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Paul Rosenhayn

Die ferne Frau

Roman

Die ferne Frau

© 1927 Paul Rosenhayn

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711592649

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Der nordische Idealist — der abgeklärte Opportunismus des Franzosen — die junge Kraft Asiens stehen im Kampfe für und gegen das neue Werk: die Eisenbahn Europa—Rußland—China.

In dem Augenblick, da der Expreßzug Paris—Peking durch die Wüste Gobi braust — in diesem selben Augenblick vollzieht sich der Beginn einer neuen Geschichte der Menschheit. Dort, wo die beiden größten Länder der Erde zusammenfließen, keimt gierig aus altem Boden junges Leben — werden Kräfte frei, die Jahrtausende in Ketten lagen.

*

Aber die Kultur des Westens wittert den Feind. Jeder neue Fortschritt mobilisiert die Intrigen Europas zu schärferem Kampf: Asien vor den Toren!

*

Jedes dieser Länder bedeutet ein Stückchen meines Lebens. In den waldumhegten Landsitzen Dänemarks liegen die Wurzeln meiner Herkunft — Paris lehrte den Schüler lächelnde Synthese aus Arbeit, Frohsinn und Liebe — und alle Erfüllungen letzter und tiefster Fragen kreisen um das Land des Sonnenaufgangs.

I

Der Beifall rauschte durch das Haus und schlug prasselnd auf die Bühne. Helene Wassiliew lächelte in das Dunkel hinein. Sie verneigte sich, immer mit jenem Unterton eines scheuen Triumphes; dann fiel der Vorhang. Das Licht der Rampe erlosch, das Theater wurde hell.

Gamberg wandte den Kopf zu Ove Jens Boye herum, der in der zweiten Reihe der Loge saß. Er blickte Boye ins Gesicht, das mit einem abwesenden Ausdruck an Ebba vorüber auf die Bühne gerichtet war. Ebba fing den Blick ihres Vaters auf und erhob sich mit einem unmutigen Ruck.

Im Hause wurde es lebendig; der Logenschließer öffnete die Tür.

Ove trat als erster auf den Korridor hinaus.

Der Richter Lystrup, der eben vorüberging, grüßte. Merkwürdig, sein Schritt wurde langsamer. In letzter Zeit begegnete man Lystrup auffallend oft dort, wo Ebba war. Der Gang war erfüllt von Licht und von Menschen.

Ebba übersah es scheinbar, daß ihr Verlobter ihr den Arm bot. Ihr Vater und Richter Lystrup begrüßten sich.

„Wie gefällt Ihnen die Wassiliew?“ fragte Lystrup. „Ist sie nicht fabelhaft? Es ist ihre Glanzrolle: die Mimi. Dabei diese Schwierigkeit: alle singen dänisch, sie als einzige französisch!“

Über die Treppe zum Vestibül flutete der Menschenstrom herauf; das Promenoir füllte sich.

Ove hatte kaum einen Blick von seiner Braut gewandt, die mit ihren Gedanken so völlig beschäftigt schien, daß sie von ihm kaum Notiz nahm.

„… Und Ihre Mongoleibahn?“ begann Lystrup von neuem.

Gamberg machte eine kleine abwehrende Bewegung mit der Hand. „Lucien Laporte hat den Zuschlag bekommen, der große Pariser Bauunternehmer Lucien Laporte. Er hat eine runde Million weniger gefordert als ich. Die chinesische Nordregierung hat übrigens schon die Kulitransporte mobilisiert.“

Von der Fensternische her lächelte Pastor Christiansens Epikuräergesicht; neben ihm stand Rektor Lund: die beiden schienen sich wie gewöhnlich zu streiten. Ove grüßte; zugleich fühlte er, wie der Druck in seinem Herzen zunahm. Der verstohlene Neid, den er rechts und links deutlich spürte, konnte ihn über die Wahrheit nicht hinwegtäuschen: daß er wie ein Gefangener unter diesen Menschen ging. Dort, Pastor Christiansen hatte ihn getauft und konfirmiert — Rektor Lund, neben ihm, im Schmuck seines blonden Vollbarts, begrüßte den Schüler mit seinem steifen Kopfnicken. Seine juristische Karriere hielt Richter Lystrup in Händen, der eben eifrig auf Ebba einsprach — und seinem Schwiegervater, der ihn am Tage seiner Hochzeit als Syndikus in die Firma aufzunehmen versprochen hatte — dem gehörte seine Zukunft. Dieser kleine Raum umschloß den Zirkel seines Lebens. Jeder dieser Männer repräsentierte einen Eckpfeiler. Er mußte lächeln, so wenig ihm danach zumute war: gottlose Kollegen bezeichneten den Richter Lystrup als einen Strebepfeiler der Justiz.

Das Klingelzeichen ging durchs Theater; in die Menge kam Bewegung. Ihm schien, als ob Ebba sich verstohlen nach ihm umsähe. Ove wollte trotz allem die Dinge nicht auf die Spitze treiben und berührte zärtlich ihren Arm.

„Haben Sie gestern die Notiz im Abendblatt gelesen?“ fragte Lystrup, der sich schon der Treppe zuwandte. „In den Kulitransporten, die für den Bau der Mongoleibahn nordwärts geschickt worden sind, ist die Schlafkrankheit ausgebrochen; in der Stadt Kalgan mußten Massenlazarette errichtet werden.“

Gamberg wandte überrascht den Kopf. „Die Schlafkrankheit… in der Mongolei?“

Lystrup nickte. „Man steht vor einem Rätsel.“

Das zweite Klingelzeichen schrillte.

„Nicht wahr,“ fragte Lystrup, der eben Gamberg mit einer Verbeugung die Hand reichte, „falls Lucien Laporte nicht eine bestimmte Strecke der Mongoleibahn bis zu einem gewissen Termin fertigstellt, fällt der Auftrag an Sie?“

Von der Loge her winkte Ebba lachend mit der Hand; Lystrup verabschiedete sich; er hatte seinen Platz irgendwo unten im Parkett.

„Wenn sie jetzt ein zärtliches Wort sagt,“ dachte Ove, „dann ist alles wieder gut.“ Er stand neben ihr und sah sie von der Seite an; aber sie blickte gleichmütig dem Vater entgegen.

Das Haus war noch hell.

„Haben Sie heute das Bild im ‚Magasinet‘ gesehen?“ fragte Gamberg, während der Logenschließer öffnete. „Das Bild von Bob Bantam?“

Boye schüttelte den Kopf. „Ich lese die ‚Politiken‘ selten. Ist das der Bob Bantam, der…“

„… der die Autofahrt durch die Mongolei macht“, nickte Gamberg. „Er war vor einigen Wochen unser Gast.“

„Warum lächelt sie ihrem Vater zu, während er von Bob Bantam spricht?“ fragte sich Ove.

Langsam wurde der Zuschauerraum finster.

Ebbas Profil zeichnete sich deutlich ab gegen das Dunkel des Proszeniums. Wie klar und rein ihre Züge waren!! Sie galt als eins der schönsten Mäd hen von Kopenhagen. Die nordische Herbheit ihres Wesens ließ sie auf den ersten Blick anteillos erscheinen; aber Ove wußte von scheuen Zärtlichkeiten, die eine völlig andere Ebba Gamberg offenbarten.

Die Rampe flammte auf. Das rötliche Licht übergoß Ebbas Züge mit einem warmen und zärtlichen Schimmer. Aus den Girandolen tropfte es farbig durch den Raum; Ebbas blonder Pagenkopf leuchtete in verwirrenden Reflexen. Das Licht erlosch; der Vorhang ging auf.

Bob Bantam, dachte Boye, Bob Bantam… er hat alle jene Eigenschaften, die iah nicht habe. Ganz sicher: er heißt nicht Bantam — welcher Mensch hieße wohl Bantam? Und auch sein Beruf ist völlig anders als der anderer Leute. Welcher Mensch außer ihm machte wohl Autofahrten durch die Kontinente, lediglich zu dem Zweck, den Menschen zu beweisen, daß das Auto Soundso den Strapazen gewachsen sei? Hatte Pannen wie er, Kämpfe mit Eingeborenen, Renkontres mit Schlangen, Krokodilen, Tigern? Wurde gefeiert wie eine Art Roald Amundsen — und ging aus allen Abenteuern mit unbeschädigter Bügelfalte hervor? Aber das war es wohl nicht allein. Sonst würde ein Mann wie Gamberg, dem nichts auf der Welt imponierte als wirkliche Tüchtigkeit, wohl nicht im Ernst so bewundernd von Bob Bantam sprechen. Irgend etwas mußte daran sein, er fühlte es.

Aber die Stimme Helene Wassiliews kam dazwischen:jäh waren seine Gedanken, seine Ängste vergessen, und während er auf die Bühne blickte, versank alles andere um ihn herum: die Menschen, der Raum und alle Dinge seines Lebens.

