Читать книгу: «Mrs. Lewis»
Über die Autorin
Patti Callahan (die auch unter Patti Callahan Henry als Autorin bekannt ist) hat bereits vierzehn Romane geschrieben, die auf der Bestsellerliste der New York Times standen.
Die Recherche zu Mrs. Lewis brachte Patti in Kontakt mit Joy Davidmans Sohn Douglas Gresham, der ihr großzügig seine Zeit schenkte und ihr unschätzbare Einblicke in das Leben seiner Mutter mit C. S. („Jack“) Lewis gab.
Heute lebt Patti Callahan mit ihrem Mann sowohl in Mountain Brook, Alabama, als auch in Bluffton, South Carolina.
PATTI CALLAHAN
MRS. LEWIS
Die Geschichte der außergewöhnlichen Freundschaft
zwischen Joy Davidman und C. S. Lewis,
die eine der schönsten Liebesgeschichten der Welt wurde.
Aus dem amerikanischen Englisch von Christian Rendel

Für Joy und Jack.
Mit großer Liebe
Der Trost des Märchens, die Freude über den glücklichen Ausgang oder, richtiger, die gute Katastrophe, die plötzliche Wendung zum Guten … diese Freude, welche das Märchen so vortrefflich zu bereiten weiß …, ist … eine plötzliche und wunderbare Gnade.
J. R. R. Tolkien, „Über Märchen“
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Teil I: Amerika
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Teil II: England
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Teil III: Amerika
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Teil IV: England
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Epilog
Nachwort der Autorin
Quellen
PROLOG

ASLAN
Du hättest mich nicht gerufen, wenn ich dich nicht gerufen hätte.
„Der silberne Sessel“, C. S. Lewis
1926 Bronx, New York
Es war von Anfang an der große Löwe, der uns zusammenbrachte. Das ist mir jetzt klar. Das wilde wie zärtliche Tier zog uns zueinander. Langsam, unausweichlich, durch die Zeit, über einen Ozean hinweg und gegen die wehrhaften Festungsmauern unseres Lebens. Leicht würde er es uns nicht machen – das ist nicht seine Art.
Es war der Sommer 1926. Mein kleiner Bruder Howie war sieben Jahre alt, ich war elf. Ich kniete mich neben sein Bett und rüttelte ihn sanft an der Schulter.
„Los, gehen wir“, flüsterte ich. „Sie schlafen jetzt.“
An jenem Tag war ich mit meinem Zeugnis nach Hause gekommen, und in der langen Reihe aus lauter „Sehr guts“ hatte sich ein einziges unauslöschliches „Gut“ in das Büttenpapier eingeprägt.
„Vater.“ Ich hatte ihm auf die Schulter getippt, und er hatte aufgeblickt von den Aufsätzen seiner Studenten, die er gerade mit dem Rotstift bearbeitete. „Hier ist mein Zeugnis.“
Seine Augen überflogen das Blatt durch die Brillengläser, die er ganz in der Tradition seiner ukrainischen Vorfahren auf seiner äußersten Nasenspitze balancierte. Er war als Kind nach Amerika gekommen, und auf Ellis Island war sein Name von Yosef zu Joseph geändert worden.
Er bäumte sich vor mir auf und hob seine Hand. Ich hätte zurückweichen können; ich wusste ja, was kommen würde in einer Familie, in der Anpassung und Leistung an oberster Stelle standen.
Seine Hand flog durch den Raum zwischen uns – den Raum, in dem es vor Erwartung von Anerkennung und Lob flimmerte – und traf mit einem Klatschen auf meine linke Wange – ein Geräusch, das mir wohlvertraut war. Mein Gesicht zuckte nach rechts. Meine Wange brannte lange, so wie immer. Und lange genug für die verbale Abreibung, die nun folgte. „In dieser Familie ist kein Platz für schludrige Arbeit!“
Nein, dafür war nirgendwo Platz. Mit elf Jahren war ich im zweiten Jahr der Highschool. Ich musste mir mehr Mühe geben, besser sein, jede Schande erdulden, bis ich Erfolg hatte und meinen Wert beweisen konnte.
Nachts aber hatten Howie und ich unsere Geheimnisse. In der Dunkelheit seines Zimmers stand er auf und verfing sich mit seinen kleinen Turnschuhen in der Bettdecke. Er lächelte mich an. „Ich habe schon meine Schuhe an. Ich bin fertig.“
Ich unterdrückte ein Lachen und nahm seine Hand. Mucksmäuschenstill standen wir da und lauschten, ob wir irgendjemanden atmen hörten. Nichts.
„Gehen wir“, sagte ich, und er legte seine kleine Hand in meine: ein Zeichen des Vertrauens.
Wir schlichen uns aus dem rotbraunen Sandsteinbau hinaus auf die leeren Straßen der Bronx, der Gestank des feuchten Abfalls ebenso stechend in unseren Nasen wie der Geruch der U-Bahn-Schächte. Die Bürgersteige waren dunkle Flüsse, die Straßenlampen kleine Monde und die aufragenden Gebäude Schutzwälle vor der Außenwelt. Zu dieser mitternächtlichen Stunde war die Stadt still, von einer trügerischen Sicherheit. Howie und ich waren unterwegs, um andere Tiere zu besuchen, die ebenso eingesperrt und gezwungen waren, sich in einer Welt, die sie nicht verstanden, zahm zu verhalten: die Bewohner des Zoos der Bronx.
Binnen Minuten erreichten wir das Tor an der Fordham Road und blieben wie immer stehen, um stumm den Rockefeller-Springbrunnen zu betrachten – drei Ebenen von aus Marmor gehauenen Kindern, die in Muschelschalen saßen, getragen von Meerjungfrauen auf erhobenen Armen oder starken Köpfen, die Mittelsäule umwunden von der großen Schlange, die zum Verschlingen das Maul aufriss. Das Wasser fiel prasselnd wie ein Platzregen über die Skulptur herab und übertönte unsere Schritte und unser Flüstern. Wir erreichten das kleine Loch an der gegenüberliegenden Seite des Zauns und schlüpften hindurch.
Wir liebten unsere heimlichen Ausflüge in den mitternächtlichen Zoo: das Papageienhaus mit den farbenfrohen Kreaturen darin; das Flusspferd, Peter der Große; ein Flughund; das Reptilienhaus, in dem es vor fremdartigen, beängstigenden Geschöpfen wimmelte. Wenn wir uns davonschlichen, war dies für uns sowohl die Belohnung dafür, dass wir das Familienleben so tapfer ertragen hatten, als auch unsere unsichtbare Rebellion. Der Bronx River strömte mitten durch den Zoo; die Schlange aus dunklem Wasser, die wie ein weiteres lebendiges Tier wirkte, das von außen eindrang, das Gelände in zwei Hälften teilte und dann wieder entkam, weil es den Weg nach draußen kannte.
Und dann war da das Löwengehege, ein dunkles, von einem hohen Zaun umgebenes und baumreiches Gelände. Dort zog es mich hin, als ob diese Tiere mir gehörten, oder ich ihnen.
„Sultan.“ Meine Stimme hallte durch die Nacht. „Boudin Maid.“
Die beiden Berberlöwen bewegten sich gemächlich vorwärts, setzten Tatze für Tatze auf den Boden, und näherten sich mit den kraftvollen Muskeln, die sich unter ihrem Fell abzeichneten, dem Zaun. Große Anmut umgab sie, ganz so, als hätten sie ihr Schicksal verstanden und mit brüllender Würde akzeptiert. Ihre mächtigen Mähnen waren wie ein tief verschlungener Wald. Ich verlor mich im endlosen Universum ihrer großen, bernsteinfarbenen Augen, als sie mir erlaubten, ja mich einluden, durch die Eisenstäbe zu greifen und meine Finger in ihrem Fell zu vergraben. Sie waren zahm, hatten ihre wilde Natur längst abgelegt, und ich fühlte mich ihnen auf eine Weise verwandt, dass mein Innerstes erbebte.
Sie erwiderten meinen Blick und drückten ihr warmes Gewicht gegen meine Handfläche, und ich wusste längst, dass die Gefangenschaft ihre Seelen gebrochen hatte.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich jedes Mal. „Eigentlich müssten wir frei sein.“
Teil I
AMERIKA
ASLAN
Um die Dunkelheit da draußen zu besiegen, musst du die Dunkelheit in dir selbst besiegen.
„Die Reise auf der Morgenröte“, C. S. Lewis
1

Begin again, must I begin again Who have begun so many loves in fire
„Sonnet I“, Joy Davidman
1946 Ossining, New York
Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich zu verlieben, und glücklose Affären hatte ich auf verschiedenste Weisen begonnen. Dieses Mal aber betraf es die Ehe.
Die Welt, sie verändert sich in einem Augenblick. Und ich habe es wieder und wieder erlebt, wie Leute sich durchmogeln, weil sie meinen, sie hätten im Schutze eines sicheren Lebens alles im Griff. Doch das Leben lässt sich nicht so einfach kontrollieren, jedenfalls nicht so, als dass wir vor den Tragödien des Herzens geschützt wären. Ich hätte das schon längst wissen müssen; ich hätte vorbereitet sein müssen.
„Joy.“ Bills Stimme klang über die Telefonleitung so zittrig, dass ich dachte, er hätte vielleicht einen Autounfall erlitten oder Schlimmeres. „Ich breche wieder zusammen, und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich weiß nicht, wo ich hin soll.“
„Bill.“ Ich klemmte mir den schwarzen Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter, das dicke Kabel baumelte hin und her, während ich unseren Sohn Douglas vor meiner Brust in den Armen wiegte. „Atme tief durch. Es ist alles gut. Es ist nur deine alte Angst. Du bist nicht mehr im Krieg. Du bist in Sicherheit.“
„Es ist nicht alles gut, Joy. Ich halte das nicht mehr aus.“
Die Panik ließ seine Stimme brechen, aber ich verstand ihn trotzdem. Ich wusste, ich konnte ihn durch meine Worte von diesem Abgrund wegholen, wie ich es schon an manch anderen Abenden getan hatte. Vielleicht würde er sich betrinken, bevor alles vorbei war, aber ich wusste, ich konnte ihn beruhigen.
„Komm nach Hause, Poogle. Komm einfach nach Hause.“ Ich gebrauchte den Kosenamen, den wir für uns und unsere Kinder gebrauchten, wie einen Lockruf.
„Ich komme nicht nach Hause, Joy. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt jemals zurückkomme.“
„Bill!“ Ich dachte schon, er hätte aufgelegt, doch dann hörte ich ihn schwer atmen. Ein und aus, so als ob jemand das Leben aus ihm herausquetschte. Anschließend brach die Verbindung ab und das schrille Summen vibrierte wie eine Stimmgabel in meinem Ohr – bis hinunter in mein Herz, wo meine eigene Angst lauerte, die in sich zusammengerollt nur auf den Moment wartete, wann sie endlich zuschlagen würde.
„Nein!“, schrie ich in die tote Leitung.
Bills Büronummer wusste ich auswendig. Ich rief ihn zurück, wieder und wieder, aber es klingelte bloß endlos, während ich wie ein Mantra vor mich hinmurmelte: „Geh dran, geh dran, geh dran.“ Als ob ich ihn von unserer Küche aus, wo ich mit dem Rücken an den lindgrünen Linoleumtresen gelehnt stand, irgendwie hätte beeinflussen können. Irgendwann gab ich auf. Es gab nichts mehr, was ich hätte tun können. Ich konnte ja nicht unsere Babys zurücklassen und mich auf die Suche nach ihm machen. Er hatte das Auto dabei, und ich hatte niemanden, der mir hätte helfen können. Ich hatte auch keine Ahnung, wo er hätte sein können, außer in irgendeiner Bar, und davon gibt es in New York City Hunderte.
So abgeschnitten von allem, konnte ich mir nur selbst die Schuld dafür geben. Schließlich war ich diejenige gewesen, die darauf gedrängt hatte, aus der Stadt an diesen verlassenen und schrecklichen Ort zu ziehen, weit weg von meinen Schriftsteller-Freunden und Kontakten in der Verlagswelt. Ich hatte angefangen zu glauben, dass ich nie eine Dichterin, eine Romanautorin, eine Freundin oder Liebhaberin gewesen war, nie als etwas anderes existiert hatte, denn als Ehefrau und Mutter. Und der Umzug war mein jämmerlicher Versuch gewesen, Bill von einer Affäre mit einer Blondine in Manhattan wegzulocken. Verzweiflung treibt einen dazu, eine Dummheit für Vernunft zu halten.
Ob er vielleicht bei einer anderen Frau steckte und seinen Zusammenbruch nur vortäuschte? Allzu weit hergeholt schien mir das nicht, obwohl seine Verrücktheit auch ihre Grenzen hatte.
Vielleicht aber auch nicht.
Unser Haus im Hudson-Tal, am äußersten Rand des New Yorker Vorortes Ossining, war eine kleine Holzhütte, die wir Maple Lodge nannten. Sie besaß ein Schrägdach und ächzte bei jeder Bewegung, die unsere kleine Familie darin machte: Bill; der kleine Davy, der auf seinen kurzen Beinen durch die Gegend fegte wie eine unkontrollierbare Atombombe; und Douglas, das Baby. Oft fühlte es sich so an, als könnte nicht einmal das Fundament des Hauses unserer Rastlosigkeit standhalten. Ich war einunddreißig, umgeben von Büchern, zwei Katzen und zwei Söhnen, und ich fühlte mich genauso alt wie das Haus.
Ich vermisste meine Freunde, das bunte Treiben in der Stadt, die Verlagspartys und den literarischen Klatsch. Ich vermisste meine Nachbarn. Und ich vermisste mich selbst.
Die Nacht legte sich um meine Söhne und mich; sie drückte mit drohender Schwere dunkel gegen die Fensterscheiben. Douglas mit seinem braunen Lockenkopf und seinen Apfelwangen döste, die warme Milchflasche an seinem Mund baumelnd, während Davy seine Spielzeugautos über die Holzdielen zerrte, ohne die Kratzer auch nur zu bemerken, die sie hinterließen.
Panisch tigerte ich durch das Haus und wartete auf eine Nachricht von Bill. Ich fluchte. Ich schimpfte. Ich schlug meine Faust in die weichen Kissen unserer verschlissenen Couch. Nachdem ich die Jungen gefüttert und gebadet hatte, rief ich meine Eltern und ein paar Freunde an – sie hatten nichts von Bill gehört. Wie lange würde er wegbleiben? Was sollte ich machen, wenn uns das Essen ausging? Das nächste Lebensmittelgeschäft war Meilen entfernt.
„Ruhig Blut“, ermahnte ich mich selbst immer wieder. „Es ist nicht sein erster Zusammenbruch.“ Das stimmte, und die Aussicht, dass so etwas wieder passieren könnte, schwebte stets über uns wie ein Gespenst. Seinen schlimmsten Zusammenbruch hatte ich nicht miterlebt. Er war nach seiner Zeit im spanischen Bürgerkrieg, noch bevor wir uns kennenlernten. Damals hatte er versucht, das zu tun, was ich jetzt am meisten fürchtete – sich umzubringen. Die Traumata, die der Krieg bei ihm zurückgelassen hatten und die seine Seele schüttelten wie würgten, waren unerträglich geworden.
Ich stellte mir Bill vor, wie ich ihn kennengelernt hatte – jenen leidenschaftlichen, jungen Mann, der mit seiner schlaksigen Gestalt und seinem breiten Lächeln hinter dem dicken Schnurrbart in die League of American Writers geschlendert kam. Durch seinen Mut und seinen Idealismus fühlte ich mich sofort zu ihm hingezogen, zu einem Mann, der freiwillig in ein fernes, gespaltenes Land gezogen war, um zu kämpfen, wo es nötig war. Später hörte ich denselben charmanten Mann in den Musikkneipen von Greenwich Village Gitarre spielen und verliebte mich noch mehr.
Ich war überwältigt und überrumpelt von der Leidenschaft und Unmittelbarkeit, mit der unsere Körper wie Seelen zueinander fanden. Zwar war er verheiratet, als wir uns trafen, aber er hatte mir versichert: „Das war nie etwas Echtes. Es ist nichts im Vergleich zu dir und mir.“
Drei Tage nachdem seine Scheidung rechtskräftig war, heirateten wir in der McDowell-Künstlerkolonie, was wie ein Symbol für das war, was uns verband – die Hingabe an unser Handwerk. Zwei Schriftsteller. Eine Ehe. Ein Leben. Doch nun waren es eben diese Leidenschaft und dieser Idealismus, die an ihm zerrten, seinen Geist aus der Bahn warfen und ihn zurück zur Flasche trieben.
Etwa gegen Mitternacht stand ich an der Wiege unseres Babys, mein Herz pochte so stark wie Hammerschläge. Es gab nichts, überhaupt nichts, was ich tun konnte, um meinen Mann zu retten. Ich spürte, wie meine unerschrockene Fassade bröckelte und mein Ego eine Bruchlandung hinlegte.
Ich holte tief Luft, vielleicht war es der erste demütige Atemzug meines Lebens, und ließ mich so auf die Knie fallen, dass von den harten Dielen ein starker Schmerz meine Beine durchschoss. Ich neigte meinen Kopf, und Tränen sammelten sich in meinen Mundwinkeln, während ich um Hilfe betete.
Ich betete!
Zu Gott?
Ich glaubte nicht an Gott. Ich war Atheistin.
Aber da war ich – auf den Knien.
Diesen winzigen Spalt in meiner Seele, mitten in dieser panischen Angst, während ich um Hilfe rief, erkannte der listige Löwe als seine Chance. Gott kam herein. Er trat in die Risse meines Herzens, als hätte er schon lange darauf gewartet, eine Öffnung zu finden. Und eine Wärme legte sich über mich; ein Strom des Friedens durchflutete mich. Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben fühlte ich mich vollkommen erkannt und geliebt. Ich spürte, dass er bei mir war, ja, dass er immer bei mir gewesen ist.
Diese Offenbarung hielt nicht lange an, nicht einmal eine Minute, und doch war sie für immer. Zeit existierte nicht wie ein Von-Augenblick-zu-Augenblick-Metronom, sondern als Ewigkeit. Es war, als ob Grenzen verwischten – zwischen meinem Körper und der Umgebung, zwischen meinem Herzen und meiner Seele, zwischen Angst und Frieden. Alles in mir wiegte sich in einer liebevollen Gegenwart.
Mein Herzschlag beruhigte sich, und die Tränen versiegten. Ich beugte mich vor und legte meine feuchte Wange auf den Boden. „Warum hast du so lange gewartet? Warum habe ich so lange gewartet?“ Ich lag da in dieser Stille, ehe ich fragte: „Und jetzt?“
Er antwortete nicht. Jedenfalls nicht so, dass da eine Stimme war, doch irgendwie fand ich die Kraft aufzustehen, voller Dankbarkeit auf meine Kinder zu schauen und abzuwarten, was als Nächstes passieren würde.
Gott brachte in diesem Moment nichts in Ordnung, aber darum ging es auch gar nicht. Ich wusste immer noch nicht, wo Bill steckte, und fürchtete weiterhin um sein Leben, aber es schien nun so, dass jemand, mein Schöpfer, mitten in alledem bei mir war. Dieser Jemand war ebenso real wie meine Söhne in ihren Betten, wie der Sturm, der an den Fensterrahmen rüttelte, und wie meine Knie auf den harten Dielen.
Letzten Endes war Bill, nachdem er durch die Straßen gezogen war und sich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken hatte, in ein Taxi gekrochen, das ihn kurz vor dem Morgengrauen wieder zu uns brachte. Als er durch die Tür kam, nahm ich sein Gesicht in meine Hände, roch die Schnapsfahne und sagte ihm, dass ich ihn liebte und jetzt wüsste, dass es einen Gott gab, der uns beide liebte. Ich versprach ihm, dass wir gemeinsam unseren Weg finden würden.

Im Lauf der Zeit stapelten sich auf unserem Couchtisch Bücher über Geschichte und Philosophie, religiöse Texte und Traktate, aber wir wussten uns immer noch keinen Reim auf dieses Erlebnis zu machen, von dem ich wusste, dass es genauso real gewesen war wie mein Herzschlag. Wenn es einen Gott gab, und das stand für mich felsenfest, wie zeigte er sich dann in der Welt? Wie sollte ich mich ihm nähern, wenn überhaupt? Oder war das ganze Erlebnis nur ein kurzer Moment der Erleuchtung gewesen, das aber nichts veränderte? Eine Bekehrung war das ganz gewiss nicht; ich hatte lediglich verstanden, dass noch etwas Größeres existierte. Ich wollte mehr darüber wissen. Viel mehr.
Wir waren mittlerweile umgezogen – in ein verschachteltes Bauernhaus nach Staatsburg, New York –, als eines Nachmittags im Frühling ein drei Jahre altes Exemplar der Zeitschrift Atlantic Monthly von 1946 mit der Titelseite nach unten auf dem Küchentisch lag und als Untersetzer für Bills Kaffeebecher diente. Ich schob den Becher zur Seite und blätterte die Zeitschrift durch, während unsere Söhne ihr Schläfchen hielten. Als ich sie wahllos aufschlug, erblickte ich den Artikel eines Professors namens Chad Walsh vom Beloit College in Wisconsin. Die Überschrift lautete „Apostel für die Skeptiker“. Der Artikel befasste sich eingehend mit einem englischen Oxford-Gelehrten, einem Mann namens C. S. Lewis, der ein bekehrter Atheist war. Mir war dieser Autor bereits bekannt, ich hatte sogar Bücher von ihm gelesen – Das Schloss und die Insel und Die große Scheidung. Beide Werke enthielten eine Wahrheit, die ich erst jetzt imstande war, langsam zu verstehen. Ich fing an, den Artikel zu lesen, doch erst als Douglas meinen Namen rief, konnte ich mich von der Geschichte dieses Schriftstellers und Hochschullehrers lösen, der durch seinen klaren, erhellenden Schreibstil, seine Logik und seinen Intellekt viele amerikanische Leser angesprochen hatte.
Bald darauf hatte ich alles gelesen, was Lewis geschrieben hatte – über ein Dutzend Bücher, darunter auch ein dünner Roman von so beißender Satire, dass es mich immer wieder zu der Weisheit hinzog, die sich in der Geschichte verbarg: Dienstanweisung für einen Unterteufel.
„Bill.“ Es war während irgendeines Abendessens, während die Jungs gerade ihre Spaghetti aufrollten, als ich das Buch Die große Scheidung von Lewis hochhielt, das ich gerade zum zweiten Mal las. „Das hier ist jemand, der uns vielleicht bei manchen unserer Fragen weiterhelfen könnte.“
„Schon möglich“, murmelte Bill und zündete sich eine Zigarette an, noch bevor das Essen vorbei war. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schaute mich durch seine randlose Brille an. „Allerdings, Poogle, bin ich mir nicht sicher, ob irgendjemand die Antworten hat, die wir brauchen.“
Bill hatte völlig recht, denn es hatte sich herausgestellt, dass es gar nicht so einfach war, an einen Gott zu glauben. Jede Philosophie und Religion wusste über die Gottheit etwas zu sagen, was mir nicht einleuchten wollte. Ich war schon drauf und dran, die Suche aufzugeben und meine Gotteserfahrung in die große Kiste mit all meinen Irrtümern zu packen. Zumindest so lange, bis ich Professor Walsh kontaktierte, den Verfasser des Artikels, und ihn bat: „Erzählen Sie mir bitte von C. S. Lewis.“
Professor Walsh hatte Lewis in Oxford besucht und dort einige Zeit mit ihm verbracht. Er war dabei, seine Artikel zu einem Buch mit demselben Titel zu verarbeiten, und er antwortete mir. „Schreiben Sie doch Mr. Lewis“, schlug er vor. „Er ist ein eifriger Briefschreiber, und er liebt es zu debattieren.“
Drei Jahre waren vergangen seit jener Nacht der Demut, die mir meine bisherige Sicht der Dinge genommen hatte. Bill und ich hatten seitdem viel gelesen und nachgedacht, er war zu den Anonymen Alkoholikern gegangen, wir hatten endlos debattiert und uns schließlich der Presbyterianischen Kirche angeschlossen. Und nun war da diese Idee: Wir würden einen Brief an C. S. Lewis schreiben, einen Brief mit all unseren Fragen, unseren Gedanken über und unseren Zweifeln an diesem Christus, an den er offenbar glaubte.
2

