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DIE VERSCHWÖRUNG DER SCHATTEN

ALTERNATIVE FORTFÜHRUNG

VON KARL MAYS REISEERZÄHLUNGEN

„DER LÖWE DER BLUTRACHE“

UND

„BEI DEN TRÜMMERN VON BABYLON“

VON

OTTO EICKE

Herausgegeben von Bernhard Schmid

©2015

ISBN 978-3-7802-1625-0

KARL-MAY-VERLAG

BAMBERG·RADEBEUL

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Ein bedeutsamer Brief

2. Die ‚Unsichtbaren‘

3. Die ‚Hüter des Lichts‘

4. Ein wertvoller Fang

5. Das Blatt wendet sich

6. Ein ‚Wunder‘

7. Am ‚Brunnen der Vergeltung‘

8. In den Schirbambergen

9. Auf neuer Fährte

10. Im Haus Ghulams

11. Eine geheime Zusammenkunft

12. Ein nächtlicher Handstreich

13. Bei Jussuf, dem Einsiedler

14. Die ,Rose von Schiras‘

15. Folter

16. Hinter der Maske

Nachwort: ‚Schattenwirtschaft‘ – Otto Eicke als Karl-May-Fortsetzer

Vorwort

Der vorliegende Band ist eine Erscheinung für sich in der Gesamtfolge der Werke Karl Mays.1 Er ist aus den Gedanken herausgewachsen, die ich in meinem Aufsatz „Der Bruch im Bau“, Karl-May-Jahrbuch 1930, zusammenhängend vorgetragen habe. Es handelt sich dort um die Feststellung, dass Karl May durch die aus seinen Prozessen und der nebenhergehenden Pressefehde geborene Karl-May-Hetze von seinem eigentlichen Schaffensweg abgedrängt wurde. Aus der lebensvollen Tatsachenwelt, in der seine Reiseerzählungen bis dahin spielten, flüchtete der Angegriffene ins Land der Symbolik. Das ist der „Bruch im Bau“. Und da jene Hetze in die Zeit der Abfassung von Im Reiche des silbernen Löwen fiel, tritt der Bruch grad in diesem Werk zu Tage. Die Bände I und II und das 1. Kapitel des III. Bandes schrieb der Karl May der Tatsachenwelt, das Folgende bis zum Ende des IV. Bandes der scheu sich verschleiernde Gleichnisdichter. Für viele Freunde und Leser Karl Mays wurde das Anlass dazu, den Silberlöwen halb gelesen aus der Hand zu legen, das Werk insgesamt abzulehnen, obwohl der Aufbau zeigt, dass es eine der stattlichsten Schöpfungen Karl Mays werden sollte.

Da war die Frage naheliegend: Wie hätte Karl May den Silberlöwen zu Ende geführt, wenn seine Gegner geschwiegen hätten, wenn er durch die Hetze nicht in seinem Schaffen gehemmt worden wäre? Ich untersuchte diese Frage in dem genannten Aufsatz und holte mir die Antwort aus dem Gesamtwerk Karl Mays heraus. Ich stellte sorgsam wägend die großen Linien wieder her, die mir zum eigentlichen Schluss des Werkes zu führen schienen. Die Ausarbeitung dieses Fortgangs und Schlusses, der eine Art Ersatz für Silberlöwe III und IV ist, liegt in diesem Band vor.

Dabei habe ich aber Band I und II nicht als bekannt vorausgesetzt. Das heißt, Die Verschwörung der Schatten ist eine Karl-May-Reiseerzählung für sich, verständlich auch für den, der den Silberlöwen nicht kennt. Im Übrigen ist es ein Versuch, Karl May nachschaffend zu ergänzen. Ob dieser Versuch geglückt ist oder nicht, werden die Leser entscheiden. Mir bleibt nur noch zu bemerken, dass das 1. Kapitel des ursprünglichen Bandes III des Silberlöwen in veränderter Form von mir als Anfang übernommen wurde. Das war nötig, um für die Leser, die dieses Werk Karl Mays nicht kennen, den Anschluss zu wahren.

Ich hoffe, dass dieser Band, der sich bemüht, dem alten, von Karl May ursprünglich geplanten Fortgang und Schluss des Silberlöwen zu entsprechen, eine freundliche Aufnahme in der Gemeinde der Karl-May-Leser findet.

Otto Eicke

1. Ein bedeutsamer Brief

Wieder einmal war ich in der Tigrisebene bei meinen alten Freunden, den Haddedihn-Arabern, eingekehrt und war von ihnen mit gewaltigem Jubel empfangen worden. Mein ‚Freund und Beschützer‘ Hadschi Halef Omar, der jetzt die Würde eines Scheiks trug, führte mich mit strahlender Miene in sein Zelt zu Hanneh, seinem geliebten Weib, der ‚lieblichsten unter den Blumen‘, wie er sie zu nennen pflegte, und zu seinem Sohn Kara Ben Halef, dem ‚jungen Helden‘. Es war sofort ausgemachte Sache, dass ich monatelang bleiben sollte. Als Halef jedoch hörte, dass es meine Absicht war, einen schon früher geplanten, einst aber unterbrochenen Ritt nach Persien hinein durchzuführen, packte ihn das Reisefieber. Die alte Abenteuerlust erwachte jäh in ihm und sogleich stand sein Entschluss fest, mich zu begleiten. Meine Zustimmung setzte er dabei einfach als selbstverständlich voraus.

„O Sihdi“, frohlockte er, „wie danke ich der Güte und der Weisheit Allahs, der deine Schritte in unser Duar2 gelenkt hat! Du kommst zur rechten Zeit. Lange hätte ich diese Tatenlosigkeit nicht mehr ausgehalten. Die Langeweile fraß in mir wie die Maden in den wurmstichigen Datteln und die Behändigkeit meines Geistes und die Heldenhaftigkeit meines Mutes begannen zu verblassen wie das Webmuster in einem alten Gebetsteppich. Hamdulillah! Nun wird es wieder Abenteuer geben! Wir werden ausziehen in ferne Länder wie einst der große Kalif und werden mit den Tieren der Wildnis und den Kriegern unbekannter Stämme kämpfen. Wir werden die Guten belohnen und die Bösen bestrafen. Der Ruhm unsrer Taten wird vor uns herflattern wie die grüne Fahne des Propheten vor den sieghaften Scharen der Streiter im Heiligen Krieg, und überall wird man erzählen von Emir Kara Ben Nemsi Effendi, dem großen Helden aus Germanistan, und von seinem Freund und Beschützer Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah.“

Ich verzichtete auf den Versuch, den Überschwang des Kleinen zu dämpfen. Er war nun einmal ein echter Sohn des Morgenlandes und liebte als solcher die Übertreibungen in Worten, ohne darum etwa ein Prahler zu sein. Wenn es zur Tat kam, stand er stets seinen Mann und ich konnte mich auf ihn verlassen. Jetzt wollte erst einmal seine Freude ihr Recht haben.

Dann ging es an die Reisevorbereitungen. Dazu gehörte in der Hauptsache die Auswahl der Pferde. Ich sollte Assil Ben Rih reiten, einen vorzüglichen Rapphengst, den Sohn meines unvergesslichen Rih. Halef nahm für sich gleichfalls einen Rappen, einen Nedschd-Hengst, ein kostbares Tier, das er bei einem Sieg über die Abu Hammed, die Feinde seines Stammes erbeutet hatte. Es war bei seinen einstigen Besitzern El Atim3 genannt worden, Halef aber hatte es Barkh4 getauft und ich erkannte bald, dass es seinen Namen mit Recht trug. Es war ein Renner, wie ich nur wenige gesehen habe.

Unser Weg sollte über Bagdad gehen, wo wir Erinnerungen an frühere Erlebnisse aufzufrischen gedachten. Um unsere Tiere nicht vorzeitig anzustrengen, beschlossen wir, bis zu dieser Stadt den Tigris hinabzufahren. Es wurde also ein Kellek gebaut, eines jener Flöße aus aufgeblasenen Ziegenbälgen, wie sie dortzulande üblich sind, groß genug, uns und die Pferde zu tragen.

Dann brachen wir nach kurzem Abschied auf. Halefs Verlangen nach Abenteuern wurde rasch gestillt. Wir gerieten mit persischen Schmugglern zusammen, Mitgliedern eines weitverzweigten Geheimbundes, die sich selber als Sillan5 bezeichneten und als heimliches Bundesabzeichen eigenartig geformte und geprägte Fingerringe trugen. Über diese Ereignisse ist an anderer Stelle berichtet.6 Es wird aber auch in dieser Erzählung noch ausführlicher davon die Rede sein; denn unser ganzer Ritt nach Persien gestaltete sich schließlich zu einer Kette von Auseinandersetzungen mit diesen ‚Schatten‘, bis zur letzten großen Schlussabrechnung, und wir gerieten dabei aus einer Gefahr in die andere.

Vorläufig sei nur gesagt, dass wir glücklich Basra erreichten, die älteste der Kalifenstädte an Euphrat und Tigris, vom Kalifen Omar im Jahr 638 gegründet, um den Persern die Verbindung mit dem Meer und den Seeweg nach Indien abzuschneiden. Diese Stadt war einst als Stapelplatz der nach Bagdad bestimmten Waren von großer Bedeutung, und ihr Ruhm wuchs ins Ungeheure durch das Ansehen der Gelehrtenschule, die Ibn Risaa, der Gefeierte, in Basra gründete. Sie trug schließlich sogar den Ehrennamen Kubbet el Islam, Kuppel des Islam.

Aber diese Herrlichkeit war nicht von Dauer. Ungünstige politische Verhältnisse und ein unaufhaltsames Versanden der Flussmündung führten den Niedergang der Stadt herbei. Dazu kam noch die ungesunde Lage in der feuchten, fieberreichen Niederung. Sogar den Namen büßte Basra ein. Es wird heute Zobeïr genannt und stellt sich als eine Ansammlung armseliger Hütten inmitten eines Ruinenfeldes dar.

Hier sollte unser Ritt nach Persien beginnen. Wir wollten über den Schatt el Arab und über den Qarun setzen, einen Fluss, der vom Zagrosgebirge herabkommt, und am Ufer des Dscherrahi oder des Ab‘ Ergun in die Berge reiten, durch deren Pässe ein Weg nach Schiras führt. Jetzt saßen wir unweit des Zollgebäudes in dem Kahwehane7, das neben dem Tor in der Mauer liegt. Wir hatten die Pferde in dem engen, schmutzigen Hof stehen und warteten auf den Fährmann, der uns ans linke Ufer des Schatt el Arab bringen sollte. Der gute Mann hatte soeben erst jemanden übergesetzt und behauptete, sich nun ein wenig ausruhen zu müssen. Dagegen war nichts zu machen.

Die Wände des Kaffeehauses bestanden aus geflochtenem Rohr, sodass wir in unserem kleinen Hinterzimmer alles hören und sehen konnten, was in der eigentlichen Gaststube vorging. Dort saß der Wirt faul auf einem Kissen und dämmerte vor sich hin, während der ‚Kellner‘, ein junger Somali, die an der Wand hängenden Tschibuks8 der Reihe nach herabnahm und für die erhofften Gäste auf Vorrat stopfte. Es herrschte lautlose Stille. Nur zuweilen klang von dem Dampfer, der gegen Abend nach Karatschi oder Bombay in See gehen sollte, ein lautes Befehlswort herüber. Dann ertönte die begrüßende Stimme einer Schiffspfeife. Ein zweiter Dampfer kam, wir konnten ihn jedoch nicht sehen. Und wir ahnten nicht, dass er uns eine große Überraschung bringen sollte.

Es waren kaum zehn Minuten seit dem Pfeifensignal vergangen, als wir nebenan einen neuen Gast eintreten hörten. Wir hatten keine Veranlassung, uns um diesen Mann zu kümmern. Nur aus Langeweile warfen wir einen Blick durch die Rohrwand und schon wollte Halef aufspringen und einen Ruf der Verwunderung ausstoßen. Ich schloss ihm aber rasch mit der Linken den Mund und drückte ihn mit der Rechten auf sein Sitzkissen nieder.

„Still, ganz still, Halef!“, flüsterte ich. „Wir wollen erst einmal abwarten, wie er, der weder Arabisch noch Türkisch spricht, sich hier benehmen wird.“

Der neue Gast war eine auffällige Erscheinung. Seine Gestalt war lang und knochig. Auf seinem schmalen Kopf saß ein hoher, grauer Zylinder. Ein unendlich breiter Mund legte sich einer scharfen, langen Nase quer in den Weg, als wollte er verhindern, dass sie sich bis zum Kinn hinabbog. Wenn dazu noch gesagt wird, dass diese Nase von den Spuren einer Aleppobeule verschönert wurde, so wird der Kenner dieser Reiseerzählungen erraten, wer der Fremde war, kein anderer nämlich als mein Freund David Lindsay, der millionenreiche, spleenige Lord, mit dem ich schon so manches Abenteuer erlebt hatte. Er war sichtlich noch ganz der Alte. Alles an ihm war graukariert, der Schlips, die Weste, der Rock, der Gürtel, die Beinkleider und die Gamaschen. Auf seinem Rücken hing in einem graukarierten Überzug ein ungewöhnlich großes Gewehr und in der Hand trug er ein kleineres, gleichfalls in einer graukarierten Umhüllung.

„Salâm!“, grüßte er kurz und ließ sich mit steifer Würde auf eines der Sitzkissen an der Wand nieder. Dann gab er dem Somali einen befehlenden Wink.

„Tschibuk!“

Der ostafrikanische Jüngling nahm eine der gestopften Pfeifen, schob die Spitze in den Mund, legte ein Stück glühende Holzkohle auf den Tabak und sog ihn in Brand. So reichte er dem Fremden den Tschibuk.

„Chanzir9!“, fuhr ihn der Engländer an und schlug ihm die Pfeife aus der Hand, dass sie dem Wirt vor die Füße flog.

Der Kahwedschi10 begriff den Grund dieser Ablehnung.

„Der Fremde ist ein Inglis“, erklärte er dem verdutzten Somali, „und will den Tschibuk nicht aus deinem Maul haben. Er brennt sich den Tabak selber an.“

Also wurde dem Gast ein zweiter Tschibuk gereicht. Aber es dauerte nicht lange, so flog er dem ersten nach.

„Duchan battal11!“, schimpfte Lindsay.

Und so ging es weiter. Er ließ sich Kaffee bringen, kostete einen Schluck und goss die Tasse aus.

„Kahwe battaldschiddan12!“

Dann schien er darüber zu grübeln, was er noch bestellen könne. Dem Gentleman war es offenbar peinlich, in einem Gasthaus zu sitzen, ohne etwas zu verzehren. Endlich war ihm ein Einfall gekommen.

„Frank Kahwe13!“, verlangte er.

„Habe ich nicht“, brummte der Wirt.

„Kakao!“

„Weiß nicht, was das ist.“

„Sherry!“

„Das verstehe ich nicht.“

Da öffnete Lindsay den Mund zu einem sperrangelweiten Gähnen und seine Nasenspitze blickte tief in das klaffende Loch, ob nicht doch noch ein Wunsch daraus erscheinen würde. Und er kam auch.

„Scherbett!“, erklang das erlösende Wort.

Der Somali brachte das verlangte Zuckerwasser mit Fruchtsaft und bekam dafür ein so reichliches Trinkgeld zugeworfen, dass er sich dreimal tief verneigte. Lindsay aber kostete auch diesen Trank, einen Schluck und noch einen; dann warf er einen Blick in das Gefäß und schien vor Entsetzen zum Steinbild zu erstarren.

„The devil! Das ist ja ein – ein – wie heißt snail auf Arabisch?“

Der Wirt erhob sich langsam und trat hinzu.

„Ist etwas in dem Scherbett? Lass sehen! – Ach so, eine Bazzaka14, eine ganz kleine Bazzaka! Nur so lang wie mein Mittelfinger! Deshalb brauchst du dich nicht zu ekeln. Allah hat sie ebenso geschaffen wie dich und mich. Gib her! Es wäre schade um das süße Getränk.“

Er langte die Schnecke heraus, zertrat sie und trank die Limonade bis auf den letzten Tropfen aus. Lindsay schüttelte sich. Seine Nase, die sich mit ihren Regungen bekanntlich in steter Übereinstimmung mit den Gefühlen seines Herzens befand, hing trauernd und voll Abscheu nieder.

„Ist dir übel geworden?“, forschte der menschenfreundliche Wirt. „Dann rate ich dir, einen Araki zu trinken.“

Da fuhr Lindsay auf.

„Ja, einen Araki will ich haben. Aber klein darf er nicht sein.“

„Er wird so groß sein, dass ich auch mittrinken kann.“

„Wenn du auch trinken willst, so lass dir einen gesondert kommen.“

„Und für mich auch einen?“, meldete sich der somalische Mundschenk.

„Meinetwegen.“

Der Junge holte die Branntweinflasche und goss drei mächtige irdene Näpfe voll. Lindsay fand den Araki ausgezeichnet und trank vorsichtig ab und zu einen Schluck. Die beiden Moslimen aber hatten Kehlen wie die irländischen Vollmatrosen. Sie schluckten, als hätten sie Wasser vor sich stehen. Die Wirkung blieb denn auch nicht aus. Den Somali machte der Branntwein zunächst still, der Wirt aber wurde lebhaft. Er rückte immer näher an Lindsay heran und schwatzte von allem Möglichen und Unmöglichen. Der Engländer ging darauf ein, wohl um des Sprachstudiums willen. Es ist bereits gesagt, dass er unseres Wissens weder Türkisch noch Arabisch verstand. Nun aber hörten wir zu unserer Überraschung, dass er sich ganz leidlich auf Arabisch unterhalten konnte. Er musste sich, seit wir einander zum letzten Mal begegnet waren, mit dieser Sprache eifrig beschäftigt haben.

Im Laufe des Gesprächs wurden auch die benachbarten Zollgebäude erwähnt. So kam die Rede auf Steuern und Zölle und schließlich auch auf die Schmuggelei. Der Wirt, den der Branntweingenuss unvorsichtig machte, erzählte verschiedene Heimlichkeiten, die ihn als Mitwisser der Pascher kennzeichneten. Er rühmte sich, noch viel mehr sagen zu können, wenn er nur wolle, und streckte Lindsay schließlich die Rechte hin.

„Sieh diesen Ring an meinem Finger! Wenn er nicht stumm wäre, könnte er dir Geheimnisse offenbaren, über die du staunen würdest.“

Jetzt horchte ich auf. Was für ein Ring war das? Etwa eines jener geheimen Bundesabzeichen der Sillan? Diese Ringe, von denen ich in den bisherigen Kämpfen mit den ‚Schatten‘ zwei goldene und einige silberne erbeutet hatte und bei mir trug, kennzeichneten sich sämtlich durch eine achteckige Platte, die anstelle des Ziersteins angebracht war. Sie war mit arabischen Buchstaben versehen, einem Sa mit einem Lam verbunden, darüber das Verdoppelungszeichen. Das ergab das Wort Sill, Schatten. Ich hatte bisher nicht auf die Hände des Kahwedschi geachtet. Jetzt spähte ich aufmerksam hinüber, konnte aber nichts Genaues erkennen. Auch Halef war in Spannung geraten. Er drückte den Kopf so dicht an die Rohrwand, dass das Geflecht knisterte.

„Ist jemand da draußen?“, fragte der Engländer. „Ich hörte ein Geräusch.“

„Allah w’ Allah!“, besann sich der Wirt. „Es sind zwei fremde Männer drüben, die Kaffee trinken. Ihre Pferde stehen im Hof. Echtes Radschi Pack15!“

Nun war es vorbei mit unserem Versteckspiel. Ich trat kurz entschlossen in die Öffnung der Verbindungstür und streckte Lindsay beide Hände entgegen.

„Sir David! Welcome in der alten Dschesireh16! Wer hätte das geahnt!“

„Welcome, Mister Englishman!“, meldete sich auch Halef, der voll Stolz einige englische Brocken aus seinem Gedächtnis hervorkramte. „We are vor Freude über diese Begegnung tief gerührt. Kommst du aus deinem native country? Oder hat dich Allah aus einem anderen Land zu uns geführt?“

Lindsay stand zunächst starr, keines Wortes fähig. Dann aber löste sich der Bann. Er schlang die ewig langen Arme um mich und drückte mich an sich. Halef musste sich mit einem derben Händeschütteln begnügen. Und dabei konnte sich der sonst so wortkarge Lord nicht genugtun in Versicherung seiner Freude über dieses Wiedersehen. Der Wirt und der Somali standen verwundert dabei und wussten nicht, was sie aus uns machen sollten.

Als sich der erste Begrüßungssturm gelegt hatte, setzten wir uns in dem kleinen Hinterzimmer zusammen. Lindsay verfiel jetzt wieder in seine knappe, abgerissene Ausdrucksweise, die er auch im Arabischen beibehielt.

„Ist ein großer Festtag heute. Möchte ihn feiern. Mit einem Willkommenstrunk.“

„Hier? Wo nichts zu haben ist?“

„Nichts? Ist ein Irrtum. Arak ist da, Wasser, Zucker und Feuer auch. Zitronen wird der Wirt beschaffen können. Werde einen Punsch brauen.“

Er wandte sich an den Kahwedschi und erfuhr, dass er alles Nötige haben könne. Auch selber bereiten durfte Lindsay den Trank, so ging er denn ans Werk. Der Somali musste ihm einige Handreichungen leisten. Der Wirt sah ihm gespannt zu. Dabei hielt er die Hände über dem Leib gefaltet, sodass ich den Ring unauffällig betrachten konnte. Er war von Silber und trug wirklich die achteckige Platte mit den Zeichen der Sillan. Der Mann gehörte also jener geheimen Gesellschaft an, deren Treiben wir auf der Spur waren.

Der Punsch war dem Lord vortrefflich geglückt. Er bot in seiner freigebigen Weise dem Wirt und dem Somali auch ihr Teil an, und als er sah, wie entzückt sie über das unbekannte Labsal waren, erlaubte er ihnen, sich nebenan auf seine Rechnung eine neue Auflage zu bereiten. Wie es gemacht wurde, hatten sie ja gesehen.

So waren wir die beiden los und konnten ungestört plaudern. Zunächst sprach ich Lindsay meine Anerkennung über seine neu erworbenen arabischen Sprachkenntnisse aus. Besonders Halefs wegen, der kein Englisch verstand, war es eine große Annehmlichkeit, die Unterhaltung arabisch führen zu können. Lindsay schmunzelte, sodass seine Nase in die lebhafteste Bewegung geriet, und nickte dazu.

„Well! Habe aber auch geschuftet wie ein Pferd. Oder besser, wie ein Ochse. Zugochsen arbeiten auch mit dem Kopf. Hatte meinen Grund. Wollte wieder mit euch reisen. Letzter Brief von dir wurde mir aus Kapstadt nachgeschickt. Stand drin, dass du zu Halef und nach Persien wolltest. Ich also nach Deutschland, um dich abzuholen.“

Der Lord nannte mich, da er Arabisch sprach, natürlich du.

„Nicht möglich.“

„Sehr möglich. War dort. Du aber schon fort.“

„Ah, nun errate ich alles. Du bist mir nach?“

„Nicht eigentlich. Kannte deinen Weg ja nicht. Also nach Wien, Triest mit Bahn; Triest, Suez, Bombay mit Schiff; Bombay, Buschir, Bagdad wieder mit Schiff. Dann Haddedihn suchen und nach dir fragen.“

„Das war ein kühner Plan. Der Weg war gefährlich, und ob du die Weideplätze der Haddedihn gefunden hättest...“

„Pshaw! Bin kein Kind. Nun aber unnötig. Dampfer legte für einige Stunden hier an. Ich an Land, weil es an Bord zu langweilig war. Nun gemeinsam nach Persien. Ihr nehmt mich doch mit?“

„Das bedarf keiner Frage. Aber...“

„Kein Aber! Gehe mit euch. Welches Reiseziel?“

„Zuerst Schiras, dann Isfahan, Teheran.“

„Well! Abgemacht! Was für Zwecke verfolgst du?“

„Wie immer! Ich will Land und Leute kennenlernen, um darüber zu schreiben. Allerdings hat sich auch noch ein besonderes Ziel für uns ergeben. Es gilt die Entlarvung einer geheimen Verbrechergesellschaft, mit deren Mitgliedern wir bereits heftig zusammengeraten sind.“

„Excellent! Ausgezeichnet! Abenteuer! Erzähle!“

„Die Leute nennen sich Sillan, Schatten. Das Oberhaupt der Bruderschaft wird als Ämir-i-Sillan, Fürst der Schatten, bezeichnet. Die Unteranführer haben den Titel Pädärân17. Wir haben da zum Beispiel mit einem Pädär-i-Baharat zu tun gehabt, was ‚Vater der Gewürze‘ bedeutet. Diese Sillan paschen nämlich unter anderem auch Gewürze wie Safran und Saflor aus Persien, wo ihr Hauptsitz zu sein scheint, über die Grenze. Aber sie treiben vermutlich auch sonst allerlei dunkle Dinge. Wir haben das erfahren, indem wir einem ihrer Obersten, der sich Säfir18 nannte, das Handwerk legten. Nun sind wir drauf und dran, die Spuren dieser Bande bis nach Persien hinein zu verfolgen.“

Es war deutlich zu sehen, wie stark mein Bericht den Engländer fesselte. Seine Nase war der Gradmesser dafür. Sie fuhr hin und her wie eine Magnetnadel. Er wollte alles bis in die Einzelheiten wissen und das war Wasser auf Halefs Mühle.

