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Ödön von Horváth
Geschichten aus dem Wiener Wald
Reclam XL | Text und Kontext
Herausgegeben von Holger Bäuerle
Reclam
2019, 2022 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2022
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961466-3
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-016141-8
www.reclam.de
Inhalt
Geschichten aus dem Wiener Wald Personen Erster Teil Zweiter Teil Dritter Teil
Anhang 1. Zur Textgestalt 2. Anmerkungen 3. Leben und Zeit 4. »Alles wackelt« – Die späten 1920er Jahre 5. Zur Form des Dramas 6. Zum Personal des Dramas 7. Horváths Sprache 8. Deutungsansätze 9. Die Uraufführung der Geschichten aus dem Wiener Wald Rezensionen der Uraufführung 10. Literaturhinweise
Fußnoten
[5]Geschichten aus dem Wiener Wald
Volksstück in drei Teilen
[6]Personen
1 ALFRED
2 DIE MUTTER
3 DIE GROSSMUTTER
4 DER HIERLINGER FERDINAND
5 VALERIE
6 OSKAR
7 IDA
8 HAVLITSCHEK
9 RITTMEISTER
10 EINE GNÄDIGE FRAU
11 MARIANNE
12 ZAUBERKÖNIG
13 ZWEI TANTEN
14 ERICH
15 EMMA
16 HELENE
17 DER DIENSTBOT
18 BARONIN
19 BEICHTVATER
20 DER MISTER
21 DER CONFERENCIER
Das Stück spielt in unseren Tagen, und zwar in Wien, im Wiener Wald und draußen in der Wachau.
Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.
[7]Erster Teil
I Draußen in der Wachau
Vor einem Häuschen am Fuße einer Burgruine. Alfred sitzt im Freien und verzehrt mit gesegnetem Appetit Brot, Butter und sauere Milch – seine Mutter bringt ihm gerade ein schärferes Messer.
In der Luft ist ein Klingen und Singen – als verklänge irgendwo immer wieder der Walzer »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Johann Strauß.
Und in der Nähe fließt die schöne blaue Donau.
DIE MUTTER
(sieht Alfred zu – plötzlich ergreift sie seine Hand, in der er das Messer hält, und schaut ihm tief in die Augen).
ALFRED
(stockt und starrt sie mit vollem Munde misstrauisch an. – Stille).
DIE MUTTER
(streicht ihm langsam über das Haar). Das ist schön von dir, mein lieber Alfred – dass du nämlich deine liebe Mutter nicht total vergessen hast, lieber Alfred –
ALFRED.
Aber wieso denn total vergessen? Ich wär ja schon längst immer wieder herausgekommen, wenn ich nur dazugekommen wär – aber heutzutag kommt doch schon keiner mehr dazu, vor lauter Krise und Wirbel! Wenn mich jetzt mein Freund, der Hierlinger Ferdinand, nicht mitgenommen hätt mit seinem Kabriolett, wer weiß, wann wir uns wiedergesehen hätten!
DIE MUTTER.
Das ist sehr aufmerksam von deinem Freund, dem Herrn von Hierlinger.
ALFRED.
Er ist überhaupt ein reizender Mensch. In einer guten halben Stund holt er mich wieder ab.
[8]DIE MUTTER.
Schon?
ALFRED.
Leider!
DIE MUTTER.
Dann iss bitte nicht die ganze sauere Milch zusammen, ich hab sonst nichts da zum Antragen –
ALFRED.
Der Hierlinger Ferdinand darf ja gar keine sauere Milch essen, weil er eine chronische Nikotinvergiftung hat. Er ist ein hochanständiger Kaufmann. Ich hab öfters mit ihm zu tun.
DIE MUTTER.
Geschäftlich?
ALFRED.
Auch das.
(Stille.)
DIE MUTTER.
Bist du noch bei der Bank?
ALFRED.
Nein.
DIE MUTTER.
Sondern?
(Stille.)
ALFRED.
Ich taug nicht zum Beamten, das bietet nämlich keine Entfaltungsmöglichkeiten. Die Arbeit im alten Sinne rentiert sich nicht mehr. Wer heutzutag vorwärts kommen will, muss mit der Arbeit der anderen arbeiten. Ich hab mich selbständig gemacht. Finanzierungsgeschäfte und so – (er verschluckt sich und hustet stark).
DIE MUTTER.
Schmeckts?
ALFRED.
Jetzt wär ich aber fast erstickt.
DIE MUTTER.
Ich freu mich nur, dass es dir schmeckt.
(Stille.)
ALFRED.
Apropos ersticken: wo steckt denn die liebe Großmutter?
DIE MUTTER.
Mir scheint, sie sitzt in der Küch und betet.
ALFRED.
Betet?
DIE MUTTER.
Sie leidet halt an Angst.
ALFRED.
Angst?
(Stille.)
DIE MUTTER.
Vergiss ihr nur ja nicht zu gratulieren – nächsten Monat wird sie achtzig, und wenn du ihr nicht gratulierst, dann hab ich hier wieder die Höll auf Erden. Du bist doch ihr Liebling.
[9]ALFRED.
Ich werds mir notieren. (Er notiert es sich.) Großmutter gratulieren. Achtzig. (Er erhebt sich, da er nun satt ist.) Das ist ein biblisches Alter. (Er sieht auf seine Armbanduhr.) Ich glaub, es wird Zeit. Der Hierlinger muss jeden Moment erscheinen. Es ist auch noch eine Dame dabei.
DIE MUTTER.
Was ist das für eine Dame?
ALFRED.
Eine ältere Dame.
(Stille.)
DIE MUTTER.
Wie alt?
ALFRED.
So mittel.
DIE MUTTER.
Hat sie Geld?
ALFRED.
Ich hab nichts mit ihr zu tun.
(Stille.)
DIE MUTTER.
Eine reiche Partie ist nicht das Letzte. Du hast halt die Richtige noch nicht gefunden.
ALFRED.
Möglich! Manchmal möcht ich ja schon so Kinder um mich herum haben, aber dann denk ich mir immer wieder: nein, es soll halt nicht sein –
DIE GROSSMUTTER
(tritt mit ihrer Schale sauerer Milch aus dem Häuschen). Frieda! Frieda!
DIE MUTTER.
Na, wo brennts denn?
DIE GROSSMUTTER.
Wer hat mir denn da was von meiner saueren Milch gestohlen?
DIE MUTTER.
Ich. Weil der liebe Alfred noch so einen starken Gusto gehabt hat.
(Stille.)
DIE GROSSMUTTER.
Hat er gehabt? Hat er gehabt? – Und da werd ich gar nicht gefragt? Als ob ich schon gar nicht mehr da wär – (zur Mutter) tät dir so passen!
ALFRED.
Bäääh! (Er streckt ihr die Zunge heraus.)
(Stille.)
DIE GROSSMUTTER.
Bäääh! (Sie streckt ihm die Zunge heraus.)
(Stille.)
DIE GROSSMUTTER
(kreischt). Jetzt möcht ich überhaupt [10]keine Milch mehr haben! Da! (Sie schüttet die Schale aus.)
DER HIERLINGER FERDINAND (kommt mit Valerie, einer hergerichteten Fünfzigerin im Autodress).
ALFRED.
Darf ich bekannt machen: das ist meine Mutter und das ist mein Freund Ferdinand Hierlinger – und Frau Valerie – und das dort ist meine liebe Großmutter –
DIE MUTTER.
Das ist sehr schön von Ihnen, Herr von Hierlinger, dass Sie mir den Alfred herausgebracht haben – ich danke Ihnen, danke –
DER HIERLINGER FERDINAND.
Aber ich bitte, meine Herrschaften! Das ist doch alles nur selbstverständlich! Ich hätt Ihnen ja den Alfred schon öfters herausgebracht – der liebe Alfred hätte ja nur ein Wörterl verlauten dürfen.
DIE MUTTER.
Nur ein Wörterl?
DER HIERLINGER FERDINAND.
Wie gesagt – (er stockt, da er merkt, dass er sich irgendwie verplappert hat).
(Peinliche Stille.)
VALERIE.
Aber schön haben Sies hier heraußen –
DIE MUTTER.
Wollen die Herrschaften vielleicht mal auf den Turm?
DER HIERLINGER FERDINAND.
Auf was für einen Turm?
DIE MUTTER.
Auf unseren Turm da –
DER HIERLINGER FERDINAND.
Ich bitte, gehört denn da diese hochromantische Ruine den Herrschaften?
DIE MUTTER.
Nein, die gehört dem Staat. Wir verwalten sie nur. Wenn die Herrschaften wollen, führ ich die Herrschaften hinauf – nämlich dem Besteiger bietet sich droben eine prächtige Fernsicht und eine instruktive Rundsicht.
DER HIERLINGER FERDINAND.
Aber gern, sehr gern! Zu charmant, gnädige Frau!
DIE MUTTER
(lächelt verlegen). Aber oh bitte! (Zu Valerie.) Die Dame kommen doch auch mit?
VALERIE.
Danke, danke – es tut mir schrecklich leid, aber [11]ich kann nicht so hoch hinauf, weil ich dann keine Luft krieg –
DIE MUTTER.
Also dann auf Wiedersehen! (Ab mit dem Hierlinger Ferdinand.)
VALERIE
(zu Alfred). Dürft ich mal den Herrn um eine kleine Information bitten?
ALFRED.
Was gibts denn?
DIE GROSSMUTTER (setzt sich an das Tischchen und horcht, hört aber nichts).
VALERIE.
Du hast mich wieder mal betrogen.
ALFRED.
Sonst noch was gefällig?
VALERIE.
Der Hierlinger erzählt mir grad, dass beim letzten Rennen in Saint-Cloud nicht die Quote hundertachtundsechzig, sondern zweihundertzweiundzwanzig herausgelaufen worden ist –
ALFRED.
Der Hierlinger lügt.
VALERIE.
Und das Gedruckte da lügt auch? (Sie hält ihm eine Rennzeitung unter die Nase.)
(Stille.)
VALERIE
(triumphierend). Na?
ALFRED.
Nein, du bist halt keine richtige Frau. Du stoßt mich ja direkt von dir – mit derartigen Methoden –
VALERIE.
Du wirst mir jetzt das geben, was mir gebührt. Siebenundzwanzig Schilling. S’il vous plaît!
ALFRED
(gibt ihr das Geld). Voilà!
VALERIE.
Merci! (Sie zählt nach.)
ALFRED.
Kleinliche Person.
VALERIE.
Ich bin keine Person! Und von heut ab bitte ich es mir aus, dass du mir immer eine schriftliche Quittung –
ALFRED
(unterbricht sie). Bild dir nur ja nichts ein, bitte!
(Stille.)
VALERIE.
Alfred, du sollst mich doch nicht immer betrügen –
ALFRED.