Die Stimme der jungen Diva glitt wie ein silberner Schleier durch das Dunkel. Wie ein Schleier, der die Sinne der Menschen gefangennahm, sie einhüllte; deutlich fühlte Ove, wie ihr das Haus erlag. Jedes Räuspern verstummte; nicht eine leise Bewegung war unter den Tausenden.

Ihre Stimme, ihre Erscheinung trugen ihn zurück in jene Zeiten, da er selbst mit dem Gedanken spielte, ein Künstler zu werden. Er fühlte: die Frau dort unten war Geist von seinem Geist, Blut von seinem Blut. Sie war erfüllt von jenem zärtlichen Mitschwingen mit den Seelen der andern, das die seltsame und leidvolle Gabe des Künstlers ist. Sie kam aus einer Welt, mit der ihn tausend Fäden verbanden. Für die man in seinen Kreisen kein Verständnis hatte, nur das lächelnde Achselzucken des Bürgers. Den Menschen rings um ihn bedeutete Kunst die Abenderholung des fleißigen Verdieners, abhängig von ihm, bezahlt von ihm, angewiesen auf sein Wohlwollen. Wer kam hier wohl auf den Gedanken, ein Künstler zu werden? Doch nur einer, der zu ernster Arbeit nicht taugte. So dachten alle. So dachte Gamberg. So dachte auch Ebba. Gelegentlich hatte er Verse rezitiert: von Grundtvig, von Jens Baggesen; man hatte nachsichtig gelächelt und ein wenig applaudiert; als er sich dann, mutig gemacht, an den Flügel setzte, um eine Suite von Jean Baptiste Lully zu spielen, da hatte sein Schwiegervater beziehungsvoll gelächelt. Um ihm beim Mokka zu erklären, daß er an einem jungen Mann vor allem Zielbewußtsein im Beruf schätze und daß er gegen Dinge, die abseits führten von dem glatten Wege der Karriere, ein ehrliches Mißtrauen empfinde.

Ove fühlte mit jenem sechsten Sinn, daß in diesem Augenblick etwas Merkwürdiges vorging. Er zuckte fast zusammen, in einem Zwange, über den er sich selbst keine Rechenschaft geben konnte:

Helene Wassiliew blickte zu ihm herüber.

Sie wandte ihre Augen von ihm ab in dem gleichen Moment, da er ihren Blick erwiderte; aber ein seltsam befangener Ausdruck trat in ihr Gesicht, und abermals glitten ihre Augen, fast wie gegen ihren eigenen Willen, zu ihm in die Loge.

Er sah schuldbewußt auf Ebba; deutlich erkannte er, daß ihre Züge noch abweisender wurden; er glaubte ein Flimmern in ihren Augen zu sehen.

Plötzlich erhob sich Ebba. „Ich möchte gehen“, sagte sie leise. „Ich habe unerträgliche Kopfschmerzen.“

Die beiden Herren standen auf. Gamberg flüsterte etwas, was Boye nicht verstand.

Leise öffnete Ove die Logentür; das helle Licht des Korridors schoß in den Theaterraum; man blickte zu ihnen hinüber. Ove sah gedankenvoll auf die Bühne; aber die Sängerin schien die kleine Störung nicht zu bemerken.

Während die drei die Treppe hinuntergingen, fragte Ove leise:

„Was ist dir, Ebba?“

Sie schüttelte wie zur Antwort den Kopf.

Irgend etwas war in ihrem Gang, das in seltsamem Widerspruch stand zu der Kühle ihres Wesens. Ihr Gesicht war abweisend — ihr Gang war zärtlich. Sie war fast so groß wie er.

Der Portier gab ein Signal.

„Es ist schade“, sagte Gamberg, während das Auto anzog. Und als ob er sich auf einer Unfreundlichkeit ertappe, setzte er hinzu: „Ich meine, ich hätte dir den Schluß der ‚Bohème‘ gern gegönnt.“

Das Auto fuhr über den lichterfunkelnden Kongens Nytorv; der breite Menschenstrom zwang es zu langsamer Fahrt. Über Kopenhagen lag helle nordische Nacht, erfüllt von Seewind und von ferner und kühler Frische. Unablässig erneute sich der Strom der Promenierenden: von der Skydebane über den Rathausplatz durch die schmale Nygade — über den Amagertorv bis zum Hotel d’Angleterre.

Der Wagen bog hinüber in die Store Kongensgade und raste, in der Richtung des Oeresund, der Langelinie zu. Von Sekunde zu Sekunde schien das Feindselige in der Atmosphäre sich zu verstärken; was drinnen, in der heißen Luft des Theaters, wie eine fiebrige Übertreibung gewesen war, wurde nun, in der Kühle der Nacht, zu fühlbarer Absichtlichkeit.

Die Straßen wurden dunkler. Sanft glitt das Auto in das Grün des Boulevards ein; der Wagen hielt.

„Hansen kann Sie zurückfahren“, meinte Gamberg.

Aber Ove schüttelte dankend den Kopf. „Ich möchte zu Fuß gehen.“

Im Hause wurde es hell. Ove ging hinüber in den Schatten der Ankersgade.

Bantam… immer noch klang ihm der Name im Ohr. Bob Bantam… „Bantam war unser Tischgast“, hatte Gamberg gesagt. „Vor einigen Wochen ist er bei uns gewesen.“ Und Ebba hatte dazu gelächelt.

Wie hell diese Sommernacht war! Zärtliche Pärchen strichen an ihm vorüber, untergefaßt, mit träumerischen Augen; von der Langelinie her ebbte der Strom der Verliebten zur Stadt zurück. Sie brachten den Duft des Meeres mit, das frohe und tiefe Einssein mit der Natur, jene Durchdrungenheit, die nur der empfindet, der am Meere lebt.

Und er? Ove Jens Boye? Gehörte ihm nicht die Schönste von allen? Machten sich nicht die Leute heimlich auf ihn aufmerksam: das ist der Schwiegersohn des reichen Gamberg! Der künftige Gatte Ebba Gambergs, des schönsten Mädchens von Kopenhagen!!

Du lieber Gott! Wie anders die Dinge wurden, wenn man ihnen auf den Grund ging! Gewiß, er begriff bis heute nicht recht, daß Gamberg Ja gesagt hatte. Aber hatte ihm der Gedanke an Ebba, an seine Braut, eine einzige glückliche Stunde gebracht? Er war skeptisch geworden in der Nüchternheit seines Berufs; deutlich hatte er hinter dem Lächeln der Menschen die Frage gespürt: wie er, der kleine Assessor, zu diesem unerhörten Glück komme. Sein Äußeres? Nun — groß, blond, schlank und blauäugig waren genug andere auch. Seine künstlerischen Neigungen? Seine Liebe zur Musik? Zu den Dichtern? Seine tiefe Liebe zu allen Dingen, die die Härte des Alltags vergessen ließen? Die hinübertrugen in eine bessere, leichtere, freundlichere Welt?

Fast mußte er lachen. Gerade diese Seite seines Wesens, die seine beste, seine echteste, seine tiefste war — gerade die traf auf ein Nichtverstehen, das fast feindselig war. Im Laufe dieser Woche hatte er es mehr und mehr begriffen: daß nichts innerlich Gemeinsames war zwischen ihm und jenen. Ebba lächelte, wenn er von jenen Dingen sprach, die ihm Zweck und Sinn des Lebens schienen. Im Hause Gamberg galten als Postulate eines vorschriftsmäßigen Lebenslaufs: Fleiß — Rechtschaffenheit — Religiosität.

In scharfer Kurve bog die Straße nach Westen ab; die nächtliche Store Kongensgade lag endlos vor ihm — fern drüben flimmerten die Lichter der Stadt.

Das war das Unerträgliche an Gambergs Argumenten: daß sie unangreifbar waren und unwiderleglich. Daß man fleißig sein mußte, war selbstverständlich. Das Gebot der Rechtschaffenheit bedurfte keiner Diskussion. Und selbst die Religiosität, über die sich allenfalls streiten ließ, war letzthin nichts als eine besondere Form eines Moralgesetzes, das jeder anerkennen mußte, der Verständnis für die Gegenseitigkeit aller menschlichen Beziehungen hatte. Aber unerträglich war, daß man diese Grundsätze, diese Primitivität der Lebensauffassung, als Ziel und Zweck alles Lebenskampfes hinstellte. Statt sie an den Anfang der Dinge zu setzen. In dieser betonten Bescheidung, das fühlte er, lag Heuchelei.

