Читать книгу: «Die Polnische Mitgift»

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Das Buch

Die geheimen Pläne des Bundesnachrichtendienstes, zu klein geratene Windeln, heißer spirytus mit Honig und der schwarze Rosenkranz eines Autohändlers sind aus ihrer Familiengeschichte nicht wegzudenken. Heute ist sie bekennende Liebhaberin von Piroggen mit Blaubeeren und viel Schlagsahne. Den polnischen Aberglauben ihrer Eltern und Großeltern pflegt sie, so skurril er auch sein mag. Und dass sie mit ihren Kindern Polnisch spricht, ist für Patricia Verne mittlerweile selbstverständlich. Dabei hat sie – wie viele andere polnische Aussiedler in Deutschland auch – den simplen Satz „Ich komme aus Polen“ jahrelang nur mühsam über die Lippen bekommen. Dieses Buch erzählt aber nicht nur davon, wie die Autorin und andere Aussiedlerkinder anfangs mit ihrer Herkunft gehadert haben. Es erzählt vor allem davon, wie Migranten der zweiten Generation ihre Erfahrungen als Stärke sehen und einsetzen. Sie mischen verschiedene Kulturen und entwickeln diese weiter zu etwas Neuem. Die heute erwachsenen Zuwanderer aus Polen zeigen ihren Kindern und ihrem Umfeld, welches Potenzial Migration hat.

Die Autorin

Patricia Verne ist 1979 als Patrycja Czarkowska im polnischen Opole (Oppeln) geboren und in Konstanz am Bodensee aufgewachsen. Nach ihrem Studium der Interkulturellen Kommunikation und der Kunstgeschichte an der Sorbonne in Paris und der Universität des Saarlandes absolvierte sie ein journalistisches Volontariat bei der Nachrichtenagentur ddp in Berlin. Heute arbeitet sie als Hörfunk-Redakteurin beim SWR in Baden-Baden.

PATRICIA VERNE

Die
polnische
Mitgift

Was wir unseren Kindern weitergeben

ERZÄHLENDES SACHBUCH


Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

© 2021 Lauinger Verlag | Der Kleine Buch Verlag, Karlsruhe

Umschlaggestaltung, Satz & Layout: Sonia Lauinger

Lektorat: Franziska Rost

Projektmanagement, Korrektorat: Miriam Bengert

Satzkorrektur: Sandra Ritzinger

Umschlagabbildung: Kara K. Bigda „blueberry still life“, Massachusetts, USA

S. 215, Blaubeere Löffel, S. Contrell, Pixabay

Druckerei: General Nyomda, Szeged, Ungarn

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes (auch Fotokopien, Mikroverfilmung und Übersetzung) ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt auch ausdrücklich für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen jeder Art und von jedem Betreiber.

ISBN: 978-3-7650-9150-6

Dieser Titel erscheint auch als E-Book:

ISBN: 978-3-7650-9151-3

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Für Lionel und Louise.

Inhalt

1.Anderssein - Kein Rückgrat

2.Ausreise - Lücken füllen

3.Widersprüche - Konsequent inkonsequent

4.Umbruchphase - Verschüttetes ausgraben

5.Nachwuchs - Was wir daraus machen

6.Sprache - Po polsku oder lieber auf Deutsch?

7.Erziehung - Widerstand zwecklos

8.Kulinarisches - Mehr als nur Piroggen

9.Religion - Gott bewahre

Danksagung

Literaturnachweise

Anderssein
Kein Rückgrat

Das Holz im Feuer knisterte. Während wir im Kreis rund um das Lagerfeuer saßen, spielte jemand Gitarre, die anderen sangen eine wilde Mischung aus Liedern. Es war mein erstes Pfadfinder-Lager. Wir übernachteten eine Woche lang in Zelten, bauten Flöße, zogen mit dem Kompass durch die Wälder. Obwohl ich erst sieben Jahre alt war, fühlte ich mich sehr erwachsen, so ganz ohne Eltern unterwegs zu sein.

Gegen Mitternacht, als wir unser Stockbrot im Lagerfeuer grillten, kam das Thema auf, wer wo geboren sei. Die meisten aus der Runde waren Süddeutsche, kamen aus Konstanz, Überlingen oder Lindau. Als ich an der Reihe war, sagte ich, ich sei aus Opole in Polen.

»Ach, du bist also gar keine Deutsche«, sagte einer der älteren Pfadfinder barsch.

»Doch, bin ich. Ich habe einen deutschen Pass«, gab ich zurück. Ein Argument, das er nicht durchgehen ließ.

»Man kann nicht Deutsche sein, wenn man hier nicht geboren ist!«

Ich schluckte und wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Zu Hause hatte ich zwar schon öfter das Wort »Aussiedler« aufgeschnappt, ohne es jedoch zu hinterfragen.

Nach dem Lagerfeuer gingen alle Pfadfinder in ihre Zelte, wir schliefen jeweils zu sechst. Die Plätze ganz hinten, möglichst weit vom Eingang entfernt, waren die beliebtesten, denn obwohl keiner es zugeben wollte, hatten doch alle ein wenig Angst vor wilden Tieren. Jeder breitete seine Isomatte und seinen Schlafsack aus. Erst da fiel mir auf, dass ich als einzige keine Isomatte hatte. Ich erinnerte mich plötzlich daran, dass auf der Packliste, die wir von den Pfadfinder-Leitern bekommen hatten, auch »Isomatte mitnehmen« stand. Als mein Vater die Liste abarbeitete, fragte er:

»Co to jest ›Isomatte‹?« Was ist das »Isomatte«?

Die Schlafunterlage heißt auf Polnisch karimata. Da mein Vater das deutsche Wort nicht kannte, fiel die Isomatte durch das Raster der Erledigungen. Ich musste im Schlafsack auf der Zeltplane schlafen, direkt auf dem Boden.

Ich fror.

An diesem Abend spürte ich zum ersten Mal, dass ich nicht ganz dazugehörte, mein Deutschsein mit einem Aber versehen war. Es waren nie die großen Ereignisse, die mir das Gefühl gaben, nicht ganz der Norm zu entsprechen, vielmehr waren es die Kleinigkeiten im Alltag, die zu unangenehmen Situationen oder peinlichen Fehlern führten.

In der dritten Nacht des Zeltlagers war ich an der Reihe, Nachtwache zu schieben. Es war Brauch unter den Pfadfinder-Gemeinden, Lebensmittel-Vorräte und das Banner der anderen zu stehlen. Wir wechselten uns alle drei Stunden mit der Wache ab.

»Patricia, du bist von viertel zwei bis viertel fünf dran«, sagte der Leiter meiner Gruppe.

Um 1:45 Uhr kam ich zum Treffpunkt, meiner Meinung nach überpünktlich.

»Du bist eine halbe Stunde zu spät«, fuhr mein Wachen-Vorgänger mich an.

Mit gesenktem Kopf hörte ich dabei zu, wie er mir den Unterschied zwischen dem hochsprachlichen »Viertel vor zwei« im Gegensatz zum regionalen Sprachgebrauch »viertel zwei« erklärte. Dass auch viele Deutsche die Zeitangaben nicht auseinanderhalten können, wusste ich damals nicht. Es hätte mich auch nicht getröstet.

Meine Verspätung zum Wachdienst war einer der wenigen Fauxpas, die mit meinen Deutschkenntnissen zu tun hatten. Da ich bei unserer Ausreise erst zwei Jahre alt war, lernte ich Deutsch und Polnisch fast gleichzeitig. Zu Hause galt die Muttersprache meiner Eltern, mit den Kita-Kindern die Sprache der neuen Heimat. Und auch wenn ich nicht gerade im Kindergarten war, sprach ich Deutsch mit den Nachbarskindern, bei Spieletreffs, beim Toben auf dem Hof. Durch diese frühe Zweisprachigkeit hatte ich im Vergleich zu anderen Aussiedlerkindern einen Vorteil: Bei mir klang im Deutschen nie ein polnischer Akzent durch, vielmehr war deutlich ein deutscher Einschlag in meinem Polnisch zu hören.

Obwohl mein Deutsch tadellos war, merkten nicht nur die anderen Pfadfinder schnell, dass ich nicht »von hier« war. In Konstanz am Bodensee, wo ich den Großteil meiner Kindheit und Jugend verbracht habe, wird Badisch gesprochen. In den Kirchengemeinden, auf dem Markt, in Fastnachts- und Sportvereinen ist der Dialekt allgegenwärtig. Mir ist es nie gelungen, Badisch zu lernen, meine Versuche klangen wie missratene Kabarettisten-Possen. Aber ich habe schnell gelernt, den regionalen Dialekt zu verstehen. Meine Eltern dagegen tun sich bis heute schwer, Schwäbisch und Badisch zu unterscheiden.

»Luxusprobleme« nennt mein Cousin Markus das, was ich als Sprachdefizite meiner Kindheit bezeichne. Er war schon acht Jahre alt und sprach kein einziges Wort Deutsch, als er mit seinem Bruder Thomas, meinem Onkel Olek und dessen Frau Stasia als Achtjähriger nach Deutschland kam.

Statt wie bisher in die podstawówka, Grundschule, in Kołobrzeg zu gehen, umgeben von seinen Freunden, fand er sich von einem Tag auf den anderen ganz auf sich allein gestellt in einem Turbo-Deutsch-Intensivkurs wieder. Einen Wir-geben-dir-Zeit-zur-Eingewöhnung-Bonus gab es weder für Markus noch für andere Aussiedler. Mit seinen dunklen, wuscheligen Haaren und tiefbraunen Augen hielten ihn die anderen Kursteilnehmer für einen Südeuropäer und nicht für einen Polen. Wenn Markus an den damaligen Deutsch-Kurs denkt, fällt ihm der zum Teil sonderbare Lehrstoff ein. Statt alltagstaugliche Konversationen zu üben, habe er vor allem stur Vokabeln und Grammatikregeln lernen müssen.

»In den vier Wochen lernten wir unter anderem den Unterschied zwischen: ›ein Tal - zwei Täler‹ im Gegensatz zu ›ein Teller - zwei Teller‹. Ich habe mich gefragt, ob ich jemals das Wort ›Tal‹ brauchen würde. Die Regel habe ich aber trotzdem brav auswendig gelernt.«

Noch mehr habe ihn verwundert, dass seine Lehrerin, Frau Chochlowa, auf bestimmte Grammatikfragen keine Antwort wusste. Erst von einem anderen Teilnehmer erfuhr er: Die Lehrerin war gebürtige Russin und selbst erst seit einigen Jahren in Deutschland.

Russin hin oder her, Markus hing an den Lippen seiner Lehrerin, schrieb fleißig und ohne zu murren jedes Wort mit, immer hoffend, dass der Start in der deutschen Grundschule einigermaßen glatt über die Bühne gehen würde.

Nach den Sommerferien wurde Markus in die 2. Klasse eingeschult. Bald schon stand im Deutschunterricht das erste Diktat an, ihm wurde mulmig zumute. Er musste regulär, wie alle anderen auch, mitschreiben. Markus kam kaum mit, die Lehrerin sprach viel zu schnell, die meisten Wörter hatte er noch nie gehört.

