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Rahek

Eine Reise ins Nichts

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Richtung Süden

Florenz

Richtung Norden

Dresden

Potsdam

Naumburg

Briesen

Zugfahrt

Vereinigungszeit

Baden Baden

Erfurt

Hamburg

Kreuzfahrt

Auf hoher See

Kairo

Ägypten

Im innerin der Welt

Ende

Nachtrag

Impressum neobooks

Richtung Süden

Sollte der geneigte Leser keinen Sinn für Erotik, für Humor und Geschichte haben, dann sollte er dieses Buch sofort entsorgen. Ich könnte empfehlen, das Buch schnell zu verschenken, aber Menschen ohne Spaß an Erotik, ohne Humor und ohne das Interesse an Geschichte, haben gewöhnlich keine Freunde, denen sie das Buch schenken könnten. Also sollten sie es einfach entsorgen, ohne auch nur das Buch durchzublättern. Lesen sie etwas anderes! Für den kleinen Rest meiner Leserschaft wünsche ich ein spannendes und anregendes Vergnügen.

RAHEK

Vorfreude

Gustav liebte es seine Umgebung zu verwirren. Es machte ihm Vergnügen in ein langweiliges Wespennest zu stochern bis es summte und wirbelte und wenn ein Völkchen von Schläfrigkeit und Selbstzufriedenheit auf Abwehr und Kampf umschaltete, dann blühte Gustav auf. Unruhestifter nannten ihn die Leute. Chaot und Anarchist! Dabei war Gustav ein liebenswerter Mensch, geradezu ein kleiner Humanist und Komiker. Aber er provozierte gerne Chaos, wenn die Welt um ihn herum in Langeweile erstickte. Die Menschen neigen immer zur Antriebslosigkeit, wenn ihnen kein Antrieb gegeben wird. Nun, Gustav konnte Antrieb geben. Hin und wieder schoss er über das Ziel hinaus und dann verwirrte sein Antrieb, statt zu treiben. Irritationen zu schaffen, blieb aber eine Option und seine eigentliche Motivation war Neugier. Er hatte schon so viele Dinge erlebt. Da war es normal, dass manchmal ein paar Situationen schief liefen. „Nur wer gar nichts macht, vermeidet Fehler!“, war seine Devise. Gustav liebte Bücher, die über die Geschichte der Menschen, über die Geheimnisse des Lebens berichten. Sein Wissensdrang war unersättlich. Tagelang konnte er mit Büchern allein verbringen. Aber ein Langweiler war er absolut nicht und natürlich unterlag auch Gustav Irritationen. All zu oft ließ er sich selber verwirren und ins seelische Chaos treiben. Und genau davon lebt seine Geschichte.

Es war so ein herrlicher Frühlingstag. Voller wohliger Gefühle. Vergessen war der zähe Winter mit dem nassen Wechsel der dunklen Jahreszeiten. Nun lag die Blütenpracht auf den Wiesen und die Luft war geschwängert mit Millionen Tonnen von Pollen und Düften. So verschwenderisch konnte die Natur sein, so üppig und anmaßend. Noch vor wenigen Wochen verharrte alles in Kältestarre, tat so, als ob nie wieder Leben in die Welt kommen könnte. Jeder Tropfen Wasser in den Seen und Bächen war gefroren. Die Erde war steif wie Beton und Grabesstille herrschte über das kalte Land. Doch jetzt summten Insekten durch die Lüfte, Vögel sangen zur Paarung und alle Gewässer plätscherten munter durch eine frische Landschaft.

Gustav atmete tief durch und ließ die Sonne genüsslich über seine Haut gleiten. Auch er begann wieder neu zu leben. Kein Wunder, dachte er, dass die Norweger und Grönländer an Depressionen und Selbstmord leiden. Der Mensch sollte nicht in Finsternis und Kälte leben. Schließlich stammt der Mensch aus dem sonnigen Afrika und irgendwie haben wir alle dort unseren Ursprung. Und es ist auch kein Wunder, dass der Neandertaler in seiner Eiszeitlandschaft ausgestorben ist. Kälte und Finsternis sind keine menschlichen Lebensimpulse. Der Mensch ist ein Sternenkind und unser Stern ist die Sonne.

Man konnte die Frühlingsgefühle der Mitmenschen förmlich riechen. Sein kleines märkisches Dorf schien zu lachen und zu singen. Vielleicht machte auch nur das außergewöhnliche Wetter die Leute verrückt. Gustav ging es nicht anders und ständig ertappte er sich dabei, wie er sich selber streichelte. Schon schauten die Leute ihn ungläubig an.

„Na, Gustav, alles wieder frisch im Schritt?“, riefen sie schon aus einiger Entfernung. Verlegen versuchte Gustav so zu tun, als streife er sich nur Pollen aus der Kleidung. Das wirkte dann noch merkwürdiger.

Und trotzdem blieb er in reiner Hochstimmung, vielleicht auch nur, weil er sich streichelte. Der Hauptgrund war aber der, dass sich Gustav zu einem Abenteuer durchgerungen hatte. Bestimmt lag es an dem Wetter. Dieser verdammte Frühling! Jedenfalls hatte Gustav beschlossen mit einer Freundin in den Süden zu reisen. Verrückte Idee! Die Freundin war jünger als er und dann auch noch hübsch und sexy. Sie waren befreundet, aber auch nicht mehr. Sie hatten noch nie miteinander! Ramona vereitelte jede noch so kleine Gelegenheit seit Jahren. Gustav hatte geglaubt, dass eine Reise mit ihr in den Süden ihn vom Freunde zum Geliebten mache. Naja, Männer denken halt so.

Der Plan war eigentlich gar nicht schlecht: Gemeinsam für viele Tage auf Reisen und romantische Orte und gemeinsame Zimmer. Ein Gläschen Wein und noch ein Gläschen Wein und ein kitschiger Sonnenuntergang. Das wäre perfekt.

Und seine Freundin hatte sogar zugesagt. Wenn da nicht etwas in dieser frühlingsweichen Luft lag! Er musste jetzt nur aufhören sich ständig selber zu streicheln. In panischer Vorfreude stieg er ins Auto, um seine Freundin abzuholen. Auf in das Abenteuer!

Ramona hatte schon gewartet. Ihren Koffer hatte sie mehrmals ein und ausgepackt, bis er endlich zuging. Sie war sich nicht sicher, welche Garderobe geeigneter war. Leicht und aufreizend oder bedeckt und züchtig? Warum hatte sie nur zugesagt? Diese Reise mit Gustav würde sicherlich zu einem Fiasko! Sie wusste, dass es für Gustav eine bedeutungsvolle Beziehungsreise werden sollte. Irgendwie hatte Ramona aber auch Lust auf ein kleines Abenteuer und die Frühlingsluft ließ ihre Paarungsbereitschaft aufleben. Aber Gustav war seit Jahren ihr Freund und Freunde und Sex gehörten einfach nicht zusammen.

Nun war es zu spät.

Vor ihrem Haus fuhr Gustav mit seinem Kleinwagen vor. Panik befiel ihr zartes Gemüt. Nervös streichelte er sich selbst. Gustav stieg aus dem Wagen und er hatte Mühe gerade zu laufen. Er war völlig neben sich. Diese gemeinsame Reise war eine verrückte Idee. Und so standen sich beide in purer Panik gegenüber und versuchten ein unverfängliches Lächeln zu verschenken.

„Hallo Ramona, alles bereit für unsere Reise?“, fragte Gustav mit einer gewissen Säuselstimme. In seinen Beinen vermisste er jedes Gefühl.

„Hallo, Gustav, es ist auch ein schöner Tag.“, wisperte sie und beide drückten sich, wie sie es immer machten.

Richtung Süden – Alpengefühle

Dann ging die Reise los und sie plauderten von ganz belanglosen Dingen wie Krankheiten und blöde Nachbarn. Gustav fühlte sich riesig und hätte er einen Hut aufgehabt, wäre er Indianer Jones. Sie saßen beide tatsächlich in einem Auto und fuhren gemeinsam in den Urlaub. Unglaublich!

Sie kannten sich schon einige Jahre und irgendwie mochten sie sich gegenseitig. Doch niemals zuvor waren sie in einer Situation geraten, die mit Sex endete. Gustav war in sexuellen Dingen zwar erfahren, wusste wann er Aufwand in seinem Werbungstanz benötigte oder wann er einfach und mühelos zum Zuge kam. Er wusste, dass es bei manchen Frauen wenig Sinn machte viel Energie zu investieren und er zog sich dann auch schnell zurück, ohne peinlich zu sein. Trotzdem reagierte Ramona nie auf seine Körperlichkeit. Oh ja, er konnte mit Frauen gut umgehen und wenn er nur wollte, dann war er ein ganz „cooler Typ“.

Aber bei Ramona war das kompliziert.

Auf der einen Seite hatte er immer das Gefühl, dass sie mehr verbindet als Freundschaft und auf der anderen Seite gab sie ihm nie eine echte Gelegenheit, um sich ins Zeug zu legen. Bei dieser Reise in den Süden würden zahlreiche Gelegenheiten kommen, da war sich Gustav sicher. Er musste nur seine Ängste unterdrücken und aufhören sich selber zu streicheln.

Ramona konnte ihre Panik auch etwas eindämmen. Nach und nach beruhigte sie sich.

„Was soll’s!“, dachte sie. Schließlich waren sie langjährige Freunde und sie hatte auch keine Versprechungen gemacht. Beide hatten keine feste Partnerschaft und gemeinsam in den Süden zu reisen, war unter Freunden eine ganz normale Sache. Normalität vertreibt jeden Skrupel und jede Panik. Nur ihre Namen entsprachen nicht der Normalität. Ramona und Gustav. So nennen Eltern ihre Kinder nicht, wenn es sich um Wunschkinder handelt. Man könnte glauben, dass sie uralte Leute wären. Doch tatsächlich befanden sie sich im mittleren Alter. Zu alt und erfahren, um naiv und peinlich durch das Leben zu schleudern, aber noch jung genug, um eigene Familien zu gründen.

