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Onjali Q. Raúf

Der Junge aus der letzten Reihe

Aus dem Englischen von Katharina Naumann

Illustriert von Pippa Curnick


Deutsche Erstausgabe

© Atrium Verlag AG, Zürich, 2020

Alle Rechte vorbehalten

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel

The Boy at the Back of the Class bei Orion Children’s Books, ein Imprint der Hachette Children’s Group (Hodder and Stoughton)

Text von Onjali Raúf © Onjali Raúf, 2018

Aus dem Englischen von Katharina Naumann

Illustrationen von Pippa Curnick © Pippa Curnick, 2018

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

ISBN 978-3-03792-152-4

www.atrium-verlag.com

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Raehan gewidmet – dem Baby von Calais.

Und den Millionen geflüchteten Kindern auf der ganzen Welt, die ein sicheres und liebevolles Zuhause brauchen …

Und meiner Mutter und Zak. Für immer.

Der leere Stuhl

Früher gab es ganz hinten in meiner Klasse einen leeren Stuhl. Er war gar nichts Besonderes. Er war nur leer, weil niemand auf ihm saß. Aber dann, genau drei Wochen nach den Ferien, begann für mich und meine drei besten Freunde die aufregendste Zeit unseres bisherigen Lebens. Und alles fing mit diesem Stuhl an.

Das Beste an einem neuen Schuljahr ist, dass man Extrataschengeld bekommt, um sich davon neue Schreibsachen zu kaufen. In den Sommerferien machen meine Mum und ich immer einen Ausflug, damit ich mir ein neues Schreibset kaufen kann. Ich freue mich jedes Jahr so sehr darauf, dass sich meine Füße ganz zappelig anfühlen. In unserer Nähe gibt es nicht so viele schöne Schreibwarenläden – hier haben sie immer nur langweilige Dinosaurier- oder Prinzessinnen-Sets. Deshalb fährt Mum immer mit mir in die Stadt, wo es ganze Straßen voller Einkaufsläden gibt.

Letztes Jahr habe ich mir ein Weltraum-Set gekauft, mit Bildern von einem Astronauten, der am Mond vorbeifliegt. Es war heruntergesetzt, deshalb konnte ich mir ein Federmäppchen, ein Geodreieck, einen Zirkel, zwei Radiergummis und ein langes Lineal kaufen. Das Lineal mochte ich am liebsten, weil der Astronaut darin in Wasser mit Silbersternchen schwebte. Ich habe so viel damit gespielt, dass der Astronaut irgendwann in einer Ecke stecken blieb.

In diesem Jahr habe ich mir ein Tim-und-Struppi-Set gekauft. Ich liebe Tim. Auch wenn er nur eine Figur in einem Comicbuch ist, will ich so sein wie er, wenn ich groß bin. Reporter zu sein und Geheimnisse aufzudecken und Abenteuer zu erleben, muss der beste Beruf der Welt sein. Seit ich denken kann, habe ich zum Geburtstag immer das neueste Tim-und-Struppi-Heft bekommen. Und Mum bringt mir alle alten Comics mit, die ihre Bücherei wegwerfen will, deshalb habe ich jetzt schon eine ganze Sammlung. Ich habe sie alle mindestens schon fünfzig Mal gelesen. Allerdings werde ich mir ein anderes Tier aussuchen müssen, mit dem ich dann reise, weil ich allergisch gegen Hunde bin. Aber ich glaube nicht, dass Katzen oder Hamster oder selbst dressierte Mäuse auch nur halb so nützlich sind wie Tims Hund Struppi. Und obwohl ich schon sehr lange darüber nachdenke, ist mir noch keine Lösung für dieses Problem eingefallen.

Weil das Tim-und-Struppi-Schreibset viel teurer war als das Astronauten-Set, konnte ich nur ein Federmäppchen, ein kleines Lineal und zwei Radiergummis kaufen. Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, aber dann fand ich doch, dass es sich lohnen würde, mein gesamtes Taschengeld dafür auszugeben. Vor allem, weil Struppi bellt und Kapitän Haddocks Stimme »Hunderttausend heulende Höllenhunde!« ruft, wenn man auf einen Knopf auf dem Federmäppchen drückt. Ich habe schon Ärger bekommen, weil ich mitten im Matheunterricht darauf gedrückt habe, aber wenn man in Mathe nicht mal sein Federmäppchen bellen lassen kann, dann hat das alles ja überhaupt keinen Sinn.

Ich mag Mathe nicht. Einfache Rechenaufgaben sind in Ordnung, aber gerade lernen wir schriftliche Division und Quadratzahlen und solche Dinge, die mein Hirn einfach nicht gern tut. Manchmal frage ich noch mal nach, wenn ich etwas nicht verstehe. Und zum Glück helfen mir Tom, Josie und Michael, wenn ich nicht mehr weiterweiß. Sie sind meine besten Freunde. Wir machen alles zusammen.

Tom hat kurzes, stacheliges Haar und ein schiefes Grinsen. Er ist der Kleinste in unserer Gruppe, aber auch der Lustigste. Er ist erst letztes Jahr in unsere Klasse gekommen, weil seine Eltern aus Amerika hierhergezogen sind, aber wir haben uns sofort angefreundet. Er hat drei ältere Brüder, die ihn ständig ärgern. Nicht ernsthaft – nur zum Spaß. Aber ich habe den Verdacht, dass sie ihm auch das Essen klauen und dass er deshalb so dünn und immer superhungrig ist. Einmal hat er mittags eine ganze Pizza mit Extrabelag und einen doppelten Cheeseburger verdrückt, und danach hatte er immer noch Hunger! Deshalb verstecke ich lieber meine Pausenbrote und Schokoriegel vor ihm.

Josie hat große braune Augen und mindestens eine Million Sommersprossen im Gesicht. Sie ist groß und schlaksig und kaut immer auf ihren Haaren herum. Sie ist das schnellste Mädchen in unserem Jahrgang und kann von der entgegengesetzten Seite des Fußballfeldes einen Ball am Torwart vorbei ins Tor schießen. Sie ist der coolste Mensch, den ich kenne, und ich kenne sie schon, seit wir drei Jahre alt sind. Unsere Mums sagen, dass wir schon vom ersten Tag im Kindergarten an Freundinnen waren. Und deshalb wurden sie kurz darauf ebenfalls Freundinnen. Josie kommt in all meinen Erinnerungen aus der Schulzeit vor. Wir mussten letztes Jahr sogar zum ersten Mal zusammen nachsitzen – wegen eines Hamsters namens Herbert.

Josie hatte gehört, wie einer dieser Mobber aus der Stufe über uns sagte, dass er unseren Klassenhamster Herbert nach dem Unterricht in der Toilette runterspülen würde. Deshalb beschlossen wir, gemeinsam auf Hamsterrettungsmission zu gehen. Wir versteckten Herbert in meinem Rucksack und nahmen ihn einfach mit zu mir nach Hause. Aber natürlich fand Mum es heraus und zwang mich, ihn am nächsten Tag wieder zurückzubringen. Ich versuchte noch, dem langweiligen Mr Thompson zu erklären, was passiert war, aber der wollte mir gar nicht zuhören und erteilte mir zur Strafe Nachsitzen. Und obwohl Josie das gar nicht musste, stand sie auf und sagte, sie hätte mitgeholfen, Herbert zu klauen – nur damit wir zusammen nachsitzen konnten. Du weißt, dass eine Freundin deine beste Freundin ist, wenn sie freiwillig mit dir nachsitzt.

Dann ist da noch Michael. Er hat den tollsten, bauschigsten Afro von allen Jungs in unserem Jahrgang. Die meisten halten ihn für merkwürdig. Aber wir nicht. Seine Brille ist immer kaputt, und seine Schnürsenkel sind nie richtig zugebunden, sodass er ständig darüber stolpert und gegen Gegenstände stößt. Aber wir sind alle so daran gewöhnt, dass es uns gar nicht mehr auffällt. Meistens ist er ganz still, aber wenn er dann doch etwas sagt, gucken die Erwachsenen immer ganz beeindruckt und sagen, das sei aber »genial« oder »komplex«, oder sie benutzen andere seltsame Wörter, die man nicht gleich versteht. Ich nehme an, dass sie ihn für schlau halten. Erwachsene finden es immer toll, schwierige Wörter für einfache Dinge zu erfinden.

Die anderen machen sich immer lustig über Michael, weil er nicht schnell laufen oder einen Ball gerade schießen kann, aber ihm ist das egal. Vielleicht macht es ihm nichts aus, weil er reich ist. Sein Dad ist Professor und seine Mum Rechtsanwältin, und weil sie immer viel zu tun haben, kaufen sie ihm die neuesten Geräte und Bücher und die allercoolsten Spiele. Als wir letztes Jahr zu seinem Geburtstag bei ihm eingeladen waren, waren wir zum ersten Mal in seinem Zimmer. Es sah darin aus wie in einem Spielzeugladen. Wahrscheinlich ist es viel leichter, sich nicht darum zu kümmern, was andere Leute denken, wenn man sich mit so vielen Spielsachen ablenken kann.

Josie und Michael wetteifern immer miteinander, wer am meisten Sternchen und Einsen bekommt. Michael ist der Beste in Geschichte, und Josie ist die Beste in Mathe. Aber ich bin besser im Lesen und in Rechtschreibung als beide zusammen.

Josie hasst Lesen und liest außerhalb der Schule absolut nie. Sie sagt, dass ihr dafür die Fantasie fehle. Ich finde das merkwürdig, denn wie kann man bloß keine Fantasie haben? Vielleicht hat Josie sie verloren, als sie letzten Sommer vom Fahrrad gefallen ist. Mum sagt, Menschen ohne Fantasie sind innerlich tot. Ich glaube nicht, dass Josie irgendwo tot ist – dafür redet sie zu viel.

Wenn man drei beste Freunde hat, macht die Schule selbst an den allerlangweiligsten Tagen Spaß. Wobei der Unterricht in diesem Jahr viel lustiger geworden ist – und das liegt an unserer neuen Lehrerin, Mrs Khan.

Mrs Khan hat ganz lockiges Haar und duftet nach Erdbeermarmelade – was viel besser ist, als nach alten Socken zu riechen, so wie Mr Thompson. Sie ist neu an der Schule und besonders schlau – viel schlauer, als Mr Thompson es jemals war. Und sie gibt uns freitags immer eine Belohnung, wenn wir uns Mühe gegeben haben. Die anderen Lehrer machen das nicht.

Mrs Khan denkt sich für uns immer alle möglichen interessanten Dinge aus, die wir noch nie gemacht haben. In der ersten Woche nach den Ferien half sie uns dabei, Musikinstrumente aus Sachen zu basteln, die wir in der Recycling-Tonne gefunden haben, und in der zweiten Woche las sie uns aus einem ganz neuen Comicbuch vor, das es noch gar nicht in der Schulbücherei gab.

