Читать книгу: «Der gefesselte Dionysos»
Patrik Knothe
DER GEFESSELTE DIONYSOS
Ein modernes Märchen
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelbild © Stefan Wenger
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Zitate
Prolog
Teil 1 – Ein fast gewöhnliches Kind
Teil 2 - Eine normale Jugend?
Teil 3 - Dionysos und die sieben Satyren
Teil 4 - Die Jagd auf Dionysos
Epilog
Für Gunar, Eike und Kevin
„So lange ihr das Licht bei euch habt, glaubt an das Licht, damit ihr Söhne des Lichts werdet.“
Johannes 12, 36
„So gewiss ist der allein glücklich und groß, der weder zu herrschen noch zu gehorchen braucht um etwas zu sein.“
Johann Wolfgang von Goethe, Götz von Berlichingen
„… Bettler, sagt er? so hat die Welt sich umgedreht, Bettler sind Könige, und Könige sind Bettler! - Ich möchte die Lumpen die er anhat, nicht mit dem Purpur der Gesalbten vertauschen - …“
Friedrich Schiller, Die Räuber
Prolog
Nachdem mich so viele Menschen nach ihm gefragt haben und immer noch fragen, habe ich mich entschlossen dieses kleine Büchlein zu schreiben. Erst vor ein paar Tagen sprach mich eine alte Frau auf der Straße an. Ich verließ gerade mein Haus um einkaufen zu gehen und wäre um ein Haar in sie hinein gerannt. Sie trug eine riesige Hornbrille und hatte nur noch lichtes Haar, so dass die Wogen des Windes ihre blanke Kopfhaut offenbarten. Ihre Augen leuchteten auf als sie mich sah: Ich sei doch der, der den Dionysos gekannt habe und sie wolle wissen was er gerne zu Mittag aß (Wurst, Tomaten und frisches Bauernbrot, falls er die Wahl hatte, was selten der Fall war – damit diese wichtige Frage gleich zu Anfang geklärt ist und der Ungeduldige sich nicht erst durch die ganzen anderen Seiten quälen muss). Woher die alte Frau mich kannte und wieso sie sich gerade dafür interessierte gehört wohl mit zu den nie zu lösenden Rätseln unseres Daseins. Nachdem ich perplex und überrascht eine Antwort stammelte, bedankte sie sich und ging lächelnd und glücklich ihres Weges. Wer weiß wie lange sie dort auf mich gewartet hatte …
Ein jedoch wahrscheinlich noch weit größerer Grund für diese Niederschrift sind meine eigenen Gedanken und Erinnerungen, die es zu ordnen gilt; manchmal klar und deutlich als wäre es, wie die Frage der alten Frau, erst neulich geschehen; oft aber verworren und verschwommen, was bei der Turbulenz und Geschwindigkeit der damaligen Ereignisse auch nicht verwunderlich ist. Vielleicht kann so vieles was noch heute im Dunkeln verborgen liegt, morgen ans Licht gebracht werden und jeder, der diese Zeilen liest, kann danach seinen eigenen Teil davon im Herzen mit sich nach Hause tragen. Ich möchte mich hier bereits bei allen bedanken die mir auf meiner Reise durch die Geschichte meines Freundes geholfen haben. Und es gibt nicht mehr viele die ihn wirklich kannten und von diesen wollen die wenigsten gefunden werden.
Hört man die Menschen reden, hat man den Eindruck, dass er für die viele nur ein heimatloser, vom richtigen Weg abgekommener Unruhestifter war. Doch ich glaube nicht, dass dem so ist und bin ebenfalls davon überzeugt, dass diese „Vielen“, nur vor anderen mal wieder ihre wahren Gefühle verbergen wollen … man möchte ja weiterhin ein angesehener Bürger bleiben. Auch die „Vielen“ denken öfter und intensiver an ihn als sie zugeben. Darüber was er tat, wie er es tat und wie sie sich wohl gefühlt hätten, wenn sie dabei gewesen wären.
Wenn ich an Dionysos denke, springt mir sofort jener eine Gesichtsausdruck von ihm ins Gedächtnis mit dem er mich damals ansah … an jenem besonderen, verhängnisvollen Mittag in dem alten Landhaus bevor er die dunkelbraune Holztür vor mir zuwarf; am Tag an dem die Jagd und unser Abenteuer endeten: Seine dunkelblauen Augen brannten sich wie Feuer in mich ein; Leidenschaft, Kraft und ein unbezwingbarer Wille lagen in seinem Blick während im linken Mundwinkel der Anflug eines Lächelns zu erkennen war. Damals in den Stunden der Dunkelheit sah ich immer nur diese Augen vor mir; auch als er schließlich hinaus ins Licht ging, der Lärm begann, das Rufen, das Schreien und das Schießen. Diese Augen begleiten mich noch heute in meinen Träumen. Doch um ihre Botschaft wirklich zu verstehen müssen wir ganz von vorne anfangen …
Teil 1 – Ein fast gewöhnliches Kind
I
Dionysos wurde nicht, wie es einige obskure Legenden oder Wichtigtuer erzählen, mitten in einem düsteren, riesigen Wald geboren. Er wuchs auch nicht dort auf oder lebte (sogar das ist mir zu Ohren gekommen) seine ganze Kindheit lang von rohem Fleisch.
Nein, Dionysos wuchs mit seinem Vater Petros und seiner Mutter Xenia in Delphi auf. Einem Ort der zwar offiziell als Stadt galt aber doch mehr ein großes Dorf war. Delphi lag auf einem Hügel und war umgeben von grünen, teils noch unberührten Wäldern und Wiesen. Schön und beschaulich war es dort. Es gab viele alte, gut erhaltene Häuser im Fachwerk-Stil, Weizen-, Maisfelder und Beete mit allen erdenklichen Sorten von Blumen; Holzbänke auf denen Mittags die Rentner saßen und über die heutige Jugend und Politik herzogen.
In Delphi passierte so wenig, dass jeder Anlass zu ein wenig Klatsch umgehend genutzt wurde. Jedes Mal, wenn der alte Diogenes wieder ein paar Tage in einer riesigen Tonne (die eigentlich Dekorationszwecken diente) vor seinem Haus schlief, weil seine Frau ihn hinaus geworfen hatte, sprach man ein paar Monate von nichts anderem.
Und so waren die Einwohner auch sehr gespannt und aufgeregt als sich das Gerücht verbreitete, der Petros hätte eine sehr seltsame und eigenwillige Frau aus einer weit entfernten Nord-Provinz geheiratet und würde bald mit ihr ein Haus in Delphi beziehen. Die Nachbarn hatten sie schon einige Male bei Petros Eltern gesehen. Seltsame Kleidung solle sie tragen und irgendeinem obskuren Beruf nachgehen. Man sprach von einer Schauspielerin die wie eine Zigeunerin aussehe. Doch eigentlich arbeitete sie als Set-Dekorateurin beim Film, trug gerne lange Kleider und hatte langes, blondes Haar. Wenn man unbedingt etwas abfälliges über Xenia behaupten wollte, könnte man sie höchstens als etwas sonderbar bezeichnen aber was ist schon sonderbar, oder vielmehr: was ist denn nicht sonderbar?
Xenia hatte eine stille, verträumte Art. Manchmal saß sie einfach stundenlang in ihrem Garten und beobachtete die Spatzen, die Bäume oder ihre Sonnenblumen. Letztere liebte sie über alles. Sie hing sogar eine über das Ehebett! Ihre Arbeit bei der Filmproduktionsfirma hätte sie wegen ihrer Eigenheiten sicherlich längst verloren wenn sie nicht so gut gewesen wäre. Manchmal stand sie bei allgemeiner Aufregung oder der sooft vorkommenden Alltagshektik, wenn alle Menschen durcheinander reden und sich gegenseitig anstießen einfach auf einem Fleck, war nicht ansprechbar und betrachtete irgendein bestimmtes Objekt oder sie schloss gar ganz die Augen. Doch Xenia hatte immer das richtige Gespür wenn es darum ging einen Drehort zu gestalten. Niemand anderes den ihr Chef kannte schien bei dieser Tätigkeit eine so sichere Hand zu haben.
Ihr Mann Petros dagegen war um einiges bodenständiger und simpler gestrickt.
Seine Familie lebte seit vielen Generationen in Delphi und hatte den hohen Ruf stets ehrlich, zuvorkommend und anständig zu sein. Umso erstaunlicher war es, dass gerade ihr Sohn Petros, der dasselbe Ansehen genoss, eine so seltsame Verbindung eingegangen war. Er war damals junger Teamleiter einer Firma, die unter anderem auch Scheinwerfer herstellte. Eines Tages kam eine wunderschöne blonde Frau mit dunkelblauen Augen in sein Büro und sein Schicksal schien sich entschieden zu haben.
Als die beiden sich dann schließlich ein Haus in Delphi kauften, drängten sich die neugierigen Augen vor die Fenster um einen Blick auf die hübsche, seltsame Blonde werfen zu können wenn sie morgens zum Bäcker schlenderte.
Der erste der sie bei einem Spaziergang ansprach war jedoch der alte Diogenes, der vor seinem Haus mitten auf dem Rasen saß, rauchte und an einem Stück Holz schnitzte („Was für ein Zufall … das war ja klar, dass die zuerst mit dem redet!“, hörte man es noch Tage später von den Leuten). Er durfte gerade seit zwei Tagen wieder im Haus wohnen und trug seine übliche blaue Ballonmütze und eine stark mitgenommene Latzhose.
„Na, junge Dame … schon in Delphi eingelebt?“, fragte er grinsend mit seinem bärtigen, zahnlosen Mund. Xenia blieb stehen und betrachtete ihn freundlich. Es dauerte eine Weile bis sie antwortete und Diogenes wollte sich schon wieder seinem Holzstück zuwenden als sie sagte: „Es ist sehr schön hier. Wir haben ein kleines Haus gleich dort oben auf dem Dodona-Hügel. Direkt neben dem großen Maisfeld …“
„Das Haus kenn’ ich … is bildhübsch … und wie findeste die Leut’?“ Das Grinsen des Alten wurde immer breiter. Sie war wirklich eine Pracht.
„Naja, bis jetzt habe ich noch nicht viele kennen gelernt. Was schnitzen Sie denn da?“
„Sach ruhich ‚du‘. Ich bin Diogenes“, sagte er und schlug sich dabei feierlich auf die Brust. „Weiß noch nich’ genau, was das werden soll … mal sehn’. Aber wenn du jemand Nettes kennenlernen willst, dann versuchs ma mit Oknos. Der wohnt gleich eine Straße hinter der Bäckerei und macht den besten Wein hier im Umkreis.“
„Der wird dann nur für meinen Mann sein. Man sieht es noch nicht, aber bald sind wir zu dritt“, sagte sie lächelnd und streichelte ihren Bauch.
„Mit wem redest du schon wieder? Hör endlich auf die armen Leute zu belästigen!“, dröhnte eine Stimme aus dem Inneren des Hauses.
„Am besten du ziehst weiter bevor gleich das Gewitter losgeht“, sagte der Alte und schielte mit einem bedeutenden Blick hinter sich. „Und lass dich ma’ wieder blicken Mädchen. Wie heißte eigentlich?“
„Xenia!“
„DIOGENES!!!“ Die Stimme war noch lauter als beim letzten Mal.
„Oh, du alte … tschuldigung … na, dann machs ma gut Xenia!“
„Du auch, Diogenes!“
Der Alte sah ihr noch lange nach und hörte kaum auf das Gemecker, das aus dem Inneren seines Hauses kam. Danach machte er sich wieder an die Arbeit. Er wusste nun, was er schnitzen würde …
II
Circa sechs Monate später verbreitete sich die Nachricht, dass Xenia einen Jungen bekommen hatte. Er hieß Dionysos und schien ihr wie aus dem Gesicht geschnitten zu sein. Nur die rabenschwarzen Haare hatte er von seinem Vater.
Wenn man diese Zeilen gelesen hat und gleichzeitig an die Geschichten denkt, die über Dionysos kursieren, fällt es einem schwer zu glauben, dass er aus solch einem friedlichen und ruhigen Dorf kam. Aber was sind das auch für Geschichten!? Eine ganze Zeit lang schien er an allem schuld zu sein: Eine Tankstelle wurde ausgeraubt – das kann nur Dionysos gewesen sein; ein Telefonmast zerstört – bestimmt der randalierende Dionysos; Hühner gestohlen – Dionysos; Wahlen manipuliert – vielleicht … Dionysos?
Die Liste kann unendlich fortgesetzt werden.
Seine ersten Lebensjahre ließen auch gar nicht darauf schließen was einmal aus ihm werden sollte.
Er war ein kleines Kind wie alle anderen, weder zurückgeblieben noch außerordentlich talentiert. Die einzige Besonderheit die damals auffiel war seine extreme Ruhe, die Dionysos wahrscheinlich von seiner Mutter hatte. Dennoch machte sich Xenia des öfteren Sorgen, wenn sie in der Nacht manchmal stundenlang nichts von ihm hörte. Sie eilte oft wie von einem stummen Ruf geweckt an seine Wiege, nur um sich zu vergewissern, dass er noch atmete. Abgesehen davon war Dionysos ein unkompliziertes, liebenswürdiges Kind, das den ganzen Tag mit seiner Mutter im Freien zubrachte und dabei mit seinen Spielzeugautos die Wiesen, Straßen und Gehwege rauf und runter rannte.
Er hatte auch schon einen Freund gefunden. Den ein paar Straßen weiter wohnenden und nur einige wenige Monate älteren Apollon. Jeden Morgen gingen die beiden mit Xenia und Leto, Apollons Mutter, zusammen auf den Spielplatz oder in den kleinen, aber dennoch sehr hübsch hergerichteten Park. Abends trafen sich die Familien zum Grillen und die Kinder spielten in ihrem Sandkasten.
Diese Idylle in Dionysos Leben hielt an bis er in die Schule kam. Während der ersten Wochen war er noch durchaus begeistert was ihn dort erwarten würde. Er freute sich darauf zu lernen, wenn er auch bereits durch seine Mutter sehr gut lesen und schreiben konnte. Doch kurze Zeit nach der Einschulung begann er sich zu langweilen und fing an den Unterricht zu stören. Sein Sitznachbar Apollon dagegen war bei allen Lehrern beliebt und wurde mit Lob überhäuft, vor allem weil er ein so ausgezeichnetes Talent für die Mathematik zu haben schien. Dionysos verstand nicht, wenn er es auch nicht in Worte verpacken konnte, was er in dieser Schule eigentlich tun sollte. War er nur dort um den Lehrern zu gefallen? Xenia arbeitete von nun an wieder sporadisch beim Film was den kleinen Jungen noch mehr verbitterte.
„Warum gehst du immer weg, Mama?“, fragte er sie einmal. Xenia nahm ihn daraufhin in den Arm und sagte: „Auch ich muss arbeiten gehen, mein Lieber. Meine Arbeit macht mir Spaß und du bist jetzt schon ein so großer Junge, dass du es ja bestimmt auch mal ein paar Stunden ohne mich aushältst, oder?“ Sie gab ihm einen Kuss. „Außerdem bin ich ja nur ganz selten weg … und Papa und Oma und Opa sind ja auch noch da.“ –
„Aber wieso muss ich in die Schule gehen? Ich mag es dort nicht … die Lehrer mögen mich nicht …“ Er fing an zu weinen und seine Mutter drückte ihn sanft an ihre Brust.
„Jedes Kind muss in die Schule gehen. Es ist wichtig, dass du viel lernst … denn wenn du viel lernst wirst du es später, wenn du ganz groß bist, einmal sehr schön haben. Und zu den Lehrern musst du nett sein … dann sind sie auch nett zu dir. Sollen wir nach unten gehen und Papa zuhören wie er spielt?“ Das Gesicht des Jungen hellte sich auf. „JA!!“ – „Na, also komm mein Schatz.“
Xenia war von einem entzweienden Schmerz ergriffen. Einerseits wollte sie weiter voll für ihren Jungen da sein und ihm all die Liebe und Sicherheit schenken die er brauchte und andererseits wieder gerne als Set-Dekorateurin arbeiten. Sie und Petros waren damals nicht, wie so viele andere Familien, in der Notlage, dass beide Elternteile Geld verdienen mussten.
Als sie einige Wochen später von der Arbeit nach Hause kam und Dionysos sah, der verträumt neben dem Klavier ihres Mannes saß und seine kleinen Händchen über den weichen Teppich gleiten ließ, beschloss sie, vorerst nicht mehr beim Film zu arbeiten.
III
Etwa um diese Zeit spürte Dionysos wie sehr ihm die Musik gefiel. Wir schwärmten öfters miteinander davon und egal wie trostlos gerade unsere allgemeine Lage war, begann das Herz meines Freundes sich leidenschaftlich zu öffnen und vor Freude zu überfließen sobald musiziert wurde. Es war später sogar seine Taktik bei gedrückter und niedergeschlagener Stimmung eine Gitarre oder Flöte zur Hand zu nehmen und die Gemüter wieder fröhlich zu stimmen (meistens funktionierte es, wenn auch mancher Banause dann mit dem Spruch kam: „Das Gedudel hilft uns jetzt auch nicht!“).
Obwohl Dionysos auch gerne malte oder las war die Musik das, was ihn auf der Welt am meisten faszinierte.
Stundenlang konnte er seinem Vater beim Klavierspielen zuhören und sich dabei entweder völlig gedankenlos von den Melodien und Rhythmen mittragen lassen oder aber seine Fantasie zu immer neuen Universen und Planeten emporschwingen.
Die Musik schien auf eine Weise zu sprechen wie sie jeder verstehen konnte. Man musste nicht erst überlegen welche Worte man benutzte und ob der Gegenüber sie vielleicht missverstehen würde; es war alles klar und deutlich. Für Dionysos war die Musik das Leben in seiner reinsten, unschuldigsten Form, die direkt vom Ohr in die Seele gelangte.
Als er 10 Jahre alt war erwischten ihn seine Eltern wie er mit geschlossenen Augen zu einer klassischen Symphonie ekstatisch durch das Wohnzimmer tanzte, seine Arme zu den Tönen bewegte und manche Stellen mitsang. Er hörte schlagartig auf als er seine Zuschauer bemerkte und blieb den ganzen Tag auf seinem Zimmer, so schämte er sich.
Bereits früher fand er es sehr seltsam, dass gewisse Dinge die er gerne tat im Verborgenen geschehen mussten; dass man sie niemandem erzählen durfte wenn man nicht ausgelacht oder noch schlimmer, verstoßen werden wollte. Aber wieso schien das nur ihm so zu gehen? Immer häufiger kam ihm der Gedanke, dass er nicht so war wie seine Eltern, Apollon oder die anderen Freunde die er hatte. Er fühlte sich immer mehr wie ein Sonderling und errichtete eine Traumwelt um sich herum.
Als es Dionysos später bewusst wurde, dass jeder einen Teil von sich vor anderen Menschen versteckte, verstand er die Welt noch weniger. Warum hatte jeder Angst davor seiner Umwelt zu zeigen wer er wirklich war? Warum durfte man sich nicht wild oder ekstatisch zur Musik bewegen wenn man zu Hause war und den Klängen der Geigen und Posaunen lauschte? Warum durfte man es wenn in irgendeiner Kellerdisko die hektischen, elektronischen Rhythmen aus den völlig überdrehten Boxen dröhnten?
Auf jeden Fall beschlossen seine Eltern ihm zum nächsten Geburtstag eine Gitarre zu schenken. Denn obwohl Dionysos wie man gerade sehen konnte auch klassische Musik mochte, fühlte er sich am meisten von den Klängen der Gitarrenspieler angezogen, die auf ihren sechs Saiten alle Möglichkeiten der Gefühlsäußerung scheinbar mühelos übersetzen konnten. Außerdem war er dem Mythos der die ganzen bekannten Gitarristen umweht, vollends ergeben: Es sah so aus, als gebe es für diese Menschen nur Freiheit, Unabhängigkeit und ihr Instrument.
Er bekam schließlich eine relativ billige Gitarre geschenkt, die er nichtsdestotrotz von der ersten Sekunde an über alles liebte und überall mit hin nahm: In die Schule, auf Geburtstage, andere Feste, zu seinen Freunden usw.. Nach ein paar Monaten konnte er schon einfache Lieder mehr oder weniger perfekt spielen und sogar dazu singen.
Alle liebten seine Stimme. Ich muss jedes Mal lächeln wenn ich an die Begeisterung der Menschen denke, die mir davon erzählten wie sie dem jungen Dionysos zuhörten. Er schien eine natürliche Begabung für die Welt der Klänge zu haben; vielleicht weil diese Welt die einzige war, in der der Junge sich aufgehoben und bestätigt fühlte. Am meisten freute sich jedoch sein Vater Petros, der stets den Wunsch gehegt hatte, dass sein Sohn sich ebenfalls für die Musik begeistern würde. Das einzige was ihn wurmte war die Tatsache, dass das Gitarrespielen Dionysos nur noch mehr in seine eigene Welt abgleiten ließ. So gut wie jede Drachme seines Taschengeldes wurde in neue Musik eingetauscht. Als Apollon dann eines Tages und einige Jahre später von einem Baumhaus erzählte das er gerne bauen würde, war Petros sofort Feuer und Flamme. Er fuhr mit den beiden zum Holzhandel, bezahlte das Material und sägte sogar eigenhändig die Bretter zurecht. Auch seinem Sohn machte die Arbeit Spaß und für ein paar Tage vergaß der junge Dionysos die Gitarre beinahe.
