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Ovid

Elegien der Liebe

Mit einem einleitenden Essay

Impressum

ISBN 978-3-940621-34-4

Digitalisat basiert auf der Ausgabe von 1880, erschienen im Verlag B. G. Teubner, Leipzig. Deutsch von Hermann Oelschläger.

Digitalisierung: Vergangenheitsverlag. Bearbeitung: Dr. Alexander Schug

Die Marke „100% vollständig, kommentiert, relevant“ steht für den hohen Anspruch, mehrfach kontrollierte Digitalisate klassischer Literatur anzubieten, die – anders als auf den Gegenleseportalen unterschiedlicher Digitalisierungsprojekte – exakt der Vorlage entsprechen. Antrieb für unser Digitalisierungsprojekt war die Erfahrung, dass die im Internet verfügbaren Klassiker meist unvollständig und sehr fehlerhaft sind.

© Vergangenheitsverlag, 2010 – www.vergangenheitsverlag.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Inhalt

Einleitendes Essay

Erstes Buch.

1. Die Weihe.

2. Amors Triumphzug.

3. Bitte um Gegenliebe.

4. Das Gastmahl.

5. Der Besuch.

6. Dem Türhüter.

7. Der geschlagenen Geliebten.

8. Die Kupplerin.

9. Der Kriegsdienst der Liebe.

10. Der Brief.

11. Die Antwort.

12. An Aurora.

13. Tröstung der Freundin.

14. Des Dichters Nachruhm.

Zweites Buch.

1. Der Sänger der Liebe.

2. Dem Türhüter Bagous.

3. Liebe überall.

4. Der Ungetreuen.

5. Auf den Tod des Papageis.

6. Klage über ungegründete Eifersucht.

7. Der Dienerin Kypassis.

8. An Cupido.

9. Der scheidenden Freundin.

10. Der Triumph.

11. Der Ring.

12. Einladung aufs Land.

13. Das Gelöbnis der Treue.

14. An Macer.

15. Liebeskunst.

16. An einen zu gefälligen Ehemann.

Drittes Buch.

1. Am Scheideweg.

2. Das Wagenrennen.

3. Die Meineidige.

4. An einen zu strengen Eheherrn.

5. Der Traum.

6. Die Liebe der Flüsse.

7. Der Ritter.

8. Auf den Tod des Tibullus.

9. Das Fest der Ceres.

10. Der Entschluss.

11. Liebe wider Willen.

12. Der Nebenbuhler.

13. Das Fest der Juno.

14. Die Sünderin.

15. Der Abschied.

Einleitendes Essay

Die Amores (Elegien der Liebe) gehören zu den bekanntesten Werken des römischen Dichters Ovid. Ovid, eigentlich Publius Ovidius Naso, wurde 43 v. Chr. in Sulmo (heute Sulmona, nicht unweit Roms) geboren und starb etwa 17 n. Chr.

Viele Informationen zu Ovids Leben sind seiner autobiografischen Darstellung „Tristia“ zu entnehmen. Darin berichtet er, aus einer angesehenen Ritterfamilie zu stammen. Standesgemäß hatte er sich in Rom auf die Ämterlaufbahn und den Anwaltsberuf vorzubereiten. Ovid entschied sich jedoch – nachdem er bereits einige öffentliche Ämter bekleidet hatte – Dichter zu werden, ein prestigeträchtiger Beruf im damaligen Rom. Tatsächlich konnte er bald erste Erfolge mit seiner Dichtkunst feiern und wurde nach Horaz Tod (8 v. Chr.) der gefeiertste Dichter Roms. Die „Elegien der Liebe“ begründeten diesen Status maßgeblich. Die Wirkung seines Werks hält bis heute an, dazwischen gab es immer wieder Höhepunkte der Ovid-Rezeption. So im 11. Jahrhundert oder zur Zeit des Barock (17./18. Jahrhundert).

Die „Elegien der Liebe“ sind eine Sammlung von Elegien (Klageoder Liebesgedichte mit oft sehnsuchtsvoller und schwermütiger Grundstimmung), in denen der Erzähler Naso als gewitzter, aber auch nachdenklicher Liebhaber einer fiktiven Liebesgespielin, Corinna, erscheint. Insgesamt handelt es sich um eine Sammlung von Gedichten, die in drei Büchern zusammengefasst sind. Trotz aller Sehnsucht und mancher Schwermut sind die Liebesgedichte amüsant zu lesen, weil Ovid darin allerlei kluge Tipps gibt, wie man zu einer Liebhaberin gelangt, sie beeindruckt, betört, verführt, aber auch ihren Täuschungen entgeht. So geht es in den „Elegien der Liebe“ um Liebesbeichten, Treue und Verrat, Eifersucht, Liebeskünste und das Ausschalten von Nebenbuhlern. Mit jedem Gedicht werden neue Beobachtungen Ovids thematisiert. Was mit Wortgewalt und manchmal schwülstigem Ton daherkommt, ist jedoch eine anschauliche Darstellung der Verwirrungen, Eifersüchte und Triebe der Menschen. Auch wenn die Gedichte rund 2.000 Jahre alt sind, sind sie nicht nur eine Quelle über das Leben im alten Rom. Das meiste, was Ovid über Liebende und die Hindernisse der Liebe erzählt, ist auch heute noch wie aus dem Alltag gegriffen.

