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über den Autor
Peter Altenberg

(1859 – 1919), dessen bürgerlicher Name Richard Engländer lautete, entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie. Nach dem Scheitern eines Medizin- und Jurastudiums und einer Buchhändlerlehre attestiert ihm ein vom Vater gerufener Arzt „Überempfindlichkeit des Nervensystems“ und „Berufsunfähigkeit“. Unter der Adresse „Café Central, Wien I“ führt er nun in Kaffeehäusern und billigen Absteigen das Leben eines Bohèmiens, immer wieder unterstützt von Karl Kraus, Alfred Polgar, Arthur Schnitzler, Egon Friedell und anderen Freunden des „Jungen Wien“. 1896 veröffentlicht er die erste Sammlung seiner literarischen Skizzen. Trotz literarischer Erfolge führt er ein gebrochenes Leben, das von Krankheit, Alkohol und finanzieller Not geprägt ist. Nach mehreren Aufenthalten in Nervenheilanstalten und gezeichnet von Alkoholismus und Schlafmittelmissbrauch stirbt er 1919 in Wien.

Karl Kraus

Karl Kraus kam 1874 als neuntes Kind jüdischer Eltern im böhmischen Gitschin zur Welt. 1877 siedelte die Familie nach Wien über. Hier besuchte Karl Kraus das „Franz-Josephs-Gymnasium“. 1891 starb seine Mutter, ein Ereignis, das ihn schwer erschütterte. Neben schauspielerischen Ambitionen trat in den letzten Schuljahren ein großes Interesse für die deutsche Literatur – vor allem für den „Modernen Realismus“ auf. Von 1892 bis 1899 schrieb er Artikel für verschiedene Zeitungen, von 1908 bis 1910 verfasste er Beiträge für den „März“ und den „Simplicissimus“. Er studierte zunächst Jura und wechselte 1894 gegen den Willen des Vaters auf die Philosophische Fakultät, wo er philosophische und germanistische Vorlesungen hörte. 1899 trat er aus der israelitischen Kultusgemeinde aus und trat 1911 zum Katholizismus über. Am 7. März 1923 trat er wieder aus der Kirche aus und blieb bis zu seinem Tode konfessionslos. Seit 1933 litt Karl Kraus an einem Herzleiden. Am 12. Juni 1936 erlag er nach zehntägiger Krankheit einem Herz- und Gehirnschlag.

Im marixverlag ist von Karl Kraus die Anthologie Ich bin der Vogel, der sein Nest beschmutzt erschienen.

Zum Buch

»Das was der Altenberg schreibt,

das weiß man ja sowieso!

Er schreibt es nämlich so, daß man glaubt,

man wüßte es seit jeher sowieso!

Aber erst durch ihn weiß man, daß man es seit

jeher schon wußte, das heißt, hätte wissen sollen!

Man geniert sich direkt vor sich selber,

daß man erst jetzt durch diesen verrückten

exzentrischen Altenberg erfährt!«

PETER ALTENBERG ÜBER PETER ALTENBERG

Der exzentrische Altenberg: Bohemien, Mitglied des Literatenzirkels Jung-Wien, Kaffeehausliterat. Seine impressionistischen Skizzen und ironischen Aphorismen, ja Gedankensplitter, sind noch heute unübertroffen. In den Mittelpunkt seiner Kurzprosa stellt er das subjektive Erleben und teilt im Plauderton Augenblicke aus dem Alltagsleben der Großstadt um die Jahrhundertwende mit – dabei beschönigt er nie. Dieser Band enthält eine Auswahl aus folgenden Büchern:Wie ich es sehe, Was der Tag mir zuträgt, Pròdromos, Märchen des Lebens, Bilderbögen des kleinen Lebens, Neues Altes, Semmerling, Fechsung, Nachfechsung, Vita Ipsa, Mein Lebensabend, Der Nachlass.

Haupttitel

Impressum


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überdnb.d-nb.de abrufbar.
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Alle Rechte vorbehalten
© by marixverlag in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2015Der Text basiert auf der Ausgabe des marixverlag, Wiesbaden 2015 Der Text wurde behutsam revidiert nach der Ausgabe Auswahl aus seinen Büchern, Wien 1932 Covergestaltung: network! Werbeagentur GmbH, München Bildnachweis: Austria, 19th century. Vienna, Café Interior. Watercolour. © akg-images / De Agostini Picture Lib. / A. Dagli Orti Redaktion: Dr. Bruno Kern, Mainz eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0501-8
www.verlagshaus-roemerweg.de

Inhalt

Über den Autor

Zum Buch

Peter Altenberg

Wie ich es sehe

Neun und elf

Quartett-Soirée

Der Grieche

Dialog

De Amore

Ich liebe dich

Ich hasse dich

Ich liebe dich

Der Revolutionär hat sich eingesponnen

Ökonomie:

Mode-Journal:

Vor dem Konkurse

Ein schweres Herz

Genesung

Dedikation in ein Büchlein der Pantheon-Ausgabe von "Werthers Leiden":

Albert nach Werthers Tode

Verkehr zwischen Menschen

Ein Liebesgedicht

Im Volksgarten

Annie Kalmar

Der Vogel Pirol

Die Biberratte

Der Landungssteg

Schlehdornzweig

Kunst,

Ashantee

Der Kuss

Paradies

Ein Brief aus Accra (Westküste, Goldküste)

Physiologisches

Prügel

Philosophie

Ritterlichkeit

Der Tag des Abschiedes

Spätherbst-Abend

Was der Tag mir zuträgt

Motto

Selbstbiographie

Vor-Frühling

Theater-Abend

Tulpen

Das Volk fühlt nicht immer ganz sozialdemokratisch

Die Liebe

Durst

Ein Bildnis

Ritterlichkeit

Neu-Romantik

Marionetten-Theater

Der "Fliegende Holländer"

Hausball

Lokale Chronik

Gedichte an Ljuba

Das neue Kleid

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch

La Zarina

Ganz kleine Sachen

Traurigkeit

Hoffnung

Der Dichter

Ideale

Welten-Seele

Ehebruch

Sapientia

Gespräch

Puvis de Chavannes und P. A.

Die Hände

So lieben Sklavinnen!

La vie

Die Gefallene und der Dichter

Philosophie

Die Mütter

Ideale

Große Prater-Schaukel

Die heilige Gudula

Frage

Vorfrühling

Mädchen in Capri

Dorfstraße

Die Frau

Weisheit

Baum im Prater

Eine Kindesseele

Liebe

Lebensführung

Entwicklung

Wanderung

Westminster-Abbey

Knut Hamsun-Aufruf

Gedicht

Wir

Ansichtskarten

Donau bei Y.

Perchtoldsdorf, Platz

Gasthausgarten in K.

Inneres einer Kirche

Japanischer Apfelbaum

Gruß aus W. an der Donau

Allee im Schlossgarten

Salzburg im Schnee

Blick von der Rax

Gosau-See

Schafberg-Alm

Blumenkorso in Gmunden

Wolfgang-See

Aphorismen einer Primitiven

Gedicht

Pròdrŏmos

Hetäre

Zur Männer-"Schönheits"-Konkurrenz

Alkohol

Parabel

Splitter

Goethe

Obmann

Verzauberte Prinzessin

Ballast

Das Bangen

Lob der Mangelhaftigkeit

Anerkennung

Individualität

Tür an Tür

Die Maus

Lift

Splitter

Das Sterben

Über Testamente

Aus dem Tagebuch eines süßen Mädels in Wien

Märchen des Lebens

Grammophonplatte

Ein Brief

Das "Flugerl"

Liebesgedicht

Die Kinderzeit

Die Königswiese in der Vorderbrühl

Rechtspflege

Mode

Erlebnis

Geräusche

Abschiedsbrief eines Aschanti-Mädchens von Wien

Sie meldet ihre baldige Ankunft in Wien

Sie merkt es, dass er sie nicht mehr lieb hat, sondern einer anderen Glasperlen schenkt

Letzter Brief

Gamelang-Musik

Aus unseren Tränen wird Weisheit; aber aus eurem Lächeln?!?

Gespräch zwischen zwei kleinen Knaben

Dichter

Kultur

Landpartie

Die Reifenkünstler

Mama

Besuch im einsamen Park

Bilderbögen des kleinen Lebens

Gedicht

Der Eisvogel

Familienidyll

Zitronengelbe und lilafarbene Nelken

Maske der Vierzehnjährigen

Die "gewöhnliche" Frau

Zwei angeblich uninteressante Tiere

Auf der Strasse

Baudry de Sauniers Buch: "Die Kunst, zu fahren!"

Die Bonne

Über Gerüche

Du hast es so gewollt

Japanisches Papier, Pflanzenfaser

Aus einem Brief an Frau L. St.

Gespräch mit einem Gutsherrn

Gregory-Truppe

Erlebnis

Die Mitzi

Dialogue

Lektion

Er entlastet sein Herz durch Aphorismen

Zusammenhänge

Der Spazierstock

Der Beginn

Die Höhepunkte

Leitmotiv für eine edle Dame

Automobilfahrt

Pfingsten

Englische Tänzerinnen

Seelöwen

Tuberkulose

Neues Altes

Was ist ein Dichter?

Entwicklung

Ideale

Krankenlager

H. N.

Lebensbilder aus der Tierwelt

Brief an Mitzi von der "Lamingson-Truppe", Dänin

Texte auf Ansichtskarten

Rokoko

Frau E … R …

Weg im Winter

Portrait d'une jeune femme

Cléo de Mérode

Der Nebenmensch

Brangäne

Inschrift

Eifersucht

Die Pflegeschwester Rosa Schweda

Geschwister

Sommerabend in Gmunden

Erinnerung

Vöslau

Strandbad

Im Stadtpark

Memoiren

Eine ganz wahrhaftige Beziehung

Ansprüche einer Romantikerin

Dienste

Nachtcafé

Die Nerven

Parfüm

Krankheit

Josef Kainz

An eine Elfjährige

Das Dorf

Gerichtsverhandlung in Wien

Herbst am Semmering

Semmering 1912

Gartengedanken

Das kleine Leben

Dolomiten

Mama

Vollkommenheit

Nachwinter

Bobby

Psychologie

Das Glück

Sanatorium für Nervenkranke

Morgenvisite.

Nachmittagsvisite.

Landpartie

Oberflächlicher Verkehr

Herbstlied

Die Wagenfahrt

Vom Rendezvous

Erster Schnee

Frage

Die Niere

Entzweit

Gleich beim Hotel

Plauderei

Gegen

Erlebnis

Berghotel-Terrasse, Semmering

Erkenntnis

Klara

Ein Komtessen-Brief

Liebesgedicht

Le Monde

Ein Regentag

Hotel-Stubenmädchen

Moderner Dichter

Noch nicht einmal Splitter von Gedanken

Fauna und Flora

Le Lido

Die Brosche

Jalousie

Fechsung

Nachtrag zu Pròdrŏmos

Entdecken

Vergnügungslokal

Das Leben

Café Capua

Die Auffassung

Splitter

Dialog

Semmering-Photogravüren

Lebens-Leitmotiv

Semmeringlandschaft beim Orthof

Der Schwarzaviadukt

In der Eng

Das Erzherzog-Karl-Ludwig-Schutzhaus auf der Raxalpe

In der Kirche von Maria-Schutz

Partie bei Klamm im Frühling

Semmeringlandschaft vom Eselstein

Gefräßiges Volk, Ziegen

Orthofstraße gegen den Feuchter

Bei der Bob-Bahn auf dem Semmering

Zuschauer

Das Palace-Hotel im Winter

Auf der Kampalpe

Karoline

Farbe

Philosophie

An die Frauen!

Anna

Revanche

Variation über ein beliebtes Thema

Geselligkeit

Kriegszeiten

Kriegshymnen

Über die Anständigkeit

Philosophie

Werdet einfach!

An Pía Doré

Die Tänzerin

Landpartie mit der Fünfzehnjährigen

Hochgeehrte gnädige Frau

Die junge Gattin

Frau Ernst gewidmet

Der alte Hausierer

Autogramme

Idealer Pumpbrief

Kaffeeküche

Splitter

Altern

Nachfechsung

An Paula

Splitter

Widmung meines Buches "Fechsung" an K. K.

Sonntagmorgen

Klage

Im März

Über die Eifersucht

Splitter

Burgtheater

Dialog

Splitter

Varieté

Physiologisches

"Fechsung." Widmung

Baden bei Wien – Ausflug

Schubert

Meine junge Wäscherin

Splitter

Zwei Welten

Der Besuch

Krankheit

Splitter

Der Papagei

Osternputzerei

Bild der Menschheit

Kurort Vöslau

Landschaftsbild

Der Tod

Wie Genies sterben

Eine unglückliche Liebe

Septembersonntag

Splitter

Religiös

Freunde

Der "Geist der Familie"

Splitter

1915

Das Visavis

Ein Brief, von mir geschrieben, an mich, von einer anderen

Frauengunst

Splitter

Verdacht

Schmetterlinge

Der Fall Przemysls

Der Vorwurf

Der Weltreisende

Die Kindesseele

Der silberne Schuh

Tonvasen

Vita ipsa

Das Personal

Modern

Anhänglichkeit

Das Benehmen

Buchenwälder

Kunstgewerbliches

Zimmereinrichtung

Anerkennungen

Die Maske

Das Postgebäude

Mein Begräbnis

Frühling

Splitter

Liebeserklärung

Die Jugendzeit

Den Manen August Strindbergs

Elegie

"Pumpen"

Abschied

Erinnerungen

Splitter (in eigener Sache)

Landeindrücke

Splitter

Wie ich mir Karl Kraus "gewann"

Das Wesentliche der "Ablenkung"

Wiederkehr

Dorfjugend

Landleben

Zwei Mädchenseelen

Aphorismus

Die Uhr

Land

Die Vierzehnjährige

Wirkung von "Lektüre"

Meine Sommerreise 1916

Splitter

Diogenes

Holzschuhe

Sonntag der Einsamkeiten

Splitterchen

Blumen

Karl Kraus

Der Morgen

Weshalb ich nicht aufs Land gehen kann

Gespräch mit meinem Stubenmädchen

Landgasthaus

De Amore

Das Wiegenlied

Die Buchung

Ewige Pubertät

Beziehungen

Der Besuch

Rassen

Ver

Weltkrieg

Die Mutter

Mein Lebensabend

Erinnerungen

Matura

Die Kindheit

Der Hofmeister

Mein Vater

Erste Liebe

Das Hauskonzert

Der "Abgewiesene"

Splitter

De Amore

Die Ordnung

Die Meinung

Der Naturfreund

Im Gasthaus

Ideal-Kompliment

Die Dachdecker

Der Auerhahn

Zweiter Besuchstag

Der 20. April

Religion

Der Krieg

Gmunden

Die Seele

Stunden der schlaflosen Nacht

Gutmütigkeit

Das Stubenmädchen

Ort Altenberg

Treulosigkeit

Premiere

"Der Kirschgarten"

Worte

Gespräch

Der Rathauspark

Die Amsel

Werther

Splitter

Lebensenergien

Künstlerbrief

Der Letzte

Der Kranke

Der Gesunde

Die Bedienerin

Der Abend

Die Nacht

Der 13. Dezember 1918, 5 Uhr morgens

14. Dezember 1918

Der Nachlass

Die Seidenfetzerin

Ein Brief

Tanz

Weshalb

Splitter

Der Besuch

Der Lebensabend

Oktobertag

Ein Bild

Grüne Strümpfe

Konversation

Italienreise

Sanatorien

Das Lachen, das Lächeln

Reißnägel

Krankenbesuch

Sanatorium

An die Jungen

Der Glaube

Sunt certi denique fines

Der Tod

3. 8. 1918

8. 8. 1918

Allerheiligen 1918

2. 11. 1918

23. 12. 1918

Ein Sonntag (29. 12. 1918)

Rede am Grabe Peter Altenbergs

Kontakt zum Verlag

Peter Altenberg

Was der Tag mir zuträgt

Aus dem Peter-Altenberg-Zimmer der Neuen Galerie, Wien



Peter Altenberg

Wer lebte unter diesem Pseudonyme?

Ein Mensch, den ich vor einem Dichter rühme.

Man las ihn früh und man erkannt' ihn später,

den hohen Altenberg, den höhern Peter.

Ein größrer Mann stand hinter großem Werk,

und niemals hielt er hinterm Altenberg

mit seinem Herzen; trug es auf der Hand

und brachte es durch Leben, Liebe, Land.

Und wie er zu uns rief und zu uns schwieg,

vor uns versank und in Ekstase stieg,

mit seiner Wahrheit unsre Lüge trog,

und wie er uns voranlief, uns entflog,

wie er sich überschlug und wie er litt:

Er nahm uns alle allerwegen mit!

Er gab sich weg und war sich selbst nur treu.

Die alte Welt, von ihm ersehn, war neu.

Wie er es sah, von fern und in der Nähe,

so schien, so war es, als ob Gott es sähe.

Und zwischen Einerseits und Anderseits

war aller Wunder wechselvoller Reiz,

und welchen Lebens Fülle, Geist und Art

so zwischen Kinderblick und Greisenbart!

Wie er es sah und wie er es drum glaubte,

und über sich zu lachen uns erlaubte:

Sein Paradoxon war nur unsre Welt,

just zwischen ihrem Wert und ihrem Geld;

und was er uns zu seinem Tod vermachte,

sind Tränen, die er übers Leben lachte.

Er schaut uns an. Noch auf dem Katafalk

ist es der Blick von dem gerührten Schalk.

Dies Auge sah den Herzen auf den Grund

und fühlte Schmerz und Liebe mit dem Hund.

Es sah empor zum Tier, zur Magd, zum Kind.

Ihm waren alle Sterne wohlgesinnt.

Vergebens bot er euch das Leben an.

Er gab das Wort. Ihr glaubt nur den Roman.

Ihr seid Papier; er war ein Element,

dess Zorn und Güte keine Grenzen kennt.

Er konnte toben; ihr jedoch seid stumm.

Ein Narr verließ die Welt, und sie bleibt dumm.

Wie wurde mir in seiner Nähe warm.

Ein Bettler ging von uns. Wie sind wir arm!

KARL KRAUS

Wie ich es sehe
Neun und elf

Margueritta stand nahe bei ihm.

Sie lehnte sich an ihn.

Sie nahm seine Hand in ihre kleinen Hände und hielt sie fest. Manches Mal drückte sie sie sanft an ihre Brust.

Und doch war sie erst elf Jahre alt.

"Margueritta ist die Menschenfreundin", sagte die Mutter zu dem jungen Manne, "Rositta ist anders – –. Sie liebt die Einsamkeit, die Natur und die Tiere. Jetzt hat sie ihr Herz einem gelben Dachshund geschenkt, Herrn von Bergmann. Sie hatte das Glück, ihm gestern vorgestellt zu werden. Sie hat heute die Taschen voll Würfelzucker für ihn – – –, aber es ist eine unglückliche Liebe."

"Wieso unglücklich – –?!", sagte das Kind, "ich liebe ihn ja! Ich denke immer an ihn – –. Das macht mich doch glücklich?!"

Rositta war neun Jahre alt, zart und bleich.

Margueritta sagte: "O, Rositta ist übertrieben –!"

"Wieso?!", fragte die Schwester und erbleichte –.

"Ja, du bist übertrieben – –! Sie will Sennin werden am Patscherkofl und Zither lernen!"

Rositta: "Der Wirt in Igls hat so schön Zither gespielt und gesungen! Und er hat gar nicht gewusst, dass er schön singt – –! Er ist dagesessen und hat gesungen – – –."

Margueritta: "Rosie hat eine Altstimme und dichtet sich selber die Lieder. In der Früh singt sie manchmal: ,O, meine Berge, meine Berge – –!' Aber über­trieben ist sie doch – – –!"

Die Mutter sagte: "Das ist doch kein Lied: ,O meine Berge – –!?'"

Rosie sah ihre Schwester an. Sie war erstaunt, ver­legen.

Margit sagte: "O ja, das ist ein Lied – –! Mama, das verstehst du nicht, das verstehen nur wir. Ein Lied ist es, nicht wahr, Herr – – –?!"

Der junge Mann sagte: "Ja!"

Er dachte: "Es ist eine tönende Menschenseele – – ein Lied!"

Er blickte in die Welt zweier Kinderseelen. Margueritta war die rosige Morgenröte – – man konnte es nicht anders sagen.