IV
An einem schönen Aprilnachmittag, an dem die Pflanzen gerade anfingen richtig aufzublühen, der Himmel klar und der Singsang der Vögel wieder zu vernehmen war, liefen Dionysos und Apollon nebeneinander Richtung Wald, mit Hammer, Säge und Nägeln ausgerüstet. Petros wollte zuerst beim Bauen helfen, doch die beiden bestanden darauf es selbst zu tun.
Die Schulferien hatten gerade begonnen und die Jungen waren voller Tatendrang und Lebensfreude.
Apollon war inzwischen um einiges größer und auch breiter als Dionysos. Man konnte bereits an seinen Gesichtszügen und seinem Gang erahnen, dass er einmal ein prächtiger Mann werden würde. Er hatte hohe Wangenknochen, einen markanten Kiefer und hellbraune Augen. In der Schule begannen sich die Mädchen für ihn zu interessieren, flüsterten hinter vorgehaltener Hand wenn er an ihnen vorbei lief und fingen dann plötzlich an zu kichern. Anscheinend hatte er schon einmal ein Mädchen nackt gesehen und sie sogar überall berühren dürfen. Dionysos dagegen wurde für still und wunderlich befunden. Seine tiefschwarzen Haare, die blauen Augen und ein leicht blasser Teint ließen ihn zusammen mit seiner träumerischen Art wie aus einer anderen Welt erscheinen. Jeder der ihn das erste Mal erblickte, sah ihn länger und eindringlicher an als das normalerweise der Fall ist. Und während Apollon stets der Mittelpunkt allen Treibens in ihrer Schulklasse war, der jeden mit seinem Scharfsinn und Wissen faszinierte, gehörte Dionysos das Gespräch unter vier Augen. Mit ihm konnte man über die Dinge sprechen, die tief in der eigenen Seele rührten. Er hatte etwas sanftes und Vertrauen erweckendes das jede gesellschaftliche Barriere brechen ließ.
Trotz oder gerade wegen dieser Gegensätzlichkeit waren die beiden seit Jahren beste Freunde.
Auf dem Weg in den Wald machte Dionysos auf einmal an einer Weggabelung halt. Geradeaus waren es noch etwa 100 Meter bis zu den großen Bäumen, in denen ihr Haus entstehen sollte. Zu ihrer Rechten erstreckte sich ein riesiges Weizenfeld während links ein mehr oder weniger verwahrlostes Stück Land zu sehen war auf dem sich seit Jahren der Wildwuchs breit gemacht hatte. Vor Letzterem ging Dionysos in die Knie und starrte gebannt nach unten.
Vor ihm im Gras saß ein wunderschöner rot-schwarzer Schmetterling. Er streckte die Hand vor dem Tier aus und es setzte sich darauf. Ganz langsam bewegte es seine Flügel auf und ab; wie ein lebendiges, mobiles Kunstwerk das nur da ist um bestaunt zu werden.
„Sag mal Dionysos … sind wir nicht zu alt um ein Baumhaus zu bauen?“, fragte Apollon.
„Ich glaube man ist nie zu alt um ein Baumhaus zu bauen“, sagte Dionysos während er fasziniert den Schmetterling betrachtete.
Apollon drehte sich plötzlich um. „Vorsicht! Da kommt jemand! Ab ins Gebüsch!“ Dionysos, traurig darüber, dass er den Schmetterling nicht beim Wegfliegen beobachten konnte, packte Hammer und Nägel und spurtete in geduckter Haltung zu seinem Freund, der bereits zwischen den hohen Gräsern und Sträuchern wartete. Viele Menschen haben nichts dagegen wenn Kinder im Wald ein Baumhaus bauen während andere strikt auf die Einhaltung der geschriebenen Gesetze pochen. Eine nochmals andere Gruppe sind die, die auf jeden Funken Glück und Freude mit Grimm reagieren und alle Ansätze dessen im Keim ersticken wollen.
Dionysos und Apollon flüchteten gerade noch rechtzeitig, denn solch ein Jemand kam einen Augenblick später in Gestalt eines 54-Jährigen Mannes um die Ecke.
„Oh nein, nicht der!“, flüsterte Apollon.
Der Name dieses Mannes, den alle Kinder von Delphi immer nur mit Abscheu oder Angst in der Stimme aussprachen, war Orthos. Unter seinem blass-grünen, viel zu kleinen Anglerhut konnte man zusammengezogene, gemeine Augen erkennen, die just gerade auf jene Stelle blickten an der sich vor wenigen Augenblicken noch Dionysos und Apollon befunden hatten.
Orthos hatte früher auch einmal ein Feld gehört, doch seine komplette Inkompetenz was Finanzen anbelangte führte schließlich zur Zwangsversteigerung seines Guts. Nun lebte er mit seiner jüngeren Schwester und deren Mann im Haus seiner verstorbenen Eltern oder besser gesagt: Er wurde von ihnen ausgehalten (vom Haus gehörte ihm nämlich auch nichts mehr). Einzig das ständige Flehen seiner Schwester an ihren Mann bewahrte Orthos davor auf die Straße geworfen zu werden.
Nach seinem Bankrott versuchte man zuerst ihn weiterhin in den Familienbetrieb mit einzubinden, aber die andauernden Streitigkeiten zwischen Orthos und seinem Schwager Minos führten dazu, dass Ersterer von jeglicher Verantwortung entbunden wurde und nun ein gelangweiltes Dasein fristete das neben dem ständigen Biertrinken nur daraus bestand, die Einwohner von Delphi, insbesondere die Kinder, zu schikanieren. Jeder im Dorf kannte ihn. Früher verkauften seine Eltern in ihrer Scheune Brot, Eier und Äpfel. Orthos Schwester und Minos übernahmen den Laden und eine ganze Zeit lang brachte er ihnen einen guten Nebenverdienst ein; bis sie Orthos bei sich aufnahmen. Ständig lungerte er vor der Scheune herum, belästigte und beleidigte die Kunden wenn sie ihm nicht in den Kram passten und schließlich kam irgendwann niemand mehr.
Unsere Hüttenbauer jedoch wurden dieses Mal verschont, denn Orthos blieb nur kurz stehen und ging dann weiter in die entgegengesetzte Richtung, die ins Dorf zurück führte.
Apollon wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Puh … nochmal Glück gehabt. Hast du schon gehört, dass er Jorgo einen Tritt in den Hintern verpasst hat?“
„Nein, warum das?“
„Nur weil er einen Apfel von einem Baum gepflückt hat. Natürlich hats mal wieder kein Erwachsener gesehen und wieder kann ihm keiner was anhaben. Aber irgendwann … komm, gehen wir weiter. Ich glaube er ist weg.“
Da die beiden bereits ein paar Stunden zuvor die Holzlatten an den Baum ihrer Wahl gebracht hatten, konnten sie sich direkt an die Arbeit machen. Es war eine große Eiche die in vielerlei Hinsicht von Vorteil war: Erstens konnte man leicht an ihr hochklettern; zweitens war sie vom Waldrand aus fast nicht zu erkennen, was einen optimalen Schutz gewährleistete und schließlich, was das Wichtigste war: Zwei starke, massive Äste die auf annähernd gleicher Höhe ziemlich waagrecht verliefen und auf denen man leicht ein Gerüst bauen konnte.
Das war es auch, was sie sich für den heutigen Tag vorgenommen hatten. Das Baumhaus sollte eineinhalb Meter breit, zwei Meter lang und zwei Meter hoch werden. Der einzige Wermutstropfen war der Hochstand der sich in unmittelbarer Nähe erhob. Doch der sah so heruntergekommen aus, dass es nicht den Anschein machte als ob dort regelmäßig ein Jäger rastete.
Sie arbeiteten mit einem vorgezeichneten Plan von Petros und von einigen kleinen Patzern abgesehen machten es die beiden wirklich gut (Dionysos schlug mehr Nägel krumm als ins Holz und Apollon hämmerte sich zwei Mal doll auf den Finger). Schneller als erwartet stand das Gerüst und sie begannen damit die Holzlatten zu befestigen.
Als die Dämmerung einsetzte, sagte ein sehr geschlauchter und verschwitzter Apollon: „Es wird dunkel und mir fallen gleich die Hände ab. Ich würde sagen wir gehen zurück und machen morgen weiter.“ In Dionysos’ Augen, die vom Rausch der Arbeit glühten, machte sich leichte Enttäuschung breit.
„Oh, man … ich könnte die ganze Nacht bauen!“, rief er fröhlich aus und hob dabei seine Hand in die Luft. „Aber du hast recht. Wir haben keine Lampe dabei. Gehen wir!“
Sie stiegen hinunter und betrachteten ihr Werk. Apollon sah leicht kritisch aus.
„Mmhhh, dieser eine Ast dort … den da … der macht mir immer noch Sorgen. Der könnte brechen. Und an der einen oberen Ecke müssen wir auch dringend was zum Abdichten besorgen. Und …“
Dionysos hörte nur mit halbem Ohr zu. Er war nur völlig verblüfft von seiner Leistung und der Tatsache, dass dieser Baum heute morgen noch ein ganz normaler Baum gewesen war und jetzt eine Hütte, ihre Hütte, darauf war. Es fehlte zwar noch ein großer Teil der Wände sowie das komplette Dach, doch es war definitiv für jeden erkennbar, dass es sich um etwas handelte was zwei Jungen mit all ihrer Liebe und Energie gefertigt hatten.
In ihrer Müdigkeit nahmen sie natürlich keine Notiz von dem Beobachter, der schon seit geraumer Zeit jeden ihrer Schritte beäugte.
V
Der nächste Tag begann beinahe so schön wie der vorige. Die wenigen Wolkenschleier die morgens durch den Himmel zogen waren bereits gegen zehn Uhr verschwunden und machten Platz für eine kräftige Frühlingssonne, die die Natur nach dem langen Winterschlaf wieder zur ihrer vollen Blüte bringen wollte.
Als Dionysos mit seinem Freund gegen neun Uhr Richtung Wald lief, sah er von weitem einen Mann auf sie zukommen. Die Gestalt kam ihm bekannt vor.
„Nicht schon wieder …“, sagte Apollon und sah sich bereits nach einem Versteck um. Dionysos jedoch strahlte. „Das ist nur Diogenes. Wir brauchen uns nicht zu verstecken!“
Apollon schien verdutzt. „Was? Der Penner aus der Tonne, der immer mit seiner Frau streitet?“
„Das ist kein Penner. Er ist sehr weise und ein durch und durch guter Mensch. Meine Mutter sagt das auch.“
„Wenn er so weise ist, warum lebt er dann die Hälfte des Jahres in einer Holztonne? Und was deine Mutter sagt, …“ Um ein Haar hätte sich Apollon verplappert.
Es war kein Geheimnis, dass ein Großteil der Einwohner von Delphi nach wie vor davon überzeugt war, dass Xenia ein sehr seltsamer Mensch war vor dem man sich zu hüten hatte.
Dionysos sah ihn böse an. „Was hast du gegen meine Mutter? Wenn du …“
„Ja, Entschuldigung“, fiel ihm Apollon ins Wort.
„Na ihr zwei … heute das Dach und die Wände?“, rief ihnen Diogenes entgegen, der gerade dabei war sich eine Zigarette anzuzünden. Er blieb stehen, inhalierte tief und sah die Jungs an.
Die beiden Freunde waren verdutzt.
„Jaja, mir entgeht hier nix“, sagte Diogenes. „Habt ihr sehr schön gemacht. Aber passt auf! Ich hab vorhin jemand im Wald rumschleichen sehen. Konnt nich erkennen wer das war … könnt das gemeine Ekel sein, ihr wisst schon wer … also gebt Obacht. Und du Kleiner, sag deiner Mutter n lieben Gruß von mir. Heute erfreuen sich die Himmel an uns!!“, rief er und lief weiter. Eine paar Schritte und einen tiefen Zug von der Zigarette später drehte er sich plötzlich nochmals um. Ihm schien etwas eingefallen zu sein und er kratzte sich an der Schläfe.
„Ach, Dionysos“, er dachte angestrengt nach „… ich hab noch … oder nich? Hä? Egal … HAHAA … wir sehen uns …“
Als Diogenes außer Hörweite war begann Apollon zu lachen: „Ich sag dir, der hat sie nicht mehr alle am Sender! Wie kann man so einen Stuss labern? Und der soll weise sein, sagst du?“
„Lass ihn in Ruhe“, sagte Dionysos leise. Es war eine Eigenart Apollons, jeden zu verurteilen der seine Gedanken nicht klar in Worte fassen konnte. Mitschüler und mitunter sogar manch ein Lehrer hatten dies schon zu spüren bekommen.
Nachdem die beiden sich am Waldrand gegenseitig mit faulem Gras beworfen hatten war ihr Streit jedoch schon wieder vergessen. Als Dionysos sich den letzten Rest Erde aus den Haaren gezogen hatte und wieder Richtung Werkzeug ging, vernahm er deutlich Schritte ganz in ihrer Nähe zwischen den Bäumen.
„Hörst du das auch?“, zischte er Apollon entgegen und sah sich um.
„Was?“
„Da ist jemand!“
„Ich hör nichts!“
Die beiden sahen sich um. Es war nichts zu erkennen und auch die Schritte waren verstummt.
Mit einem Male riss Apollon die Augen weit auf. „Meinst du Orthos verfolgt uns?“, fragte er den ebenso verängstigten Dionysos.
„Wer soll es sonst sein? Aber warum versteckt er sich vor uns? Vielleicht will er uns auf frischer Tat ertappen und wartet bis wir angefangen haben zu bauen.“
Sie setzten sich ins Gras, hielten noch einen Augenblick inne und horchten. Nichts. Nur der Singsang der Vögel und das leichte Rauschen des Windes.
Apollon schien langsam sein Selbstbewusstsein wieder zu erlangen.
„Vielleicht war es auch nur ein Tier … könnte ja sein. Die gibt’s ja hier zu genüge.“
„Ich weiß nicht“, sagte Dionysos „das hat sich für mich nicht nach einem Tier angehört und vergiss nicht was Diogenes gesagt hat.“
„Ach, hör doch endlich auf mit dem … lass uns weitergehen. Ich habe keine Angst vor Orthos“, sagte er stolz und stand auf. „Komm schon! Wir haben heute noch viel zu tun.“
Die Arbeit ließ sie Orthos vergessen. Noch emsiger als am Tag davor nagelten und hämmerten die beiden bis in den Mittag hinein. Als das Dach stand beschlossen sie eine Pause zu machen und ihren Imbiss zu verzehren, der aus belegten Broten und etwas Schokolade bestand.
Die Klarheit des Morgens war vorüber und am Horizont zogen langsam dunkle Wolken auf.
„Eventuell regnet es nachher. Stand auch in der Zeitung“, sagte Apollon mit einem besorgten Blick nach oben.
„Seit wann liest du denn die Zeitung?“, fragte Dionysos. „Ist doch langweilig.“
„Man muss wissen, was in der Welt vor sich geht. Nur der gut informierte Mann kann erfolgreich sein. Ich will mal erfolgreich sein.“
Dionysos musste lachen. „Wie? Erfolgreich? Meinst du reich sein?“
„Das ist dasselbe.“
Ihre Blicke begegneten sich. „Nein, ich glaube nicht, dass das dasselbe ist“, sagte Dionysos.
Sie schwiegen und ließen sich von den restlichen Sonnenstrahlen wärmen als plötzlich wieder ganz in ihrer Nähe laut ein Ast knackte. Dieses Mal hörten beide die Schritte, die sich ziemlich deutlich nach Menschenfüßen anhörten.
Dionysos hatte eine Idee: „Los! Schnell auf den Hochstand.“
In gebückter Haltung liefen sie die zwanzig Meter bis zu ihrem Versteck. Das Werkzeug und den Rest ihres Vespers ließen sie zurück. Auf der Leiter nach oben mussten sie sich durch viele Spinnweben und verirrte Äste kämpfen, die ihnen in den Haaren hängen blieben und ihre Gesichter zerkratzten.
Keuchend oben angekommen blieben sie äußerst unbequem in der Hocke sitzen und lauschten. Wieder nichts. Sie begannen schon über sich selbst zu lachen und wollten gerade wieder den Abstieg wagen als die Schritte wieder begannen. Apollon schloss die Augen. „Oh nein“, flüsterte er verzweifelt. „Er findet uns bestimmt hier oben.“
„Pssst! Sei still!“, zischte Dionysos, doch Apollon schien recht zu haben. Die Geräusche wurden allmählich lauter und kurze Zeit später schien jemand direkt unter ihnen zu sein.
Beiden Jungen pochte das Herz bis zum Hals während sie versuchten keinen Mucks von sich zu geben. Es war wieder still geworden. Dionysos versuchte die große, schwarze Spinne zu ignorieren die nur ein paar Zentimeter vor seinem Gesicht saß. Die Leiter des Jägerstands begann zu knarzen. Jemand stieg nach oben. „Jetzt hat er uns!“, dachte Dionysos. Er erwartete das Schlimmste. Jeden Moment würde das rot angelaufene, wutentbrannte Gesicht von Orthos vor ihnen erscheinen.
Er schloss die Augen und hob die Arme schützend über seinen Kopf …
„Warum versteckt ihr euch vor mir?“
Es war aber nicht die zornige Stimme eines alten Mannes die diese Worte sagte, sondern eine lustige, weibliche. Dionysos öffnete die Augen und sah zum Eingang des Hochstands. Ein brünettes Mädchen stand auf der obersten Sprosse der Leiter; ein Bein frei in der Luft, wippte sie hin und her und sah die Jungen mit großen Augen an. Dionysos schätzte, dass sie etwa in ihrem Alter war …
„Ach, Sophia!!“, rief schließlich Apollon. „Bist du uns die ganze Zeit hinterher geschlichen? Mein Gott …“
Sophia lächelte. „Hab ich euch Angst eingejagt?“, fragte sie und lachte.
Apollon hatte sofort seine Fassung wieder gewonnen: „Ach was, wieso sollten wir denn vor dir Angst haben. HAA!“ Lässig ließ er sich auf den Sitz des Hochstands fallen und schlug die Beine übereinander. „Was schleichst du überhaupt ständig allein im Wald herum?“
„Ich bin nicht allein. Nur heute ausnahmsweise. Ich geh immer mit Anatole spazieren.“
„Wer ist Anatole?“
„Unser Hund, den kennst du doch! Vor dem du immer wegrennst, wenn du ihn siehst …“ Sie lachte erneut. Dionysos starrte sie immer noch wie gebannt an. Erst jetzt hatte er sie erkannt. Sie war Apollon’s Nachbarin und eine Klasse unter ihnen. Schon häufiger hatte er sie gesehen doch noch nie war ihm aufgefallen wie hübsch sie war.
„Kann ich euch mit der Hütte helfen?“ Sophia sprach in vollem Bewusstsein davon, dass die beiden Jungen ihr diesen Gefallen – aus einem Grund den sie noch nicht wirklich verstand – auf keinen Fall verwehren würden. Apollon war sofort Feuer und Flamme: „Aber klar, natürlich! Ist doch kein Thema, oder Dionysos?“ Er blickte zum ersten Mal wieder hinüber zu seinem Freund, der immer noch wie unter einem Bann zu stehen schien. „Hallo? Dionysos? Bist du noch da?“
„Sie? … uns helfen? Mmhh … wieso nicht!?“
„Alles okay bei dir?“, fragte sein Freund. „Du siehst irgendwie seltsam aus.“
„Ja, ja … war gerade nur … egal!“ Dionysos wurde rot. Er spürte, dass Sophia ihn eindringlich ansah und er versuchte ihrem Blick aus dem Weg zu gehen.
„Du bist Dionysos. Ich kenne dich“, sagte sie leise. „Ich hab dich schon ein paar Mal vor Apollon’s Haus gesehen. Unseres ist direkt daneben.“
„Ah … ok.“ Immer noch vermied er es sie anzusehen.
Apollon stand auf. „Also, dann lass uns nach unten gehen und weiter machen. Wenn du uns hilfst schaffen wir es vielleicht sogar noch heute fertig zu werden.“
„Au ja!“, rief sie freudig heraus und sprang galant von dem morschen Hochstand hinunter.
Dionysos sah den Bewegungen ihrer Glieder und dem Wehen ihrer Haare zu. Völlig hingerissen von ihrer neuen Begleiterin wäre er fast von der Leiter gefallen.
Doch mit Sophias Eintreffen schien sich der Bauprozess eher zu verlangsamen. Apollon begann ihr zuerst den kompletten Plan in all seinen Einzelheiten zu erklären und war danach mehr daran interessiert, ihr für jeden noch bevorstehenden Arbeitsschritt das nötige Know-How mitzugeben als selbst weiterzuarbeiten.
Dionysos verbrachte ebenfalls mehr Zeit damit Sophia zu beäugen. Er versuchte zwar den Rest des Dachs zu befestigen, doch irgendwie schien ihm nichts mehr zu gelingen. Seine Bewegungen kamen ihm ungelenk und tölpelhaft vor; ständig ließ er den Hammer fallen und sah zu ihr und Apollon, ob sie seine Dummheit bemerkt hatten.
Gegen vier Uhr begann es zu regnen und die drei packten ihre Sachen zusammen. Das Dach stand, doch klafften noch große Lücken in den Außenwänden. Sie würden noch mindestens einen weiteren Tag brauchen.