Dort kreuzte pompös und schweigend die Fredericiagade seine Straße. Auf den drei goldenen Kuppeln der Alexander-Newsky-Kirche, die byzantinisch-düster in die helle Kopenhagener Nacht wuchtete, schimmerte silbriges Mondlicht. Dahinter … dahinter lag das Gerichtsgebäude — die Stätte der Fron, die ihn sieben Stunden jeden Tag gefangen hielt.

Gefangen hielt — das war es. Die Gitter der Fenster, die schnurgerade aufgereiht waren jenseits des Hofes — diese Gitter waren Symbol und Abbild seines eigenen Eingekerkertseins. Seine Zukunft, seine Kräfte, ja, seine Gedanken waren einem Leben verschrieben, das er nicht begriff. Dessen Notwendigkeit er ablehnte. Das er haßte. Die Interessen der Kollegen, die Freuden einer bürgerlichen Karriere — alles war philiströs, kleinbürgerlich und platt. Und selbst der Abschied von diesem Hause bedeutete nur den Einzug in ein neues Gefängnis. Das darum nicht weniger drückend war, weil seine Traillen vergoldet waren: die Ehe mit Ebba, das Aufgehen in die Ideen Gambergs — die Kapitulation auf Lebenszeit.

Ein offenes Auto bog aus der Fredericiagade in die Straße ein.

„Ove!“ rief eine helle Stimme.

Es waren der junge Willumsen, der Sohn des Großreeders, und der Baron Kirkegaard.

Das Auto stoppte. Kirkegaard stieß den Schlag auf. „Eine Frage: bist du im Frack?“

„Im Smoking“, antwortete Ove lachend.

„Hm —.“ Kirkegaard sah sich ratsuchend zu Willumsen um. Der nickte.

„Komm mit.“

„Wohin?“

„Ins d’Angleterre. Geschlossene Gesellschaft. Aber sehr lustig. Theater.“

Ove blickte zögernd die Straße hinunter — aber schon stieg Willumsen aus und drängte ihn mit sanfter Gewalt auf den Vordersitz.

Das Auto zog an.

„Warst du nicht heut abend in der ‚Bohème‘?“

Ove nickte.

„Was ist eigentlich mit diesem Lystrup?“ fragte Kirkegaard kopfschüttelnd. „Überall, wo deine Braut ist, sieht man den Herrn Untersuchungsrichter Lystrup mit Sicherheit auftauchen. Warum läßt du dir das gefallen?“

„Er ist sein Vorgesetzter“, lachte Willumsen.

„Gib acht — er wird dich bei ihr ausstechen.“

„Der?“ wiederholte Willumsen. „Der möchte sich nur beizeiten als Dritter für den Familientisch anmelden. Das macht er immer so bei seinen Assessoren.“

„Merkwürdig“, dachte Ove. „Diese Frivolitäten hätten mich vor zwei Monaten zur Raserei gebracht. Heute höre ich sie an und muß beinahe mitlachen.“

Das Auto überquerte den Kongens Nytorv und hielt vor dem Hotel.

„Zu wem gehen wir eigentlich?“ erkundigte sich Ove auf dem Wege zum Fahrstuhl. „Schliellich muß man doch wissen, bei wem man zu Gaste ist.“

Willumsen wies auf den Blumenstand. „Geben Sie uns Lillebil-Nelken, Fräulein. Für dreißig Kronen.“

Die Drei fuhren in den ersten Stock hinauf.

„Zu wem wir gehen?“ wiederholte der Baron zerstreut. „Ja so, das weißt du ja noch gar nicht. Also, du warst doch heute abend in der ‚Bohèm‘.“

„Er hat natürlich nur Augen für seine Ebba gehabt“, lachte Willumsen.

Ein Boy nahm die Garderobe ab und stieß die Tür eines Saales auf, aus dem Stimmengewirr und Lachen kam.

„Also wir führen dich hier… aber da ist sie sie schon“, unterbrach sich Willumsen und drängte Ove vorstellend ins Zimmer. Vor ihm stand Helene Wassiliew.

„Dies ist Assessor Boye“, sagte Kirkegaard auf Französisch.

Helene Wassiliew reichte Ove die Hand und sagte lächelnd:

„Sie können ruhig Dänisch mit mir sprechen; meine Mutter war eine Jütländerin.“

Ove küßte Helenes Hand und sagte ein paar Worte, deren Banalität ihn selbst in Verwunderung setzte. Er war sonst von jener gesellschaftlichen Sicherheit, die das Merkmal kultivierter Skepsis ist: das Zusammentreffen von Menschen, die sich im Grunde nichts zu sagen hatten, heischte gewisse Formen. Hier, er gestand es sich: hier, zum ersten Male in seinem Leben, verließ ihn diese Sicherheit. Er fühlte plötzlich, daß er, fast ohne es zu wissen, diese ganze Zeit über an Helene Wassiliew gedacht hatte.

Sie stand immer noch vor ihm, und ein Lächeln stieg in ihren Augen auf. In diesen dunklen, tiefen, leuchtenden Augen — in denen ein Ausdruck lag, den er nicht verstand. Sie sah jünger aus als auf der Bühne. Jünger und schöner, dachte er bei sich.

„Sie waren im Theater?“ fragte sie, im Tonfall der Mimi von vorhin.

„Ich saß unmittelbar an der Bühne.“

Sie neigte lächelnd den Kopf. „Ich glaube, ich habe Sie gesehen.“

Etwas schoß ihm zum Herzen. Etwas Heißes und Erregendes.

„Wirklich?“ fragte er leise.

„Sie sind im dritten Akt gegangen?“

Er nickte schuldbewußt. „Meine… Fräulein Gamberg, die mit uns in der Loge saß, fühlte sich nicht wohl.“

„Nehmen Sie ein Glas Sekt?“

Sie winkte dem Kellner, der eben mit dem Tablett vorüberging, und nahm zwei gefüllte Gläser.

Von drüben grüßte jemand herüber. Ove winkte zurück; er wußte im Augenblick nicht, wer der Grüßende war, aber irgend etwas in seinem Hiersein verursachte ihm eine unerklärliche Beklommenheit.

Helene Wassiliew mochte in der Mitte der Zwanzig sein, vielleicht auch älter. Obwohl sie von brünettem Typ war, wirkte sie doch fast nordisch; das tiefe Dunkel ihrer Augen unterstrich seltsam die Helligkeit ihrer Erscheinung. Während sie sich zur Seite neigte, um mit der Frau des Attachés ein paar Worte zu wechseln, sah er ihr weiches Profil, dem das kurze dunkle Haar etwas Fremdartiges gab.

Ein paar Herren kamen aus dem Nebenzimmer; eine Kollegin entführte Helene; sie protestierte lachend gegen die tönenden Lobeshymnen; dann verschwand ihre grazile Gestalt im Gewühl.

Ove ging hinüber zum Rauchtischchen, um sich eine Zigarette zu nehmen; da war der Fremde von vorhin wieder, und nun erkannte Ove in ihm einen Funktionär der politischen Polizei.

„Nun…?“ fragte jener lächelnd und präsentierte ihm ein brennendes Zündholz.

Zu seinem Erstaunen spürte Ove wieder jenes Unbehagen in sich aufsteigen.

Der andere sah mit einem halben Blick zu Helene hinüber, die mit dem jungen Baron Kirkegaard ein paar Takte tanzte.

„Ich glaube, es gibt heute abend noch eine Überraschung.“ Seine Stimme hatte einen so seltsam drohenden Klang, daß Ove überrascht den Kopf wandte.

„Achtung!“ Der Direktor klopfte an sein Glas. „Auf Wunsch des Fräulein Wassiliew wird Herr Molander eine Suite spielen.“

Das Summen verstummte; Helene selbst schlug das Notenblatt auf; Molander, der dänische Partner Helenes, begann zu spielen.

Fast mit Bestürzung erkannte Ove die Suite von Jean Baptiste Lully. Sein Lieblingsstück. Seine Suite…

Drüben saß Helene, gedankenvoll vor sich niederblickend. Er ging leise um das Rund des Zimmers zum Flügel. Sie hob die Augen:

„Meine Lieblingsmusik.“

Die Suite von Lully — ihr Lieblingsstück! Diese Suite, die in ihm klang in Tagen und Nächten… diese Suite, die man im Hause Gamberg abgelehnt hatte…

Er fühlte, wie ihr Blick auf ihm ruhte. Die Tür zum Nebenzimmer war offen; er ging hinüber; dort standen bequeme Ledersessel. Durch das schweigende Halbdunkel, das ihn umgab, rieselte die leise Melodie wie tropfendes Wasser. Dort drüben stand Helene; deutlich sah er die schlanke Linie ihrer Gestalt. Die Töne spannen ihn ein; geheimnisvoll und lockend verschmolzen die Dinge ineinander; er glaubte Stimmen zu hören, die seinen Namen flüsterten, Schritte klangen, Rauschen wie von Seide streifte sein Ohr. Er hielt die Augen geschlossen und trank den Duft dieser verheißungsvollen Nacht.