„Sihdi“, bat er, „überlass das Erzählen mir! Du weißt, dass mir Allah die Gabe der blühenden Rede und den Vorzug der packenden Darstellungskraft verliehen hat. Ich werde gewiss nichts vergessen, und wenn ich mit meiner Schilderung unserer Taten fertig bin, wird es sein, als hätte der Zuhörer selbst an unseren Abenteuern teilgenommen.“

Ich tat ihm den Willen und schickte nur eine Mahnung voraus.

„Aber fasse dich kurz! Wir wollen nicht noch stundenlang hier sitzen bleiben. Und sprich vor allem leise, wie ich es getan habe! Die beiden Zecher nebenan dürfen nichts davon hören.“

„O Sihdi“, lächelte er, „die zwei werden nicht auf unser Gespräch achten. Horch, was für eine fromme Wirkung der Raki mit dem heißen Zuckerwasser bei ihnen hervorbringt!“

Er hatte Recht. Der Wirt sang nebenan in einem fort: „Allahu! Allahu! Allahu!“ Er ahmte die heulenden Derwische nach und der Ostafrikaner schrillte dazu in den höchsten Fisteltönen allerlei dummes Zeug.

Halef konnte also getrost beginnen. Seine Rede war wie gewöhnlich ein Meisterstück blumiger, morgenländischer Schilderungskunst. Seine Vergleiche forderten, so ernst sie auch gemeint waren, ständig die Heiterkeit heraus. Er ließ unser Heldentum im hellsten Licht erstrahlen, das seinige nicht zuletzt, und gab dem Ganzen eine Fassung, die die Spannung des Zuhörers auch nicht eine Minute erlahmen ließ. Es ist unmöglich, seinen Bericht auch nur annähernd wiederzugeben. Lediglich vom Tatsacheninhalt sei kurz das Notwendigste gesagt.

Auf unserer Fahrt den Tigris abwärts hatten wir einmal des Nachts am Ufer gelagert und dort drei Perser belauscht, die gleichfalls stromab gekommen waren. Sie bezeichneten sich als Sillan und sprachen vom Safran- und Saflorschmuggel und von ihrem Oberhaupt, dem Ämir-i-Sillan. Mit dessen Amtsführung zeigten sie sich unzufrieden. Es war von einer Verschwörung die Rede, die bei Gelegenheit einer Versammlung der Pädärân an einem Duschämbä-i-Mäwâdschib19 in der Ruine der Mädschmä-i-Yähud20 losbrechen sollte. Der eine von den dreien war eben jener Pädär-i-Baharat. Durch eine Unvorsichtigkeit Halefs, die der Kleine in seinem Bericht freilich schlau zu bemänteln verstand, wurden die Perser auf uns aufmerksam. Der Pädär gab sich für einen Schahsahdä aus, für einen Verwandten des Schah von Persien, nannte sich Kaßim Mirza21 und trat so großsprecherisch und rüpelhaft wie nur möglich auf. Das reizte den Hadschi. Und als der Perser dann erfuhr, ich sei ein Christ, beschimpfte er mich gar in der unflätigsten Weise. Da zog Halef, den der Perser auch noch einen Zwerg genannt hatte, dem Frechling die Peitsche übers Gesicht. Wir schlugen die drei schließlich nieder und fesselten sie. Ich entdeckte ihre Ringe, einen goldenen und zwei silberne, und nahm sie ihnen, um sie scheinbar ins Wasser zu werfen. In Wahrheit behielt ich sie heimlich. Am andern Tag ließen wir die drei wieder los. Sie lauerten uns zwar unterwegs auf, konnten aber nichts ausrichten. Wohlbehalten erreichten wir Bagdad.

Hier machte Halef eine Pause, um erst einmal die Wucht seiner Schilderungen wirken zu lassen. Lindsay strahlte über das ganze Gesicht.

„Excellent! Indeed!“, schmunzelte er. „Werde helfen, diesen Sillan ihre Schurkereien heimzuzahlen. Du hast also die Spur dieser Leute nicht verloren?“

„Langsam! Langsam!“, wehrte ich ab. „So weit ist es noch gar nicht. Die Hauptsache kommt erst noch. Wir wohnten nämlich in Bagdad bei einem früheren türkischen Offizier. Er war später Zollbeamter gewesen und mit den Sillan zusammengeraten. Sie hatten ihn gefangen, ihm sein Vermögen abgenommen und ihm einen Schwur erpresst, über alles zu schweigen. Der Pole...“

„Halt!“, unterbrach mich Lindsay. „Wieso Pole? Denke, es war ein Türke?“

„Nur türkischer Offizier, Binbaschi22, dann Beamter beim Zoll. Es hieß Dozorca, war ein polnischer Flüchtling.“

„Zum Islam übergetreten?“

„Ja.“

„Miserabel! Gesinnungslos!“

„Gewiss! Aber er hat es auch gebüßt. Er wurde überhaupt glaubenslos, haltlos. In politischen Wirren wurde er von Frau und Kindern getrennt. Die Seinen sind seitdem verschollen. Ein unglücklicher Mensch.“

„Du vergisst, Sihdi“, schaltete sich Halef ein, „dass es der Erhabenheit unserer Vorzüge und der Unwiderstehlichkeit unseres Mutes beschieden war, dem Polen die Hälfte des verlorenen Glückes wiederzuverschaffen. Er wurde durch unser Eingreifen zum Mir Alai23 befördert und erhielt sein Vermögen zurück. Soll ich nicht weitererzählen?“

Ich ließ ihn den Bericht unserer Erlebnisse zu Ende bringen. Die Hauptrolle in den Schicksalen Dozorcas hatte auf Seiten der Sillan jener bereits erwähnte Säfir gespielt, ein wahres Scheusal in Menschengestalt. Ihm begegneten wir, Halef und ich, in Hille. Es ging hart auf hart. Wir gerieten sogar in seine Gefangenschaft. Im Innern der Ruinen des Birs Nimrud hielt er uns fest. Aber wir entkamen und räumten die Ruinen aus, das Warenlager der Pascher, eine reiche Schatzkammer. Der Säfir, dem ich seinen goldenen Ring gleichfalls abgenommen hatte, endete durch Selbstmord. Der Pädär-i-Baharat, der auch hier wieder auftauchte, kam ins Gefängnis. In einer Schatztruhe im Schmugglerversteck fand sich unter anderem auch das Vermögen unseres Binbaschi, das wir selber ihm wieder aushändigen konnten.

Das war so etwa der Inhalt von Halefs Bericht.

„Mein Sihdi aber hat dem Polen noch mehr Hoffnung gemacht“, schloss er mit einem listigen Schmunzeln. „Er hält es nämlich für möglich, dass wir in Persien die verschollene Familie des Vereinsamten aufspüren und...“

„Halt!“, unterbrach ich ihn. „Das ist zu viel gesagt. Hoffnungen habe ich Dozorca nicht gemacht. Ich habe ihm gegenüber nur betont, dass Gottes Wege wunderbar sind, was er ja auch schon erfahren hat, und dass er im Gebet zu Gott zurückfinden muss, wenn er aus tiefem Leid wieder aufsteigen will. Und nun mag es genug sein. Der Fährmann kann jeden Augenblick erscheinen. Wir müssen an den Aufbruch denken. Unsere Pferde stehen bereit. Du aber“ – das galt dem Engländer – „musst dir hier ein Reittier zu kaufen suchen.“

„Hm!“, brummte Lindsay. „Werden sehen. Erst einmal hinüber zum Dampfer.“

„Dein Gepäck holen?“

„Hm! Werden sehen.“

Ich ließ ihm den Willen. Er war nun einmal ein Sonderling. Er ging und ich war mit Halef nun wieder allein. Diese Gelegenheit benützte ich, ihm mitzuteilen, dass ich an der Hand des Kahwedschi den Ring der Sillan bemerkt hatte.

„Sihdi“, fuhr er auf, „so erlaube, dass ich einen von den silbernen Ringen anstecke, die du erbeutet hast, und es so einrichte, dass ihn der Wirt sieht! Ich möchte wissen, wie er sich dann verhält.“

„Das ist bedenklich. Wir dürfen mit diesen Ringen nicht spielen.“

„Das will ich auch nicht. Du hörst ja an dem Gebrüll, dass der Wirt betrunken ist. Es ist also keine Gefahr. Er wird hinterher nichts mehr von alledem wissen. Vielleicht erfahren wir etwas.“

„Es wäre möglich. Ich darf mich allerdings nicht für einen Sill ausgeben. Er hat vorhin gehört, dass ich ein Freund des Engländers und ein Europäer bin.“

„Aber mich kann er nicht für einen Franken halten. Darf ich mit ihm sprechen?“

„Meinetwegen. Aber sei vorsichtig! Wenn du sagst, du seist ein Sill, so darf der Wirt nicht denken, ich oder Lindsay als deine Gefährten wüssten etwas davon.“

„Ich werde das beachten. Darf ich jetzt gleich zu ihm?“

„Nein. Erst, wenn der Engländer wieder da ist. Jetzt würde es auffallen, dass du mich allein lässt und hinter meinem Rücken von Dingen plauderst, die ich nicht wissen darf.“

Nach verhältnismäßig kurzer Zeit tauchte Lindsay wieder auf. Da er genau so vor mir stand, wie er gegangen war, fragte ich nach seinem Gepäck.

„Habe keins“, erklärte er. „War früher allerdings so dumm, mich mit allerlei unnötigen Dingen zu schleppen. Mache es jetzt aber so wie du: Anzug auf dem Leib. Mantel, Waffen, Geld, weiter nichts.“

„Dann hättest du dir eigentlich den Weg zum Schiff sparen können.“

„War auf dem andern Dampfer, der gegen Abend nach Bombay geht. Wird uns mitnehmen und in Buschir absetzen. Habe bereits drei Plätze bezahlt. Auch mit Kapitän wegen eurer Pferde gesprochen. Alles abgemacht. Well!“

„Oho! Du hast ja gar nicht gefragt, ob wir nach Buschir wollen.“

„Wollt nach Schiras. Bequemster und kürzester Weg dorthin von Buschir. Werden fahren. Mag doch nicht umsonst bezahlt haben.“

Nach einigem Hin und Her willigte ich ein. Es hatte etwas für sich, seinem Plan zu folgen.

„Gut! Gehen wir also mit dem Dampfer nach Buschir. Der Weg von dort nach Schiras ist sicher auch lohnend. Halef, wenn du mit dem Wirt reden willst, jetzt ist es Zeit.“

Der Kleine verschwand eiligst. Ich aber benützte das Alleinsein mit Lindsay, ihm wegen seiner Eigenmächtigkeit Vorwürfe zu machen, natürlich in aller Höflichkeit, wie es sich unter Freunden erst recht gehört. Nur ungebildete Menschen glauben, sich lediglich Fremden gegenüber zusammennehmen zu müssen. Er zog die Brauen hoch und ließ mich ruhig ausreden. Dann erst rechtfertigte er sich.

„Hatte meine Gründe“, sagte er in englischer Sprache, weil wir jetzt unter uns waren. „Hätte ich Euch erst gefragt, so hättet Ihr abgelehnt, damit ich nicht für Euch bezahlen sollte.“

„Das ist allerdings wahrscheinlich. Ich liebe es nicht, dass Ihr immer für mich in die Tasche greift. Das bringt mich in eine Art Abhängigkeit und schafft Verpflichtungen, die...“

„Pshaw!“, unterbrach er mich. „Redet nicht von Verpflichtungen! Jeder gibt, was er hat. Ich stelle Euch mein Geld zur Verfügung, Ihr mir die Schätze Eurer Erfahrung, Eures Wissens, Eurer Kenntnis von Land und Leuten. Damit sind wir quitt.“

„Hm! Wenn Ihr es so meint, will ich es gelten lassen.“

„Denke es auch. Sprechen wir lieber von etwas anderem. Was will Halef bei dem Wirt?“

Ich gab ihm die gewünschte Auskunft. Nun brachte er allerlei Fragen vor über den Geheimbund der Sillan, die ich ihm jedoch nur zum Teil beantworten konnte. In Bezug auf die eigentlichen Ziele dieser Gesellschaft, auf ihr Oberhaupt, den Ämir-i-Sillan, auf die Lage der erwähnten Mädschmä-i-Yähud, wo sich die Verschwörer versammeln wollten, und vieles andere tappte ich ja selber noch im Dunkeln, wenn ich mir über dies und das auch schon meine Gedanken gemacht hatte. Auch Lindsay wollte sich in Vermutungen ergehen. Er war Feuer und Flamme für den Ritt nach Persien und hoffte auf unerhörte Abenteuer.

Da machte Halefs Rückkehr unseren Erörterungen ein Ende.

„Nun, wie steht’s?“, forschte ich, da ich in seinem Gesicht das Lächeln des Stolzes über einen großen Erfolg vermisste. „Wo ist der Wirt?“

„Er ruht in den Armen des heißen Zuckerwassers und hat den Raki als Kissen unter den Kopf genommen.“

„Und der Somali?“

„Bei dem ist es umgekehrt. Er liegt im Raki und hat das Zuckerwasser als Ruhekissen. Ihre Seelen lustwandeln im Reich der Träume und aus ihren Kehlen erschallt die Musik aller Himmel Mohammeds. Horch!“

Als wir still waren, hörten wir ein kräftiges Sägen und Schnarchen.

„Das ist der Somali“, erklärte Halef. „Er liegt mit dem Kopf in der Holzkohlenasche und schneidet mit dem Minschar24 seines Gaumens Baumstämme auseinander.“

„Und der Kahwedschi?“

„Er kletterte mit mir auf einer Leiter unters Dach hinauf, um mir dort etwas zu geben. Als wir wieder hinabsteigen wollten, täuschte ihm der Raki ein tiefes Wasser vor. Er sagte, wenn ich ertrinken wolle, möchte ich hineinspringen. Er werde vorsichtig auf dem Trockenen bleiben. Dann sank er friedlich zu Boden.“

„Was hat er dir gegeben?“

„Einen Brief.“

„An wen?“

„Das weiß ich nicht.“

„Wer hat ihn geschrieben?“

„Auch das ist mir unbekannt. Es stehen die Zeichen des Ringes darauf. Hier ist er.“

Er reichte mir ein viereckig zusammengefaltetes und mehrfach versiegeltes Papier. Auf der Anschriftseite sah ich ein mit Tinte geschriebenes Sa, das mit einem Lam verbunden war; darüber stand das Verdoppelungszeichen.

„Er muss dir aber doch gesagt haben, für wen der Brief bestimmt ist“, forschte ich.

„Das hat er auch getan. Der Mann, der ihn bekommen soll, heißt Ghulam.“

„Was ist er?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wo wohnt er?“

„Das habe ich erst recht nicht erfahren.“

„Höre, lieber Halef, du scheinst in dieser Angelegenheit nichts weniger als allwissend zu sein.“

„Dafür kann ich nichts, Sihdi. Das heiße Zuckerwasser mit Raki ist schuld daran. Der Kahwedschi wollte mir vieles anvertrauen, aber die Geheimnisse dieses Mannes waren infolge seiner Betrunkenheit so geheim, dass er sie selber nicht mehr kannte. Ich glaube nicht, dass du an meiner Stelle mehr erfahren hättest.“

„Möglich! Erzähle mir alles richtig der Reihe nach! Der Somali schnarchte also schon. Du setztest dich zu dem Wirt. Weiter!“

„Ich war ihm sehr willkommen und er begann sofort eine Unterhaltung. Vor allem wollte er wissen, wer ihr seid. Ich gab dich für den ersten Minister des Kaisers von Sitschilia25 und Mr. Lindsay für den obersten Sterndeuter des Kaisers von Antakije26 aus. Von mir selbst sagte ich, ich sei ein Montefik-Araber und von euch gemietet, euch nach Buschir und Schiras zu geleiten. Dass ich ihm unser Reiseziel verraten hatte, wollte ich eigentlich sogleich als eine Unvorsichtigkeit bereuen, aber es zeigte sich, dass mir grad diese Ortsnamen sein Herz geöffnet hatten. Während unserer freundlichen Plauderei hielt ich meine Hand so, dass er den Ring sehen musste. Das dauerte freilich lange, denn der Araki hatte die Zahl seiner Augen so vermehrt, dass er, wie er mir gestand, alles doppelt und dreifach sah. Als er aber den Ring schließlich doch entdeckte, war der Eindruck gewaltig. Er begrüßte mich als Sill, als Verbündeten. Dazu hielt er mir eine lange Rede. Ich konnte jedoch von hundert Worten immer nur zehn verstehen, denn sein Mund glich einer mit Riri27 gefüllten Tandschara28, in der sich die Zunge wie ein Quirl bewegte. Er fragte immer wieder, ob wir wirklich nach Buschir und Schiras wollten, und als ich ständig bejahte, meinte er, dann sei ich wohl der Sill, der den Brief an Ghulam abholen sollte. Auch dazu sagte ich ja und gab vor, dich nur deshalb in dieses Kaffeehaus geführt zu haben, um Gelegenheit zu finden, den Brief in Empfang zu nehmen.“

„Das war richtig, lieber Halef. Schade nur, dass du nicht herausbringen konntest, wer dieser Ghulam ist.“

„Er sagte es nicht und ich durfte nicht fragen, Sihdi. Das wäre verdächtig gewesen. Als angeblicher Bote musste ich doch über den Briefempfänger Bescheid wissen.“

„Auch das ist richtig, aber sehr unangenehm für uns. Ghulam ist zwar ein Name, bezeichnet aber auch einen Stand. Das Wort kommt in Persien ebenso häufig vor wie Halef in Arabien, nämlich als Eigenname. Ghulam ist aber auch ein Diener und unter Ghulam Pätschä versteht man einen jungen Pagen. Ich fürchte, auf diese Weise ist der Brief wertlos für uns, denn öffnen mag ich ihn nicht. Fast möchte ich den Wirt selber einmal ins Gebet nehmen. Da er so sinnlos betrunken ist, macht es nichts aus, dass er mich als einen Europäer kennengelernt hat.“

Lindsay billigte meinen Entschluss und so begab ich mich mit Halef hinaus in den Hof, wo die Leiter noch angelegt war. Wir stiegen nach oben und krochen unter dem Dach in ein enges Loch, an dessen Rand der Wirt lag. Sein Zustand schien schon mehr Betäubung als Schlaf zu sein. Ich steckte den goldenen Ring, den ich dem Säfir abgenommen hatte, an den Finger und rüttelte den Betrunkenen. Das dauerte eine geraume Weile. Dann regte er sich.

„Lass mich in Ruhe!“, knurrte er und wälzte sich auf die andere Seite.

Da nahm ich ihn bei den Schultern, richtete ihn in sitzende Stellung auf und schüttelte ihn so lange, bis er die Augen öffnete. Er starrte mich wortlos an.

„Bist du wach? Kannst du sprechen?“, fragte ich ihn.

„Spre – chen“, wiederholte er gedankenlos.

„Kennst du mich?“

„Du – mich?“

„Weißt du, wer du bist?“

„Du – – bist?“

Jetzt hielt ich ihm den Ring vor die Augen und herrschte ihn an:

„Sieh diesen Ring an! Er wird dir sagen, was ich bin.“

Er stierte erst gleichgültig auf meine Hand. Dann aber wurde er aufmerksam. Er zog meine Finger näher zu sich heran. Nun ging es wie Schreck über sein Gesicht. Er versuchte sich aufzurichten.

„Hasret29 – Hasret!“, stammelte er.

„Wach auf, Mensch! Ermanne dich und reiß dich zusammen! Du bist betrunken.“

„Be – trun – ken!“

„Ja, vollständig betrunken! Und deshalb weißt du nicht, was ich bin.“

„Was – was – ich weiß – weiß sehr gut. – Hasret bist – bist Sill – hoher – sehr hoher Sill.“

„Das ist dein Glück. Und nun besinne dich weiter! Weißt du noch, dass du diesem Sill hier“ – dabei deutete ich auf Halef – „den Brief an Ghulam gegeben hast?“

„Brief? – Nein – nein – habe noch.“

„Weißt du, von wem das Schreiben ist?“

„Ist von – von Esara el – el A’war30. Hat – hat ihn geschrie – schrieben und mir ge – gegeben.“

„Wo ist Esara jetzt?“

„In Kor – Korna, wo – wo er wohnt.“

„Und du erinnerst dich genau, für wen der Brief bestimmt ist?“

„Für Ghu – Ghulam el – el Multasim.“

„Und wo hält sich Ghulam jetzt auf?“

„In – in – – Straße nach – nach –“

Ein gurgelnder oder auch grunzender Laut. Es war zu Ende mit der Selbstbeherrschung des Kahwedschi. Er fiel um, schloss die Augen und lag wieder in tiefer Betäubung. Da war nichts mehr zu machen.

Wir kehrten zu Lindsay zurück, der uns voll Spannung erwartete. Halef erstattete ihm den ersehnten Bericht. Leider hatte er nicht viel Erfolg zu melden.

„Dummer Kerl, dieser Kahwedschi“, murrte der Engländer. „Grad mitten in der wichtigsten Mitteilung wieder einzuschlafen!“

„Ich bin dennoch zufrieden“, erklärte ich. „Wir haben jetzt Namen und Wohnort des Briefschreibers erfahren und wissen, dass er einäugig ist. Das kann unter Umständen schon von großem Wert sein. Weiter wissen wir, dass Ghulam in unserem Fall ein Name und keine Standesbezeichnung ist. Von Beruf ist der Mann Multasim; das bedeutet Pächter, namentlich Staatsgutpächter. Und da in Persien die Zölle verpachtet sind, wird dieser Ghulam wohl ein Zollpächter sein. Das muss uns einstweilen genügen. Mehr ist hier nicht zu erfahren. Der Betrunkene wird so bald nicht wieder erwachen, und wenn er sich dann ernüchtert, würde er erst recht nichts verraten. Wollen trachten, dass wir auf den Dampfer kommen!“

„Well“, nickte Lindsay. „Müssen aber erst bezahlen. Alles schläft. Dumme Sache.“

„Nicht doch! Wir schreiben auf einen Zettel, was wir bekommen haben, schätzen das ab, wickeln den Betrag in den Zettel und stecken Rechnung und Geld dem Wirt in die Tasche.“

So wurde es auch wirklich gemacht. Als wir dann vors Haus traten, kamen zwei Männer auf uns zu, beide sonnenverbrannt, echte Söhne Old Englands. Den einen hielt ich für einen Seemann. Der andere war ganz in Weiß gekleidet, trug auf dem Kopf einen Tropenhelm mit blauseidenem Schleier und auf der Nase einen Klemmer an einer starken goldenen Kette. Er war die verkörperte Selbstsicherheit und Selbstzufriedenheit.

Sie blieben beim Anblick unsrer Pferde stehen.

„Herrliche Tiere!“, meinte der Seemann.

„Araber!“, wehrte der andere ab. „Ungeschultes Vieh! Nur der Engländer kennt wohlüberlegte Zucht. Wir von der Reiterei verstehen uns auf so etwas.“

Sie sprachen Englisch. Jetzt aber wendete sich der Weißgekleidete in arabischer Sprache an uns.

„Wer seid ihr?“

Er bekam keine Antwort.

„Wer ihr seid, habe ich gefragt.“

Der kleine Hadschi kehrte mir sein Gesicht zu.

„Ja istiksa – welch eine Neugier! Wer ist dieser Mensch, der nur die Grobheit, aber keinen Gruß auf den Lippen hat?“

Der Engländer schien das Arabische besser zu verstehen, als er es sprach. Er hob die Hand gegen Halef.

„Mensch nennst du mich? Kerl, ich bin General! Soll ich dir meinen Gruß hinter die Ohren schreiben?“

„Lerne erst richtig reden, ehe du zu drohen wagst!“

„Kleine, freche Kröte!“

Da riss Halef die Peitsche aus dem Gürtel, und es hätte gewiss einen unliebsamen Auftritt gegeben, wäre nicht soeben Lindsay hinter uns aus dem Tor getreten.

„Bill! Bist du es wirklich? Du hier in Basra?“, erklang sein verwunderter Ruf.

Wir drehten uns um. Lindsay starrte den General mit grenzenlosem Erstaunen an.

„Ich denke, du bist in Kalkutta!“, fügte er hinzu.

„Davy! Alter Davy!“, rief der Offizier. „Ist es möglich? Ich glaubte dich daheim.“

Diese Begrüßung ließ erkennen, dass sie Freunde, vielleicht gar Verwandte waren, wenn auch keine Zärtlichkeiten unter ihnen ausgetauscht wurden. Es gab nur einen herzhaften Händedruck. Dafür waren sie Engländer.

„Du also bist der Gentleman!“, meinte dann der General.

„Welcher Gentleman?“, fragte Lindsay.