Dionysos stand nur ein paar Zentimeter hinter Sophia als sie von ihrer Hütte hinabstiegen. In seine Nase stieg ein angenehmer, noch nie zuvor wahrgenommener Duft. „Waren es frische Blumen, die sie in ihrem Haar versteckt hatte?“, fragte er sich später.
VI
Als Dionysos am Tag darauf erwachte, regnete es in Strömen. Am Baumhaus würden sie heute nicht weiterbauen können und so würde er auch Sophia wahrscheinlich nicht zu sehen bekommen. Den ganzen Morgen lag er im Bett und dachte an den süßen Blumenduft, der ihn noch ein paar Stunden zuvor umwitterte. Nie gesehene Bilder und nie gehörte Melodien machten sich in seiner Seele breit; begleitet von einem seltsamen Gefühl in der Magengegend, dass er nicht einordnen konnte. Er wusste nur, dass es auf seltsame Weise mit diesem Duft zusammenhing. Mit seiner Gitarre konnte er sich nicht ablenken. Nach ein paar müden Akkorden stellte er sie in den Ständer zurück, doch dabei sprang eine merkwürdige Begebenheit aus seinem Gedächtnis hervor, die sich einige Jahre früher ereignet hatte.
Es war ein grauer, nasser Morgen wie dieser. Xenia rief ihn zum Frühstück und offenbarte ihm, dass sie heute mit allen zusammen einkaufen gehen würde.
Dionysos stöhnte während er gleichzeitig versuchte, das Brüllen seiner beiden Schwestern zu ignorieren. Die Familie war damals gerade auf fünf Mitglieder angewachsen. Eirene, die jüngste, noch fast ein Säugling, schrie nach frischen Windeln und Thalia nach mehr Kakao.
Dionysos konnte es nicht ausstehen einkaufen zu gehen. Es hätte ihm nicht so viel ausgemacht, wenn alles in einem kleinen Laden um die Ecke innerhalb von 20 – 30 Minuten hätte erledigt werden können. Aber solch einen Laden gab es in Delphi nicht und sie mussten ins zwölf Kilometer entfernte Tartaros fahren.
Die Hektik der Stadt machte ihm am meisten zu schaffen. Alles war voll mit Menschen, von denen ein jeder den Anschein machte, er würde gerade etwas verpassen. Man lief, rannte und eilte wild durcheinander während man andere anstieß und wieder andere einen anrempelten. Es musste alles schnell gehen: Beim Parken, Bezahlen, Preise vergleichen usw., usf.
Für Dionysos war dieses ganze Schauspiel ein großes, apokalyptisches Rennen ohne Ziel. Etwas, dem man sich eben anpassen musste wenn man in den Straßen sein Glück finden wollte. Oder etwa nicht?
Er nahm nicht einmal die neuen Hosen und die Schuhe wahr, die Xenia für ihn kaufte. „Ist gut“, war seine Antwort auf alle Kleidungsstücke die sie ihm zeigte. Bis zum späten Nachmittag stand er teilnahmslos neben seiner Mutter und Thalia, die scheinbar gar nicht genug Klamotten anprobieren konnten.
Nachdem die drei – Eirene blieb derweil bei ihrer Großmutter in Delphi – jedoch vor einem Musikgeschäft Halt gemacht hatten in dem gerade ein erfahrener Schlagzeuger sein Können zum Besten gab, änderte sich Dionysos’ Laune schlagartig.
Eine kleine Menschenmenge von vielleicht 15 Leuten hatte sich um das Schaufenster des Geschäfts versammelt und alle lauschten den schnellen Samba-Rhythmen.
Es war ein älterer Mann, vielleicht Anfang 60, der hinter den Trommeln saß und aussah, als hätte er nie im Leben etwas anderes getan als Schlagzeug gespielt. Seine Augen waren geschlossen. Der Mund zu einer seltsamen Grimasse verzogen die so gar nicht in den hektischen Stadtbetrieb passte. Sein Spiel schien ohne Überlegung direkt aus ihm heraus zu fließen.
Dionysos war perplex vor Ehrfurcht und Faszination. Er sah die anderen Menschen um ihn herum an. Alle hatten ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht, schienen aber seltsam peinlich berührt von den Grimassen des Schlagzeugers, die im Sekundentakt wechselten. Der Rhythmus ging auf Dionysos Beine über. Er hatte das Gefühl nur er verstünde wirklich, was im Moment in diesem Musiker vor sich ging. Alle anderen waren nur unbeteiligte Zuschauer, die niemals das Geheimnis entschlüsseln, niemals das Band verstehen würden, dass zwischen ihm und dem Mann geknüpft war. Ganz intuitiv begann er mit Kopf und rechtem Fuß mit zu wippen.
Xenia lächelte ihn an. „Wir wollen noch schnell rüber auf die andere Straßenseite in den Supermarkt und Milch holen. Wenn du magst, darfst du hier bleiben und zuhören bis wir wieder da sind.“
„… will ich!“
„Also gut. Aber sei brav lauf nicht weg.“
Sie gab ihrem Sohn noch einen Kuss auf die Wange den Dionysos jedoch gar nicht mehr wirklich spürte. Er hielt sich noch im Zaum bis seine Mutter außer Sichtweite war, dann begannen seine Bewegungen heftiger zu werden und sein ganzer Körper folgte den Trommeln.
Wie der Schlagzeuger schloss er die Augen. Er bewegte sich schnell nach vorne und nach hinten, nach rechts und links. Langsam entwickelte sich eine Art Tanz. Die anderen Zuschauer, die nun schon mehr auf Dionysos als auf den Schlagzeuger starrten, hatte er verdrängt und vergessen. Er nahm nicht einmal war, dass man ihn bereits auslachte. Wild sprang er im Takt umher, vergessend dass er in Tartaros war, dass seine Mutter ihn gleich sehen würde, dass es „sich nicht gehörte“, was er gerade tat, ja überhaupt, dass es einen Dionysos gab.
„Wo sind denn seine Eltern?“, fragte einer der Passanten.
„So wie der ausrastet liegen sie wahrscheinlich aufm Sofa und saufen. Hehe … trinken einen auf ihren Geldgeber … den Steuerzahler … hehe …“, antwortete ein anderer.
Eine füllige Frau mit kurzen blonden Haaren ging schließlich auf den Jungen zu.
„Hör mal du … wo ist denn deine Mama?“ Dionysos schien sie nicht zu bemerken. Ebenso wenig hatte der Schlagzeuger Notiz von dem Schauspiel genommen das sich vor dem Laden abspielte. Gnadenlos donnerten seine Schläge weiter. Inzwischen war Dionysos dazu übergegangen im Kreis zu tanzen, als sähe er ein Feuer, dessen Flammen er mit seinen Bewegungen in den Himmel schicken wollte.
Die blonde Frau packte schließlich seinen Arm um ihn zur Besinnung zu bringen. Das war es jedoch nicht was ihn aus seiner Trance erwachen ließ, sondern nur einen Augenblick davor der laute Schrei von Xenia. Sie kam gerade mit Tüten vollbeladen aus dem Supermarkt und hätte sie beinahe wieder fallen lassen als sie sah was ihr Sohn mitten in der Fußgängerzone veranstaltete.
Eben jener Schrei ließ auch zum ersten Mal den Schlagzeuger aufhorchen, der daraufhin einen Blick aus dem Schaufenster warf und abrupt aus dem Takt fiel.
„Warum hast du mich vorhin so angeschrien, Mama? Ich hab doch nichts Verbotenes gemacht“, fragte Dionysos später im Auto nachdem er lange geschwiegen hatte.
„Nein, es ist nicht verboten. Aber manche Dinge soll man einfach nicht tun. Und das gehört dazu! Man darf sich vor anderen Leuten nicht so aufführen, sonst respektieren sie einen nicht mehr.“ Xenia war sich durchaus bewusst, dass ihr Sohn nichts schlimmes getan hatte und doch wollte sie ihn davor bewahren, sich nochmal öffentlich so aufzuführen. Sie dachte an sich selbst. Sie kannte die Menschen …
„Wieso nicht?“
„Du hast doch gesehen wie sie dich ausgelacht haben; das willst du doch nicht, oder?“
Er schwieg den Rest der Fahrt. Zu Hause angekommen warf er seine neuen Sachen aufs Bett und spielte bis zum Abendessen Gitarre …
Mit einem Lächeln auf den Lippen strich er über die Saiten. „Aus welchem Grund klappte es heute nicht sich mit der Musik abzulenken, so wie damals vor dem Geschäft; ja einfach so in die Musik hinein zu gleiten und sich zu verlieren?“, fragte er sich schließlich immer noch auf dem Bett liegend. Etwas noch kraftvolleres hatte sich seiner bemächtigt …
VII
In den nächsten beiden Tagen schafften es Dionysos, Apollon und Sophia tatsächlich das Baumhaus fertig zu bauen und sie alle freuten sich auf einen langen, heißen Sommer den sie in den kühlen Wipfeln des Waldes verbringen konnten.
Das einzige was noch fehlte war die Tür. Petros hatte zu Hause in der Garage die Scharniere angebracht und alles was noch getan werden musste war das fertige Teil einzuhängen.
Dionysos kam sich blöd vor als er die schwere Tür schleppend hinter Sophia und dem im Erklären nie müde werdenden Apollon her lief (warum hatte er sich nur freiwillig als Träger gemeldet und jede Hilfe abgelehnt?).
Am Baumhaus angekommen ging er schnurstracks tiefer in Wald ohne seine beiden Begleiter zu beachten. Er musste dringend seine Blase entleeren und war außerdem verwirrt von den ganzen Gefühlen, die in den letzten paar Minuten wie ein Hagelschwarm auf ihn einprasselten.
Sollte er sich nicht für Apollon freuen? Und wenn er sein Freund war, wieso hatte er dann das Bedürfnis den nächstbesten Stock zu packen und ihn ein paar Mal auf dessen Schädel niedersausen zu lassen. Sophia würde dann einfach vergessen, dass es ihn gegeben hat und sie wären zu zweit glücklich bis ans Ende aller Tage …
Ach, alles nur Hirngespinste! Es kommt wie es kommen muss. Wenn sie sich lieben wollen, dann sollen sie sich lieben! Aber wieso hatte er dann das Gefühl, dass er viel mehr für Sophia empfand als Apollon? Wieso war das ungerecht? Wieso hatte er das Gefühl, dass es Apollon lediglich darum ging auch sie überall zu berühren und dann damit vor den Klassenkameraden anzugeben?
Und der schlimmste Gedanke war die Möglichkeit, dass ihr das überhaupt nichts ausmachte …, dass sie vielleicht genau das wollte; dass er sie nie davon überzeugen konnte, dass seine Gefühle richtiger waren als Apollons … was auch immer das bedeuten sollte.
Dionysos hatte jedoch keine Zeit, seine Gedanken zu ordnen denn ein lautes Brüllen ließ ihn aufschrecken.
„SO! HAB ICH EUCH ERWISCHT!!!“ Die Stimme kam ihm schrecklich bekannt vor. Sie kam vom Baumhaus. Rasch machte er seine Hose zu und rannte zurück.
„Hab doch gewusst, dass ihr hier irgend n Unsinn macht … unseren schönen Wald verschandeln, ihr kleines Gesindel! Na warte, euch werd ich helfen …“
„NEIN!“, hörte er Apollon rufen.
Dionysos konnte schon von weitem den grünen Anglerhut und die massige Gestalt von Orthos erkennen. Er stand gegenüber von Apollon und beide hatten ein Ende ihrer neuen Tür in den Händen.
„Lass los, du kleiner Drecksack oder ich mach’ dir Beine!!“
„Die haben wir ganz neu gebaut!“, krächzte Apollon und sah seinen Gegenüber mit einer Mischung aus Angst und Verwirrung an.
Orthos Gesicht war rot angelaufen und von Wut verzerrt. Er schnaubte mit seiner von Pusteln besetzten Säufernase und stieß Apollon die Tür mit voller Wucht in den Magen.
„WAS? Du hast sie wohl nicht alle! Mach gefälligst was ein Erwachsener dir sagt“, schrie er während Apollon stöhnend zu Boden ging. Sophia stand wie festgefroren mit der Säge in der Hand da. An ihren vor Schreck geweiteten Augen liefen stumme Tränen hinab.
„Ich sollt zur Polizei gehen ihr kleinen Dreckskerle! Wo ist der andere? Der Schwarzhaarige! WO??“
Viele andere Menschen in seinem Alter hätten sich wohl versteckt und wären nie auf die Idee gekommen es zu einem Kampf kommen zu lassen; nicht so jedoch Dionysos.
Eine nie gekannte Welle des Zorns überkam ihn. Er rannte immer noch; genau auf Orthos zu. Sicher würde er gegen ihn verlieren, Schläge bekommen, doch in diesem Moment war ihm alles egal.
Orthos, der immer noch dabei war Apollon anzuschreien sah zu spät, dass jemand im Sprint auf ihn zu kam.
„DA! Du kleiner …“, bekam er gerade noch hinaus als ein Knie ihn mit voller Wucht auf die Brust traf. Dionysos hatte eigentlich auf sein Gesicht gezielt doch der Sprung war nicht hoch genug. Orthos fiel um und stieß ein Brüllen aus während Dionysos im Purzelbaum über ihn hinüber rollte und im nächsten Gebüsch landete.
Bevor er sich jedoch wieder fassen konnte, zog ihn eine kräftige Hand an den Haaren nach oben.
Ein Schrei entfuhr ihm als Orthos ihn aufrichtete und ein stechender Schmerz durch seinen linken Knöchel fuhr. Beinahe wäre er wieder umgefallen, aber die Pranke die seine Haare umklammerte hielt ihn oben. Orthos’ Gesicht war nur ein paar Zentimeter von seinem entfernt. Sein Hut war ihm vom Kopf gefallen und offenbarte die Glatze, auf der nur noch ein paar wenige, dunkle, fettige Strähnen zu sehen waren.
„So … Mit euch muss man also andere Seiten aufziehen, wie?“, flüsterte er keuchend und Dionysos roch seinen ekelhaften Atem.
„Lass ihn in Ruhe“, kam es in zitternden Lauten von Sophia.
„Schnauze, blödes Gör, sonst komm ich gleich zu dir!“ Er wandte sich wieder Dionysos zu, der einen erneuten Schrei ausstieß. Das Brennen im Knöchel wurde unerträglich. Er kippte zur Seite doch Orthos’ Faust hielt ihn oben.
„Wird Zeit, dass euch mal jemand Manieren beibringt. Wie heißt du kleiner Bastard?“ Dionysos gab ihm keine Antwort; versuchte nur den Schmerz zu kontrollieren und dem Scheusal direkt in die Augen zu sehen. Warum das wichtig war begriff er nicht; er tat es ganz intuitiv als gäbe es keine andere Möglichkeit.
„WIE HEIßT DU?“, schrie der Alte nun völlig außer Kontrolle und Dionysos wurde an seinen Haaren hin und her geschüttelt. Wieder antwortete er nicht. Das dicke Gesicht vor ihm bekam nun endgültig psychopathische Züge: ein leerer Ausdruck fern aller Menschlichkeit lag in Orthos’ weit aufgerissenen, kalten Augen während seine Gesichtsfarbe mit jeder Sekunde dunkler wurde.
Mit seiner freien Hand holte er weit aus. Er ließ sie auf Dionysos’ linke Gesichtshälfte knallen und schmiss ihn zurück in das Gebüsch aus dem er ihn gezogen hatte.
Schwer schnaufend hob er zuerst den mit Schweiß- und Ölflecken beschmutzten grünen Anglerhut und dann die Türe für das Baumhaus auf. Er sah sich um und hielt dann inne, als würde er erst jetzt begreifen was er gerade getan hatte. Orthos war es nicht gewohnt, dass Kinder solchen Widerstand leisteten. Normalerweise rannten sie weg wenn sie ihn sahen. Spätestens wenn er einen von ihnen in die Hände bekam ging das Betteln und Flehen der kleinen Angsthasen los. Aber dieser hier war anders. Direkt in die Augen hatte er ihm gesehen ohne die leiseste Spur der Verängstigung.
Doch Orthos beschäftigte sich nur kurz mit diesem seltsamen Gedanken. Er hatte erreicht was er wollte und seine Miene wurde wieder steinern.
„So, das wird mein Feuerholz für heute Abend“, sagte er mit einem Blick auf die Tür. „Jeden Tag komm ich jetzt her und nehm’ ein bisschen was von der Hütte mit. Wenn ich noch einmal einen von euch hier seh’, geh ich sofort zur Polizei. Lasst euch das eine Lehre s…“, ein Hustenanfall unterbrach ihn. Nach einigen Sekunden zog er den Rotz aus den Tiefen seiner Kehle und spuckte ihn genüsslich auf den Boden. Mit einem verächtlichen, drohenden Blick auf Sophia und den immer noch am Boden liegenden Apollon verabschiedete er sich und ging hustend aber gemächlich zurück Richtung Delphi.
Langsam begann Sophia ihre Glieder wieder zu spüren. Die Zeit schien still zu stehen. Der ganze Moment hatte etwas surreales, als wäre das eben geschehene lediglich die Ausgeburt einer dunklen Phantasie. Sie blickte um sich, noch immer mit der Säge in der Hand. Apollon drehte sich mit einem gequälten Gesichtsausdruck auf den Bauch.
„Ist es schlimm?“, fragte sie ihn, ging jedoch schon Richtung Dionysos der noch immer im Gebüsch verborgen war.
„Es geht. Vielleicht eine Rippe gebrochen.“ Hier muss ich anmerken, dass seine Rippen alle in bestem Zustand waren. Der Leser kann sich denken warum Apollon so geantwortet hat.
„Der will zur Polizei gehen? Was für ein Monster! Unsere schöne Türe. Und jetzt will er unser ganzes Baumhaus verbrennen. Wir gehen sofort zur Polizei. Und zu unseren Eltern.“
„Nein, das werden wir nicht!“, kam eine Stimme aus dem Gebüsch. Ein Blätterrauschen und Stöhnen war zu hören und Dionysos stand wieder vor ihnen. Seine linke Gesichtshälfte war blutüberströmt und begann bereits dick anzuschwellen. Er hinkte zu Apollon und ließ sich neben ihm ins Gras fallen.
Sophia rannte an seine Seite und Dionysos sah ihr in die Augen. Es war das erste Mal, dass er sie anblickte und nicht nervös wurde. Ihre Schönheit und die Wärme ihrer Augen ließen ihn seine Wunden sofort vergessen. Er lächelte. „Alles ok. Ich bin nur umgeknickt.“
„Und was ist mit deinem Gesicht? Du musst zum Arzt.“
„Sieht schlimmer aus als es ist. Tut fast gar nicht weh. Ich wasch nachher alles aus und lege ein bisschen Eis darauf.“
Apollon sah seinen Freund entgeistert an. „Hallo? Wieso sollen wir nicht zur Polizei oder unseren Eltern gehen? Das ist Körperverletzung was der macht. Wie kann man nur so mies sein!? Wir müssen was gegen ihn unternehmen.“
Dionysos schaute in den Himmel. „Richtig. Wir müssen etwas gegen den unternehmen aber nicht unsere Eltern oder die Polizei. Und ich glaube ich weiß auch schon was …“
VIII
Dionysos machte ein Geheimnis aus seinem ‚was‘. Weder mit Apollon noch mit Sophia oder sonst wem sprach er darüber, nachdem er all seine Überzeugungskünste aufbringen musste seine Freunde davon zu überzeugen, die Geschichte, die sich an ihrem Baumhaus zugetragen hatte, vorerst niemandem zu erzählen. Er wolle warten „bis zur Zusammenkunft“.
Zusammenkunft ist vielleicht eine übertriebene Bezeichnung für ein Treffen von ein paar Kindern und Jugendlichen in Delphi, doch mir erschien es hier wichtig Dionysos eigenen Wortlaut wiederzugeben. Denn wir nähern uns einem wichtigen Punkt in seiner Geschichte, den manche auch als die Wende vom „Sonderling“, zum „Wahnsinnigen“ bezeichnen.
Meine Absichten sind nichts dergleichen aber dennoch kann nicht abgestritten werden, dass nun ein Teil seines Wesens zum Vorschein kam der zuvor für den weniger aufmerksamen Betrachter gewiss im Verborgenen lag.
Dionysos ließ seine vor Neugier und, in Apollons Fall, Missmut brennenden Freunde wissen, dass sie sich am Freitag Nachmittag um 15 Uhr im Stadion von Delphi einzufinden hatten. Es würden noch mehr Leute kommen und jeder solle ein Spielzeug mitbringen das nicht mehr gebraucht wurde.
Xenia glaubte ihrem Sohn nicht als er ihr erzählte, er sei vom Baumhaus gefallen und hätte deswegen ein so zerstörtes Gesicht. Nicht aufgrund der Verletzungen sondern an der Art wie er die Geschichte erzählte. Sie versuchte ihren Sohn im Auge zu behalten, doch der schien nur noch mehr Zeit außerhalb seines Zuhauses zu verbringen. Völlig beunruhigt rief sie bei Apollon’s Mutter Leto an die ihr dieselbe Version des Unfallhergangs berichtete. Xenias Misstrauen wuchs jedoch nur noch weiter denn Apollon war zu Hause und lernte. Wo war dann ihr Sohn? Was tat er? Und mit wem verkehrte er?
„Wo bist du gewesen?“, überfiel sie ihn, kaum dass die Tür ihres Hauses ins Schoss gefallen war.