In der dritten Woche passierte dann etwas, das uns so neugierig machte, dass es nicht einmal Mrs Khan schaffte, uns richtig für den Unterricht zu interessieren.


Es war am dritten Dienstag nach den Ferien. Mrs Khan hatte gerade das Klassenbuch aufgeschlagen, als es laut an der Tür klopfte. Es war Mrs Sanders, die Rektorin. Mrs Sanders trägt immer dieselbe Frisur und späht über den Rand ihrer Brille hinweg, wenn sie mit jemandem spricht. Alle haben Angst vor ihr, denn wenn man bei ihr nachsitzen muss, lässt sie einen lange Wörter aus dem Wörterbuch auswendig lernen.

Deshalb verstummten alle, als Mrs Sanders hereinkam. Sie sah sehr ernst aus und trat zu Mrs Khan, und wir überlegten alle, wer jetzt wohl Ärger bekommen würde. Sie flüsterte und nickte ein paar Sekunden lang, dann drehte sie sich plötzlich um, sah uns über ihre Brille hinweg an und zeigte auf den leeren Stuhl ganz hinten in der Klasse.

Wir drehten uns alle um, um einen Blick auf den leeren Stuhl zu werfen.


Wie ich schon sagte, war es ein ziemlich gewöhnlicher Stuhl, und er war leer, weil Dena kurz vor den Ferien nach Wales gezogen war. Niemand vermisste sie wirklich, nur ihre beste Freundin Clarissa. Dena war eine ziemliche Angeberin und erzählte ständig, wie viele Geschenke sie von ihren Eltern bekommt und wie viele Sporthosen sie hat und all solche Dinge, die niemanden interessieren. Sie saß gern in der letzten Reihe, weil Clarissa und sie dort heimlich Bilder von ihren Lieblingspopstars malen oder über alle reden konnten, die sie nicht mochten. Und da nach den Ferien niemand anderes neben Clarissa sitzen wollte, war der Stuhl leer geblie ben.

Mrs Khan und Mrs Sanders unterhielten sich noch ein paar Sekunden lang im Flüsterton, und dann ging Mrs Sanders wieder aus der Tür hinaus. Mrs Khan schien auf etwas zu warten, also warteten wir ebenfalls. Es war alles sehr ernst und aufregend. Aber bevor wir darüber rätseln konnten, was los war, kam Mrs Sanders schon zurück. Und diesmal war sie nicht allein.

Hinter ihr stand ein Junge. Ein Junge, den niemand von uns bisher gesehen hatte. Er hatte kurze dunkle Haare und große Augen, die kaum blinzelten, und blasse Haut.

»Alle mal herhören!«, sagte Mrs Khan. Der Junge trat neben sie. »Das hier ist Ahmet, und er wird von jetzt an in diese Klasse gehen. Er ist gerade erst nach London gezogen. Ich hoffe, dass ihr euch alle Mühe gebt, damit er sich willkommen fühlt.«

Wir schauten schweigend zu, wie Mrs Sanders ihn zu dem leeren Stuhl führte. Er tat mir leid, weil er es bestimmt nicht schön finden würde, neben Clarissa zu sitzen. Sie vermisste Dena immer noch, und alle wussten, dass sie Jungs hasste – sie sagt immer, dass sie dumm sind und stinken.

Es gehört bestimmt zu den schlimmsten Dingen auf der Welt, irgendwo neu zu sein und neben jemandem sitzen zu müssen, den man nicht kennt. Besonders neben jemandem, der einen böse anstarrt, so wie Clarissa es tat. In diesem Moment schwor ich mir, dass ich mich mit dem neuen Jungen anfreunden würde. Ich hatte an dem Morgen zufällig ein paar Zitronendrops in meiner Jackentasche und nahm mir vor, ihm in der Pause einen davon zu geben. Und ich würde Josie, Tom und Michael fragen, ob sie auch seine Freunde sein wollten.

Immerhin sind vier neue Freunde besser als keiner. Besonders für einen Jungen, der so verängstigt und traurig aussah wie der, der jetzt ganz hinten bei uns in der Klasse saß.

Der Junge mit den Löwenaugen

Den Rest des Tages schaute ich immer wieder heimlich über die Schulter zu dem neuen Jungen und merkte, dass alle anderen dasselbe taten.

Die meiste Zeit hielt er den Kopf tief gesenkt, aber hin und wieder erwischte ich ihn dabei, wie er zu mir herübersah. Er hatte die merkwürdigste Augenfarbe, die ich je gesehen habe – wie ein Meer, aber an einem halb sonnigen, halb bedeckten Tag. Sie waren grau und silbrigblau mit goldbraunen Flecken darin. Sie erinnerten mich an einen Film, den ich einmal über Löwen gesehen hatte. Der Kameramann hatte so nah an das Gesicht des Löwen herangezoomt, dass man nur noch seine Augen sehen konnte. Die Augen des neuen Jungen waren genau wie die Löwenaugen. Man wollte gar nicht mehr aufhören hineinzustarren.

Als Tom letztes Jahr in unsere Klasse kam, habe ich ihn auch oft angestarrt. Ich stellte mir vor, dass er aus einer amerikanischen Spionfamilie kam – so wie die aus den Filmen. Er erzählte mir später, dass er schon dachte, dass ich eine Meise hätte. Das dachte der neue Junge vermutlich auch, aber es ist schwierig, neue Leute nicht anzustarren, besonders, wenn sie Löwenaugen haben.

In der ersten Stunde hatten wir Erdkunde, deshalb konnten wir nicht aufstehen und den neuen Jungen begrüßen. In der Pause suchte ich dann auf dem Pausenhof nach ihm, konnte ihn aber nirgends finden. In der zweiten Stunde hatten wir Sport, aber der neue Junge machte nicht mit; er saß in der Ecke und starrte seinen Rucksack an, der rot und sehr schmutzig war und einen schwarzen Streifen darauf hatte. Bestimmt hatte er seine Sportsachen vergessen, weil sein Rucksack ganz leer und schlaff aussah. Ich versuchte, ihm zuzuwinken, aber er schaute überhaupt nicht hoch, nicht ein einziges Mal.

Beim Sport stelle ich mir immer vor, dass ich für ein Abenteuer mit Tim und Struppi trainiere und deshalb superschnell sein muss. Das Problem dabei ist bloß, dass meine Beine noch nicht so lang sind, wie ich sie gern hätte. Selbst wenn ich so stark abspringe, wie ich kann, bleibe ich irgendwie immer mitten im Sprung hängen. Jedes Mal wünsche ich mir zum Geburtstag, dass ich mindestens zehn Zentimeter wachse, und ich trinke auch so viel Milch, wie ich kann, damit sich meine Knochen strecken. Aber obwohl ich jetzt schon neundreiviertel bin, bin ich seit meinem letzten Geburtstag nur knapp vier Zentimeter gewachsen. Ich versuchte also mit aller Kraft, vor den Augen des neuen Jungen schon beim ersten Mal über die Stange zu springen, blieb aber hängen. Zum Glück bekam er das aber gar nicht mit, weil er die ganze Zeit seinen Rucksack anstarrte.

Danach hatten wir Mittagspause, und Josie, Tom, Michael und ich beschlossen, den neuen Jungen zu suchen, damit er nicht ganz allein war. Wir warteten direkt neben dem Tor zum Schulhof, aber er kam nicht. Tom ging sogar in die Jungentoilette, um nachzuschauen, weil er sich an seinem ersten Tag selbst dort versteckt hatte, als er noch niemanden kannte. Aber da war auch niemand.

»Vielleicht isst er aus Versehen mit den Kleinen?«, fragte Josie. Aber im Speisesaal fanden wir ihn auch nicht.

Am Nachmittag hatten wir Geschichte und wurden in Gruppen eingeteilt. Der neue Junge durfte allein sitzen und musste nicht mitmachen. Mrs Khan saß länger bei ihm als bei den Gruppen, und sie zeigte ihm Dinge in einem neuen Arbeitsheft.

»Vielleicht ist er taub?«, flüsterte jemand.

»Vielleicht kann er kein Englisch?«, murmelte jemand anderes.

»Irgendetwas ist auf jeden Fall nicht in Ordnung mit ihm«, wisperten alle.

Ich glaube nicht, dass auch nur einer von uns an diesem Nachmittag irgendetwas über Gladiatoren zur Zeit der Römer lernte, weil wir alle viel zu sehr damit beschäftigt waren, uns über den neuen Jungen zu unterhalten. Er bekam das bestimmt mit, weil sein Gesicht die ganze Zeit rot war. Dann, in der letzten Pause, verschwand er wieder.

»Er muss drinnen sein«, sagte Michael, nachdem wir den ganzen Schulhof schon zum dritten Mal abgesucht hatten. Inzwischen waren die Zitronendrops in meiner Jackentasche ganz klebrig geworden und sahen aus wie knallgelbe Fussel.

Nach Schulschluss redeten immer noch alle über den neuen Jungen und überlegten, wer er wohl war. Ich glaube, das lag daran, dass ein ganzer Tag vergangen war und niemand irgendetwas über ihn herausgefunden hatte, abgesehen von seinem Namen. Nicht einmal Clarissa – und die saß immerhin direkt neben ihm!

Die Leute waren den ganzen Tag über ständig zu ihr gerannt, um sie zu fragen, ob der neue Junge ihr irgendetwas erzählt hätte, aber sie schüttelte nur den Kopf und sagte, dass er ein Arbeitsheft für die Kleinen benutze und dass er vermutlich nicht besonders gut im Lesen und Schreiben sei.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle sahen wir, dass alle um Jennie herumstanden. Jennie ist in der Schule berühmt dafür, immer über alles Bescheid zu wissen, also rannten auch wir zu ihr, um zu hören, was sie zu sagen hatte.

Jennie geht in unsere Parallelklasse und hat die längsten Haare der ganzen Schule. Sie spioniert den Leuten gern hinterher und erzählt dann Geschichten über sie. Manchmal stimmen die Geschichten, aber meistens sind sie nur halb wahr, weil sie noch Dinge dazuerfindet. Aber trotzdem glauben ihr alle. Manchmal denke ich, dass die Leute gern eine Lüge glauben, selbst wenn sie wissen, dass es eine Lüge ist, weil Lügen aufregender als die Wahrheit sind.