„Der drüben auf dem Dampfer drei Plätze belegt hat.“

„Das stimmt.“

„Musst mir zwei abtreten.“

„Unmöglich, Bill.“

„Pshaw! Wollte eigentlich alle drei haben. Da aber du es bist, sollst du einen behalten.“

„Geht nicht!“

„Muss gehen! Bin zu spät von Kut herabgekommen. Wurde vom Konsul aufgehalten. Bin mit geheimen Aufträgen hier. Weißt du: Maskat – russische und französische Einflüsse – Landverbindung zwischen Konstantinopel und Bagdad bis Schatt el Arab – Beherrschung des Persischen Golfs – – habe schwierige Geschäfte – jede andere Rücksicht muss sich unterordnen. – Hm! Kam den Tigris herab – war in Bagdad – muss nach Buschir – von da nach Schiras und weiter ins Innere von Persien –“

„Das ist ja auch unser Weg!“, unterbrach ihn Lindsay. „Können uns zusammenschließen.“

„Du? Willst auch nach Persien? Well! Nehme grad dich unendlich gern mit. Hörte in Kut von dem englischen Steamer, der nach Buschir geht. Bin sogleich hergeeilt. Erfuhr, dass ein Gentleman die letzten drei Kabinen genommen habe. Er sei hier im Kaffeehaus. Habe die Plätze für mich belegt. Alles muss zurücktreten. Ging aber aus Höflichkeit hierher, es dem Gentleman selber zu sagen. Finde zu meiner Freude dich, alter Davy. Sollst einen Platz behalten dürfen. Werde mich einschränken – dir zuliebe.“

„Aber das ist unmöglich, Vetter“, beharrte Lindsay, sichtlich verlegen. „Die drei Plätze sind für mich und meine Freunde bestimmt.“

Dabei deutete er auf Halef und mich. Der General aber wehrte mit einer Geste der Geringschätzung ab.

„Freunde? Weiß schon, weiß! Wieder einmal deine alte, wohlbekannte Schwärmerei von höherer Menschlichkeit! Bist immer geneigt zu vergessen, welche Kluft zwischen Mensch im niederen und Mensch im höheren Sinn besteht. Wirst dich daheim noch ganz unmöglich machen. Wer sind denn diese Leute? Besonders der Kleine, der Knirps, dem ich soeben eine Ohrfeige geben wollte?“

„Ohrfeige?“, fragte Lindsay betroffen. „Um Gottes willen, versuche das nicht! Es wäre dein Tod.“

„Tod? Bist du bei Sinnen?“

„Sogar sehr! Dieser Araber würde eine solche Beleidigung augenblicklich mit der Kugel oder mit dem Messer beantworten.“

„Pshaw!“

„Gewiss! Er ist Hadschi Halef Omar, der Scheik der Haddedihn, ein berühmter Krieger, der nicht mit sich spaßen lässt.“

„Spaßen? Ist mir auch gar nicht in den Sinn gekommen. Wenn ich Ohrfeigen austeile, so tue ich das im Ernst. Und Scheik? Will nichts besagen. Orang bleibt Orang, auch wenn er der Anführer anderer Orangs ist. Und der zweite Kerl, für den ich völlig Luft zu sein scheine? Unverschämtes Gesicht!“

„Ist Kara Ben Nemsi, wie der Name sagt, Deutscher.“

„Aha! Diese Sorte treibt sich überall herum und ist jedem wahren Gentleman im Weg.“

„Bitte, er versteht unser Englisch.“

„Mir gleichgültig.“

„Aber mir nicht. Wiederhole dir, dass diese Männer meine Freunde sind, mit denen ich nach Persien will. Die beiden Plätze auf dem Dampfer gehören ihnen und ich denke nicht, dass es ihnen einfällt, sie dir abzutreten.“

„Ist auch nicht nötig. Das ist abgemacht. Mögen sich beim Gepäck unterbringen lassen. Dahin gehören sie.“

„Bill, du bringst mich in eine abscheuliche Verlegenheit. Wollen doch erst noch mal an Bord gehen! Muss nachsehen, ob das nicht anders zu ordnen ist.“

„So komm!“

Der General nahm Lindsay beim Arm und wollte ihn mit sich fortziehen. Der Lord aber machte sich wieder frei und trat zu uns, um sich bei mir zu entschuldigen.

„Habt alles mit angehört. Unangenehme Lage für mich. Ist nahe verwandt mit mir. Hochbedeutender Mann! Vortrefflicher Offizier und Diplomat! Steht in Indien. Hat jedenfalls weitgehende Vollmachten. Muss mich fügen. Was meint Ihr dazu?“

Er tat mir leid. Der reine Mensch in ihm kam mit dem Lord in Widerstreit. Aber ich konnte ihm nicht helfen und musste ihm die Wahrheit sagen.

„Für ihn und uns zugleich ist kein Platz an Bord. Ein Zusammenstoß wäre unvermeidlich. Orangs verhalten sich nicht immer so gebändigt, wie es hier bis jetzt der Fall war.“

„Hm! Miserabler Ausdruck von ihm. Bin Euch aufrichtig dankbar, dass Ihr still geblieben seid. Gehe natürlich viel lieber mit Euch als mit ihm. Muss ihm aber doch noch einmal nach. Werde ihm alles klarlegen. Wartet hier, bis ich wiederkomme! Verzichten am besten ganz auf den Dampfer. Werde es so kurz wie möglich machen.“

Er eilte den beiden nach.

„Sihdi“, wunderte sich Halef, „er läuft fort. Was bedeutet das?“

Ich gab ihm kurz Bescheid. Die Beleidigungen verschwieg ich.

„Dieser Inglis hob die Hand gegen mich“, grollte er. „Er ahnte nicht, was er dabei wagte. Du sagst mir, er sei ein Verwandter deines Freundes. Darum will ich schweigen. Komm, werden ein Stück da hinübergehen, damit wir Lindsay rechtzeitig sehen, wenn er zurückkehrt.“

Wir entfernten uns mit den Pferden so weit von dem Kaffeehaus, dass wir freien Ausblick nach dem Dampfer hatten. Dort setzten wir uns nieder, um zu warten. Die Abfahrtszeit des Schiffes war noch nicht da. Aber es ließ trotzdem schon nach wenigen Minuten dreimal die Pfeife schrillen und setzte sich in Bewegung.

„Fährt der Dampfer fort?“, fragte Halef verwundert.

„Wie es scheint.“

„Mit Lindsay? Er ist doch noch nicht wieder an Land gegangen.“

„Allerdings sonderbar! Komm, lass uns sehen!“

Wir saßen auf und ritten die kurze Strecke bis zum Strand hinab. Der Steamer hatte schon das tiefe Fahrwasser gewonnen. An der Reling stand Lindsay und winkte uns lebhaft zu.

„Kann nicht dafür!“, rief er herüber. „Bin überlistet worden. Soll ich ins Wasser springen und ans Ufer schwimmen?“

„Nein!“, wehrte ich. „Bleibt!“

„Well! Lebt einstweilen wohl! Werde in Schiras auf Euch warten. Auf Wiedersehen!“

Ja, wir sollten uns in Persien wiedersehen. Nur sollte sich dieses Treffen ganz anders gestalten, als es sich David Lindsay jetzt dachte.

„Ist das Schiff wirklich abgegangen?“, forschte Halef.

„Ja. Man hat Lindsay nichts davon gesagt. Nun muss er mit.“

Da schlug Halef, froh wie ein Kind, die Hände zusammen.

„Hamdulillah! Nun habe ich dich wieder für mich allein, Sihdi! Dieser Inglis ist mir lieb, aber dass ich dich mit ihm teilen sollte, raubte mir die rechte Freude an der bevorstehenden Fahrt. Nun sind wir ihn los. Doch was tun wir nun? Noch eine Nacht in Basra bleiben?“

„Nein. Wir müssten dann erst am Kanal hin und nach der Stadt zurück, um unsere alte Wohnung aufzusuchen.“

„Das war ein stinkiges Loch und sollte doch die beste Behausung sein, die es gab. Ich mag sie nicht wiedersehen. Überhaupt möchte ich am liebsten weit fort vom Fluss. Hier brütet überall das Fieber.“

„Ich bin einverstanden. Fahren wir also noch über! Der Fährmann wird nun wohl zur Genüge ausgeruht haben.“

„Und sollte er noch immer zu matt sein, die Arme für uns zu regen, so wird ihm meine Kurbatsch31 mit zauberhafter Schnelligkeit die Fülle der Kraft und den Eifer des guten Willens zurückbringen. Komm, Sihdi!“

Wir ritten nach der Fähre. Der Bootsmann schlief, samt seinen beiden Gehilfen. Wir weckten sie und trieben sie mit gebührendem Nachdruck zur Ausübung ihrer Pflicht. Als wir am anderen Ufer bezahlten und ein kleines Bakschisch32 hinzufügten, waren sie des Lobes über unsere Güte voll.

Solange es hell blieb, trabten wir über die Ebene nach Osten. Als es dunkelte, hielten wir an einem wilden Dattelgestrüpp, um da zu übernachten. Wir befanden uns zwar immer noch im feuchten Stromgebiet, aber die Luft war doch schon besser als in der Stadt. So schliefen wir fest und ungestört und erwachten erst, als die Sonne längst aufgegangen war.

2. Die ‚Unsichtbaren‘

Am andern Tag ritten wir auf leidlich gebahnten Pfaden den Bergen zu, über die unser Weg nach dem persischen Hochland führte. Halef wandte sich bisweilen im Sattel zurück. Dann ließ er wieder den Blick nach den fernen Gipfeln schweifen und atmete tief wie einer, der eine Last von sich abgleiten fühlt. Er, der sonst allzeit Redselige, war auffällig schweigsam. Es musste ihn ein Gedanke beschäftigen, der Zeit brauchte, sich in seinem Kopf zu gestalten.

Und richtig! Als der Weg eine Krümmung machte, die uns den Blick auf die tiefer liegende Küstenlandschaft freigab, warf er die Rechte freudig in die Luft und strahlte mich an.

„Hamdulillah! – Preis und Dank sei Allah, dass endlich diese Niederungen des Fiebers und diese Ebenen der bösen Dünste überwunden sind! Mein Geist frohlockt und mein Körper dehnt sich wieder frei wie die Blüte des roten Mohns, wenn sie die Knospenhülle gesprengt hat. Fühlst du nicht auch, Sihdi, wie rein hier oben die Luft ist?“

„Gewiss“, nickte ich. „An der Küste ist kein gesundes Hausen. Hoffentlich zeigt sich bei uns nicht nachträglich noch eine schlimme Folge unseres kurzen Besuchs da unten.“

„O Sihdi, meine Gesundheit ist so frisch wie der Tag bei Sonnenaufgang und so unverwüstlich wie ein Gebetsteppich aus Farsistan33, und ich hoffe, du wirst die deinige nicht geringer einschätzen.“

Ich lächelte. Er aber deutete das Lächeln falsch und zog die Brauen hoch.

„Ich sehe in deinen Augen die Funken des Gelächters und in deinem Gesicht die Falten der Heiterkeit, Sihdi. Willst du in die Untugend der Zaghaftigkeit und in das Laster der Undankbarkeit verfallen, in dem du deiner und meiner Gesundheit misstraust? Erinnere dich, was wir ihr zugemutet haben und welche Probleme sie schon bestanden hat!“

„Hm! Denk an die Tage mit Hassan Ardschir Mirza, an unsere Krankheit bei den Ruinen des Turms zu Babel!34 Da hatte die Pest unsere Gesundheit in den Krallen wie der Geier die Taube und...“

„Grad daran denke ich“, unterbrach er mich. „Der Geier konnte die Beute nicht halten und die Taube flog froh und lebendig davon. Hast du das vergessen, Sihdi?“

„Ich weiß es. Der Allmächtige rettete uns damals aus schwerster Gefahr. Hoffen und vertrauen wir, dass er seine Hand auch ferner über uns hält!“

Das sagte ich nicht ohne Grund. Ich wusste, dass bisweilen schon ein Aufenthalt von wenigen Stunden in diesen ungesunden Küstenstrichen genügt, um auch in einen widerstandsfähigen Körper den Keim des tückischen Fiebers zu verpflanzen. Noch lag kein Anzeichen vor, das meine Bedenken gerechtfertigt hätte. Im Laufe des Tages aber wuchs meine Besorgnis. Ich selber spürte, obwohl die Sonne beträchtlich warm auf unseren schattenlosen Pfad niederbrannte, von Zeit zu Zeit ein leises Frösteln, das mir eine Gänsehaut über den Leib jagte, und Halef griff bisweilen nach seiner Stirn, als gelte es, dort etwas wegzuwischen, was ihm Unbehagen verursachte.

„Hast du Kopfschmerzen?“, fragte ich ihn, als er die verdächtige Gebärde immer und immer wiederholte.

„Wo denkst du hin, Sihdi?“ Dabei richtete er sich stramm im Sattel auf. „Ich bin Hadschi Halef Omar, der oberste Scheik der Haddedihn vom tapferen Stamme der Schammar. Kann ein solcher Mann Kopfschmerzen haben wie ein altes Weib, dem ein Dschinn35 hinter der Stirn sitzt und versucht, mit einem Hammer die Runzeln und Falten, die Verderber der Schönheit, von innen glatt zu klopfen?“

Ich war geneigt, mich zufrieden zu geben. Wenn Halef in dieser Weise mit seinem Mutterwitz liebäugelte, konnte er sich nicht ernstlich krank fühlen. Aber ich war doch darauf bedacht, die nötige Vorsicht nicht außer Acht zu lassen. Darum machte ich an diesem Tag zeitig Rast. Auch am nächsten Nachmittag sah ich mich beizeiten nach einem geschützten Ort um, wo uns der Nachtwind nicht treffen konnte.

Indem ich das vor uns liegende Gelände prüfend überschaute, bemerkte ich auf dem nächsten Bergrücken eine Senkung, ähnlich den Passkerben im eigentlichen Gebirge. Dort schien es zur Rechten hohe Felswände, zur Linken aber dichten Wald zu geben. Das musste ein Lagerplatz sein, wie wir ihn brauchten. Auch vermutete ich, dass das kleine Wasser, dessen Lauf wir seit einiger Zeit folgten, da oben seinen Ursprung hatte, sodass es uns für die Rast an nichts fehlen würde.

Meine Vermutungen bestätigten sich. Das Wasser führte uns hinauf zu dem erwähnten Pass. Nur erreichten wir ihn nicht so zeitig, wie ich gedacht hatte. Es dämmerte bereits, als unsere Pferde das letzte Stück der Steigung erkletterten.

Ich schwang mich aus dem Sattel, um meinem Tier das Steigen zu erleichtern. Halef folgte meinem Beispiel. Wir schritten jetzt durch einen regelrechten Wald, für die persische Landschaft eine Seltenheit, denn fast nur die Küstengebirge zeigen hier solchen Baumbestand. Die Stämme und Wipfel hinderten die Fernsicht, ein Umstand, der uns in dieser Gegend, wo jedes Zusammentreffen mit Mensch oder Tier eine Gefahr bedeuten konnte, zur Vorsicht mahnen musste. Bisher hatte ich, alter Gewohnheit folgend, ständig nach Spuren ausgeschaut, hatte aber nichts Verdächtiges entdeckt. Nun machte die rasch hereinbrechende Dunkelheit diesem Spähen ein Ende. Da ich jedoch damit rechnen musste, dass uns von der anderen Seite des Passes Menschen entgegenkamen, strengte ich mein Gehör scharf an und vermied auch jede Unterhaltung mit Halef.

Und schon wurde diese Vorsicht belohnt. Vor uns erklang plötzlich ein lauter Ruf. Eine andere Stimme antwortete. Genau zu verstehen war nichts. Dazu befanden sich die Rufenden wohl noch zu fern. Auch verwehte der Wind, der sich pünktlich mit Sonnenuntergang erhob, den leichten Schall. Sogleich wendete ich mich zu Halef um und hob warnend die Hand.

„Vorsicht! Es kommen Menschen.“

„Ich hörte zwei Männer miteinander reden“, gab Halef leise zurück. „Verstecken wir uns?“

„Ja! Rasch dahinüber in die Büsche! Da drüben sind wir sicher. Sie werden den Weg hier am Wasser nehmen. Schnell, mir nach!“

Ich drang rechts in das Gesträuch und zog das Pferd hinter mir her. Halef folgte so geschwind wie möglich. Das ging freilich nicht ohne Geräusch ab. Zweige raschelten, Ästchen knackten. Sobald ich uns geborgen glaubte, hielt ich an.

„Sie werden uns dennoch entdecken“, flüsterte Halef. „Das Rascheln und Knacken...“

„...haben sie nicht gehört. Sie sind noch zu fern.“

„Und unsere Spuren?“

„Die finden sie erst recht nicht. Sieh, wie dunkel es schon ist! Und die Leute da vor uns sind keine nordamerikanischen Indianer, von denen ich dir erzählt habe, dass keine noch so schwache Fährte ihren Augen entgeht. – Und nun schweig! Sie müssen bald vorüberkommen. Ich will wissen, wer die Leute sind.“

Wir lauschten angestrengt, hörten aber nichts. Alles blieb still. Ab und zu ging ein leises Rauschen durch die Baumkronen. Der Bach gluckste und murmelte. Sonst kein Laut. So verstrichen einige Minuten. Ich wurde bedenklich und horchte womöglich noch schärfer um mich. Hatten die Unbekannten unsere Anwesenheit etwa doch entdeckt? Verhielten sie sich darum so ruhig? Beschlichen sie uns vielleicht gar, um Näheres über uns zu erkunden? Ein Gefühl der Unsicherheit und des Unbehagens stieg in mir auf. Ich sah, dass Halef den Blick fragend auf mich richtete. Er bewegte die Lippen.

„Die Männer kommen nicht“, hauchte er. „Wenn sie uns nun...“

„Pst!“

Oben vom Pass her erklang wieder das Sprechen.

„Sie halten dort und reden miteinander“, meldete sich Halef, als die fernen Laute wieder verstummten.

„Ja. Der Schall kommt noch vom gleichen Fleck und aus gleicher Entfernung wie vorher“, bestätigte ich. „Entweder beraten sie sich über den Weg oder sie wollen im Pass lagern. Es ist grad die richtige Zeit dazu und diese Leute werden wohl auch herausgefunden haben, dass dort ein besonders geeigneter Rastplatz ist.“

„So soll sie der Scheitan36 fressen, diese Söhne der Anmaßung und Enkel der Dreistigkeit! Was können sie einen Ort für sich beanspruchen, den wir schon für uns ausgesucht haben! Was tun wir nun?“

„Ich werde mich anschleichen, um zu erfahren, mit wem wir es zu tun haben. Vielleicht sind die Leute vor uns friedliche Reisende wie wir. In diesem Fall zeigen wir uns ihnen und teilen mit ihnen den Platz.“

„Und wenn es keine friedlichen Reisenden sind, sondern kurdische Räuber und Diebe? Oder persische Wegelagerer? Oder – oder – höre, Sihdi, mir kommt da ein Gedanke, den du gewiss nicht zurückweisen wirst! Wenn es sich nun etwa gar um Schmuggler handelt, um Leute vom Geheimbund der Sillan?“

„Wie kommst du auf die Sillan?“

„Weil wir immer mit ihnen zusammenstoßen, seitdem wir an jenem Abend am Tigris die Bekanntschaft des Pädär-i-Baharat machten. Ist hier nicht jeder zweite Mensch, dem man begegnet, ein Sill? Sag, ob ich Unrecht habe!“

„Ob du Recht hast oder nicht, werde ich sogleich erfahren. Ich gehe jetzt und du bleibst bei den Pferden.“

„Nimm mich mit, Sihdi! Wie leicht kannst du in eine Gefahr geraten, aus der nur dein Freund und Beschützer Hadschi Halef Omar dich zu retten vermag.“

Mit dieser Bitte hatte ich gerechnet. Halef war ehrgeizig und über die Maßen tatenlustig. Wo es ein Abenteuer zu bestehen gab, wollte er dabei sein. Das hatte mich schon oft in Verlegenheit gebracht, denn der Tatendrang des Kleinen war leider nicht mit der nötigen Vorsicht gepaart. Darum ließ ich ihn gar nicht erst weiterreden. Er hätte sonst gewiss nichts unversucht gelassen, mich umzustimmen, und ich fürchtete meine Nachgiebigkeit seinem treuherzigen Bitten und Betteln gegenüber.

„Nein, Halef“, sagte ich, „es geht nicht. Unsere wertvollen Pferde dürfen nicht ohne Bewachung bleiben, ebenso meine Gewehre, die mir beim Anschleichen hinderlich wären. Und in wessen Obhut wäre so kostbarer Besitz sicherer als in der meines treuen Halef?“

So oft erprobt der Kniff auch war, den ich hier anwandte, er wirkte doch. Halef schmunzelte. Er sah sich auf einen wichtigen Posten gestellt. Das genügte seinem stark ausgeprägten Stolz als Mann und Krieger.

„Ja, Sihdi“, nickte er, „geh getrost allein! Die Pferde und die Gewehre sind bei mir so sicher wie im Schoß Ibrahims37. Und sollten dich diese Leute da oben etwa feindselig behandeln, so werde ich unter sie fahren wie el Büdsch38 unter den erschreckten Taubenschwarm.“

„Keine Unvorsichtigkeit!“, warnte ich. „Diese Männer werden mich nur zu sehen bekommen, wenn ich erkenne, dass uns von ihnen keine Gefahr droht. Du bleibst auf alle Fälle ruhig in deinem Versteck! Nur wenn ich nach Verlauf von mehreren Stunden noch nicht wieder bei dir sein sollte, magst du nachschauen, was mir zugestoßen ist.“

Ich übergab Halef den Bärentöter und den Henrystutzen, schob Revolver und Messer tiefer in den Gürtel, um sie beim Kriechen nicht zu verlieren, legte den hellen Haïk39 ab und trat meinen Spähergang an, indem ich, sorgsam jedes Geräusch vermeidend, den Hang emporkletterte.

Eine Strecke weit konnte ich mich getrost aufrecht fortbewegen. Dann aber hörte ich vor mir immer deutlicher den wechselnden Laut mehrerer Stimmen. Ich näherte mich rasch dem Lagerplatz der Männer, die es zu beschleichen galt. Dass sie wirklich hier lagerten, war mir jetzt schon klar. Durch die immer dünner werdende Wand des Gesträuchs, das mich von den Unbekannten trennte, schimmerte mir der anfangs nur schwache Schein einer Flamme entgegen. Reichlich genährt, wuchs sie rasch zum flackernden Feuer. Schon bemerkte ich, dass es rechts im Pass in einem windgeschützten Winkel brannte. An diesem Feuer ließen sich soeben vier Männer nieder, die ich an ihrer Kleidung, vor allem an den Filzmützen aus Ziegenhaar mit den lang herabhängenden Lederstreifen, als Kurden erkannte. Vier Pferde standen abseits zur Linken, wo der Wald angrenzte, und rauften hungrig das frische Blättergrün von den Zweigen.

Jetzt durfte ich nicht länger aufrecht vordringen. Ein Flackerschein des Feuers konnte mich treffen und einem der Kurden, der zufällig nach meiner Richtung blickte, meine Anwesenheit verraten. Ich bewegte mich also nur noch kniend weiter, bis ich dicht bei den Unbekannten im Gebüsch steckte.

Da schlugen kurdische Laute an mein Ohr.

„Chodeh40 sei Dank! Wir haben gerade noch zur rechten Zeit diesen Pass erreicht. Vorüber sind die Boten noch nicht. Sie werden wohl gar erst morgen im Lauf des Tages kommen. Und hier können wir sie nicht verfehlen.“

Ich lag am äußersten Rand der Büsche. Unmittelbar vor mir gab es einige Felstrümmer, die mir im Verein mit den Ausläufern des Unterholzes treffliche Deckung boten. Lang ausgestreckt verbarg ich mich hinter ihnen und musterte ungestört die vier Männer am Feuer, die sich soeben anschickten, ihre Abendmahlzeit zu verzehren, trockenes Fleisch und flache, gedörrte Teigfladen. Als Getränk bereitete der eine in einem Kessel über dem Feuer einen starken Kaffee. Dabei sprachen sie in kurzen Pausen lebhaft miteinander. Ich hatte zum Lauschen einen günstigen Augenblick erhascht.

„Sie können auch in der Nacht kommen“, widersprach derjenige, der soeben den brodelnden Kessel vom Feuer nahm, um das kochende Wasser in die derben Lederbecher zu gießen, in denen sich bereits der fein gemahlene Kaffee befand. Er fertigte also den beliebten Trank auf türkische Art. „Sie sind des Weges kundig und werden auch in der Dunkelheit reiten, denn es ist Eile geboten.“

„Ja“, nickte ein dritter, der mir seiner Kleidung und seiner Haltung nach der Vornehmste von der Gruppe zu sein schien. „Auch wir werden uns sputen müssen, wenn wir die Botschaft empfangen haben. Der Bei würde es uns übel lohnen, erführe er nicht zur rechten Zeit das Nötige.“

Der vierte von den Kurden verzehrte schweigend seine Mahlzeit. Vielleicht hielt er mit seiner Meinung zurück, weil er bei Weitem der Jüngste war. Dagegen meldete sich wieder der erste Sprecher.