„Unterwegs, Mama.“ Er sagte dies jedoch nicht in gestresstem Ton und abgewandten Blick, wie es häufig in solchen Situationen vorkommt, sondern sanft und seiner Mutter direkt in die Augen schauend. Sie konnte nicht hart bleiben, lief auf ihn zu und nahm ihn in dem Arm.
„Ist wirklich alles gut bei dir, mein Kind?“ Sie wollte ihn nicht mit dem Vorwurf der Lüge konfrontieren; ihn nicht bloßstellen. Manchmal, das wusste sie, war es notwendig zu lügen um nicht zu verletzen.
„Ich hab bei Leto angerufen. Da warst du nicht. Was hast du gemacht?“
„Ich war allein spazieren und dann ein paar Klassenkameraden besuchen. Es ist alles ok bei mir.“
„Wieso gehst du allein spazieren?“
„Ich mag die Natur … bin gerne alleine mit ihr …“
Xenia konnte es sich nicht verkneifen bei einigen seiner Schulkameraden anzurufen. Tatsächlich erzählte so mancher, Dionysos sei da gewesen. Hatte er vielleicht wirklich die Wahrheit gesagt?
Einen Teil davon bestimmt.
An besagtem Freitag um zwanzig Minuten vor drei – der Vorfall am Baumhaus war schon fast eine Woche her – läutete die Klingel in Petros’ und Xenias Haus.
Dionysos hörte die Stimme seines Vaters. „Junge, komm runter. Besuch für dich.“
Wer konnte das sein? Jetzt durfte nichts mehr dazwischen kommen. Es war alles perfekt ausgearbeitet. Sein Herz machte einen Hüpfer als er sah wer in der Tür stand.
Sophia mit einer alten Plastiktrompete in der Hand. Das nach oben gesteckte Haar offenbarte ihre hohe Stirn und ließ ihre Augen nur noch größer wirken. Jeder Millimeter ihres hübschen, von reiner Haut überzogenen Gesichts strahlte ihn an. Wie auf Kommando rief ihm wieder jemand ins Gedächtnis wie ungelenk und unbeholfen seine Schritte waren; wie dämlich seine Arme beim Hinuntergehen der Treppe hin und her schwenkten und wie komisch wohl sein Gesichtsausdruck sein musste.
„Ich wollte dich zur Zusammenkunft abholen. Apollon ist schon vorgegangen.“ Sie schien sehr aufgeregt und neugierig.
„Alles klar, ich geh nur noch schnell etwas holen“, sagte er. „Warte vor der Tür auf mich.“
Petros ahnte glücklicherweise nichts und war geistig noch bei die Wolken das er gerade las. „Zusammenkunft? Ja … viel Spaß. Bis heute Abend und kommt nicht zu spät“, sagte er abwesend und war schon im wieder auf dem Rückweg ins Wohnzimmer.
Einen Augenblick später kam Dionysos mit einer riesigen Tüte aus dem Garten hervor.
„Was ist da denn drin“, fragte Sophia. Dionysos drehte sich zur Haustür um.
„Psst. Nicht zu laut. Hab ich vor paar Tagen bei meinem Opa mitgehen lassen. Meine Eltern dürfen nichts davon mitbekommen. Beeilen wir uns.“ Er schloss die Tür leise und beide gingen schnellen Schritts den Dodona-Hügel hinunter. Nach einigen Metern fühlte sich Dionysos sicher und sie verlangsamten ihren Gang.
„Da ist Holz drin. Wir werden ein kleines Feuer machen“, sagte er voller Freude.
„Wieso machen wir ein Feuer? Und was willst du uns eigentlich sagen?“
„Kommt alles später.“
„Das war echt mutig von dir, was du letztes Wochenende gemacht hast.“
„Danke.“ Mehr brachte er vorerst nicht heraus. Nicht nur ihre Worte entfachten ein Feuerwerk in ihm. Es war das erste Mal, dass er allein mit Sophia war. In seinem Bauch machte sich das bekannte, seltsame Gefühl breit. Er konnte nicht entscheiden ob es ein gutes oder ein schlechtes war, aber es ließ ihn für kurze Zeit alles unbedeutende vergessen; das Gestern und das Morgen verschwanden einfach in ihren schönen braunen Augen. Dieses Gefühl erhob ihn in eine andere Welt für die unsere hiesigen Bewertungsmaßstäbe keinen Ausdruck kennen. Es gab nur sie und ihn. Nur sie beide, wie sie gerade durch eine schöne, behaglich anmutende Dorfstraße schlenderten, wie sie so häufig in Delphi anzutreffen sind. Doch so schön das Singen der Vögel, das Blüten der Pflanzen oder die Wärme der Sonne war; nichts davon war mit Sophia vergleichbar.
Angestrengt dachte Dionysos nach, was er ihr wohl tolles erzählen konnte, ganz nach der Kunst in der Apollon ein Meister zu sein schien. Ihm fiel nichts ein …
„Apollon sagt, dass du ein richtig guter Gitarrenspieler bist“, begann sie wieder das Gespräch.
„Ich glaub ich bin nicht schlecht. Aber ich muss noch viel üben.“
„Spielst du mir mal was vor? Er hat gesagt, du kannst auch singen.“ Die doppelte Erwähnung von Apollon versetzte ihm einen leichten Stich. Doch sie hatte ein Thema angeschnitten indem er sich auskannte:
Er begann ihr vom Gitarre spielen und der Musik vorzuschwärmen. Von Künstlern die er bewunderte; die in seinen Augen den Menschen die größten aller Geschenke gemacht hatten.
„… weißt du warum Musik das Beste ist, was wir haben?“ Seine Augen glühten Sophia an.
„Weil jeder die Musik liebt; wirklich jeder! Der Arme wie der Reiche; der Kranke und der Gesunde; Mann, Frau; Nord- oder Südprovinzler; Baby oder Rentner … egal! Wenn man ein Lied oder eine Melodie hört die man liebt, dann herrscht für kurze Zeit Frieden in dir. Sonst gibt es das nicht. Den Armen lenkt die Musik davon ab ständig darüber nachzudenken wie er zu Geld kommen könnte; dem Reichen nimmt sie für kurze Zeit die Angst sein Vermögen zu verlieren oder es nicht mehr zu vermehren. Der Gesunde kann mit der Musik seine Gesundheit wieder voll genießen, der Kranke seine Krankheit vergessen …“
Und so fuhr er fort auf dem ganzen Weg bis zum Stadion. Sie waren so in das Gespräch vertieft, dass sie gar nicht wahrnahmen, dass es bereits eine Viertelstunde nach drei Uhr war. Alle 20 Kinder bis auf drei, die Dionysos die letzten Tage besucht hatte, saßen und standen schon auf der sandigen Laufbahn. Früher wurde sie oft für Wettkämpfe verwendet, wie Wettrennen, Weitwurf usw., doch nachdem der Staat neue Richtlinien für sportliche Ereignisse eingeführt hatte, die Stadtverwaltung von Delphi sich jedoch weigerte das Stadion für teures Geld aufrüsten zu lassen, war es dort die meiste Zeit menschenleer. Nur ab und an sah man Spaziergänger oder ein paar Jugendliche, die sich heimlich betranken.
Man muss sich jedoch darüber wundern, denn es war ein wirklich schöner, fast schon idyllischer Ort. Die Laufbahn, die circa 200 Meter lang und 30 Meter breit war, wurde von einem immer noch penibel gepflegten Rasen umschlossen, der ganz sanft nach außen hin anstieg und so etwas wie eine Tribüne bildete. Um diesen wiederum wuchsen viele Eichen, Kiefern und Birken, die den genannten Jugendlichen ein gutes Versteck boten.
Ein riesiges hölzernes, mit Mustern verziertes Schild thronte am Ende der Sandbahn. In geschwungenen Lettern stand geschrieben:
Nur wer stärket Bein und Arm
hält den Leibe seiner Seele warm
Und nur warmen Herzens Gunst
ist des Menschen größte Kunst
„Wo wart ihr denn so lange?“, rief ihnen schon von weitem Apollon entgegen. Auch die anderen erhoben sich. Fast alle waren aus Dionysos’ Schulklasse.
„Mmmhh … das blöde Holz war so schwer“, log er und schielte mit einem Seitenblick auf Sophia. Sie grinste und Dionysos freute sich insgeheim über die Eifersucht im Gesichtsausdruck Apollons.
„Was willst du jetzt eigentlich?“, rief ein anderer Junge mit roten Haaren, die ihm halb über den Augen hingen. „Warum machst du so ein Geheimnis aus der Geschichte? Und wieso sollen wir ein Spielzeug mitbringen? Zum verbrennen?“
„Genau.“ Die Entschlossenheit in Dionysos’ Miene ließ den Jungen verstummen. „Aber helft mir erst einmal mit dem Feuer. Dann erzähl ich euch um was es geht.“
Da aber plötzlich aus heiterem Himmel ein Fußballspiel begann und Dionysos den Zunder vergessen hatte, verzögerte sich der Beginn der Ansprache erheblich (der Zunder lag eigentlich bereits seit zwei Tagen unter Dionysos’ Bett … wäre doch Sophia nicht so unerwartet erschienen).
Als schließlich inmitten der Laufbahn eine ansehnliche Flamme brannte, setzte bereits die Dämmerung ein. Schwer atmend und schwitzend setzten sich die Kinder im Kreis um das Feuer herum. Eine leichte Frühlingsbrise durchdrang ihre nassen Haare und allmählich machte sich Stille breit. Alle starrten auf Dionysos, der noch als einziger auf den Beinen war. Es war ein mystischer, fast magisch anmutender Moment:
19 Kinder, die in einem verlassenen Stadion bei Sonnenuntergang zwischen Bäumen um ein Feuer sitzen. Elektrizität lag in der Luft!
IX
Dionysos blickte alle scharf an. Obwohl er, wie bereits erwähnt, für leicht wunderlich und seltsam befunden wurde („Is ja kein Wunder … bei der Mutter …“), genoss er trotz dessen von seiner Umwelt einen gewissen Respekt. Allein schon deswegen, weil er der beste Freund von Apollon war, dem stärksten und cleversten der gesamten siebten Klassenstufe. Doch da war noch etwas anderes das die meisten nur unterbewusst ahnten und vermuteten. Einen Teil davon sollten sie in den nächsten Tagen kennenlernen.
„Ich sage es jetzt erst einmal kurz und knapp“, begann er. „Diese Zusammenkunft findet heute statt um das alte Ekel Orthos ein für alle Mal fertig zu machen.“ Daraufhin ertönten von überall her spöttische Töne und ein paar Lacher:
„Bist du verrückt? Wie willst du das denn machen?“
„Pass mit dem bloß auf, der macht dich richtig fertig!“
„Wenn die Erwachsenen es nicht geschafft haben, wie sollen es dann wir erst hinbekommen?“
„Hab doch gewusst, dass du n Dachschaden hast, Dionysos.“
„Naja, wenigstens haben wir ein gutes Fußballspiel gehabt.“
„Reicht’s noch für eins bevor es ganz dunkel wird?“
„Jetzt lasst mich doch erst einmal erklären …“, unterbrach Dionysos das Stimmengewirr. „Nur weil unsere Eltern oder irgendjemand anders in Delphi das nicht hinbekommen hat, heißt das noch lange nicht, dass wir es nicht schaffen. Und fertig gemacht hat er uns auch schon … ihr seht ja mein Gesicht. Das ist sein Werk. Er hat uns im Wald erwischt und verprügelt als wir gerade dabei waren unser Baumhaus fertig zu bauen. Das Haus, versprach er, würde zu Brennholz werden und wenn er uns nochmal erwischt, können wir bei der Polizei antanzen.“ Wieder ertönten viele Stimmen durcheinander.
„Wenn ihr mir allerdings helft, dann können wir ihm sein Leben zur Hölle machen. Nächste Woche haben wir noch Ferien und jeder hat Zeit. Ich habe einen Plan ausgearbeitet, den ich euch jetzt vorstellen werde. Wer dabei ist, wirft sein Spielzeug ins Feuer und besiegelt den Pakt. Wir werden alles geben was wir haben und all unseren Mut zusammen nehmen …“
„Warum zum Geier sollen wir unser Spielzeug ins Feuer werfen?“, fauchte eine hakennasige Blondine vernehmlich. „Kannst du mir sagen, was das für einen Sinn haben soll?“
Dionysos lächelte. „Ihr werdet den Sinn nicht verstehen aber ihr werdet ihn fühlen … ich glaube nicht, dass man so etwas mit Worten erklären kann. Deswegen habe ich auch bis jetzt darüber geschwiegen. Wenn ihr hier mit mir seid, begreift ihr vielleicht eher die Notwendigkeit unseres Vorhabens. Denkt nur alle mal daran, was er uns über die Jahre angetan hat. Ich bin mir sicher, dass hier keiner sitzt, dem er noch nie Angst gemacht hat. Und wenn wir nie etwas derartiges unternehmen, dann wird das Ekel für den Rest seines Lebens die Kinder von Delphi quälen.“ „Hallo?“, unterbrach sie ihn wieder „Schau doch mal dein Gesicht an! Das ist Körperverletzung. Und du hast zwei Zeugen!“
Dionysos begann nun aufgeregt zwischen dem Feuer und dem Kreis der Kinder auf und ab zu laufen.
„Und was wird dann passieren? Ich oder meine Eltern zeigen ihn an, er bekommt eine Strafe und verbüßt sie. Was auch immer das dann sein wird … eine Geldstrafe oder zwei Monate auf Bewährung. Dadurch haben wir aber nichts gewonnen außer das Orthos mehr Respekt vor dem Gesetz hat. Er soll aber Respekt vor uns haben.“ Dionysos hielt inne und blickte eindringlich in die Runde. „Und das schaffen wir nur wenn wir ihm selbst unsere Stärke zeigen. Und das geht nur wenn wir alle zusammenarbeiten.“
Stille in der Runde. Nur das Lodern der Flammen und Knacken des Holzes war zu hören.
„Also, dann erzähl uns mal deinen Plan.“
Dionysos fühlte sich unglaublich lebendig. Er spürte ein Feuer in sich brennen das er so noch nie gefühlt hatte … außer vielleicht beim Musizieren.
„Okay, ich habe die ganze Woche nichts anderes getan als Orthos beobachtet. Zum Glück scheint er bis jetzt zu faul gewesen zu sein unser Baumhaus weiter kaputt zu machen. Auch unsere Türe steht noch ganz in seiner Scheune.
Er steht immer gegen neun Uhr auf. Danach sitzt er bis zum Mittagessen in seinem Kabuff, sieht fern, trinkt literweise Kaffee und raucht Kette. Um ein Uhr ruft ihn seine Schwester zum Mittagessen. Hierzu trinkt er sein erstes Bier. Darauf folgt die Zeit in der wir zuschlagen werden: Nach dem Essen geht er nach draußen und streunt durch das Dorf; jeden Tag bis vier oder fünf Uhr. Und es ist nicht nur sein Ruf der so schlimm ist. Er macht wirklich nichts anderes als blöd durch die Gegend zu laufen. Anschließend sitzt er wieder vor dem Fernseher, trinkt aber jetzt Bier anstatt Kaffee. So um halb Sieben isst er zu Abend; übrigens manchmal allein, manchmal mit der Familie seiner Schwester, je nachdem wie er sich bei dem Male zuvor verhalten hat. Danach geht er entweder zu seinem Flimmerkasten zurück oder spielt an den Automaten in Oinos’ Bar. Spätestens um elf Uhr sitzt er zu Hause und trinkt sich ins Delirium. Wenn man ihn nicht kennen würde, könnte man direkt Mitleid mit dem Dreckskerl haben. Es ist das langweiligste Leben das man sich nur vorstellen kann. Und ich habe mir nun folgendes überlegt …“
Dionysos hatte seinen Racheplan bis in die kleinsten Details ausgearbeitet. Vielleicht sogar etwas zu penibel, aber wenn einem eine Sache so viel Vergnügen bereitet muss der Zweck nicht mehr unbedingt außerhalb ihrer liegen.
Gebannt hörten ihm seine Freunde und Klassenkameraden zu.
„Also“, sprach Dionysos mit glühenden Augen, „wer ist dabei?“
Stille. Inzwischen hatte sich die Sonne hinter den Horizont verkrochen und die Kinder waren umgeben von Dunkelheit. Zuerst regte sich niemand. Und schließlich kam das erste Wort von Apollon. Vielleicht hatten alle anderen nur darauf gewartet, dass er etwas sagen würde.
„Ich weiß nicht … das ist ziemlich leichtsinnig und gefährlich. Zum einen bekommen wir Ärger mit dem Gesetz wenn jemand fremdes davon erfährt und zum anderen ordentlich Prügel von Orthos wenn er uns in die Finger bekommt. Schau doch wie du aussiehst, Dionysos! Beim nächsten Mal landest du wahrscheinlich im Krankenhaus.“
Zustimmendes Gemurmel machte sich breit. Dann war wieder alles ruhig. Dionysos sah auf den rot schimmernden Sand unter seinen Füßen. Seine Hoffnung begann bereits zu schwinden als plötzlich eine Plastik-Trompete in die Flammen flog.
„Ich bin dabei!“ Sophia war aufgesprungen und stellte sich entschlossenen neben Dionysos. Wärme begann sein Herz zu überfließen als er sie ansah und beinahe wären ihm sogar Tränen gekommen.
„Ich auch!“, meldete sich der rothaarige Junge von vorhin und warf einen Plüsch-Clown ins Feuer.
Daraufhin folgten ein auseinanderfallender Laster, eine Schaufel, eine dreckige Stoffpuppe, ein Tischtennisschläger, eine Quietsche-Ente, ein Auto, der Federschmuck eines Indianers und eine Plastik-Pistole. Es fing an schrecklich zu stinken und eine riesige Rauchwolke umnebelte die Kinder.
Alle standen nun um Dionysos bis auf Apollon, einen lockigen Jungen namens Krotos, eine Gruppe von 5 Kindern, die sich um die hakennasige Blonde versammelt hatte und einen griesgrämig drein blickenden Jungen mit strengem Seitenscheitel und Cordhose. Einzig bei Krotos erscheint mir die Erwähnung des Namens wichtig. Wir werden später noch einiges von ihm hören.
„Also wir machen bei so was nicht mit“, sagte die Blonde hochnäsig. „Ihr seid ja verrückt geworden. Los gehen wir! Wir müssten schon längst zu Hause sein.“ Sie sprang auf und die vier anderen folgten ihr.
„Ich gehe mit ihnen“, sagte der Junge mit der Cordhose und schon war auch er verschwunden.
Dionysos sah Krotos an. Er vermied es noch sich Apollon zuzuwenden.
„Was ist mit dir?“, fragte er.
Krotos malte verlegen Figuren in den Sand. „Ich würde schon gerne mitmachen, aber ich habe mein Spielzeug vergessen …“ Ein paar Kinder lachten.
„Krotos du Trottel … mal wieder typisch!“
Dionysos machte schon den Mund auf und wollte etwas sagen, doch Krotos sprang auf einmal auf, riss sich sein T-Shirt vom Leib und warf es ins Feuer, ganz so als wäre er gerade eine böse Krankheit losgeworden.
„Geht das auch???“, schrie er schon fast und wartete keine Antwort ab, sondern rannte direkt in den Haufen seiner Freunde hinein, die schon allesamt in wildes Gelächter über ihn ausgebrochen waren.
So war nur noch Apollon übrig. Abwechselnd sah er Dionysos und Sophia verständnislos an. Er hatte einen Teddybär dabei, an dem an sämtlichen Gliedern die Wolle herausquoll.
Schließlich nahm auch Dionysos den hölzernen Weihnachtsmann dem ein Bein fehlte und übergab ihn den Flammen. Gespannt erwartete er was Apollon tun würde. Wieder waren alle still.
„Ach was soll’s.“ Und auch der Teddybär landete im Feuer.
Die Kinder stürmten auf Apollon zu, umarmten ihn, johlten und brüllten als gäbe kein Morgen. Sie sangen und tanzten um das Feuer. Es war ein sternenklarer Abend und der leichte Wind wehte ihre Rufe und Lieder bis in die Ohren der Rentner in Delphi, die gerade gemütlich auf der Terrasse saßen.
„Wir sind viel mehr als ich gedacht hatte“, keuchte Dionysos fröhlich, nachdem sich die Gemüter wieder beruhigt hatten. „So können wir es auf jeden Fall schaffen. Also morgen wieder selbe Zeit, selber Ort?“
Jeder war einverstanden. „DANN BIS MORGEN!“, schrie er und alle rannten sie wie von einer blinden Kraft ergriffen unter den dunklen Bäumen hindurch nach Delphi zurück.
Dionysos war überglücklich. Noch nie hatte er sich so lebendig gefühlt. Manch einer wird sich vielleicht darüber wundern, wie viele seiner Freunde gleich von Anfang an dabei waren, doch seien Sie ehrlich … wie schwer ist es Kinder zu Unfug anzustiften?
X
Als Orthos am darauffolgenden Sonntag erwachte, war er, was bei ihm eine Seltenheit war, glänzender Laune. Er hatte gestern 200 Drachmen an den Automaten gewonnen und für die nächsten Wochen sollte er keine Geldsorgen haben.
