaubares Fachgebiet«, sagte Stahnke. »Die Spezialisten treffen sich fast zwangsläufig andauernd, bei Kongressen, Fachtagungen und so weiter. Dazu kommt, dass auch Groenewold Segler ist; für einen Ostfriesen aus Leer, der Ems und Nordsee praktisch vor der Haustür hat, ein naheliegendes Hobby. So kamen sie ins Gespräch. Und weil beide zudem Junggesellen sind, fanden sich schnell Termine für gemeinsame Segeltouren.«
»Ach, höre ich da etwa Neid heraus? So schnell schon wieder Sehnsucht nach der Ungebundenheit? Tja, wenn das so ist …«
Stahnke beschränkte sich darauf, ihr die Zunge herauszustrecken, und fuhr fort: »Die Stelle in Essen war nicht die erste, bei der sie gegeneinander antraten. Sie konnten also mit der Situation umgehen. Klar, dass diesmal beide besonders scharf auf den Jackpot waren. Beide wegen des Karrieresprungs und des Geldes, Salewski zudem noch aus Heimatverbundenheit. Sowohl er als auch Groenewold gelten in Fachkreisen als hochkompetent und sind formal für die Stelle hinreichend qualifiziert. Beeindruckende Publikationslisten, Bücher und Artikel in erstrangigen Verlagen und Zeitschriften. Auch vor der Berufungskommission haben beide geglänzt, jeder auf seine Weise. Groenewold souverän und eloquent, Salewski faktensicher und detailversessen. Die Entscheidung fiel letztlich nur zwischen diesen beiden. Allerdings war sie eindeutig. Salewski sollte es sein.«
Bier und Cola kamen schneller als erwartet. Stahnke zahlte und gab, durstig wie er war, ein großzügiges Trinkgeld. Er prostete Sina zu.
»Salewski erhielt also den Ruf, wie es so schön heißt«, fuhr er dann fort. »Er sagte zu, unterschrieb auch den Vertrag, kündigte den Mietern seines Heisinger Hauses fristgerecht, begann damit, seinen Bielefelder Haushalt aufzulösen. Gleich zu Semesterbeginn sollte er seine Antrittsvorlesung in Essen halten, eine Traditionsveranstaltung, zu der neben etlichen Studenten auch Salewskis neue Kollegen erschienen. Der größte Hörsaal des Fachbereichs war proppevoll, und man wartete geduldig. Jedenfalls bis Viertel nach acht. Danach wartete man schon deutlich ungeduldiger. Und vergeblich. Professor Salewski erschien nicht. Zu seiner eigenen Show.«
»Und warum nicht? Wie hat er das denn begründet?«
»Gar nicht«, sagte Stahnke. »Es hat ihn nämlich niemand mehr zu Gesicht bekommen. Friedemann Salewski ist seither verschwunden.«
Sina hob die Augenbrauen. »Ach, daher weht der Wind! Groenewold ist wohl ein schlechter Verlierer. Gratuliert dem Sieger mit zusammengebissenen Zähnen, lädt ihn scheinheilig zum Cocktail auf seine Yacht ein, macht ihn besoffen und schlenzt ihn bei Tonne 13 über Bord. Weil er ja weiß, dass die Nummer zwei automatisch nachrückt, wenn die Nummer eins die Stelle nicht antritt. So in etwa?«
Stahnke schmunzelte. »Wenn du mich fragst, ja. Mit ein paar signifikanten Abweichungen allerdings. Die Einladung zur Feier kam nämlich von Salewski, die Tour fand auf dem Baldeneysee statt, und Groenewold brachte Rotwein mit. Das Ganze an einem sonnigen Sonntag. Ablegen, ein paar Schläge segeln, paar Gläschen zechen, Zwischenstation machen, ein feines Mahl im Restaurant Hügoloss, wieder Rotwein und zwei Ouzo pro Nase, anschließend unter Motor zurück zum Hafen des Essener Yachtclubs, wo Salewski Dauerlieger ist. Letzteres eindeutig eine Straftat, von wegen Alkohol am Ruder. Das war’s dann aber auch schon an Eindeutigkeit. Keine signifikante Spuren, weder in Salewskis Haus noch in dem von Groenewold in Leer, auch nicht auf der Yacht. Keinerlei bezeugte Beobachtungen eines möglichen Tathergangs. Keine Waffen oder waffenähnlichen Gegenstände. Kein Blut. Und vor allem gibt es keine Leiche.«
»Und das, was du mir eben erzählt hast …«
»… entstammt der Aussage von Professor Groenewold, genau. Er war sehr kooperativ, und soweit sich seine Angaben überprüfen lassen, stimmen sie genau. Der Wirt vom Hügoloss zum Beispiel, ein gewisser Christos Kokkinidis, erinnerte sich genau. Und der Hafenmeister vom Yachtclub hat die beiden auslaufen sehen. Einlaufen allerdings nicht, es gab da irgendwelche Bauarbeiten, um die er sich kümmern musste, viel Dreck und Lärm, das hat ihn ganz in Anspruch genommen. Schade.«
Das Dröhnen der Schiffmaschine, das die Heisingen bisher in beruhigend gleichmäßige Vibrationen versetzt hatte, änderte seinen Rhythmus, wurde langsamer und tiefer. Das weiße Fahrgastschiff näherte sich wieder einmal einem seiner Anleger, die rund um den langgestreckten, halbmondförmigen Baldeneysee, der nichts anderes war als eine aufgestaute Mäanderschleife der Ruhr, angeordnet waren. Leinen wurden bereit gemacht, um routiniert über abgewetzte Poller geworfen zu werden, die Maschine brüllte noch einmal auf und ließ das ganze Schiff erzittern, um es mit rückwärts laufender Schraube zum Halten zu bringen. Bergehölzer knarrten, Tampen ächzten, dann lag die Heisingen fest am Steg.
»Komm«, sagte Stahnke und stürzte seinen Rest Bier hinunter. »Hier müssen wir raus.«
»Wie, hier in Scheppen? Aber Heisingen liegt doch auf der anderen Seite des Sees.«
»Stimmt. Aber der Essener Yachtclub hat seinen Hafen gleich hier.«
Seite an Seite spazierten sie unter der heißen Mittagssonne. Stahnke schlenderte so langsam, dass Sina ihren leichteren Schritt kaum anpassen konnte. Offenbar hatten sie noch Zeit. Was wiederum hieß, es gab einen Termin.