»Das Heft kam komplett rot zurück. Und es wurde auch bei den nächsten Malen nicht besser.«

In Polen noch einer der Klassenbesten, kurze Zeit später überall stirnrunzelnde Lehrer. Und vor allem: Keine Schulter, an die man sich anlehnen, an der man sich ausheulen konnte.

»Wenn du niemanden kennst, mit niemandem kommunizieren kannst und nur im Mathe-Unterricht mitkommst, dann trifft es das Wort ›Horrortrip‹ ganz gut.«

Jetzt erst recht

Für dieses Nicht-ganz-dazugehören wollten weder Markus noch ich Mitleid. Aufgeben war auch keine Option. Im Gegenteil. Wir wollten so schnell wie möglich den Deutschen das Wasser reichen können, wollten deutsche Lieder auswendig mitsingen können, gute Noten schreiben, zu deutschen Freunden zum Mittagessen eingeladen werden und wissen, welche Klamotten und welche Musik in sind. Das war der Plan und er wurde Schritt für Schritt umgesetzt.

Markus sprach bald nur noch Deutsch mit mir und auch mit seinen Mitschülern. Er – athletisch, groß, sportlich – wurde fester Bestandteil der lokalen Basketball-Mannschaft und die Diktate blieben immer häufiger tintenblau statt rot. Zwar entdeckte er nicht unbedingt seine Liebe für deutsche Literatur, dafür aber für Naturwissenschaften. Er schaffte es problemlos aufs Gymnasium, bestand sein Abitur und studierte anschließend Maschinenbau.

Ich selbst hätte Werbung für »Wie werde ich schnellstmöglich zu 100 Prozent Deutsch?« machen können. Ich feierte wie meine deutschen Freunde meinen Geburtstag bei McDonalds, schaute die Sesamstraße, kannte alle Folgen von Bibi Blocksberg und lernte die dazu gehörenden Zaubersprüche auswendig. Als ich älter war, las ich, wie alle meine Freunde, Die drei ???, obwohl ich insgeheim TKKG noch ein Stück spannender fand. Ich wusste genau, was in welchem Alter angesagt war: Radlerhosen mit Neonstreifen tragen, sich Plastikschnuller in den verschiedensten Farben und Größen um den Hals hängen, Kinderüberraschungsfiguren und Telefonkarten aus aller Welt sammeln, Spanisch lernen, weil Englisch als zu mainstreamig galt. Ich zwang meine Eltern, die Lokalzeitung zu abonnieren, nachdem ich gesehen hatte, dass bei all meinen Freunden der Südkurier auf dem Küchentisch lag.

Polnische Literatur oder Unterhaltung? Fehlanzeige. Je weniger polnische Präsenz im Alltag, desto besser, war meine Devise. Da gab es aber ein Problem.

Meine Eltern. Liebevolle Eltern, die ich noch heute Mamulka, Mamalein, und Bobski, eine Mischung aus seinem Vornamen Bogusław und unserem Nachnamen Czarkowski, nenne.

Eltern, die ich als Kind und Jugendliche nicht ausreichend wertschätzte, wie mir im Nachhinein bewusst geworden ist. Denn ich empfand meine Eltern als Störfaktoren, was meine reibungslose Integration – oder was ich damals für eine reibungslose Integration in Deutschland hielt – anging. Meine Eltern lernten schnell passables Deutsch und fügten sich anstandslos den deutschen Regeln und Gesetzen. Sie schätzten sowohl die wirtschaftlichen Vorteile als auch die neu gewonnene Freiheit hier. Doch durch ihre, in meinen Augen, schwerwiegenden Fehler bewiesen sie regelmäßig, dass wir Ausländer waren. Sie sprachen Deutsch mit polnischem Akzent, bestellten »Lungenbrezeln« statt Laugenbrezeln, sie traten in Fettnäpfchen, weil sie viele deutsche Gepflogenheiten nicht kannten. Bei einem Gespräch über Sketche von Loriot fragten meine Eltern: »Wer ist Loriot?«.

Mich störte außerdem, dass im Kreis der Familie die polnische Sprache heilig und unantastbar war. Ich war gegen diesen Zuhause-Außerhalb-Kontrast, ich wollte ein deutsches Gesamtkonzept und nicht immer daran erinnert werden, dass wir in Deutschland nicht so verankert waren wie andere Familien.

Das klingt hart, böse und ungerecht. Schließlich waren es meine Eltern, die den Schritt gewagt hatten, Polen zu verlassen, um etwas Neues und Besseres aufzubauen.

Wie schwer sie es besonders am Anfang hatten, womit sie im Alltag kämpfen mussten, war mir nie aufgefallen. Ich sah nur, was meine Eltern im Gegensatz zu »richtig deutschen Eltern« nicht hatten: keine oder kaum deutsche Freunde, keine nennenswerten Hobbys, keinen Beruf wie Arzt oder Architekt, mit dem ich meine Freunde hätte beeindrucken können. Dass sie Freunde, Familie und ihre Anstellung in Polen zurückgelassen hatten, von Null anfangen mussten und darunter gelitten haben, habe ich mir nie bewusst gemacht.

»To był dramat – es war ein einziges Drama«, fasst mein Vater die Anfangszeit rückblickend zusammen.

Er sei sehr motiviert gewesen, schnell Deutsch zu lernen, Arbeit zu finden, soziale Kontakte aufzubauen. In allem jedoch wurde er anfangs gebremst. Deutsch konnten meine Eltern nur in der Sprachschule und beim Einkaufen üben, weil sie keine Deutschen kannten. Unsere ersten Nachbarn in Schwäbisch Gmünd, wo wir nach unserer Ankunft in Deutschland vier Jahre lang wohnten, waren Rumänen, Polen oder Russendeutsche. Auf die ersten Bewerbungen meines Vaters folgten nur Absagen, selbst für Stellen, für die er keine Deutschkenntnisse brauchte.

Eine Absage schmerzt ihn noch heute: bei Daimler in Untertürkheim. Über einen polnischen Bekannten hatte er erfahren, dass Mercedes-Benz Montage-Arbeiter suchte. Er setzte sich noch am selben Abend an den Küchentisch, schrieb so gut er konnte einen Lebenslauf und ein Bewerbungsschreiben. Am nächsten Tag ließ er sich beide Schreiben von unserer polnischen Bekannten Danuta korrigieren, der die besten Deutschkenntnisse in der ganzen Gegend nachgesagt wurden.

Es half nichts.

Weder mein Vater noch Danuta wusste, dass die Techniker-Ausbildung, die mein Vater im Lebenslauf wahrheitsgemäß angegeben hatte, dazu führen würde, dass er für die ausgeschriebene Stelle als überqualifiziert eingestuft werden würde. Andere polnische Aussiedler bekamen die Stelle, weil sie angegeben hatten, weder eine Ausbildung noch Erfahrung in der Produktion zu haben.

Mein Vater bekam nie einen Fuß in die Tür von Mercedes-Benz, dem Unternehmen, für das er heute noch, mit Ende 60, schwärmt. Seine erste Arbeitsstelle fand er schließlich bei einer Umzugsfirma. 10-Stunden-Tage. Knochenarbeit. Mein Vater spricht ungern über diese Zeit.

Meine Mutter kümmerte sich in den ersten Jahren vor allem um mich und um den Haushalt. Als ich sechs Jahre alt war, wurde meine Schwester geboren. In ihren erlernten Beruf als Hotelfachfrau, den meine Mutter so liebte, kehrte sie nie mehr zurück. Stattdessen nahm sie verschiedene Aushilfsjobs an.

»Warum hast du nicht probiert, wieder in einem Hotel zu arbeiten?«, frage ich sie erst, als ich dieses Buch schreibe.

»Das habe ich anfangs noch versucht. Aber in Polen habe ich nur Russisch als Fremdsprache gelernt. Mit Polnisch und Russisch und dem wenigen Deutsch, das ich damals konnte, hatte ich als Hotelfachfrau keine Chance. Je mehr Zeit verging, desto weniger glaubte ich daran, dass mich jemand einstellen würde«, antwortet meine Mutter in einem ungewohnt bedrückten Ton.

Von all diesen Niederlagen, zerplatzten Träumen und ungewollten Ausweichlösungen wusste ich jahrelang nichts.

Scham und Gram

Ich wusste nur eines: Es war mir peinlich, wenn meine Eltern als Nicht-Deutsche auffielen, wenn meine Freunde bei unseren selbst programmierten Sendern das Wort »Wideo« entdeckten (nicht wissend, dass es im Polnischen kein »V« gibt) und annahmen, meine Eltern seien Legastheniker, oder wenn ich wegen der Entscheidungen meiner Eltern in Verlegenheit gebracht wurde, wie bei meiner Kommunion: Ich hatte als einzige ein derart rüschenbeladenes Kleid an, dass alle dachten, ich sei dem Barock entsprungen.

Mein Cousin Markus kann sich ein Lachen nicht verkneifen, wenn er an das Kommunionskleid mit den Puffärmeln und den unzähligen Tüll-Lagen zurückdenkt.

»Weißt du, was mich an meinen Eltern damals am meisten gestört hat?«, fragt er und wartet dabei meine Antwort gar nicht erst ab. »Ich weiß noch, wie unangenehm es mir war, Freunde zu mir nach Hause zum Mittagessen einzuladen.« Er macht eine Pause, als wäre er nicht ganz sicher, ob er weitererzählen soll.

»Am Essen kann es nicht gelegen haben, da bin ich mir sicher«, sage ich, um das Gespräch am Laufen zu halten. Meine Tante Stasia ist eine hervorragende Köchin. Vor allem cielęcina z kluskami, Kalbsfleisch mit Klößen, und rolady wołowe faszerowane, gefüllte Rinderrouladen, schmecken bei ihr so hervorragend, dass meine Mutter jahrelang nur Kaffee-und-Kuchen-Einladungen pflegte, um den direkten Vergleich mit ihr zu vermeiden.

»Nein, es war nicht das Essen. Es lag daran, dass meine Eltern keine Unterhaltung auf Deutsch führen konnten. Wir saßen am Tisch und diese Mischung aus unangenehmer Stille und gebrochenen Halbsätzen fand ich entsetzlich.«

Die Defizite unserer Eltern, dieses Nicht-verbergen-können, dass wir aus einem anderen Land stammen, dieses ständige Sich-beweisen-müssen, begleitete mich jahrelang. Als Kind und Jugendliche habe ich mir mehr als einmal gewünscht, meine Familie wäre nicht aus Polen.

Die Schriftstellerin Alexandra Tobor ist zwei Jahre jünger als ich, auch sie kam als Aussiedlerin nach Deutschland. In ihrem Debütroman Sitzen vier Polen im Auto erzählt sie humorvoll die fiktive, aber mit biografischen Elementen gespickte Geschichte einer polnischen Familie, die in Deutschland Fuß fasst. Ihr Buch umfasst vieles, mit dem polnische Zuwanderer in Deutschland zu kämpfen hatten, mit Klischees, Alltagsproblemen und Missverständnissen. So schämt sich die Hauptfigur etwa, als sie bemerkt, dass ihre Mitschüler viel moderner angezogen sind als sie selbst; ihr Vater versucht in der Anfangszeit, einen polnischen Arzt zu bestechen, um endlich behandelt zu werden und von ihrem Umfeld wird ihren Eltern schnell bewusst gemacht, dass nur deutsch zu sein als erstrebenswert gilt.