Die Musik hatte geendet; er schreckte auf, Stimmen schwirrten durcheinander, jemand lachte; es war Helene. Dann sprach eine Stimme, die er nicht kannte, von Dingen, die ihn nicht interessierten; er verstand die Worte: „In der Mongolei ist die Schlafkrankheit ausgebrochen…“

Helene Wassiliew trat in den Lichtkreis, und er hörte sie fragen:

„In der Mongolei…? Wissen Sie Näheres?“

„In Kalgan: unter den chinesischen Arbeitern, die die Bahn bauen sollen.“

„Wie ist das möglich, Herr Doktor: in der Mongolei… Schlafkrankheit?“

Merkwürdig: deutlich hörte Ove zitternde Erregung in ihrer Stimme.

„Wir stehen vor einem Rätsel“, antwortete der andere. Wahrscheinlich ein Arzt, dachte Ove.

„Es sieht fast aus, als ob der Erreger der Schlafkrankheit eingeschleppt worden wäre.“

„Ist es möglich, daß… ein… eine Absicht…?“

Eine kleine Pause entstand. Dann antwortete der andere:

„Ja. Es ist möglich.“

Fremde Stimmen mischten sich ein, lachend und protestierend; man umringte Helene, augenscheinlich um sie einem Gespräch zu entziehen, das niemanden interessierte.

Wieder setzte leise Musik ein — ein Nokturno von Tschaikowsky. Seltsam, alles in Helenes Bannkreis war Geist von seinem Geist — sie dachte mit seinen Gedanken — aus gleichen Tiefen kamen ihre Empfindungen…

Türen schlugen, das Anschwellen der Gespräche verriet, ohne daß er ein Wort verstand, feierliches Abschiednehmen. Er starrte in das Dunkel hinein — immer deutlicher spürte er den zärtlichen Rausch, der ihn erfüllte.

Und dann kam wieder jener leichte Schritt, das Parkett knarrte, und eine Stimme, die er kannte, sagte:

„Gute Nacht, einsamer Träumer!“

Verwirrt sprang er auf; Helene reichte ihm die Hand. Er sah im halben Licht, das schräg auf sie fiel, daß sie bleich war.

„Gute Nacht“, erwiderte er leise. „Seien Sie nicht böse — ich habe mich zurückgezogen, es war eine Unhöflichkeit. Aber ich konnte von hier die Lieder hören — Ihre Lieblingslieder, die man gespielt hat — und ich konnte meinen Gedanken nachhängen, während dort drinnen von gleichgültigen Dingen gesprochen wurde.“

Sie sah ihn an. „Und womit beschäftigten sich diese Gedanken?“

„Wenn ich es Ihnen sagen würde, so würden Sie darin eine… eine neue… ich finde das Wort nicht… Sie sind müde, Fräulein Wassiliew. Ich bitte um Verzeihung.“

Sie sah sich unruhig um. Auf seinen fragenden Blick schüttelte sie den Kopf. „Es ist jemand da, der mich zu sprechen wünscht. Einer der Gäste — ich hatte ihn kaum bemerkt.“ Damit reichte sie ihm die Hand, die er küßte; sie entzog sie ihm hastig. „Sie müssen gehen.“

Er trat auf den Korridor hinaus; in der Tür begegnete ihm der Kommissar, der mit kurzem Gruß an ihm vorüber ins Zimmer ging.

Betroffen sah Ove sich um. Was bedeutete das? Der Gruß des Beamten war knapp und kühl gewesen; er kannte diese Art: das war ein amtlicher Gruß.

Der Boy kam ihm entgegen, schon mit Hut und Mantel wartend. Während er Ove beim Ankleiden behilflich war, blickte der Boy in ängstlicher Gespanntheit auf die Tür, durch die der Kommissar gegangen war.

Ove trat auf den weiten Platz hinaus, der sich müde und verschlafen vor ihm dehnte. Die Fröhlichkeit war verstummt; das lachende Gewimmel war zurückgeebbt in die dunklen Straßen, über denen nun der Schlaf der tiefen Nacht lag. Schon meldete sich bleiche Helle am Himmel, der Widerschein der Mitternachtssonne, der nächtens bis über das sommerliche Seeland leuchtet.

Ove ging quer über den Kongens Nytorv. Ein Signal gellte; vor dem Hotel hielt ein geschlossenes Auto. Ove wandte sich um; zwei Herren stiegen aus, die er zu kennen glaubte: zwei vierschrötige Gestalten. Sie gaben dem Chauffeur eine Weisung und gingen ins Hotel hinein, mit kurzen militärischen Schritten.

Die Front des Hauses lag in tiefem Dunkel; nur aus den Fenstern eines Zimmers des ersten Stocks drang Lichtschein. Irgend etwas lag in der Atmosphäre, das ihn beunruhigte. Was wollten diese beiden Männer — er wußte jetzt, wer sie waren — was wollte der Kommissar? Auf wen bezogen sich seine Worte: ‚Es gibt heute abend noch eine Überraschung‘? Er war zurückgekehrt, als alle Gäste fort waren — was bedeutet das alles?

Fast mußte er über sich selbst lächeln: das waren seine überreizten Nerven, nichts anderes. Er war übermüdet, durchschüttelt von überraschenden und überwältigenden Dingen — Liebe, Furcht — Verzweiflung und Hoffnung — und nun, mit dem Gutenachtgruß, war die Reaktion gekommen. Morgen früh, im Lichte des grauen Werktags, sahen die Dinge aus, wie sie immer aussahen: nüchtern, primitiv, ohne Komplikationen.

Er versenkte die Hände in die Manteltaschen und setzte den Weg fort, der Bredgade zu. Ein Klang kam aus dem Dunkel der Nacht; er blieb erschreckt stehen.

Während er sich umwandte, wußte er, daß dieser Klang eine Täuschung seiner Sinne gewesen war. Gleichwohl fühlte er die Realität, die hinter diesem Warnruf stand: seine Nerven hatten reagiert auf einen Vorgang, der jenseits der Wahrnehmung lag.

Aus dem Hotel trat Helene Wassiliew; rechts und links von ihr gingen die beiden Männer von vorhin; ihr auf den Fersen folgte der Kommissar. Die Vier stiegen ins Auto. Ove schüttelte mit einer nervösen Bewegung die lähmende Bestürzung ab und stürmte über den Platz. Aber schon setzte sich das Auto in Bewegung; Boye hastete keuchend ins Hotelvestibül, wo der Nachtportier aufgeregt mit ein paar Bediensteten sprach. „Fräulein Wassiliew?“ wiederholte der Portier und deutete mit schrägem Blick durch die Glastüren in den dämmernden Morgen hinaus. „Fräulein Wassiliew ist soeben verhaftet worden.“

Boye stellte eine betroffene Frage.

„Wir wissen es nicht, mein Herr. Wir wissen es nicht.“

Oves eiskalte Finger krampften sich zitternd um das Messing der Drehtür. Er taumelte; fast zog die Schwere seiner Glieder ihn zu Boden.

Der große Platz war menschenleer; drüben verschwand eben das rote Licht des Wagens im dämmrigen Grau der Straße.

II

Die Kollegen standen plaudernd vor den Türen, als Ove Jens Boye über den Korridor ging.

Die Unfreundlichkeit eines mürrischen Wochenbeginns lag in der Luft, die erfüllt war von staubiger Wärme. Durch die hohen Fenster zeichnete sich bleigrauer Himmel, unterbrochen von den schweren Konturen der Häuser, die den Blick begrenzten; drüben, jenseits des Hofes, starrten vier Etagenreihen vergitterter Fenster in den Morgen.

Ein paar Kollegen riefen Boye heran; sie erzählten Liebesabenteuer — die neuesten Witze aus dem Tivoli — Seglergeschichten vom Sund. Sie waren von gleichmütiger Frische, rosig und bedenkenlos. Dann kam Richter Lystrup vorbei; er winkte Boye vergnügt mit der Hand; man wußte nicht recht: war das Kollegialität oder verhohlener Spott.

Ove blieb ostentativ bei den Plaudernden stehen, obwohl es neun Uhr war.

Er kam mit einer kleinen Verspätung aufs Amtszimmer. Lystrup saß mit hochrotem Kopf über einem Aktenstück; als Boye eintrat, nickte er ihm eifrig zu.

„Es gibt eine interessante Vernehmung, Herr Assessor. Einen Fall… können Sie ermessen, was das bedeutet? Einen wirklichen und wahrhaftigen internationalen Fall!! Raten Sie einmal, wer in einer Minute hier vor uns stehen wird!“

Ove fühlte das würgende Klopfen seines Herzens. Er wußte nur zu gut — aber er vermochte nicht ein Wort herauszubringen.

