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Leben in der Spur des Todes
www.aquensis-verlag.de
Pamela Katharina Körner
Leben in der Spur des Todes
Der Unfalltod meiner Familie
und die Reise ins Leben danach


Mein Sohn Karl
† 13. August 2005

Mein Lebensgefährte Kai
† 13. August 2005

Mein Bruder Stephan
† 13. August 2005
Ich widme dieses Buch
meinem Lebensgefährten Kai,
meinen Brüdern Stephan und Michael
und meinen Kindern Karl, Lina und Anna
sowie allen anderen Kindern in unserer Familie,
die nicht leben durften.
Inhalt
Überleben
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Mein Leben vor der Katastrophe
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Heile dein Leben
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Überleben
1
Fast alles hatte ich an diesem Samstag erledigen können, was an Vorbereitungen für die festliche Taufe von Karl, Lina und Anna am nächsten Tag zu tun war. Es sollte ein großer Tag der Freude werden! Kai, mein Lebensgefährte, unser drei Jahre alter Sohn Karl und mein Bruder Stephan waren am Vormittag von Kais bestem Freund zu einer Auto-Ausfahrt abgeholt worden, mit einem schicken Jaguar mit fast 400 PS.
Jetzt, am späten Nachmittag, war ich zwar etwas geschafft, aber zufrieden und voller Vorfreude. Die Zwillingsmädchen Lina und Anna, die kurz vor ihrem zweiten Geburtstag standen, hielten im Kinderzimmer ihren gewohnten Mittagsschlaf und ich begann, das Abendessen für uns alle vorzubereiten. Kais Freund sollte an diesem Abend natürlich mit am Tisch sitzen.
Es war gegen 17 Uhr, als ich die Türklingel hörte.
„Meine Familie kommt von ihrem Ausflug zurück“, dachte ich und ging zur Tür, „bestimmt haben sie Hunger, und ich bin noch nicht fertig mit dem Abendbrot.“
Es waren nicht meine drei und Kais bester Freund, wie ich erwartet hatte – vor der Tür stand ein Polizist, begleitet von zwei Frauen.
Ängstlich schaute ich den jungen Polizisten an, der etwas hilflos vor mir stand. Er sah zu Boden und sagte leise, es habe einen Unfall gegeben. Einen Unfall? Meine Familie im Krankenhaus? Ich muss sofort hin und mich um sie kümmern!
„Einen schweren Unfall“, sagte der junge Polizist und konnte mir immer noch nicht in die Augen sehen – Panik kroch in mir hoch und ich fragte zuerst nach meinem Sohn Karl.
Er schüttelte den Kopf.
Ich schrie: „Tot?“
„Mein Bruder?“ Wieder schüttelte er den Kopf.
„Mein Mann?“ Und noch einmal schüttelte er den Kopf.
Kopfschütteln hieß also: tot!
Nicht verletzt im Krankenhaus. Tot.
Die beiden Frauen, die den jungen Polizeibeamten begleiteten, stellten sich als Seelsorgerinnen heraus. Ich nahm sie nicht wirklich wahr. Ich rief meine beiden besten Freundinnen an, die sofort zu mir kamen und mich stützten und festhielten, denn von diesem Moment an spürte ich nicht mehr den Boden unter meinen Füßen.
Der Unfallverursacher und beste Freund meines Lebensgefährten hatte den Unfall nahezu unverletzt überlebt. Mein Sohn, mein Bruder und mein Mann hingegen waren tot – verbrannt auf einem Rastplatz, zwischen Holzbänken und Müllbergen.
Ich fiel ins unvorstellbar Bodenlose, ich war entwurzelt. Es war, als hätte mir jemand ein Messer in mein Herz gestoßen und es entzweit. Ich fühlte mich ohnmächtig vor Schmerz und Leid.
Die Zwillinge waren in der Zwischenzeit vom Mittagsschlaf aufgewacht – von dieser Minute an waren sie zu Halbwaisen geworden mit einem toten Bruder und ohne Onkel. Sie würden nie mehr zu dritt spielen, der große Bruder würde sie nie beschützen können und Onkel Stephan würde sie nie mehr spazieren fahren, nie mehr mit ihnen schmusen, lachen und spielen.
Wie in Trance rief ich meinen Vater und Kais Familie an.
Mein Vater kam sofort und wir verbrachten die ganze Nacht in Karls Kinderzimmer. Ich schaute auf die Spielsachen, die Plüschtiere, und ich wusste: Karl würde sie nie mehr berühren. Abwechselnd nahm ich immer ein anderes Tier an mich, vergrub mein Gesicht darin, weil ich meinem Sohn immer wieder nahe sein, ihn riechen wollte. Ich nahm einen Berg voll Kleider an mich, die ich schon zum Waschen bereit gelegt hatte, und legte meinen Kopf darauf. Es roch noch alles nach ihm.
Er konnte doch nicht tot sein! Er darf nicht tot sein!
Ich hätte ihn so gerne noch einmal berührt. Ich versuchte immer wieder, den Kuss zu spüren, den wir uns am Morgen beim Abschied auf den Mund gegeben hatten. Es war unsere letzte Berührung gewesen. Die Sehnsucht nach ihm brachte mich fast um den Verstand. Der Schmerz über den Tod von Karl ließ keinen Raum mehr für anderen Schmerz. Obwohl mich der Tod von Kai und Stephan nicht weniger verzweifeln ließ, war doch der sinnlose Verlust des Kindes für mich, seine Mutter, unerträglich.
Fragen quälten mich unermesslich.
Warum?
Hatte mein Sohn im Todeskampf verzweifelt nach mir, seiner Mama geschrieen? Haben sie alle noch gelebt nach dem Aufprall?
Waren Karl, Kai und Stephan so schwer verletzt, dass sie den Flammen des todbringenden Feuers, das von hinten immer näher kam, nicht entfliehen konnten?
Waren sie eingeklemmt?
Haben sie noch etwas sagen können – und wenn ja, was?
Mussten sie leiden?
Wer starb zuerst?
Wenn mir vor Erschöpfung die Augen zufielen, dann hatte ich immer das Bild eines brennenden Autos vor mir.
Mein Kind war gestorben und ich war nicht bei ihm. Ich hatte versagt, nicht genügend aufgepasst. Die Polizei sagte mir später, dass sie unseren Sohn zuerst nicht finden konnten. Sein Vater lag über ihm. So starb Karl wenigstens in den Armen seines Vaters – zusammen sind sie hinübergegangen. Das tröstete mich ein klein wenig.
Mein Vater und ich hielten uns die ganze Nacht gegenseitig, drückten uns aneinander. Wir konnten nicht verstehen, was passiert war, dass uns Gott nicht wenigstens einen unserer Lieben zurückgebracht hat. Ich fluchte auf Gott, wo war seine schützende Hand? Er hatte mich verlassen.
Wo war er, der gute, der gütige – der liebe Gott?
Rasch tritt der Tod den Menschen an, es ist ihm keine Frist gegeben. Es stürzt ihn mitten in der Bahn, es reißt ihn fort vom vollen Leben.
Friedrich Schiller
2
Das war also der Tag, als der Tod mein Leben berührte. Endgültig.
Ich konnte nicht begreifen, wie ein ganz normaler Tag sich von einer Sekunde auf die andere in ein schwarzes Loch hatte verwandeln können, das unerbittlich und unumkehrbar alles verschlang.
Hatten wir nicht einen angenehmen Morgen gehabt an diesem Tag? Ich hatte – warum, weiß ich nicht mehr – unsere Kinder besonders hübsch angezogen und sogar noch ein Foto von allen dreien gemacht.