„Die ‚Hüter des Lichts‘ sind wachsamer denn je und leuchten in jeden Winkel. Wir werden dem Bei rasche Nachricht bringen, damit die ‚Unsichtbaren‘ sicher über die Berge gelangen.“

Mir war der Sinn dieser Unterhaltung nicht recht klar. So viel stand fest: Die vier erwarteten irgendwelche Boten. Diese trugen ihnen eine Weisung zu, die von den Kurden ihrem Bei, ihrem Stammesoberhaupt, weitergegeben werden sollte. Von dieser Weisung hing dann offenbar ein Schritt des Bei ab, der darin bestand, ‚die Unsichtbaren‘ über die Berge zu bringen, und zwar heimlich und unbehelligt. Nun fragte es sich nur: Wer waren die ‚Unsichtbaren‘? Vermutlich doch wohl Menschen, Freunde der Kurden! Und wer waren die ‚Hüter des Lichts‘? Waren sie Feinde, vor denen sich der Bei samt den ‚Unsichtbaren‘ in Acht nehmen musste? Oder hatte die Bemerkung von der Wachsamkeit und dem Eifer der ‚Hüter des Lichts‘ einen ganz anderen Sinn, den ich nur nicht herausfand, weil ich es hier mit völlig fremden Personen und Verhältnissen zu tun hatte? Eine gewagte Gedankenverbindung wollte sich mir aufdrängen. ‚Licht!‘, dachte ich. ‚Ist der Gegensatz dazu nicht Schatten?‘ Aber ich schob diesen Einfall wieder beiseite. Sicherlich hatte er seinen Ursprung nur in Halefs Bemerkung von den Schatten, den Sillan. Ich durfte mich nicht zu voreiligen Folgerungen und somit zu Trugschlüssen verführen lassen.

Das Gespräch der Kurden schlief wieder ein. Sie hockten schweigsam am Feuer. Mir aber wurde meine Lage mit der Zeit unbehaglich. Der Wind, der in vereinzelten Stößen in den Pass fuhr, wehte mir den beißenden Rauch des Feuers grad ins Gesicht, indem er ihn seitlich zu Boden drückte. Das reizte zum Husten und Niesen und ich musste heftig gegen diesen Reiz ankämpfen. Dazu kam, dass mich wieder ein Frösteln befiel, das ich schon seit dem Vormittag bisweilen spürte. Auch lag mir eine bedenkliche Schwere in den Gliedern. Während ich sonst gegen körperliche Anstrengungen unempfindlich bin, beschlich mich jetzt eine lähmende Müdigkeit. Wie verlockend war der Gedanke, sich am Feuer der Kurden zu wärmen und einen Becher heißen, belebenden Kaffee trinken zu können! Auf Feuer aber und auf den ersehnten Trank musste ich verzichten, wenn ich mit Halef die Nacht, unbemerkt von den Kurden, in unserem Versteck zubringen wollte. Eine Flamme hätte unsere Anwesenheit unbedingt verraten. Oder sollten wir ein Stück zurückreiten, um weiter unten im Tal zu lagern? Lohnte sich diese Mühe in Nacht und Dunkelheit? Bestand nicht die Gefahr, dass wir dabei auf die von den Kurden erwarteten Boten stießen, dass also unsere Anwesenheit doch entdeckt wurde?

Da sich die Kurden noch immer beharrlich in Schweigen hüllten, sodass hier voraussichtlich nichts von Bedeutung mehr zu erfahren war, trat ich leise und vorsichtig den Rückzug an.

Als ich unser Versteck wieder erreichte, saß Halef an den Stamm einer Bergeiche gelehnt und horchte in die Nacht hinaus. Ich rief ihn mit unterdrückter Stimme an, damit er mich nicht für einen heranschleichenden Feind halten sollte. Sogleich sprang er auf und trat mir sichtlich erfreut entgegen.

„Allah sei Dank, dass du wieder da bist! Es war alles still. Ich wartete vergeblich auf den Lärm des Kampfes und auf den Knall deines Revolvers. Hast du die Feinde nur belauscht? Oder hast du sie mit der Kraft deines Arms und der Unwiderstehlichkeit deiner Faust zu Boden geschmettert?“

„Nicht so voreilig, mein lieber Halef!“, mahnte ich. „Warum sprichst du von Feinden? Ich fand vier Kurden um ein Feuer versammelt bei der Abendmahlzeit. Es liegt kein Grund vor, sie als Feinde zu betrachten. Vielmehr werden wir uns ihnen zeigen und sie bitten, mit ihnen lagern zu dürfen.“

„Maschallah – Wunder Gottes! Traust du den Unbekannten so rasch? Hast du vergessen, dass die Kurden ohne Ausnahme Diebe und Räuber sind?“

„Du selber scheinst vergesslich zu sein, Halef. Gewiss betrachten die Kurden den Raub, besonders den Pferdediebstahl, nicht als Verbrechen. Raub ist für sie ritterliches Handwerk. Man darf sich dabei nur nicht erwischen lassen. Aber sie sind auch treu und aufrichtig, zuverlässig und gastfreundlich. Das haben wir selber zur Genüge erfahren in Spinduri, in Gumri und in Lisan41. Natürlich dürfen wir es nicht an der nötigen Vorsicht fehlen lassen.“

Nun erzählte ich Halef in Kürze, was ich bei den Kurden erlauscht hatte. Die Fragen und Vermutungen, die ich im Stillen an das Gehörte knüpfte, behielt ich für mich. Ich mochte nicht unnütz über Dinge sprechen, in denen ich selber noch nicht klar sah. Halef, dem die ‚Hüter des Lichts‘ und die ‚Unsichtbaren‘ gleichfalls zu denken gaben, zeigte Lust, einen Meinungsaustausch darüber einzuleiten. Ich aber wehrte ab.

„Lass das jetzt, Halef! Mutmaßungen können uns leicht zu Irrtümern führen. Wenn wir mit den Männern sprechen, gewinnen wir eher Gewissheit. Nur musst du das Fragen mir überlassen. Hüte dich vor unbedachten Worten! Vielleicht finde ich, dass uns die Kurden nichts angehen. Dann trennen sich unsere Wege am Morgen wieder und sie mögen sehen, wie sie mit ihren ‚Hütern des Lichts‘ fertig werden.“

Er strich sich mit der Rechten über die spärlichen Bartfäden, als wollte er Worte des Widerspruchs von den Lippen wischen. Der Gedanke, von der Gabe seiner blühenden Beredsamkeit nicht nach Herzenslust Gebrauch machen zu dürfen, bedrückte ihn sichtlich. Aber er fügte sich und führte, nachdem ich meine Gewehre sowie den Haïk wieder umgehängt hatte, seinen Rappen schweigend hinter mir her.

In kurzer Zeit erreichten wir die Höhe. Wir brauchten uns ja nicht mehr in Acht zu nehmen. Im Gegenteil, die Kurden sollten uns kommen hören und aus unserer Sorglosigkeit auf unsere Unbefangenheit schließen. Durch das Stolpern der Pferdehufe im lockeren Geröll und das Geräusch unserer Schritte wurden die vier denn auch wirklich auf uns aufmerksam. Ihre Blicke wendeten sich nach unserer Richtung. Sie sahen zwei Männer und zwei Pferde durchs Gebüsch dringen. Genaues festzustellen, reichte das matte Licht des Lagerfeuers nicht aus. Der, den ich als den Vornehmsten bezeichnet habe, sprang auf und rief in freudigem Ton:

„Gheïne Chodeh kes nekahne – Gott ist allmächtig! Er führt die Erwarteten im rechten Augenblick zu uns. Da sind die Boten!“

Sogleich aber erkannte er seinen Irrtum. Wir waren ins Freie getreten. Er sah an unserer Kleidung, dass wir keine Kurden waren. Die Überraschung verschlug ihm die Rede.

Ich trat so unbefangen wie möglich auf ihn zu und grüßte im Kurmandschi.

„Ni’ vro’l ker – Guten Tag!“

„Chodeh t’aves-schkeht – Gott bewahre dich!“, antwortete er doppelsinnig. Dabei zogen sich seine Brauen zusammen. Er schien auf Feindseligkeiten gefasst zu sein, denn seine Rechte zuckte nach dem Gürtel. Auch seine Gefährten erhoben sich und legten die Hände an die Waffen.

Ich tat, als hätte ich den Doppelsinn seiner Rede nicht bemerkt, und nickte ihm die durch die kurdische Sitte gebotene Erwiderung freundlich zu.

„Chodeh te be’lit – Gott erhalte dich!“

„Atina ta, Anschiallah, kheïra!“, wich er mir abermals aus. „Gebe Gott, dass dein Besuch ein glücklicher sei!“

„Warum sollte er es nicht sein? Ich wüsste nicht, wie mein Besuch euch Unglück bringen könnte.“

„Nicht uns, sondern dir und deinem Gefährten! Wir sind tapfere Sipah42 und verstehen unsere Waffen zu führen.“

„Und ich bin ein Se’idvar, ein Jäger und Schütze, dessen Kugel niemals ihr Ziel verfehlt. Aber ich richte die Büchse nur auf das Wild, nicht auf Menschen; es sei denn, sie zwingen mich durch Böswilligkeit und Feindschaft zur Gegenwehr.“

Er machte eine abwehrende Handbewegung.

„Du trägst nicht den Kuhlik43 und den Antari44 der freien Kurden. Deine Kleidung verrät dich als einen Diener des Großherrn. Solche Leute bringen nichts als Unglück.“

„Du irrst. Ich bin kein Untertan des Großherrn, sondern stamme aus dem fernen Germanistan. Dieses Land liegt viele hundert Tagereisen von hier und wird von einem Melek45 beherrscht, der mächtiger ist als der Großherr. Dieser Mann aber“ – dabei deutete ich auf Halef – „stammt aus dem Belad al Arab46. Auch er ist kein Unfreier, sondern ein Scheik unter den Seinen. Wir kommen in Frieden und ich bitte dich, lass mich samt meinem Gefährten an deinem Feuer rasten und lass mich dein Hemscher47, dein Mivan48 sein!“

Ich bemerkte, dass der Kurde meinen Worten nur noch mit geteilter Aufmerksamkeit folgte. Ich war, als ich Halef erwähnte, ein wenig zur Seite getreten und hatte so den Männern den Blick nicht nur auf meinen Begleiter, sondern auch auf unsere Pferde freigegeben. Der Eindruck, den die beiden unvergleichlichen Rappen auf den Kurden machten, spiegelte sich deutlich in seinem Gesicht. Seine Augen leuchteten auf in Freude und Begehrlichkeit. Aber er beherrschte sich. Nur sprach er freundlicher als zuvor.

„Ich glaube dir. Ihr seid keine geringen Leute. Das sehe ich an euren Pferden. Solche Tiere besitzt nur ein Vornehmer. Erlaubst du, dass ich sie näher betrachte?“

„Ich erlaube es, warne dich aber, sie zu berühren oder ihnen sonst wie zu nahe zu kommen. Sie dulden das nur von ihren Herren.“

Er ging vorsichtig um die Rappen herum. Auch die anderen drei drängten herzu. Sie tauschten bewundernde Rufe untereinander. Halef benützte die Gelegenheit, mir einen missbilligenden Blick zuzuwerfen. Er hielt es für Leichtsinn, die Begehrlichkeit der Kurden zu reizen. Ich aber blinzelte ihm beruhigend zu. Ich wusste, was ich tat. Dass diese kurdischen Pferdekenner auf unsere herrlichen Tiere aufmerksam wurden, hätte ich nicht verhindern können. Darum wollte ich wenigstens die Gelegenheit nützen und uns bei ihnen in Achtung setzen. Dass ihnen die Lust zum Pferderaub verging, dafür glaubte ich sorgen zu können. Sie sollten nämlich nicht nur die Unübertrefflichkeit unserer Rappen, sondern auch die unserer Waffen kennenlernen.

Meiner Absicht, sie darüber zu belehren, kam der Anführer der vier überraschend entgegen.

„Die Tiere sind wirklich von edelstem Blut“, sagte er. „Haben sie ein Geheimnis? Kennst du es?“

Ich lachte ihm ins Gesicht.

„Ja, sie haben ein Geheimnis und ich kenne das meines Rappen wie mein Gefährte das des seinigen; denn wir sind ihre rechtmäßigen Herren. Im Übrigen hoffe ich nicht, dass du meinst, ich sei ein Kur’o, ein Knabe, weil du nach diesen Dingen fragst.“

„Chodih, ich wollte dich nicht beleidigen.“

„So forsche nicht weiter nach dem Geheimnis dieser Rappen! Kein Mann und Krieger wird so etwas verraten.“

„Aber nach deinen Waffen darf ich fragen? Ich sehe, dass du zwei Gewehre trägst. Das ist mir noch bei keinem begegnet. Du sagst, deine Kugel verfehle nie ihr Ziel. Welcher Schütze kann das mit Sicherheit behaupten!“

„Ich kann es und ich habe in einem fernen Land, dessen Namen du sicher nicht einmal kennst, noch manchen wackeren Jäger getroffen, von dem dasselbe gilt. Sieh hier diese alte, schwere Büchse! Sie tötet den Bären des Gebirges und trägt so weit wie keine eurer Feuerwaffen. Dieses kleine Gewehr aber ist eine Zauberflinte. Mit ihr kann ich ununterbrochen schießen, sooft ich will, ohne zu laden. Soll ich dir das beweisen?“

Auf seinem Gesicht erschien ein pfiffiges Lächeln. Er hielt mich für einen Aufschneider.

„Ja, beweise es!“

„So lass einen deiner Begleiter seine Lanze dort neben dem Feuer in die Erde stecken! Ich werde, ohne abzusetzen, den Schaft mit mehreren Kugeln durchlöchern, und zwar soll jede Einschussstelle von der nächsten genau den gleichen Abstand haben.“

Er gab den entsprechenden Wink. Dabei war in seinen Mienen noch immer das ungläubige Lächeln. Auch seine Begleiter betrachteten mich mit Blicken, in denen das Misstrauen gegen meine vermeintliche Prahlerei deutlich zu lesen stand.

Ich aber war meiner Sache sicher, obwohl es nicht leicht war, bei dem ungewissen Schein des flackernden Feuers die selbstgestellten Bedingungen dieses Probeschießens zu erfüllen. Die Lanze steckte im Boden. Ich nahm gehörigen Abstand, winkte den Zuschauern beiseitezutreten, und legte an. Ohne langes Zielen drückte ich ab – einmal – zweimal – dreimal. Acht Kugeln sandte ich aus meinem Henrystutzen in den aufrecht stehenden Schaft. Dann ließ ich die Büchse sinken.

„Geht hin und holt die Lanze!“, forderte ich die Kurden auf. „Dann sagt, ob ich getroffen habe oder nicht!“

Die vier sperrten schon jetzt, wie man zu sagen pflegt, Mund und Nase auf. Sie hatten sich ja davon überzeugt, dass ich acht Kugeln verschickt hatte, ohne zu laden. Nun brachte einer die Lanze herbei. Sie war genau so durchlöchert, wie ich vorausgesagt hatte. Das war ihnen zu viel. Das vermeintliche Wunder ließ sie in Ehrfurcht verstummen.

Nur der eine, der schon bisher den Sprecher gemacht hatte, fand Worte für sein Staunen.

„Gott ist allmächtig. Er kann seinen Lieblingen Zauberkräfte verleihen. Chodih, verzeih, dass ich deiner Rede nicht glaubte! Du hast gezeigt, dass du nicht zu viel sagtest. As kolahme tah – ich bin dein Diener.“

Das hatte ich gewollt, als ich darauf ausging, die schon oft erprobte Wirkung meines Henrystutzens auch an diesen Kurden zu versuchen. Ich konnte mit dem Erfolg zufrieden sein. Auch aus Halefs Gesicht war der Zug der Missbilligung verschwunden. Er hatte schon geschmunzelt, als das Probeschießen begann, und als ich dann rasch und verstohlen die acht Patronen ergänzte, während die Kurden ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Lanze richteten, hatte er die Gelegenheit benützt, mir schnell ein paar Worte zuzuflüstern.

„Allah akbar – Gott ist groß. Er kennt die Verborgenheit aller Gedanken und die Vortrefflichkeit aller Pläne. Verzeih, dass ich glaubte, der Breite deines Verstandes mit der Länge des meinigen zu Hilfe eilen zu müssen! Es war überflüssig. Die Kurden werden sich jetzt in Acht nehmen. Sie haben sich davon überzeugt, dass mit unseren Waffen nicht zu spaßen ist.“

Die Worte des Anführers waren eine nicht gewöhnliche Höflichkeit, aber doch immer noch eine unter Kurden übliche Redensart. Ich wollte mehr hören. Ich wollte, um vor jeder unliebsamen Überraschung sicher zu sein, ausdrücklich als Gast aufgenommen werden.

Darum gab ich Redewendung gegen Redewendung, wie es die Sitte des Landes erheischte.

„Chodeh dauleta ta masen beket – Gott vermehre deinen Reichtum! Denn du bist freundlich und gerecht und lässt die Vorzüge anderer gelten. Darum möchte ich dein Hemscher, dein Freund sein.“

„Sere men! Kheïr ati, jahrimen asis – Bei meinem Haupt! Willkommen, lieber Freund!“, antwortete er feierlich. „Nimm Platz an unserem Feuer!“

Dieses Willkommen musste ich als einen weiteren Gewinn buchen. Es bot uns bereits leidliche Sicherheit. Das Wort Mivan, Gast, ließ der Kurde leider unausgesprochen und ich konnte ihn nicht darum drängen, ohne ihn in beleidigender Weise mein Misstrauen fühlen zu lassen.

Wir tränkten also zunächst die Rappen am Quell des schon mehrfach erwähnten Baches. Dann durften sie sich am Waldsaum nach Belieben ihr Futter suchen. Wir selber lagerten uns im Kreis der Kurden und ich muss gestehen, dass ich mit ganz besonderem Behagen die Glieder streckte und die Wärme des Feuers auf mich einwirken ließ. Wir packten die bescheidenen Essvorräte aus, die wir unseren Satteltaschen entnommen hatten. Als der Anführer der Kurden das sah, wendete er sich höflich an mich.

„Verzeih, Chodih, dass wir euch nicht von unseren Speisen anbieten! Wir würden es gern tun, denn wir achten die Gebote der Gastfreundschaft. Aber wir haben selber fast nichts mehr zu beißen und morgen liegt ein anstrengender Ritt vor uns, wobei uns keine Zeit bleibt, uns nach einer Jagdbeute umzusehen.“

Mir wäre es lieber gewesen, wenn er uns einen einzigen Bissen Brot aus seiner Hand und einen Schluck Wasser aus seinem Lederbecher geboten hätte. Das erst wäre die gültige Besiegelung des Willkommens gewesen. Aber ich musste mich auch hier bescheiden, wollte ich nicht eine Verstimmung heraufbeschwören.

„Ich danke dir“, erwiderte ich also. „Wir werden auch so keinen Mangel leiden.“

„Trinken aber sollt ihr mit uns“, fuhr der Kurde fort. „Das kalte Wasser aus der Quelle macht frösteln in der rauen Nacht. Wir werden noch einmal Kaffee bereiten und bitten euch, wenigstens dieses geringe Geschenk anzunehmen.“

Auf seinen Wink erhob sich der, den ich schon vorher beim Kaffeekochen beobachtet hatte, und ging mit dem Kessel zum Quell, um frisches Wasser zu holen. Eben wollte ich meine Unterhaltung mit dem Sprecher der vier fortsetzen, um ihn womöglich noch ein wenig auszufragen, da ließ ein Geräusch mich aufhorchen.

Es kam aus der Richtung, aus der wir selber zur Passhöhe emporgestiegen waren. Kein Zweifel, es näherten sich Menschen, Reiter, unserem Lagerplatz, und zwar nur wenige; eine größere Schar hätte sich lauter bemerkbar gemacht. Die Nahenden waren vermutlich die erwarteten Boten.

Ich hatte vorsichtshalber den Henrystutzen zur Hand genommen und richtete den Blick nach der Stelle des Buschrandes, wo dem Geräusch nach die Kommenden erscheinen mussten. Auch Halef hielt sich für alle Fälle bereit.

„Wird es einen Kampf geben, Sihdi?“, fragte er in der Sprache der Dschesireh.

„Ich glaube und hoffe es nicht.“

„Schade! Ich wünschte mir grad irgendein Ereignis, das alle Kräfte des Körpers und alle Munterkeit des Geistes wachriefe.“

„Warum?“

„Weil ich den Dschinn sonst nicht loswerde, der hinter meiner Stirn hämmert und pocht. Er ist hartnäckig wie das Ungeziefer und eigensinnig wie ein Dschemel49, das von einem unverständigen Herrn verdorben wurde.“

Unser Gespräch wurde durch das Erscheinen zweier Männer unterbrochen, die, ihre Pferde am Zügel führend, aus dem Dickicht hervortraten. Sie trugen riesige Turbane von fast einem Meter Durchmesser und eng anliegende türkische Gewänder. Darüber aber fiel auch bei ihnen der weite Antari, der rot und schwarz gestreifte Kaftan, der sie als Kurden kennzeichnete. Ihre langen Flinten und Bambuslanzen konnten einem modern bewaffneten Europäer weder Achtung noch Furcht einflößen. Sie stutzten, als sie an unserer Kleidung erkannten, dass wir offenbar nicht zu ihren Landsleuten gehörten, die sich hier zu finden erwartet haben mochten. Ihr Gruß klang kurz und zurückhaltend.

Da wendete sich der Anführer der Kurden hastig an mich.

„Erlaube, Chodih, dass ich scheinbar das Gebot der Höflichkeit verletze und einige Worte unter vier Augen mit diesen Männern spreche. Sie kommen mit wichtiger Botschaft und wir haben hier auf sie gewartet. Was sie zu melden haben, ist nur für unsere Ohren bestimmt.“

Ich nickte und ließ ihn gehen. Dann stand auch ich auf und winkte Halef, mir zu folgen. Ich schritt hinüber zu unseren Pferden.

„Wir wollen uns unsere Decken holen. Sie sind bei dieser Kälte unentbehrlich.“

Er stimmte zu.

„Du hast Recht, Sihdi. Es wird eine unbehagliche Nacht geben. Ich traue diesen Kurden nicht und werde nicht schlafen, so müde ich auch bin, sondern...“

„Überlass das Wachen mir! Ich fürchte, du hast den Schlaf nötig. Dein Kopfschmerz gefällt mir nicht. Komm, nimm ein wenig Chinin! Das beugt dem Fieber vor. Auch ich werde ein solches Pulver schlucken.“

Ich holte aus der kleinen Taschenapotheke, die ich auf meinen Reisen ständig mitführte, die beiden Pulver hervor, eins für Halef, eins für mich. Dann schnallten wir die Decken ab. Dabei schweiften meine Blicke unauffällig zu den Boten hinüber. Sie standen noch immer am Waldrand. Der Anführer sprach leise und eifrig auf sie ein. Sie erwiderten ebenso lebhaft. Diese Kurden glaubten wohl, pfiffig und schlau zu sein. In Wahrheit waren sie im höchsten Grad unvorsichtig. Die Augen bald des einen, bald des anderen suchten Halef und mich. Dadurch verrieten sie, dass sie von uns sprachen. Das konnte an sich harmlos sein. Der Anführer berichtete den Ankömmlingen möglicherweise, wie er mit uns zusammengetroffen und was seiner Meinung nach von uns zu halten sei. Ganz sicher erzählte er von unseren Pferden und Waffen und von meiner Schießkunst. Aber dass er diese Dinge nicht in unserer Gegenwart vorbrachte, wollte mir ebenso bedenklich erscheinen, wie ich es begreiflich gefunden hatte, dass er die Kunde der Boten uns verbergen wollte. Sie ging uns nichts an, umso mehr aber alles, was jetzt da drüben über uns verhandelt wurde.

Halef, der mir stets ein gelehriger Schüler gewesen war, stellte inzwischen dieselben Beobachtungen an.

„Siehst du, Sihdi, wie sie die Köpfe zusammenstecken und dabei zu uns herüberschielen wie der Hund nach dem gebratenen Hammel, den sein Herr allein verzehrt? Allah lasse ihnen Steine wachsen im Bauch, dass ihnen der Hunger vergeht, der aus ihren Blicken leuchtet wie die Goldgier aus den Augen des Wucherers und Geizhalses!“

Er war voll Zorn. Darum war seine Sprache so bildhaft. Ich beeilte mich, ihn zu besänftigen.

„Ihr Appetit soll verschwinden auch ohne die Steine im Bauch. Ich werde wachsam sein. Und nun komm zurück zum Feuer! Wir müssen alles vermeiden, was den Argwohn dieser Männer erregen könnte. Je sicherer sie sich fühlen, umso leichter wird es uns, ihre Absichten zu durchschauen und zu durchkreuzen.“

Die Decken in Händen näherten wir uns wieder dem Feuer. Da trat auch der Anführer mit den beiden Boten hinzu. Er setzte sich. Die zwei aber blieben stehen und grüßten.