Und du sollst nicht immer so misstrauisch zu mir sein – das untergräbt doch nur unser Verhältnis. Du [12]darfst es doch nicht übersehen, dass ein jeder Mensch Licht- und Schattenseiten hat, das ist normal. Und ich kann dir nur flüstern: eine rein menschliche Beziehung wird erst dann echt, wenn man was voneinander hat. Alles andere ist larifari. Und in diesem Sinne bin ich auch dafür, dass wir jetzt unsere freundschaftlich-geschäftlichen Beziehungen nicht deshalb abbrechen, weil die anderen für uns etwa ungesund sind –
VALERIE
(unterbricht ihn). Nein, pfui! Pfui –
ALFRED.
Na siehst du! Jetzt hast du ja schon wieder einen anderen Kopf auf! Es wär doch auch zu leichtsinnig von dir, um nicht zu sagen, übermütig! Was mach ich denn aus deinem Ruhegehalt, Frau Kanzleiobersekretärswitwe? Dadurch, dass ich eine Rennplatzkapazität bin, wie? Durch meine glückliche Hand beziehen Frau Kanzleiobersekretärswitwe das Gehalt eines aktiven Ministerialdirigenten erster Klass! – Was ist denn schon wieder los?
VALERIE.
Ich hab jetzt nur an das Grab gedacht.
ALFRED.
An was für ein Grab?
VALERIE.
An sein Grab. Immer, wenn ich das hör: Frau Kanzleiobersekretär – dann muss ich an sein Grab denken.
(Stille.)
VALERIE.
Ich kümmer mich zu wenig um das Grab. Meiner Seel, ich glaub, es ist ganz verwildert –
ALFRED.
Valerie, wenn ich morgen in Maisons-Laffitte gewinn, dann lassen wir sein Grab mal gründlich herrichten. Halb und halb.
VALERIE (küsst plötzlich seine Hand).
ALFRED.
Nein, nicht so –
DIE STIMME DES HIERLINGER FERDINAND
(vom Turm). Alfred! Alfred! Es ist wunderschön heroben, und ich komm gleich runter!
ALFRED
(ruft hinauf). Ich bin bereit! (Er fixiert Valerie.) Was? Du weinst?
[13]VALERIE
(weinerlich). Aber keine Idee – (sie betrachtet sich in ihrem Taschenspiegel). Gott, bin ich wieder derangiert – höchste Zeit, dass ich mich wieder mal rasier – (sie schminkt sich mit dem Lippenstift und summt dazu den »Trauermarsch« von Chopin).
DIE GROSSMUTTER.
Alfred!
ALFRED (nähert sich ihr).
DIE GROSSMUTTER.
Wann kommst du denn wieder? Bald?
ALFRED.
Sicher.
DIE GROSSMUTTER.
Ich hab so Abschiede nicht gern, weißt du. – Dass dir nur nichts passiert, ich hab oft so Angst –
ALFRED.
Was soll mir denn schon passieren?
(Stille.)
DIE GROSSMUTTER.
Wann gibst du mir denn das Geld zurück?
ALFRED.
Sowie ich es hab.
DIE GROSSMUTTER.
Ich brauch es nämlich.
ALFRED.
Zu was brauchst du denn dein Geld?
DIE GROSSMUTTER.
Nächsten Monat werd ich achtzig – und ich möcht um mein eigenes Geld begraben werden, ich möcht keine milden Gaben, du kennst mich ja –
ALFRED.
Mach dir nur keine Sorgen, Großmama!
II Stille Straße im achten Bezirk
Von links nach rechts. Oskars gediegene Fleischhauerei mit halben Rindern und Kälbern, Würsten, Schinken und Schweinsköpfen in der Auslage. Daneben eine Puppenklinik mit Firmenschild »Zum Zauberkönig« – mit Scherzartikeln, Totenköpfen, Puppen, Spielwaren, Raketen, Zinnsoldaten und einem Skelett im Fenster. Endlich: eine kleine Tabak-Trafik mit Zeitungen, Zeitschriften und [14]Ansichtspostkarten vor der Tür. Über der Puppenklinik befindet sich ein Balkon mit Blumen, der zur Privatwohnung des Zauberkönigs gehört.
OSKAR (mit weißer Schürze; er steht in der Tür seiner Fleischhauerei und manikürt sich mit seinem Taschenmesser; ab und zu lauscht er, denn im zweiten Stock spielt jemand auf einem ausgeleierten Klavier die »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Johann Strauß).
IDA (ein elfjähriges, herziges, mageres, kurzsichtiges Mäderl, verlässt mit ihrer Markttasche die Fleischhauerei und will nach rechts ab, hält aber vor der Puppenklinik und betrachtet die Auslage).
HAVLITSCHEK (der Gehilfe Oskars, ein Riese mit blutigen Händen und ebensolcher Schürze, erscheint in der Tür der Fleischhauerei; er frisst eine kleine Wurst und ist wütend).
Dummes Luder, dummes –
OSKAR.
Wer?
HAVLITSCHEK
(deutet mit seinem langen Messer auf Ida). Das dort! Sagt das dumme Luder nicht, dass meine Blutwurst nachgelassen hat – meiner Seel, am liebsten tät ich so was abstechen, und wenn es dann auch mit dem Messer in der Gurgel herumrennen müsst, wie die gestrige Sau, dann tät mich das nur freuen!
OSKAR
(lächelt). Wirklich?
IDA (fühlt Oskars Blick, es wird ihr unheimlich; plötzlich rennt sie nach rechts ab).
HAVLITSCHEK (lacht).
RITTMEISTER (kommt von links; er ist bereits seit dem Zusammenbruch pensioniert und daher in Zivil; jetzt grüßt er Oskar).
OSKAR UND HAVLITSCHEK (verbeugen sich – und der Walzer ist aus).
RITTMEISTER.
Also das muss ich schon sagen: die gestrige Blutwurst – Kompliment! First class!
OSKAR.
Zart, nicht?
[15]RITTMEISTER.
Ein Gedicht!
OSKAR.
Hast du gehört, Havlitschek?
RITTMEISTER.
Ist er derjenige welcher?
HAVLITSCHEK.
Melde gehorsamst: Ja, Herr Rittmeister!
RITTMEISTER.
Alle Achtung!
HAVLITSCHEK.
Herr Rittmeister sind halt ein Kenner. Ein Gourmand. Ein Weltmann.
RITTMEISTER
(zu Oskar). Ich bin seinerzeit viel in unserer alten Monarchie herumtransferiert worden, aber ich muss schon sagen: Niveau. Niveau!
OSKAR.
Ist alles nur Tradition, Herr Rittmeister!
RITTMEISTER.
Wenn Ihr armes Mutterl selig noch unter uns weilen würde, die hätt eine Freude an ihrem Sohn.
OSKAR
(lächelt geschmeichelt). Es hat halt nicht sollen sein, Herr Rittmeister.
RITTMEISTER.
Wir müssen alle mal fort.
OSKAR.
Heut vor einem Jahr ist sie fort.
RITTMEISTER.
Wer?
OSKAR.
Meine Mama, Herr Rittmeister. Nach dem Essen um halb drei – da hatte sie unser Herrgott erlöst.
(Stille.)
RITTMEISTER.
Ist denn das schon ein Jahr her?
(Stille.)
OSKAR.
Entschuldigens mich bitte, Herr Rittmeister, aber ich muss mich jetzt noch in Gala werfen – für die Totenmess. (Ab.)
RITTMEISTER
(reagiert nicht; ist anderswo). (Stille.)
RITTMEISTER.
Wieder ein Jahr – bis zwanzig gehts im Schritt, bis vierzig im Trab, und nach vierzig im Galopp –
(Stille.)
HAVLITSCHEK
(frisst nun wieder). Das ist ein schönes Erdbegräbnis gewesen von der alten gnädigen Frau.
RITTMEISTER.
Ja, es war sehr gelungen – (er lässt ihn stehen und nähert sich der Tabak-Trafik, hält einen Augenblick [16]vor dem Skelett in der Puppenklinik; jetzt spielt wieder jemand im zweiten Stock, und zwar den Walzer »Über den Wellen«).
HAVLITSCHEK (sieht dem Rittmeister nach, spuckt die Wursthaut aus und zieht sich zurück in die Fleischhauerei).
VALERIE (erscheint in der Tür ihrer Tabak-Trafik).
RITTMEISTER (grüßt).
VALERIE (dankt).
RITTMEISTER.
Dürft ich mal die Ziehungsliste?
VALERIE (reicht sie ihm aus dem Ständer von der Tür).
RITTMEISTER.
Küss die Hand! (Er vertieft sich in die Ziehungsliste; plötzlich bricht der Walzer ab, mitten im Takt.)
VALERIE
(schadenfroh). Was haben wir denn gewonnen, Herr Rittmeister? Das große Los?
RITTMEISTER
(reicht ihr die Ziehungsliste wieder zurück). Ich hab überhaupt noch nie was gewonnen, liebe Frau Valerie. Weiß der Teufel, warum ich spiel! Höchstens, dass ich meinen Einsatz herausbekommen hab.
VALERIE.
Das ist halt das Glück in der Liebe.
RITTMEISTER.
Gewesen, gewesen!
VALERIE.
Aber Herr Rittmeister! Mit dem Profil!
RITTMEISTER.
Das hat nicht viel zu sagen – wenn man nämlich ein wählerischer Mensch ist. Und eine solche Veranlagung ist eine kostspielige Charaktereigenschaft. Wenn der Krieg nur vierzehn Tage länger gedauert hätt, dann hätt ich heut meine Majorspension.
VALERIE.
Wenn der Krieg vierzehn Tag länger gedauert hätt, dann hätten wir gesiegt.
RITTMEISTER.
Menschlichem Ermessen nach –
VALERIE.
Sicher. (Ab in ihre Tabak-Trafik.)
MARIANNE (begleitet eine gnädige Frau aus der Puppenklinik – jedes Mal, wenn diese Ladentür geöffnet wird, ertönt statt eines Klingelzeichens ein Glockenspiel).
RITTMEISTER (blättert nun in einer Zeitung und horcht).
[17]DIE GNÄDIGE FRAU.
Also ich kann mich auf Sie verlassen?
MARIANNE.
Ganz und gar, gnädige Frau! Wir haben doch hier das erste und älteste Spezialgeschäft im ganzen Bezirk – gnädige Frau bekommen die gewünschten Zinnsoldaten, garantiert und pünktlich!
DIE GNÄDIGE FRAU.
Also nochmals, nur damit keine Verwechslungen entstehen: drei Schachteln Schwerverwundete und zwei Schachteln Fallende – auch Kavallerie bitte, nicht nur Infanterie – und dass ich sie nur übermorgen früh im Haus hab, sonst weint der Bubi. Er hat nämlich am Freitag Geburtstag, und er möcht doch schon so lang Sanitäter spielen –
MARIANNE.
Garantiert und pünktlich, gnädige Frau! Vielen Dank, gnädige Frau!
DIE GNÄDIGE FRAU.
Also adieu! (Ab nach links.)
DER ZAUBERKÖNIG (erscheint auf seinem Balkon, in Schlafrock und mit Schnurrbartbinde).
Marianne! Bist du da?
MARIANNE.
Papa?
ZAUBERKÖNIG.
Wo stecken denn meine Sockenhalter?
MARIANNE.
