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Paul Stefan Wolff
Einzelbilder werden zum Mosaik
(12 liebe und witzige Kurzgeschichten ergeben einen Liebesroman)
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Inhaltsverzeichnis
Titel
(1) Das Wunder in der Fürther Straße
(2) Hannah
(3) Dürer, die Socken und das Provinzieren
(4) Gozo
(5) Von Rosen und Kartoffeln
(6) Die These
(7) Der Ball hinter dem Tresen
(8) Nur eine kurze Geschichte
(9) Verschwende dein Leben
(10) Vier Weihnachtsfeiern
(11) Rezept zum Glücklichsein
(12) Die Hochzeitszerstörerin
Impressum neobooks
(1) Das Wunder in der Fürther Straße
Ein Liebesroman, humorig oder nicht, sollte mit einer lieben Geschichte beginnen...
Es gibt so viele Wunder auf dieser Welt. Es kommt nur darauf an, sie zu sehen.
Es war wie an dem Tag, als ich mit Ohrhörer und einem Musikplayer spazieren gegangen war und dann kam mir eine Frau entgegen, und sie hatte auch Kopfhörer in den Ohren. Und dann auf einmal fängt sie halblaut an, ein Lied zu singen, dass ich auch gehört habe. Und zwar genau an der gleichen Stelle. Ich stutzte und blieb stehen und hörte genau hin. Und sie blieb auch stehen und sah mich an und sie lächelte, nein, nicht einfach lächeln, sie schenkte mir das umwerfendste Lächeln des noch jungen Jahres im Singen und ging hoch, weil sie offenbar vor ihrer Haustür angekommen war und ging hoch und für mich ist das wie ein Wunder. Ich habe mich nicht getraut, sie anzusprechen, war sowieso auf dem Weg in ein schnuckliges kleines Restaurant.
Was diese Begebenheit angeht, so wird sich sicher einer finden der sagt, das ist kein Wunder. Ich hatte nämlich einen Radioempfangsgerät und sie vielleicht auch hörte den gleichen Sender wie die Frau, die gesungen hat. Aber für mich ist das ein Wunder.
In dieses Restaurant kam ich immer von meiner Arbeit bei der Programmierung. Was ist öder, als die Steuererklärung zu machen? Nun? Es ist die Programmierung für die Steuererklärung! Das ist mein Job. Ich programmiere Computer für Steuersoftware. Den ganzen Tag habe ich dieses Logo der Firma vor mir. Und ich kann es nicht mehr sehen.
Wenn ich einen Job in der Schreibgeräteindustrie hätte! Ein Freund entwickelt da Schreibgeräte. Das wäre mal ein interessanter Job, Schreibgeräte zu entwickeln für Liebende, die sich Briefe schreiben. Oder wenn ich Kindersitz-Verkäufer wäre. Kinder in die Sitze heben und sehen, wie sie sich freuen, wenn der Sitz passt. Aber stattdessen habe ich Nachkommastellenprobleme für die Steuererklärung.
Und nach der Arbeit noch was essen, ich wollte besser essen als nur einen Döner. Und so landete ich immer in dieser Kneipe, jeden Mittwoch.
Mittwoch ist Mitte der Woche, da kriege ich immer meine Angst vor einem weiteren Wochenende ohne eine Freundin. Ein Gefühl, als würde man mit einem Billigticket in eine fremde Kleinstadt gefahren ist, nur um umzusteigen. Und dann steht man alleine am Bahnhof und muss eine Stunde warten und man wird das Gefühl nicht los, wenn jetzt etwas Dummes passiert, hocke ich hier mitten im Nirgendwo und komme die nächsten sieben Jahre nicht mehr fort. Dieses Mittwoch-Gefühl ist der Grund, warum die Leute ausgehungert am Donnerstag schon wie die Wilden herum baggern.
Mittwoch, das ist aber auch der Tag vor dem Donnerstag, und Donnerstag kommen die neuen Filme ins Kino. Also kommt noch die Angst dazu, dass der Film vielleicht abgesetzt wird, den man unbedingt noch sehen wollte. Diese Kombination habe ich dann gemacht, der „schlechter Film“-Mittwoch wird zum Film-Mittwoch.
Kino. Kino, das sind große Bilder, große Emotionen, ganz große Entscheidungen. Kino ist „Casablanca“, King Kong oder Hannibal Lecter oder der ultimative Kuss im Regen am Ende einer Liebeskomödie. Der Siegeszug des Kinos, der Filme allgemein, hat meiner Meinung nach seinen Grund im Siegeszug des Fließbands. Öde Arbeit gegen Unterhaltsamkeit.
Nach dem Essen also ins Kino, und da sah ich sie. An der Schlange vor der Kasse hätte ich sie dann ansprechen können, habe ich aber nicht. Ich sah immer nur ihren Nacken. Hab sie dann verloren und bin ins Kino rein. Und freute mich auf den Film und das große Sich-Verlieren in der Spannung, und das alles passiert, wenn es dunkel wird. Und da sah ich sie wieder. Ich konnte nur ihren wunderschönen Nacken betrachten. In der Reihe vor mir hatte ein Pärchen angefangen zu fummeln. Naja, und diese aufgeheizte Situation rechts vorne und sie links davon, ich wurde fast wahnsinnig.
Den Nacken betrachten, das ist das Symbol für den Schüchternen. Der sich nicht traut, vor die Frau zu treten, ihr ins Gesicht zu sehen. Nacken betrachten ist der Blick des Feiglings. Aber nicht nur. Denn mit das Schönste am Nackenblick ist der, dass er unverstellt ist. Die Frau verstellt sich nicht und man kann ihr Körpergefühl am Nackenblick erkennen. Sind es eher plötzliche, ungelenke Bewegungen? Oder ist da eine Feinheit, eine Zartfühligkeit, sind das gleitende Bewegungen? Wenn man den voyeuristischen Blick vertieft, ist der Nacken rasiert? Wenn sie lange Haare hat, dann kann man an der Art, wie sie ab und zu die Haare zurückwirft das Gleiche erkennen. Wie sie sich durch die Haare fährt. Oder wie sie sich das Oberteil zurechtrückt. Wie die Haltung ist, wenn sie vielleicht ihre Arme vorne verschränkt. Man erhält einen unverstellten Blick auf ihre Neugier – was erregt sie, wie reagiert sie darauf – wenn sie zur Seite schaut, weil etwas ihre Aufmerksamkeit erregt hat.
Und dann passierte das, weswegen ich eigentlich ins Kino gekommen war: der Film packte mich. Ich war wie benebelt, weil sie sich doch ebenfalls diesen Film ausgesucht hatte – und was für ein Film! Ich war gleich doppelt verliebt, in ihren Geschmack und in ihren Nacken.
Für mich war das ein Wunder, das Wunder im Kino. Ja, Zyniker werden sagen, sie haben noch ganz andere Frauen NICHT gekriegt und dass es manchmal normal ist, dass man sich in jede verliebt, die den Weg entlang kommt. Aber ich denke, das ist ein Wunder.
Ich habe, als die Lichter wieder angingen, mit dem Handy ein Foto geschossen, von ihrem Nacken. Ich entschuldige mich dafür, aber vom Nacken kann man ja kaum auf die Person schließen. Was die Pointe ist für das, was im Folgenden passieren sollte. Das habe ich dann in meiner Arbeit auf den PC hochgeladen und es immer wieder angesehen. Und dann mailt ein Kerl aus der EDV-Abteilung mein Nacken-Foto an alle im Haus, an mehr als fünftausend Mitarbeiter, mit der Frage: Wer kennt diesen Nacken?
Ich bin der Gag der Woche. Ich bin im Eimer. Ich bin inmitten eines schlechten Films und in diesem Film sagt mir King Kong, ich hätte sie mir einfach schnappen sollen und küssen. Und Bogart sagt nichts, er trinkt nur und raucht.
Und ich hasse das Rauchen, aber wann immer ich aufhören will, fragt mich Bogart, was willst du dann in diesen Situationen machen, die Gott zwischen Mann und Frau hinein GEPFROPFT hat, in denen man einfach trinken und rauchen muss – oder irgendwas.