Hatten nicht erst am Vormittag „meine drei Männer“ fröhlich unsere Wohnung verlassen, um mit Kais Freund einen Ausflug zu machen? Stephan, mein Bruder, hatte eigentlich nicht mitfahren wollen. Doch ich hatte ihn ermutigt, sich „etwas Gutes“ zu tun, schließlich stand er mir Tag und Nacht bei der Versorgung meiner Kinder zur Seite.
War es nicht einfach ein ganz normaler Tag gewesen? Ich hatte viel um die Ohren gehabt, denn am nächsten Tag sollte die Taufe von Karl und den anderthalb Jahre jüngeren Zwillingsmädchen Lina und Anna sein. Viele Vorbereitungen waren noch zu treffen und ich war den größten Teil des Tages in der Stadt unterwegs gewesen, um alles zu besorgen.
Doch es war schließlich alles andere als ein normaler Tag: Der Ausflug sollte für Kai, Stephan und Karl eine Fahrt in den Tod werden, meine Familie war von einer Minute zur anderen unverschuldet ins Jenseits katapultiert worden! Das Foto, das ich noch morgens gemacht hatte, sollte das letzte Foto sein, auf dem unsere drei Kinder gemeinsam zu sehen sind. Und es sollte das letzte Foto meines Sohnes Karl sein – wenige Stunden später war er tot.
Was war das für ein Tag, an dem ich keine Unruhe, keine böse Vorahnung oder dergleichen in mir gespürt habe. Nichts, was mich hätte beunruhigen können – bis zu dem Moment, als der junge Polizist vor mir stand. Im Nachhinein frage ich mich immer wieder, wie es sein kann, dass ich als Mutter nicht spüren konnte, dass mein Kind schon seit einigen Stunden tot war.
Ich wollte wenigstens Abschied nehmen von meiner Familie. Sie noch einmal sehen, berühren. Doch als die Kriminalpolizei ins Haus kam, um Speichelproben von mir zu entnehmen, da musste ich erkennen, dass mir nicht einmal dieser letzte Abschied möglich war – mein Bruder und mein Lebensgefährte hatten nicht identifiziert werden können. Deshalb die Speichelproben.
Als die Kriminalpolizei wieder gegangen war und ich wusste, dass meine Familie zur Obduktion nach Freiburg gebracht werden würde, fasste ich den Entschluss, dem Leichenwagen hinterherzufahren – wenigstens im Tod wollte ich da sein. Aber ich sah Kai, Karl und Stephan nie wieder!
Als ich mit beiden Seelsorgerinnen auf der Couch im Wohnzimmer saß, bat mich der Polizist um die private Telefonnummer des Fahrers, da seine Frau von dem Unfall noch nicht unterrichtet war. Auch ich hatte erst sehr spät von dem Unfall unterrichtet werden können (er hatte sich schon am Samstagvormittag ereignet), da die Polizei nicht wusste, um wen es sich im Auto handelte. Der Polizist rief von meinem Telefon aus die Frau des Fahrers an und überbrachte ihr die Nachricht vom Unfall. Sie fragte nach meiner Familie – ich hörte durch den Hörer einen lauten Schrei.
Unter Schock saß ich, wie lange weiß ich nicht mehr, im Wohnzimmer, bis ich mich irgendwann entschloss, das zubereitete Essen zu entsorgen. Ich verpackte alles in Tüten und verließ das Haus, um es gleich in den Mülltonnen zu entsorgen. Da kam mir in unserer Einfahrt die Frau des Fahrers in Begleitung einer Freundin, die ich auch kannte, entgegen und richtete mir von ihrem Mann aus, dass ich mir keine Sorgen machen müsse, er würde für mich und meine Kinder sorgen. Auf der einen Seite war es mutig von der Frau, mich aufzusuchen, auf der anderen Seite konnte ich eine solche Begegnung nur im Schockzustand aushalten. Ich ging schnell wieder ins Haus zurück.
Erst einige Zeit später erfuhr ich, dass die Frau des Freundes auch an dem Ausflug hatte teilnehmen wollen. Als der von ihr bestellte Babysitter, eine ältere Dame, kam, um auf ihren damals einjährigen Sohn aufzupassen, fiel die ältere Dame so unglücklich, dass sie sich den Arm brach. So nahm die Frau des Freundes nicht an der „Todesfahrt“ teil, weil sie den Babysitter in das Krankenhaus fuhr. Das ist Schicksal – ihre Zeit war noch nicht gekommen.
Ich rief den Freund, den Fahrer und damit Verursacher des Unfalls an, ich wollte Antworten. Ich flehte ihn an, mit mir zu reden. Was waren ihre letzten Worte? Sind sie bei lebendigem Leib verbrannt? Wie ist es passiert? Ich hörte zwar viele Worte, bekam aber doch keine Antworten.
In den Tagen danach funktionierte ich nur. Ich telefonierte zuerst mit dem Pfarrer und teilte ihm mit, dass es morgen keine Taufe geben würde, sondern dass wir eine Beerdigung organisieren müssten. Beim Bäcker bestellte ich die Tauftorte ab. Ich rief alle Freunde meines Lebensgefährten an, wir weinten gemeinsam am Telefon. So vieles musste geregelt werden und ich war froh und dankbar, dass mich ein Rechtsanwalt und guter Freund in der Abwicklung aller notwendigen Aufgaben unterstützte.
Die Beerdigung erlebte ich immer noch im Schockzustand. Drei weiße Urnen mit den Namen meiner Lieben. Sie waren gefüllt mit den Überresten der Körper vom Rastplatz. Neben der Urne meines Sohnes stand seine Taufkerze. Sie brannte zum ersten Mal am Tag seiner Beerdigung. Wir waren eine Stunde vor Beginn der Trauerfeier da. Gestützt von meiner Freundin setzte ich mich in die erste Reihe. Meine andere Freundin stützte meinen Vater, ich konnte ihm in diesem Moment keinen Halt geben, drohte ich doch selbst jeden Augenblick zusammenzubrechen. Ich musste immer wieder die Urnen anfassen. Mir fehlte das „Abschiednehmen“, das Anfassen, das Begreifen.
Anna und Lina hatte ich bei meinem Babysitter gelassen, der in der Vergangenheit schon oft auf die beiden aufgepasst hatte. Als wir, mein Vater, Kais Familie und ich das Haus verließen, weinten beide Kinder. Schrecklich – es war, als hätten sie gewusst, dass wir uns auf den Weg machen, ihren Vater, ihren Bruder und ihren Onkel zu Grabe zu tragen.
Ich bedankte mich innerlich bei meinem Lebensgefährten für die gemeinsame Zeit mit ihm, für seine mir entgegengebrachte Liebe, für Anna und Lina, die mich fürs Erste am Leben hielten.
Vor Karls Urne fehlten mir die Worte. Sein Tod hat mir sprichwörtlich die Sprache verschlagen. Fassungslosigkeit beim Lesen seines Namens auf der Urne. Unser Wunschkind, mein Erstgeborener in einer Urne? Nein, nein, nein! Ich wollte ihn zurück haben. Ich wollte nicht ohne ihn leben.
Meinen Bruder Stephan und mich verband eine große Geschwisterliebe. So sehr wir uns auch in den Kindertagen stritten, desto enger wurde unsere Verbindung als Erwachsene. Egal, in welcher Situation ich mich befand: Immer half mein Bruder mir.
Nach der Beisetzung fuhren wir nach Hause, an Essen oder ein Beisammensein war nicht zu denken. Anna und Lina liefen mir strahlend in die Arme – dem Tod und dem Leben so nah.
Meine neues Zuhause wurde der Friedhof, während das Leben um mich herum einfach so weiterging. Die Vögel zwitscherten ein Lied, die Sonne ging auf und versprach einen schönen Sommertag, Geschäfte öffneten – so wie immer, als wäre nichts passiert. Ich befand mich mitten in diesen für alle anderen so alltäglichen Normalitäten – aber ohnmächtig vor Schmerz, hilflos, orientierungslos, heimatlos.