Bis zum Mittagessen konsumierte er seine üblichen Mengen an Kaffee und Tabak, beschwerte sich danach bei seiner Schwester über das verkochte Gemüse und gab dem Hofhund für seinen Ungehorsam ein paar Tritte in die Rippen mit. Es schien ein perfekter Tag zu werden …
Auch der übliche Spaziergang gestaltete sich äußerst unterhaltsam: Eine alte Frau wäre beinahe in einen Laternenpfahl gefahren nachdem er sie durch das Autofenster hindurch wegen Falschparkens angepöbelt hatte. Es konnte ja nicht angehen, dass die Leute ihre Autos überall abstellten wo es ihnen passte! Zwei Mal fiel ihm ein rothaariger Junge in den Gärten auf, der ihn von weitem zu beobachten schien. Doch sobald er sich zu nähern begann, verschwand das Kind.
So musste es sein, dachte er sich. Die Jugend sollte endlich wieder Ehrfurcht vor den Erwachsenen, insbesondere vor ihm, bekommen. Bald würde er auch das Baumhaus dieser drei ungezogenen Bengel auseinander nehmen die es gewagt hatten sich mit ihm anzulegen …
Wieder zu Hause angekommen änderte sich Orthos’ Laune jedoch schlagartig. Es war kein Bier mehr im Haus. Hatte er gestern Abend nicht noch einen halbvollen Kasten in der Küche stehen gehabt? Zuerst begann er an seiner eigenen Erinnerung zu zweifeln, die ihn in solchen Fällen des Öfteren im Stich ließ. Doch dann …
„GALATEIA!!“
Seine Schwester kam einen Augenblick später durch die Verbindungstüre des Hauses in seine Küche. Sie hatte dasselbe unförmige, grobe Gesicht wie ihr Bruder, war aber um einiges liebenswerter. Sie und ihr Mann hatten nie Kinder bekommen, so dass Orthos inzwischen diese Rolle in ihrer Familie eingenommen hatte.
„Was ist denn? Schrei doch nicht gleich so!“
„Ich schrei’ so viel ich will! Was habt ihr mit meinem Bier gemacht?“
„Was für Bier? Niemand war bei dir.“
„Es ist alles weg!!“
„Du hast bestimmt wieder alles selbst ausgetrun …“
„WAS? Der Kasten ist weg! Ich hatte einen Kasten und er ist weg. War bestimmt der andere! Sag’s! Gib’s zu!“ Mit dem anderen meinte Orthos für gewöhnlich seinen Schwager Minos, dessen Namen er nur ungern in den Mund nahm.
„Minos ist gestern Abend früh schlafen gegangen und seit heute morgen um sechs Uhr auf dem Feld. Er hat dir bestimmt nichts weggenommen.“
„Und wer soll’s sonst gewesen sein?“
„Du weißt doch, dass er kein Bier trinkt.“
„Klar, das ist immer eure Ausrede. Vielleicht will er’s mir nur wegnehmen; er gönnt’s mir nicht!“
Plötzlich dämmerte ihm eine neue Tatsache. „Und ich kann heute nicht mal neues kaufen. Sonntag!! Alle Geschäfte geschlossen. Scheiße!!“ Er ging langsam auf seine Schwester zu. „Ihr habt doch noch irgendwo Bier, oder? Ihr habt noch welches!“ Galateia wich langsam zurück. Sie spürte, dass ihr Bruder kurz vor einem Wutausbruch stand.
„Orthos, wir haben kein Bier … wirklich nicht … aber warte! Ja! Eine Flasche Birnenschnaps ist noch da von letztem Weihnachten.“ Orthos’ Gesicht entspannte sich etwas, aber er ging immer noch weiter auf Galateia zu.
„Und wo?“, fragte er drohend.
„Ich hol ihn dir gleich. Im Keller. Einen Moment.“ Sie war froh, ihren Bruder wieder beruhigt zu haben. Die Schnapsflasche ließ sie jedoch beinahe auf die Kellertreppe fallen als Orthos von Neuem zu schreien begann.
„AUCH ALLE ZIGARETTEN WEG!!!!! Wollt ihr mich verarschen? Komm sofort her!! KOMM HER!“
Galateia musste all ihr Können aufwenden um Orthos zu beruhigen. Sie war immer noch davon überzeugt, dass ihr Bruder das ganze Bier selbst ausgetrunken und alle Zigaretten geraucht hatte. Wahrscheinlich wollte er nur nicht wieder um Geld betteln. Unter keinen Umständen hätte sie sich jedoch getraut ihm ihre Vermutung ins Gesicht zu sagen.
Eine geschlagene halbe Stunde brüllte er durch das ganze Haus, schmiss den Küchentisch um und zerstörte die einzige Topfpflanze seiner Wohnung. Galateia brachte ihm in weiser Voraussicht das Abendessen in seine Wohnung, so dass ihr Bruder nicht auf die Idee kam mit Minos Streit anzufangen.
Gegen neun Uhr Abends schlief Orthos völlig benebelt in seinem verranzten Ledersessel ein. Er hatte drei Viertel der Schnapsflasche geleert nachdem er vergeblich das ganze Haus nach Zigaretten abgesucht und sogar noch in Oinos’ Bar darum gebettelt hatte. Nur um ihn wieder los zu werden drückte ihm der Wirt eine halbvolle Schachtel in die Hand und jagte ihn dann wieder auf die Straße.
Um halb drei Uhr Nachts wachte er mit höllischen Kopfschmerzen in seinem eigenen Erbrochenem auf. Kaum fähig sich auf den Beinen zu halten, wechselte er die Kleidung und musste sich erneut übergeben.
XI
Im Bewusstsein nun gewiss einen der schlimmsten Tage seines Lebens hinter sich zu haben, stolperte Orthos am nächsten Morgen komplett verkatert, nach Alkohol stinkend in den kleinen Getränkemarkt von Delphi und deckte sich mit drei Kästen Bier und einer Stange Zigaretten ein. Was ihn am meisten wurmte, war die Tatsache, dass er sich immer noch keinen Reim darauf machen konnte, was mit seinen Rauschutensilien geschehen war. Ein gewöhnlicher Dieb hätte doch mit Sicherheit andere Dinge mitgenommen! Und so fiel sein Verdacht immer noch auf seine Schwester und Minos.
Heute aß Orthos zusammen mit ihnen zu Mittag. Die Atmosphäre am Esstisch war bis zum Äußersten gespannt und keiner wagte als erster einen Ton von sich zu geben. Der schon wieder sehr beschwipste Orthos hatte sich bereits mehrfach an seinem neuen Biervorrat vergriffen und wartete nur auf eine Gelegenheit seine aufgestaute Wut abzubauen. Galateia setzte ihm zum Nachtisch einen „extra für ihn gebackenen“ Schokokuchen vor, doch ihre gute Absicht wurde als Bestätigung des erwähnten Verdachts aufgefasst.
„SOLL DAS DIE ENTSCHULDIGUNG DAFÜR SEIN, DASS IHR MIR MEIN ZEUG WEGNEHMT?“, brüllte er mit vollem Mund in die Stille hinein und besprühte dabei das Gesicht seiner Schwester mit ein paar Schokostückchen.
Und schon war der Streit in vollem Gange. Alle sprangen von ihren Stühlen auf und Minos zog seine Frau schützend hinter sich. Nachdem man sich ein paar Minuten aufs übelste beschimpfte, Minos seinem Schwager versicherte er würde ihn, Verwandter hin oder her, beim nächsten Aussetzer vor die Tür werfen und Galateia daraufhin in hemmungsloses Schluchzen ausbrach, schmiss Orthos den Rest des Kuchens an die Wand, spuckte auf den Fußboden und schlug die Verbindungstür mit solcher Gewalt zu, dass das kleine Fenster darin hinaussprang und am Boden zerschellte. Verwirrt ging er im Hof auf und ab und wartete trinkend auf etwas, von dem er nicht wusste was es sein sollte. Heute war ihm nicht nach Spazierengehen zumute.
Schweigend und mit bösen Blicken fuhren kurze Zeit später Galateia und Minos auf dem Weg zum Feld mit ihrem Traktor an ihm vorbei. Brauchte seine Familie nur einen Vorwand um ihn endlich hinauswerfen zu können? Nahmen sie ihm sein Bier und die Zigaretten weg um ihn zu provozieren? Erneut mit zwei Flaschen ausgerüstet, ließ er sich im Garten auf der anderen Seite des Hauses nieder und versuchte seine verwirrten Gedanken zu ordnen.
Als Orthos eine knappe Stunde später wieder Wohnung betrat, entfuhr ihm ein Schrei.
Wieder war alles wie vom Erdboden verschluckt: Die Bierkästen und die ganze Stange Zigaretten. Ihm schwindelte. Was geschah hier? Er hatte doch den Alkohol gerade eben noch neben dem Kühlschrank und die Zigaretten auf dem Küchentisch mit eigenen Augen gesehen. Aber Galateia und Minos waren weg und wer sollte es sonst gewesen sein? War einer der beiden zurück gefahren nur um ihn zu beklauen? Nein, das konnte – selbst er – sich nicht vorstellen. Orthos spürte Angst in sich aufsteigen.
Es scheint mir eine Unmöglichkeit die Gefühle und Gedanken adäquat wiederzugeben, die in diesen Moment um Orthos kreisten. Jedenfalls verlor er spätestens ab dem Zeitpunkt komplett die Kontrolle über sich, als er bemerkte, dass sein Fernseher nicht mehr funktionierte. Wild schlug er auf dem armen Gerät herum bis es schließlich vom Regal fiel.
Anschließend ging er, inzwischen vollständig betrunken, erneut zum Getränkemarkt und gab 90 seiner 130 Drachmen für die nächste Fuhre Alkohol und Rauchwaren aus.
Zu Hause schloss er sich völlig paranoid in der Wohnung ein. Die Einkäufe lagerte er in einem schmalen Durchgang zwischen seinem eigenen Keller und dem der Scheune, der von beiden Seiten gut geschützt war. Diesen schmalen Schacht, der circa einen Meter hoch und 70 cm breit war, hatte er oft als Kind benutzt um unbemerkt von zu Hause zu entkommen. Orthos war sich sicher, dass er der einzige war, der diesen Gang kannte. Sein Großvater Kerberos hatte ihn ihm einst im Flüsterton gezeigt.
Wehmütig dachte Orthos an Kerberos. Was war er nicht für ein Mann gewesen? Von kräftiger Statur, stolz und herrisch. Jeder respektierte ihn, ja hatte sogar Ehrfurcht vor ihm. Niemals hätte es jemand in der Familie gewagt sein Wort anzuzweifeln. Alle taten was immer er sagte; und was er sagte war stets das Richtige.
Den Rest des Tages bis zum Nachmittags lief er in der Küche auf und ab, spähte ständig aus dem Fenster und erschrak jedes Mal, wenn der Hund im Hof einen Laut von sich gab. Am Abend hielt er es schließlich nicht mehr aus. Das Haus schien ihn wahnsinnig zu machen und er ging in Oinos Bar, natürlich erst nachdem er sich doppelt und dreifach versichert hatte, dass auch alle Türen abgeschlossen waren. Er ließ sogar seinen eigenen Schlüssel von innen im Schloss stecken und verstopfte die Verbindungstüre zur Wohnung seiner Schwester. Mit Mühe und Not quetschte er sich durch den schmalen Durchgang im Keller und kam verdreckt und schnaubend hinter der Scheune hervor.
Der dunkle Abend war unheimlich. Wäre Orthos nicht so betrunken gewesen, hätte er sich vermutlich überhaupt nicht vor die Türe gewagt. Überall um ihn herum schienen im Schatten versteckte Dämonen zu lauern die sich scheinbar darauf verschworen hatten ihm sein Leben schwer zu machen. Er spürte grausame, kalt berechnende Augen auf sich, die nur darauf warteten, dass er stehen blieb während die langen, noch fast kahlen Fangarme der Bäume die sich im Mondlicht emporhoben, ihn jeden Moment packen und mit sich reißen würden.
Bei Oinos lachte man ihn aus als er verwirrt, dreckig, stinkend und betrunken an den Tresen torkelte. In einer halben Stunde verspielte er seine letzten 40 Drachmen und johlte danach durch die Bar er müsse unbedingt nach Hause gefahren werden, sonst würden ihn die Bäume schnappen und zerreißen.
„Habt ihr nich ihre Fangarme gesehen?? Nich gesehen? Oh, ihr armen Teufel!!“
Oinos musste schließlich ein Taxi rufen und vorerst selbst bezahlen, da sich keiner der anderen Gäste als Fahrer zur Verfügung stellte. Natürlich fanden auch diese paar Drachmen den Weg in sein kleines, schwarzes, penibel geführtes Buch.
Zu Hause angekommen, zogen Minos und Galateia den schweren Orthos aus dem Taxi.
„Ham die Fangarme euch noch nich gekriegt ihr glücklichen? … Galateia hol mir ein Bier; hol mir sofort n Bier! Dann können sie mich nich kriegen …“
„Gar nichts hol ich dir. Du musst dich jetzt ausschlafen und ausnüchtern. Und morgen früh musst du dich als erstes waschen. Wie du stinkst …“
„Schlafen? Ich kann nich schlafen, Galate … die Fangarme … und HOL MIR ENDLICH …!“
Orthos schaffte es nicht mehr seinen Befehl auszusprechen. Er hustete und erbrach über sich selbst, seine Schwester und den Fußboden. Galateia ließ ihren Bruder vor Schreck und Ekel los. Minos allein schaffte es jedoch nicht ihn zu halten und der schwere 120 Kilo-Mann schlug bewusstlos auf dem Boden auf.
Zwanzig Minuten später hatten es die beiden schließlich geschafft Orthos zumindest die voll gebrochene grüne Latzhose auszuziehen und ihn in sein Bett zu hieven. Galateia konnte in dieser Nacht kein Auge zu machen. Ständig lief sie hinüber in die Wohnung ihres großen Bruders und sah nach ob er noch atmete und nicht schon an seinem Erbrochenem erstickt war, wie es so oft bei Menschen seines Schlags passierte.
XII
Doch am nächsten Morgen um sieben Uhr war Orthos noch am Leben. Galateia brachte ihm ein kräftiges Frühstück, bestehend aus Eiern, Toast, Obst, Kaffee und Orangensaft und war überrascht ihn wach vorzufinden. Heute würde sie nicht mit aufs Feld gehen. Zum einen weil sie immer noch Angst hatte ihrem Bruder könne etwas zustoßen und sie zum anderen mit ihm zum Arzt wollte. Waren sein Körper und Geist doch in einem mehr als besorgniserregenden Zustand.
Nur einige einzelne Laute von sich gebend nahm er leer geradeaus starrend seine Mahlzeit ein. Allein an seiner Essgeschwindigkeit, die sonst um das vielfache höher war, spürte Galateia, dass mit ihm etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Doch für einen kurzen Augenblick war Orthos von einem seltsamen Gefühl ergriffen. Er freute sich als er seine Schwester sah, freute sich, dass sie ihm Frühstück brachte und ihm beim essen zusah. Ein seltenes Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab als er in Galateia’s helle, gütige Augen sah.
„Du musst dich nachher gleich waschen und umziehen. Dann gehen wir zum Arzt.“
Diese Worte reichten aber bereits aus um das schöne Gefühl zu verscheuchen. Sein Blick versteifte sich wieder und er musste unwillkürlich an den schmalen Gang im Keller denken und was darin lag; oder vielleicht nicht darin lag.
So folgte Orthos weder ihrer Bitte sich doch endlich umzuziehen und zu waschen, noch hatte er die kleinste Lust zum Arzt zu gehen. Das einzige was ihn gerade interessierte war der Keller. Sobald er wieder aufrecht stehen konnte jagte er als erstes Galateia aus der Wohnung und stieg dann, so schnell es sein Zustand erlaubte, die alten, knarzenden Holzstufen hinunter. Jetzt musste er nur noch das Weinregal beiseite rollen. Ein Schauer überlief ihn – Der Gang war leer.
Orthos Finger verkrampften sich im Holz des Regals und vor seinen Augen begann es zu flimmern.
Ein weißer Zettel lag an der Stelle an der eigentlich seine Vorräte stehen sollten. Mit zitternden Händen hob er ihn auf. Es stand nur ein Satz darauf, doch es erforderte all seine Konzentration ihn richtig lesen zu können:
Am Baumhaus warten wir auf dich!
Die Worte prallten auf ihn ein wie eine Sturmflut kalten Wassers. Wie konnte jemand außer ihm von dem Gang wissen? All seine Angst und Verwirrtheit verwandelte sich auf der Stelle in grenzenlose Wut. Endlich hatte er eine Erklärung; endlich wusste er, dass er nicht völlig den Verstand verloren hatte; und endlich konnte er sich an jemandem rächen. Und wie er sich an diesen unverschämten, kleinen Bastarden rächen würde.
Orthos spürte wie die Kraft langsam in seine Glieder zurückkehrte. Als hätte er noch nie etwas anderes vorgehabt, ging er die Treppe nach oben und zog sich an.
„Was tust du? Wo gehst du hin?“ Galateia war wieder in der Wohnung.
„Lass mich in Ruhe. Ich muss meine Sachen zurück holen.“
„Was für Sachen? Orthos, du brauchst Ruhe und musst dringend zum Arzt. Du bist krank …“
„Mein Bier. Meine Kippen. Das was sie mir geklaut haben. Denen werd’ ich’s zeigen!“
„Was redest du da?“ Sie trat an ihn heran. „Bitte … hör auf zu trinken, du …“
„LASS MICH IN RUHE HAB ICH GESAGT“, schrie er und schlug seiner Schwester mit voller Wucht die flache Hand ins Gesicht. Galateia schlug auf dem Boden auf während Orthos schon draußen auf dem Hof war und zielstrebig Richtung Wald lief.
Jetzt galt es seine Ehre und seinen Stolz wiederherzustellen. Nur dieser Gedanke beherrschte ihn und keine Sekunde dachte er daran, was ihn wohl im Wald erwarten würde.
Nach ein paar Minuten musste er dennoch kurz anhalten und nach Luft schnappen. Sein Körper war immer noch geschwächt.
„Was is denn los Orthos? Wohin biste denn so zielstrebig unterwegs?“ Er erschrak. Diogenes stand auf der anderen Straßenseite und sah ihn interessiert, ja sogar leicht amüsiert an.
Orthos starrte ihm feindselig in die Augen, würdigte ihn aber keiner Antwort und ging weiter.
Er war auf dem Feldweg auf dem sich einige Tage zuvor Dionysos und Apollon vor ihm versteckt hatten, als er erneut stehen blieb. Dieses mal nicht vor Müdigkeit – er hatte ein seltsames Rascheln im Gebüsch gehört. Orthos drehte sich um; doch er war zu langsam … das letzte was er sah bevor er einen Schlag auf dem Kopf verspürte war ein Paar eindringlicher, tiefblauer Augen.
XIII
Mit stechenden Schmerzen im Kopf kam Orthos langsam wieder zu Bewusstsein. Instinktiv wollte er sich an die pochende Stelle greifen doch er konnte sich nicht rühren. Auch sehen konnte er nichts. Irgendetwas war auf seinen Augen. Laub knisterte unter seinem Gewicht und mit seinen gefesselten Händen konnte er den Baum fühlen an den man ihn gebunden hatte. Auch der Geruch kam ihm bekannt vor. Er musste im Wald sein.
„HEEEEE! HALLO!?“, schrie er in die Stille hinein doch es kam keine Antwort. Nur das leise Rascheln der Bäume im Wind war zu hören. Er bekam Angst. Was ging hier vor? Wer hatte ihn hierher verschleppt. Waren es vielleicht gar nicht die Kinder die ihn aufs Kreuz gelegt hatten, sondern jemand anderes der ihm etwas schlimmes antun würde?
„HALLO???“, rief er erneut mit verzweifelt krächzender Stimme. Eine gute halbe Stunde lag er so da; gefesselt an einen Baum, allein im Wald. Seine Rufe wurden immer lauter. Er wandte sich in alle Richtungen; bäumte sich auf, doch die Seile waren zu stark.
Plötzlich vernahm er Schritte auf dem Waldboden; langsame Schritte von vielen Füßen.
Panik kroch seinen Rücken hinauf und ließ ihn zittern.
„Wer ist da? WER IST DA? Lasst mich frei … Was wollt ihr?“ Er wimmerte beinahe schon. Alle Ereignisse der letzten Tage kamen ihm wieder wie ein harter Schlag ins Gedächtnis. Auch die grausamen Fangarme der Dämonen und ihre finsteren, rot glühenden Pupillen erschienen vor seinem geistigen Auge.
„Hört auf! Bitte hört auf!“, schrie er.
Es trat wieder Stille ein. Doch auf einmal war jemand ganz nah bei ihm. „Hör auf!! LASS MICH IN RUHE! BITTE! HÖR AUF!“
Orthos spürte Hände auf seinem Gesicht. „LASS MICH LOS!“
Man nahm ihm Augenbinde ab und vor ihm eröffnete sich ein Bild wie er es Zeit seines Lebens nie mehr vergessen würde: zehn bis zwölf Gestalten standen zwischen den dichten Bäumen, in weiten, schwarzen Kutten, die Kapuzen weit ins Gesicht gezogen und alle mit lodernden Fackeln in den Händen. Es war ziemlich dunkel obwohl es erst Mittag war. Man musste ihn tief in den Wald geschleift haben. Um ihn herum war ein hoher Haufen aus Ästen und Heu gelegt worden. Seine Augen weiteten sich erneut vor Schreck.
„Was habt ihr vor? Bitte lasst mich frei! Lasst mich frei!“ Tränen der Angst liefen an seinen Wangen herab. Er sah zu der Gestalt neben ihm, die ihm die Binde abgenommen hatte und sein Herz blieb beinahe stehen: Das Gesicht unter der Kapuze war pechschwarz, doch das war noch nicht das Schlimmste. Es waren die Augen: schwarze, ausdruckslose Löcher.