Mist! Ich hätte damals Popcorn kaufen sollen und mich wie zufällig zu ihr setzen, ihr davon anbieten. Warum fallen einem die guten Ideen immer erst hinterher ein? Warum? Ich hätte im Büro sagen sollen, ich betrachte lieber Nacken, weil ein weibliches Gesicht nur lächelnd wirklich schön ist. Einmal Bogie sein, einmal nur schlagfertig. Einmal King Kong sein, nur einmal ein richtiger Mann.
Und dann bin ich wieder in dieses Restaurant, ich hatte mal wieder Kinoabend gemacht, und da stand sie. Sie war hier Bedienung, ich fragte, wo die andere sei und sie antwortete, sie musste einspringen. Ich war ganz begeistert, trank mehr Bier als üblich, ich wartete und es wurde später und später. Bei dem vierten Bier fiel mir auf, dass der voyeuristische Blick auf eine Bedienung ähnlich der auf dem Nacken ist. Nur mit dem Unterschied, dass die Frau im Restaurant das weiß. Der Nackenblick ist von daher unfairer. Auch weil der Blick auf die Vorderseite in ihrer Kontrolle liegt, sie kann den Anblick selber prüfen und gestalten. Der Blick auf den Rücken gar, wird von Modemachern bislang nur sehr stiefmütterlich behandelt, allenfalls ein paar T-Shirts gibt es, wie der mit der Vorderseite: „Jesus loves you“ und dann auf der Rückseite „But for everybody else you’re an asshole.“ Was den Hinterrücks-Gedanken auf die Spitze treibt. Beim fünften Bier überlegte ich mir Sprüche für T-Shirts. Vorderseite ein Bandname, vielleicht Linkin Park. Und auf der Rückseite: „That’s a band. Music, you understand?“ Oder auch Vorderseite: „Das ist die Rückseite des T-Shirts“ und die Rückseite: „Der Morgen war net so toll.“ Vielleicht noch Vorderseite: „Party hard“, Rückseite: „Morning hard“.
Oder für die Leute, die von hinten einen zuerst sehen. Rückseite: „Ich habe es mir verdient, vor dir zu sein.“ Und dann die Vorderseite: „Ich kann es mir auch leisten, dich vorzulassen.“ Oder für Frauen, Rückseite: „Erinnere dich, mir zuerst in die Augen zu sehen.“ Und dann Vorderseite: „So vergesslich?“
So verging der Abend und ich hatte etwas Beschäftigung gefunden, um nicht zu viel zu trinken. Bis wir dann alleine waren und sie legte schließlich Salsa-Musik auf und ich, heiter von dem Bier, ging mit dem Kopf immer wieder mit. Und dann lächelte sie mich an. Ich bin, einem inneren Impuls folgend, sofort aufgestanden und bin zu ihr und habe sie zum Tanz aufgefordert, ich kannte zufällig ein paar Schritte. Und da haben wir auf den kleinen paar Quadratmetern Salsa getanzt, zwei Lieder lang. Und am Ende des Salsas, ich hatte bereits gezahlt, habe ich mich bedankt und bin zur Tür hinaus nach Hause.
Und zwar ganz beglückt, denn für mich ist das ein Wunder gewesen, das Wunder in der Fürther Straße. Es wird sich sicher jemand finden, der sagt, dass die Bedienung an jenem Abend wohl einfach für den nächsten Salsa-Tanzkurstermin üben wollte und sicher ihr Tanzpartner krank war, was im Nachhinein richtig ist. Aber für mich ist das ein Wunder.
Es ist wie mit den zwei Weingläsern. Die Sache ist die, dass wenn man zwei Gläser Wein hat, einen Rotwein und einen Weißwein mit genau der gleichen Menge Inhalt. Und wenn man nun von, sagen wir, Rotwein eine bestimmte Menge, in das Weißweinglas gibt und umrührt, dann ergibt das eine bestimmte Rosemischung. Und wenn man nun von dieser Rosemischung nun genau die gleiche Menge wie zuvor in das Rotweinglas zurückkippt, dann stellt sich die Frage, von welchem Wein ist in welchem Glas mehr drin. Ist mehr Rotwein in dem Weißweinglas drin oder mehr Weißwein in dem Rotweinglas? Die Antwort ist, genau die gleiche Mischung. Es ist genauso viel Weißwein im Rotweinglas, wie Rotwein im Weißweinglas. Das ist ein Mischungsgesetz, wird einer von euch sagen. Aber für mich ist das ein Wunder.
Denn ich denke, das alles sind Wunder. Ich bin halt mehr der Typ, der sagt, das sind Wunder. Und ich denke, dass solche Wunder überall passieren und dass sie das Leben schöner machen, wenn man sie denn als solche wahrnimmt.
So habe ich Hannah kennen gelernt.
(2) Hannah
Das Leben ist der Ernstfall, sagt man. Jeder Tag sei wertvoll, jede Sekunde hätte das Potenzial zu einer großen Stunde. Das hört sich gut an, hat nur einen Haken, für die meisten Tage trifft es schlicht nicht zu. Ich sitze in einer Bar, ich habe mich in die Bedienung namens Hannah verguckt und rein theoretisch könnte heute der Wendepunkt sein, aber weil ich außer dem „Hallo“ nichts sage, stehen die Chancen schlecht. Wir haben einen guten Anfang gehabt, aber der ist abgeflacht, besser: ich habe ihn abflachen lassen.
Ich glaube, im Leben gibt es nur zwei Arten von Liebesgeschichten. Diejenigen, bei denen man auf dem Sterbebett denkt, die Geschichte war ein Fehler. Und die, bei denen man denkt, nicht mehr daraus gemacht zu haben war der Fehler. Ich muss an einen Freund denken, der vor einer Prüfung an seinem Schreibtisch Zettel angebracht hatte in der Art von: „Du schaffst es!“ und „Lernen ist die Erfolgsformel jeder Prüfung!“ und er beklagte sich, dass ein Zettel fehlte, der mit der Aufschrift: „Fang endlich an!“
Es fing vor zwei Monaten an, ich habe einer Frau, deren Foto ich auf einer Partnervermittlungsseite im Internet gesehen habe, eine Mail geschrieben, sie indes hat nicht geantwortet. Vor einem Monat dann ging mein Computer kaputt und ich vermisste meine Musik, meine Geschichten, meine Emails, ich vermisste mein Leben. Wenn dein Leben weg ist, suche dir ein Neues also ging ich ins Restaurant und da kam die Geschichte ins Rollen. Tausend Sonnen gingen auf, tausend Stürme erstarben, tausend Blumen sprossen, tausend Tauben flogen auf, tausend Herzen lächelten, ich war überwältigt von fünftausend Gründen, die Klappe zu halten. Aber auch jetzt war es nicht besser, denn was sollte ich groß sagen? Was ist ein guter Anmachspruch für eine Bedienung? Darf ich mal dein Tablett tragen?
Als ich am nächsten Tag einen neuen Computer hatte, war er mir völlig gleich.
Mittlerweile haben wir schon geredet und ich weiß viel und nichts über sie, aber ganz sicher weiß ich, dass es mir gefallen würde, um die vier Mal die Woche ihr Lächeln zu sehen. Und noch eines weiß ich, es würde mir gefallen, jeden Mittwoch in der Kneipe darauf zu warten, dass sie mit dem Arbeiten fertig ist.
Ein Mann spricht mich an und fragt, warum ich die Bedienung anstarre. Ich habe keine Freundin, antworte ich. Wie lange, fragt er. Zwei Jahre. Dummkopf, sagt er, pass bloß auf, dass dir Hannah nicht zum Füllwort für deine unerfüllten Wünsche wird. Ich nicke, und wieso Dummkopf? Weil du aus Dummheit auf die schönen Seiten von Beziehungen verzichtest. Mich hat keine genommen, sage ich. Und wie viele hast du nicht genommen, fragt er. Was? Meine Exfreundin hat mir etwas beigebracht, sagt er, sie nahm immer den besten, der sich für sie interessiert hat. Und was ist der beste, frage ich. Der Versuch, mich in ein philosophisches Gespräch zu verwickeln klappt nicht, beschied er mir. Du sollst dich lediglich an deinem realistischen Marktwert orientieren, nicht an Hätte-gern-Puzzle-Frauen. Frauen kann man nicht backen, aber lieben kann man sie schon, wird er nun doch philosophisch. Die Bedienung ist reine Wunschprojektion. Du bist der Eingeborene, der über ihre kleinen Gaben, ihren Glasperlen, furchtbar in Aufregung gerät und es wird der Anfang einer Eroberung sein, die in Armut und Depression endet.