Kurz, als Blumen standen beide in kräftiger Blüte.

Während der ersten Stunden passierte nicht viel. Doch dann drückte Gustav's Blase. Dieser verdammte Kaffee. Doch er traute sich nicht anzuhalten, um auf die Toilette zu rennen. „Coole Typen“ machten solche Dinge nicht. Auf der anderen Seite sah es auch nicht cool aus, wenn er auf seinem Fahrersitz hin und her zappelte. Um davon abzulenken, drehte er die Musik ein wenig lauter. So konnte er im Takt schwingen. Doch Gustav merkte schnell, dass rhythmische Bewegungen die Blase nicht entlasteten. Langsam schmerzten seine Nieren und Tränen trübten seinen Blick. Verdammt, normalerweise müssen Frauen doch ständig auf Toilette.

Sein Harndrang nahm krampfartige Züge an und die Schmerzen wurden unerträglich. Er musste handeln!

„Ich fahre jetzt mal auf einen Rastplatz, denn eine kleine Kaffeepause wäre doch ganz gut, oder?“

Ramona nickte nur beifällig und so steuerte Gustav erleichtert und mit Übergeschwindigkeit die nächste Raststelle an. Eile war geboten.

Ramona war froh, denn sie musste ganz dringend pinkeln. Sie fragte sich ernsthaft, warum Männer niemals pinkeln müssen, wenn sie verreisen.

Der Rasthof war nicht besonders groß und nicht übermäßig voll.

Gustav pinkelte mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Dann wischte er sich die Tränen ab und dankte Gott und der Klofrau gleichermaßen.

Eine halbe Stunde später war auch Ramona von der Toilette zurück. „Warum Frauen immer so viel Zeit auf Toilette verbringen?“, überlegte er. Selbst wenn Gustav beim Pinkeln die Hose runterließ und sich setzte, dauerte es nur unwesendlich länger als am Stehbecken. Er wartete geduldig auf seine Begleiterin und führte sie zu einem Ecktisch am Rande der Raststätte.

„Magst du einen kleinen Imbiss oder etwas Süßes zwischendurch, mein kleiner Hasenpups?“, fragte er höflich in leichter Hochstimmung.

Gustav verwendete oft unglaubliche Kosenamen für Ramona, obwohl sie gar kein Paar waren. Meist reagierte sie nicht einmal darauf. Und eigentlich mochte sie keine Kosenamen, egal wie witzig sie auch waren.

Und „

Hasenpups

“, nachdem sie von der Toilette kam, war völlig unpassend.

„Hör zu, Gustav! Lass diese blöden Kosenamen stecken. Ich heiße Ramona und damit ist es auch gut!“

Sie sagte es mit weit mehr Zorn, als sie es beabsichtigt hatte.

Gustav blieb kurzzeitig der Mund offen und die Stimmung drohte zu kippen.

„Ich wollte nur witzig sein. Musst ja nicht gleich so sauer reagieren, Raaamooona.“, sagte er.

„Nun gut, dann möchte ich einen Burger mit Hackfleisch und Käse und bitte einen Saft.“, entgegnete sie. Gleich hatte Gustav noch schlechtere Laune. Mürrisch lief er durch die Raststätte.

„Sie ist eine launische Zicke und jetzt will sie auch noch einen Hamburger.“, murmelte er vor sich her und stellte sich in die Warteschlange.

„Nein, Burger gibt es an der Selbstbedienung. Hier gibt es nur richtiges Essen.“, sagte die strenge Verkäuferin und noch schlechter gelaunt ging er durch die Selbstbedienungsregale und suchte nach Hamburger.

Gustav aß niemals solche mit Zucker durchtränkte Brötchenpampe mit minderwertigem Fleischersatz. Er hasste Fastfood jeglicher Art und er war sogar stolz darauf. Nach einem Burger zu fragen, empfand er als Demütigung, als hätte er nach dem Weg fragen müssen. Unglaublich, wie sehr er sich nun erniedrigte. Das machte er jetzt auch nur für seine Ramona, seinen kleinen Hasenpups.

Er fand endlich eine Verpackung mit der Kennzeichnung „

Burger

“ und wurde nun unsicher, denn der Hamburger war kalt und schwammig.

„Sie müssen den Burger dort drüben in die Mikrowelle legen, auf den grünen Knopf drücken und dann wird er heiß und fettig.“, erklärte ein junges Mädchen, als Gustav Hilfe suchend alle Leute ansprach, als wäre er von einem fremden Stern. Er ging also zum Zubereitungsschrank der Automatenwand im Selbstbedienungsabteil der kleinen Raststätte.

„Auf einer Raststätte sollte man rasten und nicht kreative Bastel- und Kochkurse ablegen müssen.“, schimpfte er.

Gustav schob nun das weiche Päckchen mit dem Burger in das aufklappbare Fach und drückte den grünen Knopf.

Dann lief heißer und schwarzer Kaffee in das Fach, über den kalten Burger und anschließend auf dem Boden.

„Das ist der Kaffeeautomat, Sie Idiot!“, rief das junge Mädchen durch die Raststätte. Um Gustav herum brach Gelächter aus und die Bedienung kam zornig mit Wischlappen und Eimer angerannt.

„Hat er die Mikrowelle mit dem Kaffeeautomaten verwechselt?“, fragte ein junger Mann, der ungläubig daneben stand. Das junge Mädchen nickte und verschränkte ihre Arme im Stile einer erbosten Lehrerin.

Um halbwegs gestärkt aus dieser Szene herauszukommen, straffte Gustav seine Schultern, reckte sein Kinn hervor und sagte mit lauter und fester Stimme:

„Das tut dem Hamburger aber gut und warm ist er jetzt auch!“

Dann drehte er sich um und verließ das Chaos, als wäre er Sieger einer großen Schlacht. Doch hinter jedem Kriegsheld steht immer auch eine Frau und als sich Gustav umdrehte, stand Ramona mit offenem Mund vor ihm.

„Was tust du da, Gustav? Und was ist das für eine riesige Schweinerei?“, fragte sie misstrauisch.

Schnell packte er sie und drängte hinaus.

„So ein mieser Laden. Stell dir vor, als ich einen Kaffee nehmen wollte, hatte doch so ein Idiot den Kaffeeautomaten mit der Mikrowelle verwechselt und statt einem Becher legte er Essen darunter. Und deinen Burger hatten die auch nicht frisch, sondern nur abgepacktes Zeug. Das wollte ich dir nicht zumuten. Vielleicht halten wir später an einer besseren Raststätte.“, stöhnte er hechelnd.

Als sie wieder im Auto saßen, schaute Ramona immer noch ungläubig zu Gustav. Sie hätte fast gedacht, dass er selbst das Chaos am Kaffeeautomaten verursacht hatte, doch war sie sich jetzt nicht mehr sicher. So ein Trottel konnte ihr Freund doch nicht sein.

Gustav umfasste fest sein Lenkrad und vermied jeden Sichtkontakt.

Unglaublich peinlich war das. Nur gut, dass seine Ramona es nicht komplett gesehen hatte. Außerdem kann so etwas schon mal passieren.

Also holte er tief Luft und sagte im Tonfall eines Schullehrers:

„Was für ein Idiot, der statt die Mikrowelle den Kaffeeautomaten betätigt. Vielleicht hatte er auch schon ein Würstchen oder gar einen Burger hineingelegt?“

Und dann lachte Ramona laut los und wollte sich nicht beruhigen.

„Das geht ja gut los!“, murmelte Gustav vor sich hin und dann ertappte er sich, wie er sich wieder selber streichelte.

Die Berge der Alpen rahmten jetzt die Landschaft und streiften die Wolken am Himmel. Hübsche kleine Ortschaften lagen am Weg und immer wieder erreichten sie malerische Ausblicke. Gustav hatte ein niedliches Hotel gebucht, um für eine Nacht Station zu machen. Der Weg war das Ziel! Sie fanden auch das verträumte Bergdorf mit seinem Hotel.

„Sehr hübsch, mein lieber Gustav. Ein traumhaftes Gasthaus in einer wunderschönen Landschaft.“, schwärmte sie.

Ramona war sichtlich verzückt.

Gustav hingegen war sichtlich stolz wie ein Gemsbock. Und erregt war er auch wie ein Gemsbock in der Brunft, denn bald würden sie beide in einem Bettchen liegen und Dummheiten machen.

Als sie ihre Namen und Adressen in der kleinen Rezeption eintrugen, schüttelte die Wirtin mit dem Kopf.

„Sie sind nicht verheiratet?“, fragte sie streng.

Nun schüttelte Ramona ihren Kopf und Gustav lief rot an, …am Kopf.

„Dann können Sie hier kein Doppelzimmer bekommen, denn das geht absolut nicht.“, entschied sie und Gustav schnaufte.

„Hören Sie, gnädige Frau, wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Auch wenn es in Ihrem Dorf noch nicht üblich ist, für die restliche Welt gilt, dass es nicht nur Ehepaare bis ins Doppelbett schaffen. Also geben Sie uns das reservierte Zimmer und Danke für Ihren Hinweis.“, entgegnete er entnervt.

Ramona wurde dieses Gespräch sehr unangenehm, denn sie hatte über die Art der Zimmer nicht nachgedacht. Gustav aber hatte ganz in seiner weitsichtigen Absicht ein Doppelzimmer bestellt und nicht, weil es billiger war.

Die alte Wirtin ließ sich aber nicht beirren.

