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Oscar Peer (1928–2013), geboren und im Unterengadin aufgewachsen, gehört zu den bedeutendsten rätoromanischen Autoren der Gegenwart. Nach dem Lehrerseminar in Chur begann er ein Studium der Romanistik, das er mit einer Dissertation zum surselvischen Schriftsteller Gian Fontana 1958 abschloss. Mit dem «Dicziunari rumantsch, ladin-tudais-ch» ist ein Basiswerk für die romanische Sprache entstanden. Viele Jahre unterrichtete er an Mittelschulen, daneben entstand kontinuierlich sein literarisches Werk.
Oscar Peer
Hannes
Roman
Limmat Verlag
Zürich
Sein Leben war nicht so verlaufen, wie er es sich in der Jugend geträumt hatte. So etwas wäre weiss Gott nichts Neues, doch er, Hauptperson dieses Berichts, war ein bisschen schief in die Welt geraten und litt am Gefühl, nicht ganz wie die andern zu sein. Die Begegnung mit einer ungewöhnlichen Frau sollte sein Leben gründlich verändern.
Eines Morgens gegen halb neun befand er sich auf dem städtischen Polizeiamt und berichtete von einem Vorfall, der sich letzter Nacht bei ihm zu Hause ereignet hatte. Er mochte gut dreissig sein, hatte ein interessantes, im Moment allerdings fahles Gesicht, dunkelbraunes Haar, dazu leicht ungerade Schultern, das heisst die linke eine Idee höher als die rechte.
Ein Polizeibeamter stand hinter dem Tresen und glotzte ihn an, in einem Nebenraum sassen noch zwei oder drei andere, deren Morgenplauderei bald verstummte. Einer von ihnen erschien in der Tür, näherte sich, liess sich alles nochmals erklären, notierte seine Personalien, während ein anderer telefonierte. Nachher musste er warten. Er setzte sich auf eine längliche Wandbank, nahm das Taschentuch heraus, um sich zu schnäuzen. Irgendwo im Haus vernahm man ein Pochen, vermutlich wurde gebaut. Der Fussboden war ausgetreten, stellenweise uneben, die Mauern frisch gestrichen. Es roch nach Tünche und Zigarettenrauch.
Nach einer Weile ging die Tür auf, ein Polizist schaute herein und winkte ihm zu kommen. Draussen bestiegen sie ein Auto, fuhren von einem Innenhof auf die Strasse hinaus. Er sass vorne neben dem Lenker, auf dem Hintersitz noch zwei andere, beide in Uniform. Niemand redete. Es ging bergwärts, Strassen, Plätze, Quartiere seiner Stadt, die ihm jetzt, obwohl er sie längst kannte, merkwürdig verändert vorkamen. Dabei schien eine liebliche Aprilsonne. Hie und da ein Rotlicht, dann wieder grün, Menschen auf den Gehsteigen, Frauen mit Einkaufstasche, ein Strassenwischer, ein Briefträger … Es war wie der Morgen eines ganz gewöhnlichen Tages.
Vor seinem Haus hielt bereits ein anderer Wagen, aus dem zwei Männer in Zivil stiegen. Der ältere, ein gut gekleideter Fünfziger, stellte sich und seinen Begleiter vor: «Kommissar Grädel – mein Kollege Fausch.» Er blickte sich auf dem Platz um, fragte ihn, wem der rote BMW gehöre. Er antwortete, das sei der Wagen seiner Frau.
«Sie meinen der Frau, die jetzt …?»
«Ja.»
«Und Ihr Name?»
«Hannes Monstein.»
Im Garten ein leeres Schwimmbecken, eine Pergola, eine Bocciabahn, dazu etwas dürres Laub vom Vorjahr. Sie traten ins Haus, stiegen eine breite Steintreppe hinauf. Oben blieb er stehen, zeigte auf eine Tür und zog sich beiseite. Die Männer gingen hinein, blickten sich um, schauten dann alle nach einer bestimmten Seite. Ihre Gesichter. Das Wohnzimmer war noch halb dunkel, jemand zog die Vorhänge auseinander, dann wurde es heller. Er sah den Ledersessel, das Büchergestell, das umgeworfene Tischchen mit den Klaviernoten, ein Stück seines Steinways, Morgensonne auf dem farbigen Teppich.
Während er wartete, erschienen noch zwei andere, ein jüngerer und ein älterer mit Glatze; sie kamen die Treppe herauf, streiften ihn mit einem Blick und gingen ebenfalls hinein. Hannes war erstaunt, dass fast nur gemurmelt wurde, als dürfe man keinen Lärm machen. Der Kommissar telefonierte, blickte sich im Zimmer um, kam dann zu ihm heraus:
«Jetzt müssen Sie mir nochmals erklären, wer die beiden Toten sind.»
Hannes sagte: «Meine Frau, Franziska Monstein – geborene Schnöll, und mein Stiefbruder Paolo Blum.»
«Ihr Stiefbruder?»
«Ja, der Sohn meiner Stiefmutter.»
Der Mann, relativ gross, stand da vor ihm, schaute ihm ruhig ins Gesicht. Er kondolierte, berührte seinen Arm, bat ihn, ins Zimmer zu kommen. Hannes zögerte: «Muss das sein?»
«Ja. Bitte, kommen Sie.»
Es hatte sich nichts verändert. Sie sassen oder lagen halbwegs auf dem Sofa; Paolo hielt Franziska mit einem Arm um die Schulter, wie um sie zu schützen. Franziskas Gesicht ruhig wie bei einer Schlafenden, dasjenige Paolos von einer Kugel verletzt, an der Stirn etwas verkrustetes Blut, der Mund leicht geöffnet; er blickte schräg zur Zimmerdecke hinauf, mit eingezogenem Nacken und wie grenzenlos erstaunt.
Wahrscheinlich war die Sache nicht nur Traum, auch wenn ihm alles traumartig vorkam, irreal bis zum Unsinn. Irreal auch diese Männer, die er nicht kannte, etwa der Glatzköpfige, der etwas in sein Köfferchen versorgte, während ein anderer eifrig drauflos fotografierte. Der jüngere Kriminalbeamte und ein Uniformierter standen bei der Balkontür und betrachteten eine kaputte Glasscheibe; man sah ein geschweiftes Loch mit sternartig zentrierten Rissen – vermutlich ein Kugeleinschlag. Hannes wollte das umgeworfene Notentischchen aufrichten, er bückte sich bereits über Chopin und Johannes Brahms, als ihm jemand energisch zurief: «Nichts berühren!»
Später sass er mit dem Hauptkommissar drüben in seinem Arbeitszimmer, wo er ihm, wie jeweils in Kriminalfilmen, allerlei Fragen beantworten musste: War die Haustür, waren einzelne Fenster offen; dazu Angehörige, Bekanntenkreis, Freunde, Feinde und mögliche Täter, dann Angaben zu seiner Frau. Er musste ihre Identitätskarte holen, ihren Reisepass. Der Beamte blätterte nur kurz darin und gab sie ihm zurück. Hierauf, wie zu erwarten, gleichsam mit einem Lächeln, seine Frage:
«Wo waren Sie gestern Abend, Herr Monstein?»
Auch Hannes musste lächeln. «Jedenfalls nicht hier», sagte er. Er war mit einer Reisegruppe in Griechenland gewesen, zehn Tage lang, dann wegen Kopfscherzen etwas früher als die andern heimgekommen, allein – zuerst mit dem Flugzeug bis Wien, dann letzte Nacht mit dem «Wienerwalzer» bis nach Hause. In Griechenland war es schon sommerlich heiss gewesen, daher vermutlich seine Kopfschmerzen. Der Kommissar hörte ihm zu, konnte sich Kopfschmerzen in Griechenland durchaus vorstellen. Aber warum der Zwischenhalt in Wien und warum der nächtliche «Wienerwalzer»?
Das war so: Während der Zwischenlandung in Wien hatte er in einer Zeitung gelesen, dass abends ein Klavierrecital stattfand, mit Andras Schiff, den er gern einmal öffentlich gehört hätte. Er hatte am Westbahnhof sein Gepäck eingestellt, war per Taxi zum Grossen Musikvereinssaal gefahren, wo er mit viel Glück eine Eintrittskarte bekam. Klaviermusik, sagte er, sei schon immer seine Passion gewesen, eine Pianistenlaufbahn einst sein Jugendtraum.
Der Kommissar nickte. Er fragte: «Und dieser Pianist, was spielte er?»
«Zuerst Bach, die sechste Partita in e-Moll, dann eine etwas fade Sonate von Mozart, nach der Pause Schubert, die grosse Sonate in B.»
«Und dann sicher noch Zugaben?»
«Ich denke schon, nur musste ich da eben weg, um meinen Nachtzug nicht zu verpassen.»
«Hätten Sie dann nicht in Wien übernachten können und erst heute mit dem Flugzeug heimkommen? Sie hatten doch Ihr Flugticket?»
«Ja, aber dann hätte ich noch ein Hotelzimmer suchen müssen, und dazu hatte ich keine Lust. Dann lieber gleich weiter. Abgesehen davon fahre ich ganz gern in der Nacht.»
Die Frage des Kommissars, wie lange die Zugfahrt von Wien bis hierher dauere und wann er angekommen sei, konnte er genau angeben. Bekannte hatte er in der Eisenbahn leider nicht gesehen, jedenfalls war ihm in seinem schwach besetzten Abteil kein bekanntes Gesicht aufgefallen.
Jemand klopfte an die Tür, Grädel ging hinaus, unterhielt sich mit jemandem. Nachher hörte man die Hausglocke, Stimmen von unten, Stimmen im Flur, im Wohnzimmer. Er horchte. Unglaublich, wie viel Personal für eine solche Angelegenheit aufgeboten wurde. Was würden die jetzt tun, wenn hier nichts passiert wäre? Er war sitzen geblieben, es hatte keinen Sinn, aufzustehen. Einfach sitzen bleiben und warten, bis die Sache ein Ende nahm. Der Kommissar hatte die Tür zugezogen, gab jemandem Anweisungen. Hannes überlegte, ob er eine Zigarette rauchen könnte, doch das ging jetzt wohl nicht.
Endlich kam der Mann zurück, entschuldigte sich, dass er ihn einfach warten liess. Er ging ans Fenster, schaute hinaus. «Einen schönen Garten haben Sie», sagte er. «So etwas würde mir auch gefallen. Und eine herrliche Aussicht!» Hierauf, indem er sich umwandte: «Was arbeiten Sie eigentlich, Herr Monstein?»
«Ja, was arbeite ich … Zuerst war ich lange im Möbel- und Teppichgeschäft meines Vaters, nachher wollte ich Pianist werden, habe das aber aufgegeben und dann ein bisschen an der Uni studiert. Seit Jahren bin ich bei Dr. Rehberg – Druck und Verlag AG, vielleicht kennen Sie es.
«Und was machen Sie da?»
«Allerlei Publikationsarbeit, Kalender, Jahrbücher, zudem Beiträge für die FAVILLA, unsere Vierteljahresschrift. Daneben schreibe ich im Moment an einem längeren Text – eine Art Versuch über Jürg Jenatsch.»
«Sie sind also Schriftsteller?»
«Ja, wenn man so will. Aber eigentlich bin ich nichts Bestimmtes. Mein Leben war bis jetzt mehr oder weniger Dilettantismus.»
«Das tönt nicht gerade optimistisch. Sind Sie mit Ihrem Leben nicht zufrieden?»
«Wer ist das schon? Sind Sie immer zufrieden?»
Der Kommissar lächelte: «Ja, ja, die Zufriedenheit … Nein, was mich interessiert, Herr Monstein: Ihre Frau und Ihr Stiefbruder – waren die oft zusammen?»
«Eigentlich schon.»
«Und Sie waren nicht eifersüchtig?»
Jemand rief ihn wieder hinaus. Hannes blieb sitzen, obwohl er schon eine ganze Weile sass. Durch die halb offene Tür sah er, wie die beiden Toten in Notsärgen, vermutlich Aluminium, aus dem Wohnzimmer getragen wurden. Es kam ihm die groteske Vorstellung, dass die Männer auf der Treppe stolpern könnten, wobei die zwei Toten aus ihren Särgen fallen würden. Er stützte sich auf die Sessellehne, richtete sich auf. Dabei schwindelte ihm auf einmal, und zwar dermassen, dass er für eine Weile nicht mehr wusste, wo er sich befand; es rauschte ihm in den Ohren, eine Art Tunnelgetöse, zudem schien ihm, als läute irgendwo dauernd ein Telefon.
Er begab sich in die Küche, benetzte sich das Gesicht mit kaltem Wasser, trank an der Röhre, blickte zum Fenster hinaus. Im Garten zwei Polizisten, die irgendetwas zu suchen schienen, vielleicht Projektile oder Patronenhülsen. Als er sich umdrehte, stand der Kommissar in der Tür.
«Tja, Herr Monstein, dann wollen wir Sie nicht länger belästigen, für heute. Sie werden ja ohnehin einen schweren Tag vor sich haben.»
Und wie sich Hannes das Gesicht trocknete und ihn ansah: «Es ist mir übrigens aufgefallen, dass Sie ganz leicht hinken. Haben Sie sich wehgetan?»
«Nein, ich hinke von Geburt. Mein linkes Bein ist eine Idee kürzer als das rechte, knapp ein Zentimeter.» Auf seine Frage, was jetzt mit den Toten geschehe, antwortete der Kommissar, die kämen zuerst in die gerichtsmedizinische Untersuchung und würden dann für die Bestattung freigegeben.
«Weiss man schon, wann es passiert ist?»
«Vor zehn bis zwölf Stunden, sagt der Arzt. Also gegen Mitternacht – als Sie in Ihrem ‹Wienerwalzer› sassen.»
Fausch, sein jüngerer Kollege, kam mit zwei Plastiktüten aus dem Wohnzimmer; in der einen hatte er ein paar Projektile, in der andern eine Pistole. Er hielt sie Hannes vors Gesicht: «Kennen Sie diese Waffe?»
«Natürlich», sagte Hannes. «Die muss man dort aus meinem Waffenschrank genommen haben.» Fausch steckte alles in seine Mappe, erkundigte sich nach dem Reiseunternehmen, mit dem er in Griechenland gewesen war. Hannes gab ihm die Adresse an, der Mann notierte, meinte hierauf: «Wir bräuchten dann unbedingt eine Liste mit den Namen der Leute, die mit den zwei Toten Kontakt hatten, auch was für Tatmotive die gehabt haben könnten. Möglichst vollständig.»
Grädel fügte hinzu: «Das ist für uns sehr wichtig. Wir gehen jedenfalls davon aus, dass es sich beim Täter um jemanden aus dem Bekanntenkreis handelt.»
Hannes, von den Ereignissen angegriffen, antwortete gereizt: «Dann könnten Sie mich gleich fragen, ob ich der Täter bin.»
«Das haben jetzt Sie gesagt. Oder haben Sie bereits eine Ahnung, wer es sein könnte?»
«Wie soll ich das wissen? Ich kann doch nicht aufs Geratewohl jemanden denunzieren, das werden Sie hoffentlich verstehen.»
«Ja, ja, wir verstehen schon.»
Hannes fragte: «Und Raubmord? Ich meine durch Unbekannte?»
«Das ist unwahrscheinlich. Ihr Stiefbruder hatte noch seine Brieftasche, darin fast tausend Franken, und Ihre Frau eine goldene Armbanduhr. Das wäre sicher weg.»
Die zwei Männer standen vor ihm, Grädel mit brauner Tweedjacke und Krawatte, der Jüngere mit abgewetzter Lederjacke, offenem Kragen und Bartstoppeln. Als Hannes erklärte, er habe nicht die geringste Lust, diese Personenliste zusammenzustellen, antwortete Fausch: «Wir brauchen sie aber, ob Sie Lust haben oder nicht. Wir haben hier einen Mord aufzuklären.»
«Also bitte, dann klären Sie auf, aber lassen Sie mich damit in Ruhe.»
Der Kerl lachte ihm fast mitleidig ins Gesicht: «Können wir leider nicht, mit der Ruhe ist es jetzt vorbei. Sie stecken hier mittendrin, wir sind auf Ihre Hilfe angewiesen. Verstehen Sie?»
Nachher wollten sie noch wissen, ob er die beiden Toten berührt habe. Hannes verstand nicht: «Wieso sollte ich sie berührt haben?»
«Es wäre doch denkbar. – Also Sie haben sie nicht berührt?»
«Nein doch. Ich hatte auch nicht die geringste Lust.»
Fausch nahm seine Mappe und ging. Grädel bat, noch das Zimmer seiner Frau sehen zu dürfen. Hannes führte ihn hinauf, öffnete die Tür: «Bitte.» Er blieb draussen, sah wie der Kommissar Schränke und Schubladen aufmachte, einen Blick hineinwarf, aber eigentlich nur sehr flüchtig. Nachher kam er heraus, schloss die Tür und versiegelte sie. Unten im Flur zeigte ihm Hannes den Wandschrank, der seine Waffen enthielt – zwei Matschgewehre, einen Jagdstutzen und zwei Pistolen. Grädel fragte ihn, ob er den Schrank nicht abschliesse, was er mit diesen Waffen treibe, ob er auch auf die Jagd gehe. Ja, sagte Hannes, er sei schon öfter auf der Jagd gewesen, mit ihrem Pächter in Falön, Unterengadin. Seine Mutter stamme von dort, mit ihr habe er auch Romanisch geredet. Und zu den Matschgewehren: er sei in einem Schützenverein – im gleichen wie der pensionierte Polizeiinspektor Locher.»
«Ach, Sie kennen den Locher? Das ist jetzt eine Überraschung! Sind Sie gut befreundet mit ihm? Wenn Sie ihn wiedersehen, dann grüssen Sie ihn von mir.»