Ein paar Jahre nach Erscheinen ihres Buches sucht Tobor in ihrem Artikel Made in Poland, den sie auf ihrem Blog veröffentlicht hat, Antworten darauf, warum das Polnische immer wieder zum Fallstrick wurde und warum Zuwanderer sich dafür schämten, aus Polen zu stammen.

Ein Grund für dieses Phänomen sei das Fehlen der »Marke Polen«.

»Für russische Themen lässt sich mit einer formschönen, farbenprächtigen Matryoschka oder dem roten Stern des Kommunismus werben. Russland ist eine Marke wie Italien, das visuell ebenso wirkmächtig auftrumpfen kann, allein schon mit seiner Stiefelform. Polen hat keine Logos, abgesehen von der Fahne der Solidarność vielleicht, die aber weder Assoziationen mit gelungenem Urlaub noch mit osteuropäischer Exotik weckt. Solche Kleinigkeiten mag man wegen ihrer kapitalistischen Natur als unbedeutsam verwerfen, aber ich glaube, dass sie eine große Rolle für die öffentliche Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung der Polen spielen«, schreibt Tobor.

Recht hat sie, denke ich und merke gleichzeitig: Ich selbst hatte jahrelang keine Vorstellung davon, was Polen als Land ausmacht, wie der Alltag der Menschen aussieht, was sie prägt. So sehr war ich damit beschäftigt, Deutsche zu sein. Zu keinem Zeitpunkt hätte ich sagen können, was meiner gleichaltrigen Cousine Małgorzata, kurz Gosia, deren Familie in Oberschlesien geblieben war, damals wichtig war. Dabei telefonierten wir regelmäßig miteinander.

Da Konstanz direkt an der Schweizer Grenze liegt, fuhren mein Vater und ich einmal im Monat in die Schweiz, um dort von einer Telefonzelle bei unserer polnischen Familie anzurufen – und das, obwohl wir zuhause ein Telefon hatten. Der Grund dafür: Mein Vater war überzeugt davon, dass es aus dem Schweizer Netz einfacher war, nach Polen durchzukommen.

»Vom deutschen Festnetz aus hat es teilweise stundenlang gedauert, bis ein Anruf zustande kam, weil zu viele polnische Migranten gleichzeitig in ihrer Heimat angerufen haben«, erklärt er mir.

Kann die Begründung meines Vaters stimmen, frage ich mich im Nachhinein? Warum sollte das polnische Netz weniger überlastet gewesen sein, wenn jemand aus der Schweiz anrief und alle anderen gleichzeitig aus Deutschland? In der Summe machte das doch keinen Unterschied.

Meine Tante Irena – die die Schwester meiner Großmutter ist, aber mir so nahe steht, dass ich sie Tante nenne – gibt mir eine andere Erklärung.

»Früher wurden viele Anrufe aus Deutschland aus politischen Gründen gar nicht erst durchgestellt. Ich glaube, dass Anrufe aus der Schweiz, dem damals politisch neutralen Land, weniger streng behandelt wurden.«

Was auch immer der Grund gewesen sein mag, es stimmte: Von der Schweiz aus hörten wir schon nach rund zehn Minuten die Stimme meiner Oma väterlicherseits, für mich nur babcia Stasia, die sich mit dem mir so vertrauten tak, sucham – ja, ich höre – meldete.

Bei einem dieser Telefonate verkündete meine Oma, dass sie, meine Tante Irena und deren Kinder Gosia und Rafal eine Reiseerlaubnis zu uns nach Deutschland bekommen hätten. Der Urlaub war für August 1986 geplant und sollte zu unserem ersten Wiedersehen nach unserer Ausreise werden.

Es war ein Sommer, mit dem ich vor allem die Farbe Dunkelblau verbinde. Wir waren jeden Tag schwimmen. Egal, ob die Sonne schien oder ob es regnete, wir waren stundenlang im Wasser, selbst dann noch, wenn unsere Lippen längst dunkelblau angelaufen waren. Auf dem Rückweg vom Freibad sammelten meine Cousine Gosia, ihr Bruder und ich am Waldrand körbeweise Blaubeeren. Zu Hause wartete meine Tante schon mit dem ausgerollten Piroggen-Teig auf uns, füllte die pierogi mit den Blaubeeren und schlug dazu Unmengen von Schlagsahne steif. Noch Stunden später hatte ich einen kugelrunden Bauch und eine dunkelblaue Zunge.

Und was ist von diesem Sommer, der mittlerweile mehr als 30 Jahre zurückliegt, bei meiner Cousine in Erinnerungen geblieben?

Gosia wohnt und arbeitet seit sie von zu Hause ausgezogen ist in Krakau – die lebendige Stadt mit ihren vielen Festivals und Kulturveranstaltungen passt perfekt zu meiner aufgeschlossenen Cousine. Als ich Gosia anrufe, ist sie noch bei der Arbeit und hat nur kurz Zeit für mich. Ich stelle ihr meine Frage und biete ihr an, mich zu einem anderen Zeitpunkt zurückzurufen, wenn sie Bedenkzeit brauchen sollte.

»Da muss ich gar nicht lange überlegen«, antwortet sie. »Ich weiß noch, wie fasziniert ich von deinem Riesenstapel Micky-Maus-Heften war. Und natürlich von deiner Radiergummi-Sammlung, du hattest sogar Radiergummis in Form einer Pizza oder eines Elefanten. Ich werde auch nie vergessen, dass wir schon vor dem Frühstück deine Lieblingszeichentrickserien angeschaut haben.«

Duck Tales, He-Man und Die Gummibärenbande, zählt sie so problemlos auf, als hätte man sie nach ihren Lieblingseissorten gefragt.

Ich selbst wusste nicht, was Gosia damals gerne las oder wofür sie sich interessierte. So sehr ich mich auch anstrengte, mir kam nichts in den Sinn, was ihr damals wichtig war. Die Tatsache, dass es damals ihr erster Besuch in der glitzernden und bunten Welt – wie sie Deutschland nannte – war, lasse ich mir selbst nicht als Erklärung dafür durchgehen, dass ich mich so wenig für ihr Leben interessierte. Nach dem Sommerurlaub 1986 sahen wir uns zwar bis zum Fall des Eisernen Vorhangs nicht, danach dafür umso häufiger. Ich besuchte sie mindestens zweimal im Jahr, schlief auf einer Matratze in ihrem Zimmer, inmitten von ihren Büchern und Spielzeugen.

Ich kann mich nicht erinnern, diese auch nur eines Blickes gewürdigt zu haben.

Späte Reue

Bin ich unbewusst davon ausgegangen, dass meine deutsche Lebensart Vorrang hat? Habe ich das Polnische in mir und um mich herum absichtlich oder unbewusst ausgeklammert und ignoriert?

Ich beschließe, dem Historiker Peter Oliver Loew meine Fragen zu stellen. Loew ist Autor des Buches Wir Unsichtbaren: Geschichte der Polen in Deutschland und befasst sich seit Jahrzehnten unter anderem mit der Geschichte Polens und Schlesiens sowie den deutschpolnischen Beziehungen in der Neuzeit. Als ich Loew interviewte war er stellvertretender Direktor des Deutschen Polen-Instituts, heute leitet er es. Bei unserem Telefongespräch konfrontiere ich ihn als erstes mit der Frage, die mir so auf der Seele brennt.

»Herr Loew, ist es ungewöhnlich, dass ich damals deutschland-fixiert war, dass ich wie mit Scheuklappen durch die Welt gelaufen bin?«

»Nein, der in unterschiedlichem Maße ausgeprägte Wunsch, sich rasch in die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, ist der kleinste gemeinsame Nenner bei Aussiedlerkindern. Dieser Wunsch, zu dem auch in gewissem Maße der Druck der Eltern hinzukam, ist bei keiner anderen Zuwanderergruppe so ausgeprägt wie bei den Polen«.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der Loew zufolge immer wieder bei Zuwanderern, die mit ihren Kindern nach Deutschland gekommen sind, beobachtet wird: Verlusterfahrungen. Durch die Entscheidung der Eltern, Polen zu verlassen, habe der Nachwuchs, oft ohne sich verabschieden zu können, sein gewohntes Umfeld, Freunde oder auch lieb gewonnenes Spielzeug zurücklassen müssen.

Zum Glück blieb mir das erspart, weil ich bei der Ausreise so jung war, dass ich mich nicht mehr an Polen erinnern kann. Mein Kinderzimmer mit den Wandregalen, in denen ich meine Kuscheltiere der Größe nach aufgestellt hatte und meine Spielkameradin aus dem Sandkasten, Kamila, kenne ich nur von Schwarz-Weiß-Fotos.

Noch eine zweite Frage treibt mich um. Warum waren polnische Zuwanderer stärker als andere darauf aus, sich möglichst schnell in Deutschland zu integrieren? Auch andere Migranten haben ihr Land doch aus wirtschaftlichen und politischen Gründen verlassen und sich nicht so stark darauf fixiert, ihre Herkunft zu kaschieren.

Loew sagt dazu: »Deutschland war für viele Polen das reiche und ersehnte Land, in dem alles besser funktionierte und das die Aussicht auf ein erfülltes Leben bot. Die Tatsache, dass polnische Aussiedler deutsche Papiere bekommen hatten, führte dazu, dass sie sich gegenüber der Aufnahmegesellschaft verpflichtet fühlten, sich auch so zu verhalten, wie es von ihnen erwartet wurde – nämlich wie Vertriebene, wie Aussiedler, wie Deutsche.«

Dazu muss man wissen, dass Vertriebene und Aussiedler im Gegensatz zu Asylbewerbern rechtlich bessergestellt waren, weil sie als Zuwanderer deutscher Abstammung galten und ein Anrecht auf die deutsche Staatsangehörigkeit hatten. Aussiedler wurden einerseits diejenigen genannt, die als deutsche Staatsangehörige in den früher deutschen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie geboren wurden und bis nach 1945 dort geblieben sind, bevor sie nach Deutschland übersiedelten. Andererseits war der Begriff all denen vorbehalten, die als deutsche Volkszugehörige aus einem kommunistisch regierten Land über ein Aufnahmeverfahrens in die Bundesrepublik Deutschland auswanderten. Bei beiden Gruppen galt dies auch für die Ehepartner und Nachkommen. Bis Ende der 1980er Jahre kamen die meisten Aussiedler aus Polen und Rumänien, seit 1990 waren Aussiedler zunehmend Einwanderer aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Wie verbreitet das Vorgehen bei Kindern polnischer Migranten war, möglichst schnell und erfolgreich in Deutschland Fuß zu fassen, ist mir in meinen Gesprächen und Interviews immer wieder aufgefallen. Ganz gleich, ob die Befragten bei ihrer Ankunft im Kindergartenalter waren oder schon Teenager. Polen war damals out.