Orthos schrie. Hatten sich seine Albträume bewahrheitet? Würden ihn die Dämonen heute kriegen?
„RUHE!“, rief plötzlich eine der Gestalten. Orthos erkannte nun, dass auch die anderen alle schwarze Gesichter hatten. Als die Stimme fortfuhr zu sprechen, wimmerte er nur noch leise vor sich hin.
„Der hier anwesende Orthos wird folgender Verbrechen für schuldig befunden: Er hat ohne ersichtlichen Grund, nur aus Lust an der Grausamkeit die Kinder von Delphi geschlagen, getreten, ihnen Angst gemacht, sie angebrüllt, eingeschüchtert und gedemütigt. Dazu kommt noch, dass er seine Familie, insbesondere seine Schwester wie den letzten Dreck behandelt und auch gegen sie die Hand erhoben hat. Das Gericht von Delphi hat entschieden, dass es auf der ganzen Welt keine erbärmlichere, schlimmere und bösere Kreatur als diese gibt.
Deswegen verurteilen wir ihn zum Tode durch den Scheiterhaufen. Möge Gott seiner armen Seele gnädig sein. VOLLSTRECKEN!“
Fünf der in den Kutten Vermummten traten hervor. Langsam gingen sie im Gleichschritt auf Orthos zu der wie am Spieß zu schreien begann.
„NEIN! HÖRT AUF! HÖRT AUF!“ Als die Fünf sich im Kreis um ihn verteilt hatten bewegten sich ihre Fackeln auf den Holzhaufen zu.
„ICH MACH NIE MEHR WAS!“, schrie er weiter. „ICH LASS DIE KINDER IN RUH’! AUCH MEINE SCHWESTER. HÖRT AUF! NIE MEHR TU ICH JEMANDEM WAS!“
An einigen Stellen flammte das Heu auf und Rauchschwaden stiegen nach oben. Orthos fühlte bereits die Hitze des Feuers. Immer lauter und flehender wurden seine Schreie doch die fünf Gestalten schürten weiter das Feuer bis beinahe der komplette Kreis um ihn herum in Flammen stand.
„ICH SCHWÖRS! NIE MEHR! ICH SCHWÖRS!“ Orthos schloss die Augen und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Sie schienen es tatsächlich ernst zu meinen … die Dämonen hatten ihn erwischt.
„GENUG!“, rief wieder die Stimme von vorhin.
Als nächstes hörte er Zisch- und Dampfgeräusche. Das Feuer wurde gelöscht und die fünf die es angezündet hatten wichen vor ihm zurück. Es herrschte wieder Stille.
Orthos war von oben bis unten durchgeschwitzt und wäre beinahe wieder ohnmächtig geworden.
Die bekannte Stimme meldete sich wieder: „Das nächste Mal nehmen wir kein Wasser mit.“
Wieder ging einer der Vermummten auf Orthos zu, doch dieses Mal wurden seine Fesseln an den Händen durchgeschnitten. Er war nur noch mit dem Bauch an den Baum gebunden. Man warf ihm ein Messer vor die Füße und danach rannten die Gestalten in den Kapuzen in die Tiefen des Waldes hinein.
Es war schon später Nachmittag als Orthos wieder die Kraft hatte seine Fesseln durchzuschneiden. Lange hatte er dagelegen und nachgedacht. Beim Aufstehen versagten jedoch seine Beine ihren Dienst und er fiel wieder auf den Waldboden. Seine schweißnassen Klamotten ließen ihn inzwischen frieren und immer noch pochte sein Schädel unbarmherzig vor Schmerzen.
Er brauchte eine gefühlte Ewigkeit bis er wieder das heimische Grundstück erreichte und war glücklich auf dem Weg niemanden begegnet zu sein. Doch ihm graute davor durch die Haustür zu schreiten. Er wusste was er darin vorfinden würde und was er zu tun hatte: Seine Schwester um Verzeihung bitten! Die Garage war noch leer, also musste Minos immer noch auf dem Feld sein und somit hatte er vielleicht die Chance Galateia zu besänftigen, so dass ihr Mann nie etwas von seiner Ohrfeige erfahren würde. Denn dann hätte er mit Sicherheit alle Karten verspielt und müsste in einem Obdachlosenheim oder auf der Straße leben.
Er fand seine Schwester mit verquollenem Gesicht im Wohnzimmer sitzen, das dunkelblonde Haar komplett zerzaust. Erwartungsvoll und leicht ängstlich sah sie ihn an. Orthos öffnete den Mund, doch – nichts. Er schaffte es nicht seiner Stimme einen Laut zu entlocken. Wieder fingen seine Beine an zu zittern und plötzlich schossen ihm Tränen in die Augen. Er senkte seinen Blick. Orthos konnte es nicht zulassen, dass man seine Tränen sah. Und er konnte auch nichts sagen; nur mit verkrampften Händen vor ihr stehen und auf den Boden schauen, unfähig einen Weg zu finden seiner Schwester das Vorgefallene zu vermitteln. Auf einmal kam ihm seine Idee sich zu entschuldigen endlos dumm vor. Er wusste, dass es seine endgültige Niederlage sein würde, wenn er jetzt hier vor ihr auf den Boden stürzte, in Tränen ausbrach und sie um Verzeihung bat. Hätte sein Großvater Kerberos jemals so etwas getan? Allein die Vorstellung war lächerlich. Ja, vielleicht hatten ihn die Kinder besiegt aber nicht auch noch seine Schwester; alle nur nicht sie. Lieber würde er auf der Straße leben als seine Würde auch noch vor ihr zu verlieren.
Ihr Schweigen irritierte ihn. Normalerweise hätte sie ihn schon mit Fragen bombardiert: Wo er denn gewesen war, wieso er so dreckig sei, woher er die Wunde am Kopf hatte usw., usf. – Doch die Fragen blieben aus. Sie saß immer noch da und sah ihn an; inzwischen nicht mehr ängstlich, sondern enttäuscht und – zum ersten Mal überhaupt – mit einem Hauch von Verachtung.
Orthos sagte nichts weiter. Er senkte den Blick und verließ das Wohnzimmer.
XIV
Nach ein paar Tagen der Erholung wollte Orthos als erstes den schmalen Gang im Keller endgültig dicht machen. Sein Herz machte einen Hüpfer als er seine kompletten, ihm zuvor entwendeten Bier- und Zigaretteneinkäufe darin vorfand.
Gerne würde ich Ihnen berichten, dass Orthos durch diese Erfahrung wirklich ein besserer Mensch geworden war, doch leider kann ich das nicht. Ehrlich gesagt bezweifle ich es sogar stark. Aber wenn wir uns nach den Tatsachen richten, sehen wir zumindest, dass er die Kinder von Delphi von nun an in Ruhe ließ und das war doch die Hauptsache. Von nun an ließ er sogar überhaupt jeden Menschen in Ruhe. Er nahm seine Mahlzeiten nun immer allein in seiner Wohnung ein. Stumm brachte ihm Galateia seinen Teil, meist ohne ihn auch nur anzusehen. Selten sah man ihn noch draußen beim Spazierengehen. Seine Kräfte schwanden von Tag zu Tag und irgendwann bereitete ihm nicht einmal mehr das Biertrinken Freude. Als ihn seine Schwester drei Jahre später tot in seinem Sessel fand, war von dem einst schweren, bulligen Mann nur noch ein kleines Häufchen Elend übrig.
Wenn wir nun wieder zu jenem schicksalhaften Datum in Delphi zurückkehren, sollten wir nicht nur die tragischen Ereignisse im Haus von Minos, Galateia und Orthos betrachten sondern unseren Blick auch auf fröhlichere werfen, die sich nur ein paar hundert Meter entfernt auf der uns bekannten Sandbahn im Stadion zutrugen.
Dionysos fühlte sich wie in einem Traum. In den vergangenen Tagen war er aufgeblüht wie die Natur um ihn herum. Obwohl er fast nicht geschlafen hatte, fühlte er sich so kräftig und gut gelaunt wie nie zuvor. Alles was sie sich vorgenommen hatten, war, zu seiner großen Verwunderung, gelungen, wenn es auch einige Male äußerst knapp davor gewesen war, dass man sie erwischte. Beim ersten Bier- und Zigarettenklau kam Galateia nur ein paar Sekunden nach ihnen in die Küche und war den Geräuschen der Fliehenden bis in den Keller gefolgt. Mühsam und langweilig gestaltete sich lediglich das ständige Beobachten, bei dem sie sich alle paar Stunden abgewechselt hatten. Das größte Glück für ihre Operation war jedoch die Tatsache, dass Dionysos den geheimen Gang in Orthos Keller kannte. Er hatte ihn vor einigen Jahren durch Zufall beim Versteck spielen mit Apollon entdeckt als Minos und Galateia noch ein Geschäft darin führten. Sein Vater Petros plauderte immer noch gerne ein Weilchen mit Minos, man schenkte sich Wein ein und die Jungs hatten alle Zeit der Welt das große und verwinkelte Grundstück zu erkunden.
Und so feierten sie nun ihren Erfolg mit reichlich Getränken und Essen von zu Hause. Für ausschweifende sportliche Aktivitäten waren sie allerdings zu müde und trieben heute lieber, gemütlich auf der Sandbahn liegend, ihren Spaß. Einige trugen immer noch ihre Mönchskutten. Keiner dachte an den Schulunterricht, der am kommenden Montag wieder beginnen sollte.
Auch ein Feuer in ihrer Mitte durfte natürlich nicht fehlen. Dionysos hatte übrigens eine ganz spezielle Vorliebe und Faszination für das Feuer entwickelt, die er sein ganzes Leben nicht mehr los wurde. Die Flammen hatten für ihn etwas fast schon magisches, als steckte in ihnen ein Urgeheimnis des Lebens das es so oft wie möglich zu erkunden galt.
Als es schließlich dämmerte begannen die meisten der Jungen und Mädchen bereits zu gähnen. Krotos der, ähnlich wie Dionysos, die letzten Tage keine ruhige Minute gehabt hatte, schlief schon seelenruhig auf dem Sand. Nun herrschte Aufbruchstimmung. Die Reste vom Essen und den Getränken, die Mönchskutten und die Fackeln wurden zusammengepackt und das Feuer gelöscht.
Immer noch vollkommen berauscht vom Glücksgefühl ihres Sieges schlenderte Dionysos träumerisch lächelnd von der Sandbahn Richtung Dorf zurück. Etwas neues, bisher unbekanntes, starkes und mächtiges war in ihm erwacht; etwas was ihn von nun an immer begleiten und ihn beschützen würde.
Obwohl die Sonne noch nicht ganz untergegangen war, hing der Vollmond riesig über ihm. Alles war gut! Unter einer großen Eiche küssten sich zwei Menschen im Abendrot. Sein eben noch fröhlich hüpfendes Herz erstarrte zu Eis als er erkannte um wen sich handelte: Apollon und Sophia. Eng umschlungen; ganz in den anderen vertieft und unfähig wahrzunehmen, was um sie herum geschah. Dionysos blieb nicht stehen. Er versuchte weiterzugehen und das Bild zu verdrängen. Vielleicht könnten ihn die Gesänge der Vögel beruhigen, dachte er und lauschte angestrengt; doch ihre Melodien schienen ihn nicht mehr zu erreichen. Eine nie gekannte Leere breitete sich in seinem Innern aus. Nach einigen Metern wurde ihm schwindlig und er musste stehen bleiben. Ja sogar seine Beine versagten ihren Dienst. Gekrümmt sank Dionysos auf den Gehsteig …
Teil 2 - Eine normale Jugend?
I
Dionysos saß im Garten und spielte Gitarre. Er versuchte sich an einem altertümlich anmutenden Stück, das er an diesem Morgen zum ersten Mal gehört hatte. Es gelang ihm noch nicht richtig. Die Flüssigkeit fehlte. Die Melodie war gleichzeitig fröhlich und leicht melancholisch; eine Mischung die, so fand er, sehr gut zur derzeitigen Stimmung des Wetters passte – Es war ein sonniger, trockener und windstiller Nachmittag Ende Oktober. Bunte Blätter bedeckten den Rasen und viele Spaziergänger schlenderten allein oder in Gruppen, lachend und entspannt an seinem Haus vorbei. Jeder wollte noch einmal die Wärme und die Farben der Natur genießen bevor der Winter endgültig mit all seiner Kälte und seinem Grau ins Land ziehen würde.
Einige Jahre waren vergangen, seitdem Dionysos und seine Freunde im Stadion von Delphi Pläne gegen Orthos schmiedeten und vieles hatte sich verändert. Auch der Leser und meine Wenigkeit haben nun das Vergnügen auf Ereignisse in Dionysos’ Geschichte zurück zu greifen, die den Beteiligten um einiges deutlicher und intensiver in Erinnerung geblieben sind als seine Kindheit. Nach dem Sieg über Orthos war Dionysos allseits beliebt und sein Mut hatte sich bei allen jungen Menschen herumgesprochen. Er wurde heimlich von den Kindern gefeiert wie ein Befreier der Unterdrückten, zu jedem Fest eingeladen und auf der Straße zwar normal begrüßt, aber immer mit einem vielsagenden Lächeln. Doch dies änderte sich spätestens mit Orthos’ Tod. Seit dem letzterer keine Kinder mehr quälte und selten im Dorf gesehen wurde, begann man zu tratschen, Vermutungen anzustellen und schließlich Mitleid für den „armen, alten Teufel“, zu bekunden. Man erzählte sich, dass er zu Hause unter dem grausamen Regiment seiner Schwester zu leiden habe, die ihm jeden Tag eine penibel berechnete Ration an Lebensmitteln sowie genau ein Bier und vier Zigaretten zukommen ließ (was natürlich nicht der Wahrheit entsprach). Dann verbreitete sich langsam die Nachricht, dass ihm wohl etwas schlimmes von ein paar Kindern angetan worden war und dass ein gewisser Dionysos, Sohn der „verrückten Xenia“, der Anstifter gewesen war. Als Orthos dann starb, begann man an allen Ecken über sein Schicksal zu klagen: arm, allein, von der Gesellschaft verlassen und stets missverstanden; war der Alte doch stets mit gutem Willen für die Tugenden eingetreten, die bei unserer heutigen Jugend verloren gegangen waren. Orthos war eben nur immer etwas „übereifrig gewesen, aber doch im Grunde ein gescheiter Kerl.“
Dionysos trug seinen Teil dazu bei die Gerüchte am Leben zu halten; beziehungsweise er tat eigentlich gar nichts dafür, doch auch nichts dagegen und in solch einem Fall gleicht das für viele schon fast einem stillen Eingeständnis der Schuld. Es war ja auch nie sein Ziel irgendwo im Mittelpunkt zu stehen. Viel lieber war er in der Natur unterwegs oder musizierte. Neben der Gitarre beherrschte Dionysos nun auch das Klavier- und Flötenspiel. Stundenlang schlenderte er an den Nachmittagen und Wochenenden die Wald- und Feldwege um Delphi herum ab, vesperte in den Wiesen sitzend und beobachtete die Vögel. Er liebte Delphi mit all seinen schönen, reich verzierten, altehrwürdigen Häusern, den vielen Gärten mit den kleinen, hübschen Holzhütten und die manchmal mit Pflastersteinen überzogenen, weit ausladenden Straßen. Nur das in einem Ort von Delphi’s Größe übliche Gerede der Einwohner schreckte ihn ab. Jeder lästerte über jeden und man war ständig darauf erpicht eine neue skandalöse Geschichte von einem nach außen hin so anständig wirkenden Mitbewohner zu hören. Dionysos versuchte sich von all dem fern zu halten und erreichte damit aber nur das Gegenteil. Einzig für den alten Diogenes hegte er wirkliche Sympathie. Ab und an begegneten sich die beiden auf ihren Spaziergängen und führten lange Gespräche.
Die Freundschaft mit Apollon war immer etwas gewesen was ihn noch in gewissem Maße in das gesellschaftliche Leben in Delphi eingebunden hatte. Schließlich war dessen ganze Familie Mitglied in vielen wichtigen Vereinen; der Vater sogar im Gemeinderat. Doch nachdem Apollon und Sophia ein Paar wurden blieb von der Freundschaft nicht viel übrig. So wie ich es gehört habe kann man sogar sagen, dass die beiden sich hassten. Sophia und Apollon waren nun seit Jahren zusammen und fast so etwas wie das Vorzeige-Paar der delphischen Jugend. Beide klug, schön und anständig; vom „rechten Schlag“, wie man sagt: Eine Bilderbuchbeziehung der jeder eine glänzende Zukunft voraussagte. Die beiden hatten natürlich auf jeder Party, jedem Dorffest, jeder offiziellen Veranstaltung zu erscheinen und waren auch immer gern gesehen. Für Dionysos ein weitere Grund nichts mit all dem zu tun haben zu wollen. Wenn die drei zufällig aufeinander trafen herrschte gespanntes Schweigen und man starrte peinlich berührt in eine andere Richtung. Nach einigen Fehlversuchen Sophia irgendwo alleine zu begegnen, schrieb ihr Dionysos voller Verzweiflung einen Brief in dem er ihr seine Liebe gestand. Sie ignorierte ihn und wollte alles auf sich beruhen lassen, doch sie übergab den Brief nicht dem Abfall und unglücklicherweise fiel er durch Zufall in die Hände Apollons. Gerne hätte ich Ihnen diesen Brief hier aufgeführt doch Sophia versicherte mir er sei verschollen. Ein seltsames Glänzen in ihren Augen ließ mich jedoch an der Wahrheit ihrer Worte zweifeln. Auf jeden Fall war der Brief der Beginn einer regelrechten Feindschaft zwischen Dionysos und Apollon. Dass Sophia ihn nicht weggeworfen hatte wog für ihren Partner am schwersten und eindringlichsten. So lag es auch nicht mehr im Interesse Apollons seinen ehemaligen Freund vor dem Dorfgeschwätz zu schützen. Nein; er sagte entweder nichts dagegen oder: machte selbst mit.
Dionysos hielt inne. Die Eiche in ihrem Garten war inzwischen fast vollkommen kahl. Eines der letzten gelb und rot gefärbten Blätter segelte gerade in sanften Kreisen gen Boden. Bald würde es vom Erdboden verschluckt und zu neuem Leben geformt werden; als ob es nie existiert hätte und gleichzeitig schon immer da gewesen war. Erneut legte Dionysos die Hände an die Gitarre und spielte: Die Melodie war perfekt.
II
„Dionysos, in welcher Reimform und welcher Metrik ist dieses Gedicht verfasst?“
Die strengen Worte des Lehrers Sophisto rissen Dionysos aus der Träumerei heraus. Es ging um ein Gedicht über die Natur, das schöne Bilder und Gefühle in ihm hervorgerufen hatte.
„Ich weiß es nicht“, sagte er leise.
„Was? Ich habe Sie nicht verstanden!“
„Ich weiß es nicht!“
„Na, dass ist ja toll. Sie werden immer besser Dionysos, immer besser. Wenn Sie so weiter machen, werden Sie es sogar schaffen in der nächsten Fabrik Hausmeister zu werden. Bravo!“ Sophisto sprach wie immer langsam und leise. Spöttisch lächelnd klatschte er ein paar Mal in die Hände. Einige in der Klasse lachten.
„Und was will der Autor mit dem Gedicht aussagen?“
„Er will … mmhhh … vielleicht saß er irgendwo im Grünen und hat einfach seine Empfindungen zu Papier gebracht … oder … er war Hausmeister in der nächsten Fabrik und hat seine Sehnsüchte aufgeschrieben.“ Nun lachte die ganze Klasse, doch Sophisto war das Grinsen vergangen.
„… einfach seine Empfindungen zu Papier gebracht, soso.“ Mit einem Schulterschwingen nahm er hinter seinem Pult Platz.
„Ich werde jetzt erst einmal in meinem roten Büchlein hinter dem Namen Dionysos die nächste fünf zu Papier bringen. Genau so viel ist Ihre Leistung nämlich wert! Fünf! Volle Hand!“, schrie er, was bei ihm sehr selten geschah und streckte Dionysos dabei seine ausgestreckten Finger entgegen.
„Also, nochmal. In welcher Reimform und Metrik ist dieses Gedicht verfasst? – Apollon … ja.“
Apollon räusperte sich: „Es handelt sich bei diesem Gedicht um einen klingenden oder auch weiblich genannten Paarreim, der in der Metrik des Trochäus verfasst ist.“
„Exakt! Sehr schön, mein Junge! Und was will der Autor damit aussagen?“
„Der Autor bringt damit die Sehnsucht des modernen Menschen zum Ausdruck, der in der düsteren, grauen Industrielandschaft von einer Rückkehr zur Reinheit und Vollkommenheit der Natur träumt.“ Sophisto lächelte Apollon an. Er zog die goldene Taschenuhr aus seinem teuren, hellbraunen Anzug und schielte, nun wieder mit strengem Blick, darauf.