Während er so redete, hantierte er mit den Waffen. Offenbar interessierten ihn vor allem die zwei Pistolen, eine SIG 210 und eine kleinkalibrige Hämmerle. Er öffnete fachmännisch den Verschluss, guckte in den Lauf, machte wieder zu. Hannes fragte ihn, ob er die Erwerbsscheine sehen wolle.
«Vielleicht später einmal, es wird schon in Ordnung sein», sagte er, schrieb etwas in ein Notizheft. Hierauf, indem er sich verabschiedete: «Die Männer vom Erkennungsdienst werden noch ein paar Stunden hier sein – Spurensicherung, Sie verstehen. Übrigens wären wir froh, wenn wir Sie in den nächsten Tagen jederzeit erreichen können.» Er lächelte wieder: «Ich denke, Sie werden nicht gleich wieder nach Griechenland zurückkehren, wenn Sie dort Kopfweh bekommen?»
Offenbar hatte der Mann keine Eile, nach Hause zu gehen. Später am Küchenfenster stehend, sah Hannes, wie er unten im Garten umherspazierte, dann stehen blieb und eine Weile das Haus betrachtete.
Er wäre tatsächlich am liebsten wieder verreist, nach Griechenland oder sonst wohin, nur weg von hier. Statt dessen hatte er jetzt das Vergnügen, die Angehörigen zu benachrichtigen und ihnen zu erzählen, was sich bei ihm ereignet hatte. Um nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, telefonierte er zuerst mit seiner Schwester Sonja, nachher in abgerissenen Worten mit dem Vater, legte dann gleich auf, ohne den armen Alten zu Atem kommen zu lassen.
Es dauerte dann eine ganze Weile, bis er im Elternhaus auftauchte. Sonja empfing ihn vor dem Eingang, ging dann mit ihm die Treppe hinauf, ohne zu reden. Oben betraten sie den Salon, wo Eltern, Schwiegereltern und Tanten auf ihn warteten. Er sah sie dort beisammen sitzen, bleich, starr wie auf einem Gruppenbild von Edward Munch. Noch leicht ausser Atem berichtete er so knapp wie möglich, was es zu berichten gab: seine vorzeitige Heimkehr aus Griechenland, die nächtliche Bahnfahrt, die Entdeckung der beiden Toten im Wohnzimmer, die Polizei und so weiter. Das alles musste er den Leuten erzählen, sah dabei ihre Betroffenheit. Es war entsetzlich, auch für ihn. Familienszenen hatte er ohnehin nie gemocht, es gab nichts Schlimmeres – Seufzer, Gejammer, die Fragen, wie so etwas möglich sei und wer es getan habe. Lilles Tränen um ihren Sohn, Francines Klagen um ihre Tochter – wobei ihr Weinen ab und zu in ein nervöses Lachen überzugehen schien; dazu die Hausmagd Annunziata, eine Seele von Mensch, die auf italienisch jammerte, Vaters geschlagenes Gesicht. Franziskas blonde Patin, obwohl gewesene Krankenschwester, konnte es auch nicht fassen, offenbar auch der Hund nicht, der draussen an der Tür kratzte und dann noch zu bellen begann. Sonja stand auf und liess ihn herein. Einmal klingelte das Telefon und niemand ging dran …
Sein grösster Wunsch: Bald wieder allein sein.
Unterdessen war es Mittag, Annunziata meldete, es sei angerichtet, fragte dann fast stimmlos, ob sie das Essen an die Wärme stellen solle. Da niemand antwortete, ging sie wieder davon. Santa Madre.
Lille stand entschlossen auf und erklärte, sie könne jetzt unmöglich essen; sie fragte Francine, ob sie mit ihr komme – sie wolle hinfahren, die zwei Toten sehen.
«Die kannst du jetzt nicht sehen», sagte Hannes.
«Wieso nicht?»
«Weil sie nicht mehr dort sind. Die werden jetzt noch gerichtsmedizinisch untersucht.»
Sie liess sich auf den Stuhl fallen, betrachtete ihn hilflos, ihre Tränen trocknend. Der Vater, dem seit seiner Streifung das Reden schwerfiel, murmelte vor sich hin. Nur Sonja, etwas abseits sitzend, sagte kein Wort. Harro, ihr schwarzer Neufundländer, lag jetzt auf dem Teppich, mit dem Kopf auf den Vorderpfoten.
Schliesslich ging man doch zu Tisch. Es folgte eine Mahlzeit ohne Worte. Lille konnte tatsächlich nicht essen; bald stand sie wieder auf und ging hinaus, Francine folgte ihr, dann sah man, wie sie sich draussen umarmten und gemeinsam weinten.
Als Hannes gegen zwei Uhr heimging, waren die Männer des Erkennungsdienstes noch immer da, bald im Haus, bald im Garten oder auf dem Balkon. Einmal erschien Fausch, hielt sich längere Zeit in Franziskas Zimmer auf. Hannes überlegte, ob er den Leuten etwas anbieten solle, doch vielleicht war es klüger, es zu unterlassen.
Lange sass er in seinem Arbeitszimmer, leerte die Schubladen, zerriss ein paar Briefe, blätterte in seinen Reisenotizen, dann in Franziskas Tagebuch, das er schon am Morgen an sich genommen hatte – ein dickes, in Leder gebundenes Heft, in das sie öfter gewisse Dinge schrieb.
Gegen Abend, endlich allein im Haus, telefonierte er mit einer in Wien lebenden Freundin, Caroline Z., Lehrerin für Musikpädagogik, die ihm bestätigen konnte, dass Andras Schiffs Recital stattgefunden hatte. Er erzählte ihr, was sich in seinem Haus zugetragen hatte, beschrieb ihr seine Seelenverfassung, vor allem seine Sorge, in den Schlamassel hineingezogen zu werden – wobei er natürlich schon drinsteckte. «Es ist haarsträubend», sagte er, «etwas wie eine Manipulation aus dem Unbekannten.» Hierauf fragte er sie, ob sie im Fall einer polizeilichen Einvernahme aussagen könnte, dass er am Vorabend mit ihr an diesem Recital gewesen sei. Caroline war verstummt, zögerte natürlich, was er durchaus verstehen konnte. Zuletzt, wenn auch ungern, sagte sie zu; sie mochte sich daran erinnern, dass er ihr vor einem knappen Jahr, als sie Spitalschulden bezahlen musste, zu Hilfe gekommen war, mit einer ordentlichen Summe, die sie ihm noch nicht zurückerstattet hatte. Aber, wie gesagt, er glaubte nicht, dass sie befragt würde; und wenn schon, dann würde sie einfach erklären, sie wären zusammen an diesem Konzert gewesen und er, Hannes, sei schon etwas früher weggegangen, um den Nachtzug nicht zu verpassen.
Die Informationssperre dauerte leider nicht lange. Schon nach drei Tagen war die Hölle los, mit Telefongeklingel, Expressbriefen und Kondolenzen. Dann wie erwartet ein Ansturm von Fotografen, Skandalreportern und Sensationsjägern. Morgens um acht sah er, wie sie unten mit ihrem Krimskrams aus dem Wagen stiegen. Die Haustür war geschlossen, und da sie trotz wiederholten Läutens nicht aufging, setzten sie sich auf das Bänkchen und warteten geduldig. Ab und zu ging er ans halb offene Küchenfenster und horchte. Unten ihre Stimmen, auch ein bisschen Musik, Zigarettenduft. Später sah er, wie sie von der Strasse herüber das Haus fotografierten. Es gelang ihm, sich auf der Gartenseite durch die Kellertür unbemerkt zu entfernen. Man musste sich buchstäblich aus dem eigenen Haus davonstehlen. Als er zwei Stunden später zurückkam, waren sie noch immer da. Vermutlich wurde man die Lümmel nicht so bald los, und so liess er sie herein. Sie schleppten ihren Plunder die Treppe herauf, richteten sich ein. Einer machte eifrig Aufnahmen, hätte ums Verrecken gern auch das Wohnzimmer und das Sofa fotografiert, auf dem die beiden, wie er sagte, abgeknallt worden waren. Als ihm Hannes erklärte, das Zimmer bleibe vorläufig geschlossen, meinte er: «Schade, gerade das wäre für uns sehr wichtig gewesen.» Zwei andere interviewten ihn, liessen dabei ein kleines Tonbandgerät laufen. Ihre Fragen:
«Wo waren Sie, als die Schüsse fielen? – Warum waren Sie nicht zu Hause? – Ahnten Sie, dass einmal etwas passieren würde? – Was empfanden Sie, als Sie die Toten sahen? – Wie ist Ihnen jetzt zu Mute? Wie lebt man in einem Haus, in dem gemordet worden ist? – War es Raubmord oder eine Abrechnung? – Wer kommt für Sie als Täter in Frage? – Wer war dieser Ernesto Plözzer? – Liebten Sie Ihre Frau?»
Mit den Gerichtsbeamten, vor denen er in den nächsten Tagen erscheinen musste, hatte er weniger Mühe. Es begann durch eine Anhörung vor dem Oberstaatsanwalt, was vermutlich zum normalen Verfahren gehörte. Die Leute taten ja nur ihre Pflicht. Der Mann, obwohl in gehobener Position, sah nicht anders aus als ein gewöhnlicher Bürger (wobei natürlich Gewöhnlichkeit täuschen kann): ein leicht korpulenter Sechziger mit spärlich behaartem Schädel, korrekt gekleidet, Brille mit Goldrand. Er war nicht unfreundlich, höchstens insofern nicht sehr angenehm, als er meistens einfach schwieg, sodass Hannes nicht wusste, ob er von sich aus reden oder besser schweigen solle. Im Grunde beschränkte sich die Begegnung auf ein paar belanglose Floskeln. Offenbar hatte der Mann keine Eile; er sass einfach da und schaute einem ins Gesicht, wie gesagt, nicht unfreundlich, höchstens mit einem Anflug von Ironie.
Ein Ermittlungsbeamter, der ihn zwei Tage später befragte, war gesprächiger und insofern menschlicher. Er hatte ein Glasauge, wirkte im Übrigen schlicht und offen, stellte seine Fragen ohne künstliche Pausen. Hannes antwortete, so gut er konnte, ein Gespräch von Mann zu Mann. Mühe bereitete ihm höchstens dieses Glasauge; er versuchte, es nicht zu beachten und blickte es doch immer wieder an.
Rührend indessen nach wie vor die ihm von den zwei Kriminalbeamten entgegengebrachte Aufmerksamkeit. Vielleicht hatten sie im Moment wenig zu tun und konnten sich in aller Ruhe ihm widmen. Kommissar Grädel zeigte viel Interesse für sein Haus, hatte unterdessen jeden Winkel beschnüffelt, wollte zuletzt nochmals den Estrich sehen. Sie stiegen hinauf. Oben blickte er sich um, bewunderte das kunstvoll verschränkte Sparrenwerk, entdeckte dann an einem massiven Stützbalken ein paar Einschussstellen. Hannes erklärte ihm, die seien noch von Franziska, die einmal, noch vor ihrer Heirat, sehen wollte, wie man mit einer Pistole schiesst.
«Und Sie haben es ihr gezeigt?»
«Ich erfüllte ihr jeden Wunsch.»
Noch am selben Abend erschien Fausch, der jüngere mit dem Dreitagebart und der Lederjacke. Er befand sich «zufällig» gerade im Quartier und wollte eigentlich nur schnell seine zwei Pistolen sehen, obwohl er sie offenbar schon dem Chef gezeigt hatte. Hannes öffnete den Wandschrank. Fausch nahm die Waffen, musterte sie eine Weile, legte sie zurück, fragte wie nebenbei: «Und andere Pistolen haben Sie nicht?»
«Nein, habe ich nicht. Das heisst natürlich noch diejenige, die im Wohnzimmer am Boden lag und die Sie mitgenommen haben.»
«Ja, ich weiss – eine 7,68.»
Hierauf, als käme es ihm zufällig in den Sinn, fragte er Hannes, ob er vielleicht noch die Fahrkarte für den Wienerwalzer besitze. Hannes stutzte. Doch, sagte er, die müsste er sicher noch haben. Er holte seine Brieftasche, öffnete sie und schaute nach. Das Flugticket war noch da, dazu ein paar griechische Eintrittskarten. Er sann nach, ging in sein Schlafzimmer, nahm die Wildlederjacke und die braunen Manchesterhosen aus dem Schrank, kam damit zurück, suchte vor den Augen des Beamten in allen Taschen, fand aber nur ein Messerchen, einen Kugelschreiber, ein Notizheft und Papiernastücher. Das Eisenbahnbillet kam nicht zum Vorschein, obwohl er absolut sicher war, auf der Heimfahrt diese Hosen und diese Jacke angehabt zu haben. Er fand es auch im Regenmantel nicht, erinnerte sich aber genau, wie viel er dafür bezahlt hatte.
«Lassen wir es», sagte Fausch. «So etwas wirft man ja leicht weg.»
Er blickte sich um, betrachtete zwei vergrösserte Gebirgsfotos an der Wand, das eine davon mit Biancograt und Piz Bernina. Er zeigte mit dem Finger: «Da oben war ich auch einmal.»
«Ich auch», sagte Hannes, «mit meinem Stiefbruder und meinem Schwager.»
Während Fausch das andere Bild anschaute, betrachtete ihn Hannes von der Seite. Eigentlich gefiel ihm der Mann. Sie mochten etwa gleich alt sein. Fausch wandte sich um, schaute ihm flüchtig ins Gesicht, entschuldigte sich für die Störung und verabschiedete sich. Hannes begleitete ihn hinaus.
Überraschungsbesuche auch bei den Angehörigen. Besonders an Sonja schienen sie interessiert zu sein. Ihre sogenannten Routinefragen. Dann Sonjas Ex-Gatte Philipp, Franziskas Eltern, sein Freund Leon W., Dr. Rehberg, der Dichter Isidor Turell usw. Nur Ernesto Plözzer, Paolos einstiger Freund und zuletzt erbitterter Feind, der für sie so wichtig gewesen wäre, stand nicht mehr zur Verfügung, weil er mit seinem Sportflugzeug tödlich verunglückt war, im Gebiet zwischen Piz Kesch und Bergün, angeblich wegen turbulenter Windverhältnisse. Die Toten waren immer fein raus.
Menschliche Aufmerksamkeit ist etwas Rührendes, doch wenn jemand die ganze Zeit anruft oder unerwartet vor der Tür steht, kann es einem auf die Nerven gehen. Als ihn Grädel wieder einmal anrief und ihn fragte, ob er vielleicht zu ihm aufs Präsidium kommen könnte, war er nahe daran, ihm zu antworten, er habe jetzt leider keine Zeit. Eine Weile schwieg er, bis Grädel freundlich nachfragte: «Hallo? Sind Sie noch da? – Aber nur wenn es Ihnen nichts ausmacht.» Als Hannes eine halbe Stunde später dort war, entschuldigte Grädel sich, freundlich wie immer: «Ich habe leider Picket und muss im Haus bleiben, deshalb bin ich Ihnen dankbar, dass Sie zu mir kommen.»
Er ging mit ihm eine Treppe hinauf, oben durch einen Gang, dann in ein nüchtern eingerichtetes Zimmer: ein Tisch, zwei Stühle, Wandschrank, Waschbecken mit Spiegel und Handtuch, das war alles. Kein Bild, nicht einmal ein Carigiet, dessen Lithografien in der Schweiz unzählige Büros und Wartezimmer schmücken.
Statt gleich zur Sache zu kommen, plauderte Grädel über Musik, von der er offensichtlich nicht viel verstand; fragte ihn, welche Pianisten er besonders schätze, ob Andras Schiff auch dazugehöre? Nachher kam er mit Fussball, dann mit Politik, was Hannes im Augenblick schon gar nicht interessierte. Er fragte sich, ob der Mann darauf aus war, ihn mit blossem Geplauder fertigzumachen, bis ihm schwindlig würde, ähnlich wie jener Untersuchungsrichter Porphyrij Petrowitsch, der den Raskolnikow buchstäblich zu Tode redete. Einen Augenblick war er leicht abwesend, doch als ihm endlich konkrete Fragen gestellt wurden, gab er sich Mühe, klar und sachlich zu antworten. Grädel wartete geduldig, wenn ihm irgendetwas nicht gleich in den Sinn kam. Hannes hatte nichts zu verbergen, nur konnte er sich mit dem besten Willen nicht an jede Lappalie erinnern, was Grädel ohne weiteres verstehen konnte. «Lassen Sie sich ruhig Zeit. Gedächtnislücken, die habe auch ich.» Er lächelte. Fragte zum Beispiel:
«Wie kam es, dass Paolo, obwohl er Jura studierte, in Ihrem Möbel- und Teppichladen arbeitete? Wie kamen Sie miteinander aus? Er sammelte ja alte Waffen, wo fand er die jeweils?»– Oder Franziska betreffend: «Seit wann hatte sie als Physiotherapeutin eine eigene Praxis? Wer waren ihre Kunden? Stimmt es, dass es sich dabei auch um gut betuchte Herren handelte?»
Auf die Frage, ob er Paolo gehasst habe, antwortete Hannes ausweichend, präzisierte dann, im Grunde habe er nie hassen können.
«Wirklich nicht? Aber Sie wären froh, wenn Sie ihm nie begegnet wären?»
«Man kann seine Begegnungen nicht auswählen. Man kann sie auch nicht rückgängig machen.»
«Da haben Sie recht, geht mir genauso.» – «Und Ihre Begegnung mit Ihrer Frau?»
«Die kam für mich völlig unerwartet. Ich habe lange versucht, ihr auszuweichen.»
«Wieso denn?»
«Weil ich Angst hatte.»