»Was ist dieser Salewski eigentlich für ein Typ?«, fragte Sina. »Oder soll ich sagen: war?«
»Ich kenne ihn nur von Fotos«, antwortete Stahnke. »Klein, hager, unscheinbar. Vorstehende Zähne, fliehendes Kinn. Keine imposante Erscheinung wie Groenewold. Als Sprachwissenschaftler aber wohl eine echte Kapazität.«
»Wundert mich nicht«, sagte Sina. »So, wie du ihn beschreibst, hatte er bestimmt wenig Ablenkung. Jede Menge Zeit, sich auch durch das härteste linguistische Problem durchzunagen.« Sie kicherte.
»Chauvi, weiblicher.«
Der Yachthafen des EYC lag in einer großen Bucht des Baldeneysees, die sich der Club mit den Fahrgastschiffen der »Weißen Flotte« teilte. Zwei molenartige Landzungen umschlossen das Becken wie mit schützenden Armen. Zahlreiche Jollen, aber auch Kielboote und seetüchtig wirkende Yachten dümpelten an den Stegen. Große Lücken im Mastenwald bezeugten, dass viele Yachteigner das herrliche Wetter nutzten, um ein paar Schläge zu segeln.
Stahnke ignorierte das einladende Yachthafenrestaurant und marschierte am Ufer entlang, jetzt schneller und zielstrebiger als zuvor. Dort, wo der Uferbereich betoniert war, wartete ein Kranwagen mit laufendem Motor, alle Stützen ausgefahren, am Ausleger eine viereckige Traverse, an der zwei lange Schlaufen aus ummantelten Stahlseilen hingen. Der Kranmotor brüllte auf, die Traverse senkte sich, die gepolsterten Schlaufen tauchten ins Wasser. Zwei Uniformierte machten sich daran, eine etwa zehn Meter lange, etwas altmodisch wirkende Segelyacht mit liegendem Mast in die Schlaufen zu bugsieren.
Neben dem Kranwagen stand eine Gruppe von Männern, die das Manöver beobachteten. Eine vierschrötige, Autorität ausstrahlende Gestalt schien die Aktion zu leiten. Der ältere Mann im schmuddeligen Overall, die Hände tief in den Taschen und die Mundwinkel fast ebenso tief herabgezogen, schien der Hafenmeister zu sein. Und der alerte, kerzengerade Gentleman im hellen Anzug mit bunter Fliege war eindeutig Professor Groenewold.
Stahnke lotste Sina auf die Gruppe zu, was sich als ziemlich schwierig erwies, da der Betonboden an mehreren Stellen aufgerissen war. Brocken in allen Größen lagen herum, ebenso allerhand Werkzeuge, sogar ein Zementmischer und ein Presslufthammer samt Kompressor. Kiesaufschüttungen zeigten an, wo der Kranwagen die Baustelle durchquert haben musste. Bei den Bauarbeiten, die der Hafenmeister schon vor Wochen erwähnt hatte, schienen sich Komplikationen ergeben zu haben. Kein Wunder, dass der Mann so missmutig wirkte.
»Stahnke.« Die vierschrötige Autoritätsfigur begrüßte den Ankömmling ohne Begeisterung. »Meine Kollegen«, stellte er die Umstehenden mit einer flüchtigen Handbewegung vor. »Herrn Professor Groenewold kennen Sie ja, ebenso Heinz Bender, den Hafenmeister. Und wen bringen Sie da mit?«
»Sina Gersema, Polizeipsychologin«, log Stahnke, ohne mit der Wimper zu zucken. »Frau Gersema, dies ist Kriminalhauptkommissar Krömke.« Sina, völlig perplex, hielt Krömkes kritischem Blick und seinem schmerzhaften Händedruck tapfer stand.
»So, dann wollen wir mal«, knurrte Krömke. »Freizeitaktivitäten am Wochenende, auf Ihren besonderen Wunsch, Herr Kollege Stahnke.« Er gab dem Kranführer ein Handzeichen. Die Traverse ruckte an, die Drahtseile kamen steif, und der Bootsrumpf begann sich langsam aus dem Seewasser zu heben.
»Stopp!« Das war Bender. »Das Heck kommt zu schnell. Die vordere Trosse muss zehn Zentimeter nach achtern.« Gehorsam ließ der Kranführer das Boot wieder herab. Auch Krömke und seine Leute fügten sich den Anweisungen.
»Was soll das werden?«, flüsterte Sina Stahnke zu. »Hast du diese Aktion etwa bestellt? Wozu soll das denn gut sein?«
Stahnke schwieg verbissen. Ja, er hatte darauf bestanden, Salewskis Yacht wenigstens einmal aus dem Wasser zu holen, um auch das Unterwasserschiff genau zu untersuchen. Beliebt hatte er sich damit nicht gemacht. Zugestimmt hatten die Kollegen letztlich nur, weil er versprochen hatte, danach endlich Ruhe zu geben. »Wer weiß, vielleicht hatte der Typ nur seine Midlifecrisis und ist in die Karibik abgehauen«, hatte Krömke gesagt. »Manche Fälle sind eben nicht zu lösen, das muss man einfach akzeptieren.«
Stahnke aber dachte überhaupt nicht daran. Schon gar nicht, seit er herausgefunden hatte, seit wann Groenewolds Haus in Leer zum Verkauf stand. Drei Tage nach der gemeinsamen Baldeney-Segeltour der beiden Professoren hatte der Makler es erstmals inseriert. Und das war mehr als eine Woche vor Salewskis geplatzter Antrittsvorlesung gewesen.
»Reiner Zufall«, hatte Groenewold ganz cool behauptet und dabei an seiner affigen Fliege genestelt. »Ich wollte mich sowieso verändern, na und? Jetzt wird eben ein Umzug nach Essen draus. Wollen Sie mir deswegen etwas anhängen?«
Jetzt hing die Yacht richtig, und der Kranführer hob zügig an. Als das Boot tropfend über der Betonplatte hing, sah es viel größer aus als zuvor. Das Unterwasserschiff war schnittig geformt. Wie eine riesige Flosse hing ein mächtiger Ballastkiel am tiefsten Punkt, über zwei Meter lang und anderthalb tief. Der Kranführer ließ das Boot in eine vorbereitete eiserne Stellage sinken.