Open your door, lest the belated heart Die in the bitter night; open your door
„Sonnet XLIV“, Joy Davidman
1950
Hat nicht alles mit Worten angefangen? Am Anfang war das Wort – sogar die Bibel posaunte diese Wahrheit hinaus. So war es auch mit meiner Freundschaft mit Lewis.
Ich ging von meinem Arbeitszimmer im Obergeschoss unseres Bauernhauses die Treppe hinunter und hinaus in die eiskalte Januarluft, um die Post zu holen. Dabei durchliefen zwei ganz unterschiedliche Gedanken meine Gehirnbahnen: Was sollte ich heute Abend für die Familie kochen? Und wie würde wohl in ein paar Monaten mein zweiter Roman Weeping Bay aufgenommen werden?
Das gefrorene Gras knirschte unter meinen Stiefeln, als ich zum Briefkasten ging und ihn öffnete. Ich blätterte den Stapel durch, und plötzlich schlug mein Herz schneller. Gleich oben auf dem Stapel von Rechnungen, Briefen und einer Ausgabe der Zeitschrift Presbyterian Life lag ein Brief aus England, aus Oxford. Ich nahm den weißen Umschlag mit der Luftpostbriefmarke, die das Profil des jungen König George mit über dem Haupt schwebender Krone zeigte, in die Hand. In der oberen linken Ecke stand in kleiner kursiver Handschrift der Name C. S. Lewis als Absender.
Er hatte endlich geantwortet. Ich fuhr mit dem behandschuhten Finger über seinen Namen. Hoffnung regte sich in mir wie eine frühe Frühlingsblume. Ich brauchte seinen Rat – mein Leben schien aus den Fugen geraten zu sein durch die neuen Überzeugungen, von denen ich gedacht hatte, dass sie mich retten würden, und C. S. Lewis kannte die Wahrheit. Zumindest hoffte ich das.
Ich klappte den Metallkasten schwungvoll zu, sodass die Eiszapfen klirrend zu Boden fielen, steckte mir die Post in die Jackentasche und ging über den vereisten Gehweg zurück zum Haus. Drinnen stritten sich meine Söhne über irgendetwas. Als ich ihre Stimmen hörte, hob sich mein Blick. Ich sah unser weißes Bauernhaus mit der Veranda quer über die ganze Front – eine Oase, bis man eintrat. Die grünen Fensterläden, wie Lidschatten auf einer blassen Frau, öffneten den Blick in die Seele des Hauses, die einmal klar gewesen, nun aber von Zorn und Frustration verdüstert war.
Die Eingangstür stand offen, unser vierjähriger Douglas kam herausgerannt, dicht gefolgt von seinem zwei Jahre älteren Bruder Davy.
„Das gehört mir. Gib es zurück!“, brüllte Davy, der nur zwei Fingerbreit größer war als sein kleiner Bruder. Sein braunes Haar war zerzaust vom Rangeln und Toben. Er schubste Douglas vor sich her, bis beide mich erblickten und wie angewurzelt stehen blieben, als wäre ich plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht.
„Mami!“ Douglas kam zu mir gerannt, schlang seine Arme um meine Hüften und vergrub sein Gesicht in den Falten meiner Jacke. „Davy hat mir gegen das Schienbein getreten“, heulte er. „Und dann hat er mich umgeschubst und sich auf mich gesetzt. Er hat sich viel zu fest auf mich gesetzt!“
Gott musste viel Vergnügen daran haben, zwei Jungs so verschieden zu machen.
Ich beugte mich zu Douglas hinab, strich ihm die Haare aus dem Gesicht und gab ihm einen Kuss auf seine runde Wange. In solchen Momenten war mein Herz voller Liebe zu den beiden Jungen, die Bill und ich auf die Welt gebracht hatten. Davy hatte seinen geschmeidigen Körper und seine unbändige Energie von Bill, aber die Empfindlichkeit, mit der Douglas auf Gemeinheiten aller Art reagierte, kam von mir. Er hatte noch nicht gelernt, sie zu verdecken, wie ich es tat.
„So ein Unsinn!“ Ich rubbelte Davy über den Kopf und nahm Douglas an die Hand. „Gehen wir hinein und machen heiße Schokolade.“
„Au ja!“, erwiderte Davy begeistert und rannte auf das Haus zu.
Die ganze Zeit über brannte mir der Brief in der Tasche. Geduld, sagte ich mir. Geduld. Vorfreude ist die schönste Freude.
Davy schoss durch die Eingangstür, freilich nicht ohne Topsy aufzuschrecken, der ein Gebell anstimmte, als müsste er uns vor einem monströsen Eindringling warnen.
„Gib Ruhe, du zottelige Promenadenmischung“, rief ich, „sonst tut es mir noch leid, dass ich dich gerettet habe!“ Im Flur stieg ich über einen Haufen Spielzeugautos, während Topsy sich an meine Fersen heftete. Wir besaßen zu dieser Zeit einen regelrechten Zoo an Tieren – vier Katzen, zwei Hunde und einen Vogel –, und jetzt wünschte sich Davy noch eine Schlange.
Bill war oben im ausgebauten Dachboden in seinem Arbeitszimmer und tippte, was seine Finger hergaben. Er arbeitete an seinem zweiten Roman, um die Rechnungen zu bezahlen, die sich schon so hoch stapelten, wie bald der Schnee liegen würde. Das Geschrei, Gebell und Durcheinander musste ihn von seiner Schreibmaschine verscheucht haben, denn plötzlich stand er am Fuß der Treppe.
Douglas duckte sich, und ich ergriff seine Hand. „Keine Angst“, sagte ich leise. „Daddy wird nicht schreien. Es geht ihm jetzt besser.“
Bill ließ hilflos die Arme hängen. Mit seinen knapp eins neunzig erinnerte mich mein Mann oft an einen schlanken, biegsamen Baum. Sein dichtes dunkles Haar war nach links gekämmt wie eine in sich zusammengestürzte Brandungswelle. Er war jetzt trocken, und seine verbalen Ausfälle hatten nachgelassen. Die Anonymen Alkoholiker mit ihren Zwölf Schritten, spirituellen Merksprüchen und ihrer gegenseitigen Rechenschaft innerhalb der Gruppe zeigten ihre Wirkung.
Er deutete auf den umgefallenen Korb neben der Tür, aus dem sich Bücher aus der Bibliothek über den Boden ergossen, und schob seine randlose Brille nach oben. „Du könntest das eigentlich mal aufheben.“
„Ich weiß, Schatz. Mache ich.“
Ich warf ihm einen Blick zu. Sein blaues Hemd war zerknittert und falsch zugeknöpft. Die Jeans hingen lose an ihm herunter; er hatte im Lauf der stressigen letzten Monate einiges Gewicht verloren. Ich hingegen hatte zugenommen – das Leben war einfach nicht fair.
„Ich habe versucht zu schreiben, Joy. Etwas zustande zu bringen in diesem Haus, das so voller Chaos ist, dass ich mich kaum konzentrieren kann.“
„Hunde. Kinder.“ Ich versuchte ihn anzulächeln. „Was für eine Kombination.“ Ich ging in die Küche. Ich wollte die Situation entschärfen – der Streit, der sich hier anbahnte, wäre doch nur eine Wiederholung dessen, was wir schon tausendmal erlebt hatten, und dafür war ich nicht in Stimmung. Ich hatte schließlich einen Brief in meiner Tasche, der ein Hoffnungsschimmer war.
Davy kletterte auf einen Stuhl, setzte sich an den zersplitterten Holztisch und faltete wartend die Hände. Ich schüttelte meine Jacke ab und hängte sie an einen Haken neben der Tür. Die Post legte ich auf den Küchentisch. Bis auf den Brief. Den wollte ich als Erste lesen. Ich wollte ihn für mich allein haben, wenn auch nur für einen Moment. Ich streifte die Handschuhe ab und stopfte sie in die Taschen, um ihn zu verstecken. Dann vergrub ich meine Hände in dem schmutzigen Geschirr, das sich in der Spüle stapelte – ein Zeugnis meiner mangelnden hausfraulichen Fähigkeiten. Schließlich fand ich den Kochtopf, in dem noch die Tomatensauce vom Vorabend klebte.
Dieses Haus war einmal die Erfüllung eines Traums gewesen. Als Bills Roman Nightmare Alley erschien und mit Tyrone Power in der Hauptrolle verfilmt wurde, hatten wir plötzlich zum ersten Mal in unserem Leben mehr als genug Geld zur Verfügung. Es war gerade genug, um uns diesen kleinen Hof auf dem Land zu kaufen. Wir wussten damals noch nicht, dass es nicht immer das Beste ist, wenn Träume sich erfüllen. Davon ist in Geschichten nie die Rede.
Ich wandte mich mit gespielt heiterem Tonfall an Davy. „Vielleicht kriegen wir heute Schnee. Wäre das nicht toll?“
„Au ja“, sagte er und schwang die Beine hin und her gegen die Unterseite des Tisches.
Bill kam in die Küche, blieb unschlüssig stehen und schaute mir zu, wie ich den verkrusteten Kochtopf scheuerte.
„Schon wieder Rechnungen“, sagte er, während er die Post durchblätterte. „Na, großartig!“
Ich spürte seine Augen auf mir und wusste, dass aus ihnen keine Liebe strahlte. Die Liebe schwand dahin, aber ich versuchte Tag für Tag einzuschätzen, was noch blieb. Gemeinschaft? Bewunderung? Geborgenheit? Im Moment fühlte es sich an wie Wut. Ich nahm den sauberen Topf und griff das grüne Tuch, das an der Seite der Spüle hing, und trocknete ihn ab. „Möchtest du eine heiße Schokolade?“
„Gern.“ Er ließ sich auf dem Stuhl neben Davy nieder. „Mami wird uns aufwärmen.“
Ich machte unseren alten Coolerator auf – er wirkte eher wie ein weißer Sarg als ein Kühlschrank – und musterte die verwaisten Glasböden. Welker Salat, eine offene Dose mit der Tomatensuppe von gestern Abend, Milch und ein Topf mit Hackfleisch, das eine verdächtig braune Farbe angenommen hatte. Ich musste dringend auf den Markt, was bedeutete, dass wieder einmal ein Nachmittag fürs Schreiben verloren ginge. Aufgrund des verdorbenen Fleisches schlug meine Stimmung um, und ich hasste mich für meine Selbstsucht, das Schreiben wichtiger zu nehmen als meiner Familie etwas zu essen zu machen. Doch so sehr ich mir auch Mühe gab, ich wusste nicht, wie ich mich ändern könnte.
Ich sah zu, wie die Milch im Topf allmählich zu kochen begann, und rührte anschließend die Schokoladenflocken in den weißen Schaum. Draußen war die erste Schneeflocke in Sicht, ließ sich auf der Fensterscheibe nieder und schmolz; ein kleines Naturschauspiel, das mein Herz wieder leichter werden ließ. Draußen war auf einem niedrigen Ast das Vogelhäuschen befestigt, wo gerade ein Kardinal Rast einlegte und mich mit seinem schwarzen Auge musterte. Für einen kurzen Moment strahlte jede Kleinigkeit eine außergewöhnliche Schönheit aus, es war wie ein täglicher Gnadenbeweis.
Douglas kam in die Küche gestürmt, gerade als ich die geschmolzene Köstlichkeit in drei Becher goss.
„Hast du mich vergessen?“, fragte er, die Hände so hoch über seinen Kopf gestreckt, als wolle er fliegen.
„Nein, mein Großer. Natürlich habe ich dich nicht vergessen.“
Wir ließen uns am Tisch nieder, meine drei Jungs jeder mit einem Becher heißer Schokolade und ich mit einer Tasse Tee. Gerne hätte ich ihnen noch eine Haube aus Schlagsahne dazu spendiert. Warum fühlte sich das Alltägliche meines Lebens manchmal so beklemmend an, wenn doch das Alltägliche alles war?
Ich hatte noch andere Verwandte. Meine Eltern lebten noch, aber ich verspürte keinen sonderlich dringenden Wunsch, sie zu besuchen. Mein Bruder arbeitete in der Stadt als Psychotherapeut, doch ich bekam ihn nur selten zu sehen. Abgesehen von unserer neuen presbyterianischen Kirchengemeinde war das hier meine Familie.
Auf unserem Hof im ländlichen Norden des Staates New York fühlte ich mich abgeschnitten von der Welt, doch den Nachrichten im Radio folgte ich stets: Truman war Präsident, die Atombombe war immer noch das heiße Thema – was hatten wir da nur auf die Welt losgelassen, als wir das Atom spalteten? Man überbot sich gegenseitig mit Weltuntergangs-Szenarien. Und in der Welt der Literatur hatte Faulkner gerade den Literatur-Nobelpreis gewonnen.
„Danke, Mami.“ Davys Stimme holte mich ins Hier und Jetzt des Hauses zurück.
Ich schmunzelte über seinen Schokoladen-Schnurrbart und schaute dann hinüber zu Bill. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und streckte sich. Was für ein prächtiges Bild er doch abgab, dieser „perfekte mythische Ehemann“, wie ich ihn damals, als wir uns ineinander verliebten, einmal genannt hatte. Manchmal fragte ich mich, wie ich wohl jetzt auf ihn wirkte, aber mein Überlebensinstinkt ließ mir keine Zeit für Eitelkeit. Meine braunen Haare, lang und dicht, trug ich in einem lose geschlungenen Knoten im Nacken. Falls ich überhaupt hübsch war, dann auf eine altmodische Weise, das wusste ich. Mit meinen nicht einmal eins sechzig und meinen großen braunen Augen entsprach ich nicht gerade einer umwerfenden Schönheit, der Männer hinterherpfiffen. Es war eher eine anheimelnde Schönheit, die sich hervorheben ließ, wenn ich mir Mühe gab, was ich allerdings in letzter Zeit nicht getan hatte. Aber Bill? Er war ein schneidiger Bursche, was er liebte zu hören, wohl auch angesichts seiner Abstammung von Plantagenbesitzern im sonnigen Süden Virginias.
Er schlug die Beine übereinander und wandte sein schiefes Lächeln, das Douglas von ihm geerbt hatte, in meine Richtung. „Ich gehe heute Abend um halb acht zum AA-Treffen. Kommst du mit?“
„Diesmal nicht. Ich glaube, ich bleibe heute zu Hause bei den Jungs und bringe ihre Wintersachen in Schuss.“
Unter dem Tisch wand ich meine Hände und wartete auf einen Vorwurf, der aber nicht kam. Ich atmete erleichtert auf. Bill stand auf, reckte sich mit einem Gebrüll, das Davy zum Lachen brachte, und schritt dann zur Küchentür. „Ich gehe jetzt arbeiten“, sagte er. „Oder wenigstens versuche ich es noch einmal.“
„Okay.“ Ich nickte ihm lächelnd zu, aber innerlich krampfte sich mein Herz zusammen, da es auch danach verlangte, wieder an meine Arbeit zu gehen. Der Chefredakteur der Zeitschrift auf dem Küchentisch hatte mich um eine Artikelserie über die Zehn Gebote gebeten und ich kam damit kaum vorwärts. Aber schließlich war Bill der Herr des Hauses, und ich war, wie er und die Gesellschaft mir immer wieder in Erinnerung riefen, bloß die Hausfrau.
Die Jungs stürmten hinüber ins Spielzimmer neben der Küche und kabbelten sich. Zuerst zögerte ich, aber dann rief ich: „Bill, C. S. Lewis hat uns geantwortet!“
„Na, wurde ja auch Zeit!“ Er blieb in der Tür stehen. „Wie lange hat das jetzt gedauert? Sechs Monate? Leg mir den Brief auf den Schreibtisch, nachdem du ihn gelesen hast.“
„Ich habe ihn noch nicht aufgemacht, aber ich weiß ja, dass du dich für diese Dinge nicht mehr so interessierst.“
„Für welche Dinge?“
„Gott.“
„Natürlich tue ich das, Joy. Ich bin nur nicht so versessen auf die Antworten wie du. Verdammt, ich bin auf gar nichts so versessen wie du!“ Er hielt inne, als wolle er die schweren Worte abwägen, und fügte beschwichtigend hinzu: „Du weißt ja noch gar nicht, was er geschrieben hat. Vielleicht verbittet er sich jeden weiteren Kontakt. Er ist schließlich ein viel beschäftigter Mann.“
Ich sackte innerlich zusammen und spürte, wie der Traum von etwas, das ich noch nicht einmal gesehen oder wahrgenommen hatte, in sich zusammenfiel. „Bill, ich kann nicht hinnehmen, dass mein Erlebnis bedeutungslos gewesen sein soll. Ich kann das nicht als ein Strohfeuer abtun. Gott war da; das weiß ich. Was bedeutet das?“
„Das weiß ich doch nicht. Aber mach, was du willst, Poogle. Schreib ihm, oder lass es bleiben. Ich muss wieder an die Arbeit.“
In meinem Arbeitszimmer fröstelte ich vor Kälte. Wäre unser Haus bloß nur so voller Liebe wie voller Bücher – inzwischen stapelten sich über zweitausend davon auf Regalen und Tischen und nötigenfalls auch auf dem Fußboden. Das Haus war zugig, und die Kohlenvorräte gingen wieder einmal zur Neige. Ich würde Davy schicken, um Nachschub hereinzuholen. Schon vor ein paar Wochen hatten wir die Haushälterin entlassen müssen. Ich hätte alles geschrieben, egal was, nur um genug Geld zu verdienen, um sie wieder einstellen zu können.
Es musste sich etwas ändern, und zwar bald.
Ich nahm den Brief in die Hand, schlang meine Strickjacke fester um mich und ließ mich auf einem abgewetzten Sessel nieder. Ich wünschte mir, dass mein Mann meine Sehnsucht verstand – dieses Verlangen nach der unsichtbaren Welt, die in dem verborgen liegt, was wir vor Augen haben. Lewis war siebzehn Jahre älter als ich, für ihn lagen seine Erfahrung und Suche schon ein gutes Stück zurück. Ich hatte ihm geschrieben, weil ich auf der Suche war nach Antworten, die sowohl mein Herz als auch mein Verstand zufriedenstellen würden.
Ich fuhr mit den Fingern über die geschwungenen Linien seiner Worte. Sie waren offensichtlich mit einem Füllfederhalter mit blauer Tinte geschrieben, und aus jedem Federstrich verästelten sich hauchdünne Linien in den feinen Kapillaren des Baumwollpapiers. Ich hielt den Brief unter meine Nase, aber er roch nur nach kalter Luft und Staub. Zögernd schob ich meine Finger unter die Lasche des Umschlags. Obwohl ich darauf brannte, jedes Wort zu lesen, wollte ich doch zugleich auch die gespannte Erwartung noch länger auskosten. Warten und Sehnen sind oft der billige Brennstoff des Verlangens.
„Liebe Mr. und Mrs. Gresham“, begann er.
„Danke für Ihren langen und ausführlichen Brief.“
Ich musste lächeln. Lang und ausführlich – das konnte man wohl sagen!
Ich warf schnell einen Blick an das Ende des Briefes, um mich zu vergewissern.
Ihr C. S. Lewis
Er hatte uns tatsächlich geschrieben. Unter all den Hunderten von Briefen, die er bekam, hatte er auf meinen geantwortet.
3

I have loved some ghost or other all my years Dead men, their kisses and their fading eyes
„Prayer before daybreak“, Joy Davidman
Am Tag, nachdem der Brief von Lewis gekommen war, lauschte ich dem winterlichen Lockruf des Windes. Auf dem Stuhl gegenüber lag ein Haufen Sachen, die zu nähen waren, doch ich beachtete sie nicht, sondern starrte aus dem Fenster. Ich vermisste meine ausufernden Spaziergänge über unser Land und die nach Apfelblüten duftende Luft meines Frühlingsgartens, der unter dem Frost schlummerte. Es würde wieder Frühling werden; so wie immer.
Ich setzte mich an meine Underwood-Schreibmaschine mit ihren schwarzen Tasten und dem eingespannten weißen Blatt, das auf mich wartete. Diese Nachmittagsstunde hatte ich fürs Gedichteschreiben reserviert; ein Geschenk an mich selbst.
The fires are in my guts and you may light
A candle at them that will do no good.
Ich hielt inne, nahm einen Schluck von meinem Tee und strich mir eine verirrte Haarsträhne hinters Ohr. Mit geschlossenen Augen forschte ich in den Tiefen meines Innern nach den nächsten Zeilen. Mein ganzes Leben lang hatte ich zum Schreiben die Stellen in mir angezapft, die verknotet waren, in der Hoffnung, die Knoten würden sich lösen.
„Joy!“, Bills Stimme zerriss die Stille.
Die Gedichtzeile wurde von seiner Stimme weggeblasen wie Löwenzahnsamen, die sich zerstreuen und nur einen verwaisten Blütenstand zurücklassen.
„Hier oben“, rief ich, als er schon in der Tür erschien und sich gegen den Rahmen lehnte. Zwischen seinen Lippen hing eine Zigarette.
„Nicht im Haus.“ Meine Worte würden nichts nützen, aber ich sagte es trotzdem.
„Die Jungs sind in der Schule.“ Er nahm einen langen Zug, inhalierte tief und ließ dann zwei Rauchfontänen aus den Nasenlöchern strömen. Dann fragte er mich: „Hast du das Telefon nicht gehört?“
Ich schüttelte den Kopf und schlang meine Strickjacke fester um mich.
„Brandt und Brandt haben angerufen. Sie wollen mit Macmillan einen Termin für dein Autorenfoto für die Umschlagrückseite vereinbaren.“
Brandt und Brandt waren meine Agentur. Es ging um Verlagsangelegenheiten.
„Danke“, sagte ich, leicht verärgert, dass ich den Anruf verpasst und Bill stattdessen mit ihnen gesprochen hatte. „Ich werde zurückrufen.“
„Alles okay?“, fragte er, kam näher und ließ Asche in den Papierkorb neben meinem Schreibtisch fallen.
„Ich bin rastlos. Und ich finde heute Nachmittag keine Worte, jedenfalls keine, die einen Sinn ergeben.“
„Warum rufst du nicht Belle in der Stadt an und lädst sie ein, zu Besuch zu kommen? Sie schafft es immer, dich aufzuheitern.“
„Sie hat auch viel um die Ohren mit ihrer Familie. Und wir versuchen beide, so viel wie möglich zu schreiben. Im Moment müssen wir es beim Telefonieren belassen.“
„Dieser Weg, den wir gewählt haben“, sagte er, die Zigarette dicht vor den Lippen. „Schriftsteller zu sein. Vielleicht hätten wir uns etwas Leichteres aussuchen sollen.“ Er sagte es im Scherz; es war ein trauter Moment.
„Als ob wir uns irgendetwas anderes hätten aussuchen können.“ Ich sah ihn an. „Ich vermisse das Gedichteschreiben, Bill. Ich vermisse es schrecklich.“
„Wir tun, was wir tun müssen. Du wirst schon wieder dazu kommen.“ Er küsste mich auf die Stirn und hielt dabei seine Zigarette hoch in die Luft. „Und jetzt zurück an die Arbeit.“
Er schaltete meinen kleinen Heizlüfter ein und schloss dann die Tür. Solche freundlichen Gesten milderten die Spannung und riefen längst verblasste Gefühle in mir wach. Ich wandte mich wieder der Schreibmaschine zu. Doch statt ein Gedicht zu schreiben, wollte ich Mr. Lewis antworten. Es war erst einen Tag her, und obwohl ich es mir nicht anmerken lassen wollte, brannte ich vor Ungeduld.
C. S. Lewis:
Ihre geistliche Suche gleicht ziemlich der meinen. Ziemlich erschreckend, wenn einem der große „Jagdhund des Himmels“ auf den Fersen ist, nicht wahr? Meine erste Reaktion war Wut und Entsetzen. Ich frage mich, ob Sie es ähnlich empfunden haben. Ich glaube, ich habe all die Jahre seit jenem Moment mit dem Versuch zugebracht, mir einen Reim auf all das zu machen. Aber sollen wir uns überhaupt einen Reim darauf machen? Ich bin mir nicht sicher, ob das der Grund für unsere Begegnung ist. Dennoch versuchen wir es. Es hört sich an, als hätten Sie sich in seinem Netz verfangen – Sie haben keine große Chance, zu entkommen.
Wie es scheint, hat mein Freund Chad Walsh Ihnen viel über mein Leben erzählt; bitte erzählen Sie mir auch von sich. Wie lautet Ihre Geschichte, Mr. und Mrs. Gresham?
Ich hielt inne, denn ich spürte den Wunsch, langsam an die Sache heranzugehen, mit Bedacht, mich nicht hineinzustürzen, wie ich es fast immer machte, um dann zu stolpern und hinzufallen und wieder aufstehen zu müssen.
Meine Geschichte – danach hatte er mich gefragt. Es war zu lange her, dass irgendjemand sich für mehr interessiert hatte als dafür, was es zu essen gab, ob die Wäsche fertig war oder ob die Hausaufgaben gemacht waren.
Joy:
Lieber Mr. Lewis, wie wunderbar, in der Eiseskälte des neuen Jahres hier in New York Ihren Brief zu bekommen.
Und jetzt? Wie findet man Worte für etwas, was man nur undeutlich wahrnimmt, wenn man selbst darin lebt? Mein ganzes Leben lang war ich auf der Suche nach der Wahrheit gewesen, oder zumindest nach meiner Wahrheit. Wenn es etwas gab, was ich schon immer mit beharrlicher Zielstrebigkeit getan hatte, dann war es dies – das Suchen besänftigte mein unruhiges Herz.
Ich hatte an so vieles geglaubt und an so wenig.
Ich hatte mich selbst zugrunde gerichtet und mich selbst gerettet.
Hier ist Mrs. Gresham, die Ihnen antwortet. Danke, dass Sie einige unserer Fragen beantwortet haben. Am meisten verblüfft hat mich, wie Sie mein Argument demontiert haben, die Sehnsucht sei etwas, was wir bekämpfen müssten – Ihre Aussage, dass, wenn wir uns nach mehr sehnen, dieses Mehr (Gott) auch existieren muss, leuchtet mir ein wie der blaue Himmel über mir.
Aber Sie haben ja nicht gefragt, ob ich Ihnen widerspreche oder zustimme. Sie haben mich nach meiner Geschichte gefragt.
Ich hielt inne und atmete durch.
Müsste ich nicht witziger und schlagfertiger sein? Eine Brieffreundin, mit der er sich gerne auf intellektuelle Debatten einlassen würde? Intelligenz war das Einzige, was mich über die Jahre aufrechterhalten hatte. Sie war das, was mich auszeichnete. Wie meine Eltern mir (und jedem, der es hören wollte) immer wieder in Erinnerung riefen, war ich nicht übermäßig mit Schönheit, Anmut oder Charme gesegnet. Meine Cousine Renee hatte all diese Eigenschaften für sich gepachtet. Sie war die Hübsche. Dafür war ich die Kluge, oder?
Masken sind das Kennzeichen meines Lebens, mein Thema, wenn Sie so wollen, die Geschichte der Joy. Die Fassade hat sich unzählige Male verändert, aber der Schmerz und die Leere in mir blieben immer gleich, und heute glaube ich, dass sie die Sehnsucht sind, die mich auf die Knie gebracht hat.
War das zu ernst?
Nein, schließlich hatte er gefragt.
Es waren meine Eltern, die mich mit meiner ersten Maske versahen: als Jüdin. Ich wurde als Helen Joy Davidman geboren. Gerufen wurde ich aber immer Joy.
Ich schrieb wie in Trance – schwarze Tinte grub sich unter dem Stakkato der Metalltypen in die Seiten. Als die Rufe meiner Söhne mir verrieten, dass sie aus der Schule zurück waren, tippte ich gerade die letzten Sätze.
Nach der tief greifenden Bekehrungserfahrung, die mich von meinem festen atheistischen Fundament riss, lässt mir meine Seele keine Ruhe mehr, bis ich Antworten auf einige meiner geistlichen Fragen finde – Fragen, die mich nicht loslassen, Fragen, die mit vollem Recht an mir nagen, bis ich Frieden finde. Wer ist dieser Gott, an den ich jetzt glaube? Was soll ich mit dieser Wahrheit anfangen? War es überhaupt real, oder habe ich mich wieder einmal selbst hinters Licht geführt mit einem Allheilmittel, das doch nichts heilen kann?
Ihre Joy
Als ich fertig war, reckte sich mein Herz, als erwachte es gerade aus einem langen, trägen Schlummer, und eine stille Hoffnung machte sich in mir breit. Ich lächelte. Dann zog ich die letzte Seite aus der Schreibmaschine, faltete die vier Seiten zusammen und steckte sie in einen Umschlag.
Draußen heulte ein beginnender Sturm durch den Winternachmittag; meine Söhne spielten Ritter, die um eine Jungfrau kämpften, mein Mann hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen; und ich versiegelte einen Brief an C. S. Lewis, in dem ich alle meine Masken fallen ließ.
Ich wollte, dass er mich kannte. Ich wollte, dass er mich sah.
4