Es ging mir wie vielen anderen auch nicht nur um eine gelungene Integration in Deutschland, sondern regelrecht darum, unsere polnischen Wurzeln zu verbergen. Es war nicht nur ein Desinteresse gegenüber Polen, es war ein Leugnen der Herkunft. Ganz so, als wäre das Polnische ein Makel.

Zu Unrecht. Aber das sollte mir erst Jahre später bewusstwerden.

Mein Vater lud mich Ende 2019 zu seinem 67. Geburtstag nach Polen ein, wo er mittlerweile wieder wohnt. Es war zwar kein runder Geburtstag, aber er war noch einmal – nein, innerhalb eines Monats gleich zwei Mal – Opa geworden, und wollte es sich nicht nehmen lassen, seine beiden Enkelinnen mit einem großen Familienfest zu feiern.

Als mein Mann und ich mit den Kindern nach einer langen Reise endlich ankamen, waren alle anderen bereits beim Nachtisch. Ich setzte mich neben meine Cousine Gosia und nahm mir ein großes Stück ciasto z bakaliami, mein Lieblingskuchen mit Trockenobst, kandierten Zitrusschalen und Nüssen. Endlich stellte ich Gosia all die Fragen, die längst überfällig waren.

Welche Romanhelden, welche Fernsehserien, welche Sammelleidenschaften habe ich während ihrer Kindheit verpasst? Sie erzählte mir, dass sie früher kaum ferngesehen hat – einerseits, weil das Fernsehangebot zu sozialistischen Zeiten recht beschränkt war, andererseits, weil sie ohnehin viel lieber las. Zu ihren Lieblingscomics gehörten Kajko i Kokosz von Janusz Christa. Die beiden Helden sehen Asterix und Obelix auffällig ähnlich. Nicht nur in Polen war die Comic-Serie sehr erfolgreich, sie wurde auch ins Englische und Französische übersetzt. Jahrelang war Gosia zudem Fan der mindestens so populären Jugendbücher Jeżycjada der Autorin Małgorzata Musierowicz. Der Buchtitel leitet sich vom Stadtteil Jeżyce in Poznań ab. 1975 wurde der erste Band veröffentlicht, es folgten bisher mehr als 20 weitere, die auch im Ausland so beliebt sind, dass sie in dutzende Sprachen übersetzt wurden.

Ich bin mittlerweile bei meinem zweiten Stück Kuchen angekommen und meine Cousine bei den Büchern von Alfred Szklarski.

Spätestens jetzt wird mir klar, dass ich mein jahrelanges Desinteresse bereue. Indem ich früher alles Polnische kategorisch ablehnte, habe ich vieles verpasst, das mich begeistert hätte. So auch Szklarskis Cykl powieści o Tomku Wilmowskim (Die Abenteuer des Jungen Tomek Wilmowski).

»Ich fand die Bücher so spannend, dass ich die meisten Bände gleich zwei Mal durchgelesen habe, am besten haben mir die Abenteuer im Land der Kängurus und bei den Quellen des Amazonas gefallen«, sagte Gosia und versprach mir, die beiden Bände zuzuschicken.

Am Tag nach der Feier flogen wir zurück nach Deutschland. Im Flugzeug las ich noch einmal die Buchtitel durch, die ich mir während des Gesprächs mit Gosia notiert habe und kam ins Grübeln.

Wäre es damals nicht möglich gewesen wäre, meine polnische Herkunft zu akzeptieren statt sie zu verleugnen? Hätte ich nicht in Deutschland mein neues Leben aufbauen können, ohne das Polnische als minderwertig anzusehen?

Ich wünschte, ich könnte auf diese Fragen mit Ja antworten. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir: Es war tatsächlich unmöglich.

Vor allem eines hinderte mich daran: Scham. Diese Scham, die nicht nur vielfältig, sondern auch in jedem Lebensbereich präsent war.

Nachnamen zu vergeben

Ich schämte mich für meine Herkunft, weil sie keine positiven Assoziationen entstehen ließ; für meine Eltern, weil sie meine polnische Vergangenheit verkörperten, während ich mich bemühte, deutscher als jeder Deutsche zu werden; für meinen Nachnamen, ein polnisches Überbleibsel, das ich nicht loswurde.

Oft stellte ich mir vor, wie es wäre, spanische Eltern zu haben, Spanisch statt Polnisch zu sprechen, Sangría statt Wodka als Nationalgetränk anzubieten. Ich dachte mir sogar fiktive Dialoge aus.

»Hallo, ich heiße Patricia García Ortega«, ich rollte dabei jedes einzelne »r« besonders stark.

»Was für ein schöner Name, wo kommen Sie denn her?«

»Aus Spanien.«

»Wow, da war ich letzten Sommer im Urlaub, ich wäre am liebsten für immer dort geblieben.«

Die Realität aber sah so aus: »Ich heiße Patricia Czarkowski.«

»Oh, das klingt kompliziert. Sind Sie Russin? Schreibt sich das wie Tschaikowsky?«

»Nein, ich komme aus Polen« und buchstabierte automatisch: C-Z-A-R-K-O-W-S-K-I.

Dafür brauchte ich im Durchschnitt 1,83 Sekunden. Ich wusste das so genau, weil mein Jugendfreund, Matthias Görig, die Zeit mit der Stoppuhr gemessen hatte. Er war fasziniert davon, wie schnell ich meinen Mädchennamen buchstabieren konnte und davon, wie oft ich ihn im Alltag buchstabieren musste.

Wenn Matthias seinen Nachnamen angab, sagte er einfach: »Görig wie der NS-Mann Göring, aber ohne ›n‹«.

Das reichte. Keine Nachfragen, keine Tippfehler. Bei mir wiederum half oft sogar mehrmaliges Buchstabieren nicht. Mal fehlte bei Czarkowski das »z«, mal wurde ein »Scharkowski« daraus. Es war zum Verrücktwerden. Hätten meine Eltern nicht einfach »Ernst« oder »Müller« heißen können?

Und noch etwas störte mich an meinem Nachnamen. Sobald ich mich vorstellte, sobald jemand den Namen las, war klar: »Ah, die ist nicht von hier.« So gut ich auch Deutsch sprach, so deutsch meine Interessen und Freunde waren, mein Nachname verriet mein Anderssein. Dieses Anderssein, das ich damals so gerne weggewischt hätte. Ich wollte deutsch sein, ohne Wenn und Aber.

Anderen Aussiedlern ist es gelungen, ihren Namen auszutauschen. Mein Stiefvater hieß in Polen Kristian Lesz, er wurde nach seiner Ankunft in Deutschland zu Christian Lesch, ein Freund meiner Eltern hieß in Polen noch Janek Szleger, daraus wurde Hans Schleger. In diesen Fällen wurde der polnische Vorname gegen die deutsche Version eingetauscht und die polnischen Laute des Nachnamens eingedeutscht. Aber es gibt auch Beispiele, bei denen der Nachname nach der Eindeutschung kaum wiederzuerkennen war: So wurde etwa Elżbieta Kitowska zu Elisabeth Kittner.

Möglich machte das der Paragraph 94 des Bundesvertriebenengesetzes. Darin heißt es unter anderem, dass Vertriebene und Spätaussiedler eine deutschsprachige Form ihres Vornamens annehmen können – gibt es keine passende Form, kann ein neuer Vorname ausgesucht werden. Auch der Familienname darf in einer deutschsprachigen Form oder in einer deutschen Übersetzung angenommen werden, sofern die Übersetzung einen im deutschen Sprachraum passenden Familiennamen ergibt.

Neu war das Phänomen der Namensänderung in der deutsch-polnischen Geschichte nicht. Schon während des deutschen Kaiserreichs war die Regierung an einer Germanisierung und Integration polnischstämmiger Zuwanderer interessiert. Sie unterstützte daher Namensänderungen, um Diskriminierung und Vorurteile gegen alles, was polnisch klang, zu unterbinden. So wurde beispielsweise aus dem polnischen Nachnamen Majcrzak Mayer; statt Gizelski hieß es Giesberg und Janowski wurde zu Janfeld. Jahrzehnte später, nach dem Zweiten Weltkrieg, gab es eine Entwicklung in die andere Richtung: Im Zuge der Polonisierung war es in den ehemals von Deutschland besetzten Gebieten durchaus üblich, deutsch klingende Namen wieder polnisch klingen zu lassen.

In meinem Fall aber half kein Gesetz. An Czarkowski war nicht zu rütteln – zumindest vorerst.

Der Polen-Komplex

Dass ich in meiner Kindheit so lange mit dem Polnischen gehadert habe, können manche, etwa mein Schwager, nicht nachvollziehen. Der Mann meiner Schwester Davina ist, was mein Vater als czysty niemec, einen »sauberen« oder »reinen« Deutschen, bezeichnet, also jemand, der durch und durch deutsch ist. Lars ist in Duisburg geboren, in eine Familie, die ohne Zusätze wie »Meine Oma/ Mutter stammt aber aus xy« auskommt. Für Lars ist Polen nichts, weswegen man sich verstecken müsste, nichts Peinliches, nicht zweite Wahl.

Im Gegenteil.

Fällt das Wort Polen, denkt er sofort an die kotlety schabowe z kluskami, Schweinskottelet mit Klößen, meiner Tante, er denkt an die Sprache, für die er uns bewundert, weil das Polnische für ihn ein Buch mit sieben Siegeln ist, und er denkt an seine sehr gut ausgebildeten polnischen Kollegen, die mit Fachwissen brillieren. Lars liebt Polen fast so sehr wie er meine Schwester liebt.

Aber das Polen, das Lars kennt, ist auch nicht das, womit die Deutschen ihre östlichen Nachbarn während meiner Kindheit in Verbindung brachten. Heute sind die Städte voll mit Shoppingcentern, es gibt hippe Szene-Cafés, angesagte Festivals und viele weltoffene Menschen. In den ländlichen Gebieten aber hat sich an den Strukturen wenig geändert, viele Einwohner dort vertreten das konservativ denkende Polen, in nicht wenigen Gegenden sieht man kaum, dass sich in den vergangenen gut 30 Jahren etwas verändert hat. Und dennoch: Das, wofür Polen zu meiner Zeit stand, hat sich stark geändert.

Für viele Deutsche war Polen damals im besten Fall der Inbegriff der Farbe Grau oder der unauffällig arbeitenden Putzfrau. Über die schlechteren Fälle hat unter anderen die Journalistin Alice Bota geschrieben, die für die Wochenzeitung Die Zeit arbeitet und selbst polnische Aussiedlerin ist. Bota wurde wie ich 1979 im ober- schlesischen Krapkowice geboren und wanderte mit ihren Eltern nach Deutschland aus, als sie neun Jahre alt war. In dem Buch Wir neuen Deutschen: Wer wir sind, was wir wollen, das sie zusammen mit Özlem Topcu und Khue Pham geschrieben hat, beschäftigt sie sich mit den Gefühlen von Heimatlosigkeit, Entfremdung und ihrer hybriden Identität. Darüber, wie es war, im Deutschland der 90er-Jahre Pole zu sein, schreibt Bota:

»Es gab die Autodiebstähle, es gab die irrwitzige Armut jenseits der Oder, es gab die Polackensprüche, es gab die Harald-Schmidt-Witze über klauende Polen, die ganze Sendungen füllten und viel Schenkelklopfen auslösten. Wir hatten also gute Gründe, sehr schnell sehr deutsch zu werden.«

Diese gängige Sichtweise vieler Deutscher hat der polnischen Seele mehr als nur einen Stich versetzt. Sie kam einer Demütigung gleich. Es ist nachvollziehbar, dass polnische Migranten sich für ihre Herkunft schämten.