„Sie können zwei Einzelzimmer haben, nebeneinander oder es tut uns leid. Dann müssen Sie sich ein Stundenhotel in der Stadt nehmen, meine Herrschaften.“, sagte sie ziemlich pikiert. Gustav überlegte kurz, ob ein Stundenhotel nicht auch ginge. Hauptsache er lag mit Ramona in einem Bett, doch ein Stundenhotel klang vom Namen her schon schlüpfrig. Da machte Ramona bestimmt nicht mit.

„Hier im Dorf dürfen noch Bruder und Schwester miteinander Kinder zeugen und die Wirtin unterstellt uns zweideutige Absichten. Einfach lächerlich!“, raunte Gustav entmutigt seiner Begleiterin zu.

Und zweideutige Absichten hatte Gustav wirklich nicht, denn er wollte ganz eindeutig mit Ramona in die Kiste.

Nun trug er ihren Koffer in das eine Zimmer und sein trauriges Herz in das andere Zimmer. Verdammte Bergvölker!

Ramona beteuerte, dass es doch egal sei und es wären ja auch hübsche Zimmer. Doch ihm war es nicht egal und er dachte darüber nach, dass es vielleicht dieser Unterschied in ihren Erwartungen sei, wenn es mit ihnen nicht klappen sollte.

Ramona waren angeblich solche elementaren Dinge immer egal. Dabei waren die Umstände, ob sie sich ein Bett teilten oder getrennte Räume benächtigten von unglaublicher Wichtigkeit.

Gemeinsam in einem Bett ersparte nicht nur die aufwendige Schamoffensive im fremden Zimmer, sondern stellte enge Vertraulichkeiten automatisch her. Wenn er sie dann nachts im „Halbschlaf“ abtastete und streichelte, konnte sie im schlimmsten Falle seine freche Hand zurückweisen. In ihrem eigenen Schlafzimmer konnte sie ihn aber hochanständig rauswerfen, was in einem gemeinsamen Bett schlecht ginge. Also war es nicht egal!

Ramona benahm sich immer wie ein Zwitterwesen, was jenseits von Sex und Lust lebte. Tiefer konnte seine Stimmung nicht sinken.

Er musste eine neue Taktik finden und anwenden und seinen schönen Plan erst mal verwerfen.

Nachdem Gustav ihren Koffer abgestellt hatte und das Nebenzimmer aufsuchte, setzte sich Ramona erschöpft aufs Bett. Sie öffnete ihr Gepäck und wühlte in ihrer Wäsche, um passende Kleidung zu finden.

Gustav machte einen genervten Eindruck. Er tat ihr ein wenig leid und er hatte sicherlich von einem Doppelzimmer mit ihr geträumt. Es war wohl nicht sein Tag. Erst der Burger im Kaffeeautomaten und jetzt noch die getrennten Zimmer.

Ramona streifte sich die Kleidung ab und ging unter die Dusche.

Das warme Wasser belebte ihren mädchenhaften Körper, der sie optisch viel jünger machte, als sie war. Ihre Fältchen im Gesicht konnte sie nicht mehr verbergen. Trotzdem! Sie besaß eine verführerische Figur. Kleine und feste Brüste, einen runden Hintern und einen schlanken und fettlosen Bauch mit einer Zierde von Bauchnabel. Nein, sie war zufrieden mit ihrem Äußeren und fühlte sich wohl. Und sie spielte gern mit ihrem Körper, kannte die Stellen genau, die ihre Lust weckten. Ramona lebte allein und war nicht auf fremde Hilfe angewiesen. Und als das warme Wasser so angenehm ihre Haut umspülte, verdrängte sie die Gedanken an Gustav. Mit ihrem Bedürfnis nach Entspannung führte sie ihre Hände sehnsüchtig zwischen ihre Schenkel. Alles um sie herum tauchte in ein warmes, wohliges und feuchtes Universum.

Nur wenige Meter entfernt, getrennt durch eine dünne Alpenzimmerwand, stand Gustav in seinem Bad. Enttäuscht blickte er in den Spiegel. Verdammte Falten! Ohne sie würde er noch als Student durchgehen. Wenigstens hatte er eine anständige Figur. Er trieb immer Sport und war sein ganzes Leben lang ein „

zäher Hund

“. Doch wenn er ehrlich war, dann hatte sein Alter deutliche Spuren hinterlassen. Die Haut war nicht mehr so straff wie in seiner Jugend.

Es dauerte manchmal über eine Stunde, bis seine Schlaffalten verschwanden. Die Furchen in seinem Gesicht verschwanden hingegen nicht mehr. Jeder alte Reifen hatte tiefe Riefen im Profil und das wusste Gustav.

Was soll’s! Er hatte ein erfülltes Leben voller Aufregung und Abenteuer hinter sich und selbst jetzt sah er weit jünger aus als seine Altersgenossen. Doch gegen das schleichende Alter half nichts. Kein Sport, keine Kosmetik und keine Modebekleidung konnten den Altersprozess aufhalten. Dieser Jugendwahn nagte an seinem Stolz.

Er zog seine Sachen aus und wandte sich ab von dem gnadenlosen Spiegel. Gustav betrachtete sich nie nackt im Spiegel, auch dann nicht, wenn er Körperpflege betrieb. So ein Spiegel soll schmeicheln und nicht Realitäten vermitteln.

Er zog eine Flasche Whisky aus dem Gepäck. Das Etikett vermittelte stolz: „Schottisch herb und 18 Jahre im Eichenfass gelagert.“

Er goss sich ein Glas ein und betrachtete es ehrfürchtig. Vor solch einem Getränk zeigte er immer Demut und Respekt, roch genüsslich daran und nahm einen herzhaften Schluck. Rauchiger Torf brannte seine Kehle hinunter und unweigerlich stöhnte er vor Wonne. Junger Whisky war scheiße und umso älter die Sorte, desto teurer und begehrter war er.

Es sollte bei Menschen auch so sein. Aber Gustav war kein Whisky.

Mit einem neuen Glas ging er in die Dusche und drehte heißes Wasser auf. Dann dachte er an Ramona und ihren mädchenhaften Leib, bis er seiner Erregung selber nachgab. Jeder Muskel war in Spannung und sein Herz raste bei den Gedanken an Ramona. Er wusste, wie sie nackt aussah, hatte all ihre Reize im Kopf sicher abgespeichert. Ramona!

Es dauerte auch nur kurze Zeit, bis er seinen Samen im Duschabfluss entließ. Die ganze Spannung des Tages fiel von ihm.

„Das galt zwar jetzt nicht als Sex mit Ramona, war aber auch schön und entspannend.“, sinnierte Gustav, als er sich abtrocknete.

Nachdem er sich angekleidet hatte, ging er zu ihr ins Nachbarzimmer.

Sie stand vor ihrem Koffer und sortierte Sachen. Auch sie war angekleidet und duftete nach frischer Dusche und sie sah entspannt und zufrieden aus. Er ging zu ihr und küsste zärtlich ihre freie Schulter. Sie lächelte und sah zauberhaft aus.

Weder Ramona noch Gustav ahnten, dass sie beide gleichzeitig unter der Dusche kurz zuvor einen Höhepunkt hatten.

Nur eine dünne Alpenzimmerwand hatte sie getrennt.

Verdammte Wirtin!

Das Alpendorf war weit verträumter, als es ihnen recht war. Nur ein einziges Restaurant gab es im Ort und das war eine Art Dorfkneipe für das einfache Bergvolk.

Ramona und Gustav setzten sich etwas abseits der Einheimischen, die sie misstrauisch anschauten. Der Schankwirt war ziemlich raubeinig und mächtig im Umfang. Sein rechtes Augenlid hing etwas schlaff über dem Augapfel und eigentlich sah er mehr einem Piraten ähnlich als einem Alpenwirt. Die Sprache war noch einheimischer als das Inventar und Ramona und Gustav verstanden kaum ein Wort.

„Das kommt davon, wenn über Generationen Schwester und Bruder die Nachkommen zeugen.“, grinste Gustav seiner Ramona ins Ohr.

Manchmal konnte er wirklich witzig sein.

Es gab salzige Hausmannskost, kräftiges Bier und Erdnüsse. Hin und wieder griff Gustav verwegen ihre Hände. Dann empfahl der Piratenwirt einen einheimischen Pflaumenbrand und beide griffen zu. Dadurch konnte er nur lockerer werden und Ramona würde vielleicht etwas hemmungsloser, so sie doch noch in einem Bett landeten.

Und tatsächlich bewirkte der Schnaps eine ausgelassene Stimmung.

Die anderen Gäste im Wirtshaus setzten sich nach und nach an ihren Tisch und erzählten Geschichten der rauen Bergwelt. So wurde die Atmosphäre immer alberner und Gustav spürte den Pflaumenbrand im Blut zirkulieren. Seine Sprache wurde blumiger.

Ramona war als einzige Frau die Minderheit im Raum. Sie war jedoch auch kein Kind von Traurigkeit und versetzte sich in bester Stimmung.

Nun wurden auch noch Witze erzählt, anfangs harmlos und eher niedlich. Man scherzte und lachte und trank „

Pfläumchen

“.

Wurde ein neues Glas eingeschenkt, dann riefen alle gemeinsam:

„Prosit, mein Pfläumchen!“

Und die Männer zwinkerten fröhlich Ramona zu.

Das war ein wenig anrüchig, aber die Stimmung blieb ausgelassen, auch dann noch, als Gustav seine Begleiterin mit „

Hasenpups

“ betitelte.

Zwar war es Ramona unangenehm, dass Gustav wieder so blöde Kosenamen verwendete, doch es war eine so gesellige Runde.

