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Patricia B. McConnell

Liebst Du mich auch?

Die Gefühlswelt bei Hund und Mensch


Titel der amerikanischen Originalausgabe: For the Love of a Dog

Understanding Emotion in You and Your Best Friend.

© 2005, 2006 by Patricia B. McConnell, Ph.D.

Ballantine Books, New York, USA

Aus dem Englischen übertragen von Gisela Rau

© 2007 für die deutsche Ausgabe

KYNOS VERLAG Dr. Dieter Fleig GmbH

Konrad-Zuse-Straße 3

D-54552 Nerdlen/Daun

Telefon: +49 (0) 6592 957389-0

http://www.kynos-verlag.de

eBook-Ausgabe der deutschsprachigen Originalausgabe

5. Auflage 2020

Titelbild: Adobe Stock@TopDog-Foto

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-95464-227-4

eBook-ISBN: 978-3-942335-71-3

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INHALTSVERZEICHNIS

ANMERKUNGEN DER AUTORIN

DANKSAGUNGEN

EINLEITUNG

1 GEFÜHLE

2 AUSDRUCK VON GEFÜHLEN

3 GEFÜHLE UND DAS GEHIRN

4 DIE VIELEN GESICHTER DER ANGST

5 PAVLOV IN KURZFORM

6 ZORN

7 GLÜCK

8 EINE LIEBESGESCHICHTE

9 »DENKST DU, WAS ICH DENKE?«

NACHWORT

ANHANG

BIBLIOGRAPHIE

INDEX

Jeden Tag am Morgensitzt dieser treue Hund, ruhig,neben mir,bis ich ihnmit einer Berührung wahrnehme.Bei dieser kleinen Nachrichtbrechen Wellen und Ströme der Freudeaus seinem Körper hervor.

– Rabindranath Tagore

ANMERKUNGEN DER AUTORIN

Alle Geschichten in diesem Buch sind wahr. Nur die Namen meiner Kunden und mancher Hunde habe ich geändert, um deren Privatsphäre zu schützen. Ich bezweifle, dass es den betreffenden Hunden etwas ausmachen würde, wenn sie wüssten, dass Sie hier etwas über sie lesen. Aber da ich sie nun mal nicht fragen kann, bin ich lieber auf Nummer sicher gegangen und habe ihre Namen geändert. Meine eigenen Hunde haben ihre echten Namen behalten – das haben sie davon, mit einer Autorin zusammenzuleben.

Auch wenn ich mich also dazu entschieden habe, die Namen der Hunde in diesem Buch zu ändern, so habe ich deren Rassezugehörigkeit doch beibehalten, auch wenn es in der Geschichte um einen Hund geht, der einen bösen Beißunfall verursacht hat. Mir ist bewusst, dass dies zu kritischen Stimmen führen könnte: Niemand möchte hören, dass ein Hund einer Rasse, die er besonders liebt, ernsten Schaden angerichtet hat. Zwei der erwähnten Rassen sind Rottweiler und Pitbulls. Weil diese Rassen in der Öffentlichkeit eh schon ein negatives Image haben, dachte ich lange und angestrengt darüber nach, ob ich ihre Rassebezeichnung in den hier erzählten Fallgeschichten verändern sollte. Aber wenn ich auf eine andere Rasse umgeschwenkt wäre, hätten deren Anhänger verärgert reagiert – egal, welche Rasse ich ausgesucht hätte. Zwischendrin erwog ich, ob ich nicht alle Hunde in diesem Buch zu Mischlingen machen oder überhaupt keine Rassen nennen sollte, aber das erschien mir unehrlich und konstruiert. Also beschloss ich letzten Endes, dass das Beste, was ich tun konnte, war, einfach zu erzählen, was passiert war und wie es passiert war. Natürlich möchte ich trotzdem nicht, dass die Geschichten aus diesem Buch dazu beitragen, Klischees bestimmter Rassen zu verfestigen – genauso wenig wie ich möchte, dass jemand glaubt, Border Collies oder Labradors seien »gefährliche Hunde«, nur weil in den Geschichten aus diesem Buch Hunde dieser Rassen Menschen ernsthaft verletzt haben. Wie Sie noch erfahren werden, liebe ich Border Collies, aber ein problematischer Border Collie kann ein Albtraum sein. Die nackte Wahrheit ist, dass Hunde, die ihr Maul aufmachen können, auch beißen können, dass große und starke Hunde gefährlicher sind als kleine und, das ist das Wichtigste, dass eine dramatisch hohe Anzahl von Hunden aus den falschen Beweggründen von Menschen gezüchtet und aufgezogen wird.

Noch etwas anderes: Manche Leser werden vielleicht feststellen, dass ich nicht den Begriff »Halter« für uns Menschen verwendet habe, die wir mit Haushunden leben und sie lieben. Stattdessen habe ich lieber das etwas altertümlichere »Besitzer« gewählt, auch wenn mir bewusst ist, dass man dies auf verschiedene Weise interpretieren kann. Ich bin die Erste, die zustimmen wird, dass »Besitzer« nicht gerade perfekt beschreibt, wer wir für unsere Hunde sind. Vielleicht bin ich zu alt und geistig unflexibel, aber »Halter« kommt mir ein wenig ungeschickt vor. Ich arbeite daran, aber für mich fühlt sich dieses Wort noch nicht richtig an – zu formal, zu bürokratisch und irgendwie weniger innig, als meine Beziehung zu meinen Hunden ist. Mangels einer besseren Alternative heißt es nun also im ganzen Buch »Besitzer«. Natürlich kann auch der Begriff »Besitzer« abstoßend sein, schließlich würde ja auch niemand davon sprechen, Besitzer eines Kindes zu sein. Aber alle Worte können mehrere verschiedene Bedeutungen und Anklänge haben, und wenn ich »Besitzer« sage, meine ich einfach, dass dies meine Hunde sind und dass ich für sie verantwortlich bin. Ich erinnere mich an eine Frau, die ihre bessere Hälfte einmal mit »Das ist John. Mein John« vorstellte. Genau das sind meine Hunde auch, meine Hunde. Sie sind außerdem meine Freunde und Mitarbeiter, und ich habe den größten Respekt für sie.

Der Leser sollte sich auch bewusst sein, dass der in diesem Buch häufig verwendete Begriff »Verhaltensforscher« oder »Verhaltensspezialist« (engl.: Behaviorist, Anm. d. Übers.) viele verschiedene Bedeutungen hat. »Spezialisten für angewandte Verhaltenskunde« sind Menschen wie ich, die ihren akademischen Hintergrund in Sachen Verhaltensforschung zur Lösung von Problemen im Zusammenhang mit Tieren nutzen. Solche Probleme können von der Arbeit mit aggressiven Hunden über das Einrichten von Zoogehegen bis zur Rettung vom Aussterben gefährdeter Arten gehen. Unser akademischer Hintergrund kann dabei unterschiedlich sein: Meinen ersten Doktortitel erwarb ich in Zoologie, in der ich als Ethologin ausgebildet worden war – jemand, der sich dafür interessiert, wie das Verhalten eines Tieres mit dessen genetischem Erbe und dessen Umwelt interagiert. Mein zweiter Doktortitel war in Psychologie. Diese Disziplin konzentrierte sich in der Tierverhaltensforschung historisch darauf, wie das Verhalten eines Tieres durch Lernen verändert wird und wie das Lernen bei Menschen und Tieren funktioniert. Hieraus stammt eine weitere Verwendung des Wortes »Verhaltensforscher« oder »Behaviorist«, die sich auf eine Perspektive bezieht, die à la F. B. Skinner nur das äußerliche Verhalten eines Tieres wissenschaftlich untersucht. Die inneren Vorgänge bei Tieren (wie Gedanken und Gefühle) waren, so glaubte man, der wissenschaftlichen Untersuchung unzugänglich. Zum Nutzen aller werden heute beide Felder größtenteils mit berücksichtigt. Trotzdem ist es immer noch möglich, dass Spezialisten für angewandte Verhaltens – forschung, die einen stärker psychologischen Hintergrund haben als ich und andere, die in erster Linie in Ethologie und Verhaltensökologie ausgebildet sind, etwas abweichende Ansichten vertreten. Wenn ich in diesem Buch von »Verhaltensforscher« oder »Verhaltensspezialist« spreche, meine ich immer beide Richtungen und hoffe, dass die Bedeutung für den Leser dabei klar bleibt.

Außerdem habe ich mich entschieden, die Quellen- und Literaturangaben zu jedem Kapitel ans Ende des Buches zu stellen anstatt in den laufenden Text. Ich hoffe, die Autoren der zitierten wissenschaftlichen Werke sind mir deshalb nicht gram. Bücher wie dieses könnten nie ohne die zahllosen Stunden harter Arbeit geschrieben werden, die Wissenschaftler aller Disziplinen wöchentlich leisten.

Mit diesem und mit meinen anderen Büchern versuche ich, eine Brücke zwischen den Wissenschaftlern und dem allgemeinen Hunde liebenden Publikum zu schlagen. Die Literaturangaben am Buchende ermöglichen ein flüssigeres Lesen und führen, so hoffe ich, dazu, dass auch alle diejenigen Hundefreunde interessiert bleiben, deren Lieblingsfach in der Schule nicht das wissenschaftliche Arbeiten war.

Und zum guten Schluss – falls die Gefühle Ihres Hundes Grund für Verhaltensprobleme sind, dann zögern Sie nicht, professionelle Hilfe zu suchen. Selbst der beste Tennisspieler der Welt hat einen Coach, und Hundetraining ist letzten Endes genauso ein Sport wie andere auch.

DANKSAGUNGEN

Mein erster Dank geht an alle Hunde, die ich gekannt habe und die mir Freude, Verständnis und ein Ziel gegeben haben. Ich danke den Hunden meiner Kunden für alles, was sie mich gelehrt haben, den Hunden, die ich nur vom Lesen kenne, für ihre Inspiration und, ohne mich für den Kloß in meinem Hals zu entschuldigen, danke ich meinen Hunden Lassie, Pip und Tulip – die über zehn Jahre lang meine Familie und meine Freunde waren. Ich danke Cool Hand Luke dafür, dass er Cool Hand Luke war und dafür, dass er mein Herz gestohlen und mitgenommen hat. Dieses Buch ist für dich.

Jennifer Gates ist nach wie vor die Traum-Literaturagentin jeden Autors und ich danke ihr jeden Tag für ihre Unterstützung, ihr Wissen und ihre Klugheit. Danke an meine Verleger Dana Isaacson und Caroline Sutton für ihre Hilfe und ihren Rat und dafür, dass sie das Buch geschickt durch das Labyrinth des Veröffentlichens begleitet haben. Danke an alle bei Ballantine/Random House für die harte Arbeit, die das Veröffentlichen eines jeden Buches mit sich bringt – mit besonderem Dank an meine Lektorin Jolanta Benal. Die ersten Fassungen des Buches profitierten sehr von der Durchsicht von Jim Anderson, Rick Axsom, Jeffrey Baylis, Jim Billings, Jennifer Gates, Andrea Jennings, Karen London, Aimee Moore, Nancy Rafetto, Charles Snowdon, Tony Stretton, Denise Swedlund und Chelse Wieland. Dank schulde ich auch Paul Ekman für seine aufschlussreichen Anmerkungen zum Kapitel über visuelle Signale. Julie Hecht leistete treue Dienste in der wissenschaftlichen Recherche für dieses Buch – ich danke ihr nicht nur dafür, sondern auch für ihre Unterstützung und Begeisterung während der Phase, als das Buch geschrieben wurde.

Dieses Buch hätte niemals ohne die hingebungsvolle Arbeit des Teams von Dog’s Best Friend Ltd. geschrieben werden können, das weiterhin Menschen und Hunden half, während ich die Vormittage mit Schreiben verbrachte. Ich bin Andrea Jennings, Aimee Moore, Denise Swedlund, Chelse Wieland und allen Trainern bei DBF zutiefst dankbar für ihre Arbeit. Ich danke den Tierärzten John Dally, Chris Bessent und Kim Utech für ihre Sorge und ihre umfangreichen Bemühungen während Lukes Krankheit und Tod – ich zähle mich glücklich, sie im Team zu haben.

Viele Menschen haben mir mit Fotos zu diesem Buch ausgeholfen. Besonders danke ich Marc Bekoff, Peter Burghardt, Jim Billings, Julia Dayoub, Corey Dingman, Paul Ekman, Khris Erikson, Carl Fritscher, Aimee Graham, Suzanne Hetts, Dana Isaacson, Karen B. London sowie Sarah und Tim McClure. Sue Sternberg hat einige der dramatischsten Fotos beigesteuert und verdient besonderen Dank. Mehr über ihre Arbeit können Sie unter www.roundoutkennels.com erfahren. Auch die North Shore Animal League America, die sich um Hunde in Not kümmert, hat mir großzügig die Verwendung einiger ihrer Fotos erlaubt. Mehr über diese Organisation erfahren Sie unter www.nsalamerica.com. Das Dog Days of Wisconsin Sommerlager für Hunde steuerte das Foto des lachenden Rottweilers bei – danke dafür.

Auch einige professionelle Fotografen haben den Schauplatz betreten und ich danke Dan Becker aus Gurnee, Illinois (www.pyrphoto.com); Chip Peterson aus Decorah, Iowa (chip@petersonphotography.com); Monty Sloan aus Wolf Park in Battle Ground, Indiana (www.wolfphotography.com) sowie Holly Montgomery aus Calgary, Alberta (www.mutshotsphotography.com) für ihre großzügige Unterstützung. Chelse Wieland danke dafür, dass sie für so viele verschiedene Gesichtsausdrücke posiert hat – ich schicke Dir als Gegenleistung ein glückliches Gesicht zurück. Das Foto des liegenden schwarzen Hundes mit dem angstvollen Gesichtsausdruck habe ich vor vielen Jahren von einer Kundin erhalten, die sich darüber freut, dass ihr Hund nun anderen dabei helfen kann, die Gefühle seiner Artgenossen zu verstehen. Es ist ein tolles Foto und ich bin dankbar dafür, dass ich es verwenden darf.

Danke an Wendy Barker, Saranindranath Tagore und an den Verleger George Braziller dafür, dass ich einen Auszug aus dem Gedicht »Recovery 14« aus Rabindaranth Tagore: Final Poems, ausgewählt und übersetzt von Wendy Barker und Saranindranath Tagore, verwenden durfte. Es lohnt sich, das ganze Buch zu kaufen – schon dieses eine Gedicht ist so wundervoll, dass es den Preis des Bandes wert ist. Ich bin auch der Zeitschrift The Bark dankbar dafür, dass ich in meinem Kapitel über Glück eine Kolumne zum Thema »Wie streichle ich meinen Hund« abdrucken durfte. Die Redakteure von Bark haben sich dem Ziel verschrieben, das Leben von Menschen und Hunden durch Literatur und Kunst zu verbessern, sodass die Welt zu einem schöneren Ort wird.

Ich möchte auch zwei Gruppen von Menschen danken, die mich auf ganz unterschiedliche Art füttern und ernähren: den Mitgliedern des interdisziplinären Forums für angewandte Tierverhaltenskunde für ihre geistige Nahrung und Unterstützung und den Frauen von den Vermont Valley Füchsinnen, deren Freundschaft mir so festen Halt gibt wie Eichenbäume in der Savanne. Besonderen Dank an Sandi Stanfield, die mich in Das andere Ende der Leine zum Schreiben über ihre Hunde Samson und Deliah gebracht hat (beide sind heute die Musterhunde der Gegend) und an die Menschen der Vermont Valley Community Farm dafür, dass sie mich und mein Team mit frischen Bio-Produkten versorgen und uns für Supermarktware verderben. Besonderer Dank geht an Carol Klapste, die mich mit Pater Murray und seinem Hund Blaze bekannt gemacht hat und die maßgeblich daran beteiligt war, eine möglicherweise tragische Situation zu einer mit glücklichem Ausgang umzuwandeln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich dieses Buch ohne die Unterstützung meiner lieben Freunde Dave und Julie Egger fertiggeschrieben hätte. Eure Freundschaft und Unterstützung über all die Jahre hinweg bedeuten mir mehr, als ich sagen kann.

Und zum guten Schluss hebe ich meinen wärmsten und mit Oxytocin angereicherten Dank für meinen Lebensgefährten Jim Billings auf, der den ruhenden Pol in der Achterbahn meiner eigenen Gefühle bildet und der – das ist vor allem bemerkenswert – sich noch nicht ein einziges Mal über das mit Hundehaaren übersäte Haus beklagt hat.

EINLEITUNG

Tulip rannte mir voraus, als wir uns dem toten Körper eines Schafes namens Harriet näherten, und beschnüffelte ihn vom Kopf bis zu den Klauen. Harriets Tod war ein bedeutendes Ereignis auf meiner kleinen Farm. Bis zum Ende, selbst im hohen Alter von vierzehn, war Harriet ein bemerkenswertes Individuum gewesen. In ihrer Jugend hatten ihr zierlicher Körperbau und ihre karamellfarbene Wolle sie für den Supermodel-Status qualifiziert. Im Alter war sie kaum noch mehr als ein klappriges Knochengerüst, aber selbst als wir sie über eine Pipette mit Flüssignahrung fütterten, schaffte sie es, einen Ausdruck von Würde beizubehalten, der Schafen, Menschen und Hunden gleichermaßen Respekt abverlangte. Ich hing mehr an Harriet, als ich je zuvor an einem meiner Schafe gehangen hatte, und hatte bereits wie ein Baby geweint, als Tulip und ich gingen, um ihrem kalt und steif im Gras liegenden Körper einen letzten Besuch abzustatten.

Tulip, meine die Schafe bewachende Pyrenäenberghündin, war nicht im Stall gewesen, als der Tierarzt Harriet eingeschläfert hatte. Ich hatte sie ins Haus gebracht, damit der Tierarzt seine Arbeit ungestört verrichten konnte. Tulips Aufgabe ist es, die Schafe vor den Kojoten und streunenden Hunden zu beschützen, die sich überall im ländlichen Wisconsin umhertreiben. Tulips Liebe zur Gewalt- losigkeit ist beeindruckend, aber man kann darauf zählen, dass sie ihre Schafe beschützen wird, wenn diese sie brauchen. Die normalerweise sanftmütige Tulip kann sich in einer Mikrosekunde von einem freundlichen Kindermädchen zum Kriegshund Xena verwandeln. In den zehn Jahren ihres Herdenschutzdienstes auf meiner Farm hat sie noch nie einen Menschen, einen Hund oder ein Schaf verletzt, aber sie ging dazwischen wie eine Furie, als mich einmal ein hundertdreißig Kilo schwerer Widder angriff, als einmal ein fremder Hund einen meiner Hunde attackierte oder als ein dummer Border Collie in seinem jugendlichen Übermut einmal vom Schafehüten zum Schafejagen überging. Weil sie außerdem verspielt und neugierig ist, erschien es mir klüger, den Tierarzt seine Arbeit ohne sie tun zu lassen. Tulip hatte also nicht gesehen, wie Harriet vom Leben zum Tod wechselte, und als sie ihren Körper im Gras liegen fand, schien sie zutiefst betroffen zu sein.

Sie roch daran, umkreiste ihn schnüffelnd und stieß ihn immer wieder mit der Nase an. Nach ein paar Minuten legte sie sich neben das tote Schaf. Sie legte ihren großen, weißen Kopf auf ihre Pfoten, seufzte einmal – ein langes, langsames Ausatmen, das wir beim Menschen als Zeichen für Resignation deuten würden – und weigerte sich dann, sich weiter zu bewegen. Als meine Border Collies sich näherten, knurrte sie sie an, woraufhin diese sich zurückzogen und herkamen, um sich in angemessener Entfernung zu mir zu setzen. Ich weiß nicht mehr, wie lange Tulip neben Harriet lag, aber freiwillig wollte sie von ihr nicht fort. Als dann schließlich die Dämmerung den Himmel weicher machte, nahm ich sie sanft beim Halsband und führte sie zurück ins Haus.

Tulip sah ganz genauso aus, als wüsste sie, dass Harriet gestorben war und sie wirkte genauso traurig, wie ich mich fühlte. Es gibt nur einen Haken: Sie benimmt sich ganz ähnlich gegenüber den Tauben, die sie selbst gerissen hat. Und letzte Woche benahm sie sich so gegenüber einem Maiskolben, den ich ihr zum Kauen gegeben hatte. Während meine drei Border Collies fröhlich an ihren Maiskolben nagten und ihnen der milchige Saft das Kinn herablief, trug Tulip ihren mit großer Gravität zu ihrem Lieblingsplatz, legte ihn sanft und vorsichtig zwischen ihre Pfoten und bewachte ihn von allen Seiten. Sie knabberte nicht daran. Sie leckte nicht daran. Sie lag daneben, das Gesicht ruhig und bedeutungsvoll, genauso, wie sie an jenem traurigen Morgen auf Redstart Farm neben der toten Harriet gelegen hatte.

Ich würde mir nur zu sehr wünschen, dass Tulips Verhalten gegenüber Harriet der Ausdruck von etwas Bedeutungsvollerem war als der ihres Umgangs mit einem Maiskolben. Ein respektvolles Bewusstsein von Harriets Leben passt zu meinem Bild davon, wer Tulip ist – oder vielmehr davon, wie ich sie gerne hätte. Vielleicht hat es etwas zu bedeuten, dass Tulips Verhalten gegenüber Harriet nicht ganz genau identisch war mit dem, was sie gegenüber toten Tauben oder Maiskolben zeigte. Sie hatte nie ihren Kopf auf die Pfoten gelegt, wie sie es bei Harriet getan hatte, und sie hatte nie einen tiefen, langen Seufzer ausgestoßen, wenn sie sich vor eine tote Taube gestellt hatte. Ich kann kaum glauben, dass mein großäugiger, seelenvoller Hund auf Harriets toten Körper hin die gleiche Reaktion gezeigt haben sollte wie auf ein Stück Gemüse.

Die nackte Wahrheit aber ist, dass ich keine Ahnung habe, was in Tulips Kopf vorging, als sie sich neben die tote Harriet legte. Wusste sie, dass Harriet tot war und was das für die Zukunft bedeutete? Ich wüsste nur zu gern, was sie an diesem ruhigen Sommerabend nach Harriets Tod dachte, aber wie kann ich eine Möglichkeit finden, in ihren Kopf zu schauen? Was kann überhaupt irgendjemand von uns über das Gefühlsleben von Hunden wissen? Es ist ja schon schwierig genug, herauszufinden, was im Kopf eines anderen Menschen vorgeht, wie viel weniger kann das dann bei einem Wesen einer anderen Art gelingen.

Wir möchten es aber gerne wissen. Zu verstehen, was ein anderer gerade erlebt, ist der Schlüssel zum Gefühl der Verbundenheit, und Verbundenheitsgefühl ist ein integraler Bestandteil jeder guten Beziehung. »Könnte ich nur deine Gedanken lesen« ist mehr als ein altmodischer Ausspruch – es ist der Ausdruck unseres Wunsches, die Gedanken und Gefühle derjenigen zu verstehen, die wir lieben. Wir Menschen sind soziale Lebewesen, unser Wunsch nach Verbundenheit ist tief und drängend.

Diejenigen von uns, die ihre Hunde zutiefst lieben und sie als ihre Freunde und Familie betrachten, möchten wissen, was in ihrem Kopf vorgeht – genauso, wie wir das von Menschen wissen möchten, die uns etwas bedeuten. Wir müssen uns Hunde nicht als bepelzte kleine Menschen vorstellen, um verstehen zu wollen, wie ihr Gefühlsleben im Vergleich zu unserem aussieht. Ich, genau wie viele andere, möchte nichts mit sprachlosen, unordentlichen Menschen zu tun haben, die auf vier Beinen laufen und sich in Kuhfladen wälzen. Wir mögen es, dass unsere Hunde Hunde sind. Die Unterschiede zwischen uns bereichern unsere Beziehungen und verstärken unser Gefühl der Verbundenheit mit der Welt um uns herum. Aber der genetische Graben zwischen uns macht es noch schwieriger, zu erfahren, was unsere Hunde denken und fühlen, als es das bei unseren menschlichen Freunden ist. Kein Wunder, dass Tierkommunikatoren, die für sich beanspruchen, Zugang zu den Gedanken unserer Haustiere zu haben, so beliebt geworden sind.

Manchmal knüpfen wir auch ohne die Hilfe gesprochener Sprache tiefgehende Verbindungen zu den Hunden in unserem Leben. Zu anderen Zeiten läuft – wie in jeder Beziehung – vielleicht nicht alles so gut. Ich werde nie diesen Hund vergessen – einen von denen mit diesem ganz durchdringenden Blick – der einfach aufhörte, seinen Besitzer anzusehen. Ich beobachtete die beiden auf einem Hütehundkurs mehrere Stunden lang: Eine kleine, grauhaarige Frau mit einem schmucken, schwarz-weißen Border Collie an einer leuchtend roten Leine. Der Hund schaute überall hin, nur nicht zu der Frau, die ihn liebte. Er saß sogar fast eine ganze Stunde lang ruhig an ihrer Seite, aber mit dem Kopf um hundertachtzig Grad weggedreht.

Die Frau, die diesen Hund besaß und liebte, hatte die besten Absichten, aber ihre Worte und Bewegungen waren so verwirrend, dass selbst ich keine Ahnung hatte, was sie mitzuteilen versuchte. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wozu sie ihren Hund bringen wollte, und schon gar nicht davon, was sie dachte. Ich nehme an, dass dieser schlaue, willige kleine Hund seine Besitzerin so frustrierend fand, dass er es nicht mehr ertragen konnte, weitere Verständigungsversuche zu unternehmen und deshalb beschloss, jeder Kontaktaufnahme gleich ganz aus dem Weg zu gehen. Es erinnerte mich daran, wie ich schon so manches Mal das Autoradio ausgeschaltet habe, weil der Empfang so schlecht und das Rauschen so laut war, dass ich das Zuhören nicht mehr ertrug.

Die unpassende Konstellation ging mir so ans Herz, dass ich die Dame am Ende des Tages fragte, ob ich ihren Hund kaufen könnte. Ich war nicht überrascht, als sie nein sagte, denn sie schien ihren Hund sehr zu lieben. Man kann ja auch nicht unbedingt geradewegs auf einen Fremden zugehen, ihm mitteilen, dass er unabsichtlich seinen Hund quält und dann erwarten, dass er einem dankt und die Leine überreicht. Aber ich kann immer noch das liebe, ehrliche Gesicht dieser Hündin vor mir sehen und frage mich, ob sie wohl noch lebt, ob sie immer noch in den Himmel schaut und versucht, das Rauschen so gut es geht abzustellen.

Den meisten von uns gelingt es besser als der oben beschriebenen Frau, die Lücke zwischen unserem Geist und dem unserer Hunde zu schließen, aber das heißt nicht, dass es einfach wäre. Wir meinen vielleicht zu wissen, was unser Hund denkt, aber das heißt noch lange nicht, dass das auch stimmt. Wir meinen, sicher zu wissen, was in Herz und Verstand unserer Mutter, unseres Sohnes oder unseres Partners vorgeht, aber in Wahrheit liegen wir oft daneben. Psychologen sagen, dass irrtümliche Annahmen darüber, was andere denken und fühlen, endlose Probleme im Zusammensein von Menschen verursachen. Die Hälfte der Zeit wissen wir noch nicht einmal, was in unserem eigenen Verstand vorgeht. Wie wir später noch sehen werden, wird ein großer Teil unseres Verhaltens von Vorgängen beeinflusst, die außerhalb unserer bewussten Wahrnehmung liegen. Kein Wunder, dass es eine echte Herausforderung ist, die Gedanken hinter einer Hundestirn zu erraten.

Aber auch wenn es schwierig ist, in einen Hundekopf zu schauen, so sind wir doch nicht ganz ohne Anhaltspunkte. Wir machen zum Beispiel riesige Fortschritte darin, zu verstehen, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Wir sprechen zwar gerne vom Herzen als dem Sitz der Gefühle, aber es ist das Gehirn, das im Zentrum unserer Gefühle liegt. Wenn wir unsere Gefühle verstehen möchten, müssen wir damit anfangen, unser Gehirn verstehen zu lernen. Unser Gefühlsleben beginnt und endet in unserem Gehirn, und je besser wir verstehen, wie dieser unglaubliche Mix aus Neuronen, Hormonen und Elektrizität funktioniert, umso besser werden wir auch unsere Gefühle verstehen. In diesem Moment arbeiten ganze Heerscharen von Forschern am Thema Gehirn und reiten auf einer riesigen Welle wissenschaftlichen und öffentlichen Interesses am Verstand und an dessen Funktion. Ein Großteil dieses Interesses und dieser Aufmerksamkeit wurde von den aufregenden neuen Technologien angeregt, die es uns ermöglichen, dem Gehirn bei der Arbeit zuzusehen. Eine der nützlichsten neuen Technologien, die fMRT, macht für uns sichtbar, welche Bereiche des Gehirns aktiv sind, während es arbeitet1.

Man kann Menschen Bilder zeigen, ihnen Fragen stellen oder ihnen Hormone spritzen und dann schauen, welche ihrer Gehirnbereiche aktiv sind, während sie nachdenken oder die Dinge verarbeiten. Solche Studien haben uns zum Beispiel gelehrt, dass die meisten Menschen einen besonders gut entwickelten Gehirnbereich zur Wiedererkennung von Gesichtern haben, während der Bereich, der für die Wiedererkennung von Gegenständen zuständig ist, schwächer entwickelt ist. Autisten hingegen nutzen den Gegenstands-Erkennungsbereich, wenn sie Gesichter anschauen – kein Wunder, dass es ihnen so schwer fällt, Gefühlsregungen in Gesichtern zu erkennen.

Die Neurowissenschaft mag spannend sein, aber sie ist nichts für Leute mit schwachem Herz (und natürlich auch nicht für solche mit schwachem Verstand). Gehirne sind absurd komplizierte Gebilde und es ist eine Riesenherausforderung, zu verstehen, welche Rolle sie in unserem Gefühlsleben spielen. Genauso, wie die zur Beschreibung von Struktur und Funktion des Gehirns verwendete Sprache … na ja, sagen wir mal hoch entwickelt ist. In seinem wunderbaren Buch Das menschliche Gehirn. Eine Gebrauchsanweisung sagt John J. Ratey, dass das zweitkomplexeste Gebilde im Universum nach dem Gehirn die Sprache ist, in der wir über das Gehirn sprechen. Wie wahr! Ich habe an dieser Stelle des Buches vor Lachen gebrüllt, hatte ich doch gerade kurz zuvor den entmutigenden Prozess begonnen, mich durch Artikel zu Themen wie beispielsweise zur Bedeutung des anterioren Gyrus cinguli für die Pathogenese ideomotorischer Apraxie zu kämpfen.

Glücklicherweise schreiben immer mehr Neurowissenschaftler Bücher für diejenigen von uns, die nicht vom Fach sind, aber etwas darüber wissen möchten, wie das Gehirn unser Verhalten beeinflusst. Wenn es Sie interessiert, warum Sie mit der Absicht zum Kauf eines Beaglewelpen aus dem Haus gegangen, aber mit einem Jack Russell Terrier wiedergekommen sind oder warum Sie immer noch um Ihren Golden Retriever weinen, der vor zehn Jahren starb, können solche Bücher Ihnen helfen, den Graben zwischen den zwar dualen, aber miteinander verbundenen Mysterien von Gehirn und Verhalten zu überbrücken. Bücher wie Decartes’ Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn von Antonio Damasio oder Biology of Mind von Deric Bownds ermöglichen es uns Nicht-Wissenschaftlern, auch an dem Vergnügen teilzuhaben.

