Читать книгу: «Ein Granatapfelhaus»
Über den Autor
Oscar (Fingal O’Flahertie Wills) Wilde (1854 – 1900) wurde als zweiter Sohn des Arztes William R. W. Wilde und der Dichterin Jane Francesca Elgee in Dublin geboren. Er studierte in Oxford klassische Literatur, zog später nach London und gehörte bald zu den stadtbekannten Dandys. 1884 heiratete er Constance Lloyd, mit der er zwei Söhne hatte.
Die Veröffentlichung seines Romans Das Bildnis des Dorian Gray löste 1890/91 einen Skandal aus. Als Dramatiker gelang ihm 1895 der Durchbruch mit Bunbury, aber noch im selben Jahr wurde er wegen seiner Liebesbeziehung zum jungen Lord Alfred Douglas in einen Prozess mit dessen Vater verwickelt, der ihm zum Verhängnis wurde: Sein Besitz wurde zwangsversteigert und Oscar Wilde zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Am Tag der Entlassung reiste er unter falschem Namen (Sebastian Melmoth) nach Frankreich und kehrte nie wieder nach Großbritannien zurück.
Er starb am 30. November 1900 an den Folgen einer Mittelohrentzündung.
Zum Buch
»Ein Granatapfelhaus« ist eine im Jahre 1891 erschienene Märchensammlung Oscar Wildes, der mit seinen romantischen Märchen eine Sammlung schuf, die bis heute zu den beliebtesten und gelungensten ihrer Gattung zählen.
Haupttitel
Aus dem Englischen übersetzt von Hedwig Lachmann
Mit einem Nachwort von Marco Frenschkowski und Tatjana Frenschkowski
Impressum
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011
Der Text wurde behutsam revidiert nach der Ausgabe Das Granatapfelhaus. Aus dem Englischen übertragen von Hedwig Lachmann, Leipzig 1923
Covergestaltung und Titelbild: Nele Schütz Design, München
Lektorat: Dr. Bruno Kern, Mainz
eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz
Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2
ISBN: 978-3-8438-0010-5
www.marixverlag.de
Ein
Granatapfelhaus
Der junge König
Es war die Nacht vor dem Tag, an dem er gekrönt werden sollte, und der junge König saß allein in seinem schönen Gemach. Seine Höflinge alle hatten mit tiefen Verbeugungen bis zum Fußboden, wie es dem zeremoniösen Brauch der Zeit entsprach, Urlaub von ihm genommen und hatten sich in die große Halle des Palastes zurückgezogen, um ein paar letzte Unterweisungen vom Etikettenmeister zu empfangen; denn es waren etliche unter ihnen, die noch ganz natürliche Manieren hatten, und das ist- ich brauche es kaum zu sagen – bei einem Höfling ein sehr schwerer Verstoß.
Der Knabe – denn er war noch ein Knabe, nicht älter als sechzehn Jahre – war nicht traurig über ihr Fortgehen und hatte sich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung auf die weichen Kissen seines mit Stickereien gezierten Lagers geworfen. Da lag er nun mit wilden Augen und offenem Mund, wie ein brauner Faun aus den Bergen oder ein junges Tier aus den Wäldern, das von den Jägern vor Kurzem gefangen worden ist.
Und wirklich, Jäger hatten ihn gefunden und waren fast zufällig auf ihn gestoßen, als er, barfüßig und seine Flöte in der Hand, der Herde des armen Ziegenhirten folgte, der ihn aufgezogen und für dessen Sohn er sich immer gehalten hatte. Als Kind der einzigen Tochter des alten Königs aus einer geheimen Ehe mit einem, dessen Stand tief unter ihr war – einem Fremden, sagten einige, der durch den wunderbaren Zauber seines Lautenspiels die Liebe der jungen Prinzessin gewonnen hatte, während andere von einem Künstler aus Rimini sprachen, dem die Prinzessin viel, vielleicht zu viel Ehre erwiesen hatte und der plötzlich sein Werk im Münster unvollendet stehen ließ und aus der Stadt verschwand –, war er, nur eine Woche alt, von der Seite seiner Mutter, während sie schlief, fortgestohlen und einem gemeinen Bauern und seinem Weib in Pflege gegeben worden, die keine eigenen Kinder hatten und in einem entlegenen Teil des Waldes, mehr als einen Tagesritt von der Stadt entfernt, lebten. Kummer oder die Pest, wie der Hofarzt feststellte, oder, wie manche munkelten, ein schnelles italienisches Gift, das ihr in einem Becher Gewürzwein gereicht worden, tötete in der ersten Stunde nach ihrem Erwachen das bleiche Mädchen, das ihn geboren hatte, und als der treue Bote, der das Kind über seinen Sattel gelegt hatte, von seinem müden Gaul stieg und an die rohgezimmerte Tür der Hütte des Ziegenhirten klopfte, da wurde der Leichnam der Prinzessin in ein offenes Grab gelegt, das man auf einem verlassenen Kirchhof hinter den Stadttoren gegraben hatte, und es hieß, dass in diesem Grab noch ein Leichnam lag, der eines jungen Mannes von wundersamer und fremdartiger Schönheit, dessen Hände mit einem Strick auf den Rücken gebunden waren und dessen Brust von vielen roten Wunden durchbohrt war.
Diese Geschichte wenigstens flüsterten die Leute einander zu. Soviel war gewiss, dass der alte König, als er auf seinem Totenbett lag, entweder, weil ihn die Reue über seine große Sünde peinigte, oder nur, weil er wünschte, dass das Königtum bei seiner Linie bliebe, den Knaben hatte holen lassen und ihn in Gegenwart des Großen Rats als seinen Erben anerkannt hatte.
Und es scheint, dass er vom allerersten Augenblick seiner Anerkennung an Zeichen jener seltsamen Leidenschaft für die Schönheit an den Tag gelegt hatte, die auf sein Leben so großen Einfluss üben sollte. Die Männer, die ihn in die Flucht der Gemächer begleiteten, die ausschließlich für seinen Gebrauch bestimmt waren, sprachen oft von dem Schrei der Lust, der sich seinen Lippen entrang, als er das köstliche Gewand und die reichen Kleinodien erblickte, die für ihn zurechtgelegt worden waren, und von dem fast hochmütigen Jubel, mit dem er seine grobe Lederjacke und seinen schlechten Schafpelz zur Seite warf. Er vermisste zwar manchmal die herrliche Freiheit seines Waldlebens und war immer geneigt, auf die langweiligen Hofzeremonien zu schelten, die soviel von seinem Tag wegnahmen; aber der wundervolle Palast – »Joyeuse«, wie man ihn nannte –, als dessen Herrn er sich nun fühlen durfte, schien ihm eine neue Welt zu sein, die zu seinem Entzücken erst geschaffen worden war; und sowie er dem Ratstisch oder dem Audienzsaal entwischen konnte, lief er die große Treppe hinab, mit ihren Löwen aus vergoldeter Bronze und ihren Stufen aus glänzendem Porphyr, und wanderte von Gemach zu Gemach und von Flur zu Flur, gleich einem, der in der Schönheit ein Linderungsmittel gegen das Leid oder eine Art stärkenden Trankes nach schwerem Siechtum suchen will.
Auf diesen Entdeckungsreisen, wie er sie wohl nannte – und wirklich waren es für ihn wahrhafte Wanderungen durch ein Wunderland –, wurde er manchmal von den schlanken, schönlockigen Hofpagen mit ihren fließenden Mänteln und fröhlich flatternden Bändern begleitet; aber öfter war er allein, denn er fühlte in einem sicheren, schnellen Instinkt, der fast eine Eingebung war, dass die Geheimnisse der Kunst am besten in der Stille gelernt werden und dass die Schönheit wie die Weisheit einsame Verehrer begehrt.
Viele seltsame Geschichten wurden in dieser Zeit über ihn berichtet. Man erzählte, ein stattlicher Bürgermeister, der gekommen war, um ihm eine mit vielen Redeblumen geschmückte Adresse im Namen der Bürger der Stadt zu überreichen, hätte ihn zu sehen bekommen, wie er in wahrhafter Anbetung vor einem großen Gemälde kniete, das eben aus Venedig gebracht worden war und das die Verehrung einer Anzahl neuer Götter zu verkünden schien. Bei einer andern Gelegenheit war er etliche Stunden lang vermisst worden und war nach längerem Suchen in einer kleinen Kammer in einem der nördlichen Türme des Palastes entdeckt worden, wie er gleich einem, der in Verzückung ist, auf eine griechische Gemme starrte, in die die Gestalt des Adonis geschnitten war. Man hatte ihn, so ging das Gerücht, gesehen, wie er seine warmen Lippen auf die marmorne Stirne einer antiken Statue gepresst hatte, die bei Gelegenheit des Baues einer steinernen Brücke im Flussbett gefunden worden war und der man den Namen des bithynischen Sklaven Hadrian gegeben hatte. Eine ganze Nacht hatte er dabei verweilt, die Wirkung des Mondscheins auf ein silbernes Bildnis Endymions zu beobachten.