„Ja, genau. Sehr schön, Apollon. Das ist genau das, was der Autor sagen will.“
Dionysos nahm die Ungerechtigkeit des Lehrers mit Gleichmut hin (hatte er nicht dasselbe gesagt wie Apollon?). Es war die Regel, nicht die Ausnahme. So groß seine Begeisterung für die Musik war, so gering sein Engagement in der Schule. Die letzte Klasse hatte er nur mit Ach und Krach erreicht und ob er den Abschluss der Oberstufe nächstes Frühjahr schaffen würde, stand in den Sternen. Den täglichen Wahnsinn im Klassenzimmer konnte er nur noch mit Aussicht auf das baldige Ende ertragen. Er zählte die Monate, Wochen, Tage, Stunden. Dionysos hatte allerdings keine Ahnung was danach geschehen würde. Es gab weder ein Studienfach das ihn interessierte noch eine Arbeit, die Freude zu versprechen schien.
Das erlösende Läuten der Schulglocke erlöste ihn von seinen Gedanken.
Beim Hinausgehen aus dem Zimmer schnappte er ein paar Worte von Apollon und dessen Sitznachbar, Sophias Bruder Alastor, auf, die direkt vor ihm gingen.
„Man, dem hast du es ja heut angetan. Hab noch nie gesehen, dass er alte Stinkstiefel jemanden so angelächelt hat.“
„Der Typ soll nur nächsten Frühjahr seine Empfehlungsschreiben mit meinem Namen drauf an die wissenschaftlichen Akademien in unserer Provinz schicken … dann kann er von mir aus zur Hölle fahren. Und seine Uhr ebenfalls.“
„Psst. Vorsicht!“
Sophisto holte sie mit seinem typischen, militärisch-zackigen aber doch ehrwürdig anmutenden Gang ein.
„Ähm … Entschuldigung?“
„Ja, Apollon.“
„Sie haben vorhin die gesammelten Werke des Autors erwähnt. Ich habe selbst schon nach Ihnen gesucht, sie aber nirgendwo gefunden. Könnten Sie mir vielleicht noch einen Tipp geben? Ich denke, dass sie mir sehr hilfreich zum besseren Verständnis sein werden.“
Sophisto blieb stehen und zog seine Uhr hervor. Er war außerdem der Direktor der Oberschule in Delphi und unterrichtete die Abschlussklasse jedes Jahr in allen Fächern, abgesehen von Sport und Musik. Sein Credo war, dass niemand die Oberschule erfolgreich verlassen durfte, ohne von ihm persönlich abgesegnet zu werden.
„Ich werde Ihnen meine eigene Version ausleihen, Apollon. Ich weiß, ich kann sie Ihnen anvertrauen. Nun muss ich aber los!“
„Danke sehr!“
Als Sophisto außer Sichtweite war, hörte Dionysos nur noch das Lachen von Apollon und Alastor. Er selbst stand bereits schon vor dem Ausgang um ein wenig frische Luft zu schnappen, wie er es nach beinahe jeder Unterrichtsstunde tat. Zwischen den Heften, in denen nichts geschrieben stand und den Büchern, die nie aufgeschlagen wurden fand Dionysos seine Flöte und spielte.
Wie sollte er das noch weitere Monate ertragen? Seitdem Krotos vor ein paar Monaten mit seiner Familie weggezogen war, hatte er hier keinen wirklichen Freund mehr. Er drehte sich mit einem unwohlen Gefühl im Magen um und betrachtete die sich hoch über ihn erhebende, massive Steinmauer.
Nur circa 200 Schüler besuchten den Unterricht in dem schönen, im alten Baustil errichteten Gebäude. Die meisten kamen von Dörfern außerhalb von Delphi doch die Schule hatte einen so ausgezeichneten Ruf, dass man den weiten Weg gerne auf sich nahm.
Von der Straße aus führte ein langer, mit Kieselsteinen bedeckter Weg durch den Rasen bis zum Eingangstor. Der Weg war zu beiden Seiten mit verschiedenen Blumen verziert und man hätte meinen können, es handle sich hier eher um die Sommerresidenz eines reichen Geschäftsmannes als um eine Schule. Würde man den Unterricht weglassen, könnte man es hier wirklich schön finden, dachte Dionysos.
Noch viel bezaubernder fand er jedoch die Frau, die plötzlich auf das Eingangstor zu kam und sein Spiel stockte für einen Moment: Sophia. Ihr braunes Haar war immer noch genauso lang, dicht und glänzend wie vor ein paar Jahren, doch der Rest hatte sich verändert. Ihr Gang war eleganter, die Gesichtszüge tiefer, markanter und ihre Figur weiblicher.
Auch sie hatte ihn schon von weitem erkannt und lächelte ihm zu. Als sie die erste Treppenstufe betrat, begann Dionysos eine überschwänglich fröhliche Melodie zu blasen die schon fast ans Lächerliche grenzte. Sofort verstand sie die Botschaft. Ihr Lächeln wurde breiter und mit einem leisen „Hi“, ging sie an ihm vorbei. Dionysos erwiderte Sophias Gruß mit einer tiefen Verbeugung während er weiter die Flöte spielte.
III
Wie jedes Jahr wurde die Oberschule in Delphi in den ersten Dezembertagen für die Weihnachtsfeiertage geschmückt. Die Wände, Türen und Decken wurden mit Kerzen, Lichterketten, Tannenzweigen, Weihnachtsmännern und Rentieren dekoriert. In der Pausenhalle im Eingangsbereich erhob sich eine riesige, mit etlichen Kugeln und Sternen behangene Tanne und darunter wurde in mühevoller Kleinstarbeit ein Krippenspiel aufgestellt.
Vom Ambiente verzaubert schlenderte Dionysos durch die Gänge zur nächsten Unterrichtsstunde.
Eine Gruppe Mädchen kam ihm entgegen, darunter Sophia. Sie unterhielt sich angeregt mit ihren Freundinnen, doch als sie Dionysos sah verstummte sie und ging lächelnd an ihm vorbei. Dionysos sah ihr nach. Auch ihre Freundinnen blickten sich nochmals nach ihm um und eine davon, die einen Stapel Bücher trug, begann zu kichern. Sie waren schon fast um die Ecke des Ganges verschwunden, als plötzlich ein Aufschrei ertönte und sich ein Schwall Bücher über den Flur ergoss.
„Pass doch auf wo du hingehst, Sophia!“, ertönte die Stimme von Alastor, der sein Hemd wieder zurecht rückte. Neben ihm stand Apollon, dessen Augen auf Sophia gefallen waren und sich augenblicklich verfinstert hatten. Sie jedoch half ihrer Freundin die Bücher aufzuheben, würdigte Apollon keines Blicks und lief weiter.
„Was ist denn bei euch los? Streit gehabt? Die ganzen letzten Tage verhält sie sich schon so komisch“, fragte Alastor verdutzt.
„Ach … ich weiß auch nicht. Sie hat irgendwelche Flusen im Kopf. Redet die ganze Zeit von Freiheit und dass sie nicht weiß ob sie so weiterleben will. Irgendwas von seltsamen Empfindungen … und als ich dann gesagt hab, ich hätte keine Ahnung wovon sie redet, wurde sie böse, hat ihre Tasche gepackt und ist abgehauen. Weiber …“
„Wann war das? Seid ihr jetzt noch zusammen?“
„Vor einer Woche. Keine Ahnung, ich …“
Apollon stoppte mitten im Satz als er Dionysos sah, der jedes Wort mitgehört hatte.
Vier hasserfüllt glühende Augen gingen an ihm vorbei, doch er konnte seine Freude nicht unterdrücken und lächelte den beiden kaum merklich zu.
„Man, hat der einen Dachschaden“, sagte Alastor verächtlich.
„Sag mal, was hat Orthos eigentlich damals mit dir gemacht, dass du so sauer auf ihn warst? Hat er dich hinter eurem Baumhaus vielleicht so richtig kräftig …“
„Hör auf!“, sagte Apollon warnend. „Der ist es nicht wert. Lass uns weiter gehen!“
Dionysos fühlte sich leicht wie eine Feder, die von einer sanften Brise getragen wird als er Richtung Ausgang unterwegs war. Heute war ihm nicht mehr nach Unterricht zumute. Es war schließlich Freitagmittag und er hätte nur noch eine Stunde Musik bei Pythagoras gehabt, den es sowieso nicht interessierte wer da war und wer nicht. Also ging er nach Hause und spielte bis in die Nacht hinein Klavier.
„Wo waren Sie letzte Woche beim Musikunterricht?“ Eine kalte Stimme drang am nächsten Montag von hinten an Dionysos heran. Sophisto stand in der Pausenhalle plötzlich neben ihm, seinen Röntgenblick erbarmungslos auf ihn gerichtet.
„Ja, durch Zufall hatte ich Pythagoras am Freitag etwas wichtiges mitzuteilen, was keinen Aufschub duldete. Einige Plätze, von Leuten die es scheinbar nicht für angebracht hielten kurz vor dem Wochenende den Unterricht zu besuchen, waren leer. Unter anderem Ihrer; ja ganz besonders Ihrer. Auf meine Nachfrage ob Sie sich beim Lehrkörper abgemeldet haben, hat Pythagoras nur gelacht und gesagt er wüsste von nichts …
Also: Wo waren Sie?“
„Ich habe mich nicht wohl gefühlt und bin nach Hause gegangen.“
„So? Ohne sich zu entschuldigen?“
„Mir war so schlecht, dass ich nicht mehr darüber nachgedacht habe. Ich wollte nur nach Hause.“
„Während des Geschichtsunterrichts am Morgen wirkten Sie aber noch sehr gesund und munter. Sie haben sicherlich dann heute den Entschuldigungsbrief dabei, oder? Wahrscheinlich tragen Sie ihn jetzt gerade mit sich. Na los, geben Sie ihn mir.“
Ein gemeines Grinsen zeichnete sich auf seinem Gesicht ab und er hielt Dionysos die offene Hand hin. Dieser erwiderte nichts; starrte ihm nur in die Augen.
„Nein? – Nun, dann würde ich sagen, Sie kehren heute nach Schulschluss den Hof. Natürlich nur wenn Sie wieder wohl fühlen. Vielleicht prägen sich unsere gesellschaftlichen Notwendigkeiten dann ein bisschen besser bei Ihnen ein.“ Hinter Sophisto tauchten plötzlich zwei strahlend braune Augen auf – Sophia. Sie zog eine imaginäre Uhr aus der Tasche und äffte Sophisto auf täuschend echte Art nach. Mit einem viel sagenden Blick ging sie weiter ihres Weges und Dionysos konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Sie scheinen wohl den Ernst Ihrer Lage nicht ganz zu begreifen. Ich denke, Sie sollten den Hof auch morgen kehren.“ Sophisto versuchte gelassen zu klingen doch innerlich brodelte er. Mit dem gewohnten Schulterschwung zog er seine Taschenuhr aus dem Jackett. Das war zu viel für Dionysos. Er dachte an Sophia und brach in schallendes Gelächter aus.
„Also gut; dann kehren sie die ganze Woche den Hof“, zischte Sophisto.
„Und wenn das Entschuldigungsschreiben nicht morgen früh auf meinem Schreibtisch liegt, dann wird’s ein ganzer Monat. Bald stehen die Prüfungen an; mal schauen ob Sie danach immer noch kichern wie ein kleines Mädchen!“ Mit einem erneuten Schulterschwung verabschiedete er sich und ließ den immer noch lachenden Dionysos alleine in der geschmückten Pausenhalle stehen.
Ungewöhnlich häufig lief er in den nächsten Tagen Sophia über den Weg. Sie schien überall zu sein. Immer grüßte sie ihn und lächelte dabei eigentümlich während Dionysos’ Herz dabei jedes Mal wie verrückt zu klopfen begann. War sie noch mit Apollon zusammen oder nicht? Hatten die beiden nur Streit oder war es mit ihnen zu Ende? Sollte er es trotzdem wagen, sie anzusprechen? Seid Jahren hatte er im Grunde kaum ein Wort mit ihr gewechselt, doch seine Gefühle für sie waren immer noch genau dieselben wie damals im Wald als er sie zum ersten Mal wirklich gesehen hatte. Er überlegte hin und her wie er es am besten anstellen konnte mit ihr in Kontakt zu treten.
Mit Überlegungen über die Dinge bei denen man nie zu einer wirklich befriedigenden Lösung gelangen kann, lässt sich prima die Zeit vertreiben. Wenn man einen Hof kehren und Mülleimer leeren muss, hat man mehr als genug davon. Und wenn Dionysos nicht damit beschäftigt war, sang er gedankenlos vor sich hin. Aber wir sprechen hier nicht von einer leise gesummten Melodie, sondern von echten Liedern. Hin und wieder lachten die Schüler wenn sie Dionysos hörten, doch viele blieben auch stehen und gaben sich für ein Weilchen seiner schönen Stimme hin.
Der Innenhof der Schule war nicht sehr groß. Er bestand nur aus einem geteerten Platz auf dem eine Tischtennisplatte, ein Basketballfeld und ein Fußballtor standen sowie einem Rasen der verschiedene Sitzgelegenheiten bot.
Am dritten Nachmittag – er war gerade wieder in ein Lied vertieft während ihm die Dünste der Müllsäcke, die er gerade leerte, in die Nase stiegen – kam Sophia mit einer Freundin auf ihn zu.
„Dionysos?“ Er wandte sich Ihnen zu. Sie war schöner denn je und das altbekannte Gefühl im Bauch war wieder zurückgekehrt. Er kam sich unheimlich blöd vor mit der Müllzange und dem Eimer in den Händen.
„Ähm …“, ihre Backen färbten sich rot. „Wir veranstalten doch dieses Jahr wieder das Theaterstück kurz vor Weihnachten. Und bei dem letzten Teil … mmh … da wäre es schön, wenn wir noch ein Klavier zur Begleitung hätten und … du spielst doch so gut. Also …“
„Klar. Bin ich dabei“, sagte Dionysos.
Sophia strahlte und fing an gedankenlos durch ihr Haar zu streichen.
„Super! Ist zwar jetzt ein wenig kurzfristig, aber du wirst das Lied sicher schnell beherrschen. Es ist nicht schwer. Ich bring dir morgen die Noten mit … ach, und wir proben immer Donnerstag Abend, 19 Uhr, hier im Musiksaal. Also jetzt sind es nur noch zwei Proben plus die Generalprobe am 22. Aber … mmhh … wie gesagt; sollte kein Problem für dich sein.“
Das alles sprudelte in unglaublicher Geschwindigkeit aus ihr hervor während sie sich ständig auf ihre Zehenspitzen stellte und ein paar Sekunden später wieder zurück wippte. Auch die Freundin daneben grinste über beide Ohren, doch aus einem anderen Grund. Sie hatte sich schon gefragt warum Sophia nun unbedingt noch einen Pianisten für das Stück dazu holen wollte. Nun wusste sie die Antwort.
„Also gut dann … sehen wir uns morgen?“ Dionysos’ Herz sprang wild in seiner Brust umher als sich die beiden schwer am tuscheln wieder von ihm entfernten.
Nun war die Arbeit kein Problem mehr. Die ersten Schneeflocken des Winters fielen sanft auf Dionysos’ Gesicht und wieder klang seine Stimme, noch lauter als zuvor, über den verlassenen Schulhof.
IV
Am nächsten Abend im Musikzimmer musste Dionysos all seine Kräfte mobilisieren um nicht aus dem Takt zu kommen. Sophia tanzte in der Mitte des leer geräumten Saals zu der feierlichen Melodie die er spielte. Bisher hatte man schlicht ein Tonband verwendet.
Sophia hatte die Rolle der unglücklich Verliebten. Ihr Schwarm war durch einen Hinterhalt im Gefängnis gelandet. Man beschuldigte ihn des Betrugs, obwohl er nur der unwissende Mittäter eines viel größeren Komplotts war. Der Hauptdarsteller war der, der die dunklen Machenschaften aufdeckte und den zwei Verliebten schließlich das gemeinsame Glück ermöglichte. Das Lied, das nun von Dionysos an den Tasten begleitet wurde, bildete das Ende des Theaterstücks und hatte das Wiedersehen des zu unrecht Verurteilten mit seiner Geliebten zum Thema.
Trotz dessen, dass es Dionysos’ erste Probe war, beherrschte er die Noten perfekt. Es war nicht sonderlich kompliziert. Zu Hause klappte es nach dem dritten Anlauf. Da er aber viel zu nervös und aufgeregt war um etwas anderes produktives zu tun, spielte er das Stück den ganzen Nachmittag.
Nun verfolgte er jede von Sophias graziösen Bewegungen, die wie ein Fluss aus ihr heraus zu fließen schienen. Ihr Gesicht hatte einen rötlichen Ton angenommen und eine Strähne ihres nach hinten gebundenen Haars klebte an ihrer Wange. Kaum jemand im Raum sah auf ihren Tanzpartner, der seine Sache nichtsdestotrotz ebenfalls sehr gut machte.
Pythagoras war begeistert. Er war nicht nur der Musiklehrer der Schule (und der einzige den Dionysos mochte), sondern leitete ebenfalls jedes Jahr die weihnachtliche Theatergruppe. Im Takt, seitlich mit Kopf und Oberkörper hin und her wippend, beobachtete er das Tanzpaar und die langen grauen Büschel seines lichten Haares flogen durch die Luft.
„Ahhhh, ganz ausgezeichnet! Jetzt ist es Zauberei!“, rief er klatschend aus als das Stück zu Ende war. „Mit Ihnen am Flügel hat das Lied erst seine Vollendung gefunden. Sehr schön, Dionysos! Ach, diese Musik, diese Musik … Aber auch Sie beide“, wandte er sich an Sophia und ihren Tanzpartner. Wild mit den Händen gestikulierend suchte er nach Worten.
„Unglaublich! Eigentlich brauchen wir gar nicht mehr zu proben … So, na dann bis nächste Woche ihr lieben Kinder. Anastasia und Sophia, ihr beiden denkt bitte an die Liste mit den Kostümen und der Deko. Aber was rede ich denn? Ihr vergesst sie ja sowieso nicht!“
Alle Schüler verkniffen sich ein Lachen über den stets überschwänglichen Pythagoras. Doch auch Dionysos war in euphorischem Zustand. Nie hätte er sich erträumt, dass Sophia eines Tages zu seiner Musik tanzen würde. Er fühlte sich wie auf einer Wolke gleitend und ihre Blicke begegneten sich. Sie atmete immer noch schwer vom Tanz und ihr Antlitz war voller Freude. Den ganzen Rückweg unterhielt er sich angeregt mit ihr und Anastasia, der Freundin die ebenfalls auf dem Schulhof dabei gewesen war, über den kommenden Auftritt einen Tag vor Heiligabend.
Über Nacht hatte es noch mehr geschneit und ganz Delphi war in eine dicke, weiße Schicht getaucht. In den Gärten und Hofeinfahrten blinkten Lichterketten die kleinen Weihnachtmänner und Engel an. So wanderten sie gemächlich im Schein der Straßenlaternen. Dionysos war extra einen Umweg gegangen um länger mit den beiden zusammen sein zu können; und überhaupt froh sich wieder einmal ausgelassen zu unterhalten. Die Nervosität in ihrer Gegenwart verschwand immer mehr und nur das wohlige Gefühl blieb übrig. Als sie schließlich laut lachend und übermütig vor Sophias Haus angekommen waren, drückte sie zum Abschied ganz sanft und flüchtig seinen Arm. Wie wundervoll und schön sie war als sie durch den Schnee zu ihrem Haus hüpfte. Träumte er wirklich nicht? War das gerade wirklich geschehen? Wie konnte sich ein hoffnungsloses Leben so schnell in ein glückliches verwandeln?
Die Frage wieso Sophia nach all den Jahren der Stille und der Trauer nun doch, und sogar so überraschend schnell, vielleicht seine Gefühle ein wenig erwidern würde, kam ihm nicht in den Sinn. Wieso sie auch stellen? Für ihn war es die Hauptsache, dass es so war!
Er sah ihr immer noch nach als sie bereits längst durch die Haustür verschwunden war.
„Kommst du?“ Anastasia war schon ein Stückchen weiter gegangen und blickte sich nach ihm um.
Wieder erfasste ihn ein Gefühl der endlosen Leichtigkeit wie er es auch auf dem Schulhof in sich gespürt hatte. Nichts und niemand, so schien es, konnte ihm im Moment etwas anhaben oder sein Leben irgendwie verschlechtern. Den Rest des Weges hörte Dionysos Anastasia kaum zu, die immer noch über das Theaterstück sprach. Erst als Sophias Name fiel, lauschte er ihren Worten.
„… und das Theater tut ihr jetzt auch sehr gut. Es lenkt sie ab.“
„Ablenken? Wovon?“ Er meinte die Antwort bereits zu kennen.
„Na von ihrer Trennung. Von Apollon. Weißt du das noch nicht?“
„Nicht so wirklich, aber man hört und sieht ja so manches. Was ist denn genau geschehen?“
Die Frage war vielleicht ein wenig zu intim und Anastasia warf ihm einen scharfen Seitenblick zu.
„Seit Monaten läuft’s nicht richtig bei den beiden. Sie liebt ihn nicht mehr. Und vor ein paar Wochen hat sie dann einen Schlussstrich gezogen.“
„Da werden die alten Leute hier aber traurig sein, wenn sie auf dem Sommerfest nicht mehr von dem perfekten Pärchen schwärmen können.“
Anastasia lachte: „Fast genau dasselbe hat Sophia auch gesagt.“
Als Dionysos selbst daheim ankam, ereignete sich noch eine äußert interessante Begebenheit vor seinem Haus, die einige Wochen lang bei den Einwohnern von Delphi für Gesprächsstoff sorgte.
Er stieg den Dodona-Hügel hinauf, immer noch bis in die Fingerspitzen hinein euphorisch.