Sag mir, sagte er, bist du depressiv über diese Geschichte. Ich schluckte trocken und er wandte sich ab. Und dann dreht er sich noch einmal um und sagte: ich hatte große Probleme, weil ich meine Idealfrau gesucht habe für den, der ich hätte sein wollen. Jetzt habe ich die Frau für den, der ich wirklich realistisch geworden bin.
Er geht und ich überlege. Es ist nicht nur ihr atemberaubendes Aussehen. Es sind die Zwischentöne, die ein Kunststück schreiben; es sind die Untertöne, die ein Meisterwerk vollbringen. Hannah ist am meisten Hannah, wenn sie nicht funktioniert. Es ist ihr stummes Fluchen, wenn die Gäste im Weg stehen, das mich an ihr fasziniert. Hannah, würde ich dein Bier erkennen, wenn man mir während eines Stromausfalls drei frisch Gezapfte hinstellen würde? Wenn man mir drei Schmerzmittel hinstellen würde, würde ich Hannah Plus C erkennen? Die Antwort ist Ja. Denn ja, ich habe im letzten Monat drei Frauen kennen gelernt und ja, Hannah, bei Stromausfall bist du mein Schmerzmittel Nr. 1.
Mit wachsendem Alter sieht man die Dinge nicht mehr unvoreingenommen. Wie viel Platz habe ich Hannah für ihre Persönlichkeit übrig gelassen und wie viel ist Projektion? Und wie viel davon Bier? Und vor allem, wie viel von dem Bier ist negativ? Ich habe mal gelesen, dass ein Magier einem Samen den zukünftigen Baum ansieht; wie viel von meinem Bier könnte Hannah sein und noch werden, wenn sie selber noch nicht von ihrem erreichten Alter voreingenommen wäre? Trinken wir uns jemanden nur schön, weil wir zu alt geworden sind, ihn schön zu sehen? Man sagt, Besoffene und Kinder haben einen Schutzengel, warum eigentlich? Ein Sturzbesoffener hört sich an wie ein Kind, fühlt sich unschlagbar und wirft sich neugierig jedem sofort an den Hals oder, je nach dem wie die Kindheit war, er wird aggressiv. Die Antwort ist einfach, wir trinken uns jung, wir trinken uns unvoreingenommen und neugierig, wir trinken die Verantwortung des Alters weg. Ich ging nach Hause und murmelte lange vor mich hin in Babysprache: Ata, ata, Hannah.
Am nächsten Mittwoch war ich sehr nervös. Das Leben ist der Ernstfall, sagte ich mir immer wieder, denn heute ist der große Tag, heute werde ich ihr meine Gefühle gestehen. Zum Konzentrieren ohrfeigte ich mich kurz vor dem Rausgehen drei Mal. Das erste Mal war zaghaft, das zweite Mal schon besser. Die dritte Ohrfeige schallte wie der Gong zur ersten Kampfrunde. Nur wie? Das Bier ist halb leer, ich winke sie zu mir und versuche es mit Ehrlichkeit: Ich will dich sofort, hier! Sie lächelt mich an, nickt und antwortet durch den großen Lärm: Ok, noch ein Bier.
Das war natürlich nur leichter Delirium.
Ich gehe zur Bar mit der festen Überzeugung, mich theatralisch auf die Theke zu schwingen und drei oder vier Salti zu schlagen, um dann direkt vor ihr mit einer Rose zwischen den Zähnen zu landen und dann oscarreif zu sagen: Diese Rose geht an dich, für die schönste Bedienung nördlich der Pegnitz und östlich des Mississippi. Sie überreicht mir ein Bier, setzt ihr schönstes Trinkgeldlächeln auf, ich schmelze dahin und denke mir oscarreif: Diesen Preis verdanke ich meinen Eltern, meinem Agenten und meiner Produktionsfirma, die mich allesamt immer und zu jeder Zeit - in den Alkoholismus hineingetrieben haben.
Ich setze mich wieder hin und gieße dieses zarte Pflänzchen, das bei aufopferungsvoller Pflege und steter Hingabe in nicht allzu ferner Zeit ein stattlicher Suff werden soll. Ich bin auf dem besten Wege, denn ich ertappe mich dabei, dass ich meine Nasenhaare rupfe, um das „Sie liebt mich - Sie liebt mich nicht“ - Spiel zu spielen. Ich bin gerade bei der zuversichtlichen Etappe, als sie mich dabei ertappt, ich ziehe so abrupt die Hand aus der Nase, dass ich dabei das Bierglas umschmeiße. Aber ich bin schnell genug, es aufzufangen und dann sehe ich zum ersten Mal Hannahs Version eines anerkennenden Gesichtsausdrucks.
Hannah ist Leben. Ich sehe sie an und frage mich, wie viele Anläufe die Welt gebraucht hat, um so ein perfektes Wesen zu erschaffen. In diesem Moment dreht sie sich um, schenkt mir ein Lächeln und ich finde, es muss ein glückliches Universum sein, so einen Menschen zu beherbergen. Wie schwer ist es für das Universum, Atome so zu ballen, dass Materie entsteht? Nicht schwer, es ist Anziehungskraft. Aber wie selten passiert es, dass ein Sonnensystem entsteht, wo im günstigen Abstand zur Sonne Wasser nicht verdampft und nicht zu Eis wird, sondern den flüssigen Aggregatszustand beibehält und so sich bewegende Mehrzeller ermöglicht, die dann das Wasser verlassen, das bewusste Denken lernen und als Spitze der Evolution schließlich zu lieben lernen. Es fing alles mit der Anziehungskraft an, alles fängt mit der Anziehungskraft an und geht den beschwerlichen Weg der Rückschläge und endet nur äußerst manchmal in Liebe.
Dieser Gedanke raubte mir Verständnis für Zeit und Raum und plötzlich fand ich mich am Stammtisch der Bedienungen wieder. Hannah hatte einen Ramazotti Sour, während Tina einen Wein trank und mich aufforderte, etwas zu sagen. Ich fragte: Lust auf ein Wortspiel? Sie nickten und ich legte los: Welche kanadische Stadt möchte man zum Fünf-Uhr-Tee nicht missen? Die Antwort ist: Quebec. Sie grinsten und für einen Moment gehörte ich zur Mannschaft dazu. Ich hätte platzen können vor Stolz. Und dann sagte Hannah, der wäre so lala.
Eine Freundin von mir, sagte nun Hannah, hatte eine typisch weibliche Erbkrankheit, nämlich Gluten-Unverträglichkeit. Gluten, das ist eine Eiweiß-Sorte, die in Getreide vorkommt. Da vieles mit Zutaten daraus gemacht wird, artet das übel aus, man kann auswärts fast nichts essen. Und dann hat sie einen Typen kennen gelernt und war unsicher, ob er sie wirklich möge. Sie bezeichnete ihn als Pizza, die ihr sehr schmecke, ihr aber nicht gut tun würde. Und dann überrascht er sie, er wusste, dass sie Pizza mag, mit einer aus Pizzateig ohne Gluten. Auf die Idee war noch keiner ihrer Exfreunde gekommen und so war sie von da an richtig von ihm begeistert. Hannah sieht uns an, dieser Typ hatte sich ernsthaft Gedanken gemacht und ihr einen Herzenswunsch erfüllt. Das ist toll an Männern, sagte Tina nickend und Hannah nickte mit.
In all den Zeiten, in denen ich Single war und bin und mich fragte, was ich alles tun müsste, um eine Freundin zu bekommen, wäre ich nie darauf gekommen, dass alles, was mich in den Augen einer Frau zu etwas Besonderen machen könnte unter Umständen nichts anderes sei, als der Kauf eines Pizzabodens. Vergiss den täglichen Blumenstrauß, sagte ich mir, das wöchentliche Liebesgedicht ist es nicht, nicht die spontanen Einkaufsausflüge nach London. Der Kauf eines Pizzabodens, nicht mehr. Hannah, was ist für Dich besonders? Ich würde dir ganze glutenfreie Tortenböden kaufen, cholesterinfreie Margarine und zuckerfreie Bonbons. Noch mehr, ich würde dir sogar holzfreies Papier und filterlose Zigaretten kaufen und ja, mein Herz, ich würde es wirklich tun, sogar koffeinfreies Cola light. Du Hannah, du Spitze der Nahrungskette, du.