«Angst? Aber Sie machen mir nicht den Eindruck eines ängstlichen Menschen. – War es denn die erste Frau in Ihrem Leben?»
«Nein, die erste nicht, aber sie war anders als andere Frauen. Sie war unheimlicher.»
«Können Sie mir das näher erklären?»
«Sie war unberechenbar, sie hatte eine dämonische Seite. Vielleicht faszinierte mich das.»
«Sie waren in Griechenland, sind dann vor den andern heimgekehrt – angeblich wegen Kopfschmerzen.»
«Ich hielt es nicht aus, fern von ihr zu sein.»
«Trotz jener schönen Griechin, die Ihre Gruppe leitete und die Ihnen offenbar gefiel?»
«Ach, das wissen Sie auch? Ja, die war tatsächlich schön, aber vor allem erinnerte sie mich an Franziska; ich weiss nicht warum, aber ich sah in ihr ständig meine Frau.»
«Haben Sie es ihr gesagt?»
«Was gesagt?»
«Dass sie Ihnen gefalle.»
«Ich denke, sie hat es gemerkt.»
Eine Weile schien der Kommissar über etwas nachzudenken, kritzelte dabei mit seinem Stift schräge und senkrechte Striche auf ein Blatt – eine Art Regen-Zeichnung wie bei Klee oder Flora. Auf seine Frage, warum Paolo ihn ab und zu ‹Gaspard de la nuit› nannte, musste Hannes lachen. Er hatte früher oft jenes so betitelte Werk von Ravel gespielt. Zudem habe vielleicht dieser Übername zu ihm gepasst.
«Wegen der Nacht?»
«Ja, vielleicht.»
Er blätterte in seinem Dossier: «Sie haben offenbar ein enges Verhältnis zu Ihrer Schwester Sonja. Ich übergehe ein Vorkommnis, von dem mir Ihre Stiefmutter Lille erzählt hat. Mich interessiert etwas anderes, nämlich das Verhältnis Ihrer Schwester Sonja zu Ihrer Frau. Wie kamen die miteinander aus?»
Hannes zuckte die Achseln.
«Es heisst, Ihre Schwester sei sehr impulsiv. War sie eifersüchtig?»
«Kennen Sie Frauen, die nicht eifersüchtig sind?»
«Sie weichen meiner Frage aus, Herr Monstein. – Anders gefragt: Hat Ihre Schwester Sie geliebt?»
«Mich geliebt? Wie kommen Sie darauf?»
«Es wäre doch denkbar, nicht?»
«Natürlich wäre es denkbar, aber ich weiss nicht, worauf Sie mit Ihrer Frage hinauswollen.»
Der Kommissar insistierte nicht. Nachher war von Plözzer die Rede, von seinem Absturz, seinem vorangegangenen Streit mit Paolo. Der Kommissar wusste, dass es dabei um ein Stück Bauland bei Stäfa ging, das Paolo kaufen wollte und das ihm Plözzer wegschnappte.
«Was war dieser Plözzer für ein Typ?»
«Eine Art Schwergewicht. Kantonsrat, Immobilienhändler, steinreich, grosszügig. Zudem ein bisschen verrückt.»
«Inwiefern verrückt?»
«Er stellte gern die Welt auf den Kopf, hatte eine Vorliebe für Paradoxe. Exzentrisch wie er war, behauptete er zum Beispiel, ein Mord sei für ihn etwas völlig Normales, jedenfalls nicht eine Frage der Moral, sondern des klaren Verstandes und des Selbstwertgefühls.»
Diese Aussage musste Hannes wiederholen. Während Grädel notierte, klopfte jemand an die Tür; er ging hinaus, unterhielt sich mit jemandem, kam wieder zurück, setzte sich, blätterte in seinem Dossier. Irgendwo tauchten ein paar Fotos auf – Hannes erkannte flüchtig sein Haus, sein Wohnzimmer und das Sofa. Der Mann schien etwas zu suchen. Nachher, halb abwesend, zeichnete er wieder Regenstriche. Ohne aufzuschauen, fragte er:
«Und Sie, was denken Sie über diesen Mord?»
Hannes schüttelte den Kopf. Er wusste es nicht.
«Stimmt es, dass Sie ab und zu unberechenbare Reaktionen haben?»
«Wer ist schon berechenbar? Ich bin auch nur ein Mensch.»
«Es heisst, dass Sie manchmal plötzliche Wutanfälle haben.» Hannes schwieg, er fuhr fort: «Da gab es zum Beispiel in Ihrer Jugend eine Auseinandersetzung mit ihrem Stiefbruder Paolo, an einem Flussufer, wo Sie ihn beinahe gesteinigt hätten. Offenbar hatten Sie ihn so unglücklich getroffen, dass er bewusstlos am Boden lag. Könnten Sie mir das etwas genauer erzählen?»
«Nein, ich mag nicht. Wozu die Vergangenheit aufwühlen?»
«Es ist sicher besser, darüber zu reden, als es zu verdrängen.»
«Ich verdränge es ja gar nicht.»
«Dann sagen Sie mir doch, wie es war.»
«Einfach ein Streit. Er hatte mich ins Wasser gestossen, worauf ich einen Stein nach ihm warf; nachher lag er am Boden, und ich wusste nicht, was tun.»
«Hatten Sie Angst?»
«Natürlich.»
Der Kommissar schwieg, ihm ins Gesicht schauend. Die merkwürdige Stille dieses Mannes. Hannes fragte ihn:
«Sagen Sie, Herr Grädel, ist dies eigentlich ein Verhör?»
«Aber nein, wer redet hier von Verhör. Ich versuche nur herauszufinden, wer Sie sind. Verstehen Sie? Sie interessieren mich, und deshalb unterhalte ich mich mit Ihnen.»
«Privat oder dienstlich?»
«Ach, wissen Sie, das geht bei mir immer ein bisschen ineinander. Ich kann den Beruf nie ganz von mir abstreifen.»
«Sodass jeder, dem Sie begegnen, im Grunde ein Krimineller sein könnte?»
«Nein, das sehen Sie falsch. Aber wenn man es ein Leben lang mit Menschen zu tun hat, entsteht mit der Zeit eine gewisse Neugier, über den Beruf hinaus.»
Es dämmerte bereits, und im Halbdunkel schien sein Gesicht leicht verändert. Endlich stand er auf, sie verliessen das Zimmer. Draussen wieder eine Treppe, ein Gang und nochmals eine Treppe. Grädel begleitete ihn bis zum Ausgang, wo sie sich verabschiedeten. Als Hannes nach ein paar Schritten flüchtig zurückschaute, stand der Mann immer noch in der Tür, winkte kurz mit der Hand.
Auf dem Heimweg erinnerte er sich an jenen Vorfall. Sie waren damals noch halbwüchsig, dreizehn- und vierzehnjährig, sie weilten in Falön in den Ferien, spielten eines Tages am Flussufer. Er zeigte Paolo, wie man flache Steine so über das Wasser werfen konnte, dass sie an den Wellen abprallten und weiterhüpften. Einmal geschah Folgendes: Er stand auf einem abgeschliffenen Steinbrocken, als ihm Paolo plötzlich von hinten einen wuchtigen Stoss versetzte. Er stürzte ins Wasser, wurde ein paar Meter fortgeschwemmt, konnte sich aber wieder aufrichten und ans Ufer steigen. Passiert war nichts, ausser dass er platschnass war, während Paolo laut lachte. Er war masslos wütend, begann Steine nach ihm zu werfen; einer traf ihn am Kopf, Paolo fiel hin und lag dann reglos am Boden. In einer plötzlichen Verwirrung wusste er nicht mehr, was passiert sei, er sah nur Sandbänke und eilende Wellen, während das Rauschen des Flusses immer lauter wurde. Zum Glück erschien jemand, man brachte den Verletzten zu einem Arzt, wo er sich langsam erholte. Eine Zeit lang trug er einen Verband um den Kopf, hatte oft Schwindelanfälle, bis es ihm allmählich besser ging und er das Geschehene wieder vergas.
Hannes selber konnte nicht vergessen. Die Erinnerung verfolgte ihn wie ein Schatten.
Das Begräbnis hätte im engeren Familienkreis stattfinden sollen, doch erschienen dann mehr Leute, als einem lieb war. Die Menschen langweilen sich und sind froh, wenn einmal etwas passiert. Während der Geistliche vor den zwei Gräbern redete, zählte er unauffällig die Anwesenden. Im ganzen etwa siebzig Personen. Irgendwo sein Chef Dr. Rehberg, der Dichter Isidor Turell, Kunstmaler Möcklin und Frau, dazu Charles, sein Mitarbeiter der FAVILLA. Ganz vorne die Leidtragenden – Lille, die Schwiegereltern, Franziskas blonde Patin, in der Mitte, am Arm gestützt, sein Vater. Er selber stand mit Sonja etwas erhöht auf der Seite gegenüber. Vor ihnen zwei Erdhaufen, zerschnittene Wurzeln, Blumen und Totenkränze. Sein Freund Leon war nicht da. Hingegen sah er irgendwo den pensionierten Kommissar Locher. Sein verwittertes Bauerngesicht. Er stand etwas am Rande, Hut in den Händen, Gebete schienen nicht seine Stärke; einmal strich er sich mit der Hand über den borstigen Schädel und blinzelte am Kirchturm in die Höhe.
«Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn …» Jemand schaufelte Erde in beide Gräber, Frauen warfen Blumen hinein, auch Sonja. Das Stillstehen ermüdete. Übrigens war es zu warm für die Jahreszeit – Mitte April, das war früher noch Vorfrühling, während heutzutage die Hitze immer überfallartiger hereinbrach. Wahrscheinlich herrschte Föhn. Man sah bewegtes Gezweig, junges Laub, irgendwo hinter der Mauer blühte ein Kirschbaum. Der Himmel fast dunkelblau.
Er war froh, als man nach der Grabzeremonie den kühlen Kirchenraum betreten konnte. Drinnen tönte Orgelmusik. Als sich die Leute gesetzt hatten, folgte eine Stille. Dann wieder die Stimme des Geistlichen, wieder ein Gebet, hierauf die Trauerrede, von der er mangels Konzentration fast nichts mitbekam. Er realisierte höchstens, dass einmal mehr Paulus das passende Stichwort lieferte. Stichworte, dachte er, das war immer etwas vom Wichtigsten. Stichworte waren auch Paolos Stärke gewesen, mit ihnen hatte er oft lebhafte Diskussionen ausgelöst. Bei Paolo ging es überhaupt immer lebhaft zu. Seltsam zu denken, dass er und Franziska jetzt für immer verstummt waren. Während der Pfarrer auf seiner Kanzel redete, dachte er an die beiden Gräber da draussen, beide dicht nebeneinander, sodass sie, falls es eine Totensprache gab, fast miteinander flüstern konnten. Die gute Lille war sogar auf den Gedanken gekommen, sie im selben Grab beizusetzen – ein Vorschlag, den der Vater entrüstet zurückgewiesen hatte; als wäre der Skandal nicht schon gross genug gewesen!
Hannes betrachtete den frisch restaurierten Kirchenraum. An der Mauer ein paar bleiche Fresken, in der Mitte ein segnender Christus, im Chor drei sonnendurchtränkte Farbfenster. Einmal, während der Pfarrer redete, kam ihm seine verstorbene Mutter in den Sinn, und er fragte sich, wie es für sie gewesen wäre, wenn sie Franziska gekannt hätte.
Nach der Predigt folgte eine Cello-Suite, hierauf sprach ein Rotarier, dann ein Tennisspieler, dann ein Offizier, dann wieder der Pfarrer. Hierauf Orgelmusik – «Nun kommt der Heiden Heiland» – ein Stück, das er selber oft auf dem Klavier gespielt hatte. Alles in allem, bis zum Schlussgebet, dauerte die Feier eineinhalb Stunden.
Draussen stand er mit den Angehörigen eine Weile vor den zwei Gräbern. Lille, Franziskas Mutter und die blonde Patin trockneten sich die Tränen. Unweit von ihnen, nahe an der Mauer, befand sich ein Komposthaufen, auf dem drei Raben krächzend um einen Brocken stritten.
Die meisten Trauergäste hatten sich entfernt, nur ein paar wenige standen noch herum. Ex-Kommissar Locher kam auf ihn zu, drückte ihm die Hand, nahm ihn freundschaftlich beim Arm und wanderte mit ihm auf Kieswegen dem Ausgang zu. «Wie traurig, mein lieber Monstein», sagte er. «Zwei so lebensfrohe Menschen, die auf diese Weise das Irdische segnen müssen, wobei es hier nicht gerade segensreich zuging. Sehen Sie, ich hatte beruflich ein Leben lang mit Morden zu tun, Gewalttaten waren mein hartes Brot, aber von Abhärtung ist in mir nicht die Rede, im Gegenteil, so etwas geht mir noch immer an die Nieren. Und für Sie selber, als sensiblen Menschen, wird es doppelt schwer sein. Hören Sie, wenn Sie einmal das Bedürfnis haben, Ihren Schmerz von der Seele zu reden und jemandem Ihr Herz zu öffnen, dann melden Sie sich doch. Rufen Sie mich an, oder kommen Sie einfach. Für Sie habe ich immer Zeit.»
Dankbar war er für sein einfaches Büro, wo ihn niemand störte. Es waren im Haus knapp zwanzig Personen angestellt. Einzelne, zum Beispiel Charles, bekundeten offen ihr Beileid, andere schienen befangen oder grüssten zu freundlich. Am spontansten wie immer Frau Walter, die mütterliche Sekretärin, mit der er immer gut auskam. Sie war verwitwet, hatte ihm einmal vom Unfalltod ihres Mannes erzählt, der als Eisenbahn-Monteur auf dem Dach einer Lokomotive mit dem Starkstrom in Kontakt gekommen und dann gleichsam in einem blauen Blitz verschwunden war. Das erzählte sie nicht etwa klagend, sondern ganz ruhig, als wäre so ein Starkstromblitz das Natürlichste von der Welt. Er habe, erzählte sie, in seinem Sarg trotz Brandwunden wie ein Schlafender ausgesehen … Heute, als Hannes nach seiner längeren Abwesenheit erschien, beteuerte sie, sie habe die ganze Zeit an ihn denken müssen: «Wissen Sie, Herr Monstein, es trifft immer diejenigen, die es am wenigsten verdienen, aber Gottes Wege sind unergründlich.» Sie hielt seine Hände, es sah fast aus, als wünschte sie eine Umarmung. Bevor er wegging, fragte sie leise: «Gibt es schon eine heisse Spur?»
Sein Vater fragte ihn, ob er nicht für ein paar Tage wegmöchte – ein Kulissenwechsel, frische Luft, zum Beispiel bei ihrem Pächter im Unterengadin? Hannes antwortete, er sei jetzt nicht gerade auf Ferien erpicht, zudem müsse er für die Polizei jederzeit erreichbar sein. Der Alte, im Polstersessel sitzend, fragte: «Wie lange dauert das noch?»
«Ich weiss es nicht, Vater, ich weiss es wirklich nicht. Das kann noch lange dauern.»
Abends beim Einnachten wanderte er, wie schon immer, etwas umher. Betrachtete dabei die Leute, die auf ihn zukamen, als wäre es noch immer möglich, unverhofft ein bestimmtes Gesicht zu sehen. An der Kaibrüstung blieb er stehen und schaute auf den Fluss hinunter, sah in der Dämmerung die lautlose Strömung, das Weiss von Möwen. In einer Seitenstrasse wurde noch gearbeitet – Geräusch einer Maschine, warmer Rauch, ein Duft von Teer, italienische Stimmen. Weiter hinten kam ein stilleres Quartier, irgendwo die Bahnpasserelle. Er stieg hinauf, blieb eine Weile oben, während unten beleuchtete Züge vorbeifuhren. Man sah schimmernde Geleise, irgendwo ein rotes Signallicht. Rechts unten, unweit der Bahnlinie, das kleine Café, in welchem er eines Abends mit Franziska gewesen war, kurz nach ihrer Bekanntschaft; beim Weggehen hatte sie ihren Schal vergessen, er war zurückgeeilt, um ihn zu holen. Sie wartete auf der Passerelle, er sah ihre Silhouette; als er oben war, hatte sie sich versteckt, näherte sich von hinten, schnappte ihm den Schal aus der Hand und legte ihn blitzschnell um seinen Hals, wie eine Schlinge. Dabei lachte sie.
Am schwierigsten immer die Abende zu Hause, wenn es nichts zu tun gab. Er mochte weder Fernsehen noch Radio, Lektüre ging nicht, schreiben noch weniger; Musik ertrug er überhaupt nicht, nicht einmal Bach. Klavier spielen kam ohnehin nicht in Frage, zumal er das Aufenthaltszimmer, wo sein Flügel stand, nicht betreten mochte. Das eigene Haus schien unbewohnbar zu werden. Einmal wollte er in Franziskas Tagebuch lesen. Er nahm es aus der Schublade, blätterte kurz darin und legte es wieder zurück.
Eines Nachmittags, als er heimkam, waren Lille und Francine da, mit dem Einpacken von Franziskas Sachen beschäftigt. An sich wusste er, dass sie hier sein würden, doch unterdessen hatte er es vergessen. Er grüsste, warf einen Blick in das Zimmer, sah offene Schränke und Schubladen, am Boden zwei offene Koffer. Hierauf begab er sich in sein Arbeitszimmer, setzte sich an den Tisch und machte sich daran, noch ein paar letzte Kondolenzbriefe zu beantworten; er benutzte hierzu die gedruckten Karten mit der Danksagung und den Namen der zwei Hingeschiedenen, versah sie mit seiner Unterschrift, fügte da und dort etwas Persönliches hinzu. Oben vernahm er die Stimmen der beiden Frauen, fragte sich, wie lange ihre Einpackerei noch dauern würde.