Und hatte er anfangs maßvoll getrunken, kippte er jetzt zahllose Gläser in sich hinein. Gustav wollte mutiger werden. Angetrunken wie er war, konnte er nicht ahnen und schon gar nicht fühlen, dass seine Witze immer zotiger wurden und seine Hände immer hemmungsloser auf Ramonas Schenkel klatschten. Er war so richtig in Hochform und sie versuchte noch immer die Form zu wahren.

Dann erzählte Gustav seinen besten Witz:

„

Treffen sich zwei Pfläumchen an einer Bar.

Sagt die eine Pflaume: Irgendwas riecht hier nach Sperma.

Sagt die andere Pflaume: Tut mir leid, ich habe nur kurz aufgestoßen und ein Bäuerchen gemacht.

“

Lautes Gelächter und Schenkelklopfer.

Gustav lachte so ungehemmt, als hörte er den Witz zum ersten Mal. Ramona lächelte, um nicht prüde zu wirken.

„Alois, mein Freund!“, rief Gustav dem Schankwirt lautstark zu, der aber dicht neben ihm saß, „Noch eine Runde Pfläumchen und ich hoffe, dass mein Hasenpups danach kein Bäuerchen machen muss!“

Aus dem Lachen wurde Gegröle, doch Ramona reichte es.

„Du kannst gerne mit deinen neuen Freunden weitermachen, Gustav, aber ich gehe jetzt!“

Wütend warf sie dem verdatterten Gustav einen wirklich bösen Blick zu.

Ihr Blick war so finster, dass jedes Gelächter erstickte.

„Aber Ramona, dass war doch nur ein kleiner Scherz!“, stammelte Gustav, doch Ramona hatte bereits die Wirtschaft wutentbrannt verlassen. Schniefend rannte sie allein zum kleinen Alpenhotel.

Als Gustav später im Hotel ankam, klopfte er zaghaft an ihre Tür. Doch kein Laut kam aus ihrem Zimmer und enttäuscht ging er ins Bett.

Nur eine dünne Alpenzimmerwand von Ramona entfernt.

Und Ramona war stinke sauer und sie war froh, dass sie getrennte Betten hatten und jeder sein eigenes Zimmer. Ihre Tränen sah man nicht und die Alpenzimmerwände sorgten dafür, dass es so blieb.

Gustav wusste, dass er wieder einmal Mist gebaut hatte. Der Morgen danach war stets ein Tribunal. Er kannte die moralische Stimme in seinem schweren Kopf.

„Was hast du gestern Abend getan?“, fragte seine innere Richterstimme.

„Ich hatte zu viel Alkohol und wollte ja nur einen Witz machen:“, war seine haltlose Verteidigung, die schwach und hilflos erschien.

„Geh, und entschuldige dich bei ihr und mache so etwas nie, nie wieder!“, lautete sein innerlicher Richterspruch.

Wie ein geprügelter Hund setzte er sich im Frühstücksraum zu ihr. Sie blickte immer noch finster und sie war beleidigt.

„Es tut mir so leid, Ramona, ich habe zu viel getrunken und ich wollte dich nicht beleidigen. Ich bin ein bisschen verliebt in dich und ich bin ein Idiot.“

Ramona schlürfte ihren Kaffee, ohne auch nur einen Blick auf Gustav zu verschwenden.

„Ja, du bist ein Idiot! Bei deiner nächsten sexistischen Beleidigung fahre ich zurück und wir sind getrennte Leute!“, sagte sie.

Gustav nickte betroffen. Er war so ohne Appetit.

Damit war das Gespräch beendet und wenig später machten sie sich schweigsam auf den Weg in Richtung Süden.

Florenz

Florenz – Reiselust

Gustav war nun übermotiviert. Ständig fragte er, ob Ramona etwas brauche, sie durstig sei oder hungrig, ob die Klimaanlage nicht zu kalt, die Musik nicht zu laut oder die Fahrt nicht zu langweilig sei.

Immerhin ließ sie sich von ihm zu einem Sahnetörtchen einladen.

Er war ausgesprochen charmant und fürsorglich, machte viele Komplimente.

Ramona gefiel es und im Laufe des Tages war ihr Zorn verflüchtigt.

Auf einem Hügel hielt Gustav an, nahm ihre Hand und küsste sie voller Überschwang.

„Sieh, meine liebe Ramona, dort liegt Florenz, die Stadt der Künste und von Michelangelo. Das ist unser heutiges Ziel. Ich habe dort für ein paar Tage ein kleines Hotel gebucht und ich hoffe, es gefällt dir.“

Ramona lächelte ihn an. Sie war noch nie in Florenz.

„Hast du wieder ein Doppelzimmer gebucht? Die machen dann bestimmt wieder Ärger und Ärger brauchen wir nicht mehr, oder?“, bemerkte sie vorwurfsvoll. Gustav errötete.

Verdammte Planung!

Jetzt musste er viel rücksichtsvoller sein, denn Streit wollte er vermeiden.

„Du brauchst keine Angst zu haben, Ramona, ich schlafe auch auf dem Sofa.“, sagte er verlegen und gleichzeitig dachte er, dass sie dann wenigstens gemeinsam duschen und auf dem Bett Rotwein trinken könnten. Doch der mahnende Blick von Ramona verriet ihm, dass sie andere Gedanken hegte. Enttäuscht senkte er seine Stimme.

„Aber vielleicht haben die noch Einzelzimmer, auch kein Problem. Ich kümmere mich darum.“, fügte er hinzu.

„Ach Gustav!“, stöhnte Ramona und doch schmunzelte sie.

Irgendwas lag in dieser italienischen Luft und es knisterte. Und so fuhren sie nach Florenz und es sah fast so aus, als wären sie ein Paar.

Gustav hatte Pech, denn das Hotel besaß ausreichend Einzelzimmer, die noch frei waren, verteilt auf unterschiedlichen Etagen. Ärgerlich, denn Ramona erzählte später ganz beiläufig, dass es ihr selber nichts ausgemacht hätte, wären sie in einem Doppelzimmer untergebracht. Verdammte Italiener!

Die Stadt am Arno war herrlich und so verschwenderisch. Wenn Geschichte fühlbar war und einen eigenen Geruch besäße, dann hier in dieser ehrwürdigen Stadt. Gassen, Winkel und Plätze in einem Labyrinth historischer Details. Beide waren verzückt und liefen vergnügt durch den Trubel der Altstadt.

Vor einem noblen Restaurant blieben sie stehen und betrachteten das Speiseangebot an üppigen Meeresfrüchten und herrlichen Köstlichkeiten.

„Das ist ein sehr schönes Restaurant.“, meinte Ramona.

„Schön teuer!“, dachte Gustav, der sich aber nun nicht als Geizkragen präsentieren wollte. Also betraten sie das hübsche Restaurant.

Es stellte sich heraus, dass es auch eine kleine Terrasse gab, mit wunderbarem Ausblick auf die Altstadt mit ihrem Fluss.

„Dann nehmen Sie bitte dort Platz, auf unserer Terrasse und ich bringe Ihnen die Karte.“, erklärte der nette Oberkellner, mit einer sehr würdevollen Verneigung.

Sie traten durch die Gasträume, bis sie die besagte Terrasse durch ein breites Panoramafenster erblickten.

„Oh, das ist wirklich sehr hübsch und es ist draußen so angenehm warm.“, säuselte Ramona. Nur eine Tür fanden sie nicht auf Anhieb am großen Panoramafenster. Niemand war in ihrer Nähe und beide ein bisschen ratlos.

Gustav wollte kein Trottel sein und suchte weltmännisch den Durchgang.

Es war auch etwas eng. Vorsichtig schob Gustav die Tische beiseite, um besser an das prächtige Panoramafenster zu gelangen. Die großen Blumekübel störten auch. Er begann zu schwitzen.

„Ich finde hier keine Tür und keinen Öffner! Es bleibt mir ein Rätsel, wie man hierdurch auf die Terrasse kommen will!“, flüsterte er Ramona zu.

Nun packte auch sie mit an und gemeinsam rüttelten sie das riesige Panoramafenster. Irgendwo musste es doch einen Mechanismus geben!

Der nette Oberkellner war nirgends zu sehen.

Inzwischen knieten sie beide auf dem Boden und suchten den Fensterrahmen nach Öffnungsmöglichkeiten ab.

Ramona fand schließlich einen großen Riegel, den sie kraftvoll, aber mit weiblicher Würde und voller Eleganz bewegte. Wild rüttelte sie und laut ächzte der Rahmen. Aber das Panoramafenster war so riesig und schwer, dass es sich nicht bewegen ließ. Ramona fluchte.

Schweißperlen formten sich auf ihrer Stirn und sie wollte nicht vor einem italienischen Mechanismus kapitulieren. Gustav war vielleicht zu provinziell, um den Durchgang zu finden, aber nicht Ramona. Verbissen rüttelte sie an allen möglichen Rahmenecken und Kanten, schlug mit ihren Fäusten gegen das Fenster. Nicht einen Millimeter ließ sich die Glasfront zur Terrasse öffnen.

Grob stieß sie Gustav zur Seite und ihre Augen funkelten wild.

„Ich bräuchte nur ein Rohrzange!“, stöhnte sie.

Gustav erhob sich und kratzte sich am Kopf. Waren die Menschen in Italien bessere Türöffner oder kannten sie einfach nur einen Trick, um solche Panoramafenster zu öffnen? Die traumhafte Terrasse lag mit eingedeckten Tischen einladend vor ihnen. Einen Durchgang gab es aber nicht und die Glasfront blieb geschlossen.

Er stand neben Ramona, die noch immer zu seinen Füßen am Boden kniete und wild um sich fluchte, als plötzlich der nette Oberkellner mit den Speisekarten hinter ihnen auftauchte.

„Mein Herr, wenn Sie das, freundlicher Weise, unterlassen würden.“,

sprach er und zeigte auf Ramona, die am Fußboden begonnen hatte, die Teppichkanten am Fensterboden hochzureißen.