Tina geht Gläser einsammeln und ich weiß, jetzt ist der Moment. Ich atme drei Mal tief durch, ich checke gedanklich die 7 besten Varianten, entscheide mich für die Überraschung, ich hole tief Luft und springe auf. Da kommt Tina mit dem vollen Tablett vorbei, sie reißt das Tablett nach oben und schreit laut auf.
Das Tablett kracht auf den Boden, Tina kniet sich instinktiv hin und versucht, sich den linken Arm mit dem Rechten zu schützen. Hannah sieht sich den Arm an und fragt, ob das schon öfters passiert sei. Ja, ächzt Tina, sie habe eine zu flache Gelenkpfanne. Hannah geht hinter den Tresen, sie holt ein paar Putzlappen darauf wird der Arm aufgestützt und mit gekonnten Griffen wieder eingerenkt. Zerknirscht beschließe ich zu gehen. Ich höre noch, dass sich Hannah für ihre Tat mit einer Extraportion Erdbeereis belohnen wird und dann ist alles klar.
Beim Bezahlen fällt mir ein Zettel aus der Brieftasche heraus, es ist meine „Ich liebe dich“-Sammlung. „Aischte imasu“ Japanisch, das geht einem doch recht schnell über die Lippen. Wobei „Neo reul sa rang hae“ südkoreanisch und „Lei lei tirk sika palalo“ auf philippinisch einen doch subtil daran erinnern, es nicht allzu beiläufig auszusprechen. Und - wir reden immer noch von einer zärtlichen Ansprache bei Kerzenschein und sanfter Musik, auf Finnisch: „Minä rakastan sinua“. Ich denke mir, wenn sie „Ich liebe dich“ so aussprechen, dann möchte ich nicht wissen, wie sie ein Todesurteil aussprechen. Bei: „Haluatko vaimokseni“, immer noch finnisch, wird es ernst, gerade muss ich daran denken, denn es ist ein Heiratsantrag und eine Frau, die sogar einen Arm wieder einrenken kann, wollte ich immer schon haben. Ich wollte schon immer eine Frau, die vor nichts außer Erdbeereis in die Knie geht.
Das war nicht immer so. Früher wollte ich gebraucht werden, aber mittlerweile bin ich selbstbewusster, weil reifer. Das Pochen auf Halbwissen ist ein Symptom, das man nur hat, wenn man das Wesentliche des Menschen nicht erkannt hat, nämlich die Beschränktheit, die Unvollkommenheit, die Verurteilung zum langsamen Verfall, kurz: die Krankheit. Und deshalb glaube ich, dass man den inneren Reifungsprozess ganz einfach messen kann, und zwar an der Anzahl der Ärzte, die man schon gesehen hat. Zweifelsohne ist Krankheit und sind Ärzte eine alterstypische Erscheinung. Kieferorthopäden zum Beispiel sind typische Teenager-Ärzte, während Schönheitschirurgen vorwiegend im mittleren Alter vorkommen und Angiologen, also Gefäßchirurgen und Rheumatologen erst viel später kommen, von Gerontologen ganz zu schweigen.
Während ich diesen Gedanken nachhänge, suche ich gerade eine Wohnung und ich muss verblüfft feststellen, dass Wohnungen ähnlich sind. Vorgestern betrat ich eine, die eindeutig einen Phonetiker benötigte, die Technosounds vom Nachbarn war nicht mehr normal. Es folgte eine Dachwohnung, die einen Orthopäden bräuchte, die Stützwände waren morsch und eine, die ob der Ungeziefer einen Tierarzt bräuchte, wenn nicht gar einen Seuchenexperten vom Institut für tropische Krankheiten. Mit dem Besuch einer Wohnung, die geradezu um einen Urologen bettelte, beendete ich meine Suche einstweilen und sah ein, dass ich so bald kein Glück haben sollte.
Ich hatte am nächsten Mittwoch mein Kommen in die Kneipe bei Hannah bereits am Nachmittag angekündigt, ich hielt das Speiseeis in der Tasche umklammert, während ich mit dem Plastiklöffelchen spielte. Als ich am Eingang plötzlich meine Exfreundin Andrea anstarrte.
Nun ja, ich habe es versucht, aber die Andrea, die ich jetzt in den Armen hielt, bestand selbst nach drei Wangenküssen und zwei In-die-Luft-Hebern darauf, Gudrun zu heißen. Ich ging zum Tresen weiter, ich versuchte, mich die restlichen zwei Meter über zu normalisieren, da stürmte auch schon eine Frau mit einem breiten Lächeln auf mich zu, klopfte mir auf die Schulter und verkündete hoch erfreut, dass sie sich tierisch freue, mich zu sehen und dass ich sie doch habe anrufen sollen, ich Schelm.
Ich bin die Katrin, sagte sie und als wir uns die Hände schüttelten, sollte ich noch mehr stutzen, denn da kam Hannah, die mir mit einem „Du Schuft“ ein Glas Wasser über den Kopf schüttete, ehe sie wieder hinter dem Tresen ging. Das ist einer der Momente, da hätte ich gern ein Foto von meinem Gesichtsausdruck. Die Frauen lachten laut los, was mein Verdutzen noch verstärkte und dann sagte ich zu Hannah, dass sie mir glauben müsse, zwischen uns sei nie etwas gelaufen. Ich kannte Katrin bis heute gar nicht, sagte ich eilig. Und dass sie die Einzige wäre, die ich haben wolle.
Schlagartig hörten beide auf zu lachen, Hannah schaute mich überrascht und ernst an und sagte, dass sie einen Freund hätte. Katrin störte eilig die Schweigepause und klärte mich auf, Hannah habe ihr erzählt, dass ich eine Wohnung suche und nun wollte sie mich kennen lernen, da sie einen Mitbewohner suche. Sie hätten sich gerade über Männer unterhalten und über Sachen, die selten vorkommen, als ich hereinkam und die falsche Andrea umarmte. Das habe sie total albern gefunden und sogleich beschlossen, mich so auf die Probe zu stellen, ob wir zusammenpassen würden.
In diesem Moment sieht sie zu ihrer Hose herunter. Ich tue das gleiche und entdecke, dass die Umarmungen das Eis zerdrückt haben, Katrin fragt, was das sei und ich antworte niedergeschlagen, es sei Erdbeereis. Hannah kommt zum Tisch, sie legt mir ein Bier hin und lächelt mich an, das sei ausgegeben.
(3) Dürer, die Socken und das Provinzieren
Ich habe Hannah in einer Bar kennen gelernt. Ich hatte ein paar Ideen von T-Shirts ersonnen, die auf Vorder- und Rückseite bedruckt waren, ihr davon erzählt, und zwar bei einer After-Hour, also nach Dienstschluss. Sie war begeistert gewesen und wir verabredeten wir uns zu einem Kneipenbesuch. Und dann wollte sie, dass ich ihr ein paar Wortspiele erzähle, einfach so, aus dem Stand. Aber mir fiel keines ein. Sie war enttäuscht und als wir uns verabschiedeten, stand da immer noch etwas zwischen uns; der Funke war nicht wirklich übergesprungen. Aufgeben aber wollte ich auch nicht gleich.
Ständig schwirrte mir im Kopf herum, dass sie davon gesprochen hatte, wie sehr sie Socken mochte. Das fand ich süß. Und um sie weiter zu begeistern, insbesondere mit meiner Kreativität, beschloss ich, ihr Socken-Comics zu malen.
Da war zum Beispiel die Sportsocke, eine vitale Natur. Dann die Seidensocke, das sollte natürlich ein Mädchen sein. Daneben die modische und stilvolle Herrensocke und die Polyestersocke, die weltoffen und weitgereist sein sollte, so der Typ Bogart-Socke, auch weil sie gelegentlich zwielichtige Jobs machte. Es waren eben Socken mit Persönlichkeit. Natürlich gab es auch ein Zwillingspärchen, die Comic-Socken, die gleichsam eine innere Klammer bildeten, den Comic im Comic. Das Ganze erzählte ich am "Dürer" einer guten Bekannten.
Der "Dürer" in Nürnberg ist nicht der Albrecht-Dürer-Platz. Und warum der richtige Dürer-Platz vom Dürer-Haus nicht einsehbar ist, ist mir ein Rätsel. Der "Dürer" also war ein beliebter Treffpunkt im Sommer, oberhalb des Dürer-Hauses. Man saß da herum, trank Bier und ab und zu geschah auch etwas.