Das Werk stellt eines der bekanntesten Beispiele römischer Liebeselegie dar, ein Genre, das auf den Dichter Lucius Cornelius Gallus zurückgeht. Auch wenn der Erzähler Naso mit dem Autor Ovid (Publius Ovidius Naso) identisch zu sein scheint, sind die „Elegien der Liebe“ nicht als autobiografische Darstellung einer wechselvollen Liebesbeziehung zu sehen. Vielmehr stellen die „Elegien der Liebe“ ein fantasievolles programmatisches Werk der römischen Liebeselegie insgesamt dar.


1 Publius Ovidius Naso, genannt "Ovid", nach einem Gemälde von A. v. Werner.

Erstes Buch.

1. Die Weihe.

Waffen und Schlachtengedröhn zu singen in wuchtiger Versart,

War mein Beginnen: dem Stoff sollte entsprechen die Form.

Gleich lang waren die Verse; da lachte Cupido und heimlich

Stahl er dem unteren Vers einen der Füße hinweg.

»Wer gab, herrischer Fant, dir ein Recht auf Gedichte?

Den Musen Dienen wir Sänger, doch nicht solchem Gelichter wie du.

Wie, wenn der blonden Minerva nun Venus die Waffen entrisse

Und nun Minerva die Glut schwänge der Fackeln umher?

Wie, wenn nun Ceres ihr Reich aufschlüg’ in den Gründen der Wälder

Und nach Dianas Gesetz würden die Fluren bestellt?

Wie, wenn der lockige Phöbus den Wurfspieß schleuderte?

Wer denn Lehrt’ ihn zu treffen, indes Mars an der Leier sich müht?

Wahrlich, Knabe, zu groß ist dein Reich schon längst und zu mächtig –

Was, Ehrgeiziger, strebst du noch nach neuem Gebiet?

Ist, wenn dir Alles gehört, auch der Helikon dein und sein Lusthain?

Ist auch die Leier Apolls nicht mehr gesichert vor dir?

Kraftvoll hob den Gesang mir der schlachtendröhnende Vers an

Und schon dem folgenden hast, Amor, den Flug du geschwächt.

Fehlt für ein leichteres Lied doch auch der gefällige Stoff mir,

Knab’ oder Mädchen, mit langwallenden Locken geschmückt.«

Also klagt’ ich; da griff schon der Gott nach dem klirrenden Köcher,

Wählte sofort den Pfeil, mir zum Verderben bestimmt,

Spannte mit Macht am Knie den tönenden Bogen: »Hier hast du,«

Rief er, »o Dichter, den Stoff, den du besingen nun sollst.«

Wehe mir! Sichere Pfeile besaß der Knabe: ich brenne

Und in der friedlichen Brust tobt schon der Liebe Gewalt.

Sei’s, sechsfüßig denn hebe mein Vers sich, er sinke mit fünfen –

Eiserne Kriege, lebt wohl, samt dem heroischen Vers!

Kränze das blonde Gelock dir schön mit der Myrte des Meerstrands,

Liebliche Muse, nur dir tönt mein elegisches Lied.

2. Amors Triumphzug.

Sagt, was mag das nur sein, dass das Lager mir täglich so hart scheint

Und dass die Decke mir stets gleitet vom purpurnen Pfühl?

Schlaflos verbring’ ich die Nächte, die endlos langen; es schmerzt mich

Jegliches Glied und im Bett werf’ ich mich stöhnend umher.

Wär’ ich von Liebe gequält, so müsst’ ich das wissen und fühlen –

Oder beschlich sie vielleicht listig und heimlich mein Herz?

Ja, so geschah’s: jäh drang in die Brust ihr zartes Geschoss mir,

Und nun beherrscht sie, die rauh Waltende, völlig mein Herz. –

Weich’ ich? Oder entfach’ ich im Kampf noch höher das Glutmeer?

Nein denn, ich weiche. Man trägt leichter die Last mit Geduld.

Schwingst du die Fackel im Kreis, gleich lodert zum Himmel die Flamme,

Die hinsinkend erstirbt, senkst du ermattend die Hand.

Nur mehr Schläge erntet das Rind, das gegen das Joch noch

Ankämpft, welches der Stier längst schon gelassen erträgt.

Blutig reißt nur das störrische Pferd das Maul sich am Brechzaum,

Während das edlere folgt, leicht nur vom Zügel berührt.

Wilder und härter bedrängt den Widerstrebenden Amor,

Als den Klugen, der gern sich ihm zum Sklaven bekennt.

Nun, so bekenn’ ich’s: ich bin deine neueste Beute, Cupido,

Huldigend heb’ ich zu dir, König und Herrscher, die Hand.

Nimmer bedarf es des Kampfs; um Gnade nur fleh’ ich, um Frieden;

Starker, wo bliebe dein Ruhm, wenn du mich Schwachen besiegst?

Kränze mit Myrten dein Haar und die schimmernden Tauben der Mutter

Schirr’ an den Wagen; schon rollt dort ihn Vulkan dir herbei.