»Tja, den Film Nur die Sonne war Zeuge haben wir wohl alle gesehen«, höhnte Krömke. »Mord auf hoher See, todsichere Sache, aber als die Yacht aufgeslippt wird, hängt die Leiche noch am Kiel. Schade, dass das Leben kein Kinofilm ist, was, Stahnke?« Seine Kollegen lachten schadenfroh.
Stahnke aber starrte unverwandt auf das Unterwasserschiff. Natürlich gab es hier keine Tatspuren zu sehen, geschweige denn zu sichern. Dafür sah der Hauptkommissar etwas anderes.
»Keine Bleibombe?«, fragte er halblaut in Richtung Hafenmeister.
Der schüttelte den Kopf. »Nee. Hohlkiel von der alten Sorte. Betonfüllung als Ballast. Wieso?«
Stahnke antwortete nicht. »Kompressor einschalten«, zischte er stattdessen.
Bender zögerte nur kurz, dann führte er Stahnkes Anweisung aus. Warum wohl, fragte sich Sina, so einer lässt sich doch sonst nichts sagen. Vielleicht aus Neugier? Das könnte ich nachvollziehen.
Stahnke spannte alle Muskeln seines massigen Körpers an, packte den Presslufthammer, richtete den Meißel auf den Kiel und ließ die Maschine losrattern. Zweimal rutschte sie ab, ehe sich die Spitze zwischen die Fasern der Kunststoffhülle zu bohren und sie aufzureißen begann. Danach ging alle ganz schnell.
»Was zum Teufel …« brüllte Krömke durch den Lärm. Dann verstummte er, denn die Betonfüllung des Ballastkiels begann zu bröckeln und zu bersten, schneller als vermutet, denn sie war nicht so massiv wie angenommen. Ein Hohlraum in ihrem Inneren barg die Leiche eines kleinen, schmächtigen Mannes. Eines Mannes mit vorstehenden Schneidezähnen und, soweit sich das noch erkennen ließ, fliehendem Kinn.
Dauerlieger, schoss es Sina durch den Kopf.
Als Stahnke den Presslufthammer absetzte, rutschte der rechte Arm des Toten aus dem gesprengten Kiel heraus. Die Finger waren zur Faust geballt, und zwischen ihnen steckte etwas Farbiges. Krömke nahm es vorsichtig an sich.
Es war eine bunte Fliege.
Krömke gab seinen Kollegen einen Wink. »Gut, dass Sie kommen konnten«, sagte er zu Groenewold, während die Handschellen klickten.
»Er hat eben den Ruf vernommen«, sagte Sina. Dann küsste sie Stahnke auf die schweißnassen Lippen.
Süßer Tod in Berlin
Entschuldigung, ist hier noch frei? Ja, Sie haben recht, das kann ich in der Tat selber sehen. Trotzdem danke. Ist ja doch mächtig voll, der Dampfer. Ich musste schon eine ganze Weile stehen.
Bitte? Nein, ich bin nicht von hier, das haben Sie völlig richtig erkannt. Sie denn? Ah ja, dann ist es kein Wunder. Ein Berliner merkt natürlich sofort, ob er einen Landsmann vor sich hat oder nicht. Wie bitte? Stallgeruch? Verstehe. Ist aber irgendwie doch kein passender Vergleich, nicht wahr? Kommt von der Größe her nicht hin. Muss mal nachdenken, da gibt es bestimmt etwas Treffenderes.
Ja, durchaus möglich, dass wir uns schon einmal getroffen haben. Ich habe auch den Eindruck. Heute? Tja, ich war den ganzen Tag in der Stadt unterwegs. Richtig, in »Mitte«, so sagt man wohl. Ach Gott, Brandenburger Tor, Hotel Adlon, Museumsinsel – was man sich halt so anschaut als Tourist.
Genau, Bus gefahren bin ich auch. Diese Doppelstockfahrzeuge erinnern ja an London, bis auf die Farbe, tolle Sache das. Welche Linie? Genau. Dann haben wir uns also dort gesehen.
Ach, das haben Sie mitbekommen? Also, ich muss schon sagen, wie der Busfahrer mich angeschnauzt hat … dabei wollte ich doch nur eine Auskunft. Bei uns zu Hause würde sich das keiner erlauben. Dabei gelten wir Ostfriesen ja nicht gerade als besonders umgänglich.
Landei. Ja genau, Landei, das hat er zu mir gesagt. Das haben Sie behalten, was? Den Ton haben Sie übrigens genau getroffen. Und auch sein Lachen klang ganz ähnlich wie Ihres jetzt.
Natürlich hätte ich vorher auf den Streckenplan gucken müssen, da haben Sie völlig recht. Hängt schließlich an jeder Haltestelle. Sonst hält man ja den ganzen Verkehr auf. Zeit ist Geld, selbstverständlich.
Was ist denn da am Ufer los? Blaulichter, genau. Polizei, Krankenwagen – und noch ein Mannschaftsbulli hinterher. Hoffentlich kein schwerer Unfall. Na, die fahren ja in unsere Richtung, vielleicht sehen wir später noch, was es ist.
Und auf der Museumsinsel waren Sie auch? Pergamon-Museum? Das ist ja erstaunlich. Ich meine, Sie als Einheimischer … Aber nein, auf keinen Fall wollte ich damit sagen, dass die Berliner keine Kultur hätten. Ganz im Gegenteil, welche Stadt besitzt schon dermaßen viele Kulturgüter? Nur eben, dass Sie als Berliner, der das doch sicher alles schon kennt, ausgerechnet heute …
Soso, ihr Sohn also. Zu Besuch, aha. Klar, da muss man zusammen etwas unternehmen. Und immer nur in den Zoo geht ja auch nicht, das stimmt. Man will dem Kleinen ja etwas bieten, was? Genau. Ist schon ein richtiger Wettbewerb, wenn man getrennt lebt. Auch Liebe gibt es nicht umsonst? Na, wenn Sie das sagen.
Schön, dass Ihr Filius auf seine Kosten gekommen ist. War ja auch ’ne Schau, wie mich der Aufseher von den Stufen des Forums runtergejagt hat! Nein, wirklich, der hat kein Blatt vor den Mund genommen. Klar, Vorschrift ist Vorschrift, und ein Meter neben der Absperrung ist halt ein Meter daneben, da gibt es nichts, nicht wahr? Nicht in Preußen. Und wann kommt so ein Mann schon mal dazu, sich so richtig auszukoddern. Ist ja selber nur ein kleines Licht.