Die rosa oder die beige?
ZAUBERKÖNIG.
Ich hab doch nur mehr die rosa!
MARIANNE.
Im Schrank links oben, rechts hinten.
ZAUBERKÖNIG.
Links oben, rechts hinten. Difficile est, satiram non scribere. (Ab.)
RITTMEISTER
(zu Marianne). Immer fleißig, Fräulein Marianne! Immer fleißig!
MARIANNE.
Arbeit schändet nicht, Herr Rittmeister.
RITTMEISTER.
Im Gegenteil. Apropos: wann darf man denn gratulieren?
MARIANNE.
Zu was denn?
RITTMEISTER.
Na zur Verlobung.
ZAUBERKÖNIG
(erscheint wieder auf dem Balkon). Marianne!
RITTMEISTER.
Habe die Ehre, Herr Zauberkönig!
ZAUBERKÖNIG.
Habe die Ehre, Herr Rittmeister! Marianne. Zum letzten Mal: wo stecken meine Sockenhalter?
MARIANNE.
Wo sie immer stecken.
[18]ZAUBERKÖNIG.
Was ist das für eine Antwort, bitt ich mir aus! Einen Ton hat dieses Ding an sich! Herzig! Zum leiblichen Vater! Wo meine Sockenhalter immer stecken, dort stecken sie nicht.
MARIANNE.
Dann stecken sie in der Kommod.
ZAUBERKÖNIG.
Nein.
MARIANNE.
Dann im Nachtkastl.
ZAUBERKÖNIG.
Nein.
MARIANNE.
Dann bei deinen Unterhosen.
ZAUBERKÖNIG.
Nein.
MARIANNE.
Dann weiß ich es nicht.
ZAUBERKÖNIG.
Jetzt frag ich aber zum allerletzten Mal: wo stecken meine Sockenhalter?
MARIANNE.
Ich kann doch nicht zaubern!
ZAUBERKÖNIG
(brüllt sie an). Und ich kann doch nicht mit rutschende Strümpf in die Totenmess! Weil du meine Garderob verschlampst! Jetzt komm aber nur rauf und such du! Aber avanti, avanti!
MARIANNE (ab in die Puppenklinik – und jetzt wird der Walzer »Über den Wellen« wieder weitergespielt).
ZAUBERKÖNIG (lauscht).
RITTMEISTER.
Wer spielt denn da?
ZAUBERKÖNIG.
Das ist eine Realschülerin im zweiten Stock – ein talentiertes Kind ist das.
RITTMEISTER.
Ein musikalisches.
ZAUBERKÖNIG.
Ein frühentwickeltes – (er summt mit, riecht an den Blumen und genießt ihren Duft).
RITTMEISTER.
Es wird Frühling, Herr Zauberkönig.
ZAUBERKÖNIG.
Endlich! Selbst das Wetter ist verrückt geworden!
RITTMEISTER.
Das sind wir alle.
ZAUBERKÖNIG.
Ich nicht.
(Pause.)
ZAUBERKÖNIG.
Elend sind wir dran, Herr Rittmeister, elend. Nicht einmal einen Dienstbot kann man sich halten. Wenn ich meine Tochter nicht hätt –
[19]OSKAR (kommt aus seiner Fleischhauerei, in Schwarz und mit Zylinder; er zieht sich soeben schwarze Glacéhandschuhe an).
ZAUBERKÖNIG.
Ich bin gleich fertig, Oskar! Die liebe Mariann hat nur wieder mal meine Sockenhalter verhext!
RITTMEISTER.
Herr Zauberkönig! Dürft ich mir erlauben, Ihnen meine Sockenhalter anzubieten? Ich trag nämlich auch Strumpfbänder, neuerdings –
ZAUBERKÖNIG.
Zu gütig! Küss die Hand! Aber Ordnung muss sein! Die liebe Mariann wird sie schon wieder herhexen!
RITTMEISTER.
Der Herr Bräutigam in spe können sich gratulieren.
OSKAR (lüftet den Zylinder und verbeugt sich leicht).
ZAUBERKÖNIG.
Wenns Gott mir vergönnt, ja.
RITTMEISTER.
Mein Kompliment, die Herren! (Ab – und nun ist der Walzer aus.)
MARIANNE (erscheint auf dem Balkon mit den rosa Sockenhaltern).
Hier hab ich jetzt deine Sockenhalter.
ZAUBERKÖNIG.
Na also!
MARIANNE.
Du hast sie aus Versehen in die Schmutzwäsch geworfen – und ich hab jetzt das ganze schmutzige Zeug durchwühlen müssen.
ZAUBERKÖNIG.
Na so was! (Er lächelt väterlich und kneift sie in die Wange.) Brav, brav. Unten steht der Oskar. (Ab.)
OSKAR.
Marianne! Marianne!
MARIANNE.
Ja?
OSKAR.
Willst du denn nicht herunterkommen?
MARIANNE.
Das muss ich sowieso. (Ab.)
HAVLITSCHEK (erscheint in der Tür der Fleischhauerei, wieder fressend).
Herr Oskar. Was ich noch hab sagen wollen – geh, bittschön, betens auch in meinem Namen ein Vaterunser für die arme gnädige Frau Mutter selig.
OSKAR.
Gern, Havlitschek.
HAVLITSCHEK.
Ich sage dankschön, Herr Oskar. (Ab.)
[20]MARIANNE (tritt aus der Puppenklinik).
OSKAR.
Ich bin so glücklich, Mariann. Bald ist das Jahr der Trauer ganz vorbei, und morgen leg ich meinen Flor ab. Und am Sonntag ist offizielle Verlobung und Weihnachten Hochzeit. – Ein Bussi, Mariann, ein Vormittagsbussi –
MARIANNE (gibt ihm einen Kuss, fährt aber plötzlich zurück).
Au! Du sollst nicht immer beißen!
OSKAR.
Hab ich denn jetzt?
MARIANNE.
Weißt du denn das nicht?
OSKAR.
Also ich hätt jetzt geschworen –
MARIANNE.
Dass du mir immer weh tun musst.
(Stille.)
OSKAR.
Böse?
(Stille.)
OSKAR.
Na?
MARIANNE.
Manchmal glaub ich schon, dass du es dir herbeisehnst, dass ich ein böser Mensch sein soll –
OSKAR.
Marianne! Du weißt, dass ich ein religiöser Mensch bin und dass ich es ernst nehme mit den christlichen Grundsätzen!
MARIANNE.
Glaubst du vielleicht, ich glaub nicht an Gott? Ph!
OSKAR.
Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich weiß, dass du mich verachtest.
MARIANNE.
Was fällt dir ein, du Idiot!
(Stille.)
OSKAR.
Du liebst mich also nicht?
MARIANNE.
Was ist Liebe?
(Stille.)
OSKAR.
Was denkst du jetzt?
MARIANNE.
Oskar, wenn uns etwas auseinanderbringen kann, dann bist du es. Du sollst nicht immer so herumbohren in mir, bitte –
OSKAR.
Jetzt möcht ich in deinen Kopf hineinsehen können, ich möcht dir mal die Hirnschale herunter und nachkontrollieren, was du da drinnen denkst –
[21]MARIANNE.
Aber das kannst du nicht.
OSKAR.
Man ist und bleibt allein.
(Stille.)
OSKAR
(holt aus seiner Tasche eine Bonbonniere hervor). Darf ich dir diese Bonbons, ich hab sie jetzt ganz vergessen, die im Goldpapier sind mit Likör –
MARIANNE (steckt sich mechanisch ein großes Bonbon in den Mund).
ZAUBERKÖNIG
(tritt rasch aus der Puppenklinik, auch in Schwarz und mit Zylinder). Also da sind wir. Was hast du da? Schon wieder Bonbons? Aufmerksam, sehr aufmerksam! (Er kostet.) Ananas! Prima! Na was sagst du zu deinem Bräutigam? Zufrieden?
MARIANNE (rasch ab in die Puppenklinik).
ZAUBERKÖNIG
(verdutzt). Was hat sie denn?
OSKAR.
Launen.
ZAUBERKÖNIG.
Übermut! Es geht ihr zu gut!
OSKAR.
Komm, wir haben keine Zeit, Papa – die Messe –
ZAUBERKÖNIG.
Aber eine solche Benehmität! Ich glaub gar, dass du sie mir verwöhnst – also nur das nicht, lieber Oskar! Das rächt sich bitter! Was glaubst du, was ich auszustehen gehabt hab in meiner Ehe? Und warum? Nicht weil meine gnädige Frau Gemahlin ein bissiges Mistvieh war, sondern weil ich zu vornehm war, Gott hab sie selig! Nur niemals die Autorität verlieren! Abstand wahren! Patriarchat, kein Matriarchat! Kopf hoch! Daumen runter! Ave caesar, morituri te salutant! (Ab mit Oskar.)
(Jetzt spielt die Realschülerin im zweiten Stock den Walzer »In lauschiger Nacht« von Ziehrer.)
MARIANNE (erscheint nun in der Auslage und arrangiert – sie bemüht sich besonders um das Skelett).
ALFRED (kommt von links, erblickt Marianne von hinten, hält und betrachtet sie).
MARIANNE (dreht sich um – erblickt Alfred und ist fast fasziniert).
[22]ALFRED (lächelt).
MARIANNE (lächelt auch).
ALFRED (grüßt charmant).
MARIANNE (dankt).
ALFRED (nähert sich der Auslage).
VALERIE (steht nun in der Tür ihrer Tabak-Trafik und beobachtet Alfred).
ALFRED (trommelt an die Fensterscheibe).
MARIANNE (sieht ihn plötzlich erschrocken an, lässt rasch den Sonnenvorhang hinter der Fensterscheibe herab – und der Walzer bricht wieder ab, mitten im Takt).
ALFRED
(erblickt Valerie). (Stille.)
VALERIE.
Wohin?
ALFRED.
Zu dir, Liebling.
VALERIE.
Was hat man denn in der Puppenklinik verloren?
ALFRED.
Ich wollte dir ein Pupperl kaufen.
VALERIE.
Und an so was hängt man sein Leben.
ALFRED.
Pardon!
(Stille.)
ALFRED (krault Valerie am Kinn).
VALERIE
(schlägt ihn auf die Hand). (Stille.)
ALFRED.
Wer ist denn das Fräulein da drinnen?
VALERIE.
Das geht dich einen Dreck an.
ALFRED.
Das ist sogar ein sehr hübsches Fräulein.
VALERIE.
Haha!
ALFRED.
Ein schöngewachsenes Fräulein. Dass ich dieses Fräulein noch nie gesehen habe – das ist halt die Tücke des Objekts.
VALERIE.
Na und?
ALFRED.
Also ein für alle Mal: lang halt ich jetzt aber deine hysterischen Eifersüchteleien nicht mehr aus! Ich lass mich nicht tyrannisieren! Das hab ich doch schon gar nicht nötig!
VALERIE.
Wirklich?
[23]ALFRED.
Glaub nur ja nicht, dass ich auf dein Geld angewiesen bin!
(Stille.)
VALERIE.