Unser Interesse an mentalen Prozessen mag zwar von neuen Technologien angeregt worden sein, aber das Interesse an der Arbeit des Gehirns ist nicht neu. Unser Interesse am Verstand nichtmenschlicher Lebewesen hat in den letzten Jahrhunderten mal zu- und mal abgenommen. Vor dreißig Jahren war das wissenschaftliche Interesse am Verstand von Tieren zumindest in den USA kaum vorhanden, im Moment nimmt es sprunghaft zu. Eins der interessantesten Ergebnisse dieser Forschungen ist die Erkenntnis, dass Gedanken und Gefühle gar nicht so streng voneinander getrennt werden können, wie wir das einmal angenommen hatten. Voller verständlichem Stolz auf unsere eigenen intellektuellen Fähigkeiten hatten wir die meiste Aufmerksamkeit dem denkenden und problemlösenden Teil unseres Verstandes gewidmet und diesen (natürlich zu unseren Gunsten) mit den Fähigkeiten anderer Tiere verglichen. Neuere Ansätze der Gehirnforschung haben zu einem verstärkten Interesse an Gefühlen geführt – was sie sind, wie sie erzeugt werden und was ihr Sinn und Zweck sein könnte. Wir beginnen jetzt nicht nur zu verstehen, was Gefühle tatsächlich sind, sondern begreifen auch, welche Wichtigkeit sie sowohl für Menschen als auch für Tiere haben.

Das gestiegene Interesse am Innenleben von Tieren ist für Hundefreunde eine wunderbare Sache, denn das aufkeimende Interesse an den mentalen Erfahrungen von Tieren hat gleichzeitig auch zu einem Interesse am Verstand unserer Hunde geführt. Endlich bekommen Hunde etwas von der Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht, nachdem jahrzehntelang für sie in der akademischen Welt eher der Ausspruch »Zu viel Vertraulichkeit schadet« galt. Als Wissenschaftler konnte man Serengetilöwen, Bartwale oder Scherenschwanz-Königstyrannen studieren, aber um Himmelswillen nicht auf die Idee kommen, sich mit der Erforschung von Hunden einen Namen machen zu wollen. Das allerdings hat sich in den letzten Jahren geändert und selbst in renommierten Wissenschaftszeitschriften wie Journal of Comparative Psychology oder Science gab es kürzlich Artikel, die unser Wissen um die kognitiven Fähigkeiten von Hunden erweitern. Dieses Interesse spiegelt sich auch in einer Gruppe lesenswerter Bücher wider, die mit viel Sachkenntnis speziell zum Thema »geistige Fähigkeiten von Hunden« geschrieben wurden. So schlagen zum Beispiel Wenn Hunde sprechen könnten von Vilmos Csányi, Wie Hunde denken und fühlen von Stanley Coren oder The Truth about Dogs von Stephen Budiansky wichtige Brücken zwischen dem, was Menschen über den Verstand ihrer Hunde wissen möchten und dem, was die Wissenschaft tatsächlich herausgefunden hat.

Hunde liegen nicht herum und sinnieren über die Evolution der Gefühle oder darüber, ob ihre Menschen die gleichen Gefühle haben wie sie, aber für uns ist es das Natürlichste von der Welt, uns zu fragen, was unsere Hunde wohl fühlen. Wie könnte es auch anders sein? Wir haben sie jahrhundertelang unsere besten Freunde genannt – und was ist für eine Freundschaft grundlegender als eine gefühlsmäßige Verbindung? Eine Freundschaft ohne emotionale Komponente ist überhaupt keine Freundschaft, sondern eine Geschäftsbeziehung (und selbst in denen gibt es meistens noch einen emotionalen Anteil). Hunde wecken ein ganzes Meer von Gefühlen in uns – und wir tanzen fast jeden Tag mit den Wellen auf und ab, von Freude und Liebe bis hin zu Wut und Traurigkeit. Jahrhundertelang waren Hundenarren davon überzeugt, dass wir nicht alleine auf diesem Meer paddeln, sondern dass unsere Hunde selbstverständlich mit uns da draußen sind und die gleichen Gefühle mit uns teilen. Wer kann schon spielenden Welpen zuschauen oder beobachten, wie ein Hund nach dem Verlust eines Freundes tagelang bewegungslos daliegt, und dann behaupten, Hunde hätten keine Gefühle wie wir?

Im Gegensatz zu den Hundefreunden vertreten Wissenschaftler und Philosophen heute aber die unterschiedlichsten Ansichten zum Gefühlsleben unserer Hunde. Manche argumentieren, dass nur Menschen Gefühle erleben könnten, andere vertreten die Ansicht, dass Tiere primitive Gefühle wie Angst und Wut empfinden könnten, aber keine komplizierteren wie Liebe oder Stolz. Und am anderen Ende des Spektrums sitzen diejenigen, die es für wissenschaftlich vertretbar halten, zu sagen, dass viele Säugetiere mit dem Gesamtpaket ausgestattet sind und ihre Gefühlswelt in mancherlei Hinsicht mit der unsrigen vergleichbar ist.

Tatsache ist, dass wir noch nicht genug wissen, um wirklich sicher zu sein, was im Verstand unserer Hunde vorgeht. Aber wir wissen genug, um innezuhalten und uns umzusehen, was wir wissen, was wir nicht wissen und was wir noch lernen möchten. Und darum geht es in diesem Buch. Es ist eine Bestandsaufnahme zu den Gefühlen von Hunden und von den Menschen, die sie lieben. Es wurde in der Überzeugung geschrieben, dass das Thema gleichzeitig sowohl wunderbar einfach als auch kopfzerbrechend komplex ist. Auf der einen Seite: Natürlich haben Hunde Gefühle. Das erscheint so offensichtlich, dass die meisten von uns sich dumm dabei vorkommen, es sagen zu müssen. Hunde drücken Gefühle so pur und klar aus wie ein fünfjähriges Kind, was sicher einer der Gründe dafür ist, warum wir sie so lieben.

Und trotzdem: Sobald einem diese Tatsache klar ist, werden die Dinge sehr schnell komplizierter. Gefühle sind erstaunlich komplex, und wie es oft der Fall ist, werden die Dinge umso komplizierter, je mehr wir über sie wissen. Je umfassender unser Wissen über das Gehirn wird, desto mehr beginnen wir zu verstehen, dass Gefühle unersetzliche Bestandteile unseres bewussten und unbewussten Lebens sind und untrennbar mit unserer Fähigkeit zu tun haben, gute (oder schlechte) Entscheidungen treffen zu können. Früher betrachteten wir rationelle Gedanken als den Gefühlen gegenüber höherwertig, aber dann stellte sich heraus, dass »rationelle« Gedanken ohne die Information des Gefühls uns in Probleme ohne Ende stürzen können.

Probleme, so wie die zwischen Menschen und Hunden, sind einer der Gründe, warum ich mich für dieses Thema interessiere. Ich bin zertifizierte Tierverhaltenstherapeutin und habe siebzehn Jahre lang mit Hunden gearbeitet, die schwerwiegende Verhaltensprobleme hatten. Teil meines Jobs ist es, zu versuchen, in den Kopf dieser Hunde mit problematischem Verhalten zu schauen. Der häufigste Grund, warum Hundebesitzer zu mir ins Büro kommen, ist Aggression – Hunde, die knurren, wenn man ihnen ans Halsband fasst, die den Nachbarn beißen oder die im Park Raufereien mit anderen Hunden anfangen. Andere kommen, weil ihre Hunde panisch werden, sobald sie aus dem Haus gehen oder weil sie durchs geschlossene Fenster springen, wenn es donnert.

Alle diese Probleme, so werde ich argumentieren, sind von Gefühlen beeinflusst – von Angst, Glück, oder Wut, die aus Frustration entstanden ist. Für mich ist wichtig zu wissen, welche Gefühle beteiligt sind – nicht nur, um dem Hund und seinem Besitzer zu helfen, sondern auch, um mich selbst zu schützen, wenn ich mit einem Hund, der Menschen beißt, zusammen in einem kleinen Raum bin. Anders als manche denken sind Verhaltenstherapeuten, Trainer und Tierärzte keinesfalls automatisch mit einem Schutzschild ausgestattet, das sie davor bewahrt, gebissen zu werden. Ich weiß gar nicht, wie oft ich schon gehört habe »Oh, normalerweise hätte er Sie jetzt schon längst gebissen!« – und zwar von Besitzern, deren Vorhersage, dass der Hund gleich beißen würde, nicht etwa dazu geführt hätte, dass sie vorbeugend etwas unternommen hätten. Wir, die wir mit aggressiven Hunden arbeiten, werden meistens deshalb nicht gebissen, weil wir gelernt haben, sie zu lesen und Vermutungen über ihre Gefühle und Motivationen anzustellen. Diese Vermutungen helfen uns, vorherzusagen, was ein Hund als Nächstes tun wird und wie wir, einem guten Tanzpartner gleich, darauf reagieren müssen. Und zwar so, dass es uns beiden hilft.

Wenn wir einen Hund beobachten, der ängstlich aussieht, heißt das natürlich noch nicht, dass wir wissen, inwiefern dieses Angstgefühl unserem eigenen ähnelt. Im Beruf ist aber nur wichtig, dass das Äußere eines Hundes mir etwas über sein Inneres verraten kann. So kann ich einen Behandlungsplan entwerfen, der die Persönlichkeit des Hundes berücksichtigt, anstatt ein kochrezeptähnliches Schema aus einem Handbuch zu übernehmen. Und selbst wenn es keinen Nutzen hätte: Tatsache ist, dass ich ganz einfach wissen möchte, wie es ist, ein Hund zu sein. Wie Jeffrey Moussaieff Masson in seinem Buch Dogs Never Lie About Love (Hunde lügen niemals Liebe) so schön sagt: »Ich kenne sie so gut wie meinen engsten Freund, und doch habe ich keine Ahnung, wer sie sind.« Was für ein herrliches Paradox. Es jagt mir Schauer über den Rücken.

Ich möchte mehr darüber wissen, was Hunde fühlen und wie diese Gefühle sich mit meinen eigenen vergleichen lassen. Ich möchte es wissen, weil ich als Wissenschaftlerin ausgebildet bin und der Entdeckerdrang wie eine Droge auf mich wirkt. Ich möchte es wissen, weil es meiner Meinung nach für unsere Spezies wichtig zu wissen ist, wie wir in den Rest des Lebens hineinpassen. Außerdem könnte bei beiden Spezies so viel Leid vermieden werden, wenn wir mehr über das Gefühlsleben unserer Hunde wüssten. Vor allem aber möchte ich es wegen meiner eigenen Hunde wissen. Meine Hunde sind für mich genauso wichtig wie meine menschlichen Freunde. Sie sind meine Kumpel, meine Familie, meine Mitarbeiter, meine Therapeuten – und, wie alle guten Freunde, gelegentlich auch eine Last. Ich möchte mehr darüber wissen, wer sie sind und was sie fühlen – zum Teil deshalb, weil ich ihnen gerne ein so schönes Leben wie möglich bieten möchte und zum Teil aus dem Wunsch heraus, unsere Freundschaft noch zu vertiefen.

Ich habe jetzt drei Hunde. Drei Hunde und einen Grabstein im Garten für meinen Seelenpartner-Hund Cool Hand Luke, der kürzlich starb und immer noch so sehr Teil der Farm zu sein scheint wie ich selbst. Seine Tochter, die zwölf Jahre alte Lassie, ist immer an meiner Seite – ein hart arbeitender Border Collie, der die Schafe hütet, mir bei der Arbeit mit aggressiven Hunden hilft und bei meinen öffentlichen Auftritten mit dabei ist. Lassie ist sanft wie Seide, so reaktionsschnell wie ein Formel-Eins-Wagen und, so denke ich, die meiste Zeit über irgendwie besorgt.

Die fünfzehn Jahre alte Pip ist ebenfalls ein Border Collie, hat aber das Buch nicht gelesen, in dem steht, wie Border Collies sich benehmen sollten. Selbst als Welpe war sie schon ruhig und sanft, sie wedelt sturköpfige Schafe mit dem Schwanz an und rennt in Panik weg, wenn ein altes Mutterschaf sich nur umdreht und sie ansieht. Pip war immer die Ruhige, der Kindermädchen-Hund. Man konnte sich darauf verlassen, dass sie zuhause blieb und auf die Kinder aufpasste, wenn die anderen spielen gingen. Für Hunde mit angstbedingter Aggression ist Pippy der ideale geistige Führer, sie liebt andere Hunde und Menschen gleichermaßen und ich habe mich immer gefragt, ob sie sich nicht, wenn sie die Wahl gehabt hätte, lieber einen alleinstehenden Mann als Besitzer ausgesucht hätte. Pip sieht aus wie eine Kreuzung aus Border Collie und Labrador: außen der typische sanftmütige, nettdümmliche Gesichtsausdruck eines Retrievers und innen ein Verstand so scharf wie ein Rasiermesser. Pip kann einen neuen Trick nach ein- oder zweimal Üben lernen, während Lassie Tage oder Wochen braucht, um dahinterzukommen. Mit fünfzehn ist Pip nun alt, sie hört nicht mehr sehr gut und folgt mir auf Schritt und Tritt. Mir bricht fast das Herz, wenn sie am Fenster steht und mir nachschaut, wenn ich mal wieder auf Geschäftsreise muss.

Und dann ist da noch Tulip, meine elf Jahre alte Pyrenäenberghündin, das Musterbeispiel für Hunde als gefühlsbetonte Wesen. Sie strahlt Freude aus wie Sonne an einem Wintertag. Tulip ist ein riesiges, zotteliges, umherhüpfendes und im Kreis springendes Spielkind und ich liebe sie so sehr, dass es mir schon die Brust zusammenzieht, wenn ich nur darüber schreibe.

Und darum dreht sich ja irgendwie alles, oder? Unsere Bindung zu Hunden beruht auf Gefühlen – auf der Freude, die sie uns geben, der Liebe, die wir für sie empfinden und die sie uns geben. Wenn wir ehrlich sind, gehören auch die ärgerlichen und verletzten Gefühle dazu, wenn wir uns von ihnen verraten fühlen und die Angst, die sie in uns wecken, wenn sie uns ihre Zähne zeigen oder uns ins Gesicht beißen. Hunde bringen Gefühle aus uns hervor, wie man Wasser aus einem Schwamm drückt und die Diskussion darüber, ob sie selbst Gefühle haben, erscheint so absurd wie die Frage, ob es am Himmel eine Sonne gibt. Aber für all die Liebe, die wir für Hunde empfinden, für all die Freude und die Tränen müssen wir viel über unsere eigenen Gefühle lernen, die wir im Umgang mit ihnen haben und über die Gefühlsreaktionen der Hunde auf uns.

Liebe ist, wie jeder Partner oder jede Mutter Ihnen sagen kann, nicht das Gleiche wie Verstehen. So wie die Frau, die ihren Border Collie genauso sehr liebte wie sie ihn verwirrte, können wir alle davon profitieren, mehr über die Gefühle beider Spezies zu lernen. Manche Leute, die ihre Hunde lieben, übersehen ganz offensichtliche Gefühlsausdrücke in den Gesichtern ihrer Hunde (fragen Sie mal einen beliebigen Hundetrainer). Andere sind nicht sehr gut darin, ihre eigenen Gefühle im Umgang mit Hunden zu kontrollieren und verursachen bestenfalls Verwirrung oder im schlimmsten Fall furchtbares Leid. Viele Hundebesitzer wissen nicht, dass Hunde, genau wie Kinder, lernen müssen, ihre eigenen Gefühle zu kontrollieren. Ich habe zahllose Male gesehen, dass Hunde aus Gründen gebissen haben, die meiner Meinung nach mit Frustration zu tun hatten – es waren Gefühlsausbrüche, die hätten verhindert werden können, wenn sie gelernt hätten, was alle Wesen lernen müssen, die mit anderen zusammenleben: Dass Geduld eine Tugend ist.

Es sind viele Gefühle, die unsere Beziehungen zu Hunden festigen oder untergraben, aber der weitaus häufigste Grund schwerwiegender Verhaltensprobleme bei Hunden ist Angst. Hunde verwüsten das Haus, weil sie Angst haben, alleine zu bleiben, kauern zitternd im Bad, weil sie eine Phobie vor Gewittern haben oder verkriechen sich, wenn die Nachbarskinder zum Spielen kommen – um dann anzugreifen, wenn sie in eine Ecke gedrängt werden. Vielen Menschen ist nicht klar, wie oft Hundebisse aus Angst entstehen und wie es die Angst nur vergrößert und die Wahrscheinlichkeit des nächsten Bisses steigert, wenn man einen solchen Hund anschreit.

Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch nicht nur von intellektuellem Interesse ist, sondern auch dazu beiträgt, einige dieser Beißunfälle zu verhindern und einige der Leiden zu mildern, die entstehen, wenn zwei Wesen sich ohne das für eine gesunde Beziehung notwendige gegenseitige Verständnis lieben. Liebst du mich auch ist eine Kombination aus erzählten Begebenheiten, Wissenschaft und praktischem Rat dazu, wie Wissen um die Gefühle von Hund und Mensch unsere Beziehungen zu Hunden verbessern kann. Es ist kein Hundeerziehungsbuch, aber voller Informationen, die Ihrem Hund zu besserem Verhalten verhelfen können und Ihnen dazu, ein besserer Hundebesitzer zu sein. Es beginnt nicht mit einer Aufzählung all dessen, was wir über die Biologie von Gefühlen wissen – ein solches Buch wäre zu schwer, um es anzuheben. Ich habe mich auf diejenigen Gefühle konzentriert, die in Mensch-Hund-Beziehungen am wichtigsten sind: Angst, Wut, Freude und die Schwester der Freude, die Liebe. Mein Ziel ist, all denjenigen etwas Interessantes und Hilfreiches zu bieten, die ganz einfach verrückt vor Liebe nach Hunden sind. Ich habe dieses Buches genauso für die Hunde geschrieben wie für uns, in der Hoffnung, dass es – wenn auch indirekt – Hunden hilft, uns besser zu verstehen, denn mit Sicherheit sind wir die verwirrendste Spezies auf der Welt.

1 Die Abkürzung »fMRT« steht für »funktionelle Magnetresonanztomographie«. Damit kann man den Blutfluss im Gehirn verfolgen und so feststellen, welche seiner Bereiche zu irgendeiner gegebenen Zeit aktiv sind.

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GEFÜHLE
Eine Erklärung der Gefühle und warum sie bei Tieren so widersprüchlich sind

Am Anfang war alles, was ich aus dem Augenwinkel heraus wahrnahm, etwas verschwommen Weißes. Es war weit weg, so um die fünfhundert Meter, und ich war zuerst nicht sicher, was es war. Meine Konzentration galt meinem Border Collie Luke, der in etwa zweihundert Meter Entfernung mit Höchstgeschwindigkeit rannte. Ich hatte ihn zu einer weit entfernt grasenden Schafherde geschickt. Wir waren auf einem dieser »Spaßtreffen« von Hütehund-Enthusiasten, an dem alle in der Atmosphäre von Hunden, Schafen und den schlabbrigen Liebesbezeugungen kleiner Welpen baden.

Viele Menschen, die an diesem Tag da waren, nahmen sonst ernsthaft an Hütehundwettbewerben teil und waren dankbar für die Gelegenheit, irgendwo auswärts einmal ihre Fertigkeiten verfeinern zu können. Luke und ich hingegen waren einfach nur zum Spielen da. Luke war zu alt für die Teilnahme an Wettkämpfen und wir waren aus reinem Vergnügen hergekommen. Wir arbeiteten gerne zusammen, Luke und ich, wenn wir ruhig, vorsichtig und mit aller Raffinesse Schafe übers Land trieben. Als klassischer Workaholic liebte Luke die Arbeit an den Schafen so sehr, dass er weder an Futter noch an Tennisbällen oder sogar an läufigen Hündinnen interessiert war, wenn es einen Job zu erledigen gab. Meinem verlässlichen schwarzweißen Hund dabei zuzusehen, wie er vor dem smaragdgrünen Hügel einen perfekten Outrun hinlegte, weitete mein Herz und füllte meine Seele. So fühlte ich auch an diesem Morgen, als ich zuschaute, wie mein guter alter Hund perfekt und zuverlässig auf die Wollknäuel da hinten auf dem Hügel zulief.

Aber all meine Gefühle änderten sich schlagartig, als mir bewusst wurde, dass das verschwommen Weiße, das da auf Luke zurannte, ein fünfzig Kilo schwerer Pyrenäenberghund war, ein Herdenschutzhund, der sich aus seiner vorübergehenden Gefangenschaft befreit hatte und nun auf Luke zuwalzte, um seine Herde zu schützen. Wir waren auf einer riesigen, allein gelegenen Farm, auf der mehrere Schafherden verteilt lebten – ein gedeckter Tisch für die häufig hier übers Land streunenden Kojoten und verwilderten Hunde. Viele Schafhcüter im Süden Wisconsins brauchen Schutzhunde, um ihre Herden zu sichern, und diese Farm hatte zwei davon. Im Gegensatz zu meiner Herdenschutzhündin Tulip, die die Farm nun von der Wohnzimmercouch aus bewacht, lebten diese Hunde ausschließlich in der Herde und nahmen ihren Job todernst, alles und jeden umzubringen, der ihre Schafe bedrohte.2

Als ich den Herdenschutzhund auf Luke zurennen sah, verwandelte sich mein Gefühl der freudigen Erfüllung in blankes Entsetzen. Der Gedanke, dass ich vielleicht gleich zusehen müsste, wie mein Hund angegriffen und möglicherweise getötet werden würde, überwältigte mich. Ich liebe Luke so sehr, dass es schon beinahe schmerzt.3 In Der Hund ist mein Copilot, einem Aufsatz darüber, warum wir Hunde so sehr lieben, hatte ich über Luke geschrieben: »Ich liebe ihn so tief und vollkommen, dass ich mir seinen Tod so vorstelle, als ob aller Sauerstoff aus der Luft genommen würde und ich ohne ihn zu überleben versuchen müsste.«

Voller Horror bei dem Gedanken an das, was meiner Meinung nach gleich geschehen würde, schrie ich: »Der Schutzhund ist raus, der Schutzhund ist raus!« Das, was alle sehen konnten, auszusprechen, trug zwar nicht zur Problemlösung bei, aber mir schien es alles zu sein, was ich tun konnte. Eine Sekunde lang, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, war mein Verstand ein schwarzes Loch, so, als ob meine Gefühle den rationellen Teil meines Gehirns aufgesogen und nur eine leere Schädelhöhle mit nichts als Angst darin zurückgelassen hätten. Ich kann mich jetzt noch an die Panik erinnern und mir die Szene vor meinem inneren Auge wie auf einem Foto vorstellen: Die smaragdgrüne Weide, der schwarzweiße Luke in vollem Lauf genau da, wo er sein sollte und eine weiße Kugel voller Unheil, die über das Gras auf ihn zuschoss.

Aber was war mit Luke? Was ging durch seinen Kopf, als er im Gras kauerte und dieser Killer in Hundegestellt auf ihn zurannte? Hatte er genauso viel Angst wie ich? Und wenn ja, wie sehr ähnelte seine Version von Angst der meinen?

Luke und ich waren beste Freunde, so wie viele Hunde und Menschen auf der ganzen Welt beste Freunde sind. Wie Freunde das so tun, teilten wir lange Spaziergänge in schattigen Wäldern miteinander, leckere Abendessen mit Brathühnchen oder Lamm und lange, schläfrige Schmusestunden auf der Couch im tiefen Winter. Wir teilten harte Zeiten miteinander, wenn wir mit wilden Augen dreinschauende Marktlämmer auf den Laster verluden, uns spät in der Nacht auf fremden, einsamen Straßen verfahren hatten oder bei der Hütearbeit Fehler machten, die uns wertvolle Zeit und Energie und bei einer Gelegenheit auch eine blaue Schleife auf einem Hütehundwettbewerb gekostet hatten. Wir spielten zusammen, arbeiteten zusammen, trösteten einander und zankten gelegentlich ein bisschen. Unsere beiden Leben waren in vielerlei Hinsicht so eng miteinander verbunden wie die von zwei menschlichen besten Freunden.

All diese Erfahrungen sagen aber nicht viel darüber aus, wie wir die Welt im Inneren unseres Kopfes erlebten. Wir haben zwar äußerliche Erfahrungen wie die Spaziergänge im Wald und Schlummerstündchen auf der Couch geteilt, aber was ist mit den inneren Erfahrungen? Wie viel hatten wir da gemeinsam? Ich sagte bereits, dass Luke manchmal die Geduld mit mir verlor – aber woher wollte ich das wissen? Wie kann irgendjemand von uns ohne Sprache als Brücke wissen, was in den Köpfen unserer Hunde vorgeht?

In gewisser Hinsicht können wir es auch nicht. Wir werden nie erfahren, wie es ist, ein Hund zu sein; manche sind der Meinung, dass wir es auch gar nicht erst versuchen sollten. Aber viele von uns versuchen jeden Tag, das Geistesleben unserer Hunde zu verstehen und wir werden bestimmt nicht aufgeben, nur, weil das schwierig ist. Eine meiner ersten Kindheitserinnerungen ist, dass ich auf dem Wohnzimmerboden lag und mich fragte, was wohl im Kopf unserer Hündin Fudge vorginge. Ich wollte wissen, was sie dachte und fühlte. Schon im Alter von fünf oder sechs hatte ich mich gefragt: Wie sieht das Leben in ihrem weichen, pelzigen, kleinen Kopf aus? Ist sie glücklich? Ist sie traurig?

Dies sind vernünftige Fragen für jeden Hundebesitzer. Unsere emotionale Verbindung zu unseren Hunden ist der Leim, der uns an sie bindet, und es ist nur allzu natürlich, dass wir mehr über ihre emotionale Bindung an uns erfahren möchten. Mit unseren Hunden können wir nicht wie mit unseren menschlichen Freunden stundenlange intellektuelle Diskussionen führen – vielleicht macht auch das einen Teil der Anziehungskraft aus. Unsere Intelligenz und unsere Fähigkeit zum Sprachgebrauch können unsere zwischenmenschlichen Beziehungen manchmal ganz schön kompliziert machen, wie jeder Ehe- oder Familienberater Ihnen bestätigen kann. Unsere Beziehungen zu Hunden sind in vielerlei Hinsicht einfacher als die zu Menschen, aber dass es etwas einfacher ist, heißt noch nicht, dass es weniger wichtig ist. E = mc2 ist eine einfache Gleichung, die einen sehr hohen Wert hat. Vielleicht ist unsere emotionale Bindung zu Hunden so ähnlich: rein, ursprünglich und so grundlegend wichtig wie Sauerstoff und Wasser.

Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich in dieser endlosen Sekunde, in der Luke in Gefahr war, losrannte oder vor Schreck erstarrt stehen blieb, aber es dauerte nur einen Moment oder zwei, bis eine ruhige Frauenstimme hinter mir sagte: »Legen Sie Ihren Hund ins Down.« Ich werde ihr ewig dankbar sein, denn das war die perfekte Anweisung. Ein Herdenschutzhund im Dienst wird vermutlich nicht aggressiv auf einen Hund reagieren, der sich flach hinlegt und ruhig bleibt, anstatt wie ein hungriger Wolf auf die Schafe zuzurennen. »Lie down!« schrie ich, und zweihundert Meter entfernt ließ sich Luke in den Dreck fallen wie ein Marinesoldat im Manöver. Wäre Luke noch ein jüngerer Hund gewesen, wäre er vielleicht weitergerannt. Von einem Hund zu verlangen, mitten in einem Outrun zu stoppen, geht gegen seine Natur, und auch wenn ein erfahrener, wettkampffertiger Hütehund das beherrschen sollte, ist es doch eine schwierige Übung, die viel ernsthafte gemeinsame Arbeit voraussetzt.

Vielleicht haben sein Alter und seine gute Ausbildung Luke das Leben gerettet, weil er sich auf meine erste Aufforderung hin ins Gras fallen ließ. Gerade noch rechtzeitig: Der Herdenschutzhund war in wenigen Sekunden bei ihm angekommen. »Bleib da,« sagte ich mit langsamer, gleichmäßiger Stimme, und kam allmählich endlich wieder so zur Besinnung, dass ich funktionieren konnte. Luke blieb bewegungslos wie gegen den Hügel geklebt liegen, während der Pyrenäenberghund ihn vom Kopf bis zu den Zehen abschnüffelte. (Na ja, genaugenommen schnüffelte er vom Hinterteil angefangen bis zum Fang, aber Sie wissen, was ich meine.)

Auch wenn ich immer noch schreckliche Angst hatte, dass Luke etwas passieren könnte, arbeitete mein Gehirn doch wieder und ich konnte mich daran erinnern, dass auch mein eigener Herdenschutzhund darauf bestand, jeden Hund, der zu Besuch kam, vom Kragen an abwärts zu inspizieren. Nur ein einziges Mal hatte Tulip aggressiv auf einen zu Besuch gekommenen Hund reagiert – als dieser vor ihr wegrannte, anstatt zur Leibesvisitation stillzustehen. Das erinnert mich an die Sicherheitskontrolleure auf dem Flughafen, die uns wohlgesonnen sind, wenn wir ihren Anweisungen folgen, aber sofort auf jeden reagieren, der irgendwie Widerstand leistet. Tulip verhält sich ganz ähnlich, und sobald sie festgestellt hat, dass die hündischen Touristen kein Äquivalent zu scharfen oder spitzen Gegenständen in der Tasche haben, ignoriert sie sie oder fordert sie zum Spielen auf. Genau das geschah auch an jenem Morgen auf dem Hütehundtreffen. Nach einer Runde intensiven Beschnüffelns trottete der Hund fort, um nach seiner Herde zu sehen. Schon bald kam sein Besitzer und brachte ihn weg, Luke konnte seinen Outrun fortsetzen und die Schafe den Hügel hinab zu mir bringen.

Nach dem Zwischenspiel mit dem Herdenschutzhund hatten wir noch viel Spaß bei der Arbeit mit der Herde und fuhren müde von dem Tag an der frischen Luft nach Hause. Später erzählte ich einer Kundin, was passiert war, und sie befürchtete, dass Luke eine Traumatisierung davongetragen haben könnte. »Sehen Sie meinen armen alten Brandy hier an (der Hund, der zu ihren Füßen lag und wegen eines schwerwiegenden Aggressionsproblems zu mir ins Büro gekommen war). Er hat nie vergessen, wie er einmal von diesem schwarzen Labrador auf der Hundewiese angegriffen wurde. Sie können es ja jetzt noch in seinen Augen sehen.«

Es war schwierig, in Brandys Augen zu sehen, weil diese von champagnerfarbenen Ponyfransen verdeckt waren, aber was ich erkennen konnte, sah ziemlich nach einem Hund aus, der glücklich an dem von mir geschenkten Kauknochen herumnagte. (Wir werden später noch darüber sprechen, wie traumatische Ereignisse das Verhalten von Hunden noch Jahre nach dem Geschehen beeinflussen können, genau wie das bei Menschen vorkommt.) Wenn ich meine eigene Vermutung darüber hätte anstellen sollen, welchen inneren Zustand Brandys Augen in meinem Büro ausdrückten, dann hätte ich Zufriedenheit gesagt, nicht Trauma.

WAS SIND ÜBERHAUPT GEFÜHLE?

Es überrascht nicht, dass Menschen mitunter verschiedener Meinung darüber sind, welche Gefühle ihre Hunde haben. Gefühle sind komplizierte Dinge. Es lohnt sich, sie noch einmal genauer anzuschauen, bevor wir versuchen, unser Wissen über das Gefühlsleben von Hunden zu erweitern.