Komisch, dass der mich auch gleich erkannt hat. Als Nicht-Berliner, meine ich. Als Provinzler. Landei eben. Ja, exakt, der hat das auch zu mir gesagt, Landei, genau wie der Busfahrer.
Erstaunlich, wie gut Sie den Tonfall treffen! Ebenso wie vorhin. Tolle Sache das. Sind Sie Schauspieler? Ah so, Stadtverwaltung. Na, da machen Sie den Leuten ja auch ganz schön etwas vor.
Schauen Sie mal, da sind die Blaulichter wieder. Da, direkt vor dem Museumseingang. Was da wohl passiert ist? Hoffentlich kein Kunstraub, wäre doch schade. Anderseits, wenn man bedenkt, wo der Krempel ursprünglich herkommt – wirklich ungerecht wär’s ja nicht.
Stimmt, der Krankenwagen. Also eher etwas mit Personenschaden. Wenn da mal keine Statue umgekippt ist! Wenn so ein Ding auf einen Trupp Japaner fällt – stellen Sie sich bloß mal die diplomatischen Verwicklungen vor!
Ach herrje, sehen Sie mal da. Der dunkle Kombi, erkennen Sie den nicht? Eindeutig ein Leichenwagen. Da hat es einen Toten gegeben. Tote dürfen nämlich nicht in einem Krankwagen transportiert werden, wissen Sie?
Klar wissen Sie das. Erfährt man ja heute in jedem Fernsehkrimi, klar, Sie haben völlig recht. Entschuldigung, ich wollte mich nicht aufspielen.
Aber ob das die Blaulichter waren, die uns vorhin überholt haben? Die waren doch drüben am linken Ufer, da hätten wir sie beim Überqueren der Brücke sehen müssen. Nein, ich glaube, da ist noch etwas anderes im Busch. Na ja, dafür sind wir schließlich in einer Großstadt, nicht? Da ist eben immer was los. Durchgehend geöffnet – das gilt hier auch für das Verbrechen.
Herrlich übrigens, dass man hier so gemütlich mit dem Schiff kreuz und quer durch die Stadt fahren kann. Da ist man mittendrin und doch ganz für sich, nicht wahr? Ja sicher, abgesehen von den anderen zweihundert Leuten auf dem Dampfer natürlich. Aber jedenfalls abgeschottet von dem ganzen Rummel da draußen.
Bitte? Ja, ich nehme noch einen Kaffee. Und Sie? Einen Cappuccino für den Herrn. Ich lade Sie ein. Doch, klare Sache, schließlich sitze ich quasi an Ihrem Tisch, da will man sich doch erkenntlich zeigen. Na sehen Sie.
Wo? Stimmt, da blitzt es schon wieder blau. Das könnte die Kolonne von vorhin sein. Erkennen Sie, was da los ist?
Nein, keine freie Sicht, das ist ärgerlich. Der Bus steht im Weg. Ganz schön sperrig, diese Doppelstockdinger. Hoffentlich liegt da keiner drunter.
Wird einem aber ganz schön was geboten fürs Geld, nicht wahr?
Ah, das ging ja fix. Danke, Fräulein. Ja, zusammen. Bitte schön, stimmt so. Ihnen auch noch einen schönen Tag.
Angenehm, wenn das Personal so nett ist, nicht wahr? Dann bleibt man doch gleich viel gelassener, allem Trubel zum Trotz.
Bitte? Den Akzent hatte ich gar nicht bemerkt. Dann ist die nette junge Dame also gar nicht von hier. Verstehe.
Darf ich Ihnen den Zucker reichen? Einmal oder zwei? Bitte schön. Ja, zum Wohl. Prost Kaffee.
Auf die Landeier? Wie Sie wollen.
Bei mir zu Hause, in Leer, kann man übrigens auch mit dem Schiff durch die Stadt fahren. Na ja, ist mehr als Boot als ein Schiff, und man bekommt auch nicht besonders viel zu sehen, aber immerhin. Hafenpromenade, Altstadt, Museumshafen, Yachtanleger – und die Schrotthalden der Firma Heeren. Na, jedenfalls kann man sich gemütlich herumschippern lassen.
Apropos …
Wie? Ach, das fiel mir nur so ein, wegen der Blaulichter. Bei uns gab es nämlich letztes Jahr einen Mordfall. Ziemlich mysteriös, zuerst jedenfalls.
Nein, nicht auf dem Schiff. Es gibt da so ein Restaurant, Schöne Aussichten, direkt am Hafen, gleich neben dem Gebäude des Rudervereins. Das Rundfahrtboot fährt dicht dran vorbei. Dort ist es passiert.
Eine Serviererin. Sehr auffällige Erscheinung. Groß, gut gebaut, lange dunkle Haare, immer topmodisch gekleidet und super geschminkt. Sagte man jedenfalls. Ich selber bin ja nicht für so viel Fassadenschmuck. Bitte? Klar, die Geschmäcker sind verschieden. Gut möglich, dass Ihnen die Frau gefallen hätte. Thekla hieß sie übrigens. Gab einen ziemlich Wirbel, als sie tot aufgefunden wurde.
Mordmotive fand man jede Menge. Die Frau ist, wie soll ich sagen, recht großzügig in der Vergabe ihrer Gunst gewesen – jedenfalls, solange diese Großzügigkeit auch großzügig vergolten wurde. Die Kerle waren hinter ihr her wie die Fliegen hinterm Kuhfladen, obwohl sie eine richtige Kratzbürste war. Ein Vokabular hatte die – deftiger als jeder Bierkutscher. Und sie machte reichlich davon Gebrauch.
Klar, dass sich jeder ihrer Verehrer für einzigartig gehalten hatte. Thekla aber hielt mehr von hoher Betriebsauslastung und fließenden Übergängen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Extensive statt intensive Bewirtschaftung. So wurde denn ihr Mörder zunächst auch unter ihren geprellten Galanen vermutet. Ziemlich pikant, wer so alles dazu gehörte! Letztlich aber konnte doch jeder ein Alibi vorweisen. Also Sackgasse für die Kripo.
Vermutlich wäre der Täter nie ermittelt worden, wenn er nicht freiwillig gestanden hätte.
Nein, verhaftet wurde er nicht. Er war nämlich schon tot.
Nur die Ruhe, ich erkläre es Ihnen ja. Eines schönen Tages also erschien ein Notar bei der Leeraner Kriminalpolizei, fragte sich zum 1. Kommissariat durch und händigte dessen Leiter, einem gewissen Hauptkommissar Stahnke, einen versiegelten Umschlag aus. Auftragsgemäß, wie es sein Klient testamentarisch festgelegt hatte. Darin – ganz genau, darin war das Geständnis.