Der Ursprung ihrer Komplexe ist dies aber nicht, der liegt tiefer und ist in der polnischen Geschichte verankert.

Polen ist in den vergangenen 220 Jahren mehrfach von Großmächten zerschlagen worden. Das führte dazu, dass das Selbstwertgefühl der Polen immer wieder erschüttert und immer brüchiger wurde. Polen wieder zu einem starken und selbstbewussten Land zu machen, ist ein Thema, das besonders für die rechtskonservative Partei Prawo i Sprawiedliwość, kurz PiS, die seit Ende 2015 regiert, stets hochaktuell und Aufhänger vieler Debatten ist.

Die polnische Publizistin Marta Kijowska hat in Krakau Germanistik studiert und lebt seit 1979 in München. Die populistische Politik der PiS, deren umstrittene Reformen und das Unverständnis und die Entrüstung des Auslands hat Kijowska zum Anlass genommen, das beeindruckende Buch Was ist mit den Polen los? Porträt einer widersprüchlichen Nation zu schreiben.

Es ist eine Analyse des heutigen Polens, Kijowska schaut aber auch zurück, um die historischen Entwicklungen verständlich zu machen. Die vergangenen gut zwei Jahrhunderte, die geprägt waren von den Teilungen Polens durch Russland, Preußen und Österreich, den Zweiten Weltkrieg und das kommunistische Regime seien eine »einzige Kette von identitätsraubenden Maßnahmen« gewesen. Mit zahlreichen Zitaten und Meinungsäußerungen polnischer Intellektueller beschreibt sie den Nationalcharakter der Polen so:

•Der Pole klagt gerne.

•Der Pole hat Angst vor dem Fremden.

•Der Pole neigt zu einer heroischen Ethik.

•Der Pole hat Komplexe.

•Der Pole sieht sich als Opfer der Unterdrückung durch andere Völker; und besonders durch Deutschland, dem Land, das im Laufe der Geschichte mehrfach vorgab, Polen überlegen zu sein.

Kijowskas Buch half mir dabei, nachvollziehen zu können, warum viele Polen genug haben von der »Einmischung« der EU, warum sie keine Geflüchteten mehr aufnehmen wollen und warum besonders die Beziehungen zu Deutschland mehr als angespannt sind.

Ich verstehe nun vieles besser: Warum meine Mutter besonders in den Anfangsjahren in Deutschland wenig selbstbewusst auftrat. Warum sie bei Elternabenden immer ganz hinten saß. Warum sie die Haustür immer erst einen Spaltbreit aufmachte um zu prüfen, dass keiner der Nachbarn im Hausflur zu sehen war, der sie in ein Gespräch verwickeln könnte. Warum sie so ungern deutsche Formulare ausfüllte. Warum sie lieber andere Polen zum Kaffee traf als deutsche Kollegen oder Bekannte.

Ganz anders dagegen mein Vater, der offensichtlich nichts von dieser Seite des polnischen Nationalcharakters abbekommen hat. Wurde er früher für seinen polnischen Akzent schief angeschaut, fragte er sein Gegenüber, an welchem Wort dieser das bemerkt habe. Beim nächsten Mal versuchte er das Wort besser, deutscher auszusprechen. Und wurde er despektierlich als Ausländer beschimpft, gab er zurück, dass wir doch alle irgendwann und irgendwo Ausländer seien.

Ich wünschte, ich hätte meine Eltern nicht immer dafür kritisiert, was ihnen fehlte, um »echte Deutsche« zu werden, sondern anerkannt, welche Hürden sie überwunden haben.

Ich wünschte, ich hätte nicht nur ihre Mankos gesehen, sondern auch das, was sie hier erreicht haben.

Ich wünschte, ich wäre aufmerksamer gewesen.

Aber im Nachhinein ist es bekanntlich einfach, Fehler zu sehen und Fehler einzugestehen. Als ich mit meinem Cousin Markus für dieses Buch über unser damaliges Eltern-Bild spreche, lege ich mein persönliches Mea Culpa ab. Markus kann gut nachvollziehen, was ich empfinde und ergänzt: »Als ich selbst zum ersten Mal für längere Zeit im Ausland war, habe ich nachvollziehen können, wie meine Eltern sich zu Beginn in Deutschland gefühlt haben müssen und vor allem, welches Ausmaß ihre Entscheidung hatte. Als sie Polen verlassen haben, waren sie Mitte Dreißig, hatten zwei kleine Söhne, kein Geld, keinen Beruf und wussten noch nicht einmal, ob sie jemals in ihre Heimat zurückkehren würden. Ich selbst habe mittlerweile auch Frau und Kinder und muss ganz ehrlich sagen: Ich würde mir diesen Schritt nicht zutrauen.« Er stockt kurz.

»Was unsere Eltern getan haben, war mutig.«

Mutig.

Ein Wort, das ich viel zu selten benutze, wenn ich über meine Eltern spreche. Wie gerne wäre ich selbst damals am Lagerfeuer mutig genug gewesen, dem älteren Pfadfinder zu widersprechen, ihm klarzumachen: Auch ich bin Deutsche.

Ausreise
Lücken füllen

Mehr als 30 Jahre nach meinem ersten Pfadfinder-Lager, es ist ein heißer Juli-Tag, hole ich meinen Sohn Lionel vom Kindergarten ab. Ich wohne mittlerweile in Kehl am Rhein, direkt an der französischen Grenze. Auf dem Spielplatz im Innenhof bewirft ein Mädchen gerade ein anderes mit Sand, an der Rutsche wird gedrängelt und neben der Holzhütte kämpfen zwei Jungs um das letzte freie Laufrad. Noch bevor ich Lionel sehe, höre ich, wie er mir im Rennen zuruft: »Mama, ich muss dir etwas erzählen.«

Er ist so aufgeregt, dass seine Stimme sich überschlägt und seine blauen Augen noch heller leuchten als sonst.

»Die Erzieher haben uns heute gefragt, woher unsere Eltern kommen. Die meisten Kinder haben geantwortet, ihre Eltern sind aus Deutschland oder – so wie Papa – aus Frankreich, ein paar sind aus der Türkei oder aus Russland. Ich bin der Einzige, der eine Mutter aus Polen hat«, sagt er voller Stolz und fügt nach einer Pause hinzu: »Ich habe allen gesagt, dass ich deswegen auch ein bisschen Pole bin.«

Dieser kurze Auszug seines Kita-Tages hat mich so sehr überrumpelt, dass ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Ich nahm meinen Sohn wortlos in den Arm. Mit welchem Selbstbewusstsein, mit welcher Natürlichkeit Lionel mit seinen knapp fünf Jahren das Polnische in sich betonte und nach außen trug, beeindruckte mich.

Während ich als Kind alles darangesetzt hatte, nicht als Polin aufzufallen, meine Herkunft so gut es ging zu verbergen, um so Deutsch wie möglich zu sein, zeigte sich mein Sohn von den polnischen Wurzeln begeistert.

Er wollte mehr über das Land wissen, das er bislang hauptsächlich mit großen Familienfesten, polnischen Liedern und üppig gedeckten Tischen in Verbindung brachte. Er wollte mehr über unsere Familiengeschichte erfahren und fragte mich, warum ich als Kind von Polen nach Deutschland gekommen sei, was dort anders gewesen sei als hier und warum meine Oma und einige Tanten sowie Cousins noch immer in Polen wohnten.

Je mehr Fragen mir Lionel stellte, desto klarer wurde mir, wie wenig ich über meine Herkunft wusste. Ich habe lange Zeit nicht das Bedürfnis verspürt, mich mit meiner eigenen Geschichte zu beschäftigen, habe mich damit begnügt, zu wissen, dass meine Eltern im Juli 1981 das schlesische Opole verlassen hatten und als Aussiedler nach Deutschland ausgewandert waren. Die Eintrittskarte für unser neues Leben in Deutschland war mein Großvater, der Vater meiner Mutter, gewesen.

Aber wie kam es dazu, dass uns Opa Jerzy Makowski, der wegen seiner Rastlosigkeit von allen nur Motyl, Schmetterling, genannt wurde, dieses neue Leben in Deutschland ermöglichte?

Ich kannte die Gründe lange Zeit nur ansatzweise, was vor allem daran lag, dass über die Vergangenheit meiner Familie mütterlicherseits meist geschwiegen wurde. Als Kind schnappte ich hin und wieder Wortfetzen auf, wenn jemand über meinen Opa sprach. Die Wörter »zdrajca«, Verräter, und »Nazi« fielen besonders häufig. Sobald eines von uns Kindern in der Nähe war, wechselten die Erwachsenen umgehend das Thema. Erst in der Oberstufe, als der Zweite Weltkrieg in fast allen Fächern auf dem Lehrplan stand, konfrontierte ich meine Eltern mit der Frage, ob jemand aus unserer Familie während des Krieges auf der deutschen Seite gekämpft hatte.

»Ja, Motyl war bei der Wehrmacht«, antwortete mein Vater. Ich erwartete Details, Gründe, Erklärungen. Aber es kam nichts mehr.

»Warum hat er das gemacht?«, hakte ich nach.

»So genau weiß das niemand. Einige haben damals gesagt, sein Vater, also dein Urgroßvater, hat ihn dazu überredet.« Der Grund dafür soll pragmatischer Natur gewesen sein: Die Familie meines Opas habe in ärmlichen Verhältnissen gelebt. Der Wehrmacht beizutreten, habe in den Augen meines Urgroßvaters als Aufstieg gegolten, als Möglichkeit, der Armut in ihrem Heimatort Grudziądz, rund 100 Kilometer südlich von Danzig im ehemaligen Westpreußen, zu entkommen.«

Großvater war bei Weitem nicht der einzige Pole, der in der Wehrmachtsuniform kämpfte. Historiker schätzen, dass hunderttausende Polen während des Krieges zur Wehrmacht einberufen wurden. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Deutsche Volksliste. Wer in die Liste aufgenommen wurde, bekam, je nachdem, wie stark das »Deutschsein« der jeweiligen Person eingestuft wurde, die deutsche Staatsangehörigkeit beziehungsweise ein späteres Anrecht auf sie. Es gab Polen, die sich freiwillig eintragen ließen, weil sie sich dadurch Vorteile erhofften, etwa auf diese Weise die eigene Familie vor der Verfolgung durch die Deutschen zu schützen. Viele Polen aber wurden gezwungen, die Volksliste zu unterzeichnen, obwohl dies völkerrechtswidrig war. Mit ihrer Unterschrift stimmten sie der Einberufung in die deutsche Armee zu.