And this is wisdom in a weary land; ask nothing, shut your teeth upon your need.
„Selva Oscura“, Joy Davidman
Neunzehn Monate später August 1951
Im August flirrte die Luft durch Hitze und Regen, als unser alter Impala mit röchelndem Vergaser auf den Sommersitz von Chad und Eva Walsh einbog. Nachdem ich Chad wegen seines Artikels kontaktiert hatte, war durch Telefonate und Briefe eine intellektuelle wie geistliche Freundschaft zwischen uns entstanden. Letztlich hatten seine Frau und seine vier Töchter uns auf unserer Farm nördlich von New York besucht. Die Walshs waren gute Freunde geworden.
Davy und Douglas hüpften auf dem Rücksitz herum, erschöpft von der langen Fahrt und hungrig. Sie hatten ihren großzügig eingepackten Proviant bereits vollständig verdrückt, bevor wir auch nur die Staatsgrenze von New York passiert hatten. Bills Hände umklammerten angespannt das silberfarbene Steuer, als wir eine saftig grüne Landschaft durchfuhren – mit zerklüfteten Felsen und moosbewachsenen Bäumen, mit dichten, wilden Feldern und einem kristallklaren See, der im Sonnenlicht funkelte.
Wir waren uns beide einig, dieser Ausflug, um Chad und Eva zu besuchen, bot die Aussicht auf eine willkommene Atempause.
Doch am Morgen hatte Bill sich plötzlich quergestellt. „Willst du den Urlaub bei Chad verbringen, nur weil er Lewis gut kennt?“, fragte er mich, während wir packten.
„Das ist doch absurd.“ Ich stand am Fußende des Bettes mit meinem halb gefüllten offenen Koffer.
Bill zog eine Schublade auf und wandte sich dann wieder mir zu. „Immerhin war er es, der dich überhaupt auf die Idee gebracht hat, Lewis zu schreiben.“
„Bill“, sagte ich und trat näher zu ihm. „Chad ist der führende Experte für Lewis in den Vereinigten Staaten. Er ist ein Professor. Und er hat genau wie wir in der Mitte seines Lebens zum Glauben gefunden. Er ist dir ein ebenso guter Freund wie mir. Wenn du diesen Urlaub nicht machen willst, dann fahren wir eben nicht zu ihm. Aber sag es mir bitte jetzt.“
Bill gab mir einen flüchtigen Kuss, der meinen Mund verfehlte und auf meiner Wange landete. „Nein, wir müssen hier mal raus. Wir brauchen eine Pause“, sagte er. „Vermont ist vielleicht genau das Richtige.“
Joy:
Mr. Lewis, ich stecke fest in einem „dunklen Wald, wo der Weg völlig verschwunden ist“, wie Dante es beschreibt. Mutterschaft ist etwas Selbstloses. Schreiben ist egoistisch. Das Aufeinandertreffen dieser beiden unerbittlichen Wahrheiten schafft ein dünnes Drahtseil, von dem ich jeden Tag herunterfalle, und wir alle Schaden erleiden. Doch von meinem Garten zehre ich. Ist Ihrer schon erblüht?
C. S. Lewis:
Mrs. Gresham, in diesem dunklen Wald habe ich mich auch schon verirrt und dasselbe empfunden, natürlich nicht im Hinblick auf Mutterschaft (was sehr merkwürdig wäre), sondern auf mein Leben und meine Arbeit. Gott hat uns solche Zeiten vorausgesagt; die Dunkelheit gehört dazu. Wie Sie finde ich Trost und Stärkung in der Natur und bei meinen langen Spaziergängen auf dem Shotover Hill (Werden Sie eines Tages kommen und sich diesen Ort anschauen und mit uns wandern?). Das Einzige, was die Natur von uns verlangt, ist hinzuschauen und einfach da zu sein. Aber verlangen Sie nicht mehr von ihr, als sie geben kann.
Es war anderthalb Jahre her, seit jener erste Umschlag aus Oxford gekommen war. Inzwischen wusste ich schon nicht mehr, wie viele Briefe Mr. Lewis und ich bereits ausgetauscht hatten. Sie flogen über den Ozean wie Vögel, die sich im Flug begegneten.
Ich sammelte die kleinen Begebenheiten meines Alltags und bewahrte sie auf wie Schätze. Das alles wollte ich ihm erzählen, wollte ihm mein Leben zeigen und von seinem lesen. Auf nichts in meinem Leben wartete ich so gespannt wie auf seine Briefe, und die alten las ich immer wieder, bis ein neuer eintraf.
Im Jahr zuvor war Der König von Narnia auf unserer Seite des Ozeans erschienen, wodurch meine Jungs Anteil an Mr. Lewis genommen hatten, als ich ihnen das Buch vorlas. Nun war gerade Prinz Kaspian veröffentlicht worden, und wir hatten es mit auf die Reise genommen. Unentwegt las ich aus der Erzählung vor, bis Aslan und Lucy und Edmund uns so vertraut waren, als gehörten sie zur Familie.
C. S. Lewis:
Aha, Sie bemerken den mittelalterlichen Einfluss in meinen Geschichten; er rührt vor allem aus meiner Weltsicht. Von Beruf bin ich hauptsächlich ein Mediävist – mit einem Verlangen nach Sinn und auf der Suche nach Wahrheit, und ich glaube daran, dass Geschichten dazu da sind, zu erfreuen und zu belehren.
Joy:
Ihre arthurischen Einflüsse stecken tief in Ihrer Prosa. Sie müssen schon früh auf seine Legenden gestoßen sein.
C. S. Lewis:
Tatsächlich habe ich König Arthur schon sehr früh entdeckt, mit acht Jahren, um genau zu sein. Wie ich sehe, war das im selben Alter, als Sie beschlossen haben, Atheistin zu sein. Und seitdem hat er meine Vorstellungskraft vermutlich stark beeinflusst. Nebst Dante, Platon und antikem griechischen Denken und natürlich vielen anderen Einflüssen. Wie können wir je sicher sein, was alles unsere Arbeit durchdrungen hat? Aus eben diesem Grund müssen wir gut darauf achten, was wir lesen.
Durch die Sichtweisen in seinen Briefen lernte ich eine andere Art von Leben kennen: eines, das von Frieden, von Verbundenheit und von intellektueller Vertrautheit geprägt war, von Humor und Freundlichkeit, und ich labte mich daran.
Indessen drehte sich im Jahr 1951 die Welt weiter um ihre Achse: die „Große Flut“ überschwemmte die Staaten des Mittleren Westens, an einem geheimen Ort in Nevada wurde die Atombombe getestet, im Koreakrieg kamen amerikanische Männer ums Leben. Und Perry Como, Tony Bennett und I Love Lucy bemühten sich, unsere Ängste mit Musik und Gelächter zu zerstreuen, während Harry Truman General MacArthur feuerte.
In unserem Haus aber tobte ein anderer Kampf. Meine immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen mit Bill nahmen monströse Ausmaße an. Es war mir peinlich, was im Laufe der Jahre aus uns geworden war, und ich war entschlossen, es zu ändern und unsere Ehe zu retten und zu heilen.
Nur einen Monat vor dem Urlaub hatte Bill betrunken die Seiten eines misslungenen Manuskripts durchs Zimmer geschleudert und sich dann sein Jagdgewehr geschnappt und wild damit herumgefuchtelt.
„Hör auf!“, hatte ich gerufen. „Du machst mir Angst, und die Jungs schlafen!“
„Du hast mich nie verstanden, Joy. Nicht ein einziges Mal. Du hast das Haus bekommen, das du wolltest, den Ruhm, den du dir gewünscht hast, aber was ist mit mir?“
„Bill, du redest Unsinn. Du bist betrunken. Leg jetzt das blöde Gewehr weg!“
„Es ist nicht geladen, Joy. Mach doch nicht so ein Drama um alles!“
Er richtete den Lauf zur Decke empor, zog den Abzug und schoss ein Loch in den Putz. Voller Angst, getrieben von einem Adrenalinschub und mit wild pochendem Herzen, stürmte ich die Treppe hinauf. Ich war so verwirrt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wo mit Blick auf das Schlussloch das Zimmer der Jungs lag. Ich konnte vor Panik kaum atmen, als ich den oberen Treppenabsatz erreicht hatte und merkte, dass die Kugel ins Gästezimmer eingedrungen war und im Fußboden ein Guckloch hinterlassen hatte.
Bill kam gemächlich hinter mir her, das Gewehr hing schlaff in seiner Hand.
„Oh!“, sagte er und starrte auf das zersplitterte Holz. „Ich dachte, die Kammer wäre leer.“
Ich schlug ihm die Tür vor der Nase zu, ließ mich auf das Bett fallen und zitterte vor Wut. Das war bloß eine schwache Reaktion meinerseits, aber ich wusste einfach nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Ich konnte mir nur noch mehr Mühe geben. Beten. Mehr tun. Und mich an den Briefen festhalten, von denen ich bei meiner Suche nach Wahrheit und Sinn zehrte.
C. S. Lewis:
Mein Bruder Warnie liest Ihre Briefe genauso gern wie ich. Er lacht schallend über Ihre Geschichten. Er wird Ihnen auch bald schreiben. Zurzeit steckt er tief in Recherchen für eine Sammlung zur französischen Geschichte. Habe ich Ihnen schon gesagt, dass er ebenfalls ein famoser Schriftsteller ist?
Joy:
Ich beneide Sie (womit ich ein Gebot übertrete, nicht wahr?) um Ihre enge Verbundenheit mit Ihrem Bruder und darum, wie Sie miteinander umgehen. Meine Beziehung zu meinem Bruder ist zerbrochen, und das ist meine Schuld. In der New York Post erschien eine Artikelserie unter dem Titel „Girl Communist“, in der ich viel von meiner Seele preisgab und Geschichten aus meiner Vergangenheit erzählte, wie ich vom Atheismus zum Kommunismus und schließlich zu Christus gekommen war. Damals hatte ich das Gefühl, Integrität zu beweisen, indem ich wahrheitsgemäß von dieser Reise berichtete. Aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Howie waren diese Familiengeschichten peinlich; es kränkte ihn, dass ich mein Engagement für die Partei gestanden und mich zu meinen jugendlichen Missetaten bekannt hatte. Er ist immer noch wütend und hat seither nicht mit mir gesprochen. Das ist ein großer Verlust. Kennen Sie nicht auch diesen Schmerz, beim Schreiben Ihre Seele offenzulegen und darunter zu leiden?
C. S. Lewis:
Ja, Joy, diesen Schmerz kenne ich gut. Wenn wir die Wahrheit schreiben, wird uns nicht immer eine große Masse applaudieren. Aber schreiben müssen wir sie dennoch.
An jenem ersten Nachmittag in Vermont, nachdem ich ausgepackt hatte und die Männer mit den Kindern zum See hinuntergegangen waren, spazierten Eva und ich in der strahlenden Sommersonne die langen Pfade zwischen wilden Blumenbeeten am Seeufer entlang. Sie erkundigte sich, wie es unserer Familie ging.
„Das ist zu viel, um darüber zu reden“, sagte ich ihr. „Ich versuche, mich davon frei zu machen und immer ein Lächeln für die Jungs zu haben, Eva. Ich möchte, dass sie glücklich sind. Wir finden es wunderbar, dass wir hier sein dürfen. Lass uns jetzt nicht über schwere Dinge sprechen.“
„Welche schweren Dinge, Joy? Ich bin doch deine Freundin.“ Sie pflückte eine Schwarzäugige Susanne und steckte sie sich hinters Ohr. Die gelben Blütenblätter hoben sich leuchtend von ihren dunklen Haaren ab.
Ich wollte ihr nicht alles sagen, wollte nicht klagen. Meine Schilddrüse verhielt sich wieder einmal sehr träge, was mich sehr müde machte. Die Jungs hatten mit Asthma und Allergien zu kämpfen, Bill mit Heuschnupfen, Phobien und einem drohenden Nervenzusammenbruch. Dann der Alkohol, immer wieder der Alkohol. Und insgeheim hatte ich den Verdacht, dass es wieder andere Frauen gab.
Ich sah forschend in ihr liebes Gesicht, bevor ich sie fragte: „Hast du je das Gefühl, dass es mehr gibt, dass das Leben so viel mehr zu bieten hat und wir es irgendwie verpassen? Ich möchte Teil eines größeren Ganzen sein, möchte etwas bewirken, es sehen und spüren, mich damit auseinandersetzen. Spürst du nicht auch diese Sehnsucht in dir?“
Sie lächelte mich an. „Aber wir bewirken doch etwas – indem wir uns um das kümmern, was Gott uns mit unseren Kindern gegeben hat.“
„Das meine ich nicht, Eva.“
„Ich weiß.“ Sie berührte meinen Arm. „Ich weiß.“
„Ich möchte ein eigenes Leben – mit Herz, Verstand und Seele, als die, die ich wirklich bin. Ich will, dass mein Leben mir gehört, und doch will ich zugleich auch, dass es meiner Familie und Gott gehört. Ich weiß nicht, wie ich das miteinander vereinbaren soll.“
Sie lachte. „Und du möchtest das alles auf einmal herausfinden, nicht wahr?“
„Genau.“
Sie schüttelte den Kopf. „Es geht nicht immer nur um Logik, aber das weißt du ja – ich habe deine Gedichte gelesen.“ Sie überlegte einen Moment. „Es geht um Hingabe, glaube ich.“ Sie hielt ihre flache Hand über die Augenbrauen, um ihre Augen vor der Sonne zu schützen, und rief nach einer ihrer Töchter. „Madeline?“
„Wir sind im See, Mami“, rief Madeline zurück.
Eva nahm mich an der Hand. „Komm schon, Joy. Lass uns ein bisschen Spaß haben!“
C. S. Lewis:
Sie fragen nach meinem traurigsten Moment? Ganz offensichtlich der Tod meiner Mutter, als ich zehn Jahre alt war. Sie wurde vom Krebs dahingerafft; es war der prägende Moment des Grauens in meinem Leben, in dem alles verlässliche Glück verschwand. Es war, als ob der Kontinent meines Lebens im Meer versank. Und übrigens, nennen Sie mich bitte Jack, wie es alle meine Freunde tun.
Joy:
Ja, sind es nicht unsere Tiefpunkte, die anschließend unser ganzes Leben beeinflussen? Welcher war meiner? Vielleicht gibt es zu viele, um sie zu zählen, aber wenn ich einen auswählen soll, dann ist es der Tag, als ich mit ansah, wie sich ein junges Mädchen das Leben nahm. In meinem zweiten Jahr auf dem Hunter College – ich saß gerade an meinem Schreibtisch und lernte –, schaute ich aus dem Fenster und sah sie wie einen Vogel vom obersten Geschoss des Gebäudes auf die gegenüberliegende Seite des Innenhofs fliegen. Als sie auf dem Pflaster aufschlug und ganz verrenkt und blutig dalag, wusste ich, dass ich nie wieder dieselbe sein würde. Und nachdem ich herausgefunden hatte, dass ihre Armut und ihr Hunger die Ursache gewesen waren, war das, glaube ich, mein erster Impuls, der mich zum Kommunismus trieb – die Ungerechtigkeit.
Und übrigens, ja, es ist mir eine Ehre, dass Sie mich als Freundin betrachten und ich Sie Jack nennen darf. Bitte nennen Sie mich Joy.
„Wovon träumst du, wenn du dir mehr erträumst als das hier, Joy?“, wollte Eva wissen, als wir den Hügel hinabschlenderten.
„Als ich ganz klein war, und noch viele Jahre danach, hatte ich immer wieder denselben Traum.“
„Erzähl mir davon!“ Eva blieb abrupt stehen und schob ihre Sonnenbrille hoch.
„Ich gehe eine Straße entlang. Es fängt immer in einer vertrauten Nachbarschaft an, aber wenn ich weitergehe, komme ich an eine Biegung auf einem Feldweg, und plötzlich kenne ich mich da nicht mehr aus. Aber ich gehe immer weiter. Ich weiß, dass ich mich verlaufen habe, aber aus irgendeinem Grund habe ich keine Angst. Der Pfad ist von Weiden und Eichen gesäumt, mit hohen Ästen, die sich schützend über mich breiten. Osterglocken und Tulpen blühen leuchtend wie in den Parks meiner Kindheit. Das Gras ist dicht und smaragdgrün. Es kommt mir alles zu üppig und zu vertraut vor, als dass ich Angst haben müsste. Ich gehe immer weiter, bis der Weg sich weitet.“
„Und dann?“ Eva war neugierig geworden.
„Weckt nicht schon das Bild dieses Pfades in dir die Sehnsucht nach etwas Wunderbarem? So, als würde ich dir gleich die beste Geschichte erzählen, die du je gehört hast? Eine Geschichte, die dich zutiefst erfüllen wird?“
Sie lachte. „Ja, das stimmt. Erzähl weiter.“
„Der Weg ergießt sich in eine immergrüne Waldlandschaft mit mächtigen Felsen und einem Waldboden voller kleiner Pilze und Blüten“, sagte ich. „Es ist ein Ort, den ich Feenland nenne. Und wenn ich dort ankomme, habe ich das Gefühl, dass mir das Herz vor Glück zerspringt. Weit hinten hinter dem Hügel steht ein Schloss, dessen Turmspitzen sich bis in die Wolken erheben. Ich bin noch nicht dort, aber ich weiß schon, dass es dort keinen Hass gibt, kein Herzeleid. Alles Traurige oder Schreckliche ist nur eine Lüge. Alles ist gut. Friede regiert.“
„Gelangst du jemals dorthin?“, fragte Eva. „In deinem Traum?“
„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf und spürte wieder die alte Enttäuschung, die mich oft erfüllte, wenn ich aus diesem Traum erwachte. „Ich wache immer auf, bevor ich dort ankomme. Ich kann es nur dort sehen.“ Ich hielt inne. „Jack habe ich auch von diesem Traum erzählt.“
„Lewis? Das hast du ihm erzählt? Ich wusste nicht, dass ihr euch so nahe steht.“
Ich lachte. „Wir sind uns noch nicht einmal begegnet, aber ja. Das Erstaunliche ist, dass er sich denselben Ort auch schon vorgestellt hat. Er hat in seinem Buch Das Schloss und die Insel darüber geschrieben, über dieses Feenland. Also, er nennt es ‚die Insel‘, aber es ist die Beschreibung, die Vorstellung von einem Ort, wo die Sehnsucht sich erfüllt.“
„Wir alle möchten glauben, dass etwas Vollkommenes vor uns liegt. Das ist der Himmel, Joy.“
„Ich weiß. Aber hier ist der Unterschied – ich habe das schon geträumt, als ich noch gar nicht glaubte, dass es etwas Größeres gibt als das, was wir vor Augen haben. Erst Jacks Buch hat mir die Augen dafür geöffnet, was mein Traum wirklich bedeutet.“
„Kommt denn sein Pilger je auf seiner Insel an?“, fragte sie, als wäre nichts wichtiger für sie, als das zu erfahren, und vielleicht war es ja auch so.
„Ja, das tut er.“
Sie atmete erleichtert aus.
Jack:
Sie müssen allmählich frustriert sein, dass ich nicht alle Ihre Fragen beantworten kann, Joy. Ich kenne kaum jemanden mit einem so schnellen und geschmeidigen Verstand wie Sie. Aber manchmal habe ich keine andere Antwort als die, die er selbst gegeben hat, nämlich „Folge mir nach“. Ihre Ehe und die Untreue Ihres Mannes hören sich an wie das blanke Grauen, aber Sie klingen auch entschlossen zur Liebe.
Joy:
Ja, bei den Fragen, die mir keine Ruhe lassen, ist es das Beste, mich an Ihre Antwort zu erinnern. Daran werde ich mich immer und immer wieder halten: „Folge mir nach.“
Eva blieb stehen, als wir die Hügelkuppe erreichten und Bill und Chad mit einem Picknickkorb zwischen sich auf einer Decke liegen sahen. Alle sechs Kinder planschten lärmend am Ufer des Sees herum. Ein Farbenmeer wilder Blumen, Fingerhut und Leberblümchen, Astern und Christophskraut, reckte uns seine offenen Blüten entgegen, als sehnte es sich verzweifelt nach unserer Aufmerksamkeit.
„Schau dir diese Welt an“, sagte ich. „Was für ein unfassbares Wunder der Schönheit. So möchte ich leben, nicht so, als wäre das Leben eine einzige Last.“ Ich bückte mich, pflückte eine Blume und hielt sie der Sonne entgegen.
„Das ist ein wunderbarer Gedanke. Meine liebe Freundin, du bist die faszinierendste Frau, die ich kenne. Ich bin überglücklich, dass du hier bist.“ Sie drückte mich fest und setzte sich anschließend in Bewegung, den Hügel hinab, um zu den Männern zu gelangen.
Ich blieb einen Moment lang stehen. Das Wasser kräuselte sich vom Planschen und Schwimmen der Kinder. Bill und Chad boten einen einladenden Anblick, wie sie da lachend auf der Picknickdecke lagen.
Es waren zwei Leben, die ich führte: eines hier unter der warmen Sonne, mit dem fröhlichen Lärm der Kinder, dem Gesang der Vögel im Baldachin der Eichen über uns, dem Plätschern des Sees. Parallel dazu gab es ein zweites Leben: das, in dem meine Gedanken darum kreisten, wie ich diese Momente und Gefühle Jack beschreiben sollte. Was von diesem Tag würde ich mit ihm teilen? Ich lebte mit ihm in meinen Gedanken, während ich äußerlich mit meiner Familie picknickte. Es war verwirrend und machte mich zugleich ausgeglichener.
Langsam ging ich hinunter und erreichte die Decke, wo Eva bereits Platz genommen hatte und unbeschwert lachend ihr Gesicht in die Sonne hielt. Ich war neidisch. Wie glücklich sie war mit ihrem Mann und ihren vier Mädchen.
Chad lächelte mich an. Seine dunklen Haare klebten feucht an seinem runden, lebhaften Gesicht. „Willkommen, die Damen.“ Ohne es zu merken, kratzte er an ein paar Mückenstichen herum, die sich auf seinen sommersprossigen Armen erhoben.
Eva wandte sich ihm zu, und er beugte sich über sie und küsste sie auf den Mund. „Was treibt ihr Jungs denn hier unten?“
Bill setzte sich auf. „Poogle!“, rief er so überschwänglich, dass es sich anhörte, als wäre ich gerade von einer weiten Reise zurückgekommen. Auch er beugte sich über mich und küsste mich. Seine Lippen schmeckten nach Chianti, und er legte sanft seine Handfläche an meine Wange. „Bist du nicht froh, dass wir hergekommen sind?“ Er wandte sich wieder an Chad. „Wie können wir euch das je danken?“ Übermütig sprang er auf und rannte an den See zu den Kindern. Im Laufen schnappte er sich Davy, hob ihn hoch über den Kopf und stürzte sich mit ihm begeisternd quietschvergnügt ins Wasser.
Jack:
Ich habe den Aufsatz „Longest Way Round“ gelesen, den Sie über Ihre Bekehrung geschrieben haben. Ich staune über Ihre Fähigkeit, etwas zu erklären, was beinahe unmöglich in Worte zu fassen ist – die Kraft einer Umkehr und die Erkenntnis, dass der Atheismus zu simpel war. Das ist flammend geschrieben. Nicht vieles in unserer Welt ist so einfach, wie es erscheint, und wenn man tiefer graben will, wie Sie es tun, Joy, muss man sich auf die Schwierigkeiten auf diesem Weg gefasst machen. Die meisten tun das nicht. Und es ehrt mich, dass Sie in Ihrem Aufsatz meine Werke erwähnen. Danke dafür.
Joy:
In diesem Aufsatz sage ich, dass ich mich seit jener halben Minute ganz allmählich in eine neue Person verwandle. Und zum ersten Mal seit langer Zeit spüre ich diese Veränderung wieder – die Umgestaltung hin zu einem neuen Leben mit meinem wahren Ich.
Ja, natürlich habe ich Ihre Werke erwähnt. Sowohl die Dienstanweisung für einen Unterteufel als auch Die große Scheidung haben die schlummernden Bereiche meines geistlichen Lebens aufgeweckt. Es hat ein wenig gedauert, aber die Geschichten rumorten in meinem Innern, bis ich bereit war. Ist es nicht mit allen guten Geschichten so? Aber Sie waren es, Jack, der mich gelehrt hat, wo ich in meiner intellektuellen Analyse in die Irre gegangen war. Ihre Worte waren nicht der letzte Schritt zu meiner Bekehrung, sondern der erste.
Chad nahm eine Flasche Chianti, füllte ein Glas damit und reichte es mir.
Eva sah zu Bill im See hinüber und senkte dann ihre Stimme, als sprächen wir über ein Geheimnis. „Ich möchte wissen, wie das alles angefangen hat“, kam sie auf das Thema Jack zurück. „Worüber schreibt ihr beide in euren Briefen?“
„Alles Mögliche. Bücher. Theorien. Wir führen eine ausgedehnte Debatte über Empfängnisverhütung. Liebe. Mythologie. Unsere Träume. Unsere Arbeit.“ Ich lachte. „Kein Thema ist tabu.“
Eva lächelte. „Es gibt überall gelehrte Männer, die sich darum reißen würden, mit Lewis über Philosophie und Träume zu korrespondieren.“
„Eva, mir kommt es so vor, als hätte mich alles, was ich in meinem Leben gelesen und geschrieben habe, zu dieser Freundschaft hingeführt.“
„So ein Gefühl kenne ich gar nicht.“ Eva lächelte mich an. „Außer für meine Mädchen.“
„Und was ist mit mir, mein Schatz?“, fragte Chad und zog sie an sich.
„Für dich auch.“
Ich warf einen Blick hinunter zu Bill, der am Seeufer gerade Davy vom Ende des Bootssteges ins Wasser warf.
Ich schrieb über die Zehn Gebote, doch ich kämpfte damit, was sie für mein eigenes Leben bedeuteten. Ja, ich war entschlossen, verheiratet zu bleiben. Ich wollte, dass es mit Bill funktionierte, und doch drehten sich meine Gedanken darum, was ich einem anderen Mann sagen oder schreiben könnte und was er mir wohl darauf antworten würde. Das war keine Untreue, aber was war es dann?
Jack:
Sie haben nach der Mythologie gefragt. Es war Tolkien (Haben Sie schon etwas von ihm gelesen?), der mich von dem einen wahren Mythos überzeugt hat – Jesus Christus. Es war keine leichte Bekehrung für mich, sondern sie brauchte ein langes nächtliches Gespräch am Flussufer.
Joy:
Natürlich habe ich Der Hobbit gelesen (und meinen Söhnen vorgelesen). Ein außergewöhnliches Buch. Was die Mythen betrifft, habe ich mich früher für meine Neigung zu Mythologie und Fantasie geschämt, aber sie hat mir geholfen, mir einen Reim auf eine scheinbar sinnlose Welt zu machen. Und jetzt bin ich dankbar dafür, denn sie hat mich zu Ihren Werken und zu meinen Überzeugungen geführt. Mit zwölf habe ich MacDonalds Phantastes entdeckt, als ich mich in der Schulbibliothek langweilte. Früher glaubte ich nur an eine dreidimensionale Welt, aber was ich mir wünschte, war eine vierdimensionale Welt, und die fand ich in jenen Geschichten. Im Rückblick scheint ein genialer Plan dahinterzustecken – jede Geschichte war ein Trittstein auf dem Weg dahin, wo ich heute stehe.
Jack:
Meine Güte! Was für ein freudiger Zufall – Phantastes war das Buch, das meine eigene Vorstellungskraft getauft hat, und nun hat es Sie zu meinen Werken geführt. Was für eine Freude, eine Brieffreundin zu haben, die ich bewundere und von der ich stets gerne höre. Ich freue mich schon sehr auf Ihren nächsten Brief.
Chad stand auf und gesellte sich zu Bill und den Kindern im See. Ich ließ langsam den Chianti über meine Zunge rollen und mich von dem warmen Dunst um uns herum einhüllen. Von ferne war ein Donnergrollen zu hören.
Eva stöhnte. „Nicht schon wieder Regen!“ Sie drehte sich auf die Seite und musterte mich. „Was hat dir geholfen, dieses Jahr zu überstehen“, fragte sie, „wenn doch so viel im Argen liegt?“
Ich zog meine Beine an mich und legte das leere Glas seitlich ins Gras. „Meine Söhne. Das Schreiben. Mich Gott zu nähern, oder dem, was ich von ihm weiß, so gut ich kann. Manches am Christentum ist mir immer noch nicht so ganz klar wie anscheinend dir.“
„Mir ist keineswegs alles klar.“ Sie stützte ihr Gesicht auf ihre Handfläche. „Das geht wohl uns allen so.“
„Werden wir es je verstehen? Du bist schon so viel länger gläubig als ich.“
„Ich glaube nicht, Joy. Es ist ein Entfalten. Ein beständiges Entfalten hin zu einem neuen Leben – oder im besten Fall ist es so.“
„Neues Leben.“ Ich sprach die Worte aus, als wollte ich sie schmecken.
5