Alle seltenen und kostbaren Stoffe übten ohne Frage großen Zauber auf ihn aus, und in seinem Eifer, sie zu beschaffen, hatte er viele Kaufleute ausgesandt; etliche, um bei dem rauen Fischervolk des Nordmeers Bernstein einzuhandeln, etliche nach Ägypten, um nach dem seltsamen grünen Türkis zu suchen, der nur in den Gräbern der Könige gefunden wird und von dem es heißt, er besitze magische Eigenschaften, etliche nach Persien, um seidene Teppiche und gemalte Töpfereien, und andere nach Indien, um Gaze und geflecktes Elfenbein, Mondsteine und Armreife aus Nephrit, Sandelholz und blaue Emaille und Schals aus reiner Wolle zu holen.
Aber was ihn am meisten beschäftigt hatte, das war das Gewand, das er bei seiner Krönung tragen sollte, das Gewand aus gewobenem Gold und die rubinenbesetzte Krone und das Zepter mit seinen Streifen und Ringen aus Perlen. Wirklich dachte er daran in dieser Nacht, als er auf seinem üppigen Lager hingestreckt lag und auf den großen kienenen Klotz blickte, der in dem offenen Kamin zu Ende brannte. Die Entwürfe, die von den Händen der berühmtesten Künstler jener Zeit stammten, waren ihm schon vor vielen Monaten vorgelegt worden, und er hatte den Befehl erteilt, die Künstler sollten Tag und Nacht arbeiten, um sie auszuführen, und die ganze Welt sollte nach Juwelen durchsucht werden, die köstlich genug für ihr Werk waren. Er sah sich in der Phantasie am Hochaltar des Münsters im schönen Königsgewande stehen, und ein Lächeln spielte um seine Knabenlippen und verweilte darauf und entzündete in schimmerndem Glanze seine waldesdunklen Augen.
Nach einer Weile erhob er sich von seinem Lager und blickte, an den geschnitzten Kaminschirm gelehnt, in dem matt erleuchteten Gemach umher. An den Wänden hingen reiche Tapeten, die den Triumph der Schönheit darstellten. Ein breiter, mit Achat und Lapislazuli ausgelegter Schrank füllte eine Ecke, und dem Fenster gegenüber stand ein seltsam gearbeitetes Kästchen mit lackierten Füllungen aus Goldstaub und Goldmosaik, auf dem einige köstliche Kelche aus venezianischem Glas und ein Pokal aus dunkel geädertem Onyx standen. Bleiche Mohnblumen waren auf die silberne Bettdecke gestickt, als wären sie aus den müden Händen des Schlafgottes gefallen, und starke Pfeiler von geriffeltem Elfenbein trugen den samtenen Baldachin, aus dem große Büsche Straußfedern wie weißer Schaum zu dem matten Silber der mit Gitterwerk gezierten Decke emporragten. Ein lachender Narziss aus grüner Bronze hielt einen blanken Spiegel über seinem Haupt. Auf dem Tisch stand eine flache Schale aus Amethyst.
Draußen konnte er die ungeheure Kuppel des Domes sehen, die wie eine schillernde Blase über die im Schatten liegenden Häuser aufstieg, und die müden Schildwachen, die auf der nebligen Terrasse am Fluss auf und ab schritten. Weit weg, in einem Garten, sang eine Nachtigall. Ein schwacher Duft von Jasmin kam durch das offene Fenster. Er strich seine braunen Locken von der Stirn zurück, nahm eine Laute zur Hand und ließ seine Finger über die Saiten gleiten. Seine schweren Lider sanken, und eine seltsame Sehnsucht kam über ihn. Nie vorher hatte er die Magie und das Geheimnis schöner Dinge so mächtig oder mit so inniger Freude gefühlt.
Als es vom Glockenturm Mitternacht schlug, läutete er, und seine Pagen traten ein und entkleideten ihn mit großem Zeremoniell, sprengten Rosenwasser über seine Hände und streuten Blumen auf sein Kissen. Ein paar Augenblicke nachdem sie das Gemach verlassen hatten, überkam ihn der Schlaf.
Und als er schlief, träumte er einen Traum, und dies war sein Traum.
Ihm war, als stünde er in einer langen, niedrigen Dachkammer, unter dem Schwirren und Klappern vieler Webstühle. Ein kümmerliches Tageslicht drang durch die vergitterten Fenster und zeigte ihm die hageren Gestalten der Weber, die sich über ihre Stühle beugten. Blasse, kränklich aussehende Kinder kauerten auf den riesigen Kreuzbalken. Wenn die Weberschiffchen durch die Kette schlugen, hoben sie die schweren Laden heraus, und wenn die Weberschiffchen anhielten, ließen sie die Laden fallen und drückten die Fäden zusammen. Ihre Gesichter waren schmal vor Hunger, und ihre dünnen Hände bebten und zitterten. Einige hagere Frauen saßen an einem Tisch und nähten. Ein schrecklicher Geruch erfüllte den Raum. Die Luft war dick und schwer, und die Wände tropften und schwitzten den Dunst aus.
Der junge König ging zu einem der Weber hinüber und blieb neben ihm stehen und sah ihm zu.
Und der Weber sah ihn ärgerlich an und sagte: »Warum siehst du mir zu? Bist du ein Spion, den unser Meister auf uns gehetzt hat?«
»Wer ist dein Meister?« fragte der junge König.
»Unser Meister?« rief der Weber scharf und bitter. »Er ist ein Mensch wie ich. Wahrhaftig, es ist nur der eine Unterschied zwischen uns, dass er feine Kleider trägt, während ich in Lumpen gehe, und dass ich hungrig bin, er aber nicht ein bisschen unter seiner Gefräßigkeit leidet.«
»Das Land ist frei«, sagte der junge König, »und du bist niemandes Sklave.«
»Im Krieg«, antwortete der Weber, »macht der Starke die Schwachen zu Sklaven, und im Frieden macht der Reiche die Armen zu Sklaven. Wir müssen arbeiten, um zu leben, und sie geben uns so niedrige Löhne, dass wir sterben. Wir rackern uns den ganzen Tag für sie ab, und sie häufen das Gold in ihren Kästen, und unsere Kinder siechen vor der Zeit dahin, und das Antlitz derer, die wir lieben, wird hart und hässlich. Wir treten die Trauben, und ein anderer trinkt den Wein. Wir säen das Korn, und unser eigener Tisch ist leer. Wir tragen Ketten, wenn auch kein Auge sie sieht, und sind Sklaven, wenn auch die Menschen uns frei nennen.«
»Ist es so mit allen?« fragte er.
»Es ist so mit allen«, antwortete der Weber, »mit den Jungen wie mit den Alten, mit den Frauen wie mit den Männern, mit den kleinen Kindern wie mit denen, die hochbetagt sind. Die Kaufleute zerreiben uns, und wir müssen ihr Geheiß erfüllen. Der Priester reitet vorbei und betet seinen Rosenkranz, und niemand kümmert sich um uns. Durch unsere sonnenlosen Gassen kriecht die Armut mit ihren hungrigen Augen, und die Sünde mit ihrem aufgedunsenen Gesicht folgt ihr auf dem Fuße. Das Elend weckt uns am Morgen, und die Schande sitzt bei uns zur Nacht. Aber was sind diese Dinge dir? Du gehörst nicht zu uns. Dein Gesicht ist zu glücklich.« Und er wandte sich finster ab und warf das Schiffchen durch den Webstuhl, und der junge König sah, dass es mit einem Goldfaden bespult war.
Und ein großer Schrecken überfiel ihn, und er sagte zu dem Weber: »Was webst du da für ein Gewand?«
»Es ist das Gewand für die Krönung des jungen Königs«, antwortete er; »was liegt dir daran?«
Und der junge König schrie laut auf und erwachte, und siehe, er war in seinem eigenen Gemach, und durch das Fenster sah er den großen honigfarbenen Mond in der trüben Luft hängen.
Und wieder überkam ihn der Schlaf, und er träumte, und dies war sein Traum.
Ihm war, er lag auf dem Deck einer großen Galeere, die von hundert Sklaven gerudert wurde. Auf einem Teppich, ihm zur Seite, saß der Herr der Galeere. Er war schwarz wie Ebenholz, und sein Turban war von karmesinroter Seide. Große silberne Ohrringe hingen an seinen dicken Ohrlappen, und in seinen Händen hielt er ein Paar Waagschalen aus Elfenbein.