Ursprünglich sollten nach dem Willen der Besatzer vor allem Danziger, Schlesier und Pommern, die Deutsch sprachen oder deutsche Vorfahren hatten und somit für »germanisierungsfähig« gehalten wurden, Teil der Deutschen Volksliste werden. Später wurde die Liste aber flächendeckend eingeführt, wodurch immer mehr Männer eingezogen worden. Wer sich weigerte, die Volksliste zu unterschrieben, wurde nicht selten in ein Konzentrationslager geschickt. Je länger der Krieg dauerte und je mehr Deutschland unter den militärischen Verlusten litt, desto laxer wurde das Vorgehen der deutschen Rekrutierungsbehörden: Auch Polen ohne erkennbaren Bezug zu Deutschland galten als wehrmachtstauglich. Gegen Ende des Krieges erreichte die Vorgehensweise ihren Höhepunkt.

Zu meiner Zeit als Schülerin versuchte ich, mehr über die Hintergründe des Wehrmacht-Einsatzes meines Großvaters, der 1997 starb, zu erfahren. Aber keines meiner Familienmitglieder konnte mir weiterhelfen. Meine Großeltern hatten sich scheiden lassen, als meine Mutter noch ein Teenager war. Motyl hielt den Kontakt mit seinen Kindern und Enkeln danach nur unregelmäßig. Wer meinen Opa kannte, beschrieb ihn mir so: Er war ein Charmeur, der aber stets konsequent in seinem Handeln war und zu seinem Wort stand. Er liebte sein Leben und seine Heimat und hatte deshalb nie mit dem Gedanken gespielt, auszuwandern, selbst als meine Mutter und ihr Bruder mit ihren Familien bereits in Deutschland lebten.

Motyl war bekannt dafür, gerne viel und ausschweifend zu erzählen. Über die Kriegszeit jedoch schwieg er eisern. Im Nachkriegspolen war er aktives Mitglied in der kommunistischen Partei – ein Grund mehr, die Vergangenheit, so gut es ging, ruhen zu lassen. Bis heute gelten in Polen all diejenigen als Vaterlandsverräter, die während des Krieges mit den Deutschen zusammengearbeitet haben, ganz gleich, ob in der Wehrmacht, der SS oder in der Verwaltung.

Verdrängen und Schweigen

Wie sehr das Wehrmachts-Thema die polnischen Gemüter noch Jahrzehnte nach Kriegsende erhitzt, bewiesen besonders die Präsidentschaftswahlen 2005. Der liberale Kandidat Donald Tusk erzielte im ersten Wahlgang 36,3 Prozent der Stimmen und damit mehr als sein nationalkonservativer PiS-Kontrahent Lech Kaczyński – damals noch Bürgermeister von Warschau – der auf 33,1 Prozent kam. Da aber beide Kandidaten die notwendige Mehrheit von 50 Prozent verfehlt hatten, kam es zur Stichwahl.

Vor der entscheidenden Wahl machte der ehemalige Wahlkampfleiter Kaczyńskis und der heutige Chef des öffentlich-rechtlichen Senders Telewizja Polska (TVP), Jacek Kurski, publik, es gebe Quellen, die belegten, Tusks Großvater habe sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet.

Tusk warf die Vorwürfe entrüstet zurück und ließ seinen Wahlkampfstab Dokumente vorlegen, aus denen hervorging, dass seine beiden Großväter in deutschen Konzentrationslagern gesessen hatten. Die diffamierende Kampagne der PiS schien nach hinten losgegangen zu sein. Doch nur zwei Tage später wurde bekannt, dass Tusks Großvater, Józef Tusk, tatsächlich zur Wehrmacht eingezogen worden war – unter widrigen Umständen.

Es stimmte zwar, dass Józef Tusk ins Lager Stutthof bei Danzig gesperrt worden war und dort Zwangsarbeit leisten musste, bevor er später im KZ Neuengamme bei Hamburg landete. Aber nachdem die Alliierten in Frankreich standen und die Rote Armee immer näher rückte, soll Józef Tusk vor die Wahl gestellt worden sein: Entweder weiter im KZ leiden oder für die Deutschen kämpfen. Es gilt als hochwahrscheinlich, dass Tusks Großvater nicht aus freiem Willen in den Reihen der Wehrmacht kämpfte, sondern zwangseingezogen wurde – denn schon nach einigen Tagen desertierte er und schloss sich polnischen Einheiten an.

Kaczyńskis Wahlkampfteam hatte jedoch sein Ziel erreicht: Der Schaden war angerichtet, Donald Tusk verlor die Stichwahl.

Ebenso wie mein Großvater Motyl hatte Józef Tusk über seine Zeit bei der Wehrmacht nicht gesprochen. Zigtausende andere polnische Großväter handhabten es genauso. Es war ihre Art, mit dem Erlebten umzugehen.

Als ich mit den Recherchen für dieses Buch begann, beschloss ich, noch einmal in der Vergangenheit zu bohren. Nicht, um die Schuld oder Unschuld meines Großvaters zu beweisen, sondern um meinen Kindern unsere Familiengeschichte erzählen zu können, ohne ins Stocken zu geraten.

Ich rufe meinen Vater an.

»Gibt es einen Schwarz-auf-Weiß-Beweis dafür, dass Großvater bei der Wehrmacht war?«

»Ja, das steht auf unserem Registrierschein, einem der ersten Dokumente, das wir bekommen haben, als wir in Deutschland angekommen sind. Aber Details über den Wehrmacht-Einsatz werden da nicht genannt.«

Ich habe dennoch Hoffnung, dass mir dieses Dokument weiterhilft. »Haben wir diesen Registrierschein noch?«

»Klar«, antwortet mein Vater, als hätte ich ihn nach der Zeitung von gestern gefragt und nicht nach einem Stück Papier, das er seit Jahrzehnten nicht mehr braucht. »Es ist in der braunen Aktentasche, in der deine Mutter und ich damals die deutschen Unterlagen aufbewahrt haben. Ich schicke ihn dir zu.«

Wenige Tage später halte ich das mit Schreibmaschine geschriebene Formular in der Hand. Es ist in der Durchgangsstelle für Aussiedler in Nürnberg ausgestellt worden. An einigen Stellen sitzen die Buchstaben schief, das Papier ist leicht vergilbt. Datiert ist der Registrierschein auf den 15. Juli 1981. Ein Vermerk an der Seite fällt mir ins Auge. »Wichtige Unterlagen! Sorgfältig aufbewahren!«, steht da – und zwar genau so: jeweils mit einem Ausrufezeichen versehen. Auf der ersten Seite sind die Personalien meiner Eltern und meiner Großeltern notiert.

Unter dem Stichwort »Bemerkungen und vorgelegte Unterlagen« steht in der Zeile meiner Eltern:

»Polnische Reisepässe ohne Entlassung aus dem Staatsverband, keine Unterlagen, jedoch Bestätigung der Zugehörigkeit zur deutschen Ex-Wehrmacht des Vaters von Frau Czarkowski.«

Mit diesem Satz war der erste Schritt getan, als Aussiedler anerkannt zu werden und deutsche Papiere zu bekommen. Bereits wenige Tage später erhielten wir ein Begrüßungsgeld, das offiziell »Begrüßungsgabe der Bundesregierung für Aussiedler« hieß: 150 DM für jeden Elternteil und 75 DM pro Kind.

Verglichen mit dem, was Geflüchtete heute auf sich nehmen müssen, um dauerhaft in Deutschland bleiben zu dürfen – ganz gleich, ob sie in ihrer Heimat politisch verfolgt werden, vor einem Krieg geflohen sind oder ihr Land aufgrund der unzumutbaren wirtschaftlichen Zustände verlassen haben – war unser Einstand in der Bundesrepublik als polnische Aussiedler der 80er Jahre unkompliziert und luxuriös.

Der Geschichtswissenschaftler Christoph Pallaske bezeichnet das damalige Vorgehen Deutschlands gegenüber den polnischen Migranten als »großzügig«. Ein Nachweis über die Diskriminierung oder sogar Verfolgung der Antragsteller sei nicht geführt, sondern grundsätzlich unterstellt worden. Rund 90 Prozent der Zuwanderer hätten ausschließlich polnische Sprachkenntnisse und polnische Biografien gehabt und seien trotzdem zu deutschen Staatsbürgern gemacht worden.

Diese Feststellung betraf nicht nur Aussiedler, die wie wir etwa einen Großvater bei der Wehrmacht vorweisen konnten, sondern auch viele derer, die als deutsche Staatsangehörige aus den früher deutschen und heute polnischen Gebieten in die Bundesrepublik kamen. Der Schriftsteller und Feuilleton-Chef der Zeit, Adam Soboczynski, der 1975 im polnischen Torun geboren wurde, siedelte im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland über. Ich mag nicht nur seinen Roman Die schonende Abwehr verliebter Frauen, sondern auch sein Buch Polski Tango. Darin berichtet er, wie er 20 Jahre nach der Übersiedelung in sein Geburtsland Polen zurückkehrt und es neu entdeckt. Über das Aussiedler-Phänomen schreibt er:

»Man sprach bei Aussiedlern von deutschen Minderheiten in Ostpreußen oder Schlesien, die endlich in ihr ersehntes Mutterland zurückgefunden hätten. Die Realität sah anders aus. Die meisten gingen, weil sie durften. In zweiter und dritter Generation waren ihre deutschen Wurzeln bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Sie sprachen Polnisch, nicht Deutsch; sie tranken Wodka, nicht Bier; sie gingen putzen und wurden selten Ingenieure. Sie waren Ausländer mit deutschem Pass.«

Geheime Ausreise

Über die Autofahrt nach Nürnberg, mit der mein Leben in Deutschland begann und die mich im Sommer 1981 zur Deutschen machen sollte, wusste ich jahrzehntelang nichts. Zeit, das zu ändern.

Am Telefon bitte ich meine Mutter und meinen Vater unabhängig voneinander, mir bei unserem nächsten Treffen von der Ausreise aus Polen zu erzählen. Beide sagen umgehend zu, beide kommentieren meine Bitte so: »Diesen Tag werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Da meine Eltern seit gut 20 Jahren geschieden sind, befrage ich sie einzeln – meine Mutter, als sie für ein paar Tage zum Babysitten ihrer Enkel kommt, meinen Vater, als er während einer Dienstreise einen Zwischenstopp bei uns einlegt.

Ein Milchkaffee und ein warmes Croissant stehen auf dem Tisch vor meiner Mutter. Wir sitzen in meinem Lieblingscafé. Meine Mutter ist eine kleine, zarte, zurückhaltende Frau, die sich nie aufdrängt und lieber zuhört als selbst zu sprechen. Trotz ihrer schnellen Zusage fühlt sie sich anfangs nicht ganz wohl dabei, aus der Vergangenheit zu erzählen.

»Ich bin nicht sicher, ob ich mich an alle Fakten und Ereignisse richtig erinnere oder etwas durcheinanderbringe.«

Die Flucht nach Deutschland hatten meine Eltern bewusst für den Sommer geplant, so wie viele andere auch – aus einem ganz praktischen Grund: Es war am unauffälligsten, bei den polnischen Behörden für den Sommer ein Touristenvisum für einen mehrwöchigen Urlaub zu beantragen. Anfang der 80er Jahre hatte die polnische Regierung die Reisebestimmungen gelockert, Reisen ins Ausland, auch in den Westen, wurden immer öfter genehmigt.