„Nehmen Sie bitte das gnädige Fräulein und folgen Sie mir zur Terrasse.“, sagte er ruhig und bedächtig.

Verdattert sprang Ramona auf und hakte sich eingeschüchtert bei Gustav unter.

Der nette Oberkellner trat vorbei am verfluchten Panoramafenster, um einen Pfeiler herum und huschte elegant durch eine breite Nebentür, raus auf die Terrasse.

„Warum haben wir diesen Durchgang nicht gesehen?“, fragte Gustav und zeigte auf das kleine Schild mit der Aufschrift „

Zur Terrasse

“.

Es war wirklich ein bisschen peinlich. Nun machte es auch Sinn, dass vor dem Panoramafenster Tische, Stühle und Blumenkübel standen, die er etwas voreilig weg geschoben hatte. Beide schauten betroffen zu Boden und folgten dem netten Oberkellner in seinem schmucken Frack.

Sie besetzten einen eingedeckten Tisch und der Oberkellner entfernte sich wortlos. Er war ein echter Profi.

Die Terrasse war unglaublich romantisch und das Essen vorzüglich. Niemand sprach über das verfluchte Panoramafenster und beide bemühten sich, dieses Thema zu vermeiden. Mit starrer Mine tauchte hin und wieder der Oberkellner auf.

Nach einem Krug Wein entspannten sich beide Gemüter mehr und mehr und Gustav traute sich wieder mit dem netten Oberkellner einen Blickkontakt herzustellen. Aber ein kleines Lächeln konnte er ihm nicht entlocken. Der Wein schmeckte großartig.

Als Gustav schließlich in Ramonas Augen schaute, schlug sie ihre Hand auf den Tisch und brach in hemmungslosem Gelächter aus.

Kraftvoll pustete sie:

„Gott, sind wir blöde! Fast hätten wir das riesige Panoramafenster ausgehebelt!“

Auch Gustav lachte und schüttelte seinen Kopf.

„Was musst du dich auch gleich so reinknien, wie eine übermotivierte, schmutzige Handwerkerin, du gnädiges Fräulein!“, entgegnete er herzhaft und gackerte los.

„Ich? Du Irrer hattest die Tische doch gleich weg geschoben! Wie kann man so blöde sein!“

Sie erlitt einen echten Lachkrampf und Tränen schossen ihr aus den Augen. Er wollte noch erwidern, dass die Terrasse auch sehr schlecht ausgeschildert war, aber gleichzeitig lachen und sprechen, das konnte auch er nicht mehr.

Es war bereits dunkel, als sie wohl gelaunt und angeheitert ihr Hotel erreichten.

Brav blieb Gustav vor ihrem Zimmer stehen. Sie hatte gerötete Wangen und ihre blaugrauen Augen glitzerten.

„Ich würde gern noch etwas mit dir trinken, aber sicherlich bist du müde, oder?“, sagte Gustav leise. Ramona schaute ihn freundlich an und dann drückten sie sich plötzlich eng aneinander und küssten sich.

Nur kurz und die Zungen im Zaum gehalten. Trotzdem!

Noch nie hatten sie sich so hingebungsvoll geküsst. Der Flur war leer und nur ihr schneller Atem durchschnitt die nächtliche Stille.

„Ich liebe dich, Ramona!“, schnaufte Gustav.

„Ich weiß!“, schnaufte Ramona zurück.

Dann löste sie sich aus seiner Umarmung, wünschte eine gute Nacht und verschwand in ihrem Zimmer. Gustav blieb allein im Flur zurück, der nun noch stiller wirkte und kühle Leere ausstrahlte.

Wie oft hatte er das schon erlebt! Ramona ließ sich niemals in seine Arme fallen, suchte nie von sich aus seine Nähe und würde niemals ihn liebkosen oder gar verführen. Ramona nicht.

Als Gustav in seinem eigenen Zimmer ankam, schenkte er sich einen Whisky ein und hing mit seinen Gedanken an Ramona, deren Duft er noch deutlich verspürte. Sie war wirklich schön. Für ihn war sie die pure Verführung selbst. Ein Kunstwerk, das er als Kunstliebhaber begehrte. Und alles, was man begehrt, war am Ende auch schön. Sie hatte mit ihrer Ausstrahlung absolute Gewalt über Gustav und er konnte nichts dagegen tun. Er wusste, dass jenseits jeder Vernunft, eine schöne Frau auch immer Macht verkörperte. Demzufolge war Hässlichkeit auch die unausweichliche Demut, überlegte er. Sollte er nun demütig oder machtvoll sein? Gustav grübelte darüber nach, fand aber keine Antwort.

Ramona blieb für ihn rätselhaft und verwirrend.

Er fand sie begehrenswert, sie empfand gar keine Gefühle. Warum?

Beide hatten eine kleine Stadtrundfahrt geplant und fuhren mit einem Kleinbus die Sehenswürdigkeiten der Stadt ab. Der lässige Touristenführer, der sie alle mit Vornamen ansprach, als wären sie gemeinsam in einem Sandkasten aufgewachsen, erklärte in blumigen Beschreibungen die wichtigsten Dinge. Gustav wusste über die meisten Sehenswürdigkeiten besser Bescheid und war gelangweilt. Am liebsten hätte er ein Buch herausgeholt und angefangen zu lesen, doch er wollte gegenüber Ramona nicht unhöflich sein und bemühte sich um Fassung.

„Das stimmte so nicht, was unser Sandkastenfreund da erzählt. Michelangelo war doch kein Adoptivsohn der Medici, sondern nur ein begabter Bildhauerlehrling, der gefördert wurde. Und die Künstler mit ihren Lehrlingen wohnten teilweise im Haus der Medicis. Davon gab es vermutlich viele. Die Medici förderten zahlreiche Künstler und manche hatten eigene Gesellen, die noch im Kindesalter waren. Trotzdem wurde Michelangelo nicht adoptiert. Was für ein Idiot, dieser Touristenführer.“, bemerkte Gustav beiläufig.

„Er gibt sich Mühe und so genau wollen es die Touristen auch nicht wissen.“, entgegnete Ramona, „Außerdem stören deine klugen Kommentare.“

Gustav verzog missmutig seinen Mund und schwieg. Er hätte einfach sein Buch lesen sollen.

Anschließend saßen sie in seinem Hotelzimmer und Ramona meinte, dass Gustav manchmal zu seinen Mitmenschen taktvoller sein sollte. Schließlich hatte auch der Touristenführer nur nett sein wollen.

„Die Leute sollten sich gegenseitig ermutigen und nicht lächerlich machen. Es ist egal, ob andere Menschen dümmer sind.“, sagte sie.

„Ich bin ein kühner und forscher Zeitgenosse ...“, widersprach er mit fester Stimme.

„Ein grüner und morscher Mann mit Flosse?“, flunkerte sie.

„Ein kühler und flotter Zweitmann! … Verdammt!“, rief er entnervt.

„Flotter Zweitmann?“

„Nein! Der erster Mann, der frisch und forsch sein kann!“

Gustav fuchtelte wild mit seinen Armen vor ihr Gesicht.

„Ach was?“

Ramona vergnügte sich und ihre Zungenspitze schnellte kurz und flink hervor. Gustav erkannte, dass sie ihren Schabernack trieb.

Entschlossen packte er ihre Schultern und schaute sie an.

„Wirklich, mein Hasenpups. Ich bin ein furchtbar kühner und frischer Zeitgenosse.“

„So frisch siehst du gar nicht mehr aus.“, grinste sie frech.

„Ich meine: forsch!“

„Aaah-ja!“

Sie kicherte unverhohlen und er sackte ein wenig zusammen. Um wieder Zuversicht zu erlangen, zündete sich Gustav eine Zigarette an. Kühn schnippte er den Streichholz von sich und forsch inhalierte er den Qualm. Wie ein lässiger Privatdetektiv aus einem klassischen Schwarzweißfilm stolzierte Gustav vor Ramona hin und her. Sie grinste immer noch. Dann blieb er direkt vor ihr stehen

„Na, Kleines! Alles frisch im Schritt?“, hauchte er mit rauchiger Stimme.

Nun gackerte sie laut los. Gustav verzog keine Miene und pustete Ringe aus Zigarettenqualm durch die Luft. Effektvoll lösten sie sich in Dunst auf. Mit gespielter Gleichgültigkeit schaute er sie tadelnd an.

„Nun, Kleines! Was kann ich für dich tun, bevor du vor Erregung in Ohnmacht fällst?“, brummte er selbstsicher.

„Ich möchte Wein, du forscher, frischer Bursche!“, lachte sie.

„Sage das nochmals schneller und dreimal hintereinander!“, grinste er.

„

Du froschers, fischers Burste ...

“

Zum Abendessen verbesserte sich seine Laune mit jedem Glas Rotwein.

„Was machen wir heute Abend?“, fragte er mit spannendem Gesichtsausdruck, der alles Mögliche für den Abend erwartete.

„Ich weiß nicht. Wollen wir etwas spielen?“

„Flaschendrehen mit Kleiderpfand?“, rutschte ihm raus. Ramona wollte kein Risiko eingehen und blieb zugeknöpft.

„Vielleicht Karten? Es war auch nur ein Vorschlag.“, meinte sie.

„Also brauchen wir keine Flasche?“, fragte er enttäuscht.

„Ich habe gerade ein gutes Buch und würde es weiter lesen.“

„Darf ich dir dabei zusehen?“

„Hast du kein eigenes Buch dabei?“

„Bücher habe ich immer dabei. Ich dachte aber, dass wir etwas gemeinsam machen könnten.“, entgegnete er gelangweilt und seine Laune verschlechterte sich wieder.

„Eigentlich bin ich heute viel zu müde und gehe doch lieber schlafen.“, sagte sie und gähnte dabei, um ihre Lustlosigkeit zu unterstreichen.