Ja, das wird wohl das Beste sein –
ALFRED.
Was?
VALERIE.
Das wird das Beste sein für uns beide, dass wir uns trennen.
ALFRED.
Aber dann endlich! Und im Guten! Und konsequent, wenn man bitten darf! – Da. Das bin ich dir noch schuldig. Mit Quittung. Wir haben in Saint-Cloud nichts verloren und in Le Tremblay gewonnen. Außenseiter. Zähls nach, bitte! (Ab.)
VALERIE
(allein; zählt mechanisch das Geld nach – dann sieht sie Alfred langsam nach; leise). Luder. Mistvieh. Zuhälter. Bestie –
III Am nächsten Sonntag im Wiener Wald
Auf einer Lichtung am Ufer der schönen blauen Donau.
Der Zauberkönig und Marianne, Oskar, Valerie, Alfred, einige entfernte Verwandte, unter ihnen Erich aus Kassel in Preußen, und kleine weißgekleidete hässliche Kinder machen einen gemeinsamen Ausflug.
Jetzt bilden sie gerade eine malerische Gruppe, denn sie wollen von Oskar fotografiert werden, der sich noch mit seinem Stativ beschäftigt – dann stellt er sich selbst in Positur neben Marianne, maßen er ja mit einem Selbstauslöser arbeitet. Und nachdem dieser tadellos funktionierte, gerät die Gruppe in Bewegung.
ZAUBERKÖNIG.
Halt! Da capo! Ich glaub, ich hab gewackelt!
[24]OSKAR.
Aber Papa!
ZAUBERKÖNIG.
Sicher ist sicher!
ERSTE TANTE.
Ach ja!
ZWEITE TANTE.
Das wär doch ewig schad!
ZAUBERKÖNIG.
Also da capo, da capo!
OSKAR.
Also gut! (Er beschäftigt sich wieder mit seinem Apparat – und wieder funktioniert der Selbstauslöser tadellos.)
ZAUBERKÖNIG.
Ich danke!
DIE GRUPPE (löst sich allmählich auf).
ERSTE TANTE.
Lieber Herr Oskar, ich hätt ein großes Verlangen – geh, möchtens nicht mal die Kinderl allein abfotografieren, die sind doch heut so herzig –
OSKAR.
Aber mit Vergnügen! (Er gruppiert die Kinder und küsst die Kleinste.)
ZWEITE TANTE
(zu Marianne). Nein, mit welcher Liebe er das arrangiert. – Na wenn das kein braver Familienvater wird! Ein Kindernarr, ein Kindernarr! Unberufen! (Sie umarmt Marianne und gibt ihr einen Kuss.)
VALERIE
(zu Alfred). Also das ist der Chimborasso.
ALFRED.
Was für ein Chimborasso?
VALERIE.
Dass du dich nämlich diesen Herrschaften hier anschließt, wo du doch weißt, dass ich dabei bin – nach all dem, was zwischen uns passiert ist.
ALFRED.
Was ist denn passiert? Wir sind auseinander. Und noch dazu als gute Kameraden.
VALERIE.
Nein, du bist halt keine Frau – sonst würdest du meine Gefühle anders respektieren.
ALFRED.
Was für Gefühle? Noch immer?
VALERIE.
Als Frau vergisst man nicht so leicht. Es bleibt immer etwas in einem drinnen. Wenn du auch ein großer Gauner bist.
ALFRED.
Ich bitte dich, werde vernünftig.
VALERIE
(plötzlich gehässig). Das würde dir so passen!
(Stille.)
ALFRED.
Darf sich der Gauner jetzt empfehlen?
[25]VALERIE.
Wer hat ihn denn hier eingeladen?
ALFRED.
Sag ich nicht.
VALERIE.
Man kann sichs ja lebhaft vorstellen, nicht?
ALFRED (zündet sich eine Zigarette an).
VALERIE.
Wo hat man sich denn kennengelernt? In der Puppenklinik?
ALFRED.
Halts Maul.
ZAUBERKÖNIG
(nähert sich Alfred mit Erich). Was höre ich? Die Herrschaften kennen sich noch nicht? Also darf ich bekannt machen: das ist mein Neffe Erich, der Sohn meines Schwippschwagers aus zweiter Ehe – und das ist Herr Zentner. Stimmts?
ALFRED.
Gewiss.
ZAUBERKÖNIG.
Herr von Zentner!
ERICH
(mit Brotbeutel und Feldflasche am Gürtel). Sehr erfreut!
ZAUBERKÖNIG.
Erich ist ein Student. Aus Dessau.
ERICH.
Aus Kassel, Onkel.
ZAUBERKÖNIG.
Kassel und Dessau – das verwechsel ich immer! (Er zieht sich zurück.)
ALFRED
(zu Valerie). Ihr kennt euch schon?
VALERIE.
Oh schon seit Ewigkeiten!
ERICH.
Ich hatte erst unlängst das Vergnügen. Wir hatten uns über das Burgtheater unterhalten und über den vermeintlichen Siegeszug des Tonfilms.
ALFRED.
Interessant! (Er verbeugt sich korrekt und zieht sich zurück; jetzt lässt eine Tante ihren Reisegrammo-phon singen. »Wie eiskalt ist dies Händchen«.)
ERICH
(lauscht). Bohème. Göttlicher Puccini!
MARIANNE
(nun neben Alfred; sie lauscht). Wie eiskalt ist dies Händchen –
ALFRED.
Das ist Bohème.
MARIANNE.
Puccini.
VALERIE
(zu Erich). Was kennen Sie denn für Operetten?
ERICH.
Aber das hat doch mit Kunst nichts zu tun!
VALERIE.
Geh, wie könnens denn nur so was sagen!
[26]ERICH.
Kennen Sie die Brüder Karamasow?
VALERIE.
Nein.
ERICH.
Das ist Kunst.
MARIANNE
(zu Alfred). Ich wollte mal rhythmische Gymnastik studieren, und dann hab ich von einem eigenen Institut geträumt, aber meine Verwandtschaft hat keinen Sinn für so was. Papa sagt immer, die finanzielle Unabhängigkeit der Frau vom Mann ist der letzte Schritt zum Bolschewismus.
ALFRED.
Ich bin kein Politiker, aber glauben Sie mir: auch die finanzielle Abhängigkeit des Mannes von der Frau führt zu nichts Gutem. Das sind halt so Naturgesetze.
MARIANNE.
Das glaub ich nicht.
OSKAR (fotografiert nun den Zauberkönig allein, und zwar in verschiedenen Posen; das Reisegrammophon hat ausgesungen).
ALFRED.
Fotografiert er gern, der Herr Bräutigam?
MARIANNE.
Das tut er leidenschaftlich. Wir kennen uns schon seit acht Jahren.
ALFRED.
Wie alt waren Sie denn damals? Pardon, das war jetzt nur eine automatische Reaktion!
MARIANNE.
Ich war damals vierzehn.
ALFRED.
Das ist nicht viel.
MARIANNE.
Er ist nämlich ein Jugendfreund von mir. Weil wir Nachbarskinder sind.
ALFRED.
Und wenn Sie jetzt keine Nachbarskinder gewesen wären?
MARIANNE.
Wie meinen Sie das?
ALFRED.
Ich meine, dass das halt alles Naturgesetze sind. Und Schicksal.
(Stille.)
MARIANNE.
Schicksal, ja. Eigentlich ist das nämlich gar nicht das, was man halt so Liebe nennt, vielleicht von seiner Seite aus, aber ansonsten – (sie starrt Alfred plötzlich an). Nein, was sag ich da, jetzt kenn ich Sie ja noch kaum – mein Gott, wie Sie das alles aus einem herausziehen –
[27]ALFRED.
Ich will gar nichts aus Ihnen herausziehen. Im Gegenteil.
MARIANNE.
Können Sie hypnotisieren?
OSKAR
(zu Alfred). Pardon! (Zu Marianne.) Darf ich bitten? (Er reicht ihr den Arm und geleitet sie unter eine schöne alte Baumgruppe, wo sich die ganze Gesellschaft bereits zum Picknick gelagert hat.)
ALFRED (folgt Oskar und Marianne und lässt sich ebenfalls nieder).
ZAUBERKÖNIG.
Über was haben wir denn gerade geplauscht?
ERSTE TANTE.
Über die Seelenwanderung.
ZWEITE TANTE.
Was ist denn das für eine Geschicht, das mit der Seelenwanderung?
ERICH.
Das ist buddhistische Religionsphilosophie. Die Buddhisten behaupten, dass die Seele eines verstorbenen Menschen in ein Tier hineinfährt – zum Beispiel in einen Elefanten.
ZAUBERKÖNIG.
Verrückt!
ERICH.
Oder in eine Schlange.
ERSTE TANTE.
Pfui!
ERICH.
Wieso pfui? Das sind doch nur unsere kleinlichen menschlichen Vorurteile! So lasst uns doch mal die geheime Schönheit der Spinnen, Käfer und Tausendfüßler –
ZWEITE TANTE
(unterbricht ihn). Also nur nicht unappetitlich, bittschön!
ERSTE TANTE.
Mir ist schon übel –
ZAUBERKÖNIG.
Mir kann heut nichts den Appetit verderben! Solche Würmer gibts gar nicht!
VALERIE.
Jetzt aber Schluss!
ZAUBERKÖNIG
(erhebt sich und klopft mit dem Messer an sein Glas). Meine lieben Freunde! Zu guter Letzt war es ja schon ein öffentliches Geheimnis, dass meine liebe Tochter Mariann einen Blick auf meinen lieben Oskar geworfen hat –
[28]VALERIE.
Bravo!
ZAUBERKÖNIG.
Silentium, gleich bin ich fertig, und nun haben wir uns hier versammelt, das heißt: ich hab euch alle eingeladen, um einen wichtigen Abschnitt im Leben zweier blühender Menschenkinder einfach, aber würdig, in einem kleinen, aber auserwählten Kreise zu feiern. Es tut mir nur heut in der Seele weh, dass Gott der Allmächtige es meiner unvergesslichen Gemahlin, der Mariann ihrer lieben Mutterl selig, nicht vergönnt hat, diesen Freudentag ihres einzigen Kindes mitzuerleben. Ich weiß es aber ganz genau, sie steht jetzt sicher hinter einem Stern droben in der Ewigkeit und schaut hier auf uns herab. Und erhebt ihr Glas – (er erhebt sein Glas) – um ein aus dem Herzen kommendes Hoch auf das glückliche, nunmehr und hiermit offiziell verlobte Paar – das junge Paar, Oskar und Marianne, es lebe hoch! Hoch! Hoch!
ALLE.
Hoch! Hoch! Hoch!
IDA (jenes magere, herzige, kurzsichtige Mäderl, das seinerzeit Havlitscheks Blutwurst beanstandet hatte, tritt nun weißgekleidet mit einem Blumenstrauß vor das verlobte Paar und rezitiert mit einem Sprachfehler).
Die Liebe ist ein Edelstein,
Sie brennt jahraus, sie brennt jahrein
Und kann sich nicht verzehren,
Sie brennt, solang noch Himmelslicht
In eines Menschen Aug sich bricht,
Um drin sich zu verklären.