Love will go crazy if the moon is bright
„Sonnet III“, Joy Davidman
Ich döste wie in einem nebeligen Wald vor mich hin, als das Gelächter von Davy, Douglas und den Walsh-Mädchen durchs offene Fenster hereindrang. Sie hatten mich aus einem Traum geweckt – wovon hatte ich geträumt?
Sanft wie Kaschmir fiel der Morgen durch das Fenster herein. Ich drehte mich um und schaute zu dem anderen Bett im Gästezimmer hinüber – Bill war offenbar schon aufgestanden. Ich kuschelte mich noch einmal ins Kissen. Weit entfernt hörte ich das Grummeln der vertrauten Gewitterwolken.
Das Gelächter der Kinder schlug in lautes Gebrüll um. Ihre geschwisterlichen Kabbeleien erinnerten mich an meinen halb vergessenen Traum – er handelte von Howie und unseren mitternächtlichen Ausflügen in den Zoo. Ich vermisste die Nähe, die wir als Kinder zueinander gehabt hatten; er fehlte mir so sehr, dass ich es wie einen Schmerz unter meinem Herzen spürte. Ich schloss die Augen und gab mich für einen Moment der Erinnerung an die Zeit hin, als er mich noch geliebt hatte – ein besonderes Gefühl, das im Moment schwer zu fassen war.
Ich öffnete meine Augen für die Morgensonne, die Stimmen der Kinder und den neuen Tag. Für meine Jungen wollte ich eine andere Art Mutter sein, als meine Eltern es für mich gewesen waren. Gelang mir das?
Während dieser langen, trägen Sommertage hatte ich mich zu der Entscheidung durchgerungen, dass es meine oberste Priorität war, mich um meine Söhne, meinen Mann, meinen Garten, mein Haus zu kümmern – alles Gaben, die mir geschenkt worden waren. Ich wollte meine Ehe gesunden lassen, zurückfinden zu dem frühen Glück unserer ersten gemeinsamen Tage. Ich wollte Ruhe finden in der Sanftheit miteinander, die wir in kleinen Momenten fanden: wenn wir zusammen schrieben, mit unseren Söhnen spielten, uns liebten. Dazu würde es tief greifende Vergebung und Gnade brauchen, aber das waren meine Ziele, und wenn ich sie erreichte, würden sich vielleicht auch Freude und Friede einstellen. Hoffen wir das Beste, dachte ich.
Mein baumwollenes Nachthemd verhedderte sich in den Betttüchern, als ich aufstand. Lachend streifte ich das Nachthemd über den Kopf hinweg ab und schlüpfte in ein paar Shorts und ein abgetragenes rotes T-Shirt, das noch aus Bills College-Tagen stammte. Dann zog ich den rot karierten Vorhang zur Seite und rief aus dem Fenster: „Guten Morgen, ihr Süßen da draußen.“
„Mami!“ Douglas winkte mir von der Schaukel aus zu, die am untersten knorrigen Ast einer alten Eiche hing. „Mrs. Walsh macht Pfannkuchen zum Frühstück. Beeil dich!“
Jack:
Aber was ist denn da bei uns in ,The Kilns‘ angekommen? Sie haben Warnie und mir einen Schinken geschickt! Vielen herzlichen Dank. Sie können sich nicht vorstellen, was das bedeutet in dieser Zeit, in der Lebensmittel rationiert sind. Uns fehlt es nicht am Essen, aber wir sind die eintönige Auswahl ziemlich leid.
Joy:
Sehr gern geschehen. Ich konnte es kaum ertragen, zu wissen, dass es bei Ihnen Tag für Tag immer wieder dasselbe zu essen gibt. Hier in meinem Sommergarten sprießt und gedeiht alles! Ich habe Marmelade gekocht, die Bohnen eingemacht und mit den Äpfeln und Birnen aus meinem Obstgarten habe ich Pasteten gebacken.
Dort in Vermont tollten die Kinder durch den Wald, sie waren so wild wie die Blumen dort. Ich unternahm mit allen sechs Kindern lange Spaziergänge durch die Wälder, wo wir Pilze suchten und ich ihnen beibrachte, wie all die Dinge, die dort wild wuchsen, hießen und schmeckten. Die Jungen machten sich über die Mädchen lustig, weil sie zu ängstlich waren, um die Sachen zu essen, die ich von dem weichen Waldboden aufhob und ihnen zum Probieren entgegenstreckte. Ich wusste, dass sie mich für ein bisschen verrückt hielten, aber das war mir egal.
Unsere sommerlichen Stunden mit den Walshs waren redselig und anregend. Wir wanderten und unterhielten uns über Philosophie. Wir spielten Kartenspiele und Scrabble. Wir diskutierten über Bills Gedanken über den Buddhismus, und wir gestanden beide ein, dass wir schon Artikel und Bücher hatten schreiben müssen, zu denen wir nicht unbedingt Lust hatten, um finanziell über die Runden zu kommen. Wir redeten über die Atombombe und darüber, wie sie wohl unsere Welt verändern würde.
Zuweilen empfand ich während dieser lebhaften und intensiven Debatten dieselbe Freiheit und intellektuelle Stimulation, die ich während meiner vier Sommer in der MacDowell-Kolonie erlebt hatte. In dieser Künstler- und Schriftstellergemeinschaft in New Hampshire mitten in einem unberührten Waldgelände hatte die Kombination aus Ruhe zum Schreiben und dem geselligen Umgang mit Kollegen den kreativen Unterbau für meine besten Arbeiten geliefert. Das war noch zu der Zeit, als das Schreiben das Einzige war, was ich tat, wovon ich redete und woran ich dachte.
Jack:
Tut mir leid, dass Sie Mühe mit Ihrer neuen Arbeit über die Zehn Gebote haben. Aber denken Sie daran, Joy, dass etwas, was Sie nicht im Innersten angeht, auch Ihre Leser nicht interessieren wird.
Joy:
Oh, Jack, es betrifft mich durchaus im Innersten. Ich finde es nur schwieriger, über Theologie zu schreiben, als ich es vorausgesehen hatte. Vielleicht war ich noch nicht bereit dafür. Aber manchmal müssen wir einfach Dinge tun, für die wir noch nicht ganz bereit sind.
Es regnete unaufhörlich, aber ich wusste, dass unsere Freunde in New York unter der Hitze stöhnten, während ich den Morgennebel und die dampfende Umgebung genießen konnte. Der Boden war so durchnässt, dass das Unkraut beinahe über Nacht emporspross, und dennoch schienen die Tomaten niemals reif zu werden. Gewitterwolken sammelten sich wie Armeen am Horizont, und die Stürme waren bedrohlich und voll magischer Kraft zugleich.
In der Stadt hatte ich gehört, wie Leute der Atombombe die Schuld an den Wolken und den Gewittern gaben. „Das Ende der Welt“, murmelten sie. Ich schrieb an Jack und erzählte ihm, er könne aus dem, was die Amerikaner so über die letzten Tage redeten, sicher eine gute Geschichte stricken.
Eines mondlosen Abends, der Strom war erneut durch ein Gewitter ausgefallen, unterhielten Bill, Chad, Eva und ich uns wieder einmal übers Schreiben und Publizieren. Eva sagte: „Oh Joy, erzähl uns doch mal, wie Weeping Bay läuft.“
Ich zuckte zusammen, und doch wusste ich, dass sie nur aus liebevollem Interesse fragte. „In Weeping Bay werden alle möglichen falschen Götter bloßgestellt, aber das spielt keine Rolle, denn es ist nicht besonders gut gelaufen.“ Ich trank bedächtig einen Schluck Wein. „In der Vertriebsabteilung gibt es einen sehr eifrigen katholischen Jungen, der mein Buch anstößig fand und es begrub. Man kann es inzwischen kaum noch finden. Wie das ist, wenn man mit seinem Herzblut einen Roman schreibt, der dann gerade wegen seiner Stärken verworfen wird, kann ich dir unmöglich beschreiben.“
„Und was ist mit seinen Schwächen?“, fragte Bill in seinem Südstaatenakzent, den er nach Belieben an- und abschalten konnte. Er hatte recht, der Roman hatte sich nicht gut verkauft, und die Kritiken waren ziemlich schlecht gewesen. „Beeinträchtigt durch Obszönitäten und Blasphemie“, zitierte er aus der verheerendsten Rezension von allen.
„Bill!“, fuhr Eva laut dazwischen. „Es ist doch sicher auch so schlimm genug für sie.“
Ich klatschte mit der Hand auf meinen Oberschenkel. „Bill, warum ziehst du so über meine Arbeit her?“
„Ach, ist das jetzt der Moment, wo du mich daran erinnerst, dass du zwei College-Abschlüsse hast und ich keinen?“
„Das habe ich noch nie getan, Bill. Du bist es, der immer damit kommt.“ Ich sah Chad und Eva an. „Aber was das Buch betrifft, hat er recht“, räumte ich ein. „Manche Besprechungen waren wunderbar, aber andere waren der Auffassung, die Unzulänglichkeiten einer der Hauptfiguren hätten die Geschichte hoffnungslos zerstört. Damit haben sie nicht unrecht, aber ich habe die Geschichte so geschrieben, wie ich es wollte. So, wie ich sie schreiben musste.“ Ich deutete auf Bill. „Und auf eine meiner Lieblingsfiguren, den Whisky trinkenden Prediger, hast du mich gebracht, also sei ein bisschen nett zu mir.“ Ich versuchte ihn anzulächeln. Wie sehr wünschte ich mir, dass wir nett miteinander umgingen.
In diesem Moment rief Damaris, die älteste Tochter der Walshs, aus einem der Kinderzimmer: „Ihr seid so laut da draußen!“
Wir mussten alle lachen, und Eva stand auf, um sie wieder zu Bett zu bringen. Als sie ging, warf sie mir einen Blick voller Herzensgüte zu. „Du hast jahrelang an diesem Roman gearbeitet, Joy. Ich kann mir vorstellen, wie weh es tun muss, so viel Negatives zu hören.“
„Ja. Angefangen habe ich damit vor vielen Jahren in MacDowell. Noch vor den Kindern. Vor Bill und unserer Heirat, und bevor ich je einen Artikel nur um des Geldes willen schrieb. Damals, als noch die Magie, Sätze aneinanderzureihen und eine Geschichte zu erschaffen, die meine Seele beflügelte, mich zum Schreiben trieb.“ Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück und spürte, wie Melancholie mich überfiel.
„Fiktionale Prosa muss so viel transportieren“, sagte Chad. „Ich weiß überhaupt nicht, wie ihr das macht.“
„Jack und ich haben darüber geschrieben.“
Kerzenlicht flackerte über Chads Gesicht und spiegelte sich in seinen Brillengläsern. Er sah aus wie ein Gelehrter, genauso wie man sich einen Professor vorstellen würde, doch jederzeit konnte sein unbekümmertes Lächeln die ernsthafte Fassade durchbrechen.
Ich beugte mich vor. „Und darüber, dass die Evangelien keine fiktionale Prosa sind. Weißt du, fiktionale Prosa läuft immer gradlinig, kongruent, wenn du so willst. Aber das Leben ist anders. Daran erkennen wir, dass die Evangelien real sind; sie lesen sich nicht wie fiktionale Prosa.“
„Genau das habe ich Lewis auch sagen hören“, sagte Chad.
„Joy“, warf Bill leise ein. „Wie meinst du das? Ich dachte, wir reden über deine Arbeit.“
„Ich rede ja auch über meine Arbeit, und darüber, was fiktionale Prosa bewirken kann.“
Chad nickte so eifrig, dass ihm die Brille von der Nase rutschte.
Bill drückte seine Zigarette auf der Kruste seiner Pastete aus. Mit einem leisen Zischen schmolz die Asche auf dem Dessert, das ich am Morgen aus frisch gepflückten Äpfeln zubereitet hatte.
„Ich glaube, ich mache Schluss für heute Abend.“ Er stand auf und ging. Chad und ich blieben am Tisch zurück, wo sich zwischen uns der Gestank der ausgedrückten Zigarette festsetzte.
Jack:
Warnie und ich planen für den Sommer unsere jährliche einmonatige Pilgerreise nach Irland. Wir lieben zwar The Kilns, aber jeden Sommer sehnen wir uns nach dem Land unserer Kindheit. Dort besuche ich meinen besten Freund Arthur Greeves, mit dem ich seit der Kindheit verbunden bin. Zurück ins Land der wogenden grünen Hügel und der Bergketten am Horizont, die mich an viele der glücklichsten Tage meines Lebens erinnern.
Joy:
Irland. Ach, wie gern würde ich dieses Land einmal sehen, und ebenso natürlich Oxford! Es scheint, als haben diese Gegenden auch die Landschaft Ihres Herzens geprägt. Für mich war das stets New York, mit Ausnahme eines Jahres als Drehbuchautorin in Hollywood, das meine Seele zermürbt hat. Ihre Beschreibungen sind so lebendig, dass ich The Kilns fast sehen kann, wenn ich die Augen schließe. Wäre es Ihnen wohl möglich, mir ein Foto aus Irland zu schicken? Ihre Joy
„Du hast Jack ja ziemlich ins Herz geschlossen“, deutete Chad vorsichtig an.
Ich antwortete nicht gleich, sondern wägte meine Worte behutsam ab, um nicht der Wirkung des Weins zu erliegen, die mich durchfloss. Chad kannte Jack auf eine Weise, wie ich ihn nie kennen würde – er hatte sechs Wochen bei ihm zu Hause in Oxford verbracht. Er kannte seinen Tagesablauf. Er hatte Jack gesehen, wenn er morgens aufwachte, wenn er arbeitete und wenn er zu Bett ging. Er hatte ihn gesehen, wie er lehrte, wie er in die Kirche ging und wie er das Abendmahl feierte.
„Ja“, sagte ich schließlich. „Ich bin entzückt von seinem Geist. Er ist mir Lehrer und Mentor geworden, und auch ein Freund. Gott ist Bill nicht mehr so wichtig, und wir sind nicht immer einer Meinung. Bei Jack habe ich nicht den Eindruck, dass man je alles ausschöpfen könnte, was er zu sagen hat.“
„Ich glaube, Lewis würde dir sagen, dass du Christus nachfolgen sollst, nicht ihm“, sagte Chad mit einem verschmitzten Lächeln.
„Ja, aber kann ich denn nicht beiden nachfolgen?“ Ich musste einen Moment lang überlegen, bis mir klar wurde, was ich eigentlich sagen wollte. „Ich bin nicht so traditionell wie Jack, aber andererseits ist er auch nicht so traditionell, wie andere es von ihm annehmen.“ Mit Bedacht ließ ich die nächsten Worte auf meiner Zunge ruhen, bevor ich sie aussprach. „Ich wünschte, ich könnte ihn auch besuchen, so wie du. Ich kann diese kühle, grüne englische Welt beinahe spüren. Die Stille. Die Bibliotheken und Kathedralen, umgeben von erhabener Schönheit.“
Chad legte unter seinem Kinn die Fingerspitzen aneinander und nickte. „Es war schon ein tief greifendes Erlebnis, das muss ich zugeben. Vielleicht kommt ja noch der Tag, an dem du das auch machen kannst.“
„Für Männer ist das leichter“, sagte ich. „Das ist nicht fair, aber es ist nun einmal so. Ehefrauen und Mütter können nicht einfach so nach England reisen, um zu forschen und zu schreiben und Interviews zu führen. Du kannst dich zwei Monate lang aus dem Staub machen und studieren und deine vier Kinder bei deiner Frau lassen, aber nach irgendeinem unsichtbaren und ungeschriebenen Gesetz kann ich es nicht genauso machen.“
Chads freundliches Lächeln verriet mir, dass er mich verstand. „Eines Tages vielleicht, Joy. Eines Tages vielleicht.“
„Jesus sagt uns, wir sollen uns nicht um das Morgen sorgen. Glauben wir ihm das?“
„Wie meinst du das?“ Chad rieb sich den Nasenrücken, als wäre seine Brille zu schwer.
„Was wäre“, sagte ich mit gesenkter Stimme und beugte mich näher zu ihm, „was wäre, wenn ich mich auf dieses Gebot verlassen würde? Was in aller Welt würde aus mir werden, wenn ich je den Mut dazu hätte?“
Chad nickte bedächtig. „Ganz richtig, Joy. Was würde aus uns allen werden, wenn wir auf einmal so kühn wären, an seine Worte zu glauben?“
Ein paar Augenblicke lang schwiegen wir, bis Eva nach Chad rief und er sich erhob. Ich blieb allein zurück, während draußen der Sturm wütete.
Nach einer Weile wurde es still im Haus. Ich schlüpfte ins Schlafzimmer, wo Bill schon schnarchte, und suchte mir einen Stapel Papier. Damit ging ich zurück in die Küche, setzte mich, spürte den bebenden Donner von draußen und begann an einem neuen Sonett zu arbeiten. Ich schrieb zwar keine Gedichte mehr, um sie zu veröffentlichen, aber zu meiner eigenen Erbauung tat ich es immer noch. Gefühle, die ich bei Tageslicht nicht eingestehen oder laut aussprechen konnte – der Schmerz unterdrückter Wünsche, das Zurückweisen von Bedürfnissen, weil sie inakzeptabel waren, die Frustration über die Verantwortung, die mich als Frau mit einem engen Korsett umgab –, fanden durch das Tor der Dichtung einen Weg ins Freie.
In meiner kleinen, engen Handschrift erschien die erste Zeile eines Sonetts.
Shut your teeth upon your need. – Beiß deine Zähne zusammen für dein Bedürfnis.
6