Einmal klopfte Lille an die Tür, fragte ihn, ob er ihr helfen könnte, einen Koffer ins Freie zu tragen. Er ging hinaus. Zu zweit ging es nicht gut, sodass er das schwere Ding allein die Treppe hinunterschleppte; Lille öffnete ihm die Haustür, draussen den Kofferraum von Francines Auto. Nachher, wieder in seinem Zimmer, tat ihm die rechte Hand so weh, dass er nicht mehr schreiben konnte. Er steckte sich eine Zigarette an, rauchte, zum Fenster hinaus schauend. Sein Garten war mit Löwenzahn übersät, irgendwo blühte eine gelbtolle Forsythie.
Als er wieder das Zimmer verliess und auf den Balkon hinausging, hing da an einer Leine Franziskas rotes Abendkleid, dasjenige, das sie oft auf Partys getragen hatte. Eine Weile, halb abwesend, stand er da und schaute. An sich war nichts dabei, ein karminrotes Frauenkleid, das sich sanft im Frühlingswind bewegte. Doch ohne zu wissen, wie es kam, begann er auf einmal zu schreien. Die zwei Frauen eilten herbei, bleich vor Schreck. Was war denn passiert? Er schrie wie ein Übergeschnappter, als hätten sie etwas verbrochen, nur verstanden sie kein Wort. Hierauf kehrte er in sein Zimmer zurück, die Tür laut zuknallend.
***
Entschuldige, Leser, ich erzähle dies so, als handelte es sich um einen andern. «Je, c’est un autre», wie es der geniale Rimbaud gesagt hatte. Aber man kann sich nicht auf andere abschieben – ich spüre, dass ich auf schreckliche Weise ich selber bin. So bleibe ich besser bei der ersten Person, mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt.
Ich notiere, was mir so in den Sinn kommt, ohne Plan, eine Art écriture automatique, so kunstlos wie möglich. Von der Familie nur en passant, also nur die Eltern, meine Schwester Sonja und mein unterdessen zu Tode gekommener Stiefbruder Paolo.
Franziska selber, die mit ihm dahingegangen ist, wird erst später auftreten, obwohl sie mir dauernd vor der Seele schwebt. Ich sehe sie Tag und Nacht, manchmal nur schemenhaft, dann wieder deutlich wie ein lebendes Wesen. Letzthin zum Beispiel, als ich nach Hause kam, sass sie auf dem Bänkchen vor dem Eingang; wie ich betroffen stehen blieb und hinstarrte, winkte sie kurz mit der Hand, verschwand hierauf wie ein Luftgespinst. Im Traum sehe ich ihr Gesicht, ihre Goldglanzaugen, ihren auf mich gerichteten Blick. Sie war für mich alles in allem ein sehr dunkler Engel, durch den ich Himmel und Hölle kennenlernte.
Ich versuche es zunächst mit der Gegenwart, das heisst mit der Gegenwart von einst, obwohl diese Gegenwart natürlich für immer vorbei ist. Es ist überhaupt etwas Merkwürdiges mit der Zeit, die uns dauernd zu schaffen macht: bald sind wir froh, dass sie vorbei ist, dann wieder möchten wir, dass sie zurückkäme.
Mein Vater, Hans Rudolf Monstein, Inhaber eines Möbel- und Teppichladens, ist ein noch stattlicher Herr mit dem Gesicht einer Respektsperson, obwohl er genau genommen zu jenen gehört, die äusserlich mehr vorstellen, als was sie in Wirklichkeit sind. Sonst ein ehrlicher Mann, zu Hause gelegentlich ein Polterer mit altersbedingten Zornstimmungen. Als ich zwölfjährig war, starb meine liebe Mutter, worauf er eine um zehn Jahre jüngere Witwe heiratete, Lilian Blum, geborene Brändli. Meine Stiefmutter (wir nennen sie Lille), ist an sich eine herzensgute Person, freigebig und hilfsbereit, hat öfters armen Familien mit Geld oder Lebensmitteln geholfen. Von Natur eher extravertiert, erzählt gern von Partys und Small Talks, umschwärmt Künstler, Erfolgsautoren, Schauspieler – ein Fimmel, den sie übrigens mit Vater teilt. Ich erinnere mich an die Geschichte mit Daniel Barenboim. Wir machten Ferien in Pontresina, Barenboim gastierte als Pianist und Dirigent bei den Engadiner Konzertwochen. Vater hätte den berühmten Mann gern getroffen, doch wurde ihm mitgeteilt, Herr Barenboim könne niemanden empfangen. Lille hingegen, ohne uns ein Wort zu sagen, fuhr nach St. Moritz hinüber, suchte ihn zuerst im Hotel Kulm, dann in Badrutts’s Palace, fand ihn schliesslich im grossen Saal der Laudinella, wo er, von der Aussenwelt abgeschirmt, am Klavier übte. Sie fand eine Putzfrau, die sich von ihr bestechen liess und ihr eine Hintertür öffnete. Ich stelle mir vor, wie Barenboim erstaunt innehält, während sich die Dame aus dem Hintergrund nähert, ihn um Entschuldigung bittet und gleich zu reden beginnt, während er, am Flügel sitzend, mit der linken Hand leicht über die Tasten klimpert. Übrigens hat sie mein Notenalbum (‹Daheim am Klavier›) mitgenommen, bittet um ein Autogramm für ihren hochbegabten Stiefsohn, ein Wunsch, den ihr der Pianist rasch und wortlos erfüllt, sich dann wieder dem Instrument zuwendet und weiterübt, während sie noch eine Weile auf Distanz zuhört und dann leise verschwindet. Abends erzählt sie uns in einer Wolke von Enthusiasmus, wem sie begegnet ist. «Ein herrlicher Mensch!», sagte sie. «Er hat sanfte Augen wie viele Juden, auf dem Schädel noch einen leichten Flaum, wie Wollgras. Ich fand ihn reizend – weltberühmt und so menschlich.»
Ich sehe noch Vaters frustrierte Miene. Er war buchstäblich sprachlos.
Meine Schwester Sonja arbeitet in einem Warenhaus als Leiterin der Haushaltsabteilung, hat ihre Dreizimmerwohnung in der oberen Etage des Elternhauses, im Estrich ein Atelier, wo sie ihre bald düsteren, bald skurrilen Bilder malt. Sie war mit Philipp (Journalist) verheiratet, allerdings nicht lange, weil sie wie Hund und Katze zueinander passten. Ich frage mich, wie sie damals überhaupt zueinander gefunden hatten, doch ich weiss gut genug, wie rasch man Feuer fängt. Bei der Frau ist es zudem so, dass die Verliebtheit manchmal schon vor der Bekanntschaft da ist. Nach einem Jahr trennten sie sich wieder, aber ohne den Kontakt abzubrechen.
Ich selber bin dankbar um diese Schwester, habe sie trotz ihrer gelegentlichen Wutausbrüche immer gemocht. Harro, ihr schwarzer Neufundländer, scheint ihre Wesensart assimiliert zu haben. Am liebsten liegt er auf ihrem Bett, obwohl er genau weiss, dass er das nicht darf. Sie schimpft dann mit ihm und jagt ihn weg. Einmal liess er es auf eine Kraftprobe ankommen, biss ihr in den Arm; sie schlug ihn mit einer bronzenen Statuette auf den Kopf, worauf er laut bellte und endlich ging. Aus Rache zerfetzte er, als er allein war, ein auf dem Boden liegendes Kunstlexikon.
In meiner Jugend hatte ich kaum mit jemandem eine so enge Beziehung wie mit ihr. Hier zögere ich, aber um ganz ehrlich zu sein, will ich zugeben, dass wir einmal die Grenze der geschwisterlichen Zuneigung überschritten. Ich meine, wie Sonja und ich, damals noch halbwüchsig (ich dreizehn und sie zwölf), das älteste Spiel entdeckten, das uns die Natur mitgegeben hat. Ich sehe unseren Garten, irgendwo im Gebüsch das morsche Bänkchen, auf den sich sonst niemand mehr setzte. Begonnen hatte es damit, dass mir Sonja mein Taschenmesser entwendete und sich damit davonmachte. Es war schon fast dunkel, ich rannte ihr nach, bis sie irgendwo stolperte und ich sie erwischte. Sie hielt das Messer fest in der Hand, eine Weile balgten wir uns am Boden, richteten uns endlich auf, beide ausser Atem; ich umklammerte sie, worauf sie das Messer wegwarf. Da war dieses schiefe Bänkchen, wir liessen uns darauf nieder. Ich erinnere mich, wie ich trotz Dämmerung ihre Röte sah, wie ich (vielleicht ohne zu wissen, was ich tat) zwischen ihren Beinen eine bestimmte Stelle suchte und bald auch fand, wie sie zusammenzuckte, die Knie aneinanderpresste, dabei mit zischendem Atem sich an meinen Arm krallte. Ich erinnere mich an den Duft ihrer Haare, an den Duft von feuchtem Laub, dann, wie drüben das Licht anging und man nach uns rief. Auch daran, wie uns Mutter in den folgenden Tagen argwöhnisch beobachtete, weil ihr aufgefallen sein mochte, dass wir abends beim Einnachten immer wieder im Garten verschwanden und man nichts hörte. Bis sie uns einmal, als wir wieder auf jenem Bänkchen sassen, buchstäblich in flagranti ertappte. Wir sahen ihre Gestalt im Dunkeln, wir duckten uns wie Adam und Eva. Sie holte uns hurtig ins Haus, wo sie uns auf Romanisch eine fürchterliche Szene bereitete; für mich, bei meiner starken Mutterbindung, eines der schlimmsten Erlebnisse meiner Jugend, zumal sie tagelang nicht mehr mit mir redete. Sonja, mit ihrer wilderen Natur, bewältigte alles wahrscheinlich leichter.
Die Sünde hat ein gutes Gedächtnis; an nichts erinnere ich mich so gut wie an meine Vergehen. Abgesehen davon bin ich froh um diese Schwester. Wir sind uns in vielem ähnlich, beide wechselhaften Gemüts, wankend zwischen Aufschwüngen und stillen Verzweiflungen. Sie ist musikbegabt, spielt ordentlich Violine, nur übt sie leider zu wenig, Geduld ist nicht ihre Stärke. Hie und da musizieren wir miteinander … Eigentlich müsste ich sagen: Wir musizierten. Das wird nun vorbei sein.
Mein Stiefbruder Paolo ist etwa gleich gross wie ich, vielleicht etwas kräftiger, nicht zu schlank und nicht zu dick, ein gut aussehender Mann mit lebhaften Augen und selbstbewusster Miene, einer, der überall rasch auffällt, auch bei den Frauen.
Ich selber habe weder seine Lebhaftigkeit noch seine Erscheinung. Bei der eigenen Geburt (oder beim fatalen Moment unserer Entstehung) hat man Glück oder Pech, und der Herrgott schert sich einen Teufel um unser Aussehen. Man sagt mir, dass ich ein interessantes Gesicht habe und dass ich dem jüngeren Jean Gabin gleiche. Ich beklage mich nicht über mein Äusseres, leide höchstens an einer leichten Asymmetrie: meine linke Schulter ist ein kleines bisschen höher als die rechte, das eine Bein zudem eine Idee kürzer als das andere, daher mein unmerkliches Hinken, ein leicht federnder Gang, was Paolo gelegentlich zu lustigen Bemerkungen veranlasst: «Unser tänzelnder Gaspard de la nuit.» In Kleiderläden gehe ich denkbar ungern, weil es für mich keine Konfektion gibt. Leide ich an einem Komplex? In meinen Knabenjahren war alles noch kein Problem, zumal ich an Kraft und Wendigkeit niemandem nachstand. Ich konnte Ski fahren, spielte gern Fussball, ich fürchtete keine Rauferei. Selbstskepsis, das begann erst in den Jünglingsjahren, im Alter der Selbstbetrachtung. Holde Jugendzeit, mit deinen verräterischen Spiegeln!
Als Paolo, damals achtzehnjährig, einen Tanzkurs besuchen durfte, wollte man es mir verheimlichen, doch er selber, mitteilsam wie er war, erzählte mir davon, im Schlafzimmer. Am schönsten, sagte er, sei es immer mit der Eva Kühne aus meiner Klasse: «Wenn ich die in den Armen halte und ihre Brust spüre, rinnt mir das Blut ganz warm durch die Adern; ich könnte mich nächtelang mit ihr im Kreise drehen, oder auch nur stillstehen und ein bisschen hin- und herwiegen, einfach so, verstehst du? Sie hat einen sanften und zugleich festen Körper, was man sogar durch die Kleider spürt. Ab und zu kann es passieren, dass man sich zufällig mit den Beinen berührt – völlig unabsichtlich. Eigentlich etwas Irrsinniges, Hannes! Ich weiss nicht, ob du dir das vorstellen kannst.»
Ich lag im Bett, Hände unter dem Kopf. Ich konnte es mir durchaus vorstellen. Eines Abends stand ich vor dem Gebäude, in welchem sein Tanzkurs stattfand. Von einem erhöhten Parkplatz sah ich in den Saal hinein, durch die Ritzen der Vorhänge ein Schaukeln und Drehen, dazu Musik, dazwischen die laute Stimme des Tanzlehrers.
Ich blieb, bis es zu Ende war und die Gesellschaft herauskam. Zu Hause wartete ich auf Paolos Heimkehr. Mitternacht war schon vorbei, als er leise ins Zimmer trat, sich auszog und ins Bett schlüpfte. Ich schlief. Damals lernte ich einen Schmerz kennen, der wie Kohlenglut brannte und von dem ich nicht wünschte, dass er nicht wäre.
Ich weiss nicht, was aus der Eva Kühne (mit ihrem sanften und zugleich festen Körper) geworden ist. Ich weiss nur, dass Paolo seit damals mit einer ganzen Reihe von Evas getanzt hat und noch immer tanzt. Der Erfolg bleibt ihm treu, wobei es keine Rolle spielt, ob das mit seinem Äussern zu tun hat, mit seiner Redegewandtheit oder mit einer Ausstrahlung der Person, von der man nie genau weiss, woher sie kommt. Wenn ich zum Beispiel mit ihm ein Lokal betrete, wo uns niemand kennt, fällt mir gleich auf, wie er die Blicke auf sich zieht. Es ist etwas wie Magnetismus. Ein seelisch ausgeglichener Mensch ist er überhaupt nicht, im Gegenteil, seine Stimmungen wechseln wie Wetterlaunen, eine Weile heiter und gut gelaunt, dann von einem Moment zum andern unwirsch und aggressiv, als hätte man ihn beleidigt oder nicht ernst genommen.
An sich plaudere ich gern mit ihm, weil er enorm viel weiss. Leider kann er den Schulmeister nie ganz abstreifen. Je nachdem, wenn jemand etwas erzählt, sagt er leichthin: «Donnerwetter, Donnerwetter!», oder: «So, so, sieh mal da – hätte ich nie gedacht.» Bei ungefährlichen Gegnern kann er seine eigene Meinung zum Schein preisgeben. Hat er es aber mit einem Überlegenen zu tun, so schüttelt er den Kopf, verzieht den Mund, winkt mit der Hand ab und lächelt ironisch. Doch wenn es ihm gelingt, den andern mundtot zu machen, so entspannt er sich rasch und gibt ihm ohne weiteres zu, dass auch seine Ansicht etwas für sich hat, nur dürfe man dies oder jenes nicht vergessen, man müsse immer alles ein bisschen kompliziert darstellen usw.
Das Gespräch ist sein Element, seine Stärke die Improvisation. Je mehr Leute da sind, desto lebhafter setzt er sich in Szene. Er ist imstande, einen vollen Saal zu unterhalten, bald ernst und tiefsinnig, bald witzig und clownesk. Er hat einen Hang zum Theatralischen, kann irgendein Thema geistvoll oder komödiantisch variieren, mit einer Anekdote Staunen oder Lachen hervorrufen.
Er ist in vielem bewandert, aber eigentlich ohne den Dingen auf den Grund zu gehen. Was er weiss, kann er glänzend vortragen und man neigt rasch dazu, ihm recht zu geben. Es kommt sogar vor, dass Sachkundige trotz besseren Wissens auf seine Suggestivität hereinfallen. Natürlich gibt es auch solche, die ihm nicht alles abnehmen, zum Beispiel sein Freund Henlin, ein begabter Spötter, der ihm etwa sagt: «Paolo, nicht so viel Butter», oder: «Verzapfe keinen Tiefsinn.»
Wie dem auch sei: In Gesellschaft kommt es einzig darauf an, nicht langweilig zu sein, alles andere wird verziehen. Eines der schlimmsten Weltübel ist die Langeweile, und deshalb niemand so beliebt wie der Langeweile-Vertreiber.
Es ist haarsträubend, wie zuletzt alles vergeht. Eines Tages merken wir, dass sich etwas gründlich verändert hat, und wir verstehen nicht warum. Im Grunde verstehen wir überhaupt nichts. Wahrscheinlich habe ich auch Paolo nicht verstanden, solange ich ihn gekannt habe. Heute, da er nicht mehr lebt, denke ich oft mit einer leisen Melancholie an ihn zurück.