Aber die andere, die Sennin am Patscherkofl, die bleiche zarte, die Zither lernen wollte und die mit einer Altstimme sang: "O meine Berge, meine Berge" – –?!

Es wurde Abend.

Er saß zwischen den beiden Kindern auf einer Bank an der Esplanade.

Margueritta legte ihr blondes Köpfchen auf seinen Schoß und schlief ein – –.

Rosie saß da und blickte auf den See hinaus – –.

Beide weißen süßen Kinderseelen waren ihm zuge­flogen.

Aber wirklich liebte ihn nur Margueritta und wirklich liebte er nur sie.

Was ist das "wirklich"?!

über der anderen schwebte das Schicksal. In ihr sang es: "O, meine Berge – – –". Und doch küsste sie ihn so sanft und sagte: "Du, Herr Albert – – –"

Aber den Herrn von Bergmann mit dem gelben Fellchen und den krummen Beinchen und den riesigen Ohren – – – den liebte sie "wirklich"!

Wenn er vorüberwatschelte, hatte sie eine tiefe Sehnsucht – – –. Sie stand da mit ihren verschmähten Zuckerstückchen und warf sie ins Wasser – –

Der junge Mann fühlte die Tiefe.

Die Mutter sagte einfach: "Rositta ist schwer zu behandeln. Ich sehe darauf, dass sie viel schläft. Ich möchte Aufregungen von ihr ferne halten – – –."

Auch das Mutterherz fühlte das "schwebende Schicksal".

Der junge Mann behandelte beide gleich. Beide küsste er, mit beiden ging er Hand in Hand über die Esplanade, mit beiden ruderte er in den Abendstunden langsam auf und ab – – –. Beiden schenkte er zum Abschied, im Herbst, zwei goldene Kuhglöckchen als Brosche, mit dem eingeätzten Worte "See-Ufer".

Rositta sang am nächsten Morgen in der Stadt mit ihrer Altstimme: "O meine Berge, meine Berge –!"

Es war doch ein Lied – – ein Lied!

Margueritta hörte zu und dachte: "Du Dichterin, du Sängerin – – –!"

Dann sagte sie einfach: "Rosie, du bist übertrieben – – –!"

Quartett-Soirée

Der Saal ist viereckig, schneeweiß, überhaupt wie eine riesige Pappendeckelschachtel. Die durchschei­nenden Kugeln aus dickem welligem Glase machen aus dem Bogenlicht im Inneren goldgrüne und weißgrüne Flecken, die wie glänzendes Wasser schimmern oder Öl, wie Milch im Mondschein.

Rechts neben ihm saß sein goldblondes Schwester­chen, in Samt maron purée und einer Bluse aus gleichfarbiger Seide. Sie hatte zu Hause gebadet, sich ge­tummelt, häusliche Unannehmlichkeiten gehabt, suchte nun etwas, das entlastete, entfernte, blickte in die riesige Pappendeckelschachtel mit den goldgrünen glänzenden Flecken – – –.

"Man bleibt also der, der man ist, überall – –?!", fühlte sie.

Die Instrumente sagten: "Husch aus dem Bade –!" "Marie, bitte, oh Marie." "Aber Fräulein, machen die Brause zu – –. Wie schön Fräulein sind – –." "Wo ist mein Seidentuch?! Bitte um Geld für die Garde­robe – –." "So geh schon – –." "Gibt es einen Frühling – –?! Was ist eigentlich Musik – –?!"

Links neben ihm saßen zwei Schwestern, junge Frauen, Bekannte. Die eine hatte eine Pongis-Bluse mit Rubinschmuck und schwarze Augen, Augen wie Mitternacht. Diese Augen sagten: "Ich will brennen! Macht ein Feuer an! Ich will brennen – – –!"

Die andere dachte: "Das Leben hat schöne Einzel­heiten wie das Quartett. Aber was ist es?! Man zählt und zählt – – –. Anita ist müde, Zählen macht müde, nicht?! Und wenn ich Zehntausend habe?! Dann lege ich es in ein goldenes Kästchen und werfe das Schlüsselchen ins Meer – – –."

Die Violinen sangen.

Sie träumte: "Helgoland – – oh meine Sommertage – – ins Meer – –."

Das Fräulein in maron purée dachte: "Die vier Herren da oben sind schwarz und zusammengeduckt, sie müssen sehr unbequem sitzen, und die Fräcke verdrücken sich. Es ist Kammermusik, der edelste Kunstgenuss, ja wirklich. Die Oper hat mehr Farben – –."

"Die Oper hat mehr Farben – – –" dachte sie jetzt endgültig und ihre gebadete Haut begann zu dunsten in der Konzert-Luft.

"Habe ich das Eau de Cologne zugestöpselt, habe ich das frische Nachthemd hergerichtet, habe ich Reis herausgegeben – – –?!" dachte sie.

Die Dame sagte zu dem Herrn: "Sie müssen Helgoland sehen – –. Ich habe den Tanz getanzt mit den Matrosen – –."

Es hieß: "Jawohl, ob du es glaubst oder nicht, so eine bin ich – – manches Mal."

"Pst – – –", sagte man.

Süße Töne füllten die weiße Pappendeckelschachtel wie mit Bonbons.

Da stieg das Cello in ihr Herz – – –.

"Was siehst du mich an, Herr?! Höre lieber zu – – –."

Pause.

"Helgoland – – – ich tanzte mit den Matrosen!"

"Zartes feines Geschöpf – –", denkt der Herr, "haben sie dich nicht zerdrückt?!"

"Woher bin ich – –?!", fühlt sie plötzlich, "wohin gehe ich?! Ich wohne Ebendorferstraße 17, I. Stock, Tür 5. Im Vorzimmer ist ein roter Teppich und Spiegelglas. Wie ein kleiner Kerker ist es – –.

Helgoland, ich tanzte mit Matrosen – – –!"

Das Fräulein in maron purée denkt: "Ich habe niemand – – –."

Andante.

"Wie Schatten – – –", sagt die junge Frau.

"Du bist affektiert – –", denkt das Fräulein; "wie Schatten – – –?!"

Die junge Frau wird rot, weil man es gehört hat. Sie senkt den Kopf, horcht auf die "huschenden Schatten" – – –.

Die Violinen machten "ti-ti-tiiiii – – –", worauf das Cello noch ein bisschen das alte Thema in Erinnerung brachte, aber nur so, husch – – –.

Wie Schatten – –

Alle sagten "bravo". Wie wenn man sagt: "bravo, ein Kind ist gestorben."

Eigentlich hätte man schluchzen hören sollen.

Die junge Frau zieht an ihrem Opernguckersäckchen aus Seide, zu, auf, zu, auf, zu – – –.

Das Fräulein denkt: "War es fad oder bloß traurig?!"

In der ersten Reihe sitzt Frau P. Sie bekommt alles im Leben aus erster Hand. Sogar die Tacke ist Modellstück, hellgrüne Seide mit opalisierenden Glasperlen. Sie denkt: "Wie angenehm ist das Leben und so einfach und wie schön diese Herren spielen! Wird Herr Max zum Souper mitkommen?!"

Die ganze erste Reihe hält sich für König Ludwig, dem man extra vorspielt. Wirklich, die Töne fahren sonst in der Pappendeckelschachtel herum wie feine Schmetterlinge, zerstoßen sich an den goldgrünen Flecken der Lampen – – –. Aber in der ersten Reihe schweben sie über den Cercle-Sitzen wie über Blumen.

Der Musikkritiker sitzt ganz rückwärts. Er hat das Ohr mit seinen Labyrinthen. Ein Ariadnefaden führt zum Welt-Geist!

Alle sagen: "bravo – – –."

Er fühlt: "Ein Kind ist gestorben – – –."

"Sie müssen Helgoland sehen – – –", sagt die junge Frau zu dem Herrn, "das wünsche ich Ihnen – –."

"Sie sind wie eine Meermuschel", sagt er, "in der das Meer noch singt, wenn längst – – –."

Da begann ein neues Musikstück.

Das Klavier sagte: "wenn längst, wenn längst – –." und tanzte einen Matrosentanz. Das Cello griff ins Herz hinein, eigentlich drückte es das Herz zusammen und ließ es wieder los. Da wurde es weit oder es schien nur so – – –.

"Es ist ein Meerbad – –", fühlt die Dame, "kurz wie Helgoland und wie der Sommer und wie eine Herde gelber Schafe, die durch ein sonniges Dorf ge­trieben wird, und wie der Duft von Kartoffelfeldern am Abend, wie Hühner-Bouillon, wenn man krank war, wie 'bittersüß' und wie ,da bist du endlich' – –."

Das Fräulein träumte: "Habe ich jemand – –?!"

Der Herr blickt die Helgoländerin an: "bitte, nummeriere diesen Blick nicht – –."

"Nein – –", antwortet sie sanft mit ihren Augen, "ich lege ein eigenes Konto an – – –."

"Und wirf das Schlüsselchen nicht ins Meer – –!"

"Und werfe das Schlüsselchen nicht ins Meer – –."

Klavier, Violino primo, Violino secondo, Cello, Viola sangen: "Wirf es ins Meer, ins Meer, ins Meer – – –."

Aber es war nur das Klavierquintett von G., zweiter Satz, Andante.

Das Fräulein in maron purée dachte: "Diese Stelle klingt wirklich wie 'Ich habe niemand, niemand, niemand' – – –!"

Der Grieche

Griechenland! Diese schwere dumpfe Sinnlichkeit, ganz gasförmig gelöst in ästhetischem Empfinden! Die Materie überwunden durch das, was sie ausstrahlt – Schönheit! In Bewegung befreit! In Grazie verzaubert!

Er saß in einem Parke. Um ihn herum, auf den Wegen, in den Alleen, schwerfällige Organisationen – – – Menschen!

Ein weißes Batistkleid fliegt heran –. Aschblonde, lange, offene, seidene Haare. Schlanke zarte Beine in schwarzen Strümpfen. Sie ist dreizehn Jahre alt. Man sieht oberhalb des Knies die weißen Unterhöschen. Sie fliegt über den Weg mit ihrem Reifen. Alles federt. Olympische Spiele – – –!

Er starrt ihr nach. Sie wendet und fliegt vorbei, "Ah, schön – – –!", haucht er. "Du bist ein Mensch", fühlt er, "du bewegst dich."

Sie kehrt langsam, in Kurven, zurück. Der Reifen tanzt – – – tanzt.

"Ah, dich, nackt, ganz nackt, auf einer duftenden samtenen Wiese im Abendschatten Reifen schlagen sehen und fliegen – – – fliegen! Und dann stehst du da und wirfst in runder Bewegung die blonden Haare zurück und wir trinken mit den Augen, diesem Liebesorgane der Künstlerseele, deinen schlanken weißen Leib – – – in Schönheits-Liebe!"

Er sagte: "Fräulein, der Reifen ist ein edles Instrument – – –."

"Wieso?!", sagte das Kind-Jungfrau, "ein gebogenes Holz – – –. Es geht ganz leicht."

Er sah sie an, wie man eine Edeltanne im Hochwald anschaut, das herrliche Schweben des Hühnergeiers auf einem Punkt über dem abendlichen Walde, einen Schwan auf einem See und ein Künstlerantlitz, wenn der Gedanke auf ihm liegt. Er sah sie an, wie man das Freie, Edle, Natürliche anschaut – – in Schönheits-Liebe!

Sie flog um die große Wiese herum und blieb in seiner Nähe.

Sie wurde müde. Sie stand da, die Holde, leise auf ihren Reifen gestützt – – – und blickte ihn an.

Diana – – –!

Er sagte: "Sie werden sich verkühlen. Sie sind ganz nass. Sie werden bleich vom Laufen."

"Ich bin immer blass", sagte sie.

"Und doch scheint Bewegung Ihre Natur zu sein."

"Ich liebe die Bewegung", sagte sie.

Sie setzte sich auf die Bank neben ihn.

Er hatte die Empfindung: "Du bist ein Werdendes." Er war in Schönheits-Liebe versunken –.

Mit den Augen trank er die Schönheit dieses Men­schen und berauschte sich.

Ihr Kleid duftete nach dem heißen kindlichen Leibe Die Haare dufteten – – –.

Der süße Atem schwamm ihm entgegen – –. In den Linden dufteten die gelblich-grünen Blüten. Zwei Atem der Natur!

Sie saß regungslos – – –.

Er zog sie an sich und küsste sie auf die Stirne.

Sie saß regungslos.

Dann stand sie auf und sagte: "Adieu. Kommen Sie morgen wieder?!"

Und Griechenland entschwand in den nebelgrauen Wiesen – – –.

Er blickte ihr nach: "Dich, dich, nackt, ganz nackt, auf einer duftenden Wiese im Abendschatten Reifenschlagen sehen und fliegen – – fliegen, und, wenn du müde bist, neben dir zu sitzen, am Waldessaum, im Abendschatten und den Duft der feuchten Walderde und der Wiese und deines Leibes einzuatmen und die Schönheit der Welt in sich einzusaugen und in diesen Schönheitskräften, die durch tausend Strahlen ins Auge, durch tausend Atome ins Gehirn dringen, zu wachsen, und voll, übervoll zu werden und diese kon­zentrierten latenten Spannkräfte in Reichtum zu emp­finden und diesen Reichtum in Liebe, in Gedanken umzuwandeln und diese in Bewegung umgesetzten Kräfte neue Kraft zeugen zu lassen – – unerschöpfliche, das ist ,ein Lebendiger' sein! Das!!

Aber wir – – wir leben nicht!!"

Dialog

Er und sie sitzen auf der Bank in einer Linden-Allee. Sie: Möchten Sie mich küssen?!

Er: ja, Fräulein – – –.

Sie: Auf die Hand – –?!

Er: Nein, Fräulein.

Sie: Auf den Mund –?!

Er: Nein, Fräulein.

Sie: O, Sie sind unanständig – –!

Er: Ich meinte "auf den Saum Ihres Kleides!"

Sie erbleicht – – –.

De Amore
Ich liebe dich

Ich liebe dich. Ich liebe deine hellblauen seidenen Socken. Ich liebe deine zarten weißen Batistkleidchen. Ich liebe deine seidenen Gürtel mit den langen wunderbaren Schleifen. Ich liebe dich.

Ich liebe deine drei von dir geliebten Puppen, Mildred, Baby und Dorothy, welche du an dein Herz drückst und zu welchen du sagst: "lhr macht mir viel Kummer, meine Lieben, wisst ihr das?! Immer gleich verdrückt und schiefe Hüte – – –!"

Ich liebe dich. Ich liebe den Duft deines Zimmers, deines Kleiderschrankes, deines Bettes. So duften die Rinden der Bäume im Vorfrühling, wenn noch kein Laub ist und alle Kraft im Baume drinnen liegt. Ich liebe dich.

Ich liebe dich, wenn du gestraft wirst und du eine Träne wirst, wie Daphne ein Baum.

Die Großen weinen. Aber die Kleinen werden Tränen. Ich liebe dich. Noch lehnst du lächelnd an dem Tor des Lebens. Ich liebe dich.

Weltenweisheit hast du – – – da du noch nichts weißt.

Pallas Athene du! Unbeirrten Auges thronst du auf dem weißen Throne deiner Kindlichkeiten! Ich liebe dich.

Ah, melde mir die Nacht, in der die grausame verzerrungsfreudige Natur zum Weib dich macht!

Dann will ich Abschied nehmen – – – von meiner Liebe.

Ich hasse dich

Ich hasse dich, Geliebte! Ich hasse deine schönen seidenen Blusen, die deines Atmens Wellenschlag mir weisen und meiner Sinne "griechisches Lächeln" zum Ernste des Barbaren zwingen. Ich hasse dich.

Ich hasse deiner Worte Willkürherrschaft, die mich erbleichen und erröten machen, krank und gesund, blöde und weise. Ich hasse dich.

Ich hasse deine Schönheit. Deine Schönheit hass' ich, die mir Ersatz für Weltenschönheit wird und so mit Blindheit schlägt mein Weltenauge.

Ich hasse deiner Stimme holden Klang, der mir Beethovens Symphonien leer macht und so mein Ohr betrügt um Welten-Klänge! Ich hasse dich!

Ich hasse dich, die meine Weltenkräfte, die zer­splittern und verkommen wollen, allzu sorglich ins Dienstesbette drängt.

Vorsorglich! Gescheite! Ich hasse dich.

Ich hasse dich, "fixe Idee meiner Seele"!

Ich hasse dich, wenn du mir sagst: "Komm' wieder", ich hasse dich, wenn du mir sagst: "O bleib'". Denn ich, ich komme wieder und ich bleibe Beschränktheit meiner Schrankenlosigkeiten! Ich hasse dich!

Ich hasse deine Tugenden, die mich rühren, ich hasse deine Fehler, die mich nie verletzen.

Ich hasse dein Erröten, das mich selig und dein Erbleichen, welches mich besorgt macht. Ich hasse dich, dass ich auf diesem geliebten Antlitz die Runen schwerer Stunden ängstlich lese.

Die grenzenlosen Kräfte meiner Seele vermählen sich dem All nicht, sie trei­ben Ehebruch mit deinem Herzen, o Geliebte!

So hass' ich alles, was ich an dir liebe. Ich hasse dich! Weltendummheit hast du! Denn du fühlst in mir des Weltenganzen einfachen Vertreter, das Weltgebilde, das du nicht begreifst, in einem Weltextrakte, den du fassen kannst.

Ich aber bin es nicht. Ich kann es werden. Doch nicht bei dir und nicht durch dich, Geliebte! Nur durch die Weltenschönheit kann ich's werden, die mit dem Kreidewald und Farrenwald begann und weiter­zieht bis zu den letzten Stunden.

Durch Weltenschönheit kann ich's werden, die ihrer Kräfte endelose Ströme durch meine heiligen Augen in mich ergösse, und ich, ich tränke sie und machte sie zu Blut, zu Geist!

Doch deine Ströme, o geliebteste Geliebte, machen mich nur zum Herren des Alltages, der zeugt und stirbt.

Ich hasse dich! Indem du mich von meinem Weltenwege ablenkst, zeigst du den kargen Weg mir, der vielleicht mir ziemt. Und weist mit deines Leibes griechischer Schönheit den kleinen Kreislauf, der dem Schwächeren frommt! Wer Ruhe sucht im Weibe, ist kein Wanderer!!

Und doch! Geliebte Reichmacherin, die du mir die Welt verarmst!

Siehe! Des fremden Kindes Lächeln muss mir teurer bleiben als meines eigenen Lachen!

Weib, verstehst du das?!!

Denn meine väterliche Liebe reicht gerade aus für alle Kinder, die da sind und die da kommen werden, wenn sie nur schön sind und der Frühling sind.

Tausendfach armselig, tausendfacher Un-Mann, wer da fühlt, dass er, um seines Herzens Vaterliebe anzubringen, sich erst ein Wesen schaffen muss dazu!!

Du aber bleibst, Geliebte und Gequälte, die heilige Jungfrau-Mutter! Und sonst nichts.

Geliebte Lügnerin, die du mich leitest zu Höhen, um mich zu deinen Höhen nur herab zu leiten! Ver-Führerin! Ich hasse dich.

Ah, melde mir den Tag, da ich dich nicht mehr liebe – – – dann will ich Abschied nehmen- – von meinem Hasse!!

Ich liebe dich

Sie: "Wie werden Blätter gelb?!"

Er: "Das grüne Chlorophyll des Blattes verwandelt sich in Gelbstoff, Xantophyll, unter dem Einflusse der Kälte."

Sie: "Wie werden Blätter rot?!"

Er: "Das grüne Chlorophyll des Blattes verwandelt sich in Rotstoff, Erythrophyll, unter dem Einflusse der Kälte."

Sie: "Und schwarz?!"

Er: "Das ist das Sterben des Blattes. Wenn es nicht mehr Kraft hat, Farben umzuwandeln, wird es schwarz."

Sie: "Und Blätter werden Erde?!"

Er: "Ja. Der Schnee zermürbt sie, präpariert sie vor."

Sie: "Lehre mich Botanik. Aber nicht wie in der Jugend, wie viele Staubgefäße jede Blume hat, wie sie lateinisch heißt, wo man sie findet. Lehre mich das Tiefe, wie sie wird und stirbt und niemals aufbegehrt und wieder wird und stirbt und wieder stirbt und dann doch auflebt – – –."

Er: "Anatomie, Physiologie der Pflanzen?!" Sie: "Ja, das."