Coinsilver, moonsilver, buy me a tear; I lost all of mine in a bygone year
„For Davy who wants to know about astronomy“, Joy Davidman
Winter 1952
Die Mondgöttin heißt Selene“, erklärte ich Davy an einem dunklen Winterabend, über dem der Vollmond schwebte. Seit Vermont waren sechs Monate vergangen, und der Friede, den jene Reise gebracht hatte, war verblasst wie ein Wasserfall, der stromabwärts längst außer Sicht geraten war. Mein älterer Sohn und ich lagen in dicke Jacken gehüllt still auf einer Decke, schauten hinauf zum Himmelsgewölbe und nannten die Konstellationen beim Namen. Er trug inzwischen eine Brille – die Veranlagung dafür hatte er von mir geerbt –, und seine Augen schienen hinter den runden Gläsern zu wachsen.
„Ich habe einmal ein Gedicht über ihn geschrieben“, sagte ich ihm. „Über den Mond, meine ich. Ich habe mir vorgestellt, dass flüssiges Silber von ihm tropft.“
Davy war ganz vernarrt in die Astronomie. Regelmäßig stöberten wir in der Bibliothek nach Büchern über Himmelskörper. In dieser Begeisterung fühlte ich mich ihm näher als in allen anderen Dingen, für die er sich in seinem kurzen Leben interessiert hatte. Ich konnte geradezu spüren, wie sein kleiner, rastloser Körper pulsierte. Als Kind war ich genauso vernarrt in den Himmel und die Sterne gewesen. Das Firmament verlangte nichts von mir, bot mir aber alles. So wie Davy in den seltenen Momenten, in denen er sich nicht wild um sich schlagend seinen Weg durch die Welt bahnte.
Indessen ging Douglas ganz in der irdischen Welt auf, sei es in einem Fort, das er sich gebaut hatte, oder in dem Schlamm, in den er sich beim Crum Elbow Creek stürzte, der über moosbedeckte Felsen und silberne Kiesel quer über unser Grundstück floss. Topsy, unser Hund, den wir aufgenommen hatten, folgte Douglas auf Schritt und Tritt, wenn er über das Gelände streifte. Und es war dort draußen, mitten in der Natur, wo ich Zugang zu meinem jüngeren Sohn fand. Er grub seine Hände in die Erde meines Gartens und schlenderte vergnügt durch den Obstgarten, den ich gepflanzt hatte. Er schien genauso zu sein, wie ich als Kind gewesen war – ein Einzelgänger, aber ganz zufrieden mit seinem Los.
Abends kniete ich mich an die Betten meiner Söhne, um mit ihnen zu beten, sie zuzudecken und ihre weichen Wangen zu küssen. Meine wunderbaren Jungs, die inzwischen sieben und neun Jahre alt waren.
Im Trubel des Alltags zwischen Schreiben und dem Kümmern um die Jungs verlor ich mein Zeitgefühl. „Ich liebe euch“, sagte ich stets, wenn ich das Licht ausschaltete. „Schlaft gut.“
Die Tage verbrachten wir zusammen mit Lesen oder mit Spielen unter freiem Himmel. Das Farbfernsehen hatte mittlerweile unseren Teil der Welt erreicht, doch wir hatten kein Geld für solchen Luxus, selbst wenn wir ihn gewollt hätten. Und wann immer ich meinen Kindern Märchen und geheimnisvolle Geschichten vorlas, wuchs in mir der Traum, England zu besuchen und meinen Freund Jack zu treffen.
Unsere Brieffreundschaft bestand nun schon seit zwei Jahren, und ich freute mich jedes Mal auf seine Briefe wie auf den Frühlingsanfang. Ich hungerte nach ihnen. Bisweilen geradezu verzweifelt.
Jack:
Wir warten hier darauf, dass der Garten erblüht. Ich sehe schon vor mir, wie die Birken das Grün über unseren Köpfen sprießen lassen. Ich glaube, der Frühling kommt hier später als bei Ihnen. Ich hoffe, diese Jahreszeit bringt Sie wieder zum Gedichte schreiben, denn ich weiß ja, wie sehr Sie das vermissen. Oh, und haben Sie schon gehört – Königin Elisabeth wird nun den Thron besteigen, sie ist erst vierundzwanzig Jahre alt. In dem Alter war ich noch völlig grün hinter den Ohren, und sie wird Königin von England sein.
Joy:
Die Primeln lugen aus dem Boden hervor, rot und gelb und scheu. Ich warte darauf, dass die Tomaten so reif werden, dass sie wie voller Ungeduld aus der Haut platzen. Hoffentlich bekomme ich eines Tages England und Ihren Garten zu sehen.
Ja, ich schreibe wieder Gedichte, und ich versuche mich sogar an Sonetten.
Oh, die arme Elisabeth! In ihrem Alter war ich eine lautstarke Atheistin. Ich engagierte mich in der Kommunistischen Partei und der League of American Writers und schrieb an meinem ersten Gedichtband (Letter to a Comrade) – was alles keineswegs vergleichbar mit einer Königin ist.
Vor Jack sparte ich nichts aus, er sah wirklich mich, selbst dann, wenn ich ihm von meinen peinlichsten Patzern und Fehlern erzählte, meinen niederschmetterndsten Rezensionen und Missgeschicken.
An einem späten Nachmittag im Januar saß ich über meine Schreibmaschine gebeugt und versuchte, eine Kurzgeschichte zu beginnen, während ein stechender Husten mir ein Loch in die Brust riss. Das Hustenmittel, das ich einnahm, machte mich flatterig und hellwach, nützte aber ansonsten kaum. Ich hatte gerade meinen Kopf auf den Tisch sinken lassen, als Bill mit einem Brief in der Hand hereinkam.
„Hier ist wieder mal eine Lieferung für Mrs. Gresham“, sagte er. „Aus Oxford, England.“
„Wenigstens ist es nicht wieder eine Rechnung.“ Ich versuchte zu lächeln.
Bill warf den Brief auf den Tisch und hielt inne. „Was machen wir heute Abend mit dem Essen?“
Ich sah ihn an, völlig erschöpft wegen alldem. „Ich weiß nicht.“
Ohne ein Wort verließ er das Zimmer, und ich riss den Umschlag auf, der von England über den Ozean gereist war.
Jack:
Nur indem wir uns selbst aufgeben, finden wir unser wahres Selbst.
Indem wir die Wut aufgeben, die liebsten Sehnsüchte und Wünsche.
Joy:
Oh, wie ist das möglich? Das möchte ich wissen.
Meine Mutter wollte immer, dass ich jemand anderes sei, verglich mich mit meiner Cousine Renee und mit den schönen Frauen auf der Straße. Mein Vater, nun, für den konnte ich nie gut genug sein, geschweige denn auf sein Verständnis hoffen. Meine Eltern hielten Kritik für einen Liebesbeweis. Und Bill? Er erwartet von mir, dass ich eine Art von Ehefrau bin, die ich nicht sein kann, wie sehr ich auch bete oder mich bemühe. Solche Wunden heilen nicht leicht, auch nicht unter der „Aufgabe“ eines falschen Selbst, um das wahre Selbst zu finden.
Der Winter nahm im Staat New York seinen gewohnten Lauf, und die Infektion, die in meinen Lungen begonnen hatte, breitete sich bis in meine Nieren aus. Schließlich wurden Fieber, Schwindel und Erbrechen so schlimm, dass ich für ein paar Tage ins Krankenhaus musste. Als ich endlich wieder nach Hause durfte, verordnete mir der Arzt strenge Bettruhe.
Krankheiten verfolgten mich schon mein ganzes Leben lang, aber ich war immer wieder auf die Beine gekommen. Als Kind hatte man mich mit allem Möglichen traktiert, von Radium-Halsbändern gegen meine Schilddrüsenunterfunktion bis hin zu Leberpillen gegen meine Müdigkeit.
Von diesem letzten Krankheitsschub erholte ich mich jedoch nicht so einfach. Im Bett starrte ich an die Decke, während die Wände immer enger zusammenzurücken schienen und es sich anfühlte, als wäre eine Tür fest verriegelt. Kein Entkommen! Ich ertastete mit den Fingern den Knoten in meiner linken Brust – wenigstens hatte der Arzt gesagt, dass der nichts zu bedeuten hatte.
Dr. Cohen, unser grauhaariger Hausarzt mit Brillengläsern so dick wie Glasbausteine, kam eines Nachmittags zur Visite und saß mit dem Stethoskop um den Hals, die buschigen Augenbrauen zusammengezogen, auf meiner Bettkante. Seine Worte richtete er an Bill, als wäre ich durch meine Krankheiten unsichtbar geworden. „Ihre Frau braucht dringend Ruhe.“
Seine Frau. So wurde ich nun definiert. Ich war das Objekt des Lebens eines anderen statt das Subjekt meines eigenen.
Vom Flur her ertönte plötzlich ein dumpfer Schlag; dann bellte Topsy, und Davy schrie auf. Bill stürzte von meinem Bett zur Tür.
„Bill“, sagte Dr. Cohen mit Nachdruck.
„Ja?“ Er drehte mit der Hand den Türknauf, als wolle er fliehen.
„Ich meine das sehr ernst. Von einem weiteren Schub wird Ihre Frau sich nicht erholen. Es ist zu viel. Sie müssen beide einen Weg finden, um ihr Ruhe zu verschaffen, auch wenn das bedeutet, dass sie für eine Weile woanders hingeht. Mir ist egal, wohin – aber irgendwohin, wo sie genesen kann. Ihr Körper kann in diesem Zustand keine weiteren Krankheiten verkraften. Verstehen Sie die Ernsthaftigkeit dessen, was ich Ihnen sage?“
Bill nickte. „Ja, ich verstehe.“
Douglas kam durch die Schlafzimmertür gestürmt, dem Fäuste schwingenden Davy auf den Fersen. Bill beförderte sie schnell wieder nach draußen, folgte ihnen und schlug die Tür hinter sich zu.
Dr. Cohen und ich hörten ihn brüllen: „Ab in eure Zimmer, alle beide, und wartet auf eure Abreibung! Mir reicht es jetzt!“
Ich schloss die Augen und stürzte innerlich ab, hinein in die Verzweiflung. Was konnte ich denn jetzt bloß tun? Mein Körper hatte mich im Stich gelassen.
Hoffnungslosigkeit war meine Gefährtin und Fantasie mein Ausweg.
Jack:
Oh, meine liebe Freundin. Wenn Ihr Mann trinkt und untreu ist, welche Wahl bleibt Ihnen dann? Ehebruch ist etwas Ungeheuerliches, ein Versuch, aus der heiligen Vereinigung einen Aspekt herauszulösen. Aber manchmal, Joy, ist eine Scheidung ein chirurgischer Eingriff, der erfolgen muss, um ein Leben zu retten. Sind die Jungen in Sicherheit? Wäre es Ihnen möglich, Urlaub zu machen und nach England zu kommen? Wir beten für Sie, wie immer.
Joy:
Danke für Ihre Freundlichkeit. Ich stimme mit Ihnen überein, doch wenn man mittendrin steckt, ist es schwer, eine Perspektive zu gewinnen.
Oh Jack, ein Urlaub? Ja, ich träume davon, nach England zu kommen. Ich träume von so vielem.
Die Tage zogen sich und waren voller Schmerzen. Die Pillen vermochten das Pochen in meinen Nieren kaum zu lindern. In einer Nacht gab es ein schreckliches Wintergewitter, das die Fenster mit einer durchsichtigen Eisschicht überzog, und Bill war nicht nach Hause gekommen. Erinnerungen an frühere Vorfälle, wo er verschwunden war, tauchten auf wie quälende Gespenster. Schließlich hörte ich ihn irgendwann in dieser schlaflosen Nacht hereinkommen. Erst seine Schritte auf der Treppe, das Klicken der Mechanik der alten Türknäufe und dann stand er in unserem Schlafzimmer.
Sein Schatten fiel längs neben das Bett, und seine Gestalt beugte sich über mich, um mich auf die Stirn zu küssen. „Poogle, dein Fieber scheint weg zu sein.“
Der klebrig-schwülstige Geruch von Sex, der an ihm haftete, überwältigte meine Sinne und machte mich schwindlig. Könnten doch Schmerzmittel bloß auch den Schmerz des Verrats lindern! „Wo bist du gewesen?“ Ich erhob meine Stimme, sie klang erschöpft, aber war fest.
„Hey“, sagte er leise, „sei nicht böse. Das hat nichts damit zu tun, wie sehr ich dich liebe, Poogle. Verstehst du das nicht? Die Bedürfnisse eines Mannes müssen befriedigt werden, und du bist nicht in der Verfassung, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Ich versuche nur, gut zu dir zu sein und dir Zeit zu lassen, wieder gesund zu werden, während ich meine Batterien auflade.“
„Wer war es dieses Mal?“ Meine Frage kam flüsternd, wie ein letzter Atemzug.
„Ach Joy, mein Schatz. Frag mich doch nicht nach Dingen, die du gar nicht wissen willst.“ Er stand auf und wich zurück, als hätte er selbst gerade erst bemerkt, wie er roch.
Jack:
Natürlich spricht Gott in unseren Schmerzen zu uns – es ist sein Megafon, um uns zu erreichen.
Joy:
Könnte ich doch nur hören, was er sagt; meistens übertönt dieses Megafon des Schmerzes alles andere, sodass ich nichts verstehen kann. Im Moment meiner größten Schwäche – mein Roman ein Flop, meine Gesundheit zerrüttet – hat Bill beschlossen, dass es das Beste sei, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.
„Ach Joy“, sagte Bill mit diesem aufgesetzten Südstaaten-Singsang in seiner Stimme. Er legte sich neben mich, streckte sich und legte dabei sein Bein über meine, eine Geste der Liebe und Vertrautheit. Sein Atem roch nach schlechtem Whisky und Zigarren. „Ruh dich aus. Werde gesund. Und wenn es so weit ist, wird es uns beiden besser gehen. Warte nur, du wirst schon sehen.“
Aber mir war klar, dass es nicht besser werden würde. Wenn ich nicht wegging, würde ich sterben. Das spürte ich so sicher, wie ich wusste, dass es bald Frühling werden würde, dann Sommer, dann Herbst, und dann wieder der verfluchte eisige Winter.
Gott, betete ich verzweifelt, bitte hilf mir. Ich weiß nicht, was ich tun soll.
7

Knew, in the lonely midnight afterward, The terrible third between us like a sword
„Sonnet II“, Joy Davidman
Februar 1952
Der Tee im Becher neben meiner Schreibmaschine war kalt geworden, aber ich nahm trotzdem einen Schluck heraus. Ich war versunken in den Artikel über die Zehn Gebote, an dem ich gerade schrieb. Er ist die Quelle aller Freuden; er ist Vergnügen und Licht und Lachen. Ich kam jetzt schnell voran und näherte mich dem siebten Gebot.
Unten im Erdgeschoss lag ein Stapel Sachen, die für die Jungen zu nähen und zu flicken waren. Das würde ich bald in Angriff nehmen. Seit einiger Zeit schon war ich langsam auf dem Weg der Genesung und ich schlief besser, da ich aus Bills Schlafzimmer in mein eigenes umgezogen war.
Ich wollte ihn verlassen, wie gern wollte ich Bill verlassen, aber ich sah keinen Ausweg. Und Gott helfe mir, ich liebte ihn ja! Die Liebe verschwindet nicht einfach, selbst wenn sie nicht mehr erwünscht ist; sie macht sich nicht wegen der leisesten Provokation gleich aus dem Staub. Wenn sie es nur täte!
Da saß ich nun und schrieb über den Willen Gottes und dachte gleichzeitig über Scheidung nach. Aber wir hatten nicht genug Geld, um uns zu trennen; außerdem mussten wir unsere Söhne schützen. Zudem verschlechterten sich die Rahmenbedingungen, da meine Cousine Renee mit ihren zwei Kindern zu uns kam. Die kleine Familie würde bei uns einziehen, damit Renee ihrem alkoholkranken Ehemann in Mobile, Alabama, entkommen konnte. Dahinter steckte ein geheimer Plan. Meine und ihre Eltern schoben eine angebliche Krise in New York City vor. Stattdessen zog sie in Wirklichkeit zu mir, wo ihr Mann sie nicht finden konnte.
Ich zuckte zusammen, als ich eine Autotür zuschlagen hörte. Waren sie etwa schon hier? Es kam mir vor, als wäre Bill gerade erst losgefahren, um sie von der Grand Central Station abzuholen. Ich schaute aus dem Fenster und sah drei Menschen, die mein Leben verändern würden: Renee und die beiden Kleinen, Bobby und Rosemary. Sie bot einen eindrucksvollen Anblick von Eleganz, wie sie auf der Beifahrerseite ausstieg und mit einer behandschuhten Hand ihren schwarzen Hut festhielt. Ich hatte fast vergessen, wie umwerfend sie aussah. Ein Zweireiher aus blauer Wolle schmiegte sich an ihre grazile Silhouette, und ihr langes dunkles Haar ergoss sich in einer schimmernden Kaskade über ihre Schultern. Ihre Kinder, sechs und acht Jahre alt, sprangen aus den hinteren Türen des Autos und machten staunende und ehrfürchtige Gesichter. Ich stand auf, um nach unten zu gehen und sie zu begrüßen.
Jack:
Es stimmt, dass wir, wenn wir die Freiheit haben, gut zu sein, auch die Freiheit haben, schlecht zu sein. Doch diese Wahl ist es, was die Liebe, die Freude und das Gute, die zu genießen sich lohnt, erst möglich macht.
Joy:
Die Freiheit, schlecht zu sein. Ach, wie gern würde ich mit Gott über diese Wahl diskutieren. Aber wie könnte ich das? Wenn ich diese Wahl doch ständig treffe, und wenn ich doch unbedingt will, dass es bei mir liegt, diese Wahl zu treffen.
Seltsam, dachte ich, als ich langsam die Treppe zur Vordertür hinunterging, dass Renee und ich beide Alkoholiker geheiratet hatten. Und nun kam sie den weiten Weg und suchte Schutz bei mir, wo sie mir doch immer als leuchtendes Vorbild vor Augen gestellt worden war – die Messlatte, die meine Mutter stets dazu benutzt hatte, mir meine Unzulänglichkeiten vor Augen zu führen, als ich noch klein war und Renee bei uns wohnte.
Davy und Douglas hatten bereits die Tür geöffnet. Ich stand in der Diele und rieb mir fröstelnd die Arme. In dicken weißen Flocken schneite es. Bill war in seinen langen schwarzen Mantel gehüllt und sah galant aus, als er das Gepäck aus dem Kofferraum des Wagens hievte und auf der schneebedeckten Einfahrt abstellte. Renee beugte sich zu meinem Mann, um ihre Hand auf seine zu legen und etwas zu sagen, was ich nicht verstehen konnte. Sie lächelte; er lachte. Ja, er konnte charmant sein, und in seinen besten Momenten sogar ausgesprochen liebenswürdig.
Als sie die Eingangstreppe erreichten, trafen sich Renees Blick und meiner, und sie lächelte so breit und dankbar, dass ich beinahe in meinen Socken durch den Schnee auf sie zu gerannt wäre. Sie war meine Cousine, meine Blutsverwandte und liebe Freundin. Davy und Douglas standen still und aufmerksam hinter mir.
Sie kam schnellen Schrittes die Stufen empor, und wir nahmen uns in die Arme. Ich strich den Schnee von den weichen Schultern ihres Mantels. „Komm rein“, sagte ich. „Wie ich mich freue, dich zu sehen!“
„Oh, Joy, wie kann ich dir jemals danken?“ Sie legte behutsam die Hände auf die Köpfe ihrer Kinder. Ich schaute an ihnen hinab. Bobby mit kurz geschnittenen braunen Haaren, eingepfercht unter einer Mütze, auf der sich Schneeflocken sammelten. Rosemary, ein dunkelhaariges Kind mit großen Augen, herausgeputzt wie zum Kirchgang, ihre Lackschuhe so glänzend, dass sich für einen Augenblick das Licht der Wandleuchte in ihnen spiegelte.
„Geh hinein, Joy“, sagte Bill, als er mit dem Gepäck beladen den Treppenabsatz erreichte und sich den Schnee von den Stiefeln stampfte. „Es ist zum Erfrieren hier draußen.“
„Herein, herein“, sagte ich. Und dann spürte ich es wie ein Beben unter meinen Rippen: eine kaum merkliche Verschiebung unter dem Fundament unseres Zuhauses, die Veränderung, die diese drei gestrandeten Seelen mitbrachten.
Wir ließen uns in der warmen Küche am Tisch nieder, und ich servierte ihnen Tee und Sandwiches mit Grillkäse. Ich bemutterte sie und wir unterhielten uns über dies und das. Renee hatte ihren Wollmantel über die Lehne ihres Stuhls drapiert und zog sich Nadeln aus dem Haar, um den mit Schnee beflockten Hut zu lösen und auf der Anrichte abzulegen. Ihr Tweedkleid war ein wenig hochgerutscht, und ich erhaschte einen Blick auf die schwarzen Nylonstrümpfe, die ihre Beine zierten. Ich saß neben ihr und hätte gegensätzlicher nicht aussehen können in meinen Männer-Cordhosen und meinem Hemd.
Ich betrachtete das vertraute Gesicht meiner Cousine. Sie war noch keine fünfunddreißig, aber etwas Gealtertes lag in ihrem Blick. Ein Schmerz, wie man ihn eigentlich nur nach einem Krieg erleiden sollte, eine Qual, wie ich sie in den Augen meines Mannes gesehen hatte. Doch hier saß nun eine Frau auf der Flucht, mit makellosem Eyeliner und Mascara. Sie gab wie in einer Electrolux-Werbung das perfekte Bild einer Hausfrau aus den Fünfzigern ab. Schon immer hatte meine Cousine viel Wert auf Schönheit gelegt, und sie war ihr trotz aller Kämpfe, die sie auszufechten hatte, erhalten geblieben. Ich steckte mir eine lose Strähne in meinen Haarknoten und fing an, verlegen zu plaudern.
Jack:
Die Geschichten aus Ihrem Leben – die Ankunft Ihrer Cousine, Ihre Tiere und die Farm – amüsieren Warnie und mich sehr.
Oh, und wie Davy versuchte, eine wilde Schlange zu fangen, um sie als Haustier zu halten. Bitte erzählen Sie uns mehr davon.
Joy:
Ich bezweifle, dass ich jetzt noch damit aufhören könnte.
Später, als Renee und ich nach oben gingen und endlich allein waren, sagte ich zu ihr: „Wir teilen uns ein Zimmer. Wie in alten Zeiten.“
„Schläfst du denn nicht bei Bill?“ Sie stellte ihre große schwarze Handtasche auf der Kommode ab und sah mich mit großen Augen an. „Claude hätte mir niemals erlaubt, in einem anderen Zimmer zu schlafen, nicht einmal in den schlimmsten Zeiten zu Hause.“
„Nun, hier liegt der Unterschied“, sagte ich. „Bill hat mir nichts zu erlauben oder zu verbieten. Sein letztes Techtelmechtel mit einer anderen Frau hat mir fast den Rest gegeben.“ Ich machte eine weit ausholende Handbewegung. „Sieh dich an – du hast nicht nur Claudes Bett verlassen, du hast ihn gleich ganz verlassen!“ Ich zwinkerte ihr zu.
Renee seufzte, als hätte sie jahrelang den Atem angehalten, und setzte sich auf das Bett gegenüber. „Ich bin dir so dankbar, dass du uns hast herkommen lassen“, sagte sie. „Ich weiß wirklich nicht, was ich sonst gemacht hätte. Ich verspreche dir, dass ich dir nicht zur Last fallen werde. Ich helfe mit.“
„Hör schon auf, Süße. Wir sind doch eine Familie. Gemeinsam werden wir das schaffen. Und ehrlich gesagt, ich freue mich riesig über die Gesellschaft und darüber, eine Freundin hier zu haben, mit der ich reden kann. Ich war in letzter Zeit ziemlich … durcheinander. Es wird wunderbar sein, dich wieder in der Nähe zu haben.“ Ich wischte mir eine Strähne aus den Augen. „Auch wenn Mutter immer gesagt hat: ‚Warum nimmst du dir kein Beispiel an Renee?‘“
„Ach Joy, das hat sie doch nie so gemeint.“ Tränen drängten sich in ihre Augen wie der Schnee auf der Fensterbank. „Ich bin so froh, hier zu sein. Es war einfach schrecklich! Wir brauchen etwas Festes, worauf man sich verlassen kann. Jeder von uns.“
„Ich weiß.“ Ich lehnte mich zu ihr hinüber und ergriff ihre Hände. „Jetzt komm erst mal richtig an. Wir unterhalten uns später.“
Joy:
Müssen denn die schrecklichsten Erlebnisse der Kindheit sich immer in irgendwelche unbewussten Triebe verwandeln, die unser Leben für alle Zeit beeinflussen? Warum ist es so schwer, die Vergangenheit zu überwinden und eine größere Liebe zu finden, sodass unser wahres Selbst unser Leben leiten kann? Das sollte doch eigentlich das Einfachste auf der Welt sein. Aber, ach, wir kommen immer und immer wieder auf dieses Wort zurück – Hingabe.
Jack:
Und wie empfinden wir es, wenn wir entdecken, dass wir nicht unser eigener Herr sind? Gerade wenn wir glauben, wir wünschten, dass unser Leben uns ganz allein gehört, entdecken wir, dass wir unser Leben nur haben können, indem wir es dieser größeren Liebe hingeben, von der Sie sprechen.
Nachdem wir gegessen, die Kinder ins Bett gebracht, eine Runde Halma gespielt und ein paar Gläschen Rum getrunken hatten, krochen Renee und ich in unsere Betten.
Etwas beschwipst und schläfrig ließ ich mich ins Bett sinken. Ich verschränkte die Hände unter meinem Kopf und streckte die Ellbogen zur Seite. „Wie haben wir das bloß angestellt, Renee? Wie haben wir es geschafft, uns beide in Alkoholiker zu verlieben und sie zu heiraten?“
„Das habe ich mich auch schon oft gefragt, Joy. Wir haben getan, was von uns erwartet wurde. Und jetzt schau, was daraus geworden ist. Liegt es an irgendetwas in unserer Kindheit? Irgendetwas, was uns unbewusst eingetrichtert wurde? Ich weiß es nicht.“
„Ich glaube schon, dass man uns beigebracht hat, unser Licht unter den Scheffel zu stellen, damit die Männer strahlen können oder zumindest ein gutes Bild abgeben. Wir wurden darauf trainiert, ihre Bedürfnisse zu stillen, ihnen zu gefallen, nach ihrer Pfeife zu tanzen. Wir waren Geiseln des Jähzorns meines Vaters und seiner Perfektionsansprüche – immer voller Angst, so zu sein, wie wir wirklich waren, einfach wir selbst zu sein. Und jetzt – wie hätten wir es mit unseren Männern anders machen können?“
„Von jetzt an werden wir es anders machen, Joy. Das müssen wir.“
„Ja.“ Ich setzte mich auf und starrte durch die Dunkelheit zu ihr hinüber. „Es muss einen anderen Weg geben, als Frau zu leben – unser eigenes Leben zu führen. Ich will herausfinden, wer ich bin, jenseits all dieser Erwartungen, die uns in ein hübsches kleines Kästchen zwängen. Ich will mich entfalten. Wie aber machen wir das?“
„Darauf habe ich auch keine Antwort. Ich versuche nur zu überleben – und dank deiner Hilfe gelingt mir das vielleicht.“
„Hier ist es auch nicht viel besser, Süße. Bill greift immer wieder zur Flasche. Er will, dass ich etwas bin, was ich nicht sein kann: eine Hausfrau, Haushälterin und unterwürfige Gattin. Er kannte mich, als er mich heiratete. Jetzt will er jemand anderen, als könnte mich die Ehe zu einem folgsamen Püppchen machen. Ich will dich nicht dazu verleiten, ihn zu hassen, aber er hat schreckliche Sachen gesagt und getan.“
„Hat er dich geschlagen?“, fragte sie flüsternd.
„Nein. Das ist es nicht. Er schlägt andere Dinge – wie zum Beispiel, als er seine Lieblingsgitarre auf einem Stuhl zertrümmerte, oder als er sein Gewehr quer durchs Zimmer schmiss. Meistens ist es nur sein Brüllen und Schreien. Diese wahnsinnige Wut.“ Ich hielt inne. „Renee, er hat zu einem Freund gesagt, er sei nicht so erfolgreich, wie er sein könnte, weil ein Schriftsteller zwei Dinge brauche, eine Schreibmaschine und eine Frau – und beide sollten funktionstüchtig sein.“
„Was für ein dämlicher Spruch.“
„Ich sollte mich nicht beklagen. Es ist ja nicht so schlimm wie deine Situation. Meinen Kinder geht es gut. Niemand liegt im Sterben oder ist krank. So schlimm ist es also gar nicht, es fühlt sich nur manchmal so an.“
„Ich will das nicht vergleichen, Joy. Es gibt viele Möglichkeiten, in einer Ehe unglücklich zu sein. Claude hat uns geschlagen und gedroht, uns umzubringen. Er hat uns herumgestoßen und sich fast zu Tode getrunken. Aber es können noch andere Dinge passieren, die sich so anfühlen, als müsstest du sterben. Wenigstens hast du dir deine Leidenschaft fürs Schreiben bewahrt. Ich habe gar nichts.“
„Das ist schon eine Hilfe“, gab ich zu. „Aber, meine Liebste, jetzt hast du ja uns, und deine Kinder haben meine.“
„Ja, jetzt bin ich ja hier“, sagte sie.
Es fühlte sich so an, als wäre sie gekommen, um uns zu retten, und nicht umgekehrt.
8