De mortuis nil nisi bene – einverstanden, aber ich versuche nur, ihn zu charakterisieren, was hoffentlich noch erlaubt sein wird. Ich sage nur, dass er es einem nicht immer leicht machte. Er gehörte zu jenen, die andere am Ärmel zupfen, ihnen die Krawatte zurechtrücken, bald auf die Schulter klopfen und bald übers Maul fahren. Ich habe mich oft über ihn geärgert, aber ich möchte nicht, dass ich ihn nicht gekannt hätte. Letzten Endes profitieren wir von solchen Menschen mehr als von den Farblosen, von denen es bei Dante heisst: «Quelli che mai non furon vivi, non ragioniam di lor …»
Heute Mittag eine Weile auf dem Friedhof. Um diese Zeit sieht man da relativ wenige Leute. Da und dort eine trauernde Witwe, ein vereinsamter Senior. Oben bei der Mauer die beiden Gräber. Zwei verwelkte Kränze sind noch da, dazu frische Blumen. Es war regnerisch und kalt. Unglaublich, wie wir auf das Wetter reagieren.
In der Zeitung wieder ein Artikel über jenen Gattenmord in der Westschweiz, der vor Jahren viel zu reden gab. Der Angeklagte – in einem ersten Prozess für schuldig befunden und hinter Gitter gekommen – war bei einem Revisionsverfahren freigesprochen worden, der Fall vom Kassationsgericht ad acta gelegt. Als der Staatsanwalt kurz danach ein neues Gerichtsverfahren anvisierte, fragte man ihn, ob er da nicht Zwängerei betreibe. Er sagte, er sei dafür verantwortlich, dass Verbrechen aufgeklärt werden, es störe ihn, dass der Mörder frei umherlaufe. Auf die Frage eines Journalisten, ob überhaupt noch eine Erfolgsaussicht bestehe, meinte er, der Handlungsspielraum sei in der Tat schmal geworden, aber es gebe nach wie vor die Möglichkeit des Zufalls.
Ich frage Kommissar Grädel (der mich wieder zu einem Glas Bier eingeladen hat), was er darüber denke. Er hat eine Art, auf gewisse Fragen mit einem Lachen zu antworten, als wäre sein Beruf eigentlich eine heitere Sache.
«Ja, ja, der Zufall», sagt er. «Kann manchmal sehr merkwürdig sein, hat oft etwas Mysteriöses, wie ein Wink aus dem Unbekannten. Ich bin zwar nicht sehr gläubig, aber manchmal frage ich mich doch, woher die Zeichen kommen.»
***
Ich habe nicht die Absicht, in diesem Bericht mich selbst darzustellen. Die viel gerühmte Selbsterkenntnis – ich glaube nicht daran. Und sogar wenn wir sie hätten, was würde sie uns nützen? Wichtig ist nur, dass wir uns selbst akzeptieren, so wie wir sind, mit allen Schwächen und Fehlern. Letzten Endes eine Frage der Gerechtigkeit uns selbst gegenüber.
Auch ich hatte meine Jugendträume. Vor allem einen: Konzertpianist. Ich sah mich auf dem Podium, ruhig am Instrument sitzend, ohne in den Tasten zu wühlen, ohne wie die Russen mit den Armen zu fuchteln, ohne die Grimassen von Alfred Brendel, ohne wie Glenn Gould halblaut mitzusingen. Ich spielte Bach, zum Beispiel das archaisch stille Präludium in es-Moll, oder «Nun kommt der Heiden Heiland». Mein Ideal war Dinu Lipatti. Die verhaltene Spannung, mit der er zum Beispiel jenes Nocturne in Des-Dur von Chopin spielte, als Zugabe; jemand hatte das am Radio aufgenommen, wobei man aus einem störenden Nebenkanal die Stimme einer hastig redenden Frau hört; ich frage mich, wer war diese Frau und was hatte sie so dringend zu sagen. Sonst kann man bei Tonträgern störende Geräusche entfernen, doch diese Stimme liess sich offenbar nicht ganz löschen. Man versteht zwar kein Wort, doch im Hintergrund ist sie immer da, wie für immer mit Lipatti verbunden. Er selber, unersetzlich wie wenige, starb erst 33-jährig, an Leukämie. Auserwählte, die zu früh dahingehen.
Ich betrachtete meine nervigen Hände, fragte mich, ob mir vielleicht durch sie eine Lebenschance geschenkt worden wäre. Schon als Zwanzigjähriger beherrschte ich ein ordentliches Repertoire, mit dem ich mehrere Klavierabende hätte bestreiten können. Einer der Professoren, dem ich am Konservatorium Ravels «Gaspard de la nuit» vorspielte, sagte mir nachher: «Weitermachen, Monstein.» Wenn der das sagte, bedeutete es etwas.
Leider zeigte der eigene Vater kein Verständnis. Sonst rannte er Solisten, Dirigenten und Sängerinnen nach, schlich sich buchstäblich in ihre Gesellschaft, schrieb ihnen Lobeshymnen, liess sich mit ihnen fotografieren, doch der eigene Sohn zählte nicht. Kein Ehrgeiz, kein Vaterstolz. Wenn jemand meine Begabung lobte, meinte er fast mitleidig: «Ach, was heisst schon Begabung? Die Konkurrenz ist heute viel zu gross. Wenn jetzt ganze Scharen hochbegabter Russen und Asiaten daherkommen, lauter Ausnahmetalente, verschwindet er daneben wie ein Schatten. Abgesehen davon ist er bereits zu alt, sein Zug ist längst abgefahren.» Und ein anderes Mal: «Man muss in Gottes Namen seine Grenzen sehen und sich bescheiden können. Warum sich zu Tode quälen, um zuletzt als braver Klavierlehrer für Anfänger bei Clementi zu landen und bei Czernys ‹Schule der Geläufigkeit›. Er kann doch zu Hause spielen, warum gleich an die Carnegie Hall denken?»
Ich schluckte wortlos Scham und Wut, doch einmal, in Anwesenheit von Abendgästen, wurde es zu viel. Ich spielte den am Tisch Sitzenden etwas vor, am Ende gab es Applaus und Lob, worauf er, wie in einer blöden Gewohnheit, mit seinem üblichen Kommentar kam, als geniesse er es geradezu, mich vor den Leuten zu demütigen. Diesmal beherrschte ich mich nicht, begann in einem Zornanfall loszuschreien, war dabei selber erstaunt, wie die Leute zusammenfuhren. Ich warf ihm vor, er behandle mich wie Dreck, er habe es darauf abgesehen, mich zu beschämen – ich war sein zufälliger Nachkomme und sonst nichts, gerade gut genug, seinen Möbelladen weiterzuführen und dabei zu verdummen wie er selbst. Ich schrie stotternd und halb weinend, sah dabei sein verstörtes Gesicht und die Betroffenheit der Gäste. Da mir zuletzt nichts mehr einfiel, ging ich die Tür zuknallend hinaus.
Während Tagen wechselten wir kein Wort miteinander. Am schlimmsten waren die Mahlzeiten. Als Lille zu mir kam und mich dazu bewegen wollte, ihn um Verzeihung zu bitten, fragte ich sie, für wie dumm sie mich halte? Sonja hielt es mit mir: «Nur nicht nachgeben! Du hast ganz recht, ohne Revolte kommst du unter die Räder. Übrigens fand ich es toll, wie du geschrien hast.»
Nur hatte die Revolte einen bitteren Geschmack, das Leben schien auf einmal verpfuscht. Ich hatte Selbstmordgedanken, fragte mich, wie gross die Angstschwelle wäre, wenn man die geladene Pistole in der Hand hielte? Wie es wäre, wenn ich mich in seinem Zimmer erschiessen würde und er mich dort am Boden fände?
Eines Nachts hatte ich einen verrückten Traum:
Zusammen mit drei anderen, die ich nicht kannte, führte man mich eine Treppe hinab und zuunterst in einen kellerartigen Raum. Jemand erklärte uns, dass wir hingerichtet werden müssten, es handle sich um ein Sühneopfer. Urteilsvollstrecker war mein Vater. Er sass grau in grau auf dem Boden, an die Mauer gelehnt, hielt in der Hand eine Pistole, mit der er leichthin spielte. Er machte mir ein Zeichen, flüsterte mir zu, er werde mich als seinen Sohn separat behandeln, ich dürfte noch für einen Augenblick ins Wartezimmer. Ich weiss nicht, wie ich dorthin gelangte, ich war einfach dort, wurde dann von einer weiss gekleideten Krankenschwester mit himmelblauen Augen abgeholt. Sie nahm gut gelaunt meinen Arm, sprach mir Mut zu, nur keine Angst, alles werde sehr schnell vonstatten gehen und dann sei die Sache erledigt. Als wir den Keller betraten, waren meine drei Schicksalskollegen bereits tot, lagen wie Bleistifte am Boden nebeneinander. Vater forderte mich ganz ruhig auf, niederzuknien. Ich gehorchte, kniete nieder, ihm den Rücken zuwendend, das Gesicht zur Mauer. Ich wartete, dass er schiesse. Wahrscheinlich zielte er schon, wobei mich plötzlich eine grauenhafte Angst befiel. Ich dachte: Wenn es Gott nicht gibt, dann beginnt hier das Nichts, und du bist für immer ausgelöscht. Fragte mich noch: Was wird Mutter sagen?, erinnerte mich dann, dass sie schon längst gestorben war. Es herrschte Totenstille, ich sagte Vater, er solle endlich schiessen. Man hörte keinen Knall, aber ich spürte, wie die Kugel in meinen Körper eindrang; ich wollte noch etwas sagen, konnte aber nicht mehr reden und fiel wie eine Stoffpuppe auf den Boden hin.
Einmal streifte mich der Gedanke: Wie wäre es, wenn er sterben würde? Ich hatte schon davon gehört, dass Söhne den Tod des Vaters herbeiwünschten. An sich wäre es ja plausibel gewesen, in seinem Alter. Vermutlich wäre dann das Geschäft verkauft worden, ich wäre frei gewesen, meinen eigenen Weg zu gehen. Doch solange er lebte, war nicht an Verkauf zu denken, und er konnte noch lange leben. Oft dachte ich an Flucht, weg von hier, irgendwohin, in eine Weltgegend, wo man etwas Nützliches hätte leisten können, zum Beispiel in einem Katastrophengebiet, beim Roten Kreuz, Hilfe für Notleidende und Bedrohte, auf die Gefahr hin, mit ihnen unterzugehen – weg von dieser dekadenten, Spass- und Luxusgesellschaft, weggehen und ihren verdammten Wohlstand samt Kultur und seichter Unterhaltung dem Teufel überlassen.
Doch ich beging nicht Selbstmord, ich floh nicht in Katastrophengebiete, ich war zu feige, zu mutlos, zu verwöhnt wie alle andern. Als ich Vater erklärte, ich hätte beschlossen, auf meine Pianistenlaufbahn zu verzichten und im Familiengeschäft zu bleiben, bekam er feuchte Augen, machte dabei ein komisches Gesicht, wie Kinder, wenn sie nicht wissen, ob sie weinen sollen oder nicht.
Aus Dankbarkeit überliess er mir, zinslos, das Einfamilienhaus, das er ein halbes Jahr zuvor gekauft hatte und an dem eben ein paar Reparaturarbeiten gemacht worden waren. Zugleich durfte ich meinen Arbeitsplan so einrichten, dass mir noch etwas freie Zeit für private Interessen blieb. Ich besuchte Vorlesungen an der Uni, machte später meine ersten schriftstellerischen Versuche. Sieben bis acht Halbtage verbrachte ich im Laden.
Paolo, der Jus studierte, war jeweils in den Semesterferien auch da. Er hatte sich eine eindrückliche Hornbrille zugelegt, die er überhaupt nicht gebraucht hätte, der er aber eine suggestive Wirkung zutraute. Der Absatz stockte, vor allem die Teppiche gingen nicht, die Preise lagen im Keller. Einmal, dynamisch wie er war, fasste er den Entschluss, fortes fortuna adjuvat, neuen Schwung in die Bude zu bringen. Es sei höchste Zeit, ein effizienteres Marketing zu lancieren, die Räumlichkeiten zu modernisieren und vor allem, in hoc signo vinces, eine attraktive Verkäuferin anzustellen. Als die Eltern für ein halbes Jahr nach Amerika reisten, erklärte er mir, er werde das Heft in die eigene Hand nehmen und den Laden mit einem Geniestreich auf Kurs bringen. Mir selber (was mir durchaus recht war) erteilte er Urlaub, um ungestört seine Strategie starten zu können – eine Inseratenkampagne lancieren und die Preise massiv senken, was sich rasch herumreden und die Kunden herbeilocken würde. Unterdessen hatte er auch schon ein appetitliches Empfangsfräulein gefunden, das zwar vom Geschäft nichts verstand, dafür umso gewinnender lächelte. Ihre Aufgabe bestand darin, die Kunden freundlich zu begrüssen und den Chef zu holen, der dann mit seiner Hornbrille erschien, mit den Leuten redete und ihnen das Gewünschte zeigte. Einem jungen Ehepaar – symbolische Geste eines Neubeginns – gewährte er für eine Wohnzimmermöblierung einen sagenhaften Rabatt von 33 Prozent. Zwei Tage später wiederholte er die gleiche Taktik beim Verkauf einer Büroeinrichtung mit lauter Mahagoni, dann wiederum 25 Prozent Rabatt für eine Schlafzimmerausstattung. Büchergestelle, Sessel, Treppenläufer, Fenstervorhänge, alles zu Vorzugspreisen. Sogar Teppiche, die sonst überhaupt kaum mehr interessierten, brachte er wieder an den Mann. Vier davon (zwei Schirwan und zwei persische Bidjar, alles Grossformat) verkaufte er, diesmal zu halbem Preis, dem befreundeten Immobilienhändler Plözzer, der ihm dafür, ebenfalls preisgünstig, eine komfortable Eigentumswohnung beschaffte.
Innerhalb von vier Monaten hatte sich der Absatz fast verdoppelt. Die zwei Angestellten merkten mit Staunen, dass der Laden wieder lief. Doch als die Eltern heimkamen und der Vater bei einem Einblick in den Geschäftsgang feststellte, was da passiert war, ging ein Gewitter los: «Du bist ja wahnsinnig!», schrie er. «Was fällt dir ein? Das ist ja billigster Ausverkauf – ein Verlust von ein paar hunderttausend Franken! Willst du mich mit Schleuderpreisen ruinieren?»
Paolo versuchte umsonst, seine Strategie zu rechtfertigen, indem er auf den gesteigerten Absatz hinwies und zudem meinte, man könne die Preise jederzeit wieder sachte anziehen. Doch der Alte, ausser sich vor Zorn, war unerbittlich, erklärte ihm klipp und klar, er solle den Laden von nun an nicht mehr betreten, sonst sei der Konkurs vorprogrammiert.
Die von Plözzer günstig erworbene Wohnung wurde nicht erwähnt. Paolo verreiste. In einem Brief aus Mallorca bat er Vater um Verzeihung: Er gab zu, die Lage falsch eingeschätzt zu haben, obwohl er nur das Beste gewollt hatte. Am Schluss hiess es: «Ich gehöre zu jenen Unglücklichen, die ihre Fehler erst im nachhinein erkennen, ich gleiche meinem Namensvetter Paulus, der von sich sagte: ‹Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, und das Böse, das ich nicht will …› Ich gebe meine Fehler offen zu. Welch Glück, dass Ihr zu Hause keine Sünder seid.»
Nach seiner Heimkehr richtete er sich in seiner neuen Wohnung ein. Wochenlang sahen wir ihn kaum. Später, auf Lilles Wunsch, schloss er mit dem Alten Frieden, kam jeweils auch zu den Mahlzeiten. Er war stiller geworden, ging wieder täglich zur Uni. Nach seinen Examen arbeitete er eine Zeit lang in einem Advokaturbüro, bestand seine Anwaltsprüfung und eröffnete mit zwei Kollegen eine eigene Praxis.
Ein Jahr später verliess auch ich den Familienbetrieb und ging zu Dr. Rehberg, Druck und Verlag AG, unter anderem als Mitarbeiter der von ihm und der Verlegerin Raïssa Höhne gegründeten FAVILLA. Vater war enttäuscht, doch als kurz danach Fräulein Lina Rauch, eine 45-jährige, gewinnende Bündnerin, die Leitung des Geschäfts übernahm, heiterte er sich rasch auf und fand meinen Berufswechsel durchaus sinnvoll. Unter vier Augen erklärte er mir auch, dass ich das Einfamilienhaus weiterhin behalten dürfe und auch solle; das sei für ihn wichtig, zumal Paolo, mit mütterlicher Hilfe, schon Anspruch auf Mitbesitz angekündigt habe.
Mein Haus (das natürlich nach wie vor ihm gehört) ist achtzig Jahre alt. Fünf Zimmer und zwei Mansarden, grosser Garten, bevorzugte Lage mit Blick in die Alpen. Unweit von hier, oben am Waldrand, befindet sich ein Bauernhof mit weidenden Kühen und Pferden. Sonja besitzt den Hausschlüssel, kommt oft auch unangemeldet, je nachdem auch wenn ich nicht da bin. An sich könnten wir ohne weiteres zusammenleben, Platz wäre genug vorhanden, doch sie will entschieden nicht. Einmal wöchentlich ist die Putzfrau da, Alicia, eine Spanierin; die Gartenarbeit besorgt ein Gärtner.