ALLE.
Bravo! Hoch! Gott wie herzig!
IDA (überreicht Marianne den Blumenstrauß mit einem Knicks).
ALLE (streicheln nun Ida und gratulieren dem verlobten Paar in aufgeräumtester Stimmung; das Reisegrammophon spielt nun den Hochzeitsmarsch, und der Zauberkönig küsst Marianne auf die Stirn und Oskar auf den Mund, dann wischt er sich die Tränen aus den Augen, und dann legt er sich in seine Hängematte).
[29]ERICH
(hat eben mit seiner Feldflasche Bruderschaft mit Oskar getrunken). Mal herhören, Leute! Oskar und Marianne! Ich gestatte mir nun, aus dieser Feldflasche auf euer ganz Spezielles zu trinken! Glück und Gesundheit und viele brave deutsche Kinder! Heil!
VALERIE
(angeheitert). Nur keine Neger! Heil!
ERICH.
Verzeihen, gnädige Frau, aber über diesen Punkt vertrage ich keine frivolen Späße! Dieser Punkt ist mir heilig, Sie kennen meine Stellung zu unserem Rassenproblem.
VALERIE.
Ein problematischer Mensch. – Halt! So bleibens doch da, Sie komplizierter Mann, Sie –
ERICH.
Kompliziert. Wie meinen Sie das?
VALERIE.
Interessant –
ERICH.
Wieso?
VALERIE.
Ja glaubens denn, dass ich die Juden mag? Sie großes Kind – (sie hängt sich ein in das große Kind und schleift es weg; man lagert sich nun im Wald, und die kleinen Kindlein spielen und stören).
OSKAR (singt zur Laute).
Sei gepriesen, du lauschige Nacht,
Hast zwei Herzen so glücklich gemacht.
Und die Rosen im folgenden Jahr
Sahn ein Paar am Altar!
Auch der Klapperstorch blieb nicht lang aus,
Brachte klappernd den Segen ins Haus.
Und entschwand auch der liebliche Mai,
In der Jugend erblüht er neu!
(Er spielt das Lied nochmal, singt aber nicht mehr, sondern summt nur; auch alle anderen summen mit, außer Alfred und Marianne.)
ALFRED
(näherte sich nämlich Marianne). Darf man noch einmal gratulieren?
MARIANNE (schließt die Augen).
ALFRED (küsst lange ihre Hand).
OSKAR (hatte den Vorgang beobachtet, übergab seine Lau[30]te der zweiten Tante, schlich sich heran und steht nun neben Marianne).
ALFRED
(korrekt). Ich gratuliere!
OSKAR.
Danke.
ALFRED (verbeugt sich korrekt und will ab).
OSKAR
(sieht ihm nach). Er beneidet mich um dich – ein geschmackloser Mensch. Wer ist denn das überhaupt?
MARIANNE.
Ein Kunde.
OSKAR.
Schon lang?
MARIANNE.
Gestern war er da, und wir sind ins Gespräch gekommen – nicht lang, und dann hab ich ihn gerufen. Er hat sich ein Gesellschaftsspiel gekauft.
VALERIE
(schrill). Was soll das Pfand in meiner Hand?
ERICH.
Das soll dreimal muh schreien!
VALERIE.
Das ist die Tante Henriett, die Tante Henriett!
ERSTE TANTE
(stellt sich in Positur und schreit). Muh! Muh! Muh!
(Großes Gelächter.)
VALERIE.
Und was soll das Pfand in meiner Hand?
ZAUBERKÖNIG.
Das soll dreimal mäh schreien!
VALERIE.
Das bist du selber!
ZAUBERKÖNIG.
Mäh! Mäh! Mäh!
(Brüllendes Gelächter.)
VALERIE.
Und was soll das Pfand in meiner Hand?
ZWEITE TANTE.
Der soll etwas demonstrieren!
ERICH.
Was denn?
ZWEITE TANTE.
Was er kann!
VALERIE.
Oskar! Hast du gehört, Oskar? Du sollst uns etwas demonstrieren!
ERICH.
Was du willst!
ZAUBERKÖNIG.
Was du kannst!
(Stille.)
OSKAR.
Meine Damen und Herren, ich werde Ihnen etwas sehr Nützliches demonstrieren, nämlich ich hab mich mit der japanischen Selbstverteidigungsmethode beschäftigt. Mit dem sogenannten Jiu-Jitsu. Und nun pas- [31]sens bitte auf, wie man seinen Gegner spielend kampfunfähig machen kann – (er stürzt sich plötzlich auf Marianne und demonstriert an ihr seine Griffe).
MARIANNE
(stürzt zu Boden). Au! Au! Au! –
ERSTE TANTE.
Nein, dieser Rohling!
ZAUBERKÖNIG.
Bravo! Bravissimo!
OSKAR
(zur ersten Tante). Aber ich hab doch den Griff nur markiert, sonst hätt ich ihr doch das Rückgrat verletzt!
ERSTE TANTE.
Das auch noch!
ZAUBERKÖNIG
(klopft Oskar auf die Schulter). Sehr geschickt! Sehr einleuchtend!
ZWEITE TANTE
(hilft Marianne beim Aufstehen). Ein so zartes Frauerl. – Haben wir denn noch ein Pfand?
VALERIE.
Leider! Schluss. Aus!
ZAUBERKÖNIG.
Dann hätt ich ein Projekt! Jetzt gehen wir alle baden! Hinein in die kühle Flut! Ich schwitz eh schon wie ein gselchter Aff!
ERICH.
Eine ausgezeichnete Idee!
VALERIE.
Aber wo sollen sich denn die Damen entkleiden?
ZAUBERKÖNIG.
Nichts leichter als das! Die Damen rechts, die Herren links! Also auf Wiedersehen in unserer schönen blauen Donau!
(Jetzt spielt das Reisegrammophon den Walzer »An der schönen blauen Donau«, und die Damen verschwinden rechts, die Herren links – Valerie und Alfred sind die Letzten.)
VALERIE.
Alfred!
ALFRED.
Bitte?
VALERIE (trällert die Walzermelodie nach und zieht sich ihre Bluse aus).
ALFRED.
Nun?
VALERIE (wirft ihm eine Kusshand zu).
ALFRED.
Adieu!
VALERIE.
Moment! Gefällt dem Herrn Baron das Fräulein Braut?
[32]ALFRED
(fixiert sie – geht dann rasch auf sie zu und hält knapp vor ihr). Hauch mich an.
VALERIE.
Wie komm ich dazu!
ALFRED.
Hauch mich an!
VALERIE (haucht ihn an).
ALFRED.
Du Alkoholistin.
VALERIE.
Das ist doch nur ein Schwips, den ich da hab, du Vegetarianer! Der Mensch denkt, und Gott lenkt. Man feiert doch nicht alle Tag Verlobung – und Entlobung, du Schweinehund –
ALFRED.
Einen anderen Ton, wenn ich bitten darf!
VALERIE.
Dass du mich nicht anrührst, dass du mich nicht anrührst –
ALFRED.
Als hätt ich dich schon jemals angerührt.
VALERIE.
Und am siebzehnten März?
(Stille.)
ALFRED.
Wie du dir alles merkst –
VALERIE.
Alles. Das Gute und das Böse – (sie hält sich plötzlich die Bluse vor). Geh! Ich möcht mich jetzt ausziehen!
ALFRED.
Als hätt ich dich nicht schon so gesehen –
VALERIE
(kreischt). Schau mich nicht so an! Geh! Geh!
ALFRED.
Hysterische Kuh – (ab nach links).
VALERIE
(allein; sieht ihm nach). Luder. Mistvieh. Drecksau. Bestie. (Sie zieht sich aus.)
ZAUBERKÖNIG (taucht im Schwimmanzug hinter dem Busch auf und sieht zu).
VALERIE (hat nun nur mehr das Hemd, Schlüpfer und Strümpfe an, sie entdeckt den Zauberkönig).
Jesus Maria Josef! Oh du Hallodri! Mir scheint gar, du bist ein Voyeur –
ZAUBERKÖNIG.
Ich bin doch nicht pervers. Zieh dich nur ruhig weiter aus.
VALERIE.
Nein, ich hab doch noch mein Schamgefühl.
ZAUBERKÖNIG.
Geh, in der heutigen Zeit!
VALERIE.
Aber ich hab halt so eine verflixte Phantasie – (sie trippelt hinter einen Busch).
[33]ZAUBERKÖNIG (lässt sich vor dem Busch nieder, entdeckt Valeries Korsett, nimmt es an sich und riecht daran).
Mit oder ohne Phantasie – diese heutige Zeit ist eine verkehrte Welt! Ohne Treu, ohne Glauben, ohne sittliche Grundsätz. Alles wackelt, nichts steht mehr fest. Reif für die Sintflut – (er legt das Korsett wieder beiseite, denn es duftet nicht gerade überwältigend). Ich bin nur froh, dass ich die Mariann angebracht hab, eine Fleischhauerei ist immer noch solid –
VALERIES STIMME.
Na und die Trafikantinnen?
ZAUBERKÖNIG.
Auch! Rauchen und fressen werden die Leut immer – aber zaubern? Wenn ich mich so mit der Zukunft beschäftig, da wirds mir manchmal ganz pessimistisch. Ich habs ja überhaupt nicht leicht gehabt in meinem Leben, ich muss ja nur an meine Frau selig denken – diese ewige Schererei mit den Spezialärzten –
VALERIE
(erscheint nun im Badetrikot; sie beschäftigt sich mit dem Schulterknöpfchen). An was ist sie denn eigentlich gestorben?
ZAUBERKÖNIG (stiert auf ihren Busen).
An der Brust.
VALERIE.
Doch nicht Krebs?
ZAUBERKÖNIG.
Doch. Krebs.
VALERIE.
Ach, die Ärmste.
ZAUBERKÖNIG.
Ich war auch nicht zu beneiden. Man hat ihr die linke Brust wegoperiert – sie ist überhaupt nie gesund gewesen, aber ihre Eltern haben mir das verheimlicht. – Wenn ich dich daneben anschau: stattlich, also direkt königlich. – Eine königliche Person.
VALERIE
(macht nun Rumpfbeugen). Was wisst ihr Mannsbilder schon von der Tragödie des Weibes? Wenn wir uns nicht so herrichten und pflegen täten –
ZAUBERKÖNIG
(unterbricht sie). Glaubst du, ich muss mich nicht pflegen?
VALERIE.
Das schon. Aber bei einem Herrn sieht man doch in erster Linie auf das Innere – (sie macht nun in rhythmischer Gymnastik).
[34]ZAUBERKÖNIG (sieht ihr zu und macht dann Kniebeugen).
VALERIE.
Hach, jetzt bin ich aber müd! (Sie wirft sich neben ihn hin.)
ZAUBERKÖNIG.
Der sterbende Schwan. (Er nimmt neben ihr Platz.)
(Stille.)
VALERIE.
Darf ich meinen Kopf in deinen Schoß legen?
ZAUBERKÖNIG.