Und nicht nur eins.
Ja, schockiert waren wir alle. Der Tote – also der Täter, der tote Täter – war so ein harmlos wirkender Mann gewesen. Viele hatten ihn gekannt, aber kaum jemand hatte ihn wirklich beachtet. Und genau das war denn auch ein wesentlicher Teil seines Motivs.
Wie viele? Fünf insgesamt. Zwei dieser Fälle waren bis dahin nicht einmal als Morde erkannt worden, man war von natürlichem Ableben ausgegangen, und zwischen den drei anderen hatte man keinerlei Zusammenhang vermutet. Ein Finanzbeamter, eine Politesse, ein Journalist, ein Rechtsanwalt und, wie schon gesagt, eine Serviererin. Allesamt umgebracht von einem kleinen, zurückhaltenden, unauffälligen pensionierten Angestellten. Sein Name war übrigens Hermann Müller. Unauffälliger geht es kaum noch.
Gestorben ist er an Krebs. Magenkrebs. Schon mehrmals operiert, mehr ging nicht. Sein Arzt hatte ihm noch drei Monate gegeben und ihm geraten, sich für diesen Zeitraum etwas Kreatives vorzunehmen. Seinem Lebensrest noch einen letzten Sinn zu geben, sozusagen. Tja, und das hat er dann ja auch getan.
Der Arzt hatte sich übrigens ein wenig verkalkuliert. Es waren nicht drei Monate, sondern fünf. Stellen Sie sich vor, der Mann hätte noch ein ganzes Jahr gelebt! Nicht auszudenken.
Ach ja, das Motiv. Wie soll ich sagen – Dünnhäutigkeit? Empfindsamkeit? Am ehesten wohl eine ausgeprägte Aversion gegen Unhöflichkeit.
Tja, dieser Stahnke hat es zunächst auch nicht glauben wollen. Aber wenn der Müller es doch selber so aufgeschrieben hat! Jedes seiner fünf Opfer hat ihn einmal heftig beleidigt. Die meisten wahrscheinlich ganz unbewusst, mehr so gewohnheitsmäßig. Weil sie eben so drauf waren. Sie kennen doch sicher auch diese hemdsärmeligen Ellbogentypen, die einen schon so angucken, als würden sie nur nach der schwachen Stelle suchen, in die sie dann reinpieken können? Nein? Merkwürdig. Berlin ist doch voll davon.
Hermann Müller war einer von denen, die sich niemals wehren. Alles runterschlucken, in sich hineinfressen. Wer weiß, vielleicht hatte sein Magenkrebs ja auch damit zu tun.
Nach jenem Gespräch mit seinem Arzt jedenfalls hat sich Müller hingesetzt und eine Liste gemacht. Wer ihn wann, wo und wie beleidigt hatte. Eine lange Liste, das kann ich Ihnen sagen! Unglaublich, wer da alles draufstand. Die meisten davon können froh sein, dass sich Müllers Arzt nicht noch mehr verkalkuliert hat.
Hoffentlich ist meiner etwas präziser in seinen Prognosen.
Wie? Nein, Sie haben sich nicht verhört. Mag ja sein, dass ich noch recht rosig und gesund aussehe, aber das täuscht leider. Deshalb bin ich ja hier in Berlin, hier gibt es erstklassige Spezialisten. Wunderheiler sind das aber auch nicht. Auf sechs Monate soll ich mich einstellen, heißt es. Tja, nicht zu ändern.
Aber ich werde etwas machen aus der Zeit, das habe ich mir fest vorgenommen. So wie Müller. Aber mit etwas mehr Power. Von wegen einer pro Monat! Hier in Berlin sind doch ganz andere Quoten möglich. Und hier gibt es auch keinen Hauptkommissar Stahnke. Der ist ja nun vorgewarnt und würde mir vielleicht draufkommen. Aber er ist ja zum Glück für Berlin nicht zuständig.
Sie entschuldigen, wenn ich Sie jetzt allein lasse? Es gibt Momente, da sollte man ganz für sich sein. Reden können Sie ja ohnehin nicht mehr, wie ich feststelle. Aber keine Sorge, ein Weilchen dauert es schon noch. Sie sollen ja etwas davon haben.
Na dann: Auf die Landeier! Und jetzt weiß ich auch, was mir vorhin nicht einfallen wollte: Auf die Landeier in der Legebatterie.
Verstehen Sie nicht? Dachte ich mir. Ist aber auch egal. Bald.
Ach, der Zuckerstreuer. Den nehme ich mit. Das ist nämlich meiner.
Den werde ich noch brauchen.
Das Nageln der Dachdecker
Stahnke wartete das Ende der Salve ab, dann duckte er sich und hastete durch den Flur, seinen Unterarm vorm Gesicht, um sich vor umherfliegenden Splittern zu schützen, schlüpfte in die Küche und schlug die Tür hinter sich zu. Tief durchatmend wappnete er sich für die nächste Serie ohrenbetäubender Knalle, die auch nicht lang auf sich warten ließ.
Bang! Bang! Bang!
Der Lärm durchdrang die Zimmerdecke problemlos, und die Geschosse würden es auch tun, wenn die Holzbalken sie nicht aufhielten, da war sich der Hauptkommissar sicher. Todsicher.
Wieder eine Salve. Verdammt, wer sollte das nur aushalten! Was er jetzt brauchte, war eine Pause. Eine Feuerpause. Und er wusste auch, wie er die erreichen konnte.
Vorsichtig öffnete er die Tür zum Flur wieder. Sofort nahmen die Schießgeräusche an Intensität zu. Stahnke legte den Kopf in den Nacken und hielt beide Hände trichterförmig an die Wangen, holte tief Luft und begann aus Leibeskräften zu schreien.
»Frühstückspause! Tee ist fertig!«
Schlagartig war Ruhe.