Stolz im Wagen dann stehst du; »Triumph!« ruft jauchzend das Volk dir,

Lächelnd hörst du’s und lenkst anmutbewegt dein Gespann.

Lang nachfolgen im Zug dir gefangene Knaben und Mädchen –

Ha, welch ein glänzender Zug! Welch ein erhab’ner Triumph!

Ich selbst, brennt auch die Wunde mich noch, mit ergebenem Sinn doch

Trag’ ich die Ketten, in die du mich, Gewaltiger, schlugst.

Auch die Scham und Vernunft, auf den Rücken gebunden die Hände,

Führt man daher und was sonst dir noch zu dienen verschmäht.

Alles beugt sich nur dir, nach dir streckt Alles die Hände

Und dich umbrauset des Volks Jubel: »Triumph dir, Triumph!«

Mit dir schreiten im Zug Schmeichelei, Verblendung und Tollheit –

Wack’re Gesellen, die stets treu deinen Fahnen gedient.

Deine Soldaten! Mit ihnen besiegst du die Menschen und Götter;

Nimmt man dir diese, so bist arm du, verlassen und bloß.

Beifall lacht vom Olymp dem Triumphierenden Venus

Und mit göttlicher Hand streut sie dir Rosen aufs Haupt.

Du, Juwelen im Haar, in den funkelnden Schwingen Juwelen,

Fährst auf Rädern von Gold, selber ein Gold’ner, daher.

Hier auch, kenn’ ich dich recht, wirst du noch Viele entzünden,

Hier selbst im flüchtigen Zug schleudern auf Viele den Pfeil.

Denn nicht zu feiern vermag, auch wenn du es wolltest, dein Bogen:

Brennt erst die Flamme, versengt rings schon die glühende Luft.

So, mit den Tigern voran, durchzog einst Bacchus des Ganges

Länder im Siege – doch dir fliegen die Tauben vorauf.

Darum – darf ich ja doch dir nun folgen im stolzen Triumphzug –

Gnade! Nicht wende den Sinn, Sieger, vernichtend mir zu.

Leuchtendes Vorbild sei dir August, dein erhab’ner Verwandter,

Der mit dem siegenden Arm auch die Besiegten beschützt.

3. Bitte um Gegenliebe.

Billiges bitt’ ich: mich soll, die jüngst mich erobert, auch lieben

Oder sie sorge, dass ich stets sie zu lieben vermag.

Nein, ich begehre zu viel. Sie dulde nur, dass ich sie liebe –

Längst schon so inniges Flehn hätte Cythere erhört.

Nimm mich doch auf nun! Ich will durch lange Jahre dir dienen!

Nimm mich doch auf nun! Ich will treu dich stets lieben und rein!

Wenn mich auch freilich der Name nicht schmückt ruhmleuchtender Ahnen,

Und wenn auch meines Geschlechts Stifter ein Ritter nur war,

Wenn mir der Acker auch nicht von unzähligen Stieren bestellt wird

Und von den Eltern nur karg kommt mir des Lebens Bedarf –

Ach, so sprechen doch Phöbus für mich und die Musen und Bacchus,

Amor, der liebliche Gott, der mich zu eigen dir gab,

Treue, die niemals wankt, unsträfliche Sitten und endlich

Schlichtheit, so ehrlich, so bloß, und die errötende Scham.

Nicht nach Tausenden schau’ ich; kein Spielzeug ist mir die Liebe;

Dich nur lieb’ ich, nur du wirst meine Sorge stets sein.

Mit dir möcht’ ich die Jahre, die mir noch der Faden der Schwestern

Spinnt, gern leben, und gern sterben, wenn du mich beweinst.

Du sei der liebliche Stoff meiner Lieder! Es werden die Lieder,

Denen das Leben du gibst, deiner auch würdig nur sein.

Ewig leben im Lied die bremsengepeinigte Io,

Leda, die Holde, getäuscht einst von dem blendenden Schwan,

Ewig lebt auch im Lied die Jungfrau, die an des Stieres

Hörner sich klammernd, des Meers wogende Wellen durchschwamm.

So auch wird man von uns auf der ganzen Erde einst singen

Und dein Name vereint stets mit dem meinigen sein.

4. Das Gastmahl.

Heut zu demselben Gelag wird mit uns kommen dein Gatte –

Wahrlich – ich bebe vor Grimm – mög’ es sein letztes doch sein!

Denn, wie kann ich denn dich, die Geliebte, als Gast und von fern nur

Sehn und ein Anderer soll deiner Berührung sich freu’n?

Einem Anderen sollst an die Brust du zärtlich dich schmiegen?

Und er, wenn er nur will, schlingt um den Hals dir den Arm?

Staune du ferner nicht mehr, dass Hippodames’ strahlende Schönheit

Einst die Centauren vom Wein trieb in den blutigsten Kampf.

Haus’ ich doch weder im Wald, noch ist mir der Leib mit des Rosses

Gliedern verwachsen und doch zuckt mir im Zorn schon die Hand.

Was du nun tun sollst, höre von mir; doch bitt ich dich dringend:

Lass leichtfertig vom Wind nicht das Gesagte verwehn.