Ab und zu lade ich Bekannte zu einem gemütlichen Abendessen ein. Einer meiner regelmässigen Gäste ist Leon W., ein ehemaliger Klassenfreund, jetzt seit Jahren Dozent für Komparatistik. Er hat etwas Asketisches, kurz geschnittenes Haar und stahlblaue Augen. Übrigens der beste Gesprächspartner, den ich je hatte. Das liegt nicht nur an seiner Intelligenz, sondern an einer natürlichen Dialog-Begabung, die man bei so vielen vermisst, oft auch bei Studierten. Er stellt Fragen, oft unerwartete, er kann auch schweigen, kann vor allem aufmerksam zuhören, nicht nur aus Anstand, sondern aus menschlicher Neugier. Einmal hatte er mich an die Uni zu einem Kolloquium eingeladen, hin und wieder schenkte er mir ein interessantes Buch, einmal eine Eintrittskarte für eine Opernaufführung. Ich schätze seine Offenheit, seine Spontaneität, doch trotzdem muss ich gestehen, dass unsere Beziehung manchmal ein bisschen gefährdet war. Ich spüre seine intellektuelle Überlegenheit, leider oft auch seine Übellaunigkeit, einmal ist er freundlich, ein andermal unterschwellig gereizt, als ginge ich ihm auf die Nerven. Alles in allem ein ambivalentes Verhältnis, sodass ich mich manchmal frage, ob wir eigentlich Freunde oder Feinde sind. Nur ist es vielleicht so, dass eine Freundschaft von vornherein den Konflikt in sich birgt. Meine literarischen Erzeugnisse, etwa Zeitungsartikel, Kolumnen oder Skizzen, scheinen ihn nicht zu interessieren, jedenfalls erwähnt er sie nie, was ich ihm nicht übel nehme. Trotzdem muss ich sagen, dass mir gerade von seiner Seite eine kleine, wenn auch nur angedeutete Aufmerksamkeit guttun würde.
Dankbar, wie gesagt, bin ich für dieses wohnliche Haus, nur wird mir klar, wie schwierig es ist, allein zu leben. Manchmal, besonders abends, sterbe ich vor Einsamkeit. Man stirbt ein Leben lang. Seit dem Ende meiner Pianistenträume spiele ich seltener Klavier, übe auch nicht mehr konsequent. Meistens bleibt es bei einfachem Improvisieren. Keine Sturmsonate mehr, keine Appassionata, kein Gaspard de la nuit. Irgendwie ist mir die Lust vergangen, und ohne Lust geht nichts. Vielleicht wäre ich neben jungen Russen, Polen, Chinesinnen und Chinesinnen doch chancenlos. «Entbehren sollst du, sollst entbehren …», auf Tourneen verzichten, auf fremde Länder und Menschen, auf Metropolen und Begegnungen. Verzichten, vor allem auf die Frau. Seit meinem Erlebnis mit Gertrud habe ich auch hier kapituliert. Was zuletzt bleibt, ist der bittere Likör der Resignation. Ich versuche, die paar kleinen Dinge zu geniessen, die für mich erreichbar sind – das tägliche Frühstück, die Morgenzeitung, die erste Pfeife, arbeiten, wandern, ein paar Bekannte, eine Plauderei.
Und so, mittelmässig und bedeutungslos wäre das Leben dahingegangen, wenn ich nicht Franziska begegnet wäre.
***
Eigentlich passte sie besser zu Paolo als zu mir. Paolo sagte zwar von sich selbst, er sei ein Mensch des erfüllten Augenblicks, weshalb eine definitive Bindung für ihn unerträglich wäre; sobald ihm eine Frau zu nahe komme, rege sich in ihm gleich sein Abwehrinstinkt. Ich weiss nicht, ob er diesen Instinkt auch Franziska gegenüber spürte. Wieso es dazu kam, dass Franziska mich und nicht ihn suchte, das verstehe der Himmel. Ich weiss auch nicht, wieso Paolo, als er sie kennenlernte, ihr geradezu emphatisch von seinem Stiefbruder erzählte und mich als eine Art Phänomen hochstilisierte; ich sei zwar als Typus ein asymmetrischer Mensch, doch dessen ungeachtet ein faszinierender Kerl, hochintelligent, übrigens ein fabelhafter Pianist, dessen hoffnungsvolle Karriere der Vater ahnungslos verhindert habe. Sie sollte einmal hören, wie ich die Mondscheinsonate oder Franz Liszts «Liebestraum» spiele, daneben seien Horowitz und sogar eine Argerich geradezu Dilettanten usw. Das alles hat mir Franziska später erzählt. Ich bin überzeugt, dass Paolo bei solchen Lobhudeleien gar nicht an mich dachte, sondern mich einfach als Thema für eine seiner Tiraden verwendete.
Zum ersten Mal sah ich sie eines Abends bei den Eltern, als ich zum Essen kam. Obwohl etwas verspätet, setzte ich mich im Salon kurz an den Flügel und modulierte ein paar Akkorde, weil ich wusste, dass am Nachmittag der Klavierstimmer dagewesen war. Als ich hierauf das Esszimmer betrat, sass da eine jüngere Frau mit der Familie am Tisch. Wir wurden einander vorgestellt, wobei sie leichthin sagte: «Sie spielen grossartig.»
Ich entschuldigte mich für die Verspätung, worauf mich Vater fragte, warum ich dann, wenn schon verspätet, vorher noch Klavier spiele? Paolo nahm mich in Schutz, ich hätte vermutlich schauen wollen, wie der Flügel jetzt tönt. Und zum Fräulein: «Das ist ein Bösendorfer, schon siebzig Jahre alt und dementsprechend ein bisschen heiser.»
«Ja, heiser», sagte Vater, «aber das nennt man Patina. Davon versteht ihr nichts. So ein Instrument wird immer edler.»
«Da hast du recht, Papa», sagte Paolo, «das ist wie bei alten Herren.»
Ich erinnere mich, dass während der Mahlzeit unter anderem von unserem Bauerngut in Falön, Unterengadin, die Rede war, von unserem Pächter, von Bergbauern und ihrem harten Leben. Sonja fragte sich, ob man dem Mann nicht den Pachtzins erlassen könnte, damit er mit der Familie überhaupt existieren könne und nicht eines Tages davonlaufe; heute müsse man froh sein, einen zuverlässigen Landwirt gefunden zu haben. Paolo erzählte dem Fräulein die Geschichte von Falöns Feuersbrunst, das heisst von jenem Bauernknecht, der mit der Tochter des Meisters verlobt war und dann, als sie ihm untreu wurde, den Verstand verlor, eines Nachts das Haus in Brand steckte und dadurch eine grössere Feuersbrunst auslöste.
«An sich eine fantastische Geschichte», sagte er. «Das wäre ein Thema für dich, Hannes – das grosse Feuer als Symbol des allmächtigen Eros.»
Sie, die Besucherin, war offenbar Physiotherapeutin. Zuerst, erzählte sie, habe sie in einer organisierten Praxis gearbeitet, sich dann bald selbständig gemacht – aus Freiheitsdrang. Nur nicht gebunden und von andern abhängig sein! Sie wäre gern Tierärztin geworden, scheute aber das mühsame Studium. Tiere liebte sie nach wie vor, vor allem Pferde. Reiten war ihre Leidenschaft …
Sie sass mir am Tisch schräg gegenüber. Eine gut aussehende Brünette, ihr plastisches Gesicht sonnengebräunt; sie hatte starke, leicht flache Lippen, braune Goldglanzaugen. Übrigens wirkte sie an diesem Abend eher still, jedenfalls keine Schwatzbase. Während hin und her geplaudert wurde, fiel mir einmal auf, wie sie mich halb abwesend betrachtete. Auch später, als ich vom Teller aufschaute, traf mich wieder die Stille dieser Augen.
Zum Dessert, erinnere ich mich, gab es Apfelstrudel mit Vanillesauce. Die Geschichte mit der Feuersbrunst von Falön kannte ich seit Langem. Ich dachte an den Bauernknecht, der zum Brandstifter wurde, ins Gefängnis kam, jedoch seine Tat erst auf dem Sterbebett beichtete.
Während wir noch beim Dessert sassen, erschien Philipp, Sonjas Exmann. Sie hatten sich, wie gesagt, scheiden lassen, ohne den Kontakt abzubrechen; wahrscheinlich standen sie einander näher, als sie es in der Ehe gedacht hatten. Von Zeit zu Zeit tauchte er auf, ein bisschen wie ein Hund, den man weggegeben hat und der nachher immer wieder da ist.
Später sassen wir bei Kaffee und Kuchen im Salon. Vater war jetzt gut gelaunt, offenbar gefiel ihm das Fräulein. Auf Lilles Wunsch holte er seine Fotografien, auf denen man ihn mit prominenten Leuten abgebildet sah. Er hatte, wie schon erwähnt, die Begabung, Berühmtheiten kennenzulernen, ohne selber eine zu sein. Er korrespondierte mit Künstlern und Schriftstellern, lobte ihre neuesten Werke, gratulierte zu einem Preis. Traten in der Stadt bekannte Interpreten auf, so war er immer der erste, der nach dem Konzert ins Solistenzimmer eilte und Lob spendete – dies mit bestimmten Floskeln, die mir (weil er mich oft mitnahm) von klein auf bekannt waren: «Mein Gott, wie Sie zu Werke gehen! Sie sind ein Rubinstein redivivus!» Zu einem Cellisten: «Sie spielen wie ein Casals redivivus!» Dieses «redivivus» kam immer wieder. Oder zu einem Sänger, von Ergriffenheit erschlagen: «Grossartig! Mir fehlen die Worte. Ich habe einst noch den unvergesslichen Wunderlich gehört, aber Sie singen mindestens so schön.»
Bei einer japanischen Geigerin ging es leider daneben. Er hatte von einem Tokioter Kunsthändler ein japanisches Kompliment notieren lassen und dieses auswendig gelernt; doch als er abends nach dem Konzert als Erster im Künstlerzimmer erschien und seinen Spruch vorbrachte, starrte ihn das zierliche Fräulein an, legte die Hand an den Mund und unterdrückte ein nervöses Lachen. Sie lachte noch, während bereits andere Leute hereinkamen und er wie ein begossener Pudel davonging. Nachträglich fragte er sich, was ihm der freundliche Japaner aufgeschrieben hatte.
Schon sein Vater, Grossvater André, war ein Verehrer berühmter Leute gewesen. Von ihm hatte Vater eine Autografensammlung geerbt – unter anderem ein Dankschreiben von Jaspers, eines von Musil, ein paar Zeilen von Paul Klee, ein signiertes Foto von Wilhelm Kempff; Max Brod zeigte sich erfreut über eine ihm zugesandte Broschüre, in der ein Spezialarzt Brods Wirbelsäulenverkrümmung beschrieb. In einem Brief von Thomas Mann, der für eine Einladung dankte, stand zu lesen: «Wir schiffen uns nächstens nach Amerika ein und sind froh, wenn es vorher noch für Hermann Hesse reicht. Doch wenn der Welt dieses bescheidene Mass von Ruhe, das wir Friede nennen, erhalten bleibt, dann sage ich, Gesundheit vorausgesetzt: wir werden uns noch sehen.» Die gleichen Sätze, wörtlich, empfing offenbar kurz danach auch ein Feuilletonredaktor, der sie dann in der Sonntagsbeilage seines Blattes abdruckte.
Fanden irgendwo Musikwochen statt, so weilte Vater tagelang dort, war bei Empfängen und Banketten dabei, unterhielt sich mit Musikern und Sängerinnen, die den weisshaarigen Herrn für einen der Organisatoren halten mochten. Auf den Fotos sah man ihn im Gespräch mit Maurizio Pollini oder Heinz Holliger, irgendeiner Sängerin die Hand küssend. Auf einem älteren Bildchen (da war er noch relativ jung), stand er, in Gstaad, zwischen Menuhin und Karajan, die ihm freundlich den Arm hielten. Dieses schwarz-weisse Foto gab er jeweils nur halb aus der Hand, aus Angst, man könnte es ihm entwenden.
«Mein Gemahl ist Weltmann», sagte Lille. «Wie du es nur anstellst, an diese Grössen heranzukommen.»
«Das tust du ja auch», sagte er. «Du hast sogar den Barenboim heimgesucht. Übrigens sind das Menschen wie wir. Vor Gott sind alle gleich.»
«Stimmt nicht», sagte Paolo. Auf der Toilette mögen sie alle gleich sein, aber vor Gott? Ich glaube, Gott ist sogar sehr parteiisch, sonst hätten nicht die einen immer Glück und andere immer Pech.»
Lille holte Paolos Porträt, ein noch nicht ganz fertiges Werk von Jean Möcklin. Sie stellte das Bild ins Licht. Franziska war aufgestanden.
«Für mich ist er fertig», meinte Lille, «aber vielleicht will er ihm mit zwei Pinselstrichen noch etwas einhauchen.»
«Vielleicht die Seele», sagte Sonja.
«Er hat aber schon Seele, das sieht man doch.»
Franziska zu Sonja: «Ich glaube, Sie malen doch auch? Da hätten doch Sie Paolo porträtieren können.»
«Wir wollten eben einen richtigen Künstler», sagte Lille. «Sonja kann schon etwas, aber ihre Bilder sind immer so düster.»
Nachher spielten sie Karten. Philipp war gegangen, ich selber sass mit Sonja im kleineren Nebenzimmer, dessen Schiebetür immer offenblieb. Sie erklärte mir anhand des Atlasses eine Skandinavienreise, die sie mit zwei Freundinnen plante, teils mit Schiff, teils mit Reisebus, durch Norwegen und Schweden bis nach Lappland hinauf, dann durch Finnland zurück. Sie wünschte von mir touristische Ratschläge, die ich ihr, noch nie in Skandinavien gewesen, beim besten Willen nicht geben konnte. Zudem war ich etwas zerstreut. Den Namen des Fräuleins hatte ich vergessen oder gar nicht recht mitbekommen.
Paolo, auf seine Karten schauend, fragte mich, ob ich nicht etwas spielen möchte auf unserem Patina-Flügel, zum Beispiel Liszts Liebestraum. Ich mochte jetzt weder Liszt noch Träume. Ich blätterte in Sonjas Reiseführer, betrachtete die Karte von Skandinavien, bemerkte wieder einmal, wie die Besucherin herüberschaute. Im Licht der Deckenlampe hatte sie dunkel umschattete Augen. Sonja fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihnen zu kommen? Etwas später wieder Paolo: «Gaspard de la nuit, wo bleibt die Musik?»
Als das Telefon läutete, ging ich hinaus. Es war Rehberg, mein Chef, der sich, nachdem ihn seine Frau verlassen hatte, wieder einmal einsam fühlte. Ich erklärte ihm, ich könne leider nicht weg, wir hätten den Besuch einer ungewöhnlichen Frau, die vermutlich nur meinetwegen da sei. Vielleicht sei ich der Mann ihres Lebens.
Er sagte: «Sie witzeln natürlich, aber passen Sie auf. Mit Frauen soll man nicht scherzen.»
Als ich aufgelegt hatte, wusste ich nicht, ob ich bleiben oder gehen solle. Um etwas zu tun, begab ich mich ins Badezimmer und wusch mir die Hände, blickte flüchtig in den Spiegel, kam wieder heraus, zog meine Jacke an und ging geräuschlos davon.
Draussen nieselte es. Während ich heimwärts wanderte, hörte ich Sonja rufen, sah sie mit ihrem Hund kommen. Ich wartete.
«Du hast dich nicht einmal verabschiedet», sagte sie. «Bist du geflohen?»
«Wieso geflohen?»
Sie hatte sich eingehängt, nur war das für beide unbequem, weil sie Harro an der Leine führte und man immer wieder warten musste. Zudem redeten wir aneinander vorbei – sie von der Besucherin, ich vom Schnüffelinstinkt der Hunde.
Sie begleitete mich bis nach Hause, wollte aber nicht hereinkommen. Ich ging ins Wohnzimmer, zog die Jacke aus, setzte mich ans Klavier, doch ohne die Tasten zu berühren. Musik geht nicht immer. Ich zündete eine Zigarette an, stand dann eine Weile am offenen Fenster. Draussen nach wie vor Nieselregen, leichtes Tropfen im Laub der Bäume. Ich sah den Rauch meiner Zigarette entschweben, bald hell, bald dunkel. Dann immer wieder dieses Gesicht. Ich rauche sonst praktisch, ohne zu inhalieren; diesmal tat ich es, spürte dabei, wie das süsse Aroma in mich drang. Zuletzt warf ich den Stummel hinaus, setzte mich aufs Sofa. Vor mir mein komfortables Wohnzimmer, Steinway, Fernseher, Stereoanlage, Bücher und Stehlampe, daneben das von meiner Mutter geerbte Eisbärenfell. Ich wusste nicht recht was tun. Es war erst halb zehn, ich überlegte, ob ich doch noch Rehberg aufsuchen sollte. Aber eigentlich mochte ich jetzt mit niemandem reden. Endlich stand ich auf, zog wieder die Jacke an, den Regenmantel, verliess das Haus, wanderte auf nassen Strassen umher. Beim Elternhaus brannte nach wie vor Licht. Vielleicht spielten sie noch immer. Irgendwo betrat ich eine Beiz, bestellte ein Bier und blieb dort bis um Mitternacht.
Am nächsten Tag kamen die erwarteten Vorwürfe. Es sei nicht gerade vornehm, meinte Vater, sich einfach sang- und klanglos davonzustehlen.
«Ich will aber nicht vornehm sein», sagte ich, «das überlasse ich euch.»
Lille fand es schade, dass ich nicht etwas vorgespielt hatte, zum Beispiel das Regentropfenprélude. Paolo hatte Franziska nach Hause begleitet, wobei sie ihm gesagt hätte, sie fände mich merkwürdig.
«Das ist ihr gutes Recht», sagte ich, «die soll mich finden, wie sie will. Was habe ich mit der Person zu schaffen?»
Ich tat, was ich nicht sollte: Ich suchte sie, vor allem in der Fussgängerzone. Fragte mich dabei, ob ich sie überhaupt wiedererkennen würde. Es war so, dass ich mir ihr Gesicht nicht mehr vorstellen konnte. Und falls wir uns begegneten, was würde ich zu ihr sagen? An einem Kiosk kaufte ich Zigaretten, irgendwo trank ich im Freien Kaffee, die Zeitung lesend. Sie kam nicht.