Yet I lie down alone Singing her song
„Sapphics“, Joy Davidman
Die Wochen vergingen, und ich fragte mich, wie wir alle ohne einander überhaupt zurechtgekommen waren: ohne dass die Kinder wie ein Haufen Welpen miteinander herumtollten oder dass Renee und ich bis tief in die Nacht beim Halmaspiel saßen, Rum tranken und uns über das Leben und die Liebe unterhielten.
Es dauerte nicht lange, bis meine Cousine viele der Aufgaben im Haushalt übernahm. Sie tat all das reibungslos, als wäre sie eigens dazu hergekommen. Sie hatte stets eine natürliche Neigung zu Ordnung und Eleganz gehabt, und für mich war das ein willkommenes Geschenk. Wir lachten und süffelten miteinander, und wir halfen uns gegenseitig mit den Kindern, die oft wild durch Haus und Garten stürmten. Renee schaltete das Radio ein, das bei mir immer ausgeblieben war, und es versorgte uns mit Nachrichten von der Außenwelt. Großbritannien verkündete, es verfüge ebenfalls über Atomwaffen. Albert Schweitzer gewann den Friedensnobelpreis. Herman Wouk erhielt den Pulitzerpreis für den Roman Die Caine war ihr Schicksal. Immer, wenn ich von einem Literaturpreis hörte, erwachten in mir die alten Träume, reckten sich und hauchten meiner Arbeit Leben ein.
Mit zwei zusätzlichen Händen im Haus schrieb ich länger und schlief öfter aus – ein Genuss, den ich mir nach langen Nächten am Schreibtisch sehr gönnte. Die Kinder bekamen ein warmes Frühstück statt kaltem Müsli, die Wäsche war fertig und säuberlich gefaltet, und der Kühlschrank war gut mit Lebensmitteln bestückt.
Joy:
Wie kommt man Verpflichtungen nach, wenn der Wille dafür schwach geworden ist? Es ist eine Tugend, so sagt man mir, und vielleicht geht es nur durch eine höhere Macht. Ein Aufgeben? Oder ein Nachgeben? Irgendwie liegt das Geheimnis in diesem Gedanken verborgen.
Jack:
Ich möchte Ihnen von Janie und Maureen Moore erzählen. Habe ich die beiden schon einmal erwähnt? Sie lebten vierundzwanzig Jahre lang mit Warnie und mir zusammen, weil ich eine Verpflichtung und ein Versprechen erfüllte – das ist in der Tat eine Tugend, Joy, und es ist genau das, was Sie mit Ihrer Cousine, Ihrer Nichte und Ihrem Neffen machen. Wissen Sie, Mrs. Janie Moore und ihre Tochter Maureen kamen zu uns, weil ich meinem Kriegskameraden Paddy Moore versprochen hatte, ich würde mich um seine Familie kümmern, falls er getötet wurde, was furchtbarerweise tatsächlich geschah. Maureen ist schon vor einer Weile ausgezogen, aber Mrs. Moore – Janie – wohnte bis letztes Jahr bei uns. Jetzt ist sie in einem Pflegeheim – sie schäumte vor Wut, als sie uns verließ – und hat nicht mehr lange zu leben. Es war viele Jahre lang nicht leicht für uns, ja, für lange Zeit war es eine richtige Qual. Ihr Weggang hat Warnie und mich von einer schweren Bürde befreit.
Joy:
Ich hatte keine Ahnung, dass Sie beide so lange Zeit zwei Frauen bei sich wohnen hatten! Jack, Sie sind ein bewundernswerter und freundlicher Mann. Aber ich habe Renee gern hier bei mir – es ist meine Verpflichtung gegenüber Bill, die an der Substanz meiner Tugenden zehrt.
Eines Nachmittags, als ich auf die Schreibmaschine einhämmerte, kam Renee in mein Arbeitszimmer und stellte mir eine direkte Frage. „Wenn du unglücklich bist, hast du nie an Scheidung gedacht? Ich merke doch, dass dein Herz für Bill verschlossen ist.“
„Ich versuche es irgendwie hinzukriegen; ich liebe ihn ja doch.“ Ich deutete auf meine Arbeit. „Ich versuche mich an diese Gebote hier zu halten, Süße“, fügte ich mit einem bemüht unbeschwerten Zwinkern hinzu.
„Ich lasse mich scheiden“, erwiderte sie. Ihre Augen blieben so tränenlos wie ihr Herz für Claude. „Ist das falsch und ‚unbiblisch‘? Mit so einer Religion kann ich nichts anfangen, wenn überhaupt mit irgendeiner.“
„Nein“, sagte ich warm. „Claude hat dich geschlagen. Und die Kinder. In so einer Situation stecke ich nicht. Mein Herz ist bloß unruhig gegenüber einem Mann, der sagt, dass er mich liebt, während er mich gleichzeitig beschimpft; einem Mann, den ich liebe und jetzt fürchte. Und Renee, mir ist klar geworden, dass es einen Unterschied gibt zwischen Religion und Gott, und zwar einen sehr großen.“
Renee kam näher und schlug einen weicheren Ton an. „Bill hat mir erzählt, was der Arzt gesagt hat …“
Ich hob die Augenbrauen. „Ach?“
„Dass du dich erholen musst, dass du dafür vielleicht woanders hin musst. Wir alle brauchen dich, besonders die Kinder, und wenn du krank und erschöpft bist, nützt du niemandem etwas. Nicht einmal dir selbst. Und schon gar nicht deiner Arbeit.“
„Ich weiß. Aber ich wüsste nicht, wie ich hier weg könnte. Wie könnte ich denn meine Kinder zurücklassen? Ich bin mir nicht sicher, ob ich das nicht genauso wenig überleben würde.“
„Es wird vielleicht nicht leicht sein“, sagte sie, „aber es ist nicht unmöglich. Ich habe in letzter Zeit eine Menge Dinge getan, die ich früher für unmöglich hielt.“
„Ich habe schon mal an England gedacht“, gab ich zu. „Dorthin zu gehen und mich von diesen Krankheiten zu erholen, zu schreiben und mit dem einzigen Freund zu reden, der mir vielleicht helfen könnte. Ich sehne mich danach, die englische Landschaft zu sehen und in ihre Geschichte und Literatur einzutauchen. Ich habe sogar eine Idee für ein Buch, das dort spielen würde, aber mir bleibt nichts anderes übrig, als weiter zu versuchen, die Dinge hier in Ordnung zu bringen. Weiter zu schreiben. Mich weiter um meine Familie zu kümmern.“
Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust. „Wenn es dein Traum ist, nach England zu gehen, und dein Arzt dasselbe vorschlägt, dann solltest du es tun, Joy. Wir kommen hier schon zurecht.“
Ich sah meine Cousine staunend an. Vielleicht war es möglich: all die Träume und Wünsche und Fantasien von den Landschaften Englands wahr werden zu lassen.
„Ich weiß nicht.“ Ich starrte nach draußen, als läge England auf unserem Farmland in Staatsburg. „Chad war dort, und es hat sein Leben verändert. Als er zurückkam, schrieb er sein bisher bestes Buch, und hat seitdem mit dem Schreiben nicht aufgehört.“
„Es könnte auch dein Leben völlig verändern, Joy. Vielleicht ist das hier deine einzige Chance. Warum ergreifst du sie nicht? Ich bin doch da und kann helfen.“
Mit einer Freundlichkeit, wie man sie einem kleinen Kind zuwendet, lächelte sie mich an und stand dann auf, um zu gehen.
Als ich wieder allein war, fiel mir etwas ein, was ich vor gar nicht langer Zeit in Vermont zu Chad gesagt hatte. Was würde aus mir werden, wenn ich je den Mut hätte? Ich hatte das Gefühl, ich würde es bald herausfinden.
Jack:
Wie geht es Ihnen mit dem Besuch Ihrer Cousine? Da wir nun wieder über unser Haus verfügen können, haben Warnie und ich einen Gast aus Irland beherbergt – meinen Freund aus Kindertagen, Arthur Greeves –, und nun ruhen wir uns übers Wochenende etwas aus. Selbst der Umstand, dass ich für einen neuen Lehrstuhl am Magdalen College übergangen wurde, kann meine heitere Stimmung nicht trüben. Und letzte Woche habe ich beim Bibliotheksverband einen Vortrag über Kinderliteratur gehalten – ich glaube, ich werde diesen Vortrag zu einem Essay ausarbeiten; er enthält manches, worüber Sie und ich in unseren Briefen geschrieben haben – über gute und schlechte Arten, für Kinder zu schreiben. So geht mir das häufig: Ihre Worte helfen mir, meine klarer zu machen.
Joy:
Es ist schön, eine Freundin im Haus zu haben. Es bringt aber auch alte Kindheitserinnerungen zurück. Renee hat einen Job in Poughkeepsie angenommen, sodass jetzt etwas Geld hereinkommt; ihr liegt sehr daran, hier ihren Beitrag zu leisten. Ich schreibe wie eine Wahnsinnige – das Buch über König Karl II. hat meiner Kreativität etwas Raum geschenkt, die Worte fließen wieder.
Es gibt aufregende Neuigkeiten: Ich plane, nach England zu kommen. Es gibt noch ein paar logistische Probleme zu lösen, aber ich glaube, es ist machbar.
An einem feuchten Frühjahrsmorgen ging ich zu Bill und Renee und bat sie, mir zuzuhören. Ich wollte ihnen von den Plänen erzählen, die uns alle retten würden.
Wir saßen im Wohnzimmer, Bill und ich auf dem durchgesessenen Cordsofa, Renee auf der anderen Seite des niedrigen Holzfurnier-Kaffeetisches auf dem steifen Kunstledersessel. Das Zimmer war so sauber wie schon seit Monaten nicht mehr. Dank Renees Mithilfe und der Rückkehr unserer Haushälterin Grace, waren Staub und Unordnung fürs Erste gebannt.
„Im April“, begann ich, „bekomme ich einen Scheck für meine Artikel. Das Geld würde ich gerne für eine Reise nach Übersee verwenden.“ Ich machte eine Pause. „Nach England.“
Kleine Fältchen kräuselten Renees Lidstrich, als sie mich anlächelte. Bill rutschte auf dem Sofa herum und drückte seinen Rücken gegen die Armlehne, als wollte er so weit wie möglich auf Abstand zu mir gehen. „England“, mehr als das eine Wort sagte er nicht.
„Bill“, sagte Renee mit sanfter Stimme, „du weißt ja, dass Dr. Cohen sagte, so etwas wäre genau das Richtige für sie.“
Bill schaute von Renee zu mir. „Fühlst du dich wieder krank?“
„Du weißt doch, wie ich mich fühle. Mein Körper schmerzt. Alles in mir tut weh. Aber das ist nicht der einzige Grund. Ich liebe euch beide, und ich liebe die Jungs, aber ich fühle mich wie betäubt – und durcheinander.“
„Und wovon willst du leben?“ Er senkte seine Stimme, da war keine Spur mehr von Südstaatenakzent.
„Ich habe die Artikel, und jeden Tag müsste ein Tantiemenscheck von Macmillan eintreffen. Außerdem werde ich mindestens zwei Bücher beenden oder daran arbeiten, während ich dort bin.“ Ich rutschte auf dem Sofa herum, holte tief Luft und sprach die Worte aus, die ich einstudiert hatte. „Wenn ich die Augen zumache, sehe ich dieses satte Grün. Es ist ein Ort, wo wir Freunde haben, bei denen ich unterkommen kann – Phyl ist jetzt in London.“ Ich sah Renee an. „Sie hat letzten Winter, als sie in einer Krise steckte, bei uns gewohnt, und sie hat mit Nachdruck gesagt, dass sie jederzeit ein Bett für mich hat. Außerdem haben wir dort auch einen Freund, der vielleicht ein paar Antworten hat, die uns allen weiterhelfen können.“
„Mr. Lewis“, sagte Bill.
„Ja.“ Ich zögerte. Dies war der Punkt, an dem ich das Gleichgewicht verlieren konnte. „Ich habe den Roman über König Karl II. angefangen, und ich glaube, er könnte wirklich Geld einbringen. Aber ich muss nach Edinburgh in die Bibliothek, um dort zu recherchieren. Ich könnte auch die Artikel über die Zehn Gebote fertigstellen. Aus ihnen allen zusammen ließe sich ein ansprechendes Buch machen. Und obendrein ist in England die Gesundheitsversorgung praktisch kostenlos. Selbst den Urlaubstouristen steht es frei, sie zu nutzen. Ich könnte mir endlich alle meine Zähne behandeln und ein paar Untersuchungen vornehmen lassen, die ich schon so lange vor mir hergeschoben habe, weil ...“
„... wir hier nicht das Geld dafür haben“, unterbrach Bill, aber dann lenkte er ein, rückte näher an mich heran und nahm meine Hände. „Joy, wir wollen, dass es dir besser geht, und ich weiß, dass wir uns die ärztliche Behandlung hier nicht leisten können. Tu, was du tun musst. Wenn du das Gefühl hast, ein Auslandsaufenthalt könnte dir helfen, dann solltest du das machen.“
„Tu, was immer du brauchst, um gesund zu werden“, stimmte Renee mit ein.
„Ich tue das für uns alle“, sagte ich. „Ich kann den Gedanken kaum ertragen, meine Jungs zurückzulassen, aber ich weiß ja, dass sie euch beide haben. Alles wird besser sein, wenn ich wieder zurückkomme. Es ist nicht anders als eine deiner Geschäftsreisen“, sagte ich zu Bill. „Immer, wenn du zurückkommst, ist es, als wärst du nie weg gewesen.“
Bill küsste die Innenseite meiner Handfläche. „Wir werden zurechtkommen.“ Dann stand er auf und schlenderte davon, so als hätten wir uns gerade geeinigt, dass es Hamburger zum Abendessen geben sollte.
Auch Renee erhob sich. Sie hob ein Hundespielzeug aus Plastik, das aussah wie ein Knochen, vom Fußboden auf und warf es in den Korb unter dem Couchtisch. „Hier wird alles prima laufen, Liebes. Alles bestens. Du hast uns gerettet, und ich werde dasselbe für dich tun.“ Sie griff nach meiner Hand. „Werde du nur gesund, damit du zu allem bereit wieder zurückkommst.“
„Ja, zu allem bereit.“
Jack:
Warnie und ich freuen uns darauf, endlich unsere Brieffreundin kennenzulernen. Bitte halten Sie uns über Ihre Reisepläne auf dem Laufenden. Wir können es kaum erwarten.
Joy:
Ich lege in der zweiten Augustwoche in New York ab und treffe am 13. in Southampton ein. Ich werde bei einer alten Freundin in London wohnen und melde mich, sobald ich dort angekommen bin und mich eingerichtet habe.
Während dieser Wochen vor meiner Abreise spürte ich, wie Bereiche in meinem Inneren aufgerissen wurden, die für Jahre ohne jede Empfindung gewesen waren, so als hätte schon die Entscheidung selbst meine Seele geweckt. Ich erzählte meinen Söhnen, wohin ich reisen und was für ein großartiges Abenteuer das sein würde. Wir dachten uns Geschichten darüber aus, wie es in England wohl aussehen mochte. Davy malte Bilder, und Douglas überlegte sich, ob die Wälder dort wohl dichter oder grüner waren. Niemand konnte zählen, wie viele Male ich ihnen sagte, wie sehr ich sie vermissen würde und wie sehr ich mich schon bei dem Gedanken, fort zu sein, noch während sie neben mir saßen, nach ihnen sehnte.
„Jungs“, sagte ich, als ich sie eine Woche vor meinem Aufbruch zu Bett brachte, „ich habe euch sooo lieb. So wie das Universum.“
„Das Universum kann man nicht messen“, sagte Davy mit seiner erworbenen Kenntnis über die himmlischen Gefilde.
„Genau“, sagte ich.
„Bringst du uns Geschenke mit, wenn du wieder zurückkommst?“, wollte Douglas wissen.
„Jede Menge.“
„Glaubst du, Mr. Lewis ist so nett wie der Professor in seinem Buch?“
„Noch netter“, sagte ich. „Ich werde euch schreiben und euch alles über ihn erzählen.“
Sie schliefen so schnell ein, wie es nur erschöpfte Kinder können. Ich stand neben ihren Betten, Tränen liefen mir übers Gesicht und sammelten sich in meinen Mundwinkeln.

Als wir an jenem Augustmorgen am Hafenpier am Hudson River eintrafen, stand Bill so aufrecht und steif da wie die Pfeiler am Kai. „Gute Reise, Joy.“ Unbeholfen nahm er mich in die Arme.
Ich ergriff seine Hände. „Das ist eine Reise für uns alle. Sie wird eine Rückkehr zur Gesundheit, zu stabileren Finanzen und zur Lebendigkeit für unsere Familie sein. Das weißt du doch, oder, Poogle?“
Er wandte sich ab, und Renee kam zu mir. Sie drückte mich länger und fester an sich. Dann trat sie in ihrem roten Sommerkleid und mit ihrem breitkrempigen Strohhut einen Schritt zurück und lächelte. „Ich werde dich vermissen, Liebes. Komm bald und wohlbehalten wieder nach Hause.“ Sie küsste mich auf die Wange, und ich wusste, dass ihr Lippenstift eine leuchtend rote Spur dabei hinterließ.
Eine feuchte Brise, begleitet von einem stechenden Rauch- und Diesel-Geruch, wehte über uns hinweg, als ich meine Arme für meine Söhne ausbreitete. Hinter mir wartete der große Ozeandampfer, ein Gigant von Schiff, den ich bald besteigen würde. „Davy, Douglas. Kommt zu mir.“
Ich drückte die beiden mit je einem Arm an mich und bedeckte ihre Gesichter mit Küssen. „Ich bin bald wieder zu Hause. Ich liebe euch so sehr!“ Meine Stimme blieb an den Tränen hängen, die mir meine Kehle zuschnürten.
„Nicht weinen, Mami!“ Douglas tätschelte mir die Wange. „Bitte bring uns Geschenke aus England mit.“
Davy vergrub sein Gesicht in meiner Schulter und fing leise an zu weinen. Seine Brille fiel zu Boden. Ich hob sein Gesicht zu mir, hielt sein Kinn in der Hand und sah in seine dunkelbraunen Augen. „Schau zum Mond hinauf und denk daran, dass ich auch dorthin schaue. Wir werden unter denselben Sternen und demselben Himmel sein. Und er wird mich wieder nach Hause bringen. Das verspreche ich dir.“
Wir klammerten uns aneinander, bis Bill verkündete: „Machen wir es nicht schlimmer, als es ist. Du musst jetzt los.“
Noch zwei Küsse auf die Wangen meiner Söhne, dann sah ich zu, wie Bill ihre Hände nahm und die vier zurück zu Bobby und Rosemary gingen, die am Ende des Bürgersteiges warteten. Nur Douglas schaute noch einmal zurück und winkte. Ich rührte mich nicht von der Stelle, bis sie außer Sicht waren. Erst dann hob ich langsam meinen Blick auf zu dem Ozeandampfer. Mit baumstammdicken Seilen war er fest am Kai vertäut und rührte sich nicht, obwohl rings um ihn her die Wellen schaukelten, tanzten und gegen seinen Rumpf klatschten. Riesige weiße Buchstaben an seiner glatten Hülle verkündeten seinen Namen: SS United States.
An Bord wehte ein warmer Wind, und ich konnte beinahe schon die süß-salzige Mitte des offenen Meeres erahnen, wo die Wärme verfliegen würde. Ich stand auf dem Achterdeck, mein Kleid flatterte wie ein Vogel, der nicht vom Boden hochkam. Dort blieb ich, bis die Freiheitsstatue so klein war wie ein Spielzeug in einem Souvenirladen, bis das letzte Stück Land meinem Blick entschwand und mich nur noch die weite, offene See umgab.
Teil II
ENGLAND
„… man kann ihn nicht halten. Es ist ja nicht so, als ob er ein zahmer Löwe wäre.“
„Die Reise auf der Morgenröte“, C. S. LEWIS
9