Er: "So komm. Es ist zu kalt zum Sitzen im Freien. Und wir sind in Jahren – – –. Wir brennen Holz im Ofen und ich lehre dich, wie junge Stämme ihren Ring ansetzen. Vor allem, weißt du, wenn im ersten Frühjahr – – –."

Und sie ging schweigend, lauschend neben ihm.

Der Revolutionär hat sich eingesponnen

Kannst du dir vorstellen, mein Freund, dass ein Botaniker, mit dem "unheiligen organischen Hunger" in seinen Nerven, fähig sei, ein Gericht von Erbsen oder Blumenkohl auf sein Wesentliches zu prüfen?! Und ihr, Un-Gelehrte, mit eurem "unheiligen organischen Hunger" in den Nerven, unterfangt euch, dieses zarteste Gebilde "Weib" zu diagnostizieren?!

Elende! Von eurem Hunger aus!

Sein eigenes Leben nicht ernster nehmen als ein Stück von Shakespeare! Aber auch nicht minder ernst! Sich von dem Leben in Besitz nehmen lassen wie im Theater. Das Theater des Lebens. Der ideale Zuschauer seiner selbst sein! Ganz drin sein und dennoch aus den facheusen Komplikationen herauskommen können in die frische Nachtluft; erlebt haben, was man nicht erlebt hat, nicht erlebt haben, was man erlebt hat!

So reinigst du dich von dir selber!!

Und die "Tragödien deiner selbst" bringen dir das Lächeln – – der Weisheit!

Die tragischen Schwächungen: Essen, wenn man nicht hungrig ist. Trinken, wenn man nicht durstig ist. Sich bewegen, wenn man Ruhe-bedürftig ist. Sich begatten, wenn man Liebe-los ist.

In Weisheit führt uns die Natur! Wenn wir hungern, zum Brote. Wenn wir dürsten, zum Wasser. Wenn wir müde sind, zum Schlafe. Wenn wir Liebe-voll sind, zum Weibe.

Der Mann legt die Frauen-Seele auf das Prokrustes-Bett seiner Bedürfnisse.

Alles verzeih' ich dem Mann – – nur nicht das vergebliche Ringen! Schweigend verhülle dein Haupt, Cäsar des Lebens, wenn Brutus, das Schicksal, tödlich gegen dich stößt! Vergebliches Ringen geziemet dem Weibe, der Sklavin des Lebens! Noch, im Abgrunde schwebend, krümmt sie die Finger zum Griff!!

Das Unvermögen, sich mit einem anderen Weibe zu vereinigen als jenem, welches man mit der Seele liebt, ist – – göttliche Potenz!

Der Mann hat eine Liebe – – die Welt!

Die Frau hat eine Welt – – die Liebe!

Der vorsichtige feige Lebens-Mensch versetzt seine Ideale vermittels der Religionen in die Sterne, in den Himmel, um sich das Vergebliche eines Versuches, denselben nahe zu kommen, zu beweisen.

Der unbedenkliche und kühne Künstler-Mensch versetzt sie in seine eigene Brust, um ihnen nicht entrinnen zu können!

Die Frau ist die vom Schöpfer in die Welt gesetzte göttliche Wunsch-Maid Brunhilde, der "Weib gewordene" Wunsch Gottes selbst: Mann, werde Gottgleich! Werde All-gütig, All-weise und All-mächtig, deines eigenen Alls mächtig, über dich selbst die Macht habend!

Aber diese anderen fordern: Mann, sei Tier! Teufelinnen!

Mann, Herr des Lebens! Wann wirst du dich endlich entschließen, dich mit dem geliebten Weibe in einen anderen Kontakt zu setzen als den, welchen du mit dem Hunde, dem Paviane und dem Schweine gemein­sam zu haben die Ehre und das Vergnügen hast?!!

Gehört die Almwiese dem Hias'l, der sie bewirt­schaftet?!

Sie gehört dem Wanderer, der sie empfindet!

Der Künstler-Mensch verlangt von seinem Weibe nur eine einzige Treue – – –, dass sie ihm die Rasse nicht verschandele!

Schönheit, Vervollkommnungen träumt er. Das ist seine Liebe!

Aber diese anderen wollen – – – sich fortpflanzen. Ha ha ha ha – – auch eine Art, Vervollkomm­nungen zu träumen!

Ich will ein König sein, der bettelt bei einer Königin, nicht ein Bettler, der König ist bei einer Bettlerin!!

Die Eifersucht ist keine Leidenschaft. Sie ist eine Furcht! Die tiefste Furcht, die ewige des Lebens, die unentrinnbare organische Furcht, etwas zu verlieren, ohne das man nicht mehr lebendig sein kann – – seine Lunge, sein Rückenmark, sein Gehirn, das Herz des anderen, welches unseres geworden ist und welches unseren Blutkreislauf erhält und schützt wie das eigene. Wie wenn dieses stille stünde, ist der Verlust des anderen. Die Eifersucht ist keine Leidenschaft! Die Eifersucht ist eine Furcht, die ewige organische unentrinnbare, innerlich sterben zu müssen! Eine Todesfurcht!

Indem der Dichter das "Reich, das da kommen wird", in sich trägt und das "Reich, das da ist", erlebt, befindet er sich in Frieden mit jenen neuen Ansprüchen der Seele, welche die alten Herzen der anderen in Unruhe versetzen und zerstören. Denn die Unruhe ist die Wirkung des "Ungewissen". Der Dichter aber weiß in sich, was kommen wird!! In Ruhe wartet er und singt indessen und verkündet!

Es gibt drei Idealisten: Gott, die Mütter, die Dichter!

Sie suchen das Ideale nicht im Vollkommenen – – – sie finden es im Unvollkommenen.

Ökonomie:

"Du sollst erst essen, bis du hungrig bist und schon aufhören, ehe du satt bist", ist ein tieferes, göttlicheres Gesetz als "Es soll dich nicht gelüsten nach – –" und anderes. Denn jenes macht diese entbehrlich. In ihm liegt die Kraft, die Ruhe, die Weisheit, die Wahrheit und das Glück!!

Im Ausdrucke des Antlitzes steht es mit einfachen klaren Linien geschrieben: "Hier herrscht das teuflische überflüssige" oder: "Hier regiert die göttliche Notwendigkeit"! Mehr Dampf in einer Lokomotive erzeugen als nötig ist für ihre höchste Bewegung, ist die Tat eines wahnsinnig gewordenen Maschinenführers.

So ist der Mensch!

Er rast dahin den Weg des Lebens und wird zu Brei zermalmt auf seiner Strecke!

Mode-Journal:

Dein Gewand sei die Erweiterung und Fortsetzung deines Wesens über die Epidermis hinaus. Die letzte Hülle deiner Seele, die dich enthüllt! Faltenreiches weites Gewand ist das Symbol deiner Vergeistigung, deiner Immaterialisierung! Der Körper verschwindet, und es bleibt weite reiche fließende Bewegung. Weiche seidene Stoffe in tausend Plissées sind daher die wahre "englische Mode". Je mehr Bewegung ein Gewand dir gestattet, desto göttlicher ist es. Das schönste Gewand wären Flügel!

Die Frauenseele ist bescheiden: Sie sucht Jesus Christus und Napoleon, Diogenes und Hölderlin ver­eint in einem Wesen! Diese einzige Wahrheit des noch Lüge-losen und Konzessions-freien Herzens nennen die Hunde: Backfisch-Träume!

Der Schlaf ist der heilige Versuch der Natur, die Tages-Wunden zum Verheilen zu bringen. Den Schlaf vorzeitig unterbrechen, heißt, heilige Verbände ver­narbender Wunden wegreißen!

Man fragte eine Mutter: "Wie erziehen Sie Ihr Töchterchen?!"

"Ich lasse sie schlafen – –", antwortete diese Beste, Weiseste.

Die Frau stellt in ihrer "schönen Form" das dar, was der Künstler-Mensch in seinem "schönen Geiste" zum Ausdruck bringt. Die Genialität ihres Leibes ist gleich der Genialität seines Geistes. Ihr Leib ist sein "Materie gewordener" Geist. Sein Geist ist ihr entmaterialisierter Leib. Was er "denkt", "ist" sie!

Die überschüssigen Kräfte seiner Seele los werden können in Räuschen, in Ekstasen! Das ist die Hygiene der Herzen, welche – – an überschüssigen Kräften leiden.

Aber die zarte Frauenseele hat nur Träume. Träume sind keine Ekstasen. Träume sind keine Räusche. Es sind die – – Träume von Räuschen! Sie kann ihre überschüssigen Kräfte nicht los werden. Sie hat keine Hygiene. Sie bleibt überladen, krank. Die Hunde aber sagen: "Hysterisches Frauenzimmer!" Das ist ihre Rache für die Ekstasen, die sie nicht bereiten – –!

Wenn ich denke, rede ich – – – wenn ich liebe, begehre ich.

Sonst bleibe ich ewig stumm!

Das ist Menschentum!!

Menschentum ist: schweigen, wenn Geist und Seele nicht sprechen! Es ist tönender, ins Wort, in Begattung sich aussprechender, sich offenbarender, sich erlösender Geist! Das Wort, das ich spreche, der Kuss, den ich gebe, sind die heiligen Geburten des Geistigen in mir zu "lebendigem Leben", zu "physischer Tat"!

Treue ist das "Gesetz der Trägheit" der Seele.

Ah, treue Seelen, wie treulos seid ihr eurem Werden!

Die Frau ist ihre Sehnsucht!

Das, was sie nicht geworden ist, ist sie!

Dieses zweite geheimnisvolle Leben der Frau will zum Leben kommen, geboren werden, sein!

Indem sie eine Tochter gebiert, gebiert sie ihre "Sehnsucht" zu einem "lebendigen Organismus" aus und kann zur Ruhe kommen ihrer drängenden Kräfte. Die Frau ist ein Halb-Wesen. Sie und ihr Töchterchen zusammen sind erst Eines! In dieser will sie erst sich selbst erleben, die nie lebte!

Heilige Zwei-Einigkeit!! Der "Sehnsucht seiende" Mensch und seine "Mensch gewordene" Sehnsucht! Wehe dir, tochterlose Frau! Wo wirst du dieses ungeborne Leben "Sehnsucht" anbringen, dass es zur Welt komme?!

Eine junge Dame sagte einmal: "Niemand versteht A. K. – – – denn jeder Satz ist schon der achte Satz."

Die vorhergehenden sieben Sätze überlässt er uns! So eine Achtung hat er vor unserem Herzen, unserem Geiste. Wie mit "Mündigen des Lebens" verkehrt er mit uns. Wie ein Kapellmeister der Hof-Oper mit seiner Künstlerschar. Bescheiden sitzen sie an ihren Pulten, blicken vertrauensvoll hin und verstehen seine Intentionen.

Aber mit euch müsste er reden wie mit Schulbabys: "a, a, a, a, b, b, b, b.

Sehet! Wenn man mir am Klaviere die sieben Noten anschlägt: a, f, e, gis, a, ais, h, so spüre ich das ganze Liebes-Leid Isoldens!"

Glückliche Liebe?! Eine, die das Unglück hat, dass ihr der "heilige Weg" durch ein Ziel abgeschnitten wird.

Unglückliche Liebe?! Eine, die das Glück hat des "ewig Wandernden zur Sonne".

Auch Bewegung ist ein Rasten – – vom Rasten!

Auch die Dissonanz hat ihre Idee! Ihre Idee ist die Sehnsucht nach Erlösung in der Konso­nanz. Konsonanz?! Eine Dissonanz, die ihre Idee verloren hat.

Keuschheit?!

Organe, welche bisher Selbstherrscher, Cara­callas waren, in die heiligen und aus­schließlichen Dienste des Kaisers "Seele" zwingen!! Sie zu heiligen Vollstreckern kaiserlicher Befehle erhöhen!!

Christentum?! Heidentum?! Einen einzigen Menschen gab es bis heute.

In Keuschheit wurde Er geboren! Daher bekam Er nur Reines mit. Und konnte Liebe geben ohne Gegendienste!! Und um Liebe sterben, weil die "blöde Leidenschaft des Lebens" ihn nicht zeugte und sich nicht in seine Nerven grub!

Wandle seine Bahnen!

Dante Alighieri stand in einem Lorbeer-Walde 16 Jahre und wartete auf Beatrice – – –.

Diese Anderen aber warten einen Tag – – und gehen dann doch in die "Kleine Blutgasse; nicht läuten, klopfen"!

Vor dem Konkurse

Die Mutter sitzt mit ihren beiden Töchtern im Konzert-Garten.

Es ist kühl. Manches Mal rauschen die Platanen, brausen gleichsam auf.

Um den Springbrunnen stehen lila Schwertlilien, wiegen sich wie Pendel.

Die Töchter haben kurze Frühlings-Mäntel an aus brauner Moiré-Seide, braune Strohhüte mit weißen Schierlings-Dolden, "des fleurs françaises".

"Hast du der Näherin geschrieben, dem Klaviermeister – – –?!", sagt die Mutter.

"Ich habe vergessen – – –", sagt Marie. "Vergessen – – –?!"

"Ja, ich habe vergessen – –. überall schleppst du alles mit, Mama! Wir sind in einem Garten. Ich lasse alles zu Hause – – – – – –."

"Du – – –."

"Ja, ich. Sich loslösen können ist künstlerisch –!"

Die jüngere Schwester legt ihre Hand sanft auf die der "Künstler-Natur". Diese sagt: "Man könnte ein Gedicht machen: ,Die Schwertlilien im Parke'."

Der Vater kommt mit dem Sohne.

"Ohne überrock – –?!", sagt die Dame; "du bist leichtsinnig. Bist du denn ein junger Mensch, Papa?!"

"Ich wusste nicht, dass es kühl ist – –", sagt er.

Otto, zu den jungen Mädchen: "Wie schön ihr seid – – –!"

Marie: "Was ist es für ein Stück, das die Kapelle jetzt spielt?!"

Otto: "Du kennst es nicht?! Schäme dich! Manon ist es."

Sie: "Eine oberflächliche Musik – – –."

Pause.

Otto: "Dieser Konzert-Garten war so vor hundert Jahren. Ewig haben sie Potpourris gespielt. Maria Theresia, Kaiser Franz – – –. Man wird noch spielen Potpourris aus Martha, aus Lohengrin, es werden Leute dasitzen, die fliegen können, oder zehn­tausend Ziegelschlager – – –."

"Ich habe das nicht sehr gern – – –", sagt Marie. Die andere erhebt sich, setzt sich neben den Vater – – –.

"Du frierst – – –", sagt die Mutter zu diesem; "so leichtsinnig zu sein! Stelle wenigstens deine Füße auf das Tischbrett."

Die jüngere Tochter fühlt: "Er bebt, er friert nicht –."

Die andere sagt: "Wie kann man für Massenet schwärmen?! Er ist süßlich wie Bouguereau. Otto, warum sprichst du nicht mit mir über Massenet?! Hältst du mich für unwürdig?!"

"Lass ihn – – –", sagt die Mutter, "Monsieur ist schlecht aufgelegt, siehst du es nicht?!"

Otto erbleicht.

Es ist kühl. Manches Mal rauschen die Platanen, brausen gleichsam auf.

Die lila Schwertlilien um den Springbrunnen wiegen sich wie Pendel. Marie fühlt: "Ihr Schwertlilien im Parke – – –!"

"Soupieren wir – – –", sagt die Mutter.

"Ich nehme Brathuhn mit Marillen-Kompott", sagt Marie.

"Und du?!", sagt die Mutter zur jüngeren Tochter, "Ich weiß es nicht – – –."

"Und du, Papa?!"

"Ich nehme nichts – – –"

Otto: "Papa muss essen. Er hat Mittags nichts gegessen. Und überhaupt – – – – –."

"Ich nehme nichts – – –."

"Natürlich, wenn man friert – –", sagt die Mutter. Die jüngere Tochter fühlt: "Wenn man bebt –."

"So gehen wir alle nach Hause", sagt die Mutter, "und kaufen uns am Wege Schinken und Aspik; ich schicke den Diener zu Demel um Beignets, dann kannst du auch deine beiden Karten schreiben, Marie –."

"Hören wir noch dieses Stück an – –", sagt Marie, "es ist Ouverture Tannhäuser."

Der Kapellmeister ist ein blasser Mann von vierzig Jahren.

Marie denkt: "Möchtest du in der Hof-Oper auf dem Drehsesselchen sitzen, bleicher Mann, und dem Arnold Rosé gebieten – – –?!"

Die Ouverture beginnt.

Die weltentrückten Pilger kommen langsam durch den dunklen Tannenwald.

Die Violinen steigen in den Himmel, gleichsam in leuchtenden, leidenschaftlichen Spiralen, höher, immer höher, wo das Ewige wohnt – – –.

Es ist kühl. Manches Mal rauschen die Platanen, brausen gleichsam auf. Die lila Schwertlilien wiegen sich wie Pendel.

Maria lauscht – – – –. Die Violinen steigen in den Himmel, in leuchtenden, leidenschaftlichen Spiralen – – – – –.

Die andere hat ihre Hand auf die geliebte Hand des Vaters gelegt – – – – –.

Ein schweres Herz

Es steht mitten zwischen Wiesen und Obstgärten ein riesiges gelbes Haus. Es ist ein Mädchen-Institut der "Englischen Fräulein". Es gibt viele "heilige Schwestern" darin und viel Heimweh.

Manches Mal kommen die Väter an, besuchen ihre Töchterchen. "Papa, grüß dich Gott – – –."

In dieser einfachen Musik "Papa, grüß dich Gott – – –" liegen die tiefen Hymnen der kleinen Herzen. Und in "Adieu, Papa – –" verklingen sie wie Harfen-Arpeggien!

Es war ein regnerischer Land-November-Sonntag. Ich saß in dem lieben kleinen warmen Café und rauchte und träumte – – –.

Ein schöner großer Herr trat ein mit einem kleinen wunderbaren Mädchen.

Es war eigentlich ein Engel ohne Flügel, in einer gelbgrünen Samt-Jacke.

Der Herr nahm an meinem Tische Platz.

"Bringen Sie 'Illustrierte Zeitungen' für die Kleine", sagte er zu dem Marqueur.

"Danke, Papa, ich möchte keine – – –", sagte der Engel ohne Flügel.

Stille – – –.

Der Vater sagte: "Was hast du – – –?!"

"Nichts – – –", sagte das Kind.

Dann sagte der Vater: "Wo seid ihr in Mathematik?!"

Er meinte: "Sprechen wir über etwas Allgemeines. In der Wissenschaft findet man sich – – –."

"Kapitalrechnungen", sagte der Engel. "Was ist es?! Was bedeutet es?! Ich habe keine Idee. Wozu braucht man Kapitalrechnungen?! Ich verstehe das nicht – – –."

"Lange Haare – kurzer Verstand", sagte der Vater lächelnd und streichelte ihre hellblonden Haare, welche wie Seide glänzten.

"Jawohl – –", sagte sie.

Stille – – –.

Ich habe ein so trauriges Gesichterl nie gesehen! Es erbebte gleichsam wie ein Strauch unter Schnee-Last. Es war, wie wenn Eleonora Duse sagt: "Oh –!" Oder wenn Gemma Bellincioni es singt – – –.

Der Vater dachte: "Geistige Arbeit ist eine Ab­lenkung. Und jedesfalls, kann es schaden?! Man wiegt die Seele ein – –. Man muss das Interesse wecken. Natürlich schläft es noch – – –."

Er sagte: "Kapitalrechnungen! Oh, es ist interessant. Das war seinerzeit meine Force (ein Schimmer des vergangenen Kapitalrechnung-Glückes huschte über sein Antlitz). Zum Beispiel – – warte ein biss­chen – – zum Beispiel jemand kauft ein Haus.

Hörst du zu?!"

"Oh ja. Jemand kauft ein Haus."

"Zum Beispiel euer Geburtshaus in Görz. (Er machte die Sache spannender, indem er geschickt Wissen­schaft und Familienverhältnisse in eine ziemlich nahe Beziehung brachte.) Es kostet 20 000 Gulden. Wie viel muss er an Zins einnehmen, damit es 5% trage?!"

Der Engel sagte: "Das kann niemand wissen – –, Papa, kommt Onkel Viktor noch oft zu uns?!"

"Nein, er kommt selten. Wenn er kommt, setzt er sich immer in dein leeres Zimmer. Merke auf. 20 000 Gulden. Wie viel ist 5% bei 20 000 fl.?! Nun, doch jedesfalls soviel mal 5 Gulden, als hundert in 20 000 enthalten ist!? Das ist doch einfach, nicht?!"