Während die Dachdecker frühstückten, flüchtete sich Stahnke in den Garten, um die vorübergehende Ruhe auszukosten. Gelingen wollte es ihm nicht, denn das, was sich da vor seiner Nase ausbreitete, sah nicht wie eine Baustelle aus, sondern wie ein Trümmergrundstück. Dort, wo die Balken des alten Daches im Mauerwerk gesteckt hatten, waren die Klinkerwände unregelmäßig ausgezackt wie jahrhundertealte, verwitterte Burgmauern. Der Schuttcontainer quoll über, und längst nicht jeder Stein und jede Pfanne hatten ihr Ziel auch getroffen. Die ausrangierten Dachbalken bildeten dort, wo einmal Rasen gewesen war, einen wirren Haufen, der einen Panzer hätte aufhalten können, und im Vorgarten türmten sich die Reste von Leichtbauwänden und Deckenvertäfelungen. Alles war mit einer dicken, knirschenden Schicht Mörtelstaub überzuckert. Drinnen wie draußen, denn auf die Idee, den Durchbruch der Flurtreppe zum Dachgeschoss abzudecken, waren die Handwerker erst mit einiger Verspätung gekommen.
Stahnke seufzte. Warum nur hatte er sich für die Zeit des Umbaus Urlaub genommen, statt in aller Ruhe Verbrecher zu jagen? Um genau dieses Szenario im Auge behalten zu können, klar. Aber was er sich damit angetan hatte, wurde ihm erst nach und nach klar.
Immerhin ging es nach endlos scheinenden Tagen gefühlter Untätigkeit inzwischen wenigstens voran. Kaum nämlich war das alte Dach abgerissen gewesen, hatten sich die Handwerker immer wieder verflüchtigt wie Morgennebel in der Sommersonne. Regelmäßig hatten sie zwar morgens im halb sieben auf seiner Auffahrt gestanden, lauthals schwadronierend, mit Werkzeugen scheppernd und Hoffnung auf schnelle Baufortschritte weckend – um dann jedoch schleunigst zu anderen Baustellen zu verschwinden, auf denen die Firma Biernoth & Harms andere, offenbar noch ungeduldigere Bauherren bei Laune halten musste. Der Hochsommer war schließlich die Hochsaison im Dachdeckergewerbe, und wenn sich ein deutscher Handwerker auch nicht teilen und auf mehreren Baustellen gleichzeitig präsent sein konnte, so konnte er doch immerhin versuchen, genau diesen Eindruck zu erwecken.
Das Ausmaß dieser Präsenz hing dabei offenbar davon ab, wie überzeugend der jeweilige Bauherr seiner wachsenden Ungeduld Ausdruck verlieh. Als Stahnke das erst kapiert hatte, hatte er sich Biernoth zur Brust genommen. Seitdem ging es richtig voran.
Biernoth selber gehörte zwar nicht zu der vierköpfigen Crew, die sich seither jeden Vormittag zwischen neun und halb zehn in Stahnkes Küche versammelte, um den dort bereitstehenden Tee zu trinken, die mitgebrachten Stullen zu verzehren und dabei die Weltlage zu diskutieren. Dafür aber der dicke Harms, Biernoths Kompagnon, außerdem Marco, der stets lächelnde Tausendsassa, der jedes technische Problem lösen konnte, ohne viel Aufhebens davon zu machen, sowie der schöne Kevin, der zu Latzhose und blonder Lockenmähne immer tief ausgeschnittene Trägerhemdchen trug, und die sommersprossige Annika, Auszubildende im dritten Lehrjahr.
Alles in allem eine schlagkräftige Mannschaft, die in den letzten Tagen dafür gesorgt hatte, dass sich auf Stahnkes Haus, das nach dem Dachabriss wie ein zertretener Schuhkarton ausgesehen hatte, inzwischen schon das helle Balkengerippe des neuen Daches erhob wie ein halb eingelöstes Versprechen. Zwei der vier Handwerker, der dicke Harms und der freundliche Marco, waren schon dabei, Dachlatten anzunageln und alles für das Einpassen der Isoliermatten vorzubereiten, während Kevin und Annika Leichtbauwände für den Innenausbau hochzogen. Alle vier benutzten dabei Nagelgeräte, sogenannte Druckluftnagler, pistolenähnliche Dinger, mit denen sie einfach per Fingerdruck eiserne Stifte in rasender Geschwindigkeit beliebig tief in jede Art von Holz treiben konnten. Und das taten sie ausgiebig. So ausgiebig, dass Stahnke, der sich eingebildet hatte, von Berufs wegen schussfest zu sein, kurz davor war, den Verstand zu verlieren. Denn jeder Nagelvorgang war mit einer heftigen Detonation verbunden.
Er blickte zur Uhr. Schon kurz vor halb zehn, gleich würde die Ballerei wieder losgehen. Vielleicht sollte er einen Spaziergang einlegen. Oder eine Radtour. Irgendwas, bloß eine Weile weg von dieser Knallerei.
Auf der Einfahrt quietschte ein Fahrrad. Etwa schon die Post? Ach nein, Gaby. Stahnke konnte ihre schwarze Mähne gerade noch hinter der Hecke verschwinden sehen. Wie jeden Tag hatte sie Kevin das Frühstück gebracht. Gegen halb zwölf würde sie noch einmal auftauschen, das hatte Stahnke schon spitzgekriegt, und ihrem Kevin den Ostfriesischen Kurier bringen, die Lokalzeitung aus Norden, die sie sich extra mit der Post schicken ließ, denn Kevin war gebürtiger Norder und hing an seiner Heimatstadt. Die Ostfriesen-Zeitung, die man in Leer las, war für ihn kein Ersatz.
Wirklich praktisch, wenn das eigene Haus samt Ehefrau nur zwei Straßen weit weg vom aktuellen Arbeitsplatz lag und man sich dermaßen bedienen lassen konnte. Obwohl – was waren das für Kerle, die nicht einmal in der Lage waren, sich die eigenen Stullen zu schmieren?
Als der Hauptkommissar seine Küche betrat, lief er direkt in ein Sperrfeuer stummer Blicke aus vier Augenpaaren hinein. Bleiernes Schweigen lag über einem Stillleben, das komponiert war aus fleckigen Bechern, Teerändern und Krümeln auf der hölzernen Tischplatte, leeren Tupperdosen, zerknüllten Butterbrotpapieren und vier Menschen mit geröteten Wangen. Stahnke räusperte sich. Das hier sah nach mühsam unterdrücktem Krach aus. Etwas, das er auf seiner Baustelle überhaupt nicht gebrauchen konnte.
Der schöne Kevin begann zu pfeifen. Es klang wie Paint it black, eine alte Stones-Nummer, die gerade durch einen Werbespot mal wieder populär geworden war. Mit provozierend gespitztem Mund verschränkte Kevin die Arme. Die Gesichter der beiden anderen Männer verfinsterten sich noch weiter. Annika schlug die Augen nieder.