Als wir näher herankamen, hörten wir, wie Jennie allen erzählte, dass der Junge an seiner alten Schule etwas Schlimmes getan habe und es zu gefährlich sei, ihn zu uns auf den Schulhof zu lassen. Aber ich glaubte ihr nicht, und Michael auch nicht, weil er sie fragte, woher sie das so genau wisse. Jennie wurde wütend und schwor hoch und heilig, dass sie gehört habe, wie Mr Owen vor dem Lehrerzimmer mit Mrs Timms sprach, und dass beide gesagt hätten, wie sehr ihnen Mrs Khan leidtue. Und wie froh sie seien, dass der neue Junge nicht in ihrer Klasse sei, weil es nicht leicht werden würde, mit ihm zurechtzukommen. Aber bevor wir ihr noch weitere Fragen stellen konnten, hupte Jennies Dad in seinem Auto nach ihr, und sie rannte los.

Wir schauten wieder auf das Schultor, um zu sehen, ob der neue Junge endlich herausgekommen war. Aber wir konnten ihn nirgends entdecken.

»Er ist bestimmt schon weg«, bemerkte Josie.

Tom und Michael nickten. »Lasst uns noch zwei Minuten warten«, sagte ich und hoffte, dass er doch noch drinnen war. Und ein paar Sekunden später kam der neue Junge tatsächlich aus der Tür! Er ging an Mrs Khans Hand und hielt den Blick auf den Boden gesenkt. Eine Frau, die bei den Bänken gewartet hatte, rief plötzlich »Huhuuu!« und rannte zu ihnen hinüber. Sie trug einen langen braunen Mantel, eine Wollmütze und einen knallroten Schal. Sie stand lange bei Mrs Khan und redete mit ihr und nickte furchtbar oft, aber wir standen zu weit weg, um zu hören, was sie sagten.

»Ob das wohl seine Mum ist?«, fragte Josie. Ich glaubte es nicht, weil der Junge sie überhaupt nicht umarmte und noch immer ganz schüchtern wirkte.

»Komm mit«, sagte Michael. Er zeigte auf seine Armbanduhr, die wie ein U-Boot piepte. Michael hat eine besondere Uhr, die ihm sagt, wann der nächste Bus kommt. Sie soll ihm eigentlich dabei helfen, pünktlich zu sein, aber in Wirklichkeit stößt er ihretwegen nur noch häufiger gegen Gegenstände.

»Nein! Warte!«, sagte ich. Und bevor ich noch darüber nachdenken konnte, rannte ich zu dem neuen Jungen hinüber.

»Hallo!«, sagte ich und tippte ihm auf die Schulter.

Mrs Khan und die Frau mit dem roten Schal schauten auf mich herunter. Ich holte die Zitronendrops heraus. »Hier!«, sagte ich und hielt sie ihm hin. Es war mir ein bisschen peinlich, weil sie ganz aufgequollen waren. Aber sie würden immer noch gut schmecken.

Vielleicht hatte ich zu laut gesprochen, denn der neue Junge trat erschrocken einen Schritt zurück.

»Ist schon gut, Ahmet, du kannst eins nehmen«, sagte die Frau und bewegte dabei die Hände wie in Zeichensprache.

Aber der Junge nahm nur ihre Hand und versteckte sich hinter ihr. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, weil ich noch nie jemanden so erschreckt hatte, dass er sich vor mir verstecken wollte. Die Frau sprach wieder ganz sanft mit ihm, und nach ein paar Sekunden nahm er den Drops und sah mich direkt mit seinen Löwenaugen an. Dann versteckte er sich wieder.

»Danke«, sagte die Frau. Sie lächelte mich an. Ich mochte ihre dunkelbraunen Augen, weil sie so freundlich schauten, und ihre rosigen Wangen. »Ahmet wird ihn sicher schon auf der Fahrt nach Hause essen.«

Ich nickte und rannte zurück zu Josie und Tom, die auf mich warteten. Ich war besonders froh, weil Mrs Khan mich angelächelt und mir sogar zugezwinkert hatte – genau wie mein Dad früher, wenn er fand, dass ich etwas besonders gut gemacht hatte, oder wenn er meine Mum auf den Arm nahm. Wenn ich erwachsen bin, werde ich anderen Menschen auch so zuzwinkern wie er, damit sie sich besonders fühlen. Und als wir nach Hause gingen, beschloss ich, Ahmet so oft wie möglich zuzublinzeln, wenn er mich ansah.

40 Mal zwinkern

Am nächsten Tag, und an den Tagen danach auch, lächelte ich Ahmet an und zwinkerte ihm freundlich zu, sooft ich konnte. Mein Ziel war es, ihm mindestens vierzig Mal am Tag zuzuzwinkern, aber nach einer Weile fühlten sich meine Augenbrauen ganz komisch an. Ich merkte, dass Ahmet niemand anderen mehr ansah, nur noch mich. Er fand mein Zwinkern also bestimmt interessant. Aber dann sah Michael, wie ich versuchte, mit beiden Augen zu zwinkern, erst mit dem einen, dann mit dem anderen, und sagte, ich sähe aus, als müsste ich zum Arzt. Ich muss wirklich etwas komisch ausgesehen haben, weil ich nicht so gut mit dem linken wie mit dem rechten Auge zwinkern kann. Also beschloss ich, nicht mehr ganz so viel zu zwinkern.

In dieser Woche brachte uns Mrs Khan alles über Fotosynthese bei und gab jedem von uns einen kleinen Topf mit einem winzig kleinen Keimling darin, um den wir uns kümmern sollten. Alle freuten sich sehr, vor allem, weil derjenige mit der schönsten Pflanze einen Preis bekommen würde. Ahmet bekam auch einen Topf, und ich glaube, dass er sich freute, weil er den Keimling die ganze Zeit anschaute. Ich flüsterte meiner Pflanze eine Menge fröhlicher Worte wie »Regenbogen« und »Popcorn« und »Marshmallows« zu, weil ich irgendwo gelesen hatte, dass Pflanzen schneller wachsen, wenn man ihnen von schönen Dingen erzählt. Ich hatte noch nie einen Preis gewonnen. Nicht mal auf dem Jahrmarkt. Ich hoffte, dass ich diesmal gewinnen würde, wenn ich mich wirklich richtig stark bemühte und ständig mit meiner Pflanze redete. Aber wenn ich nicht gewinnen würde, wollte ich, dass es zumindest Ahmet tat, weil er seinen Keimling wirklich zu mögen schien.

Allerdings machte ich mir Sorgen wegen Brendan-dem-Quälgeist-Brooks. Das ist unser Klassenschläger. Seine Wangen sind immer rot, weil er die meiste Zeit damit verbringt, Kleinere über den Schulhof zu jagen. Er ist nicht besonders schlau und hasst alle, die es sind. Wenn jemand eine Eins oder einen Preis bekommt, versucht er, denjenigen nach Schulschluss zu verhauen. Als er Ahmets Topf ansah, verengte er die Augen zu Schlitzen. So macht er es immer, wenn er etwas Gemeines vorhat. Und das gefiel mir überhaupt nicht.

Sein Lieblingstrick ist es, einem ein Bein zu stellen. Er schlägt auch gern mal gegen das Tablett mit dem Mittagessen, sodass das Essen einem auf die Brust schwappt wie Eierpampe. Das hat er schon ein paar Mal mit mir gemacht. Manchmal wird er dabei erwischt. Aber meistens nicht. Und selbst, wenn er erwischt wird, muss er nicht nachsitzen.

Die meisten Lehrer scheinen ihn irgendwie zu mögen. Wenn er lächelt, sieht er so aus wie einer von den Jungen, die im Fernsehen im Kirchenchor auftreten. Vielleicht liegt es daran. Mr Thompson nennt ihn immer einen »Bengel«, was ein gutes Wort sein muss, weil er Brendan-dem-Quälgeist dabei zuzwinkert, ihm auf die Schulter klopft und ihn dann wieder laufenlässt. Seitdem hassen ihn alle in der Klasse noch viel mehr – außer natürlich Liam und Chris, das sind seine einzigen Freunde. Selbst die Mobber aus den höheren Klassenstufen finden ihn nervig. Es ist schon lustig, dass die meisten Mobber andere Mobber nicht leiden können. Vielleicht fühlen sie sich dann nicht mehr so besonders. Aber in der Schule wissen alle, wer die Mobber sind, und auch, wen sie am liebsten mobben. Trotzdem mobben niemals zwei Mobber dieselbe Person. Es ist schon ein seltsames System. Aber so sind nun mal die Regeln, und alle halten sich daran. Und die Lehrer bekommen davon nichts mit.

Aber Mrs Khan ist anders.

Sie scheint Brendan-den-Quälgeist nicht so gern zu mögen wie die anderen Lehrer. Sie hat ständig ein Auge auf ihn, und seit sie unsere Klassenlehrerin ist, ist er viel vorsichtiger. Aber ich passe trotzdem lieber auf.

Kurz nachdem Ahmet in unsere Klasse kam, kursierten eine Menge Gerüchte über ihn. Sie gingen auf dem Schulhof herum wie bei der Stillen Post.

Die meisten glaubten Jennie und sagten, der neue Junge sei bestimmt gefährlich und dürfe deshalb in den Pausen nicht raus. Aber dann erzählten andere, dass er eine superansteckende Krankheit habe. Das Krankheitsgerücht jagte Clarissa solche Angst ein, dass sie versuchte, sich so weit wie möglich von ihm wegzusetzen, ohne vom Stuhl aufzustehen. Einmal beugte sie sich so weit weg, dass sie auf den Boden fiel!

Ich fand überhaupt nicht, dass Ahmet auch nur im Geringsten gefährlich oder ansteckend aussah. Das Gerücht, das am wahrscheinlichsten klang, war, dass er aus einer superreichen Familie stammte und dass seine Eltern ihn undercover auf unsere Schule geschickt hätten, damit er nicht entführt würde. Michael sagte, dass Entführer nicht an unserer Schule nach ihm suchen würden, weil sie nicht in einer schicken Gegend liegt, und Tom war ganz seiner Meinung.

Ich wollte Ahmet fragen, ob die Gerüchte über die Entführer stimmten und ob er uns als Bodyguards brauchte. Aber er machte immer noch all seine Aufgaben allein, und in jeder Pause und zum Mittagessen verschwand er, sodass niemand außer Clarissa mit ihm reden konnte. Und die wollte nicht mit ihm reden! Ich versuchte, ihm zuzulächeln und »Hallo« zu flüstern, aber Mrs Khan erwischte mich dabei und sagte, ich solle mich gefälligst auf meine Arbeit konzentrieren.

Als Nächstes versuchte ich, ihm einen Zettel zu schicken, den ich zu einem Flieger gefaltet hatte – das kann ich nämlich gut –, aber stattdessen knallte er Nigel an den Kopf. Nigel ist eine alte Petze und hat mich sofort verraten. Mrs Khan kam zu mir und nahm mir den Zettel weg und las ihn. Sie schüttelte den Kopf, aber ich glaube, dass sie meine Zeichnung auch ein bisschen lustig fand, weil ihr Mund ein wenig lächelte, was aber nur ich sehen konnte. Es war allerdingst zu riskant, noch mehr Zettel per Luftpost zu schicken. Zumal ja eine Petze in der Nähe war.