"Oh ja – – –", sagte das Kind und begriff nicht, warum Onkel Viktor so selten komme.

Der Vater sagte: "Also wie viel muss er einnehmen?! Nun, 1000 Gulden ganz einfach."

"Ja, 1000 Gulden. Papa, raucht die große weiße Lampe im Speisezimmer noch immer beim Anzünden?!"

"Natürlich. Also hast du jetzt eine Idee von Kapitalrechnung?!"

"Oh ja. Aber wieso trägt Geld überhaupt Zinsen?! Es ist doch nicht wie ein Birnbaum?! Es ist doch ganz tot, Geld."

"Dummerl – – –", sagte der Vater und dachte: "übrigens, es ist Sache des Institutes."

Stille – – –.

Sie sagte leise: "Ich möchte nach Hause zu euch – –."

"No, du bist doch ein gescheites Mäderl, nicht –?!" Zwei Tränen kamen langsam die Wangen heruntergeschwommen.

Erlösung! Tränen! Schimmernde Perlen gewordenes Heimweh!!

Dann sagte sie lächelnd: "Papa, es sind drei kleine Mädchen im Institute. Die Älteste darf drei Buchteln essen, die jüngere nur zwei und die Jüngste eine. So diätetisch sind sie! Ob sie nächstes Jahr gesteigert werden?!"

Der Vater lächelte: "Siehst du, wie lustig es bei euch ist?!"

"Wieso lustig?! Uns kommt es so vor, weil es lächerlich ist. Das Lächerliche ist doch nicht das Lustige?!"

"Kleine Philosophin – –", sagte der Vater glücklich und stolz und sah an den feuchtglänzenden Äugen seines Töchterchens, dass Philosophie und Leben zweierlei seien.

Sie wurde rosig und bleich, bleich und rosig –. Wie ein Kampf war es auf diesem süßen Antlitz. Es stand darauf geschrieben: "Adieu, Papa, oh, adieu –."

Ich hätte dem Vater gerne gesagt: "Herr, schauen Sie dieses Marien-Antlitz an! Sie hat ein brechendes kleines Herz! – – –."

Er hätte mir geantwortet: "Mein Herr, c'est la vie! So ist das Leben! Es können nicht alle Menschen im Kaffeehaus sitzen und vor sich hinträumen – –."

Der Vater sagte: "Wie weit seid ihr in Geschichte?!"

Er dachte: "Man muss sie ablenken. Das ist mein Prinzip."

"Wir sind in Ägypten", sagte das kleine Mädchen.

"Oh, in Ägypten", sagte der Vater und machte, wie wenn dieses Land einen wirklich ganz ausfüllen könne. Er war geradezu erstaunt, dass man sich noch etwas anderes wünsche als Ägypten.

"Die Pyramiden", sagte er, "die Mumien, die Könige Sesostris, Cheops! Dann kommen die Assyrer, dann die Babylonier – – –."

Er dachte: "Je mehr ich aufmarschieren lasse, desto besser."

"So?!", sagte das Kind. Wie wenn man sagt: "Versunkene Völker – – –!"

"Wann habt ihr Tanzen?!", sagte der Vater. Er dachte: "Tanzen ist ein lustiges Thema."

"Heute – –."

"Wann?!"

"Gleich, wenn du weggefahren sein wirst. Dann ist Tanzen, von 7-8."

"Oh, Tanzen ist sehr gesund. Tanze nur fleißig –."

Als der Herr sich erhob, um wegzugehen, und mich freundlich grüßte, sagte ich: "Verzeihen Sie, mein Herr, oh verzeihen Sie mir, ich habe eine große, große Bitte an Sie – – –."

"An mich?! Was ist es?!"

"Oh bitte, lassen Sie heute Ihr Töchterchen von der Tanzstunde dispensieren."

Er sah mich an – – – und drückte mir die Hand. "Gewährt!"

"Wieso verstehst du mich, fremder Mensch?!" sagte der Engel zu mir mit seinen schimmernden Augen.

"Gehe voraus – – –", sagte der Herr zu dem Kinde.

Dann sagte er zu mir: "Pardon, halten Sie es für ein richtiges Prinzip?!"

"Jawohl", sagte ich, "was die Seele be­trifft, ist das einzige Prinzip, keine Prinzipien zu haben!"

Genesung

Weil Einer nicht an Typhus starb,

war's darum bloß ein leichtes Fieber?!?

Glauben Gnädige an eine Liebe nicht,

weil Einer nicht daran verdarb?!?

Verbrannt zu Asche, hebt der Phönix sich,

verklärt durch Schmerz, in Himmelshöhen – – –

versengst Du einem Sperling sein Gefieder,

erhebt er sich nie wieder!

Dedikation in ein Büchlein der Pantheon-Ausgabe von "Werthers Leiden":

Hernach.

Lotte nach Werthers Tode

Und so war ihr nun die Unruhe aus dem Wege geräumt – – – – –. Da saß sie denn oft sinnend und sinnend über das Merkwürdige, dass einer um sie gelitten und gelitten und gelitten, dem sie doch nicht hatte helfen dürfen – – – – –.

Albert nach Werthers Tode

Und Albert nahm ein Jahr lang seine geliebte Frau nicht in Besitz. Denn er fühlte es, dass sie ihm nicht ganz gehöre, nicht ganz – – –.

Und so wartete er denn, bis Ruhe einzog, verblassendes Erinnern und des Alltages einfacher Anspruch.

Verkehr zwischen Menschen

Die beiden wohlbestallten Künstler saßen im kleinen Nachtcafé und besprachen es emsig, wie brutal der Ichismus der Nebenmenschen wäre! Das Wort "Ichismus" sprachen sie so aus, wie wenn sie sagten: Die übrige Menschheit sagt nämlich "Egois­mus"!

Da sagte das junge Fräulein: "Was redt's denn da für an Unsinn zusammen, hm?! Hat das an Sinn?! Hörts zu, meine Frau hat mich heute gepfändet! Gibt's das, eine eigenhändige Pfändung?! Das gibt's nicht! Was?!"

"Bitte, wir sind keine Advokaten – – –."

"Keine Advokaten?! Da schau her! Ein jeder ge­bildete Mensch muss wissen, dass es eine eigenhändige Pfändung niemals nicht gibt! Wie stellts ihr euch das vor?! Da möchte die ganze Welt nichts tun als pfän­den! Nur ein bissel nachdenken, meine Herren, ja?!"

Die Künstler besprachen es nun, dass der aufgeblasene Herr B. so erfüllt sei von sich selbst, dass er nichts höre und nichts sehe, wie der Auerhahn auf dem Fichtenaste. Nur habe er nicht immer die Entschuldi­gung sexueller Erregung für sich wie das Biest!

Das Mädchen begann zu weinen über die eigen­händige Pfändung von Seiten der Frau. Sie erklärte nochmals den Herren, dass es eine eigenhändige Pfän­dung niemals nicht gebe.

Die Herren sagten nun, dass sie es auch für aus­geschlossen hielten, und begannen daher das Mädchen ein wenig abzuküssen, da sie sie infolge ihrer Zu­stimmung ziemlich getröstet wähnten.

Dieselbige war aber noch nicht so weit. Die Herren sagten ihr nun, dass sie ihren Beruf verfehlt habe; sie sei eine Trauer-Dirne. Damit werde sie keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken.

Das Mädchen starrte vor sich hin und sagte: "Eine eigenhändige Pfändung gibt's nicht!"

Die Künstler nahmen nunmehr eine teilnehmende Haltung an und sagten: "Wie viel bist du ihr denn eigentlich schuldig? Was wird es denn weiter sein?!"

Das Mädchen erwiderte hoffnungsvoll: "35 Gulden!"

Die Künstler: "Was?! So eine Bagatelle?! Und da plärrt sie! Das kannst du ihr ja leicht in Raten abzahlen!"

Das Mädchen fühlte: "Bagage, hängt euch auf!"

Die Künstler berechneten es nun, dass bei Wochenraten von nur 5 Gulden sie in sieben Wochen damit komplett fertig sein könne. Komplett. Oder sie solle Monatsraten à 20 Gulden zahlen. Oder, noch besser, täglich einen Gulden. Sie einigten sich auf täglich einen Gulden.

Das Mädchen saß da und weinte bitterlich.

Die Künstler wurden böse und gingen weg.

Draußen sagten sie: "Soll man sich für jemanden einsetzen?! Da rechnet man sich den Kopf heraus für fremde Leute! Was hat man davon?! Undank!"

Der arme Kellner trat nun zu dem Mädchen hin: "Sie, Fräul'n, heute um 8 Uhr früh fahren wir beide zusammen zu Gericht! Eine eigenhändige Pfändung gibt es niemals nicht! Mir leben in einem Rechtsstaate!"

Sie gingen miteinander nach Hause, um die Details zu präzisieren.

Es waren noch drei Stunden bis acht Uhr früh, welche Zeit sie ziemlich ausnützten.

Um acht Uhr früh sagte ihr Ritter: "Weißt was, Mizerl, mit die Gerichte soll man nix anfangen. Die Frau wird's nicht so bös gemeint haben. Weißt was, Mizerl, zahl's in Raten ab!"

Das Mädchen war schon ganz ermattet und, wieder einschlummernd, sagte sie sanft: "Eine eigenhändige Pfändung gibt es niemals nicht. Was, Schurschl?!"

Ein Liebesgedicht

Rosig will ich, muss ich dein geliebtes Antlitz sehen – – –

Und wenn ich es mit meinem Herzblut rosig färben müsste!

Rosig muss ich dein geliebtes Antlitz sehen,

Rosig und mit dem süßen kindlichen Ausdruck des Wohlergehens!

Aber bleich bist du mir nun geworden seit Tagen,

Und unendliche Müdigkeit dämmert in deinen sonst lichten Augen!

Geliebtestes Geschöpf dieser Erde, was ist dir?!?

Mir bangt so schrecklich – – –.

Willst du den Prinzen in deinen Armen haben?!?

Willst du den romantischen Gymnasiasten?!?

Willst du den Kellner, der dir serviert?!?

Willst du den Fremden, der auf der Straße gebannt verweilt?!?

Willst du den Bäckerjungen, der morgens Brot bringt?!?

Bleich bist du mir nun geworden, seit Tagen,

Geliebtestes Geschöpf dieser Erde – – –

Bleich bist du mir geworden und kränklich!

Brauchst du Räusche?!?

Ich, ich kann sie dir nicht mehr geben – – –

Denn der tückische Mörder "Gewohnheit" schlich sich hinterrücks in deine zarte Seele ein –.

Geliebteste,

Rosig will ich, muss ich dein geliebtes Antlitz sehen – – –

Und wenn ich es mit meinem Herzblut rosig färben müsste!!

Im Volksgarten

"Ich möchte einen blauen Ballon haben! Einen blauen Ballon möchte ich haben!"

"Da hast du einen blauen Ballon, Rosamunde!"

Man erklärte ihr nun, dass darinnen ein Gas sich befände, leichter als die atmosphärische Luft, infolgedessen etc. etc.

"Ich möchte ihn auslassen – – –", sagte sie

einfach.

"Willst du ihn nicht lieber diesem armen Mäderl dort schenken?!?"

"Nein, ich will ihn auslassen – – –!"

Sie lässt den Ballon aus, sieht ihm nach, bis er verschwindet in den blauen Himmel.

"Tut es dir nun nicht leid, dass du ihn nicht dem armen Mäderl geschenkt hast?!?"

"Ja, ich hätte ihn lieber dem armen Mäderl geschenkt!"

"Da hast du einen andern blauen Ballon, schenke ihr diesen!"

"Nein, ich möchte den auch auslassen in den blauen Himmel!" – Sie tut es.

Man schenkt ihr einen dritten blauen Ballon.

Sie geht von selbst hin zu dem armen Mäderl, schenkt ihr diesen, sagt: "Du, lasse ihn aus!"

"Nein", sagt das arme Mäderl, blickt den Ballon begeistert an.

Im Zimmer flog er an den Plafond, blieb drei Tage lang picken, wurde dunkler, schrumpfte ein, fiel tot herab als ein schwarzes Säckchen.

Da dachte das arme Mäderl: "Ich hätte ihn im Garten auslassen sollen, in den blauen Himmel, ich hätte ihm nachgeschaut, nachgeschaut – – –!"

Währenddessen erhielt das reiche Mäderl noch zehn Ballons, und einmal kaufte ihr der Onkel Karl sogar alle dreißig Ballons auf einmal. Zwanzig ließ sie in den Himmel fliegen und zehn verschenkte sie an arme Kinder. Von da an hatten Ballons für sie überhaupt kein Interesse mehr.

"Die dummen Ballons – –-", sagte sie.

Und Tante Ida fand infolgedessen, dass sie für ihr Alter ziemlich vorgeschritten sei!

Das arme Mäderl träumte: "Ich hätte ihn auslassen sollen, in den blauen Himmel, ich hätte ihm nachgeschaut und nachgeschaut – – –!"

Annie Kalmar

Geb. 1878, gest. 1901.

Ideale Grabschrift:

Wie ein adeligstes Paradigma der eigentlichen Pläne des Schöpfers mit diesem Kunstwerk "Frau", wardst du, Lieblichste, in dieses "Tal der Unzulänglichkeiten" gesendet, Annie Kalmar! Auf dass die Männer es lernten, an der süßen Anmut eines Lächelns bereits glückselig werden zu können!

Aber sie lernten es nicht!

Sie fraßen sich satt und entfernten sich.

Da zog denn der Schöpfer vorzeitig sein adeligstes Paradigma zurück, rief es wieder zu sich, da es doch unnütz war unter den Menschen!

Der Vogel Pirol

Noch ist es Nacht im Prater. Nun wird es grau. Ein­dringlich duften die Weiden und Birken, sanft-ölig.

Der Vogel Pirol beginnt Reveille zu blasen, Reveille der Natur! In kurzen Absätzen bläst er Reveille. Gleichsam die Wirkung abwartend auf Schläfer. Alles, alles ist noch still und grau, Birken und Weiden duften eindringlich, und der Vogel Pirol bläst in kurzen Zwischenräumen Reveille. Unablässig.

Die Dame sagte einmal: "Oh, ich möchte das Leben kennenlernen. Ich kann ihm nicht nahekommen, es nicht ergründen – – –"

Da sagte der Herr: "Haben Sie schon den Vogel Pirol in den Praterauen Reveille blasen gehört im Morgendämmern?!?"

"Muss man das tun, um das Leben ergründen zu können?!?"

"Ja, das, das muss man. Von solchen versteckten Winkeln aus, gleichsam aus dem Hinterhalte, kann man dem Leben beikommen! Da, da beginnt die mysteriöse Schönheit und der Wert der Welt!"

"Wie sieht er denn aus, der Vogel Pirol?!"

"Niemand sieht ihn. Irgendwo in alten, alten Birken hockt er und bläst Reveille und weckt zum Tage. Immer lichter und lichter wird es, und die weiten Auen werden ganz sichtbar. Am Ufer sind schwarze riesige Schleppschiffe, Tagestätigkeit erwartend mit ihren geräumigen Kräften."

"Gehen wir zum Vogel Pirol – – –", sagte die Dame.

Die Biberratte

Ein ziemlich unwahrscheinliches Tier. Wie eine Ratte aus Gullivers "Reich der Riesen". Immerhin ein tüchtiger Schwimmer, und auf dem Lande putzt sie sich ziemlich anmutig, aufrecht sitzend, mit den Vorderpfoten. Wenn man ihr Brot und Semmel vorwirft, hat sie die Empfindung: "Hast du vier Volksschulklassen absolviert, mein Lieber?! Da solltest du es doch wissen, dass wir uns ausschließlich von Fischen nähren – –."

Die Biberratte trägt im Ganzen nicht viel zur Unterhaltung bei.

Aber man erwartet sich unablässig etwas Besonderes von diesem Tiere.

Das ist das Besondere an ihm.

Man steht stundenlange vor dem kleinen Bassin. Man möchte ihm etwas durch Warten abtrotzen!

Der Hofmeister natürlich beeilt sich, dem Tiere sofort seinen ganzen Reiz zu nehmen und erzeugt mit Hilfe von Detail-Schilderungen bei seinen Zöglingen eine fürs ganze Leben dauernde Gleichgültigkeit gegen Biberratten!

Die Gouvernante hingegen fasst sich kürzer und sagt: "De gros rats, fidonc!"

Der Landungssteg

Ich liebe die Landungsstege an den Salzkammergut-­Seen, die alten grauschwarzen und die neueren gelben. Sie riechen so gut wie von jahrelang eingesogenem Sonnenbrande. In dem Wasser um ihre dicken Pfosten herum sind immer viele ganz kleine grausilberne Fische, die so rasch hin und her huschen, sich plötzlich an einer Stelle zusammenhäufen, plötzlich sich zer­streuen und entschwinden. Das Wasser riecht so an­genehm unter den Landungsstegen wie die frische Haut von Fischen. Wenn das Dampfschiff anlegt, er­beben alle Pfosten, und der Landungssteg nimmt seine ganze Kraft zusammen, den Stoß auszuhalten. Die Maschine des Dampfschiffes mit den roten Schaufel­rädern kämpft einen hartnäckigen Kampf mit dem in renitenter Kraft verharrenden Landungsstege. Er gibt nicht nach, wehrt sich nur, soweit es unbedingt nötig ist, nach außen hin und erzittert vor innerem Widerstande.

Endlich siegt seine ruhige, in sich verharrende Kraft, und das Schiff lässt locker, gibt nach, entfernt sich wieder.

Stunden und Stunden liegt der Landungssteg für Dampfschiffe, meistens im Sonnenbrande dörrend, einsam, gemieden da.

Plötzlich kommen angeregte Menschen in lichten Kleidern, sammeln sich auf dem Landungsstege. "Geht nicht zu weit vor", sagen die Eltern und betrachten den Landungssteg als eine imminente Gefahr. Ich könnte nun mit einiger Berechtigung sagen: "Irgendwo, abseits, lehnen zwei hart nebeneinander stumm am Geländer." Aber das ist alte Schule und infolgedessen unterdrückt man es. Ich kann jedoch nicht leugnen, dass das beharrliche Hinabstarren am Geländer des Landungssteges in das Wasser, in der Nähe einer jungen Dame, durch längere Zeit durchgeführt, oft seine laute verständliche innere Sprache spricht.

Auf den Landungsstegen werden meistens kleine unbrauchbare Fische gemartert. Man fängt sie, schleudert sie zu Boden, weidet sich an ihrem Totentanz. Freilich, zwischen den Zähnen eines Hechtleins ist es auch nicht angenehmer. Und wer stirbt ruhig in seinem Bette?! Auf den Landungsstegen befinden sich ebenfalls zuzeiten die Komitees und das Präsidium der Jachtwettfahrer. Segelregatta. Stundenlange starren sie mit Operngläsern irgendwohin, auf einen mysteriösen Punkt im See, und niemand aus dem Publikum hat eine Ahnung, was vorgeht. Trotzdem ist alles sehr aufgeregt. Hie und da fällt ein technischer Ausdruck. Plötzlich wird Hurra geschrien und einiges emsig notiert. Der Landungssteg ist da wie der Hügel eines Feldherrn. Man starrt mit Operngläsern auf den Aus­gang der Schlacht. Da ist der Landungssteg mitten im Leben drin. Dann liegt er wieder in Mondnächten da wie ein dunkles Ungetüm, zieht sich, streckt sich schwarz hinaus in den silbernen See.

Ich liebe die Landungsstege der Dampfschiffe an den Salzkammergut-Seen, die alten grauschwarzen und die neueren gelben. Sie sind mir so ein Wahrzeichen von Sommerfreiheit, Sommerfrieden, und sie duften wie von jahrelang eingesogenem Sonnenbrande – –.

Schlehdornzweig

Anfangs Juli, an einem Feiertage.

Es war ein Gekribbel von Menschen, wie in einem aufgestörten Ameisenhaufen. Auch so lange, gedrängte Kolonnen von Kommenden und Gehenden. In dem wunderbaren weiten Alleen-beschnittenen herzoglichen Parke.

Alles war so wohlgepflegt und wohlbehütet, so sicher bewahrt vor der dummen Leidenschaft der Kinder und der Kindlichen!

Da brach die Herrliche einen Zweig von Schleh­dorn ab.