Stahnke klatschte in die Hände und blickte betont frohgemut in die Runde. »Na, alles klar? Darf ich den Herren noch etwas bringen? Oder der Dame?«
Die vier Dachdecker erhoben sich wortlos.
Die Sache mit der Fahrradtour war wohl doch keine schlechte Idee, fand Stahnke.
Als er gegen Mittag zurückkehrte, sonnendurchglüht und ausgepumpt, standen nicht nur der Biernoth-Bulli und die Wagen der Bauarbeiter vor seinem Grundstück, sondern auch ein Streifenwagen der Polizei. Außerdem ein unauffälliges Zivilauto, das ihm wohlbekannt war, und ein Leichenwagen. Vor der Panzersperre im Garten stand sein Kollege Kramer, flankiert von zwei Uniformierten. Oben auf dem Balkenhaufen lag der schöne Kevin. Die Reihe kleiner roter Flecken, die über die gesamte Breite seiner Stirn verlief, nahm sich aus wie eine exotische, wenn auch etwas einfallslose Tätowierung. Seinem guten Aussehen tat sie kaum Abbruch. Das tat schon eher die Tatsache, dass der schöne Kevin tot war.
»Etwa zwanzig Stahlstifte hat er im Hirn«, sagte Kramer, nachdem der Tote abtransportiert worden war und sich die beiden Kriminalbeamten auf der Terrasse niedergelassen hatten. »Welcher davon der tödliche war, wird die Obduktion erweisen.«
Wieder einmal musste Stahnke das Gefühl unterdrücken, veräppelt zu werden. Kramer hatte nicht etwa einen schlechten Witz gemacht, Kramer war eben so. Unglaublich effizient und mörderisch humorlos.
»Die Stahlstifte entstammen einem Druckluftnagler«, fuhr Kramer fort. »Vermutlich einem Gerät der Marke Haubold, denn alle Arbeiter hier auf der Baustelle tragen baugleiche Geräte dieses Typs, auch der Tote.« Bei der Nennung des Fabrikats verzog Kramer keine Miene.
»Fundort gleich Tatort?«
Kramer nickte: »Davon ist auszugehen, sagen die Kollegen von der Spurensicherung. Keinerlei Hinweis auf einen Transport.«
»Kann man feststellen, aus welchem, äh, Nagler genau die Projektile stammen?«, fragte Stahnke weiter. Geschosse aus Gewehren oder Pistolen waren ziemlich genau zu identifizieren, weil die Läufe der Waffen sogenannte Züge aufwiesen, die den Kugeln den nötigen Drall verliehen und ihnen dabei zugleich eine Markierung verpassten, die so individuell war wie ein Fingerabdruck.
Kramer schüttelte den Kopf. »Keine Chance. Jedenfalls hat noch keiner ein entsprechendes Verfahren für diese Nagler entwickelt. Es gibt zwar unterschiedliche Nagelgrößen, aber ansonsten keine speziellen Kennzeichen. Einer ist wie der andere.«
»Einer wie der andere«, sinnierte Stahnke, »und das zwanzigmal. Einer neben dem anderen. Wie lange dauert das eigentlich, einem zwanzig Nägel durch die Stirn ins Hirn zu knallen?«
»Kommt drauf an«, sagte Kramer, der natürlich wieder umfassend informiert war. »Man kann diese Dinger auf Dauerfeuer stellen, wie Sturmgewehre oder Maschinenpistolen. Dann hauen die zwanzig Schuss in einer Sekunde raus. Und so, wie die Treffer sitzen, sieht mir das ganz danach aus. Die Durchschlagskraft war vermutlich auf Maximum eingestellt. Eine kurze Bewegung aus dem Handgelenk, und schon ist das Lochmuster gestanzt.«
»Maximale Durchschlagskraft.« Stahnke schauderte. »Braucht man für derart gefährliche Werkzeuge eigentlich eine Sondergenehmigung?«
Kramer schüttelte den Kopf. »Nein, braucht man nicht. Ebenso wenig wie für Hammer, Kreissäge, Axt und Schlagbohrer. Die können auch allesamt tödlich sein.«
»Na schön, so viel zum mutmaßlichen Tathergang«, sagte Stahnke. »Wer aber war nun der Täter?«
Der dicke Harms, der freundliche Marco und die sommersprossige Annika saßen um den immer noch teefleckigen und vollgekrümelten Küchentisch herum, als hätten sie ihre Frühstückspause niemals unterbrochen. Nur dass der Stuhl zwischen Marco und Annika jetzt leer war. Dafür stand Polizeihauptmeister Rieken mit verschränkten Armen und ausdruckslosem Gesicht neben der Spüle.
Kramer bat die Handwerker einen nach dem anderen heraus auf die Terrasse.
Gefunden hätten sie den Toten quasi gemeinsam, sagten alle drei übereinstimmend aus, nachdem Harms mehrmals vergeblich nach Kevin gerufen und dann alle nachschauen geschickt hatte. Beobachtet haben wollte keiner die Tat. Begangen natürlich erst recht nicht.
So weit die Gemeinsamkeiten in den Aussagen. Interessanter aber waren die abweichenden Informationen.
»Marco war neidisch auf Kevin«, sagte Annika. »Biernoth wollte Kevin zum Kolonnenführer machen. Auf diesen Posten hat Marco seit Jahren hingearbeitet. Klar, dass er blind vor Hass war, als heute früh die Nachricht kam.«
»Harms hatte Stress mit Kevin«, sagte Marco. »Kevin hat ihm heute Morgen unterstellt, er würde Baumaterial unterschlagen und verschieben. Wollte angeblich Biernoth umgehend davon berichten. Harms ist nur Juniorpartner, der wäre ruckzuck draußen gewesen aus der Firma.«
»Kevin hat Annika bedrängt«, sagte Harms. »Wollte dauernd was von ihr, dabei ist er verheiratet, und Annika hat einen festen Freund, der allerdings nur am Wochenende hier ist. Annika hat ihn gewarnt, aber Kevin ist so ein Typ, der kein Nein akzeptiert, jedenfalls nicht von einer Frau.«
»Na super«, schnaubte Stahnke, als er wieder mit Kramer alleine war. »Drei Motive, eins schöner als das andere. Warum gibt es denn nicht mal ein Motiv, so ein richtig fettes, ein sonnenklares, allein auf weiter Flur? Aber nein, es müssen ja gleich drei sein.«
Kramer zuckte die Achseln. Harte Fakten wurden davon, dass man sie beklagte, auch nicht weicher.