Die Sklaven waren nackt bis auf ein zerfetztes Lendentuch, und jeder war an seinen Nachbarn angekettet. Die heiße Sonne schien strahlend auf sie, und die Neger liefen den Gang zwischen den Reihen auf und ab und schlugen die Sklaven klatschend mit Ochsenziemern. Sie streckten ihre mageren Arme aus und schlugen die schweren Ruder durchs Wasser. Der salzige Schaum sprühte von den Ruderblättern.
Zuletzt erreichten sie eine kleine Bucht und schickten sich an, vor Anker zu gehen. Ein leichter Wind blies vom Ufer und hüllte das Deck und das große Rahsegel in seinen roten Staub. Drei Araber, die auf wilden Eseln saßen, ritten heran und warfen Speere nach ihnen. Der Herr der Galeere nahm einen bemalten Bogen zur Hand und schoss einem von ihnen in die Kehle. Er fiel schwer in die Brandung hinein, und seine Gefährten sprengten fort. Ein Weib, das in einen gelben Schleier gehüllt war, folgte langsam auf einem Kamel und blickte dann und wann nach dem Leichnam zurück.
Sowie sie Anker geworfen und die Segel niedergeholt hatten, gingen die Neger in den Schiffsraum hinab und brachten eine lange Strickleiter herauf, die mit schweren Bleistücken belastet war. Der Herr der Galeere warf sie über Bord und befestigte die Enden an zwei eisernen Ständern. Dann ergriffen die Neger den jüngsten der Sklaven, lösten ihm die Fesseln, verstopften seine Nasenlöcher und Ohren mit Wachs und banden einen großen Stein um seinen Leib. Er kletterte mühsam die Leiter hinunter und verschwand im Meer. Ein paar Blasen stiegen auf, wo er versunken war. Ein paar von den andern Sklaven sahen neugierig über Bord. Am Bug der Galeere saß ein Haifischbeschwörer, der eintönig auf eine Trommel schlug.
Nach einiger Zeit stieg der Taucher wieder aus dem Wasser hervor und kletterte keuchend mit einer Perle in seiner rechten Hand die Leiter empor. Die Neger entrissen sie ihm und warfen ihn wieder ins Wasser. Die Sklaven fielen über ihren Rudern in Schlaf.
Wieder und wieder kam er herauf, und jedes Mal brachte er eine schöne Perle mit. Der Herr der Galeere wog sie und legte sie in eine kleine Tasche aus grünem Leder.
Der junge König wollte sprechen, aber die Zunge schien ihm am Gaumen zu kleben, und seine Lippen wollten sich nicht regen. Die Neger schwatzten miteinander und fingen an, über eine glänzende Perlenschnur miteinander zu streiten. Zwei Kraniche flogen immer rund um das Schiff.
Dann kam der Taucher zum letzten Mal empor, und die Perle, die er mitbrachte, war schöner als alle Perlen von Ormuzd, denn sie hatte die Gestalt des Vollmonds und war glänzender als der Morgenstern. Aber sein Antlitz war seltsam bleich, und als er auf das Deck fiel, brach ihm das Blut aus Ohren und Nasenlöchern hervor. Er zuckte eine kleine Weile, und dann war er still. Die Neger zuckten mit den Schultern und warfen den Leichnam über Bord.
Und der Meister der Galeere lachte, streckte die Hand aus und nahm die Perle; und als er sie sah, drückte er sie an seine Stirne und verbeugte sich. »Sie soll«, sagte er, »für das Zepter des jungen Königs sein«, und er machte den Negern ein Zeichen, den Anker zu lichten.
Und als der junge König das hörte, schrie er laut auf und erwachte; und durch das Fenster sah er die langen, grauen Finger der Dämmerung, die sich nach den verbleichenden Sternen krümmten.
Und wieder überkam ihn der Schlaf, und er träumte, und dies war sein Traum.
Ihm war, als wanderte er durch einen düsteren Wald, in dem seltsame Früchte hingen und schöne Giftblumen wuchsen. Die Nattern zischten nach ihm, als er vorbeiging, und die bunten Papageien flogen kreischend von Zweig zu Zweig. Riesige Schildkröten lagen schlafend auf dem heißen Schlamm. Die Bäume wimmelten von Affen und Pfauen.
Weiter und weiter ging er, bis er den Saum des Waldes erreichte, und da sah er eine ungeheure Menge Männer, die in dem Bett eines ausgetrockneten Flusses schwere Arbeit taten. Sie schwärmten auf der Felsenklippe wie Ameisen. Sie gruben tiefe Löcher in den Grund und stiegen in sie hinab. Einige von ihnen zerspalteten die Felsen mit großen Äxten, andere wühlten im Sand. Sie rissen den Kaktus mit den Wurzeln aus und zerstampften die scharlachroten Blüten. Sie sprangen herum, riefen einander zu, und keiner war untätig.
Aus dem Dunkel einer Höhle wachten Tod und Gier über sie, und der Tod sagte: »Ich bin müde; gib mir den dritten Teil von ihnen und lass mich gehen.«
Aber die Gier schüttelte ihren Kopf. »Sie sind meine Knechte«, antwortete sie.
Und der Tod sagte zu ihr: »Was hast du in deiner Hand?«
»Ich habe drei Körner«, antwortete sie; »was liegt dir daran?«
»Gib mir eines davon«, rief der Tod, »es in meinen Garten zu pflanzen; nur eines, und ich will fortgehen.«
»Ich will dir gar nichts geben«, sagte die Gier, und sie versteckte ihre Hand in den Falten ihres Gewandes.
Und der Tod lachte und nahm einen Becher und tauchte ihn in einen Pfuhl; und aus dem Becher stieg Seuche auf. Sie schritt durch die große Menge, und der dritte Teil von dieser fiel tot um. Ein kalter Dunst folgte ihr, und die Wasserschlangen glitten an ihrer Seite.
Und als die Gier sah, dass der dritte Teil der Menge tot war, schlug sie sich an die Brust und weinte. Sie schlug ihren vertrockneten Busen und schrie laut auf. »Du hast den dritten Teil meiner Knechte erschlagen«,rief sie, »hebe dich weg. Es ist Krieg in den Bergen der Tatarei, und die Könige rufen auf beiden Seiten nach dir. Die Afghanen haben den schwarzen Ochsen erschlagen und ziehen in den Kampf. Sie haben mit ihren Speeren auf ihre Schilde geschlagen und haben ihre eisernen Helme aufgesetzt. Was liegt dir an meinem Tal, dass du in ihm säumen solltest? Hebe dich weg und komm nie mehr hierher.«
»Nein«, antwortete der Tod, »ehe du mir nicht ein Korn gegeben hast, will ich nicht gehen.«
Aber die Gier verschloss ihre Hand und knirschte mit den Zähnen. »Ich will dir gar nichts geben«, murrte sie.
Und der Tod lachte und hob einen schwarzen Stein auf und warf ihn in den Wald, und aus dem Dickicht des wilden Schierlings kam das Fieber in einem Flammengewand. Es schritt durch die Menge und rührte sie an, und jeder, den es berührte, starb. Das Gras welkte unter seinen Füßen, wo es dahinschritt.
Und die Gier schauderte und streute Asche auf ihr Haupt. »Du bist grausam«, rief sie, »du bist grausam. Hunger ist in den steinernen Städten Indiens, und die Zisternen von Samarkand sind ausgetrocknet. Hunger ist in den steinernen Städten Ägyptens, und die Heuschrecken sind aus der Wüste herbeigekommen. Der Nil ist nicht über seine Ufer getreten, und die Priester haben Isis und Osiris verflucht. Hebe dich weg zu denen, die dich brauchen, und lass mir meine Knechte.«
»Nein«, antwortete der Tod, »solange du mir nicht eines der Körner gegeben hast, werde ich nicht gehen.«
»Ich will dir gar nichts geben«, sagte die Gier.
Und der Tod lachte wieder, und er pfiff durch die Finger, und ein Weib kam durch die Luft geflogen. Pest war ihr auf die Stirn geschrieben, und ein Schwarm magerer Geier umschwebte sie. Sie überschattete das Tal mit ihren Schwingen, und niemand blieb am Leben.
Und die Gier floh schreiend durch den Wald, und der Tod sprang auf sein rotes Pferd und sprengte hinweg, und schneller als der Wind sauste er dahin.
Und aus dem Schlamm auf dem Grunde des Tales krochen Drachen und Ungeheuer mit Schuppen, und die Schakale kamen durch den Sand getrottet und schnüffelten mit ihren Nüstern in die Luft.
Und der junge König weinte und sagte: »Was sind das für Männer gewesen, und was haben sie gesucht?«
»Rubinen für eine Königskrone«, antwortete einer, der hinter ihm stand.