Auf der Alm gibts keine Sünd!
VALERIE
(tut es). Die Erd ist nämlich noch hart – heuer war der Winter lang.
(Stille.)
VALERIE
(leise). Du. Gehts dir auch so? Wenn die Sonn so auf meine Haut scheint, wirds mir immer so weißnichtwie –
ZAUBERKÖNIG.
Wie?
(Stille.)
VALERIE.
Du hast doch zuvor mit meinem Korsett gespielt?
(Stille.)
ZAUBERKÖNIG.
Na und?
VALERIE.
Na und?
ZAUBERKÖNIG (wirft sich plötzlich über sie und küsst sie).
VALERIE.
Gott, was für ein Temperament – das hätt ich dir gar nicht zugetraut – du schlimmer Mensch, du –
ZAUBERKÖNIG.
Bin ich schlimm? Bin ich schlimm?
VALERIE.
Ja – nein, du! Halt, da kommt wer! (Sie kugeln auseinander.)
ERICH
(kommt in Badehose mit einem Luftdruckgewehr). Verzeihung, Onkel! Du wirst es doch gestatten, wenn ich es mir jetzt gestatte, hier zu schießen?
ZAUBERKÖNIG.
Was willst du?
ERICH.
Schießen.
ZAUBERKÖNIG.
Du willst hier schießen?
ERICH.
Nach der Scheibe auf jener Buche dort. Übermorgen steigt nämlich das monatliche Preisschießen unseres akademischen Wehrverbandes, und da möchte ich es mir nur gestatten, mich etwas einzuschießen. Also darf ich?
[35]VALERIE.
Natürlich.
ZAUBERKÖNIG.
Natürlich? (Zu Valerie.) Natürlich! (Er erhebt sich.) Wehrverband! Sehr natürlich! Nur das Schießen nicht verlernen. – Ich geh mich jetzt abkühlen! In unsere schöne blaue Donau! (Für sich.) Hängts euch auf! (Ab.)
ERICH (ladet, zielt und schießt).
VALERIE
(sieht ihm zu; nach dem dritten Schuss). Pardon, wenn ich Sie molestiere – was studieren der junge Herr eigentlich?
ERICH.
Jus. Drittes Semester. (Er zielt.) Arbeitsrecht. (Schuss.)
VALERIE.
Arbeitsrecht. Ist denn das nicht recht langweilig?
ERICH
(ladet). Ich habe Aussicht, dereinst als Syndikus mein Unterkommen zu finden. (Er zielt.) In der Industrie. (Schuss.)
VALERIE.
Und wie gefällt Ihnen unsere Wiener Stadt?
ERICH.
Herrliches Barock.
VALERIE.
Und die süßen Wiener Maderln?
ERICH.
Offen gesagt: Ich kann mit jungen Mädchen nichts anfangen. Ich war nämlich schon mal verlobt und hatte nur bittere Enttäuschungen, weil Käthe eben zu jung war, um meinem Ich Verständnis entgegenbringen zu können. Bei jungen Mädchen verschwendet man seine Gefühle an die falsche Adresse. Dann schon lieber eine reifere Frau, die einem auch etwas geben kann.
(Schuss.)
VALERIE.
Wo wohnen Sie denn?
ERICH.
Ich möchte gerne ausziehen.
VALERIE.
Ich hätt ein möbliertes Zimmer.
ERICH.
Preiswert?
VALERIE.
Geschenkt.
ERICH.
Das träfe sich ja famos!
(Schuss.)
VALERIE.
Herr Syndikus – geh lassens mich auch mal schießen –
ERICH.
Mit Vergnügen!
[36]VALERIE.
Ganz meinerseits. (Sie nimmt ihm das Gewehr ab.) Waren Sie noch Soldat?
ERICH.
Leider nein – ich bin doch Jahrgang 1911.
VALERIE.
1911 – (sie zielt lange).
ERICH
(kommandiert). Stillgestanden! Achtung! Feuer!
VALERIE (schießt nicht – langsam lässt sie das Gewehr sinken und sieht ihn ernst an).
ERICH.
Was ist denn los?
VALERIE.
Au! (Sie krümmt sich plötzlich und wimmert.) Ich hab so Stechen – meine arme Niere –
(Stille.)
ERICH.
Kann ich Ihnen behilflich sein?
VALERIE.
Danke. – Jetzt ist es schon wieder vorbei. Das ist nämlich oft so, wenn ich mich freudig aufreg – ich muss halt immer gleich büßen. Jetzt kann ich das Ziel nicht mehr sehen –
ERICH
(verwirrt). Was für ein Ziel?
VALERIE.
Weil es halt schon dämmert – (sie umarmt ihn und er lässt sich umarmen; ein Kuss). Ein Ziel ist immer etwas Erstrebenswertes. Ein Mensch ohne Ziel ist kein Mensch. – Du – du Neunzehnhundertelfer –
IV An der schönen blauen Donau
Nun ist die Sonne untergegangen, es dämmert bereits, und in der Ferne spielt der lieben Tante ihr Reisegrammophon den »Frühlingsstimmen-Walzer« von Johann Strauß.
ALFRED (in Bademantel und Strohhut – er blickt verträumt auf das andere Ufer).
MARIANNE (steigt aus der schönen blauen Donau und erkennt Alfred).
(Stille.)
[37]ALFRED
(lüftet den Strohhut). Ich wusst es, dass Sie hier landen werden.
MARIANNE.
Woher wussten Sie das?
ALFRED.
Ich wusst es.
(Stille.)
MARIANNE.
Die Donau ist weich wie Samt –
ALFRED.
Wie Samt.
MARIANNE.
Heut möcht ich weit weg – heut könnt man im Freien übernachten.
ALFRED.
Leicht.
MARIANNE.
Ach, wir armen Kulturmenschen! Was haben wir von unserer Natur!
ALFRED.
Was haben wir aus unserer Natur gemacht? Eine Zwangsjacke. Keiner darf, wie er will.
MARIANNE.
Und keiner will, wie er darf.
(Stille.)
ALFRED.
Und keiner darf, wie er kann.
MARIANNE.
Und keiner kann, wie er soll –
ALFRED (umarmt sie mit großer Gebärde, und sie wehrt sich mit keiner Faser – ein langer Kuss).
MARIANNE
(haucht). Ich habs gewusst, ich habs gewusst –
ALFRED.
Ich auch.
MARIANNE.
Liebst du mich, wie du solltest –?
ALFRED.
Das hab ich im Gefühl. Komm, setzen wir uns. (Sie setzen sich.)
(Stille.)
MARIANNE.
Ich bin nur froh, dass du nicht dumm bist – ich bin nämlich von lauter dummen Menschen umgeben. Auch Papa ist kein Kirchenlicht – und manchmal glaub ich sogar, er will sich durch mich an meinem armen Mutterl selig rächen. Die war nämlich sehr eigensinnig.
ALFRED.
Du denkst zu viel.
MARIANNE.
Jetzt gehts mir gut. Jetzt möcht ich singen. Immer, wenn ich traurig bin, möcht ich singen – (sie summt und verstummt wieder). Warum sagst du kein Wort?
(Stille.)
[38]ALFRED.
Liebst du mich?
MARIANNE.
Sehr.
ALFRED.
So wie du solltest? Ich meine, ob du mich vernünftig liebst?
MARIANNE.
Vernünftig?
ALFRED.
Ich meine, ob du keine Unüberlegtheiten machen wirst – denn dafür könnt ich keine Verantwortung übernehmen.
MARIANNE.
Oh Mann, grübl doch nicht – grübl nicht, schau die Sterne – die werden noch droben hängen, wenn wir drunten liegen –
ALFRED.
Ich lass mich verbrennen.
MARIANNE.
Ich auch – du, oh du – du –
(Stille.)
MARIANNE.
Du – wie der Blitz hast du in mich eingeschlagen und hast mich gespalten – jetzt weiß ich es aber ganz genau.
ALFRED.
Was?
MARIANNE.
Dass ich ihn nicht heiraten werde –
ALFRED.
Mariann!
MARIANNE.
Was hast du denn?
(Stille.)
ALFRED.
Ich hab kein Geld.
MARIANNE.
Oh warum sprichst du jetzt davon?!
ALFRED.
Weil das meine primitivste Pflicht ist! Noch nie in meinem Leben hab ich eine Verlobung zerstört, und zwar prinzipiell! Lieben ja, aber dadurch zwei Menschen auseinanderbringen – nein! Dazu fehlt mir das moralische Recht! Prinzipiell!
(Stille.)
MARIANNE.
Ich hab mich nicht getäuscht, du bist ein feiner Mensch. Jetzt fühl ich mich doppelt zu dir gehörig – ich pass nicht zu Oskar und basta!
(Es ist inzwischen finster geworden und nun steigen in der Nähe Raketen.)
ALFRED.
Raketen. Deine Verlobungsraketen.
[39]MARIANNE.
Unsere Verlobungsraketen.
ALFRED.
Und bengalisches Licht.
MARIANNE.
Blau, grün, gelb, rot –
ALFRED.
Sie werden dich suchen.
MARIANNE.
Sie sollen uns finden – bleib mir, du, dich hat mir der Himmel gesandt, mein Schutzengel –
(Jetzt gibt es bengalisches Licht – blau, grün, gelb, rot – und beleuchtet Alfred und Marianne; und den Zauberkönig, der knapp vor ihnen steht mit der Hand auf dem Herzen.)
MARIANNE
(schreit unterdrückt auf). (Stille.)
ALFRED
(geht auf den Zauberkönig zu). Herr Zauberkönig –
ZAUBERKÖNIG
(unterbricht ihn). Schweigen Sie! Mir brauchen Sie nichts zu erklären, ich hab ja alles gehört – na, das ist ja ein gediegener Skandal! Am Verlobungstag –! Nacket herumliegen! Küss die Hand! Mariann! Zieh dich an! Dass nur der Oskar nicht kommt – Jesus Maria und ein Stückerl Josef!
ALFRED.
Ich trag natürlich sämtliche Konsequenzen, wenn es sein muss.
ZAUBERKÖNIG.
Sie haben da gar nichts zu tragen! Sie haben sich aus dem Staube zu machen, Sie Herr! Diese Verlobung darf nicht platzen, auch aus moralischen Gründen nicht! Dass mir keine Seele was erfährt, Sie Halunk – Ehrenwort!
ALFRED.
Ehrenwort!
MARIANNE.
Nein!!
ZAUBERKÖNIG
(unterdrückt). Brüll nicht! Bist daneben? Zieh dich an, aber marsch-marsch! Badhur!
OSKAR
(erscheint und überblickt die Situation). Marianne! Marianne!
ZAUBERKÖNIG.
Krach in die Melon!
(Stille.)
ALFRED.
Das Fräulein Braut haben bis jetzt geschwommen.
[40]MARIANNE.