»Drei Motive«, murmelte Stahnke.
Welches wog am schwersten?
*
Vom Treppenabsatz her wirkte Stahnkes neues Dach wie die Innenansicht eines Wal-Skeletts. Teilweise jedenfalls. Konnte man an vielen Stellen zwischen den rippenartigen Balken hindurch noch den blauen Himmel sehen, so verstellten anderswo bereits senkrechte Streben, Türrahmen und Wände den Blick. Das Obergeschoss war im Werden begriffen, Gott sei Dank. Lange genug hatte es ja schon gedauert.
Und wie lange es jetzt noch dauern würde, stand in den Sternen. Nicht zuletzt hing es vom Resultat der laufenden Mordermittlung ab.
Überall lagen Holzabschnitte und Sägemehl, Nägel und Schrauben, nach denen sich heutzutage offenbar keiner mehr bückte, Werkzeuge und Kabel herum. Dort stand eine ganze Batterie von Ladegeräten für die Akku-Schrauber, etwas weiter hinten surrte der Kompressor, mit dem die Druckluftnagler ausgeladen wurden. Auch da gab es einen Mehrfachstecker und ein Kabel, das um die nächstgelegene Leichtbauwand herum führte. Stahnke folgte dem schwarzen Geringel.
Das Zimmer, das hier entstand, hatte sogar schon eine Decke. Es ging nach Westen hinaus, würde einmal schönes Abendlicht haben, und im Sommer würde man von hier aus die Sonne untergehen sehen, falls der Grundstück schräg gegenüber nicht eines Tages doch noch bebaut wurde. Hier würde er später einmal sitzen, hinter einem hohen zweiflügeligen Fenster, das sich im Sommer wie eine Terrassentür öffnen ließ, hier würde er gute Bücher lesen und dazu Musik hören, wann immer ihm der Job Zeit dazu ließ. Ach ja, Zukunftsmusik.
Oder vielleicht doch nicht, korrigierte er sich, als sein Blick auf den staubigen CD-Player fiel. Anscheinend fanden auch die Dachdecker, dass sich dieser Platz hervorragend als Musikzimmer eignete. Nun ja, warum auch nicht. Gegen Musik bei der Arbeit war ja nichts einzuwenden.
Neben dem CD-Player, in der Zimmerecke, die der Fensteröffnung gegenüber lag, leuchtete gelbe Mineralwolle, hochwertiges, dickes Isoliermaterial, Symbol für die nächste Ausbaustufe. Nur lag es da nicht in Rollen, so wie es geliefert worden war, sondern flach, in drei Schichten übereinander. Darüber ein Stück Plastikplane. Und oben drauf eine Wolldecke.
Stahnke pfiff leise durch die Zähne. Von »Musik bei der Arbeit« konnte hier wohl nicht die Rede sein. Das hier sah stark nach einem Liebesnest aus. Eins, in dem auf seine Kosten …
Der Hauptkommissar grinste wider Willen. Auch, weil ihm plötzlich die Doppeldeutigkeit der Begriffe »Nageln« und »Decken« in den Sinn kam. Vor allem aber, weil er sich an seine eigene Schul- und Ausbildungszeit erinnerte. Ein richtiger Casanova war er zwar nie gewesen, aber wenn sich mal die Gelegenheit bot … zum Beispiel in dem Lager des Möbelhauses, für das er einige Zeit lang als Auslieferungsfahrer gejobbt hatte. Da gab es eine Verkäuferin, Monika hieß sie wohl, handfest und sommersprossig, ja, dieser Annika gar nicht einmal so unähnlich. Zwei, drei Jahre älter und erfahrener als er. Die hatte genau gewusst, was sie wollte, hatte ihn gelegentlich abgepasst, wenn er eine Lieferung abzuholen hatte, und dann war immer alles vorbereitet gewesen. Matratze, Wolldecke, ja, auch der Kassettenrekorder zum Übertönen verräterischer Geräusche stand bereit. Immer mit derselben Musik drin. Abba, ach herrje, was waren das für Zeiten! Nachher war er immer froh gewesen, dass er im Führerhaus seines Siebeneinhalbtonners alleine war und niemand seine geröteten Wangen sehen konnte. Und immer hatte er Super Trooper vor sich hin gepfiffen, den Song, der genau an der Stelle der Kassette kam, wenn sie beide …
Er bückte sich. Der CD-Player stand auf Pause. Stahnke drückte auf Start.
Paint it black, röhrte Mick Jagger.
Der Hauptkommissar trat in die Fensteröffnung, die bis zum Zimmerboden reichte. Keinerlei Geländer oder Absperrung, und genau darunter auf dem Rasen befand sich der Balkenhaufen, auf dem die Leiche des schönen Kevin gelegen hatte. Hier oben also war der Mord geschehen, nicht dort unten. Hier, wo der schöne Kevin den Song als Begleitmusik gehört hatte, den er anschließend unwillkürlich vor sich hin pfiff. Verräterisch für jeden, der den Zusammenhang kannte.
Warum aber wurde Kevin getötet? Hatte Annika sich gewehrt, als er sie mit Gewalt auf die gelben Matten zerren wollte? Oder war sie zwar zunächst seinem Charme erlegen, hatte dann aber genug von ihm gehabt? Wollte er sie erpressen, hatte er gedroht, sie bei ihrem Freund anzuschwärzen? Gründe genug, und der Druckluftnagler war immer zur Hand.
Vielleicht aber war auch der freundliche Marco heimlich in Annika verliebt gewesen. Zu schüchtern, um etwas zu sagen, hatte er sich aufs Gucken beschränkt, hatte die beiden überrascht und war ausgerastet. Zack, zwanzig Nägel.
Oder gar der fette Harms. Ja was denn, auch dicke Dachdecker waren zu Seitensprüngen fähig. Oder mochten sich zumindest welche wünschen. Und jähzornig sein konnten sie bestimmt auch.
Verdammt, alles war möglich. Nach wie vor kam jeder der drei überlebenden Handwerker als Täter in Frage.
»Alle drei«, grummelte Stahnke vor sich hin. »Mist. Warum denn nicht mal einfach nur einer?«
Er drehte sich langsam um, schlurfte weg von der Fensteröffnung, zurück zum Treppendurchbruch, zurück zu Kramer und dem ungelösten Fall, die dort unten auf ihn warteten.
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