Der Dichter sagte ihr sogleich: "Wenn jeder hier einen solchen Zweig sich bräche, wäre der wunder­bare Garten in einer Stunde devastiert!"

Sie schwieg. Sie begehrte auf mit der Weltordnung, setzte ihren Willen auf den Thron!

Dann sagte er: "Wir müssen beim Haupttore an den herzoglichen Gendarmen vorüber. Werfen Sie doch, bitte, den Zweig weg!"

"Ich mag es nicht. Er ist schön und ich behalte ihn. Ich mag ihn gern – – –."

"Es steht nicht dafür, mit der Welt und ihren immerhin soliden Einrichtungen aufzubegehren wegen eines Schlehdornzweiges!?! Werfen Sie ihn doch weg!"

"Pfui, P. A., Sie haben keinen Sinn für Freiheit, Sie sind feig! Ich mag Sie nicht!"

Er schwieg. Sie ging mit ihrem Schlehdornzweige.

Beim Haupttore stand ein langer junger Gendarm. Er sah den Zweig in der Hand der Herrlichen, wandte sich momentan, fast verlegen, nach einer anderen Seite um.

Wir kamen über den weiten edlen Vorplatz. "Nun, sehen Sie?!?", sagte sie.

Er schwieg. Sie stiegen in den Wagen, fuhren zur Stadt.

Er sagte: "Wenn jeder von den Besuchern des wunderbaren Parkes sich einen solchen Zweig bräche, wäre dieser in einer Stunde devastiert!"

Sie saß triumphierend da und spielte mit ihrem Schlehdornzweige.

Sie war wunderbar schön, so kindisch-siegreichtrotzig.

Er dachte: "Weshalb, Süßeste, hat man dir deinen Hintern nicht durchgehaut, seinerzeit?!? Heute freilich wäre es bereits schade – – –."

Kunst,

nun will ich über dich sprechen, so wie ich dich ver­stehe und auffasse mit meinem Herzen:

Wie ein edles Phantom bist du bisher gewesen, wie ein wundersames Gespenst, das am helllichten Alltage der Straße vor den geschäftigen, allzu geschäftigen Leuten auftaucht! So entfernt von ihrem Alltagdasein, so ohne Beziehung zu ihrem Selbsterhaltungstriebe, der doch immer ist und wirkt! Ein mattes über­flüssiges, geschaffen von überflüssigen Künstlers Gnaden! Eine luxuriöse Tändelei! Wir wollen dich aber nun lebendig machen, dich dem Leben des All­tages näherrücken, du blut-, du fleischloses Gespenst "Kunst"! In die Stunde wollen wir dich rücken, die erlebt wird, dass du befruchtend und bereichernd wirkest auf Alltagmenschen!

Die größte Künstlerin vor allem ist die Natur, und mit einem Kodak in einer wirklich menschlich-zärt­lichen Hand erwirbt man mühelos ihre Schätze. Sehet euch die Birken an, die Pappelbäume, zur Winters- und zur Sommerszeit, die Hausgärten voll Schnee und strohumhüllten Rosenstöcken. Sehet euch den rotgrauen Käfer aus Ceylon an oder die drapfarbige Muschel aus dem Ozean –, und ihr werdet die Künst­lerin "Natur" in euch aufnehmen mit liebevoll be­reicherten Augen. Und der blaubraun schillernde Schmetterling aus China, auf weißes Holz gespannt unter Kristallglas, ist schöner als alles, was ihr von Menschenunzulänglichkeit in euren öden Zimmern aufhäuft! Auf euren Nippes-verunreinigten Tischen!

Die Kunst ist die Kunst, das Leben ist das Leben, aber das Leben künstlerisch zu leben ist die Lebenskunst!

Wir wollen die Kunst, dieses Exzeptionelle, dem Alltage vermählen. Die Hand der Dame R. H. ist ein Kunstwerk Gottes. Oder das im Volksgarten spielende Kind R. O. Oder das Schreiten eines Alt-Aristokraten über die Straße. Der Reichtum des Daseins, nahegerückt für die, deren notwendige Geschäftigkeit sie hindert, ihn zu erleben! In deinen Tätigkeiten eingekapselt, kannst du nicht rechtzeitig Halt machen vor einem regenbeperlten Spinnennetz im abendlichen Walde und kannst nicht schauen, staunen und verharren! Wir wollen dich erziehen, das heißt aufhalten in deinen Rastlosigkeiten, auf dass du verweilest, schauest, staunest! Es gibt so viel zu schauen und zu staunen! Innezuhalten, zu verharren! Stillgestanden, Allzugeschäftiger! Nütze deine Augen, den Rothschildbesitz des Menschen! Wir wollen euch nur zeigen, woran ihr blindlings vorüberraset! Es gibt Menschen, die nichts zu tun haben. Vollkommen überflüssige des Daseins. Mit weit aufgerissenen Augen schauen sie und schauen. Diese hat das Schicksal bestimmt, die Vielzuvielbeschäftigten zum Verweilen zu bringen vor den Schönheiten der Welt!

Ashantee
Der Kuss

Ich saß auf einer Gartenbank im "Tiergarten". Auf meinem Schoße saß Bibi Akolé und zählte ihr Geld, welches in drei Portemonnaies wundervoll verteilt war, in jedem Fache 25 Kreuzer, Geschenke von Bewunderern.

Eine wunderschöne junge Dame kam und ihr Gatte.

Akolé sah die Dame an, stand auf, ging auf sie zu, breitete die Arme aus, wollte sie auf den Mund küssen, weil sie schön war.

Die Dame wich zurück.

Das Kind schmiegte sich an mich an, tief beschämt. "Madame – –", sagte ich, "ich bitte Sie, ich bitte Sie – – –."

"Nicht auf den Mund – –", sagte die Dame verlegen.

Ich nahm Akolé in meine Arme, küsste ihren geliebten Mund, dessen Atem wie der Hauch von Abend-Wiesen war.

"Tue es doch – – –", sagte der Gatte, "il sera offensé".

"Ich kann nicht – – –", sagte die wunderschöne junge Dame.

Da sagte ich: "Diese Dame ekelt sich vor dir, Akolé. Wie eine dumme stupide Mutter benehme ich mich, welche die anderen Menschen nicht begreift. Verzeihen Sie mir, Madame. Ich war wie eine stupide Mutter, das Dümmste, das Beschränkteste, was es auf der Erde gibt. Die Liebe eines Vogelgehirnes ganz einfach."

Die Dame gab dem Kinde eine Krone.

Das Kind gab sie zurück, sogleich.

Der Gatte dachte: "War das Ganze notwendig?! Solche überspanntheiten."

Die Dame sagte Adieu, gab mir die Hand, blickte mich traurig an.

Langsam ging das Ehepaar weg.

Akolé verkroch sich in meinen Armen, die sich in unermesslicher Liebe um sie schlossen.

Paradies

"Was möchtest du am liebsten von der Welt, Tíoko?!"

"Green bills cutted, Sir – – –." (Geschliffene grüne Glasperlen.)

"Und?!"

"And lila bills cutted, Sir – – –."

"Und?!"

"And nothing, Sir – – –."

Ein Brief aus Accra (Westküste, Goldküste)

Ein Brief aus Afrika. Wann ist er aufgegeben?! Am 20. Juli. Wann ist er angekommen?! Am 26. August. Die Tränen der Absender sind bereits versiegt, während die der Empfänger fließen. Monambôs Bruder ist gestorben, 14 Jahre alt. "Er war so groß wie Tíoko – – –", sagt Monambô, "und ebenso schön".

The big Akolé sitzt bei ihrem Verkaufstische, zählt Geld. Die Tränen rinnen über ihr edles Gesicht.

"II me semble, qu'elle est encore plus noire aujour­d'hui", sagt die französische Sekretärstochter und küsst sie.

"War er verwandt mit ihr?!", fragte ich den Häupt­ling auf englisch.

"Wir weinen um alle", sagte der Häuptling, "so sind die Black-men. Wenn ich in Afrika sein werde, werde ich um dich weinen, Sir."

Akóschia sitzt auf dem Tanzplatze, macht Musik mit eisernen Kastagnetten; die Tränen rinnen über ihr edles Antlitz.

Tíoko sitzt vor ihrer Hütte, singt leise vor sich hin und weint. Wie Harfenbegleitung zu Tränen. Wie Psalmen.

Monambô weint nicht.

"Du bist nicht traurig, Monambô?!"

"Sir, ich bin in der Fremde. Ich werde weinen, bis ich in Afrika bin – – –."

"Diese allgemeine Trauer ist doch ein bisschen unverständlich", sagt die junge Sekretärstochter zaghaft zu mir. Und ich:

"Glauben Sie es doch nicht, dass es dieser Knabe ist, um welchen sich diese edlen sanften Geschöpfe grämen. Sie weinen um Afrika, c'est le mal du pays, die zarteste Krankheit unserer Seele, welche zum Vorschein kommt. Wie wenn ein kleines Mädchen eine neue Bonne bekäme. 'Merkwürdig', sagen die besorgten Eltern, 'wirklich, niemand hätte es gedacht, unser Schatz ist ganz freundlich mit ihr; wie alte Bekannte. Alles geht gut, sie vertragen sich, das Fräulein ist aber auch so lieb mit ihr, sie hat keine leichte Position.' Plötzlich aber ein unscheinbares Wort der Bonne, eine Gebärde. Das Kind bricht in heiße Tränen aus. Ist es das Wort, diese Gebärde?! Keineswegs. Sie schluchzt um ihre alte Kinderfrau – – –."

Neun Uhr abends. Die Tränen sind versiegt. Der Mond macht die Birken im Garten glitzern. Still sind die afrikanischen Hütten. Tíokos Hütte ist finster. Monambô ruft mich. Ich trete in die Hütte. Auf dem Boden liegen Monambô, Akolé, die Wunderbare, und Akóshia. Kein Polster, keine Decke. Die idealen Oberkörper sind nackt. Es duftet nach edlen reinen jungen Leibern. Ich berühre leise die wunderbare Akolé.

"Go to Tíoko", sagt sie sanft, "du liebst nur diese!"

Monambô, welche die Traurigkeit für Afrika auf­spart, sagt: "Sir, morgen bringst du uns einen piss-­pot; es ist zu kalt, um in der Nacht aus der Hütte zu treten. Er muss außen blau und innen weiß sein. Was er kostet, werden wir drei zusammen bezahlen. Freilich, Tíoko würdest du einen schenken! Was wird er kosten?!"

"Monambô, niemals habe ich noch einen piss-pot be­sorgt. Ich kenne die Preise nicht. Zwischen 50 Kreuzer und 500 Gulden. Königinnen benützen goldene."

"Sir, es war heute ein trauriger Tag. Gute Nacht. Du liebst Tíoko. Der piss-pot muss außen blau und innen weiß sein. Bringe ihn bestimmt, tomorrow. Man kann in diesen Nächten nicht aus der Hütte treten, verstehst du?!"

Ich küsste den drei Mädchen auf ihren harten Lagern die Hände. Akolé war zu schön! Ich kniete mich nieder, küsste sie auf die Stirn, die Augen, den Mund – –.

"Go to Tíoko – – –", sagte sie sanft.

Monambô, Akóshia verkrochen sich in ihren Kat­tunen. "Go to Tíoko – – –!"

Als ich aus der Hütte trat, waren die Birken grau im Frühlichte und wie eins mit der nebeligen Luft, welche nach feuchter Frische duftete – –

Physiologisches

Können Negerinnen erröten?!

Negerinnen können erröten. Wie kupferfarbig werden sie, gleichsam heller. Zum Beispiel, wenn du ihre Hände küsst, dich wie ein Kavalier benimmst.

Können Negerinnen erbleichen?!

Nein, im Gegenteile. Sie – – – erdunkeln!

Zum Beispiel, wenn du – – – dich nicht wie ein Kavalier benimmst.

Dann – – – erdunkeln sie!

Prügel

"Prügel sind gut, o Herr", sagte die eben von ihrem Gatten geprügelte junge Negerin Dédé zu P. A. "Wie tshofán ist es (Medizin)! Der, der prügelt, wird von seiner Wut geheilt und der andere von seinem ,bösen Gewissen'!"

Philosophie

Besucher des Aschanti-Dorfes schlagen abends an die Holzwände der Hütten, zum Spaße.

Der Goldschmied Nôthëi: "Sir, wenn ihr zu uns nach Akkra kämet als Ausstellungsobjekte (exhibited), würden wir nicht des Abends an eure Hütten klopfen!"

Ritterlichkeit

"Herr – – –", sagte der Häuptling Bôdjé zu P. A., "komme in meine Hütte." – – – – – –.

"Sit down."

- – – – – –.

"Ich habe heute nachmittags Nahbadû geschlagen. Ich schlug sie mit diesem Ochsenziemer. Verstehst du mich?!"

"I understand – – –."

"I am the chief of my people. Ich liebe es nicht, Nahbadû zu schlagen. Of course. Wenn alle Mädchen zu dem Tam-Tam jedoch sich begeben, sitzt sie in ihrer Hütte und macht gar nichts. Sie ist weder krank noch müde. Ganz verrückt sitzt sie in ihrem Hause und macht gar nichts. I am the chief of my people! Ich fragte sie, warum sie täglich dasselbe tue, dazusitzen und gar nichts zu tun. Ich fragte und fragte. Dann schlug ich sie mit meinem Ochsenziemer. Wenn alle Mädchen in den Hütten sitzen würden und vor sich hinträumen, nicht?! Wofür zahlen die weißen Menschen?! Es ist unsere Pflicht. Ich liebe es nicht, Nahbadû zu schlagen. Ich wollte dir das nur sagen, damit du es wissest. Was hast du denn, Herr – –?!"

"Nichts, Bôdjé – – –."

"Nun, Herr, ich werde sie von nun an träumen lassen in ihrer Hütte – – –."

Der Tag des Abschiedes

Nahbadû: "Poor?" (Bist du arm?)

"Ja."

"No Afrika?" (Kannst du nicht mit nach Afrika?) "Nein."

Schweigen.

"O hã mi Dash-Goodbye?!" (Welches Geschenk wirst du mir zum Abschied geben?!)

"Pagne, green silk and white" (überwurf, grünes und weißes Seidengewebe).

"Good (es ist gut), jard eba (6 Meter)."

"Jard eba."

"Jard banyŏ(8 Meter)."

"Jard banyŏ."

"Und etwas Geld könntest du mir auf die Reise mitgeben (Shika, Shika Goodbye)."

"Ich werde dir 30 Shilling mitgeben. Oh Nah-badû – – –."

"Poor … no Afrika! Rich … Afrika!" (Du gehst nicht mit mir nach Afrika, weil du arm bist. Wenn du reich wärest, gingest du mit mir!)

Wie eine Königin des Lebens stand sie da in ihrer braunen nackten Schönheit: "Wenn du reich wärest, gingest du mit, bis nach Afrika!"

Davon leben die Königinnen! Vom Siege!! Vom Hauch des Sieges!!

Er ginge mit! Er ginge mit mir bis Afrika!

Spätherbst-Abend

"Herr Direktor – – –", sagte der Wächter des "Tiergartens", "heute Abend war ein Herr da, welcher sich nach Ihnen erkundigte. Dann ist er in eine der leeren Hütten im oberen Dorfe getreten. Nach einer Viertelstunde ist er herausgekommen und ist langsam weggegangen aus dem Garten."

"Schon gut, Josef. übrigens, die Hütten werden morgen abgebrochen – –. Wir brauchen Platz für die Seiltänzergesellschaft und den Ballon captif."

Was der Tag mir zuträgt
Motto

Nicht dir und einem gib das Gute, das du gefunden auf deinen schweren Wegen – – –, gib es allen!

Auf dass an deinem armseligen Erden-Wallen

der eine oder der andre Klärung finde!

Gib auf die feige Vorsicht, gleichgesinnten Herzen dich zu eröffnen – – –

sei stark, wirf's in die Welt!

Und wenn in Fernen eine zarte Seele

erbebt beim Wort, das du ins All verkündet,

so wird der Schauer dieser Milden, Sanften,

hindringen durch die Welten bis zu dir!

Lass sie Teil-nehmen!

Doch Harpagons des eignen Daseins sind die andern,

die in perfiden Diskretionen ihre Wege wandern!

Die können sich nicht mit-teilen.

Sie brauchen sich für sich und sind verschwiegen.

Ein Spiegel sei der Dinge um dich her!

Dazu jedoch gehören Kraft und Liebe.

Kraft, um im Tag-Gedränge ruhig zu erfassen und Liebe, um, dem eignen Sein entrückt,

das Fremde in sich einströmen zu lassen! Was mir das Leben zuträgt, geb' ich zurück den Lebendigen,

um so den Geistes-Kreislauf zu beendigen!

Selbstbiographie

Ich bin geboren 1862, in Wien. Mein Vater ist Kaufmann. Er hat eine Eigenheit: Er liest nur franzö­sische Bücher. Seit 40 Jahren. über seinem Bette hängt ein wunderbares Bildnis seines Gottes "Victor Hugo". Er sitzt abends in einem dunkelroten Lehnstuhle, liest die "Revue des deux Mondes", und hat einen blauen Rock an mit breitem Sammetkragen à la Victor Hugo. Nein, einen solchen Idealisten gibt es nicht mehr auf dieser Welt. Man fragte ihn einmal: "Sind Sie nicht stolz auf Ihren Sohn?!"

Er erwiderte: "Ich war nicht sehr gekränkt, dass er 30 Jahre lang ein Tunichtgut gewesen ist. So bin ich nicht sehr geehrt, wenn er jetzt ein Dichter ist! Ich gab ihm Freiheit. Ich wusste, dass es ein Va-banque-Spiel sei. Ich rechnete auf seine Seele!"

Jawohl, edelster, merkwürdigster aller Väter, lange habe ich dein göttliches Geschenk der Freiheit missbraucht, habe edle und ganz unedle Damen heiß geliebt, bin in Wäldern herumgelungert, war Jurist, ohne Jus zu studieren, Mediziner, ohne Medizin zu studieren, Buchhändler, ohne Bücher zu verkaufen, Liebhaber, ohne je zu heiraten, und zuletzt Dichter, ohne Dichtungen hervorzubringen! Denn sind meine kleinen Sachen Dichtungen?! Keineswegs. Es sind Extrakte! Extrakte des Lebens. Das Leben der Seele und des zufälligen Tages, in 2-3 Seiten eingedampft, vom überflüssigen befreit wie das Rind im Liebig-Tiegel! Dem Leser bleibe es überlassen, diese Extrakte aus eigenen Kräften wieder aufzulösen, in genießbare Bouillon zu verwandeln, aufkochen zu lassen im eigenen Geiste, mit einem Worte, sie dünnflüssig und verdaulich zu machen. Aber es gibt "geistige Mägen", welche Extrakte nicht vertragen können. Alles bleibt schwer und ätzend liegen. Sie bedürfen 90 Prozent Brühe, Wässerigkeiten. Womit sollten sie die Extrakte auflösen?! Mit "eigenen Kräften" vielleicht?!

So habe ich viele Gegner, "Dyspeptiker der Seele" ganz einfach! Schwer Verdauende! "Fertig werden" ist für den Künstler alles. Sogar mit sich selbst fertig werden! Und dann, ich halte dafür: Was man "weise verschweigt" ist künstlerischer, als was man "geschwätzig ausspricht". Nicht?! Ja, ich liebe das "abgekürzte Verfahren", den Telegramm-Stil der Seele!

Ich möchte einen Menschen in einem Satze schildern, ein Erlebnis der Seele auf einer Seite, eine Landschaft in einem Worte! Lege an, Künstler, ziele, triff ins Schwarze! Basta. Und vor Horche auf dich selbst! Gib deinen eigenen Stimmen in dir Gehör! Habe kein Schamgefühl vor dir selbst! Lasse dich nicht abschrecken durch ungewohnte Laute!

Wenn es nur die deinigen sind! Mut zu deinen Nacktheiten!!

Ich war nichts, ich bin nichts, ich werde nichts sein. Aber ich lebe mich aus in Freiheit und lasse edle und nachsichtsreiche Menschen an den Erlebnissen dieses freien Inneren teilnehmen, indem ich dieselben in gedrängtester Form zu Papier bringe.

Ich bin arm, aber ich selbst! Ganz und gar ich selbst! Der Mann ohne Konzessionen!

Wohin bringt man es damit?! Zu 100 Gulden monatlich und einigen warmen Verehrern.

Nun, die habe ich!