Und der junge König fuhr zusammen, und als er sich umwandte, sah er einen Mann, der war wie ein Pilger gekleidet und hielt einen silbernen Spiegel in der Hand.
Und er wurde blass und fragte: »Für welchen König?«
Und der Pilger antwortete: »Blicke in diesen Spiegel, und du wirst ihn sehen.«
Und er blickte in den Spiegel, und als er sein eigenes Antlitz sah, schrie er laut auf und erwachte, und strahlend floss das Sonnenlicht in das Gemach, und auf den Bäumen im Park und Lustgarten sangen die Vögel.
Und der Kämmerer und die Großwürdenträger des Staates traten ein und verbeugten sich vor ihm, und die Pagen brachten ihm das Gewand aus gewobenem Gold und setzten vor ihn die Krone und das Zepter.
Und der junge König schaute nach ihnen, und sie waren schön. Schöner waren sie als irgendetwas, das er je gesehen hatte. Aber er gedachte seiner Träume und sagte zu seinen Würdenträgern: »Nehmt diese Dinge fort, ich will sie nicht tragen.«
Und die Höflinge waren erstaunt, und einige unter ihnen lachten, denn sie meinten, er scherze.
Aber er sprach streng zu ihnen und sagte: »Nehmt diese Dinge fort und lasst sie mich nicht sehen. Wenn schon heute der Tag meiner Krönung ist, will ich sie nicht tragen. Denn auf dem Webstuhl der Sorge und von den weißen Händen der Qual ist dies mein Gewand gewoben worden. Blut wohnt im Herzen des Rubins und Tod im Herzen der Perle.« Und er erzählte ihnen seine drei Träume.
Und als die Höflinge sie gehört hatten, blickten sie einander an und flüsterten: »Gewisslich ist er verrückt; denn was ist ein Traum andres als ein Traum und ein Gesicht weiter als ein Gesicht? Das sind keine wirklichen Dinge, dass einer auf sie achten müsste. Und was haben wir mit dem Leben derer zu tun, die für uns schaffen? Soll ein Mensch kein Brot essen, bis er den Sämann gesehen hat, und keinen Wein trinken, bis er mit dem Winzer geredet hat?«
Und der Kämmerer sprach zu dem jungen König und sagte: »Hoher Herr, ich bitte dich, lass diese deine schwarzen Gedanken und ziehe dies schöne Gewand an und setze dir die Krone aufs Haupt. Denn wie soll das Volk wissen, dass du ein König bist, wenn du nicht eines Königs Gewand trägst?«
Und der junge König sah ihn an. »Ist es wirklich so?« fragte er. »Werden sie mich nicht als einen König erkennen, wenn ich nicht eines Königs Gewand trage?«
»Sie werden dich nicht erkennen, hoher Herr«, rief der Kämmerer.
»Ich hatte geglaubt, es gäbe Menschen, die königlich sind«, antwortete er, »aber es mag sein, wie du sagst. Und doch will ich dieses Gewand nicht tragen und will nicht mit dieser Krone gekrönt werden, sondern so, wie ich in diesen Palast gekommen bin, so will ich von ihm ausgehn.«
Und er hieß sie alle ihn verlassen, außer einem Pagen, den er zu seinem Gefährten gemacht hatte, einen Burschen, der ein Jahr jünger war als er selbst. Ihn behielt er zu seinem Dienste; und als er sich in klarem Wasser gebadet hatte, öffnete er eine große bemalte Truhe, und aus ihr nahm er das Lederwams und den rauen Schafpelz, die er getragen hatte, als er am Abhang des Hügels die zottigen Ziegen des Ziegenhirten gehütet hatte. Sie zog er an, und in die Hand nahm er seinen plumpen Schäferstab.
Und der kleine Page riss verwundert seine großen blauen Augen auf und sagte lächelnd zu ihm: »Hoher Herr, ich sehe dein Gewand und dein Zepter, aber wo ist deine Krone?«
Und der König pflückte einen Zweig von den Heckenrosen, die über den Balkon kletterten, und bog ihn und machte einen Kranz daraus und setzte ihn sich aufs Haupt.
»Dies soll meine Krone sein«, antwortete er.
Und so angetan, trat er aus seinem Gemach in die große Halle heraus, wo die Edlen auf ihn warteten.
Und die Edlen machten sich über ihn lustig, und einige unter ihnen riefen ihm zu: »Hoher Herr, das Volk erwartet seinen König, und du zeigst ihnen einen Bettler.« Und andere wurden zornig und sagten: »Er bringt Schande über unsern Staat und ist unwürdig, unser Herr zu sein.« Aber er antwortete ihnen nicht ein Wort, sondern schritt vorbei und ging die glänzende Porphyrtreppe hinab und durch die bronzenen Tore hinaus und ritt dem Dom zu; und der kleine Page lief neben ihm.
Und das Volk lachte und sagte: »Des Königs Narr reitet vorbei«, und sie verspotteten ihn.
Und er zog den Zügel an und sagte: »Nein, ich bin der König.« Und er erzählte ihnen seine drei Träume.
Und ein Mann trat aus der Menge hervor und sprach bitter scharf zu ihm und sagte: »Herr, weißt du nicht, dass aus der Üppigkeit der Reichen das Leben der Armen hervorgeht? Von eurer Pracht werden wir ernährt, und eure Laster geben uns Brot. Für einen harten Meister zu schaffen, ist bitter, aber keinen Meister zu haben, für ihn zu schaffen, ist noch bitterer. Meinst du, die Raben werden uns füttern? Und was sorgst du um diese Dinge? Willst du zum Käufer sagen: ›Du sollst um soundso viel kaufen, und zum Verkäufer: ›Du sollst zu diesem Preis verkaufen? Ich denke, nein. Also geh zurück zu deinem Palast und leg’ deinen Purpur und feines Linnen an. Was hast du mit uns und unseren Leiden zu schaffen?«
»Sind die Reichen und Armen nicht Brüder?« fragte der König.
»Jawohl«, antwortete der Mann, »und der Name des reichen Bruders ist Kain.«
Und die Augen des jungen Königs füllten sich mit Tränen, und er ritt weiter durch das Murren des Volkes hindurch, und der junge Page wurde ängstlich und verließ ihn.
Und als er an dem großen Portal des Doms angelangt war, streckten die Soldaten ihre Hellebarden vor und sagten: »Was hast du hier zu suchen? Niemand hat Eintritt durch dieses Tor als der König.«
Und die Röte des Zorns stieg ihm ins Gesicht, und er sagte zu ihnen: »Ich bin der König«, und schob ihre Hellebarden zur Seite und trat ein.
Und als der alte Bischof ihn in seinem Ziegenhirtenkleid kommen sah, stand er verwundert von seinem Throne auf und ging ihm entgegen und sprach zu ihm: »Mein Sohn, ist dies eines Königs Aufzug? Und mit welcher Krone soll ich dich krönen, und was für ein Zepter soll ich dir in die Hand geben? Wahrlich, dies sollte für dich ein Tag der Freude und nicht ein Tag der Erniedrigung sein.«
»Soll Freude tragen, was Leid verfertigt hat?« fragte der junge König. Und er erzählte ihm seine drei Träume.
Und als der Bischof sie gehört hatte, runzelte er die Stirn und sagte: »Mein Sohn, ich bin ein alter Mann und stehe im Winter meiner Tage, und ich weiß, dass viele schlimme Dinge in der weiten Welt getan werden. Die wilden Räuber steigen aus den Bergen herab und schleppen die kleinen Kinder fort und verkaufen sie den Mohren. Die Löwen liegen auf der Lauer, bis die Karawanen kommen, und springen mit einem Satz auf die Kamele. Das Wildschwein wühlt das Korn im Tale auf, und die Füchse fressen die Reben auf dem Berge ab. Die Seeräuber brandschatzen die Küste und verbrennen die Boote der Fischer und nehmen ihnen ihre Netze weg. In den Salzsümpfen leben die Aussätzigen; sie haben Häuser aus geflochtenem Rohr, und niemand darf zu ihnen kommen. Die Bettler wandern durch die Städte und essen ihr Futter mit den Hunden. Kannst du machen, dass diese Dinge nicht sind? Willst du den Aussätzigen zu dir ins Bett nehmen und den Bettler zu deinem Tischgenossen machen? Soll der Löwe tun, was du ihn heißt, und das Wildschwein dir gehorchen? Ist nicht der, der das Elend geschaffen hat, weiser als du? Darum lobe ich dich nicht für das, was du getan hast, sondern ich sage dir, reite zurück zum Palast und mache dein Antlitz froh, und ziehe das Gewand an, das einem König ziemt; und mit der Krone aus Gold will ich dich krönen, und das Perlenzepter will ich dir in die Hand geben. Und an deine Träume sollst du nicht mehr denken. Die Bürde dieser Welt ist zu schwer, dass ein Mensch allein sie trüge, und das Leid der Welt zu groß, dass ein Herz allein es auf sich nähme.«
»Und das sagst du in diesem Hause?« sagte der junge König, und er schritt an dem Bischof vorbei und stieg die Stufen zum Altar hinauf und stand vor dem Bildnis Christi.