Lüg nicht! So lüg doch nicht! Nein, ich bin nicht geschwommen, ich mag nicht mehr schwimmen! Ich lass mich von euch nicht mehr tyrannisieren. Jetzt bricht der Sklave seine Fessel – da! (Sie wirft Oskar den Verlobungsring ins Gesicht.) Ich lass mir mein Leben nicht verhunzen, das ist mein Leben! Gott hat mir im letzten Moment diesen Mann da zugeführt. – Nein, ich heirat dich nicht, ich heirat dich nicht, ich heirat dich nicht!! Meinetwegen soll unsere Puppenklinik verrecken, eher heut als morgen!
ZAUBERKÖNIG.
Das einzige Kind! Das werd ich mir merken!
(Stille; während zuvor Marianne geschrien hat, sind auch die übrigen Ausflügler erschienen und horchen interessiert und schadenfroh zu.)
OSKAR
(tritt zu Marianne). Mariann. Ich wünsch dir nie, dass du das durchmachen sollst, was jetzt in mir vorgeht – und ich werde dich auch noch weiter lieben, du entgehst mir nicht – und ich danke dir für alles. (Ab.)
(Stille.)
ZAUBERKÖNIG
(zu Alfred). Was sind Sie denn überhaupt?
ALFRED.
Ich?
VALERIE.
Nichts. Nichts ist er.
ZAUBERKÖNIG.
Ein Nichts. Das auch noch. Ich habe keine Tochter mehr! (Ab mit den Ausflüglern – Alfred und Marianne bleiben allein zurück; jetzt scheint der Mond.)
ALFRED.
Ich bitte dich um Verzeihung.
MARIANNE (reicht ihm die Hand).
ALFRED.
Dass ich dich nämlich nicht hab haben wollen – dafür trägt aber nur mein Verantwortungsgefühl die Verantwortung. Ich bin deiner Liebe nicht wert, ich kann dir keine Existenz bieten, ich bin überhaupt kein Mensch –
MARIANNE.
Mich kann nichts erschüttern. Lass mich aus dir einen Menschen machen – du machst mich so groß und weit –
[41]ALFRED.
Und du erhöhst mich. Ich werd ganz klein vor dir in seelischer Hinsicht.
MARIANNE.
Und ich geh direkt aus mir heraus und schau mir nach – jetzt, siehst du, jetzt bin ich schon ganz weit fort von mir – ganz dort hinten, ich kann mich kaum mehr sehen. – Von dir möcht ich ein Kind haben –
Ende des ersten Teiles
[42]Zweiter Teil
I
Wieder in der stillen Straße im achten Bezirk, vor Oskars Fleischhauerei, der Puppenklinik und Frau Valeries TabakTrafik. Die Sonne scheint wie dazumal, und auch die Realschülerin im zweiten Stock spielt noch immer die »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Johann Strauß.
HAVLITSCHEK (steht in der Tür der Fleischhauerei und frisst Wurst).
DAS FRÄULEIN EMMA
(ein Mädchen für alles, steht mit einer Markttasche neben ihm; sie lauscht der Musik). Herr Havlitschek –
HAVLITSCHEK.
Ich bitte schön?
EMMA.
Musik ist doch etwas Schönes, nicht?
HAVLITSCHEK.
Ich könnt mir schon noch etwas Schöneres vorstellen, Fräulein Emma.
EMMA (summt leise den Walzer mit).
HAVLITSCHEK.
Das tät nämlich auch von Ihnen abhängen, Fräulein Emma.
EMMA.
Mir scheint gar, Sie sind ein Casanova, Herr Havlitschek.
HAVLITSCHEK.
Sagens nur ruhig Ladislaus zu mir.
(Pause.)
EMMA.
Gestern hab ich von Ihrem Herrn Oskar geträumt.
HAVLITSCHEK.
Haben Sie sich nix Gescheiteres träumen können?
EMMA.
Der Herr Oskar hat immer so große melancholische Augen – es tut einem direkt weh, wenn er einen anschaut –
HAVLITSCHEK.
Das macht die Liebe.
EMMA.
Wie meinen Sie das jetzt?
[43]HAVLITSCHEK.
Ich meine das jetzt so, dass er in ein nichtsnutziges Frauenzimmer verliebt ist – die hat ihn nämlich sitzen lassen, schon vor einem Jahr, und ist sich mit einem andern Nichtsnutzigen auf und davon.
EMMA.
Und er liebt sie noch immer? Das find ich aber schön.
HAVLITSCHEK.
Das find ich blöd.
EMMA.
Aber eine große Leidenschaft ist doch was Romantisches –
HAVLITSCHEK.
Nein, das ist etwas Ungesundes! Schauns doch nur, wie er ausschaut, er quält sich ja direkt selbst – es fallt ihm schon gar keine andere Frau mehr auf, und derweil hat er Geld wie Heu und ist so weit auch ein Charakter, der könnt doch für jeden Finger eine gute Partie haben – aber nein! Akkurat auf die läufige Bestie hat er sich versetzt – weiß der Teufel, was er treibt!
EMMA.
Wie meinen Sie das jetzt wieder, Herr Havlitschek?
HAVLITSCHEK.
Ich meine das so, dass man es nicht weiß, wo er es hinausschwitzt.
EMMA.
Oh Sie garstiger Mann!
(Pause.)
HAVLITSCHEK.
Fräulein Emma. Morgen ist Feiertag, und ich bin an der Endhaltestelle von der Linie achtundsechzig.
EMMA.
Ich kann aber nicht vor drei.
HAVLITSCHEK.
Das soll kein Hindernis sein.
(Pause.)
EMMA.
Also um halb vier – und vergessens aber nur ja nicht, was Sie mir versprochen haben – dass Sie nämlich nicht schlimm sein werden, lieber Ladislaus – (ab).
HAVLITSCHEK
(sieht ihr nach und spuckt die Wursthaut aus). Dummes Luder, dummes –
OSKAR
(tritt aus seiner Fleischhauerei). Dass du es nur ja nicht vergisst: wir müssen heut noch die Sau abstechen. – Stichs du, ich hab heut keinen Spaß daran.
(Pause.)
HAVLITSCHEK.
Darf ich einmal ein offenes Wörterl reden, Herr Oskar?
[44]OSKAR.
Dreht sichs um die Sau?
HAVLITSCHEK.
Es dreht sich schon um eine Sau, aber nicht um dieselbe Sau. – Herr Oskar, bittschön, nehmens Ihnen das nicht so zu Herzen, das mit Ihrer gewesenen Fräulein Braut, schauns, Weiber gibts wie Mist! Ein jeder Krüppel findt ein Weib und sogar die Geschlechtskranken auch! Und die Weiber sehen sich ja in den entscheidenden Punkten alle ähnlich, glaubens mir, ich meine es ehrlich mit Ihnen! Die Weiber haben keine Seele, das ist nur äußerliches Fleisch! Und man soll so ein Weib auch nicht schonend behandeln, das ist ein Versäumnis, sondern man soll ihr nur gleich das Maul zerreißen oder so!
(Pause.)
OSKAR.
Das Weib ist ein Rätsel, Havlitschek. Eine Sphinx. Ich hab mal der Mariann ihre Schrift zu verschiedenen Graphologen getragen – und der erste hat gesagt, also das ist die Schrift eines Vampirs, und der zweite hat gesagt, das ist eine gute Kameradin, und der dritte hat gesagt, das ist die ideale Hausfrau in persona. Ein Engel.
II Möbliertes Zimmer im achtzehnten Bezirk
Äußerst preiswert. Um sieben Uhr morgens. Alfred liegt noch im Bett und raucht Zigaretten. Marianne putzt sich bereits die Zähne. In der Ecke ein alter Kinderwagen – auf einer Schnur hängen Windeln. Der Tag ist grau und das Licht trüb.
MARIANNE
(gurgelt). Du hast mal gesagt, ich sei ein Engel. Ich habe gleich gesagt, dass ich kein Engel bin – dass ich nur ein gewöhnliches Menschenkind bin, ohne [45]Ambitionen. Aber du bist halt ein kalter Verstandesmensch.
ALFRED.
Du weißt, dass ich kein Verstandesmensch bin.
MARIANNE.
Doch! (Sie frisiert sich nun.) Ich müsst mir mal die Haar schneiden lassen.
ALFRED.
Ich auch.
(Stille.)
ALFRED.
Mariannderl. Warum stehst denn schon so früh auf?
MARIANNE.
Weil ich nicht schlafen kann.
(Stille.)
ALFRED.
Fühlst dich nicht gut in deiner Haut?
MARIANNE.
Du vielleicht? (Sie fixieren sich.)
ALFRED.
Wer hat mir denn die Rennplätz verleidet? Seit einem geschlagenen Jahr hab ich keinen Buchmacher mehr gesprochen, geschweige denn einen Fachmann – jetzt darf ich mich natürlich aufhängen! Neue Saisons, neue Favoriten! Zweijährige, dreijährige – ich hab keinen Kontakt mehr zur neuen Generation. Und warum nicht? Weil ich ausgerechnet eine Hautcreme verschleiß, die keiner kauft, weil sie miserabel ist!
MARIANNE.
Die Leut haben halt kein Geld.
ALFRED.
Nimm nur die Leut in Schutz!
MARIANNE.
Ich mach dir doch keine Vorwürf, du kannst doch nichts dafür.
ALFRED.
Das wäre ja noch schöner!
MARIANNE.
Als ob ich was für die wirtschaftliche Krise könnt!
ALFRED.
Oh du egozentrische Person. – Wer hat mir denn den irrsinnigen Rat gegeben, als Kosmetik-Agent herumzurennen? Du! (Er steht auf.) Wo stecken denn meine Sockenhalter?
MARIANNE
(deutet auf einen Stuhl). Dort.
ALFRED.
Nein.
MARIANNE.
Dann auf dem Nachtkastl.
ALFRED.
Nein.
[46]MARIANNE.
Dann weiß ich es nicht.
ALFRED.
Du hast es aber zu wissen!
MARIANNE.
Nein, genau wie Papa –
ALFRED.
Vergleich mich nicht immer mit dem alten Trottel!
MARIANNE.
Nicht so laut! Wenn das Kind aufwacht, dann kenn ich mich wieder nicht aus vor lauter Geschrei!
(Stille.)
ALFRED.
Also das mit dem Kind muss auch anders werden. Wir können doch nicht drei Seelen hoch in diesem Loch vegetieren! Das Kind muss weg!
MARIANNE.
Das Kind bleibt da.
ALFRED.
Das Kind kommt weg.
MARIANNE.
Nein. Nie!
(Stille.)
ALFRED.
Wo stecken meine Sockenhalter?
MARIANNE
(sieht ihn groß an). Weißt du, was das heut für ein Datum ist?
ALFRED.
Nein.
MARIANNE.
Heut ist der Zwölfte.
(Stille.)
ALFRED.
Was willst du damit sagen?
MARIANNE.
Dass das heut ein Gedenktag ist. Heut vor einem Jahr hab ich dich zum ersten Mal gesehen. In unserer Auslag.
ALFRED.
Ich bitt dich, red nicht immer in Hieroglyphen! Wir sind doch keine Ägypter! In was für einer Auslag?
MARIANNE.