Und so geriet ich, weil ich eines Tages zu früh am "Dürer" war, zum ersten Mal ins Albrecht-Dürer-Haus. Außerdem fühlte ich mich bereit, etwas übers Zeichnen zu lernen. Wenn man unter anderem Möchtegern-Spielerfinder ist, ist das nie schlecht. Fasziniert hat mich an Dürer sofort sein verspieltes Wesen. Er neigte dazu, sehr viel in seine Werke hineinzulegen und auch von Bildwitz verstand er sehr viel. Im Bild von "Hieronymus im Gehäuse" hat er zum Beispiel seine Initialen in einen Rahmen geschrieben, der am Boden liegt. Das Bild im Rahmen des Bildes, so verstehe ich das, das war er. Oder man betrachte die Anordnung vorne, ganz rechts der zahme Löwe, daneben in fallender Bedeutung, der Hund, und links daneben noch die Hausschuhe, das Symbol der häuslichen Gemütlichkeit schlechthin.
Geknickt trat ich wieder ins Freie. Dort drinnen war so viel, und ich war so wenig dagegen. Ich trank mit der besagten Bekannten Katrin ein paar Bier. Dann trollte ich mich nach Hause. Ich hatte da auch gleich meine ersten Ideen fürs Socken-Comic. Im ersten Entwurf band sich die Sportsocke mit einer Laufmasche von ihr an den Pfosten einer Brücke und wollte Bungee-Springen. Im zweiten Bild sprang sie, stellte aber fest, dass sie logischerweise aufdröselte. Und im dritten Bild hing nur noch ein schlaffer Faden an der Brücke. Die Socke hatte sich aufgelöst.
Im zweiten Comic besuchen die edle aber etwas eingebildete Herrensocke und die Damensocke gemeinsam ein Museum, natürlich das Museum der berühmten Socken. Im ersten Bild stehen sie vor der Socke, die Edmund Hilary getragen hat, als er den Mount Everest erstmals bestiegen hat. Sie ist so plastisch abgebildet, dass man den vereisten Mief sehen kann. Das zweite Bild zeigt die Socke, die Armstrong auf dem Mond getragen hat. Sie schwebt einfach so im Raum neben den Stars-and-Stripes. Dann gehen sie zum dritten Bild. Das zeigt wiederum die erste Socke, diesmal auf dem Mars. Erst als sie direkt davor stehen, entdecken die zwei, dass es sich dabei um die Polyester-Socke handelt und sie fragen: Na, ist das jetzt dein neuer Nebenjob? Aber die Polyester-Socke verharrt schweigend in ihrer Pose. ... Macht nur "Pssst!"
Dann hatte ich die beiden Serien per Post an Hanna geschickt und auf Antwort gewartet. Derweil ging ich wieder hoch zum "Dürer", wo ich wieder meine gute Bekannte Katrin traf. Sie fand weder die Idee der Socken-Comics an sich gut, noch deren Ausführung sonderlich bemerkenswert.
Ich geriet in Zweifel. Und hatte sogleich eine neue Idee, ich sollte eine Kolumne schreiben, ich habe doch so gute Ideen. Damit würde ich mich bewerben, bei einer Zeitung.
Und so kam ich auf die Idee, die da hieß, “Die Stadt an der Nürn”. Man muss wissen, Nürnberg ist die Stadt, in der ich wohne, aber Nürn ist kein Ort hier per se. “Nürn” ist nur der eingeschliffene Name für “nor”, was “steiniger Fels” heißt. Und der Fluss heißt ganz anders, es ist die Pegnitz. Ich schrieb also die Probe-Kolumne und gab sie wieder Katrin zum Testlesen, wieder am “Dürer”. Es war ein Text, der im Grunde darum ging, dass ein Freund in der Altstadt einen Stand hatte mit Nippes, Hüte, Lederwaren, Geschenkbändschen und so Zeugs halt, für die Touristen.
Und wann immer die Touristen kamen und fragten, wie der Fluss heißt, dann sagte er immer, das sei die Nürn. Und es sei Tradition, dass man hineinspuckt und dabei sagt: “Ab nach Fürth”, denn dahin fließt die Pegnitz.
Und auch diese Idee fand Katrin nicht sonderlich.
Es folgte eine kurze Phase voller Selbstzweifel. Ich wünschte, ich wäre ein Ozean. Aber ich bin ein kleiner Tümpel, der hineingeworfene Stein beschäftigt die Oberfläche noch eine viel zu lange Weile und schlägt seine Wellen sogar in die Tiefe. Noch Tage nach einem Vorfall spiele ich die Situation durch und versuche, meine Wunden durch schlagfertige Reaktionen zu heilen, aber die Worte gesprochen vom eigenen Mund trösten nur selten. Es wurde Zeit für grundsätzliche Weichenstellungen; ich meldete mich zu einem Samstags-Ganztags-Psycho-Seminar an, es hieß: "Winde Ableiten - Wie ein Schiff vorankommt hängt nicht davon ab, wie der Wind steht, sondern wie die Segeln gesetzt sind. An einem Tag lernen mit Stresssituationen in Mehrpersonenbeziehungen umzugehen. Mit Geld-Zurück-Garantie." Ich überwies die stattliche Summe, füllte den ziemlich umfangreichen Fragebogen aus und ging eine Woche später, es war ein Samstag, hin.
Es ging zeitig los und meine Zuversicht glich einem Ozean. Der Seminarleiter mit der roten Kunststoffdesignerbrille und dem wallenden schulterlangen grauen Haar hätte ich Gartentipps genauso zugetraut wie Kernphysik, und er bewegte sich so schnell wie eine Stubenfliege, wie um ja nicht ertappt zu werden; der versteckte irgendwas.
"Kernaussage dieses Tages ist," fing er an, "Lassen Sie sich nicht provinzieren. Wenn jemand Sie irgendwie provinziert, bleiben Sie ruhig." Und er grinste breit in die Runde.
Wir, das heißt alle vier Teilnehmer und der Leiter, gingen in ein Zimmer, in dem auf dem Boden lauter Bierdosen lagen und er sagte dazu: "Das ist die Ausbeute eines Pfanddosensammlers an einem Wochenende vor einer einzigen Großraumdiscothek. Eine Pfanddose sind 25 Cent, 42 Dosen sind 10 Euro 50. Das sind 550 Euro im Jahr. Es ist kein leichtes Los, aber davon kann man auch in Urlaub fahren. So ist es mit dem Glück auch: es liegt überall und es kann ein großer Polster werden, wir müssen uns nur bücken. Ich sage Ihnen eines: Werden Sie Pfanddosensammler des Glücks! Wer glücklich ist, der lässt sich nicht so leicht provinzieren! Ich wiederhole: werden Sie Pfanddosencorrektor des Glücks!" Und wieder grinste er breit.
Es war nur ein kleiner Stein und ich zwang mich zur Ruhe und das köstliche Mittagessen glättete die Wogen. Links neben mir aß ein Managertyp mit einer teuren Uhr an der Hand und hackte Befehle in sein Blackberry, rechts saß eine Frau, die permanent mit ihrem Mann telefonierte und ihm per Handy Ortsanweisungen bezüglich seines Essens und das seiner Kleider durchgab und mit gegenüber schließlich eine kugelige Mischung aus Schnupfen und Feinmotorikstörung, den ich beinahe mit "Heh, Internet" angesprochen hätte, als ich das Salz wollte, so sehr war er der Programmierer, als der er sich vorgestellt hatte; kurz, niemand zum Reden da; nichts konnte den Abfluss aus dem Ozean stoppen.
Für den frühen Nachmittag stand ein Spiel auf dem Plan. Die Frau war schon gegangen und hatte ihr Geld mitgenommen, angeblich weil der Mann das Essen nicht aufwärmen konnte. Ich aber lachte innerlich, es war sicher der andere Grund.