Kurz vor Mittag betrat ich eine alte, gediegene Buchhandlung, in der ich seit Langem nicht gewesen war, hatte dabei nicht die geringste Absicht, Bücher zu kaufen. Eine Weile stand ich vor dem Tisch mit den Neuerscheinungen. Es wimmelte von Autoren und Autorinnen, Etablierten und Newcomers, Shoutingstars, die eben von potenten Verlagshäusern lanciert wurden. Poetenschwemme, eine nach wie vor ins Kraut schiessende Belletristik. Nichts gegen Belletristik, sofern sie etwas taugt, aber das meiste, man weiss es, kommt und vergeht. Ich dachte an meine eigene Schriftstellerei, und wie oft in Buchhandlungen überkam mich ein Gefühl der Ohnmacht.
Um diese Zeit herrschte in den Räumen eine gewisse Stille. Ich blätterte in einer Anthologie, als sich jemand näherte und neben mir stand. Obwohl ich sie gleich erkannte, überkam mich ein Gefühl des Irrealen. Ihr Gesicht vor mir, ein seidenes Halstuch, auf dem Kopf ein rotes Béret. Ich weiss nicht mehr, worüber wir redeten, erinnere mich nur, dass sie sehr erstaunt war, als ich sie fragte, warum sie mich, wie es Paolo erzählte, merkwürdig finde.
«Ich?», sagte sie. «Aber das stimmt doch nicht! Warum erzählt er so etwas? Ja, wir haben über Sie geredet, aber ich sagte ganz etwas anderes. Glauben Sie mir? Übrigens waren Sie an jenem Abend sehr still. Sind Sie immer so?»
Während wir gemeinsam hinausgingen, fragte sie, ob ich ihr einmal etwas vorspielen werde, irgendetwas, Klassik oder Jazz, vielleicht auch ein einfaches Volkslied. «Versprechen Sie es mir?» Die Art, wie sie mir dabei ins Gesicht schaute. Sie verabschiedete sich sehr rasch, mit Gruss an meine Familie. Ich sah sie die Strasse hinuntergehen, in der Menge verschwinden, irgendwo ihr rotes Béret. Beim Abschiednehmen hatte ich zuerst gemeint, ihre Handfläche, das heisst ihre Haut zu berühren, dann aber gemerkt, dass sie sehr feine Handschuhe aus weichem Wildleder trug.
Laut Telefonbuch wusste ich, wo sie ihre Physiotherapie-Praxis hatte. Eines Tages wartete ich fast eine Stunde, bis sie gegen sechs Uhr aus dem Gebäude trat. Ich wollte sie nur sehen, sonst nichts. Sie kam eine Steintreppe herunter, überquerte die verkehrsreiche Strasse, fast ohne sich umzublicken. Auf dem Parkplatz gegenüber blieb sie stehen, suchte etwas in ihrer Handtasche, ihre Silhouette im Gegenlicht, das bewegte Haar. Endlich hatte sie es gefunden, stieg in ein dort geparktes Auto und fuhr davon.
***
Du sollst nicht schwören, ich weiss. Und doch hatte ich, nach zwei unglücklichen Liebschaften, hoch und heilig geschworen: Nie wieder Frauen!
Bei Jovita H., die mich vielleicht geliebt hätte, war es nur eine Blick-Bekanntschaft gewesen, ein Lied ohne Worte, weil ich, damals noch Gymnasiast, nicht den Mut hatte, sie einmal anzureden, ganz schlicht und einfach, von Schüler zu Schülerin. Sie war von mittlerer Grösse und anmutiger Schlankheit. Ich sehe noch ihre Gestalt, sehe den Schulplatz, wo wir in den Pausen unter Kastanienbäumen auf und ab spazierten, scharenweise, sodass man immer wieder ein bisschen ausweichen musste. Ich suchte sie mit den Augen, entdeckte irgendwo ihren braunen Mantel. Ich erinnere mich, wie sie im Vorbeigehen einmal den Kopf wandte und mir ins Gesicht schaute. Oder wie sie, mit Freundinnen die Treppen hinaufsteigend, nahe an mir vorbeikam und mich flüchtig grüsste. Oder eines Abends im Theaterfoyer, wie sie am Saaleingang im Programmheft blätterte, einmal flüchtig herüberschaute, als warte sie, dass ich sie anrede. Doch da erschien eine Frau, vielleicht ihre Mutter, mit der sie, kurz zurückblickend, in den Saal ging. Ich war immer zu langsam, zu scheu, zu zaghaft. Ich hätte nicht Angst gehabt, in den Krieg zu gehen, doch hier war der Feind in mir selbst.
Während der Sommerferien wünschte ich den Schulbeginn herbei, um sie wiederzusehen, entschlossen, endlich einmal meine Befangenheit zu überwinden. Doch Ende August, als man wieder auf dem Schulplatz spazierte, suchte ich sie vergebens. Ich kannte einen ihrer Klassenkameraden, erkundigte mich wie nebenbei nach Jovita H. – Jovita? Die sei doch gemütskrank, sagte er, als wäre das allgemein bekannt. Sie habe wieder einmal einen Schub und müsse eine Zeit lang aussetzen; das sei bei Depressiven eben so, da könne man nichts machen.
Ich sah sie nie wieder. Sie befand sich in einer Berner Klinik, machte in zuverlässiger Begleitung ihren täglichen Spaziergang. Wiederholt wünschte sie, die hohe Kirchenfeldbrücke zu sehen, weil diese, wie sie sagte, von einem ihrer Vorfahren gebaut worden sei. Man ging nicht darauf ein, Brücken standen nicht auf dem Programm, schon gar nicht die Kirchenfeldbrücke. Doch da sie immer wieder damit kam und sich ihr Zustand deutlich gebessert hatte, erfüllte man ihr den Wunsch. Zwei Pflegerinnen begleiteten sie hin. Irgendwo in der Mitte blieben sie stehen. Jovita schaute in die Tiefe, schien dabei von einem Glücksgefühl ergriffen. «Wie wunderbar», sagte sie, «so hoch oben, als schaute man vom Himmel auf die Erde hinab.» Plötzlich versuchte sie zu fliehen, die Schwestern hielten sie fest, doch sie drehte sich leicht herum, schlüpfte spielend aus ihrem Mantel und warf sich übers Geländer.
Natürlich hatte ich die Szene nicht miterlebt, es wurde mir nur davon erzählt. In Gedanken war ich dort, sah einen nebligen Dezembermorgen, die leicht geschwungene Brücke, das Geländer, die Silhouetten dreier Frauen. Dann diese Sekundenszene, die fallende Gestalt – ein flüchtiger Flash vor dem grauen Winterhimmel.
Verliebt war ich eigentlich immer, Eros, der Übermächtige, begleitete mich wie ein anhänglicher Dämon. In einem bestimmten Alter hatte ich meine Scheu etwas überwunden, nur wusste ich, dass ich nicht unwiderstehlich war. Auch für Gertrud nicht, die ich, (ich war damals achtundzwanzig), an der Uni kennenlernte. Tochter aus gutem Hause, ihr Vater, ein Deutscher, Finanzbeamter in höherer Stellung. Sie studierte Theologie, daneben deutsche und französische Literatur. Wir besuchten zusammen eine Vorlesung über Heinrich von Kleist. Ich machte meine Notizen, neben mir die sympathische Person, ihre feingliedrigen Hände und ihre flüssige Schrift. Sie schrieb ununterbrochen. Einmal, da ihr irgendein Detail (Kleists gelegentliches Stottern) entgangen war, fragte sie mich, ob ich das notiert hätte? Ich schob ihr mein Heft hinüber, sie schrieb ab, ich wartete geduldig, während sich der Hörsaal langsam leerte.
Später sassen wir zusammen in der Uni-Bar, tranken Kaffee und unterhielten uns über Kleist und seinen Selbstmord. Mich beschäftigte die Frage: Woher die Todesbesessenheit dieses Deutschen? Wieso suchte er jemand, der bereit wäre, mit ihm zu sterben, und warum eine Frau? Gertrud meinte, das seien eben seine inneren Spannungen gewesen, seine Zerrissenheit, das Leiden an sich selbst und am Leben überhaupt; vielleicht auch der Wunsch nach Rache an seinem Leben, mit welchem, wie er meinte, etwas nicht stimmte; dazu seine Einsamkeit und die Sehnsucht nach Liebeserfüllung wenigstens im Tode.
Todesgedanken waren auch mir nicht fremd, doch gerade im Augenblick wünschte ich ganz und gar nicht zu sterben. Ich hatte mich noch nie mit jemandem so gut unterhalten. Kaum trafen wir uns, ergab sich das Gespräch wie von selbst. Wie mein Freund Leo gehörte auch sie zu den seltenen Menschen, die auch Fragen stellen; und weil sie so wunderbar zuhören konnte, strömten mir die Worte zu. Sie sah gut aus, war immer korrekt, das heisst schlicht und geschmackvoll gekleidet, hatte vielleicht etwas leicht Puritanisches. Ihr Haar immer straff nach hinten gekämmt.
Ich begann, mich für Theologie zu interessieren, besuchte mit ihr ein Kolleg über Jeremias, tags darauf eine Doppelstunde Heinrich von Kleist. Ich betrat beizeiten den Hörsaal, besetzte jeweils einen Platz neben mir, sah dann, wenn sie mit andern hereinkam, wie sie mich mit den Augen suchte und je nachdem leicht mit der Hand winkte. Manchmal wanderte ich durch das Gebäude, in der Hoffnung, irgendwo zufällig auf sie zu treffen. Einmal lud ich sie zu mir nach Hause ein, spielte ihr auf ihren Wunsch etwas vor. Dass sie nachher, kaum dass wir eine Tasse Tee getrunken hatten, gleich aufstand und sich verabschiedete, fand ich bei ihr nicht ungewöhnlich.
Obwohl wir uns zweimal wöchentlich sahen, korrespondierten wir miteinander. Ich schrieb ihr jeweils am Donnerstagabend, sie erhielt meine Post am Samstagmorgen, ich die ihrige am Montag. Als ich ihr einmal mein Leiden an meiner nicht gerade vollkommenen Körperlichkeit beichtete, antwortete sie mit einem sehr schönen Brief, versicherte mir, meine angebliche Unzulänglichkeit sei reine Einbildung, und im Übrigen, das müsse ich ihr glauben, spiele das für sie nicht die geringste Rolle. Im Gegenteil, das mache mich nur menschlicher – das erinnere sie (jetzt dürfe sie es sagen) an den alttestamentlichen Jakob, der eine Nacht lang mit dem unbekannten Mann kämpfte, wobei ihm dieser Unbekannte das Hüftgelenk verrenkte, sodass er fortan hinkte. Aber er hatte Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen!
Ich fand das grossartig: eine Niederlage als Gnadenakt! Es war der schönste Brief, den ich je erhalten hatte, und genau besehen ein verschlüsselter Liebesbrief. Sie schenkte mir ein neues Lebensgefühl, ich kam durch sie zu mir selbst. Ich dachte an Jakob, an seinen nächtlichen Kampf mit dem Allmächtigen, der ihm mühelos die Hüfte ausrenkte. Ich dachte ständig an Gertrud, ich sehnte mich nach der nächsten Begegnung. Und zugleich (dies der ewige Schatten) hatte ich Angst, sie zu verlieren.
Es kam der Tag, an dem sie mich zum Mittagessen einlud, ich denke, vor allem um mich ihrer Familie vorzustellen. Offen gestanden hatte ich ein ungutes Gefühl, wobei ich nicht weiss, ob ich das Kommende vorausahnte oder ob mein negatives Gefühl das Unheil herbeiführte. Der Vater, das wusste ich, war irgendein grosses Tier in der Finanzwelt, ein bebrilltes Schwergewicht, korpulent, gut gekleidet und unnahbar. Ich kam da in ein fremdes Klima, ich spürte, dass ich nicht gefiel, weder ihm noch den drei Geschwistern von Gertrud – das heisst zwei Schwestern und einem blasierten Bruder. Wir waren zu Hause auch nicht die Letzten, doch hier duftete es geradezu penetrant nach Vornehmheit, alles so stinknobel, dass es mir die Kehle zuschnürte. Ich hätte nie gedacht, dass es in der demokratischen Schweiz so etwas geben könne. Während des Essens wurde fast nicht geredet, jedenfalls nicht mit mir. Ich fühlte mich als Fremdkörper, der hier nichts zu suchen hatte; im Gegensatz zum Hausherrn und dem jungen Schnösel eher salopp gekleidet, ohne Krawatte, mit abgewetzter Manchesterjacke und offenem Kragen.
Ich ass mit verhaltener Wut, hatte dabei auf einmal Angst, dass ich mein Weinglas umwerfen könnte. Ich dachte an Paolo, für den dieses Milieu kein Problem gewesen wäre; der hätte gleich losgelegt und die Tafelrunde beherrscht, hätte dem Hausherrn womöglich einen Vortrag über Geld und Finanzwesen gehalten. Für mich war es die kälteste Mahlzeit meines Lebens. Einmal sah ich, wie die Schwestern und der Bruder miteinander flüsterten und dann ein Lachen unterdrückten, was ich – vielleicht zu Unrecht – auf mich bezog. Der Vater, humorlos, nahm mich nicht zur Kenntnis, kein Blick, geschweige denn eine Frage. Die Mutter schien menschlicher, hatte hellblaue Augen und ein zartes Madonnengesicht, aber das war auch alles. Sie wirkte wie eine verheiratete Sklavin. Gertrud reichte mir die Platten, nur war mir der Appetit vergangen und mit ihm mein Schluckvermögen. Vermutlich war ich kreidebleich, wobei sich mein Gesichtsausdruck auf sie übertrug, ich sah ihre beklommene Miene. Und dann passierte es tatsächlich, dass ich mein Glas umwarf. Es schien mir dabei, als täte es meine Hand ganz von sich aus und wie spielerisch. Das Glas war allerdings schon fast leer, doch es genügte, um das weisse Tischtuch zu beflecken. Ich sagte: «Oh, Pardon!», während das Dienstmädchen in die Küche eilte, mit Salz zurückkam und es auf den roten Klecks streute. Gertrud flüsterte, das sei nicht so schlimm. Mir schwindelte, und ich war nahe daran, auch das Mineralwasser auszuleeren, absichtlich. Doch es drängte mich, hier so schnell wie möglich zu verschwinden. Als der Kaffee serviert wurde, stand ich auf und erklärte, ich müsse jetzt leider gehen; ich dankte für die Mahlzeit und entfernte mich, ohne Händedruck. Gertrud folgte mir die Treppe hinunter. «Gehst du schon?» Unten standen wir ein paar Sekunden wortlos in der Tür. Vermutlich wussten wir beide, dass es aus war.
Ich sah sie nur mehr von weitem, einmal auf der Strasse, einmal an einem Nebeneingang der Universität. Eines Abends spät läutete das Telefon, doch als ich abnahm, vernahm ich nur ein Schweigen. Zwei Tage später kam ein Brief. Ich las:
«Ich habe lange auf Dich gewartet. Ich sehnte mich nach Dir und hatte zugleich Angst. Es bricht mir das Herz, wenn ich Dir jetzt sage, dass wir Abschied nehmen müssen. Leider sind meine Angehörigen der Meinung, dass Du nicht in unsere Familie passt. Ich bin zu Tode betrübt, nur haben wir einen starken Familiensinn, und Du wirst verstehen, dass ich mit den Meinen nicht brechen möchte.» Und am Schluss: «Ich weine und bete, möchte zugleich auch Dir ans Herz legen, im Gebet Trost und Kraft zu suchen. Gott sieht uns» usw.
Vielleicht sah uns Gott, aber wir sahen uns nicht mehr. Der Schmerz sass wie ein rostiges Messer, ein Schmerz mit Kleist-Gedanken, zugleich Nahrung für die Zweifel an mir selbst. Man hätte sterben mögen, und zugleich klammerte man sich an dieses verdammte Leben.
Eine spätere Bekanntschaft mit einem reizend niederträchtigen Bettweibchen war auch nicht dazu geeignet, mich vertrauensvoller zu stimmen. Ich sagte mir: «Schluss! Mögen andere mit diesen Zauberwesen selig werden, ich gehöre offenbar nicht dazu.»
Deshalb jetzt meine Angst vor Franziska. Zumal bei ihr etwas Unberechenbares hinzukam.
***
Speisereste werfe ich nie in den Abfallkübel, sondern in den Garten, auf die Zwergföhre unter dem Balkon, in deren Gezweig dann Spatzen und Meisen pickend umherhüpfen, hie und da auch ein Rotkehlchen als Einzelgänger. An kalten Tagen sind plötzlich Dohlen da und stürzen sich auf den Baum, dass er ganz schwarz wird. Ich stehe dann am Fenster und schaue zu. Manchmal hockt ein Rabe auf dem Dachfirst gegenüber und wartet, dass ich etwas aufs Balkongeländer lege. Solange ich draussen bleibe, kommt er nicht, schaut auch nicht herüber – das heisst, bei Vögeln weiss man nie genau, wo sie hinschauen; erst wenn ich verschwinde, gleitet er herunter und holt den Brocken.
Vögel sind mir lieber als Paparazzi.
Während ich abends die Zeitung las, erschien Sonja, stützte sich auf meine Schulter und flüsterte mir ins Ohr – so wie man Kindern eine frohe Überraschung verkündet: Franziska und ihre Eltern seien oben; sie würden bei uns essen und dann bis zur Mondfinsternis bleiben. – «Kommst du?» Ich sagte, ich müsse nur noch etwas fertig lesen, worauf sie sich entfernte. Ich legte die Zeitung weg, Blick zum Fenster hinaus. Ich wusste, dass die Eltern ein paar Leute im Hinblick wegen dieser Mondfinsternis eingeladen hatten, aber nicht, dass auch die Schnölls dabei waren.