Love is this and that and always present
„Sonnet III“, Joy Davidman
August 1952
Ich ging in Southhampton von Bord der SS United States und blinzelte durch meine Brille in die fremde, in Küstennebel und Kohlenstaub gehüllte Umgebung. Das Land und die üppig-grüne Pracht, die es für mich bereithielt, warteten irgendwo da draußen.
Vermutlich bot ich einen ziemlich sehenswerten Anblick, als ich mein Gepäck energisch hinter mir her zerrte, denn trotz des Nebels und des Drecks fühlte ich mich so leicht und fröhlich, dass das Unwohlsein, das ich seit Jahren mit mir herumgeschleppt hatte, von mir abfiel wie eine alte Haut. Es hätte mich nicht überrascht, wenn jemand hinter mir hergerannt wäre und mir zugerufen hätte: „Sie haben da hinten eben etwas fallen gelassen!“
Meine Familie hatte ich in Amerika zurückgelassen, und ich wusste, dass manche meiner Nachbarn und Freunde dafür kein Verständnis hatten. Die Leute in unserer Kirchengemeinde runzelten die Stirn. Andere Frauen redeten über mich. Starben nicht doch auch ihre Seelen in ihnen ab? Spürten sie nichts von jener Unruhe, die wie ein inneres Licht in einem aufleuchtet und schreit: „Lass mich leben!“?
Vielleicht hatte unser Schöpfer jede von uns so geschaffen, dass das nicht für alle Frauen zutraf. Ich hätte weiter auf dem Weg bleiben können, auf dem ich ging, leer und verbittert, krank und innerlich verzweifelt. Ich hätte mir noch mehr Mühe geben können, den Whiskygestank meines trunksüchtigen Mannes auszulöschen, die Böden noch sauberer zu schrubben, mein betrübtes Herz zum Schweigen zu bringen. Natürlich hatte ich das tun können, aber welchen Preis hätte mich das gekostet?
Eine komplexe Sinfonie von Akzenten – von Cockney und melodischem Irisch bis hin zu gehobenem Queen’s English – begleitete mich auf dem gepflasterten Weg, als wäre sie eigens für meine Ankunft geschrieben worden. Ich bestieg einen Zug und fuhr nach London, wo ich ausstieg und ein Taxi nahm. Die Schönheit der Stadt zog an mir vorbei: Kopfsteinpflaster und rote Doppeldeckerbusse, Laternenpfähle, die sich so majestätisch über die Straßen beugten, dass es aussah, als bewachten sie die Stadt. Männer in Anzügen auf Fahrrädern, Frauen in eleganten, taillenbetonten Kleidern, die auf hohen Absätzen daherstöckelten. Kathedralen mit Türmen, die sich dem Himmel entgegenstreckten. Kirschrote Telefonzellen an den Straßenecken, deren Türen oft offen standen wie eine heimliche Einladung. Schließlich erreichte das Taxi Phyls Wohnung in der 11 Elsworthy Road – einer von Birken und Ahorn gesäumten Straße, die verlockend wie ein Geheimgang war.
Ich glaubte immer noch die Meereswogen unter meinen Füßen zu spüren, als ich auf den Stufen stand und mit der zuversichtlichen Hoffnung auf einen neuen Anfang an die Tür klopfte. Phyl riss die Tür auf, und im ersten Moment erkannte ich sie nicht. Das letzte Mal hatte ich sie zu Hause in Staatsburg gesehen, blass und von Selbstmordgedanken geplagt – doch nun stand sie mit roten Wangen und einem strahlenden Lächeln vor mir, begrüßte mich überschwänglich und drückte mich fest an sich. „Da bist du ja!“
Transformation. Ja! Das war es, was ich suchte. Indem ich es beim Namen nannte, machte ich es mir zu eigen – eine Transformation meines Herzens und meines Leibes.
Und beginnen würde es hier in London.
Heute werde ich Jack treffen. – Dieser Gedanke ließ mich in Phyls Gästezimmer mit einem Lächeln erwachen. Ich war nun schon seit einem Monat in England. Es war mir wichtig gewesen, bevor ich meinem Brieffreund begegnete, zu Kräften zu kommen, mich ein wenig zu sammeln und mir den Frieden und die Ruhe zu gönnen, die ich dringend benötigte. Heute nun war es so weit.
Der Teekessel pfiff. Es war Zeit aufzustehen.
In den letzten Tagen war ich Englands Charme erlegen. Die Zeit war verflogen und hatte mir bewiesen, wie relevant sie ist, dass sie schneller vergeht, wenn man glücklich ist. Sie rann an mir herunter wie Wasser von einer hohen Klippe. Die Neugier hatte mich gepackt, alles über die 900 Quadratmeilen große königliche Stadt zu lernen und zu erfahren, was ich nur konnte. Schließlich musste die lange Trennung von meinen kleinen Jungen die Reise wert sein, und ich setzte alles daran, dass es so war.
Als Phyl und ich über den Trafalgar Square schlenderten, schnaufte sie atemlos: „Du musst mittlerweile durch die ganze Stadt gelaufen sein. Bist du es noch nicht leid?“
„Leid?“ Ich breitete die Arme aus und lachte. „Beim Laufen konnte ich schon immer am besten die schwermütigeren Anteile meiner Persönlichkeit abstreifen. Und ich bin einfach überwältigt von der Schönheit dieser Stadt.“ Ich setzte mich auf den Rand des Brunnens und winkte sie zu mir. „Was ich faszinierend finde, ist die Art und Weise, wie ich jetzt die Dinge sehe. Es kommt mir vor, als hätte ich durch den Glauben an Gott neue Augen bekommen; die Welt steckt voller Möglichkeiten und Faszination. Sie ist nicht mehr bloß Natur oder einfach Schönheit – sie ist eine Offenbarung.“
Sie blinzelte in die Sonne und gab mir einen Rippenstoß. „Für mich sieht sie genauso aus wie immer.“
„Oh, Phyl!“ Ich streckte meine Hände zum Himmel. „Erkennst du nicht, dass alles möglich ist? Alles! Die Welt verändert sich, wenn man die Liebe versteht, die dahinter, darüber und darunter steckt.“
„Du schnappst dir das Leben mit beiden Händen, Joy.“ Sie klopfte anerkennend auf mein Knie.
Wir gingen wieder nach Hause. Während der verbliebenen Wochen wurde ich von den Zahnärzten und Ärzten, die ich besuchte, durch die Mangel gedreht – meine Genesung war ein Hauptzweck dieser Reise. Außerdem verbrachte ich tagsüber viel Zeit mit Lesen und Recherchen, Schreiben und Unterwegssein. Ich lernte neue Freunde kennen und fand eine Schriftstellergruppe.
Viele Briefe gingen hin und her zwischen Bill, den Kindern, Renee und mir. Ich wollte ihnen von jeder Einzelheit meiner Reise berichten.
Joy:
Oh Renee, ich wünschte, du wärst mit mir am Trafalgar Square gewesen, wo ich ein spanisches Restaurant entdeckte, das du geliebt hättest. Aber eins ist mir klar geworden: Die Londoner müssen halbe Enten sein. Ohne die Kreppsohlen an meinen Schuhen hätte ich durch die Straßen schwimmen müssen.
Bill:
Ich freue mich sehr, zu hören, dass alles „eitel Freude und Sonnenschein“ für dich ist und dass du wunderbar glücklich bist, aber wir machen hier eine schwere Zeit durch. Das Geld ist knapp. Verzeih, dass ich dieses Mal nicht mehr schicke.
Joy:
Liebster Poogle,
es tut mir sehr leid, dass das Geld zu knapp ist. Ich werde hier mein Möglichstes tun, zu schreiben und zu verkaufen und das Kleingeld zusammenhalten. Ich denke oft an dich: Ich wünschte, du hättest hier bei mir sein können, als ich ein Freilufttheater besuchte und ein mächtiges Gewitter das Zelt durchschüttelte, so wie damals in Vermont! Einen Ausflug nach Hampstead Heath habe ich auch gemacht und dort sehr günstig drei Kunstwerke erstanden, darunter ein Aquarell für nur fünfunddreißig Schillinge. Es ist ein wunderschönes Viertel, mit allen möglichen Künstlern und Schriftstellern. Vielleicht sollten wir das Haus verkaufen und hierherziehen. Alles Liebe, Joy
P. S. an Davy: Im Aquarium hier gibt es einen anderthalb Meter langen Salamander aus Japan!
Davy hatte mir geschrieben, dass Bill ihm endlich erlaubt hatte, eine Schlange anzuschaffen – er nannte sie Mr. Nichols. Ich musste immerzu an meine Jungs denken, und als ich den Londoner Zoo besuchte, vermisste ich sie sehr und kaufte Souvenirs, um sie ihnen zu schicken.
Ich besuchte Madame Tussauds und jede Kapelle, jede Kathedrale und jede Kunstgalerie, die mir offenstand. Dann machte ich mich auf eigene Faust auf den Weg nach Canterbury, wo ich das Gefühl hatte, in ein Buch einzutauchen, das ich als Kind gelesen hatte. Noch nie hatte ich ein Land gesehen, das aus meinen Träumen entsprungen zu sein schien: die verführerischen, sanft geschwungenen Hügel in ihren vielfältigen Grüntönen, durchzogen von Steinmauern und übersät mit Schafen.
Immer wieder aufs Neue verliebte ich mich in England. Mit jedem neuen Anblick verwandelte sich meine Seele ein wenig mehr. Ich wollte stark und fest gegründet sein, bevor ich Jack persönlich kennenlernte.
Ich reiste durch Kent, eine Landschaft voller Kühe und gewundener goldener Hügelketten. Ich versuchte sie in meinen Briefen zu beschreiben, aber wie nur sollte ich ihr gerecht werden? Meilen über Meilen voller Apfel-, Birn-, und Pflaumenbäume. Haselnusssträucher und Ebereschen mit roten Beeren, lodernd wie ein Feuer, das nicht verzehrte. Kastanienbäume und Hopfenfelder flogen an mir vorbei wie Bilder von Renoir. Ich saugte alles in mich hinein, was ich sah. Unter den Bombenkratern aus dem Zweiten Weltkrieg kamen antike römische Straßenpflaster und Mauern zum Vorschein. Wohin ich auch sah, gab es eine Geschichte. Wie provinziell und langweilig kam mir im Vergleich dazu Amerika vor.
Und dann die Freunde, die ich fand. Nach zwei Tagen Aufenthalt klopfte ich auf Jacks Drängen hin an die Tür von Florence Williams. Ihr verstorbener Mann Charles Williams hatte sie immer seine „Michal“ genannt, und obwohl er nun nicht mehr lebte, war der Name geblieben. Er war ein Dichter, Theologe und Schriftsteller gewesen und hatte gemeinsam mit Jack und J. R. R. Tolkien den Inklings angehört. Ein Zufall, über den wir beide herzlich lachen mussten, war die Entdeckung, dass Bill ein Vorwort zu einem der Bücher ihres verstorbenen Mannes, Die Trumpfkarten des Himmels, geschrieben hatte. Wir wurden nicht nur enge Freundinnen, sondern sie brachte mich auch mit einer Schar von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in London zusammen – eine Gruppe von Science-Fiction-Autoren, die sich an den Donnerstagabenden in einer Querstraße der Fleet Street in einem alten Pub mit niedriger Decke namens The White Horse trafen. Sie nannten ihre Gruppe den „London Circle“, und ich barg mich in ihrer Mitte und schloss diesen Kreis um mich. Bei Starkbier und Würstchen ließ ich mich berieseln von ihren Geschichten, Debatten und Neuigkeiten aus der Verlagswelt. Nach Gemeinschaft hatte ich gesucht, und Gemeinschaft hatte ich gefunden, als wäre ich schiffbrüchig auf einer Insel gestrandet.
Bill:
Schön zu hören, dass du schon beim Arzt und beim Zahnarzt warst. Ich hoffe, es geht dir zunehmend besser. Den Jungs geht es gut, aber sie vermissen dich mehr, als sie zugeben wollen.
Renee:
Danke für den Liberty-Schal! Ich trage ihn jetzt ständig. Sei Bill bitte nicht böse, dass er nicht viel Geld schicken kann; wir sind so pleite, wie man nur sein kann – tut mir leid, dass ich so schwermütig bin, aber es ist einfach die grauenhafte Wahrheit: Bill hat Mühe, irgendetwas zu verkaufen.
Joy:
Lieber Poogabill,
es tut mir leid, dass du kein Geld schicken kannst und dass du tatsächlich so pleite bist, „wie man nur sein kann“. Ich schreibe jeden Tag, und sobald ich etwas verkaufe, werde ich dir etwas Geld schicken. Bis dahin komme ich schon irgendwie durch – Gott sei Dank habe ich ja bei Phyl ein Dach über dem Kopf. Du wirst begeistert sein, wenn du hörst, dass ich eine Schriftstellergruppe gefunden habe. Die meisten von ihnen schreiben Science-Fiction, viele von ihnen kennen deine Werke. Und weißt du, wen ich getroffen habe? Arthur C. Clarke! Ich weiß, dass du ein großer Fan seiner Science-Fiction bist. Was meine Gesundheit angeht, so habe ich mich noch nie besser gefühlt. Warte nur ab, mein süßer Bill, wenn ich nach Hause komme, werde ich die netteste Poogle sein, die du je erlebt hast.
„Joy!“, rief Phyls Stimme aus dem Flur. „Wir müssen los, sonst verpassen wir den Zug nach Oxford.“
Ich hatte mich schon dreimal umgezogen und verschiedene Hüte probiert. Beinahe hätte ich mich für den schwarzen Jaeger-Wollpullover entschieden, den ich mir gerade gekauft hatte, aber dann erschien er mir doch ein wenig zu trostlos, und ich hatte ihn beiseitegelegt. Ich hatte mir die Haare hochgesteckt und dann wieder heruntergelassen, um sie dann doch zu meinen gewohnten Knoten zusammenzustecken. Michal Williams hatte mir gesagt, dass Jack es mochte, wenn Frauen sich mit ihrer Kleidung Mühe gaben.
Phyl steckte ihren Kopf ins Zimmer und legte sich die Hand auf die Brust. „Du siehst wunderschön aus. Ich liebe dieses Tartankleid.“
„Oh, Phyl!“ Ich zog meine Strümpfe hoch und befestigte sie an den Strumpfbändern. „Ich frage mich, worüber wir reden werden. Ich bin nicht besonders gut darin, neue Menschen kennenzulernen. Dafür ist im Königreich unserer Ehe Bill zuständig. Er ist verbindlich und charmant, er lacht laut und erzählt Witze, er spielt Gitarre und beteiligt sich an Spielen. Ich stehe meistens in irgendeiner Ecke und diskutiere über Politik oder Religion oder Bücher.“ Ich setzte mir die Brille auf die Nase und lächelte Phyl an.
„Aber du kennst diesen Mann doch schon.“
„Ich glaube schon. Aber er bringt einen Freund mit, wir werden also zu viert sein.“ Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel und steckte meine Haare unter den Hut aus gerippter Seide mit dem blauen Band. „Danke, dass du mitkommst.“
„Das tue ich gern“, versicherte sie mir. „Schließlich will ich ihn auch kennenlernen. Und überhaupt, Oxford – wer wäre bei einem Ausflug nach Oxford nicht dabei? London gefällt dir? Warte nur ab. Und du wirst Victorias kleines Gästezimmer lieben. Es ist ebenso praktisch wie gemütlich.“
Ich nahm mein Gepäck und straffte meine Schultern. „Dann lass uns aufbrechen.“

Phyl und ich saßen nebeneinander, als der Zug sich ruckelnd in Bewegung setzte. Sie las einen Roman, und ich beobachtete ihr Gesicht. Ihre langen Wimpern wanderten auf und ab, als plötzlich eine furchtbare Erinnerung in mir aufstieg: ein schrecklicher Streit mit Bill im Dezember des letzten Jahres. Er hatte Phyl in unserem alten Chrysler zum Pier 88 in Manhattan gebracht, wo sie ihre Rückreise nach London antreten wollte. Ich war nach dem Eingeständnis seiner Untreue in den vergangenen Nächten krank, unglücklich, in mich verschlossen und argwöhnisch gewesen und hatte meine Sinne nicht beisammen gehabt. Als Bill anrief, um mir zu sagen, dass der Motor unseres Autos muckte und er die Nacht im Hotel Woodstock verbringen würde, beschuldigte ich ihn, Phyl zu verführen. Ich schrie und fluchte und machte mich lächerlich. Er wiederum beschimpfte mich wütend. Ich erinnerte mich nicht mehr genau an die Worte, aber sie hatten klaffende Wunden in meine Seele geschlagen, die noch nicht vernarbt waren.
Phyl hatte sich als überaus loyale und wohltuende Freundin erwiesen; ich fragte mich, wie ich je hatte auf den Gedanken kommen können, sie würde sich derlei Unsinn von meinem Mann gefallen lassen. Und Bill hatte geschworen, mit seiner Untreue sei es vorbei … aber für eine Ehefrau ist es nie vorbei. Niemals.
„Phyl“, sagte ich, als der Zug eine kohlefarbene Dampfwolke ausstieß und in Richtung Oxford losrollte.
„Hmmm?“
„Ich bin nervös. Ist das nicht komisch? Warum sollte ich nervös sein, nur weil ich einen Mann und seinen Freund in einem Restaurant treffe? Ich habe in meinem Leben schon Hunderte von Schriftstellern kennengelernt, und die meisten von ihnen waren die Ehrfurcht nicht wert, die ich ihnen entgegenbrachte.“
„Weil du diesen Schriftsteller so sehr respektierst. Ich glaube, du hast einfach Angst davor, dem wirklichen Menschen zu begegnen. Vielleicht ist er gar nicht so toll, wie du ihn dir vorstellst.“
Ich musste lachen – wie immer zu laut, sodass zwei Frauen in der Reihe vor uns sich mit missbilligenden Blicken zu uns umdrehten. Ich schenkte ihnen mein strahlendstes Lächeln. Ein bisschen Freundlichkeit ist die schärfste Waffe. „Ach Süße“, sagte ich zu Phyl. „Kannst du nicht noch ein bisschen deutlicher werden?“
„Es ist immer das Beste, sich der Wahrheit zu stellen, Liebes.“ Sie streckte sich und klappte Die große Scheidung zu, die sie vor dem Treffen mit Jack hatte überfliegen wollen. „Es macht doch keinen Sinn, so zu tun, als wäre es dir egal. Ist doch klar, dass du jede Menge Schmetterlinge im Bauch hast.“
Ich dachte einen Moment lang nach, während draußen grün und golden die Landschaft vorbeihuschte. „Was mich nervös macht, ist nicht der Gedanke, dass ich den Respekt für ihn verlieren könnte; da habe ich keine Befürchtungen. Es ist eher die Achtung, die er mir entgegenbringt – oder auch nicht. Weißt du, Liebes, Juden sind hierzulande nicht besonders beliebt. Nicht einmal ehemalige Juden. Was ist, wenn er diese in der Bronx geborene ehemalige Atheistin und Kommunistin schockierend findet?“
„Schockierend vielleicht, aber eher ein bisschen fesselnd. Es ist wie in einem guten Buch, du musst einfach abwarten, was passiert.“
Der karierte Stoff, mit dem die Sitze bezogen waren, juckte auf der Haut, aber ich lehnte mich dennoch zurück und schob das Rollo über dem Fenster höher. Grüne Felder zogen draußen vorbei, Sümpfe und Flüsse, Bootshäfen und Buchten. Es kam mir so vor, als ob wir etliche Flüsse überquerten, aber vielleicht war es auch nur einer, der in Schlangenlinien zwischen London und Oxford dahinströmte. Auf einer hohen Erhebung rauschten wir an einer kleinen Ortschaft vorbei, wo die Sockel der Schornsteine wie Grabsteine aussahen. Dann durchfuhren wir den kohlegeschwärzten Ort Slough und weiter durch Reading. Das sanfte Schaukeln des Zugs ließ mich schläfrig werden, während ich mir Möglichkeiten ausdachte, was ich als Erstes zu Jack sagen könnte, wenn ich ihn sah.
- Es ist mir eine Ehre und ein Vorrecht.
- Sie haben mein Leben verändert.
- Ich verehre Sie, seit ich beim Lesen von „Die große Scheidung“ auf Ihren Satz stieß: „Niemand sonst findet einander so absurd wie zwei Liebende.“
- Hi, ich bin Joy, und ich bin ein Nervenbündel.
Aber am Ende sagte ich dann nichts von alledem.
10

I’ll measure my affection by the drachm
„Sonnet I“, Joy Davidman
Die Ziegelfassade des Eastgate Hotels, einer großen alten Dame unter den Oxforder Bauten, hatte dieselbe gelbbraune Farbe wie das Fell meiner Katze. Auch nach einem Monat noch überraschte mich die verlässliche Altertümlichkeit Englands. Die Häuser waren so gebaut, als hätte man schon immer gewusst, dass ihre ätherische Schönheit für Jahrtausende würde halten müssen. Die Fenster waren eingesetzt wie schläfrige, halb geschlossene Augen. Vier breite und geschwungene Stufen führten zum Eingang hinauf. Zu unserer Rechten war ein Gebäude, das man für eine mittelalterliche Festung hätte halten können. In Wirklichkeit handelte es sich um das Merton College, eines der vierunddreißig Colleges der Oxford Universität, eingefasst von einer langen Steinmauer, die der Biegung der Straße folgte wie eine Liebhaberin.
„Phyl“, sagte ich, und wir blieben in dem dunklen Eingang stehen, „ich vermisse zwar meine Poogle-Bande, aber ich bin sehr froh, hier zu sein.“
Sie kniff ihre blauen Augen gegen das Sonnenlicht zusammen und sah mich gelassen und vielsagend an. „Das wird interessant, Liebes. Genieße es.“
Ich nickte ihr zu und legte mir die Hand auf den Bauch, um meine Nerven zu beruhigen. Ich tupfte mir mit einem Taschentuch am Lippenstift herum. Schon seit Jahren hatte ich gehofft, Jack eines Tages zu begegnen, ohne je recht daran zu glauben, und nun stand ich hier in Oxford auf dem Bürgersteig vor dem Restaurant, in dem er sich gerne mit Freunden zum Mittagessen traf.
Wir betraten das Hotelfoyer, wo er uns erwarten wollte. Ich rief mir die Fotografien in Erinnerung, von denen Bill sagte, Jack sehe darauf aus wie ein gemütlicher alter Basset. Auf diesen Bildern trug Jack manchmal eine runde, schwarzrandige Brille, und er zeigte sich stets in Anzug und Krawatte. Zog er sich so auch an einem ganz gewöhnlichen Werktag an, um in einem Hotel zu Mittag zu essen? Oder würde er seine akademische Robe tragen? Eine Pfeife zwischen seinen Lippen? Eine Zigarette im Mundwinkel?
Meine Gedanken flatterten hin und her wie Vögel in einem Käfig.
Stimmte mein Aussehen? Schön, aber klug? Freundlich, aber intelligent? An sich hatte ich meine Erscheinung nie besonders bewundert, bis auf ein wunderschönes Foto auf der Umschlagrückseite von Weeping Bay. Und wann immer ich versuchte, genau diese Pose wieder einzunehmen, misslang es mir irgendwie, und ich war enttäuscht. Ich spielte an meiner Perlenkette herum und ließ meinen Blick durch die Bar wandern. Jetzt zur Mittagszeit war sie gut gefüllt: Männer in dreiteiligen Anzügen und mit Krawatten, Frauen mit Perlenketten und Hüten, ähnlich dem, was ich trug. Der Raum wirkte wie ein Schleier aus Chintz und Samt, spärlich beleuchtet von Lampen über den dunklen Wandtischen. Die Wände waren von grünen Damasttapeten bedeckt; an den Decken zogen sich dunkle Holzbalken entlang, dick wie Eisenbahnschwellen. Alles wirkte sehr stattlich und gediegen, ich richtete mich unwillkürlich höher auf und nahm meine Schultern zurück.
Mein Blick durchstreifte den Raum, bis ich ihn gefunden hatte.
Jack.
Da war er, angeregt ins Gespräch vertieft mit dem Mann, der ihm gegenübersaß. Mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen hörte er ihm aufmerksam zu.
Ich musterte ihn, als hätte ich eine Ewigkeit Zeit, ihn anzustarren, ohne dass er es bemerkte.
Seine Haare waren schon gelichtet, und die verbliebenen dunklen Haare waren straff nach hinten gekämmt. Sein Lächeln sprühte vor Leben. Seine Augen lagen hinter einer randlosen Brille im Schatten seiner schrägen Augenlider, als wäre er gerade erst erwacht und froh darüber. Entspannt saß er da, und hatte seine mit einer Cordhose bekleideten Beine übereinandergeschlagen.
Die Art und Weise wie sich die Landschaft seines Gesichts unter den kräftigen Augenbrauen bewegte, hatte etwas Leuchtendes an sich. Seine Lippen formten einen vollen Mund. Diese Eigenschaften – sein Verstand, den ich aus seinen Briefen kannte, und nun das Licht seines Geistes zu sehen – verbanden sich in mir zu einem einzigen Wort: schön. Die Vögel in meinem Kopf flatterten erwartungsvoll hinunter in meine Brust.
Und dann, als hätte jemand ihm die Hand auf den Mund gelegt, brach er plötzlich mitten im Lachen ab. Er sah mich an, als hätte mein Blick ihm auf die Schulter getippt.
Unsere Blicke begegneten sich und hielten einander fest. Seine Lippen verformten sich zu einem Lächeln, und meine taten es seinen unwillkürlich nach.
Ich gab mir einen Ruck und schlenderte auf ihn zu. Er stand von dem Sofa auf, und ich blieb vor ihm stehen. Seine braunen Augen funkelten freudig.
„Na so was! Meine Brieffreundin Joy ist endlich in England.“ Seine Stimme klang wie ein Gesang: Englisch mit einer unverkennbaren irischen Färbung. Er war nicht ganz so groß, wie ich erwartet hatte, einsachtzig vielleicht, doch seine Ausstrahlung reichte bis zu den Balken unter der Decke. Er trug ein abgetragenes Tweedjackett mit braunen Lederflicken an den Ellbogen und ein weißes Hemd mit hellblauer Krawatte.
„Und Sie“, sagte ich mit einem nervösen Lächeln, „müssen mein berühmter Freund Jack Lewis sein.“
Er lachte schallend, streckte seine Hand aus und ergriff meine, um sie kräftig zu schütteln. „Berühmt? Berüchtigt vielleicht, in ganz kleinen Kreisen.“
Meine Stimme hörte sich belegt und albern an. Ich versuchte, tiefer zu sprechen. „Ich bin wirklich froh, Sie zu sehen. Nach jahrelanger Freundschaft und nachdem ich schon einen ganzen Monat hier in England bin, lernen wir uns endlich persönlich kennen.“ Ich hielt seine Hand fest, und wir lächelten einander an. Wahrscheinlich waren es nur ein paar Sekunden, aber die Zeit schien stehen zu bleiben. Er ließ meine Hand erst los, als Phyl zu uns trat. „Oh, wie unachtsam von mir! Darf ich Ihnen meine Freundin Phyl Williams vorstellen?“
Der Mann neben Jack zog die Augenbrauen hoch, und ich wusste sofort, was ich falsch gemacht hatte – ich hatte laut in meinem New Yorker Akzent gesprochen.
Jack schüttelte Phyl die Hand und erwiderte in seinem irisch gefärbten Ton: „George Sayer, darf ich dir Joy Gresham und ihre Freundin Phyl aus London vorstellen?“
George nickte uns beiden zu, und Jack erklärte: „George ist ein guter Freund und ehemaliger Student von mir am Magdalen College.“
Ich schaute George an. „Es ist mir ein Vergnügen.“ Ich hielt ihm meine Hand hin, er schüttelte sie wortlos. Nervös presste ich meine Lippen zusammen und hoffte, dass der Lippenstift hielt und sich nicht in die kleinen Fältchen um meinen Mund verteilte.
„Kommen Sie“, sagte Jack, „setzen wir uns. Sie haben uns einen Tisch reserviert.“
Zu viert bahnten wir uns unseren Weg zu dem dämmerig beleuchteten Tisch, der in der Mitte des Restaurants für uns freigehalten war und auf dem uns vier Kristallgläser mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit erwarteten.
Wir ließen uns nieder, und während wir die Servietten über unsere Beine breiteten, musterte ich George rasch. Er hatte ein langes Pferdegesicht mit einer tief gefurchten Stirn, die davon zeugte, wie viel Zeit er mit zusammengezogenen Augenbrauen verbrachte. Seine großen Ohren schienen zu seinen Augen hin kippen zu wollen, und seine lange Nase endete in einer runden Knolle, von der aus er auf mich herabzusehen schien, als er meinen Blick auffing. Ich schaute weg.
„Sherry“, sagte Jack und hob sein Glas. „Willkommen in Oxford.“
Wir alle hoben unsere Gläser und nahmen gemeinsam einen Schluck. „Hmmm“, sagte ich, „köstlich. In Amerika hätten wir mit Whisky angefangen und wären dann zu Wein übergegangen und betrunken gewesen, bevor das Essen serviert wäre.“ Ich schüttelte den Kopf. „Und noch vor dem Ende der Mahlzeit hätte ich einen fürchterlichen Kater gehabt. Aber hier ist alles ausgesprochen … zivilisiert.“
Jack lachte, und George sah mich mit seiner gerunzelten Stirn an. Ich schenkte ihm mein bestes Lächeln. „Mr. Sayer, Jack sagt, Sie haben bei ihm studiert? Was machen Sie heute?“
„Ich unterrichte am Malvern College.“
„Oh, Sie Glückspilz! Hier in Oxford“, fuhr ich fort, „frage ich mich unwillkürlich, wie anders mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich es in einer Stadt wie dieser mit Männern wie Ihnen beiden verbracht hätte.“
„Ich vermute, Sie haben viel mehr davon, Ihr Leben mit anderen Männern als uns zu verbringen.“ George hob sein Glas. „Wir können ziemlich langweilig sein.“
„Aber das intellektuelle Leben hier – seit, warten Sie, neunhundert Jahren?“ Ich beugte mich vor. „Das muss doch ungemein stimulierend sein.“
„Ja“, sagte Jack. „Ist es. Aber zuweilen kann das ständige Lehren, Prüfen und Vorlesungen halten auch ganz schön eintönig werden.“
„Nun, ich hätte mich gerne mal darin versucht.“
Dann erzählte Phyl irgendeinen Witz, an den ich mich nicht mehr erinnern kann, und wir begannen, ungezwungen und unter viel Gelächter zu plaudern. Es gab ein Lachspüree, so leicht wie Schlagsahne, und ich wusste schon bald nicht mehr, wie oft uns Wein nachgeschenkt wurde. Infolgedessen nahm die Heiterkeit sprunghaft zu. Witze wurden schlecht erzählt und Geschichten mit allerlei Ausschmückungen versehen. Wir unterhielten uns über die bevorstehende Krönung der neuen Königin und über die Teerationierung. Es war ein langes Mittagessen, aber es fühlte sich an, als wären es nur fünf Minuten. Oft trafen Jacks und meine Blicke aufeinander, und wir lächelten uns schüchtern an. Wir kannten einander so gut wie alte Freunde – er hatte von meinen Geheimnissen und Ängsten gehört –, und doch konnten erst jetzt unsere Augen sich begegnen, wie es unsere Gedanken längst getan hatten.
„Wie sind Sie an die Werke unseres Freundes geraten?“, fragte George schließlich, als das Trifle zum Dessert serviert wurde.
„Wie Jack bin ich von Gott überrascht worden. Wir haben uns beide in der Mitte des Lebens bekehrt.“ Ich lächelte zu Jack hinüber und sah dann wieder George an. „Als ich acht Jahre alt war, las ich die Outline of History von H. G. Wells und marschierte geradewegs ins Wohnzimmer, um meinen jüdischen Eltern zu erklären, ich sei nun Atheistin.“
George zuckte zusammen. Ich sah es und wusste, dass es an dem Wort jüdisch lag. Die Briten konnten ebenso von sich behaupten, keine Antisemiten zu sein, wie die weißen Amerikaner von sich behaupten konnten, keine Rassisten zu sein, während sie zugleich in ihren Schulen und ihren Wohnvierteln Rassentrennung betrieben.
„Wir haben über unseren geistlichen Werdegang korrespondiert“, sagte Jack zu George und wandte sich dann an mich. „Und Sie haben mich auf Lücken und fehlende Gedankenschritte in manchen meiner Argumente aufmerksam gemacht. Ich muss sagen, mir ist selten eine so würdige Gegnerin begegnet.“
Gegnerin? Ich wollte alles andere sein als das.
George räusperte sich. „Nun, sagen Sie, Mrs. Gresham, wie gefällt Ihnen England? Sie sind jetzt seit einem Monat hier, nicht wahr?“
„Was soll ich sagen? Ich habe mich verliebt, Mr. Sayer. Hals über Kopf leidenschaftlich verliebt.“ Ich merkte an der Wärme auf meinem Gesicht und meinem Hals, dass ich rot wurde. Meine Hand wanderte zu meinem Dekolleté und begann mit den Perlen zu spielen, die ich mir am Morgen um den Hals gehängt hatte, und ich holte tief Luft. „Ich spreche von England, versteht sich!“
George nickte und tupfte sich mit einer Serviette die Lippen.
Wie so oft, wenn ich nervös war, flüchtete ich mich in einen Redeschwall. „Ich liebe alles hier. Ich habe mir schon die Füße wund gelaufen. Das goldene Licht bezaubert mich. Und wie kann es sein, dass die Luft sich hier weicher anfühlt? Keine Ahnung, aber es ist so! Die Freundlichkeit Fremden gegenüber ist unvergleichlich. Und die Pubs!“ Ich atmete aus. „Ich liebe die Pubs. Die dunkle Gemütlichkeit, das Gemurmel der Gespräche, die Musik, die von einem Mann kommt, der irgendwo in der Ecke sitzt und fiedelt.“
George brach in herzhaftes Gelächter aus. „Ganz offensichtlich haben Sie den verdammten englischen Nebel noch nicht gesehen. Warten Sie nur ab; wir werden sehen, ob Sie unser Land dann noch so romantisch finden. Wogegen ich übrigens nicht das Geringste habe.“
Jack hob sein Glas. „Als ich Oxford zum ersten Mal sah, schrieb ich meinem Vater, diese Stadt übersteige meine wildesten Fantasien mit ihren berühmten Turmspitzen und Türmen. Ich beneide Sie um Ihren Blick auf Oxford. Dieses erste Mal hat man nur einmal.“
Wir wurden alle still und widmeten uns langsam unseren Desserts, als ob keiner von uns den Abschied herbeisehnte, der danach kommen musste. Jack fehlte mir jetzt schon, obwohl seine Abwesenheit bislang nur eine Vorstellung war, da wir ja noch zusammensaßen.
Dann stand er auf, wischte sich ein paar Krümel vom Jackett und lächelte mich an. „Wie wär’s, wir machen einen Spaziergang zum Magdalen College, und ich führe Sie ein bisschen herum, wenn Sie Zeit haben.“
Wenn ich Zeit habe …
11