Gefühle können primitiv und ursprünglich sein, aber das bedeutet noch lange nicht, dass sie deshalb leicht zu verstehen sind. Jetzt, wo wir endlich begonnen haben, sie wissenschaftlich zu untersuchen, stellt sich heraus, dass es sich um unerhört interessante und komplizierte biologische Vorgänge handelt. Die meisten Wissenschaftler stimmen darin überein, dass Säugetiere wie zum Beispiel Hunde zu grundlegenden Gefühlen wie Angst, Wut und Glück fähig sind, aber sie sind sich nicht in der Frage einig, wie Hunde diese Gefühle denn eigentlich erleben. Sicherlich ist dies einerseits eine einfache Frage – warum sollte Luke nicht auf eine sehr ähnliche Art Angst empfinden wie ich, wenn er einen aggressiven Hund auf sich zurennen sieht?

Ach, aber andererseits ist Angst zu haben eine vom Gehirn gesteuerte Gefühlserfahrung, und das einzig Einfache am Gehirn ist die Tatsache, dass wir noch nicht einmal damit begonnen haben, es wirklich zu verstehen. Kein Wunder: Es gibt ungefähr hundert Milliarden Neuronen im menschlichen Gehirn, die alle über zehn Billionen Verbindungswege miteinander verknüpft sind. An diesem Niveau von Komplexität liegt es, dass unser Verständnis von der Biologie der Gefühle bestenfalls ein grobes Grundlagenwissen ist. Das macht es zu einer besonders großen Herausforderung, die Gefühle von Menschen und Hunden miteinander zu vergleichen. Allerdings haben wir in den letzten zehn Jahren der wissenschaftlichen Forschung so viel über die Biologie von Gefühlen gelernt, dass es mehr als vernünftig ist, diese Herausforderung anzunehmen. Ein guter Ausgangspunkt dafür ist eine Untersuchung dessen, was wir über unsere eigenen Gefühle wissen.

Sicher wissen wir alle, wovon die Rede ist, wenn wir über Gefühle sprechen. Aber was würden Sie sagen, wenn jemand Sie bitten würde, Gefühle zu definieren? Was genau sind Gefühle über die Bezeichnungen (Angst, Wut, Freude …) hinaus, die wir ihnen geben, und wie entstehen sie in unserem Inneren? Falls Ihnen eine präzise Definition schwer fällt, grämen Sie sich nicht: Sie sind nicht allein.4 Nach Antonio Damasio, einem international anerkannten Experten für Gehirnforschung und Gefühle, sind unsere Gefühle das am wenigsten verstandene mentale Phänomen überhaupt. Sie sind aber auch das am stärksten gegenwärtige und vermutlich auch das älteste – umso überraschender ist es, dass wir erst seit Kurzem versuchen, sie wissenschaftlich auseinanderzunehmen. Es musste erst ein Wissenschaftler wie Damasio kommen, um die Argumente der frühen Behavioristen zu widerlegen. Nach deren Ansicht sollten wir gar nicht erst versuchen, Gefühle verstehen zu wollen, denn als subjektive innere Vorgänge waren sie angeblich »jenseits wissenschaftlicher Grenzen«. Wie sich herausstellte, stimmt dies nicht einmal annähernd; Damasio und andere haben bewiesen, dass die Biologie der Gefühle genauso zugänglich ist wie die Biologie des Hörens, Sehens oder des Gedächtnisses.

Das heißt allerdings nicht, dass Forschung zum Thema Gefühle einfach wäre. Gefühle sind gewissermaßen glitschig und schwer fassbar und so ähnlich schwer von unserem Körper und unserem Verstand zu trennen wie Eigelb von Eiweiß, wenn man beides erst einmal miteinander verrührt hat. Wie der Neurologe John Ratey sagt: »Gefühl ist unordentlich, kompliziert, ursprünglich und undefinierbar, weil es überall ist.« Man kann sich nicht hinsetzen und seine eigenen Gefühle untersuchen wie in einer Petrischale, weil sie eben mit einem selbst verbunden sind. Wir wissen, dass jedes Gefühl – Freude, Angst, Wut – Körper und Verstand auf vorhersehbare Weise beeinflusst. Ein Gefühl wie Angst beinhaltet physiologische Veränderungen in Ihrem Körper (Ihr Herz beginnt zu schlagen, wenn Sie Ihren Hund auf die Straße zurennen sehen), sichtbare Veränderungen im Ausdruck (Sie bleiben wie angefroren stehen, Ihre Pupillen weiten sich, Sie reißen die Augen auf), bewusste Gedanken (»Oh nein! Da kommt ein Auto!«) und Gefühle (Ihr bewusstes Erleben von Angst und Panik). Jedes Gefühl beinhaltet also (1) körperliche Veränderungen; (2) Veränderungen im Ausdruck; und (3) die damit einhergehenden Gedanken und Gefühle.

Was wir nicht genau wissen, ist, was zuerst kommt. Sind Sie sich der Angst bewusst, weil Ihr Herz rast und Ihre Augen aufgerissen werden, oder klopft Ihr Herz, nachdem Ihr Verstand ihm mitgeteilt hat, dass Ihr Hund vielleicht gleich überfahren wird? Für die meisten von uns erscheint es logisch, dass unser Körper auf unseren Verstand reagieren muss – wir sehen ein Auto auf unseren Hund zufahren, unsere Physikkenntnisse sind gut genug, um uns klarzumachen, dass dieser Kampf nicht fair sein wird und also reagiert unser Körper mit dem Gefühl der Angst. Die Wissenschaft hat aber nachgewiesen, dass viel von dem, was wir erleben, in die andere Richtung fließt. Oft sind es die Veränderungen in Ihrem Körper, die die Gedanken in Ihrem Verstand entstehen lassen.

Wir wissen seit langem, dass man verschiedene Gehirnbereiche mit schwachen Stromreizen stimulieren kann, um Gefühle von Angst, Traurigkeit oder Fröhlichsein hervorzurufen. Das absolut Bemerkenswerte an diesen Fällen ist, dass die Versuchspersonen, die bei vollem Bewusstsein sind und keinerlei Schmerzen verspüren, immer eine verstandesmäßige Erklärung für ihre Gefühle vorbringen, nachdem das Gefühl erzeugt wurde. In meinem Lieblingsbeispiel brach eine Frau immer wieder zuverlässig in Lachanfälle aus, nachdem man den entsprechenden Bereich ihres Gehirns stimuliert hatte. Als die anwesenden Neurologen sie dann fragten, was denn so lustig sei, sagte sie: »Ihr Typen seid einfach zu lustig … wie ihr da so rumsteht!« Weil ihr Gehirn offensichtlich irgendwie erklären musste, warum sie sich amüsierte, verwandelte es einen Kreis von seriösen Wissenschaftlern in eine Comedynummer.

Sie können sogar Gefühle hervorrufen, indem Sie Teile Ihres Körpers in bestimmte Positionen bringen. Zweifellos haben Sie schon von den Versuchen gehört, in denen man die Teilnehmer gebeten hatte, ihre Mundwinkel einmal zu heben und einmal nach unten zu senken und sie später gefragt hatte, wie sie sich dabei fühlten. Genauso wie unsere Mütter uns früher gesagt haben, wir sollten lächeln und uns so aufmuntern, so sagten auch die Menschen, die ihren Mund zu einem Lächeln geformt hatten, dass sie sich besser gefühlt hätten, während diejenigen, die ihre Mundwinkel nach unten verzogen hatten, sich schlechter fühlten als vorher. Sie können es jetzt sofort einmal ausprobieren: Nehmen Sie einen Bleistift für ein paar Sekunden quer zwischen die Backenzähne und achten Sie darauf, wie Sie sich fühlen (außer albern). Die meisten Menschen berichten von einer leichten Steigerung der Laune, weil sich der Mund, um den Bleistift zu halten, zu einem breiten Lächeln verziehen muss. Jetzt nehmen Sie den Bleistift aus dem Mund, lassen Sie Kopf und Schultern hängen und sacken Sie in sich zusammen, als hätte man die Luft aus Ihnen herausgelassen. Fühlen Sie sich in lustiger Laune? Vermutlich nicht.

Es gibt eine lange Liste von überraschenden Möglichkeiten, wie Sie Ihre Gefühle beeinflussen können, indem Sie etwas mit Ihrem Körper tun. Eine Wissenschaftlerin hatte beobachtet, dass Verliebte dazu neigen, einander länger in die Augen zu sehen, als Nichtverliebte das tun. Sie fragte sich, ob dieser Prozess auch umgekehrt funktionieren könnte und bat deshalb Fremde, sich gegenseitig zwei Minuten lang in die Augen zu schauen. Nach Ablauf dieser vereinbarten Zeit des Blickkontaktes berichteten die Versuchsteilnehmer von Gefühlen der Zuneigung und des Hingezogenseins zum jeweils anderen. (Natürlich beruhte dieser lange Blickkontakt im Versuch auf gegenseitigem Einverständnis und ist überhaupt nicht vergleichbar damit, wenn ein Fremder unangekündigt auf Sie zukommt und Ihnen geradewegs in die Augen starrt. Das würde vermutlich das Gegenteil von Hingezogensein bei Ihnen auslösen. Wenn der Fremde ein Hund wäre, würden Sie außerdem wahrscheinlich gebissen. Bitte ziehen Sie also nicht los und experimentieren Sie nicht mit einem Partner, der Ihnen vorher nicht sein Einverständnis erklärt hat. Egal, welcher Spezies er angehört.)

Sie wissen nie, wo und wann diese Änderungen in der Körperhaltung Ihre Stimmung beeinflussen können. Ich erinnere mich, wie ich einmal die berühmte Jazzsängerin Ella Fitzgerald in einer Talkshow gesehen hatte. Sie erzählte, dass sie in einem Jahr einmal so müde geworden war, dass sie es morgens nicht mehr aus dem Bett schaffte. Sie ging zu verschiedenen Ärzten, bis sie endlich an einen geriet, der sie fragte, wie sie denn ihren Tag verbringen würde. Als sie über ihren Tagesablauf nachdachte, fiel ihr ein, dass sie ihren Hit »I’m So Tired« (Ich bin so müde) immer wieder sang und dabei ihre Körperhaltung dem Gefühl anpasste, das sie im Song ausdrückte. Der Doktor verschrieb ihr, diesen Song ab sofort aus ihrem Repertoire zu streichen und sie erholte sich innerhalb weniger Tage.

Wie wir alle wissen, können unsere Gefühle auch von unserer inneren Physiologie beeinflusst werden. Für Frauen mit prämenstruellem Syndrom sind dies keine nobelpreisverdächtig neuen Erkenntnisse, aber das Wissen darüber, wie Physiologie Gefühle beeinflusst, ist noch relativ neu. Vor Jahrzehnten – als PMS noch nicht offiziell existierte – fragten meine beste Freundin und ich uns immer, warum wir an einem Tag so unbeschwert fröhlich und am nächsten traurig und reizbar sein konnten, obwohl es dafür überhaupt keinen erkennbaren äußeren Anlass gab. Irgendwann stellten wir fest, dass es für diese Stimmungsschwankungen ein regelmäßiges Muster gab und kamen von selbst darauf, dass es mit unserem Menstruationszyklus zu tun hatte. Genau zur gleichen Zeit begann ein englischer Arzt zu argumentieren, dass hormonelle Veränderungen die Stimmungslage drastisch beeinflussen könnten und in extremen Fällen sogar zu Selbstmord oder zur Einweisung in die geschlossene Anstalt führen könnten.

Mit unserem heutigen besseren Wissensstand in Sachen Neurochemie ist es allgemein anerkannt, dass die Chemie unseres Körpers unsere Gefühle beeinflusst. Während ich diese Zeilen schreibe, nehmen Millionen von Menschen SSRIs (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), um das Verhältnis der Neuro-Hormone in ihrem Gehirn zu beeinflussen und damit ihre Stimmung zu verbessern. Ein nachgewiesener Nebeneffekt der Versorgung von Patienten mit einer Herz-Lungen-Maschine ist, dass viele von ihnen Depressionen bekommen, obwohl sie zuvor noch nie welche gehabt hatten. Niemand weiß, warum das so ist, aber vermutlich hat es etwas mit den physiologischen Veränderungen im Körperinneren zu tun, die von der Herz-Lungen-Maschine selbst verursacht werden. Drei Jahrzehnte nach meinen Gesprächen mit einer Freundin werden Frauen mit PMS heute von den gleichen Doktoren ernst genommen, die damals wenig mehr taten, als ihnen den Kopf zu tätscheln.

Natürlich wissen wir, dass neben den Auswirkungen unserer Körperchemie auch äußere Ereignisse jeden Tag unsere Gefühle bestimmen. Eine perfekt gute Laune kann durch Stehen im Stau ganz und gar verdorben werden. Der drohende Tod eines geliebten Hundes bricht uns fast das Herz, weil wir intellektuell verstehen, was dieser Tod für uns bedeuten wird. Sobald diese Gedanken auftauchen (manchmal sogar, bevor wir uns ihrer bewusst werden), reagiert unser Körper mit der Kaskade von Veränderungen, die unsere verschiedenen Gefühle bestimmt. Es scheint logisch, anzunehmen, dass so etwas ähnliches auch in unseren Hunden geschieht. Nehmen Sie die Leine vom Haken, und Ihr Hund sprüht nur so vor Freude; sagen Sie ihm, dass er dieses Mal nicht mit Ihnen kommen kann und Sie sehen, wie sein Körper zusammensackt und er ein langes Gesicht macht, genau wie Sie das machen würden, wenn man Sie enttäuscht.

GEFÜHLE ALS PRIMITIVE VERBINDUNGEN ZWISCHEN GEHIRN UND KÖRPER

Trotz der Kontroverse »Was war zuerst – die Henne oder das Ei?« stimmen Neurobiologen darin überein, dass die primäre Funktion von Gefühlen darin besteht, das Gehirn mit dem Rest des Körpers in Verbindung zu halten. Gefühle sind eine Art Brücke zwischen dem »denkenden« Teil des Gehirns und dem Rest des Körpers und arbeiten darauf hin, dass der Organismus sich seinem Idealzustand nähert. Sie ermöglichen jedem von uns, vom preisgekrönten Neurobiologen bis hin zum hungrigen Bluthund, auf die Welt um uns herum zu reagieren – und zwar auf eine Art und Weise, die uns eben das ermöglicht.

Vor der Erfindung von Dingen wie Schokoladenpudding oder Keksen war dasjenige für uns gut, was uns ein gutes Gefühl verschaffte. Für Tiere, die in einer Umwelt mit beschränkten Ressourcen leben und in denen sie nicht wie wir die Gelegenheit haben, sich an guten Dingen allzu gütlich zu tun, trifft dies immer noch zu. Diese Grundregel funktioniert genauso gut anders herum: In der Wildnis ist das, was sich schlecht anfühlt, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht gut für sie, also vermeiden sie es.

Eines der ersten Dinge, die man im Studium von Tierverhalten lernt, ist, dass Tiere zu Wohlbefinden und Komfort hin und von Schmerzen und Unwohlsein weg streben. Gefühle sind die Mechanismen, die Tieren diese Handlung ermöglichen. Sie sind ein Geigerzähler des Körpers, der das Gehirn informiert, was es als Nächstes tun soll. Haben Ihre Augen ein Raubtier hinter dem Busch da entdeckt? Dann ist es gut, wenn Ihr Herz zu rasen beginnt, mehr Blut zu Ihren Muskeln pumpt und Ihr Gehirn Ihnen sagt, dass Sie wegrennen sollten. Fühlen Sie sich zufrieden, behaglich und warm? Dann sind Sie vermutlich gerade in einer Umgebung, die gut und gesund für Sie ist.

Gefühle sind sehr grundlegende Dinge, die wir bei zahllosen Spezies in deren physiologischen Reaktionen, Ausdrucksverhalten, Gehirn und Neurochemie sehen können. Dies ist einer der vielen Gründe dafür, warum die Behauptung, Hunde hätten keine Gefühle, unlogisch ist – auch, wenn viele Menschen noch immer darauf beharren. Wenn genau jetzt etwas geschehen würde, was sowohl Sie als auch Ihren Hund in Angst und Schrecken versetzt, wären Körperhaltung und Ausdruck des Hundes ein ziemlich genaues Ebenbild dessen, was bei Ihnen zu sehen wäre. Diese Erkenntnis ist nicht neu – als Charles Darwin 1872 Der Ausdruck der Gefühle bei Mensch und Tier veröffentlichte, zögerte er nicht, darin die Haltung einer »verängstigten« Katze oder eines »bescheidenen« und anhänglichen Hundes zu beschreiben. In diesem Buch sagt Darwin, dass grundlegende Gefühle wie Angst und Ekel bei vielen Spezies nach außen hin gleich ausgedrückt werden. Obwohl es schon gut über hundert Jahre alt ist, wird dieses Buch noch immer in allen Kursen zu Evolution oder Verhaltenslehre verwendet, die diesen Namen verdienen.

Wo wir heute in der Lage sind, über die Beobachtung bloßer Verhaltensänderungen hinaus- und tief ins Gehirn hineinzusehen, haben wir herausgefunden, dass wir mit anderen Tieren sehr viel mehr als nur äußeres Ausdrucksverhalten teilen. In seinem Buch Affective Neuroscience argumentiert Jaak Panksepp, dass Säugetiere die gleichen grundlegenden gefühlsbezogenen Strukturen und die gleiche gefühlsbezogene Physiologie besitzen wie wir. Der für die Übermittlung von Gefühlen zuständige Gehirnbereich heißt limbisches System und ist von so grundlegender Bedeutung für sowohl Ihr Gehirn als auch das Ihres Hundes, dass es oft auch das »Säugetiergehirn« genannt wird.

Das limbische System ist tief in der Mitte Ihres Gehirns eingekuschelt, zwischen den wirklich primitiven Bereichen, die dafür sorgen, dass Ihr Kopf oben bleibt und Ihre Lungen arbeiten und den gewundenen, neueren Bereichen der Gehirnrinde, die Informationen verarbeiten und Entscheidungen treffen. Sowohl bei Ihnen als auch bei Ihrem Hund enthält es drei lebenswichtige kleine Strukturen, die Amygdala (oder Mandelkern), Hypothalamus und Hippocampus heißen. Die Amygdala fügt den ins Gehirn kommenden Informationen gefühlsmäßige Bedeutung hinzu und wurde früher als Kommandozentrale für die Gefühle Überraschung, Wut und Angst bezeichnet. Als wir mehr über die Komplexität des Gehirns erfuhren, stellten wir jedoch fest, dass dies bei weitem zu stark vereinfacht war. Aber andererseits passt fast alles, was wir über das Gehirn gelernt haben, in diese Kategorie. (Das Gehirn ist dermaßen kompliziert, dass es eigentlich unmöglich ist, ohne grobe Vereinfachungen darüber zu sprechen, also haben Sie Nachsicht mit mir.) Lassen wir es bei der Erklärung bewenden, dass die Amygdala eine wesentliche Rolle für Ihr Gefühlsleben spielt und die Amygdala Ihres Hundes eine wesentliche Rolle für das seine. Die Amygdala ist nicht nur wichtig zur Schaffung Ihrer eigenen Gefühle, sondern auch für das Erkennen von Gefühlen bei anderen. Menschen mit beschädigter Amygdala können nicht unterscheiden, ob der Gesichtsausdruck von jemand anderem Freude oder Wut zeigt.5 Wie wir später noch sehen werden, ist die Amygdala ein sehr geschäftiger Ort, wenn etwas geschieht, das Sie oder Ihren Hund erschreckt oder aufregt.

Die Amygdala reicht ihre emotionalen Beurteilungen an andere Strukturen weiter, die Erinnerungen vergleichen, Informationen an den Kortex (die Gehirnrinde) weitergeben oder je nach geschaffenem Gefühl die passenden Hormone ausschütten. Das System als Ganzes, das sowohl auf angeborenen Reaktionen als auf gespeicherten Erinnerungen basiert, war ein Hauptbeteiligter an meinen Gefühlen des Entsetzens, als ich realisierte, dass Luke in Gefahr war. Wir können nicht wissen, wie sehr Lukes innere Erfahrung der meinen ähnelte, aber er und ich hatten die gleichen Strukturen im Gehirn, die Angst übermitteln. Und eben diese Ähnlichkeit der Strukturen ist für viele die Argumentationsgrundlage, dass die Gefühle nichtmenschlicher Säugetiere denen von Menschen ähneln müssen.

Sicherlich ist Angst eines der grundlegendsten Gefühle überhaupt. Es ist schlecht vorstellbar, dass man ohne ein Gehirn, das einen bei Gefahr zur Vorsicht bewegt, in einer Welt voller Raubtiere und Giftpflanzen überleben könnte. Selbst Skeptiker in Sachen Gefühle bei Tieren stimmen zu, dass Angst eines der grundlegendsten Gefühle ist, eine Anpassungsreaktion für jedes Tier, das Entscheidungen treffen kann, um in der freien Natur zu überleben. Die meisten Biologen stimmen darin überein, dass die anderen »Grundgefühle« Zorn, Ekel und Freude sind. Diese primären Gefühle sind klar bei allen Individuen unserer eigenen Spezies zu sehen und werden immer auf ähnliche Weise ausgedrückt, egal, wo die Person ist oder zu welcher Kultur sie gehört.6 Drei dieser Grundgefühle – Angst, Wut und Glück – sind so wichtig für uns (und, wie ich argumentieren werde, auch für unsere Hunde), dass wir jedem von ihnen ein eigenes Kapitel widmen werden. Die Liebe als Cousine des Glücks verdient ebenfalls ihr eigenes Kapitel, was ja für ein Buch über Gefühle und unsere Beziehungen zu Hunden auch nur angemessen erscheint.

Neben diesen vier Grundgefühlen gibt es auch noch andere wie Schuldbewusstsein oder Stolz, die komplizierter zu sein scheinen. Vielleicht sind sie Kombinationen von Grundgefühlen, so wie Grün eine Kombination der Primärfarben Gelb und Blau ist. Manchmal wird auch argumentiert, dass zwar alle Säugetiere Angst, Wut und Freude erleben könnten, Gefühle wie Schuldbewusstsein oder Stolz aber höhere kognitive Fähigkeiten verlangen würden und nur von Menschen gefühlt werden könnten.

Wir werden über diese komplexeren Gefühle noch weiter hinten im Buch sprechen. Für den Moment ist vor allem wichtig, dass unsere Grundgefühle uns nicht vom Rest der Natur trennen, sondern uns mit ihr verbinden. Wie Diane Ackerman es in ihrem Buch An Alchemy of Mind formulierte, mögen wir zwar vielleicht sehr komplizierte Gehirne haben, aber die Gefühle, die darin gedeihen, sind roh und primitiv. Auf ihrer grundlegenden Ebene teilen wir ihr Erleben ganz gewiss mit unseren Hunden.

MIT IHREN AUGEN BETRACHTET

Im November 2003 wurde Tammy Ogles Kopf von dem Auto überrollt, mit dem sie unterwegs war. Sie fuhr eine Landstraße entlang, als ihre drei Labradors hinten herumzuspringen begannen und den Geländewagen so zum Schlingern und Drehen brachten, dass sie aus dem Fenster und unter die Räder ihres eigenen Wagens geschleudert wurde. Als sich der Staub verzogen hatte, lag sie bewusstlos mit zehn gebrochenen Rippen und schweren Kopfverletzungen da. Tammys drei Labradore, Double, Lily und Golly, blieben von ernsthaften Verletzungen verschont und krabbelten aus dem Auto. (Tammy sagte mir, dass sie die Hunde normalerweise nur in der Box im Auto mitnahm und selbst keine Ahnung hatte, warum sie sich an diesem Morgen entschieden hatte, sie frei im Auto mitfahren zu lassen.) Double, ein hübscher dreijähriger Rüde, blieb bei Tammy, während Lily und Golly eine halbe Meile weit bis zum nächsten Haus liefen, wo sie so lange an der Tür bellten und kratzten, bis jemand herauskam. Golly packte den Hausbesitzer am Ärmel und zog ihn bis zur Straße, von wo aus er Tammys umgekipptes Auto sehen konnte.

Wenn Sie gerne in eine Debatte geraten möchten, dann fragen Sie verschiedene Menschen, ob sie glauben, dass Tammys Hunde ihrer Besitzerin bewusst das Leben gerettet hätten. Einige werden sagen: »Na klar haben sie das. Es ist absolut vernünftig, anzunehmen, dass (1) die Hunde erkannten, dass Tammy schwer verletzt war und dringend Hilfe brauchte; (2) dass die Hunde Tammy liebten und ihr helfen wollten; (3) dass sie wussten, dass sie selbst ihr nicht helfen konnten und sich deshalb entschieden, die Straße entlangzulaufen und Hilfe bei jemandem zu suchen; (4) dass sie, als sie am Haus ankamen, an der Tür bellten und kratzten, um den Bewohner aufmerksam zu machen; und (5) dass Golly, als sie merkte, dass der Hausbewohner den Unfall nicht gesehen hatte, ihn in die richtige Richtung am Ärmel zog.«

Andere werden diese Geschichte als Paradebeispiel dafür betrachten, wie dumm vermenschlichend Hundenarren doch denken, wenn sie ihren Hunden Denkvorgänge unterstellen, zu denen nur Menschen fähig sind. Menschen mit dieser Sicht der Dinge werden vielleicht sagen, dass die Hunde deshalb die Straße entlangrannten, weil sie völlig verschreckt waren und von der Unfallstelle fliehen wollten. Ihr Bellen vor dem Haus geschah nicht aus strategischer Absicht, sondern deshalb, weil sie unbewusst gelernt hatten, dass Bellen in der Anwesenheit von Menschen ihnen deren Aufmerksamkeit einbringt – oder deshalb, weil sie einfach nur sehr aufgeregt waren, ohne genau zu wissen, warum. Vielleicht begrüßt Golly Menschen öfter, indem sie sie am Ärmel packt – wir wissen ja nur zu gut, wie gerne Labradore alles Mögliche zwischen die Zähne nehmen und wie viele Hunde dieser Rasse es gibt, die einem freundlichen »Händeschütteln« mit dem Fang nicht widerstehen können.

Wie Sie sehen, ist es sehr leicht, eine Geschichte darüber zu erzählen, warum ein Tier etwas tut. Beide Geschichten sind nämlich genau das – nur Geschichten. Keiner von uns kann weder beweisen, dass die jeweils eigene Version die richtige ist noch das Gegenteil davon. Wenn uns keine weiteren Informationen zur Verfügung stehen, ist es sehr verführerisch, die eigene Version zu glauben und die andere zu verwerfen. Dies ist einer der Gründe dafür, warum Wissenschaftler in der Vergangenheit immer wieder betont haben, dass Vermenschlichungen um jeden Preis zu vermeiden seien. Es ist sehr einfach, eine Geschichte darüber zu erfinden, was wohl im Kopf eines Tieres vorgeht, wenn man sich vorstellt, selbst in dessen Lage zu sein. Genauso einfach ist es, damit sehr, sehr falsch zu liegen.

Es gibt zahllose Beispiele für die Schwierigkeiten, in die wir geraten, wenn wir uns Tiere als bepelzte Menschen vorstellen – und das gilt nicht nur für Hunde. Ich hätte damals fast meine erste eigene Schafherde umgebracht, weil ich sie in der fälschlichen Absicht, sie nicht frieren zu lassen, im Winter im Stall einsperrte. Ich konnte mir nicht vorstellen, die Schafe ohne meine Hilfe bei minus zwanzig Grad draußen zu lassen – aus dem einzigen Grund, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie ich es nachts da draußen aushalten sollte, ohne zu erfrieren. Aber Schafe sind nun mal keine wolligen Menschen. Solange sie genug Heizöl in Form guten Futters haben, ist es für sie viel gesünder, draußen an der frischen Luft zu sein anstatt eingesperrt im Stall. Wenn man sie in einen geschlossenen Raum sperrt, erkranken sie sehr leicht durch die von ihrem eigenen Atem angefeuchtete Luft an Lungenentzündung (und genau das passierte meinen Schafen). Heute bin ich schlauer und lasse ihnen die Wahl. In den meisten Nächten entscheiden sie sich dafür, draußen zu liegen und dösen oft von einer Schneedecke bedeckt zufrieden vor sich hin, und das bei einem Wetter, in dem ich bis ins Mark hinein frieren würde.

Dies war in dem gleichen Jahr, als ich auch wie besessen frisches Stroh in die Hundehütten draußen stopfte, zu Tode besorgt, dass die im Zwinger schlafenden Hunde nachts frieren könnten.7 Morgens stellte ich dann fest, dass Bess, eine wunderbare und willensstarke Border Collie Hündin, alles bis auf den letzten Halm herausgescharrt hatte. Nach ein oder zwei Wochen, in denen ich das Verhalten meines Hundes unerbittlich ignorierte und mit dem Versuch fortfuhr, die Hundehütten weicher und wärmer zu machen, begann Bess schon mit dem Herausscharren des Strohs, bevor ich es fertig hineingelegt hatte. Endlich dämmerte es mir – ich glaube, es war an dem Morgen, als es minus fünf Grad kalt war und Bess zufrieden draußen vor der Hundehütte schlief, auf einem Flecken Schnee und Eis zusammengerollt und offensichtlich so warm wie eine Scheibe Toast.

Nicht nur Hundehalter machen sich unangebrachte vermenschlichende Sorgen um ihre Tiere. In einem klassischen Fall war ein britisches Komitee damit beauftragt, die Haltung von Käfighühnern zu verbessern. Es war gerade dabei, eine Regelung zu verabschieden, nach der die Hühner auf aus dickerem Draht bestehenden Böden als bisher gehalten werden sollten. Der üblicherweise verwendete Draht sah so dünn aus, dass man dachte, es müsse schmerzhaft sein, barfuß darauf zu stehen. Also dachte das Komitee zwar nicht daran, den Hühnern Turnschuhe auszuteilen, aber daran, den Käfigherstellern dickeren Draht vorzuschreiben. Bevor Millionen von Pfund für neue Käfige ausgegeben wurden, setzte sich Gottseidank gutes wissenschaftliches Denken durch und man machte einige objektive Versuche, um zu sehen, welchen Draht die Hühner tatsächlich bevorzugten. Entgegen allen Erwartungen wählten die Hühner den Draht, der den Menschen intuitiv am unbequemsten vorgekommen war. Folgetests zeigten, dass der dünnere Draht den Druck tatsächlich besser verteilte und viel angenehmer für die Hühnerfüße war als man annehmen würde.

Hundefreunde machen oft den Fehler, zu vergessen, dass andere Säugetiere keine bepelzten Menschen mit Pfoten sind. In meinem vorigen Buch Das andere Ende der Leine habe ich erzählt, wie sich Menschen gern als Zeichen gegenseitiger Zuneigung umarmen, während Umarmen bei Hunden eine Demonstration des sozialen Status ist. Hunde lieben es zwar, gestreichelt und massiert zu werden, aber um Schulter und Brust herum umarmt zu werden, ist etwas, das die meisten Hunde höchstens im Austausch gegen ein bequemes Sofa und ein garantiertes Abendessen hinnehmen. Ich habe gelernt, vorsichtig zu sein, wenn ich über das Umarmen von Hunden spreche, weil manche Menschen sich über mich ärgern, wenn ich ihnen sage, dass ihr Hund es gar nicht genießt, um die Schultern herum gedrückt zu werden. Umarmen ist innerhalb unserer Spezies ein so wichtiger Teil des Ausdruckes von Zuneigung, dass manche Menschen sich unmöglich vorstellen können, ihr Hund könnte das vielleicht anders sehen. Dazu kommt noch die Tatsache, dass wir den Gesichtsausdruck unserer Hunde nicht sehen können, wenn wir sie umarmen. Wenn Sie einmal die Perspektive wechseln und einem Hund ins Gesicht schauen, der gerade von jemand anderem umarmt wird, bekommen Sie ein völlig anderes Bild. Ich habe ungefähr fünfzig Fotos von Menschen, die Hunde umarmen, auf denen die Menschen strahlen und die Hunde elend aussehen.