Zeitiger komm als dein Mann; zwar weiß ich nicht, was mir dein frühes

Kommen mag nützen – indess komm du nur immer zuerst.

Liegt auf den Pfühl er gestreckt, so nah’ dich bescheiden und sittsam,

Lege dich zu ihm, doch mir rühre du heimlich den Fuß.

Acht’ auf mich, auf Zeichen und Blick, auf die sprechenden Mienen,

Und den verstohlenen Wink gib mir verstohlen zurück.

Muss ich auch schweigen, so will mit den Brauen so lauter ich sprechen

Und was das Herz mir erfüllt, schreib’ ich mit Wein auf den Tisch.

Du dann, denkst du der Zeit, die in Liebe uns selig schon hinfloss,

Lege die zierliche Hand leicht an das rosige Kinn.

Zürnst du mir heimlich – ich weiß nicht, warum – und versah ich’s in etwas,

Schüttle die Locken zurück über das niedliche Ohr.

Hat dir aber, mein Stern, was ich tat, was ich sagte, gefallen,

Dann um den Finger behänd drehe das Ringlein von Gold.

Fasse den Tisch mit der Hand, nach der Art wie ihn Betende fassen,

Flehst du mit Recht auf den Mann Böses vom Himmel herab.

Beut er den Becher mit Wein dir gemischt, heiß’ selber ihn trinken,

Fordre vom Diener dir leis, was du zu kosten begehrst.

Ich dann greife zuerst nach dem Becher, den du ihm zurückgabst,

Und an der Stelle, wo du trankest, da trink’ ich dir nach.

Reicht er dir Speisen vielleicht, die er selbst erst eben gekostet,

Weise die Speisen zurück, die er nun doch schon berührt.

Duld’ es nicht, dass er den Arm um den Nacken zärtlich dir schlinge –

Schmieg’ ihm dein liebliches Haupt nicht an die bäu’rische Brust.

Lass nicht des Frechen Hand auf dem reizenden Busen dir ruhen

Und vor Allem: sei nie, niemals ihm willig zum Kuss!

Wagst du’s, so geb’ ich sofort als deinen Geliebten mich selbst an,

Reiße zurück dich und »Halt,« ruf’ ich, »die Küsse sind mein.«

Bitt’ ihn, dass fleißig er trinkt (nicht bedarf es deshalb, ihn zu küssen!)

Trinkt er, so gieß’ ihm geheim lauteren Wein noch dazu.

Liegt er dann trunken von Wein und Schlaf, dann, Teuerste, gibt sich,

Wie es die Zeit und der Ort bieten, das Nächste von selbst.

Stehst du dann auf, um nach Hause zu gehn, so gehen wir Alle,

Doch du halte dich klug stets in der Mitte des Schwarms.

Dort im Gedränge findest mich du, dort finde auch ich dich –

O, wie zum süßesten Spiel Hand sich in Hand dann verschlingt!

Weh mir Armen! Das nützt ja Alles nur wenige Stunden,

Von der Gebieterin trennt mich die gebietende Nacht.

Und nun verschließt sie der Mann. Betrübt, mit quellenden Tränen

Folg’ ich, soweit ich nur kann, bis an die grausame Tür.

Jetzt wird er Küsse sich nehmen und mehr als Küsse! Und was du

Mir nur verstohlen gewährst, gibst du gezwungen, als Pflicht.

Doch dann erweise dich spröd, dass den Zwang er merke; das kannst du;

Schmeichelndes Kosen sei fern, Venus sei frostig und karg.

Freudlos bleib’ ihm die Nacht! Das wünsch’ ich von Herzen und dir auch,

Wenn du ihm Freuden gewährst, bleibe die Freude versagt!

Doch jetzt, bringe die Nacht uns Böses, sie bringe uns Gutes –

Standhaft leugne du mir morgen, was immer geschehn.

5. Der Besuch.

Mittag war es, die Glut des Sommers lag auf den Feldern,

Müd und von Sehnsucht krank streckt’ ich aufs Lager mich hin.

Halb nur schlug ich das Fenster zurück, halb hielt ich’s geschlossen:

Wie durch den dämm’rigen Wald fällt nur gebrochen das Licht;

Wie beim Scheiden des Tags hindunkelnd noch zittert das Zwielicht,

Oder die Nacht schon versank, ehe der Tag noch erstand.

Gönnen muss man solch Dunkel den sittsamen Mädchen; dann hofft ja

Auf ein Versteck noch die Scham, das sie zu bergen vermag.

Siehe, Corinna! Nur leicht umhüllt vom entgürteten Kleide

Kam sie, des Nackens Schnee deckte gelöst ihr das Haar.

Also betrat Semiramis einst, die vergötterte – also

Lais, von Vielen umfreit, bräutlich der Liebe Gemach.

Hastig riss ich am Kleid; es war dünn und es schützte sie wenig;

Aber sie mühte sich doch, dass sie sich decke damit.

Und so kämpfend – doch ganz, als ob sie zu siegen nicht wünsche,

Ward mühlos sie besiegt nur durch den eignen Verrat.

Aber wie sie nun stand, das Gewand, das verhasste, am Boden,

Welch ein vollendetes Weib bot sich dem trunkenen Blick.