In der darauf folgenden Zeit ging ich jeden Morgen auf den Friedhof, legte mich dort vor das Grab, weil ich keine Kraft mehr hatte zu stehen. Die Kieselsteine drückten sich in meine Haut, aber das war nichts gegen meinen Seelen- und meinen Herzschmerz. Andere Besucher hörten meine Verzweiflung, wollten mich trösten.
Doch wer hätte mich trösten können?
Klopfe an die Pforte des Himmels und achte auf das Geräusch.
Zen
3
Wenige Tage nach dem Unfall begann ich zu beten – so unverständlich es auch für manchen klingen mag: Es war mir ein Bedürfnis, mit Gott zu reden:
Ich klagte ihn an.
Ich rief ihn an, das Geschehene rückgängig zu machen.
Ich flehte ihn an, mir den Schmerz aus dem Körper zu nehmen.
Ich bat ihn um Hilfe.
Ich beschwor ihn, mir die Kraft zu geben, mit dem, was ist, fertig zu werden.
Ich betete und flehte morgens, wenn ich meine Mädchen in den Kindergarten gebracht hatte und sie meinen Schmerz und meine Verzweiflung nicht sehen konnten, und immer nachts, wenn die Ablenkung vom Tag fehlte.
Man kann in der Nacht niemanden anrufen. Ich konnte es zumindest nicht, und ich wollte es auch nicht. Das Alleinsein, sich und den Schmerz aushalten zu müssen, war schlimm, aber auch heilsam, wie ich heute weiß.
Ich war noch nie ein Freund von Tabletten und Alkohol gewesen. Statt mich mit Drogen irgendwelcher Art oder mit sinnloser Ablenkung zu betäuben, betete ich – und spürte, dass mich etwas trägt. Ich konnte sogar immer einschlafen nach dem Gebet, nach dem Gespräch mit Gott. Und irgendwann verspürte ich auf einmal einen großen Frieden in mir. Ich kam für einige Zeit zur Ruhe. Dabei half mir bei allem sicherlich sehr mein spirituelles Wissen, das ich mir über viele Jahre hinweg angeeignet hatte.
Drei Tage nach der Beerdigung wurden meine Zwillingsmädchen zwei Jahre alt. Lina und Anna zuliebe „feierten“ wir gemeinsam mit meinen Freundinnen diesen Tag, so gut es ging. Ich hatte mir lange überlegt, ob ich diesen Tag feiern oder lieber „einfach übergehen“ sollte. Natürlich war keinem von uns nach Singen, Tanzen, Glücklichsein zumute. Ich entschied mich aber dann doch für eine kleine Feier. Sollte ich aufhören, die Geburt der beiden Mädchen zu feiern, weil der Tod an unsere Tür geklopft hatte – und eingetreten war? Der Tag von Anna und Linas Geburt war ein Freudentag, ich wollte ihn auch in diesem Jahr feiern. Denn für mich hatte das „Fest“ auch etwas mit der Wertschätzung meinen Kindern gegenüber zu tun.
Wir lächelten uns an, wenn wir die glücklichen Gesichter der Mädchen beim Auspacken der Geschenke sahen. Wir weinten, wenn wir glaubten, dass es niemand sehen würde. Die beiden Kindergesichter hielten mich am Leben.
Die Familie meines Lebensgefährten aber war darüber entsetzt.
Am Abend, als alle weg waren und die Mädchen schliefen, brach ich wieder zusammen. An Schlaf war nicht zu denken. In jeder Zelle meines Körpers spürte ich Schmerz. Wie immer setzte ich mich auch in dieser Nacht ins Wohnzimmer, stellte Fotos von meiner Familie auf, eine Kerze dazu, und weinte bitterlich. Ich konnte nicht glauben, was mir das Schicksal hier auferlegt hatte. Es heißt doch immer, dass wir Menschen immer nur so viel auferlegt bekommen, wie wir tragen können.
Und ich führte mein Gespräch mit Gott.
Wieder brach es aus mir heraus, ich haderte mit dem Allmächtigen, ich beschimpfte ihn, ich erklärte ihm, dass dies zu viel sei, dass ich dies nicht tragen könne.
Ich betete und wurde dabei immer ruhiger, meine Tränen wurden weniger und ich fühlte mich von einer unsichtbaren Kraft getragen. Diese Kraft würde mir helfen, weiter zu gehen, auch wenn mir die Zukunft schreckliche Angst machte – ich wollte mich dieser Zukunft und diesem Leben nicht wirklich stellen.
Aber nun versuchte ich, so gut es ging, ein „normales Leben“ zu leben. Doch hatte ich gleichzeitig das Gefühl, dass das Leben mich mit all’ seiner Kraft zerdrückte. Es forderte, es überforderte mich mit allem, was zum Alltäglichen gehört. Ich saß nächtelang vor Ordnern mit Unterlagen, hatte ich mich bisher doch noch nie um diese „Lebensbereiche“ kümmern müssen, und es kostete mich viel Kraft und Zeit, bis ich mir einen Überblick über die Dokumente in den Ordner verschafft hatte. Zum Glück war Kai ein sehr ordentlicher Mensch, der alles übersichtlich abgeheftet hatte.
Am schlimmsten aber fiel mir das Abfassen der Kündigungsschreiben an Versicherungen und Krankenkassen, immer wieder musste ich den gleichen Satz zu Papier bringen: „Hiermit teile ich ihnen mit, dass mein Sohn – mein Lebensgefährte – mein Bruder am 13. August 2005 tödlich verunglückt ist.“ Und jedes Mal musste ich darauf achten, dass das Blatt nicht nass wurde von meinen Tränen. Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tages solche Briefe würde verfassen müssen.
Tagsüber ging ich „tapfer“ in die Stadt, um mich abzulenken, was mir natürlich nicht gelang. Meist musste ich diese fluchtartig wieder verlassen, denn beim Anblick der Eisdiele oder dem Spielplatz musste ich sofort an meinen Sohn Karl denken – und vor allem daran, dass er dort nie mehr spielen oder ein Eis essen würde.
Die Sonnenbrille wurde mein wichtigster Begleiter. Sie schützte mich vor neugierigen Blicken und versteckte meine Tränen, wenn ich sie trotz aller Anstrengungen nicht mehr zurückhalten konnte. Wenn ich mich in ein Café setzte, bemerkte ich, dass Menschen sich gegenseitig anstießen und anfingen zu tuscheln. Sie redeten, schauten dann wieder zu mir herüber, sahen weg, wenn ich den Blickkontakt suchte.
Ich war die mit dem Unfall. Andere wiederum gingen mir aus dem Weg, wofür ich damals Verständnis hatte – was sollten sie auch sagen? Manch einer wagte sogar den Kontakt mit mir und wollte mich trösten, indem er mir vom Tod der Mutter oder Oma erzählte, die mit 80 Jahren (!) vor Kurzem verstorben war. Das wollte ich nun wirklich nicht hören. Mein Sohn durfte nur drei Jahre und fünf Monate alt werden, Kai und Stephan starben mit 38 Jahren.
Ich empfand das als ungerecht.
Nach den Sommerferien brachte ich Anna und Lina in den Vorkindergarten, in dem auch mein Sohn gewesen war. Wir betraten das Gebäude und als erstes fiel mein Blick auf eine große, bunte Foto-Collage an der Wand, die fröhliche Kinder auf einem Ausflug zeigt – Karl mitten in der Gruppe auf einem Baumstamm sitzend und in die Kamera lächelnd. Die Kindergärtnerinnen hatten damit gerechnet und die Bilder von der Wand nehmen wollen. Aber sie hatten es vergessen. Jetzt war es zu spät, meine Augen füllten sich mit Tränen, in meinem Hals bildete sich ein riesiger Kloß. Ich ließ die Mädchen im Kindergarten, eilte ohne ein Wort zum Auto und fuhr direkt in einen Wald.