Gustav hatte noch nie Verständnis dafür, wenn jemand zu müde war, um Sex zu haben. Das war eine lächerliche Ausrede. Niemand wäre dafür zu müde. Er wusste, dass Ramona wieder keine Lust empfand, dass sie jede Ausrede anführen würde, um es zu verhindern. Und hätte sie nicht ganz unerwartet die angebliche Müdigkeit, dann wären es Rückenschmerzen, Kopfweh oder ein dringendes Telefonat, wovon der Weltfrieden abhing.

„Ich habe auch Kopfweh.“, erwiderte er schlecht gelaunt und bestellte einen neuen Krug Wein.

Anschließend begleitete er Ramona zu ihrem Zimmer. Nach einem Küsschen zur guten Nacht und einem freundlichen Lächeln verschwand sie und sie sah wirklich müde aus.

Gustav streifte um das Hotelviertel und wählte irgendeine Kneipe, um noch etwas zu trinken. Als er sich gemütlich an einem Tisch setzte und sein Bier trank, bemerkte er, dass er ausgerechnet eine Karaokebar gewählt hatte. Um ihn herum saßen ausschließlich Engländer im älteren Semester. Ein Mann mit kunterbuntem Hemd ging von Tisch zu Tisch und befragte die Gäste als Showman. Dann zielte er mit seinem Mikrophon auf Gustav und frage nach seiner Herkunft.

„Ich komme aus einem kleinen Hotel, zwei Straßen entfernt.“, antwortete Gustav etwas launisch. Gelächter an den Nachbartischen.

„Sagen Sie uns ein Land.“, entgegnete der Animateur und sah ihn auffordernd an. Sein Grinsen strahlte sehr geheimnisvoll.

„Kaufland!“, erwiderte Gustav stur.

„Kaufland?“

„Dort kann man einkaufen.“

„Sie kommen nicht aus Britannien?“, fragte der kunterbunte Hemdträger.

„Ich hoffe nicht.“

Allgemeines Murmeln im Saal. Gustav hatte keine Lust auf Frageantwortspiele. Die anderen Gäste schauten finster zu seinem Tisch hinüber. Unbeeindruckt blieb der bunte Hemdträger an seiner Seite.

„Was möchten Sie singen?“, fragte der Animateur hartnäckig weiter.

„Ich möchte hier nur in aller Ruhe mein Bier trinken. Aber Sie können mir auch etwas vorsingen, danke.“

„Irgend ein Titel. Machen Sie uns die Freude!“

„Na gut! Die Leute sollen was Französisches singen!“, brüllte Gustav ins Mikrofon. Alle Briten erstarrten und warfen hasserfüllte Blicke zu ihm. Er wollte ja auch nur ein Bier in aller Ruhe genießen.

Tumult. Gläser fielen zu Boden, Frauen kreischten und starke Briten warfen den Deutschen, der so gut englisch sprach, hinaus.

Gustav stand wieder auf der Straße, allein und er durfte nicht einmal sein Bier austrinken. Um die Ecke rauschte ein Polizeiauto mit Blaulicht und Sirene vorbei. Irgendwie taten Gustav die Florentiner Polizisten leid, da sie so spät noch in eine Kneipe gerufen wurden.

Verdammte Engländer!

In bester Laune ging er zu Bett.

Am nächsten Tag gingen Ramona und Gustav gemeinsam durch die Stadt. Hin und wieder besuchten sie einige Läden, ohne etwas zu kaufen. Es war pure Neugier, als sie einen schäbigen und doch sehr antiquarischen Buchladen betraten.

„Hier haben die sogar deutsche Bücher und manche sehen ziemlich alt aus.“, bemerkte Gustav, der Bücher über alles liebte.

Ramona wollte hingegen lieber einen anderen Laden aufsuchen und so verabredeten sie sich für eine Stunde später in einem nahen Restaurant.

Gustav sah auf seine Uhr, um die Zeit nicht zu vergessen. Oft verlor er sich in solchen Bibliotheken.

Er fand einige Bücher, die uralt und eindeutig in deutscher Sprache geschrieben waren. Manchmal musste er richtig wühlen, um an bestimmte Bücher zu kommen. Dem Inhaber störte es scheinbar nicht und wahrscheinlich war es üblich hier zu kramen. Ein Buch fesselte besonders seine Aufmerksamkeit.

„

Chronik der Weltgeschichte

“, stand auf dem abgegriffenen Einband.

Interessiert blätterte Gustav in den Seiten. Dazwischen lagen einige handgeschriebene Zettel. Irgendwer hatte sie in die Buchseiten gesteckt.

Die ersten Blätter waren einfache Rechnungen und Steuerlisten deutscher Klöster. Sie sahen sehr alt aus. Doch ein Pergament war dabei, was anders war. Gustav war hypnotisiert von dem Inhalt.

Eine in Hamburg 1699 verfasste Handschrift schilderte einen bemerkenswerten Hirschabschuss. Es geschah im Jahre 1696, als der Brandenburgische Kurfürst

Friedrich III.

in einem Wald nahe dem märkischen Dorf Briesen diesen Hirsch erlegte. Das Tier hatte 66 Enden am Geweih und galt als kapitalstes Tier aller Zeiten. Gustav las die historische Schrift und bebte vor Aufregung.

Er kannte diese Geschichte und in Briesen verbrachte er einen Teil seiner unbekümmerten Kindheit. In dem unscheinbaren Dorf lebte damals seine Urgroßmutter und dort waren seine Eltern und er regelmäßig als Feriengäste. Und jetzt entdeckte er hier in Florenz eine alte Weltchronik und eine historische Originalhandschrift über den legendären „

Briesener 66-Ender“

.

Gustav hatte sein ganzes Leben lang großartige Bücher gesammelt und besaß inzwischen eine eigene kleine Bibliothek. Doch dieses Buch, mit den losen Handschriften im Inneren, war ein richtiger Schatz, eine echte Rarität. Er klappte das schwere Buch zu und achtete darauf, dass die interessanten Pergamente im Buchinneren versteckt blieben.

Der alte Ladenbesitzer warf nur kurz einen Blick auf den Einband und sagte gelangweilt:

„Ist ziemlich alt. 40 Euro!“

Gustav bezahlte sofort und verließ glückselig und sehr aufgeregt die staubige Buchhandlung. Er hatte ein prächtiges Geschäft gemacht.

Vermutlich hatte der Händler wenig Interesse an deutschsprachigen Büchern und war schlichtweg ahnungslos über den tatsächlichen Wert.

Er sah nicht den seltsamen Blick des alten Buchverkäufers, dessen blasse Gestalt durch das Fenster schimmerte.

Ramona saß schon im Restaurant und schlürfte einen Espresso.

„Hast du was gefunden?“, fragte sie erstaunt, als Gustav das schwere Buch auf den Tisch legte. Wie ein aufgedrehtes Kind am Weihnachtsabend erzählte er seine Geschichte über die alten Handschriften zwischen den Buchseiten. Dabei streichelte er voller Hingabe seine „

Chronik der Weltgeschichte

“.

Ramona lächelte milde, denn auch sie mochte Bücher.

„Du bist närrisch! Wahrscheinlich sind es nur Handnotizen eines kundigen Lesers der Weltgeschichte. Achtlos im Buch liegengelassen. Vielleicht sind sie gar nicht alt und einfach nur unbedeutend und wertlos?“, sagte sie, nahm vorsichtig das Buch und öffnete es.

Gustav sah ihr gespannt zu und flüsterte:

„Zwischen den Seiten 388 und 389!“

Kurz darauf zog Ramona die Handschrift hervor und betrachtete das handgeschriebene Blatt aufmerksam. Sollte es wirklich aus dem Jahr 1699 sein, dann wäre es ungewöhnlich gut erhalten. Keine Einrisse, kaum Verschmutzungen und keine Spuren von Säureflecken.

Sie teilte Gustav ihre Beobachtungen mit und hoffte gleichzeitig, dass er keine allzu große Enttäuschung erlebte.

„Du hat Recht, mein kleiner Hasenpups. Aber vielleicht liegt die Handschrift schon Jahrhunderte in diesen Seiten. Damit wäre es vor Licht und Zerfall geschützt. Säurefraß war erst im 19. Jahrhundert ein Problem, da in der Papierherstellung Chemikalien benutzt wurden. Ursprünglich wurde Papier nur aus Holz hergestellt, ohne Chlor und dem ganzen Zeug. Aber die Tinte fraß sich in das Papier und war früher schwarz und nicht blau. Der Text wurde mit einem Gemisch aus Ruß und Öl geschrieben und ist sehr alt.

Und die Schrift stammt ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert, so wie die Schreibweise.“, erklärte er aufgeregt.

Beide schauten auf das alte Dokument.

„Sieh! Das Wort Kurfürst wurde statt mit einem „

K

“ noch mit „

C

“ geschrieben, ein „

ie

“ gab es noch nicht und wurde nur als „

i

“, das „

t

“ meist als „

th

“ geschrieben…“

Ramona lauschte aufmerksam.

„Und noch ein wichtiges Detail. Der alte Kurfürst krönte sich selber 1701 zum ersten Preußenkönig. Danach nannte er sich nur noch

Friedrich I.

und so wurde er auch immer rückblickend genannt. Unsere Handschrift berichtet jedoch vom Kurfürsten

Friedrich III.

und wurde vor 1701 verfasst!“

Ramona nickte schweigend.

„Nun könnte es auch eine moderne Abschrift eines Dokumentes sein. Dennoch ist das Papier eindeutig alt und die Tinte auch. Vielleicht eine bewusste Fälschung? Warum sollte jemand soviel Mühe verwenden? So ein Text ist öffentliches Gut und kein Geheimdokument aus

Dan Browns

Romanen. Es gibt zahllose Abhandlungen über dieses Ereignis. Ich denke, dass es ein echtes Original ist und es wurde 1699 geschrieben. Leider ohne Namen und Unterschrift.“, erklärte er.