In der Pause am nächsten Tag beschlossen Josie, Tom, Michael und ich, Ahmet zu folgen und herauszufinden, wohin er ging. Aber Mrs Khan erwischte uns dabei und verbot es uns. Sie wirkte nicht besonders wütend, aber sie sagte, dass Ahmet gerade noch viel Rückzugsraum brauche und dass es zu seinem eigenen Besten sei, also versprachen wir, ihm nicht mehr zu folgen.

»Was heißt ›Rückzugsraum‹?«, fragte Josie, als wir wieder auf den Schulhof hinausgingen. Keiner von uns wusste das so genau, nicht einmal Michael, obwohl er sagte, dass Ahmet vielleicht ein spezielles Zimmer benötige, so wie ein sehr kranker Mensch im Krankenhaus. Vielleicht hatte er also doch eine ansteckende Krankheit.

Aber bald fanden wir heraus, was »Rückzugsraum« wirklich bedeutete und warum Ahmet so viel davon brauchte.

Was Mr Brown und Mrs Grimsby sagten

Mein Dad sagte immer, dass, wenn man etwas wirklich, wirklich will, man es immer wieder versuchen muss. Und weil er außerdem immer sagte, dass er alles hatte, was er sich nur wünschen konnte, glaube ich, dass er genau wusste, wie man sich seine Wünsche erfüllt.

Ich wusste jedenfalls, dass ich mit Ahmet befreundet sein wollte. Ich wusste zwar nicht genau, wieso, aber ich wollte es einfach. Ich versuchte nicht mehr, während der Schulzeit mit ihm zu sprechen – wegen des Rückzugsraums –, aber ich fand, dass es nach der Schule in Ordnung wäre, weil mich Mrs Khan bei meinem ersten Versuch angelächelt und mir zugezwinkert hatte. Zwei ganze Wochen lang wartete ich also nach der Schule am Schultor.

Sobald Ahmet und Mrs Khan herauskamen, um sich mit der Frau mit dem roten Schal zu treffen, rannte ich zu Ahmet und gab ihm einen Zitronendrops, manchmal auch einen ganzen Schokoriegel. Aber egal wie viele Süßigkeiten ich ihm schenkte oder wie sehr Mrs Khan ihn auch ermutigte, mit mir zu reden – Ahmet sagte kein einziges Wort und lächelte mich kein einziges Mal an. Nicht mal, als ich ihm eine ganze Tüte voller weißer Mäuse schenkte, die ich am liebsten mag. Er nahm sie nur schweigend an, starrte zu Boden und stellte sich hinter die Frau mit dem roten Schal.

»Vielleicht mag er keine Süßigkeiten«, überlegte Michael am Freitag der zweiten Woche.

»Sei nicht albern«, sagte Josie und kaute auf einer Haarsträhne herum. »Jeder mag Süßigkeiten!«

»Vielleicht hat er eine Allergie?«, schlug Tom vor. Ich hatte noch nie davon gehört, dass man allergisch gegen Schokolade und Süßigkeiten sein konnte, aber andererseits war ich auch allergisch gegen Hunde, obwohl niemand sonst das war.

Danach beschloss ich, Ahmet das Obst zu schenken, das wir immer zum Mittagessen bekamen. Also nahm ich am nächsten Montag die dickste Orange, die ich in der Kantine finden konnte, und wartete nach der Schule vor dem Schultor. Ich war besonders aufgeregt, weil ich ein Smiley auf die Schale gemalt hatte, und Tom hatte mir einen Dinosaurier-Sticker geschenkt, den ich daraufklebte – also war die Orange etwas ganz Besonderes. Tom sammelt Sticker und hatte noch nie einen an jemanden verschenkt, den er nicht sehr gut kannte, also hoffte ich, dass Ahmet das Geschenk mögen und wissen würde, wie besonders es war.

Aber als wir darauf warteten, dass Ahmet herauskam, hörten wir etwas über ihn, was wir überhaupt nicht verstanden. Tatsächlich war es sogar noch verwirrender als die Sache mit dem Rückzugsraum.

Ganz viele Erwachsene standen hinter uns am Schultor – das ist immer so nach Schulschluss. Manchmal reden sie über die neuesten Nachrichten oder was sie zum Abendbrot kochen wollen. Aber meistens sprechen sie übers Wetter. Ich weiß nicht, warum, denn es gibt nichts Langweiligeres, als über etwas zu reden, das jeder schon kennt. Aber ich glaube, dass Erwachsene so etwas eben tun.

Normalerweise hören wir nicht zu, weil wir Wichtigeres zu besprechen haben, zum Beispiel, was wir zu Hause im Fernsehen schauen wollen oder wer unser Lieblingssportler ist. Aber an diesem Nachmittag, direkt nachdem jemand gesagt hatte, wie sonnig es sei und wie wunderbar, sagte jemand anders: »Haben Sie von dem neuen Flüchtlingsjungen gehört, der jetzt auf unsere Schule geht? Er ist in Mrs Khans Klasse. Sie finden einfach keinen Schulassistenten, der seine Sprache spricht. Armes kleines Kerlchen!«

Josie, Michael, Tom und ich sahen uns an, und dann wurden wir ganz still. Ich weiß, dass wir alle haargenau dasselbe dachten: Wir fragten uns, was ein Flüchtlingskind in unserer Klasse machte.

Dann sagte die Dame, die über die Sonne gesprochen hatte: »Das wird noch Ärger geben – das kann ich Ihnen sagen. Die kommen doch nur, um uns die Arbeitsplätze wegzunehmen!«

Vorsichtig schauten wir über unsere Schultern und sahen, dass es Mr Brown und Mrs Grimsby waren, die da miteinander sprachen.

Mr Brown zuckte die Achseln und sagte dann: »Wenn er aus dem schrecklichen Krieg kommt, von dem immer in den Nachrichten die Rede ist, tut mir der Junge leid. Kann gut verstehen, dass die Leute aus dieser Todesfalle rauswollen.«

»Hmpf«, machte Mrs Grimsby. »Mit denen hat man doch nur Ärger. Würde ihnen auf keinen Fall über den Weg trauen. Warten Sie’s nur ab – unsere Kinder werden noch darunter leiden, weil diese Leute hierherkommen und hier machen, was sie wollen …«

Ich merkte, dass es Mr Brown nicht gefiel, was sie da sagte, weil er die Stirn runzelte und den Kopf schüttelte und dann zur Seite trat.

Ich mag Mr Brown. Er ist Charlies Dad. Charlie geht in die Stufe über uns. Jeder kennt ihn, weil er sich in der Mittagspause immer mindestens drei Portionen vom Nachtisch nimmt und deshalb nicht alle etwas abbekommen. Er ist außerdem bekannt dafür, den Feueralarm auszulösen, um seine Klassenarbeiten in Biologie nicht schreiben zu müssen. Er macht ständig Ärger. Aber ich glaube, Mr Brown weiß das gar nicht.

Mrs Grimsby schaute säuerlich drein. Ihr Gesicht war ganz rot und wütend. Ich mochte sie nicht besonders. Sie ist die Großmutter von Nelly, die in die Stufe unter uns geht und eins der beliebtesten Mädchen auf der Schule ist. Hauptsächlich, weil sie jeden Rülpswettbewerb gewinnt. Sie kann sogar bekannte Songs rülpsen und fordert ständig alle heraus, sie darin zu schlagen.

Ich dachte noch darüber nach, was Mrs Grimsby gesagt hatte, als mich Josie plötzlich in den Arm pikte. »Guck mal!«

Durch das Zaungitter sahen wir, dass Mrs Khan und Ahmet auf dem Schulhof standen und mit der Frau mit dem roten Schal sprachen. Also rannte ich, so schnell ich konnte, und gab Ahmet die besondere Orange.

Wie immer bedankte er sich nicht, aber ich sah, dass seine Augen größer wurden, als er das Smiley und den Sticker auf der Orange entdeckte. Und zum ersten Mal überhaupt schaute er mich mit seinen Löwenaugen an und wandte den Blick nicht ab. Ich wusste sofort, dass er keine Angst mehr vor mir hatte.

Ich lächelte ihn ein wenig an. Ich wollte, dass er wusste, dass es mir völlig egal war, ob er ein Flüchtlingskind war oder nicht. Ich wollte einfach seine Freundin sein. Ich glaube, er verstand es, denn er nickte mir so leicht zu, dass es niemand anders sehen konnte. Ich hätte es lieber gehabt, wenn er zurückgelächelt hätte, denn du weißt erst, dass jemand wirklich dein Freund ist, wenn er dich genug mag, um zurückzulächeln. Aber es war schon in Ordnung. Das Nicken war wie ein Versprechen, und ich wusste, dass ich nicht mehr allzu lang würde warten müssen, bis das Lächeln kam.

Das Flüchtlingskind

Als ich an dem Abend nach Hause kam, blieb ich so lange auf, wie ich konnte, um meine Mum noch zu sehen. Montags kommt sie immer erst um halb zehn nach Hause, weil die Bücherei an diesem Tag bis spät geöffnet hat. Ich muss dann eigentlich schon im Bett sein, weil sie sonst sauer wird, aber diesmal war es mir egal, ob ich Ärger bekam – ich wollte schließlich herausfinden, wie Ahmet ein Flüchtlingskind geworden ist und warum Mrs Grimsby meinte, dass Flüchtlinge nur Ärger machten und anderen Leuten die Arbeitsplätze wegnahmen.

Im Bus nach Hause sagte Michael, dass Flüchtlingskinder aus großen Zelten in der Wüste kämen. Aber dann sagte Josie, dass man in England nicht in Zelten wohnen darf, außer man geht campen. Und Tom sagte, dass er von den Flüchtlingen im Fernsehen gehört habe, sich aber nicht erinnern könne, warum sie wegliefen, und dass es in England sowieso keine Wüsten mit Zelten darin gebe. Es war alles ziemlich verwirrend, aber ich war mir sicher, dass meine Mum Bescheid wusste, weil sie in einer Bücherei arbeitet, und in Büchereien gibt es Bücher über alles.

Meine Mum ist der schlauste Mensch, den ich kenne – sogar noch schlauer als Mrs Khan. Sie hat zwei Jobs – in der Woche ist sie Bibliothekarin, und samstags ist sie Pflegerin. Sie kümmert sich um Leute, die nicht essen oder gehen können oder sich nicht mehr richtig an Dinge erinnern oder zu krank sind, um allein zu wohnen. Weil Mum die ganze Zeit arbeiten muss, sehe ich sie nicht so oft – außer sonntags. Sonntag ist unser Tag – früher, mit meinem Dad, haben wir dann oft etwas unternommen. Immer wenn er einen Tag freihatte, weckte er uns früh, packte etwas zu essen ein, und wir fuhren im Auto auf Abenteuertour! Normalerweise ging es ans Meer oder in einen Safari-Park oder, wenn es draußen kalt war, zum Bowling oder ins Kino.