Lystrop drückte den Knopf. Dann zog er den Taschenspiegel und glättete die Krawatte in der hohlen Hand.

„Helene Wassiliew“ sagte er; er sprach das Wort, als ob er einen Leckerbissen auf der Zunge zergehen ließe. „Helene Wassiliew… in einer Sache… in einer Sache, sage ich Ihnen… Hören Sie, Assessor: Sie müssen mir sekundieren. wir müssen einmal zeigen, was wir können. Ich ermächtige Sie, jede Frage zu stellen, die Ihnen einfällt. Verstehen Sie? Jede Frage, die Sie für förderlich halten. Für förderlich im Sinne der Untersuchung… Wenn es gelingt, sie zu überführen, Boye, wenn es uns gelingt, etwas Gravierendes aus ihr herauszubringen: dann bin ich in einem halben Jahr bei der Regierung. Und Sie amtieren hier an meiner Stelle.“

Auf der Treppe, die vom Hof heraufführte, hörte man Schritte, die näher kamen; Ove fühlte, wie der Schlag seines Herzens zu einem irren Rasen wurde.

„Und was…“ — er erschrak über seine eigene Stimme — „… und was… liegt gegen sie vor?“

Lystrup machte ein Gesicht, aus dem man tausend Dinge herauslesen konnte. „Soviel ich in der Geschwindigkeit aus den Akten ersehen kann, ist sie eine… eine…“

Es klopfte.

Auf Lystrups Herein ging die Türe auf; zwei Beamte meldeten: „Helene Wassiliew!“

Sie trat ein. Die Beamten zogen sich auf einen Wink des Richters zurück und schlossen die Tür hinter sich. Helene, bleich, die dunklen Augen von fiebrigem Glanz erfüllt, trat auf eine Handbewegung Lystrups an die Barriere. Sie war noch in Abendtoilette; offenbar hatte man ihr nicht die Zeit gelassen, sich umzukleiden. Völlig abwesend blickte sie durch die Dinge hindurch; sie gewahrte Boye nicht. Ja, es schien, als ob sie den Sinn ihres Aufenthalts in diesem Raum kaum begriffe.

„Wünschen Sie einen Dolmetscher?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Bitte nehmen Sie Platz.“

Helene blieb unbeweglich stehen, den Blick durch das Grau der Wand hindurch in unendliche Fernen gerichtet.

Lystrup schlug das Aktenstück auf; beim Rascheln des Papiers zuckte sie zusammen. Ove kannte diesen Trick Lystrups: die Nerven des zu Vernehmenden langsam und systematisch zu irritieren.

„Sie hatten gestern in Ihrer Garderobe im großen Zwischenakt Besuch?“

Helene antwortete nicht.

Lystrup wiederholte, ein wenig schärfer im Ton:

„Den Besuch eines Herrn.“

Er fixierte sie drohend. Von seinem Blick angezogen wandte sie ihm das Gesicht zu. Erstaunt sagte sie:

„Nun ja.“

Lystrup lächelte. „Dieser Herr hat Ihnen ein Bild gebracht. Stimmt das, Fräulein Wassiliew?“

„Gewiß.“

„Dieses Bild stellt Sie, Fräulein Wassiliew, dar. In Ihrer Rolle als Königin der Nacht — im Sternenmantel. Geben Sie dies zu?“

Indem sie verständnislos den Kopf schüttelte sagte sie:

„Warum sollte ich es nicht zugeben?“

In Lystrups Gesicht trat ein Ausdruck, den Boye nur zu gut kannte.

„Wollen Sie die Güte haben, uns zu sagen, wer der Herr war, der Ihnen das Bild gegeben hat?“

Helene, betroffen von Lystrups Ton, erwiderte leise:

„Ich habe den Herrn nie in meinem Leben gesehen. Soviel ich weiß, war es ein Maler, der nach einer kleinen Photographie von mir dies Bild gemalt und es mir zum Geschenk gemacht hat.“

Der Richter erhob sich. „Warum sagen Sie die Unwahrheit?“ rief er in lautem Ton, mit einer Stimme, in der aufrichtige Entrüstung zitterte; diesen Tonfall hielt Lystrup für solche Zwecke parat, in denen es galt, das Opfer zu überrumpeln.

Helene, weniger erschrocken als erstaunt, sagte mit abweisendem Gesicht:

„Ich wüßte keinen Grund, die Unwahrheit zu sagen. Der Herr hat sich mir unter einem Namen vorgestellt, den ich nicht verstanden habe.“

„Wirklich nicht?“ höhnte Lystrup; Boye stieg das Blut in die Wangen. Erst jetzt erkannte er, daß Helene jede Phase dieses Kampfes wie einen körperlichen Schmerz empfinden mochte; er sah es an dem Zucken ihrer Hände.

„Der Herr, der Ihnen dieses Bild gebracht hat, war der Chef der bolschewistischen Propaganda in Skandinavien.“

Helene blickte betroffen auf; sie sah stumm auf den Richter, der sie höhnisch betrachtete — und ihre Augen wanderten hilflos weiter. Sie blieb auf Ove haften — und ein jähes Erkennen trat in ihren Blick. Ihre Pupillen weiteten sich; er sah das Zittern, das durch ihren Körper lief.

Sie sah ihm unverwandt in die Augen; hilflos, ein Tier, das sich in einer heimtückischen Falle gefangen hat.

„Was haben Sie dazu zu sagen?“ herrschte Lystrup sie an.

Sie schrak zusammen. Aber sie vermochte nicht zu antworten.

„Wissen Sie, was dieses Bild enthielt?“

„Nein.“

„Sie nützen Ihrer Sache schlecht“, sagte Lystrup scharf, „wenn Sie beharrlich Unwahrheiten antworten. Aber wie Sie wollen. Hinter diesem Bilde — zwischen Leinwand und Holz, steckte ein Brief. Werden Sie wenigstens gestehen, daß Sie seinen Inhalt kennen?“

„Ich kann Ihnen nichts gestehen, Denn ich weiß nichts von einem Brief.“

„Kennen Sie die Gräfin Bunin in Paris?“

„Ja“, antwortete Helene mit offenkundigem Erstaunen.

„Diese Gräfin Bunin bewohnt ein Haus am Boulevard des Capucines?“

„Es mag sein.“

„Sie sagten eben, daß Sie sie kennen.“

„Ich habe mich nicht ganz richtig ausgedrückt. Eine mir nahestehende Person kennt die Gräfin Bunin; ich selbst habe sie nie gesehen.“

„Der Brief, den man bei Ihnen — in jenem Bilde — gefunden hat, ist an diese Gräfin Bunin richtet. Es ist kein Zweifel, daß Sie die Mission hatten, ihn ihr zu übergeben.“

„Selbst wenn es so wäre, so könnte ich darin nichts Strafbares sehen.“

„Nichts Strafbares“, wiederholte Lystrup, ganz Hohn — „Nichts Strafbares, sagten Sie? Sie sind nach Kopenhagen gekommen, unter dem Vorwande eines Gastspiels, um einen Brief in Empfang zu nehmen und an seine Adresse zu befördern — einen Brief, der nicht mehr und nicht weniger enthält als den Invasionsplan einer bolschewistischen Armee. Und Sie haben die Dreistigkeit, mir zu erklären, Sie könnten darin nichts Strafbares erblicken?“

Helene machte eine ungeduldige Bewegung.

„Ich habe Ihnen bereits erklärt, daß ich von diesem Brief nichts weiß.“

„Hm“ machte Lystrup und lehnte sich behaglich zurück. Er ließ seine Augen mit einem zärtlichabschätzenden Blick über ihre Gestalt gleiten — so, als ob er ein seltenes und kostbares Tier im Käfig betrachte. Dann sagte er in einem fast liebevollen Ton:

„Mein liebes Fräulein Wassiliew, ich hatte Sie, wie ich Ihnen ehrlich bekennen will, höher eingeschätzt: es ist die typische Taktik aller Schuldigen, nur das zuzugeben, was man ihnen nachweist, und alles zu leugnen, was nicht beweisbar ist. Wenn ich noch Zweifel an Ihrer Schuld gehabt haben sollte, so sind Sie selbst im Begriff, diese letzten Zweifel zu zerstören. Ich glaube, Sie begehen den grundsätzlichen Irrtum, mich für Ihren Feind zu halten. Ich bin aber nicht Ihr Feind, Fräulein Wassiliew — ich will Ihnen sogar bekennen, daß ich zu Ihren Gunsten voreingenommen bin. Ich habe Sie gestern Abend im Theater gehört, ich habe eine Probe Ihrer großen Kunst empfangen, ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß derartige Imponderabilien oftmals einen Kontakt schaffen, der enger sein kann als persönliche Bekanntschaft. Ich muß Ihnen weiter sagen, daß es mir leid tut, gerade Ihnen als Richter gegenüberzustehen — ich hatte Ihnen und mir etwas Besseres gewünscht.“

Ove saß mit geballten Fäusten hinter seinem Protokoll; bei den Worten des Richters mußte er an eine Szene denken, die er einmal im Walde von Klampenborg beobachtet hatte: eine Spinne, eine große entsetzliche Kreuzspinne kroch mit behaglicher Langsamkeit auf eine kleine, muntere, farbenfrohe Libelle zu, die sich in ihrem Netz gefangen hatte. Bei jeder Bewegung, die die Spinne auf sie zu machte, zappelte die Libelle entsetzt mit ihrem ganzen Körper; aber jedes Zappeln verstrickte sie fester in die raffiniert gelegten Fäden. Er wußte, daß jedes Wort des Richters Lüge war, daß Lystrup nur einen einzigen Wunsch hatte, Helene zu überführen, um Karriere zu machen. Das war nicht mehr die Taktik eines Richters, nicht die Strategie eines Wahrheitssuchers; das war Inquisition — sadistisches Raffinement. Er wandte sich zu Lystrup herum; der beachtete ihn nicht.