Es gab einen Stab, der auf alle sechs Hände, wir waren quer gegenüber aufgestellt, unten auf den Handflächen ruhen sollte, und dabei darauf achtend, dass man immer in Kontakt zum Stab bleibt, ihn gemeinsam so hoch wie nur möglich zu heben. Innerlich betete ich darum, dass der Seminarleiter bloß nichts sagen sollte und wenn, dann aber schon gar nichts erklären, aber vergeblich. Denn die Wirkung einer solchen Aufgabe ist die, dass der Stab immer weiter sinkt und so ging es weiter:
"Wenn jeder nur versucht, die Ebene, also das NiQuh zu halten, wird es immer weiter sinken. Bleiben Sie standhaft, auf alle Fälle - und streben Sie nach Höherem! Wenn Sie jemand provinzieren will, will er sie klein halten und an ihre Grenzen führen. Er will die Befriedigung, dass Sie ausrasten. Tun Sie ihm den Gefallen nicht, bewahren Sie die Achtung vor sich selbst, den Restrikt." Und wieder grinste er breit bis über beide Ohren. Und ich spürte, wie aus dem Ozean ein Tümpel geworden war.
Der frühe Nachmittag sollte durch einen Spaziergang in der Fußgängerzone ausgefüllt werden. Der Manager war auch schon weg, ein überraschender Termin, sagte er. Ich ahnte es besser.
"Sie gehen jetzt von hier los", der Seminarleiter deutete auf einen Punkt, "und zählen ihre Schritte bis zehn. Und nach dem zehnten, also wenn elf kommt, springen Sie in die Luft und rufen so laut sie können: Kikeriki! Es wird nicht leicht, es ist wie eine rote Linie; sie macht einem Angst, aber wenn man sie erstmal durchschritten hat, werden Sie sich sagen, das war gar nicht so schwer. So ist vieles im Leben, einfach die im Geiste eingebildete, die imarginäre Grenze ohne zu Fragen durchschreiten, also parlieren und Sie werden sehen, sie war tatsächlich nie da, sie war nie rectal. Wenn Sie jemand provinzieren will, will er, dass Sie klein bleiben. Tun Sie es nicht, sie sind bereits über die rote Linie hin zum Friedlichen gegangen." Und abermals grinste er breit und nickte bedächtig dabei.
Die rote Linie zu durchschreiten war nicht schwer, allerdings rollte sich in mir ein Stein wie ein Schneeball immer größer auf und ich hatte zunehmend Schwierigkeiten, mich zu beherrschen.
Am frühen Abend stand Kartenhausbau auf dem Plan. Mit der für wirklich jedermann offensichtlich fadenscheinigen Ausrede, er müsse eine Homepage aktualisieren, war auch Internet gegangen und ich wartete darauf, dass Dr. Gartenbau-Kernphysik anfangen würde zu heulen, aber da war gar kein Unterschied zu erkennen.
"Kartenhäuser gelten als unsicher, als insteril", er begutachtete meines mit einem breiten Lächeln. "Aber wenn man die beiden gedruckten Blätter, aus denen die Karten bestehen und normalerweise geklebt sind, an den Rändern etwas auseinanderdrückt, dann stellt sich heraus, dass die Konstruktion auf einmal sehr steril sein kann und einiges aushält. Wenn eine Provinziation von oben auf das Kontrakt drückt, hält die sterile Struktur das aus."
Es reichte jetzt endgültig.
"Hören Sie mal", fing ich an, "es heißt nicht provinzieren, es heißt provozieren. Provinz ist eine Art Gebiet. Es heißt nicht correktor des Glücks sondern Kollektor. Correktor ist eine Art Verbesserer, meist irgendwas mit Schriftstücke. NiQuh gibt es nicht, es heißt Niveau, Herrgott nochmal! Restrikt ist auch falsch gibt es so gar nicht! Respekt ist das Wort, das Sie verwenden wollten! Restriktion heißt Beschränkung! Die Grenze ist nicht imarginär, wenn Sie nur im Kopf existiert, sondern imAAHginär, ohne R! Rectal verrate ich Ihnen nicht, das Treffende heißt indes REAL. Insteril heißt unsauber, wenn die Konstruktion so überhaupt richtig ist, unsicher heißt inSTAbil. Und schließlich: Kontrakt ist ein Vertrag, ein Gebilde wird auch KONSTRUKT genannt! Sie sind absolut unfähig und vor allem unfähig zu erkennen, dass alle das klar sehen können und schon gegangen sind. Wie kann es Gerechtigkeit geben auf der Welt, wenn Sie von ihrem Job Leben können?? Welche Bildung haben Sie denn überhaupt?!"
Es ist unschwer zu erkennen, dass der große Stein von meinem Herzen in den Tümpel gefallen war und alles Wasser weggespritzt hatte.
- Aber er grinste immer noch. Er ging zu seinem Bürotisch und holte einen Packen Blätter hervor, den ich als meine detaillierten Angaben erkannte.
"Ich bin Diplom-Psychologe", er lächelte. "Aber es ist irrelevant, was ich bin, sondern es ist vielmehr memorabil, was sie sind. Sie glauben, sie sind zielsicher, aber ihre Sprüche sind sehr oft nur verletzend und salopp. Sie sind nicht akkurat, sie sind einfach nur rechthaberisch und lassen sich zu leicht provozieren. Die anderen beiden Herren und die Dame waren bezahlte Schauspieler, ich mache nur Einzelberatungen! Und sie hören gar nicht richtig zu! Den ganzen Tag versuche ich Ihnen nahe zu bringen, dass sich Größe zeigen lohnt; sie aber tun die ganze Zeit nichts, als sich auf ihre kleine Insel zurückzuziehen um mir zu beweisen, dass sie besser sind. Wenn es sie denn so sehr gestört hat, warum haben sie mich nicht vorsichtig beiseite genommen und mich darauf aufmerksam gemacht? Sie sind nicht an Konflikt-LÖSUNG interessiert, sie wollen ihn um jeden Preis gewinnen; still sammeln sie Waffen und hoffen auf die günstige Gelegenheit. Und falls das nicht funktioniert, rotieren sie um ihr kleines Problemchen bis zum jüngsten Tag. Sie könnten die ganze Welt sein, statt dessen lassen sie sich im wahrsten Sinne des Wortes provinzieren, zu einem kleinen Landstrich degradieren..."
Nein, ich habe mein Geld nicht zurückverlangt. Natürlich nicht.
Ich habe die Comics Hannah gegeben und die Story von der Nürn auch. Ich hätte auf Katrin hören sollen, der Erfolg hielt sich in Grenzen. Und ich habe daraufhin die Idee mit den Socken-Comics speziell und dem Zeichnen allgemein begraben und ihnen nie mehr eine Träne nachgeweint. Dafür aber Hannah. Denn nun war der Anfangs-Schwung weg und sie hatte sich nicht verliebt.
(4) Gozo
Für alle, die es interessiert, Gozo ist die Schwesterinsel von Malta. Für alle, die es interessiert, ich fuhr hin mit der Frau, die ich liebe, Hannah. Zu meinem Bedauern liebt sie einen anderen, den sie nicht kriegt. Zu meinem Bedauern sehr. Für alle, die es interessiert, auch mich liebt eine Frau sehr, Katrin, zum meinem Bedauern hilft das kein bisschen. Katrin ist sogar meine Mitbewohnerin in der WG.
Im Flugzeug musste ich über Gott philosophieren. Wenn man sich in 10 Kilometern Höhe befindet, kommt einem alles unten nichtig und klein vor. Aus dieser Höhe kann ich verstehen, dass Gott ein liebender Gott ist, weil von hier oben alles winzig klein aussieht. Ich meine, es könnte doch sein, dass es lediglich eine Sache der Höhe des Wohnortes ist und zwar die spezifische Entfernung zur Erde. Meine Theorie bestätigt sich, als wir die Alpen überfliegen sind die Bergspitzen meinem Auge viel näher und ich kehre wieder zum Realismus zurück. Den italienischen Stiefel kann man aus 10 Kilometern Höhe in voller Breite sehen und ich finde alles da unten wieder unbedeutend. Das Essen wird serviert und ich behalte die Sichtweise bei, so ein winziges Schnitzel habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Da müsste man 5 Kilometer näher dran sein, um davon satt zu werden, aber ich bin gerade mal 5 Zentimeter davon entfernt, also bleibe ich hungrig. Hannah hat eine Vorliebe für Ingwer, sie neigt dazu, einen kleinen Spender in der Handtasche dabei zu haben, um es im Restaurant oder so stets vorrätig zu haben.