Welche Schultern erblickt’ ich, berührt’ ich, wie herrliche Arme!

Welch eine liebliche Brust hielt ich in bebender Hand!

Schlank anschloss sich der züchtige Leib an den schwellenden Busen,

Hüften, wie reizend gewölbt! Welch ein gerundetes Knie!

Aber was sag’ ich auch noch? Nichts Unpreiswürdiges sah ich

Und die Herrliche, nackt schloss ich sie fest an die Brust.

Wer errät das Weitere nicht? Matt ruhten wir Beide,

Ruhten – O Mittagszeit, nah’ mir so lieblich noch oft!

6. Dem Türhüter.

Pförtner, zur Schmach deines Herrn an die Türe mit Ketten geschlossen,

Schiebe den Riegel und ach, öffne die grausame Tür.

Weniges bitt’ ich von dir. Nur so weit öffne die Flügel,

Dass ich, den Leib seitwärts drehend, noch schlüpfe hinein.

Hat doch die Liebe schon längst zu solchen Diensten geschmeidig

Mir den Körper gemacht, leicht und die Glieder gewandt.

Ihr nur verdank’ ich die Kunst, durch die Reihen der lauschenden Wächter

Sicher zu schleichen, und sie leitet den tastenden Fuß.

Früher wohl scheut’ ich der Nacht Trugbilder und nichtige Schrecken,

Staunend sah ich’s, wenn sich Einer ins Dunkle gewagt.

Siehe, da lachte mir zu mit der reizenden Mutter Cupido,

Leise sprach er: »Auch du wirst mit der Zeit noch ein Held.«

Bald auch liebt’ ich, ja bald. Doch der Nacht hinflatternde Schatten

Fürcht’ ich nicht mehr und den Stahl, gegen die Brust mir gezückt.

Dich nur fürcht’ ich, du zögerst zu lang; nur dir zu Gefallen

Red’ ich; du hast ja den Blitz, der mich zu töten vermag.

Blicke doch her und damit du es kannst, so öffne die Türe:

Sieh, wie die Schwelle bereits heiß ich mit Tränen betaut.

Hab’ ich – du standest schon nackt und harrtest mit Zittern der Schläge –

Einst bei der Herrin für dich warm nicht und dringend gefleht?

Damals war dir mein Dienst viel wert und heute, da ich dir

Bittend komme (o Schmach!) soll er mir gelten für nichts?

Also vergilt mir den Dienst! Jetzt kannst du’s! Vergilt und sei dankbar!

Ach, es enteilet die Nacht! Stoße den Riegel vom Tor!

Öffne! Dann möge auch dir einst die Kette vom Fuße sich lösen

Und aus der sklavischen Zucht fröhlich ein Tag dich befrein!

Aber du hörst nicht! Ich flehe vergeblich, du bist wie von Eisen –

Trotzig aus Eisen gefügt starrt mir entgegen das Tor.

Freilich, belagerten Städten geziemt’s, sich die Tore mit Bollwerk

Fest zu umschützen; doch du, scheust du im Frieden den Krieg?

Was erst tust du dem Feind, da du so schon der Liebe begegnest?

Ach, es enteilet die Nacht! Stoße den Riegel vom Tor!

Nicht ja erschein’ ich in Kriegergeleit’ und in klirrenden Waffen –

Ich nur bin es, allein, ich und die Liebe allein.

Sie, ja, quält und verfolgt mich. Und ich, ich kann sie nicht lassen –

Eher könnt’ ich mich selbst trennen vom eigenen Leib.

Amor hab’ ich bei mir und des Weins ein wenig im Kopfe

Und, vom durchfeuchteten Haar niedergesunken, den Kranz.

Wer scheut Waffen der Art? Wer geht nicht ihnen entgegen?

Ach, es enteilet die Nacht! Stoße den Riegel vom Tor!

Wie, oder bist du nur träg? Oder schläfst du, Abscheulicher, schläfst du?

Und deinem Ohre vorbei klag’ ich den Winden mein Leid?

Nein, denn als neulich bereits deinen Schlaf ich zu nützen gedachte,

Bliebst du zum Ärger mir wach, bis sich die Nacht schon geneigt.

Oder vielleicht ruht gar dir im Arm eine zärtliche Freundin –

Um wie viel glücklicher dann bist du, o Wächter, als ich!

Würde das mir zum Los, gern wollt’ ich, ihr Ketten, euch tragen –

Ach, es enteilet die Nacht! Stoße den Riegel vom Tor!

Täusch’ ich mich? Hat nicht die Angel geknarrt? Es klirrte der Riegel

Und dumpf dröhnend dem Ohr schien auch das Tor sich zu drehn.

Eitle Täuschung! Der Sturm nur stieß an die wankenden Flügel –

Weh mir Armen! Der Sturm trug auch mein Hoffen mit fort!

Denkst Orithyias du noch, der entführten, dann, eisiger Nordwind,

Komm, anstürmend im Flug, schmett’re mir nieder das Tor.

Schweigend ruhet die Stadt und beperlt vom krystallenen Reife.

Ach, es enteilet die Nacht! Stoße den Riegel vom Tor!