Er stand vor dem Bildnis Christi, und in seiner Rechten und in seiner Linken waren die wunderbaren goldnen Gefäße, der Kelch mit dem gelben Wein und die Phiole mit dem heiligen Öl. Er kniete vor dem Bildnis Christi, und die großen Kerzen brannten strahlend vor dem juwelenbesetzten Schrein, und der Rauch des Räucherwerks kräuselte sich in dünnen, blauen Gewinden durch die Kuppel. Er beugte sein Haupt im Gebet, und die Priester in ihren reichen Chorröcken schlichen sich vom Altar weg.
Und plötzlich hörte man wilden Lärm von der Straße her, und die Edeln stürmten herein mit bloßen Schwertern und nickenden Federn und Schilden aus glänzendem Stahl. »Wo ist dieser Traumträumer!« riefen sie. Wo ist dieser König, der angetan ist wie ein Bettler – dieser Knabe, der Schande über unsern Staat bringt? Wahrlich, wir wollen ihn erschlagen, denn er ist unwürdig, über uns zu herrschen.«
Und der junge König beugte wieder sein Haupt und betete, und als er sein Gebet beendigt hatte, stand er auf, wandte sich um und sah sie traurig an.
Und siehe, durch die gemalten Scheiben floss das Sonnenlicht über ihn, und die Sonnenstrahlen woben um ihn ein golddurchwirktes Gewand, das schöner war als das Gewand, das zu seiner Lust verfertigt worden war. Der tote Stab blühte auf und trug Lilien, die weißer waren als Perlen. Der vertrocknete Zweig blühte auf und trug Rosen, die röter waren als Rubinen. Weißer als zarte Perlen waren die Lilien, und ihre Stängel waren von glänzendem Silber. Röter als herrische Rubine waren die Rosen, und ihre Blätter waren von geschlagenem Gold.
Er stand im Gewand eines Königs da, und die Türen des juwelenbesetzten Schreins sprangen auf, und aus dem Kristall der strahlenförmigen Monstranz schien ein wunderbares und geheimnisvolles Licht. Er stand in eines Königs Gewand da, und die Glorie Gottes erfüllte die Stätte, und die Heiligen in ihren geschnitzten Nischen schienen sich zu bewegen. Im schönen Gewand eines Königs stand er vor ihnen, und die Orgel dröhnte ihre Klänge, und die Trompeter bliesen auf ihren Trompeten, und die Sängerknaben sangen.
Und das Volk fiel ehrfürchtig auf die Knie, und die Edlen steckten ihre Schwerter in die Scheide und huldigten, und das Gesicht des Bischofs wurde blass, und seine Hände zitterten. »Ein Größerer als ich hat dich gekrönt«, rief er und fiel vor ihm auf die Knie.
Und der junge König stieg vom Hochaltar herab und ging mitten durch das Volk nach Hause. Aber niemand wagte, ihm ins Antlitz zu sehen, denn es war wie das Antlitz eines Engels.
Der Geburtstag der Infantin
Es war der Geburtstag der Infantin. Sie war just zwölf Jahre alt, und die Sonne schien strahlend in den Gärten des Palastes.
Obwohl sie eine richtige Prinzessin und die Infantin von Spanien war, hatte sie nur einen Geburtstag jedes Jahr, gerade wie die Kinder von ganz armen Leuten. So war es natürlich eine wichtige Angelegenheit für das ganze Land, dass sie für dieses Fest einen wahrhaft schönen Tag hatte. Und ein wahrhaft schöner Tag war es ganz gewiss. Die großen gestreiften Tulpen standen aufrecht auf ihren Stängeln wie lange Reihen Soldaten und blickten herausfordernd durch das Gras auf die Rosen und sagten: »Wir sind geradeso glänzend, wie ihr seid.« Die purpurnen Falter flatterten herum, mit Goldstaub auf ihren Flügeln, und besuchten der Reihe nach jede Blume; die kleinen Eidechsen krochen aus den Spalten der Mauer und sonnten sich in dem weißen Glanz, und die Granatäpfel rissen und platzten vor Hitze und zeigten ihre blutigroten Herzen. Selbst die blassen, gelben Zitronen, die so verschwenderisch an dem vermodernden Spalier und den dunklen Säulengängen hingen, schienen von dem wunderbaren Sonnenlicht eine reichere Farbe bekommen zu haben, und die Magnolienbäume öffneten ihre großen kugelförmigen Blüten zusammengefalteten Elfenbeins und erfüllten die Luft mit einem süßen, schweren Duft.
Die kleine Prinzessin selbst wandelte mit ihren Gespielinnen auf der Terrasse auf und ab und spielte mit ihnen Verstecken um die steinernen Vasen und die alten moosbewachsenen Statuen herum. An gewöhnlichen Tagen war es ihr nur erlaubt, mit Kindern ihres eigenen Rangs zu spielen, und so musste sie immer allein spielen, aber ihr Geburtstag war eine Ausnahme, und der König hatte Befehl gegeben, sie sollte von ihren jungen Freunden und Freundinnen alle die einladen, die sie gern sähe und mit denen sie sich vergnügen wolle. Es war eine stolze Grazie um diese schlanken spanischen Kinder, wie sie vorbeihuschten, die Knaben mit ihren großen, federbesetzten Hüten und kurzen, flatternden Mänteln; die Mädchen, die die Schleppen ihrer langen Brokatröcke hielten und ihre Augen mit großen Fächern in Schwarz und Silber vor der Sonne schützten. Aber die Infantin war die anmutigste von allen und war nach der etwas schwerfälligen Mode der Zeit am geschmackvollsten angezogen. Ihr Kleid war aus grauem Atlas, der Rock und die weiten gepufften Ärmel schwer mit Silber bestickt, und das steife Mieder mit Reihen zarter Perlen besetzt. Zwei zierliche Pantöffelchen mit großen rosa Rosetten guckten beim Gehen unter ihrem Kleide hervor. Rosenrot und perlfarben war ihr großer Gazefächer, und in ihrem Haar, das wie ein Heiligenschein von mattem Gold steif um ihr blasses Gesichtchen herumstand, hatte sie eine schöne weiße Rose.
Von einem Fenster im Palaste sah der traurige, schwermütige König ihnen zu. Hinter ihm stand sein Bruder, Don Pedro von Aragonien, den er hasste, und sein Beichtvater, der Großinquisitor von Granada, saß ihm zur Seite. Noch trauriger als gewöhnlich war der König; denn als er auf die Infantin sah, die mit kindlicher Gravität vor den versammelten Höflingen ihre Verbeugung machte oder hinter ihrem Fächer über die gestrenge Herzogin von Albuquerque lachte, die sie immer begleitete, dachte er an die junge Königin, ihre Mutter, die erst vor Kurzem – so war es ihm – aus dem heiteren Lande Frankreich gekommen und in dem düsteren Glanz des spanischen Hofes hingewelkt war. Sie starb sechs Monate nach der Geburt ihres Kindes, ehe sie im Garten zweimal hatte die Mandelbäume blühen sehen und ehe sie von dem alten knorrigen Feigenbaum, der in der Mitte des jetzt grasüberwachsenen Schlosshofs stand, die Frucht des zweiten Jahres gepflückt hatte. So groß war seine Liebe zu ihr gewesen, dass er auch nicht dem Grab erlaubt hatte, sie ihm zu nehmen. Sie war von einem maurischen Arzt einbalsamiert worden, dem für diesen Dienst sein Leben geschenkt worden war, das, hieß es, wegen Ketzerei und Verdachts des Zauberwesens schon der Inquisition verfallen gewesen, und ihr Leichnam lag noch immer auf der mit gestickten Teppichen bedeckten Bahre, in der schwarzmarmornen Kapelle des Palastes, gerade wie die Mönche sie an dem stürmischen Märztag vor fast zwölf Jahren hineingetragen hatten. Einmal in jedem Monat ging der König hinein, einen dunklen Mantel umgeschlagen und eine verhüllte Laterne in seiner Hand, und kniete vor ihr nieder. Dann rief er laut: »Mi reina! Mi reina!« Und manchmal durchbrach er die förmliche Etikette, die in Spanien jede einzelne Lebensäußerung beherrscht und selbst dem Schmerz eines Königs Schranken setzt, und griff in wildem Ausbruch des Leids nach den bleichen juwelengeschmückten Händen und versuchte, das kalte, gemalte Antlitz mit seinen wahnsinnigen Küssen zu erwecken. Heute schien er sie wieder vor sich zu sehen, wie er sie zuerst in dem Schlosse Fontainebleau gesehen hatte, als er erst fünfzehn Jahre alt und sie noch jünger war. Sie waren bei der Gelegenheit in Anwesenheit des französischen Königs und des ganzen Hofes von dem päpstlichen Nuntius förmlich verlobt worden, und er war nach dem Eskorial heimgekehrt, mit einem Ringlein aus blondem Haar und der Erinnerung an zwei Kinderlippen, die sich auf seine Hand geneigt und sie geküsst hatten, als er in seinen Wagen stieg. Später war die Hochzeit gefolgt, die eilig in Burgos, einer kleinen Stadt an der Grenze zwischen den beiden Ländern, vollzogen wurde, und der große öffentliche Einzug in Madrid mit der traditionellen Feier des Hochamts in der Kirche La Atocha und einem mehr als gewöhnlich feierlichen Autodafé, in dem fast dreihundert Ketzer, unter denen viele Engländer waren, dem weltlichen Arm zum Feuertod überliefert worden waren.