Meistens führt diese unterschiedliche Interpretation der Dinge nicht zu größeren Problemen, aber traurigerweise tolerieren viele Hunde unser seltsames Bedürfnis nicht, sie um die Schultern herum zu drücken. Sie fassen unsere Umarmung als ernsthafte Verletzung hündischer Anstandsregeln auf und brechen in Protest aus. Das hat schon zu zahllosen gebissenen Hundefreunden geführt und dazu, dass viele Hunde eingeschläfert wurden, weil sie ein Kind ins Gesicht gebissen hatten. Natürlich steht es außer Frage, dass wir uns in Zucht und Aufzucht um Hunde bemühen sollten, die typisch menschliches Verhalten tolerieren, aber wenn wir schon die Klügeren sind, sollten wir doch den Hunden etwas weiter als bis zur Hälfte des Weges entgegenkommen. Tatsache ist, dass Hunde sich nicht immer das wünschen, was wir uns wünschen. Das zu vergessen, kann viel Schmerzen und Leid verursachen.

Die meisten Beispiele dafür sind nicht ganz so dramatisch, können aber trotzdem großen Schaden anrichten. Ich bin regelmäßig baff, wie viele Menschen immer noch glauben, ihr Hund würde sich deshalb im Haus lösen oder die Stuhlbeine zerbeißen, weil er es ihnen »heimzahlen« wolle. Sie stellen sich vor, dass der Hund sauer darüber ist, dass sie ihn alleine zurückgelassen haben und dass der im Wohnzimmer zurückgelassene Kringel brauner Wurst als eine Demonstration der empfundenen Verachtung dort hingesetzt wurde. Aber mit diesem Szenario gibt es einige Probleme – von denen nicht das kleinste ist, dass Hunde an Exkrementen nichts Verachtenswürdiges finden. Sie lieben das Zeugs. Es zu fressen, egal ob es sich um die Ausscheidungen anderer Hunde oder die von Schafen oder Pferden handelt, scheint für viele Hunde ein Glanzpunkt des Tages zu sein. Wenn Leute zu mir auf die Farm kommen, stellen sie sich meistens vor, wie ihr Hund, endlich von der Leine befreit, auf vielen Hektar sicher umzäunten Landes wie Lassie im Fernsehen umherrennen, mit vor Freude glänzenden Augen über umgestürzte Bäume springen kann und sich seines Lebens freut. Während sie noch diese herzerwärmende Szene vor ihrem inneren Auge sehen, schlingt ihr Hund vermutlich schon so schnell er kann Schafsköttel in sich hinein. Hunde sind keine Menschen, und wenn sie eine eigene Vorstellung vom Himmel haben, dann kommen darin mit ziemlicher Sicherheit braune Häufchen vor.

Warum um alles in der Welt sollte also ein Hund ins Haus machen, um sich an Ihnen zu rächen? Wenn er versuchen würde, mit seinen Besitzern zu kommunizieren, indem er sich löst (was ich bezweifle), dann würde die Botschaft eher lauten »Schau mal, was ich dir dagelassen habe! Ein richtig schön großes Häufchen!« Genauso wenig Sinn macht es, dass ein Hund das Sofabein (oder die Fernbedienung – übrigens das Lieblingskauspielzeug aller Hunde) zerbeißen sollte, um Sie zu bestrafen. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Hund entweder frustriert, ängstlich oder gelangweilt ist. Wenn er schon nicht ins Internet gehen und keine Seifenopern im Fernsehen anschauen kann, was soll er denn dann machen, außer an etwas her- umzukauen?

Und wie oft denken Menschen, ihr Hund wisse genau, dass er nicht ins Haus machen dürfe, weil er sie doch mit einem »schuldbewussten« Gesichtsausdruck an der Tür begrüße, wenn sie heimkämen – mit hängendem Kopf und Schwanz und ganz und gar unterwürfigem Blick. Diese Haltung drückt allerdings Beschwichtigung aus, nicht Schuldbewusstsein. Der arme Hund hat gelernt, dass sein Besitzer ihn anschreien wird, wenn er beim Nachhausekommen eine Pfütze auf dem Teppich vorfindet. Das ganze Kriechen und Ducken ist das Schwenken einer weißen Flagge, um dem Zorn des Besitzers zu entgehen und nicht etwa ein Zeichen dafür, dass er sich bewusst ist, irgendeinen Moralkodex der Mensch-Hund-Beziehung gebrochen zu haben. Der Hund, der arme Kerl, duckt sich vor dem heimkommenden Besitzer an der Tür, weil er nicht angeschrieen werden möchte – und es ist bestimmt das Letzte, woran er denkt, wenn er nächste Woche wieder einmal dringend muss und er allein im Haus ist. Aber Menschen schreien nach wie vor ihre Hunde an und drücken deren Nasen in die Urinpfützen, in dem Glauben, der Hund habe ein schlechtes Gewissen gezeigt und damit bewiesen, dass er genau »wisse«, was falsch und was richtig sei.

»VERMENSCHLICHUNG« IST NICHT IMMER EIN SCHLIMMES WORT

Die obigen Beispiele illustrieren, warum viele Vermenschlichungen, im Fachbegriff Anthropomorphismen, für gefährlich halten. Anthropomorph bedeutete im griechischen ursprünglich, den Göttern menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Heute wird »Anthropomorphismus« häufig für die vermenschlichende Darstellung von Tieren verwendet. In manchen Kreisen wird diese Vermenschlichung als so große Sünde betrachtet, dass »Anthropomorphismus« schon beinahe ein Schimpfwort ist. Zum Glück ist es ein bisschen zu lang, um als guter Fluch dienen zu können. »Du anthropomorpher Idiot« hat zwar einen gewissen Klang, wird aber sicher niemals eins der beliebten kurzen, knackigen Fluchworte ersetzen.

Mir wurde in den Zoologie- und Psychologiekursen genau wie allen anderen eingeschärft, Anthropomorphismen zu meiden wie die Pest. Aber wie es bei unserer Spezies so oft der Fall ist, wurde etwas eigentlich Vernünftiges ins Extreme übertrieben und viele begannen so zu sprechen, als ob Vergleiche zwischen Menschen und Tieren immer unkorrekt seien. Jede Eigenschaft, die Teil unseres Ich ist, wie zum Beispiel Denken, Planen oder sogar Fühlen, wurde in ihren Augen zu etwas für Tiere Unzulässigem. Obwohl Rationalität und Verstand am häufigsten als einzigartig für unsere Spezies betrachtet werden, ist ein überraschender Mangel an Rationalität feststellbar, wenn man sich die menschlichen Attribute anschaut, die diese Skeptiker anderen Tieren zugeschrieben haben.

Viele von denen, die immer wieder vor den Gefahren der Vermenschlichung warnen, zögern nicht, von »egoistischen« oder »konkurrierenden« Tieren zu sprechen. Es scheint fast so, als würde die Zuschreibung negativer menschlicher Eigenschaften an Tieren selten Kritik auslösen. Tiere können »manipulativ« oder »eigennutzig« sein, aber Gott behüte, Sie sprechen von Tieren als »versöhnlich« oder »liebevoll«. Der Primatologe Frans de Waal wurde rundweg kritisiert, als er erstmals »Versöhnungsverhalten« bei Schimpansen beschrieb – obwohl die Beweise dafür überwältigend waren. Selbst scheinbar neutrale Begriffe lösen bei manchen Wissenschaftlern Unbehagen aus. Die beiden hervorragenden Wissenschaftler Donald Owings und Eugene Morton, deren Arbeit ich insgesamt respektiere, argumentierten kürzlich, es sei falsch, Kommunikation unter Tieren wie zum Beispiel den Gesang der Wale oder das Winseln eines Welpen als »Informationsübermittlung« zu betrachten. Dies sei ein vermenschlichendes Konzept, so ihre Begründung. Stattdessen sollten wir ihrer Meinung nach Kommunikation unter Tieren als Beispiele für »Einschätzung, Manipulation oder Beeinflussung« betrachten. Ich stimme größtenteils mit dem Gedanken überein, dass es in der Kommunikation häufig um den Versuch geht, jemand anderen dazu zu bewegen, zu tun, was man möchte. Aber ich sehe nicht, warum die Begriffe »Manipulation« oder »Beeinflussung« weniger vermenschlichend sein sollten als »Informationsübermittlung«.

Ein weiteres Beispiel für das Zögern, Tieren positive Eigenschaften zuzuschreiben, ereignete sich 1996, als ein drei Jahre alter Junge im Brookfield Zoo von Chicago in das Gorillagehege fiel. Binti Jua, ein acht Jahre altes Gorillamädchen, hob das Kind auf, wiegte es in seinen Armen und reichte es dann vorsichtig einem seiner Pfleger. Die Geschichte schlug landesweit wie eine Bombe in den Medien ein und schon Stunden später interviewte man Experten zu diesem »unglaublichen« Ereignis. Einige der Befragten sagten, es sei dumme Vermenschlichung, Binti Freundlichkeit oder Mitleid zuzuschreiben. Sie habe nur das getan, was ihre Pfleger ihr beigebracht hätten.8 In seinem Buch Der Affe und der Sushi-Meister stellt Frans de Waal heraus, dass wir ähnliche Handlungen eines Menschenkindes niemals als bedeutungslos bezeichnen würden, selbst wenn es ebenfalls von seinen Eltern angewiesen worden sei, freundlich und sorgsam zu sein. Was Binti tat, ist typisch für Gorillas und in keiner Hinsicht ungewöhnlich. Gorillas sind im Allgemeinen ruhige, freundliche Vegetarier, die den größten Teil des Tages damit verbringen, auf wildem Sellerie herumzukauen und die wilde Spielattacken der Jungtiere gutmütig tolerieren. Ganz anders hätte die Sache ausgesehen, wenn der Junge in eine Löwengrube gefallen wäre, eine junge Löwin ihn vorsichtig aufgehoben, ins Maul genommen und zu einem Pfleger gebracht hätte. Kleine Jungs sehen für Löwen wie Abendessen aus, aber für Gorillas sehen sie aus wie … eben kleine Jungs. Das Überraschendste für viele von uns war nicht Bintis Verhalten, sondern der empörte Aufschrei mancher, dass es hoffnungslos romantisch und unwissenschaftlich sei, einem Gorilla so etwas ähnliches wie menschliche Gefühle zuzusprechen.

Aber nicht nur Wissenschaftler scheinen sich wohler damit zu fühlen, Tiere lieber mit negativen als mit positiven Begriffen zu beschreiben. Selbst Hundebesitzer, die ihre Hunde lieben, tun das. Millionen unglücklicher Hunde wurden angeschrieen oder sogar geschlagen, weil wir ihnen so leicht die schlechtesten Eigenschaften unserer eigenen Spezies zuschreiben. Wie schnell wir doch darin sind, unsere schlechtesten Eigenschaften auf Hunde zu übertragen. Überlegen Sie einmal, wie reich Sie wären, wenn Ihnen jemand jedes Mal, wenn er sagen würde »Er macht das nur, um mich zu ärgern!« oder »Er weiß doch, dass er das nicht tun soll!«, einen Dollar zahlen würde. Ja, vielleicht »weiß« Ihr Hund in der Tat, dass er Besucher nicht anspringen soll, aber mal ehrlich, haben Sie noch nie Ihre guten Manieren vergessen, wenn Sie aufgeregt waren und haben Sie noch nie vergessen, was Sie sagen wollten, wenn Sie nervös waren? Was hatte »wissen« damit zu tun, dass Sie beim letzten Weihnachtsessen bei den Eltern Ihres Verlobten Ihre Gabel fallen ließen? Haben Sie das absichtlich gemacht, um Ihren Verlobten zu ärgern? Ich bezweifle das. Warum dann sind wir so schnell dabei, unseren Hunden absichtlichen Ungehorsam zu unterstellen, aber zögern, ihnen Dinge wie Angst oder Verwirrung zuzuerkennen, obwohl genau diese auch unsere eigenen Handlungen beeinflussen?

Vielleicht liegt die Antwort darin, was Psychologen den fundamentalen Attributionsirrtum nennen. Scheinbar neigen wir Menschen zu der Annahme, dass das Benehmen uns unbekannter Individuen eher auf deren Veranlagung beruht als auf äußeren Einflüssen. Am besten wird das von einer erhellenden Studie illustriert, in der Studenten mit einer Frau sprachen, der zuvor gesagt worden war, sie solle entweder freundlich und warmherzig oder kühl und abweisend sind. Der Versuchsleiter, der der Frau die Verhaltensanweisungen gegeben hatte, teilte der Hälfte der Studenten vor dem Gespräch mit, dass sich die Frau auf eine bestimmte Weise verhalten würde. Der anderen Hälfte wurde nichts gesagt, was das Verhalten der Frau irgendwie hätte erklären können. Spannenderweise bewerteten beide Gruppen hinterher die Frau als von Natur aus unfreundlich, obwohl die eine Hälfte der Studenten ja gewusst hatte, dass sie dieses Verhalten nur spielte. Es stellt sich heraus, dass wir alle das genau Gleiche tun und es fast unmöglich ist, das zu vermeiden. Vielleicht kennen Sie Ihre beste Freundin gut genug, um sagen zu können, dass ihre unfreundlichen Bemerkungen einer Verkäuferin gegenüber mit dem schrecklichen Tag zu erklären sind, den sie gerade hinter sich hat, aber wenn Sie das Gleiche bei einer fremden Person sehen, neigen Sie zu der Annahme, dass es sich hier um einen unfreundlichen Menschen handelt. Leider können Hunde uns nicht sagen, dass sie heute einen schlechten Tag hatten oder dass ihnen die Hüftgelenke schmerzen – und nur zu oft unterstellen wir ihnen das Schlechteste.

Natürlich neigen manche Hundebesitzer auch zum anderen Extrem. Erst gestern sprach ich mit einer guten Freundin, die mir gegenüber ihre Überzeugung ausdrückte, Hunde seien die Verkörperung der absoluten Liebe. Ich bin mit ihr einer Meinung, dass Hunde uns eine reine und unkomplizierte Form der Liebe schenken können, aber ich glaube nicht, dass Hunde jeden Augenblick des Tages nichts anderes als Liebe kanalisieren. Die Vorstellung, alles, was ein Hund tue, sei von Liebe und Mitgefühl motiviert, ist genauso falsch wie das entgegengesetzte Extrem. Ich hatte einmal eine Kundin, die mir erklärte, die Narben auf ihren Armen seien »Liebesbisse« ihres fünfunddreißig Kilo schweren Labradors. Nachdem ich gesehen hatte, wie dieser Hund die Individualdistanz seiner Besitzerin missachtete, ihr vor die Füße lief, wenn sie durchs Zimmer ging, sich förmlich in ihr Gesicht warf und wiederholt in ihren Arm biss, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, war meine Interpretation der Dinge eine etwas andere.

Wie dem auch sei, das Beste für unsere Hunde ist, einen gesunden Mittelweg dazwischen zu finden, ihnen alle »menschlichen« Eigenschaften abzusprechen oder alle unsere schönsten Traumvorstellungen und schlimmsten Ängste auf sie zu projizieren. Mir kommt es so vor, als ob die Frage, welche geistigen Eigenschaften wir mit Hunden gemeinsam haben, ein typischer Fall von »Ist das Glas halb voll oder halb leer?« sei. Natürlich unterscheidet sich unsere subjektive Erfahrung der Welt grundlegend von der unserer Hunde, aber wir haben so viel mit ihnen gemeinsam, dass es unwissenschaftlich wäre, das zu ignorieren. Das Glas mag zwar halb leer sein, aber es ist ein großes Glas und es ist so viel Flüssigkeit darin, dass man sie nicht übersehen kann.

Eine ständig wachsende Zahl an Wissenschaftlern betrachtet das Glas als halb voll und vertritt die Meinung, dass Anthropomorphismus nicht immer etwas Schlechtes ist. Wovon sonst, so argumentieren sie, sollten wir ausgehen, wenn nicht von unseren eigenen Erfahrungen? Wenn Tiere ähnlich organisierte Gehirne haben wie wir, eine ähnliche Physiologie und ähnliches Verhalten, dann ist es natürlich vernünftig, zu mutmaßen, dass sie bis zu einem gewissen Grad auch ähnliches erfahren und erleben wie wir. Was wir brauchen, ist eine ausgewogene Sicht der Dinge, in der wir es vermeiden, Tiere als sprachlose, bepelzte Versionen von Menschen zu betrachten, sondern alles dafür tun, zu verstehen, wie unser eigenes Erleben sich mit dem von Tieren vergleichen lässt. Noch vor nicht allzu langer Zeit widersprach dem ein Wissenschaftler namens Jacques Vauclair und sagte: »Zum Glück ist es nicht das Hauptziel der wissenschaftlichen Forschung in Bezug auf den Verstand von Tieren, herauszufinden, wie es ist, eine bestimmte Tierart zu sein, sondern vielmehr, zu erklären, wie geistige Zustände beobachtbares Verhalten verursachen.« Als aber die Teilnehmer der jährlichen Konferenz der »Animal Behavior Society« gefragt wurden, warum sie damals mit dem Studium von Tierverhalten begonnen hätten, antworteten sie, ihre Hauptmotivation sei es gewesen, die Welt durch die Augen von Tieren sehen zu können. Genau dieser Wunsch hat Tausende Wissenschaftler dazu inspiriert, für wenig Geld außergewöhnlich hart zu arbeiten, und zwar meistens in Schlamm, Regen oder tropischer Hitze – nur, um ihr Wissen um das Universum zu erweitern. Entsprechend sollten auch wir Hundefreunde uns nicht dafür entschuldigen, dass wir wissen möchten, wie es wäre, ein Hund zu sein. Sich vorzustellen zu wollen, wie das Leben aus der Perspektive eines anderen Tieres aussehen könnte, ist möglicherweise eine Fähigkeit, zu der tatsächlich nur Menschen in der Lage sind – warum sollten wir uns dafür schämen? Natürlich werden wir niemals bis in Letzte hinein erfahren, wie es ist, ein Hund, ein Warzenschwein oder ein Grashüpfer zu sein. Wir werden auch niemals wirklich wissen, wie es ist, ein anderer Mensch zu sein – aber das sollte uns nicht davon abhalten, es weiterhin zu versuchen.

Niemand wird bezweifeln, dass Tammy Ogles Hunde ihre Besitzerin vor dem knappen Tod bewahrt hatten. Die Geschichte war so überwältigend, dass die Tierärztevereinigung von Wisconsin die Hunde in ihre »Hero Hall of Fame 2004« aufnahm. Meine eigene Interpretation der Geschehnisse ist, dass Double, Lily und Golly sich sehr wohl bewusst waren, dass ihre Besitzerin schwer verletzt war und in gewisser Weise auch wussten, dass sie Hilfe brauchte. Ohne übermäßig romantisch zu sein, erscheint mir diese Erklärung schlicht die einfachste. Wissenschaft kann zwar sehr kompliziert werden, aber alle angehenden Wissenschaftler lernen, dass immer dann, wenn man keinen sicheren Beweis hat, die einfachste Erklärung die beste ist. Es erscheint wesentlich komplizierter, wenn nicht sogar weit hergeholt, sich eine Welt vorzustellen, in der Ogles Hunde reflexartig auf äußere Ereignisse reagierten und keine Vorstellung von ihren Verletzungen hatten. Als hoch soziale Tiere sind Hunde eine der wenigen Spezies, deren Individuen ihr Leben aufs Spiel setzen, um ein Rudelmitglied zu retten.9Sie sind Beutegreifer, die gemeinschaftlich jagen, deshalb ist Zusammenarbeit Teil ihres biologischen Aufbaus. Sie haben sich zu Problem- lösern, Teamspielern und besorgten, liebevollen Eltern entwickelt, die sich um bedürftige Rudelmitglieder kümmern. Es ist deshalb keine dumme Romantik, anzunehmen,: dass Tammys Hunde ihrer Besitzerin helfen wollten. Es ist gute, pure Biologie.

Dumm wäre allerdings die Vorstellung, Tammys Hunde hätten eine eingehende Analyse des Problems betrieben und ihre Gehirne hätten genauso funktioniert, wie unsere das in dieser Situation getan hätten. Meine eigene Meinung ist, dass die beiden zu Beginn dieses Kapitels vorgestellten Erklärungen etwas für sich haben, vermute allerdings, dass die Wahrheit eher näher an der ersten Erklärungsmöglichkeit als an der letzten zu suchen ist. Dass mir die Version von der selbstlosen Nächstenliebe gefühlsmäßig besser gefällt, heißt noch nicht, dass sie falsch sein muss. Die Tatsache, dass die Geschichte von Tammy und ihren Hunden in uns warme Gefühle auslöst und unsere Herzen dahinschmelzen lässt, bedeutet keinesfalls, dass unsere Deutung gegen die Regeln der Wissenschaft verstößt. Nur, weil eine Erklärung sich für uns gut anfühlt, heißt das nicht, dass sie nicht stimmen kann. Es ist ein dummer Fehlglaube, dass das Gefühl der Feind des Verstandes sei, wie wir noch später im Buch sehen werden. Ich jedenfalls werde auch weiterhin glauben, dass Tammys Hunde wussten, dass ihre Besitzerin Hilfe brauchte – weil das eine vernünftige Erklärung für ihr Verhalten ist und weil ich erlebt habe, wie mein eigener Hund Luke, der Grund für dieses Buch war, sein Leben riskierte, um meins zu schützen.

Ich werde nie erfahren, was genau er dachte, als er damals unaufgefordert über eine hohe Holzwand kletterte, um mich vor einem wild gewordenen, gehörnten Schaf zu retten, das mir offenbar nach dem Leben trachtete. Aber er hatte lange genug mit Schafen zu tun, um zu wissen, dass er selbst schwere Verletzungen riskierte. Ich weiß, dass er aus eigener Initiative über diese Abzäunung sprang, ohne, dass ich ein Wort gesagt hatte. Er hat dies nie vorher und nie nachher jemals wieder getan. Er attackierte das Schaf gerade lange genug, dass ich mich aus dem Gatter in Sicherheit bringen konnte und schoss dann gleich hinter mir heraus. Und ich weiß, dass wir zwei Freunde waren, als wir dann beide nach Luft schnappend, blutend, erschöpft und aufgeregt nach dem überstandenen Abenteuer auf dem Scheunenboden lagen. Wir mögen zwar Angehörige verschiedener Spezies sein, aber was wir miteinander teilen – was Tammy und ihre Hunde teilen und was so viele von uns mit ihren Hunden teilen – ist sicherlich größer als das, was uns voneinander unterscheidet.

DIE KONTROVERSE ÜBER GEFÜHLE BEI TIEREN

Wir teilen zwar vieles mit Hunden, einschließlich ähnlicher Gehirnstrukturen, ähnlicher chemischer Veränderungen und Aktivierungen im Gehirn und Ähnlichkeiten in der Gesichtsmimik, aber das reicht noch nicht aus, um die Neinsager zum Schweigen zu bringen, die immer noch behaupten, Tiere wie Hunde könnten keine Gefühle haben. Noch 1989 schrieb ein Philosoph namens Peter Carruthers, dass Tiere, solange sie nicht den gleichen Verstand besäßen wie wir (und damit nicht in der Lage seien, »über das Denken nachzudenken«), zwar vielleicht so aussähen, als hätten sie so etwas wie Gefühle, diese aber nicht spüren könnten. Diese Perspektive ist nicht neu. Im 17. Jahrhundert argumentierte der Philosoph René Descartes, dass Tiere nicht nur unfähig zu Gedanken und Gefühlen seien, sondern auch, dass sie noch nicht einmal Schmerz empfinden könnten. Er illustrierte dieses Prinzip, indem er lebende Hunde an Scheunenwände nagelte und sie ausweidete. Während die Hunde schrien und strampelten, erklärte er der zuschauenden Menge, dies seien nur automatische Bewegungen des Körpers und dass der Hund sie so wenig fühle wie eine Uhr die Bewegung ihrer Zeiger fühlt.

So schrecklich diese Praxis auch war, so hatte Descartes doch zumindest die Entschuldigung der Unwissenheit über die Biologie der Gefühle und Empfindungen. Diese Entschuldigung steht heute nicht mehr zur Verfügung – aber trotz des aktuellen Wissensstandes über die Anatomie und Physiologie von Gefühlen weigert sich eine Hand voll gebildeter Menschen nach wie vor, anzuerkennen, dass Tiere die Welt um sie herum auf ähnliche Art und Weise erleben könnten wie wir. Der eben erwähnte Philosoph Carruthers argumentierte weiter, dass jede Besorgnis über die »Schmerzen von Vieh« (Vieh?) unethisch sei. Er sagt, dass Tiere gar nichts fühlen könnten, egal, wie sie sich verhielten, und dass das Nachdenken darüber unethisch sei, weil es Zeit und Geld verschwendet, die man besser einsetzen würde, um Menschen zu helfen. Kein Mann, den ich auf meine Farm einladen würde, damit er meine Hunde kennen lernt.

Andere argumentieren, dass Tiere wie Hunde zwar möglicherweise denken und fühlen, dass aber ihr geistiges Leben für uns unzugänglich sei und dass es deshalb sinnlos sei, herausfinden zu wollen, was in ihrem Kopf vorgeht. Wenn, so führen diese Menschen aus, wir schon niemals wirklich wissen werden, was in unserem eigenen Verstand vorgeht, geschweige denn in dem von Hunden, dann können unsere in diese Richtung gehenden Versuche niemals mehr sein als reine Spekulation. Und weil gute Wissenschaftler nicht spekulieren, sollte man ihrer Meinung nach diese Fragestellung gleich komplett ausklammern und stattdessen weiterhin harte, solide Fakten sammeln.

Diese Betrachtung der Dinge wurde während des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts sehr durch die einflussreichen amerikanischen Behavioristen John B. Watson und B. F. Skinner gefördert. Sowohl Watson als auch Skinner vermieden strikt Spekulationen über so ungeordnete und schlecht greifbare Aspekte des Verhaltens wie Gefühle, Gedanken und Bewusstsein. Skinner argumentierte, dass man niemals wissen könne, was im Kopf eines Individuums vorginge (egal ob Tier oder Mensch) und wir uns deshalb ausschließlich auf beobachtbares Verhalten konzentrieren müssten. Skinner behauptete nicht, wie einige das tun, dass es so etwas wie Bewusstsein bei Tieren oder Menschen nicht gäbe. Sein Argument war: Weil wir nicht wissen können, was ein Individuum wirklich denkt oder fühlt, sollten wir auch vermeiden, es herausfinden zu wollen. Noch wenige Tage vor seinem Tod im Jahr 1990 sprach Skinner sich gegen jede wissenschaftliche Betrachtung von »Gedanken, Wahrnehmungen und Erwartungen« aus. Dabei müssen wir ihm zugute halten, dass er nicht nur über Ihren Hund oder Ihre Katze sprach, sondern die gleiche Ansicht auch zum Studium menschlicher Gefühle vertrat. Je mehr aber diese Sichtweise sich in Wissenschaft und Gesellschaft durchsetzte, desto mehr Menschen argumentierten, dass wir das Geistesleben von Tieren nicht nur nicht verstehen könnten, sondern dass sie schlichtweg gar kein solches hätten.

Insbesondere in den Vereinigten Staaten wuchs die Unterscheidung zwischen »Mensch« und »Tier« im zwanzigsten Jahrhundert weiter, sodass man jede Erfahrung, die über einfaches Lernen hinausging, als ausschließlich menschlich bezeichnete.10 Diese Sichtweise durchdrang einige Bereiche der Wissenschaft und auch der Gesellschaft insgesamt. So wurden die frühen Arbeiten der Primatologin Jane Goodall rundweg kritisiert, weil sie im Zusammenhang mit Schimpansen den Begriff »Persönlichkeit« gebraucht hatte: Einem Tier menschliche (gemeint war: ausschließlich menschliche) Eigenschaften zuzuschreiben, wurde als schlampige wissenschaftliche Arbeit betrachtet. David Bodian, einer der Forscher, der für die Entdeckung des Impfstoffes gegen Kinderlähmung verantwortlich ist, wurde 1952 auf einer Wissenschaftskonferenz dafür kritisiert, dass er von einem seiner Versuchsschimpansen mit dem Wort »er« anstatt »es« sprach. Sein Kritiker argumentierte, dass er mit dem Gebrauch von »er« den Schimpansen »dem Menschen gleichstelle«. Ich selbst schickte meinen ersten wissenschaftlichen Aufsatz unter großem Zittern und voller Befürchtungen an die Fachzeitschrift Animal Behavior, weil ich den Versuchsobjekten (Welpen) absichtlich Namen anstatt Nummern gegeben hatte. Zu dieser Zeit war dies eine ziemlich radikale Sache – man glaubte, wenn man Versuchstieren Namen gäbe, würde dies zu der unwissenschaftlichen Annahme führen, dass sie genauso Hoffnungen oder Angst empfinden könnten wie ein Mensch mit Namen.11

Ausgehend von den Prinzipien der Lerntheorie riet man damals Eltern, die Grundgesetze des Lernens an ihren Kindern anzuwenden, indem sie gutes Betragen bestärken, schlechtes bestrafen oder ignorieren sollten und sich abgewöhnen sollten, den Kindern gegenüber wahllos und ohne Grund Zuneigung zu zeigen. Hundebesitzer wurden lächerlich gemacht, weil sie ihren Hunden »ausschließlich menschliche Fähigkeiten« wie Gefühle, Erwartungen und, am schlimmsten von allem, Denken zuschrieben. Die Warnungen vieler dieser Wissenschaftler klingen heute noch in unseren Ohren nach. Die meisten Wissenschaftler, Biologen und Beschäftigten im Gesundheitswesen wurden sorgsam dazu ausgebildet, Tieren nur ja keine menschlichen Gedanken oder Gefühle zuzuschreiben. Kürzlich sagte ein Kinder- Neurochirurg im beliebten Sonntagsmagazin Parade: »Tiere sind die Opfer von Umständen. Sie können nur auf ihre Umwelt reagieren. Menschen aber können dank ihres Frontallappens im Gehirn planen, strategisch vorgehen und Kontrolle über ihre Umwelt ausüben. Wir müssen keine Opfer sein, die einfach nur reagieren.« (von mir in Kursivschrift gesetzt)

Selbst Tierärzte können sich für beide Seiten der Münze aussprechen – Hunde als denkende, fühlende Individuen oder als plan- und geistlose Maschinen. Als ich gerade an diesem Abschnitt des Buches arbeitete, stellte man einem Tierarzt in einer Fernsehshow die Frage: »Können wir herausfinden, welche Gefühle unsere Tiere gerade haben, wenn wir uns ihre Körperhaltungen ansehen?« »Na ja,« meinte der Tierarzt, »Gefühl ist ein menschlicher Begriff,« und fuhr fort, dass er ihn in Bezug auf Hunde gerne vermeiden würde. In Anbetracht der primitiven Beschaffenheit von Angst und Wut war ich doch mehr als nur ein wenig über diese Aussage erstaunt. Ich erinnerte mich an Darwins Buch Der Ausdruck der Gefühle bei Mensch und Tier, in dem er Parallelen zwischen dem Ausdruck von Menschen und dem von Tieren zieht und dass dieses Buch von Wissenschaftlern immer noch als Klassiker betrachtet wird, auch, wenn dieses Thema kontrovers sein mag.