Rasch! Sonst schwing’ ich die Fackel im Kreis, hoch lodert die Flamme

Und so mit Feuer und Schwert stürm’ ich das trotzige Haus.

Sicherlich raten die Nacht und der Wein und die Liebe zum Maß nicht –

Jene entbehret der Scham, diese entbehren der Furcht.

Alles jetzt hab’ ich versucht. Ich bat, ich drohte – vergeblich.

Sind deine Türen mir taub, bist du es, Wächter, noch mehr.

Nicht an die Schwelle gehörst du zur Wacht liebreizender Mädchen,

Schicklicher wärst du zur Hut Räubern und Mördern bestellt.

Siehe, schon leuchtet der Stern des Morgens im purpurnen Osten

Und zu den Mühen des Tags ruft schon des Hahnes Geschrei.

Doch dich, Kranz, dich nehm’ ich vom Haupte, dem kummerbelad’nen,

Hier auf der Schwelle von Stein ruhe den Rest du der Nacht.

Sieht dich die teuere Herrin am Morgen dann liegen, so sei denn

Du ihr ein Zeuge der Zeit, die ich so elend verbracht.

Hüter, es sei! Leb’ wohl! Ich gehe. Du kennst meine Liebe.

Schimpflich verstießest du mich dennoch. Und dennoch – leb’ wohl!

Ihr auch, grausame Pfosten, lebt wohl samt der steinernen Schwelle,

Türe, so sklavisch, so feig, wie dort der Sklave – leb’ wohl!

7. Der geschlagenen Geliebten.

Ist hier irgend ein Freund, so leg’ er in Fesseln die Hände

Mir, der die Ketten verdient, bis mir der Wahnsinn verging.

Gegen die Herrin ja hob ich in Tollheit frevelnd die Hände;

Das ich mit rasender Hand schlug, ach mein Mädchen, es weint.

Weh, so konnt’ ich mich auch an den teueren Eltern vergreifen,

Götterbilder im Grimm stürzen vom hehren Altar.

Hat nicht auch Ajax, der Held mit dem siebenhäutigen Schilde,

Rasend die Herden gewürgt rings auf dem weiten Gefild?

Hat nicht Orest, der unselig den Vater gerächt an der Mutter,

Gegen die Furien selbst Waffen zu fordern gewagt?

Also vermochte auch ich ihr ins Haar, das gelockte, zu greifen,

Das, so gewaltsam gelöst, doch noch sie schmückend umgab.

So auch war sie noch schön. So jagte, bewehrt mit dem Bogen,

Auf dem mänalischen Berg einst Atalanta das Wild.

So stand einst Ariadne und weinte, als ihr des Geliebten

Schwur und Segel das Meer treulos auf immer entführt.

Also lag – nur die Locken umfasst von der heiligen Binde –

Einst Kassandra entehrt, Pallas, vor deinem Altar.

Wer nicht hätte mich rasend, wer nicht Barbaren gescholten?

Sie nur schwieg und gelähmt schien ihr die Zunge von Furcht.

Doch laut klagte ihr schweigender Blick, laut klagten die Tränen,

Schwieg auch ihr bebender Mund, mich als den Schuldigen an.

Wären doch kraftlos mir von den Schultern die Arme gesunken!

Hätte für immer ich doch sie zu gebrauchen verlernt!

Wahnsinnbetört nur wandt’ ich die Kraft zum eigenen Unheil,

Nur zur Strafe mir selbst hab’ ich mich tapfer gezeigt.

Was noch soll ich mit euch, ihr Gehilfen des Mords und Verbrechens?

Tragt denn die Fesseln, die ihr, frevelnde Hände, verdient.

Wagt’ ich’s, den letzten zu schlagen vom Volk der Quiriten, so litt ich

Strafe. Und hätt’ ich an dir, Herrin, ein größeres Recht?

War Diomedes es nicht, der zuerst – o schmähliches Vorbild! –

Wund eine Göttin schlug? Ja, und der Zweite war ich.

Doch sein war die geringere Schuld. Die zu lieben ich vorgab,

Schlug ich; der Andere hat wild nur die Feindin bedrängt.

Geh’ nun, gewaltiger Held, beginne den stolzen Triumphzug,

Kränze mit Lorbeer dein Haupt, opfere dankend dem Zeus.

Jauchzend dann wird um den Wagen das Volk dir rufen: »Ein Mädchen

Hast du besiegt, Heil dir! Heil dir, du tapferer Mann!«

Trauernd geht sie voran, die Haare gelöst, und die Wangen

Bleich ganz, leuchtete nicht blutunterlaufen das Mal.

Besser wohl wär’ es, den Mund nur vom Kusse gerötet zu sehen,

Und auf den Hals nur des Zahns Spuren im Scherze gedrückt.

Braust’ ich auch sinnlos auf, wie ein überschäumender Waldstrom,

Hatte verblendend der Zorn ganz mich zur Beute gemacht –

War’s nicht genügend, sie anzuschreien, das furchtsame Mädchen,

Und ihr mit heftigem Wort – doch nicht zu heftig – zu drohn?

Oder ihr schimpflich das Kleid herab bis zur Mitte zu reißen?