Wahrlich, er hatte sie wahnsinnig und – meinten manche – zum Verderben seines Landes geliebt, das damals um den Besitz des Reiches in der Neuen Welt mit England im Kriege lag. Er hatte ihr kaum je erlaubt, ihm aus den Augen zu kommen; um ihretwillen hatte er, so schien es wenigstens, alle ernsten Staatsgeschäfte vergessen; infolge der schrecklichen Blindheit, welche die Leidenschaft über ihre Knechte bringt, war ihm entgangen, dass die peinlich befolgten Zeremonien, durch die er sie zu vergnügen suchte, die seltsame Krankheit, an der sie litt, nur verschlimmerten. Als sie starb, war er eine Zeitlang wie einer, der den Verstand verloren hat. Tatsächlich ist kein Zweifel, dass er formell abgedankt und sich in das große Trappistenkloster in Granada zurückgezogen hätte, dessen Titular-Prior er bereits war, wenn er nicht gefürchtet hätte, die kleine Infantin seinem Bruder überlassen zu müssen, dessen Grausamkeit selbst in Spanien berüchtigt war und der bei vielen im Verdacht stand, den Tod der Königin mittels eines Paars vergifteter Handschuhe herbeigeführt zu haben, die er ihr bei Gelegenheit ihres Besuchs in seinem Schloss in Aragonien überreicht hatte. Selbst nach Erlöschen der dreijährigen öffentlichen Trauer, die er durch königliches Edikt für seine ganzen Besitzungen angeordnet hatte, duldete er niemals, dass seine Minister ihm von einer neuen Verbindung sprachen, und als der Kaiser selbst zu ihm sandte und ihm die Hand der lieblichen Erzherzogin von Böhmen, seiner Nichte, zur Ehe anbot, hieß er die Botschafter ihrem Herrn bestellen, der König von Spanien wäre noch mit dem Leid vermählt, und dieses liebe er, obschon es nur eine unfruchtbare Braut wäre, mehr als die Schönheit – eine Antwort, die seiner Krone die reichen Provinzen der Niederlande kostete, die sich bald danach auf Anstiften des Kaisers und unter der Führung einiger Schwärmer der reformierten Kirche gegen ihn empörten.
Sein ganzes Eheleben mit seinen wilden, feuerfarbenen Wonnen und dem schrecklichen Todeskampf seines plötzlichen Endes schien ihm heute zurückzukommen, als er zusah, wie die Infantin auf der Terrasse spielte. Sie hatte die ganze zierliche Ausgelassenheit der Königin in ihrem Wesen, die nämliche trotzige Art, den Kopf zurückzuwerfen, den nämlichen stolzen, geschwungenen schönen Mund, das nämliche wunderbare Lächeln – wahrlich ein vrai sourire de France –, wenn sie hie und da zum Fenster emporblickte oder ihre kleine Hand den stolzen spanischen Granden zum Küssen hinstreckte. Aber das schrille Lachen der Kinder verletzte sein Ohr, und das strahlende, erbarmungslose Sonnenlicht reizte seinen Schmerz, und ein betäubender Duft von seltsamen Spezereien, wie sie Einbalsamierer benutzen, schien – oder war es Phantasie? – die reine Morgenluft zu verpesten. Er begrub sein Antlitz in den Händen, und als die Infantin wieder emporblickte, waren die Vorhänge zugezogen, und der König war fort.
Sie gab ein kleines »puh« der Enttäuschung von sich und zog ihre Schultern hoch. Wahrhaftig, er hätte an ihrem Geburtstag bei ihr bleiben können. Was kam es auf die dummen Staatsgeschäfte an? Oder war er in jene düstere Kapelle gegangen, wo immer die Kerzen brannten und wo hineinzugehen ihr nie erlaubt wurde? Wie töricht von ihm, da die Sonne so strahlend schien und jeder so glücklich war! Überdies würde er den nachgemachten Stierkampf versäumen, zu dem schon die Trompete erscholl, ganz zu schweigen von der Puppenvorstellung und den andern wunderbaren Dingen. Ihr Oheim und der Großinquisitor waren viel vernünftiger. Sie waren auf die Terrasse herausgetreten und sagten ihr zierliche Komplimente. So warf sie ihren hübschen Kopf zurück, fasste Don Pedro an der Hand und ging langsam die Stufen hinab, einem langen Zelt aus purpurner Seide zu, das am Ende des Gartens aufgebaut worden war. Die anderen Kinder folgten in genauer Rangordnung, bei der die mit dem längsten Namen vornean waren.
Ein Zug von Edelknaben, die phantastisch als Toreadors gekleidet waren, kam ihr entgegen, und der junge Graf von Tierra-Nueva, ein wunderbar hübscher Junge von etwa vierzehn Jahren, entblößte seinen Kopf mit all der Anmut eines geborenen Hidalgo und Granden von Spanien und geleitete sie feierlich zu einem kleinen Armsessel aus Gold und Elfenbein, der auf einer erhöhten Estrade vor der Arena stand. Die Kinder gruppierten sich alle in der Runde, schwangen ihre großen Fächer und flüsterten miteinander, und Don Pedro und der Großinquisitor standen lachend am Eingang. Selbst die Herzogin – die Camerera-Mayor, wie sie genannt wurde, eine hagere Frau mit harten Zügen und einer gelben Halskrause, blickte nicht ganz so bösartig drein wie gewöhnlich, und etwas wie ein frostiges Lächeln flog über ihr runzeliges Gesicht und brachte ihre dünnen blutlosen Lippen zum Zucken.
Es war wahrlich ein wunderbarer Stierkampf und viel hübscher, dachte die Infantin, als der wirkliche Stierkampf, zu dem man sie bei Gelegenheit des Besuchs des Herzogs von Parma bei ihrem Vater mitgenommen hatte. Einige von den Knaben stolzierten auf reich ausstaffierten Steckenpferden einher, schwangen lange Wurfspieße, an denen lustige Wimpel aus bunten Bändern angebracht waren, andere gingen zu Fuß und schwenkten ihre scharlachroten Mäntel vor dem Stier und voltigierten flink über die Schranke, wenn er sie angriff; und was den Stier selbst angeht, so war er genau wie ein lebendiger Stier, obwohl er nur aus Flechtwerk gemacht und mit Fell überzogen war und manchmal darauf bestand, auf seinen Hinterbeinen rings um die Arena zu rennen, was einem lebendigen Stier nie im Traume einfällt. Dabei wehrte er sich tapfer, und die Kinder wurden so aufgeregt, dass sie auf die Bänke stiegen und ihre Spitzentaschentücher schwenkten und laut schrien: »Bravo toro! Bravo toro!« Genau so vernünftig, als ob sie erwachsene Menschen gewesen wären. Zuletzt jedoch, nach längerem Kampf, in welchem mehrere der Steckenpferde völlig durchbohrt und ihre Reiter abgeworfen wurden, brachte der junge Graf von Tierra-Nueva den Stier auf die Knie; nachdem er von der Infantin die Erlaubnis erlangt hatte, ihm den Gnadenstoß zu geben, stieß er dem Tier sein Holzschwert mit solcher Gewalt in den Nacken, dass der Kopf völlig abbrach und das lachende Gesicht des kleinen Monsieur de Lorraine zum Vorschein brachte, des Sohns des französischen Botschafters in Madrid.