Jetzt können wir uns diese Dinge nicht mehr leisten, denn als ich sechs Jahre alt war, starb mein Dad bei einem Autounfall. Manchmal mache ich mir Sorgen, dass ich ihn langsam vergesse, obwohl ich ihn jeden Tag vermisse. Aber wenn ich gut nachdenke und in den tiefsten Teil meines Hirns hinabtauche, ist er noch immer da. Er war der lustigste Dad, den man nur haben konnte. Er war Tischler und baute gern Dinge aus allem, was er finden konnte.

So sieht Dad in meiner Erinnerung aus:


Er redete immer viel mehr als Mum und dachte sich gern Geschichten aus. Aber noch lieber als alles andere hörte er Musik. Er hatte eine riesige Musiksammlung und schraubte ständig an dem altmodischen Grammofon herum, das mein Großvater ihm zum dreizehnten Geburtstag gekauft hatte. Er brachte mir bei, wie man die großen schwarzen Platten darauf abspielte und wie man den riesigen goldenen Schalltrichter ordentlich polierte.

Mum wollte es letztes Jahr verkaufen, um damit Rechnungen zu bezahlen, denn offenbar sind die Dinge umso mehr wert, je älter sie sind. Aber zum Glück brachte mein Onkel Lenny sie dazu, es mir zu schenken. Onkel Lenny ist der Bruder meiner Mutter und der beste Onkel der Welt, obwohl er mit meiner Tante Christina verheiratet ist, die ich eigentlich nicht besonders mag. Er hat einen Sohn namens Jacob, der gern Sachen kaputt macht. Onkel Lenny besucht uns mindestens einmal die Woche, meistens allein. Dann fragt er mich immer, ob ich etwas brauche. Das mag ich an ihm. Und ich werde ihn immer dafür liebhaben, dass er mir dabei geholfen hat, Dads Grammofon zu behalten. Es steht jetzt in meinem Zimmer, aber ich mache es nie an, wenn Mum zu Hause ist. Sie mag es nicht so gern, wenn ich es benutze. Vielleicht erinnert es sie daran, wie Dad mit ihr stolz im Zimmer herumtanzte, wenn er einen Stuhl oder Tisch fertig gebaut hatte, und dann wird sie traurig.

Ich spielte eine von Dads Lieblingsplatten, um mich wach zu halten, als ich plötzlich Mums Schlüssel im Schloss hörte. Man weiß immer genau, dass sie es ist, weil sie laut klimpert. Ich schaltete das Grammofon schnell aus und rannte ins Wohnzimmer.

»Na, hallo, mein kleiner Zwerg!«, sagte Mum. Ich merkte, dass sie überrascht war, mich zu sehen, weil ihre Augenbrauen nach oben zuckten und in ihren Haaren verschwanden. »Was machst du denn noch so spät hier?«

»Ich kann nicht schlafen«, antwortete ich.

»Ach so«, sagte sie. Sie umarmte mich, sah mich dann nachdenklich an und legte mir die Hand auf die Stirn. Das tat sie immer, wenn sie sich um mich Sorgen machte.

»Fühlst du dich krank?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Hast du zu Abend gegessen?«

Ich nickte. Normalerweise esse ich montags abends eine Dosensuppe und ein Brötchen. Mrs Abbey von nebenan kommt und hilft mir dabei. Sie ist alt und kann nicht mehr gut gehen, aber manchmal macht sie mir auch Fischstäbchen. Meine Lieblingssuppe ist Tomatensuppe, weil sie mich an Tomatenketchup erinnert. Ketchup gehört zu den Dingen, die ich am allerliebsten esse. Man kann einen Klecks Ketchup auf alles geben, was nicht gerade ein Nachtisch ist, und ich wette mit euch um mein Taschengeld, dass jedes Gericht damit sofort besser schmeckt! Ketchup steht an dritter Stelle auf meiner Liste der leckersten Dinge, direkt hinter Schokolade und Eis in der Waffel vom Eiswagen.

»Tja«, sagte Mum und stellte ihre Taschen ab. »Dann wollen wir doch mal sehen, ob dich ein bisschen heißer Kakao müde macht! Komm, leiste mir ein wenig Gesellschaft beim Teetrinken.«

Ich folgte Mum in die Küche und schaute ihr dabei zu, wie sie das Kakaoglas herausholte und den Kessel aufsetzte. Und dann platzte es aus mir heraus: »Mum, was ist ein Flüchtlingskind?« Manchmal macht mein Mund Sachen, für die mein Gehirn noch gar nicht bereit ist.

Mum hielt inne und sah mich an.

»Ein Flüchtlingskind?«, wiederholte sie mit gerunzelter Stirn. »Wo hast du das denn gehört?«

»In der Schule«, antwortete ich. »Jemand hat den neuen Jungen in unserer Klasse ein Flüchtlingskind genannt.«

»Ihr habt einen neuen Jungen in der Klasse?«

Ich nickte.

»Und Mrs Khan hat euch nichts über ihn erzählt?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nur, dass er Ahmet heißt und neu in London ist. Ich habe versucht, mich mit ihm anzufreunden, aber er spricht mit niemandem, deshalb weiß ich nicht, ob er sich auch mit mir anfreunden will …«

»Verstehe …« Mum verstummte. Sie goss Milch ins Milchtöpfchen und wartete, bis sie heiß wurde. Ich wusste, dass sie über etwas Ernstes nachdachte, weil sie sich die ganze Zeit das Kinn rieb. Das macht sie nur, wenn sie etwas sehr Wichtiges sagen will.

»Mum?«, flüsterte ich.

Aber Mum schwieg, und ich begann schon, mir Sorgen zu machen. Normalerweise antwortet Mum immer sofort auf meine Fragen. Vielleicht war es ja nicht nett von Mr Brown gewesen, Ahmet »Flüchtlingskind« zu nennen.

Ich setzte mich auf meinen Stuhl, schaute aus dem Fenster und wartete auf meinen heißen Kakao. Unsere Wohnung ist nicht besonders groß, aber wir haben einen kleinen Tisch am Fenster, um den vier Stühle stehen.

Als Mum mit dem heißen Kakao und ihrem Tee fertig war, setzte sie sich auf den Stuhl mir gegenüber und nahm zwei Zuckerwürfel aus dem Zuckerdöschen. Sie balancierte sie auf dem Löffel und rührte dann in kleinen Kreisen ihren Tee um. Wir sahen beide dabei zu, wie die Würfel immer kleiner wurden und sich schließlich auflösten.

»Mum … kannst du mir erklären, was ein Flüchtlingskind ist – ich meine, wo kommen sie her?«

Mum sah mich an. Sie hat mindestens zwanzig unterschiedliche Blicke, und ich weiß genau, was sie jeweils bedeuten. Dieser hier bedeutete, hör auf, mich zu löchern. Dann sagte sie: »Erinnerst du dich an diese Rettungsboote im Fernsehen, mein Schatz? Die, in denen so viele Leute ganz eng beieinandersaßen? Du hast mich damals danach gefragt.«

Ich nickte. Das war in den Sommerferien gewesen, Mum und ich hatten im Wohnzimmer gesessen. Sie löste ein Kreuzworträtsel, und ich malte ein paar Zeichnungen aus. Im Hintergrund liefen die Nachrichten. Erst erschien eine Reporterin auf dem Bildschirm, die an einem Strand stand, dann wurden Leute in Booten mitten auf dem Meer gezeigt, die alle sehr verängstigt aussahen. Sie hatten mir leidgetan, und ich hatte Mum gefragt, was da los war.

»Erinnerst du dich noch daran, was ich damals gesagt habe?«, fragte Mum.

»Du hast gesagt … dass sie versuchen, ein neues Zuhause zu finden, weil sie in ihrem Zuhause nicht mehr leben können.«

»Ganz genau, mein Liebling. Das waren Flüchtlinge, wie die Leute sie nennen, wobei man besser geflüchtete Menschen oder einfach Geflüchtete sagt.. Und Kinder wie der neue Junge in deiner Klasse sind geflüchtete Kinder, weil sie ihre Heimat verlassen und sehr weit reisen müssen, um ein neues Haus zum Leben zu finden.«

»Meinst du, so wie Dena?«, fragte ich und überlegte, ob Dena wohl auch ein geflüchtetes Kind war. Sie musste nach Wales ziehen, weil ihre Mum und ihr Dad in London kein neues Haus finden konnten.

Mum schüttelte den Kopf. »Nicht ganz«, sagte sie. »Denas Mum und Dad wollten umziehen. Sie wollten in einem viel größeren, schöneren Haus wohnen als in dem, das sie schon hatten. Aber Geflüchtete sind gezwungen fortzugehen – weil böse Leute es ihnen unmöglich gemacht haben zu bleiben. Diese bösen Leute werfen Bomben auf ihre Häuser und zerstören alle schönen Gegenden in ihrer Stadt. Und so werden die Städte so schrecklich und so beängstigend, dass die Menschen nicht mehr dort leben können. Also laufen sie viele Kilometer und steigen in Boote, um in Länder zu reisen, in denen sie noch nie waren, und sich einen Ort zu suchen, an dem sie sich wieder sicher fühlen.«

»Oh«, sagte ich leise. Ich fragte mich, was die Geflüchteten wohl getan hatten, dass die bösen Leute so wütend auf sie waren. Letztes Jahr hatten zwei Erstklässler Brendan-dem-Quälgeist ein Bein gestellt, weil er sie ständig jagte. Das hatte ihn so wütend gemacht, dass er ihre Brotboxen auf den Boden geworfen hat und auf ihrem Essen herumgetrampelt ist.

»Was haben die Geflüchtete denn gemacht, dass die bösen Menschen ihnen jetzt wehtun wollen?«, fragte ich. Es musste schon etwas sehr Schlimmes sein, wenn man ihnen deswegen Bomben auf die Häuser warf. Mum schüttelte den Kopf. »Gar nichts, Liebling. Die bösen Menschen sind nur einfach viel stärker als sie, und es gefällt ihnen, sich groß und mächtig zu fühlen, indem sie anderen wehtun. Weißt du, manche Leute glauben, dass sie mehr Macht haben, wenn sie anderen Menschen etwas wegnehmen. Und je mehr Macht sie haben, desto mehr wollen sie davon. Also verletzen und verängstigen sie immer mehr Menschen, bis alle nur noch weglaufen wollen.«

»Genau wie die Mobber in der Schule!«, sagte ich zornig.