Am liebsten hätte er durch die ganze Straße gebrüllt und jedem gesagt, dass Sophia seinen Arm berührt hatte; jedem gezeigt wie glücklich er war und welch ein Wunder das Leben hier auf Erden sein konnte. Alles lachte ihn an: der sternenklare Winterhimmel, die warme Beleuchtung in den Häusern; sogar die kahlen Bäume und Sträucher.
Vor dem Nachbarhaus hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Eine Frau mittleren Alters hatte Geburtstag gefeiert und man war gerade dabei die Gäste zu verabschieden.
Sie schreckten auf als wie aus dem Nichts ein junger Mann an ihnen vorbei sprintete, in die Luft sprang und sich mit einem verrückt klingenden Jubel-Schrei in den riesigen Schneehaufen vor seinem Haus fallen ließ.
Petros hatte, wie immer, den Hof geschippt und die Schneemassen neben der Einfahrt aufgetürmt. Darin lag Dionysos nun und wälzte sich lachend umher. Als er den großen Haufen erblickte, kamen ihm unmittelbar die Bilder aus seiner Kindheit ins Gedächtnis. Jeden Winter hatte er sich allein nur deswegen auf den Schnee gefreut um genau das zu tun. Heute wie damals. Wie wunderbar weich und kühl der Schnee war. Genau das Richtige für jemanden der bis zum Bersten mit Energie und Liebe geladen war.
„Ja, dass ist der Älteste von unseren Nachbarn“, erklärte das Geburtstagskind entgeistert und peinlich berührt ihren Besuchern. „Der war schon immer ein wenig … mmhh … eine eigene Natur.“ Ein falsches Kichern ertönte; alle standen sie da und niemand vermochte ein passendes Wort zu finden.
V
„In der Bäckerei haben sie mich heute gefragt, ob bei uns alles in Ordnung ist. Wahrscheinlich hat die ganze Straße gestern Abend aus dem Fenster geschaut. Du machst mir Sorgen, mein Junge …“ Xenia lächelte ihren Sohn trotzdem an.
„Ist doch nicht schlimm was ich getan habe, oder?“
„Nein, auf keinen Fall“, sagte sie mit gespielt gleichgültiger Stimme, während sie in den Schränken eine Vase für ihre neuen Blumen suchte. „War das Normalste von der Welt was du getan HUAAA … hör auf!“ Während sie gesprochen hatte, war Dionysos von hinten an sie heran geschlichen und hatte ihre Arme gepackt.
Noch immer war er überglücklich, doch an diesem Tag stand das gefürchtete Gespräch mit Sophisto an. Jeder Schüler der Abschlussklasse musste vor den Weihnachtsferien ein sogenanntes Orientierungsgespräch mit dem jeweiligen Klassenlehrer, also immer mit Sophisto, führen. Man besprach die Stärken und Schwächen der einzelnen Fächer und, was noch viel wichtiger war, die Zukunftspläne. Zuvor hatte man ein Dokument auszufüllen in dem das künftige Studienfach sowie die dafür in Frage kommenden Akademien definiert wurden. Ob man an einem der Etablissements zugelassen wurde hing in hohem Maße von der Empfehlung des Lehrers ab, die letzterer im Grunde hauptsächlich nach persönlichem Ermessen verfasste. Der offizielle Weg für den Zugang zu einer Akademie war zwar eine reguläre Bewerbung, doch kursierten im Hintergrund weiter fröhlich die Empfehlungsschreiben.
Dionysos hatte keine Angst vor einer negativen Bewertung (die er zweifellos bekommen würde). Ein Studium kam für ihn ohnehin nicht in Frage. Sein näherer Plan war im Musikgeschäft in Tartaros zu arbeiten. Hier muss ich anfügen, dass es sich dabei lediglich um den „offiziellen Plan“ handelte. Was er wirklich tun wollte wusste er nicht. Aber noch einmal jahrelang in einen bürokratischen Apparat eingebunden sein, der nicht nach Talenten suchte, sondern nur den Fleiß trainierte und den eigenen Willen unterdrückte, kam ihm mit Sicherheit nicht in den Sinn. Dennoch, Empfehlungsschreiben hin oder her; eine weitere Stunde in Sophistos Gegenwart versprach nichts gutes.
Um zwei Minuten vor zehn machte er sich auf zum Büro des Direktors das im ersten Stock lag. Als er die Pausenhalle im Erdgeschoss durchquerte und gerade den ersten Fuß auf die Treppe setzte, ertönte hinter ihm eine bekannte Stimme.
„Hab gehört du spielst jetzt mit meiner Schwester Theater.“
Es war Alastor. Wie Sophia war er gutaussehend und hatte die selben braunen Augen. Doch im Gegensatz zu ihren lag darin weder Wärme noch Güte. Meist übermütig klein zusammengekniffen ließen sie ihn in Verbindung mit seinen teuren Hemden und der dunklen Hose mit den Bügelfalten wie einen arroganten Pfau, Sprössling einer dekadenten Adelsfamilie, erscheinen; jemanden der stets nur Verachtung für seine Umwelt übrig hat. Genau diesen Blick hatte er auch jetzt aufgesetzt. Dionysos aber drehte sich um und stieg weiter die Treppe hinauf. Plötzlich wurde er am Pullover festgehalten und zurück gerissen.
„Ich sag dir das jetzt nur einmal.“ Alastor hielt ihn gepackt und war nur ein paar Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. „Mach ja nichts falsches oder ich mach dich so richtig fertig, hast du verstanden? Ich reiß dir deine Finger einzeln raus, dann kannst du für den Rest deines Lebens mit den Füßen Gitarre spielen … Ja, auch ich weiß von dem lächerlichen Brief, den du ihr damals geschickt hast. Ach Sophia, wie schön du bist …“ äffte er seinen damaligen Wortlaut nach. Unendliche Wut stieg in Dionysos auf. Seine Finger krallten sich in Alastors Schultern und er stieß ihn mit aller Kraft ans Treppengeländer. Der Schubser war so stark, dass Alastor beinahe hinüber gefallen und einen halben Stock in die Tiefe gestürzt wäre.
„DIONYSOS!“
Sophisto stand an der Spitze der Treppe. Und etwas in dessen Augen ließ Dionysos wissen, dass er in gewaltigen Schwierigkeiten war. Tätliche Auseinandersetzungen konnten, wenn die Umstände schwerwiegend waren, zum Schulausschluss führen und ihm war nicht klar ob Sophisto die ganze Szene oder nur seinen Stoß gesehen hatte. Vielleicht war es auch egal wie viel er gesehen hatte. Vielleicht würde er einfach die Gelegenheit nutzen und Dionysos für immer des Schulgeländes verweisen.
„Hören Sie sofort auf! Wissen Sie, dass Sie gerade jemanden in Lebensgefahr gebracht haben?“
Die meisten anderen Lehrer fahren in solch einer Situation aus der Haut und überhäufen den Übeltäter mit Schimpftiraden. Nicht jedoch Sophisto. Wie gewohnt sprach er leise und stieg ganz langsam die Treppe hinunter.
„Sind Sie in Ordnung Alastor?“
„Ja, ich denke es geht.“ Alastor tat so als sei er außer Atem und hätte gerade etwas schier traumatisches erlebt.
„Gut, dann können Sie weiter gehen. Dionysos? Sie kommen mit in mein Büro. Wir sind sowieso schon leicht in Verzug. Wir kommen dann auch direkt auf ihre Strafe zu sprechen, dann können wir uns den bürokratischen Aufwand das Empfehlungsschreiben betreffend gleich schenken.“
Naja, eigentlich war es egal. Dann warf man ihn eben gleich heute von der Schule.
„Verzeihung, Herr Direktor? Darf ich auch noch ein Wörtchen sagen?“
Pythagoras stand plötzlich am Fuß der Treppe. Ein Zucken huschte über Sophistos Gesicht. „Sicher. Natürlich dürfen Sie das.“
„Nun, ich glaube ich habe die beiden Herren länger beobachtet als Sie und nach meiner Einschätzung hat sich Dionysos lediglich gegen den anderen jungen Mann verteidigt. Alastor hat ihn nämlich zuerst bedroht und anschließend tätlich angegriffen, so dass Dionysos Schubser nur eine Verteidigungsmaßnahme, sozusagen in Notwehr, war.“
Sophisto verzog keine Miene.
„Ist das so? Nun, dann kehren Sie den Rest der Woche den Hof, Alastor. Danke … Pythagoras (Anm.: Man erinnere sich daran, dass es ein Freitag war).
Und wir gehen nun endlich in mein Büro. Wir sind nun bereits sieben Minuten in Verzug.“
Dionysos drehte sich nochmals um. Pythagoras sah ihm nach und zwinkerte ihm zu.
Das Horrorverhör, dass er erwartete, blieb jedoch aus. Schweigend folgte Dionysos Sophisto bis zum Ende des Gangs, an dem sein Büro war. Nur das Knarzen der Holzdielen unter ihren Füßen war zu hören. Normalerweise fand Dionysos Gefallen an den alten Steinwänden, doch in diesem Moment fühlte er sich wie ein Gefangener, der durch den Kerker geführt und von einem sadistisch lächelnden Henker in das dunkelste, tiefste Verließ geworfen wird.
Der Direktor öffnete die Tür, trat zur Seite und überließ Dionysos den Vortritt. Gleich würde die Tür ins Schloss fallen und der einzige Kontakt zur Außenwelt aus einem 10 x 20 Zentimeter großen Loch bestehen; für alle Ewigkeit.
Obwohl er, wie der Leser sich mit Sicherheit denken kann, bereits des Öfteren mit Sophisto aneinander geraten war, hatte er noch nie sein Büro betreten. Die steinernen Wände waren dieselben wie überall im Gebäude. Doch während der Rest der Schule stets mit sich wechselnden Plakaten, Bildern und anderen Kunstwerken geschmückt wurde, war man hier nur von grau umgeben. Der Rest des Büros war ähnlich spartanisch eingerichtet. Ein Schreibtisch mit jeweils einem Stuhl davor und dahinter; ein riesiger Schrank, der die komplette linke Zimmerseite einnahm in dem unter anderem die Akten der Schüler untergebracht waren – mehr nicht. Sophisto zog einen riesigen Schlüsselbund aus der Tasche und öffnete den Schrank. Neben den Bergen an Aktenmappen stand außerdem ein massiver Tresor darin.
„So …“ Der Direktor nahm auf seinem Stuhl Platz. Er forderte Dionysos nicht auf sich ebenfalls zu setzen.
„Ihre Noten geben kein Zeugnis von einem engagierten, fleißigen oder ordentlichen Schüler ab. Einzig in Musik und Kunst können Sie punkten; zwei Fächer, die aber nicht ich unterrichte. Dementsprechend kann ich sie nicht wirklich in meine persönliche Wertung mit einfließen lassen.“
Er blätterte mit kalten Augen angewidert durch die Akte als würde er jeden Moment darauf spucken.
„Nun, an welcher Akademie möchten Sie denn studieren? Geben Sie mir das ausgefüllte Dokument.“
„Ich habe nichts ausgefüllt. Ich will nicht studieren.“
„Dann ist damit unsere Beratungsstunde zu Ende. Sie können gehen. Und nehmen Sie sich zusammen für die restlichen Monate die Sie hier sind. Wenn ich auch nur den kleinsten Anlass dazu finde werde ich sie der Schule verweisen.“ Sophisto sprach mit ihm ohne ihn anzusehen.
Dionysos, glücklich so glimpflich davon gekommen zu sein, eilte aus dem Büro und wäre um ein Haar in Pythagoras hinein gelaufen der vor der Türe wartete. Seine Miene war ungewöhnlich ernst, hellte sich aber ein wenig auf als er seinen Schüler sah.
„Nur nicht zu flink junger Mann, sonst bekommen Sie das schönste nicht mit …“, sagte er und ging mit einem vielsagenden Blick an Dionysos vorbei.
„Herr Direktor, dürfte ich auf ein Wörtchen eintreten?“
„Sie dürfen, Pythagoras“, ertönte Sophistos leicht genervte Stimme und die Tür wurde geschlossen. Dionysos dachte noch angestrengt über den Sinn von Pythagoras’ Worten nach doch das Gespräch im Inneren des Büros schien um einiges interessanter zu sein …
„Herr Direktor … ich habe vorhin mitbekommen wie Sie die ganze Auseinandersetzung zwischen den beiden Herren beobachteten und frage mich nun wieso Sie so hart zu dem jungen Dionysos sind …“
Dionysos presste seine Ohrmuschel gegen die Türe und atmete so leise wie möglich.
„Er hat einen anderen Schüler tätlich angegriffen und wenn Sie nicht gewesen wären hätte er jetzt schon für immer das Schulgelände verlassen. Solch ein Verhalten kann ich nicht tolerieren.“
„Bei einem anderen Schüler wären Sie nicht so streng gewesen. Schon häufiger meine ich gemerkt zu haben, dass Sie gegen ihn eine besondere Abneigung hegen … und ich frage mich nun, wieso? Er ist talentiert und schlau. Mit den richtigen Methoden wäre er genau so gut wie ein Apollon.“
„Für ihn gibt es keine richtigen Methoden …“ Sophisto schnaubte stark aus. „Ok, Sie wollen wissen warum ich so hart zu ihm bin? Dann werde ich es Ihnen sagen, sofern ich ihr Wort habe, dass dieses Gespräch unter uns bleibt.“
„Sie haben mein Wort.“
„Dionysos ist eine Gefahr für jeden der etwas aus sich machen und im Leben erreichen möchte. Nicht weil er ein hirnloser Clown ist, sondern weil er, wie Sie sagen, schlau und talentiert ist. Clowns werden nur ausgelacht, aber ihn bewundert man. Wenn man einen Clown nur lange und oft genug bestraft, dann ist er entweder irgendwann kalt gestellt oder er verliert sich selbst so sehr in diesem Übeltat-Strafe-Kreislauf, dass er etwas anstellt wofür man ihn dann endgültig von der Schule werfen kann. Das wissen auch die anderen Schüler und deswegen ist der Clown keine Gefahr, sondern nur einer der den Unterricht stört.
Bei Menschen wie Dionysos läuft das ein wenig anders. Oh, ich kenne ihn … ich kenne ihn genau, auch wenn Sie denken es sei nicht so. Keine Strafe der Welt würde irgendetwas bei ihm ändern. Aber gleichzeitig ist er so intelligent nichts zu tun, wofür man ihn der Schule verweisen könnte. Er ist verführerisch. Ich lasse ihn eine ganze Woche im Winter den Hof kehren; eine für die meisten Menschen erniedrigende Arbeit. Jeder soll sehen können, was mit jemandem wie Dionysos geschieht; welches Schicksal ihn erwartet wenn er nicht nach den Regeln der Gesellschaft spielt. Strafe vor allem zur Abschreckung. Und was tut Dionysos? Er kehrt, leert die Müllsäcke, läuft mit Eimer und Zange herum und lächelt und singt dabei als würde er im Frühling über eine Promenade spazieren. Die anderen Schüler schauen ihm zu, lauschen seiner schönen Stimme, sind fasziniert von seinem Gleichmut und seiner Willensstärke. Im Unterricht kann ich ihn demütigen, wie ich will; mit einem Satz zerstört er die Anstrengungen einer ganzen Stunde. Wenn die Schüler das Zimmer verlassen, denken Sie nicht mehr daran was ich ihnen beibringen wollte, sondern wie Dionysos meine Anstrengungen mit Leichtigkeit zunichte gemacht und den ganzen Unterricht ad absurdum geführt hat.
Ja, die Schüler beginnen dann nachzudenken ob nicht ich sondern vielleicht er recht hat. Sie fangen an die Sinnfragen zu stellen. Sie haben noch keine Ahnung was es bedeuten würde wenn er recht hätte, aber einigen von ihnen wird die Möglichkeit durchaus gefallen und viele davon sind schon Menschen wie ihm gefolgt und daran zugrunde gegangen. Diese Bewunderer wissen nicht, dass auf sie ein Leben des Kampfes, der Anarchie, des Schmutzes und der Niedertracht wartet. Das ist das Leben das Dionysos erwartet. Vielleicht übertreibe ich ein wenig aber – ehrlich gesagt – … ich habe schon einige von seiner Sorte kennengelernt; in jedem Jahrgang gibt es solche doch mir ist noch niemand untergekommen der so heftig zu verführen versteht wie er. Wenn Dionysos eine Strafe bekommt sagt er kein Wort. Er beklagt sich nicht, er rechtfertigt sich nicht, er versucht mich nicht zu beschwichtigen Entscheidungen zu überdenken oder an mein Mitleid zu appellieren. Ich starre immer nur in seine offenen, blauen Augen und das unschuldige, reine Gesicht. Ja, vielleicht mag ihm ein Leben in Schmutz und Anarchie gefallen und vielleicht ist er sogar jemand der solch ein Leben genießen kann … das ist mir egal; von mir aus kann er nackt zu den Wildschweinen ziehen, in seinen eigenen Exkrementen leben, fröhlich weiter singen und Waldhasen mit seinen bloßen Händen fangen; er soll tun was er nicht lassen kann. Aber ich werde nicht zulassen, dass er Menschen zu diesem Leben verführt, die dem nicht gewachsen sind. Und genau das trifft auf seine Bewunderer zu. Vielleicht denken Sie, ich rede Unsinn … ist mir egal. Man schmäht ihn ja hier in Delphi in manchen Kreisen, spricht schlecht und lacht über ihn. Aber nur öffentlich! Der Clown wird auch im stillen Kämmerchen belächelt; nicht jedoch Dionysos. Man bewundert ihn, glauben Sie mir. Vielleicht ist ihm das Ausmaß seines Einflusses noch nicht wirklich bewusst geworden aber das ist vollkommen gleichgültig. Wichtig ist nur, dass es mir bewusst geworden ist. Er mag im Dreck glücklich werden, jedoch nicht seine Bewunderer. Die werden rauben, plündern, Aufstände und Revolutionen anzetteln. Diese Menschen werden an ihrem eigenen Vorbild zugrunde gehen. Denn eigentlich wollen sie nur Sicherheit, Geborgenheit, einen annehmbaren Beruf, einen warmen Ofen und eine üppige Mahlzeit; das ist alles. Seine Bewunderer sind Menschen die immer nur den einfachsten Weg gehen. Über Jahrhunderte hinweg haben wir mühevoll solch einen einfachen Weg aufgebaut und so gut wie jeder, eine winzig kleine Minderheit vielleicht ausgenommen, kann ihn gehen. Dazu aber müssen die Menschen erst einmal in meiner Schule lernen, wie sie sich zu verhalten haben; wie sie mit ihren Mitmenschen, ihren Vorgesetzten, Untergebenen, ihrer Familie usw. umzugehen haben, dass alles schön so weiter laufen kann. Dann können wir sogar die wenigen, die zu gar nichts zu gebrauchen sind, mitversorgen. Man muss seine Pflichten kennen und die wenigen Anforderungen erfüllen, die wir stellen. Nur dann kann weiterhin Sicherheit in unserem Teil der Erde bestehen bleiben.
Den Weg den er geht ist deswegen verführerisch und gefährlich, weil er noch einfacher ist als der, auf den wir seine Bewunderer vorbereiten. Zumindest macht es den Anschein. Sein Weg mag jetzt in der Schule einfach und anziehend erscheinen, aber später hält ihn kaum ein Mensch mehr aus. Die Bewunderer müssen sich nun eingestehen, dass sie eine Illusion ihrer Gedanken gelebt haben. Und meine Aufgabe ist es sie vor ihm zu schützen; auch deswegen bin ich Direktor … ich erziehe die jungen Menschen zu anständigen Bürgern und Dionysos ist ein hoffnungsloser Fall. Glücklicherweise sind nicht alle Menschen so blind wie seine Bewunderer. Auch viele andere, sogar in seinem Alter haben erkannt was für ein Teufel er ist. Das sind die Leute, die ihn hier in Delphi öffentlich verunglimpfen und sie haben Recht damit!
Eigentlich gehört er unter Fackelschein mit Mistgabeln und Knüppeln aus der Stadt gejagt. Ja, ja, ich weiß … sagen Sie nichts, Pythagoras … Dionysos kann nichts dafür wie er ist und jeder hat dieselben Chancen verdient usw., usf. Ich weiß, dass ich Dionysos als Mensch gegenüber schuldig bin aber was die Gesellschaft anbelangt, bin ich im Recht. Sie erwähnten vorhin Apollon … er ist der der belohnt werden muss damit hier alles weiterhin funktioniert; Apollon steht für Verstand und Ordnung … nicht so Dionysos … er ist das leidenschaftliche, menschliche Herz, das seit jeher für sämtliche Unglücke der Erde verantwortlich war.
Ich hätte ihn niemals hier zum Unterricht zulassen dürfen. Und aus all diesen Gründen werde ich ihn jetzt, bei der kleinsten Unannehmlichkeit die er mir bereitet, sofort von der Schule werfen. Ich hätte ihn jetzt bereits der Schule verwiesen, wenn Sie nicht zufällig sein Helfer geworden wären.“
Es folgte ein längeres Schweigen.
„Und wenn sie nun nichts weiter dazu zu sagen haben, dann würde ich jetzt gerne in Ruhe zu Mittag essen.“
„Ich habe nichts weiter dazu zu sagen, Herr Direktor. Nur so viel, dass ich froh bin nächstes Jahr meinen Ruhestand antreten zu dürfen. Auf Wiedersehen!“
Бесплатный фрагмент закончился.