Wir landen auf dem Flughafen von Luqa auf der Hauptinsel Malta, der Taxifahrer empfängt uns, er öffnet mir die linke Tür und dann fällt mir ein, das Lenkrad sitzt rechts; hier fahren sie links. Auf Malta hat man beim Überqueren einer Straße dieses London-Gefühl, man schaut immer in die falsche Richtung und wird die permanente Angst nicht los, im nächsten Moment überfahren zu werden. Das riesige Häusermeer um Valletta herum haben wir auf Straßen umfahren, die in mir die Zuversicht keimen ließ, hier keinen einzigen tiefergelegten Wagen zu sehen. Kurz vorab, die Typen dazu gibt es dennoch zuhauf.
Auf der Fähre nach Gozo hatte ich dann die Eingebung, wie ich die ausweglose Lage überstehen konnte; ich musste den Schmerz durch einen stechenderen ersetzen: ich musste Nichtraucher werden.
Das erste, was man von Gozo sieht, ist der Hafen von Mgarr, sprich Mdscharr, und mit seinen breiten Schutzmolen derart beschützend, dass man unvermutet den Eindruck hat, nach Hause zu kommen und in eine liebevolle Umarmung hineinzulaufen. Nimmt man dazu den Anblick der oben auf den Berg thronenden, von Hunderten von Glühbirnen erleuchteten Kirche, so hat man keinen Zweifel mehr daran, dass die Katholiken viel von Inszenierung verstehen; der Eindruck ist so machtvoll, dass mir unverzüglich meine Sünden einfallen.
Malta und Gozo sind Felsen und das merkt man zu jeder Zeit. Es gibt kaum Grün, stattdessen die ganze Zeit über Staub und Steine. Wenn man Steine verkaufen könnte, wären die Malteser reich.
Wir kommen im Hotel in Marsalforn, sprich Marsalforn, an und checken ein. Die Malteser sind derart freundlich, dass man vergessen könnte, dass sie innerhalb der letzten 200 Jahre 2 Aufstände zuwege gebracht haben. Merke: freundlich und duldsam sind zwei verschiedene Dinge.
Zweiter Tag. Erbärmlich geschlafen, von Steinen geträumt. Ich war in einem amerikanischen Gefängnis, zwischen Lucky Luke, der beim Rauchen erwischt worden war und den Daltons beim Steineklopfen und wir allesamt versuchten, die zweite Strophe von „Stille Nacht“ zu singen, aber mir geht es wie jedem, ich kenne nur die erste. Als ich aufstehe meint sie, dass ich wohl eher beim Steinesägen war und geht. Katrin ist zum Tauchen hergekommen, ich will mir das Rauchen abgewöhnen.
Ich gehe raus zum Meer, zur Hafenpromenade. Es weht ein starker Wind und nachdem ich mich durchgerungen hatte, jetzt meine letzte Zigarette zu rauchen, brauchte ich vier Minuten, um sie anzuzünden. Ich stehe gut 5 Meter über dem Meer, sehe begehrenden Wellen zu, die immer wieder auflaufen und immer wieder zerbrechen.
Ich schreie die Wellen an: Kommt doch ihr Weicheier und holt mich! Aber sie schaffen es nicht so hoch. Ich stehe lange da, ziehe an der Kippe und sie schmeckt nach Salz. Sie haben mich subtil unterwandert, denke ich zerknirscht, blicke gedankenverloren in die See, sehe gebannt auf eine weitere Welle, die sich aufbaut und mich knapp verfehlt. Ich will gehen, als mir auffällt, dass sie meine Schuhe gekriegt hat.
Man soll Feuer mit Feuer bekämpfen, also hole ich mir ein Bier und setze mich ans Meer. Die weißen Schaumränder im dunklen Wasser erinnern mich an Bikiniränder und ich verspüre riesige Lust auf eine intime Liaison mit dem Meer. Welcher Mann wurde je von einer Frau umspült, überall berührt – das Meer tut es. Tief eintauchen, sich wie im Weltraum in 3D bewegen, eins werden. Einst kamen wir aus dem Meer und das Gehirn hat sich in Schichten entwickelt. Die Dino-Region ist die mit den Aggressionen, sie liegt nah am Ursprung; wo liegt die Delphin-Region? Die Naiv-Spielen-Region, die Unschuldigsein-Region? Man hat herausgefunden, dass Babys im Fruchtwasser lächeln können und es auch tun. Von Wasser umschlossen, Teil eines Großen sein, keine Verantwortung, schweben, vertrauen, da würde ich auch lächeln. Mir wird klar, dass ich da sein will, wo sie ist und bestelle mir noch ein Bier und zünde mir eine Zigarette an. Am Ende sind es vier Bier und ich habe Kette geraucht, die neue Kippe an der alten angezündet – wegen dem Wind. Und das alles vor 14 Uhr.
Ich gehe nach Hause und schlafe bis sie kommt. Danach gehen wir essen, sie erzählte begeistert vom Tauchen. Anschließend ist sie ins Bett, zum Tauchen muss man um sieben aufstehen, also ist sie noch vor neun eingeschlafen.
Dritter Tag. Wir schlafen in einem Zimmer, zwei Betten. Ich habe wieder schlecht geschlafen. Ich habe geträumt, dass ich ein, bei Asterix und Obelix eingeschleuster Römer bin, der entdeckt und nun dazu verdonnert wurde, von Troubadix die Handharfe zu lernen. Ich bin hoch oben auf dem Baum und bemühe mich, Falballa in der Ferne zu beeindrucken, aber ich bin zu nervös und jedesmal, wenn ich einen falschen Ton hervorbringe, kriege ich einen alten Fisch über den Kopf gezogen, fliege herunter und ein magischer Spiegel mit Cäsar im Bild sagt „homo iactus est“ – der Mensch ist gefallen.
Heute gehe ich wandern, die Steinfelsen rauf. Gozo und Malta sind wie gesagt, Felsen mit Steinen drauf. Und darauf Staub und darauf wiederum ich. Weit oben, jetzt eine Kippe rauchen, das wär’s. Aber ich habe keine mit. Früher gab es auf Malta ausgedehnte Wälder, aber aus Holz macht man Schiffe, also wurden die Wälder abgeholzt. Auf Malta war es der Johanniter- oder auch Malteserorden, in Griechenland die Athener, in Kroatien die Venezianer, in Schottland die Briten. Seefahrernationen, die Wald vorfanden und Steinwüsten hinterließen. Hätten sie doch eine Zigarettenschachtel hinterlassen! Ich fluche und gehe runter. Im Hotel rauche ich eine, sie schmeckt nach Staub.
Ich gehe duschen und denke an die Frau, die mich liebt. Ich frage mich, ob sie auch versucht, Nichtraucher zu werden, oder, in ihrem Fall, Raucher.
Ich beschließe, nach Victoria zu fahren, der Inselhauptstadt. Da in der Gegend befinden sich die neolithischen Wohnhöhlen. Im Klartext, die letzten Spuren des Matriarchats in Europa. Deswegen bin ich hier, das Matriarchat erkunden. Mich fragen, wie wahrscheinlich Doris Köpf als Bundeskanzlerin wäre, mit Gerhard Köpf-Schröder an ihrer Seite. Ich zeige einem Einheimischen die Karte von Victoria und frage ihn, wo genau wir sind. Der Mann lächelt freundlich und sagt „In Victoria.“ Merke: freundlich und kompetent sind zwei verschiedene Dinge. Wenn du als Tourist ausgefallene Wünsche hast, bist du so aufgeschmissen, als müsste man sich vor Gericht verteidigen. Ich kann mich noch lebhaft an London erinnern, wo ich an der Tourist Information versucht habe, das Monty Python-Haus ausfindig zu machen und um seine Unkenntnis zu übertünchen, hat mir der freundliche Herr höflich von den neuen Figuren bei Madame Tussaud’s erzählt.
Ich gebe mich nicht so schnell geschlagen und versuche es alleine, aber als ich einen großen Dobermann sehe, der herrenlos herumstreift, siegt die Angst über den Entdecker und ich kehre wieder um. Im Hotel treffe ich zwei Malteser, die mir erzählen, dass Malta und Gozo verschiede Atmosphären haben. Auf der Hauptinsel Malta herrsche das Geschäft, auf Gozo die Gemütlichkeit. Und dass ich doch zu den Gigantija-Tempeln gehen könne, die kenne jeder. Die wären zwar später erbaut worden, aber immer noch tausend Jahre vor Stonehenge oder gar den Pyramiden. Sie fragen mich, was es mit dem Matriarchat auf sich hat und ich erkläre es ihnen. Man hat herausgefunden, dass die Menschen als Nomaden friedlich waren; Kriege wurden erst erfunden, als die Menschen sesshaft wurden. Da fing dann Ackerbau an und es waren die Frauen, die sich damit auskannten. Und dass Frauen keinen Krieg führen, ist ein Märchen, die Geschichte mit den Amazonen ist als Relikt bis heute übrig geblieben.