Mein Leben war der unerhörten Begeisterung für Gottes Kunstwerk "Frauenleib" gewidmet! Mein armseliges Zimmerchen ist fast austapeziert mit Akt-Studien von vollendeter Form. Alle befinden sich in eichenen Rahmen, mit Unterschriften. über einer Fünfzehnjährigen steht geschrieben: "Beauté est vertue." Schönheit ist Tugend. Unter einer anderen: "Es gibt nur eine Unanständigkeit des Nackten – – – das Nackte unanständig zu finden!"

Unter einer anderen steht geschrieben: "So erträumten dich Gott und die Dichter! Aber die schwächlichen Menschlein erfanden das Schamgefühl und verhüllten dich, sargten dich ein!"

Wenn P. A. erwacht, fällt sein Blick auf die heilige Pracht, und er nimmt die Not und die Bedrängnis des Daseins ergeben hin, da er zwei Augen mitbekommen hat, die heiligste Schönheit der Welt in sich hineinzutrinken!

Auge, Auge, Rothschild-Besitz des Menschen!

Aber diese anderen starren, glotzen das Leben an wie die Kröte die Wasserrose!

Ich möchte auf meinem Grabsteine die Worte haben: "Er liebte und sah!"

Ja, in inneren Ekstasen leben, sich selbst heiß heizen, sich kochend machen, sich selbst in Brand setzen an den Schönheiten der Welt, war für Vater und Sohn alles, alles!

Aber während der Alte noch ziemlich in Beziehungen stand mit dem Leben des Tages oder in Kollision geriet, begab sich der Junge ohne Bedenken und sofort aus diesem Pflichtenkerker heraus.

Ja, ich bin arm, arm, aber mein edler Vater gab mir den Reichtum, den wenige Väter in milder Weisheit ihren Söhnen gewähren: "Zeit zur Entwicklung und Freiheit!" So konnte meine Seele, unbetrogen um die unerhörten Schätze, die jeden Tag und jede Stunde das Leben uns wie Perlen an öden Strand auswirft, so konnte meine Seele den tragischen oder zärtlichen Ereignissen sich liebevoll hingeben und wachsen, wachsen – – –.

Meine Mama war ehemals eine ganz zarte wunderschöne Dame mit edlen Händen und Füßen und schmalen Gelenken. Wie eine Gazelle. Einmal brachte mein Vater aus England ein wunderbares Mädchen mit. Er sagte zu Mama: "Dies, meine Liebe, ist Maud-Victoria. Es ist das schönste Mädchen Englands." Meine Mama sah, dass es wirklich das schönste Mädchen Englands sei und sagte ganz traurig: "Wird sie nun bei uns bleiben müssen?!" Infolgedessen war mein Vater so gerührt, dass er das "schönste Mädchen Englands" wieder in die Heimat zurückschickte.

Als mein Vater die Aschantee-Mädchen, meine geliebten Freundinnen, häufig besuchte und ihnen seidene Tücher schenkte, sagte jemand: "Der alte Mann ist von seinem Sohne erblich belastet."

Als Knabe hatte ich eine unbeschreibliche Liebe zu den Berg-Wiesen. Die Berg-Wiese, in Sonnenglut heißen Duft verdampfend, aushauchend, mit Käfern und Schmetterlingen besät, berauschte mich direkt. Ebenso Wald-Lichtungen. An sumpfigen besonnten Stellen sitzen Schmetterlinge, blau-seidene kleine und schwarz-rote Admirale, und man sieht den Huf-Abdruck der Hirsche. Berg-Wiesen aber liebte ich einfach fanatisch, ja, hatte Sehnsucht nach ihnen. Unter den weißen heißen Steinen vermutete ich überall Kreuzottern, und dieses Tier war überhaupt das Märchen-Mysterium meiner Knabenjahre. Es ersetzte mir den Menschenfresser, den Riesen und die Hexe. Alle Bisse und deren Folgen, deren entsetzliche lang­same Folterqualen, deren mysteriöse schleichende Wirkung, deren perfide geheimnisvolle Art, kannte ich auswendig, die Wund-Behandlung und so weiter. Der wunderbare zarte grau-schwarze Leib der Kreuzotter kam mir als das Schönste, Vornehmste vor, und als ich ein kleines Mädchen liebte, dachte ich mir immer und immer nur eines aus: "eine Kreuzotter bisse sie in den Fuß während einer Bergpartie und ich söge ihr die Wunde aus, um sie zu retten!"

Ich kannte genau das Terrain, auf dem mit unbedingter Sicherheit Kreuzottern hausen müssten, betrat es, lauerte; aber in meinem ganzen Leben habe ich keine lebendige Kreuzotter erschaut, obzwar die Gegend des Schneeberges davon wimmelt. Es blieb für mich nur ein böser, aber süß beunruhigender Traum.

Immer dachte ich es mir aus: Die Geliebte wird gebissen, oberhalb des Fußknöchels. Alles steht ratlos und verzweifelt. Da hole ich aus der nächsten Sennhütte Enzianschnaps, erzeuge den Alkoholrausch, das einzige Heilmittel. Dann sagt sie: "Oh, wieso wussten Sie es?" Und ich sage einfach: "Ich habe es im Brehm gelesen – – –."

Immer, überall wartete ich auf Kreuzottern. Niemals kamen sie.

Mit 23 Jahren liebte ich ein wunderbares dreizehnjähriges Mädchen abgöttisch, durchweinte meine Nächte, verlobte mich mit ihr, wurde Buchhändler in Stuttgart, um rasch Geld zu verdienen und für sie sorgen zu können später. Aber es wurde nichts aus alledem. Nie wurde etwas aus meinen Träumen.

Ich habe nie irgendetwas anderes im Leben für wertvoll gehalten als die Frauenschönheit, die Damen-Grazie, dieses Süße, Kindliche! Und ich betrachte jedermann als einen schmählich um das Leben Betrogenen, der einer anderen Sache hienieden irgendeinen Wert beilegte!

Opfere dem unerbittlichen Tage und der harten Stunde, aber wisse es und fühle es, dass deine heiligen und wahrhaften Augenblicke nur jene sind, da dein gerührtes und erstauntes Auge die schöne sanfte Frau erblickt! Wisse es, Verführter des Lebens, dass du ein Taglöhner, ein Kärrner, ein Gefangener, ein Rekrut bist, ein Selbst-Betrüger und Betrogener des Lebens, und dass nur durch die "heilige schöne Frau" du ein Adeliger und ein Kaiserlicher werden könnest!

Meinen kleinen Sachen, die ich schreibe, lege ich nur den Wert bei, den Mann, welchen seine tausend Pflichten erschöpfen und aushöhlen, ein bisschen auf­zuklären über dieses liebliche, zarte und mysteriöse Geschöpf an seiner Seite. Hineingefressen in die Pflichten des unerbittlichen Tages, darf er es sich nicht erlauben, die Frau als ein seltsames und unerforsch­liches Wesen an und für sich zu betrachten, sondern als einfache Genossin in seinen Schwierigkeiten! Ihre Welt in ihr ist ihm teuer und verständlich, insofern er Segnungen davon empfängt. Das andere bleibe den Dichtern überlassen! So nehmen denn diese dem Leben ein wenig Entrückten immer und immer wieder ihre Leier und verherrlichen weinend jene Adeligsten, von welchen die anderen die brutaleren Vorteile ziehen! Ich selbst habe nur Leid erfahren an diesen Herrlichen, für welche ich mein verlorenes und unnötiges Dasein hingebracht habe. Dennoch glaube ich ein wenig mit­gewirkt zu haben, dass ein Hauch von griechi­schem Schönheits-Kultus in die vom Leben bedrängten Jünglinge komme! Aber auch das mag nur eine Utopie sein.

Arm und verlassen lebe ich nun dahin, den Blick noch immer gerichtet auf eine edle Frauenhand, einen adeligen Schritt, ein mildes, weltentrücktes Antlitz. Amen – – –.

Vor-Frühling

Der Himmel war weiß-blau und in Frühlings-Dunst gebadet. Die Kuppeln von Kupferplatten schimmerten lila. Der Fries mit den griechischen nackten Göttern hob sich von goldenem Grunde ab und war wie ein schönes Dreieck auf blauer Schiefertafel. Die schwarzen Quadrigen rasten gleichsam von ihren schmalen Postamenten in den Frûhlingshimmel hinein. Die braungrauen Äste waren wie Kricksel-Kracksel von Schülern in den blauen Himmel gezeichnet, und die Pappeln gravitierten nach oben wie natürliche, aber zu dünne und zerfaserte Kirchentürme. Es war der Vor-Frühling. Unerhört durcheinander verschlungene und verdrehte Zweige trugen helle gelbe Klümpchen, und die Amseln zerrten an alten Strohgebinden herum und besaßen Jugendübermut für zehn. Wie wenn sie Katzen entfliehen müssten, benahmen sie sich; wie "schreckliches Flüchten" zum Spaße. Auf halbleeren Beeten standen gelbe Stiefmütterchen, nur so probeweise ausgestreut, und irgendwo dunkelblaue Hyazinthen, welche sterben dürfen, unbeweint vom Gärtner. Die Teiche waren abgelassen, gereinigt, weiß wie verlassene Wildbäche, und aus ihnen erhoben sich alte Holzgestelle mit Birkenreis umwunden, auf welchen später in der Hitze der Natur Schilf und Rohr wachsen würden und Wasserlilien. Kinder von mittelmäßiger Rasse, wenig Grazie und guter Pflege taten sich zusammen und versuchten es, sich zu amüsieren und Verlegenheiten erster Bekanntschaft zu überwinden durch Sprünge und Geschrei."Fräulein, darf ich meinen Hut ablegen?!"

"Non, ma petite, le soleil printannier – – –."

"Aoh, spring-sun is good for all, for soul and body", sagte eine elegante englische Gouvernante eines ent­zückenden Bübchens mit einem unwahrscheinlichen Namen wie "Seïthère".

"Eh bien, donnez votre chapeau – –."

"Merci, vous êtes bonne comme Jeanne d'Arc."

"C'est sa maman qui lui parle littérature – – –."

"Mais elle est avancée tout de même, cette petite –."

"Trop. Elle est le génie de la famille. Vous savez, chacune en a un."

Der Herr in langem geschlossenem grauem Rocke saß da, betrachtete die Konturen der Dächer am blauen Himmel, die verfizten Äste, die gelben Klümpchen an den Büschen, die Gouvernanten, welche milde und er­geben für Welten lebten, die ihnen nichts bedeuten konnten, und die den Frühlingsschnupfen fürchteten für ihre Schützlinge oder Diarrhöen oder übermüdung. Den ganzen Winter, bitte, in den überheizten, teppichdichten Räumen und dann in der Natur, wo Winde wehen?!

"La petite a toussé cette nuit – –."

"Madame, c'est le printemps – –."

"Mais, mademoiselle, c'est à vous de corriger les inconvéniens du printemps."

"II faisait si beau, si chaud – –."

"Le printemps – – mais il n'est pas fait pour vous, mademoiselle, il est une institution d'hygiène, j'espère."

Der Herr im langen geschlossenen Rocke betrachtete diese Damen wie verwelkte Julias und resignierte Leonoren! Er empfand die Bürde des Lebens. An solchen Tagen dichtete Buddha vielleicht seine Lehre, zog sich der heilige Augustinus zurück, gleichsam in sich selbst zusammen, kapselte sich ein. An solchen Tagen gehen arme Mädchen in die Donau, lächeln echte Dichter über ihre eigene Dichtung. An solchen Tagen wird Heiliges seines Scheins entschleiert, zerbröckelt und wird Erde!

Da riefen die kleinen Mädchen: "Oh, Rosamunde, Rosamunde, du störst die Kreise, siehst du nicht?!"

Der Herr blickte auf, sah Rosamunde, den überirdischen Engel mit braunen Locken, welcher Kreise störte.

Sie stand da, verlegen, in ihrem braunen Velvet-Jäckchen mit den riesigen weißen Perlmutterknöpfen. "Rosamunde, so geh' doch – –."

Langsam zog sie sich zurück aus den Ball-Schule-Kreisen.

Der Herr fühlte: "Süßeste, Lieblichste, Herzigste – – –."

Er dachte: "Wie blass du bist und zart, Rosamunde – – –!"

Vorfrühling in deinen milden Prächten! O Gott, was bist du für ein Shakespeare! Zerstörte und Werdende vereinigst du auf einer Frühlingsbank und wirfst die Seelen durcheinander! Der Herr dachte:

"Rosamunde – – warum bist du so blass und zart?! Durchleuchtet bereits deine Seele den Leib, wie eine innere Sonne, welche alles bleichte?! Rosamunde, vielleicht schläfst du nicht lang genug?! Oder ist dein Polsterchen zu hart oder zu weich, zu hoch, zu niedrig?! Bei offenen Fenstern müsstest du schlummern, dass deine kleine Lunge frische Luft bekäme mit jedem Atemzuge. Deine Atemzüge – – – Nächtelang möchte ich sie belauschen, sie zählen, zählen, von 8 Uhr abends bis 8 Uhr früh, meine zärtliche Hand auf deinen zarten Locken. Und dann würde ich mich leise wegschleichen von deinem Bettchen und Hafer-Kakao für dich bereiten und dreimal aufkochen lassen und mit der Tasse an dein Bettchen treten und warten, bis du erwachst, und sagen: 'Prinzessin, Heil Eurem Tage! Votre Jeunesse est servie!' Ja, Rosamunde, wie eine fixe Idee, süß und quälend, würde deine Gesundheit für mich. Und für Rosen auf deinen Wangen würde ich mit Freuden sterben wollen. Auf meinem Rücken würde ich dich durch die blühenden Gelände tragen, huckepack, in schattigen Wald-Lichtungen mit dir ruhen und dir vorlesen: ,Gribouille, ,l'âne savant', ,les vacances', ,le prince Shi-Shi'. Und in deine überirdisch schönen Augen würde ich Lebensströme von Liebe aus meinen Augen sich ergießen lassen und in holdem Tausche deine Welten-Schönheit trinken, die gleichsam als kindliche Quelle in deinen Augen ihren Ursprung hat!"

So saß er da in seinem langen geschlossenen winterlichen Rocke und träumte "Vorfrühling", und war wie die kahlen Büsche mit ungeheuer verschlungenen und verworrenen Zweigen, die Triebkraft spüren für die Gottesblüten.

Weggeschwemmt, gefegt von lauen Lüften, war das Lügengewebe mit Erwachsenen, den Wünsche-Hegern!

Welche Bedeutung hat der Frühlingstag!?!

Auf einem kleinen Kieshaufen stampfst du herum, Rosamunde.

Zweimal nimmt der Wind den T-Tut.

Du ordnest deine Locken.

Mit einem Schirme zeichnest du Figuren.

Ein Bübchen stößt dich, erstaunt blickst du es an.

Du fängst den Ball auf – – nein, du lässt ihn fallen.

Und deine Gouvernante küssest du.

Ermüdet ruhest du.

Kühl wird's im Garten. Alles geht nach Hause.

"Rosamunde! Rosamunde –!" – –

Theater-Abend

Sie konnte den Pudel nicht mit in das Theater nehmen. So blieb der Pudel bei mir im Café und wir erwarteten die Herrin.

Er setzte sich so, dass er die Eingangstüre im Auge behalten konnte, und ich hielt es für sehr zweckmäßig, wenn auch ein wenig übertrieben, denn, bitte, es war ½ 8 Uhr, und wir hatten bis ¼ 12 Uhr zu warten.

Wir saßen da und warteten.

Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte in ihm Hoffnungen, und ich sagte jedes Mal zu ihm: "Es ist nicht möglich, sie kann es noch nicht sein, bedenke doch, es ist nicht möglich!"

Manches Mal sagte ich zu ihm: "Unsere schöne gute Herrin – – –!"

Er war direkt krank vor Sehnsucht, wandte den Kopf nach mir um:

"Kommt sie oder kommt sie nicht?!"

"Sie kommt, sie kommt – – –", erwiderte ich. Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir heran, legte seine Pfoten auf meine Knie und ich küsste ihn. Wie wenn er zu mir sagte: "Sage mir doch die Wahrheit, ich kann alles hören!"

Um 10 Uhr begann er zu jammern.

Da sagte ich zu ihm: "Ja, glaubst du, mein Lieber, dass mir nicht bange ist?! Man muss sich beherrschen!" Er hielt aber nichts auf Beherrschung und jammerte.

Dann begann er leise zu weinen.

"Kommt sie oder kommt sie nicht?!"

"Sie kommt, sie kommt – – –."

Er legte sich nun ganz platt auf den Boden hin, und ich saß ziemlich zusammengebückt auf meinem Sessel.

Er jammerte nicht mehr, blickte zur Eingangstüre, während ich vor mich hinsah.

Es war ¼ 12.

Da kam sie. Mit ihren süßen sanften gleitenden Schritten kam sie, ganz ruhig und gelassen, begrüßte uns in ihrer milden Art.

Der Pudel jauchzte, sang und sprang.

Ich aber nahm ihr den seidenen Mantel ab und hängte ihn an den Haken.

Dann setzten wir uns.

"War euch bange?!", sagte sie.

Wie wenn man sagte: "Wie befinden Sie sich, mein Bester?!" Oder: "Ihr ergebener N. N.!"

Dann sagte sie: "Oh, im Theater war es wunderbar – – –!"

Ich aber fühlte: Sehnsucht, Sehnsucht, die du aus den Herzen der Menschen und der Tiere strömst und strömst und strömst, wohin begibst du dich?! Verflüchtigst dich vielleicht ins Weltall wie Wasser in Wolken?! Wie die Luft von Wasserdunst erfüllt ist, muss die Welt von Sehnsuchten erfüllt und schwer sein, die kamen und keine Seele fanden, die sie aufnahm! Was geschieht mit dir, Bestes, Zartestes im Leben, Sehnsucht, wenn du nicht auf Seelen triffst, die dich in sich einsaugen, gierig, dich verwerten zu eigener Kraft?!?

Sehnsucht, Sehnsucht, die du von Mensch und Tier ausströmst in die Welt, ausströmst, ausströmst, wohin begibst du dich?!?

Tulpen

Cäcilia sagte zu ihm: "Sie, Sie sind wirklich ein zuwiderer Kerl. Erstens nie elegant. Schauen Sie den Beamten an. Zweitens dieser Schnurrbart, so slowakisch. Und dann überhaupt – – – was glauben Sie eigentlich?! Ich kann fliegen auf wen ich will. Und just!"

Als sie sah, dass sie ihn gekränkt hatte, bekam jedoch ihr Antlitz einen Zug von unerhörter Milde.

"Wie Katzen sind wir wirklich", fühlte sie, "schade, allein wir sind es!"

Er saß da, am Marterpfahl der Seele, wünschte hinweggeschwemmt zu werden in einem Bach von Tränen. Nicht mehr sein, nicht mehr sein! Jedoch man ist, man bleibt!

Er schlief natürlich die ganze Nacht nicht.

Morgens ging er in den großen Park, welcher eben Mai-Toilette angelegt hatte.

Ein riesiges Blumenbeet leuchtete wie Glut und Brand, wie Schnee und übertriebene Schminke.

Tulpen! Auf ganz kurzen festen Stengeln, kerzen­gerade, standen sie da, ziemlich gedrängt, Blumen-Regimenter, unerhört rote, unerhört weiße im Morgen­sonnenlichte, und ganz oben, als Gipfel des Farben­berges, geflammte, wie Blumen gewordene Fackeln. Sie dufteten gleichsam von Farbe, Farben-Vanille, Farben-Jasmin, erzeugten Migräne durch die Augen. Farbe gewordene Düfte!

Er setzte sich dem Tulpenbeete gegenüber, welches unerhörte Pracht ausströmte, Extrakt von Prächten, und welches man, obzwar es einem nicht gehörte, ganz und leidenschaftlich genießen durfte.

Um das Tulpenbeet herum standen Greise in schwarzen langen Röcken, junge Damen in weißen Kleidern, Kinder und Militär, eine Theater-Elevin und Studenten mit kleinen Heften.

Alle begatteten sich gleichsam mit den Tulpen, genossen sie ohne Rest, sogen sie ein in sich, be­rauschten sich, vergaßen die Pflichten und ver­sanken – – –.

Eine Bonne sagte: "Des tulipes, mes enfants –." Damit war alles gesagt.

Die Theater-Elevin jedoch machte ein verklärtes Gesicht: Denn es gehörte zu ihrem Berufe.