Die Arena wurde dann, während starker Beifall erbrauste, geräumt und die toten Steckenpferde feierlich von zwei maurischen Pagen in gelb und schwarzen Livreen hinausgeschleppt, und nach einem kurzen Zwischenspiel, in dem ein französischer Akrobat sich auf dem gespannten Seil sehen ließ, traten einige italienische Puppen in der halbklassischen Tragödie »Sophonisbe« auf die Bühne eines kleinen Theaters, das für diesen Zweck gebaut worden war. Sie spielten so gut, und ihre Gesten waren so äußerst natürlich, dass am Ende des Spiels die Augen der Infantin ganz in Tränen schwammen. Einige von den Kindern schluchzten sogar laut und mussten mit Süßigkeiten getröstet werden, und der Großinquisitor in Person war so gerührt, dass er sich nicht enthalten konnte, zu Don Pedro zu sagen, es scheine ihm nicht zu dulden, dass Dinge, die bloß aus Holz und bemaltem Wachs verfertigt und mechanisch an Drähten bewegt wurden, so unglücklich wären und so schrecklichem Missgeschick begegnen müssten.
Es folgte ein afrikanischer Gaukler, der einen großen, flachen, mit rotem Tuch bedeckten Korb hereinbrachte. Er stellte ihn in die Mitte der Arena, zog aus seinem Turban eine seltsame Rohrpfeife und blies auf ihr. Nach ein paar Augenblicken begann das Tuch sich zu bewegen, und als das Pfeifen greller und greller wurde, streckten zwei grün und goldene Schlangen ihre seltsamen keilförmigen Köpfe heraus und richteten sich langsam auf und schwankten zum Takt der Musik hin und her, wie eine Pflanze im Wasser schwankt. Die Kinder aber waren über ihre gefleckten Hauben und flinken, hin und her schießenden Zungen ziemlich erschreckt, und es gefiel ihnen viel besser, als der Gaukler einen dünnen Orangenbaum aus dem Sand wachsen und weiße Blüten und wirkliche Fruchtbüschel tragen ließ; und als er der kleinen Tochter der Marquise de Las-Torres den Fächer wegnahm und ihn in einen blauen Vogel verwandelte, der rings um das Zelt herumflog und sang, kannte ihr Entzücken und Staunen keine Grenzen. Auch das feierliche Menuett, das die Tanzknaben der Kirche von Nuestra Señora del pilar ausführten, war reizend. Die Infantin hatte nie zuvor diese wunderbare Zeremonie gesehen, die jedes Jahr in der Maienzeit vor dem Hochaltar der Jungfrau zu ihren Ehren stattfindet; und in der Tat hatte niemand aus der spanischen Königsfamilie die große Kathedrale von Saragossa mehr betreten, seit ein wahnsinniger Priester, von dem viele annahmen, er habe im Sold Elisabeths von England gestanden, versucht hatte, dem Prinzen von Asturien eine vergiftete Hostie zu reichen. So hatte sie nur durch Hörensagen etwas vom »Tanz unserer lieben Frau« erfahren, wie er genannt wurde, und wahrlich, es war ein schöner Anblick. Die Knaben trugen altmodische Hofgewänder aus weißem Samt, und ihre seltsamen dreispitzigen Hüte hatten Silberfransen, und große Büsche Straußenfedern nickten auf ihnen. Das blendende Weiß ihrer Tracht wurde, wie sie nun im Sonnenschein hin- und herschritten, durch ihre gebräunten Gesichter und ihr langes schwarzes Haar noch mehr hervorgehoben. Alle waren von der feierlichen Würde, mit der sie sich durch die verwickelten Figuren des Tanzes bewegten, und durch die gemessene Grazie ihrer leisen Gesten und würdevollen Verbeugungen bezaubert, und als sie ihre Aufführung beendet und ihre großen Federhüte vor der Infantin abgenommen hatten, erwiderte sie ihre Huldigung mit viel Höflichkeit und tat ein Gelübde, sie wolle zum Dank für das Vergnügen, das Unsere liebe Frau vom Pfeiler ihr bereitet hätte, ihrem Altar eine große Wachskerze senden.
Ein Trupp hübscher Ägypter – wie die Zigeuner damals genannt wurden – kam nun in die Arena geschritten, setzte sich mit gekreuzten Beinen im Kreis herum und fing an, sanft auf den Zithern zu spielen. Sie bewegten ihren Körper nach der Weise und summten fast flüsternd eine langsame, träumerische Melodie. Als sie Don Pedro erblickten, schauten sie finster auf ihn, und einige unter ihnen sahen ängstlich drein, denn erst vor wenigen Wochen hatte er zwei aus ihrem Stamm auf dem Marktplatz von Sevilla wegen Hexerei hängen lassen; aber die hübsche Infantin bezauberte sie, wie sie zurückgelehnt dasaß und mit ihren großen blauen Augen über dem Fächer hervorblickte, und sie fühlten, dass jemand, der so lieblich war wie sie, niemals gegen ein Menschenwesen grausam sein konnte. So spielten sie sehr anmutig weiter und berührten die Saiten der Zithern nur noch eben mit ihren langen, spitzen Nägeln, und ihre Köpfe fingen an zu nicken, als ob sie in Schlaf fallen wollten, plötzlich sprangen sie mit einem so schrillen Schrei, dass die Kinder alle zusammenfuhren und Don Pedros Hand den Achatgriff seines Dolches umklammerte, auf die Füße und wirbelten wie wahnsinnig im Kreise herum, schlugen auf ihre Tamburine und sangen ein wildes Liebeslied in ihrer seltsamen, rauen Sprache. Dann warfen sie sich wiederum auf ein Zeichen auf den Boden und lagen da ganz still; das gedämpfte Girren der Zithern war fast der einzige Klang, der die Stille durchbrach. Nachdem sie dies mehrmals getan hatten, verschwanden sie für einen Augenblick und kamen wieder mit einem braunen, zottigen Bären, den sie an einer Kette führten, und auf den Schultern trugen sie etliche kleine Berberaffen. Der Bär stellte sich mit vollkommener Gravität auf den Kopf, und die runzligen Affen führten mit zwei Zigeunerknaben, die ihre Herren zu sein schienen, allerlei lustige Streiche aus und fochten mit dünnen Schwertern und feuerten Kanonen ab und hielten eine regelrechte Parade ab, gerade wie des Königs eigene Leibwache. Und so waren die Zigeuner ein großer Erfolg.
Aber das Drolligste an der ganzen Morgenunterhaltung war ohne Zweifel das Tanzen des kleinen Zwergs. Als er in die Arena stolperte und auf seinen krummen Beinen watschelte und mit seinem ungeheuren missgestalteten Kopf hin- und herwackelte, brachen die Kinder in einen lauten Jubelschrei aus, und die Infantin selbst lachte so laut, dass die Camerera genötigt war, sie daran zu erinnern, dass es zwar in Spanien viele Präzedenzfälle gab, wonach eine Königstochter vor ihresgleichen geweint hatte, dass es aber niemals vorgekommen war, dass eine Prinzessin aus dem königlichen Geblüt vor solchen Personen, die im Rang unter ihr geboren waren, so lustig gewesen wäre. Der Zwerg jedoch war wirklich ganz unwiderstehlich, und selbst am spanischen Hofe, der immer wegen seiner edlen Leidenschaft für das Grässliche bekannt gewesen war, war ein so groteskes Ungeheuer nie gesehen worden. Es war auch sein erstes Auftreten. Er war erst gestern, als er wild durch den Wald rannte, von zwei Edlen entdeckt worden, die zufällig in einem entlegenen Teil des großen Korkeichenwaldes in der Nähe der Stadt jagten, und war von ihnen als eine Überraschung für die Infantin nach dem Palast mitgebracht worden; seinem Vater, der ein armer Kohlenbrenner war, war es nur zu recht, ein so scheußliches und unnützes Kind los zu sein. Das Lustigste an ihm war vielleicht, dass er von seiner eigenen grotesken Erscheinung ganz und gar nichts wusste. Er schien tatsächlich ganz glücklich und frohgelaunt. Wenn die Kinder lachten, lachte er so herzlich und vergnügt wie irgendeins von ihnen, und am Ende jedes Tanzes machte er vor jedem einzelnen die komischsten Verbeugungen, lächelte und nickte ihnen zu, just, als wäre er einer von ihnen und nicht ein kleines missratenes Ding, das die Natur in einer humoristischen Laune geformt hatte, damit andere darüber lachen konnten. Die Infantin nun gar bezauberte ihn völlig. Er konnte seine Augen nicht von ihr wenden und schien nur für sie allein zu tanzen; und als sie am Schluss der Vorstellung, da ihr einfiel, was sie einmal gesehen hatte, dass nämlich die großen Damen des Hofes Caffarelli, dem berühmten italienischen Sopransänger aus der päpstlichen Kapelle, den der Papst eigens nach Madrid geschickt hatte, damit er mit seiner herrlichen Stimme die Schwermut des Königs heile, Blumen zugeworfen hatten, die schöne weiße Rose aus ihrem Haar nahm und sie, teils zum Spaß und teils, um die Camerera zu ärgern, ihm mit ihrem süßesten Lächeln durch die Arena zuwarf, nahm er das alles ganz ernst, er drückte die Blume an seine hässlichen, gemeinen Lippen, legte die Hand aufs Herz und sank vor ihr aufs Knie, wobei er bis an die Ohren grinste und seine kleinen, glänzenden Augen vor vergnügen funkelten.