„Sehen Sie, Fräulein Wassiliew: es gibt eine innere Wahrscheinlichkeit der Dinge. Das werden auch Sie als Laiin verstehen. Der Besucher wußte zweifellos, als er Ihnen das Bild gab, daß Sie es in die Hände der Gräfin Bunin weitergeben würden. Oder vielmehr: die Botschaft, die es enthielt. Die Gräfin Bunin ist uns bekannt als eine gefährliche politische Agentin: sie ist die Leiterin der Pariser bolschewistischen Zentrale für ganz Europa. Und Sie, Fräulein Wassiliew, sind ihre Komplizin!“

„Das ist nicht wahr!“ schrie Helene auf.

„Doch. Es ist wahr. Sie hätten — wenn unsere Beamten den Brief nicht entdeckt und dadurch seine Beförderung verhindert hätten — unser Land in eine furchtbare politische Verwicklung, vielleicht in einen blutigen Umsturz hineingehetzt; Sie wußten, daß die geographische Lage unseres Landes es zu besonderer Vorsicht zwingt. Dieses Land ist das Geburtsland Ihrer Mutter — das läßt Ihre Tat noch verabscheuungswürdiger erscheinen, Fräulein Wassiliew!“

Helene schöpfte ein paarmal tief Atem; dann sagte sie leise, mit geschlossenen Augen:

„Ich hatte keine Ordre, das Bild an die Gräfin Bunin weiterzugeben. Nicht einmal ihre Adresse ist mir bekannt, ich sagte es Ihnen schon. Lediglich ihren Namen kenne ich.“

Lystrup nickte. „Aus Ihren Worten höre ich heraus: Sie hatten den Brief zwar nicht an die Gräfin Bunin, wohl aber an eine andere zwischen Ihnen und der Gräfin Bunin stehende Person abzugeben. Ist es so?“

Helene zuckte die Achseln.

„Es freut mich, daß Sie nicht mit Nein antworten. Sie geben damit wenigstens das eine zu: daß Ihnen die Existenz des Briefes bekannt war. Damit wären wir immerhin einen kleinen Schritt weitergekommen, Fräulein Wassiliew.“

Helene machte eine verzweifelte Bewegung; wieder glitt ihr Blick zu Boye hinüber, der mit trostlosen Augen vor sich niedersah.

„Würden Sie jetzt noch die Güte haben, uns zu sagen, wer die Person ist, der Sie den Brief zu übergeben hatten?“

„Nein!“ sagte Helene kurz und scharf.

„Wirklich nicht?“ Lystrup verzog den Mund zu einer Grimasse. „Nun, es ist nicht so besonders wichtig; wir kennen den Adressaten ohnehin.“

Ove sah, daß Helene wankte. Er wollte sich erheben, um ihr beizustehen; aber schon stützte sie sich mit zitternden Händen auf die Barriere. Die beiden Männer hefteten ihre Augen schweigend, in atemloser Erwartung, auf die vor ihnen Stehende, die in sich zusammenzusinken schien. Sie beugte sich kraftlos über die Barriere. Ihr blasses Gesicht zuckte und ihr flackernder Blick irrte hinüber in die Augen des Richters, der sie unverwandt betrachtete.

„Mein Herr,“ stammelte sie keuchend — „ich bin in eine Situation geraten, die mich völlig verwirrt. Jeder Schritt, den ich tue, jedes Wort, das ich spreche, bringt mir neues Unheil — ich wage nicht mehr zu sprechen, ich wage kaum zu atmen — die Luft dieses entsetzlichen Hauses ist erfüllt von feindseligen und furchtbaren Dingen. Ich bitte, glauben Sie mir: ich bin völlig unschuldig — man hat mir eine Falle gestellt… man hat mich nach einem bestimmten Plan ins Verderben gelockt.“

Lystrup räusperte sich. „Wer sollte daran ein Interesse haben, Fräulein Wassiliew? Wer könnte Sie ins Verderben locken wollen? Und zu welchem Zweck?“

Sie zuckte trostlos die Achseln. „Ich weiß es nicht. Ich habe keinen Feind. Ich begreife das alles nicht — aber eine andere Erklärung gibt es nicht. Alles muß sich aufklären. Ich flehe Sie an, mein Herr: lassen Sie mich frei… lassen Sie mich frei, Herr Richter!“ Während sie Lystrup ins Gesicht sah, erkannte sie das lächelnde Glimmen in seinen Augen, das ein Nein bedeutete. „Ich bin bereit, eine Kaution zu stellen, ich bin wohlhabend; ich bin bereit, mich zu verpflichten, zurückzukehren, wenn Sie mich rufen; zum Prozeß, zum Termin, zur Verhandlung — ich weiß nicht, wie Sie diese Dinge nennen — aber jetzt, in dieser Stunde noch, muß ich frei sein. Es ist nicht meinetwegen — es gilt, Tausende von Menschen zu retten: vor dem sicheren Tode. Lassen Sie mich frei, mein Herr! Oder Tausende von Menschen müssen sterben!“

In Lystrups Züge trat jener Ausdruck, auf den Boye mit bebender Angst gewartet hatte: das Lächeln des Jägers, der sein Wild in der Falle sieht. „Das ist ja sehr interessant“, sagte er mit seiner zärtlichen Stimme, die erfüllt war von Hohn und Triumph. „Das ist ja außerordentlich interessant, meine Gnädigste. Sie gestehen also, daß weit mehr hinter Ihnen steckt, als wir vermutet hatten. Weit mehr und weit Gefährlicheres.“ Und dann, mit blitzschnellem Instinkt auf einmal seine Taktik wechselnd, richtete er sich auf und lächelte. Ein gütiges, offenes, freundliches Lächeln, das ihm — auch das wußte Boye aus Erfahrung — beliebig zu Gebote stand. „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Fräulein Wassiliew. Sie sehen, ich habe bisher keine Zeile von Ihrer… Verneh… von unserer Unterhaltung protokollieren lassen. Mir liegt daran, Ihnen zu beweisen, daß ich nicht Ihr Feind bin; ja, ich möchte Sie endgültig überzeugen, daß ich selbst den Wunsch habe, Sie in Freiheit zu setzen. Betrachten Sie das, was wir jetzt sprechen, als privat.“ Er drehte den Kopf herum zu Boye, als ob er gleichzeitig an die Diskretion des Mithörers appelliere. „Sagen Sie mir —“ er dämpfte seine Stimme zu einem vertraulichen Flüstern — „sagen Sie mir, wer die Menschen sind, von denen Sie sprechen: diese Tausende, die sterben müssen, wenn Sie nicht in Freiheit kommen — sagen Sie mir, um was es sich handelt. Streng privat, ich wiederhole es. Ich werde dann alles tun, was in Ihrem Interesse liegt — wenn ich es erreichen kann, will ich dafür plädieren, daß Sie auf der Stelle in Freiheit gesetzt werden.“

Ove schob den Stuhl zurück, daß er krachend gegen die Wand prallte, und sprang auf. Kreidebleichen Gesichts herrschte er Lystrup an: „Herr Richter…“

„Was wünschen Sie?“ donnerte Lystrup.

„Das ist… das ist kein Verhör mehr… das ist Inquisition!“

Helene machte eine fast beschwichtigende Handbewegung. Der Richter, rot vor Zorn, war gleichfalls aufgesprungen.

„Es scheint mir angebrachter, wenn ich Sie an Ihre Pflichten erinnere, Herr Assessor! Im übrigen sprechen wir uns noch!“

Er schien mühsam nach Luft zu schnappen; dann ging er zur Tür, riß sie auf und sagte mit harter Stimme:

„Die Vernehmung ist beendet.“

Die beiden Männer blieben allein; der Richter zog nervös das Etui. Er nahm eine Zigarette, zündete sie an und trat schweigend ans Fenster.