»Na ja … wahrscheinlich ist es ein wenig so«, stimmte mir Mum zu und lächelte. »Nur dass die Mobber, vor denen die Geflüchteten weglaufen, viel größer und schrecklicher sind. Sie zwingen die Menschen, alles zurückzulassen, was sie je besaßen. Sogar die Menschen, die sie am allerliebsten haben.«

Ahmet tat mir leid. Vielleicht war er auch gezwungen worden, die Dinge zurückzulassen, die er am allerliebsten hatte, und deshalb sprach er mit niemandem. Ich versuchte, mir zu überlegen, was ich zurücklassen würde, wenn ich vor Mobbern davonlaufen müsste. Aber ich konnte mich nicht entscheiden. Ich weiß nur, dass ich Dads Grammofon niemals zurücklassen könnte, und seinen Lieblingshammer, der immer noch in der untersten Küchenschublade liegt, auch nicht.

Mum stand auf und stellte ihren Becher in die Spüle. »Also, ich weiß, dass du dich gern mit diesem neuen Jungen anfreunden würdest, aber du darfst nicht zu ungeduldig sein. Er braucht erst mal eine Menge Zeit und Ruhe, okay?«

Ich nickte, obwohl ich nicht verstand, was sie meinte. Wenn ich neu wäre, würde ich so schnell wie möglich Freunde finden wollen – besonders, wenn ich gerade vor Mobbern davongelaufen wäre, die viel größer und schrecklicher sind als die Mobber an der Schule! Ich überlegte, meiner Mum von den Zitronendrops, den weißen Mäusen und der Orange mit dem Smiley darauf zu erzählen, aber da sagte sie: »Die Welt war noch nie nett zu Geflüchteten«, und es klang traurig. Sie klang genauso, wie wenn sie von meinem Dad sprach. Obwohl ich noch mindestens vier Fragen stellen wollte, beschloss ich, nichts mehr zu sagen.

»Jetzt trink aus, und dann ab ins Bett! Ich komme in ein paar Minuten und decke dich zu.« Mum streichelte mir über das Haar. Das macht sie immer, wenn sie will, dass ich sie für glücklicher halte, als sie es in Wahrheit ist.

Also trank ich meinen Kakao schnell aus und rannte ins Bett. Mum deckt mich nur selten zu, deshalb war es etwas Besonderes. Ich mag es sehr – sogar noch mehr, als beim Wettrennen zu gewinnen oder ein Tor zu schießen. Es ist das allerbeste Gefühl auf der ganzen Welt, wenn dich jemand, den du mehr liebst als jeden anderen auf der Erde und der dich genauso zurückliebt, schön warm und weich in eine Decke wickelt.

Ich wartete darauf, dass Mum hereinkam, und dachte über die Dinge nach, die sie gesagt hatte – über die Bomben und die Boote und die bösen Menschen, die so gierig waren, dass alle vor ihnen davonliefen. Ich hatte Josie, Tom und Michael so viel zu erzählen! Zumal ich nicht glaubte, dass ihre Mums und Dads ihnen auch nur halb so viel erzählt hatten wie meine mir.

Das gehört zu den Dingen, die ich an Mum am meisten liebe. Sie versucht immer, meine Fragen zu beantworten, egal wie müde sie ist oder wie schwierig die Fragen sind. Und sie sagt mir immer die absolute Wahrheit. Michaels Eltern sagen immer »Jetzt nicht, Schatz« oder »Das erklären wir dir, wenn du ein bisschen größer bist«, und Josies Mum sagt ihr immer, dass Mädchen nicht so viele Fragen stellen sollen. Aber meine Mum sagt so etwas nie. Ich glaube, das liegt an all den Büchern, die sie liest. Mum sagt, dass die besten Bücher mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten, und dass der lustige Teil daran sei, dass man versuchen muss, die Antworten darauf woanders zu finden. Und Dad sagte immer, dass man nur schlauer wird, wenn man auch Fragen stellt.

Ich glaube, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich ganz besonders viel über etwas wissen wollte, weil ich schon eine lange Liste an Fragen in meinem Kopf hatte, die ich Ahmet stellen wollte. Genauer gesagt waren es elf Fragen.

Und so sah meine Liste aus:

Meine 11 Fragen

1. Aus welcher Stadt musstest du weglaufen?

2. Welche Sprache sprichst du?

3. Wer ist die Frau mit dem roten Schal?

4. Hast du Brüder oder Schwestern?

5. Was haben die Mobber getan, dass du vor ihnen weglaufen musstest?

6. Musstest du in ein Boot steigen, so wie die Leute in den Nachrichten?

7. Was ist deine Lieblingssportart?

8. Welches Obst isst du am liebsten?

9. Wie weit musstest du laufen, um den Mobbern zu entkommen?

10. Gefällt es dir hier, oder vermisst du dein altes Haus?

11. Hast du einen besten Freund?

Meine elf Fragen würden mir dabei helfen, alles über Ahmet zu erfahren, was ich wissen musste, damit ich seine Freundin sein konnte. Deshalb musste ich die Antwort auf jede einzelne herausfinden.

Die Frau mit dem roten Schal

Als ich am nächsten Tag an der Bushaltestelle stand, erzählte ich Josie, Tom und Michael alles, was mir meine Mum über Geflüchtete erzählt hatte. Auch, dass Ahmet vermutlich in ein Boot ohne Toiletten steigen musste, um vor den Bomben und den ganzen anderen schlimmen Dingen zu fliehen, die die Mobber in seinem Land anstellten.

»Aber mein Dad hat gesagt, dass Geflüchtete gefährlich sind, dass sie lügen und Sachen klauen«, wandte Josie verwirrt ein. »Er hat gesagt, ich soll mich von Ahmet fernhalten und nicht mit ihm sprechen, weil er wahrscheinlich kriminell ist!«

»Aber meine Mum und mein Dad haben gesagt, dass wir besonders nett zu ihm sein sollen. Guckt mal!« Tom öffnete seinen Rucksack und zeigte uns eine riesige Süßigkeitentüte. »Mum hat gesagt, ich soll sie ihm in der Mittagspause geben. Und sie hat gesagt, dass wir besonders nett zu ihm sein und ihn nicht mit Fragen löchern sollen.«

»Meine Mum hat dasselbe gesagt«, sagte Michael, als wir in den Schulbus stiegen. »Und sie will, dass ich ihm eine Banane schenke. Und mein Dad hat erzählt, dass Geflüchtete vor dem Krieg weglaufen, der ständig im Fernsehen gezeigt wird. Von Mobbern hat er aber nichts gesagt!«

Wir sahen Josie an, die auf ihren Haarspitzen herumkaute und die Stirn runzelte. Sie schwieg, aber ich wusste, dass sie darüber nachdachte, ob ihr Dad wohl einen Fehler gemacht hatte. Ahmet konnte auf keinen Fall gefährlich oder kriminell sein – er war genauso alt wie wir und gerade vor Mobbern und einem echten Krieg geflohen.

Mr Thompson hatte uns im letzten Jahr alles über Kriege beigebracht. Es war ein spezielles Erinnerungsjahr an Kriege gewesen, und Mrs Sanders sagte, dass es wichtig war, sie nicht zu vergessen. Wir lernten, dass man sich rote Mohnblumen ansteckt, um an die vielen Kriegsgefallenen zu erinnern, und dass diese Blumen so wichtig sind, weil sie auf Soldatengräbern blühten, und dass ganz viele Länder sich zusammengeschlossen hatten, um in dem allerersten Krieg zu kämpfen. Die höheren Klassen hatten eine Ausstellung zu dem Thema vorbereitet, und wir machten einen Ausflug zum Tower of London, wo die Queen ihre Krone aufbewahrt. In den Gärten dort standen Tausende roter Mohnblüten aus Keramik, sogar an die Wände hatte man welche gesteckt.

Mr Thompson sagte, wir dürften niemals vergessen, wie viele Menschen in Kriegen starben, aber ich kann mir große Zahlen nicht gut merken, schon gar nicht welche, die ständig größer werden. Aber den Ausflug zum Tower werde ich nie vergessen. Die Mauern sahen aus, als bluteten sie. Und später hielt uns ein Mann, der alles über den Ersten Weltkrieg wusste, einen Vortrag im Tower. Er hieß Officer Denny. Ich erinnere mich an den Namen, weil er sich auf den meines Onkels Lenny reimt.

Alle mochten ihn, weil er lustig war und alles über Bomben und Uniformen und einen traurigen Ort namens Flanders Field wusste. Michael und ich sollten einen Rucksack hochheben, der so groß und so schwer war wie ein echter Soldatenrucksack. Aber er war so schwer, dass wir ihn nicht einmal vom Boden heben konnten!

Ich fragte mich, ob Ahmets Rucksack auch so schwer gewesen war, als er davonlief. Vielleicht sah der Rucksack deshalb so alt und schmutzig aus. Er hatte immer noch keinen neuen bekommen – aber seit dieser Woche trug er immerhin die Schuluniform. Ich glaube, er fand das neue Hemd und den Pulli kratzig, weil er ständig am Ausschnitt herumzerrte.

An diesem Tag hatte der Schulbus Verspätung, weil er im Stau stand, der so lang war, dass der Fahrer uns alle früher aussteigen ließ. Wir mussten den halben Weg laufen, und als wir am Schulhof ankamen, klingelte es schon. Mir war ganz heiß, und ich fühlte mich ganz verschwitzt und klebrig, als wir ins Klassenzimmer kamen, daher merkte ich erst nicht, dass alle viel stiller waren als sonst. Aber nach einer Weile fiel mir auf, dass Parvinder und Dean – die in jedem Fach schlau waren und in der vordersten Reihe saßen – ständig über die Schulter schauten. Zuerst dachte ich, dass sie mich anguckten, weil mein Gesicht noch ganz rot war, aber dann hörte ich, wie Parvinder flüsterte: »Wer das wohl ist?!«

Ich drehte mich um und sah eine Erwachsene auf Clarissas Stuhl sitzen. Und nicht irgendeine Erwachsene, sondern eine, die mit Ahmet sprach! Und Ahmet sprach auch mit ihr!

Ich stieß Josie an und sagte: »Guck mal!«

Josie drehte sich um und flüsterte: »Wo ist Clarissa?«

Wir schauten uns um und sahen, dass Clarissa an Felicitys und Natashas Tisch saß. Sie wirkte viel glücklicher.

»Beeilt euch und setzt euch bitte hin«, sagte Mrs Khan und nahm das Klassenbuch. »Bevor wir anfangen, möchte ich euch jemand ganz Besonderen vorstellen. Aber zuerst wollen wir sehen, ob auch alle da sind.«

Als sie alle Namen aufgerufen hatte, sagte Mrs Khan: »Also, liebe Klasse, ich möchte, dass ihr alle Guten Morgen zu Ms Hemsi sagt, unserer neuen Schulbegleiterin.«

Ms Hemsi stand auf und lächelte alle an.