Allein und umgeben von Bäumen und Sträuchern schrie ich mir dort den Schmerz aus dem Körper. Dieser war so heftig, dass ich glaubte, daran zugrunde zu gehen. Ich schrie oft, aber, wie sich später herausstellen sollte, nicht oft genug.
Situationen dieser Art erlebte ich noch oft. Kinder, die Karl kannten, liefen auf mich zu und fragten nach ihm. Aber wie erklärt man Kindern den Tod? Ich sagte, dass Karl jetzt im Himmel und ein Engel sei: „Nein, er kommt nicht wieder...“ Manchmal fuhr ich auch in eine andere Stadt, um auf andere Gedanken zu kommen. Meine Kinder im Zwillingswagen zogen die Aufmerksamkeit auf sich und ich war dort, obwohl fremd, mit anderen Menschen, besonders mit Müttern schnell im Gespräch – ob ich wollte oder nicht. „Haben sie noch andere Kinder?“, wurde ich oft gefragt. Da stand ich nun, nicht wissend, was ich sagen sollte. Ich wollte nicht jedem „meine Geschichte“ erzählen, doch wollte ich auch nicht sagen, dass Anna und Lina meine einzigen Kinder sind, ich empfand es als Verrat an Karl. Ich habe drei Kinder, eines ist nicht hier auf der Erde, wo immer er auch ist, er ist mein Kind, ich habe ihm das Leben geschenkt. Heute entscheide ich meine Antwort situationsabhängig.
Einige Wochen nach dem Unfall stellte ich ein Kreuz an der Unfallstelle auf. Da auf das Kreuz drei Namen passen mussten, benötigte ich eines, das sonst bei Seebestattungen üblich ist. Ich stellte es auf, weil ich die Hoffnung hatte und habe, dass besonders die Motorradfahrer nicht mehr so schnell die berühmte Schwarzwaldhochstraße entlang rasen würden. Ich dachte an die vielen Eltern. Keine Mutter sollte das erleben, was ich gerade durchmachte.
Aber ich wurde eines Besseren belehrt. Ich stand oft auf diesem kleinen Rastplatz, an dem meine Familie den Tod gefunden hatte, und alle rasten sie an mir vorbei, die Autofahrer und vor allem die Motorradfahrer. Nach einem Jahr baute ich das Kreuz wieder ab.
Mein Kreuz schreckte niemanden ab.
Der Tod bedeutet eigentlich nichts.
Ich bin nur in den nächsten Raum hinübergewechselt.
Bete, lächle, denk an mich, bete für mich.
Lass meinen Namen zu deinem Wortschatz gehören,
sprich ihn aus, ohne große Dramatik, ohne eine Spur von Schatten auf ihm.
Warum sollte ich aus deinen Gedanken verschwinden,
nur weil ich deinen Augen entschwinde?
Ich warte auf dich, während einer kurzen
Unterbrechung, irgendwo, sehr nahe.
Alles ist gut.
Henry Scott Holland
4
Es dauerte eine ganze Zeit, bis ich mich in meiner neuen Welt zurechtgefunden hatte. Überall alleine hingehen, alles alleine entscheiden: Ich tat mich damit zunächst ziemlich schwer. Ich musste erst lernen, alleine zu leben. Heute weiß ich: Nur wer alleine sein kann, kann auch in einer Partnerschaft einen guten Platz einnehmen.
Die Wochenenden waren über viele Monate hinweg das Schlimmste. Wochenende ist Pärchenzeit. Der Anblick von glücklichen Paaren war mir unerträglich geworden. Ich war unfreiwillig in der Kategorie „alleinerziehend“ gelandet. Meine Freundinnen hatten alle Partner. Und das fünfte Rad am Wagen wollte ich nicht sein. Da Baden-Baden ein beliebtes Ausflugsziel am Wochenende ist, verließ ich mit den Kindern an diesen zwei Tagen meist die Stadt. Häufig in mein Elternhaus, zu meinem Vater. Er beschäftigte sich mit den Kindern, damit ich ein wenig zur Ruhe kommen konnte, denn ich trug nach wie vor sehr schwer am Leben.
Je mehr sich das „Unfalljahr 2005“ seinem Ende näherte, desto schwerer wurde mein Herz. Ich wusste, das Fest der Liebe, Weihnachten, steht vor der Tür, und ich verdrängte diese Tatsache, so gut es ging, bis mich ab Oktober die Weihnachtsdekoration in den Geschäften unfreiwillig auf dieses Ereignis vorbereitete. „Oh du fröhliche, oh du seelige...“ erklang vom Weihnachtsmarkt, den ich seit seines Aufbaues in der Nähe des Kurhauses mied, so weit es irgendwie möglich war. Mir war weder nach Glühwein noch nach Plätzchenbacken, ich wollte mir nur zu Hause die Decke über den Kopf ziehen, nichts hören, nichts sehen.
Anna und Lina brachten vom Kindergarten selbstgebastelte Weihnachtssterne nach Hause, ich schmückte für meine Mädchen ein wenig unsere Wohnung, aber zum Kauf eines Weihnachtsbaumes konnte ich mich nicht überwinden. Der Heilige Abend war kein Fest, sondern eine Zwangsveranstaltung, die ich schnell beenden wollte. Keine Kirche, kein Singen. Für meine Kinder und meinen Vater ein schönes Essen, Geschenke, dann ins Bett, damit ich meinem Schmerz freien Lauf lassen konnte.
Ich weinte die halbe Heilige Nacht.
Am nächsten Morgen war mir leichter. Ich dachte nur: „Es ist geschafft!“ Doch die nächste Hürde war eine Woche später zu nehmen – Happy New Year. Mit wem sollte ich anstoßen und auf was? Auf ein neues Jahr – zwangsweise. Es kam, ob ich es wollte oder nicht. Glücklich? Konnte es gar nicht werden. Mein Kind war tot. Mein Lebensgefährte war tot. Mein Bruder war tot. Wie sollte ich da jemals wieder glücklich werden? Es schien mir aussichtslos. Ich entschied mich, mit meinen Kindern um acht Uhr ins Bett zu gehen und einfach alles zu verschlafen. Das klappte vorerst gut, bis mich das Neujahrs-Feuerwerk am Himmel mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss und mit der Realität konfrontierte.
Ich war gezwungen, sie anzuschauen. Ein neues Jahr beginnt – ohne Kai, Karl und Stephan. Ich küsste meinen Mädchen die Stirn und wünschte ihnen ein gutes neues Jahr, nicht wissend, wie ich dieses neue Jahr schaffen sollte.
Ich war froh, als endlich die ganze Weihnachtsdekoration vor meinen Augen verschwunden und der Neujahrstrubel vorüber war. Der Frühling würde sich bald ankündigen und mein Herz erneut zerreißen. Im März wurde Karl geboren, im April 2006 wäre Kai 39 Jahre alt geworden, im Mai mein Bruder. Drei Monate hintereinander Geburtstage, keine Zeit zum Luftholen, keine Zeit zum Tränentrocknen. Ein Trauermarathon stand mir bevor. Ich spüre noch heute den Kloß in meinem Hals, wenn ich an den Geburtstag von Karl denke im Jahr 2006. Ich fuhr am Morgen meine Kinder in den Kindergarten, danach holte ich ein Herz aus roten Rosen vom Floristen ab und ging zum Friedhof. Statt Geburtstagskuchen und Geschenke eine Grabkerze. Ich stand fassungslos vor dem Grab und konnte immer noch nicht glauben, in welches Leben ich geraten war. Das Ritual mit Rosenherz und Grabkerze wiederholte sich noch zwei Mal.