Plötzlich wandte er sich um.

„Herr Assessor Boye — ich denke zu hoch von Ihnen, um Ihnen dieses kleine Intermezzo ernstlich nachzutragen. Unser Beruf erfordert Nerven, Herr Assessor; er verlangt eine Härte von uns, die wir uns selbst erst, contre coeur, anerziehen müssen. Das weiß niemand so genau wie ich; glauben Sie es mir. Meinen Sie, ich hätte nicht darunter gelitten wie Sie? Sie sind noch in jenem Stadium, da man Vertrauen zu den Menschen hat; in Ihrem Alter bildet man sich ein, die menschliche Gesellschaft sei auf Liebe und Freundschaft gegründet. In zehn Jahren werden Sie begriffen haben, Herr Assessor, daß dies ein fundamentaler Irrtum war. Feindschaft und Haß sind die Wurzeln aller Lebensgemeinschaft. Der Landgerichtspräsident erwartet mich zu einem Bericht über die Sache Wassiliew; Sie erledigen wohl die paar Bagatellsachen. Auf Wiedersehen!“

Er winkte Boye mit der Hand und ging aus dem Zimmer.

In dem kleinen Restaurant, in dem Ove mit Kollegen das Mittagessen einnahm, sprach man von nichts anderem als von der Sache Wassiliew. Ove ließ die andern reden; zu seinem Erstaunen erkannte er, daß alle ohne Ausnahme gegen die verdächtige Ausländerin eingenommen waren. Nieman sprach von ihrer Kunst, niemand von ihrer Schönheit; jeder sah nur den Kriminalfall, nur das Wild, das man hetzen müsse; daß es eine Frau war, erhöhte wohl im geheimen noch den Reiz dieser Jagd, bei der alle Chancen auf seiten des Jägers waren. Deutlicher als je spürte Ove den Haß gegen die Kollegenschaft — und die Kluft, die ihn von jenen trennte; nie hatte er den Abscheu vor seinem Beruf so unerträglich schwer empfunden wie heute. Dann ging er in die kleine Konditorei, in der er sich, ohne daß eine eigentliche Verabredung bestand, mit Ebba zu treffen pflegte. Sie brachte heute eine Freundin mit: die junge Dame aus der Lausanner Pension, mit der sie sich gestern im Theater begrüßt hatte. Ebba scherzte mit der Freundin, sprach von tausend Dingen, die ihn nicht betrafen, von denen er nichts wußte; deutlich fühlte er die wachsende Entfremdung. Er erzählte von der Sache Wassiliew; Ebba wußte schon davon; auch hier hörte er die Freude darüber, daß man eine gefährliche Verbrecherin zur Strecke gebracht hatte.

Gegen Abend wurde Helene Wassiliew zur zweiten Vernehmung hereingeführt. Lystrup hatte seine Taktik geändert; er versuchte Helene einzuschüchtern. Sie starrte mit verzweifelten Augen ins Leere und antwortete auf keine seiner Fragen.

Plötzlich klingelte das Telephon. Lystrup nahm den Hörer ab und führte ein kurzes Gespräch; dann erhob er sich. „Sie müssen die Vernehmung weiterführen, Herr Kollege“, wandte er sich an Ove; „der Präsident bittet mich zu einer Besprechung.“ Er gab Boye ein Zeichen; auf dem Korridor sagte er leise: „Also versuchen Sie Ihr Heil. Wenn Sie mir Material beschaffen, das zu einer Verurteilung ausreicht, verspreche ich Ihnen eine Auszeichnung.“

Ove ging ins Zimmer zurück; während er die Tür hinter sich schloß, fühlte er die lähmende Schwere, die von seinem Körper Besitz nahm. Helene Wassiliew stand in dem nüchternen Raum, die Augen auf ihn geheftet, stumm, bleich und von rührender Hilflosigkeit. Und er, der vor vierundzwanzig Stunden glücklich gewesen wäre, einen Blick von ihr zu erhaschen, ein Wort von ihr zu empfangen — er war ausersehen, sie zu vernichten. Er deutete stumm auf den Stuhl, der vor der Barriere stand; wieder blieb sie stehen. Eben wollte er die Barrierentür zu ihrer Rechten öffnen, da hörte er ihr trostloses Schluchzen. Betroffen blieb er stehen; sie ging einen Schritt auf ihn zu, faßte seine Hände und stammelte mit flehender Stimme:

„Retten Sie mich!“

Er schüttelte hilflos den Kopf, stumm, unfähig, das Nein auszusprechen.

Sie hob den Blick und sah ihm ins Gesicht — er mußte an die Mimi von gestern denken — an ihre Stimme — an den Ausdruck ihrer Augen.

„Ich bin verloren, wenn Sie nein sagen! Nicht nur ich: alle sind verloren.“

Die Gedanken kreisten ihm durchs Hirn in unfaßbaren Wirbeln. Er hörte den Klang ihrer Stimme, doch er begriff die Worte nicht; Melodien schienen den Raum zu erfüllen, das Nokturno von Tschaikowsky schien wie aus zweiter Ferne hereinzuschweben. Nein: es war nicht das Nokturno, deutlich erkannte er die Suite von Lully. Alles war plötzlich wie in dieser Nacht: Duft und Klang und Rausch. Es schoß ihm durch den Kopf: ist dies vielleicht der Weg ins Leben, auf den du gewartet hast alle diese Zeit? Aber, seltsam genug, im gleichen Augenblick drängte sich das Nein dazwischen, ernüchternd, klärend; die Schranken der Bürgerlichkeit waren stärker.

„Glauben Sie mir,“ flüsterte Helene keuchend — „es ist nicht Furcht, wenn ich um meine Freiheit bitte; es ist auch nicht einmal ein Gedanke an mich dabei; ich muß in Freiheit sein — Glauben Sie es mir: es handelt sich um Menschenleben… Um Ihnen die Wahrheit zu sagen: alle müssen sterben, wenn ich nicht eilen kann, sie zu retten. Sie sind verloren, wenn ich nicht…“ Sie hielt mitten im Wort inne und umklammerte seinen Arm.

„Sprechen Sie von den Verschwörern?“

Sie schüttelte verächtlich den Kopf. „Ich weiß nichts von dieser Angelegenheit — ohne mein Wissen hat man mich als Botin benutzt. Es ist etwas ganz anderes.“

„Sie müssen mir alles sagen“, murmelte er.

Eine Pause entstand; er blickte an ihr vorüber; das Zimmer war erfüllt von schweren und gefahrvollen Gedanken; sie krochen aus dem Dunkel empor wie Phantome, die drohend ihre Arme nach diesen beiden Menschen ausstreckten.

„In dieser Nacht,“ sagte sie mit heiserer Stimme, „… ich weiß nicht, ob Sie sich entsinnen… in dieser Nacht wurde von der Mongolei gesprochen.“

Er nickte.

„Jemand erzählte von den Krankheitsfällen.“

„Schlafkrankheit“, sagte er bestätigend.

„Nun, mein Herr — um diese handelt es sich. Um diese Menschen.“

„Ich verstehe Sie nicht.“

Sie brach in hilfloses Weinen aus. „Ich kann Ihnen nicht mehr sagen“, schluchzte sie. „Ich würde andere, die mir nahestehen, ins Unglück bringen; glauben Sie mir doch: jedes Wort, das ich spreche, ist bittere Wahrheit.“

Er zuckte die Achseln.

Sie blickte angstvoll zur Tür, lauschend, sobald ein Schritt sich näherte; dann, ihre letzten Kräfte zusammennehmend, stammelte sie, von Furcht geschüttelt:

„Ich schwöre Ihnen: in dem Augenblick, da ich das Unglück verhütet habe — in diesem Augenblick will ich freiwillig mit Ihnen in dieses Haus zurückkehren. Mich Ihren Richtern stellen — mich den Gesetzen Ihres Landes unterwerfen…“

Boye stand regungslos — vor einer jener großen Lebensfragen, die auch den Besonnensten unschlüssig sehen. Da er noch zögerte, drängte sie sich an ihn. „Fliehen Sie mit mir!…“

Aus dem glitzernden Schwarz ihres Paillettekleides wuchs das matte Weiß ihrer Schultern. Die Berührung entflammte seine Sinne. Er glaubte die Wärme ihres Blutes zu spüren — heiß floß der singende Strom auf ihn über, trieb sein Blut zu gleichem Rhythmus, zu gleichem Rasen; er fühlte sich eins mit ihr in diesem Augenblick; erfüllt von ihren Gedanken, vom heißen Schlage ihres Herzens. Und während Wille und Wunsch in ihm kämpften, sah er die Dinge an sich vorüberrasen, alle die Dinge, die ihn schreckten und peinigten: sein trostloses Leben — eine sonnenlose Ehe — eine lebenslängliche Abhängigkeit — hier aber stand das Leben — die Schönheit — die Kunst — die große Welt — die Freiheit — die Liebe. Er fühlte sich versinken in tiefen Wassern — nichts war mehr wirklich — es gab keine Entschlüsse mehr, keine Kraft — nur Fühlen und Wünschen; alles war Traum, die Wirklichkeit war robuster Abklatsch. Er fühlte die fremde Macht, die Besitz ergriffen hatte von ihm, von seinem Leben, von seiner Zukunft, die stärker war als er, als alles andere; die alle Hemmungen zerriß.