Ich hab grad das Skelett arrangiert, und da hast du an die Auslag geklopft. Und da hab ich die Rouleaus heruntergelassen, weil es mir plötzlich unheimlich geworden ist.
ALFRED.
Stimmt.
MARIANNE.
Ich war viel allein – (sie weint leise).
ALFRED.
So flenn doch nicht schon wieder. – Schau, Marianderl, ich versteh dich ja hundertperzentig mit deinem mütterlichen Egoismus, aber es ist doch nur im Interesse unseres Kindes, dass es aus diesem feuchten Loch [47]herauskommt – hier ist es grau und trüb, und draußen bei meiner Mutter in der Wachau scheint die Sonne.
MARIANNE.
Das schon –
ALFRED.
Na also!
(Stille.)
MARIANNE.
Über uns webt das Schicksal Knoten in unser Leben – (sie fixiert plötzlich Alfred). Was hast du jetzt gesagt?
ALFRED.
Wieso?
MARIANNE.
Du hast gesagt: dummes Kalb.
ALFRED.
Aber was!
MARIANNE.
Lüg nicht!
ALFRED (putzt sich die Zähne und gurgelt).
MARIANNE.
Du sollst mich nicht immer beschimpfen.
(Stille.)
ALFRED
(seift sich nun ein, um sich zu rasieren). Liebes Kind, es gibt eben etwas, was ich aus tiefster Seel heraus hass – und das ist die Dummheit. Und du stellst dich schon manchmal penetrant dumm. Ich versteh das gar nicht, warum du so dumm bist! Du hast es doch schon gar nicht nötig, dass du so dumm bist!
(Stille.)
MARIANNE.
Du hast mal gesagt, dass ich dich erhöh – in seelischer Hinsicht –
ALFRED.
Das hab ich nie gesagt. Das kann ich gar nicht gesagt haben. Und wenn, dann hab ich mich getäuscht.
MARIANNE.
Alfred!
ALFRED.
Nicht so laut! So denk doch an das Kind!
MARIANNE.
Ich hab so Angst, Alfred –
ALFRED.
Du siehst Gespenster.
MARIANNE.
Du, wenn du jetzt nämlich alles vergessen hast –
ALFRED.
Quatsch!
[48]III Kleines Café im zweiten Bezirk
DER HIERLINGER FERDINAND (spielt gegen sich selbst Billard).
ALFRED (kommt).
DER HIERLINGER FERDINAND.
Servus Alfred! Na das ist aber hübsch, dass ich dich wieder mal seh – was machst denn für ein fades Gesicht?
ALFRED.
Ich bin halt sehr nervös.
DER HIERLINGER FERDINAND.
Nervosität ist nie gut. Komm sei so gut und spiel mit mir, damit du auf andere Gedanken kommst – (er reicht ihm ein Queue). Bis fünfzig, und du fangst an!
ALFRED.
Bon. (Er patzt.) Aus ist!
DER HIERLINGER FERDINAND
(kommt dran). Ist das jetzt wahr, dass du wieder ein Bankbeamter geworden bist?
ALFRED.
Ist ja alles überfüllt!
DER HIERLINGER FERDINAND.
Cherchez la femme! Wenn die Lieb erwacht, sitzt der Verstand im Hintern!
ALFRED.
Mein lieber Ferdinand – hier dreht es sich nicht um den kühlen Kopf, sondern um ein ganz anderes Organ – (er legt seine Hand aufs Herz). Es gibt ein Märchen von Andersen, wo der unartige Knabe dem guten alten Dichter mitten ins Herz schießt – Amor, lieber Ferdinand, Gott Amor!
DER HIERLINGER FERDINAND
(ist in seine Serie vertieft). Da hätt man buserieren solln –
ALFRED.
Ich bin halt ein weicher Mensch, und sie hat an meine Jugendideale appelliert. Zuerst war ja eine gewisse normale Leidenschaftlichkeit dabei – und dann, wie der ursprüngliche Reiz weg war, kam das Mitleid bei mir. Sie ist halt so ein Typ, bei dem der richtige Mann mütterlich wird, obwohl sie manchmal schon ein boshaftes Luder ist. Meiner Seel, ich glaub, ich bin ihr hörig!
[49]DER HIERLINGER FERDINAND.
Hörigkeit ist eine Blutfrage. Eine Temperaturfrage des Blutes.
ALFRED.
Glaubst du?
DER HIERLINGER FERDINAND.
Bestimmt. Du bist dran: Elf!
ALFRED (spielt nun).
DER HIERLINGER FERDINAND.
Alfred: Weißt du aber auch, was meine Grenzen total übersteigt? Sich in der heutigen Krise auch noch ein Kind anzuschaffen –
ALFRED.
Gott ist mein Zeuge, dass ich nie ein Kind hab haben wollen, das hat nur sie haben wollen – und dann ist es halt so von allein gekommen. Ich wollte es ja gleich stante pede wegmachen lassen, aber sie hat sich schon direkt fanatisch dagegen gesträubt, und ich hab schon sehr energische Seiten aufziehen müssen, bis ich sie endlich so weit gehabt hab, dass sie sich der Prozedur unterzieht – kannst dir das Affentheater vorstellen! Eine kostspielige Prozedur war das, meiner Seel – und dann wars doch nur für die Katz! Pech muss der Mensch haben, und das genügt!
MARIANNE (erscheint).
ALFRED
(erblickt sie und ruft ihr zu). Setz dich nur dorthin – ich spiel hier nur meine Partie zu End!
MARIANNE (setzt sich an einen Tisch und blättert in Modejournalen).
(Stille.)
DER HIERLINGER FERDINAND.
Ist das deine Donna?
ALFRED.
Yes.
(Stille.)
DER HIERLINGER FERDINAND.
Also das wär deine Donna. Komisch. Jetzt lebt mein lieber guter Freund Alfred schon über ein Jahr mit so einem Frauerl zusammen, und ich seh sie erst heut zum ersten Mal. – Eigentlich machen das ja sonst nur die eifersüchtigen Bosniaken, dass sie ihre Lieblingsweiber vor ihren besten Freunden wegsperren.
ALFRED.
Hier ist aber das Gegenteil der Fall. Nicht ich hab [50]sie, sondern sie hat mich von meinen besten Freunden abgeriegelt –
DER HIERLINGER FERDINAND
(unterbricht ihn). Wie heißt sie denn eigentlich?
ALFRED.
Marianne.
(Stille.)
ALFRED.
Gefällts dir?
DER HIERLINGER FERDINAND.
Ich hab sie mir eigentlich anders vorgestellt.
ALFRED.
Wieso?
DER HIERLINGER FERDINAND.
Etwas molliger.
ALFRED.
Noch molliger?
DER HIERLINGER FERDINAND.
Ich weiß nicht, warum. Man macht sich ja unwillkürlich so Vorstellungen.
(Stille.)
ALFRED.
Sie ist ganz schön mollig. Molliger als wie du denkst.
(Stille.)
DER HIERLINGER FERDINAND.
Scheißlich, scheißlich! Also das war schon ein grandioser Blödsinn, dass du mit der verrückten Trafikantin gebrochen hast! Du wärst heut versorgt und ohne Sorgen!
ALFRED.
Über die Vergangenheit zu plauschen hat keinen Sinn! Hilf mir lieber, dass ich möglichst schmerzlos für alle Teile aus dieser unglückseligen Bindung herauskomm!
DER HIERLINGER FERDINAND.
Das ist nicht so einfach. Ihr seid natürlich wirtschaftlich nicht auf Rosen gebettet.
ALFRED.
Auf Dornen, lieber Ferdinand! Auf Dornen und Brennnesseln, wie der alte selige Hiob.
(Stille.)
DER HIERLINGER FERDINAND.
Wo steckt denn das Kind?
ALFRED.
Bei meiner Mutter. Draußen in der Wachau. Endlich!
DER HIERLINGER FERDINAND.
Das erleichtert natürlich die Lage. Ich würd halt jetzt darnach trachten, dass sich [51]deine liebe Mariann ad eins finanziell selbständig sichert – dass sie sich nämlich irgendwie in das Berufsleben einschaltet: Eine Geliebte mit Beruf unterhöhlt auf die Dauer bekanntlich jede Liebesverbindung, sogar die Ehe! Das ist doch auch ein Hauptargument unserer Kirche in ihrem Kampfe gegen die berufstätige Frau, weil eine solche halt familienzerstörend wirkt – und glaubst denn du, dass die Kardinäl dumm sind? Das sind die Besten der Besten, unsere fähigsten Köpf!
ALFRED.
Das schon. Aber die Mariann hat doch nichts gelernt in puncto Berufsleben. Das Einzige, wofür sie Interesse hat, ist die rhythmische Gymnastik.
DER HIERLINGER FERDINAND.
Rhythmische Gymnastik ist immer gut!
ALFRED.
Glaubst du?
DER HIERLINGER FERDINAND.
Bestimmt!
ALFRED.
Ich glaub, ich kann schon gar nicht mehr glauben.
DER HIERLINGER FERDINAND.
Rhythmische Gymnastik ist zu guter Letzt nur eine Abart der Tanzerei – und da winkt uns vielleicht ein Stern. Ich kenne nämlich auf dem Gebiete der Tanzerei eine Baronin mit internationalen Verbindungen, und die stellt so Ballette zusammen für elegante Etablissements – das wären doch eventuell Entfaltungsmöglichkeiten! Abgesehen davon, dass mir diese Baronin sehr verpflichtet ist.
ALFRED.
Ich wär dir ja ewig dankbar –
DER HIERLINGER FERDINAND.
Ich bin dein Freund, und das genügt mir! Weißt was, wenn ich jetzt gleich geh, dann erwisch ich die Baronin noch beim Bridge – also Servus, lieber Alfred! Sei so gut und leg den Schwarzen für mich aus! Und Kopf hoch, du hörst von mir, und es wird schon alles wieder gut! (Ab.)
ALFRED (nähert sich mit seinem Queue langsam Marianne und setzt sich an ihren Tisch).
MARIANNE.
Wer hat denn gewonnen?
ALFRED.
Ich habe verloren, weil ich halt Glück in der Lie- [52]be hab – (er lächelt, starrt aber plötzlich auf ihren Hals). Was hast denn dort?
MARIANNE.
Da? Das ist ein Amulett.
ALFRED.
Was für ein Amulett?
MARIANNE.
Der heilige Antonius.
ALFRED.
Der heilige Antonius – seit wann denn?
(Stille.)
MARIANNE.
Als ich noch klein gewesen bin, und wenn ich etwas verloren hab, dann hab ich nur gesagt: Heiliger Antonius, hilf mir doch! – Und schon hab ich es wieder gefunden.
(Stille.)
ALFRED.
War das jetzt symbolisch?
MARIANNE.
Es war nur so überhaupt –
(Stille.)
ALFRED.
Ich für meine Person glaub ja nicht an ein Fortleben nach dem Tode, aber natürlich glaub ich an ein höheres Wesen, das gibt es nämlich sicher, sonst gäbs uns ja nicht. – Hör mal her, du heiliger Antonius, ich hätt dir was eventuell Wichtiges zu erzählen. –
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