Über ein Jahr nach dem Unfall versuchte ich, für uns drei wieder ein Stück gemeinsame Normalität zu schaffen. Im September 2006 flog ich das erste Mal alleine mit den Kindern in den Urlaub. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Das erste Mal ohne Mann und ohne Karl. Freude vermischte sich mit Traurigkeit. Ich wählte den Robinson Club in Griechenland, weil ich die Hoffnung hatte, in diesem Club auf andere alleinerziehende Mütter zu treffen, was dann auch tatsächlich der Fall war. Uns allen tat die Wärme gut und das Wasser. Ich liebe das Meer. An keinem anderen Platz kann ich mich so gut erholen. Anna und Lina waren den ganzen Tag im Kinderpool. Es machte mir große Freude, in ihre glücklichen Augen zu sehen. Ich habe viel gelesen oder einfach nur im Sand gesessen und aufs Meer geschaut. Gerade in den ersten Jahren nach dem Unfall taten mir diese Clubreisen gut. Es gab ein Programmangebot für Anna und Lina und ich hatte Zeit, auch etwas für mich zu tun und neue Kräfte zu sammeln.
Das Leben kostete mich nach wie vor sehr viel Kraft.
Weihnachten 2006 war dann etwas harmonischer als das im Jahr davor. Ich kaufte einen Baum, buk mit den Kindern Plätzchen, und das Beisammensein am Heiligen Abend hatte nicht mehr die Schwere vom letzten Jahr. In die Kirche konnte ich jedoch immer noch nicht gehen. Ich weiß, ich hätte nur geweint, das wollte ich meinen Kinder, mir und allen um mich herum ersparen. Auch Silvester 2006 verbrachte ich auf eine neue Weise. Statt den Übergang ins Neue Jahr bewusst zu verschlafen, begann ich vor Mitternacht zu meditieren und fühlte mich Kai, Karl und Stephan sehr nah. Ich fühlte mich mit ihrer Welt verbunden. Es machte mich glücklich, es beruhigte mich. Und ich spürte, wie ich sachte begann, mich dem Leben wieder zuzuwenden. Ein wenig Hoffnung, etwas Zuversicht? Ich wusste nicht, was kommen würde, was das Leben noch für mich bereithalten würde, aber ich begann nun, meine Arme zu öffnen für das kommende Leben, ich war bereit, zu empfangen.
Der Weg meiner Ausbildungen, meiner Heilung begann.
Fürchte dich nicht, ich bin mit dir. Ich stärke dich, ich helfe dir, ich halte dich an meiner Hand.
Jesaia 41,10
5
Im September 2009 wurden Anna und Lina eingeschult. Solch einmalige Ereignisse schmerzen mich noch heute. Es tut mir weh, dass Kai diesen wichtigen Moment nicht erleben durfte, dass meine Kinder und ich solche Erlebnisse nicht mit ihm teilen können. Ich weiß, dass Anna und Lina immer auf die Papis von den anderen Kindern schauen und traurig sind, dass ihr Papa nicht mehr da ist. Ich erzähle ihnen dann immer, dass Kai, Karl und Stephan von oben, vom Himmel aus auf sie schauen – ich weiß, es ist ein schwacher Trost, der sie nicht wirklich trösten kann.
Aber was soll ich auch sagen?
Im August 2010 schließlich erfüllte ich mir einen großen Wunsch: Ich flog mit den Kindern auf die Insel Sylt und verbrachte dort zwei Wochen Urlaub. Am fünften Todestag war ich dieses Mal auf Sylt und es war schön. Ich liebe diese Insel. Das Meer dort hat einen ganz besonderen Duft. Im Sand zu liegen, dem Meer zu lauschen und den Möwen beim Fliegen zuzuschauen, ist einfach nur schön. Ich war im September 2001 das erste Mal auf Sylt gewesen, als ich mit Karl schwanger war. Ich verliebte mich sofort in die Insel. Kai und ich waren danach noch zwei Mal mit den Kindern, mit meinem Bruder und meinem Vater dort; zuletzt, als Anna und Lina ein Jahr alt waren. Ich wäre gerne schon eher nach Sylt gefahren, aber ich hatte zu viel Angst vor den Plätzen der Erinnerung. Es war klar, dass ich irgendwann Anna und Lina die Insel noch einmal zeigen würde, wusste aber nicht, wann ich dazu in der Lage sein würde.
Ich buchte also für mich und meine Mädchen ein Familienhotel, weil in solchen Häusern Kinder auch noch Kinder sein dürfen. Die Tischzuteilung in den Restaurants war früher ein Horror für mich. „Sie sind alleine? Oder kommt noch jemand dazu?“ „Nein, es kommt niemand mehr.“ Das vierte Gedeck wurde dezent abgeräumt. Heute macht es mir nichts mehr aus, alleine in ein Restaurant zu gehen oder alleine an einem Tisch zu sitzen. Wenn Anna und Lina nach dem Essen in das Kinderparadies gehen oder mit anderen Kindern spielen, lese ich ein Buch und genieße die Zeit nach dem Essen. Ich stelle meist fest, dass ich glücklicher bin als manche Paare um mich herum. Sich anschweigen, lieblose Blicke, verlegenes Umherschauen durch den Speisesaal. Dann doch lieber alleine mit meinem Buch. Nach dem Abendessen ging ich mit meinen Kindern meist noch einmal zurück ans Meer, um den Sonnenuntergang anzuschauen. Selbst das Licht der untergehenden Sonne auf Sylt ist für mich besonders. Das waren meine Glücksmomente und sie sind es heute wieder. Ich war mit Anna und Lina an allen Plätzen, an denen ich auch mit Karl und ihrem Vater war. Ich zeigte ihnen, wo ich mit Karl ein Fischbrötchen gegessen und wo wir eine Sandburg gebaut hatten. Wir bauten genau an dieser Stelle noch einmal eine – für Karl. Eine Journalistin fragte mich einmal, wie ich das Gefühl beschreiben würde, wenn ich an Karl denke. In mir ist eine Traurigkeit, weil mein “erster Sonnenschein“ nicht länger leben durfte.
Du bist nicht gestorben
Du lebst in den wunderbaren Wehen des Windes
Du lebst in den Liedern der Vögel
Du lebst in der strahlenden Sonne
Du lebst im friedlichen Dunkel der Nacht
Du lebst auf einem Stern, der am Himmel steht
Du lebst in den Wellenbergen und -tälern des
Meeres
Du lebst im Duft von Blumen und Gras
Du lebst im schnell schwindenden Sommer
Du lebst im Schmerz meines Herzens
Du bist nicht tot, nur etwas weiter weg
Wir können dich nicht berühren.
Aus: Das Leid umarmen (von Deborah Cornell)
Irgendwann jedoch kommt der Tag X, dem niemand entfliehen kann. Dieser Tag, dem ich mich stellen musste und von dem ich wusste, dass ich ihn ganz in einem tiefen Loch verbringen würde. Dieser Tag, an dem ich die Kleider und die privaten Dinge von Kai, Karl und Stephan wegräumen musste. Egal, an welchem Platz ich mich in unserer Wohnung aufhielt: Irgendein Plüschtier oder ein Kleidungsstück schob sich immer vor meine Augen und versetzte mir ohne Ankündigung einen Stich ins Herz. Deshalb beschloss ich eines Tages, mit dem Aufzug in den Keller zu fahren und Umzugskartons zu holen. Eigentlich ist mit Umzugskartons in der Regel ein Neuanfang verbunden. Man zieht irgendwo hin und etwas Neues darf beginnen. Ich brauchte sie aber, weil etwas zu Ende gegangen war: das Leben mit Kai, Karl und Stephan.