Gustav klappte das Buch mit Genugtuung zu, nahm Ramonas Hand und grinste zufrieden. Er würde das mysteriöse Schriftstück später noch richtig untersuchen und vielleicht gab es noch weitere Geheimnisse.

Nach dem Abendessen trafen sich beide im Zimmer von Gustav. Er hatte irgendwoher eine Kerze besorgt und angezündet, Italienischen Wein entkorkt und sein Bett als Sitzmöbel umfunktioniert. Die Beleuchtung hatte er gedämmt und den lokalen Musiksender eingestellt.

Ramona war entspannt. Gustav war es nicht und etwas nervös. War es sein Abend? Diesmal wollte er nicht zu unsicher wirken. Er strahlte doch stets Sicherheit aus.

Nach dem ersten Gläschen nahm er einfach ihre kleine Hand und streichelte sie wie einen alten Talisman. Aber schon nach kurzer Zeit fand er es albern und kindlich. Er ließ ihre Hand wieder los.

Unbeholfen schenkte er die Gläser erneut voll. Der Rotwein schimmerte durch das Glas auf Ramonas Wangen, sobald sie daran nippte.

Gustav hätte es gern fotografiert, aber dieser Moment war ein stiller Raum in angenehmer Untätigkeit. Jede Bewegung hätte gestört. Gustav mochte solche Momente, die ein Stück zeitlose Ewigkeit waren.

Aber was mochte Ramona? Wäre sie einverstanden, wenn er sie jetzt küsste, ihre kleinen Brüste liebkoste und ihr das Kleid öffnen würde? Gustav hatte keine Ahnung. Umso länger er sie kannte, desto unsicherer wurde er ihr gegenüber.

Von seinen Ängsten wusste Ramona nichts, der Rotwein schmeckte lecker und Florenz war einfach eine tolle Stadt. Ramona fühlte sich wohl.

Da Gustav nur schweigsam neben ihr saß, dachte sie über ihr Verhältnis nach. Eigentlich war er ein toller Freund. Gustav war witzig, klug und gegenüber der restlichen Welt sehr selbstsicher. Nie würde er ihr einen Wunsch verweigern, wäre ihr gegenüber niemals grob oder rücksichtslos und zärtlich wäre er ohnehin. Irgendetwas stand aber immer zwischen ihr und Gustav. Sie konnte es eigentlich nicht erklären, denn sie war gern in seiner Nähe.

Und nun saßen sie gemeinsam auf einem Bett, mit Rotwein und im Kerzenschein, an einem milden Abend unter Italiens Himmel.

Was würde sie machen, wenn Gustav sie plötzlich küssen würde, ihre Brüste streicheln und ihr Kleid öffnen würde? Hätte sie es gemocht und auch genießen können? Ramona dachte nach. Es war schon eine Weile her, als sie den letzten Sex hatte und auch die Enttäuschungen danach. Doch Gustav würde sie nicht enttäuschen.

Er gehörte zu den Menschen, die lieber überraschten, als enttäuschten. Sie konnte es sich fast vorstellen, wie er sie küssen würde, wie er ihre Brüste entblößte, ihr das Kleid öffnete und sie mit seinem Mund berührte. Sie stellte es sich vor und spürte die heimliche und warme Feuchtigkeit ihrer stillen Gedanken.

Jetzt hatte Ramona Lust.

Gustav saß schweigend neben ihr und schien über irgendein Problem zu brüten. Dann schaute er sie an, bemerkte ihre geröteten Wangen und seufzte ganz unmerklich, legte seinen Arm um ihre Hüfte und rückte ganz dich heran.

Sie waren sich nah und Gustav wollte schon seinen ganzen Mut zusammennehmen und sie leidenschaftlich bestürmen, sie küssen und lieben. Jetzt wollte er es wagen!

Beide schreckten hoch, denn es klopfte unvermittelt an seiner Zimmertür.

Verdammte Zimmertür!

Es war ein Junge, der einen Briefumschlag überreichte und gleich wieder verschwand. Gustav öffnete den Brief und las vor:

„

Mein Herr, Sie haben heute ein Buch bei mir erworben. Leider stellte ich fest, dass ich nicht befugt war, es Ihnen zu verkaufen. Der eigentliche Besitzer bekam das Buch von seinem Vater als persönliches Familienerbstück mit hohem, ideellem Wert und er besteht auf die Rückgabe des Buches.

Als Wiedergutmachung für die Unannehmlichkeiten, die ich Ihnen bereitet habe, erhalten Sie von mir 400 Euro. Bitte kommen Sie allein und bringen sie das Buch am Morgen um 10 Uhr in mein Geschäft, wo ich Ihnen das Geld aushändige.

Hochachtungsvoll, Rigonaldos

“

Gustav runzelte die Stirn.

„Was soll das?“, fragte er.

Ramona zuckte die Achseln.

„Satte 400 Euro ist kein schlechtes Geschäft. Vermutlich wusste der alte Buchkrämer nicht, welches Buch schon verkauft und welches Buch nur eine Leihgabe war.“, sagte sie und sah zu, wie Gustav das Buch hervor holte.

„Mag sein, dass der Alte die Übersicht verloren hat.“, antwortete er, „Aber wie sollte ein Erbstück, was dem Eigentümer so ideell wichtig war, in ein verstaubtes Bücherregal eines Antiquariats landen?

Viel wahrscheinlicher ist, dass er irgendwie von den Handschriften erfahren hat und diese weit wertvoller sind als lumpige 400 Euro.“, entgegnete er grübelnd. Ramona setzte sich aufrecht, zog ihr Kleid gerade und sagte etwas empört:

„Gustav, willst du das Buch behalten, obwohl du weißt, dass es nicht dir gehört?“

Ihre Wangen wurden noch roter, obwohl ihre Lust längst verflogen war.

Gustav zog ein Päckchen Zigaretten aus seiner Tasche und zündete sich eine an, trotz des Rauchverbotes. Damit zeigte er deutlich, dass er Regeln verabscheute und meist ignorierte, ohne Skrupel zu haben. Gustav war nie ein Mann, der unterwürfig handelte.

„Ich habe es ganz offiziell für 40 Euro gekauft und könnte es einfach behalten.“, antwortete er trotzig, „ Aber gut, wir gehen morgen hin und tauschen das Buch für 400 Euro zurück. Die Handschrift von 1699 behalte ich aber und werde behaupten, dass ich keine Handschrift gefunden habe. Und eigentlich schreibt der Mann auch nur von dem Buch und nicht von irgendwelchen Zetteln, die zufällig drinnen lagen. Ich werde mir das Buch genauer ansehen und die anderen Zettel auch. Irgendwas liegt hier verborgen und scheint wertvoller zu sein, als wir bisher glaubten.“, entgegnete er bockig und beleidigt.

Ramona erhob sich.

„Nun gut. Ich bin müde und gehe ins Bett.“, sagte sie ebenfalls beleidigt.

Dann küsste sie Gustav flüchtig und ging.

Wieder ein Abend ohne Liebe, Sex und ohne Körperlichkeit. Gustav verzog mürrisch das Gesicht, widmete sich aber gleich seinem Buch. Jede einzelne Seite überflog er, suchte nach Notizen und Unstimmigkeiten. Anschließend begutachtete er sämtliche Schriftstücke, die er lose im Buch gefunden hatte. Nichts!

Wie er bereits vermutete, waren es belanglose Steuerlisten aus ehemaligen Klöstern. Zwei Listen mit Zählungen von Einwohnern kleiner Dörfer und eine Rechnungsliste für Bier. Einzig und allein die Schriftakte aus dem Jahr 1699 blieb bemerkenswert, weil sie alt und geschichtlich war. Vielleicht war sie sogar 400 Euro wert, aber viel wertvoller war sie nun auch wieder nicht. Gustav grübelte und Stunde um Stunde verging. Er fand nichts Geheimnisvolles.

Müde und enttäuscht ging er zu Bett.

Er träumte. Ganz sicher, denn er fühlte sich körperlos und war nicht wach. Manchmal erkennt man die Traumwelt, egal wie realistisch sie erscheint. Und dieser Traum war einfach da, ohne Anfang, ohne Vorspiel, ohne Steuerung.

Eine wunderschöne Frau, voller Liebreiz und Anmut, saß an seiner Seite. Tatsächlich erkannte Gustav keine konkreten Formen, keine abspeicherbaren Gesichtszüge und keinerlei Farben. Sie war seine persönliche Empfindung, eine Euphorie seines Traumes.

Trotz der Formlosigkeit war sie eine handfeste Erscheinung. Sie war jung, viel jünger als Ramona, hatte etwas ungemein Vertrautes an sich und wirkte sehr anziehend auf Gustav. Wärme breitete sich aus.

Er wollte sie berühren, seine Arme um sie legen und sie nie mehr loslassen, aber sein Traum ließ es nicht zu.

„Geh morgen nicht allein!“, hauchte sie in sein Herz.

Dann verblasste der kurze Traum und endete ohne Rückkehr.

Gustav erwachte.

Ihr Hotel besaß ein kleines, aber gepflegtes Restaurant und Ramona wartete schon mit dem Frühstück. Obwohl sein Traum nur kurz war, schwirrte er noch immer verwirrend in seinen Gedanken.

„

Geh nicht allein!

“, hallte es in seinem Kopf. Verstehen konnte er es nicht.

„Ich würde mich freuen, wenn du mich zum Buchhändler begleitest. Anschließend lade ich dich zu einem Vormittagsgläschen roten Weines ein.“, sagte er liebenswürdig zu Ramona.