„Es selâm ’alejkum!“

„We ’alejkum es selâm!“ Halef und ich antworteten zu gleicher Zeit. Ich aber fuhr fort: „Warum grüßt ihr nicht in der Sprache eurer Heimat?“

Da ich jetzt Gelegenheit hatte, die beiden genauer zu betrachten, erkannte ich, dass sie einander auffällig ähnlich waren. Ein beträchtlicher Altersunterschied zwischen beiden ließ mich vermuten, dass ich Vater und Sohn vor mir hatte.

„Die Höflichkeit gebietet, dass man sich dem Fremden freundlich erweist“, antwortete der Ältere, und zwar in ziemlich geläufigem Arabisch. „Wir haben soeben gehört, dass die Heimat des einen von euch das Belad el Arab ist, und sehen, dass ihr beide die Tracht dieses Landes tragt. Darum sollt ihr auch seine Sprache aus unserm Mund vernehmen.“

Der Mann gab sich so freundlich, auffällig freundlich sogar. Bei einem Europäer, auch bei einem türkischen Städtebewohner oder bei einem Perser, die man wegen ihrer Höflichkeit und wegen ihrer verbindlichen Formen die Franzosen des Orients genannt hat, wäre ich versucht gewesen, von gewinnender Liebenswürdigkeit zu sprechen. An einem Kurden erregte es mein Misstrauen. Diese Bergbewohner sind durchweg rau, ungeschlacht, plump, unbeleckt im Wesen und derb. Sie gleichen dem spröden Boden, den wilden Wäldern, den harten Felsen, der unwirtlichen Landschaft ihrer Heimat, und ihre Eigenart ist nicht zuletzt die Folge eines herben, grausamen Schicksals, das diese trotzigen Wildlinge seit Jahrhunderten nicht zu friedlicher Entwicklung kommen lässt. Wäre dieser Kurde barsch und abweisend gegen uns gewesen, ich hätte seiner Grobheit lieber vertraut als so seiner Verbindlichkeit. Obendrein gefiel mir der Mann nicht. Er hatte keinen freien, offenen Blick und seine letzten Worte hatten einen seltsam lauernden Unterton.

„Wir danken dir“, erwiderte ich zurückhaltend. „Meine Erkundigung galt meiner Verwunderung darüber, dass euch die fremde Sprache geläufig ist.“

„Nur ich und dieser da, der mein Sohn ist, verstehen und sprechen sie, sonst keiner in unserem Stamm. Wir haben diese Kenntnis erworben, weil wir bisweilen in Geschäften zu den Männern reiten, die im Reich des Großherrn wohnen.“

Dann wandte er sich an seinen Sohn und trug ihm auf, die Pferde zu versorgen. Er selber ließ sich mit uns bei den anderen am Feuer nieder. Sein Sohn folgte nach kurzer Zeit.

Die beiden Boten begannen zu essen. Dann stand der Ältere auf, schüttete aus einem Säckchen fein gestoßene Kaffeebohnen in zwei Lederbecher und schickte sich an, kochendes Wasser aus dem frisch gefüllten Kessel daraufzugießen. Der Anführer hatte mich in eine Unterhaltung über Pferdezucht verwickelt; jetzt gab er dem Mann am Kessel einen Wink.

„Bereite auch den Fremden den Trank! Da sind zwei Becher!“

Ich achtete nicht weiter auf diese Vorgänge. Später sollte ich diese kleine Nachlässigkeit schwer zu büßen haben. Auch Halef war in Anspruch genommen. Der jüngere der beiden Boten sprach mit ihm Arabisch und der kleine Hadschi, der sich im Kurmandschi nur mangelhaft verständigen konnte, ergriff mit Wonne die Gelegenheit, den lästigen Zwang des Schweigens abzustreifen.

Einige Worte, die zwischen den beiden gewechselt wurden, fing ich soeben auf und sie veranlassten mich, fortan den Schilderungen des Anführers nur noch mit einem Ohr zu lauschen. Das andere horchte zu meinem plauderhaften Hadschi hinüber.

„B’ismillah – um Gottes willen! Wo denkst du hin?“, rief er soeben voll Entrüstung. „Wie kannst du den Glanz unsrer Mannhaftigkeit und den Ruhm unsrer Streitbarkeit so verkennen, dass du uns für Händler hältst! Öffne die Pforten des Erstaunens und die Tore der Bewunderung in deinem Herzen und vernimm, dass mein Sihdi der herrlichste aller Helden und der vortrefflichste aller Krieger ist, so weit Menschen ihre Zelte bauen und ihre Herden weiden! Sein Name ist Hadschi Emir Kara Ben Nemsi Effendi. Die Kugel aus seiner Büchse fliegt von hier bis zum Mond, wenn er es will, und hat noch niemals ihr Ziel verfehlt. Ich aber bin sein Freund und Beschützer und heiße Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah und bin der oberste Scheik der Haddedihn vom tapferen Stamm esch Schammar.“

Der junge Kurde lauschte diesen Überschwänglichkeiten mit einem Gesicht, dessen Ausdruck mir zu denken gab, und nun entschlüpfte ihm gar ein Wort jäher Überraschung.

„Das ist nicht möglich! Sprichst du die Wahrheit?“

Halef war nicht auf den Kopf gefallen. Auch er mochte etwas heraushören. Während er sonst nämlich die Frage, ob er nicht etwa flunkere, als eine Beleidigung schroff zurückgewiesen hätte, forschte er jetzt auffällig rasch:

„Was soll nicht möglich sein?“

„Dass – dass dein Sihdi ein solcher Held ist und – und dass du einen so langen Namen hast.“

Halef zog die Stirn in Falten. Aber sein Grollen war nicht echt. Das sah ich ihm an. Er wollte anderswo hinaus.

„Allah kerîm – Gott ist gnädig! Er mag dir deinen Unglauben verzeihen. Vielleicht hilft er dir auch gegen die Kürze deiner Gedanken und gegen die Mängel deiner Erinnerung.“

„Sus ol!“, fuhr der Kurde auf. „Schweig still!“ Dann fiel er wieder ins Arabische zurück. „Warum beschimpfst du meine Gedanken und meine Erinnerung?“

„Weil sie dich bisweilen im Stich zu lassen scheinen. Du wunderst dich über die Länge meines Namens und willst doch oft in Geschäften in den Ländern des Großherrn verweilt haben. Ist es dir da nicht aufgefallen, dass dort viele Menschen besonderen Wert auf die Länge des Namens legen?“

Der junge Kurde wurde der Antwort dadurch enthoben, dass uns sein Vater die Lederbecher mit dem Kaffee reichte. Wir tranken, ebenso die beiden Boten. Der ältere von ihnen verzog ärgerlich den Mund.

„Chodeh verderbe die Händler und Kaufleute! Sie fordern gute Piaster und geben dafür schlechte Ware. Dieser Kaffee taugt nichts, er schmeckt bitter.“

Der Mann hatte Recht. Auch mir fiel der bittere Nachgeschmack auf, den der Trank im Mund hinterließ. Aber ich schenkte dem keine Beachtung. Ich ahnte ja nicht, dass der Kaffee, den er und sein Sohn genossen, nicht bitter schmeckte und dass seine missfällige Äußerung nur dazu dienen sollte, uns den Trank unbedenklich schlucken zu lassen, wie er war. Arglos taten wir den hinterlistigen Schurken den Gefallen. Wir nahmen jeder mehrere Becher und fühlten uns wohlig erwärmt und neu belebt.

Halef versuchte, sein Gespräch mit dem jungen Kurden fortzusetzen, stieß aber, wie ich merkte, auf vorsichtige Zurückhaltung. Ich selbst bemühte mich, aus dem Anführer herauszuholen, was mir wissenswert erschien. So erfuhr ich, dass sich der Mann Melef nannte und dass er ebenso wie seine Gefährten zu einem Kurdenstamm gehörte, der seine Wohnplätze – und zwar zurzeit die Jilacks, die Sommersitze – zwei Tage entfernt östlich in den Bergen hatte.

„Wir werden morgen bei Tagesgrauen aufbrechen und gegen Sonnenaufgang reiten“, schloss Melef seinen Bericht. „Darf ich wissen, Chodih, ob ihr uns begleiten werdet?“

„Wir haben allerdings vorerst denselben Weg.“

„So lass mich dir mein Hani50 als Wohnstätte anbieten, dir und deinem Gefährten! Ihr sollt bei mir bleiben, solange es euch gefällt.“

„Deine Freundlichkeit ist groß und ich werde mit meinem Begleiter gern als dein Mivan, dein Gast, bei dir einkehren.“ Auf das Gastrecht berief ich mich absichtlich. Ich wollte Sicherheit haben. „Nur können wir nicht lange rasten. Der Weg führt uns ohne Verweilen weiter.“

„Darf ich wissen, wohin?“

„Nach Schiras.“

„Und ihr habt Eile?“

„Ein Freund erwartet uns dort.“

Das konnte ich sagen, ohne mich einer Unwahrheit schuldig zu machen. Ich dachte dabei an David Lindsay. Dass ich mich dabei so ausfragen ließ, hatte seinen guten Grund. Mir gingen die ‚Hüter des Lichts‘ und die ‚Unsichtbaren‘ nicht aus dem Sinn und ich wollte aus dem Verhalten Melefs meine Schlüsse ziehen. War der Kurde so ohne Weiteres bereit, uns mitzunehmen, so musste er samt seinen Leuten die Anwesenheit Fremder doch wohl nicht zu scheuen haben. Dass er mit seiner Einladung nur schlaue Spiegelfechterei treiben und schon fast entschlossen sein könne, uns andern Tages dahin zurückzuschicken, woher wir gekommen waren, lag für mich leider außerhalb jeder Berechnung. Meine Bemerkung, dass wir in Schiras erwartet würden, ließ den Kurden aufhorchen.

„Du hast einen Freund da drüben?“, erkundigte er sich mit fühlbarem Misstrauen. „Sagtest du nicht, du seist fremd hier?“

„Ja, und ich habe die Wahrheit gesagt. Der Freund, den ich meine, ist ein Franke wie ich, ein Inglo51.“

„Chodeh t’aves-schkeht – Gott bewahre dich! Wie kann ein Inglo der Freund eines freien Mannes sein! Die Ingli sind schlimmer als die ‚Hüter des Lichts‘.“

Beinah wäre mir ein Laut freudiger Überraschung entschlüpft. Grad noch zur rechten Zeit zwang ich mich zu einer arglosen Miene.

„‚Hüter des Lichts‘? Wer ist das?“

Jetzt erkannte der Kurde seine Unvorsichtigkeit. Er hätte das rasche Wort wohl gern zurückgenommen. Aber nun war es zu spät.

„Unsere Feinde!“, sagte er abweisend.

„Und warum gebt ihr ihnen diesen seltsamen Namen?“

„Das darf ich dir nicht sagen. Du bist ein Fremder.“

Einer plötzlichen Eingebung folgend legte ich dem Kurden lächelnd die Hand auf die Schulter. Ich wollte, wie der Volksmund sich ausdrückt, einmal auf den Busch klopfen.

„So will ich ehrlicher gegen dich sein, als du gegen mich bist. Meine Frage sollte nur deine Offenheit prüfen. Ich weiß es bereits.“

„Was weißt du?“

„Dass ihr von ‚Hütern des Lichts‘ sprecht, weil diese Männer mit der Fackel ihres Spürsinns auch die ‚Unsichtbaren‘ ausfindig machen.“

Melef zuckte zurück, als sei eine Natter vor ihm aufgezüngelt. Auch die übrigen Kurden, die unserem Gespräch bisher schweigend gefolgt waren, gerieten in Bewegung. Hier und da sah ich eine Hand, die nach der Waffe tastete. Hatte ich mich in dem begreiflichen Verlangen, hinter die Geheimnisse dieser Männer zu kommen, zu weit vorgewagt?

„Sei still!“, fuhr Melef auf. „Du weißt nicht, was du redest.“

„Das stimmt!“, nickte ich scheinbar unbefangen. „Ich hörte zufällig das Gespräch einiger Männer mit an, die sich von diesen Dingen unterhielten und...“

„Wo war das?“

„Hier in diesen Bergen.“

„Wer waren die Männer?“

„Ich kannte ihre Namen nicht. Es waren Kurden.“

„Woher kamen sie? Was war ihr Ziel? Wo standen ihre Wohnhütten?“

„Davon sprachen sie nicht.“

Meine Antworten stimmten mit der Wahrheit vollkommen überein. Nur verschwieg ich dem braven Melef, dass von ihm selbst und seinen drei Begleitern die Rede war. Er aber dachte nicht daran, diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen.

„Diese Männer waren törichte Schwätzer“, entschied er mit wegwerfender Geste. „Was konnten sie von uns und unseren Feinden wissen! Vergiss, was du von ihnen gehört hast! Es ist nichts. Es ist leere Narrheit.“

Ob er wirklich glaubte, ich würde mich mit dieser plumpen Vertuschung zufriedengeben? Oder fürchtete er meine Mitwisserschaft seiner Geheimnisse, so gering sie auch sein mochte, im Stillen weiter? Sann er nun auf Verrat, mich unschädlich zu machen?

Ich fand keine Antwort auf diese Fragen. Die Zeit musste alles erweisen. Mir blieben nur Wachsamkeit und Vorsicht.

Die Folge meines Vorstoßes war, dass der Quell der Beredsamkeit der Kurden versiegte. Halef gähnte. Selbst mich überkam eine unabweisbare Müdigkeit.

„Es wird Zeit, dass wir zur Ruhe gehen“, schlug ich vor. „Wie du sagtest, Melef, wollt ihr morgen früh bei Tagesgrauen aufbrechen. Ihr stellt doch eine Wache aus? Mein Gefährte und ich werden uns am Wachdienst beteiligen.“

Da fiel mir der ältere der beiden Boten ins Wort.

„Schlaft immerhin! Mein Sohn und ich kehren morgen nach Sonnenuntergang zurück...“

„Ah, ihr reitet nicht mit uns?“

„Nein. Es ist, wie ich sage. Wir haben Zeit und können rasten nach Belieben. Melef aber muss sich beeilen. Darum habt ihr den Schlaf nötiger als wir. Wir zwei werden uns in die Wache teilen.“

Da sämtliche Kurden dem zustimmten, konnte ich nicht widersprechen. Ich wünschte rundum eine Gute Nacht, gab Halef einen Wink und legte mich mit ihm ein wenig abseits im Schutz der Felsen nieder. Wir wickelten uns fest in unsere Decken, die Gewehre im Arm. Wenn wir beide uns jetzt noch ein wenig unterhielten, so konnte keiner der Kurden etwas dabei finden. Sie taten bereits dasselbe. Aber sie sprachen leise, sodass nichts zu verstehen war. Und wir machten es ebenso.

„Sihdi“, flüsterte mir Halef zu, „die Kurden sind nicht ehrlich. Dieser Sohn eines Vaters, dem ich die Lieblichkeit meiner Erzählung gönnte, ist mir in die Falle gegangen wie Abu ’l Ifrid52, den die Blutgier blind macht. Ich nannte ihm unsere Namen...“

„Das habe ich gehört. Es war unvorsichtig.“

„Willst du mein Antlitz schamrot machen, Sihdi? Weißt du nicht, dass meine Gedanken flink sind wie die Tijûr el Dschenne, die Geistervögel53, und scharfsinnig wie der Schahîn54? Der Kurde hat sich verraten. Er erschrak, als er unsere Namen hörte. Sie waren ihm bekannt.“

„Auch das habe ich beobachtet. Ich hörte auch, wie er sich herauszureden suchte und wie du ihn stelltest.“

„Und du tadelst mich noch immer?“

„Ich tadele nur, dass du eigenmächtig gehandelt hast. Im Übrigen hast du allerdings einen Beweis dafür erbracht, dass wir uns vor diesen Kurden in Acht nehmen müssen. Wir werden uns nicht auf sie verlassen, sondern, ohne dass sie es merken, abwechselnd wachen. Du magst die erste Wache übernehmen. Wecke mich, wenn deine Zeit um ist!“

Ich schloss die Augen. Da merkte ich erst, wie bleiern müde ich war. Es lag auf mir wie eine Lähmung, so als könnte ich kein Glied rühren. Ich wollte nachdenken, wollte mir noch einmal die Lage vergegenwärtigen, in der wir uns befanden. Aber das Denken versagte mir. Ich fiel in einen angstvollen und unruhigen Schlaf voll quälender Träume. Ich kämpfte mit dunklen Gestalten. Sie umdrängten mich in wüstem Gewirr. Ich wollte sie packen und ihnen die Faust an die grinsenden Schädel schmettern. Doch mein Hieb traf stets nur die leere Luft. Im entscheidenden Augenblick zerflossen die Gegner stets vor mir zu Nebel und Dunst und an mein Ohr klang höhnendes Gelächter: „Narr, der du glaubst, die ‚Unsichtbaren‘ fassen zu können! Ruf sie doch zu Hilfe, die ‚Hüter des Lichts‘! Merkst du denn nicht, dass du gegen ‚Schatten‘ kämpfst?“ – Da packte mich rasender Grimm. Meine Rechte griff nach dem Gürtel, den Revolver zu ziehen, als plötzlich eine Stimme mir zuzuflüstern schien: „Nicht die Schusswaffe! Sie nützt dir nichts! Nimm den Dolch!“ – Und schon umspannten meine Finger das persische Kampfmesser. Es war ein Chandschar, den ich einst im Wilden Westen auf eigenartige Weise gewonnen hatte.

Ich war dort mit einem Perser zusammengetroffen, der sich Dschafar Mirza nannte und die Vereinigten Staaten studienhalber bereiste. Er war ein hochgebildeter, liebenswürdiger Mann. Ich hatte ihn im Verdacht, ein kaiserlicher Prinz zu sein. Da er mit den Verhältnissen des Landes gänzlich unbekannt war, fiel er in die Gewalt der Komantschen, aus der ich ihn unter eigener Lebensgefahr rettete. So wurden wir Freunde und beim Abschied schenkte er mir seinen kostbaren persischen Dolch als Andenken.

An diesen Chandschar dachte ich jetzt im Traum. Ich fasste ihn und hob den Arm zum Stoß. Die Waffe blitzte. Ein übernatürliches Licht, so schien es mir, ging von ihr aus. Da sanken, wie von einem Zauber getroffen, die schattenhaften Feinde in sich zusammen. Ich hörte nur noch ihr lautes Geschrei und – erwachte.

Das Schreien kam von den Kurden, die in heftiger Erregung miteinander zu streiten schienen. Ich verstand nur abgerissene Worte, aber sie genügten, mir einen heillosen Schreck einzujagen. Und der Schreck wuchs zum Entsetzen, als ich meine Gewehre vermisste, die ich beim Einschlafen im Arm gehalten hatte.

Mit einem Satz war ich auf den Beinen, ohne darauf zu achten, dass mir die Glieder steif und schwer waren und dass ein dumpfer Schmerz in meinen Schläfen pochte.

„Halef, wach auf!“ Ich musste den Kleinen derb schütteln, bevor er die Augen aufschlug. „Halef, ermuntere dich! Man hat uns bestohlen!“

„Be – bestohlen?“, stammelte er mühsam.

„Die Pferde! Meine Gewehre!“

„Sind sie fort?“

Es saß schon aufrecht und vermisste nun auch die eigene Flinte. Ich konnte ihm nicht antworten. Die Kurden hatten unser Erwachen bemerkt. Melef sprang sogleich auf uns zu.

„O Chodih, es ist Furchtbares geschehen. Kelehschan55 haben uns im Schlaf heimgesucht. Eure Pferde sind verschwunden. Sag, was wir tun sollen! Wir müssen den Dieben sogleich nachjagen. Mit deinem Zaubergewehr wirst du...“

„Gar nichts werde ich“, unterbrach ich ihn. „Auch die Gewehre hat man mir genommen. Wo sind die beiden Boten? Sie hatten die Wache.“

Er sah sich wie hilfesuchend um.

„Ich – ich weiß es nicht. Sie sind nicht mehr da.“

„So sind sie die Spitzbuben!“

„Chodih, was denkst du von diesen Männern! Sie sind unsere Brüder.“

„Darauf könnt ihr offenbar nicht stolz sein.“

„Sie sind samt ihren Pferden fort. Darum vermute ich, dass sie sofort zur Verfolgung der Räuber aufgebrochen sind.“

„Ohne auch ein Wort davon zu sagen? Meinst du wirklich, dass sie so kopflos gehandelt haben?“

„Der Schreck wird sie überwältigt haben. Hätten sie selbst eure Rappen genommen, so wären doch ihre Pferde hier zurückgeblieben.“

„Du irrst“, schnitt ich seine Einwände ab. „Unsere Tiere dulden nur ihre Herren im Sattel. Jeder andere wagt seinen Hals, wenn er sie zwingen will, ihn zu tragen. Es wird schon Mühe genug gekostet haben, sie am Zügel fortzuführen. Und nun lass mich nachsehen, in welcher Richtung die Diebe entflohen sind! Befiehl deinen Leuten, dass sie sich ruhig hier an der Feuerstätte halten! Sie zerstören mir sonst die Spuren der Flüchtlinge.“

Er zeigte ein erstauntes, ungläubiges Gesicht, tat aber doch nach meinem Geheiß. Er belächelte wohl im Stillen mein Beginnen, denn die Kurden sind keine Fährtensucher. Ich ließ ihn ruhig dabei und gab Halef einen Wink, mir zu folgen.

Wir suchten zunächst den Waldrand ab, wo unsere Tiere geweidet hatten. Dort war der Boden arg zerstampft, ein Beweis dafür, dass sich die Rappen gegen die Berührung von fremder Hand gewehrt hatten. Mehr war hier nicht zu ersehen; denn Melef war mit seinen Leuten an diesem Platz hin und her gelaufen. Weiterhin aber gab es steinigen Untergrund, Geröll oder gewachsenen Fels, der keine Spuren annahm. Ich sah mich vor eine Aufgabe gestellt, die wohl auch dem Spürsinn eines Indianers zu schaffen gemacht hätte.

Dabei hatte ich meine liebe Not mit Halef. Er klagte, schimpfte und drohte in einem fort.

„Allah verderbe diese Hunde, diese Söhne von Hunden, diese Enkel und Urenkel von Hundesöhnen! Abu Jahja, der Engel des Todes, lasse ihre Füße straucheln, wenn sie es Sirath, die Brücke des Jenseits, überschreiten wollen, dass sie in die tiefste Dschehenna56 stürzen! Dort soll sie der Scheitan dazu verdammen, in alle Ewigkeit auf riesigen Kanafid57 zu reiten, deren Borsten den Sitz ihrer Gefühle beleidigen und den Ruhepunkt ihrer Glieder kränken werden! O Sihdi, warum hast du nicht auf meine stumme Warnung geachtet und hast ihnen Appetit gemacht auf unsere Rappen und auf deine Zaubergewehre! Siehst du nun ein, dass die Länge meines Verstandes der Breite des deinigen weit überlegen ist?“

„Nein. Du hast ebenso wenig wie ich gemerkt, dass man uns ein Schlafmittel in den Kaffee gemischt hat.“

„Allah akbar – Gott ist groß! Aber die Heimtücke dieser Schurken ist fast noch größer. Ein Schlafmittel, sagst du? Darum also hast du mich noch nicht gescholten, dass ich die Wache versäumt und dich nicht geweckt habe? Glaube mir, Sihdi, es ging mir wie dem Trunkenbold, den der Raki58 übermannt.“

„Ich weiß es. Du trägst keine Schuld. Auch ich war betäubt.“

„Ja Allah, welch eine Schlechtigkeit! Diese Väter der Hinterlist und Großväter des Verrats haben das Gastrecht verletzt.“

„Nein. Sie haben sich vielmehr von Anfang an gehütet, uns ihre Gäste zu nennen. Und dann haben sie den eigentlichen Streich, die Einschläferung wie den Diebstahl, von den beiden Boten ausführen lassen. Die aber waren nicht dabei, als man uns den Willkommen bot. Damit rechtfertigen sich die vier scheinheiligen Halunken vor ihrem Gewissen.“

„Und du meinst, dass die beiden so ohne Weiteres einen Trank des Schlafes, ein Wasser des Vergessens zur Hand hatten, wie die Männer aus dem Belad er Rumi59 ständig das Feuer in Gestalt von Kibritat60 in der Tasche tragen?“

„Sie haben uns einfach Opium in unsere Kaffeebecher geschüttet. Haschisch können sie recht wohl bei sich gehabt haben; sie mischen ihn wahrscheinlich in ganz geringen Mengen unter ihren Tabak. So ist auch der bittere Geschmack des Kaffees samt meinem Kopfschmerz zu erklären. Jetzt aber bitte ich dich zu schweigen. Ich brauche meine Gedanken zur Verfolgung der Spur. Sie scheint jenseits des Passes hinabzuführen, also nach Osten.“

Wenn ich hier von einer Spur spreche, so ist damit eigentlich zu viel gesagt. Ich sah, dass die Eindrücke der Pferdehufe den weichen Boden am östlichen Rand verließen. Dann fand ich nur ganz vereinzelt noch eine Schramme im Gestein, unzweifelhaft von einem im Geröll abgeglittenen Tritt der Tiere verursacht. Diese Abschürfungen aber konnten auch von gestern stammen, von den Gäulen der Kurden, als sie zur Passhöhe angestiegen waren. Ich ging gleichwohl den ungewissen Merkmalen eine Strecke weit nach. Schon rechnete ich damit, bis ganz ins jenseitige Tal hinabklettern zu müssen. Dort unten gab es wieder Wald, hier und da sogar grasige Flächen. Schlug ich dort einen Halbkreis mit der Linie des Höhenzugs, in den sich der Pass einkerbte, als Sehne, so musste ich die Fährte der Flüchtlinge finden, mochten sie geradeaus, nach rechts oder nach links geritten sein, falls sie nur überhaupt nach dieser Seite ihren Weg genommen hatten.