Between two rivers, in the wistful weather, Sky changing, tree undressing, summer failing
„Sonnet VI“, Joy Davidman
Der September in Oxford ist eine Pracht aus Farben und seidiger Luft, aus Goldtönen und efeubedeckter Hoffnung. Es war, als wäre man versetzt worden in das Land eines Märchens, von dem man vergessen hatte, dass man es gelesen hat.
Ich schlenderte neben Jack her, während er bei jedem Schritt seinen Gehstock schwenkte. Sein Anglerhut saß ihm schief auf dem Kopf. Wir überquerten die High Street, und ich sah zum ersten Mal das Magdalen College vor mir, das Ehrfurcht gebietend am Ufer des Cherwell lag. Ich blieb wie angewurzelt stehen. „Umwerfend!“ Ich bestaunte den steinernen Turm des Colleges, dessen acht Zinnen zum tiefblauen Himmel emporragten. Eine mächtige Befestigung aus Mauern und Türen umringte die Kalksteingebäude.
„Ich war ebenso überwältigt, als ich es zum ersten Mal sah“, sagte Jack. „Es geht mir immer noch so. Aus der Nähe ist es genauso schön. Kommen Sie.“
„Wissen Sie“, sagte ich, „nach dem hektischen Trubel in London und den Trümmerfeldern dort kommt mir das hier so ursprünglich und unberührt vor.“
Ein Ausdruck von Wehmut glitt über Jacks Gesicht, aber dann wandte er sich mir zu und nickte. „Ja, die Bomben sind uns erspart geblieben – Hitler hatte vor, sich Oxford einzuverleiben, und wollte es erhalten. Wir haben einige Male Flugzeuge kommen sehen, die dann aber am Fluss nach links oder rechts abdrehten.“
Ich schaute unwillkürlich nach oben, als schwirrten dort auch jetzt Flugzeuge über uns hinweg. „Ich bin so froh, hier zu sein.“
„Ich freue mich, dass Sie die Reise unternommen haben.“ Er lächelte mich an.
Phyl und George gingen voraus durch die große Holztür des Colleges. Jack und ich blieben allein zurück. Das gelbe Laub bildete einen dicken Teppich unter unseren Füßen, während sich noch ein paar wenige Blätter mit ihren zarten Stielen an die Bäume klammerten. Grabsteine waren am Rand des Bürgersteigs genauso selbstverständlich wie Bänke oder steinerne Mauern.
Wir gingen gemächlich; ich hatte es nicht eilig. Die graue, verwitterte Holztür zum Magdalen College, die so imposant wie die Türen am Buckingham-Palast waren, die ich gesehen hatte, ließen wir links liegen, und Jack führte mich zuerst über eine steinerne Brücke. Auf halbem Weg blieb er stehen, und wir lehnten uns zusammen an das alte Mauerwerk und ließen den Anblick des Cherwell auf uns wirken. Als wir so nebeneinanderstanden, unsere Schultern nur einen Hauch voneinander entfernt, kam mir eine Zeile aus Shakespeares König Johann in den Sinn, die von Flüssen handelte: „Traut nicht den schlauen Wassern seiner Augen, denn Bosheit ist nicht ohne solches Nass.“
Wir schauten einander mit großen Augen an und sagten wie aus einem Mund: „König Johann.“
Jack holte ein Etui aus seiner Tasche und entnahm ihm eine Zigarette. Das Streichholz schlug er mit einer schnellen Bewegung fest gegen die Reibefläche. Dann hielt er die Flamme an das Ende der Zigarette und zog an ihr, bis sie brannte. All das geschah langsam, mit Bedacht, als hätte er alle Zeit der Welt, um diese eine Handlung auf einer steinernen Brücke über einem Fluss zu vollbringen.
An den Ufern unter uns lagen dicht gedrängt die Stechkähne, fest miteinander vertäut, und warteten darauf, dass jemand sich ihrer bediente. Die Weiden standen über den Fluss gebeugt, als wollten sie ihn streicheln, und ihre Zweige tanzten in der Brise.
Ich brach das Schweigen. „Dieser Fluss“, sagte ich, „ist wie das Leben.“
„Inwiefern?“ Jack drehte sich zu mir um, lehnte sich gegen das Steingeländer und nahm einen langen Zug aus seiner Zigarette.
Das hatte ich nun davon, dass ich so gedankenlos daherredete. „Das fließende Wasser“, sagte ich mit fester Stimme. „Es erreicht sein Ziel am Meer, was auch immer geschieht.“
Er überlegte. „Ich finde, das Leben ist eher wie ein Baum. Die Äste verzweigen sich immer mehr, je größer er wird. Jeder davon ist eine individuelle Entscheidung.“
„Jack.“ Ich deutete auf den Fluss, der unter uns dahinströmte. „Das ist der Fluss des Lebens. Er ist durch seine Ufer gebunden, aber dennoch frei. Diskutieren Sie manchmal nur so aus Spaß?“, fragte ich dann lachend. „Nur um zu sehen, ob ich mithalten kann?“
„Ach nein – dass Sie mit mir mithalten können, bezweifle ich nicht. Der Fluss allerdings ist zwar eine schöne Metapher, aber zu unseren Entscheidungen im Leben passt er nicht. Wir treffen uns nicht alle am selben Ort, wie Flüsse es tun.“
Seine Augen waren tief dunkelbraun, und ich fragte mich unwillkürlich, was sie in mir sahen – er verstand es, ganz da zu sein, im Hier und Jetzt, und dadurch freundliche Aufmerksamkeit auszustrahlen.
„Entscheidungen.“ Ich beugte mich herab und hob eine Handvoll Blätter auf, um sie dann durch meine Finger fallen zu lassen. „Was ist, wenn wir uns falsch entscheiden? Brennen wir dann in einer ewigen Hölle? Glauben Sie das?“ Ich warf ein Blatt auf ihn. „So wie Sie es in Die große Scheidung geschrieben haben? Man kann kein Souvenir von dem mitnehmen, was man liebt?“
Er lachte. „Unser Briefwechsel hat mir schon Spaß gemacht, aber mit Ihnen zu plaudern, ist noch besser.“
„Ja.“ Ich holte tief Luft und sprach die Wahrheit aus. „Im Lauf der Jahre begannen wieder Worte in meinem trägen Herzen zu schlagen, unsere Worte, mit der Kraft, die in ihnen liegt.“
Jack lächelte. Das goldene Sonnenlicht lugte hinter einer ausgefransten Wolke hervor und fiel sanft auf sein Gesicht. Einen Moment lang, nicht länger und nicht kürzer als der, den ich im Kinderzimmer meiner Söhne auf den Knien verbracht hatte, fühlte sich mein Körper losgelöst von der Erde, als wären wir nur ein Fragment aus einem Traum. Mein Puls flatterte in meinen Handgelenken, in meiner Brust, in meinem Bauch. Ein warmer Strom, zaghaft, aber unaufhaltsam, durchflutete mich.
Oh, Joy, sei bloß vorsichtig, sehr vorsichtig!
Er hatte meinen Verstand und mein Denken erobert; ich konnte nicht zulassen, dass er dasselbe auch mit meinem Herzen tat.
Ich löste meinen Blick von seinem Lächeln und seinen verschmitzten Augen, und wir schlenderten zusammen zurück, woher wir gekommen waren, vorbei an Bäumen, in deren Ästen sich Vogelnester verbargen, die aussahen wie kleine Hüte. Schließlich trennten uns nur noch wenige Schritte vom Eingang des Magdalen College. Als ich den Namen des Colleges zum ersten Mal gelesen hatte, hatte ich ihn falsch ausgesprochen. Dem Himmel sei Dank, dass ich erfuhr, wie es richtig heißen muss, bevor ich Jack begegnete – nämlich „Modlin“ mit einem langen, offenen O. Doch wir gingen immer noch nicht hinein. Jack setzte sich auf eine Bank und schlug die Beine übereinander.
Der Rauch seiner Zigarette, die er zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, stieg in Ringen nach oben. Er breitete seine Arme auf der Rückenlehne der Bank aus.
„Es geht nicht so sehr um irgendwelche Souvenirs, die wir mitnehmen wollen, sondern um unsere Herzen, die wir bei uns tragen müssen“, sagte er. „Sie sehnen sich nach dem Hochland, wie ich es nenne, und doch kommen wir nicht hin, ohne unsere Überzeugung aufzugeben, das hier sei alles, was es gibt, und wir müssten es nach Kräften auskosten und versuchen, etwas davon mitzunehmen.“ Dann sah er mich schweigend an, wie jemand in einer Debatte, der gerade sein Argument besiegelt hat.
„Oh, Jack“, sagte ich und setzte mich neben ihn. „Ihr Hochland ist mein Märchenland. Ich habe davon geträumt, seit ich ein Kind war. Als ich Das Schloss und die Insel las, wusste ich, dass Sie von demselben Ort sprachen – von der ‚Insel‘, wie Sie es nannten.“ Dieser Gedankenaustausch mit einem Mann, dessen Verstand ich schätzen gelernt hatte, fühlte sich an wie Wasser für eine ausgetrocknete Seele.
Ich fuhr fort. „Sie und ich, wir hatten beide als Kinder dasselbe Erlebnis, dieses Entzücken, das die Natur bringt, das Wissen, dass manchmal die Welt ein so sehnsuchtsvolles Gefühl hervorruft, dass es sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Und diese Sehnsucht deutet hin auf einen Ort, wo Böses nicht existieren und Leid nicht bestehen kann. Schon als wir noch nicht gläubig waren, glaubten wir dennoch. Es kommt mir vor, als hätten wir denselben Weg eingeschlagen und als hätte das Hochland uns beide gerufen.“
Er nickte, und ich hatte fast den Eindruck, er würde ein wenig rot. „Das Schloss und die Insel war das erste Buch, das ich nach meiner Bekehrung geschrieben habe, als ich über die Sehnsucht nachdachte und darüber, was sie bedeuten könnte.“ Er sah mich mit einem stillen Lächeln an. „An diesem herrlichen Nachmittag mit seinem gelben Laub sehne ich mich noch mehr nach solch einem Ort“, sagte er. „Ist das nicht seltsam? Dass wir hier glücklich sein können und dennoch … dorthin gehen wollen?“
„Als ob wir gerade dann, wenn wir am glücklichsten sind, noch mehr wollen. Als ob das hier der Vorgeschmack wäre.“ Ich holte tief Luft. „Jack, wenn ich auf mein Leben zurückblicke, verstehe ich die Verlockung des Atheismus, aber jetzt erscheint er mir fast unmöglich. Wie konnte ich überhaupt nicht glauben, wenn mein Herz es doch schon immer wusste?“
„Vielleicht haben wir zu einfach gedacht.“
Ich spürte meinen Erinnerungen nach und schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht; ich glaube, ich wollte einfach, dass meine Seele mir selbst gehört.“
„Genau.“ Er nickte, als hätte er dieselben Erinnerungen.
„Haben Sie jemals …?“ Ich zögerte.
„Habe ich jemals was?“
„Eine andere Präsenz gespürt? Das Gefühl gehabt, als ob sich der Schleier für einen Augenblick hob? Und ich meine nicht nur im Gebet.“
„Wie meinen Sie das, Joy?“ Er beugte sich vor.
„Als mein Freund Steven Vincent Benét starb, konnte ich ihn spüren. Ich glaube … nein, ich weiß, dass ich seinen Geist vorübergehen sah.“ Ich zog sogar den Kopf ein. „Klingt das verrückt?“
Jack rückte näher und senkte seine Stimme, während er den Rest seiner Zigarette zertrat. „Joy, als Charles Williams starb, war ich am Boden zerstört; es traf mich wie ein Schlag. Ich ging in den Pub, in dem wir oft zusammengesessen hatten – das ‚King’s Arms‘ – und bestellte mir ein Bier. In diesem Moment spürte ich meinen Freund. Er war bei mir, und er ging an mir vorbei. Niemand wird mich je vom Gegenteil überzeugen. Tollers findet das absurd, aber ich weiß, dass es wahr ist.“
Wir sahen einander mit großen Augen an – wieder eine Gemeinsamkeit, die uns verband.

Wir durchschritten den Torbogen ins College, und ein unermessliches Glücksgefühl erfüllte mich, als Jack sich in einen Fremdenführer verwandelte. Seine Stimme wurde tiefer.
„Sie wissen sicher, dass Oxford aus fünfunddreißig Colleges besteht, und dieses hier – Magdalen – ist nur eines davon, und es befindet sich außerhalb der Mauern der mittelalterlichen Stadt.“
„Neunhundert Jahre alt“, sagte ich. „Das habe ich gelesen. An einem Ort mit so langer Geschichte fühlt man sich klein.“
Der Glockenturm von Magdalen hob sich glitzernd weiß vor dem blauen Himmel ab, ein Meisterstück geometrischer Präzision, gekrönt von acht Zinnen. Ich deutete auf den Turm, als wir näher kamen. „Das ist ein Phallussymbol für eine von Männern beherrschte Institution, stimmt’s?“
Jack blieb stehen und hob seine Augenbrauen über den Rand seiner Brille, um dann mit einer Wolke aus Zigarettenrauch in schallendes Gelächter auszubrechen. „Sie halten mit Ihrer Meinung nicht hinter dem Berg, nicht wahr, Joy?“, sagte er in einem so herrlichen irischen Ton, dass mir das Herz in die Kniekehlen rutschte.
Seine Stimme, dachte ich, klingt wie ein Ozean in einer Muschel.
„Ich habe das Gefühl, ich könnte nie genug bekommen von diesem Ort.“ Ich blieb stehen und ließ meinen Blick über die Gebäude wandern, die efeubedeckten Mauern, die dichten, makellosen Rasenflächen mit säuberlich gepflegten Gehwegen. „Und dieser Eingang …“ Wir näherten uns der massiven Holztür, die mit dicken Messingbesätzen dekoriert war und geschützt unter einem steinernen Torbogen saß. „Er sieht aus, als könnte jederzeit eines von Ihren magischen Wesen daraus zum Vorschein kommen.“
„Der Haupteingang zum Innenhof“, sagte er. „Es ist faszinierend, diese vertrauten Dinge mit Ihren Augen zu sehen.“
Die steinerne Mauer, so informierte mich Jack, wurde „Longwall“ genannt und umschloss das Magdalen College: die Mensa, den Kreuzgang, die Räumlichkeiten der Tutoren, die Kapelle, die Studentenzimmer, die Bibliothek und alles andere. Wir traten ein und gingen durch die aus Kalkstein gemauerten Gänge und Flure, die von einer Erhabenheit waren, in der das ganze Gewicht ihrer Vergangenheit lag. Flechten wuchsen entlang der Pfade und in den Spalten zwischen den Kalksteinen aus dem Steinbruch von Headington. Ich machte einen Witz über geheime, verborgene Räume – ein Verlies vielleicht. Das Mittelalter hing in der Luft und schien sich in den Fluren und den engen Treppenhäusern zu verstecken.
In einem vollkommenen Quadrat umlief der Kreuzgang eine grüne Rasenfläche. Diese Gänge waren blassgelb verputzt, die offenen Fensterbögen zum Innenhof mit Kragsteinen und Reliefen verziert. Wir umrundeten gemeinsam den ganzen Innenhof und gelangten, nachdem wir dreimal links abgebogen waren, wieder an unseren Ausgangspunkt zurück. Die ganze Zeit über unterhielten wir uns angeregt, als würden wir nie wieder damit aufhören. Nach der zweiten Runde blieben wir stehen und blickten in den grünen Innenhof. Von den Gebäuden, die sich über den Kreuzgang erhoben, starrten Wasserspeier auf uns herab. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie uns beobachten oder bewachen“, sagte ich und deutete hinauf.
Er duckte sich mit gespielter Angst unter den steinernen Fratzen. „Nun hier entlang.“ Er deutete voraus. „Gehen wir ein Stück am Fluss entlang.“
Ich folgte ihm aus dem Kreuzgang hinaus auf ein weit offenes Feld. „Knapp fünfzig Hektar“, sagte er. Und dann gingen wir durch ein schmiedeeisernes Tor unter einem Bogen auf eine kleinere Steinbrücke, unter der ein Nebenarm des verzweigten Cherwell entlangfloss. „Dies ist Addison’s Walk.“ Der Fußweg war von zwei dichten Baumreihen gesäumt, unter denen gerade so viel Platz war, dass man sich zugleich frei und geschützt fühlte.
„Mit dem Bau des Ganzen wurde 1458 begonnen“, erklärte er mir und blieb mit ausgebreiteten Armen stehen. „Und diese Wiese“ – er deutete voraus – „ist im Frühjahr übersät mit Blüten von einer überwältigenden violett-grünen Farbe.“
„Fritillaria Meleagris“, sagte ich.
Sein herzhaftes Lachen klang mir jetzt schon vertraut.
„Sind Sie etwa ein wandelndes botanisches Lexikon?“, wollte er wissen.
„Der Meinung sind jedenfalls meine Söhne“, sagte ich. „Ich habe so manchen Tag meiner Kindheit damit zugebracht, durch den Botanischen Garten in der Bronx zu wandern und mir die wissenschaftlichen Bezeichnungen all der Pflanzen und Blumen einzuprägen.“
Als wir gemeinsam dort auf dem Fußweg standen, fragte ich mich, ob meine Augen je in der Lage sein würden, die ganze Herrlichkeit dieses Ortes wahrzunehmen; für einen Besuch war es zu viel. Die Architektur und die umgebende Natur verschmolzen zu etwas so Erhabenem, dass es Jahre oder Jahrzehnte dauern würde, alles wirklich wahrzunehmen.
Ich drehte mich zu ihm um. „Jack, da ist etwas, worüber ich mir den Kopf zerbreche.“
„Und das wäre? Welche Frage habe ich denn noch nicht beantwortet?“
„Warum nennen alle Sie Jack, wo Sie doch eigentlich Clive heißen?“
„Ach so!“ Er schwang seinen Gehstock empor und steckte ihn dann in den Boden. „Nun, das ist eine längere Geschichte.“
„Erzählen Sie!“ Ich stemmte meine Hände in die Hüften und blieb unverwandt stehen. „Ich bin bereit, Sir.“
„Na schön. Als ich ein kleiner Junge war, hatten wir einen Hund namens Jacksie. An einem warmen Sommertag, einem Tag wie aus dem Bilderbuch, waren Warnie und ich unterwegs in die Stadt, als ein Auto um die Kurve gerast kam und unseren Hund überfuhr. Er starb direkt vor unseren Augen.“ Jack schüttelte den Kopf. „Wenn ich eine Sache von Gott erbitten könnte, dann würde ich ihn bitten, dass kein kleiner Junge jemals mit ansehen muss, wie sein geliebter Hund getötet wird.“ Er schüttelte sich und fuhr dann fort. „Deshalb verkündete ich, mein Name sei Jack, und schwor, niemals Auto zu fahren.“
„Sie haben sich nach einem Hund benannt, und Sie fahren nicht Auto.“ Ich lachte, und er setzte sich mit seinem Gehstock wieder in Bewegung und vergewisserte sich mit einem Blick über die Schulter, ob ich ihm folgte.
„Nun wissen Sie vielleicht alles, was es zu wissen gibt.“
„Das bezweifle ich“, sagte ich, während wir zu Phyl und George aufschlossen.
„Liebes“, rief sie und kam zu uns. „Ich muss los, wenn ich den letzten Zug noch erwischen will.“
„Und ich“, sagte George, „muss zurück nach Malvern. Der Tag heute war mir ein ausgesprochenes Vergnügen.“ Er neigte seinen Kopf, tippte sich an den Hut und entfernte sich anschließend.
Ich bedanke mich bei Phyl, und wieder waren Jack und ich allein. Wir unterhielten uns und wanderten über das Collegegelände, bis sich der Nachmittagshimmel gegen Abend rosa einfärbte.
Dann nahmen wir höflich voneinander Abschied. Als ich ihm verriet, dass ich noch zehn Tage bleiben würde, lächelte er. Und dieser Mann, wenn er lächelte … dann war das das Einzige, was man sehen wollte. Auf den Fotos sah sein Gesicht immer so ernst aus, doch es steckte voller Leben und Heiterkeit. Er schien jederzeit bereit, unter dem leisesten Vorwand in Gelächter auszubrechen. Ich verspürte den Drang, ihm jeden Vorwand zu liefern.
Ich war unsicher, ob ich ihn umarmen oder ihm die Hand schütteln sollte. Letzten Endes tat ich keins von beiden, denn er hielt mit beiden Händen den Knauf seines Gehstocks fest. „Mein Bruder Warnie hat morgen Zeit. Möchten Sie gerne mit uns hier zu Mittag essen?“
„Sehr gern“, sagte ich.
„Wo wohnen Sie?“
„Bei der Freundin einer Freundin, Victoria Ruffer. In der Zwischenzeit werde ich es voll auskosten, kreuz und quer durch die Stadt zu laufen und alles zu bewundern. Der Herbst hier dürfte so ziemlich das Schönste sein, was ich je gesehen habe.“
„Ja, er ist herrlich. Im Herbst hat man das Gefühl, alles sei möglich.“
„Das Gefühl habe ich eher im Frühjahr.“ Ich öffnete meine Hände wie eine aufblühende Blume. „Wenn alles Leben aus der gefrorenen Erde wieder zum Vorschein kommt.“
Er lächelte verschmitzt.
„Was ist? Habe ich etwas Falsches gesagt?“
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber Sie haben jedenfalls Ihre eigene Meinung über alles. Das wusste ich schon aus Ihren Briefen, aber jetzt merke ich es auf Schritt und Tritt.“
„Ja, es ist schlimm mit mir. Ich weiß.“
„Ich finde das überhaupt nicht schlimm.“ Er musterte mich genau, als ob er mich zum ersten Mal sähe.
Wir gingen unserer Wege, und ich machte mich durch die märchenhaften Straßen von Oxford auf den Weg zurück zu Victorias Wohnung. Ich wusste schon, was ich tun würde, sobald ich die Tür zu meinem kleinen Gästezimmer hinter mir zugemacht hatte: ein Gedicht schreiben. Was sonst sollte man tun mit all diesen Gefühlen, die, wie der Frühling, zu verkünden schienen, dass die Welt im Begriff war, von Neuem zu beginnen?
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