Als er mich fragt, wieso ich mich für das Thema interessiere, gehe ich in meinen Mimik-Schrank, setze mein lockerstes Lächeln auf und sage im selbstverständlichsten Ton, den ich habe: Ich bin ein Mann, es ist normal, dass mich Frauen interessieren. Das klingt so entwaffnend naheliegend, dass es den Männern, die sich nicht für das Matriarchat interessieren, impliziert, dass sie sich nicht genug für Frauen interessieren. Und kein Hetero-Mann will sich sagen lassen, dass er sich nicht für Frauen interessiert.
Ich steige ins Jacuzzi, der in Deutschland Whirlpool genannt wird und genieße die Luftbläschen an meiner Haut, die mir ein breites Lächeln ins Gesicht zaubern. Es dauert keine Minute, schon verschwimmt die Welt um mich herum zu einem bedeutungslosen Nichts. Das ist so ein Moment, da könnte ich sogar die vierteljährlich wiederkehrende wohlmeinende „wann finden Sie endlich eine liebevolle Frau, dass sie heiraten können?“-Frage meiner Hausordnungs-Putzfrau ertragen, ohne das brennende Bedürfnis zu haben, ihr ein „wenn Sie abnehmen“ wie eine Torte ins Gesicht zu werfen. Das Entwürdigende daran ist, dass ich mir jedesmal denke, „ich hatte gehofft, heute“. In einem Jacuzzi ist alles besser. Hier drin lächelt man sogar beim Anblick des Gehaltszettels; ich möchte Petrus’ Urteil über mein Leben in einem Jacuzzi übermittelt bekommen, die Lungenkrebsdiagnose sowieso.
Ich muss an Katrin denken, die mich liebt. Das tut sie schon seit Längerem, gesagt hat sie es mir vor einer Woche. Ich habe versucht, es ihr auszutreiben, ihr Dinge von mir erzählt, die Frauen nicht mögen. Sie antwortete: „Ich will dich nicht verändern, nur lieben.“
Als ich zurückkomme, ist Hannah schon da, sie erzählt begeistert vom Tauchlehrer und dann gehen wir essen. Wir essen jetzt zum dritten Mal in Folge Spaghetti Gozitana, diesmal wieder bei dem ersten Restaurant; hier schmecken sie am Besten. Kapern, Oliven und noch mehr. Hannah träufelt noch etwas fein geriebenen Ingwer drauf. Ich könnte glatt aufstehen, zum Koch laufen und ihn bitten, mir das Rezept zu geben, dafür würde ich jegliche Moral und Neigung ignorieren. Man möge mich nicht falsch verstehen, aber sie schmecken hier so gut, dass sie einen in eine andere sinnliche Dimension katapultieren.
Ich sehe mir den Ober an und hierbei insbesondere seinen Minihintern. Also, das werde ich an Frauen nie verstehen, wie kann man so was nur schön finden? Ich weiß, die meisten Frauen haben ein Problem damit, aber ich möchte hiermit eine Hymne auf das weibliche Becken intonieren. Frau muss in der Mitte wie Frau aussehen. Punktum. Ich habe das Foto der Frau, die mich liebt und ihr Foto ein paar Freunden gezeigt und alle sagten, dass jene, die in mich verliebt ist, schöner sei. Frauen und Männer und dann habe ich gefragt, warum. Und als Antwort kam – weil sie schlanker ist.
Vierter Tag. Freitag. Immer noch grauenhaft geschlafen. Geträumt habe ich, dass ich mit den Peanuts auf einem Piratenschiff war. Als Flagge dient Schröders Schmusedecke, der verzweifelt versucht, eine fürchterlich keifende geraubte Prinzessin, gespielt von Lucie, in den Griff zu kriegen. Charlie Brown stand als einäugiger Kapitän hinter dem Steuerruder, auf seiner Schulter Woodstock, der Vogel von Snoopy, der selber kläffend hinter mir stand und mich auf die Planke drängte, damit ich ins Wasser springe.
Heute bekämpfe ich das Rauchen mit Schokolade. Vollherb, mit ganz viel Kakao. Soll glücklich machen. Jede Nation, die etwas auf sich hält, hat ihre eigenen Süßigkeiten und ihren eigenen Alkohol. Frustwegpuster halt. Wenn Frauen Kummer haben, essen sie Süßes, Männer trinken Alkohol. Heute habe ich das „Sorry“ abgestellt, wenn ich jemanden anspreche, es heißt nämlich „Excuse me“. Sorry heißt nicht „Entschuldigung“, es heißt „Es tut mir leid“. Sprache, denke ich mir, während ich frühstücke. Das Mobiltelefon wird nur in Deutschland Handy genannt, in England heißt es „Mobile“ oder Amerikanisch „Cellphone“, kurz „Celly“. Die Malteser haben eine eigene Sprache, eine Mischung aus Italienisch und Arabisch. Aber die Zahlen sprechen sie Englisch aus. Hat sich wegen der Touristen eingebürgert. Wie die Griechen, die den Sirtaki aus dem Film „Alexis Sorbas“ übernommen haben, einfach so, für die Touristen. Der Tanz wurde extra für den Film erfunden und die Griechen haben sich gedacht; naja, wenn das Touris bringt, warum nicht?!
Die Alkohol-Spezialität hier ist Bier, nennt sich Cisk, sprich Tschisck, und schmeckt lecker; da merkt man die britische Kolonialzeit.
Die Süßwaren-Spezialität auf Gozo ist Nougat, ähnlich dem türkischen Nougat, hier wird er in stattlichen 150-Gramm-Barren verkauft. Ich esse umso mehr, je mehr ich das Bedürfnis nach Nikotin verspüre, aber ich habe nur 2 gekauft und so muss ich auf Eis umsteigen, dass ich jetzt auf dem Weg zum Strand verputze. Am Ende sind es drei Eis und ich kriege Bauchschmerzen. Die Zigarette schmeckt nach Vanille.
Am Abend waren wir essen, sie erzählte begeistert vom Tauchgebiet. Sie will mich für Scuba-Diving, das ist Tauchen im Pool, begeistern. Ich winke entschieden ab, da gäbe es nichts zu sehen. Ich gebe doch keine 25 Euro aus, um Kacheln zu sehen!
Die Gozitanerinnen selber versprechen und halten nichts. Hier hat der Vatikan die Hand drauf; es ist hier absolut nicht üblich, vor der Verlobung sexuelle Aktivitäten das Jungfernhäutchen betreffend zu entwickeln.
Die Männer auf Gozo reagieren auf die einheimischen Mädels dadurch, dass sie recht beachtliche Energien bezüglich den Touristinnen entwickeln. Nicht plump, eher äußerst bemühend. Wir sind in der Disco und sie ist gerade das Objekt der Begierde. Die Disco heißt „La Grotta“ befindet auf der anderen Seite der Insel, in Xlendi, sprich Schlendi, und liegt traumhaft an einer Felsbucht in selbstmordgefährlicher Höhe; der Innenbereich ist sogar in den Felsen gehauen. Die Örtlichkeit ist der Traum, was ich mir gerade anschauen muss, ist hingegen der Horror eines jeden Verliebten. Hera Lind in der Verfilmung eines japanischen Autorenfilmers mit Turkish Pop als musikalische Untermalung wäre leichter zu ertragen.
Ich habe Phantasien, zu der brusthohen Begrenzung zu laufen und dann darüber hinaus elegant die Klippe herunter zu springen, aber es würde sowieso nicht klappen. Immer, wenn ich versuche, cool zu sein, geht das in die Hose. Womöglich ist dahinter noch nicht die Klippe und ich lande auf dem Felsen. Es gibt nichts Entwürdigenderes, als einen heroischen Liebeskummer-Selbstmord perfekt zu inszenieren, nur um hinterher von der Frau, wegen der man es tun wollte, seine Schürfwunden verarztet zu bekommen.
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