Da fiel mein Blick auf einige Holzsplitter, die am Rand der abwärtsführenden Schlucht lagen. Ich winkte Halef, stehenzubleiben, und untersuchte den Platz sorgfältig. Die Schrammen im Gestein waren hier besonders ausgeprägt. Die Splitter erwiesen sich als Stücke einer Bambusstange. Aber es war kein gewöhnliches Holz. Die äußere Fläche war poliert und gebeizt. Das sagte mir genug. Ich schob die Holzstückchen in die Tasche und wendete mich zu Halef zurück.

„Wir können umkehren. Ich habe die Spur. Die Diebe sind hier hinab geflüchtet.“

Wir kletterten wieder zum Pass empor. Halef konnte seine Neugier nicht bemeistern.

„Was hast du soeben eingesteckt, Sihdi?“

„Bruchstücke einer Kurdenlanze! Sie ist zersplittert, als eines der geraubten Pferde aufbäumte und den Mann zu Boden schleuderte, der es am Zügel führte. Er war so klug, die Trümmer, die ihn verraten mussten, aufzuheben, hat aber die Splitter übersehen.“

Melef und seine Leute empfingen uns mit Mienen, in denen Dummpfiffigkeit, Überheblichkeit, Schadenfreude und Spott von geheuchelter Teilnahme nur matt übertüncht wurden. Unser Gebaren war ihnen unverständlich. Sie glaubten, uns mühelos übers Ohr hauen zu können.

„Warum sucht ihr auf jener Seite?“, empfing uns der Anführer.

„Weil die Pferdediebe dorthin entflohen sind.“

„Du irrst, Chodih. Hast du nicht gehört, dass die beiden Boten davon sprachen, sie wollten heute nach Westen umkehren?“

„Ah, du gibst also zu, dass sie die Täter sind?“

„O nein! Ich – ich sagte das nur, weil – weil ich sehe, dass du dich von deinem Verdacht nicht abbringen lässt.“

„Allerdings nicht. Und die Spuren, die ich gefunden habe, bestätigen mir, dass ich Recht habe.“

„Spuren?“, fragte er verwundert.

Ich nahm ihn kurzerhand beim Arm und führte ihn hinüber zum Waldrand. Dort gab ich ihm die nötigen Erklärungen. Ich wies ihm die nach Osten gerichteten Hufeindrücke und die Schrammen im Gestein. Endlich zog ich die Lanzensplitter aus der Tasche und sagte ihm dazu, was zu sagen war.

Halef und die übrigen Kurden waren uns gefolgt. Die drei machten nicht eben geistreiche Gesichter. Halef weidete sich an ihrem verlegenen Staunen. Melef aber kratzte sich hinterm Ohr.

„Chodih, jetzt sehe ich, dass du wirklich jener Kara Ben Nemsi bist“, entfuhr es ihm.

„Ach, das weißt du? Das können dir nur die Boten gesagt haben, denen mein Begleiter unsere Namen verraten hat. Ihr habt also über uns gesprochen?“

„Ja, vor dem Einschlafen.“

„Es ist gut. Ich weiß, woran ich bin.“

„Was meinst du damit, Chodih?“

„Ich meine, dass es sich jetzt entscheiden wird, ob ihr unsere Freunde oder unsere Feinde sein wollt. Die Boten scheinen andernorts bereits von uns gehört zu haben. So wird euch auch bekannt sein, dass wir nicht mit uns spaßen lassen. Du gibst vor, unser Freund zu sein. Ich will dir das glauben, wenn du uns die zwei besten von euren Pferden überlässt, damit wir die Diebe verfolgen und uns unser Eigentum zurückholen können.“

„Chodih“, fiel er ein, „du vergisst, dass wir selber die Tiere notwendig brauchen. Wir haben Eile, denn wir müssen die Botschaft...“

„Die Botschaft zu eurem Bei zu bringen, genügen zwei. Die anderen können zu Fuß langsam folgen. Vielleicht nehmen euch auch die Diebe diese Arbeit ab. Ich vermute, sie werden eher in euren Jilacks sein als wir.“

Melef wehrte sich verzweifelt gegen mein Ansinnen. Vor allem versuchte er immer wieder, uns nach Westen zurückzuschicken. Da machte ich dem Hin und Her ein Ende.

„Ich sehe, dass du uns von der Verfolgung der Schuldigen ablenken willst. Also willst du unser Feind sein. Gut! Mit seinen Feinden pflegt Kara Ben Nemsi kurz zu verfahren. Sieh her! Kennst du diese kleinen Waffen? Sie haben zusammen zwölf Schuss. Für euch aber genügen drei Kugeln.“

Er prallte zurück. Der Anblick der Revolver, die mir glücklicherweise geblieben waren, weil sie fest im Gürtel steckten, wirkte.

„Chodih, du drohst?“

„Du zwingst mich dazu.“

„Wir werden uns nicht wehrlos niederschießen lassen.“

„Lächerlich! Ehe ihr nach Messer oder Gewehr greift, sitzt euch bereits meine Kugel im Schädel.“

„So denk an die Blutrache!“

„Niemand wird erfahren, dass ihr hier eines ruhmlosen Todes gestorben seid.“

Da lenkte er ein.

„Chodih, es ist ja gar nicht nötig, dass es zwischen uns zum Kampf kommt. Wir werden euch beweisen, dass wir es mit der Freundschaft ehrlich meinen. Ihr sollt zwei Pferde haben. Deren Besitzer müssen dann freilich zu Fuß gehen. Das ist ein großes Opfer. Wir anderen zwei aber reiten mit euch, solange sich das mit unserer Pflicht verträgt, dem Bei die Botschaft zu bringen.“

Seine Miene war undurchdringlich. Aber ich ahnte, dass er auch jetzt wieder Hintergedanken hegte. Dennoch ging ich auf seinen Vorschlag ein. Erstens blieb uns nichts anderes übrig und zweitens sollte er uns nicht wieder übertölpeln. Wir waren gewarnt.

„Gut“, erklärte ich, „so soll es gelten. Ich hoffe, dass du es aufrichtig meinst. Andernfalls hättest du selber den Schaden davon. Wir wollen einen Imbiss zu uns nehmen und dann aufbrechen.“

Eine halbe Stunde später verließen wir den Ort dieses unerfreulichen Erlebnisses. Melef und der jüngste von den Kurden begleiteten uns. Die anderen zwei folgten zu Fuß. Es ging nach Osten, die Schlucht hinab, in ein bewaldetes Tal. Um unsere Pferde und meine Gewehre war mir nicht bang. Ich wollte den Dieben ihre Beute schon wieder abjagen. Die Hauptsache war, dass das Chinin seine Schuldigkeit getan zu haben schien. Ich fühlte mich wieder so spannkräftig wie nur je und Halef versicherte mir von sich dasselbe.

„Sihdi“, sagte er, „wenn ich’s recht bedenke, freue ich mich über den Streich, den uns die Kurden gespielt haben. Das gibt doch wieder ein Abenteuer. Hamdulillah – Allah sei Preis und Dank dafür!“

3. Die ‚Hüter des Lichts‘

Der Ritt dieses Tages war ungewöhnlich anstrengend. Schuld daran trug für Halef und mich zunächst der Verlust unserer unvergleichlichen Rappen. Es ist auch für einen gewandten Reiter eine Pein, auf einem minderwertigen Gaul zu sitzen. Ferner fehlten uns die gewohnten Sättel und endlich sorgte das unwegsame, bergige, oft steinige Gelände redlich dafür, in uns auch nicht das geringste Behagen aufkommen zu lassen.

Wenn in unserer Lage von Behagen überhaupt hätte die Rede sein können! Sich als Reisender in fremden, halbzivilisierten Landstrichen der unentbehrlichsten Dinge, der Waffen und der Reittiere, berauben zu lassen, den Räubern nachzujagen, und zwar in Gesellschaft von höchst unzuverlässigen Begleitern, ständig darauf gefasst, einer Heimtücke begegnen zu müssen, das sind Umstände, die auch einem unerschrockenen, selbstsicheren Mann zu schaffen machen.

Melef und seine Stammesgenossen zeigten sich heute von einer wenig liebenswürdigen Seite. Seitdem ich am Morgen nach der Entdeckung des Diebstahls so energisch aufgetreten war, hüllten sie sich in trotziges Schweigen. Uns konnte das recht sein. Es gelüstete uns nicht nach einer Plauderei mit ihnen. Aber ihr Verhalten vermehrte doch das Unbehagen, das Gefühl der Unsicherheit.

So kam es, dass ich mit Halef schon im Laufe des Vormittags hinter den Kurden zurückblieb. Ich mochte nicht ständig den Nachfolgenden den ungedeckten Rücken bieten. Freilich hatte das auch seine Schattenseite. Ich musste mich nun ganz der Führung Melefs überlassen, während anfangs ich die Richtung des Rittes angab, indem ich mich an die Spuren der Pferdediebe hielt.

Halef mochte das ebenso erwägen wie ich. Sobald der Klang unserer Stimmen nicht mehr bis zu den Kurden dringen konnte, öffnete er die Schleusen seiner erprobten Beredsamkeit.

„Sihdi, fürchtest du dich vor den armseligen Flinten dieser Leute? Ich sage dir, dieser Melef ist nichts als ein ganz gewöhnlicher Herambas61, dem ich am liebsten mit der Eindringlichkeit meiner Kurbatsch und mit der Deutlichkeit meiner Fäuste zeigen möchte, was ich von ihm halte. Und sein Gefährte, der so schief auf seinem Gaul sitzt wie der graue Röhrenhut auf dem Kopf deines Freundes Lindsay...“

„Halef“, mahnte ich, „beleidige meinen Freund nicht! Hol dir deine Vergleiche anderswo her! Was sollte überhaupt deine Frage wegen meiner Furcht? Weil ich zurückbleibe?“

„Sihdi, ich sehe, dass die Breite deines Verstandes...“

„...der Länge des deinigen zumindest gleichkommt! Schon gut! Ja, ich möchte den beiden nicht unausgesetzt den Rücken bieten. Aber das nenne ich Vorsicht, noch lange nicht Furcht.“

Er lächelte überlegen.

„Allah kerîm – Gott ist gnädig! Er verzeihe dir, dass du die Begriffe verwechselst wie eine Bent el Umm62 die Gewürze, wenn ihre Gedanken beim Kochen dem Gebieter ihres Herzens statt der Zubereitung der Speisen gelten, sodass sie die Salsa63 verdirbt und der Herr des Zeltes sich schämen muss vor den Gästen, die er...“

„Halef“, unterbrach ich ihn abermals, „bleib bei der Sache! Du beschuldigst mich der Begriffsverwechslung. Wieso?“

„Weil du Vorsicht nennst, was in Wirklichkeit die größte Unvorsichtigkeit ist.“

„Das Zurückbleiben?“

„Ja, Sihdi! Bedenke, dass du dich damit ganz der Führung dieser Kurden überlassen hast! Wie nun, wenn man uns von der Fährte fort und womöglich gar in einen Hinterhalt lockt!“

„Das alles habe ich bedacht und grad darum überließ ich Melef die Führung.“

„Allah akbar – Gott ist groß! Er kennt jede Verborgenheit unserer Gedanken und versteht jede Unverständlichkeit unserer Entschlüsse. Ich aber kann dich nicht begreifen.“

„So will ich der Mangelhaftigkeit deines Begriffsvermögens zu Hilfe kommen...“

„Sihdi!“

„...und will dich daran erinnern, dass ich in schwierigen und gefährlichen Lagen gewohnheitsmäßig nach oft bewährten Grundsätzen handele, die du eigentlich kennen solltest. Ich will diesen Melef auf die Probe stellen.“

„Ob er versucht, uns irrezuführen oder nicht?“

„Ja.“

„Sihdi, das begreife ich erst recht nicht. Da kommst du mir vor wie ein Mann, der in einem Kellek den Phrat64 überquert und mitten auf dem Strom auf den unsinnigen Einfall kommt, zu versuchen, ob das Wasser einen Menschen trägt oder nicht. Er springt hinein und ertrinkt, weil er des Schwimmens nicht kundig ist. Wenn er dann unten auf den Grund des Flusses anlangt, kann er den Fischen und all dem hässlichen Wassergetier erzählen, wie seine Probe ausgefallen ist. Er hat ja nun Gewissheit, wenn er sie auch mit dem Leben bezahlt hat. Genauso wird es uns ergehen. Wenn uns diese Schurken da vorn den Weg über es Sirath, die Todesbrücke, gewiesen haben, statt den zu unserem geraubtem Eigentum, dann können wir den Seelen unserer Ahnen, die wir in den sieben Himmeln des Propheten antreffen, melden, dass wir uns von der Unzuverlässigkeit der Kurden überzeugt haben.“

Ich hatte ihn ruhig ausreden lassen, weil mir sein bildhaftes Schwatzen die Unannehmlichkeiten dieses unbehaglichen Rittes würzte. Er musste mich eigentlich als einen Mann kennen, der nicht blind und dumm in ein Unglück hineintappt.

Das sagte ich ihm auch und dann erklärte ich ihm meine Gründe und meine Vorausberechnung.

„Die Spuren der Pferdediebe sind schwer zu verfolgen. Nur in grasigen Talgründen sind sie deutlich ausgeprägt. Meist aber haben wir steinigen Boden, wo ich sie jedes Mal erst mühsam suchen müsste. Dabei kämen wir so langsam vorwärts, dass die beiden Spitzbuben inzwischen mühelos Zeit fänden, sich und ihre Beute für immer in Sicherheit zu bringen. Sie haben ohnehin einen Vorsprung von Stunden. Darum mache ich aus der Not eine Tugend, wie man das in meiner Heimat nennt. Verstehst du das?“

„Nicht ganz! Sprich weiter, Sihdi!“

„Ich stelle mich, als traute ich Melef unbedingt, und überlasse ihm die Führung. Er nimmt es an und gibt damit schon stillschweigend zu, über den Weg der Diebe unterrichtet zu sein, denn von Fährtenlesen ist bei ihm nicht die Rede. Dieses Verfahren schützt uns vor einer heimtückischen Kugel von hinten. Weiter wiegt es die Kurden in Sicherheit, sodass sie sich, falls sie überhaupt einen Streich gegen uns planen, nicht lange besinnen werden, ihn auszuführen. Und dem können wir, da wir auf alles gefasst sind, voraussichtlich begegnen. Drittens aber schaffe ich so am schnellsten Klarheit zwischen uns und ihnen. Führt uns Melef wirklich hinter den Dieben her, so müssen wir dort, wo es Gras, Moos, feuchten Boden oder sonst günstiges Gelände gibt, wieder auf die deutlich sichtbare Fährte der Verfolgten stoßen. Das kann ich jeweils mit Sicherheit feststellen. Bleibt die Fährte unter den gegebenen Umständen aus, so weiß ich, dass Melef uns zu betrügen sucht.“

„Und dann?“, fragte Halef, da ich schwieg.

„Sag lieber du, was dann zu tun ist! Du bist der Beschützer.“

Ich kannte doch meinen Halef. Ich wusste, was kommen würde. Seine Voreiligkeit würde ihn zu einer Unbesonnenheit treiben. Und da ich dem vorbeugen wollte, sollte er Farbe bekennen. Dann konnte ich ihn dämpfen. Das half mehr als eine leere Ermahnung.

Und richtig! Er fühlte sich in seiner Rolle als Beschützer. Seine Augen blitzten vor Stolz und Tatendrang. Er warf den rechten Arm in die Luft.

„Ja, Sihdi, ich weiß, was dann geschieht. Ein Glück, dass die Räuber mir die Doppelpistole gelassen haben so wie dir deine Revolver und den persischen Dolch. Sie steckten so tief in unseren Gürteln, dass es wohl nicht möglich war, sie herauszuziehen, ohne uns trotz unserer Betäubung aufzuwecken. Wenn wir die beiden Kurden als Verräter erkennen, jage ich ihnen zwei Kugeln durch die Köpfe.“

„Und dann?“

„Dann – nun dann setzen wir eben die Verfolgung allein fort.“

„Halef, denke nach, bevor du sprichst! Du sagst: Wir setzen die Verfolgung fort. Wie denn? Dann haben wir ja die Fährte der Diebe nicht und wissen nicht, wohin wir uns wenden sollen. Langes Suchen aber nach der Spur würde uns – vorausgesetzt, dass es überhaupt Erfolg hätte – so viel Zeit kosten, dass wir auch so wieder zu spät kämen. Nein, dein Vorschlag taugt nichts. Bedenke, dass es um unsere wertvollen Pferde und um meine unersetzlichen Gewehre geht! Vielleicht auch um unser Leben!“

Er ließ – fast hätte ich gesagt: die Ohren hängen. Ja wirklich, er sah aus wie der sprichwörtliche begossene Pudel. Beinahe hätte ich gelacht. Aber ich beherrschte mich noch zur rechten Zeit.

„Du siehst, Halef“, setzte ich meine Belehrung fort, „es wird am klügsten sein, du lässt mich handeln. Ich weiß einen besseren Ausweg.“

„Welchen, Sihdi?“

„Das wirst du sehen, wenn es so weit ist. Jetzt wollen wir lieber auf den Weg achten und unsere Gäule etwas schärfer herannehmen. Die Kurden kommen uns sonst zu weit voraus.“

Wir ließen die Tiere ausgreifen, bis sich der Abstand zwischen uns und den Führern auf etwa zwanzig Meter verringert hatte. Dann hielten wir gleichen Schritt mit den Voranreitenden.

Wir waren bisher einem kahlen, ziemlich breiten Höhenrücken gefolgt, der fast genau von Südwest nach Nordost strich, wie ich am Stand der Sonne erkannte. Der Boden bestand aus gewachsenem Fels und war streckenweise mit grobem Geröll bedeckt. Das erschwerte das Vorwärtskommen und ließ mich nicht daran denken, nach den Spuren der Verfolgten zu suchen. Sie wären hier doch schwerlich zu finden gewesen. Mit den Augen wenigstens! Desto eifriger spürte ich ihnen mit meinen Gedanken nach.

Wie ich mich überzeugt hatte, war die Fluchtrichtung der beiden Diebe von Anfang an Nordosten. Mit einer Finte, das heißt mit der Möglichkeit, sie hätten einen Bogen geschlagen, um uns zu täuschen, brauchte ich nicht zu rechnen. Sie glaubten wohl mit Sicherheit, es sei mir nicht gelungen, vom Platz des Überfalls aus ihre Fährte zu entdecken; denn sie war dort für kurdische Begriffe auf eine weite Strecke unauffindbar. Sie lebten bestimmt der frohen Gewissheit, es sei ihrem Freund Melef geglückt, uns nach Westen zurückzuschicken, sie würden also die rechtmäßigen Besitzer ihrer Diebesbeute schwerlich jemals wiedersehen. Nach alledem stimmte die Richtung, die wir auch jetzt noch einhielten: Nordosten. Dort mochten die Jilacks unserer Kurden liegen, zu denen die Räuber doch vermutlich ihre Zuflucht nahmen. Ob aber auch der Weg stimmte, den Melef uns führte, das bezweifelte ich stark.

Als ich die Spur verlor und mit Halef zurückblieb, hatten wir uns dem erwähnten Höhenzug genähert, von grasigem allmählich auf felsigen Boden überwechselnd. Melef hatte unsere Tiere die steinigen Hänge hinaufklettern lassen. Sollten das die Verfolgten, die doch unsere ständig wiederstrebenden Rappen am Zügel nebenherführen mussten, mit ihren Gäulen auch getan haben? Es wäre eine unbegreifliche Dummheit gewesen. Ich an ihrer Stelle wäre lieber am Beginn des Höhenzuges rechts in das Tal eingebogen, das, wie ich beobachtete, ständig neben unserem Bergkamm hinlief. Es hätte sie zum selben Ziel geführt und das Vorwärtskommen war dort unten ungleich bequemer. Das stellte ich aber nicht etwa erst jetzt fest, sondern das hatte ich im Voraus geahnt, denn ich hatte mir auf meinen Reisen abseits aller Touristenpfade eine Art Einfühlungsvermögen in unbekanntes Gelände erworben. So wäre ich also auch an Melefs Stelle rechts abgebogen, statt den Weg über diese Höhen zu nehmen. Dass er anders verfuhr, konnte zwei Gründe haben. Entweder wollte er unseren Ritt durch Geländeschwierigkeiten nur verlangsamen, um den Verfolgten Zeit zu schaffen, ihren Vorsprung zu vergrößern. Oder er wollte die Verfolgung überhaupt vereiteln, indem er uns nach Überwindung des Bergrückens gar nicht wieder auf die Fährte treffen ließ. So oder so – da hinten senkte sich unser Weg zu Tal. Die Entscheidung nahte.

Dieses Tal war zum Teil von Eichenwald bestanden. Jenseits erhob sich in geringer Entfernung ein neuer Bergblock, an dessen Fuß die Niederung sich gabelte. Rechts führte sie weiterhin nach Nordosten, links lief die andere Verzweigung nach Nordwesten. Das hatte ich bereits während des mühseligen Aufstiegs festgestellt, solange der Blick noch weithin schweifen konnte. Unten verhinderten die Waldungen, wenn sie auch nicht geschlossen auftraten, die Sicht.

Mittag war schon vorüber, als die Hufe unserer Pferde durch frisches Gras streiften. Die Tiere zeigten Lust, sich an dieser Weide gütlich zu tun. Auch uns Reitern konnte eine Rast im kühlen Baumschatten während der Zeit des größten Sonnenbrandes nichts schaden. Und da wenige Schritte vor uns ein klares Bergwasser aus dem Waldbereich ins Wiesenland sprudelte, war dieser Platz der gegebene Ort zum Lagern.

Melef hielt denn auch seinen Braunen an und wandte sich nach mir um.

„Chodih“, rief er mir zu, noch bevor ich ihn ganz erreichte, „da ist ein Quell und ein prächtiges Lager im Schatten! Für die Pferde gibt es hier Gras genug. Wollen wir nicht ein wenig rasten?“

Es waren seit Stunden die ersten Worte, die zwischen uns gewechselt wurden, und sie klangen so harmlos, als wären wir die besten Freunde.

Ich stimmte ihm zu und stellte dabei fest, dass ihn meine Bereitwilligkeit sichtlich in gute Laune versetzte. Er war fast liebevoll besorgt, Halef und mir das beste Fleckchen auszusuchen. Er gab eigenhändig unsere vier Pferde zur Weide frei, während sein Stammesgenosse inzwischen Laub und Reisig zu einem kleinen Feuer zusammensuchen und Wasser zum Kaffeekochen herbeiholen musste. Ich ließ mich bedienen wie ein Pascha mit sieben Rossschweifen und gab Halef einen stummen Wink, meinem Beispiel zu folgen. Der pfiffige Melef und sein Diensteifer machten mir Spaß. Ich wusste recht wohl, welchen Erwägungen seine gute Laune entsprang. Er glaubte, mich übers Ohr gehauen zu haben, und ich ließ ihm das Vergnügen.

Mein kleiner Hadschi Halef war aus anderem Holz geschnitzt als ich. In ihm fieberte wieder einmal die Ungeduld, brannte die Sorge, schäumte die Erregung. Ich wusste, er würde das Alleinsein mit mir sofort benützen, seinem bedrängten Herzen Luft zu machen.

Und so geschah es denn auch. Kaum hatten die Kurden uns verlassen, so fuhr er auf.