Darwins Arbeiten sind eine gute Erinnerung daran, dass die Kontroverse über Gefühle bei Tieren nicht so aussieht, dass alle Tierfreunde auf der einen Seite in einer Reihe stehen und alle Wissenschaftler gegenüber auf der anderen. Das wäre weit von der Wahrheit entfernt, denn unter den Wissenschaftlern gibt es genauso viel Kontroverse über den Verstand von Tieren wie in der allgemeinen Öffentlichkeit. Wenn Sie nur einige der in den letzten zwanzig Jahren von Wissenschaftlern geschriebenen Büchern über Verstand und Denken von Tieren anschauen, können Sie sehen, wie hitzig die Debatte geworden ist. (In den Literaturangaben zu den Kapiteln 1 und 9 finden Sie eine Liste wirklich guter Bücher zu diesem Thema.) Im Jahr 1984 veröffentlichte ein Wissenschaftler namens Donald Griffin, der für seine exakten Forschungen über die Navigationsfähigkeiten von Fledermäusen bekannt wurde, ein Buch mit dem Titel Animal Thinking (in deutscher Sprache erschienen unter dem Titel Wie Tiere denken, Anm. d. Übers.), in dem es um das Geistesleben von Tieren ging. Es löste eine derart hitzige Kontroverse in der Welt der Wissenschaft aus, dass man es seitdem auch »Die satanischen Verse der Tierverhaltenskunde« nennt.

Donald Griffin wurde von einigen dafür kritisiert, dass er sich »mit Laien, liebevollen Haustierbesitzern und neugierigen Jägern« verbündet habe – nur, weil er gesagt hatte, dass das Denken der Tiere ein wichtiger Gegenstand für die wissenschaftliche Untersuchung sei. Einen Wissenschaftler mit einem »liebevollen Haustierbesitzer« zu vergleichen, ist in manchen Kreisen ein scharfer Tadel. Glücklicherweise nehmen Wissenschaftler wie Griffin solche Kritik gelassen auf. Er warf den Ball zurück, indem er seine Kritiker »mechanomorph« nannte und ihnen vorwarf, mit ihrer verengten Sichtweise Tiere zu nur weniger mehr als Automaten zu machen. Eine neuere Diskussion der Kontroverse findet sich in Affective Neuroscience, wo Jaak Panksepp argumentiert, dass die Grundlage menschlicher Gefühle in unserem evolutionären Erbe liegt und denjenigen Kritikern widerspricht, die meinen, Tiere könnten zwar Gefühle »haben«, sie aber nicht »fühlen«.12

Und so wütet die Debatte weiter. Manche glauben nicht nur, dass Tiere wie Hunde denken und fühlen können, sondern auch, dass es uns möglich ist, sie zu fragen, worüber sie denken und was sie fühlen.13 Andere finden es unwissenschaftlich und unzulässig, irgendeine Art von mit Gedanken und Gefühlen angefülltem »Verstand« bei einem Hund anzunehmen. Aber nicht nur Wissenschaftler und Tierärzte machen sich Gedanken darüber, was zwischen den Ohren Ihres besten Freundes vorgeht. In meinem Seminar »Mensch-Tier-Beziehungen« an der Universität Wisconsin-Madison erzählte mir einmal ein Student, sein Philosophieprofessor habe gesagt, dass Tiere nicht nur nicht denken und fühlen könnten, sondern dass sie auch nichts lernen könnten. Für ihn war das Verhalten aller Tiere, von der Hummel bis zum schwarzen Labrador, nichts weiter als eine Reihe geistloser, mechanischer Reaktionen auf die Umwelt. Wenn man bedenkt, dass so gut wie alle der frühen Studien zum Thema Lernverhalten an Tieren durchgeführt wurden, ist dies ein erstaunlich ignoranter Standpunkt.

Ignoranz dessen, was in den Köpfen von Tieren vorgeht, kommt allerdings überall vor: So gut wie jeder hat eine feste Meinung zum Geistesleben von Tieren, unabhängig von seinem Wissensstand zu diesem Thema. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich großes Mitleid mit einem Hund, der eine offensichtlich schmerzhafte medizinische Behandlung ohne Anästhesie über sich ergehen lassen musste. »Och, der kann gar nichts spüren,« sagte sein Besitzer. »Es ist nur ein Hund.« Das andere Ende des Spektrums ist ebenso einfach zu finden und ebenso erstaunlich. Ich hatte einmal eine Kundin, die mir geradeheraus erklärte, ihr Hund würde deshalb so zwanghaft mit den Pfoten um seinen Fressnapf herum kratzen und scharren, weil er wüsste, wann ihre Mutter zu Besuch käme. Die Mutter war eine sehr gewissenhafte Hausfrau und die Kundin dachte, der Hund wolle ihr saubermachen helfen, bevor sie eintraf. Ich erinnere mich an keine weiteren Einzelheiten der Erklärung, weil ich sehr damit beschäftigt war, meinem Gesicht keine Regung anmerken zu lassen. In Wie Hunde denken und fühlen erzählt Stanley Coren eine zum lauthals Lachen anregende Geschichte. Ein Rechtsanwalt rief ihn an und bat ihn, den Akita zu interviewen, der in den Mordfall O. J. Simpson mit verwickelt gewesen war und zitiert, was er wörtlich sagte: »Können Sie nicht einfach herkommen und den Hund befragen?«

Die gleiche schwindelerregende Bandbreite an verschiedenen Meinungen können Sie auch in Ihrem eigenen Leben finden. Beginnen Sie einfach damit, sich genau auf das zu konzentrieren, was Sie hören und lesen. Sie werden feststellen, dass es kaum oder keine Bereiche in Wissenschaft oder Volksglauben gibt, in denen solch eine Bandbreite unterschiedlicher Meinungen zu finden ist. Es ist so, als ob einige Menschen, von Wissenschaftlern bis hin zu Hundebesitzern, glauben würden, die Erde sei eine Scheibe und alles Leben würde an deren Rand enden, während andere daran forschen würden, wie und warum sich das Universum ins Unendliche ausdehnt. Ich frage mich, ob diese extrem ausgeprägte Meinungsvielfalt bedeutet, dass wir über etwas sprechen, das für uns sehr wichtig ist, über das wir aber wenig wissen. Es erinnert mich an die bitteren Debatten des 19. Jahrhunderts, als Darwin vorbrachte, Tiere seien durch den Prozess natürlicher Selektion entstanden und der Mensch habe gemeinsame Vorfahren mit den Affen. Die Vorstellung, zwischen Tier und Mensch könne irgendeine Form von Kontinuität bestehen, erschreckte die Menschen so tief in ihrem Glauben von der Einzigartigkeit des Menschen, dass Streitgespräche zu diesem Thema häufig und hitzig geführt wurden (wie das auch heute noch der Fall sein kann). Eine meiner Lieblingsbemerkungen aus Darwins Zeit stammt von der Frau des Bischofs von Worcester, die gesagt hatte: »Von Affen abstammend! Du meine Güte, lass uns hoffen, dass das nicht stimmt. Aber falls es stimmt, lass uns hoffen, dass es nicht allzu bekannt wird.«

Vielleicht sind ihre Befürchtungen auch heute noch von Bedeutung. Vielleicht ist es Furcht, die einige der Kritiker antreibt – denn je mehr wir über die mentalen Vorgänge von Tieren wie unseren Hunden herausfinden, desto mehr müssen wir unser Verhältnis zu ihnen in Frage stellen. Arien Mack schreibt in Humans and Other Animals, dass »die Schilderung von Mensch-Tier-Beziehungen in allen Kulturen vorkommt und dass die Ziehung dieser Grenze in allen Kulturen eine Frage von großer Wichtigkeit ist.« Neu definieren zu müssen, wer wir in Bezug zu dem neben unseren Füßen liegenden Hund oder zu dem Pferd im Stall nebenan sind, kann eine Angst machende Aussicht sein. Kein Wunder dass sie so viel Streit verursacht.

WIE SIE ZUR JANE GOODALL IHRES WOHNZIMMERS WERDEN

Eine Sache gibt es, die unter Hundefreunden nicht umstritten ist: Wir möchten schlicht und einfach wissen, was im Kopf unserer Hunde vorgeht. Wir erwarten gar nicht, dass sie das Gleiche über die Welt denken und fühlen wie wir. Eher möchten wir wissen, wie viele Erfahrungen wir mit unseren Lukes, Gingers und Goldies gemeinsam haben. Also stellen wir alle Mutmaßungen über die Gedanken und Gefühle unserer Hunde an. Das ist unvermeidlich.

Unsere Mutmaßungen fußen auf verschiedenen Faktoren. Manche davon sind gut und objektiv, wie zum Beispiel eine sorgfältige Beschreibung der Mimik unseres Hundes, seiner Körperhaltung und seines Verhaltens. Andere Faktoren können von unseren eigenen Erfahrungen und Erwartungen eingefärbt sein und zu Fehlannahmen darüber verleiten, was im Verstand unserer Hunde vorgeht. Solche Fehler verschaffen dem Thema »Denken bei Tieren« neue Kritiker – Überzeugungen wie die, dass Pferde Mathematik beherrschen könnten oder dass der Hund vor dem Besuch der Mutter aufräumen helfen würde, haben nicht gerade dazu beigetragen, Skeptiker davon zu überzeugen, dass man das Thema objektiv betrachten könne.14

Es stimmt, dass wir alle bis zu einem gewissen Maß unsere eigenen Gefühle in unsere Hunde hinein projizieren. Das ist die schlechte Seite unserer bemerkenswerten Fähigkeit zum Mitfühlen und kann zu endlos vielen Problemen führen, wie wir im Verlauf des Buches noch sehen werden. Das entgegengesetzte Problem – die Nichtbeachtung dessen, was Hunde ausdrücken – ist aber ebenfalls nur zu verbreitet, selbst unter Menschen, die ihre Hunde wirklich sehr lieben. Auch wenn man schon viele Jahre als Hundetrainer arbeitet, ist es immer wieder erstaunlich zu sehen, wie Menschen, die ganz verschossen in ihre Hunde sind, ganz offensichtliche Signale in deren Gesicht entgehen. In jeder einzelnen Stunde werden Sie jemand sehen, der seinen Hund enthusiastisch »lobt«, während der Hund vor Angst oder Abscheu regelrecht zusammenschrumpft. In gewissem Maße passiert das aus Unkenntnis dessen, was der jeweilige Körper- und Gesichtsausdruck beim Hund bedeutet. Manchmal liegt es aber auch daran, dass wir einfach zu wenig darauf achten, was der Hund uns mitzuteilen versucht – genauso, wie wir manchmal zu wenig auf das Gesicht unserer menschlichen Freunde achten, wenn wir zu sehr mit unseren eigenen Gedanken beschäftigt sind. Exakte, objektive Beobachtung ist eine Fertigkeit, die man üben muss, aber sie beginnt damit, dass Sie Ihren Verstand bitten, sich darauf zu konzentrieren, was Sie sehen – und nicht darauf, was das Ihrer Meinung nach bedeuten könnte. Wenn Sie nur ein wenig Zeit und Energie darauf verwenden, Ihr Gehirn daran zu erinnern, doch bitte exakte und objektive Beobachtungen zu machen, kann das die Beziehung zu Ihrem Hund radikal verbessern. Der folgende Abschnitt möchte Sie ermutigen, Ihr eigener Feldbiologe zu werden und zu üben, wie Sie durchdachte, detaillierte Beschreibungen des Verhaltens Ihres Hundes anfertigen. Je besser Sie darin werden, desto besser werden Sie auch Probleme vermeiden können, die damit zu tun haben, Hunden Gefühle zuzuschreiben. Und außerdem werden Sie jener Art von Beziehung zu Ihrem Hund näher kommen, die wir uns alle wünschen.

Sie werden in guter Gesellschaft sein. Alle Studenten des Tierverhaltens, egal ob sie sich auf das Lernverhalten spezialisieren oder auf die Einflüsse von Genetik und Umwelt auf das Verhalten, werden streng dazu ausgebildet, in der Beobachtung von Verhalten genau zu sein. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Es braucht Konzentration und Übung, um die Aktionen eines Tieres genau zu beobachten, aber noch viel schwieriger ist es, die nötige Disziplin zu entwickeln, um ein Verhalten objektiv zu beschreiben anstatt eine Annahme darüber wiederzugeben, was das Tier dabei denken oder fühlen könnte. Als Beispiel hier ein sehr häufiges Szenario: »Was tut denn Ihr Hund Murphy genau, das Ihnen Probleme bereitet?«, könnte ich zum Beispiel einen Kunden fragen. »Na ja,« sagt der Kunde, »er wird wahnsinnig, wenn Besuch kommt.« »Was genau tut er, wenn Sie sagen er wird wahnsinnig?« Ich frage nach und versuche mir ein Bild davon zu machen, was der Hund eigentlich wirklich tut. »Na ja, er verliert einfach völlig den Verstand, wissen Sie, er gerät total außer Kontrolle.« »Könnten Sie mir bitte genau sagen, wie Murphy sich verhält, wenn Besuch kommt und er so aussieht als wäre er außer Kontrolle?« frage ich. »Ich sage Ihnen doch, er wird einfach verrückt …«

Dieses Gespräch könnte endlos fortgesetzt werden und ich hätte noch immer keine Ahnung davon, was genau der Hund eigentlich tut. »Wahnsinnig werden« sagt mir nichts über seine Handlungen – »wahnsinnig werden« könnte bedeuten, dass er sich zitternd in eine Ecke drückt, oder ebenso gut, dass er dem Besuch auf die Schulter zu springen versucht, oder vielleicht, dass er mit hervorquellenden Augen in die nächstbeste fassbare Wade zu beißen versucht. Ich habe mir deshalb angewöhnt, meinen Kunden zu sagen: »Stellen Sie sich vor, dass Sie ein Video anschauen und beschreiben Sie mir genau, was Sie sehen, wenn Ihr Hund Gäste begrüßt.« Das hilft ein wenig, wenn auch der beste Weg in diesem Fall wäre, selbst einmal den Besucher für diesen Hund zu spielen. Deshalb betonen viele meiner Berufskollegen immer wieder, dass Haustermine vor Ort die effektivste Möglichkeit ist, Hunden mit problematischem Verhalten gegenüber Gästen zu helfen. Trotzdem sind wir alle bis zu einem gewissen Maß auf die Beschreibungen des Besitzers angewiesen, und je genauer diese Beschreibung ist, desto besser.

Wir lassen uns sehr leicht von der Neigung überwältigen, Vermutungen über die Gedanken und Gefühle des Hundes anzustellen, anstatt einfach nur sein Verhalten zu beschreiben. Das gilt offenbar universell für alle von uns, Sie müssen sich also nicht schuldig fühlen, wenn Sie sich selbst dabei ertappen. Eigentlich ist das im Grunde ja eine interessante Fähigkeit, die uns oft nützt. Dass wir zum Mitfühlen fähig sind oder dazu, uns selbst an die Stelle eines anderen zu versetzen und uns vorzustellen, was in dessen Kopf vorgehen könnte, ist eine sehr praktische Eigenschaft. Sie können diese Information dazu verwenden, das zukünftige Verhalten eines Individuums vorauszusehen und dann entscheiden, wie Sie selbst sich verhalten werden. Nehmen wir einmal an, Ihr Hund verhält sich genau so, wie Sie sich verhalten würden, wenn Sie Angst vor Besuchern hätten. Mit Ihrer Fähigkeit, sich seine Gefühle vorstellen zu können, positionieren Sie ihn gedanklich vielleicht in seine Box anstatt einen Hund vor Ihrem inneren Auge zu sehen, der sich gegen eine erzwungene Interaktion wehrt. Anschließend können Sie Ihre Annahme bezüglich seiner Gefühle an der Haustür dazu verwenden, ihm dabei zu helfen, sich bei der Ankunft von Gästen wohler zu fühlen. Wir nehmen diese Fähigkeit zum Hineinversetzen als etwas Selbstverständliches an und setzen sie ständig ein, dabei ist sie eine fortgeschrittene geistige Leistung – so fortgeschritten, dass wir nicht einmal wissen, in welchem Maß andere Lebewesen sie auch haben.

So hilfreich dieses Mitfühlen auch ist, so kann es doch auch der Weg ins Verderben sein. Falsche Annahmen darüber, was im Kopf eines anderen Individuums vorgeht, haben so manche Ehe zerstört und eine große Anzahl von Mensch-Hund-Beziehungen durcheinander gebracht. Ich hatte Kunden, die mir berichteten, ihr Hund sei »ärgerlich«, wenn sie das Haus verließen, dabei drückte er mit sämtlichen visuellen Signalen Angst und Unruhe aus. Manche Hunde, die bei der Ankunft von Besuch »wahnsinnig werden«, handeln so, als hätten sie Angst, während andere, die mit den gleichen Worten beschrieben werden, ganz außer sich vor Freude sind. Weil uns das also so enorme Schwierigkeiten machen kann, könnte man durchaus mit den radikalen Behavioristen sympathisieren, die immer wieder betonen, Vermutungen zum inneren Zustand von Tieren seien zu vermeiden. Gefühls- und Geisteslage eines Tieres zu ignorieren, um keine falschen Annahmen über sie zu machen, ist aber so, als würde man das Kind mit dem Bade ausschütten. Es gibt immer einen Weg, das schmutzige Wasser abzulassen und das Kind trotzdem in der Wanne zu behalten. Eine Möglichkeit dazu ist, zwischen objektiven Beschreibungen von Verhalten und Vermutungen darüber, was im Kopf des Hundes vorgehen könnte, unterscheiden zu lernen.

Der erste Schritt ist leicht – fangen Sie einfach damit an, auf Ihre eigenen Beschreibungen des Verhaltens Ihres Hundes zu achten. Sind es klare Beschreibungen darüber, was genau der Hund tut, oder springen Sie schon zu Schlussfolgerungen über, warum Ihr Hund sich auf diese Weise verhält?

Führen Sie ein geistiges Notizbuch, wie oft Sie das Verhalten Ihres Hundes objektiv beschreiben (»Wenn es an der Tür klingelt, beginnt er im Kreis zu rennen und an der Tür hochzuspringen. Er bellt wiederholt in hoher Tonlage und wedelt so heftig mit dem Schwanz, dass sein ganzer Körper mitwackelt, seine Augen sind irgendwie halb geschlossen und sein Maul ist geöffnet.«) und wie oft Sie beschreiben, was der Hund Ihrer Meinung nach denkt oder fühlt (»Er liebt Besuch! Er wird ganz verrückt, wenn Gäste kommen.«). Missverstehen Sie mich nicht: Ich behaupte nicht, dass wir zwangsweise falsch liegen, wenn wir beschreiben, wie wir uns den Gefühlszustand eines Hundes vorstellen. Ich habe jeden Grund zu der Annahme, dass der oben beschriebene Hund es tatsächlich liebt, wenn Besuch ins Haus kommt. Ich lege Ihnen auch nicht nahe, dass Sie künftig im Alltag nur noch in der Sprache einer Wissenschaftszeitung reden sollen. Wichtig ist nur, dass Sie wissen, was der Unterschied zwischen einer Beschreibung eines Verhaltens und Ihrer Interpretation dazu ist, was es bedeuten könnte.

Und wenn Sie schon dabei sind, könnten Sie das Gleiche vielleicht auch einmal in den Interaktionen mit Ihren Mitmenschen ausprobieren und sich fragen, wie oft Sie gedanklich das Verhalten eines anderes objektiv beschreiben (»Ihre Stimme war flach; ihre Lippen lächelten, aber ihre Augen nicht.«) und wie oft Sie sofort zu Deutungen (»Sie hasst mich.«) oder Beurteilungen (»Sie ist so eine Hexe.«) springen. Ich sage das nicht als Hundetrainerin/Ethologin, die zur Autorin von »Wie-helfe-ich-mir-selbst«-Ratgebern mutieren möchte, sondern deshalb, weil Sie vieles für Ihren Umgang mit Hunden lernen können, indem Sie in all Ihren sozialen Interaktionen aufmerksamer sind. Eine meiner Kundinnen deutete das Verhalten Ihres neuen Hundes andauernd so, dass er sie »testen« wolle. Mit jeder Missetat versuchte dieser Hund angeblich, über sie »Dominanz« zu gewinnen und die Grenzen im Haus zu seinen Gunsten zu verschieben. Aber jedes Mal, wenn ich diesen Hund sah, bog er sich fast in Bretzelform zusammen, weil er versuchte, den Schwanz unten zu halten, den Kopf tiefer als die Schultern und dabei ein unterwürfiges Grinsen zeigte. Gegenüber der Kundin verhielt er sich genauso, woraus ich schloss, dass er deshalb durch die Tür drängelte, auf Betten sprang und die Katzen jagte, weil er es nicht besser wusste. Als ich seine Besitzerin nach und nach besser kennen lernte, fiel mir auf, dass sie das Verhalten aller ihrer menschlichen Freunde genauso deutete. Genau wie sie haben wir alle Filter, durch die wir die Welt interpretieren – passen Sie auf, dass Ihre nicht abfiltern, wer Ihr Hund wirklich ist.

IHR HUND BEOBACHTET SIE

Und was ist mit unseren Hunden? Beobachten sie uns und machen sie ihre eigenen Deutungen? Ihr Hund stellt zwar vielleicht keine komplizierten intellektuellen Analysen jeder einzelnen Ihrer Bewegungen an, aber ich vermute, dass der bekannte Trainer und Autor Brian Kilcommons Recht hat, wenn er sagt, dass Hunde brillant darin sind, den Gefühlszustand ihrer Menschen zu erkennen. Was sonst haben sie schon den ganzen Tag lang zu tun, fragt er, als uns mit Adleraugen zu beobachten und buchstäblich in jeder Minute unseren Puls zu fühlen? »Ist sie glücklich?« fragen sich Ihre Hunde vielleicht. »Sauer? Sollte ich lieber rausgehen?« Es leuchtet ein, dass es für Hunde wichtig und relevant sein muss, eine Vorstellung davon zu haben, was wir, ihre Sozialpartner, denken und fühlen. Das heißt ja nicht, dass Hunde uns zu Füßen liegen und sich fragen, ob wir uns fragen, was sie sich gerade fragen. Aber ganz bestimmt ist es für sie vorteilhaft, wenn sie so viel von unseren Gefühlen verstehen, um einzuschätzen, wie das sich auf die unmittelbare Zukunft auswirken könnte (»Oh je, sie sitzt am Computer und hat gerade dieses tiefe Zischgeräusch gemacht, das immer kommt, bevor sie laut und unangenehm zu schreien beginnt. Am besten stehe ich unauffällig auf und gehe mich ins Wohnzimmer legen.«).

Eine tolle Frage, die Sie sich einmal stellen könnten, ist: Wie würde Ihr Hund Ihr Verhalten beschreiben und wie würde er es deuten? Einer der häufigsten Fehler von Hundebesitzern ist, dass sie annehmen, ihr Hund »wüsste«, was sie denken oder fühlen. Oft beruht das auf wenig mehr als nur einem frommen Wunsch, denn nicht einmal ein anderer Mensch kann das erraten. Gehen Sie doch zum Beispiel zu einer beliebigen Hundeschule und Sie werden früher oder später einen schroffen Typen sehen, der seinen Sheltie dafür knufft und klopft, dass er auf Zuruf gekommen ist. Mit tiefer Stimme sagt er »GUTER HUND!« und klopft auf den Hund wie einem guten alten Kneipenkumpel auf die Schulter, während der Sheltie zittert und sich klein macht, weil er das Ganze als Strafe deutet.

Versuchen Sie einmal, sich ein oder zwei Tage lang in die Haut Ihres Hundes zu versetzen und fragen Sie sich, wie der Ihr Verhalten beschreiben würde, wenn er es aufschreiben könnte. (Dem Himmel sei Dank, dass Hunde das nicht können.) Vermutlich ist Ihr Hund im Beobachten wesentlich besser als Sie – wir Menschen achten so stark auf die gesprochene Sprache, dass es uns oft daran hindert, zu sehen, was um uns herum vorgeht. Eine besonders nützliche (und manchmal für uns schmerzliche) Methode, sich selbst mit den Augen des Hundes zu betrachten, ist es, wenn Sie sich von jemandem dabei filmen lassen, wie Sie mit dem Hund umgehen. Wie die meisten Menschen tun Sie wahrscheinlich Dinge, von denen Sie gar nichts wussten. Ihr Hund kennt Sie, aber da Sie ihn nicht fragen können, sind Sie am besten damit beraten, sich so zu betrachten zu versuchen, wie Ihr Hund das tut. Jeder von uns macht gewohnheitsmäßige Bewegungen oder zeigt gewohnheitsmäßige Gesichtsausdrücke, die unsere Freunde eher bemerken als wir selbst. Das ist nicht weiter erstaunlich – schließlich haben wir nicht einen Spiegel vor uns installiert, in den wir den ganzen Tag hineinschauen. Wir sehen uns selbst von innen heraus, aber unsere Freunde und unsere Hunde haben eine ganz andere Perspektive. Sie (und Ihr Hund) können auch davon profitieren, andere Menschen im Umgang mit ihren Hunden zu beobachten und zu versuchen, deren Aktionen mit den Augen der Hunde zu betrachten. Wenn wir uns bemühen, uns selbst einmal mit den Augen unseres Hundes zu sehen, bringt dies mehr, als nur Licht auf das Verhalten unserer eigenen Spezies zu werfen. Es kann uns auch vieles über das Verhalten unserer Hunde lehren, weil vieles davon als Reaktion auf uns geschieht.

2 Ich stelle mir gerade Tulip vor, wie sie auf der Couch liegend rieben einer Reihe von Überwachungskamera-Bildschirmen aus dem Fenster schaut und in ihr Headset spricht: »Kojote am Westtor, Kojote am Westtor.«

3 Luke ist nicht mehr da, er starb an Nierenversagen, aber ich liebe ihn immer noch genauso wie zu seinen Lebzeiten und bringe es noch nicht über mich, »liebte« in der Vergangenheitsform zu sagen.

4 Es war gar nicht meine Absicht, das Wort »sich grämen« in einen Satz über Geflihle einzubauen. Aber das ist mal wieder eine schöne Erinnerung daran, welch zentrale Rolle Geflihle in unserer Existenz spielen.

5 Sie können allerdings bekannte Gesichter wiedererkennen, weil für die Gesichtserkennung ein anderer Gehirnbereich zuständig ist. Nur, ob diese Person glücklich, traurig oder wütend ist, können sie ohne vollständig funktionierende Amygdala nicht erkennen.

6 Manche Menschen argumentieren, dass Tiere zwar diese Gefühle hätten, die Wahrnehmung derselben – die tatsächlichen Gefühle, die mit Wut, Traurigkeit oder Freude einhergehen – aber ohne ein Bewusstsein nicht existieren könnten. Wenn Sie gerne in einen intellektuellen Sumpf eintauchen möchten, der so klebrig und zäh ist wie Zuckeirübensimp, dann beteiligen Sie sich an einer Debatte über das Bewusstsein nicht-menschlicher Säugetiere. Wir werden das später in diesem Buch noch tun (denken Sie daran, Sirup schmeckt süß und nicht alles daran ist schlecht), aber für den Moment bleiben wir besser erst einmal dabei, was wir über Geflihle wissen.

7 Damals war ich verheiratet und hatte der Vereinbarung »nicht mehr als zwei Hunde im Haus« zugestimmt. Heute schlafen sogar die Herdenschutzhimde im Haus. Den Hunden und mir gefällt es so besser, auch wenn mein Wohnzimmersofa nie mehr das sein wird, was es mal war.

8 Biritis Pfleger hatten ihr mit einem Stofftier geholfen, ihre mütterlichen Fähigkeiten zu entwickeln, ganz ähnlich wie kleine Kinder das von ihren Eltern mit Puppen lernen.

9 Wölfe flittern ihre Welpen immer, auch, wenn sie selbst zu verhungern drohen. Löwen dagegen fressen zuerst selbst und lassen ihre Kleinen sterben, wenn nicht genug Nahrung vorhanden ist. Ich liebe meine Katze mehr, als ich sagen kann, aber ich würde mich nicht darauf verlassen wollen, dass sie ihr Leben riskiert, um meins zu retten.

10 Im 19. Jahrhundert sahen die Menschen (zumindest in der westlichen Welt) die Tiere wesentlich stärker als denkende, fühlende Wesen. Romantisierende Tierbeschreibungen waren häufig.

11 Mein Aufsatz wurde angenommen, obwohl mindestens einer der Prüfer meine »unwissenschaflliche« Terminologie ankreidete und riet, die Namen in Nummern umzuändern. Der Chefredakteur, Gott segne ihn, stand auf meiner Seite.

12 Wenn Sie einen unterhaltsamen und interessanten Überblick über die verschiedenen von Wissenschaftlern vertretenen Meinungen zu Gefühlen bei Tieren haben möchten, dann lesen Sie das Buch »The Smile ofa Dolphin: Remarkable Accounts of Animal Emotions« (nur in englischer Sprache erschienen – deutsche Übersetzung des Titels: »Das Lächeln eines Delfins. Bemerkenswerte Berichte von Gefühlen bei Tieren«),

13 Ich habe das Wort »wüten« hier bewusst gebraucht. Die Wissenschaft an sich mag objektiv sein, aber indivduelle Wissenschaftler sind es nicht. Wenn sie unterschiedlicher Meinung sind, werden sie mitunter hitzig, persönlich und in seltenen Fällen sogar körperlich gewalttätig. In einem berühmt gewordenen Vorfall aus den 1970er Jahren schüttete jemand auf einer akademischen Konferenz E. O. Wilson einen Eimer Wasser ins Gesicht, weil dieser menschliches und tierisches Verhalten miteinander in Verbindung gebracht hatte.

14 Im 19. Jahrhundert hatte ein Pferd namens Kluger Hans fast ganz Europa glauben machen, es könne addieren, multiplizieren und dividieren, bis ein Wissenschaftler namens Oskar Pfungst herausfand, dass es auf unabsichtlich gegebene visuelle Signale von Menschen reagierte, die das richtige Ergebnis kannten. In den Literaturangaben finden Sie ein Buch zum Thema »Kluger Hans«.

2
DER AUSDRUCK VON GEFÜHLEN
Menschen und Hunde haben gemeinsam, dass sie Gefühle in Gesicht und Körper ausdrücken können – und zwar auf erstaunlich ähnliche Weise

»Zu Besuchern ist er nett, stimmt’s, Buddy? Er ist brav, wirklich.« Buddys Besitzer hatten mich zu sich nach Hause bestellt, weil ich ihnen mit ihrem geliebten Labrador Retriever helfen sollte, der vor einer Woche ihren Nachbarn gebissen hatte. Barbara und Peter konnten das nicht verstehen. Buddy war ein lieber Familienhund, der sich mit den Kindern gut verstand, als Welpe problemlos stubenrein geworden war und in der Hundeschule der Star des Obedience-Kurses war. Sie hätten ihn nicht mehr lieben können, und dies schien auch auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Alle Familienmitglieder konnten ihm jederzeit sein Futter abnehmen, ihm Spielsachen aus dem Maul nehmen oder ihm die Krallen schneiden, ohne, dass er den geringsten Protest äußerte. Für sie sah es so aus, als habe er aus heiterem Himmel gebissen. Sie hatten zwar sehr verantwortungsvoll reagiert, indem sie einen Spezialisten für Hundeverhalten angerufen hatten, waren aber insgeheim davon überzeugt, dass so etwas nie wieder passieren würde.

Es passierte. Buddy mag zwar »brav« zu ihnen gewesen sein, aber als ich das Haus betrat, führten er und ich eine ganz andere, wortlose Unterhaltung. Buddys Part ging ungefähr folgendermaßen: »Ich weiß nicht, wer du bist, und das macht mich nervös. Nach allem, was ich weiß, könntest du eine Gefahr sein. Wenn du da bleibst und dich nicht bewegst, bleibe ich hier, aber wenn du eine schnelle Bewegung machst oder deine Hand nach mir ausstreckst, bin ich gezwungen, mich zu schützen. Ich fühle mich unwohl, ich bin auf der Hut und ich bin absolut dazu bereit, dich zu beißen.«

Natürlich sind all das nur Worte, die ich aneinandergereiht habe, um meine Interpretation von Buddys Gefühfszustand zu beschreiben – und sein mögliches Verhalten, wenn ich versuchen würde, ihn zu streicheln. Mag sein, dass ich nicht genau sagen kann, was in seinem Gehirn vorging, aber ich kann auf Grundlage seines Ausdrucks Voraussagen über sein künftiges Verhalten treffen. Anstatt das entspannte, offene Maul eines Hundes zu zeigen, der Besucher liebt, hielt Buddy seine Kiefer fest geschlossen, bis auf den Moment, in dem seine Zunge als Ausdruck seiner Angst einmal kurz hervorschnellte. Sein gesamter Körper war steif und bewegungslos – in scharfem Kontrast zu dem lockeren und flexiblen Körper eines entspannten Hundes. Buddys Augen waren groß und rund anstatt eher leicht zusammengekniffen wie bei einem Hund, der Gesellschaft liebt. Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, starrte Buddy geradewegs in meine Augen – und sein Blick war so kalt wie Eis.