Er aber saß da, ausgepumpt, genussunfähig, directement greisenhaft, hatte Kopfschmerzen, fühlte: "Die Hand ausstrecken – – – eins! Deinen Hals fassen – – – zwei! Zupressen – – – drei!" Dann dachte er: "Verlegt ihr uns vielleicht nicht die Atemwege?! Nun also! Tulpen darf man lieben. Krepiere! Tulpen darf man lieben. Darf?! Tulpen muss man lieben! Sie sind! Rot, weiß, flambant – – – und fertig. Nicht nur von meines Herzens Gnaden sind sie! Sondern rot, weiß, flambant für alle Menschen. Jedoch Cäcilia ist von meines Herzens Gnade! Nein, keine dichterischen Worte, bitte, sie sind zu dünn, vermögen nicht zu heilen. Aber Worte gibt es wie Steinwürfe und geschleuderte Biergläser, die entlasten, bloß wenn man sie denkt und so gewaltsam ausspricht:,Dich massakrieren, massakrieren, masss – sssa – krrri – rrren!!' Wie komme ich zu dieser Unruhe, die mich treibt?! Wie ein Morphinist, dem man sein Spritzchen entzogen hätte! Aller Dinge wäre er fähig. Gleichsam 'außer' sich! Weib, ihr seid ,innere Mörder'! Darf das Gesetz des Staates psychologisch sein?! Ich aber darf es sein! Ich richte! Ich! Mein eigener Staat!! Carmen – Cäcilia!"

Er saß da, sah das Tulpenbeet im Morgensonnenlichte, unerhört weiß, unerhört rot, unerhört flambant. Und an die glücklichen dicken Holländer dachte er von anno dazumal, welche ihre gesamte Liebe und Freundschaft, Zärtlichkeit und Sorge den Tulpenzwiebeln geben konnten!

Heilige Ventile überschüssiger Seelen-Dampfkraft: Tulpenzwiebeln, Möpse, Kanarienvögel, Politik, Lite­ratur, Briefmarken, Münzen, Bicycle, Ansichtskarten, Bienenzucht und Poker!

Nur nicht das Einzige, das Wirkliche – – das Weib! Das Wirkliche vernichtet!! Hier gibt es keinen Selbstbetrug! Es ist, es wirkt! Die anderen Empfindungen jedoch sind unseres Wahnsinns Knechte. Nur Weibesliebe ist unseres Wahnsinns Herrin! Hier erstirbt unser Lächeln über uns selbst und unsere Heiligtümer, und wir stehn geblendet vor der ernsten Wahrheit unserer Sehnsuchten! Hier gibt es keinen Selbstbetrug! Es ist! Es wirkt!

Diese verschiedenen Gedankelchen brachten ihm Er­leichterung, zerteilten diese kompakte feindliche Masse "Cäcilia", bohrten philosophische Sprenglöcher aus, krach!

Dann ging er in ein Blumengeschäft, sandte an die Dame einen Strauß von Tulpen, welche Schönheit gaben ohne Complications.

Abends sagte sie zu ihm: "Tulpen?! Schon wieder ein Blödsinn, eine Ungeschicklichkeit. Was ist an Tulpen?!"

"An Tulpen ist", sagte er, "dass man ihnen den Hals umdrehen kann, ohne ins Kriminal zu kommen!"

Das Volk fühlt nicht immer ganz sozialdemokratisch

"Sie, Fiaker, wissen Sie mir kein Tschecherl, das noch geöffnet wäre?!?"

"I wisset schon eins, gnä' Herr, aber da sind halt zu mindere Leute drin."

"Sie, mein Lieber, bei mir gibt es keine minderen Leute und keine besseren Leute, verstehen Sie mich?! Alle sind gleich!"

"Ah, gleich wären s' schon, aber die Ausdünstung is anders!"

Obsthändler: "Wir haben aber auch Obst für die ganz feinen Leute!"

"Was sind denn das, die ganz feinen Leute?!?"

"Die ganz feinen Leute, das sind die, die das ganz feine Obst kaufen!"

Die Liebe
Durst

Dürstender, wie töricht bist Du, der Du mit dem unheiligen Trunke Dir Deines Dürstens heiliges Feuer selber verlöschest!?!

Ein Bildnis

Roma.

Basilica Vaticana.

Melozzo da Forli: Un Angelo che suona il Violino.

Ein Engel mit seiner Violine – – – ein wirkliches Liebespaar!

Was der eine fühlt, tönt der andere!

Ritterlichkeit

Bauernbursche, ein entzückendes Mäderl vom Tanze zu ihrem Platze geleitend:

"Sie, Fräulein, Ihnen tät' i's!"

Neu-Romantik

Heinrich Frauenlob, Walter von der Vogelweide, Hölty, Hölderlin, wo weilet ihr?!?

Sind eure Sammet-Wamse von den Schaben zerstückelt, hat eure Locken der Sturm zerzaust?!

Hier stehe ich, Siebzehnjährige, nachts auf dem Balkone der Land-Villa, in offenem Nachtgewande, bereit, meinen Haarkamm hinabfallen zu lassen, dass ihr ihn an eure Lippen drücktet und voll innerer Gesänge dahinwandeltet in die dunklen Straßen –!

Wo seid ihr?!? Träumerische?! Von uns Träumende!?

*

Meine Herren, ich tanzte heute nachmittags auf der Wiese im alten melancholischen Herzogs-Parke, hielt mein Kleid mit beiden Händen und tanzte –.

Werden Sie, bitte, davon träumen heute nachts, dass ich auf der Wiese im alten melancholischen Herzogs-Parke tanzte und mein Kleid mit beiden Händen hielt?!?

Will niemand heute nachts davon träumen?!?

Träumet, träumet doch davon! Traumlose!

*

Höret, ihr Herren! Ich tanzte heute nachmittags auf der Wiese im alten melancholischen Herzogs-Parke, splitternackt; und ich hielt kein Kleid mit beiden Händen, denn ich hatte keines an und war nackt!

Träumet davon! Traumlose!

*

Ah, Verdammte, höret! Ich saß in meiner Stube, spielte und sang Grieg-Lieder. Da kam der große Hund des jungen Grafen, kroch unter das Klavier, unter mein Kleid und leckte meine Knie – – –.

Träumet davon!

*

Elender, Elender! Da hast du mich ganz, ganz –!

Aber träume davon! Träume davon, ich flehe dich an, wenigstens heute und morgen nachts!

*

Aber er träumte nicht davon, sondern schlief fest und tief wie ein sattes Tier – – –.

Marionetten-Theater

Der alte Herr kam mit der vierjährigen Enkelin Rosita aus dem Puppentheater.

Er war krebsrot. Dazu die weißen Haare, wirklich Frühling im Winter.

"Wer das nicht gesehen hat – – –!", sagte er und blickte ganz schief auf Rosita.

"Ich wäre gerne mitgegangen, natürlich", sagte die junge blasse Mama, welche den Erdäpfel-Salat für Rosita mit Essig anmachte und die beiden gelben Fläschchen gegen das Licht der Lampe hielt, um sich nicht zu irren. Niemand in der Welt kennt Öl und Essig auseinander. Immer sagt einer: "Nun, was glaubst du, dies ist natürlich Essig." "Dieses?! Keine Spur", erwidert man.

"Sehr gerne wäre ich mitgegangen. Selbstverständ­lich. Aber du mit Rosie, ein Liebespaar! Und diese Exaltationen! Erzähle übrigens, Rosita."

"Ich war in einem Theater – – –."

"Nun und – – –?!"

"Und ich war in einem Theater!"

"Wenn du dumm bist – – –?!"

Peter A. erwiderte der Dame: ",Ich war in einem Theater!' Alles liegt darin. Braucht man mehr zu sagen?! Wie ein Genie drückt sie sich aus. Süße! Feine! Zarte! Mehr braucht man nicht zu sagen: ,Ich war in einem Theater!'"

"Gehe zu deinem Peter, der versteht dich", sagte die Dame glücklich und stolz, und ließ das Kind von ihrem Schoße herab. Dann schnitt sie das Fleisch für Rosita in kleine Stücke. "Willst du Erdäpfel-Salat oder grüne Erbsen?!"

"Zuerst Salat – – –."

"Hat sie nicht hinaus wollen?!", fragte die Dame. "Nein", erwiderte der alte Herr, "wir haben alles früher besorgt."

Die Dame saß da, die Arme hingen gleichsam welk herab. Sie dachte: "Ich habe ihn heute Nachmittag wiedergesehen, den Feind meines Lebens, Edgar! Oh, welcher Feind ist es. So muss Absinth wirken. Er zer­stört mein Nervensystem. Wie eine fixe Idee der Seele ist es. Ein Symptom von Zerrüttungen. Statt frei zu sein, gebunden! Das ist es. An mein Leben schleicht er heran und knebelt es. Ich hätte mitgehen sollen mit meinem Kinde – – –."

Der Großvater saß da, krebsrot: "Wer Rosie heute nicht gesehen hat – – –!? Schön dumm bist du, Hanny. Immer Besorgungen, Wege – – –."

Der alte Herr war ganz voll von Liebe, angetrunken mit Liebe, welche ihm Jugend gab und namenloses Glück, Vergessen. Wie einer war er, der Laute schlägt vor der schönen wundervollen Welt, in welcher viele krause Schicksale sind, die sich entwirren können bei einem Frühlings-Hauche. Er fühlte: "Meine Tochter ist mäßig verheiratet, immer präokkupiert, bedenklich in allem. Was macht es?! Rosita kam auf die Welt!!"

Rosie saß auf Herrn Peters Schoße. Er küsste sanft ihre goldenen Haare.

"Eljén!", rief sie und trank ihm zu.

"Wer macht es denn immer so?!", sagte die Dame. "Der da!", sagte Rosita und zeigte auf den alten Herrn.

"Liebe, Süße, Zarteste – – –", sagte Herr Peter und drückte sie sanft an sich.

"Hast du schon dem Großpapa gedankt?!", fragte die Dame gereizt, "gewiss nicht!?"

"Ja, ich habe – – –. Nein, ich habe noch nicht."

Herr Peter küsste ihre seidenen Haare. Er fühlte: "Wem braucht sie zu danken?! Wir müssen ihre Händchen mit Küssen bedecken, weil sie uns gibt und gibt und gibt. Ganz krebsrot ist der alte Herr vor Geschenken, und ich selbst bin warm in meinem Herzen."

Der alte Herr fühlte: "Sich bedanken?! O Gott."

"Gehe hin, bedanke dich", sagte die Dame, welche vom Feinde ihres Lebens besessen war wie vom Teufel und zu keiner Raison kommen konnte. "Eine Jugendliebe", nennen es die Unbeteiligten, "etwas von damals". Aber den Beteiligten frisst es sich hinein wie ein Borkenkäfer, gräbt Gänge in das Mark, unterminiert, bringt innerlich zu Falle. Frei ist man keinesfalls. Bedrängt von sich selbst.

"Bedanke dich, nun, wird es?!"

Diese Worte "bedanke dich, bedanke dich, bedanke dich – – –" waren wie Schüsse in den Frieden. Hole der Teufel das "bedanke dich". Wie ein Gespenst stellt es sich auf. Gar keinen Inhalt hat es. Knöchern. Immer diese Lüge "bedanke dich". Alle bringt es in Verlegenheit.

"Kusch!", sagte Herr Peter innerlich, "so halte doch dein Maul!"

Zu Rosita sagte er: "Sage es ihm ins Ohr, ganz leise."

"Großpapa, ich muss dir etwas ins Ohr sagen."

Der alte Herr hörte nur: "bs bs bs bs bs – – –."

Er war ganz verlegen. Außerdem kitzelte es ihn. Von Dankesworten keine Spur.

Die Mama sagte: "Das ist eine Raffinierte. Ich weiß nicht, wie es werden wird. Immer nehmen und nehmen und nehmen. Wer wird es sich gefallen lassen?!"

"Die alten Herren und die Dichter!", erwiderte Herr Peter und drückte das geliebte Geschöpfchen sanft an sich. Dann sagte er hart und aggressiv: "Die Reichen überhaupt! Die, die nicht mehr betteln am Wege des Lebens, die Vollen, die, die Wärme aufgespeichert haben und ausstrahlen können wie die Sonne, die Un­abhängigen der Seele, die, die nicht mehr greinen um Liebe wie kleine Kinder um Milch und Ruhe, die Großen und Reichen, welche in der Lage sind, auf das armselige Nehmen verzichten zu können, die Könige, jawohl, die Könige, welche vom Geben leben! Siehe, krebsrot sind wir vor Liebe!!"

Die junge Frau dachte: "Alt oder verrückt muss man sein. Wir aber sind zu jung geblieben. Was können wir dafür?! Säfte saugen wir noch ein wie ein Sommer­bäumchen. Die Natur berauben wir, um zu sein. Und übrigens, die Erde hat auch noch einen heißen Kern, und die Rauchfänge desselben verschütten manchmal blühende Ortschaften. Nicht?! Feind meines Lebens, Brand meiner Seele, Edgar, Geliebter, in Jugend hältst du mich, lässt mich nicht altern!"

Alle saßen schweigend.

"Rosie, sei nicht ungezogen. Du wirst Herrn Peter zu schwer werden. überhaupt gehe schlafen. Ich glaube, es war ein schöner Tag für dich."

"Wo warst du heute?!", fragte Herr Peter. "Ich war in einem Theater!"

"Wo warst du?!", sagte er, denn er wollte es hunderttausendmal hören.

"In einem Theater war ich!"

"Gute Nacht, mein süßes Leben", sagte der Krebs­rote mit den weißen Haaren und war ganz weg.

Rosie zog sich bei offenen Türen aus, stand splitter­nackt, zog das Nachthemd an, legte sich in ihr Bett­chen, schlief gleich ein. Alle saßen schweigend. Die Arme der jungen Frau hingen herab wie welk.

Peter A. fühlte: "Leben, ich verneige mich vor dir! Zwei Augen, zwei Ohren besitze ich, ich Kaiser!"

Der alte Herr saß krebsrot da. Er sagte: "Nein, wer heute dieses Kind nicht gesehen hat – – –!?"

Die Dame fühlte: "Feindseliger meines Lebens, Edgar! Mit dir hätte ich Rosita zeugen sollen! Mit dir, verstehst du mich?! Gerade mit dir!"

Sie sagte: "Was würde aus Rosita bei euch beiden werden?! Gut, dass wir bald abreisen. Diese Veränderungen. Von einer Hand in die andere. Für Kinder ist es nichts. Sie débauchieren."

Die beiden Herren waren verlegen wie Schulknaben.

Herr Peter blickte die junge Frau an: "Friedelose! Woran gehst du vorüber?! Immer strenge und gemessen. Nie eine Kapriole." Dann nahm er den kleinen silbernen Löffel, welcher die Ehre gehabt hatte, sich in Rosies Munde befunden zu haben und drückte ihn an seine Lippen.

Der Großvater wurde ganz verlegen. Jeder versteht nur seine eigene Poesie. Die junge Frau lächelte glücklich: "Wirklich, ein Narr sind Sie. Wie Sie möchte ich sein, Herr Peter, eine freie Seele im Raume!"

Rosie träumte im Nebenzimmer: "Ohohoho! In einem Theater war ich!"

Die alte Kinderfrau dachte: "Unruhig schläft sie. Lauter unnötige Dinge. Die schleppen sie ins Theater, um eine Hetz zu haben. Kinder brauchen Ordnung. Unsere Frau ist gescheit, nicht so verrückt. Wer hat die Plage davon?! Ich."

Der "Fliegende Holländer"

(Gewidmet denen, die es sind!)

Wie Senta im "Fliegenden Holländer" sind alle Frauenseelen. über ihren Türen ist das Bild gemalt des "Fliegenden Holländers", dieses organische und unentrinnbare Bedürfnis ihrer romantischen und kindlichen Seelen.

In einen weiten dunklen Mantel gehüllt, wie mit den Weltenschwingen angetan, sehen sie ihn, mit seinen rätselvollen Augen und seinem Schicksale des ewig Wandernden. Einen suchen sie, der ewig sich bewegt und Ruhe sucht im Weibe!

über den weißen Türen ihrer kindlichen Schlafgemächer hängt dieses Bild, über den braunen Türen mit Goldleisten ihrer Salons, über den gelben Türen ihrer Landvillen, über den dunklen Toren ihres Lebens!

Nie öffnet sich die Türe. Nie erscheint er.

Aber siehe!

Hingegen steht einer da, des Morgens, in langen weißen leinwandenen Beinkleidern mit Zugbändern, taucht das Zahnbürstchen in Pasta Boutemard (Doktor Suin de Boutemard), gurgelt, wählt unter verschiedenen Halsbinden eine geeignete aus, befestigt goldene Knöpfchen in dem Hemde – – –. Fertig!

Senta sitzt aufrecht, an den weißen Kopfpolster angelehnt, in ihrem breiten Bette und betrachtet. Wohin lauscht sie?!

"Um mich zu erlösen, musst du für mich in den Tod gehn – – –."

"Ich bin bereit, Herr!"

"Natürlich, es ist schon wieder kein Spiritus in der kleinen Brennmaschine für den Schnurrbart. Sie, Marie – – jedes Mal und jedes Mal – –. Was glauben Sie eigentlich?!"

Drei Löffel Tee, ziemlich gehäuft, in die Teekanne. Noch einen halben Löffel. Fertig!

Senta lauscht – – –:

"Ich muss ewig wandern – – –."

Dann geht er in die Kanzlei, Kleine Brunngasse 7, 1. Stock, und bleibt bis zwei.

über allen Türen ihrer Wohnungen ist das Bild des "Fliegenden Holländers", über den Türen des Schlaf­gemaches, des Speisezimmers, des Salons; wenn sie vom Spaziergange nach Hause kommen, über der lackierten Türe im Stiegengange. Und über den Türen ihres Landhauses, wo es kühl ist an Sommertagen.

In einen weiten dunklen Mantel gehüllt steht er da, wie mit den Weltenschwingen angetan, mit seinen rätselhaften Augen und seinem Schicksale des ewig Wandernden …

Auf und zu gehen alle diese Türen, auf und zu, bald laut, bald leise.

Nie kommt Er – – –!

Hausball

Sie war gar nicht auf dem Balle.

"Gnädige Frau, warum ist Maud nicht da?!"

"Die arme Maud ist krank – –."

Der junge Mann trank Chartreuse verte et jaune, rauchte, stand herum, spielte Bézigue und verlor hundert Kronen wie nichts.

Weil Maud nicht da war – – –.

Also war sie doch da!

Lokale Chronik

Er las im Café diese Notiz aus dem "Extrablatt" vom 21. November:

Ein verschwundenes Mädchen.

Das junge Mädchen, welches das vorstehende Bild zeigt, ist die fünfzehnjährige Bahnbeamtenstochter Johanna H. Dieselbe sollte am verflossenen Sonntag Mittag sich in die Klavierstunde begeben, traf aber dort nicht ein und ist seitdem verschollen. Dieselbe hat rotblonde Haare, braune Augen, eine zarte Gestalt. Die unglücklichen Eltern etc. etc.

Dieses junge Mädchen begann er zu lieben, von ganzer Seele … Sie verwandelte sich in das "gehetzte Reh", er sah die "brechenden Augen". überhaupt, sie entsprach seinem Ideale. Denn erstens hatte sie rotgoldene Haare (er erlaubte sich aus rotblonden rotgoldene zu machen), braune Augen (die beließ er natürlich), eine zarte Gestalt …

Und zweitens wusste man nicht mehr von ihr als dieses, nichts, nichts, als dass sie rotgoldene Haare hatte, braune Augen, und verschollen war, weg, verschwunden …!

Deshalb konnte seine Phantasie …

Aber sie war ja wirklich wunderschön, nicht, nach dem Bilde …?! Und so jung und verschwunden …!

Er begann sie zu lieben, von ganzer Seele …

Er konnte der Dame, die sich für ihn opferte im "realen Leben", sagen: "Ah …, du mit deinen …", oder: "Ich bitte dich, Herrgott, mach' mich nicht nervös …", oder: "Genug, still, ganz still … na!"

Aber dieser Verschwundenen wäre er zu Füßen ge­sunken, hätte ihr die nassen Schuhe, Strümpfe aus­gezogen, hätte die Zitternde in sein Bett getragen, das Plumeau bis an den Hals gelegt, hätte ein gutes Holz­feuer angemacht, Tee gekocht und gewacht, ge­wacht …

Oder er hätte wie ein junger Priester gesagt: "Johanna …!" Oder er hätte … nein, das hätte er nicht!