Aus diesen genehmigten Urlauben kamen in der Liberalisierungsphase der Jahre 1980/81 nach Schätzungen mindestens 100.000 Bürger nicht mehr zurück nach Polen, sondern begannen in der Bundesrepublik ein neues Leben. Für uns sollte es offiziell nach Griechenland gehen. Warum Griechenland?

»Das war die Idee deines Vaters. Er hatte gehört, dass die polnischen Behörden Griechenland im Vergleich zu Deutschland oder Großbritannien nicht als besonders attraktives Zufluchtsland ansahen. Sie gingen davon aus, dass ihre Landsleute Griechenland wirklich nur als Urlaubsziel nutzen und wieder nach Polen zurückkehren würden.«

Dass meine Eltern vorhatten, Polen für immer zu verlassen, sagten sie niemandem. Weder der engsten Familie noch den besten Freunden.

»Wir hatten Angst, dass wir verraten werden könnten, außerdem wussten wir nicht, ob es uns wirklich gelingen würde, bis nach Deutschland zu kommen und dort dauerhaft zu bleiben. Wir wären uns dumm vorgekommen, wenn wir nach ein paar Tagen wieder zurück in Schlesien gewesen wären.«

Meine Eltern besaßen ein für damalige Verhältnisse sehr modernes Auto: einen leucht-orangenen Polonez, der ebenso wie der Polski Fiat vom staatlichen Automobilhersteller Fabryka Samochodów Osobowych, Fabrik für Personenkraftwagen, produziert wurde. Unser Polonez inklusive Anhänger, der mit Röcken, kurzen Hosen, Strandtüchern, Badeanzügen und einem Zelt vollgepackt wurde, versprühte eine unbeschwerte Sommerurlaubsstimmung.

Doch in Wirklichkeit war das Ziel kein Campingplatz, sondern das Grenzdurchgangslager in Nürnberg und die Stimmung alles andere als unbeschwert und leicht. »Mir fiel es schwer, keine Fotoalben oder andere persönliche Gegenstände mitzunehmen. Selbst unsere Winterkleidung ließen wir zurück, obwohl uns klar war, dass wir gerade am Anfang in Deutschland kein Geld haben würden, uns neue Kleider zu kaufen. Aber wir wussten, wenn uns jemand kontrolliert und mehr als nur Urlaubsgepäck gefunden hätte, wären wir sofort aufgeflogen.«

Vorsichtshalber hatte mein Vater sogar eine Landkarte von Griechenland ins Handschuhfach gelegt, für den Fall, dass Zollbeamte unseren Wagen durchsuchten. Auch den Proviant wählte er mit seiner typisch vorausschauenden Art aus. Da meine Eltern nicht wussten, wie lange die Fahrt dauern und ob es zu ungeplanten Verzögerungen kommen würden, gab es für alle Dosenessen der Marke konserwy turystyczne, fünf davon gefüllt mit Schweinefleisch, fünf mit Erbsensuppe.

»Habt ihr während der Fahrt nicht an eurem Plan gezweifelt oder Angst gehabt, erwischt zu werden?«, frage ich.

»Nein, unser Wunsch, ein neues, besseres, vielversprechendes Leben aufzubauen, war größer als unsere Bedenken.« Mit jedem Kilometer, dem sie ihrem Ziel näherkamen, sei die Stimmung gestiegen.

»Hinter der österreichischen Grenze machten wir zum ersten Mal eine Pause und hielten an einer Tankstelle.« Während mein Vater getankt habe, sei sie in den Laden gegangen, um eine Landkarte von Österreich zu kaufen.

»Da Österreich nicht auf der offiziellen Reiseroute nach Griechenland lag, hatten wir keine dabei. An der Kasse bediente mich eine junge, blonde Frau. Ich kannte zwar die Wörter ›kaufen‹ und ›Österreich‹ auf Deutsch, aber ich wusste nicht, was Straßenkarte hieß. Ich fragte sie auf Polnisch nach einer Straßenkarte, nach einer ›mapa‹. Aber die Verkäuferin verstand darunter nur so etwas wie eine Schulmappe und antwortete mir, so etwas habe sie nicht. Mit Händen und Füßen ist es mir doch noch gelungen, ihr zu erklären, was ich brauchte.«

Weiter ging die Fahrt in Richtung Salzburg und anschließend über die Grenze nach Bayern.

»Wir trauten uns gar nicht anzuhalten und auszusteigen. Aber als wir bei Bad Reichenhall waren, bremste Dein Vater abrupt ab und sagte: ›Jetzt will ich deutschen Boden unter meinen Füßen spüren.‹ Wir hielten auf einem Parkplatz, stiegen aus und hatten in diesem Moment zum ersten Mal das Gefühl: Jetzt wird alles gut.«

Erst nach diesem Satz nimmt meine Mutter den ersten Schluck des mittlerweile kalt gewordenen Kaffees und beißt von ihrem Croissant ab.

Freie Stellen beim BND

Für den zweiten Teil unserer Ausreise interviewe ich meinen Vater, weil er stets derjenige war, der bei offiziellen Gesprächen und bürokratischen Anliegen das Heft in die Hand nahm, meine Mutter blieb immer schon lieber im Hintergrund.

Für unser Gespräch gehen wir gemeinsam frühstücken. Bei frisch gepresstem Orangensaft und einem Bircher-Müsli erzählt er mir, wie es nach der kurzen Pause auf dem Parkplatz weiterging.

»Von polnischen Freunden, denen vor uns die Flucht aus Polen gelungen war, wusste ich, dass wir nach Nürnberg fahren mussten, wo sich die ›Durchgangsstelle für Aussiedler‹ befand. Dort haben wir den Registrierschein bekommen, den ich dir zugeschickt habe. Nachdem unsere Personalien aufgenommen worden waren und wir auch alle anderen erforderlichen Informationen gegeben hatten, wurde ich von dir und deiner Mutter getrennt.«

Eine Beamtin hat meinen Vater, der damals aufgrund seiner lockigen Mähne und seiner muskulösen Figur eindrucksvoll wirkte, in ein separates Zimmer gebeten. Zwei Männer, die den Grauen Herren in Michael Endes Roman Momo ähnlich sahen, saßen am Ende eines langen Konferenztisches.

»Ohne Erklärung und ohne sich vorzustellen, fragten sie mich: ›Herr Czarkowski, uns ist bekannt, dass Sie beim polnischen Militär waren. Haben Sie noch Kontakte dorthin? Können Sie uns sagen, wo es in Polen überall Kasernen gibt? Haben Sie während Ihrer Zeit beim Militär jemals Soldaten in grauen Uniformen gesehen?«

Mich hätten derartige Fragen aus der Fassung gebracht. Mein Vater aber ließ sich nicht irritieren. Polnische Freunde, die vor uns nach Deutschland ausgewandert waren, hatten ihn vorgewarnt. Die Grauen Herren waren vom Bundesnachrichtendienst und nicht nur auf der Suche nach Informationen, sondern auch nach neuen Mitarbeitern.

»Ihre Strategie war, am Anfang Fragen zu stellen, auf die sie die Antworten schon kannten. So wollten sie herausfinden, wie viel man preisgibt und ob man an einer Zusammenarbeit interessiert war. Und natürlich hatten sie die Hoffnung, gleich beim ersten Gespräch etwas zu erfahren, dass sie noch nicht wussten.«

Die Vorstellung, beim BND zu arbeiten, war für meinen Vater alles andere als verlockend.

»Nach all den Jahren in einem kommunistischen Land, in dem jeder unter Beobachtung stand, war das eines der letzten Dinge, die ich machen wollte.« Dementsprechend vage habe er die Fragen beantwortet, obwohl er natürlich wusste, wo es in Polen Kasernen gab und dass es Soldaten der Raketenabwehreinheit waren, die damals graue Uniformen trugen.

Das Gespräch habe mit dem gängigen Satz »Wir melden uns bei Ihnen« geendet. Bald darauf habe er einen Brief vom Bundesnachrichtendienst erhalten mit der Aufforderung, zu einem Termin in Stuttgart zu erscheinen.

»Ich haben die Aufforderung und auch den zweiten Brief einfach ignoriert.«

»Und was ist dann passiert?«

»Nichts. Ich habe nie mehr vom BND gehört.«

Für mich klingt die Geschichte unglaublich – sowohl die Rekrutierungsversuche des BND als auch die Tatsache, dass mein Vater einer so wichtigen Behörde nicht geantwortet hat. Wenn man gerade erst in einem neuen Land angekommen ist, war so ein Verhalten nicht grob fahrlässig?

Ich hätte mit Sicherheit Angst vor negativen Auswirkungen gehabt und hätte dem Bundesnachrichtendienst zumindest geantwortet. Mein Vater dagegen war die Ruhe selbst. Er war davon überzeugt, dass dieses Vorgehen zu den Strategien des Kalten Krieges gehörte. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Frage nach dem Warum

Ich wusste nun mehr über unsere ersten Tage in Deutschland und die Ungewissheit, die meine Eltern nach der Flucht aus Polen begleitete. Aber ich wusste weiterhin so gut wie nichts über ihr Leben vor der Ausreise, den sozialistischen Alltag, der sie so einschränkte, dass sie bereit waren, alles aufzugeben, um im Westen von vorne anzufangen.

Wie sehr muss man seines Lebens überdrüssig sein, um den Beschluss zu fassen, seine Heimat für immer zu verlassen, Familie und Freunden den Rücken zu kehren?

Als wir auswanderten, war ich so jung, dass ich keine eigenen Erinnerungen an das damalige Polen habe. Ich kenne nur Bilder aus Geschichtsbüchern und Szenen aus historischen Filmen: Lange Schlangen vor Geschäften, Einkaufen mit Lebensmittelkarte, die Frage, ob überhaupt etwas geliefert wird und ob etwas übrig bleibt, bis man selbst an der Reihe ist.

Die wirtschaftliche Situation in Polen hatte sich Ende der 70er Jahre und in den 80er Jahren so lange zunehmend verschlechtert, bis eine notorische Mangelwirtschaft herrschte. Diese Zeit war von Lebensmittelrationierung, Engpässen – auch bei Brennstoffen, Autos oder Fernsehern – sowie einer extremen Wohnungsnot geprägt.

Der Unmut der Polen gegen die sozialistische Regierung nahm kontinuierlich zu. Viele machten ihm innerhalb der eigenen vier Wände Luft, arrangierten sich aber mit der Situation und lebten ihr Leben so gut es ging weiter. Wieder andere wollten aktiv etwas gegen die miserable Lage im Land tun.

So entstand im Sommer 1980 aus einer Arbeiter-Streikbewegung, deren Auslöser eine von der Regierung veranlasste drastische Preiserhöhung für Fleisch- und Wurstwaren war, die freie Gewerkschaft Solidarność (Solidarität). Schnell wurde die Gewerkschaft beliebt und wuchs binnen weniger Monate zu einer Massenbewegung mit rund zehn Millionen Mitgliedern heran. Eine meiner Großtanten, die Krankenschwester war, schloss sich der Bewegung ebenso an wie ihr Ehemann, der in der Verwaltung arbeitete.