»Guten Mooorgen, Ms Hemsiiiii!«, sagten wir im Chor. Die Hälfte der Klasse schrie es, die andere sagte es leise – als wären sie nicht ganz sicher, ob das auch ihr richtiger Name war. Ich schrie den Namen. Ich mag es, neue Namen zu schreien. Sie kommen mir dann wirklicher vor.

Ms Hemsi lächelte und sagte: »Guten Morgen, ihr alle!«

»Ms Hemsi hilft Ahmet von jetzt an im Unterricht. Mit etwas Glück kann er dann in ein paar Wochen einen Vortrag über seine Heimatstadt halten und darüber, wie er sich jetzt hier in London fühlt.«

Alle drehten sich um und schauten Ms Hemsi an, die nickte und lächelte und sich dann wieder hinsetzte.

»Sie sieht nett aus«, flüsterte Josie. »Ich mag ihr Kopftuch!«

Ich mochte Ms Hemsis Kopftuch auch. Es sah aus wie ein silbriger Fluss und war mit einer glitzernden Klemme an der Seite befestigt, die wie ein Stern aussah. Sie lächelte, ohne die Zähne zu zeigen, aber ich mochte das. Und ihre Augen waren mit einem schwarzen Stift ummalt, was sie größer und interessanter wirken ließ.

Ahmet schien sie ebenfalls zu mögen, und als sie sich wieder setzte, flüsterte sie ihm etwas zu und tätschelte ihm den Rücken, woraufhin er nickte. Ich freute mich für ihn. Jetzt hatte er jemanden, mit dem er sprechen konnte, und musste nicht mehr neben Clarissa sitzen. Es ist viel schöner, neben jemandem zu sitzen, der nicht die ganze Zeit versucht, möglichst viel Abstand zu halten, und der dazu noch eine glitzernde Spange trägt.

Den ganzen Tag machte Ahmet seine Aufgaben, und in den Pausen ging er wie immer in seinen Rückzugsraum. Aber er schaute nicht mehr die ganze Zeit zu Boden, vielleicht, weil Ms Hemsi bei ihm war. Außerdem schien er sich mehr für das zu interessieren, was wir taten. Ich erwischte ihn vor dem Mittagessen zwei Mal dabei, wie er Josie und mich anguckte, und drei Mal am Nachmittag, und jetzt war ich mir sicher, dass er mit uns befreundet sein wollte.

Nach Schulschluss warteten wir wie immer am Schultor – aber diesmal hatte wir alle ein Geschenk für ihn. Josie hatte extra den Schoko-Joghurt aus ihrer Brotdose für ihn aufgehoben, und Michael und Tom hatten die Süßigkeitentüte und die Banane, die ihre Eltern ihnen mitgegeben hatten. Ich hatte heute nur einen Apfel für ihn. Die Schulkantine hatte keine Orangen mehr. Aber das war in Ordnung, weil Tom mir einen Sticker mit einem Wal geschenkt hatte, den ich daraufkleben konnte.

Beim Warten drückte ich die Daumen und hoffte heimlich, dass auch Ms Hemsi mit herauskommen würde. Sie konnte ja richtig mit ihm sprechen und ihm vielleicht ein paar meiner elf Fragen stellen.

Der Schulhof leerte sich schon, als Ahmet endlich herauskam. Er hielt sowohl Ms Hemsis als auch Mrs Khans Hand. Sie gingen zu der Frau mit dem roten Schal, und Michael flüsterte: »Los!« Ich merkte, dass er ganz aufgeregt war, weil er die Augen aufgerissen hatte. Das macht er immer, wenn er es kaum erwarten kann, etwas zu tun.

Wir rannten alle zu Ahmet hinüber und gaben ihm unsere Geschenke.

»Das hier ist von mir«, sagte Tom und hielt ihm die große Süßigkeitentüte wie eine Trophäe hin. »Es sind auch Colafläschchen darin – und Schlümpfe und sogar ein paar Karamellbonbons!«

»Und das hier ist von mir«, sagte Josie und hielt ihm den Schoko-Joghurt hin. »Mein Lieblingsjoghurt!«

»Ähm … das hier ist nur eine Banane. Aber guck mal!«, sagte Michael, drehte die Banane um und zeigte Ahmet die Strichmännchen, die er darauf gezeichnet hatte.

»Und das hier ist von mir«, sagte ich und zeigte ihm den Apfel.

Ahmet hatte jetzt die Arme voller Geschenke, schaute auf und nickte jedem von uns zu. Ich wusste genau, dass es ein glückliches Nicken war, denn auch wenn sein Mund nicht lächelte, sahen seine Löwenaugen ganz glücklich aus.

Ms Hemsi beugte sich zu ihm hinunter und sagte Ahmet etwas in einer fremden Sprache ins Ohr. Er nickte, und dann schaute er wieder zu uns hoch und sagte sehr langsam: »Danke … Freunde.«

Josie, Michael, Tom und ich nickten und strahlten und fingen dann alle gleichzeitig zu reden an.

»Willst du morgen mit uns Fußball spielen?«, rief Tom. »In der Pause?«

»Ich hole dir morgen noch so einen Joghurt, wenn du ihn magst!«, schrie Josie.

»Ich frage Mum, ob sie mir etwas Besseres mitgeben kann als eine Banane!«, übertönte sie Michael. »Wie wär’s mit ein paar Mini-Muffins?«

»Und ich bringe dir morgen etwas Besseres als einen Apfel mit! Welches Obst magst du am liebsten?«, fragte ich extra laut.

Ahmet sah erst uns und dann Ms Hemsi und Mrs Khan an, und dann die Frau mit dem roten Schal. Sie lächelten alle, und die Frau mit dem roten Schal strich ihm über den Kopf.

»Also, Kinder«, sagte Mrs Khan und beugte sich zu uns herunter. »Das sind alles wunderschöne Geschenke. Und ich weiß, dass Ahmet euch sehr dankbar dafür ist. Aber er muss noch ein bisschen mehr unsere Sprache lernen, bevor er all eure Fragen beantworten kann, okay?«

Wir sahen einander an, und dann nickten wir.

»Aber ich finde, dass du da eine sehr gute Idee hattest, Tom. Vielleicht würde Ahmet wirklich gern morgen in der Pause mit euch Fußball spielen!« Mrs Khan warf Ms Hemsi einen Blick zu, und diese nickte. »Ja, das ist eine sehr gute Idee.«

»Toll!«, sagte Tom, und er war so aufgeregt, dass er Ahmet gegen den Arm boxte. Ahmet sah Tom an und dann seinen Arm, als wäre er sich nicht ganz sicher, was da gerade passiert war.

»Und es ist nicht nötig, ihm jeden Tag so viele Geschenke zu geben«, sagte die Frau mit dem roten Schal lachend. »Das ist so lieb von euch, aber wir wollen ja nicht, dass sich Ahmet die Zähne kaputt macht, oder?«

Wir schüttelten alle die Köpfe.

»Wenn ihr ihm nach Schulschluss trotzdem etwas schenken wollt, dann einigt euch auf eine Sache. Das ist dann mehr als genug, in Ordnung?«

Wir nickten erneut, und dann rief ich: »Ms Hemsi!« Ich wollte es eigentlich nicht so laut schreien, aber ich war so gespannt, weil ich jetzt die Gelegenheit hatte, eine meiner Fragen zu stellen, dass ich mich einfach nicht zurückhalten konnte.

»Ja?«, fragte Ms Hemsi lächelnd.

»Kann ich … ähm … wo kommt er denn her? Ich meine, aus welchem Land? Und welche Sprache spricht er?«, fragte ich und sah Ahmet dabei an.

Ms Hemsi lächelte noch breiter – wobei sie immer noch nicht die Zähne zeigte. »Ahmet kommt aus einem Land namens Syrien, und er spricht eine Sprache, die Kurdisch heißt.«

»Und Sie sprechen das UND Englisch?«, fragte Josie, die sehr beeindruckt aussah.

»Ja«, antwortete Ms Hemsi. »Ich bin auch Syrerin.«

»Warum spricht Ahmet kein Englisch?«, fragte Tom.

»Na ja …«, antwortete Ms Hemsi, »weil in Syrien niemand Englisch sprechen muss. Genauso, wie ihr hier kein Kurdisch sprechen müsst.«

»Oh.« Tom runzelte die Stirn, was bedeutete, dass er gerade stark nachdachte.

»Also, Kinder, jetzt aber los«, sagte Mrs Khan und klatschte in die Hände. »Ahmet muss nach Hause, und ihr auch. Und Tom – ich sehe gerade, dass du aus Versehen schon wieder die Turnschuhe deines Bruders trägst! Sieh zu, dass das zum letzten Mal passiert ist, ja?«

»Ja, Mrs Khan«, sagte Tom und wurde feuerrot.

Wir winkten zum Abschied und gingen zu unserer Bushaltestelle. Kurz bevor wir um die Ecke bogen, drehte ich mich noch einmal um und sah, wie Ahmet in den Apfel biss, den ich ihm geschenkt hatte. Das machte mich sogar noch glücklicher als Ms Hemsis Antworten auf meine Fragen! Aber nur eine Sekunde später war das Gefühl schon wieder verflogen, weil ich Brendan-den-Quälgeist entdeckte.

Er stand nur ein paar Meter entfernt vor der Jungentoilette. Seine Wangen waren ganz rosig, die Augen hatte er zu Schlitzen verengt, und er beobachtete Ahmet mit bösem Blick. Jeder weiß, dass Brendan-der-Quälgeist alle hasst, die anders waren als er, aber dies war das erste Mal, dass ich ihn so wütend sah. Er konnte nichts tun, weil Ms Hemsi und Mrs Khan und die Frau mit dem roten Schal da standen, aber auf dem Nachhauseweg machte ich mir trotzdem Sorgen. Ich wusste, dass der böse Blick eine Warnung gewesen war und dass er Ahmet und allen, die seine Freunde sein wollten, das Leben schwer machen würde.

Und es stellte sich heraus, dass ich recht hatte. Denn schon in der ersten Pause am nächsten Tag tat er genau das.

Mr Irons Nasenspitze

Als es am nächsten Morgen zur ersten Pause klingelte, hielt Mrs Khan ihr Versprechen und ließ Ahmet zum allerersten Mal auf den Schulhof. Tom sollte auf ihn aufpassen, und sie schärfte uns ein, dass wir sofort einen Lehrer holen oder zu Ms Hemsi ins Lehrerzimmer gehen sollten, falls Ahmet Angst bekam oder nicht mehr mit uns spielen wollte. Ich wusste zwar nicht, warum das passieren sollte, aber dann dachte ich, vielleicht waren die Mobber in seinem Land auch in der Schule gemein zu ihm gewesen. Ich hatte bis dahin nie darüber nachgedacht, dass es auf jedem Schulhof Mobber geben könnte.