„Sihdi“, flüsterte er hastig, „hast du denn ganz vergessen, warum wir uns durch diese abscheulichen Berge schleppen lassen? Ich sage dir...“

„Du brauchst mir nichts zu sagen“, wehrte ich ab. „Ich weiß alles. Wir wollen uns die Rappen und die Gewehre wiederholen.“

„So!?“, brauste er auf. „Und zu diesem Zweck legen wir uns hierher, als brauchten wir nur unseren Kef65 zu halten, bis uns ein Dschinn alles herbeigeschleppt bringt, was wir wünschen? Merkst du denn nicht, dass uns dieser Melef, den Allah verderben möge, nur deshalb zur Rast einlud, weil er uns aufhalten will, und dass er sich jetzt über unsere Dummheit freut?“

„Ich sagte dir schon, Halef: Ich weiß alles. Weder hoffe ich auf ein Wunder, das uns unser Eigentum zurückbringt, noch ist mir die plumpe List des Kurden entgangen.“

„Und doch bist du ihm zu Willen?“

„Weil wir eine Rast nötig haben. Ich werde schon dafür sorgen, dass wir zur rechten Zeit wieder aufbrechen.“

„O Sihdi, wie sehr betrübst du mein Herz und wie tief hüllst du meine Seele in Trauer, da ich dich in das Laster der Unbedachtsamkeit und in den Fehler des Leichtsinns verfallen sehe! Du willst für den Aufbruch sorgen? Ich sage dir, dass du in kurzer Zeit wahrscheinlich für gar nichts mehr sorgen könntest, wenn ich nicht wäre, ich, dein Freund und Beschützer Hadschi Halef Omar.“

Er hatte zuletzt mit erhobener Stimme gesprochen und richtete sich dabei zur ganzen Größe seiner kleinen Person auf. So sehr war er von der Bedeutung seines Beschützeramtes durchdrungen. Ich aber schob beide Hände unter den Kopf, streckte mich lang aus und meinte wie nebenbei:

„Du denkst an den Kaffee?“

„Sihdi!“

„Was?“

„Du hast dich auch an die Gefährlichkeit dieses Trankes erinnert?“

„Sollte ich etwa nicht? Ich dächte, wir litten noch fühlbar genug an den Folgen unserer Unvorsichtigkeit. Nein, mein lieber Halef, darum kannst du unbesorgt sein, ein zweites Mal betäuben uns die Kurden nicht mit Opium. Ich werde die Augen offen halten und schlimmstenfalls zwinge ich die beiden...“

Ein gellendes Geschrei ließ mich jäh verstummen. Es kam aus dem Dickicht hinter uns. Zugleich erklang von da ein Prasseln und Knacken wie von brechenden Zweigen und Ästen. Eine Männerstimme rief auf Kurdisch um Hilfe, und zwar so wild und voll Todesangst, als hätte sich vor dem Betreffenden urplötzlich der Schlund der Hölle aufgetan.

Mit einem Satz war ich auf den Beinen. Den Revolver hatte ich schon schussbereit in der Rechten. Halef war nicht weniger flink und entschlossen. Er stand neben mir, gerüstet, einen Angriff abzuwehren. Ein rascher Blick hinaus auf die Wiese zeigte mir, dass es nicht Melef war, der sich in Gefahr befand. Er war noch bei den Pferden, die er dort zur Tränke geführt hatte. Augenblicklich glich er einem Steinbild. Er rührte kein Glied, gab keinen Laut von sich.

Weiter konnte ich mich nicht mit ihm beschäftigen. Dicht neben uns brach soeben der andere Kurde in gewaltigen Sätzen durchs Gebüsch. So, wie er sprang, läuft nur einer, dem das sichere Verderben auf den Fersen ist. Er flog, noch immer brüllend, an uns vorüber, hinaus auf die Lichtung, hin zu den Pferden. Jetzt verstand ich auch seine Worte.

„Fort, fort! Rettet euch! – Ein Bär! Ein Bär!“

Und da war es auch schon, das zottige Ungetüm, bei dessen Anblick dem Wasserholer der ganze Mannesmut in nichts zerronnen war. Es war für die hiesigen Verhältnisse ein recht stattliches Tier. Der asiatische Bär erreicht nämlich an Größe bei Weitem nicht den nordamerikanischen Grizzly und ist auch längst nicht so gefährlich wie jener. Hätte ich meinen Bärentöter oder wenigstens den Henrystutzen zur Hand gehabt, so wäre dieses Jagdabenteuer wohl recht kurz und harmlos verlaufen. So aber hatte ich nur die Revolver, deren Kugeln solchem Wild gegenüber wenig ausrichten konnten.

Der Bär trottete in scharfem Trab. Er ist nämlich durchaus nicht so langsam und schwerfällig, wie es seine Erscheinung vermuten lässt. Offensichtlich war er entschlossen, sich die gute Beute nicht entgehen zu lassen. Wahrscheinlich quälte ihn der Hunger. Sonst hätte er sein Lager am hellen Mittag überhaupt nicht verlassen. Da erblickte er mich und den Hadschi, der standhaft neben mir ausharrte. Die kleinen, tückischen Augen des Raubtiers blinzelten uns an. Ich dachte, er würde sich aufrichten. So entsprach es ja der Art seiner Rasse. Und so musste es kommen, wenn wir uns überhaupt mit Erfolg zur Wehr setzen wollten; denn nur ein Schuss ins Auge konnte meine Revolverkugeln zur Geltung bringen. Aber dieser kurdische Bär machte eben einmal eine Ausnahme von der Regel. Mit gesenktem Kopf setzte er sich wieder in Bewegung, gerade auf uns zu.

Von der Lichtung her klang jetzt verdoppeltes Geschrei. Melef brüllte mit seinem Stammesbruder um die Wette. Ich achtete nicht auf sie. Ich kannte die Art der Kurden, den Bären nur in zahlreicher Jagdgesellschaft anzugehen, denn ich hatte früher einmal als Gast des Bei vom Gumri einer solchen Bärenhatz beigewohnt.66 Im Augenblick hatte ich kaum Zeit, mich sekundenlang daran zu erinnern. Es galt zu handeln, und zwar sofort, sonst waren Halef und ich verloren.

Ich drückte den Revolver auf den Bären ab, ein-, zwei-, dreimal. Der Zottige brummte zornig, stockte und trottete weiter. Ich feuerte noch dreimal. Da, endlich! Der Bär richtete sich auf. Ich ließ den abgeschossenen Revolver fallen. Meine Linke fuhr in den Gürtel nach der anderen kleinen Feuerwaffe. Aber ich packte in der Hast den Griff des Chandschar und riss den zweiten Revolver so ungeschickt mit, dass auch er zur Erde fiel. Mich danach zu bücken, blieb nun keine Zeit mehr. Indessen schoss Halef zweimal seine Pistole ab, aber ohne Erfolg.

Jetzt – Himmel hilf! Vor mir stand der Bär auf den Hinterbeinen, die Vorderpranken nach mir ausgestreckt. Ein einziger Stoß mit dem Dolch musste entscheiden.

Ich sprang zur Seite, sodass ich neben das Tier zu stehen kam. Das hatte Meister Petz nicht erwartet. Er brummte wieder. Er drehte sich zu mir herum. Da stieß ich zu, grad zwischen die beiden obersten Rippen hinein. Nur so war das Herz zu treffen.

Aber sogleich zuckte meine Hand zurück. Ich fühlte, dass der Dolch nicht tief genug gedrungen war. Er mochte eine Rippe gestreift haben, sodass die Wucht des Stoßes gemildert wurde.

Ich taumelte zurück. Eisiges Grauen packte mich. Der Griff der Waffe war mir entrutscht. Sie steckte noch im Fell des Bären. Jetzt war ich schutzlos den Pranken und Zähnen des Raubtiers preisgegeben.

Was mir in dieser furchtbaren Sekunde durchs Hirn schoss, weiß ich nicht mehr. Es war wohl ein Gebet: Herrgott, in deine Hände...!

Da erhielt ich einen Stoß, der mich vollends rückwärts ins Gebüsch schleuderte, fort aus dem Bereich der drohenden Tatzen. Es war Halef, der mich mit der Linken weggeboxt hatte. Mit der Rechten hatte er eine der langen Lanzen errafft, die die Kurden dicht bei unserem Standort in den Boden gesteckt hatten. Jetzt packte er sie mit beiden Fäusten, ‚fällte‘ sie wie der Soldat das Bajonett und rannte sie dem Bären, trotzig gegen ihn anlaufend, mit voller Wucht in den Leib.

Der Bär stürzte hintenüber. Er schlug mit den Tatzen wild um sich und wälzte sich zur Seite. Der Lanzenschaft, der aus seinem Leib ragte, brach splitternd ab. Das Tier wollte sich aufrichten. Es stöhnte. Die Pranken zuckten. Plötzlich streckte sich der ganze Körper. Der Bär lag still.

„Hamdulillah!“, jubelte Halef auf. „Er ist tot! – Sihdi! Er ist tot!“

Er wollte sich zu seiner Beute niederbeugen. Das riss mich aus meiner Erstarrung.

„Vorsicht, Halef! – Nicht anrühren! – Warte!“

Ich raffte mich auf und trat hinzu. Mein Erstes war, dass ich dem wackeren Kleinen derb die Hand drückte.

„Du hast mir das Leben gerettet, Halef. Ich danke dir. Das werde ich dir nie vergessen. Lass uns nicht viel Worte machen! Aber – verzeih mir!“

Den Dank hatte er kurz abwehren wollen. Bei der Bitte um Verzeihung sah er verblüfft zu mir auf.

„Ich soll dir verzeihen? Das verstehe ich nicht.“

„Muss ich dir das wirklich erst erklären?“ Ich senkte meinen Blick tief in seine klaren, leuchtenden Augen. „Weißt du nicht mehr, dass ich dich erst heute Vormittag meinen Beschützer genannt habe – aber mehr im Spott als im Ernst? Sieh, das war eine Überheblichkeit von mir und ein Unrecht gegen dich. Das wollte mir Allah vor Augen führen, indem er mich in Todesnot fallen und dich als Retter walten ließ. Ich verstehe seine Mahnung und gehorche seinem Wink, indem ich dich um Verzeihung bitte.“

„Sihdi...!“

Der Kleine hatte noch mehr sagen wollen, aber die Stimme versagte ihm. In seinen Augen schimmerten Tränen der Rührung. Er presste krampfhaft meine Hand. Dann ermannte er sich.

„Sihdi, mein Leben gehört dir. – Und nun lass uns nicht mehr davon reden! Sieh, der Bär ist wirklich tot! Er rührt sich nicht. Zieh deinen Dolch zwischen seinen Rippen hervor! Dann wollen wir ihm den Pelz abstreifen. Meinst du nicht, dass uns sein Fleisch gelegen kommt?“

„Das gibt freilich einen leckeren Braten. Wir hatten ohnehin nicht viel, weil uns unsere Vorräte mit den Pferden gestohlen worden sind. Ja, sieh her, der Bär ist tot! Du hast gut getroffen. Man sollte es nicht für möglich halten, dass eine solche Kurdenlanze in der Hand eines unerschrockenen Jägers also doch eine ausreichende Waffe gegen den Bären ist.“

Ich nahm den Chandschar wieder an mich, wischte das Blut ab und schob ihn in den Gürtel. Dann hob ich meine Revolver auf, lud und sicherte, was Halef mit seiner Pistole gleichfalls tat. Das ist so Jägerbrauch, ein Gebot der Vorsicht. Nun erst wurde der Bär abgepelzt und zerwirkt. Um die beiden Kurden kümmerten wir uns nicht. Sie würden sich schon wieder einfinden.

Während wir die Jagdbeute zerlegten, stand des Kleinen Zunge nicht still. Jetzt kam wieder der alte Halef zum Vorschein.

„Sihdi, wirst du mir erlauben, das Fell in aller Eile abzuschaben, einzufetten und mitzunehmen? Du nickst? Hamdulillah! Ich werde es Kara Ben Halef, meinem Sohn, dem jungen Helden der Dschesireh, schenken. Sooft er es betrachtet, soll er an seinen Vater denken, an Hadschi Halef Omar, den du soeben einen unerschrockenen Jäger genannt hast, und soll erzählen von uns beiden, den berühmtesten Kriegern des Morgenlandes und des Abendlandes, die den Löwen, den Panther und den Bären nicht fürchteten, die ihre Feinde im ‚Tal der Stufen‘ besiegten67, die den Schut in seinem Versteck aufspürten und zur Strecke brachten68 und die sogar das Nest der Sillan im Birs Nimrud ausräucherten69 und der Spur dieser ‚Schatten‘ folgten, um...“

„Still!“, unterbrach ich ihn hastig im Flüsterton.

Ich hatte nämlich hinter uns ein Geräusch gehört und rasch den Kopf gewendet. Da sah ich, dass die beiden Kurden inzwischen zum Lagerplatz zurückgekehrt waren und schon so dicht bei uns standen, dass sie Halefs Worte auffangen mussten. Zwar hatten wir Arabisch gesprochen und es war uns am vergangenen Abend oben am Pass gesagt worden, nur die beiden Boten seien dieser Sprache mächtig. Melef und sein Begleiter mochten also den Sinn der Rede Halefs schwerlich erfasst haben. Ein Wort daraus war ihnen möglicherweise doch verständlich gewesen, nämlich Sillan, vorausgesetzt, dass meine Vermutungen wegen der ‚Unsichtbaren‘ das Richtige trafen. Ja, es schien mir, als sollte sich meine Gewohnheit, Beobachtung an Beobachtung, Schluss an Schluss zu reihen, hier wieder einmal trefflich bewähren. Ich blickte gerade in Melefs Augen. Sie waren mit dem Ausdruck tödlichen Schreckens auf uns gerichtet.

Das konnte seinen Grund schwerlich nur darin haben, dass er uns unversehrt und als Überwinder des gefürchteten Raubtieres fand. Sollte sein Entsetzen dem Umstand gelten, dass er uns von seinen Geheimnissen reden hörte?

Anfangs hatte ich mich darüber ärgern wollen, dass Halef wieder einmal zur Unzeit schwatzte, und auch, weil ich alter Präriejäger mich von diesen Kurden überrumpeln ließ. Jetzt aber erschien mir das alles in anderem Licht. Es war doch gut so. Melefs Blicke redeten eine gar zu deutliche Sprache. Sie verrieten mir, was ich sonst sicher nicht aus ihm herausgebracht hätte. Ich konnte gewiss sein, dass diese Kurden irgendwie zu den Sillan in Beziehungen standen.

Halef war auf meinen Wink verstummt. Er sah die beiden, aber er legte ihrem Erscheinen keine Bedeutung bei, weil er sicher zu sein glaubte, seine arabischen Worte seien den Kurden leerer Schall gewesen. Er sah nur das Entsetzen in ihren Gesichtern, deutete es sich auf seine Weise und lachte ihnen entgegen.

„Was reißt ihr die Augen auf und lasst eure Mäuler offen stehen wie der Muezzin70 die Pforten der Moschee, wenn die Gläubigen an den Tagen des Ramadan71 zum Gebet strömen! Dachtet ihr vielleicht, der Bär hätte uns gefressen und...“

Er unterbrach sich. Es fiel ihm ein, dass sie sein Arabisch doch nicht verstanden. Darum hielt er sich an mich.

„Sihdi, sag du ihnen, dass sie ihre Mäuler wieder zuklappen sollen! Ich will inzwischen das Feuer anfachen, damit wir recht bald den lieblichen Wohlgeschmack dieser Bärentatzen und die köstliche Zartheit dieser Schinken prüfen können.“

Er wendete sich seinen Geschäften zu. Melef aber hatte sich indessen von seinem Schreck wenigstens einigermaßen wieder erholt.

„Gheine Chodeh kes nehkahne – Gott ist allmächtig!“, kam es über seine Lippen. „Ihr seid – ihr wollt – ihr habt...“

„Was haben wir?“, fragte ich in freundlichstem Ton.

„Ihr – ihr habt den Bären getötet?“, besann er sich.

„Wie du siehst! Mein Begleiter hat das Meisterstück vollbracht. Freilich ist dabei eine eurer Lanzen in die Brüche gegangen. Aber ich hoffe, das werdet ihr verzeihen, wenn wir euch einladen, dafür gemeinsam mit uns den Bären zu verspeisen.“

Die Kurden hatten jetzt ihre Fassung wiedergewonnen. Sie ließen sich bei uns an dem rasch aufflackernden Feuer nieder. Halef fertigte aus einem Eichenstämmchen einen Bratspieß nebst Gestell und widmete sich ganz seiner Tätigkeit als Küchenmeister. Inzwischen musste ich den Kurden unser Abenteuer schildern. Sie sagten nicht viel dazu, aber ihre Blicke gingen beredt zwischen Halef und mir hin und her. Kein Zweifel, wir hatten uns bei ihnen gewaltig in Achtung gesetzt.

Das konnte uns nur lieb sein und ich beschloss, den Eindruck meines Berichts noch eigens durch ein kleines Nachwort zu verstärken. Dass ich mich dabei des schäbigen Eigenlobs schuldig machte, durfte mich nicht kümmern. Es galt, uns nach Kräften vor Feindseligkeiten dieser Leute zu schützen.

„Ihr seht“, schloss ich darum, „dass wir uns vor keiner Gefahr fürchten und dass der Ruhm, der an unseren Namen haftet, begründet ist. Der tut klug, der sich als unser Freund zeigt. Unsere Feinde aber mögen unseren Zorn fürchten.“

Melef nickte bedächtig zu meinen Worten.

„Chodeh te be’lit – Gott erhalte dich! Und uns erhalte er deine wertvolle Freundschaft! Du wirst sehen, dass wir euch treulich beistehen, euer verlorenes Eigentum wiederzugewinnen, und dann werden wir nicht zu denen zählen, über die sich euer Grimm ergießt. Sag, Chodih, wirst du dann auch denen verzeihen, die euch die Pferde und die Waffen geraubt haben?“

„Hm! So billig sollten sie eigentlich nicht davonkommen. Strafe muss sein.“

„Aber sie haben doch nur getan, was jedem freien Kurden erlaubt ist.“

„So denkt ihr. Ich aber sehe nicht ein, warum ich mich bestehlen lassen soll, ohne den Dieb zur Rechenschaft zu ziehen. Gesetzt den Fall, die beiden hätten dich statt uns geschädigt!“

„Das hätten sie niemals getan. Sie sind meine Brüder.“

„Ja, ja, ich weiß, nur der Fremde ist bei euch vogelfrei. Das ist die Art der Strauchdiebe und Wegelagerer. Ihr könnt nicht stolz sein auf eure Sitten.“

„Chodih“, versuchte er abzulenken, „streiten wir uns nicht um Anschauungen! Beantworte mir lieber meine Frage! Wirst du den beiden verzeihen?“

„Das kann ich jetzt noch nicht entscheiden. Es kommt auf die Umstände an. Ich werde mich, wenn es soweit ist, mit euerm Bei darüber beraten. Jetzt wollen wir essen. Ich sehe, dass mein Gefährte mit der Zubereitung des Bratens fertig ist.“

Wir machten uns also an das leckere Mahl. Schade, dass uns so ziemlich alles fehlte, was dazu gehört, Bärenbraten in der richtigen Weise zu würzen, vor allem das Salz, das in meinen Satteltaschen in einem Ledersäckchen steckte, und dann die Wacholderbeeren, die es hier nicht gab. Aber es schmeckte uns auch so.

Als das Mahl beendet war, ging es ans Kaffeekochen. Der Kurde, der vorher so tapfer vor dem Bären ausgerissen war, hatte das Wasser weiter oben am Quell schöpfen wollen, weil unten die Pferde tranken. Dort hatte er den Wasserkessel, den er beim Ritt hinten am Sattel aufzuschnallen pflegte, im Schreck der unliebsamen Begegnung mit dem Raubtier weggeworfen. Jetzt war er gegangen, ihn zu holen, und brachte ihn gefüllt zurück.

Bereits nach kurzer Zeit begann das Wasser über der kräftig geschürten Flamme zu sieden. Da Melef seinen Kaffeebeutel hervorsuchte, warf mir Halef einen vielsagenden Blick zu. Ich antwortete nur mit einem Senken der Augenlider. Dann wendete ich mich zu dem Kurden.

„Erlaube, dass ich dich vor einer Vergeudung deines kostbaren Kaffees warne. Bereite nur so viel, wie du mit deinem Stammesgenossen zu trinken gedenkst! Mein Gefährte und ich werden uns mit Wasser begnügen.“

Melef erschrak so heftig, dass der Beutel aus Ziegenhaut seinen Händen entfiel.

„Chodih!“, starrte er mich an.

Ich ließ ihn mein harmlosestes Lächeln sehen.

„Worüber erschrickst du so?“

„Über – über deine Weigerung.“

Am liebsten hätte ich ihm jetzt die volle Wahrheit ins Gesicht gesagt. Aber das wäre unklug gewesen. Andererseits mochte ich mich jedoch auch nicht für so dumm halten lassen, wie dieser Kurde uns offenbar immer noch einschätzte. Darum wählte ich den Mittelweg zwischen grober Offenherzigkeit und höflicher Verstellung. Ich ließ ihn ahnen, dass er durchschaut war. Mochte ihm dann die Ungewissheit, wie er sich zu uns stellen sollte, immerhin einiges Kopfzerbrechen verursachen.

„Was ist daran zum Erschrecken?“, forschte ich.

„Es ist – es ist eine Beleidigung“, fand er die Ausrede.

„Wieso?“

„Man darf ein Geschenk der Gastfreundschaft nicht zurückweisen.“

„Das stimmt. Aber wir sind hier nicht deine Gäste, sondern wir alle vier sind Glieder einer Gesellschaft. Deine Gäste waren wir gestern Abend. Darum haben wir in diesem Fall auch von deinem Kaffee getrunken und wir hatten es hart zu büßen.“

Melefs Augen wurden starr. Auch der andere Kurde bot ein Bild des Entsetzens.

„Zu – zu büßen? – Chodih, ich – ich verstehe dich nicht.“

„Ich meine, wir wurden dafür bestraft. Man raubte uns Pferde und Waffen.“

„Chodih!“, schrie Melef förmlich auf.

Ich sah, dass seine Hand nach dem Gürtel tastete, um auf alle Fälle eine Waffe zu suchen. Da legte ich ihm lächelnd die Rechte auf den Arm.

„Was ereiferst du dich so, Freund Melef? Soll ich annehmen, dass du Streit mit mir suchst, nachdem du mich soeben erst deiner Freundschaft versichert hast?“

Er zog die Hand zurück, streifte mich aber immer noch mit einem misstrauischen Blick.

„Ich Streit mit dir suchen? Chodih, du stellst die Dinge auf den Kopf. Du hast mich herausgefordert, indem du behauptest, meine gastliche Gabe hätte euch Unglück gebracht.“

„Es ist aber doch so.“

„Beweise es!“

„Das will ich gern tun. Wisse, dass mein Gefährte und ich beim Beginn unserer Reise ein Gelübde getan haben, uns in Bezug auf Speise und Trank immer mit dem Einfachsten zu begnügen. Nun wäre gestern Abend Wasser das einfachste Getränk gewesen, das sich bot. Wir aber haben den duftenden Trank aus eurem Kessel geschlürft. Das hat Allahs Zorn erregt. Er sandte uns die beiden Diebe und ließ uns durch sie die Gewehre und die Pferde nehmen. Sollen wir nun heute von Neuem gegen unser Gelübde handeln und Allahs Zorn abermals heraufbeschwören?“

Es war den beiden Kurden anzusehen, dass ihnen ein Stein vom Herzen fiel. Sie glaubten meiner Spiegelfechterei und ahnten nicht, dass ich ihnen absichtlich ein wenig Angst gemacht hatte. Nun blickte Melef eine Weile sinnend vor sich hin. Es prägte sich allmählich schon wieder der Zug von Pfiffigkeit in seinem Gesicht. Endlich hob er den Kopf.

„Chodih, weißt du, was du mir soeben zugestanden hast?“

„Nun?“

„Dass die Räuber eures Eigentums gar keine Strafe verdienen.“

„Nicht, dass ich wüsste!“

„O doch! Du hast selbst gesagt, Allah habe sie geschickt, seine Strafe an euch zu vollziehen. Er ist der Gebieter über alles. Er lenkt auch die Gedanken und die Taten der Menschen. Die beiden Diebe haben nichts getan als seinen Willen. Willst du sie darum bestrafen?“

O Melef, du alter Schlauberger! Das hast du gut gemacht. An dir ist, wie es scheint, ein Advokat verloren gegangen. Hatte mich der Kerl, der bisweilen aussah, als könne er nicht bis drei zählen, in meiner eigenen Schlinge gefangen. Aber warte nur, das will ich dir heimzahlen! So pfiffig wie ein Kurde ist ein Deutscher noch allemal.

Ich nickte scheinbar so recht überzeugt mehrmals vor mich hin.

„Ja, freilich, du hast Recht. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Ich werde diese Leute ruhig laufen lassen.“

„Ihnen nur euer Eigentum wieder abnehmen?“, packte Melef hastig zu.

„Nicht einmal das! Die Pferde müssen sie wieder herausgeben, die Waffen aber mögen sie behalten.“

„Be – hal – ten?“, stammelte er. „Deine Zaubergewehre?“

„Eben weil es Zaubergewehre sind. Der Mann, der sie mir gab, wird mir andere verschaffen. Die Diebe aber werden an dem Zauber zu Grunde gehen, sie und alle ihre Stammesgenossen. Das ist die wirksamste Strafe für den Raub. Das hat Chodeh wohl auch so gewollt, als er sie uns schickte, den Diebstahl zu vollführen. Du musst nämlich wissen, dass diese Gewehre nicht etwa nur eine wunderbare Eigenschaft haben. Man kann damit nicht nur so oft und so weit schießen, wie man will, ohne das Ziel zu verfehlen. Diese Büchsen, die von der Hand eines großen Zauberers gefertigt sind, bringen unter anderem auch jedem Verderben, der sie widerrechtlich berührt. Sie sind nur für mich bestimmt. Jedem, der sie ohne meine Erlaubnis auch nur anfasst, bringt der furchtbare Zauber, der ihnen anhaftet, Verderben und mit ihm allen, die zu ihm gehören, seiner Sippe, seinen Freunden, seinem ganzen Stamm. Nein, nein, Melef, du hast Recht. Ich brauche mich um die Bestrafung der Räuber gar nicht zu kümmern. Sie behalten die Gewehre und damit sind sie bestraft genug. Nur die Pferde will ich wiederhaben.“

Man sage nicht, es sei Narrheit von mir gewesen, mich auf einen so faustdicken Schwindel zu stützen. Ich hatte es hier mit Menschen zu tun, die weder lesen noch schreiben konnten, denen das Wort ‚Aufklärung‘ nie zu Ohren gekommen war, die in den dunkelsten Vorstellungen von Zauberei, Geisterwesen und Wunderkräften aufgewachsen waren.