»ICH WERDE DICH BEISSEN. EHRLICH.«

Peter und Barbara dachten, Buddy sei »brav«, weil er mich weder anbellte noch anknurrte, aber dafür stand in großen Leuchtbuchstaben deutlich über seinem Kopf zu lesen: »WENN DU NUR EIN BISSCHEN NÄHER KOMMST, BEISSE ICH.« Gute Hundetrainer und Verhaltensexperten lernen, diese Signale in ihrer subtilsten Form zu lesen. Wenn sie es nicht tun, werden sie gebissen. Und weil diese Erfahrung unangenehm ist, lernen sie schnell. Es mag zwar unterschiedliche Meinungen dazu geben, wie Hunde Gefühle erleben, aber alle sind sich darin einig, dass das Ausdrucksverhalten eines Hundes uns viel darüber sagen kann, was er vermutlich als Nächstes tun wird. Wie Darwin schon vor so langem feststellte, sind viele Ausdrücke des Hundes sehr offensichtlich: Nur wenige Menschen missverstehen die Kombination von tiefem Knurren mit gefletschten Zähnen. Andere Äußerungen aber sind, wie die von Buddy, subtiler. Das allerdings macht sie nicht unwichtiger für die Voraussage, was der Hund als Nächstes tun wird – und je besser man sie sehen und verstehen lernt, desto besser kann man handeln anstatt nur zu reagieren.

Manche Menschen sind wirklich gut darin, die visuellen Signale ihrer Hunde zu lesen. Einige meiner Kunden beobachten so gut, dass sie gefährliche Hunde aus Schwierigkeiten heraushalten können: Sie bemerken, wie ihr Hund sich anspannt, bevor er etwas unternimmt. Andere sind – ich weiß wirklich nicht, wie ich das anders sagen soll – Analphabeten in Sachen Hundesprache. Die Fähigkeit, aus Gesicht und Körperhaltung eines Hundes lesen zu können, scheint nichts damit zu tun haben, wie sehr jemand seinen Hund liebt. Ich hatte Kunden, die ihren Hund geradezu vergötterten, und während sie darüber plauderten, wie fröhlich ihr Lucky stets rund um die Uhr und jeden Tag sei, strich der gleiche Lucky mit angespanntem, ängstlichem Gesicht durch mein Büro.

Nicht nur bei Hundebesitzern gibt es unterschiedlich stark ausgeprägte Fähigkeiten zum Erkennen dessen, was andere ausdrücken. Es überrascht nicht, dass einige von uns besser darin sind als andere, die Gesichtsausdrücke ihrer Mitmenschen zu deuten. Introvertierte Persönlichkeiten können Gesichts- und Körperausdruck anderer besser deuten, während Extrovertierte eher sich selbst ausdrücken. Nach Paul Ekman, der vierzig Jahre lang rund um die ganze Welt Gesichtsausdrücke von Menschen studiert hat, sind Frauen und Männer im Lesen der Mimik anderer gleich gut, aber zwischen den Individuen beider Geschlechter gibt es erhebliche Unterschiede. Hundetrainern ist die ganze Skala bekannt: Von Menschen, die Hunde wie ein offenes Buch lesen können bis hin zu denen, die fast gar nichts zu bemerken scheinen. Dies sollte nicht überraschen, denn auch andere Tiere sind unterschiedlich gut im Erkennen von Mimik. Die Primatologin Barbara Smuts beschreibt einen männlichen Grünen Pavian, den die weiblichen Tiere sehr begünstigten, weil er besonders gut darin war, subtile Anzeichen ihrer gefühlsmäßigen Verfassung zu erkennen.

ÜBUNG MACHT DEN MEISTER

Egal, in welchem Bereich der Skala Sie sich wiederfinden – die gute Nachricht ist, dass Übung einen erheblichen Anteil an der Fähigkeit zum Lesen von Ausdrucksverhalten und Mimik bei Mensch oder Hund hat. Ich werde jedes Mal daran erinnert, wenn ich einen bestimmten Filmausschnitt zeige, in dem ein Junghund über einem gestohlenen Spielzeug kauert. Die Hundetrainer unter den Zuschauern werden aufmerksam, wenn sie sehen, wie das Gesicht des Hundes unbeweglich wird und seine Augen groß werden, weil sie wissen, was als Nächstes kommt. Die übrigen Zuschauer sehen sich den Film nichtsahnend schweigend an und schrecken geschockt auf, wenn der Hund knurrend auf seinen Besitzer losspringt. Der Profi weiß, dass »Einfrieren« zusammen mit gerundeten Augen eine Drohgeste ist, aber weil der Hund weder knurrte noch seine Zähne zeigte, waren die unbedarften Zuschauer von seinem Angriff überrascht.

In Hundeschulen sind jeden Tag abgeschwächtere Versionen dieser Begebenheit zu sehen. Am häufigsten sieht man den Ausdruck von Missfallen im Gesicht von Hunden, während deren nichtsahnende Besitzer etwas tun, das dem Hund ihrer Meinung nach gefällt. Ob sie einem berührungsempfindlichen Hund oben auf den Kopf tätscheln (»Sie mag das total gern,« sagt der Besitzer, während der Hund sein zur Grimasse verzogenes Gesicht zur Seite wegdreht) oder einen geräuschempfindlichen, sich ängstlich duckenden Spaniel mit »Guter Hund!« anschreien: Besitzer, die ihre Hunde ansonsten wirklich lieben, übersehen Signale ihrer Hunde, die für erfahrenere Menschen so offenkundig sind wie ein Feuerwerk.

Mir ist keine wissenschaftliche Untersuchung zu unserer Fähigkeit zum Lesen der hündischen Gesichtsmimik bekannt, aber viel wurde dazu geforscht, wie wir die Gesichter anderer Menschen lesen können. Einige dieser Erkenntnisse können uns auch helfen, unsere Hunde besser zu verstehen. So kommt beispielsweise Studie um Studie zu dem Schluss, dass jemand desto feinere Signale im Gesicht seines Gegenüber interpretieren kann, je mehr Übung er im Erkennen der Mimik hat. Ein gutes Beispiel dafür ist, wie wir erkennen, ob jemand lügt – ein Verhalten, mit dem wir sicherlich alle schon viel Erfahrung gemacht haben. Die am einfachsten zu entdeckende Form von Unehrlichkeit ist ein unechtes Lächeln. Ein echtes Lächeln geht weit über den Mund hinaus und bezieht auch die Muskeln rund um die Augen mit ein, während ein unehrliches Lächeln meistens nur mit Mundbewegungen einhergeht.

Die meisten von uns sind sich dieses Unterschiedes bei sich selbst nicht bewusst, aber bei anderen können wir deutliche Beispiele von echtem und unechtem Lächeln leicht entdecken und mit der Zeit, wenn wir stärker darauf achten und mehr Übung bekommen, auch richtig gut darin werden, feinere Anzeichen zu erkennen.

WENIGER KANN MEHR SEIN

Dass die meisten von uns nicht so gut im Entlarven von Lügnern anhand deren Mimik sind, wie wir es gerne wären, liegt daran, dass man uns nicht gelehrt hat, auf die feinen Veränderungen des Gesichtsausdruckes zu achten, die selbst bei geübten Lügnern auftreten. Die besten menschlichen Lügendetektoren sind Geheimdienstagenten und klinische Psychologen, die zum Thema Lügen forschen. Nur diese Menschen können zuverlässig Unehrlichkeit erkennen, und es ist ihre Ausbildung und Erfahrung, die sie in diese Lage versetzt. Wir anderen sind darin nicht so gut, wie wir denken. Die Eltern unter den Lesern sollten das bedenken.

Je mehr Übung und Erfahrung Sie im Lesen der Mimik von Menschen und Hunden haben, desto besser ist Ihr Gehirn in der Lage, sich auf die wichtigen Signale zu konzentrieren und die unwichtigen zu ignorieren. Ihr Gehirn wird pausenlos mit Informationen überschwemmt, von denen nur ein Bruchteil für ein bestimmtes Thema wichtig ist.

Wie sich herausstellt, ist in vielen Situationen nur ein ganz kleines Stückchen Information nötig – solange es das richtige Stückchen ist. Die Wissenschaftler, die dieses Phänomen entdeckt haben, nennen es »thin slicing« (wörtlich: In dünne Scheibchen schneiden): Das Gehirn schneidet sich nur diejenige dünne Scheibe an Information heraus, die gerade wichtig für es ist. Ein Beispiel dafür ist, wie jemand seinen verlorenen Ehering im Wald wiederfindet, weil er sich auf nichts anderes konzentriert als auf »glänzend« und alles andere ausblendet. Die Hundetrainer, die das oben zitierte Video anschauten, verwendeten ebenfalls die Technik des in dünne Scheibchen Schneidens, weil sie wussten, dass »plötzliches Bewegungsloswerden mit geschlossenem Fang« alles war, das sie wissen mussten, um den Angriff vorherzusehen.

»Thin-Slicing« wird am besten in den Arbeiten des Psychologen John Gottman veranschaulicht, der jahrzehntelang die Interaktionen zwischen Ehepaaren beobachtet hat.15 Nachdem er bei über dreitausend Paaren gelauscht hat, kann Gottman heute Ehepartnern bei einem einstündigen Gespräch über belanglose Themen zuhören und dann mit 95 %iger Genauigkeit vorhersagen, ob sie in fünfzehn Jahren noch verheiratet sein werden. Andere Menschen, darunter selbst Eheberater, können nichts weiter tun als vermuten, weil sie nicht gelernt haben, welche visuellen oder verbalen Signale eine gesunde Beziehung kennzeichnen. Nachdem Gottman und seine Kollegen jahrelang winzige Veränderungen im Gesichtsausdruck und im Tonfall analysiert hatten, fanden sie heraus, dass Zeichen für Verteidigungshaltung, Blockade, Kritik und Verachtung Warnsignale für drohendes Unheil sind. Aber alles, was sie wirklich sehen müssen, ist der Ausdruck von Verachtung bei einem der Partner (stellen Sie sich jemanden vor, der, wenn auch nur ganz leicht, die Augen rollt), um zu wissen, dass die Ehe zum Scheitern verurteilt ist. Egal, wie oft sich die Ehepartner anlächeln, lachen oder sich berühren – wenn einer von ihnen mit einer feinen Geste Verachtung gegenüber dem anderen äußert, könnten beide ebenso gut gleich zum Scheidungsanwalt gehen und es hinter sich bringen.

Diese Ergebnisse sind weit mehr als nur interessant zu lesende Modepsychologie. Es gibt überwältigende Beweise aus verschiedenen Studien dafür, dass erfahrene Beobachter die Gefühle anderer anhand unglaublich kleiner Kostproben ihres Verhaltens exakt einschätzen können. Der Psychologe Elisha Babad und seine Kollegen fanden heraus, dass die Zuschauer einen Filmausschnitt nur zehn Sekunden lang ansehen mussten, um genau sagen zu können, ob der Lehrer das Kind, zu dem er gerade sprach, mochte oder nicht. Die Lehrer selbst waren sich ziemlich sicher, ihre Gefühle zu verbergen, aber ihre Gesichter sagten etwas anderes. Das liegt daran, dass die Gesichtsmuskeln mehr als alle anderen Muskeln nur schwer bewusst zu kontrollieren sind – unsere Augenbrauen können sich minimal verändern, wenn wir besorgt, ärgerlich oder ängstlich sind, ohne dass wir uns bewusst zu diesen Bewegungen entschieden hätten – etwa so, wie wir uns entscheiden, einen Arm zu bewegen.

IHR GESICHT SPRICHT BÄNDE

Ihre Gesichtsmuskeln sind deshalb so schwer zu kontrollieren, weil sie eng mit dem Gefühlszentrum Ihres Gehirns verbunden sind. Viele dieser »Verkabelungen« gehen komplett am rationalen, denkenden Teil Ihres Gehirns vorbei, sodass der Prozess einer bewussten Entscheidung nicht mehr möglich ist. Das ist der Grund dafür, warum ein persönliches Gespräch von Angesicht zu Angesicht immer der beste Weg ist, miteinander zu kommunizieren und warum Hundetrainer oder Verhaltenstherapeuten Ihren Hund immer persönlich sehen möchten. Unsere Fähigkeit zum Sprechen erlaubt es uns zwar, alles Mögliche zu sagen (egal, ob wahr oder unwahr), aber unsere Gesichter bleiben die ehrlicheren Indikatoren unseres inneren Gefühlszustandes.

Einmal kam jemand zu einem demonstrativ freundlichen Besuch in mein Büro. Ich werde niemals vergessen, wie seine Augen kalt und hart wurden, während er mir gleichzeitig Komplimente machte. Ich wusste sofort, dass seine Worte bedeutungslos waren, weil die Botschaft in seinem Gesicht seine wahren Gefühle zeigte. Und diese Gefühle waren nicht nett (sie ließen mir die Nackenhaare zu Berge stehen), aber zumindest hatte ich eine genaue Vorstellung davon bekommen, was er wirklich fühlte.

Die Augen meines nicht so freundlichen Gastes waren eiskalt, aber vermutlich wäre mir das nicht so sehr aufgefallen, wenn ich nicht schon oft den gleichen Ausdruck in den Augen von Hunden gesehen hätte, die gleich zubeißen werden. Siebzehn Jahre Gesichtsmimik-Deutung bei Hunden, die mich möglicherweise beißen könnten, haben mich im Deuten der Gesichtsmimik von Menschen viel besser werden lassen. Andere Hundetrainer haben die gleiche Erfahrung gemacht – so häufig, dass wir auf Tagungen gerne Geschichten darüber austauschen, wie unsere verbesserte Fähigkeit zum Gesichterlesen uns durch schwierige Verhandlungen manövriert hat: Wir achteten mehr auf die tatsächlichen Gefühle der Gesprächspartner als auf ihre Worte. Das könnte nicht funktionieren, wenn Menschen nicht viele grundlegende Gefühle mit Hunden gemeinsam hätten. Die Gesichter von Hunden sind fast so plastisch wie unsere eigenen und können sich vom einen Augenblick auf den anderen von Enttäuschung in Freude verwandeln. Wir lesen die Gesichter unserer Hunde wie wir die Gesichter von Menschen lesen und suchen nach Informationen darüber, wie sie fühlen und was sie wohl als Nächstes tun werden. Erfahrung mag zwar unsere Fähigkeit zum Lesen zwischen den Zeilen verbessern, aber die grundlegenden Gefühle von Angst, Ärger, Freude und Ekel sehen auf den Gesichtern von Hunden, wie Darwin uns schon vor langer Zeit erinnert hat, genauso aus wie auf den Gesichtern unserer Menschenfamilie.

Es ist keine zufällige Übereinstimmung, dass hochsoziale Wesen wie Menschen und Hunde außergewöhnlich ausdrucksstarke Gesichter haben. Solitär (einzeln) lebende Tiere wie zum Beispiel Pandas haben relativ ruhige, gefühlsarme Gesichter, was es für uns schwierig einzuschätzen macht, was sie wohl gerade fühlen. Das ist auch sinnvoll, denn wenn Sie ein solitär lebendes Tier sind, spielt es keine Rolle, ob andere Ihre Gefühle erkennen können: Es gibt keine »anderen«. Wenn Sie allerdings in einer fest gefügten Gemeinschaft leben, spielt es eine große Rolle, ob Sie Angst haben oder frustriert sind, weil Ihre Gefühle eine prima Ankündigung dafür sind, was Sie als Nächstes tun werden – eine sehr praktische Information, wenn das Verhalten der anderen um Sie herum Sie direkt betrifft. Gefühlsausdrücke funktionieren in sozialen Interaktionen wie Schmierstoff. Je wichtiger Ihr Verhalten für die anderen um Sie herum ist, desto wichtiger ist es für die Gruppenmitglieder, Ihre Gefühle aus Ihrem Ausdrucksverhalten herauslesen zu können.

Der Ausdruck von Gefühlen und die Fähigkeit, ihn lesen zu können, sind also nichts Zufälliges – sie sind grundlegende Bestandteile einer sozialen Beziehung, in der die Partner wählen können, wie sie sich verhalten werden. Die Partner in einer komplexen sozialen Beziehung müssen in der Lage sein, die »Gefühlstemperatur« der anderen messen zu können – und das ist schwierig, wenn die Gefühle im Inneren verborgen sind. Diese Wichtigkeit der Gefühlsausdrücke in sozialen Beziehungen ist für unseren Umgang mit Hunden hochgradig relevant. Hunde verhalten sich so, als würden sie von uns erwarten, dass wir ihre Mimik richtig deuten könnten. Wenn wir das nicht tun, weil wir entweder nicht dazu in der Lage sind oder nicht aufpassen, können sowohl Mensch als auch Hund in ernsthafte Schwierigkeiten geraten.

BEWEGENDE GEFÜHLE

Wir können mit gutem Grund annehmen, dass das Ausdrucksverhalten unserer Hunde genau wie bei uns Menschen ein verlässlicher Indikator des inneren Gefühlszustandes ist. Das aus dem Lateinischen stammende Fremdwort für Gefühle, »Emotion«, ist abgeleitet von dem Wort »Motion«, was so viel heißt wie »Bewegung« – und diese Wortverwandtschaft ist sehr vielsagend. Eine Emotion ist, so erklärt es der Neurobiologe John Ratey, eine »Bewegung nach außen, ein Weg, unsere wichtigsten inneren Zustände und Bedürfnisse mitzuteilen«. Wie wir im ersten Kapitel gesehen haben, sind die Ausdrucksbewegungen auf unseren Gesichtern feste Bestandteile unserer Gefühle – man kann nicht von beidem als getrennte Dinge sprechen. Wenn Sie die Gefühle Ihres Hundes verstehen möchten, müssen Sie den Ausdruck seines Gesichts lesen können.

Der Rest dieses Kapitels möchte deshalb Ihre Fähigkeit zum Verstehen von Gefühlsausdrücken bei Hunden etwas aufpolieren. Natürlich werden wir alle nur durch Übung besser darin, aber wir haben auch eine solide Grundlage, auf der wir aufbauen können. Im Allgemeinen sind Menschen ziemlich gut darin, starke Gefühle aus den Gesichtern anderer Menschen lesen zu können – egal, wo diese herkommen oder welche Sprache sie sprechen.

Paul Ekman, der jahrzehntelang den Ausdruck von Gefühlen in verschiedenen Kulturen studiert hat, fand heraus, dass Ärger, Glück, Angst, Überraschung, Traurigkeit und Ekel auf der ganzen Welt gleich aussehen. Wenn er ein Mitglied eines isoliert lebenden Stammes auf Neu Guinea bat, so zu tun, als sei sein Kind gestorben, dann bewegte sich sein Gesicht in genau den gleichen Ausdruck, den Sie auch bei einem japanischen Computerprogrammierer oder bei einem amerikanischen Schuhverkäufer finden würden, wenn Sie diesem die gleiche Frage stellen würden. Trotz der immensen kulturellen Unterschiede drücken wir Menschen unsere grundlegenden Gefühle alle auf die gleiche Weise aus.

Es ist nicht nur so, dass unsere Gesichter sich auf genau vorhersehbare Weise verändern, wenn wir glücklich oder traurig sind, sondern unser Gefühlsausdruck wird auch auf jedem Kontinent der Welt gleich verstanden. Dutzende von Studien zeigen, dass Menschen verschiedener Länder und Kulturen, darunter auch Mitglieder von isoliert lebenden Jäger-und-Sammler-Stämmen, Fotografien von Gesichtern mit den Ausdrücken der grundlegenden Gefühle gleich interpretieren. Selbst blind geborene Kinder, die nicht durch Nachahmung von anderen gelernt haben können, drücken ihre Gefühle so aus, dass sie überall auf der Welt richtig verstanden werden. Kulturelle Unterschiede gibt es nur darin, mit welcher Wahrscheinlichkeit Menschen Grundgefühle ausdrücken – Japaner beispielsweise drücken negative Gefühle seltener aus als Amerikaner – aber beide Kulturen stimmen darin überein, wie Gefühle aussehen, wenn sie denn erst einmal ausgedrückt werden.

Wie wir schon gesehen haben, teilen Menschen und Hunde viele dieser Gefühlsausdrücke – nur kann es eben etwas verzwickt sein, sie durch Schlappohren und lange, haarige Schnauzen hindurch zu erkennen. Selbst Menschen, die schon ihr ganzes Leben mit Hunden verbracht haben, können sich selbst noch trainieren, indem sie nur auf die wichtigen Signale achten, also »Thin-slicing« betreiben, damit sie besser verstehen können, was im Kopf des Hundes vorgeht. Besonders wertvoll ist, wahrnehmen und deuten zu lernen, was Paul Ekman als »Mikro-Ausdrücke« bezeichnet – flüchtige und subtile Indikatoren für Gefühle, die man nur mit Übung erkennen kann. Je besser Sie darin werden, desto leichter werden Sie erkennen, wann Buster nicht gerne gestreichelt wird und folglich damit aufhören, bevor seine Unbehaglichkeit sich zu Knurren, Schnappen oder gar Beißen steigert. Sie werden erkennen können, wann Ihr Hund während einer Übungsstunde gestresst ist und wann es Zeit ist, die Anforderungen zurückzuschrauben oder seine Verwirrung aufzulösen. Außerdem werden Sie auch besser erkennen können, wann Ihr Hund wirklich richtig glücklich ist – womit Sie besser darin werden, ihn glücklich zu machen.

EIN WARNHINWEIS

Eine Warnung, bevor wir die wichtigsten Gefühlsausdrücke bei Hunden näher anschauen: Es gibt einige Dinge, die nichts mit den aktuellen Gefühlen Ihres Hundes zu tun haben, aber Ihre Interpretation derselben beeinflussen können. Es ist hilfreich, diese Dinge im Hinterkopf zu behalten. Das eine ist Ihre eigene Erfahrung, die nach den Erkenntnissen der Wissenschaft beeinflusst, wie Sie das Gesicht eines anderen lesen. In einer Studie zum Beispiel hatte man Kinder, die in der Vergangenheit körperlich missbraucht worden waren, gebeten, Gesichter auf Fotografien als ängstlich oder ärgerlich einzustufen. Die Gesichtsausdrücke auf den Fotos waren per Bildbearbeitung am Computer so verändert worden, dass beide Gefühle zu gleichen Teilen ausgedrückt wurden. Missbrauchte Kinder stuften die Gesichter im Gegensatz zu nicht missbrauchten Kindern viel öfter als »ärgerlich« ein.

Außerdem liegt die Versuchung nahe, die eigenen Gefühle auf den Hund zu projizieren. Meine liebe Mutter, die sowohl ihre beiden Hunde als auch die Besuche ihrer Töchter liebte, behauptete beharrlich immer wieder, dass ihre Hunde niedergeschlagen aussähen, wenn die Abreise der Tochter nahe bevorstünde. »Schau dir die arme Jenny an,« sagte sie, »sie weiß, dass du morgen fährst und fühlt sich deswegen hundeelend.« Mein suchender Blick fand Jenny schlafend auf der Couch, und sie sah dabei exakt genauso aus, wie sie am Tag zuvor und noch einen Tag zuvor auch ausgesehen hatte. Mutter erzählte das so oft, dass wir anfingen, sie damit zu hänseln. Sie reagierte darauf, aber ich vermute, sie glaubte auch weiterhin fest, dass die Hunde unser Abreisedatum schon kennen würden, lange bevor wir die Koffer packten und dass sie ihre Traurigkeit darüber mit ihr teilen würden. Seien Sie also vorsichtig, dass Sie nicht Ihre eigenen Gefühle auf den Hund übertragen. Denken Sie an den Rat aus dem ersten Kapitel und benützen Sie Ihre Fähigkeit zur objektiven Beobachtung dessen, was Ihr Hund Ihnen mit seinem Gesichtsausdruck mitteilen möchte.

WAS DIE FORM AUSMACHT

Eine letzte Sache noch, die Sie bedenken sollten: Auch die Kopfform Ihres Hundes hat Einfluss auf Ihre Wahrnehmung. Durch unsere umfassenden Bemühungen zur Züchtung von Designer-Hunden kommen heute sämtliche Kopfformen vor – vom Babygesicht eines American Cocker Spaniel bis hin zum Wolfslook eines Malamute. Es ist bekannt, dass Menschen auf ein kindlich aussehendes Gesicht – das so genannte Kindchenschema – stärker reagieren als auf ein erwachsen aussehendes. Die Schlüsselmerkmale, die einem Gesicht kindliches Aussehen verleihen, sind das Größenverhältnis von Stirn zum Rest des Gesichtes und die Größe der Augen. Babys haben proportional größere Augen und eine größere Stirn als Erwachsene. Wenn man auf dem Bildschirm nur die Größe der Stirn verändert und alles andere so lässt, kann man damit beeinflussen, wie Menschen in verschiedenen Situationen auf das Bild reagieren. Wenn alles andere gleich ist, neigen wir zum Beispiel eher dazu, Menschen mit babyähnlichen Gesichtern in Schutz zu nehmen und glauben eher weniger, dass sie ein Verbrechen begangen haben könnten. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass ein Babygesicht Aggressionen verhindert und beschützendes Verhalten fördert: Die Gesichtsproportionen von missbrauchten Kindern ähneln denen von Erwachsenen stärker als es die von nicht missbrauchten Kindern tun.

Die Bedeutung der Gesichtsproportionen scheint auch in unserem Umgang mit Hunden repliziert zu werden. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie lange Menschen einen aggressiven Hund mit Welpengesicht in Schutz nehmen – selbst Fremde, die von diesem Hund gebissen wurden, tun das. Von einem Deutschen Schäferhund, einem Hund mit »Erwachsenengesicht«, gebissen zu werden, ist hingegen eine ganz andere Sache. Natürlich ist die Gesamtgröße des Hundes immer ein Faktor: Größere Hunde sind respekteinflößender als kleinere. Dabei habe ich in meiner Laufbahn genug wirklich gefährliche Hunde aller erdenklichen Größen mit Babygesichtern gesehen – Hunde, die genug Menschenfleisch zerbissen und zerrissen hatten, um als Massenvernichtungswaffen eingestuft zu werden. Trotzdem werden solche Hunde für weniger gefährlich gehalten als erwachsen aussehende Hunde, die viel weniger Unheil angerichtet haben. Sogar Schafe scheinen auf das Kindchenschema in Hundegesichtern zu reagieren. Ich schaute einmal zu, wie auf einem Hütehundseminar eine Schafherde den ganzen Tag lang von außer Kontrolle geratenen Corgis, Border Collies, Pulis und Spaniels im Pferch rundgetrieben wurde, aber als ein sanftmütiger Deutscher Schäferhund den Ring betrat, gerieten die Schafe in eine Panik, als ob der Hund ein Maschinengewehr dabei gehabt hätte. Sie kletterten in dem verzweifelten Versuch, aus dem Pferch zu kommen, buchstäblich übereinander weg, während der wohl erzogene, wolfsähnlich aussehende Hund mit Stehohren sich ruhig in der Mitte hinsetzte. Ob es uns gefällt oder nicht: Unser Reaktionen haben einiges mit denen der Schafe gemeinsam, aber zumindest können wir uns bewusst machen, dass wir uns von der Anatomie genauso beeinflussen lassen wie vom tatsächlichen Ausdruck der Gefühle.

Auf den nächsten Seiten lesen Sie etwas über die Ausdrucksformen und Verhaltensänderungen, anhand derer Profis beurteilen, was im Kopf eines Hundes vorgeht. Diese Aufstellung ist keine erschöpfende Enzyklopädie aller Ausdrucksformen und Körperhaltungen, die bei Hunden vorkommen. Im Anhang habe ich einige Bücher aufgelistet, die da vollständiger sind. Hier möchte ich mich aber auf einige der subtileren Signale konzentrieren, die es dem Profi ermöglichen, die Mimik des Hundes mittels selektiver Wahrnehmung zu betrachten und daraus dessen Gefühlszustand in einem einzigen Augenblick ablesen zu können. Blättern Sie zwischen dem Text und den Fotos hin und her, um am besten eine Vorstellung davon zu bekommen, worauf Sie schauen müssen und vergleichen Sie die Gesichtsausdrücke der Hunde mit denen der Menschen.

OFFENER FANG/GESCHLOSSENER FANG

Eins der wichtigsten Dinge, auf die Sie im Gesicht eines Hundes achten müssen, ist die Frage, ob sein Fang offen oder geschlossen ist. Entspannte, glückliche Hunde haben entspannte und oft leicht geöffnete Lefzen. In seiner Extremform sprechen Biologen vom »Spielgesicht mit geöffnetem Fang«. Einige Aspekte dieses Ausdrucks sind dem menschlichen Lächeln nicht unähnlich – wenn Sie jetzt einmal lächeln, werden Sie bemerken, dass Ihre Zähne sich nicht gegenseitig berühren und dass Ihr Unterkiefer eher entspannt als angespannt ist. Wenn Hunde in mein Büro kommen, achte ich immer darauf, ob ihr Fang offen oder geschlossen ist. Die meisten Hunde, die zu einem Termin in meine Sprechstunde kommen, haben ihren Fang zu Beginn fest geschlossen. In dieser Phase denke ich nicht einmal entfernt daran, sie zu streicheln – erst, wenn sie ihren Fang entspannen und ihn vielleicht ein, zwei Zentimeter weit öffnen. (Bedenken Sie dabei, dass die meisten Hunde, die zu mir kommen, wegen erheblicher Verhaltensprobleme, meistens Aggression, da sind – weshalb ich eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Hunden mit fest geschlossenem Fang sehe.) Die Frage des offenen oder geschlossenen Fangs ist für mich so wichtig, dass ich mir notiere, wie lange es dauert, bis der Hund eines Kunden seinen Fang öffnet. Zehn Minuten? Eine halbe Stunde? Manche Hunde entspannen sich in Gegenwart eines Fremden nie so weit, dass sie ihren Fang öffnen, was mir eine Menge über die Schwere des Problems sagt.

Ihr Hund wird seinen Fang niemals die ganze Zeit über geöffnet haben, egal, wie glücklich er ist. Aber wenn Sie lernen, auf Fang offen/Fang geschlossen zu achten, werden Sie überrascht sein, wie viel Sie über seine Gefühle erfahren können. Vielleicht ist der Fang geschlossen, wenn er ein Eichhörnchen über die Straße laufen sieht oder einen anderen Hund. Hunde schließen ihren Fang, wenn sie auf »Hab-Acht-Stellung« gehen – wenn Sie sehen, wie der geöffnete Fang sich schließt, dann wissen Sie, dass Ihr Hund sich auf eine Veränderung in seiner Umgebung zu konzentrieren begonnen hat. Hunde schließen außerdem den Fang, wenn sie irgendetwas sehr ernst nehmen. Meine tun es oft, wenn ich sie für ein Foto ablege. Ein geschlossener Fang alleine kann Ihnen noch nicht sagen, ob Ihr Hund auf das Piepsen einer Maus achtet oder Ihnen signalisiert, dass er Sie gleich beißen wird, aber der Wechsel von offen zu geschlossen ist ein guter Indikator dafür, dass Ihr Hund nicht mehr in sorglos-unbekümmerter Stimmung ist. Auf den Fotos in der Mitte des Buches sehen Sie einige Hunde mit geschlossenem und mit offenem Fang: Vergleichen Sie die Gesichter der Hunde mit offenem Fang einmal mit den Gesichtern der glücklichen Menschen. Die Ähnlichkeiten sind wirklich verblüffend. Wir alle erkennen das entspannte Gesicht eines sorglosen Hundes, aber viel weniger Menschen sind sich auch des Gegenteils bewusst – eines angespannt geschlossenen Fangs. Achten Sie ab jetzt einmal darauf, wann Ihr Hund den Fang öffnet und schließt und schon in wenigen Tagen werden Sie ihn besser verstehen als je zuvor.