Neben besseren Arbeits- und Lebensbedingungen setzte sich die Solidarność für freie Wahlen sowie Rede- und Publikationsfreiheit ein. Ihren Forderungen verlieh sie mit Protestaktionen und Streiks Nachdruck. Die anhaltenden Solidarność-Streiks verschlechterten die wirtschaftliche Lage im Land weiter und führten zu einem Engpass der Lebensmittelversorgung, wodurch die kommunistische Führung zunehmend unter Druck geriet.

Am 13. Dezember 1981 entschied sich Polens Staatsund Parteichef Wojciech Jaruzelski für die extremste aller Maßnahmen: Er verhängte das Kriegsrecht mit dem Ziel, die populäre Gewerkschaft und Demokratiebewegung Solidarność zu zerschlagen. In den großen Städten fuhren fortan Panzer, die Grenzen wurden geschlossen, Soldaten und polizeiliche Sicherheitskräfte besetzten Behörden und Betriebe. Zudem wurden sämtliche Grenzen geschlossen, eine Ausgangssperre von 22 Uhr bis 6 Uhr verhängt, das Postgeheimnis aufgehoben und Telefonverbindungen gekappt oder eingeschränkt. Noch in derselben Nacht wurden Solidarność-Führer Lech Wałęsa sowie viele seiner Mitstreiter verhaftet und die Gewerkschaft verboten. In den folgenden rund anderthalb Jahren wurden tausende Menschen interniert, dutzende Streikende und politische Aktivisten verloren ihr Leben.

Meine Eltern und ich waren zu diesem Zeitpunkt bereits seit fünf Monaten in Deutschland und damit beschäftigt, den neuen deutschen Alltag mit Sprachkursen, Aushilfsjobs und Kinderbetreuung zu meistern. Der 13. Dezember 1981 hat sich dennoch vor allem bei meinem Vater fest ins Gedächtnis gebrannt.

»Ich habe davon im Radio erfahren, als ich gerade im Supermarkt war, um Brötchen zu kaufen. Obwohl meine Deutschkenntnisse damals noch nicht sehr gut waren, habe ich sofort verstanden, dass Kriegsrecht übersetzt stan wojenny heißen musste. Ich stand unter Schock und wusste nicht, was das für unsere Familie, für Polen und die nahe Zukunft bedeuten würde.«

Immer und immer wieder habe er in an diesem Tag und auch an den nächsten Tagen versucht, seine Mutter oder ein anderes Familienmitglied telefonisch zu erreichen. Ohne Erfolg.

»Nur über deutsche Zeitungen, Fernsehnachrichten und Reportagen habe ich mehr über die Lage in Polen erfahren.«

Einige Wochen später sei es ihm doch noch gelungen, seine Mutter zu sprechen. Über das Kriegsrecht und Politik habe sie aber kein Wort verloren, zu groß sei ihre Angst gewesen, sie könnten abgehört werden, wie es durchaus üblich war.

»Ich war damals überzeugt davon, dass die Solidarność diese Phase nicht überleben würde und habe vielmehr mit einem Einmarsch russischer Truppen gerechnet«.

Glücklicherweise kam es anders.

Durch die Verhängung des Kriegsrechts konnten die kommunistischen Machthaber zwischenzeitlich zwar für Ruhe in Polen sorgen, stabilisieren konnten sie das Land aber nicht mehr, dafür waren der Wille und die Kraft der Freiheitsbewegung zu stark. Am 22. Juli 1983 wurde das Kriegsrecht aufgehoben. Es dauerte anschließend noch rund sechs Jahre bis die Solidarność ihr Ziel erreicht hatte und Polen als erstes osteuropäisches Land eine nichtkommunistische Regierung wählte.

Bis heute betonen meine Eltern, dass sie bei ihrer Ausreise aus Polen nicht einmal in ihren kühnsten Träumen damit gerechnet hätten, dass es nur wenige Jahre später freie Wahlen in Polen geben würde. Die Lage in ihrer Heimat erschien ihnen so aussichtslos, dass für sie nur die Übersiedlung nach Deutschland als Lösung in Frage kam.

So wurden wir Teil der größten Aussiedler-Welle des vergangenen Jahrhunderts. Sieht man von den Flüchtlingen und Vertriebenen direkt nach dem Zweiten Weltkrieg ab, kamen laut Bundeszentrale für politische Bildung rund 300.000 Aussiedler bereits in den 50er Jahren hierher. Bis 1989 waren es mehr als 1,2 Millionen polnische Aussiedler, die ein neues Leben in Deutschland begannen.

»Nur weil sich viele dafür entschieden haben zu emigrieren, heißt das nicht zwangsläufig, dass das die richtige Entscheidung war«, pflegte babcia Stasia zu sagen. Jahrelang konnte sie nicht nachvollziehen, warum ihr Sohn mit meiner Mutter und mir Polen verlassen hatte. Immer wieder hat meine Oma, die heute 92 Jahre alt ist und nach wie vor mit ihrem brillanten Gedächtnis beeindruckt, nach dem Warum gefragt.

»Deine Eltern hatten doch ein gutes Leben hier, sie hatten eine eigene Wohnung und sogar ein eigenes Auto. Das war mehr als andere Polen besaßen. Und wenn etwas kaputt war und repariert werden musste, gab es auch in schlechten Zeiten immer eine Lösung: Wir konnten zum Beispiel Stempelkarten für Alkohol oder Zigaretten mit Bekannten gegen handwerkliche Dienstleistungen tauschen.«

Auch Repressionen hätten meine Eltern nicht zu befürchten gehabt. »Die beiden waren weder Mitglied der Solidarność noch haben sie sich anderweitig politisch engagiert.«

Meine Oma ist eine Überlebenskünstlerin, eine Frau, die jeder Situation etwas Positives abgewinnen kann. In den Jahren, in denen Polen von Mangelwirtschaft gebeutelt war, ließ sie sich nicht unterkriegen. Sie arbeitete damals in dem kleinen schlesischen Ort Toszek, in dem mein Vater geboren wurde, in einem Obst- und Gemüseladen, dessen Besitzerin sie später wurde.

»Wenn es keine Lebensmittel mehr gab, stellte ich den gesamten Vorrat an Wasserflaschen, Gurken und Essig in die Regale, damit es im Laden nicht so leer aussah.« Obwohl es in den Geschäften oft kaum oder nur wenig Waren gegeben habe, hätten sie und ihre Familie immer genug zu essen gehabt.

»Dadurch, dass wir auf dem Land wohnten und jeder jeden kannte, haben wir uns gegenseitig versorgt. Wer Hühner hatte, verschenkte Eier, die er übrig hatte, oder tauschte sie gegen etwas anderes ein. Auch Fleisch, Wurst und Käse wurden oft unter der Hand vergeben. In den Großstädten war das meist nicht möglich und die Menschen litten mit Sicherheit mehr als wir.«

Mehr denn je habe jeder einzelne sehen müssen, wie er seinen Alltag und die damit verbundenen Herausforderungen meisterte.

Ich erfahre von meiner Oma, wie Großonkel Andrzej als junger Mann für seine praktischen Fahrstunden sein eigenes Benzin zur Fahrschule mitbringen musste, was immer schwieriger wurde, je weniger Rohstoffe es im Land gab. Babcia Stasia weiß noch, wie mein Onkel Wojtek für seinen stationären Krankenhaus-Aufenthalt selbst Klopapier mitbringen musste. Die einzig erhältlichen Rollen damals waren grau und rau, deswegen wurden sie im Volksmund schlicht ›320‹ genannt – die Nummer stand für die damals gängigste Sorte Schmirgelpapier. Bei einer Geschichte lacht meine Oma hell auf, nämlich als sie erzählt, wie meine Tante Irena als frisch gebackene Mutter von Bekannten eine Packung echte Pampers geschenkt bekam und die Windeln so lange für einen besonderen Anlass in einer Schublade aufbewahrte, bis ihr Sohn längst zu groß dafür war.

Meine Großmutter erinnert sich auch noch genau daran, wie mein Vater die damalige Lage genutzt hat, um sich als »Geschäftsmann« zu versuchen. Auf dem Schwarzmarkt habe er so viele West-Kaugummi-Packungen wie möglich gekauft, um sie danach auf dem heutigen Gebiet der Ukraine als Tauschware einzusetzen. Glaubt man meiner Oma, hatten fünf Packungen Kaugummi den Gegenwert eines goldenen Armbandes. Mein Vater war schon immer Experte darin gewesen, alles Mögliche aufzutreiben, zum Teil über mysteriöse Beziehungen. Das polnische Verb kombinować beschreibt diese Fähigkeit, etwas auf kreative Art, oft auf halblegale Weise zu organisieren, am treffendsten.

Wenn meine Oma mit ihrer starken und bestimmten Stimme über die damalige Zeit spricht, sehe ich die resolute und energievolle Frau vor mir, die täglich um 4 Uhr morgens aufstand, um mit einem kleinen Transporter auf die targi, die Großmärkte, zu fahren. Sie war dort die einzige Frau, aber wegen ihres gnadenlosen Feilschens gefürchtet.

Als Mutter dagegen war sie weich und gutmütig, stets hatte sie alles darangesetzt, meinen Vater, ihren einzigen Sohn, glücklich zu machen. Auch deshalb waren ihre Enttäuschung und Trauer so groß, als ihr Sohn im Alter von 28 Jahren in den Westen übersiedelte. Dabei war der Hauptgrund für die Ausreise meiner Eltern nicht materielle Not, ihnen fehlte vor allem eines:

Freiheit.

Die Freiheit, die Bücher zu lesen, die man lesen wollte, auch wenn sie so systemkritisch waren wie etwa Czesław Miłoszs Umysł zniewolony (Verführtes Denken) oder Alexander Solschenizyns Archipel Gulag. Die Freiheit, die Filme zu sehen, die man sehen wollte, auch wenn in ihnen die Sehnsucht nach dem Freisein thematisiert wird, wie im US-Kultfilm Easy Rider. Und vor allem fehlte ihnen die Freiheit, zu reisen. Sie wollten, dass ihre Reisen sich nicht nur auf kommunistische Länder beschränkten. Schon als Jugendlicher hatte mein Vater immer wieder den Gedanken:

»Wenn ich etwas von der Welt sehen will, wenn ich so leben will, wie ich es mir vorstelle, muss ich raus aus Polen und in den Westen.«

Erst als meine Großmutter uns in Deutschland besuchte, konnte sie die Entscheidung meiner Eltern nachvollziehen. Sie sah ein Land, in dem man seine Meinung ohne Angst äußern konnte, in dem man sich frei entfalten und sein Leben über alle Grenzen hinaus auskosten konnte, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

»Ich konnte deine Eltern nun endlich verstehen. Wybraly wolność – sie haben sich für die Freiheit entschieden.«

Für diese Freiheit hatte ironischerweise mein Großvater mit seinem Einsatz bei der Wehrmacht gesorgt. Dem Einsatz, mit dem er die Pläne der Deutschen unterstützte, Millionen von Menschen ihr Leben und ihre Freiheit zu nehmen.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
04 августа 2024
Объем:
208 стр. 15 иллюстраций
ISBN:
9783765091513
Правообладатель:
Bookwire
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