Hier ja hätte sie doch glücklich der Gürtel geschützt.

Nein, ich vollbracht’ es. Ich riss ihr das Haar von der Stirn und ich habe

Ihr mit den Nägeln, ich selbst, blutig die Wange gekratzt.

Sinnlos stand sie vor mir, entseelt, wie vom Blitze getroffen,

Bleich das Gesicht und ganz weiß wie der parische Stein.

Starr erst war sie; dann sah ich sie jäh aufschauernd erzittern,

Wie an der Pappel das Laub zittert im Schauer des Winds;

Wie wenn der Westwind streicht durch das schlank aufragende Schilfrohr

Oder der Südwind lau kräuselt den Spiegel der Flut.

Wie vom verrinnenden Schnee das Wasser, so stürzten die Tränen,

Lange verhalten, zuletzt über ihr holdes Gesicht.

Jetzt erst fühlt’ ich mich schuldig; sie weinte – aber nicht Tränen,

Nein, mein eigenes Blut war’s, das sie weinend vergoss.

Dreimal stürzt’ ich zu Füßen der Holden; die furchtbaren Hände

Hob ich flehend, sie stieß dreimal entsetzt sie zurück.

O, so säume du nicht (verringert den Schmerz doch die Rache!)

Grabe die Nägel nun du – zauderst du? – mir ins Gesicht.

Schone die Augen nur nicht, noch schone, Geliebte, des Haupthaars,

Auch der schwächeren Hand gibt die Erbitterung Kraft.

Und dass kein Zeichen mehr sei meiner Untat, leg’ dir, o Mädchen,

Wieder die Locken zurecht, wie du sie eben noch trugst.

8. Die Kupplerin.

Wer eine Kupplerin jetzt will kennen lernen, dem weiß ich

Solch ein verruchtes Geschöpf, alt und verwittert und grau.

Dipsas ist sie genannt und mit Recht: denn den purpurnen Morgen

Hat die Hexe – ich weiß – nüchtern noch niemals begrüßt.

Magische Künste versteht sie, ääische Zaubergesänge

Und nach der Quelle zurück zwingt sie den rauschenden Strom.

Kräuter sammelt sie klug und weiß, was des wirbelnden Kreisels

Faden und was auch das Gift rossiger Stuten vermag.

Wenn sie es will, steigt schwarz und dräuend am Himmel der Sturm auf,

Will sie, so lächelt die Welt, goldig umflutet vom Tag.

Ja, von Gestirnen sogar sah Blut ich schon träufeln und einstmals

Färbte sich plötzlich von Blut purpurn die Scheibe des Monds.

Dies auch glaub’ ich, dass Nachts sie zum Vogel sich wandelt und, Federn

Über den runzlichten Leib, klagend das Dunkel durchschwirrt.

Ich, ich glaub’ es, auch glaubt es die Menge. Und blitzt doch im Aug’ ihr

Doppelt der Apfel und sprüht doppelte Flammen hervor.

Ahnen und Urahnherrn ruft aus den verfallenen Grüften

Frech sie empor und ihr Wort spaltet den festesten Grund.

Schamlos schändete schon sie die keuschesten Ehegemächer

Und ein beredter Sermon fehlte der Schlange noch nie.

Ihr nun machte mich einst Zufall zum Zeugen. Ich lauschte,

Hinter der Türe versteckt, wie sie verbrecherisch sprach:

»Weißt du, mein Schatz, dass du gestern im Circus dem reichsten von allen

Unseren Herrchen den Kopf hast gar gewaltig verdreht?

Stets nur sah er auf dich, denn dir gleicht Keine an Schönheit,

Die nur – wie jammert mich das! – ganz noch des Schmuckes entbehrt.

Wärst du so reich doch, als schon du die Reizendste bist! O wie gern dir

Gönnt’ ich’s und wäre dann selbst wahrlich nicht schlimmer daran.

Feindlich stand nur der Stern des Mars bisher dir entgegen –

Mars ist fort und nun herrscht Venus mit holdem Gestirn.

Sieh’ nur, was sie dir bringt schon im Aufgehn! Reich und verliebt kommt

Einer und was du nur willst, wirft er verschwendend dir zu.

Aber auch seine Gestalt ist schön wie die deine und dächte

Er nicht schon selber auf dich, müsstest du denken auf ihn.«

Hier errötete sie. »Wie ziert doch ein feines Gesichtchen

Solche Röte – doch ach, nur die erheuchelte nützt.

Blickst du verschämt in den Schoß mit niedergeschlagenen Augen,

Siehst du doch gleich, wie viel heut dir der Liebste gebracht.

Freilich hätte zur Zeit des Tatius nimmer ein biedres

Weib aus Sabinum zugleich mehrere Männer geküsst.

Doch heut klirren nur noch in entlegenen Ländern des Kriegsgotts

Waffen, im glücklichen Rom herrscht Cytherea allein.

Auf denn, ihr Lieblichen! Keusch ist nur, die Niemand versucht hat:

Ist sie verständig, so kommt sie dem Versucher zuvor.

Zieh’ nur die Stirne nicht kraus, die schimmernde: glaub’ es, zu gern nur

Rechnet man Falten der Stirn gleich zum Verbrechen uns an.