Josie holte ihren Fußball, und Tom versuchte, Ahmet zu erklären, wie man richtig Fußball spielt.

»DU! SO!«, sagte Tom sehr laut, zeigte auf Ahmet, dann auf seinen Fuß und schließlich auf den Ball. Ahmet nickte.

»Aber NICHT SO!«, fuhr Tom fort und schüttelte den Kopf, während er auf den Fußball und dann auf seine Hand zeigte.

»Das ist doch bescheuert! Er weiß, wie man Fußball spielt«, sagte Michael.

»Vielleicht spielen sie es in seinem Land anders. Weißt du noch, als ich neu hierherkam und nur American Football kannte?«, protestierte Tom und sah mich an, als wüsste ich die Antwort.

Ich zuckte die Achseln. »Nein, weiß ich nicht! Wir hätten Ms Hemsi fragen sollen!«

»Ach, hört doch auf!«, schrie Josie. »Wir fangen einfach an, dann sehen wir ja, ob er es kann.«

Als wir in unserer Ecke des Schulhofs angelangt waren, beschlossen Josie und Tom, dass Ahmet in Josies und Michaels Mannschaft sein sollte. Weil sie im Fußball die Beste war, war es egal, wenn Ahmet nicht spielen konnte. Und weil nur Tom und ich in der anderen Mannschaft waren, hatten wir Anstoß.

Dann fing Ahmet an, zu rennen und zu dribbeln und eine Menge Tricks mit dem Fußball zu machen, die keiner von uns konnte. Und innerhalb der ersten fünf Minuten hatte er zwei Tore geschossen.

»Boah!«, sagte Tom. »Der ist ja sogar besser als Josie!« Er fing Josies Blick auf und fügte hastig hinzu: »Oder zumindest fast so gut!«

»Wuuuuhuuuu!«, jubelte Michael, als Ahmet an Tom und mir vorbeisauste und noch ein Tor schoss. »Wuuuuhuuuuu!«

Inzwischen hatte sich eine kleine Menge gebildet, die uns zuschaute, und ich hörte die Schüler aus den oberen und unteren Klassen reden. Sie sagten Dinge wie: »Schaut mal, das gefährliche Kind darf jetzt raus!« und »Bedeutet das, dass er gar keine Krankheit hat?« und »Aber die Entführer können ihn von hier aus sehen!«.

Gerade hörte ich, wie Jennie allen erzählte, dass Mrs Sanders gesagt habe, dass der neue Junge ein Profifußballer sei, als sie plötzlich aufschrie: »AAAAUUUU!«, und kurz darauf hatten sich Brendan-der-Quälgeist und seine Kumpel Liam und Chris zu unserem »Fußballfeld« hindurchgedrängelt.

Josie sah mich an, und ich sah Tom an, und Tom schaute zu Ahmet herüber, der verwirrt neben Michael stand.

»Wir wollen spielen«, sagte Brendan-der-Quälgeist mit einem fiesen Lächeln auf den Lippen. Er ging zu Ahmet, der den Fußball hatte, und schoss den Ball so hart weg, dass er auf der anderen Seite des Schulhofs landete. Ahmet trat einen Schritt zurück.

»Geh weg, Brendan«, sagte Josie mutig. »Das hier ist unser Spiel, und es ist MEIN Ball.«

Brendan drehte sich zu Josie um, und sie schluckte nervös. Aber in diesem Moment veränderte sich sein Gesichtsausdruck von gemein zu traurig.

Ich drehte mich ebenfalls um und sah, dass Mr Irons auf uns zukam.

»Was ist hier los?«, fragte er mit zuckendem Schnurrbart.

Mr Irons ist berühmt dafür, einer der strengsten Lehrer der ganzen Schule zu sein. Außerdem lächelt er absolut niemals. Er hat ein lang gezogenes Gesicht, eine lange Nase, lange Lippen und einen großen, braunen, stacheligen Schnurrbart, für den er ein winziges Kämmchen in der Brusttasche seiner Jacke trägt. Jeder weiß von dem Kämmchen, denn wenn er glaubt, dass niemand schaut, nimmt er es heraus und kämmt damit seinen Schnurrbart, immer in ganz kurzen, geraden Strichen. Und wenn er sehr wütend wird, pfeift er durch die Nase. Wenn das passiert, weiß man, dass man mindestens ein Mal nachsitzen muss oder eine Strafarbeit bekommt.

Er ist außerdem der schlimmste Lehrer, den man als Aufsicht haben kann, weil er Lärm hasst – besonders fröhlichen Lärm. Wenn er auf dem Schulhof ist, läuft er herum und meckert jeden an, der zu laut lacht oder lustige Geräusche macht. Letztes Jahr hat er einen Erstklässler zum Weinen gebracht, weil er ihm sagte, dass nur Schweine quieken und der Junge deshalb wohl aus einer großen Schweinefamilie kommen müsse. Und ein anderes Mal gab Mr Irons jedem, der Hanna zujubelte, weil sie einen Handstand machte, eine Strafarbeit auf – und das, obwohl sie gerade dabei war, den Weltrekord für den längsten Handstand in der Geschichte zu brechen!

Immer wenn wir Mr Irons kommen sehen, spielen wir extra leise oder gehen weg. Aber wir waren so froh, dass Ahmet mit uns spielte, dass wir ganz vergessen hatten, dass wir in einer Schule waren, in der es nicht nur mobbende Schüler, sondern auch mobbende Lehrer gab.

»Bitte, Sir«, jammerte Brendan. »Sie lässt mich nicht mitspielen! Ich wollte so gern spielen, aber sie hat es mir verboten!«

Mr Irons drehte sich zu Josie um. »Das ist aber kein besonders nettes Verhalten deinem Freund gegenüber, nicht wahr?«

»Der ist nicht mein Freund!«, sagte Josie wütend. »Und er hat überhaupt nicht gefragt! Er ist einfach rübergekommen und hat unseren Ball weggeschossen!«

»Bitte, Sir, und dieser Junge da drüben hat auch gesagt, dass ich nicht mitspielen darf!«, fügte Brendan hinzu. Er zeigte auf Ahmet und grinste fies, aber so, dass Mr Irons es nicht sah.

Mr Irons winkte Ahmet zu sich. Der schaute sich erst um, und dann, als er begriff, dass er gemeint war, ging er zu Mr Irons.

»Hast du diesem Jungen gesagt, dass er nicht mitspielen darf?«, fragte Mr Irons und zeigte dabei auf Brendan.

Ahmet schaute sich erneut um. Alle anderen hatten innegehalten und lauschten auf jedes Wort.

»Bitte, Sir! Brendan lügt!«, rief ich und stellte mich hinter Ahmet.

»Genau!«, sagte Michael.

»Außerdem ist er neu«, fügte ich hinzu. »Und er spricht kein …«

»Wenn ich deine Meinung hören will, frage ich danach! Aber bis dahin, UNTERBRICH MICH NICHT!«, sagte Mr Irons streng. Ich spürte, wie ich rot wurde und sich die Zunge in meinem Mund ganz dick anfühlte. Brendan grinste wieder fies, aber diesmal in meine Richtung.

»So, Junge.« Mr Irons wandte sich an Ahmet. »Ich frage dich jetzt noch einmal. Hast du zu Brendan gesagt, dass er nicht mitspielen darf, oder nicht?«

Ahmet stand wie angewurzelt da und schaute zu uns herüber.

»Aber, Sir!«, platzte ich heraus. »Sie verstehen das nicht! Er kann nicht spre…«

»ALSO GUT!«, rief Mr Irons, wobei seine Nase gefährlich pfiff. »Eine Stunde Nachsitzen für dich!«, dabei zeigte er auf mich. »Und für dich!«, zischte er, wobei er auf Michael zeigte. »Für euch alle drei. Nach der Schule kommt ihr zu mir. Bis dahin beschlagnahme ich diesen Ball!«

Josie schaute wütend zu, wie Liam Mr Irons den Ball gab. Liam grinste dabei schadenfroh.

Wir schauten Mr Irons hinterher, der mit dem Ball unter dem Arm davonging. Es klingelte zum Ende der Pause, und Brendan lächelte uns an.

»Dann bis zum Mittagessen!«, sagte er und rannte davon.

Aber in der Mittagspause war Ahmet nirgends zu sehen, und in der dritten Pause kam Ms Hemsi mit ihm heraus, also hielt auch Brendan-der-Quälgeist Abstand. Nach Schulschluss musste Tom rennen, um den Bus zu erwischen, weil einer seiner Brüder Geburtstag hatte. Wir anderen beschlossen, Mrs Khan zu suchen, statt zu Mr Irons zu gehen. Vielleicht konnte sie uns helfen. Obwohl Ms Hemsi bereits mit ihr darüber gesprochen hatte, was passiert war, wussten wir, dass sie nicht die ganze Geschichte kannte. Ms Hemsi war ja nicht dabei gewesen. Also sagten wir Ahmet, er solle mitkommen, und gingen los, um mit Mrs Khan zu sprechen.

Sie hörte sich unsere Geschichte schweigend an. Als wir fertig waren, schüttelte sie den Kopf. »Lächerlich«, murmelte sie. »Manche Leute können einfach nicht weiter sehen als bis zu ihrer Nasenspitze! Aber keine Sorge! Ihr kommt jetzt alle mit mir mit!«

Wir gingen zu Mr Irons’ Klassenzimmer. Dabei dachte ich darüber nach, was Mrs Khan über Nasen gesagt hatte, und knetete an meiner herum. Ich wollte auf keinen Fall eine Nase bekommen, die so groß war, dass ich nicht darüber hinaussehen konnte!

Vor Mr Irons’ Klassenzimmer sagte Mrs Khan, wir sollten draußen warten. Außer einem lauten Summen wie von zwei riesigen Hummeln hörten wir gar nichts durch die Tür. Aber nach einer Minute kam Mr Irons heraus und starrte Michael, Ahmet und mich mit gereckter Nase an. Vielleicht dachte er, so könnte er besser an seiner Nasenspitze vorbeischauen.

Er gab Josie ihren Fußball zurück und sagte ansonsten kein Wort, aber von dem Tag an verengte er jedes Mal die Augen zu Schlitzen, sobald er einen von uns sah, und pfiff sehr leise durch die Nase. Man muss nicht unbedingt die Sprache des anderen verstehen, um zu begreifen, dass er dich nicht besonders mag. Obwohl Ahmet also damals noch nicht so viele englische Wörter kannte, wusste er, dass er sich – und Josies Fußball – von Mr Irons und seiner schrecklichen Pfeifnase fernhalten musste.

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Дата выхода на Литрес:
30 июля 2024
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226 стр. 44 иллюстрации
ISBN:
9783037921524
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