Trotzdem gibt es auch Momente, in denen ein Hund mit geöffnetem Fang uns verwirren kann. Oft werden Hunde mit hohem Energieniveau und weit geöffnetem Fang als »besonders freundlich« eingestuft, aber manchmal sind solche Hunde auch einfach nur körperlich überhitzt oder gefühlsmäßig aufgeregt. »Oh, er mag einfach jeden,« habe ich schon öfter Besitzer sagen hören, wenn deren Hunde mich mit weit geöffnetem Fang, um mehr Hitze aus ihrem hoch belasteten Körper abzugeben, ansprangen. Weil Hunde nicht wie wir schwitzen können, öffnen sie ihren Fang, um sich abzukühlen – nicht jedes Öffnen des Fangs ist deshalb eine Einladung zur Schmusestunde. Natürlich besteht ein Gesicht aber aus mehr als nur einem Mund, und genau wie bei Menschen auch können wir das meiste über die Gefühle des anderen erfahren, wenn wir die gesamten Gesichtsmerkmale zusammen anschauen.

WENN KÖRPER ZU EISSÄULEN FRIEREN

Wenn der Fang eines Hundes geschlossen ist und sein gesamter Körper wie auf der Stelle angefroren erscheint, dann sollten Sie besser Acht geben. Profis lernen früh, auf diese Kombination zu achten, denn wer sie ignoriert, riskiert, gebissen zu werden. Wenn ich einem Hund begegne, der mit Schließen des Fangs und Steifwerden des Körpers auf mich reagiert, dann halte ich mich schön von ihm fern. Ich spreche dann vielleicht im Singsang-Ton zu ihm und achte darauf, dass mein eigener Körper locker und entspannt bleibt, aber ich werde ganz bestimmt nicht die Hand ausstrecken, um ihn zu streicheln. Ein steifer Körper und ein geschlossener Fang sind Anzeichen für einen höchst wachsamen Hund, dessen nächste Bewegung durchaus der Angriff nach vorn sein kann. Buddy, der Hund aus der Geschichte am Kapitelanfang, stand mehrere Sekunden lang still wie eine Statue in der Tür, als ich ihm begegnete. Weil er so steif war und direkt in meine Augen schaute, verstand ich ihn als einen Hund, der sich in meiner Gegenwart unwohl fühlte und der entschlossen war, mich anzugreifen, wenn ich eine falsche Bewegung machen würde.

Leider hat es auch einen Nachteil, wenn Sie diese Signale bei einem Hund erkennen: Sie gehören ab sofort zu der unglücklichen Sorte Menschen, deren Herzen jedes Mal vor Schreck einen Schlag aussetzen, wenn sie sehen, wie ein kleiner Junge auf der anderen Straßenseite einen fremden Hund tätschelt, der Hund dabei seinen Fang geschlossen und seinen Körper versteift hat und die ahnungslosen Erwachsenen weiter miteinander plaudern, während Sie jeden Moment auf die Katastrophe in Form von aufblitzenden Zähnen und Kinderschreien warten. Tut mir leid. Unwissenheit kann ein Segen sein. Wissen dagegen kann Probleme verhindern – wenn Sie das nächste Mal Zeuge einer solchen Szene werden, könnten Sie den kleinen Jungen zu sich herüberrufen oder versuchen, die in der Luft liegende Spannung abzubauen, indem Sie rufen »Hey, wer hat Lust auf einen Spaziergang?« Sie wissen nun auch, wann Sie einen Gast bitten müssen, mit dem Streicheln Ihres Hundes aufzuhören. Wenn die Allgemeinheit lernen würde, auf dieses wichtige Warnsignal zu achten, könnten Zehntausende von Hundebissen jedes Jahr verhindert werden.

Hunde benutzen das »Einfrieren« oft als Signal an Artgenossen. Wenn Sie sehen, dass zwei sich begrüßende Hunde beide mehr als ein oder zwei Sekunden lang ruhig und steif dastehen, sollten Sie besser etwas unternehmen, um die Spannung zu durchbrechen. Die Lage könnte sich dramatisch verschärfen, wenn Sie es nicht tun. Klatschen Sie in die Hände und rufen Sie »Gassi gehen!«, werfen Sie einen Ball, singen Sie »Wer will denn was zu essen!« – was auch immer Sie tun, Hauptsache ist, Sie werden selbst nicht steif und unbeweglich, sonst machen Sie alles noch schlimmer.

Eine weniger problematische Version des Einfrierens können Sie auch sehen, wenn Hunde miteinander herumtoben. Zuerst springen sie fröhlich mit lockeren, entspannten Körpern umher, und dann sehen Sie, wie ein Hund innehält und nur für einen Augenblick einfriert.16 Oft wird dieses Einfrieren von einer Kopfdrehung direkt in Richtung des anderen Hundes begleitet – eine gute Beschreibung dafür ist »das Gesicht zuwenden«. Tulip macht das, wenn ein Hund, mit dem sie spielt, sie zu besteigen versucht. Queen Tulip spielt sehr gerne, aber niemand darf je die Queen besteigen. Besteigen im Spiel hat nichts mit Sex, sondern mit sozialem Status zu tun, und Tulip hat keinerlei Interesse daran, ihren Titel mit jemand anderem zu teilen. Wenn Sie wissen, worauf Sie schauen müssen – es passiert so schnell – können Sie sehen, wie Tulip ihren Kopf herumdreht und für weniger als eine halbe Sekunde einfriert, wenn ein anderer Hund auf sie aufzureiten versucht. Der andere Hund hält in seinem Vorhaben inne, zeigt vielleicht eine Spielaufforderung, um die Stimmung wieder ins Fröhliche zu wandeln und beide rennen miteinander fort, die Körper wieder entspannt und locker.

Vielleicht haben Sie ein solches »Mikro-Einfrieren« schon einmal bei einem Hund gesehen, wenn Sie versucht haben, seine Krallen zu schneiden oder Kletten aus seinem Fell zu ziehen. Hundefriseure und Hundetrainer wissen, dass sie aufpassen müssen, wenn ein Hund seinen Kopf herumwirft und für den Bruchteil einer Sekunde einfriert. Ich nehme es als Drohgeste, als klare Warnung dafür, nicht zu wiederholen, was ich gerade getan habe. Wenn ein Hund das mit geschlossenem Fang tut, teilt er Ihnen damit höchstwahrscheinlich mit, dass er verachtet, was Sie gerade tun. Es ist ein tolles Signal, das zu erkennen sich lohnt – und wenn Sie es können, sind Sie damit 99 Prozent aller Hundeliebhaber der Welt voraus.

Ob der Körper eines anderen entspannt oder steif ist, ist in der Kommunikation von Hund zu Hund eine wichtige Information – und meiner Ansicht nach ist es keine Frage, dass Hunde ähnliche Körperhaltungen bei Menschen auf genau die gleiche Weise interpretieren. Als ich Buddy traf, achtete ich darauf, entspannt und locker zu bleiben, denn wenn Sie selbst einfrieren, signalisiert das dem Hund, dass auch Sie angriffsbereit sind. Diese eine Veränderung der Körperhaltung kann genügen, um Sie in Schwierigkeiten zu bringen, oder auch andersherum einen Biss verhindern. Ein gutes Beispiel dafür erlebte ich einmal auf einem Seminar, als eine niedliche kleine Lhasa Apso-Hündin den Boden entlang schnüffelte. Als sie in meine Richtung kam, begann ich, wie ein seltsam verrückter zweibeiniger Labrador meinen Körper vor- und zurückzuschaukeln, setzte ein Spielgesicht mit offenem Mund auf und zwinkerte als universelles Zeichen von Freundlichkeit mit den Augen. Als ich mich ihr näherte, drehte sie sich, drückte sich an mein Bein, hob ihren Kopf und schmiegte sich an meine Hand, als ich ihren Hals streichelte. »Das gibt’s doch nicht,« sagte ihre Besitzerin. »Das ist ja gar nicht typisch für sie. Wissen Sie, sie ist als Fallbeispiel hier, weil sie nach Leuten schnappt, die sie zu streicheln versuchen.«

Als die Hündin dann auf die Bühne geholt wurde und Fremde sich ihr näherten, versteifte sie wie vorhergesagt ihren Körper. Wenn ich nicht einige Menschen mehrere Meter von ihr entfernt gestoppt hätte, habe ich keinerlei Zweifel, dass sie geschnappt oder gebissen hätte. Die Art und Weise der Annäherung machte den ganzen Unterschied aus: Ich konzentrierte mich darauf, mich wie ein freundlicher Hund zu benehmen, während die meisten Menschen sich so benahmen, wie Menschen sich von Natur aus benehmen. Die normale Annäherung eines Menschen, der einen anderen Mensch oder einen Hund begrüßt, ist genau das Gegenteil dessen, was in der Hundewelt als höfliche Begrüßung gilt. Hunde nähern sich einander von der Seite an, biegen ihre Körper in Bewegungsrichtung und vermeiden direkten Blickkontakt, während sie ihre Körper entspannt halten. Wir tun das Gegenteil: Wir halten unsere Körper aufrecht und relativ ruhig, nehmen direkten Blickkontakt auf und strecken unsere Pfoten aus, noch bevor wir zumindest Gerüche ausgetauscht haben.

Dies ist so wichtig in der Interaktion von Hunden, dass wir Profis lernen, tief zu atmen und den Körper selbst dann locker entspannt zu halten, wenn wir Angst vor dem Hund haben, der vor uns steht. (Noch besser sollte es heißen »besonders, wenn wir Angst haben«.) Wenn Sie bewegungslos werden, den Mund schließen und zu atmen aufhören, könnte der Hund zu dem Schluss kommen, dass er gut daran getan hat, achtsam zu sein – die Wahrscheinlichkeit für eine aggressive Reaktion ist stark gestiegen. Wenn Sie Hunde wie ein Profi begrüßen möchten, achten Sie darauf, Ihren Mund leicht geöffnet und entspannt zu halten, Ihre Schultern und Ihre Hüften langsam und nur ein ganz klein wenig vor- und zurückzubewegen und kippen Sie Ihren Kopf zur Seite, legen Sie ihn schräg. (Hunde legen ihren Kopf schräg, um mehr visuelle und akustische Information aufnehmen zu können, wenn irgendetwas ihr Interesse geweckt hat, aber sie tun es nie, wenn sie nervös sind.) Übertreiben Sie es nicht so sehr, dass der Hund sich vor Ihnen zu fürchten beginnt (»Ich habe ja noch nie einen Menschen gesehen, der sich so benimmt …«), sondern achten Sie bewusst auf Entspannung, damit Sie nicht unabsichtlich »dichtmachen« und Signale möglicher Aggression an den Hund senden.

Ich werde niemals eine schon lang zurückliegende Therapiesitzung mit einer Kundin vergessen, deren Hund unbekümmert mit meiner Pip interagierte. Bevor sie mit dreizehn in Rente ging, hatte Pip offenbar viel Spaß daran, mit mir gemeinsam Fälle von aggressiven Hunden zu behandeln. Sie liebte andere Hunde und war meisterlich gut darin, Hunde zu beruhigen, die vorher aus Unsicherheit aggressiv gegenüber anderen Hunden reagiert hatten. Wie immer fragte ich sie auch in dieser Sitzung, ob sie mit diesem Hund zusammenarbeiten wolle und sie antwortete, indem sie begeistert zum Tor lief. (Manchmal ging sie auch weg, nachdem sie nur einen Blick auf einen Hund geworfen hatte. Ich respektierte das immer, weil ich mir sicher war, dass sie die Gefühlslage eines anderen Hundes besser einschätzen konnte als ich.) Pip schien begeistert davon zu sein, mit diesem besonderen Hund arbeiten zu dürfen, also ließ ich die beiden sich in einem umzäunten, großen Freiauslauf hinter dem Haus begrüßen. Aber die Hunde waren nicht allein in dem Auslauf. Ich hatte nicht genug auf die Besitzerin geachtet, die aufgrund der Situation extrem angespannt war. Während die beiden Hunde sich begrüßten, stand sie mit angehaltenem Atem und zur Salzsäule erstarrt an der Seite, während ich versuchte, ihre Angst zu beschwichtigen. Mein Fehler – denn während sie stocksteif neben mir stand, schaute ihr Hund nur einen Augenblick lang nach oben in ihr Gesicht. Dieses war so unbeweglich wie eine Maske, mit vor Angst aufgerissenen Augen und einem gerundeten Mund, als ob sie »Oh!« sagen wolle. Genau so ein Gesicht macht ein Hund, der gleich angreifen wird, und genau das tat der Hund nach einem Blick darauf. Bevor ich reagieren konnte, attackierte er knurrend und beißend meine Pip, die sich vor Angst auf den Rücken rollte. Ich schaffte es, den Hund sofort zur Seite zu schaffen und Pip war nicht verletzt, aber wir beide waren ziemlich geschockt. In dieser Woche bekam Pip mehr Leckerchen als gewöhnlich und ich weniger Schlaf als gewöhnlich, weil ich darüber grübelte, was alles hätte passieren können. Pip ist heute fünfzehn und der Vorfall lange vorbei und vergessen, aber ich werde nie diese teuer bezahlte Lektion darüber vergessen, wie wichtig unser eigener Ausdruck für das Verhalten eines Hundes sein kann.

DER WEDELNDE HUND

Steife, eingefrorene Körperhaltungen sind so wichtig, dass sie sogar das Signal übertrumpfen, das Menschen am häufigsten mit Freundlichkeit assoziieren – einen wedelnden Schwanz. Schwanzwedeln wird fast immer als Zeichen von Freundlichkeit interpretiert, was allerdings ein großer Fehler sein kann. Freundlich ist ein locker entspannter Schwanz, der mit dem ganzen Hinterteil zusammen wedelt. »Ab den Schultern nach hinten wedeln,« nenne ich das immer und es ist ein prima Hinweis darauf, dass der Hund sich freut, Sie zu sehen. Wenn allerdings der Körper steif, der Fang geschlossen, der Schwanz erhoben ist und erst in der hinteren Hälfte wedelt, dann seien Sie auf der Hut. Ein steifer Körper und ein steifer Schwanzansatz sind das wichtige Merkmal, das Ihnen sagt, dass dieser Hund nicht unbedingt freundlich gestimmt ist, egal, wie sehr seine Schwanzspitze wedelt. Die Katzenbesitzer unter uns wissen, dass zur Seite wischende Schwänze und angespannt-steife Körper nicht immer Gutes bedeuten – und in diesem Fall ist es angebracht, das auch auf Hunde zu übertragen.

VORWÄRTS UND RÜCKWÄRTS, GERADEAUS ODER SEITWÄRTS

Bevor wir zur Gesichtsmimik übergehen, ist noch eine Bemerkung zur gesamten Körperhaltung des Hundes wichtig, und zwar deshalb, weil genau wie bei uns Menschen auch der Gesichtsausdruck immer im Zusammenhang mit der restlichen Körperhaltung gesehen werden muss. Dabei ist vor allem die Energierichtung wichtig. Wenn Sie einem Hund begegnen oder sehen, wie Ihr Hund andere Hunde trifft, dann fragen Sie sich einmal: In welche Richtung läuft die Energie im Hundekörper? Sie werden feststellen, dass viele Hunde leicht nach vorn lehnen, wenn sie Menschen an der Tür oder andere Hunde begrüßen. Hunde können ihren Körper als Zeichen für Freundlichkeit, aber auch als Zeichen für Offensivhaltung nach vorn lehnen. In beiden Fällen teilt der Hund Ihnen mit, dass er sich in relativ selbstbewusstem Zustand befindet. Wenn ein Hund willig auf mich zukommt, ab den Schultern rückwärts mit dem ganzen Körper wedelnd, den Kopf niedrig, den Fang geöffnet und die Augen zwinkernd, dann hocke ich mich hin und wir beweisen uns unsere gegenseitige Zuneigung. Wenn ein Hund bei nach vorn gelehntem Körper steif und unbeweglich ist, sein Fang geschlossen ist und der Schwanz nur an der Spitze wedelt, dann bleibe ich wo ich bin und nehme die Spannung heraus, indem ich mich wegdrehe oder einen Ball oder ein Leckerchen aus der Tasche ziehe. Wenn der Hund mir aber schon sehr nahe ist und beginnt, mit immer noch geschlossenem Fang und immer noch steifem Körper auf mich zuzukommen, drehe ich schnell meinen Kopf zu ihm um (das ist das »Gesicht zudrehen«, von dem ich sprach) und spreche ihn mit tiefer, scharfer Stimme an. Dieser Hund befindet sich in der Offensive und muss so schnell wie möglich gestoppt werden, ohne noch mehr Spannung in die Situation zu bringen. So schnell wie möglich wende ich mich dann wieder von ihm ab und nehme die Spannung weg, indem ich zum Beispiel sage »Fressen!« oder »Lust auf einen Spaziergang?«

Hunde, deren Energie nach rückwärts gerichtet ist, befinden sich hingegen in der Defensive, also Verteidigungshaltung – auch, wenn sie dabei vielleicht knurren und die Zähne fletschen. Solche Hunde haben viel Angst in sich und Sie müssen sehr darauf achten, keinerlei Druck auf sie auszuüben, indem Sie sie in die Enge drängen oder die Hand ausstrecken, um sie zu streicheln. Bedenken Sie, dass ein angeleinter oder angeketteter Hund praktisch in der Falle sitzt, was zweifellos der Grund dafür ist, dass so viele Bisse in genau dieser Situation vorkommen. In meinem Buch Das andere Ende der Leine beschreibe ich ausführlich, wie Sie die Aufmerksamkeit eines Hundes darauf, ob jemand mit seinem Körper vor- oder zurücklehnt, ausnutzen können und werde deshalb hier nicht näher darauf eingehen. Wenn Sie aber einfach nur im Kopf behalten, darauf zu achten, ob ein Hund mit seinem Körper vor- oder zurücklehnt, kann Ihnen das ein großes Stück dabei weiterhelfen, sein künftiges Verhalten vorauszusagen.

Viel über die Motivation eines Hundes können Sie auch erfahren, wenn Sie beobachten, wie er sich anderen Hunden nähert. Höfliche Hunde begrüßen sich, indem sie sich einander seitlich nähern, so, als ob sie einer gebogenen Linie folgen würden, die zu den Flanken des anderen führt. Niemals gehen sie direkt Kopf auf Kopf aufeinander zu. Geradeaus-Annäherungen gelten unter Menschen als höfliche Begrüßung, aber nicht bei Hunden – achten Sie also auch auf diesen Aspekt der Körperhaltung. Vielleicht ist Ihnen nicht entgangen, dass ich mich dem nervösen Lhasa Apso im Seminar näherte, indem ich meinen Körper zur Seite drehte. Sie können das Gleiche tun, wenn Sie einem fremden Hund begegnen – drehen Sie sich leicht zur Seite und gehen Sie auf einer gedachten Kreislinie. Sie werden erstaunt sein, wie viele Hunde plötzlich ganz begeistert sind, Sie zu treffen.

VERWIRRTES GRINSEN UND SCHMOLLMÜNDER

Wir haben bereits früher darüber gesprochen, wie unser Mund entspannt und geöffnet ist, wenn wir lächeln. Die andere Schlüsselkomponente eines Lächelns ist die Bewegung der Mundwinkel. Das Zurückziehen und Anheben der Mundwinkel ist es, was ein Lächeln zu einem Lächeln macht. Selbst unehrliche Lächler erweitern ihren Mund in Richtung Ohren. Probieren Sie es einmal selbst aus: Stellen Sie sich vor einen Spiegel und lächeln Sie zuerst nur mit dem Mund, dann lassen Sie das Lächeln über Ihr ganzes Gesicht bis zu den Augen wandern. Der Unterschied ist frappierend, und zwar sowohl was Ihren Ausdruck betrifft als auch, wie Sie sich dabei fühlen. Ein echtes Lächeln, das die Muskeln von Mund, Wangen und Augen mit einbezieht, ist von allen Gesichtsausdrücken am leichtesten zu lesen. Ein lächelndes Gesicht wird von praktisch jedermann auf der ganzen Welt als glücklich erkannt.

Im Gegensatz zum Ausdruck von Angst oder Wut zeigen wir Lächeln aber viel häufiger in Gesellschaft anderer, als wenn wir alleine sind. Für Menschen scheint das Lächeln ein wichtiges Signal im sozialen Kontext zu sein, denn gelächelt wird fast immer nur beim Anschauen einer anderen Person. Bowlingspieler lächeln nach einem guten Wurf normalerweise erst in dem Moment, in dem sie sich zu ihren Freunden umdrehen, und wenn Olympiasportler ihre Medaillen verliehen bekommen lächeln sie erst dann, wenn sie sich zu den Zuschauern umdrehen. Natürlich lächeln wir alle auch gelegentlich, wenn wir alleine sind (während ich das hier schreibe, kann ich gerade gar nicht damit aufhören – ist Lächeln vielleicht ansteckend, so wie Gähnen?), aber eben nicht mit der Häufigkeit, wie wir es in Gesellschaft tun. Wo immer wir auch lächeln und ob das Lächeln echt ist oder nicht – unser Lächeln ist immer dadurch definiert, dass der Mund teilweise geöffnet ist und dass die Mundwinkel nach oben und zurück in Richtung Ohren gezogen sind.

Auf die Mundwinkel zu achten ist nicht nur unserer Spezies eigen. Viele Säugetierarten ziehen ihre Mundwinkel zurück, wenn sie nervös sind, weshalb Ethologen diese Bewegung eine »Angstgrimasse« nennen. Bei manchen Spezies wird es im sozialen Kontext auch »unterwürfiges Grinsen« genannt, weil nur Individuen in untergeordneter Position es zeigen. Wie viele Tiere auch ziehen Menschen die Mundwinkel zurück, wenn sie Angst haben. Unsere Spezies drückt Angst auf der ganzen Welt mit zurückgezogenen Mundwinkeln, gerundeten Augen und erhobenen Augenbrauen aus (auf den Bildseiten finden Sie Beispiele dafür). Selbst menschliches Lächeln ist nicht immer unbedingt ein Ausdruck von Freude – so manches Lächeln hat mehr mit Nervosität als mit Glück zu tun. Ethologen nehmen an, dass unser Lächeln aus dem unterwürfigen Grinsen entstanden ist, mit dem die lächelnde Person demonstriert, dass sie keinerlei Angriffsabsichten hat.

Wie Sie auf den Fotos sehen können, bewegen auch Hunde ihre Mund- bzw. Lefzenwinkel und genau wie beim Menschen sagt uns die Richtung dieser Bewegung eine Menge über ihre Gefühle. Sowohl Hunde als auch Wölfe und Kojoten ziehen ihre Lefzenwinkel zurück, wenn sie unterwürfig, defensiv oder ängstlich sind. Selbst bei spielenden Hunden werden Sie bemerken, dass es meist der untere Hund ist, dessen Lefzenwinkel zurückgezogen sind. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck des inneren Gefühlszustandes. Der »Verteidiger« hat die Lefzenwinkel zurückgezogen, während derjenige Hund, der in diesem Spiel den »Angreifer« mimt, sie nach vorn zieht.

Auch wir Menschen ziehen unsere Mundwinkel nach vorn, wenn wir in die Offensive gehen. Die Mundwinkel eines ärgerlichen Menschen bewegen sich in die entgegengesetzte Richtung wie beim Lächeln, nämlich nach vorn in Richtung Gesichtsmitte anstatt in Richtung Ohren. Machen Sie einmal das Schmollgesicht eines trotzigen, bockigen Fünfjährigen, und Sie werden spüren, wie sich Ihr Mund schließt und sich Ihre Lippen nach vorn bewegen. Hunde tun etwas sehr Ähnliches, auch wenn ich nicht sagen würde, dass sie dabei immer ärgerlich sind. Allerdings verwette ich meinen Hof darauf, dass sie nicht ängstlich oder unterwürfig sind. Nach vorn gezogene Lefzenwinkel sind eines der besten mir bekannten Signale dafür, dass ein Hund bereit ist, in die Offensive zu gehen und es scheint nicht überraschend, dass dies mit unserer eigenen Version eines ärgerlichen Gesichtes übereinstimmt.

Schauen Sie sich einmal die Fotos an und achten Sie sowohl bei den Hunden als auch bei den Menschen auf den Unterschied zwischen nach vorn und nach hinten gezogenen Mundwinkeln. Wie so viele andere Dinge auch ist die Bewegung der Mundwinkel absolut offensichtlich, sobald Sie gelernt haben, darauf zu achten – aber Sie schenken ihr wenig Aufmerksamkeit, wenn Sie niemand darauf hingewiesen hat. Fangen Sie an, auf Ihren eigenen Hund zu achten und fragen Sie sich, in welche Richtung seine Lefzenwinkel in verschiedenen Situationen wahrscheinlich bewegt werden. Wenn er mit vorgezogenen Lefzenwinkeln in Richtung eines anderen Hundes losspringt, ist er ganz anderer Stimmung, als wenn er die Lefzenwinkel in einer Angstgrimasse zurückgezogen hätte. Möglicherweise bellt er in beiden Fällen und springt nach vorn, aber das Aussehen seiner Lefzen hilft Ihnen zu verstehen, wie er sich gerade dabei fühlt. Wenn ein Hund seine Lefzenwinkel nach vorn zieht, während ein Kind ihm sein Spielzeug abzunehmen versucht, gibt er damit zu verstehen, dass er bereit ist, sein vermeintliches Eigentum zu behaupten und notfalls unter Einsatz der Zähne zu verteidigen. Wenn er einen Gast mit zurückgezogenen Lefzenwinkeln anknurrt, könnte er Angst vor Fremden haben und braucht folglich Hilfe, um seine beim Klingeln an der Haustür aufkommende Angst zu überwinden.

Sie sehen also, wie hilfreich diese Signale der Gesichtsmimik dabei sind, einen Behandlungsplan für einen Hund aufzustellen, der nach Besuchern schnappt oder sich seinen Kauknochen nicht wegnehmen lässt. Wir werden später noch darüber sprechen, wie man Behandlungspläne passend zu den verschiedenen Gefühlszustän- den von Hunden auswählt, aber für den Moment konzentrieren Sie sich bitte einmal nur darauf, Feldforscher im eigenen Wohnzimmer zu spielen und hinsehen zu lernen, wie sich die Lefzen Ihres Hundes bewegen. Stellen Sie sich vor, dass eine Spezies der anderen »von den Lippen liest«.

LÄCHELN BITTE!

Hunde tun außerdem noch etwas, das für die einen aussieht wie ein menschliches Lächeln und für die anderen wie ein aggressives Zähnefletschen. »Lächelnde« Hunde ziehen ihre Oberlippe hoch, und zwar meistens so weit, dass die Haut oben auf dem Nasenrücken Falten wirft. Die nach oben gezogenen Lefzen legen die Zähne frei. Der Anblick einer Reihe blitzend weißer Zähne im Maul eines Raubtieres ist etwas, das bei Primaten wie uns auf jeden Fall eine emotionale Reaktion hervorruft – aber diese »lächelnden« Hunde scheinen keinerlei aggressiven Gedanken im Kopf zu haben. Die scharfen, blitzenden Zähne sind mit einem locker entspannten Körper, einem tief getragenen Kopf und den freundlich zwinkernden Augen eines Hundes kombiniert, der sich freut, Sie zu sehen. Am häufigsten sehen Sie dieses Lächeln, wenn Hunde Sie nach einer Zeit der Abwesenheit begrüßen oder wenn sie fremde Gäste im Haus begrüßen. Lächelnde Hunde sehen ein wenig lustig-dämlich aus, weil ihr gesamter Körper ab den Schultern rückwärts wedelt und sie den Kopf parallel zum Boden halten.

Dabei muss ich an einen Hausbesuch bei den Besitzern eines Golden Retrievers denken: Diese berichteten, der Hund sei in letzter Zeit zunehmend aggressiver gegenüber ihnen und Besuchern, obwohl er noch nicht geschnappt oder gar gebissen hätte. Ich wurde von einer schwanzklopfenden, von vorn bis hinten wedelnden kleinen Klette begrüßt, deren Lippen ein Eigenleben zu haben schienen, nach oben wanderten und die Zähne freilegten. Die Haltung dieses Hundes war das genaue Gegenteil von der Buddys, der mir zwar niemals die Zähne gezeigt hatte, aber steif und still mit kaltem Blick dastand, als ich das Haus betrat. Der Golden schmolz nur so dahin, als ich ins Haus kam – aber da waren diese Zähne, riesengroß, weiß und schimmernd, und das direkt vor meinem Gesicht. Verständlich, dass Besucher nicht genau wussten, was sie davon halten sollten. Was für ein Vergnügen, den Besitzern sagen zu können, dass ihr Golden genauso gefährlich sei wie ein Stofftier und dass diese Zähne mehr mit einem menschlichen Lächeln gemeinsam hatten als mit einem Warnsignal für Aggression. Wir wissen nicht genau, welches Gefühl ein »lächelnder« Hund ausdrückt, aber es scheint nichts mit Ärger oder angstbedingter Aggression zu tun zu haben. Eine plausible Annahme, im Moment auch meine Lieblingstheorie, ist, dass der Hund sich in ambivalentem Gefühlszustand befindet, wobei das vorherrschende Gefühl Unterwürfigkeit oder Zärtlichkeit sein könnte. Ich stelle es mir ungefähr so vor wie das leicht dümmliche, nervöse Grinsen eines schüchternen Jungen, der zum ersten Mal seine Verabredung trifft.

ZÜNGELN

Ein weiterer wichtiger Ausdruck der Gefühle Ihres Hundes ist das »Züngeln«, bei dem die Zunge ganz kurz gerade nach vorn ausgestreckt und sofort wieder zurückgezogen wird. Verwechseln Sie es nicht mit der zur Seite heraushängenden Zunge eines hungrigen, speichelnden Hundes, der sich auf sein Abendessen freut. Beim Züngeln wird die Zunge ein Stückchen weit gerade nach vorn aus dem Fang heraus bewegt und sofort wieder zurückgezogen. Diese kleinen Züngelbewegungen sind entweder ein Ausdruck für leichte Unsicherheit oder Beschwichtigungsgesten niederrangiger Hunde gegenüber höherrangigen. Wie weit die Zunge hervortritt, hat vermutlich mit der Intensität des Gefühls zu tun.17

Sobald Sie auf das Züngeln achten, werden Sie es praktisch überall sehen. Ihr Hund könnte züngeln, wenn Sie seine Pfote zum Krallenschneiden in die Hand nehmen oder wenn der dicke Brocken von Chesapeake Bay Retriever aus der Nachbarschaft zum Spielen herüberkommt. Ein Beispiel dafür können Sie auch auf einem Videoclip sehen, der überall im Internet zu finden ist (Suchbegriffe »Police dog bites reporter« eingeben, Anm. d. Übers.) Darin wird der Führer eines neu erworbenen Polizeihundes vom lokalen Reporter interviewt. Der Reporter hockt ein paar Zentimeter vom Hundegesicht entfernt auf dem Boden und legt seine Hände beiderseits um den Hundekopf, während er wieder aufzustehen beginnt. Der Hund hat seinen Fang fest geschlossen, und obwohl er weder knurrt noch seine Zähne zeigt, können erfahrene Hundehalter erkennen, dass er sich in dieser Situation nicht wohl fühlt. Dem Reporter sind diese Signale entgangen, aber er verstand vermutlich, was los war, als der Hund ihn geradewegs ins Gesicht biss – unmittelbar, nachdem seine Zunge als klares Zeichen für Angst kurz hervorgeschnellt war.