Das überwältigte die Würde der Infantin so sehr, dass sie noch lange, nachdem der kleine Zwerg aus der Arena gelaufen war, immerzu weiter lachte und ihrem Oheim den Wunsch aussprach, der Tanz sollte gleich noch einmal wiederholt werden. Die Camerera jedoch entschied unter dem Vorwand, die Sonne brenne zu heiß, es wäre besser, dass Ihre Hoheit unverzüglich in den Palast zurückkehre, wo ein wunderbares Festmahl bereits für sie gerüstet worden war, bei dem ein richtiger Geburtstagskuchen nicht vergessen war, der zierlich mit ihrem eigenen Monogramm aus farbigem Zuckerguss und mit einer reizenden kleinen Silberfahne geschmückt war, die über dem Kunstwerk flatterte. Also erhob sich die Infantin mit viel Würde, und nachdem sie den Befehl gegeben hatte, der kleine Zwerg solle nach der Siestastunde wieder vor ihr tanzen, und dem jungen Grafen von Tierra-Nueva für sein reizendes Fest ihren Dank gesagt hatte, begab sie sich in ihre Gemächer zurück, und die Kinder folgten ihr in der nämlichen Ordnung, in der sie gekommen waren.
Als nun der kleine Zwerg hörte, dass er ein zweites Mal und auf ihren ausdrücklichen Befehl vor der Infantin tanzen sollte, wurde er so stolz, dass er in den Garten hinauslief, die weiße Rose in einer unsinnigen Ekstase der Freude küsste und vor Wonne die ungeschlachtesten und plumpsten Gestikulationen machte.
Die Blumen waren ganz entrüstet darüber, dass er es wagte, in ihr schönes Reich einzudringen; und als sie sahen, wie er, Weg auf, Weg ab, Luftsprünge machte und so toll und lächerlich die Arme über dem Kopf hin- und herschwenkte, konnten sie ihre Gefühle nicht länger zurückhalten.
»Er ist wahrhaftig zu hässlich, als dass er sich an einem Ort sehen lassen dürfte, wo wir sind«, riefen die Tulpen.
»Er sollte Mohnsaft trinken und sich für tausend Jahre schlafen legen«, sagten die großen Scharlachlilien und wurden ganz hitzig und böse.
»Er ist ein vollständiges Scheusal!« kreischte der Kaktus. »Was nicht gar, er ist ganz verkrümmt und ein kleiner Stumpen, und sein Kopf hat gar kein Verhältnis zu seinen Beinen. Wahrhaftig, es juckt mich am ganzen Leib, und wenn er in meine Nähe kommt, werde ich ihn mit meinen Dornen stechen.«
»Und er hat fürwahr eine meiner besten Blüten bekommen«, rief der Rosenstock. »Ich überreichte sie heute morgen persönlich der Infantin als Geburtstagsgeschenk, und er hat sie ihr gestohlen.« Und er rief, so laut er konnte: »Dieb, Dieb, Dieb!«
Selbst die roten Geranien, die für gewöhnlich nicht vornehm taten und von denen bekannt war, dass sie selbst eine große Menge arme Verwandte hatten, zogen sich vor Widerwillen zusammen, als sie ihn sahen; und als die Veilchen schüchtern bemerkten, er wäre freilich recht schlecht geraten, aber er könnte es doch nicht ändern, da gaben sie mit gerechter Entrüstung zurück, das wäre sein Hauptfehler, und es gäbe keinen Grund, jemand deswegen zu bewundern, weil er unheilbar wäre; und in der Tat fühlten auch einige von den Veilchen, dass die Hässlichkeit des kleinen Zwergs fast prahlerisch war und dass er einen viel bessern Geschmack gezeigt hätte, wenn er traurig oder wenigstens nachdenklich gestimmt gewesen wäre, anstatt fröhlich herumzuhüpfen und sich in so grotesken und albernen Stellungen zu zeigen.
Was gar die alte Sonnenuhr war, die als überaus bedeutendes Individuum galt und einst keinem Geringeren als dem Kaiser Karl V. in Person die Zeit gewiesen hatte, so war sie durch die Erscheinung des kleinen Zwergs so verblüfft, dass sie fast zwei volle Minuten mit ihren langen Schattenfingern anzuzeigen vergaß und sich nicht enthalten konnte, zu dem großen milchweißen Pfau, der sich auf der Balustrade sonnte, zu sagen: Jeder wisse, dass die Kinder von Königen Könige und die Kinder von Kohlenbrennern Kohlenbrenner wären, und es wäre Unsinn, vorgeben zu wollen, das wäre nicht so, mit welcher Feststellung der Pfau völlig einverstanden war. Er rief sein »jawohl, jawohl« so laut und schrill, dass die Goldfische, die in dem Becken des kühlen Springbrunnens lebten, die Köpfe aus dem Wasser streckten und die mächtigen steinernen Tritonen fragten, was in aller Welt los wäre.
Aber die Vögel hatten ihn lieb. Sie hatten ihn oft im Walde gesehen, wie er, einem Kobold gleich, hinter den wirbelnden Blättern hertanzte oder in der Höhlung einer alten Eiche kauerte und seine Nüsse mit den Eichhörnchen teilte. Dass er hässlich war, störte sie nicht ein bisschen. War doch schließlich auch die Nachtigall, die zur Nacht so süß in den Orangenhainen sang, dass sich manchmal der Mond herniederbog, um zu lauschen, nicht sonderlich hübsch, und überdies war er gut gegen sie gewesen und hatte sie in dem schrecklichen Winter, wo keine Beeren an den Sträuchern waren und der Boden so hart war wie Stein und die Wölfe auf der Suche nach Nahrung bis zu den Toren der Stadt gekommen waren, nicht ein einziges Mal vergessen, sondern hatte ihnen immer Krumen von seinem Stück Schwarzbrot gegeben und jedes dürftige Frühstück mit ihnen geteilt.
So flogen sie rund um ihn herum und berührten mit ihren Flügeln seine Wangen, wenn sie durch die Luft daherkamen und miteinander zwitscherten; und der kleine Zwerg war so froh, dass er nicht anders konnte, er musste ihnen die schöne weiße Rose zeigen und ihnen erzählen, die Infantin selbst hätte sie ihm gegeben, weil sie ihn liebte.
Sie verstanden kein Wort von dem, was er sagte; aber das machte nichts aus, denn sie legten ihren Kopf auf die Seite und blickten klug drein, und das ist ebenso gut als etwas zu verstehen, und viel leichter.
Auch die Eidechsen fanden außerordentliches Gefallen an ihm, und als er von dem Herumrennen müde war und sich ins Gras zur Ruhe niederwarf, spielten sie und tummelten sich rings um ihn und auf ihm und versuchten ihn, so gut sie irgend konnten, zu erfreuen. »Es kann nicht jeder so schön wie eine Eidechse sein«,riefen sie; »das wäre zu viel verlangt. Und es klingt zwar wie Unsinn, aber er ist wirklich schließlich nicht so hässlich, nur muss man natürlich die Augen zumachen und darf ihn nicht ansehen.« Die Eidechsen waren von Haus aus große Philosophen und saßen oft viele Stunden lang grübelnd beisammen, wenn es nichts andres zu tun gab oder wenn das Wetter zu regnerisch zum Ausgehen für sie war.
Die Blumen jedoch waren äußerst ärgerlich über ihr und der Vögel Betragen. »Das zeigt nur«, sagten sie, »was dieses unaufhörliche Herumrasen und Fliegen für eine herabziehende Wirkung hat. Gesittete Leute von guter Herkunft bleiben immer auf demselben Fleck stehen wie wir. Niemand hat uns je auf den Wegen auf und ab hüpfen oder wie verrückt nach Libellen durch das Gras springen sehen. Wenn wir eine Luftveränderung brauchen, lassen wir den Gärtner kommen, und der bringt uns in ein anderes Beet. Das ist geziemend und wie es sein soll. Aber Vögel und Eidechsen haben keinen Sinn für Ruhe, und die Vögel haben wahrhaftig nicht einmal eine ständige Adresse. Sie sind reine Vagabunden, wie die Zigeuner, und sollten genau auf die nämliche Art behandelt werden.« So streckten sie ihre Nase in die Luft und blickten sehr hochmütig drein und waren sehr befriedigt, als sie nach einer Weile sahen, wie der kleine Zwerg aus dem Grase forttaumelte und seines Wegs über die Terrasse in den Palast wackelte.
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