Sieh doch Penelope, die an dem Bogen die Kraft nur der jungen

Männer geprüft, und wie sehr passte der Bogen dazu!

Leise gleitet dahin und versteckt die flüchtige Jugend,

Wie von den Höhen zum Tal flüchtig die Welle sich drängt.

Nur im Gebrauche funkelt das Erz; in der Truhe vermodert

Endlich das Kleid, und das Haus, welches verwaist ist, zerfällt.

So auch geht dir die Schönheit dahin, wenn du länger noch spröd bist –

Aber mit Einem und Zwei’n ist es dabei nicht getan.

Sicherer bleibt’s und minder verhasst, recht Viele zu plündern:

Vollere Beute gewinnt stets aus der Herde der Wolf.

Was denn schenkt dir dein Dichter, als trefflich klingende Verse?

Aber vom Liebsten, mein Kind, forder’ ich anderen Klang.

Strahlt nicht selber der Gott der Dichter in goldenem Mantel?

Und, die melodisch er schlägt, ist nicht die Leier von Gold?

Wer dir gibt, sei größer für dich, als der große Homerus,

Wahrlich, im Geben liegt, glaube mir, großer Verstand.

Auch nicht verachte mir den, der als Sklave mit Gold sich die Freiheit

Kaufte – kein Mensch denkt mehr an den bekreideten Fuß.

Lass durch die Halle auch nicht voll Ahnenbilder dich täuschen –

Packe die Ahnen nur ein, armer Verliebter, und geh!

Sei auch bescheiden im Preis, so lang du die Netze noch ausspannst,

Dass sie nicht fliehen; doch dann nimm um so dreister sie her.

Stell’ dich nur immer verliebt; das schadet nicht! Mög’ er es glauben,

Dass du für ihn nur schwärmst – doch dann bezahl’ er auch bar.

Weigere oft ihm die Nacht; gib vor, du leidest an Kopfschmerz,

Und für ein anderes Mal biete dir Isis den Grund.

Dann nimm wieder ihn auf, dass er nicht sich zu warten gewöhne,

Dass nicht, zu häufig verschmäht, endlich die Lieb’ ihm erschlafft.

Taub für den Bittenden sei dir die Tür, für den Schenkenden offen,

Und des Verstoßenen Flehn höre der Glückliche drin.

Tu’ ihm auch manchmal weh und dann schmoll’, als habe ja er dich

Erst beleidigt – so hebt leicht sich die Schuld durch die Schuld.

Doch nie treibe den Groll du zu weit; denn dauerndes Schmollen

Hat schon – o glaube – wie oft bittere Feindschaft gebracht.

Weinen auch müssen die Äuglein dir lernen, geschickt, auf Kommando,

Dass dir aus mancherlei Grund, willst du’s, die Wange sich netzt.

Gilt es, den Liebsten zu täuschen, schwör’ falsch! Was liegt an dem Meineid?

Venus war immer ja noch für die Betrogenen taub.

Richte geschickt den Sklaven dir ab und die pfiffige Sklavin,

Dass er von ihnen stets hört, was dir zu schenken noch frommt.

Weniges mögen auch sie dann für sich noch erbitten; wird ihnen

Wenig von Vielen zu Teil, ernten zuletzt sie genug.

Hast du noch Mutter und Schwester und Amme, so lass sie den Vogel

Rupfen! Wie schnell ist er kahl, regen sich Hände genug.

Gehen die Gründe dir aus, ein Geschenk zu verlangen, so backe

Rasch einen Kuchen, der klar ihm den Geburtstag bezeugt.

Liebt er zu sicher, so ist das nicht gut; schaff’ einen Rivalen –

Fehlt erst ein jeglicher Streit, schläft auch die Liebe bald ein.

Überall soll er im Haus eines Mannes Spuren entdecken

Und dir von lüsternem Kuss bläuliche Flecken am Hals.

Lass die Geschenke vor Allem du sehn, die der Andere schickte:

Schenkt er auch dann nichts, so frag’ kurz nach dem heiligen Weg.

Dort such’ Vieles dir aus. Dazwischen erbitte dir Manches

Nur als geliehen, doch gibst du ihm auch das nicht zurück.

Nütze die Zunge! Verbirg dein Herz! Sei schmeichelnd und unwahr!

Gleiche dem Honig, der auch tödliche Gifte oft birgt.

Wenn du die Lehren befolgst, die ein langer Gebrauch mir bewährt hat,

Wenn das Gesagte dir nicht eitel im Winde verhallt,

Wirst du im Leben noch oft mich segnen und wenn ich gestorben,

Wirst du beten, dass sanft ruhe mein müdes Gebein. –«

Also war sie noch prächtig im Zug, da verriet mich mein Schatten,

Und kaum hielt ich die Hand, hielt ich die Fäuste zurück,

Dass ich ins spärliche Haar ihr nicht fuhr, in die Augen, vom Weine

Triefend und rot, in das alt hässliche Runzelgesicht.

Mögen die Götter ihr denn ein hilflos Alter bescheren

Und sie mit Hunger und Frost strafen und ewigem Durst.

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9783940621344
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