Oft sehe ich Hunde in Tierarztpraxen züngeln, in Hundeschulen, bei der Begrüßung anderer Hunde und wenn ihre Besitzer sie umarmen oder sonst welche Dinge tun, die ihnen unangenehm sind. Ich sehe auch unterwürfige Hunde züngeln, die ständig allen um sie herum signalisieren, dass sie nicht die Führung und Verantwortung übernehmen möchten. Für nichts. Niemals.18

Wie oft ein Hund züngelt, kann Ihnen viel über seine Persönlichkeit verraten. Meine liebe, untergebene Pip züngelt bei praktisch jeder Gelegenheit, auch dann, wenn ich zu ihr hingehe, um sie zu streicheln. Sie liebt mich innig – zumindest glaube ich das – aber sie ist so unterwürfig, dass sie auf so gut wie jede soziale Begegnung mit Züngeln reagiert. Ich hörte damals auf, sie zur Hütearbeit einzusetzen, als sich einmal ein Schaf zu ihr umdrehte und sie mit Schwanzwedeln und Züngeln darauf reagierte. Sämtliche Border Collies auf der ganzen Welt wären entsetzt gewesen. Mein Cool Hand Luke dagegen hat fast niemals gezüngelt. Er liebte es, sich um widerspenstige Schafe zu kümmern und strotzte nur so vor Selbstbewusstsein. Das einzige Mal, dass ich ihn zu seinen besten Zeiten züngeln sah, war, als er zu einer Krebsbehandlung beim Tierarzt war. Als Jahre später seine Nieren versagten, musste ich ihm zweimal täglich mit einer riesigen Spritzennadel Flüssigkeit unter die Haut injizieren, wobei er jedes Mal kläglich winselte. Nachdem ich das vier Tage lang getan hatte, züngelte er eines Morgens, als ich mich ihm näherte. Ich war so geschockt, dass ich wie angewurzelt stehen blieb. Ich war sicher, dass er das tat, weil er gelernt hatte, mich mit Schmerzen in Verbindung zu bringen. Ich rief besorgt beim Tierarzt an (was so viel heißt, dass ich haltlos schluchzte) und sagte, dass unmöglich ich es weiter übernehmen konnte, Luke Flüssigkeit zuzuführen. In der Hoffnung, dass die zusätzliche Flüssigkeit ein totales Nierenversagen verhindern könnte, machten wir noch vier Tage lang damit weiter, aber ich fuhr ihn zweimal täglich in die Tierarztpraxis, sodass unsere letzte gemeinsame Zeit nicht von Angst, sondern von Zuneigung geprägt war. Ich bin so dankbar, dass ich wusste, was Züngeln bedeutet. So krank Luke auch war, er züngelte nie wieder und wir konnten die letzten Tage in einem bittersüßen Nebel von Liebe und Kummer verbringen.

Aus den erzählten Begebenheiten erkennen Sie, dass jeder Hund anders ist. Beobachten Sie ab jetzt einmal Ihren Hund daraufhin, wann er züngelt. Vielleicht sehen Sie es nie, oder vielleicht sehen Sie es die ganze Zeit. Manche Hunde tun es, wenn man ihre Hinterpfoten in die Hand nimmt und hochhebt, denn die meisten Hunde mögen es nicht, wenn man ihre Hinterpfoten anfasst. Unterwürfige oder leicht ängstliche Hunde werden als Reaktion züngeln, während auf Status bedachte Hunde steif werden und ihre Kiefer zusammenpressen.19 (Die Hunde dazwischen werden zappeln, sich winden, Ihre Hand lecken oder sich auf den Rücken rollen.) Wenn Sie eine Vorstellung von der »Grundfrequenz« des Züngelns bei Ihrem Hund haben, können Sie leichter erkennen, wann er ängstlich ist oder sich unterlegen fühlt. Sie können dieses Wissen auch auf fremde Hunde anwenden. Ein Hund, der am ganzen Körper wedelnd mit tief getragenem Kopf und züngelnd auf Sie zukommt, bittet untergebenst um Aufmerksamkeit. Wenn ein Hund aber stillsteht, aus geschlossenem Fang heraus züngelt und dann seinen Kopf steif von Ihnen wegdreht, dann passen Sie auf, was Sie tun. Der Hund teilt Ihnen laut und deutlich mit, dass er sich unwohl fühlt und im Moment kein Interesse an einem Date mit Ihnen hat. Sie sollten diese Botschaft in Ihrem eigenen Interesse nicht ignorieren.

»ICH GÄHNE NICHT AUS LANGEWEILE«

Gähnen kann ein weiteres Signal dafür sein, dass Ihr Hund sich unwohl fühlt. Leicht ängstliche Hunde gähnen oft, worauf Hundetrainer und Verhaltenstherapeuten aufmerksam achten. Natürlich gähnen Hunde mitunter auch einfach deshalb, weil sie gerade aufgewacht und noch schläfrig sind. Machen Sie sich also keine Sorgen, dass jedes Gähnen gleich ein Alarmsignal sein muss. Trotzdem werden Sie Ihren Hund viel besser verstehen lernen, wenn Sie auf sein Gähnen achten. Gähnen ist eine hervorragende Einführung in das Thema »Calming Signals« (beruhigende oder beschwichtigende Signale), wie es eine norwegische Hundetrainerin namens Turid Rugaas in ihrem gleichnamigen Buch genannt hat. In diesem Buch legt sie dar, dass viele der in diesem Kapitel besprochenen Signale von Hunden dazu benutzt werden, andere Hunde zu beruhigen und beschwichtigen. Auch das Gähnen zählt sie zu diesen Signalen. Sie empfiehlt sogar, Hundebesitzer sollten einmal selbst versuchen, ihre Hunde in stressigen Situationen durch Gähnen zu beruhigen. Sie stimmt aber auch zu, dass Hunde gähnen, wenn sie ängstlich sind und man das Gähnen am häufigsten bei Hunden sieht, die umarmt werden, vom Tierarzt untersucht werden oder die stressige Begegnungen mit Artgenossen haben.

Dies führt uns zu zwei interessanten Feststellungen im Zusammenhang mit der Funktion vieler der eben besprochenen Signale. Eine davon ist, dass die gleiche Bewegung viele Bedeutungen haben kann, so, wie das Lächeln eines Menschen sowohl Freude als auch Nervosität bedeuten kann. Wenn der Grund eines Gähnens Müdigkeit oder Entspannung ist, dann liegt auch nahe, dass es eine beruhigende Wirkung auf andere haben muss. Geschieht es aber aus Angst, ist die Wirkung auf andere weniger klar. Eine zweite interessante Frage betrifft die Funktion des Gähnens selbst. Versucht der Gähnende, der »Sender des Signals«, den anderen absichtlich und bewusst zu beruhigen (oder zu beunruhigen), oder ist der Ausdruck ein ungesteuertes Ergebnis der Gefühle des Senders? Ich vermute, dass Letzteres öfter der Fall ist, zumindest was Signale wie Züngeln oder Gähnen betrifft. Ein ängstlicher Hund, der züngelt oder gähnt, versucht vermutlich nicht bewusst, ein anderes Individuum zu beruhigen – Sie erinnern sich, wir sagten, dass Gähnen unwillentlich geschieht, was auch auf das Züngeln zutreffen könnte. Trotzdem ist es durchaus sinnvoll, dieses Verhalten »Calming Signals« oder »Beschwichtigungssignale« zu nennen, weil sie das Gegenteil derjenigen Signale sind, die ein angriffsbereiter Hund zeigt. Hunde, die züngeln und gähnen, übermitteln auf keinen Fall die Botschaft »Ich habe keine Angst und kann dich gleich beißen«, wie sie ein steifer, unbeweglicher Körper und ein harter, kalter Blick ausdrücken. Es ist nachvollziehbar, dass Signale wie Gähnen die Gefühle von Hunden, die sie sehen, beeinflussen können, und deshalb ist es auch nachvollziehbar, sie »Beschwichtigungsignale« zu nennen.

Gähnen ist ein besonders interessantes Signal – nicht nur, weil es meistens unwillentlich geschieht, sondern auch deshalb, weil es fast unmöglich ist, jemandem dabei zuzusehen, ohne selbst gähnen zu müssen. Wir sind uns noch nicht einmal über die Funktion des Gähnens sicher, aber wir wissen, dass die meisten Menschen gähnen müssen, wenn sie jemand anderen gähnen sehen. Das perfekte Beispiel dafür, dass wir auch mit Hunden Gefühle austauschen, ist, dass das Gähnen eines Hundes auf Sie genauso ansteckend wirken kann wie das Gähnen eines Menschen.

FALTEN SIND TOLL

Ich hoffe, niemand kommt je auf die Idee, Botox bei Hunden einzusetzen, denn ein Hund mit Falten um die Augen ist ein Hund, der sich freut, Sie zu sehen. Die Augen eines Hundes sind eine wunderbare Informationsquelle darüber, was innen in seinem Kopf vorgeht. Es braucht Erfahrung, einige der Augen-Ausdrucksformen bei Hunden deuten zu lernen, aber Falten um die Augen sind leicht zu erkennen. Genau wie bei lächelnden Menschen, bei denen sich freundliche Augenfältchen bilden, haben auch Hunde, die sich über die Begegnung mit Ihnen freuen, eine Menge haariger Krähenfüße rund um die Augen. Schauen Sie einmal hin, wie sich die Muskeln rund um die Augen zusammenziehen – genau wie unsere, wenn wir glücklich sind oder uns amüsieren. Vergleichen Sie die Augen der Hunde und der Menschen mit den »glücklichen Gesichtern« auf den Fotos und Sie werden sehen, dass bei beiden Spezies die Muskeln rund um die Augen wichtiger Bestandteil des Ausdrucks sind. Mein Eindruck ist, dass die Augen umso mehr Falten werfen, je untergebener ein Hund ist – deshalb bin ich mir nicht so ganz sicher, dass zwinkernde Augen bei Hunden so direkt mit dem Glücksgefühl zusammenhängen wie bei uns. Es scheint so, dass die sanftmütigsten Hunde bei der Begrüßung zwinkern. Das ähnelt den Berichten von Wolfsforschern, die Falten um die Augen als einen der vielen Ausdrücke für Unterwerfung oder Beschwichtigung eingeordnet haben.

Dagegen haben Hunde, die auf Hab-Acht-Stellung, überrascht oder ängstlich sind, oft gerundete Augen. Hierin sind sie Menschen nicht unähnlich, die ihre Augen bei Schreck oder Überraschung ebenfalls runden. Deutliche Beispiele dafür finden Sie auf den Gesichtern beider Spezies im Bildteil. Pip hatte Angst vor Gewitterdonnern, und wenn sie nach einem besonders lauten Krachen ins Bett gesprungen kam, waren ihre Augen immer so groß und rund wie Pfannkuchen. Gerundete Augen sind ein sicheres Zeichen dafür, dass der Hund entweder Angst hat oder sehr erregt ist. Erweiterte Pupillen gehen ebenfalls mit Angst oder Aufregung einher, aber sie können schwierig zu erkennen sein – zumindest werden Sie bestimmt nicht nah an einen Hund in diesem möglichen Gefühlszustand herangehen wollen, um zu sehen, ob seine Pupillen erweitert sind. Ob die Augen runder sind als normal, können Sie hingegen immer beurteilen. Bedenken Sie, dass verschiedene Rassen von Natur aus verschieden geformte Augen haben: Malamutes haben mandelförmige Augen, während Chihuahuas und Cavalier King Charles Spaniels große, runde Augen haben. Wichtig ist, wie sich die Augen im Vergleich zu ihrem Normalzustand verändern. Wenn Sie auf die Augenform Ihres Hundes achten, während Sie beide entspannt zuhause herumhängen, werden Sie auch in der Lage sein, die kleinen Veränderungen wahrzunehmen, wenn Sie beim Tierarzt sind oder draußen einem fremden Hund begegnen.

WARME AUGEN, WARMES HERZ

Noch ein weiteres Merkmal der Augen ist wichtig, das allerdings schwieriger zu beschreiben ist. Jeder, der schon einmal mit einem aggressiven Hund gearbeitet hat, weiß, was ich meine, wenn ich sage, der Blick eines Hundes sei »hart« geworden. Kunden beschreiben häufig, die Augen hätten »kalt« ausgesehen, kurz bevor der Hund geschnappt oder gebissen hätte. Diese Veränderung hat nichts mit Pupillenform oder Färbveränderung zu tun, und trotzdem ändert sich irgendetwas in den Augen, sodass sie hart werden wie kalter Stahl. Das Aussehen ähnelt dem, was wir beim Menschen als durchdringenden, bösen Blick bezeichnen.20 Freundliche, entspannte Hunde haben den weichen, glänzenden Blick, den wir mit Babys und Liebenden assoziieren, während Hunde, die drauf und dran sind, jemanden zu verletzen, den gleichen Blick haben wie kaltblütige Killer. Möglicherweise haben Sie diesen Blick noch bei keiner der beiden Spezies gesehen, und wenn Sie Glück haben, werden Sie ihn auch nie sehen. Nachdem ich ernsthaft in das Hundetraining eingestiegen war, verbrachte ich ein paar Jahre damit, nach diesem Blick zu suchen und war frustriert, weil ich dachte, ich sei nicht gut genug, um ihn zu erkennen. Dann drehte ein Hund in meinem Büro sich einmal zu mir um, als ich etwas aufhob, das er haben wollte – und in einem einzigen Moment war alles anders. Sein Blick, so hart und kalt wie ein Wintermorgen in Wisconsin, schien direkt in mein Herz zu schneiden. Noch lange, bevor der bewusste Teil meines Gehirns sagte »Oh, so sieht das also aus!« hatte mein Körper schon mit einem gewaltigen Ausstoß von Adrenalin und einem kurzen Aussetzen des Herzschlags, gefolgt von umso stärkerem Herzklopfen, reagiert. Als perfektes Beispiel für selektive Wahrnehmung wusste mein Gehirn sofort, dass von all den Signalen, die dieser Hund mit Gesicht und Körper übermittelte, der harte Blick das einzig Wichtige war. Ich kann mich bis heute genau erinnern, wie er aussah, auch wenn ich kaum mehr weiß, was sonst noch an diesem Tag geschah.

Ich wünschte, wir wüssten genau, was im Auge sich da verändert, aber wir können nur mutmaßen. Jeff Baylis, einer meiner Professoren, hatte die beste Hypothese dazu, die ich bis jetzt gehört habe. Sie beruht auf der Tatsache, dass die Augen von Säugetieren sich die ganze Zeit vor- und zurückbewegen, und zwar so schnell und in so kleinen Schritten, dass wir es gar nicht wahrnehmen. Dies ist eine der Methoden unseres Gehirns, so viel Information wie möglich über die Umwelt zu sammeln. Durch die Bewegungen können die Augen dem Gehirn ständig Informationen aus zwei verschiedenen Perspektiven liefern. Diese Bewegungen mögen winzig sein, aber sie müssen wichtig sein, sonst würden wir nicht so viel Energie auf sie verwenden. Wenn diese Bewegung so stark wird, dass sie sichtbar wird – etwas, das zum Beispiel bei einem epileptischen Anfall oder bei einer Fehlfunktion des Gehirns passiert – nennen wir das Nystagmus.

Vielleicht hört diese normalerweise stattfindende mikroskopisch geringe Bewegung auf, wenn die Gefühle eines Hundes oder eines Menschen sich in reine Wut verwandeln. Diese Annahme passt zu unserem Wissen, dass ein vorgewarntes Gehirn eine ganz kurze Vollbremsung macht, bevor es mit einem Sturm von Elektrizität und chemischen Botschaften reagiert. Wir können mit gutem Grund annehmen, dass es eine ähnliche Mikropause auch dann im Organismus gibt, bevor er mit Wut reagiert.

Was immer auch diese Veränderung im Blick auslösen mag – geben Sie sich keine Mühe damit, sie sehen lernen zu wollen. Wenn ein Hund Sie hart und kalt anschauen sollte, dann wird Ihr Körper Ihnen das schon sagen, glauben Sie mir. Geben Sie nur Acht darauf, was Ihr Körper Ihnen zu sagen versucht, denn er schickt Ihnen damit eine sehr wichtige Information.

Ich werde nie vergessen, wie ich einmal den Tierverhaltensexperten John Wright anrief, nachdem ich eine Sitzung mit einem meiner ersten Kunden gehabt hatte. Ich hatte gerade erst in diesem Beruf angefangen und John arbeitete schon seit vielen Jahren mit aggressiven Hunden, sodass mir seine Meinung wichtig war. Ich rief ihn nicht deshalb an, weil ich einen Behandlungsplan von ihm haben wollte, sondern weil ich dringend Trost und Zuspruch brauchte: Ich hatte zutiefst Angst vor einem Standardpudel bekommen, auf dessen Blick hin sich meine Nackenhärchen aufrichteten. Wie so viele Anfänger in diesem Metier hatte ich die falsche Vorstellung, dass mein Wissen und meine Professionalität Gefühle wie Angst in der Arbeit mit Hunden ausschließen müssten. Diese Vorstellung fiel in sich zusammen, als der Hund in Richtung meines Gesichts zu springen begann, höher und höher, ohne das geringste Zeichen von Freundlichkeit in seinen Augen. Innerhalb von Sekunden waren mein Körper und mein Gehirn der gleichen Meinung: »Hab Angst,« sagten sie. »Hab richtig Angst.«

Ich hatte Angst gehabt, und das kam mir nun vor wie ein Versagen. »Wie kann ich so ängstlich sein und mich Tierverhaltenstherapeut nennen?« fragte ich John. »Wie könntest du dich so nennen, wenn du keine Angst hättest?« konterte er. »Der Hund hat dich bedroht, und dein Körper wusste das sofort. Hör auf deinen Körper, wenn du mit Hunden arbeitest, er gibt dir unbezahlbare Informationen.« Er hatte Recht. Die Augen des Hundes waren so kalt wie Granit, und heute kann ich rückblickend aus siebzehnjähriger Erfahrung in diesem Beruf sagen, dass ich damals ohne jeden Zweifel von einem Hund bedroht wurde, der mich ernsthaft verletzen wollte. Dieser Fall half mir, die Weisheit meines Körpers zu meinem Vorteil ausnutzen zu lernen. Freuen Sie sich also über die Signale Ihres Körpers, anstatt sie zu unterdrücken versuchen.

Der Ausdruck der Augen mag unglaublich schwer in Worten zu beschreiben sein, aber erfahrene Verhaltenstherapeuten und Hundehalter aller Richtungen stimmen darin überein, dass er der Schlüssel dazu ist, wie wir Hunde beurteilen. Nach Aussage von Psychologen erkennen Menschen Angst und Wut vor allem aus den Augen, Glück hingegen vor allem am Mund.

Sicher sind nach vorn gezogene Lefzenwinkel ein wichtiger Hinweis für jemanden, der einen Hund beobachtet, aber nichts ist vergleichbar mit der puren, reinen Wut, die ein Hund mit seinen Augen ausdrücken kann. Wenn Sie einem Hund begegnen, der seinen Kopf dreht, um Ihnen direkt in die Augen zu sehen und dessen Blick dabei hart und kalt wird, dann sind Sie besser beraten, die Spannung durch ruhiges Sprechen und Ablenken mit »Spaziergang?« oder »Fressen?« zu lockern, anstatt auf Konfrontationskurs zu gehen. Direkter Blickkontakt mit hartem Blick heißt in der Regel, dass der Hund kampfbereit ist – und wenn Sie nicht in eine Kneipenschlägerei mit einem Gegner verwickelt werden wollen, der wesentlich besser bewaffnet ist als Sie, sind Sie besser damit beraten, die Situation zu entschärfen, bis er sich beruhigt hat. Ich möchte Ihnen damit nicht erklären, dass Ihr Hund Sie nur böse ansehen muss, damit Sie ihm das Sofa oder den Kauknochen überlassen, aber solche Probleme sollten gelöst werden, bevor eine direkte Konfrontation entsteht – und nicht mitten in einer solchen.

Wenn Ihr Blut in den Adern gefriert, wenn ein Hund Ihnen direkt in die Augen schaut, dann hören Sie auf Ihren Körper, unterbrechen Sie Ihre derzeitige Handlung, schauen Sie zur Seite und verlagern Sie die Aufmerksamkeit auf Essen oder Spazierengehen. Dann verwenden Sie Ihre Energie darauf, einen fähigen und verständnisvollen Tierverhaltenstherapeuten zu finden, der Ihnen aus dieser Lage heraushilft.21

»WALAUGEN«

Es gibt noch einen weiteren Ausdruck, der mit den Augen zu tun hat und auf den die Profis achten, um die Gefühlslage eines Hundes einzuschätzen, der aber für die Allgemeinheit der Hundefreunde nicht so intuitiv erkennbar ist. Sue Sternberg, eine Expertin auf dem Gebiet der Aggression bei Hunden, hat ihn als »Walauge« bezeichnet. Er ist zu sehen, wenn Kopf und Augen nicht in die gleiche Richtung schauen, sodass Sie das Weiße auf einer Seite des Auges erkennen können.22 Schauen Sie sich das Foto des Hundes mit diesem Ausdruck auf Seite 190 oben an und Sie wissen, was ich meine. Dieser nervöse Hund ist so verängstigt von dem, was er sieht, dass er eigentlich seinen Kopf wegdrehen möchte, aber andererseits hat er zu viel Angst, um seinen Blick von dem Angst auslösenden Objekt abzuwenden. Am häufigsten sehe ich diesen Ausdruck bei Hunden, die Angst vor fremden Menschen oder fremden Hunden haben. Wenn Sie ein Beispiel dafür sehen möchten, wie das Gleiche beim Menschen aussieht, dann gehen Sie ins Kino und schauen einen Horrorfilm an. Wenn etwas Erschreckendes passiert, werden Sie sehen, wie die Kinozuschauer ihre Köpfe wegdrehen, aber die Augen auf das Monster auf der Leinwand geheftet lassen. Der rationale Teil unseres Gehirns versteht zwar, dass die Gefahr nur auf der Leinwand besteht, aber der emotionale Teil des Gehirns ist sich jederzeit bewusst, dass der Außerirdische jeden Moment von dort hervorspringen und uns angreifen könnte und es deshalb ratsam ist, ihn nicht aus den Augen zu lassen.

Hunde scheinen die Situation ähnlich zu bewerten, denn ängstliche Hunde drehen ihren Kopf weg, als ob sie es nicht aushalten könnten, dem Monster direkt gegenüberzustehen, aber sie halten ihre Augen fest auf das gerichtet, was ihnen Angst macht. Dieser Ausdruck ist etwas vollkommen anderes als der harte, direkte Blick eines selbstbewussten Hundes. Zwar könnten beide Hunde alle möglichen Schwierigkeiten machen, aber ein Hund, der »Walaugen« macht, sagt Ihnen damit eindeutig, dass er wirklich schreckliche Angst hat. Sie tun ihm keinen Gefallen, wenn sie das ignorieren oder ihn dazu zwingen, sich der Gefahr hier und jetzt direkt zu stellen.

Es gibt allerdings eine Ausnahme von der Regel, dass man sich vorsichtig gegenüber einem Hund verhalten sollte, der das Weiße in den Augen zeigt: Den gleichen Ausdruck habe ich auch schon in den Gesichtern völlig entspannter Hunde gesehen, die schlicht und einfach – mir fällt keine bessere Beschreibung dafür ein – amüsiert wirkten. Schauen Sie sich einmal Lukes Gesicht auf der letzten Bildseite an: Sein Kopf ist teilweise mir und teilweise dem Fotografen zugewendet, während seine Augen direkt in die Kamera schauen. Den gleichen Ausdruck können Sie auf den Gesichtern von Elizabeth Marshall Thomas’ Hunden sehen, die auf dem Titelbild ihres Buches Das geheime Leben der Hunde abgebildet sind. Ich habe ihn nicht sehr häufig gesehen und möchte an dieser Stelle ganz klar machen, dass ich nur eine reine Vermutung äußere – aber ich kann mir nicht helfen, für mich sieht es ganz genauso aus, als ob der Hund sich gemeinsam mit der Person, die er gerade anschaut, köstlich amüsiert. In Lukes Fall habe ich den dummen Verdacht, dass er sich über meine Frisur lustig machte.

WEGSCHAUEN

Achten Sie im Zusammenhang mit dem Hin- oder Abwenden des Kopfes auch einmal darauf, wie oft ein Hund seine Richtung ändert, um damit zu vermeiden, einen anderen Hund oder eine andere Person direkt ansehen zu müssen. Sie können das sehen, wenn ein Hund beim Vorbeigehen an einem anderen Hund seinen Kopf wegdreht, weil zwischen beiden Spannung herrscht oder sie sich zuvor noch nie begegnet sind. Wenn Sie darauf zu achten beginnen, in welche Richtung der Hundekopf sich orientiert, wird Ihnen auffallen, dass Hunde bemerkenswert viel Energie darauf verwenden, direkten Blickkontakt mit anderen zu vermeiden, solange diese nicht gerade gute alte Freunde sind. Am schönsten können Sie das auf einem gemeinsamen Gruppenfoto von Menschen und Hunden sehen: Alle Menschen schauen sich entweder gegenseitig an oder in die Kamera, während die Hunde voneinander wegschauen.

Das ist so lange kein Problem, wie wir die Bemühungen unserer Hunde, Konflikten mit anderen aus dem Weg zu gehen, auch respektieren. Manche Hunde scheinen das Wegschauen zum Abbauen von Spannungen einzusetzen. Oft ist es ein Zeichen für einen freundlichen, gut sozialisierten Hund. Luke und Lassie haben beide mit mir zusammen an Hunderten von Fällen mit intraspezifischer Aggression (Aggression Hund gegen Hund) gearbeitet, jedes Mal ihren Kopf weggedreht, wenn ein aus Verteidigungshaltung heraus aggressiver Hund in ihre Richtung schaute. Wenn sie den Blick erwidert hätten, hätte der andere Hund sofort mit tiefer Stimme wild zu bellen begonnen, aber indem sie ihren Kopf wegdrehten, hielten sie die Situation entspannt und gingen einem Blickduell aus dem Weg, das Hunde so sehr provoziert.

Manchmal drehen auch selbstbewusste Hunde von hohem sozialen Status ihren Kopf weg, wenn ein im Status niedrigerer, untergebener Hund sie begrüßt. In diesem Fall ist es so, als ob der statushöhere Hund den Unnahbaren spielen oder mitteilen würde, dass er dem anderen nur dann gnädig seine Aufmerksamkeit schenken wird, wenn ihm der Sinn danach steht. Hunde können aber auch wegschauen, wenn sie selbst Angst haben. Wenn ein Hund bei Annäherung eines fremden Menschen züngelt und den Kopf wegdreht, teilt er mit, dass er Angst hat und ist sicherlich kein Hund, der jetzt gerne gestreichelt werden möchte. Achten Sie ab jetzt einmal auf die Richtung des Kopfes, wenn ein Hund ihm unbekannte Menschen oder Hunde begrüßt – Sie werden viel darüber lernen, wie er sich fühlt.

SPRECHENDE AUGENBRAUEN

Wenn wir Menschen missbilligend die Stirn runzeln, bewegen wir die Mittelpartie unserer beiden Augenbrauen nach unten und aufeinander zu. Auch Hunde runzeln die Stirn – ein weiteres Signal, das relativ leicht erkennbar ist, wenn Sie erst einmal bewusst darauf achten. Es ist offensichtlich, dass diese Signale in der sozialen Kommunikation wichtig sind – bei beiden Spezies sind die Muskeln über den Augen betont hervorgehoben: bei uns durch Behaarung und bei den meisten Hunden durch Färbung.23 Schauen Sie sich einmal die Fotos von Lassie an, die das ausdrucksstärkste Gesicht aller Hunde hat, die ich je besaß. Wenn wir zum Arbeiten zum Schafstall gehen, strahlt die Vorfreude wie Sonnenschein aus jeder einzelnen ihrer Körperporen. Ihr Fang öffnet sich – nein, ihr ganzes Gesicht öffnet sich in dieser bestimmten Art von entspannter Freude, die einen selbst nur vom Hinschauen schon glücklich macht. Wenn Sie hingegen auf dem Fußboden liegt und mir dabei zusieht, wie ich meine Koffer für eine Geschäftsreise packe, falten sich ihre Augenbrauen nach vorn, womit sie einem stirnrunzelnden Menschen erstaunlich ähnlich sieht. Lassie runzelt ihre Stirn so oft, dass einer meiner Spitznamen für sie »Runzelnase« ist.

Ihre oft in Falten gezogenen Augenbrauen sind einer der Gründe für meine Annahme, dass sie nicht immer ein glücklicher Hund ist. Sicherlich war sie das reinste Wrack, als sie zu mir kam: Aufgezogen von einer Mutter (der hündischen), die ihre Welpen hasste, verbrachte sie ihr erstes halbes Lebensjahr in einem Haus mit vier Kleinkindern und einer überforderten allein erziehenden Mutter (der menschlichen). Das Leben auf meiner Farm tat ihr sehr gut, und nach einem Jahr Hütearbeit an den Schafen, intensivem Training und Spielen mit ihrem Vater Luke, den sie vergötterte, hörte Lassie endlich damit auf, sich zwanghaft auf der Stelle zu drehen und alles abzulecken, was sich in Reichweite ihrer Zunge befand. Noch elf Jahre später, im reifen Alter von zwölf, scheint Lassie die Welt um sich herum mit großer Ernsthaftigkeit wahrzunehmen. Wenn Sie alle fünf Minuten ein Foto von ihr machen würden, würden die meisten Bilder einen Hund zeigen, der seine Augenbrauen – wenn auch nur ganz leicht – zusammenzieht. Psychologen sind der Meinung, dass Menschen einen »Ausgangspunkt« für Glück haben, der sowohl von ihrer Genetik als auch ihren frühen Erfahrungen bestimmt wird und ich bezweifle nicht, dass dies für Hunde wie Lassie genauso zutrifft wie für Menschen.24

Manche Hunde ziehen die Augenbrauen nur selten zusammen, sodass es sein kann, dass Sie diesen Ausdruck bei Ihrem eigenen Hund vielleicht nie sehen. Ich glaube, ich habe das »Stirnrunzeln« bei Pip oder Tulip noch nie gesehen. Luke zeigte es einige wenige Male, wenn ich ihn bei der Hütearbeit mit einem dummen Kommando durcheinander brachte oder wenn ich ihn von den Schafen abrief, obwohl er noch weiterarbeiten wollte. Außerdem spannte er viele seiner Gesichtsmuskeln an, wenn er, wie ich glaube, Angst vor etwas hatte. Im krassen Gegensatz zu den lockeren Muskeln eines entspannten Hundes spannten sich Lukes Gesichtsmuskeln sichtbar über seinen gesamten Kopf; besonders unter seinen Augen war diese Anspannung offensichtlich. Die drei Fotos des Hundes Gus im Bildteil des Buches sind ein gutes Beispiel für den Übergang von »entspannt und glücklich« zu »müde und gereizt«. Nicht nur sein Fang verändert sich von offen zu geschlossen, sondern der offensichtlichste Unterschied ist die Anspannung seiner Gesichtsmuskeln – besonders unter den Augen. Die Gesichter bekümmerter oder angespannter Hunde sehen fast so aus, als hätte ihnen jemand die Flüssigkeit entzogen. Sie verlieren das volle, glatte Aussehen entspannter Muskeln und haben einen abgekämpften, ausgelaugten Ausdruck.

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18+
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610 стр. 18 иллюстраций
ISBN:
9783942335713
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Bookwire
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