Sie nahm seine Hand; mechanisch, fast ohne es zu wissen, öffnete er die Tür.

Die Straße lag im Dämmer des sinkenden Tages. Bläuliche Schatten waren über den Häusern. Schon blinkten die Lichter; der warme Dunst des Sommerabends hüllte die Straße in einen schmeichelnden Schleier. Die beiden gingen langsam, in betonter Sorglosigkeit, über den Damm. Niemand achtete ihrer, so schien es; aber die Gefahr wuchs von Minute zu Minute. In dem Augenblick, da Lystrup zurückkehrte, war alles entdeckt — und alles verloren.

Helene rief ein Auto an: „Zum Hotel d’Angleterre!“

Ove schüttelte den Kopf. „Sie dürfen nicht ins Hotel fahren — man wird Sie zuerst im d’Angleterre suchen; Sie und mich.“

„Ich muß ein Reisekleid holen.“

„Sie setzen alles aufs Spiel, Sie dürfen nicht ins Hotel zurückkehren.“

Sie drückte auf den Ball. „Wissen Sie ein Modehaus?“

Er nahm den Sprechschlauch. „Zum Magasin du Nord!“

Das Auto bog zur Linken ein und fuhr die Borgergade hinunter. Er zog die Brieftasche; doch sie lächelte und machte eine kleine abwehrende Handbewegung. „Ich habe Geld bei mir.“

Der Wagen hielt. Er wollte mit ihr aussteigen. Aber dann kamen sie überein, daß es besser sei, wenn sie allein hineinginge; wenn man nach ihnen fahndete, so würde alles bestimmt nach einem Paar suchen.

Sie ging hinein; in der Tür wandte sie sich noch einmal um und grüßte lächelnd zurück.

Ove blieb im Wagen; er lehnte sich seitlich in den Rücksitz, unmittelbar hinter dem Fenster; so konnte er alles beobachten, ohne daß man ihn bemerkte. Der Menschenstrom des Kongens Nytorv erfüllte den strahlenden Sommerabend. Musik lag in der Luft, Lachen schwirrte, der Seewind trug erregenden Duft in die Stadt. Aber alles dies zog an ihm vorüber wie Dinge einer fremden und fernen Welt, mit der er nichts gemein hatte: so wie die Szenen auf der Bühne am Zuschauer vorübergleiten. Dies eine hämmerte im Takt seines Blutes durch seine Gedanken: er hatte sich außerhalb der Gemeinschaft der Menschen gestellt. Er hatte sich zu denen gesellt, die auf der anderen Seite standen: jenseits der großen Linie, die den Bürger scheidet vom Gehetzten. Aber während er dies dachte, stieg ein warmes und tröstliches Gefühl in ihm auf. War es nicht der köstlichste Tausch, den ein Mensch sich wünschen konnte? Er hatte mit der Vergangenheit gebrochen, gewiß; aber es war eine Vergangenheit von grauer Monotonie, die er aufgegeben hatte, und was vor ihm lag, war die weite, lachende, sonnige Welt. Er hatte Ebba verloren — aber hatte er nicht von Tag zu Tag deutlicher gespürt, daß sein Verlöbnis der Katastrophe zutrieb? Daß das Ende, das gewaltsame, schmerzvolle Ende unvermeidbar war? Die Frau, die an Ebbas Stelle getreten war — war sie nicht ein herrlicher, beneidenswerter Gewinn?

Unablässig gingen die Türen des großen Kaufhauses. Viele Menschen strömten hinein, viele kamen heraus; Helene war nicht unter ihnen.

Eine leise Unruhe überkam ihn. Aber er wußte, daß es die Nerven waren; sie hielten dem rasenden Lauf der Dinge wohl nicht mehr stand.

Wie wohl das Leben aussehen würde an Helenes Seite? Er würde mit ihr nach Paris fahren. Das war das Einfachste und Selbstverständlichste. Und dann? Nun ja: sie würde seine Geliebte werden, vielleicht seine Frau; er würde in Paris irgendeine Stellung annehmen, sprach er doch fertig französisch; inzwischen konnte er sich nach den Möglichkeiten einer künstlerischen Karriere umsehen.

Er beugte sich vor und lugte durchs Fenster. Helene kam nicht.

Sie hatte ihm versprochen: dorthin zurückzukehren — woher sie mit ihm gekommen war. Das war keine Redensart gewesen — Helene war nicht von dieser Art, so weit kannte er sie schon. Nun wohl, er würde sie beim Wort nehmen. Sie hatte von einer geheimnisvollen Mission gesprochen — eines Tages also würde er mit ihr in diese Stadt zurückkehren, würde vor die Richter treten und alles erklären. War nicht eine Helene Wassiliew einer solchen Tat wert? Einer solchen Sühne?

Er riß nervös das Wagenfenster herunter.

Von Helene war nichts zu sehen.

Von plötzlicher Unruhe erfaßt, öffnete er den Schlag des Wagens und ging hastig ins Haus hinein. Er wußte, daß seine Besorgnisse sinnlos waren; aber seine Nerven verlangten gebieterisch nach Beruhigung. Er mußte sich vergewissern.

Dort war das Atelier. Ein paar Mannequins führten Pariser Moden vor. Er fragte nach Helene; die Direktrice lächelte und zuckte die Achseln. Er beschrieb sie.

„Ja, mein Herr“, gab eine Verkäuferin Auskunft. „Diese Dame habe ich selbst bedient.‘

„Wo ist sie?“

„Sie fragte nach dem zweiten Ausgang. Dann bat sie mich, ein Auto zu bestellen. Ich selbst habe sie hinuntergeleitet.“

„Sie ist also abgefahren?“

„Gewiß, mein Herr. Schon vor zehn Minuten.“

Mit taumelnden Schritten ging er zur Treppe. Er streifte unsanft ein paar Frauen, die eben den Fahrstuhl verließen; geistesabwesend murmelte er sinnlose Worte der Entschuldigung. Wankend, mit den ziellosen Schritten eines Berauschten ging er die Treppe hinunter. Es war ihm nicht möglich, den Sinn der Dinge zu begreifen; nur dies eine fühlte er: daß in diesem Moment alles zusammenbrach. Die Dinge um ihn herum, der Tag, die Stadt, alles war sinnlos, von einer irren Belanglosigkeit, die über allem lag wie eine unbegreifliche Drohung, der nichts entrinnen konnte. Irgendwo aus den oberen Räumen kam Musik. Er emfand sie wie eine freche Verhöhnung, die ihm fast die Tränen in die Augen trieb. Wie unerträglich die Luft in diesem Hause war! In den schrägen Sonnenstrahlen tanzte der aufgewirbelte Staub; er erfüllte alles. Ja, alles war Staub von Aufgang bis Niedergang. Das bißchen Leben, das dazwischen lag, zählte nicht. Ein Windstoß, in einen Schutthaufen gefahren, ließ ihn aufwirbeln in ein paar lächerlichen Zuckungen; aber wenn der Abend kam, wenn die Stürme schlafen gingen, war alles vorbei, und Staub war wieder Staub geworden.

Jemand riß eine Tür auf. Er tat einen tiefen Atemzug und trat, sich gewaltsam zusammenraffend, in den funkelnden Sommerabend hinaus, der erfüllt war von Menschen, von Duft und von Lachen.

Ein paar Schritte tappte er vorwärts. Doch er fühlte: seine Nerven ließen ihn so völlig im Stich, daß es zu einer Katastrophe kommen mußte. Längst mußte sein Verbrechen offenbar geworden sein; es war sicher, daß man ihn bereits verfolgte. Jemand blickte ihn an. Er zuckte zusammen; aber es war nur ein flüchtiger Bekannter, der ihn vorwundert grüßte und sich nach ihm umsah. War das wirklich nur Verwunderung über sein Benehmen? Oder wußte man schon? Hier auf dem „Strög“ pflegte Richter Lystrup allabendlich um diese Zeit zu promenieren. Wenn er ihm begegnete, war er verloren. Er bog, fast mit einem Ruck, seitwärts ein: in die Ny Adelgade.

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9788711592649
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