Meine mir gewohnte, vertraute Welt war auseinandergebrochen.
Ich weiß nicht mehr, was für ein Wochentag es war, als ich anfing zu packen, ob die Sonne schien oder ob es regnete. Ich nahm um mich herum nichts mehr wahr, ich spürte mich nicht, ich spürte das Leben nicht mehr. Ich war dem Leben abgewandt. Die ersten Monate nach dem Tod meiner Familie waren alle gleich: grau und schmerzhaft. Ich packte erst einmal alles nur in Kisten und dann in den Keller. Tür zu. Dahinter, im Dunkeln, ist ein Teil meines Lebens, der weh tut.
Ich war ein bisschen stolz auf mich, als ich am Abend alles weggeräumt hatte, einen Moment hatte ich die Hoffnung, ich könnte es schaffen zu überleben. Das Wegräumen der persönlichen Dinge war für mich noch einmal ein schwerer Schritt gewesen. Noch einmal alles in die Hand nehmen, noch einmal daran riechen, die damit verbundenen Erinnerungen aushalten müssen. Ich musste Stück für Stück loslassen. Etwas, das ich gar nicht wollte. Ein Annehmen, wie es ist. Ein Anerkennen der Realität. Denn heute weiß ich, dass wir niemals gegen die Realität gewinnen können. Gewinnen können wir nur mit der Wirklichkeit – durch Hingabe an das, was ist.
Ich wollte diese Realität nicht. Sie war grausam, schmerzhaft, leer und hoffnungslos. Wie sollte es mit dieser Realität jemals eine Zukunft geben? Meine Familie war am Leben gewesen. Und jetzt ist sie tot. Ein Leben ohne meinen Sohn Karl konnte und wollte ich mir immer noch nicht vorstellen.
Ich verbrachte noch ein Jahr in der gemeinsamen Wohnung. Doch sie war zu groß für mich und die Zwillingsmädchen geworden, zu still. Der Esstisch zu lang, das Sofa zu groß. Zimmer standen leer. Ich fahre noch heute manchmal an der Wohnung vorbei, weil sie so besonders war. Es war eine wunderschöne Wohnung: Jugendstil, Marmorkamin, vor dem ich oft mit Karl gesessen hatte, eine nicht einsehbare Dachterrasse mit Blick über Baden-Baden. Kai und ich verbrachten dort viele schöne gemeinsame Tage, mal mit Freunden, meist alleine – nicht ahnend, was kommen würde. Das Schicksal macht keinen Halt vor Luxus, Schönheit und Glück. Jetzt war aus meinem Nest eine „Überlebensinsel“ geworden – nicht wissend, ob ich mit ihr untergehen würde oder nicht.
Beim Umzug, für den ich mich schließlich entschied, bemerkte ich, dass ich doch nicht alles weggeräumt hatte. Wenn es etwas gab, was zu heilen begann, dann wurde es in diesem Moment wieder aufgerissen. Das Auffinden einiger Gegenstände aus Karls Leben riss mich von einer Minute auf die andere zu Boden. Ich würde es doch nicht schaffen. Meine Verzweiflung, meine Angst vor dem Leben hatte mich wieder gepackt. Ich lief weinend durch die Wohnung: „Ich schaffe das nicht, ich schaffe das nicht.“ Mitleidig schauten mich die Männer vom Umzugsunternehmen an – ich war die mit dem Unfall. Mein Vater half mir sehr, ich war nach dem ganzen Packen von Kartons über Monate hinweg total erschöpft und überfordert. Aber ich wusste, dass ich diesen Schritt tun musste, um überhaupt die Chance für einen Neuanfang zu haben. Als alles leergeräumt war, ging ich noch einmal in die Wohnung zurück. Nur ich und eine Kerze. Noch einmal Abschied nehmen. Noch einmal in das Kinderzimmer von Karl. Ich setzte mich in eine Ecke und weinte. Karl war mein erstes Kind. Ich war so glücklich gewesen, als ich erfuhr, dass ich schwanger mit ihm war. Die Schwangerschaft mit ihm war wunderschön gewesen. Ich hatte jeden Tag genossen. Seine Geburt war am 22. März 2002. Drei Jahre und fünf Monate später war er tot. Ich schaute immer wieder in die Flamme der Kerze und viele Erinnerungen wurden mir wieder bewusst. Liebe kennt keine Grenzen. Das, was durch den Verlust auseinandergebrochen ist, fügt die Liebe wieder zu einem Ganzen zusammen. Denn die Liebe heilt.
Vom ersten Tag an unseres Lebens werden wir auf Verluste vorbereitet, bis wir irgendwann unser Leben auf der Erde „verlieren“. Verluste im Laufe unseres Lebens erinnern uns meist an den ersten Verlust unseres Lebens. Wir verlassen den Mutterschoß, Freundschaften gehen auseinander, Liebesbeziehungen zerbrechen, weil irgendwo auf dem gemeinsamen Lebensweg die Liebe verlorengegangen ist. Wir erleben materielle Verluste oder auch den Verlust eines Teils unserer Gesundheit.
In dem Moment, in dem wir mit einem Verlust konfrontiert werden, sind wir vollkommen präsent, nichts lenkt uns ab, alles andere um uns herum wird unwichtig. In diesem schmerzhaften Augenblick, in dem wir aus unserer Lebensbahn geworfen werden, in dem das Denken aufhört, unser Geist sich verdunkelt, wir entwurzelt sind und uns als Fremdling fühlen – in diesem Augenblick haben wir die Chance, eine neue Dimension zu betreten, dem „Mysterium Leben und Tod“ die Hand zu reichen.
Diese Erfahrungen zeigen uns, wie machtlos und ohnmächtig wir dem Leben gegenüberstehen. Das Leben nimmt und gibt – ohne uns zu fragen. Diese Erkenntnis hat mich demütig und gelassen dem Leben gegenüber werden lassen.
Was geschehen soll, wird geschehen.
Das Leben wird uns nicht folgen, sondern wir müssen ihm folgen – widerwillig oder glücklich.
Osho
6
Als der Herbst kam, brauchten meine beiden Mädchen neue Kleider. Es hatte mir selbst immer viel Spaß gemacht, für meine Zwillinge Kleider auszusuchen. Rosa natürlich, alles doppelt. Selbst die Haarspangen waren identisch. Für meinen Sohn hatte ich meist blaue Hemden gekauft, kariert, gestreift blaue Pullis. Doch nach dem Unfall wurde Einkaufen zu einem regelrechten Horrortrip. Da die Jungen- und Mädchenabteilungen in Geschäften normalerweise nebeneinander sind, kommt man automatisch mit beiden Geschlechtern in Kontakt. Beim Betreten der Kinderabteilung kam ich nicht umhin, meine Augen auch zu den Buben schweifen zu lassen. Dort standen andere Mütter mit ihren Söhnen an der Hand – ein Anblick, der mir wehtat. In Gedanken kleidete ich auch meinen Sohn ein. Ich überlegte, was ihm passen würde, welche Größe er nun hätte. Vor meine Augen schoben sich blaue Hemden mit der imaginären Aufschrift „Kaufen verboten!“. Die Kleider vor meinen Augen verschwammen schnell hinter meinen Tränen.
Während einem dieser nun so quälenden, aber doch notwendigen Shopping-Ausflüge sprach mich eine ältere Dame an und bat mich um Hilfe. Sie wollte ihrem Enkelkind, einem Jungen, etwas zum Anziehen kaufen. „Er ist vier Jahre alt“, sagte sie stolz und ob ich meinte, dass der Pulli, den sie ausgesucht habe, wohl die richtige Größe habe. Unweigerlich schossen mir die Tränen in die Augen und ich konnte nur wortlos mit einem kurzen Nicken ihre Wahl bestätigen. Warum dürfen andere Kinder leben und meines nicht? Ich wollte nur noch raus! Wieder einmal Sonnenbrille auf, nichts mehr sehen, nichts hören, nicht reden, nichts kaufen – nur schnell nach Hause in meine sichere Umgebung. Der restliche Tag war gelaufen.