Im Café sagte jemand: "Eine Strabanzerin, voilà. tout …"

Er fühlte, dass er sich ziemlich lächerlich machen würde, wenn er eintreten würde für …

Aber angenehm war es ihm nicht, dieses Wort, und er hätte gerne gesagt: "Herr …! Mit rotgoldenen Haaren …?!"

Ja, solche Argumente hat die Liebe …

Immer dachte er an dieses erste Wort "Fräulein", das der Verführer zu ihr gesprochen hatte. Ja, das musste er gesprochen haben. "Fräulein …!" Und ein ganzes Leben war bereits zerpatscht wie die Fliege unter der Pracke. Ich brauche nicht zu sagen, wie er es sich weiter vorstellte, man kennt das. Aber so stellte er es sich vor: Sie geht langsam mit ihren langen zarten Beinen, ihrer goldenen Flut, in Zöpfe gedeicht, hat den "Mechanismus des Lebens" in der kindischen Seele. Punkt zwölf Klavierstunde, Punkt eins etwas anderes, Punkt zwei, Punkt sieben, Punkt neun! Plötzlich bewirkt einer eine ungeheure Umwälzung und sagt "Fräulein". Alle Punkte stürzen untereinander und die Seele wird ein Organismus. Damit ist alles gesagt. Sie beginnt zu atmen, ein Leben für sich!

Aber was weiß dieser gemeine Zauberer?! Er denkt: "Schöne Beine hat sie … ich nehme sie mir."

"Ich kann nicht, mein Herr … Punkt zwölf ist Klavierstunde …!"

"Nun, Punkt eins …" "Punkt …", sagt der Verführer, "kommen Sie bestimmt!"

Eine neue Stundeneinteilung ganz einfach, ein Studienplan des Lebens …!

Punkt neun träumt sie in ihrem Bettchen: "Jemand hat gesagt 'Fräulein'. Und andere Sachen …"

Jemand?! Der Mann ist es, das männliche Geschlecht, das ganze Männertum! Die Welt "Mann" hat sich verbeugt, Reverenz gemacht, den Hut tief abgezogen vor dieser Welt "Weib" … Der Minotaurus "Mann" hat eine Jungfrau verschlungen!

Jedesfalls träumte sie: "Punkt eins …!"

Ah, dieser gemeine Zauberer! Wer war es?! Ein Roué natürlich. Der junge Mann im Café liebte sie bereits von ganzer Seele, deshalb dachte er: "Ein Roué …" Dieses Wort tat ihm wohl, nicht nur, weil es französisch war und so vieles besagte. Aber da fühlte er sich schon wie der "Retter aus den Tiefen menschlicher Verworfenheit", als der, vor dessen reiner Stirne … Wie hätte er denn sonst strenge und wehmütig zugleich sagen können: "Johanna …!", wenn nämlich, in einem gewissen Falle, aber das sind nur Träume … Aber warum soll man nicht träumen?! Ja, dieses eine Wort "Johanna!" musste eine zweite ungeheure Umwälzung hervorbringen, die Stunden­einteilung regulieren, die Seele auf ein Neues richten, ein Reineres, wenn sie schon, ach allzu früh, aus dem "kindlichen Schlafe" gerüttelt war …

Nun, so kindisch war er nicht, solche Phantas­magorien sich auszudenken, höchstens unter der Schwelle des Bewusstseins, wie sich die Modernen aus­drücken. Aber oberhalb der Schwelle liebte er sie schwärmerisch und in die Welt hinein, wie einst als Knabe die kleine Camille aus "Les petites filles modèles", Bibliothèque rose. Denn als Camille dort, in Tränen aufgelöst, sagte: "Oh maman …", und Madame des Renaud sich zum gehen wandte, rief Madelaine: "Je l'ai fait, moi maman, oh oui, cer­tainement …". Und obzwar es Madelaine gar nicht getan hatte, sondern sich opferte, hatte er nur ein seliges, unbeschreiblich seliges Gefühl in seinem kleinen Herzen: "Camille wird nicht gestraft werden …! Oh, Madelaine, bringe dich zum Opfer!"

Aber wer war denn Camille?! Eine Erfindung der Madame de Ségur, née Rostopschine, Bibliothèque rose.

So liebte er jetzt die Verschollene vom "Extrablatt", beklagte tief ihr Schicksal. "Fünfzehn Jahre …", fühlte er, "und diese schönen Farben, goldblond und braun, von den schneeweißen gar nicht zu reden …"

Aber an die schneeweißen dachte er: "Glieder wie frisch gefallener Schnee …"

In ihm sang es: "Eine geknickte Blume Gottes, ein zertretenes Frühlingsglöckchen!"

Er kaufte das "Extrablatt", obzwar es im Café siebenmal auflag.

"Wie zart sie ist, o Gott . ..", dachte er. "Das kleine Kreuz am Halse, die geschreckten Augen!" Alles betrachtete er.

"Wollen Sie sich Finderlohn verdienen …?!", sagte der Markör, welcher ziemlich naseweis war.

"Aber unbeschädigt muss das Objekt sein …", sagte ein anderer.

Und alle lachten.

Er aber träumte: "Am Weiher, am grauen Weiher steht sie vielleicht, stützt das Kinn in die Hand, hält mit der anderen den Ellbogen, und das Wort "Fräulein" fliegt wie eine Wildente vor ihr auf und in den kalten Nebel hinein … Die Sonne glotzt blutigrot oder es ist schon schwarz und sie erfriert mir …

Ich gehe nachts, da, dort, wo die Großstadt in "ländliche Ebene" abfließt, abtropft, sehe ein Kind …

Ich sage: "Johanna …!"

Ganz gewöhnlich sage ich das. Wie wenn man sagte: "Reiche mir das Brot über den Tisch" oder "bitte, zünde die Lampe an".

Sie steht auf, kommt zu mir. Wie schön sie ist! Ich denke an "Ihn", den All-Erbarmer, lege meine Hand sanft auf ihren Kopf, sage: "Johanna, Johanna …" und "Johanna …!!"

Still ist es. Der Wind weht übers Feld.

Sie sagt: "Wie spät ist es …?!"

"Johanna", sage ich, "wir werden alles zusammen bedenken, du bist ja ein gutes braves Mäderl ..?!" Sie drückt sich an mich an.

"Ja", sage ich stark, "du bist gut und brav, brav bist du . ..!"

Das war die heilige Beichte.

Ich habe es ihr abgenommen… Der Herr und Magdalena …!

Glaube ist fast schon Sein! Wenn ich an dich glaube, bist du!

Wie sie sich an mich andrückt …

"Ich glaube, dass du gut und brav bist, Johanna …!"

"Der Wind weht übers Feld und ich führe sie gen Morgen!"

So träumte der Träumer …

Mein lieber Leser, du denkst gewiss, den nächsten Tag käme in die Zeitung so eine desavouierende Notiz, eine, die dich umstimmte, aus allen Himmeln risse, so ein feiner Schriftsteller-Trick, das Heraustreiben von Gegensätzen, um paff zu machen, wie: "Die Affäre hat sich ziemlich unpoetisch gelöst, das ungeratene Kind …" Oder: "Die Betreffende wurde einer Zwangskorrektions-Anstalt …" Oder: "Jung verdorben …"

Nein, das Leben ist taktlos, übersieht die feinen Pointen …

Johanna H. blieb verschollen.

Der Wirbel des Großstadtmeeres hat sie verschluckt …

Immerhin wurde sie in ihrem kurzen Leben geliebt wie wenige! Denn nur von wenigen erfahren wir nichts Störenderes für unsere "holde Phantasie", als daß sie fünfzehn Jahre waren, goldblonde Haare, braune Augen hatten und verschollen sind, weg, ver­schwunden …!!

Gedichte an Ljuba
Das neue Kleid

"Kommen Sie morgen mich anschau'n in meinem neuen Kleid – – –!"

Ich aber war nicht dazu bereit.

Ich kam nicht dich anzuschau'n in deinem neuen Kleid.

Und es tat mir gar nicht leid.

Hättest du gesagt: "Morgen dürfen Sie meine Finger­spitzen berühren – – –",

ich hätte die Nacht schlaflos verbracht,

hätte bei Schnee und Wind an deinem Tore gewacht,

hätte nichts gegessen, nichts getrunken,

wäre vor Sehnsucht umgesunken.

O Gott, wir leben doch im lebendigen Leben,

können daher es nicht billiger geben!

Für leeren Ritterdienst bin ich zu alt,

für echten Liebesdienst bist du zu kalt!

Dein altes Kleid und dein neues Kleid

schaffen mir nur Herzeleid!

Ein jedes deine Schönheit barg

wie ein Sarg.

Hättest du zu mir gesagt: "Morgen dürfen Sie meine Fingerspitzen berühren – – –",

ich hätte die Nacht schlaflos verbracht,

hätte bei Schnee und Wind an deinem Tore gewacht,

hätte nichts gegessen, nichts getrunken,

wäre vor Sehnsucht umgesunken!

So aber warst du gnädig wie alle Frauen:

"Sie dürfen mich morgen im neuen Kleid erschauen!"

Da kam ich nicht.

Ich Wicht!

Ich dachte an deine geliebten Finger,

und von meiner Liebe nicht geringer,

trotzdem ich nicht kam, Lieblichste der Frauen,

dich im neuen Kleide anzuschauen!

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch

Und endlich stirbt die Sehnsucht doch – – –

wie Blüten sterben im Kellerloch,

die ewig auf ein bisschen Sonne warten.

Wie Tiere sterben, die man lieblos hält,

und alles Unbetreute in der Welt!

Man denkt nicht mehr: "Wo wird sie sein –?!?"

Ruhig erwacht man, ruhig schläft man ein.

Wie in verwehte Tugendtage blickst du zurück,

und irgendeiner sagt dir weise: "'s ist dein Glück!"

Da denkt man, dass es vielleicht wirklich so ist,

wundert sich still, dass man doch nicht froh ist!

La Zarina

A. L. und P. A. sahen sie zum ersten Male in dem Auslagekasten für Photographien am Kohlmarkt. Sie starrten schweigend das Vollkommene an, begannen sogleich alle Frauen zu hassen, die bisher in ihren Lebensweg getreten waren, und verachteten sich selbst, dass sie es hatten so billig geben können. La Zarina!

Ganz befreit von dem bisherigen entsetzlichen Lügedasein schritten sie nun dahin. Sie hatten das Voll­kommene erblickt, wussten nun endlich, woran sie waren.

Eines Nachts saßen sie im Café R. und starrten La Zarina an, die mit drei Adeligen Champagner trank und unbeschreiblich liebenswürdig sich ge­bärdete, direkt edelste Menschenfreundlichkeit über­allhin ausstrahlte. Als sie wegging, blieben sie wie berauscht zurück, hinweggetragen über das Alltäg­liche, also in einer anderen Sphäre!

Dann sahen sie sie nicht mehr wieder und lasen nur in den Zeitungen die Klischees von Reklamenotizen, da sie bei Ronacher Poses plastiques stellte. Sie gingen niemals hin. Sie fühlten: "In Kleidern, Süße, sahen wir dich bereits nackt, Vollkommene! Konzessionierte, zensurierte Nacktheit jedoch von drapfarbiger Seide Gnaden?!? Kleider sind Phantasie der Wahrheit. Doch seidenes Trikot ist Wahrheitsfälschung!"

Dann sah P. A. sie einmal noch weiß in weiß in einer Proszeniumsloge in einem Theater. Dies meldete er seinem Freunde. Dieser war ganz ergriffen und bewegt. Da saßen sie denn, tief bekümmert, beim Souper, erfüllt von Träumen und Begeisterung. Sie gaben infolge aller dieser Ereignisse ihren treuen süßen Freundinnen den Laufpass, schrieben kurzweg ab, infam, brutal: "Das Unzulängliche mordet uns …", schrieben sie, "adieu …!" Dann kauften sie ein großes Glücksschwein aus grünem Ton mit einer Spalte, warfen ein jeder eine Krone hinein, vorläufig.

Wenn La Zarina einst verarmen sollte und verkommen …!

Aber La Zarina verarmte und verkam nicht.

Immer jedoch sammelten die Freunde noch getrost. Drei grüne Glücksschweine aus Ton waren bereits angefüllt mit silbernen Kronenstücken. Es war der heilige Schatz für die sicher einst verlassene, enttäuschte und zerpflückte süße La Zarina. Es waren 70 Kronen vorhanden für Schicksals unberechenbare Wege!

Aber La Zarina erhielt einen Millionär, wurde nicht zerpflückt, stieg höher, höher, wurde sogar geheiratet.

Da feierten denn endlich eines Nachts die beiden Freunde ganz in der Stille ein Fest zu Ehren der Dame, die ihrer niemals bedurft hatte. Den ganzen silbernen Inhalt der drei Glücksschweine vertranken sie in Veuve Clicquot. Bei jeder Flasche sagten sie nur sanft und leise: "La Zarina!" und erhoben sich von ihren Sitzen.

Schließlich waren sie ganz betrunken und hielten es für einen ganz passenden Abschluss dieses Liebesabenteuers, ja sogar in jeder Beziehung für den passendsten. Zum Schlusse schrieben sie natürlich eine Ansichtskarte an La Zarina, mit einem Texte, den sie bereits für die Chantant-Kaiserinnen Othérô, Cléo, Billie Burke, Elise de Vère, Minnie Ashley und Mage Lorrison-Osborne verwendet hatten.

Der Text dieser Karte lautete: "Es ist nicht wahr, dass Gott die Menschen nach seinem Ebenbilde schuf! In dieser Weise schuf er einen einzigen Menschen … La Zarina!"

Da sie die Adresse nicht kannten, schrieben sie in idealer Zuversichtlichkeit:

"An La Zarina in Europa."

"La Zarina in Europa …", sangen sie laut durch die stillen Straßen auf dem Heimwege. Die Passanten blieben stehen und sagten: "Halt's Maul!"

Ganz kleine Sachen
Traurigkeit

Weinet, sanfte Mädchen – – –!

Solange ihr weinet, tragt ihr im traurigen Herzen die Welt!

Weinet, sanfte Mädchen – – –!

Haltet vor das bebende Antlitz die Hände – – –

Wenn ihr sie lächelnd senkt,

ist es zu Ende!

Hoffnung

Was erhoffst du dir, Mädchen, noch?!?

Da du, geschlossene Blüte, alles Lebendige in dir birgst?!?

Bleibe verschlossenes Blühn, o Mädchen –--!

Denn die gewöhnliche Tat des Seins

mordet dein göttliches Ungeschehnis!

Der Dichter

Wer mich versteht, versteht sich selbst!

Denn siehe, ich bin nur euer tönend gewordenes stummes Herz selber!

Ideale

Sich fortpflanzen?!?

Zeuge doch lieber den, der du selbst nicht hast werden können!

Welten-Seele

Pflanze und Genie besitzen die Erdkraft, von überall, aus der zufälligen Umgebung, die für sie dienlichen Nährsalze zu ziehen – –

Die Mittelglieder "Tier" und "Mensch" jedoch sind angewiesen, einer bestimmten Nahrung mühselig nachzupürschen – – –.

Das nennen sie dann "ihren Idealen nachjagen"!?

Ehebruch

Aluminium hat eine so unentrinnbare Leidenschaft zu Sauerstoff, dass es denselben selbst aus so zähen Verbindungen wie mit dem Chrom zu reißen imstande ist und ihn für sich gewinnt!!

Sapientia

Unergründliche Natur! Die du à tout prix deine Zwecke zu erreichen strebst!

10.000 Kilometer weit zieht das Heringmännchen an die Küste aus dem unendlichen Ozeane, um das Weibchen zu befruchten!

In das Gehirn des Heringmännchens legte die vorsorgliche Weisheit der Natur diesen Gedanken, an die ferne Küste zu ziehen zu dem Liebe-strotzenden Weibchen!

Sie sorgt eben für die Erhaltung – – – der Hering-Rasse!!

Petrarcas Seele entflammte sich zu einem ewigen Feuer an dem Antlitz einer Dame, welche er ein einziges Mal im Leben sah, an einem Altare kniend! Niemals zog er an die Küste, zu ihr!

Aus Fernen, aus Seelentiefen, gleich dem Ozeane, liebte er sie, und dreißig Jahre lang blieb er "in ihrer Ferne"!

Und ohne seinen Körper befruchtet zu sehen, lebte dieses Weibchen selig in dieser unfruchtbaren Liebe dahin!

O unergründliche Weisheit der Natur, die du á tout prix deine Zwecke zu erreichen strebst!!

Du sorgst für die Erhaltung der Petrarca-Rasse!!

Denn mit dieser Dame zeugte er so aus Fernen seine Kinder, die Liebeslieder!

Gespräch

"Giwril, mein Freund, du bist mein Folterknecht! Wenn ich mit dir zusammenkomme, esse ich vierundzwanzig Stunden lang absolut nichts, trinke nur Eau de Cologne-Wasser. Damit ich die Sicherheit eines idealen Atems habe!"

"Habe ich es verlangt, gewünscht?!"

"Nein, aber auf deinem bleichen Antlitz liegt die maladie de l'idéal!"

"Maladie?!"

" Maladie! Denn die Gesundheit in uns wäre, die Kraft zu haben, die Unzulänglichkeiten ertragen zu können! Wie die starke Lunge selbst Miasmen ertrüge, während die schwächliche daran krank wird!"

"Nein, meine süße Freundin, Märtyrerin meiner Liebe! Die Gesundheit ist, die Zulänglichkeiten rastlos zu ersehnen, zu erstreben! An Unzulänglichkeiten erkranken und zugrunde gehen, ist die Gesundheit einer Seele, die als Kranke zu leben zu gesund ist!!"

Puvis de Chavannes und P. A.

Puvis: "Si tu mets une image sur une muraille, qu'elle ne peut pas digérer, cette muraille vomira cette image!"

P. A.: "Si tu mets une âme d'homme sur une âme de femme, qu'elle ne peut pas digérer, cette âme de femme vomira cette âme d'homme!"

Die Hände

Einst sagte ich: "He, eine Dame, die meine Neigung erringen soll, müsste mindestens so schöne Hände haben, als meine Füße schön sind!" Endlich fand ich eine solche. Aber es war eine siamesische Prinzessin in Bangkok, aus einer englischen illustrierten Zeitung.

"Warum lässt du dir dieses Bild einrahmen?!", sagte meine Geliebte zu mir. "Dieses Chinesengesicht?!"

"So – – –", sagte ich und betrachtete die Tatzen meiner Angebeteten, welche für mich zu sterben jeden Augenblick bereit war!

So lieben Sklavinnen!

Was ist denn das mit dieser gewissen Frauenliebe?! Wie häufig sagt man: "Der?! Oh, es ist völlig aus­geschlossen!" Nun, gerade dieser wurde geliebt! Nicht uns lieben sie, sie lieben unsere Liebe! Dass wir sie lieben, lieben sie! Sie brauchen das, wie die Lunge Sauerstoff, die dürre Erde Regen! Und wenn es nur eine alte Kröte wäre, die um sie traurig würde, sich zurückzöge aus dem amüsanten Sumpfe, ohne Gesang irgendwo hockte und wartete, bis die Dame vorüberkäme, so lebte diese von dieser Kröten-Liebe!

Dass wir sie lieben, lieben sie an uns!

Ihr aber fragt: "Was ist an ihm?!"

Er, was ist er?! Was braucht er zu sein?! Ein Harrender ist er, ein Harrender!! Sein Harren liebt sie, träumt sein Harren; denn harrend lebte sie, dass einer harre! Und wenn sie ihn erblickt, fühlt sie nur eins: "Er harrte!"

Das ist an ihm!

La vie

Ich saß einmal mit zwei Gefallenen. Die eine alt, fertig, zerpatscht vom Leben wie die Fliege unter der Pracke. Die andere jung, blühend. Die Alte war un­geheuer lustig und die Junge ungeheuer traurig. Da sagte ich zu der Alten: "Du, wieso ist es?!?"

Da sagte die Alte: "Du, die hat's noch nicht nötig, lustig zu sein – – –!"

Die Gefallene und der Dichter

"Geh', schau', du, komm mit mir! Beim Hirn kannst du dir's ja doch nicht herausschwitzen –?!" Der Dichter: "Ich ja!!!"

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Возрастное ограничение:
18+
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412 стр. 5 иллюстраций
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9783843800204
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