Gerade als ich verschwinden wollte, kam Sonja wieder. «Wohin gehst du?» Ich antwortete, ich hätte keinen Hunger und vor allem keine Lust, jetzt mit Gästen zu schwatzen.
«Aber dann wenigstens heraufkommen und die Leute begrüssen.»
Sie fasste meinen Arm: «Bitte, sei so gut.» – «Nein, ich mag nicht.» Sie wurde energisch: «Hannes, du kommst jetzt mit mir, verstanden!»
Ich stieg mit ihr ein paar Stufen hinauf, blieb dann stehen und schrie sie an: «Nein, verdammt noch mal! Ich sage Nein, verstehst du?» Sie starrte mich an, versetzte mir einen Schlag. Ich liess sie stehen und machte mich davon.
Am Bahnhof betrat ich das Buffet, zweite Klasse, bestellte ein Bier und einen St. Galler Schübling mit Rösti. Ich mochte das Lokal, auch die Leute um mich herum – Hiesige und Fremde, Serviererinnen, Kellner, Asylanten, ein paar Bähnler. Ich kannte sie nicht, aber es überkam mich ein Grundgefühl der Nächstenliebe, als gehörten wir, Glückliche und Geschlagene, alle zueinander.
Man hatte mir eine ordentliche Portion gebracht. Ich liess mir Zeit, trank zuletzt noch einen Kirsch und einen Espresso. Später zahlte ich, verliess das Lokal, wanderte bis ans Ende eines Bahnsteiges, schaute zu, wie Arbeiter bei Lampenschein Gleisschwellen auswechselten. Irgendwo, bei Funken und blauer Flamme, wurde geschweisst. Eine Weile unterhielt ich mich mit einem Rangierer, auch er mit Helm und orangefarbener Jacke. Ich fragte ihn, ob das nicht gefährlich sei, dieses Auf- und Abspringen bei fahrendem Zug. Er antwortete, man müsse eben aufpassen, aber schliesslich sei das ganze Leben gefährlich. Eben nahte eine Rangierlok mit zwei Wagen, er passte, sprang auf, winkte kurz mit der Hand, dann war er weg.
Eigentlich wollte ich heimgehen, freute mich bereits auf einen alten Film mit Jean Gabin, dem ich offenbar ähnelte, doch der Dämon führte mich sachte zum Elternhaus. Nach kurzem Zögern ging ich hinein, stieg die Treppe hinauf. Im Salon fand ich die geladenen Gäste – Möcklin und Frau, Fräulein Lina Rauch, Ernesto Plözzer, Philipp, Isidor Turell, Dr. Rehberg, ferner Jürg Henlin, den ich nicht besonders mochte – ein zwielichtiger Spötter mit randloser Brille, Werbefachmann beim Fernsehen. Dann eben Franziska Schnöll, ihre Eltern und ihre blonde Patin. Frau Schnöll begrüsste mich überschwänglich: «Wie schön, Sie endlich kennenzulernen; wir haben schon so oft von Ihnen gehört, und da möchte man doch einmal erfahren, was das für ein Mensch ist und wie er aussieht.»
Ich setzte mich zu Sonja. Paolo wollte mir Wein einschenken, ich hielt das Glas hin, worauf er mich zurechtwies: «Stelle es bitte auf den Tisch, man schenkt nicht ein mit dem Glas in der Luft.» Hierauf Sonja: «Nicht mit dem Glas in der Luft – was heisst das? Musst du die Leute massregeln, kaum dass sie hier sind?» Ich nahm ihm die Flasche aus der Hand und schenkte mir selber ein.
Franziska näherte sich, aber ohne Eile, stiess kurz mit mir an und entfernte sich wieder. Ich unterhielt mich mit ihren Eltern, genau gesagt mit ihrer Mutter. Sie erzählte von ihrem verwaisten Bechstein-Flügel, von ihrem Ferienhaus im Tessin, das mir zu jeder Zeit offen stünde, falls ich einmal ungestört arbeiten möchte. Sie hatten es vor Jahren erworben, um das Geld, das ihnen buchstäblich zum Fenster hereinflog, sinnvoll zu investieren. Ihr Mann, erzählte sie, hatte am Zürichsee das Grundstück des Grossvaters verkauft und dafür eine Traumsumme kassiert. Sie hätte nie gedacht, dass man so schnell reich werden könne. Und hierauf gleich noch ein zweites Glück, da ein gefeuerter Tessiner Regierungsrat Geld brauchte und ihnen sein Ferienhaus am Lago Maggiore verkaufte … Sie plauderte drauflos, während ihr Mann vergeblich abzulenken versuchte.
Lille befand sich mit ein paar Gästen im Nebenzimmer. Franziska, das Glas in der Hand, wanderte umher, redete bald mit diesem, bald mit jenem, aber immer nur kurz und unverbindlich. Einmal setzte sie sich an den Flügel, klappte den Deckel auf und schlug leise ein paar Töne an.
Ihre Patin, pensionierte Krankenschwester, eine füllige, noch gut erhaltene Dame mit blond gefärbtem Haar, hatte sich zu mir gesetzt und erklärte mir, warum sie ledig geblieben sei. Natürlich fühle sich eine ledige Frau oft einsam, vor allem sonntags, aber dafür gebe es doch viel Schönes. Sie sei immer glücklich gewesen, neben dem Beruf auch Zeit für Bildung und Kultur zu haben. Kultur sei für sie das Wichtigste, vor allem klassische Musik und Literatur. Sie las Frisch und Dürrenmatt.
Vater unterhielt sich mit Fräulein Rauch, seiner Geschäftsleiterin. Irgendwo wurde gestritten; Plözzer und Rehberg schienen nicht gleicher Meinung zu sein. Wegen der blonden Dame schnappte ich nur vereinzelte Worte auf: – Sie als Kapitalist, mit Ihren Häusern, wie wollen sie das wissen … Meine Häuser haben damit nichts zu tun. Ich weiss, wovon ich rede … Da bräuchte es schon etwas mehr Sachkenntnis … Die habe ich, Herr Rehberg, doch Sie argumentieren nur mit gängigen Slogans … Jeder schien bemüht, den andern so schnell wie möglich kleinzukriegen, bis Plözzer mit der Hand abwinkte, aufstand und sich zum Buffet begab.
Für Philipp, den Exschwager, war es klar, dass heute die Fähigen immer mehr den Unqualifizierten weichen mussten. «Aufstand der Massen», sagte er. «Was ist das für ein Land, das zum Kasino von skrupellosen Bankern geworden ist, von Abzockern, die ihre Arbeitstiere entlassen und selber Millionen kassieren.» Er fluchte über populistische Politiker, über Scheinprozesse und Kuscheljustiz, über kraftlose Richter, die Angst hatten, einem Kriminellen wehzutun. «Ihre lächerlichen bedingten Strafen, Leute, die halb zufällig in ein Richteramt hineinrutschen und dann dort sassen; wo die Tüchtigen fehlen, muss man Mittelmässige nehmen, und so soll man sich nicht wundern, dass unser Land immer mittelmässiger wird.»
Ich wurde von Isidor Turell abgelenkt, der mir sein neues Gedichtbändchen geschickt hatte und nun um eine Rezension bat; er sagte, ich verstünde ihn besser als irgendjemand. Ich nickte nebenbei, obwohl mich Lyrik im Moment weniger interessierte als Philipps Klagen. Wenn jemand gut flucht, ist das poetischer als gut gemeinte Verse. Jetzt redete er vom Vitalitätsverlust und der rapid abnehmenden Zeugungsfähigkeit unserer westlichen Rasse.
Paolo hatte sich genähert: «Ja, ja, mein Lieber, nur ist das schon längst keine Rasse mehr. All diese Bürger, die sich immer mehr zum Verwechseln gleichen, die weder leben noch leiden und die auch nicht mehr lieben; die könnten auch niemanden aus Leidenschaft umbringen, wie Othello seine Desdemona oder Woyzeck seine Marie. Stattdessen gibt es heute nur noch Konsumenten, Spekulanten, Manager und Showmaster …»
Henlin fragte ihn: «Und zu welchen gehörst du?»
Franziskas Mutter hatte zugehört: «Verzeihung, Paolo, aber Gattenmorde gibt es noch immer. Zum Beispiel letzthin im Tessin, unweit von uns, da wurde eine bildschöne Frau von ihrem Mann tyrannisiert, bis sie es nicht mehr aushielt. Sie wohnten bei ihrem Onkel, und als der eines Nachts Lärm hörte und nachschaute, was es gab, fand er in der Küche die Frau damit beschäftigt, ein blutiges Messer zu waschen. Auf seine Frage, was los sei, erklärte sie ihm ganz ruhig, sie habe ihn soeben im Schlafzimmer umgebracht, jetzt könne sie endlich wieder atmen. Der Onkel ging hinauf und fand den Mann blutüberströmt im Bett …»
Paolo schenkte ein. «Grässlich, grässlich», sagte er. «Trinken wir, Freunde, trösten wir uns mit diesem Zaubersaft, stossen wir miteinander an und schauen wir uns offen in die Augen. Ich bin froh, dass ihr alle da seid – unser sarkastischer Henlin, unser wackerer Möcklin mit seinem Riesenschädel, unser landesweit anerkannter Lyriker, unser Prediger Grüning, unsere süsse Krankenschwester … Und zum Glück, Freunde, ist Franziska noch da. Ohne Franziska würde ich auswandern. Gaudeamus igitur – in vino veritas, ergo bibamus.»
Lille bat Vater, sein Erlebnis mit der japanischen Geigerin zu erzählen. Sie selber zeigte ein paar Aufnahmen der Kirche von Ronchamps. Jemand erzählte von Le Corbusier.
So ging der Abend hin.
Um halb zwölf erwartete man die Mondfinsternis. Paolo erklärte Frau Schnöll, wie eine Mondfinsternis zustande kommt. Während sich die Gesellschaft in den Garten begab, berührte Rehberg meinen Arm: «Wie geht es, mein Lieber? Sie sind heute sehr still. – Wie gefällt Ihnen das Fräulein?»
Es hatte am Abend ein bisschen geregnet, nun war der Himmel wolkenlos, der Mond silberhell. Lille summte «Der Mond ist aufgegangen», Vater wusste, wie weit er von uns entfernt ist und wie lange sein Licht braucht, um die Erde zu erreichen: «Jetzt müsst ihr dann aufpassen, es ist genau neunundzwanzig vor zwölf, incipit comoedia.» Tatsächlich zeigte sich gleich darauf am linken Rand des Gestirns eine dunkle Scharte. Sonja rief: «Papa, du bist fabelhaft!» – «Das ist alles Astronomie», sagte er, «ich habe nur meine Uhr genau gestellt.»
Der Fleck drang unmerklich in die helle Scheibe vor. «Wie schön», sagte Lille, «die runde Form unserer lieben Erde.» Frau Schnöll verstand nicht: «Wieso unserer Erde?» – «Natürlich ist das die Erde», sagte Franziska, «Paolo hat es uns ja erklärt.» – «Aber du behauptest doch nicht, ich sei jetzt auf dem Mond!» – «Nein, du bist höchstens dahinter.» Jemand fragte sich, welcher Kontinent seinen Schatten dort hinaufwarf. Paolo erklärte, das müsse Neuseeland sein. Sonja: «Wie du das weisst!» Rehberg halblaut zu mir: «Er weiss tatsächlich alles.»
Nach und nach merkte man, wie das Mondlicht um uns blasser wurde. Vater hatte das Scherenfernrohr aufgestellt, alle guckten der Reihe nach hinein, zuerst die Gäste – Fräulein Rauch, Franziska und ihre Eltern, Plözzer, dann die Dame, die Frisch und Dürrenmatt las. Zuletzt die Eltern, Sonja und ich.
Es war seltsam: das vertraute Gestirn schien in diesem Fernglas wie verändert, teils dunkel, teils in einem matten Rotgelb, dazu gross und ganz nahe – schön und unheimlich, als befände man sich mit ihm draussen in einem heimatlosen Weltall. Franziska näherte sich, fragte, ob sie noch einmal schauen dürfe. Ich gab ihr den Platz frei, sie guckte hinein, sagte: «Ich finde es fantastisch. Sie auch?»
Eine Weile plauderte ich mit Isidor Turell, fragte ihn, wie er als Dichter so etwas erlebe. Er zuckte die Achseln: «Ach, weisst du, erleben … Manchmal erlebe ich überhaupt nichts mehr. Mit zunehmendem Alter muss ich alles formulieren, um etwas zu empfinden. Das ist nicht wie bei dir, du spürst das Leben noch hautnah.»
Unterdessen war der Mond schon fast zugedeckt, nur am rechten Rand blieb noch eine helle Sichel. Ich hatte Lust auf Kaffee. Während ich auf das Haus zuging, rief mir Paolo nach: «Eh, Gaspard de la nuit, haust du wieder ab? Oder spielst du die Mondscheinsonate?»
Drinnen hatte man die Lichter bis auf eines gelöscht. Ich sass im Halbdunkel, rauchte eine Zigarette und trank kalten Kaffee. Ich dachte an die Möglichkeit, dass sie kommen könnte, wusste dabei nicht, ob ich es wünschte oder nicht. Auch in mir war Mondfinsternis, reizvoll und ein bisschen beklemmend. Nach einer Weile erschien sie tatsächlich, ihr Schatten am Fenster vorbei, ihre Silhouette in der Tür. Sie kam näher, fragte mich, ob mir etwas fehle?
«Wieso? Was sollte mir fehlen?»
Sie setzte sich, und als ich die Stehlampe hinter mir anzünden wollte, bat sie: «Nein, bitte, lassen Sie es, so ist es schöner. Ich hätte einen Wunsch – würden Sie mir etwas vorspielen? Aber Sie müssen es tun, solange wir allein sind. Bitte, Hannes, wenigstens etwas Kleines.»
Ich setzte mich an den Flügel, begann mit zwei verhaltenen Arpeggien. In meiner Vorstellung sehe ich mich am Instrument sitzen, scheinbar gesammelt, hinwegschauend, auf Eingebungen lauschend – Beethoven redivivus. Ich modulierte ein paar Akkorde und Tonartenwechsel, alles pianissimo, liess hierauf im Diskant eine Melodie entstehen, das bekannte Frühlingslied, dazu im Bass dahinschreitende Begleitakkorde. All dies halb improvisiert und zu Hause ein bisschen eingeübt. Sie begann mitzusummen – der Mai ist gekommen, hm hmm hm hm – da bleibe, wer Lust hat, hm … hmm – Die Wolken sie wandern … «Wie eigenartig», sagte sie, «bekannt und doch völlig neu. Hannes, da steigt unsere ganze Jugend herauf. So schön, dass man weinen könnte.»
Über den Flügel hinweg sah ich Sonja durch die Tür hereinschauen und wieder verschwinden. Ich variierte das Thema, improvisierte einen Übergang vom Monat Mai zu Debussys Clair de lune. Franziska setzte sich nahe an den Flügel, einen Arm aufstützend, wobei ihr Haar die untersten Tasten berührte.
Doch allmählich merkte man, wie es draussen heller wurde, der Mond mochte wieder zum Vorschein kommen, das liess sich nicht verhindern.
Ich hielt inne: «Ein altes, aber noch immer ein gutes Instrument; ich mag diesen abgelebten Klang; auch den Namen Bösendorfer. Ein poetischer Name, finden Sie nicht?»
Statt darauf zu antworten, flüsterte sie: «Sie sind ein merkwürdiger Mensch. Ich möchte einmal gern in Sie hineinschauen können.»
Die Fenster schimmerten wieder heller, man hörte Stimmen, etwas Gelächter. Sie kamen zurück.
Ich erinnere mich, wie ich am nächsten Morgen einen Blumenladen betrat, drei Rosen kaufte und Franziskas Adresse angab, wie ich zahlte und davonging, dann bald wieder zurückkam und die Bestellung rückgängig machte. Auch daran, wie sie mich noch am gleichen Tag anrief, um mir für den Abend zu danken. Musik sei ihr noch nie so tief ins Herz gedrungen, sagte sie, alles habe noch im Schlaf nachgetönt. Sie entschuldigte sich für ihre Frechheit, mich einfach so anzurufen. «Können Sie mir das verzeihen?» Ihre Stimme wie ein dunkles Raunen.
Oder wie sie an einem regnerischen Tag, als ich das Büro verliess, unweit des Hauses auf mich wartete. Ihr rostfarbener Regenmantel, ihr Schirm, das rote Béret. Ich lud sie zum Mittagessen ein. Wir betraten ein nahe gelegenes Speiserestaurant, doch drinnen zögerte sie, schaute auf ihre Uhr: «Ich glaube, die Zeit reicht nicht – in einer halben Stunde muss ich in der Praxis sein. Eigentlich wollte ich Sie nur sehen. Verstehen Sie?» Sie zog mich sachte in die Garderobenische, drückte ihr Gesicht an meine Schulter, worauf sie sich umwandte und verschwand.
Eine geraume Zeit lang sah ich sie nicht mehr. Ich fragte mich, ob sie verreist war oder unterdessen jemand anderen getroffen habe. Unsere Begegnung mit Mondfinsternis und Frühlingslied nichts als ein Intermezzo? Vielleicht sogar besser so, dachte ich, vielleicht besser, dass ich sie nicht mehr sehe. Zugleich spürte ich den Stachel.
An irgendeiner Jubiläumsfeier meiner Schule traf ich die einstigen Klassenkameraden, unter anderem auch Leo, dazu ein paar altersgraue, verwitterte Lehrer. Das Gebäude wimmelte von Leuten, die Unterrichtszimmer waren festlich geschmückt, in der Eingangshalle konnte man essen und trinken, in der Aula wurde getanzt.
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