Es waren immer die unvorhersehbaren Momente, die so schrecklich wehtaten. Die Momente, die dafür sorgten, dass ich wieder komplett in ein abgrundtiefes Loch fiel – falls es mir einmal gelungen war, dieses für einen Moment zu verlassen. Es dauerte eine Weile, bis ich wieder entspannt zum Einkaufen gehen konnte. Ich schaue heute wieder in die Jungenabteilung, aber nicht mehr mit Wehmut. Ich erfreue mich wieder an den schönen Kinderkleidern. Ich mache immer gerne zu verschiedenen Anlässen „Bubengeschenke“.
Als die Zwillinge etwa vier Jahre alt waren, entwickelten sie schon einen eigenen Kleidergeschmack. Eines Tages fragte mich Lina, ob ich die Kleider von Karl noch hätte. Als ich dies bestätigte, bettelte sie, ihr doch seine Kleider zu zeigen. Natürlich versuchte ich aus Angst vor dem Aufbrechen neuen Schmerzes dies zuerst zu umgehen, aber Lina ließ nicht locker – ich musste in den Keller gehen. Da standen sie nun, die Umzugskisten mit der Aufschrift „Karl“, sein Name mit einem Herz verziert. Ich stellte die Kiste mit Karls Kleidern in das Wohnzimmer, meine Mädchen stürmten begeistert auf den Karton zu und öffneten sie voller Erwartung. Ein Polohemd, T-Shirts, Jeans – ein Kleidungsstück nach dem anderen kam zum Vorschein.
Schuhe wurden ausprobiert, Kindergartentaschen umgehängt. Nach einem kurzen Moment konnte ich mich dazusetzten und meinen Kindern erzählen, wann Karl dieses Hemd bekommen oder was ihm der Papa von jener Reise mitgebracht hatte. Lina entschied sich, einige Kleidungsstücke von Karl weiterzutragen, weil sie „cool“ waren, und legte sie in ihre Kommode zu ihren Anziehsachen. Eine ganze Weile lief sie in seinen Kleidern und erzählte auch stolz im Kindergarten, dass sie heute eine Hose von Karl, ihrem Bruder, anhabe. Manche Kinder tun dies, um dem verstorbenen Geschwister nah zu sein. So zeigen sie ihre Liebe und Verbundenheit. Nach dem Motto: „Ich trage es für dich“. Am Anfang war diese Situation etwas merkwürdig für mich, gleichzeitig war es aber auch sehr heilsam zu sehen, dass sich der Schmerz und die Traurigkeit mit der Zeit verändert hatten. Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber sie hilft, das Unfassbare aus dem Mittelpunkt des Lebens herauszuschieben.
In der ersten Zeit nach dem Unfall waren meine beiden Töchter Anna und Lina, denen ich diese Zeilen widmen möchte, mein Antrieb, dem Leben weiter zu folgen. Bis heute verdanke ich auch ihnen viel von meiner geistig-seelischen Entwicklung. Sie leisteten und leisten noch heute einen großartigen Dienst an mir. Sie zeigen mir jeden Tag aufs Neue, wie es sich anfühlt, wenn wir bedingungslos lieben.
Drei Tage nach der Beerdigung wurden die beiden zwei Jahre alt. Wie wahrscheinlich viele andere auch, wusste ich praktisch nichts über das Todesverständnis von Kleinkindern. Ich frage mich: „Nehmen sie überhaupt wahr, was passiert ist? Und wenn ja, was genau nehmen sie wahr?“
Kinder in diesem Alter können nicht wissen, nicht verstehen, was der Tod ist. Sie haben meine Traurigkeit gespürt, meinen Schmerz, meine Ängste. Sie fühlten eine Bedrohung, aber sie konnten sie nicht einordnen, und schon gar nicht in der ganzen Tragweite begreifen. Tagsüber versuchte ich also, mich „zusammenzunehmen“, wollte tapfer sein, damit sie meine Traurigkeit nicht spürten. Heute weiß ich: Sie haben unbewusst jede meiner Stimmungen wahrgenommen. Ich kann aus heutiger Sicht aus meiner Erfahrung und aus meinem erworbenen Wissen sagen, dass eine authentische Mutter besser für sie gewesen wäre statt einer Mutter, die sich in bester Absicht, aber krampfhaft bemüht, Normalität zu leben. Den feinen Antennen seiner eigenen Kinder kann man aber auf dieser Ebene nichts vorspielen, so sehr man sich auch bemühen mag. Sich so zu zeigen, wie man sich fühlt, ist besser, denn es zeigt den Kindern Ehrlichkeit – und Ehrlichkeit schafft Vertrauen. Wenn wir Eltern wahrhaftig sind, werden unserer Kinder auch wahrhaftig. Das ist ein wichtiger Baustein für ein glückliches, gelingendes Leben.
Erst als sie drei Jahre alt waren, begannen Anna und Lina die Dinge zu erzählen, die sie zuvor gehört hatten: „Papa hat mit dem Auto ‚Bums’ gemacht“, oder: „Karl ist jetzt ein Engel.“ Sie fingen an, Fragen zu stellen. Wir schauten Fotos an von Papa, Karl und Stephan und ich erzählte ihnen mit zittriger Stimme und feuchten Augen zu manchem Bild eine Geschichte, was mir am Anfang unendlich schwerfiel. Mit ihren zarten Händen wischten dann meine Kinder mir die Tränen von den Wangen. Meist weinten sie mit.
Der Tod unserer Lieben hat unsere Seelen von einer Sekunde zur anderen zutiefst erschüttert. Der Verlust würde von nun an unser Leben prägen, so viel stand fest. Unsere Familie war auseinandergerissen worden und jeder musste erst wieder seinen – einen ganz neuen – Platz finden, doch davon waren wir alle erst einmal weit entfernt.
Es waren schwere, gravierende und erschreckende Folgen, die dieses tragische Unglück nach sich zog. In entscheidendem Maße auch für Anna und Lina, die mit ihren damals nicht einmal zwei Jahren noch nicht begreifen konnten, was wirklich passiert war. Anna und Lina konnten noch nicht sprechen, aber sie hörten, spürten, fühlten – und reagierten. Sie spürten meinen Schmerz, meine Ohnmacht. Sie spürten die Leere in den großen, vielen Räumen. Sie sahen immer wieder ihre Mama weinen, den Opa, der sich so oft die Nase putzt.
Kinder, die noch nicht sprechen können, müssen sich auf andere Weise ausdrücken, wenn sie etwas mitteilen oder ihr Unwohlsein ausdrücken möchten. Lina wählte den Weg des Schreiens. Anna nicht. Vielleicht war es für Lina die einzige Möglichkeit, ihren Schmerz auszudrücken. Anna dagegen zog sich in sich zurück, schaute hilflos zu – genau wie ihre Mutter es tat.
Anna und Lina sind zweieiige Zwillinge, vom Aussehen und ihrem Charakter her sehr unterschiedlich. Während Anna eher introvertiert ist, nimmt Lina mit ihrer fordernden Art viel Raum ein. Lina und Karl hatten bereits von Anfang an eine besonders tiefe seelische Bindung, sie waren unzertrennlich. Entsprechend heftig reagierte sie demnach darauf, dass er nun nicht mehr da war.