Der Erfolg bewies denn auch, dass ich mit meiner Flunkerei weit mehr erreichte, als ich eigentlich bezweckte. Hätte ich das von Anbeginn bedacht, so hätte ich uns wahrscheinlich den ganzen mühseligen Ritt über den unwegsamen Bergrücken erspart. Die beiden Kurden sprangen nämlich wie von einer Natter gebissen auf, streckten jeder die linke Hand mit weit gespreizten Fingern gegen mich aus und bewegten sie dabei waagerecht hin und her, auf mich zu, wieder zurück und so fort. Das ist eine im Morgenland übliche Geste der Beschwörung. Man will damit die Macht des Bösen von sich abwehren. Der linken Hand bedient man sich dabei, weil sie des Teufels ist.

Halef, der wegen seiner mangelhaften kurdischen Sprachkenntnisse unserer Unterhaltung nur lückenhaft folgen konnte – später wurde ihm von mir das Nötige berichtet –, war stumm beschäftigt, das Bärenfell von den anhaftenden Fleischresten zu reinigen und auf der Innenseite mit Bärenfett einzureiben.

„Chodeh t’aves-schkeht – Gott bewahre dich! Und uns dazu!“, stammelte Melef jetzt, während er sich wie erschöpft wieder ins Moos sinken ließ. „Ich mag mit diesen Zaubergewehren nichts zu tun haben und die beiden, die sie genommen haben, werden sie gern freiwillig wieder herausgeben, wenn ich ihnen alles erzähle. O Chodih, warum hast du das nicht gleich gesagt, als du uns deine Zauberbüchse vorführtest? Es wäre gewiss alles anders gekommen. Niemand hätte diese Waffen berührt. Komm, lass uns eilen, dass wir die Boten einholen, ehe der Zauber zu wirken beginnt und den ganzen Stamm vernichtet!“

Jetzt trieb er zum Aufbruch. Kaum dass er sich und seinen Gefährten einen Becher Kaffee gönnte. Halef und ich nahmen inzwischen mit einem Trunk Wasser fürlieb. Der kleine Hadschi schnürte das Bärenfell zusammen, so gut es ging, und befestigte es hinten am Sattel seines Kurdengauls. Dann konnte der Ritt beginnen. Ich ahnte nun schon, dass Melef, eingeschüchtert durch mein Märchen, nicht länger versuchen werde, uns in der Irre herumzuführen. Jetzt lag ihm selber daran, dass wir die beiden Diebe so rasch wie möglich einholten. Dass das noch vor Abend geschehen könne, erschien mir freilich ausgeschlossen, selbst wenn ich in Betracht zog, dass die Boten durch die Widerspenstigkeit unserer Rappen viel Aufenthalt gehabt hatten.

Während wir hinaus auf die Lichtung zu den Pferden traten, wo Halef schon wartend stand, indessen der zweite Kurde beschäftigt war, den Gäulen einen möglichst großen Vorrat Bärenfleisch aufzupacken, das am Abend gebraten werden sollte, musterte ich scheinbar nachdenklich die Gegend.

„Eure Jilacks liegen dort im Nordosten?“, wendete ich mich dann an Melef.

„Ja, Chodih.“

„So müssen wir in jenes Tal zur Rechten einbiegen?“

„Du hast richtig geraten.“

Er gab also wirklich seinen Plan vom Vormittag auf. Ich hätte mich damit begnügen können, denn ich war nun gewiss, dass wir wieder auf die Spur der Verfolgten stoßen würden. Aber ich wollte Melef trotzdem merken lassen, dass ich schon vorher nachgedacht hatte.

„Also hatte ich Recht mit meiner Ahnung, dass wir unsere Tiere mit dem Überklettern des Berges hinter uns ganz unnütz angestrengt haben. Jenes Tal da, durch das wohl auch die Boten geritten sind, hätte uns rascher und bequemer hierhergeführt.“

„Du irrst, Chodih. Auch sie sind über den Berg gekommen.“

„Dann hältst du sie für recht unerfahrene Leute. Ich aber glaube, dass wir da drüben auf ihre Fährte treffen, die aus dem Tal kommt. Steig auf und folge mir! Ich will dir zeigen, dass ich Recht habe.“

Wir schwangen uns in die Sättel und setzten unsere Pferde in Trab. Schon von Weitem bemerkte ich den dunklen Strich, der sich da durchs kniehohe Gras zog. Es war die Spur der Gesuchten. Ich ritt hinzu, gebot den anderen, ein wenig zurückzubleiben, sprang ab und schritt in gebückter Haltung eine kurze Strecke auf der Fährte fort. Sie war meiner Schätzung nach vier Stunden alt. Der Vorsprung der Räuber hatte sich also trotz Melefs Bemühen, uns aufzuhalten, eher vermindert als vergrößert.

Ich hielt mich nicht lange damit auf, Melef von der Wahrheit meiner Behauptungen zu überzeugen, sondern sagte ihm und den anderen einfach, was ich aus der Fährte gelesen hatte. Dann setzten wir den Ritt fort. Die beiden Kurden hielten sich wieder an der Spitze. Jetzt brauchte ich darum keine Bedenken mehr zu hegen. Mein Märchen wirkte nach. Darauf konnte ich mich verlassen.

Da das Gelände wenig Schwierigkeiten bot, kamen wir rasch vorwärts. Als die Sonne hinter den Bergen verschwand, sagte mir eine Prüfung der Fährte der Verfolgten, dass wir den Abstand zwischen ihnen und uns auf eine Strecke von etwa zwei Stunden verringert hatten.

Melef machte den Vorschlag, an dieser Stelle das Nachtlager zu halten. Der Ort war auch wirklich geeignet dazu. Trotzdem widersprach ich. Ich wollte heute so weit wie irgend möglich reiten, um recht nahe an die Räuber zu kommen, und so trieben wir unsere Tiere von Neuem an.

Es wurde rasch dunkler. Schon konnte ich die Spur, die sich hier wieder einmal durch Grasland zog und recht gut lesbar gewesen war, nicht mehr erkennen. Aber ich vertraute Melefs Führung, zumal wir wieder einem Tal folgten, das die Wegrichtung von selbst angab. Erst als sich vor uns ein runder Kessel auftat, im Dreiviertelkreis rechts und links und vor uns von bewaldeten Bergen abgeschlossen, hielt Melef an.

„Weiter können wir heute nicht reiten“, erklärte er. „Vor uns liegen drei Bergsättel. Der mittlere führt zu unseren Jilacks, der rechts hinüber nach Bebehan. Diese Pässe sind nachts für unsere Tiere kaum gangbar. Da drüben, genau geradeaus, kommt ein Wasser von den Hängen. Dort wollen wir im Schutz der Büsche lagern. Es ist spät genug geworden.“

Er hatte Recht. Wir folgten ihm und fanden einen ausgezeichneten Lagerplatz. Sträucher schlossen ihn wie eine Schutzwand gegen den Talkessel ab. Hinter uns gab es Wald, der uns Brennholz lieferte. Die Tiere hatten reichliche Weide und wir streckten uns behaglich aus. An einem rasch entzündeten Feuer wurde der gesamte Vorrat an Bärenfleisch gebraten. Wir aßen davon nach Herzenslust. Die Kurden tranken Kaffee dazu, Halef und ich nur Wasser. Schließlich wurden die Wachen verteilt. Der jüngere der beiden Kurden machte den Anfang. Ihm folgte Halef, dann ich und zuletzt sollte Melef munter bleiben.

Wir waren sämtlich müde und schliefen bald ruhig und fest. Als Halef mich weckte, hatte er nichts zu melden. Ich lockerte den einen Revolver und setzte mich so, dass ich durch das Gebüsch hindurch nach dem freien Talkessel blicken konnte, dessen grüne Fläche vom Licht der Sterne erhellt wurde. So saß ich wieder einmal auf Wache, fern der Heimat, unter halbwilden Menschen, zur Seite nur einen, dem ich wirklich vertrauen konnte, meinen braven Hadschi Halef, verstrickt wie immer in Abenteuer und Gefahren, deren Ende nur einer vorauskannte, der ewige Gott da droben über den Sternen, der Lenker allen Geschehens, dessen Hand mich bis hierher durch tausend Wirrsale immer so geleitet hatte, dass meine Seele bewundernd und dankend bekennen musste: Er führet alles herrlich hinaus.

Ich geriet ins Träumen, ohne dass sich darum meine Wachsamkeit verminderte. Ich dachte an Vergangenes und Zukünftiges. Besonders beschäftigten mich die seltsamen Beziehungen, die ohne unseren Willen zwischen uns und den Sillan entstanden waren, jenem Geheimbund der ‚Schatten‘, der wohl nicht nur die Pascherei, sondern auch weit staatsgefährdendere Dinge zu seinen Aufgaben und Zielen gemacht hatte. In meiner Tasche trug ich den Brief an den unbekannten Ghulam el Multasim, ganz offenbar ein Oberhaupt der ‚Schatten‘. Würde es mir gelingen, den Empfänger zu ermitteln und dadurch vielleicht Näheres über meine versteckten Widersacher zu erfahren?

War es mir vielleicht gar bestimmt, mit dem Anführer der ‚Schatten‘, dem rätselhaften Ämir-i-Sillan, zusammenzutreffen? Verbarg sich hinter der Maske dieses Dunkelmannes wirklich mein einstiger Gefährte Dschafar Mirza? So hatte wenigstens jener Säfir, den wir am Birs Nimrud gefangen nahmen, behauptet und es war ein unbeabsichtigtes Geständnis gewesen. Und weiter hatte der Säfir meinen Freund Dschafar zu einer persischen Prinzessin in Beziehung gebracht, zu der Gul-i-Schiras, der geheimnisvollen ‚Rose von Schiras‘, einem dämonisch schönen Weib, das der gefangene Sill als eine Art Schutzheilige der ‚Schatten‘, als die Anstifterin all ihrer Taten darstellte. Würde ich mit diesen Personen wohl gar in Kämpfe verstrickt werden, hart auf hart? Würden die Waffen sprechen, lärmend und wild, und würden – – –

Jäh hob ich den Kopf, saß wie erstarrt und lauschte. Ein Schuss war gefallen. Da noch einer und abermals einer! Jetzt klang Geschrei an mein Ohr. Dann war alles wieder still wie zuvor.

Da war auch schon Halef an meiner Seite.

„Sihdi, was ist geschehen? Ich hörte Schüsse.“

„Es war da drüben. Sei still! Wir müssen vorerst weiter lauschen.“

Aber es kam anders. Auch die beiden Kurden waren erwacht. Nun redete Melef auf mich ein.

„Schweig!“, wies ich ihn ab.

Er aber ließ sich nicht beruhigen.

„Es sind Feinde in der Nähe, Chodih. Wir müssen diesen Ort schleunigst verlassen.“

Da gab ich das Lauschen auf. Es war sowieso nichts mehr zu hören.

„Keine Torheiten, Melef!“, warnte ich. „Wenn wir aufbrechen, geht es in der Dunkelheit gewiss nicht ohne Geräusch ab. Das lockt die Feinde höchstens herbei. Wir wollen uns lieber ruhig verhalten und das Feuer vollends verlöschen. Unser Versteck bietet uns vorläufig hinreichend Sicherheit.“

Man tat nach meinem Geheiß. Dann standen wir eine Weile regungslos. Als sich auch jetzt nichts rührte, wendete ich mich im Flüsterton an die Kurden.

„Die Schüsse fielen da drüben, wo deiner Angabe nach, Melef, der Pass nach Bebehan führt. Von dort klangen auch Stimmen. Ich werde mich einmal hinüberschleichen und nachsehen, was es da gegeben hat.“

„Chodih, bist du von Sinnen?“, fuhr er auf. „Der Mensch soll sein Leben nicht mutwillig aufs Spiel setzen. Ich bin kein Feigling, aber ich warne dich. Auch uns wirst du unnütz in Gefahr bringen, wenn du...“

„Still! Du hast von den beiden Boten gehört, wer ich bin. Ich verstehe mich aufs Anschleichen. Denke an das, was man von mir erzählt! Mich fängt man nicht so leicht.“

Dann gab ich Halef die nötigen Erklärungen und Verhaltensmaßregeln. Er wollte mich nicht allein gehen lassen und bestürmte mich mit Bitten, ihn mitzunehmen. Ich aber hatte diesmal einen wirklich zwingenden Grund, ihn zurückzulassen. Die Pferde mussten hierbleiben und bei ihnen einer von uns. Sonst hätte es doch vielleicht geschehen können, dass wir nach unserem Kundschaftergang vergebens nach den Kurden und den Tieren suchten. Unseren beiden Begleitern war leider immer noch nicht zu trauen. Das leuchtete Halef ein. Er fügte sich.

„Ihr verhaltet euch völlig still und wartet!“, sagte ich. „Selbst wenn ein Schuss fallen sollte, braucht euch das nicht zu kümmern. Erst wenn ich bis zum Tagesgrauen noch nicht zurück wäre, müsstest du annehmen, Halef, dass mir etwas zugestoßen ist, und zusehen, ob du mir irgendwie Hilfe bringen kannst. Aber du darfst ruhig sein. Dahin wird es nicht kommen.“

So trat ich denn meinen Spähergang an. Natürlich hütete ich mich, die freie Fläche des Talkessels zu überqueren. Der Schein der Sterne hätte ausgereicht, mich da draußen jedem menschlichen Auge sichtbar zu machen. Ich hielt mich vielmehr immer am Waldsaum, ein wenig noch in den Büschen. Zur Linken hatte ich die Berglehne, zur Rechten das Grasland.

Anfangs kam ich noch leidlich rasch vorwärts. Dann aber bemerkte ich, dass sich links die geschlossene Wand der Berglehne öffnete. Eine bewaldete Schlucht schien da nach oben zu führen. Das musste der Weg nach dem Pass sein, von dem Melef gesprochen hatte. Da ich gewohnt war, mich auf mein Gehör verlassen zu können, glaubte ich bestimmt zu wissen, dass die drei Schüsse in dieser Schlucht gefallen waren. Hier waren die Menschen zu suchen, über die es Näheres zu erfahren galt. Freilich durfte ich nicht daran denken, nun etwa geradeswegs in die Felsenge einzudringen. Das hätte mich womöglich selbst bei Anwendung der größten Vorsicht einem Posten, der sehr wohl dort ausgestellt sein konnte, in die Hände geführt. Nein, ich musste prüfen, ob mir der Hang zur Linken eine Möglichkeit zum Vorwärtskommen bot. Die Sohle der Schlucht durfte ich nur im äußersten Notfall betreten.

Ich hielt mich also links und kletterte behutsam bergan. Kein Zweig durfte unter meinen Tritten knacken, kein lockerer Stein von meinen Füßen ins Rollen gebracht werden, kein Ast rascheln. Das war ein schwieriges Beginnen, zumal hier unter den Bäumen das Sternenlicht fehlte. Der einzige Vorteil war, dass mir die tiefe Dunkelheit einen guten Schutz gegen Sicht gewährte.

Es ging langsam und mühselig, aber es ging. Ich kam voran. Höher und höher zog sich rechts unter mir die Schlucht zum Pass hinauf. Da schimmerte mir von unten ein Lichtschein entgegen. Ich näherte mich ihm. Er wuchs. Es war die offene Flamme eines Lagerfeuers. Dicht dabei erkannte ich die Umrisse menschlicher Gestalten. Auch Stimmen wurden laut. Jetzt durfte ich nicht weiter aufrecht gehen, wollte ich mich nicht der Gefahr aussetzen, entdeckt zu werden. Ich ließ mich auf Hände und Knie nieder, folgte so dem Hang noch eine Strecke, bis das Feuer gerade unter mir brannte, und begann nun endlich mit verdoppelter Vorsicht den Abstieg. Es war nicht weit bis da hinab und doch brauchte ich zu diesem kurzen Weg wohl eine halbe Stunde. Dann trennte mich von dem Lagerplatz nur noch eine Ansammlung mächtiger Felsblöcke, überwuchert von Ranken und Gesträuch. Zwischen diese Blöcke schob ich mich hinein. Bald konnte ich alles sehen und hören, was da vorging, ich selbst aber war jedem spähenden Blick verborgen.

Am Feuer lagerten zwölf Männer. Drüben, jenseits der Schlucht, stand ein dreizehnter, offenbar eine Wache; denn da drüben waren Pferde angebunden. Die Kleidung dieser Leute ließ keinen Schluss auf ihre Volks- oder Stammeszugehörigkeit zu. Die Lammfellmützen, die sie ohne Ausnahme trugen, kennzeichneten sie zwar als Perser, dem aber widersprach der Umstand, dass sie sich des Kurdischen bedienten, und zwar ganz geläufig.

Doch fürs Erste fesselten nicht diese dreizehn meine Aufmerksamkeit, sondern ein Einzelner, der dicht am Feuer mitten in ihrer Runde saß. Er war an Händen und Füßen gebunden, also Gefangener. Soeben wurde er verhört. Ich war also zu einem recht geeigneten Zeitpunkt gekommen. Diesen Gefangenen kannte ich. Es war einer der beiden Boten, und zwar der jüngere, der Sohn. Der das Verhör leitete, war gleichfalls noch ein junger Mann, nicht älter als einige zwanzig Jahre. Die Züge seines Gesichts hatten auf den ersten Blick etwas Gewinnendes. Sie waren edel geformt, die Stirn hoch, die Nase fein geschnitten, der Mund klein, fast frauenhaft, aber aus seinen Augen blitzte das Feuer tatenfroher Männlichkeit. Soeben zuckte es um seine Lippen wie Spott und Verachtung, während er gegen den Kurden eine Gebärde der Abwehr und Geringschätzung machte.

„Schweig mit deinen Märchen! Ich bin kein Knabe, dem du etwas vorschwatzen kannst. Ihr seid arm und verfügt nicht über die Schätze, die dazu gehören, zwei solche Pferde zu kaufen. Ihr habt sie gestohlen.“

„So nenne mir den Mann, dem sie gehören!“, knurrte der Kurde. „Außerdem geht dich dieser ganze Handel nichts an. Was mengst du dich in unsere Angelegenheiten? Hüte dich!“

Die Erwähnung der Pferde ließ mich hinüber nach dem jenseitigen Rand der Schlucht spähen. Kein Zweifel, hier war von unseren Rappen die Rede. Die Diebe waren samt ihrer Beute Feinden in die Hände gefallen. Leider konnte ich drüben nichts erkennen. Aber ich war meiner Sache auch so sicher. Unsere Pferde standen dort in der Obhut des Postens bei den Tieren der Fremden.

Sofort kam mir der Gedanke, sie heimlich zu entführen. Aber ich verwarf ihn ebenso rasch wieder. Ein solcher Handstreich konnte hier in der engen Schlucht nicht unbemerkt bleiben. Es wäre zum Kampf gekommen und das Abenteuer hätte für mich sicherlich ein schlimmes Ende genommen. Ganz abgesehen davon, dass es ja auch die Gewehre wiederzuerobern galt. Ohne sie wollte ich nicht vom Platz gehen.

Aber – so überlegte ich weiter – war denn ein Eingreifen in dieser Weise überhaupt nötig? Machte nicht der Jüngling dort, der Anführer der Sieger, einen recht vertrauenerweckenden Eindruck? Verurteilte er nicht die Handlungsweise der Diebe? Schien es nicht, als wolle er nach den rechtmäßigen Eigentümern der Diebesbeute forschen? Vielleicht konnte ich mich ihm offen zeigen und er würde mir das geraubte Gut in Frieden und Freundschaft herausgeben!

Ja oder nein, das musste die Zukunft zeigen. Erst wollte ich weiter lauschen und beobachten. Der junge Anführer hatte auf die Drohung des Gefangenen eine Weile geschwiegen und sinnend ins Feuer geblickt. Jetzt sah er dem Kurden ruhig und fest ins Auge.

„Hüten? Uns hüten, sagst du? Wovor?“

„Vor der Blutrache!“

„Schwätzer!“

„Chodeh nehme den Leichtsinn von dir! Richte deinen Blick nach jenem Gestrüpp! Da liegt die Leiche meines Vaters, den ihr getötet habt. Sein Blut wird über euch kommen.“

Auch ich spähte in die angedeutete Richtung, konnte aber nichts erkennen. Der eine der Boten, und zwar der ältere, war also im Kampf gefallen. Daher die Schüsse. Jetzt wusste ich, dass die Lage ernst war, furchtbar ernst.

Die Blutrache ist den Kurden heilig. Wehe den Männern mit den Lammfellmützen, wenn sie je einmal den Stammesgenossen des Toten in die Hände fielen!

Auf den Jüngling aber machte die Drohung nicht den geringsten Eindruck.

„Ihr wollt den Gefallenen an uns rächen?“, fragte er ruhig.

„Blutig rächen!“, klang es zurück.

„Dazu müsstest du erst wieder freikommen, um den Deinen berichten zu können, was sich hier ereignet hat. Glaubst du denn, dass wir so töricht sind, dich laufen zu lassen?“

„Ihr müsst. Ihr habt kein Recht an mir. Ich habe euch nichts getan.“

„Angenommen, es wäre so! Dann müsstet ihr uns zu finden wissen. Ahnst du denn, wer wir sind?“

„Du bist Aman, der Sohn von Maktub Khan. Wer sollte dich nicht kennen?“

Da ging eine jähe Verwandlung in den Zügen des Jünglings vor. Seine Augen sprühten förmlich Blitze. Finstere Wolken schienen auf der gefurchten Stirn zu lagern. Wild flammte er auf.

„Hund, erbärmlicher! Du nennst meinen Namen und den meines Bav72 und wagst es dennoch, mir zu drohen? Du weißt, wie wir zueinander stehen, und faselst dennoch von deiner Freiheit! Wie Wasser und Feuer einander hassen, so ist Feindschaft gesetzt zwischen die ‚Unsichtbaren‘ und die ‚Hüter des Lichts‘. Wisse, dass ein gewaltiges Geschehen aus dem Schoß der Zukunft herauswächst! Die alte Weissagung beginnt sich zu erfüllen. Von Westen steigt über die Berge ein gewaltiger Held. Er trägt in der Linken die unverlöschbare Fackel, in der Rechten das flammende Racheschwert. Er wird auch in das tiefste Dunkel hineinleuchten und die gespenstischen Nachtgestalten aufscheuchen. Überall wird heller Tag sein und im Licht dieses Tages wird das Schwert des Rächers alle Übeltäter fressen. Das berichtet die Sage und das ist meine Antwort auf dein kindisches Drohen. Und nun noch einmal: Woher habt ihr die Pferde?“

„Gekauft! Ich kann es nicht anders sagen.“

„Die Gewehre wohl auch?“

„Ja!“

„O du Narr, willst du mir weismachen, dass einer hierzulande solche Waffen feilbietet? Sie stammen aus Frankistan73. Ihr habt sie einem Fremden abgenommen. Nun sind sie mein Eigentum. Die Ingli und die Moskowitli74 sind Söhne des Teufels, die man zertreten soll wie das giftige Gewürm. Aber ihre Waffen sind gut. Maktub Khan wird seinen Sohn loben, wenn er sieht, welche Beute ihm Aman heimbringt. Morgen in aller Frühe werden wir aufbrechen und dich zu ihm bringen. Er mag über dein Schicksal entscheiden.“

Er gab seinen Leuten einen Wink, worauf sie den Gefangenen zu den Pferden trugen. Dort wurde er von einem zweiten Posten bewacht.

Ich verharrte vorläufig in meinem Versteck, denn ich hoffte, noch mehr erlauschen, vor allem etwas über die Gründe erfahren zu können, die diese Männer hierhergeführt hatten. Was Aman über die ‚Unsichtbaren‘ und über die ‚Hüter des Lichts‘ gesagt hatte, stimmte vortrefflich mit meinen Vermutungen überein. Nur war es leider noch immer zu wenig, um mir Klarheit zu schaffen. Jedenfalls hatte damit die Person dieses Jünglings besondere Bedeutung für mich gewonnen. Bei ihm konnte und wollte ich mir Aufklärung holen. Allerdings schien das nicht ganz ungefährlich zu sein. Er hatte sich und seinen Vater ausdrücklich als Feinde aller Fremden bezeichnet. Deshalb war auch nicht daran zu denken, mich ihm etwa jetzt schon offen zu zeigen und unser Eigentum zurückzuerbitten. Was ich unternehmen sollte, um wieder in den Besitz des geraubten Gutes zu kommen, wusste ich noch nicht. Das wollte reiflich überlegt sein.

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