Nach dem Unfall nahm ich Anna und Lina in mein großes Bett. Sie brauchten meinen Körperkontakt und ich ihren. Eng aneinandergedrückt schliefen wir jede Nacht zusammen.
Und jede Nacht wurde Lina mehrfach wach – und schrie aus Leibeskräften. Zuerst dachte ich, sie habe immer wieder schlimme Träume, die ihr Angst machten, doch ich konnte sie nicht beruhigen, nicht trösten. Sie weinte nicht – sie schrie. Immer wieder und immer wieder. Jede Nacht.
Dann streckte sie die Hände in den Himmel, stand aus unserem gemeinsamen Bett auf, lief durch das Haus und schrie. Zuerst „nur“ eine halbe Stunde. Dann konnte ich Lina in den Arm nehmen, etwas trösten und wieder hinlegen. Meist legte ich sie auf meinen Bauch, bis sie endlich wieder eingeschlafen war.
Doch nach wenigen Stunden wurde Lina wieder wach, fing wieder an zu schreien. Wieder der gleiche Ablauf. Ich lief ihr durch die Wohnung hinterher, Anna im Schlepptau, aber nicht wirklich im Blick, denn ich war viel zu sehr mit Lina beschäftigt. Mir wurde klar, dass ich sie in dem Moment, in dem Lina in ihrem Schmerz gefangen war, nicht erreichen konnte. Sie hörte meine Worte nicht, sie drückte meine Hand weg, wenn ich sie streicheln oder auf den Arm nehmen wollte. Das Einzige, was mir blieb, war, hilflos abzuwarten, bis sie nach einer Weile von selbst auf mich zukam.
Das ganze Szenario wiederholte sich bis zu sechs Mal in der Nacht. Sechs Mal in einer einzigen Nacht. Und das etwa jede zweite Nacht. Manchmal weinte ich mit aus lauter Hilflosigkeit und Verzweiflung. Ich fand keine Lösung, wusste nicht, wie ich ihr in dieser Situation helfen konnte. Mir fehlte die Kraft, um stehen zu bleiben – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Am nächsten Morgen war ich immer völlig erschöpft, die schlaflose Nacht stand mir ins Gesicht geschrieben und hatte auch in meinem Mutterherz jedes Mal mehr und tiefere Spuren hinterlassen.
Die Situation aber wurde noch schlimmer: Was anfangs nur nachts war, wurde später dann auch tagsüber sichtbar. Unterschiedliche Situationen brachten Lina immer wieder in die für mich „unerreichbare Welt“. Freundinnen, die solche Momente miterlebten, schauten hilflos und sprachlos zu. Sie bemitleideten mich, gaben Ratschläge, von denen keiner half. Sie bewunderten meine Geduld, die ich Lina entgegenbrachte, aber Fremde schüttelten verständnislos den Kopf. In ihren kritisch blickenden Augen glaubte ich, eine Anklage zu sehen. Die Anklage wegen Versagens, Unfähigkeit und Inkonsequenz in der Kindererziehung.
Linas Schreien jedoch war das Ergebnis einer Traumatisierung, die das Kind nicht verarbeiten konnte. Es war ein spontaner Ausdruck ihres körperlichen wie seelischen Unwohlseins, und es war zu jenem Zeitpunkt ihre einzige Möglichkeit, sich und ihren Schmerz zu artikulieren.
Lina schrie weiter. Jetzt, im Alter von drei Jahren, konnte sie sprechen. Sie redete jetzt auch, wenn sie schrie, weil sie in den Himmel wollte! Sie wollte zu Karl, ihrem geliebten Bruder. Die Sehnsucht nach Karl, aber auch nach ihrem Papa, trieb sie um, ließ sie nicht schlafen, machte sie aggressiv. Zum Schreien kam das Schlagen hinzu. Lina begann damit, um sich zu schlagen – auch nachts. Dauer und Intensität des Schreiens nahmen weiter zu: „Ich will zum Papa“, „Lass mich! Geh weg! Ich will zum Karl!“ Und immer wieder streckte sie die Arme in Richtung Himmel. Es gab Tage und Nächte, da konnte ich besser damit umgehen, an manchen Tagen weinte ich mit, schrie zurück, drohte... Nach etwa zwei Stunden war es dann überstanden.
Manchmal schlich ich mich erschöpft in mein Zimmer, setzte mich in einer Ecke auf den Boden und weinte vor lauter Verzweiflung und Hilflosigkeit. Wo sollte das alles hinführen? Wann sollte das alles ein Ende finden? Würde es überhaupt wieder Normalität geben? Meine Kinder klopften an meine Tür. „Mama, bist du da drin?“ Anna und Lina setzten sich dann zu mir auf den Boden. Anna schaute in meine verzweifelten Augen und ich in ihre. Lina wischte meine Tränen weg. Es war vorbei – bis zum nächsten Mal. Dieser Ablauf wiederholte sich im Durchschnitt alle zwei Tage. Ich stand permanent unter Druck, denn es konnte jederzeit wieder losgehen.
Ich suchte verzweifelt nach Hilfe, es durften aber keine Tabletten sein, keine chemischen Beruhigungsmittel. Deshalb suchte ich nach Alternativen. Heilung auf der Seelenebene. Ich begann nach Wegen zu einer solchen Heilung zu suchen, aber ich fand vorerst keine Lösung. Es sollte noch sehr lange dauern.
Das Schreien von Lina wurde immer intensiver und somit mehr und mehr zu einer Belastung, nicht nur für meine Tochter Anna und mich, sondern auch für unser Umfeld. Denn Lina ließ ihrer Wut, ihrer Verzweiflung jetzt ja auch tagsüber freien Lauf. In der Öffentlichkeit wurde ich mitleidig oder böse angeschaut, wenn es wieder einmal losging. Manche Mitmenschen zeigten sich verständnislos, andere wiederum schimpften auf mich: Ich stand als Mutter da, die nicht in der Lage war, ihr Kind zu beruhigen. Doch ich konnte mir und meinen Kindern wohl kaum ein Schild um den Hals hängen mit der Aufschrift: „Wir sind traumatisiert!“
Da Lina ein sehr forderndes und vereinnahmendes Kind war, das schon in frühen Jahren kleine und größere Machtspiele sehr gut verstand, wurden mir falsche Erziehungsmethoden unterstellt. Egal, wie ich erzog, ob konsequent und streng, ob geduldig und mit viel Liebe: Das Schreien blieb. Die Auslöser für das Schreien waren ganz unterschiedlicher Art, es war überhaupt kein Muster zu erkennen: Mal hatte eine Freundin nicht das gespielt, was sie wollte, mal konnte sie ihren Kopf nicht durchsetzen, oder sie fing an zu schreien, weil ich ihr etwas verbot. „Das hört sich doch alles ganz normal an. Da schreit ein Kind schon mal, reine Erziehungssache“ – denkt man. Mag sein, aber nicht in dieser Häufigkeit und in den unterschiedlichsten Situationen, und schon gar nicht an einem Stück zwei Stunden lang, in denen sie unerreichbar für mich war und ich für sie.
Als Lina ungefähr fünf Jahre alt war, schrie sie immer noch. Ich versuchte durch Gespräche mit ihr herauszufinden, warum sie schreit und was sie in diesem Moment braucht. Ich fragte sie, ob ich sie das nächste Mal halten dürfte, wenn sie wieder schreien würde. Sie bejahte das, konnte es in der Situation aber dann doch nicht zulassen.
Mit sechs Jahren hatte sich die Situation immer noch nicht gebessert, allerdings mit dem einen Unterschied, dass Lina sich nach jedem Schreianfall entschuldigte: „Mama, es tut mir so leid. Ich kann nichts dafür, ich will gar nicht schreien. Ich verspreche dir, dass ich es jetzt schaffe, drei Mal zu schlafen ohne zu schreien.“
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