„Für 400 Euro sollte es mehr als nur ein Gläschen sein!“, lachte sie und der gestrige Abend war irgendwie verflüchtigt.

„Hast du noch etwas Interessantes gefunden oder gibst du dein Buch kampflos zurück?“, fragte sie weiter. Gustav schüttelte nachdenklich seinen Kopf. Nein, er sollte alles zurückgeben.

Etwas später schlenderten beide durch die Labyrinthe der Innenstadt. Inzwischen kannten sie sich etwas aus und weil es ein phantastisches Wetter war, wollten sie die knapp 5 Kilometer gemütlich laufen. Gustav hatte sein Buch im Rucksack verstaut und hatte seine Hände frei, um ab und zu Ramona anzufassen und zu berühren.

„Hast du, kleiner Hasenpups, keine Hemmungen schon am Vormittag die 400 Euro mit Wein zu versaufen?“, fragte er im neckischen Tonfall.

„Wenn es sein muss, dann betrinke ich mich auch zum Frühstück! Wärst du nicht so ein Geizhals, könnte jeder Vormittag schön sein!“, entgegnete sie und gab Gustav keck einen herzhaften Klaps auf den Hintern. Das machte sie sonst nie!

Lachend zog er sie an sich heran und küsste sie flink.

„Nachdem ich das Buch zurückgegeben und das Geld habe, mache ich dich betrunken, mein kleiner Hasenpups. Dann bist du endlich willenlos und verführbar!“, gab Gustav zurück und kniff ihr übermütig in ihren süßen Po. Es gab absolut keine Zweifel, denn für die vielen Passanten waren sie ein frisch verliebtes Pärchen. Ramona und Gustav hätten das natürlich anders gesehen.

Unbekümmert alberten sie die Straßen entlang.

„Wir kommen gleich ins Touristengebiet. Benehmen wir uns dann?“, fragte sie schelmisch.

„Ich weiß nicht, was du meinst. Ich bin ein seriöser Mann mit viel Würde.“, entgegnete er lachend.

„Apropos Würde! Würdest du bitte deine Hand von meinem Hintern nehmen? Das sieht nicht sehr seriös aus.“, sagte sie mit erhobener Nase.

„Du hattest zuerst deine Hand an meinem unschuldigen Arsch!“, versuchte er sich zu rechtfertigen. Beide sahen sich lauernd an wie spielende Welpen. Ramona grinste frech.

Immer wenn sie das tat, steckte sie ein wenig ihre Zungenspitze raus. Vermutlich bemerkte sie es nicht einmal, aber es passierte regelmäßig. Und nur, wenn sie leicht hinterhältig und mit geschlossenem Mund lachte. Gustav erkannte dadurch immer, wenn sie frech und spitz eine beiläufige Situation für sich beurteilte. Bei keinem anderen Menschen hatte er so etwas beobachtet. Nie hatte er gesehen, dass jemand beim Grinsen seine Zungenspitze flüchtig durch die Lippen stieß. So gern hätte er es fotografiert, aber es war eine so spontane Situation, dass sie nicht nachgestellt werden konnte. Für ihn hätte sie immer so herum laufen können mit herausgestreckter Zungenspitze, denn es stand ihr ausgezeichnet. Und in diesem Zustand war die Macht mit ihr. Manchmal überlegte er, ob er sich nur darum in sie verliebte, weil sie mit der kleinen Zungenspitze wirklich süß aussah.

Am Buchladen angekommen, stutzten sie.

Gestern war es ein anderer Anblick. Alles an diesem Laden war anders! Die schwere Ladentür war verschlossen. Der alte Buchhändler war nicht zu sehen. Das ganze Haus sah verlassen aus.

Gustav schaute auf seine Uhr, aber es war bereits nach 10 Uhr.

Im gegenüberliegenden Straßencafe fragten sie beim Personal nach.

„Das Geschäft ist schon seit Jahren verschlossen. Früher war dort eine wunderschöne Buchhandlung mit großem Antiquariat. Doch eines Tages fand man den armen Rigonaldos. Er wurde grausam ermordet und die Polizei konnte niemals herausfinden, wer diese Tat begangen hatte und warum. Rigonaldos hatte keine Nachkommen und keine Erben und so blieb das Geschäft versiegelt und geschlossen. Schade, denn damals kamen viele Buchliebhaber hierher und belebten das Viertel.“, berichtete der Inhaber des Cafes.

Ramona kräuselte ihre Stirnfalten und schaute fragend zu Gustav.

„Wir waren doch erst gestern dort …“, stammelte sie, doch Gustav schnitt ihr das Wort ab. Irgendetwas stimmte nicht!

Freundlich bedankte er sich für die Auskunft und zog Ramona mit sich fort.

„Ramona, hast du gesehen, dass die Eingangstür der Bücherei ein altes Polizeisiegel hatte? Es war ungebrochen! Und die Fenster waren verdreckt von innen, als wären tatsächlich seit 20 Jahren keine Menschen im Haus gewesen. Gestern sah es hier anders aus! Ich war drinnen und ich habe wirklich das Buch gekauft. Gestern war es ein offenes und fast normales Geschäft! Entweder haben sich hier alle gegen uns verschworen, oder wir sind beide über Nacht verrückt geworden, wahrscheinlich weil wir noch keinen Sex hatten. Allein das macht mich schon ziemlich verrückt!“, raunte er ihr laut zu.

Gustav holte tief Luft. Er war innerlich ziemlich aufgewühlt.

„Vielleicht bist du ja wirklich irre geworden!“, entgegnete Ramona aufgeregt, „Doch ich bin normal und ich sehe auch, dass hier etwas nicht stimmt. Sollen wir zur Polizei? Wir haben das Buch und den Brief und wir müssen herausfinden, was hier läuft!“

„Nicht zur Polizei! Die sperren auch dich in die geschlossene Anstalt, wenn du unsere Geschichte erzählst. Dann kann uns niemand mehr helfen. Wir brauchen einfach mehr Informationen. Lass uns erst einmal aus diesem Viertel heraus und uns ein ruhiges Restaurant suchen, um nachzudenken.“, erwiderte er. Ramona war einverstanden.

Gustav hatte sich wieder ein wenig beruhigt und eilig suchten sie nach einem geeigneten Ort, der abseits lag.

Endlich fanden sie ein winziges Restaurant und einen Tisch, der einsam genug stand. Gleich kam eine freundliche Kellnerin und stellte zuvorkommend eine große Flasche Wasser und zwei Gläser auf den Tisch.

„Wir wollen uns nicht waschen, sondern wir haben Durst!“, bemerkte Ramona spitzfindig und wandte sich fordernd an Gustav.

„Denke nicht, dass ich jetzt keinen Wein mehr möchte. Los, ich trinke erst ein kühles Bier und danach einen Rotwein.“, befahl Ramona.

Gustav liebte sie dafür.

Ähnlich wie er, achtete Ramona selten auf die Etikette. Die freundliche Kellnerin sah etwas beleidigt aus. Sie überlegte, ob und wie sie Ramona waschen sollte.

Zügig bestellte Gustav zwei Bier und eine Flasche Wein, gleichzeitig, …

„…und ja, auch für die Dame ein Bier.“

Ramona atmete erleichtert durch.

„So, mein Gustav, was soll das mit diesem Buch und dem verstorbenen Händler, dem lebenden Händler und seinem Brief? Hast du wirklich nichts Ungewöhnliches am oder im Buch entdeckt?“

Gustav kramte in seinem Gedächtnis und schüttelte enttäuscht den Kopf.

Das Bier kam und auch der Wein. Beide tranken ihre Biere in einem Zug aus. Gustav zündete sich eine Zigarette an. Er konnte sich dabei auch körperlich entspannen. Ramona mochte keine Zigaretten, aber bei Gustav störte es sie nicht.

„Wir gehen ins Internet und suchen nach dem Buch und der Buchhandlung. Irgendwas werden wir finden und vielleicht auch Antworten.“, schlug sie entschlossen vor. Er verzog sein Gesicht.

„Das Internet ist ein eigenes Universum, unendlich weit und unendlich voll gepackt mit menschlichem Geistesgut. Und so, wie sich im unendlichen Universum die kleinen Planeten verlieren, so verliert sich auch die Wahrheit im Internet.“

Ramona grinste, als sie Gustav zuhörte.

„Ja, mein kleiner Philosoph, aber im Internet finden sich trotzdem Wahrheiten. Man muss nur wissen wonach und wo man sucht und wir beide wissen genau wonach.“, sagte sie und dann hob sie ihren Zeigefinger und raunte in mystischer Tonlage:

„Mordsache Rigonaldos“.

Die Flasche Wein hatten sie schnell geleert und eilten zum Hotel zurück.

Ihr Zimmer war mit einem Internetcomputer ausgestattet und sofort gingen sie ans Werk. Tatsächlich fand Ramona auf Anhieb die lokalen Nachrichtenseiten und zwei Klicks weiter fand sie die Meldung von „

Rigonaldos

tragischem Ende“

.

„Ich übernehme die Übersetzungen in Italienisch und Latein, du bist dafür für Englisch, Französisch und Weibisch zuständig.“, sagte Gustav und lächelte Ramona mit breitem Grinsen an. Dann las er die Meldungen und erklärte:

„Rigonaldos fanden sie vor 23 Jahren. Tot in seinem Buchladen. Wenn ich das hier richtig lese, dann wurde er enthauptet. Nichts wurde gestohlen und es fanden sich keinerlei auswertbaren Spuren. Immerhin befanden sich eine reich gefüllte Ladenkasse und sogar alter Schmuck im Geschäft. Rigonaldos hatte wirklich keine Erben, nicht einmal eine Haushälterin. Da er das Geschäft als alleiniger Eigentümer besaß, versiegelte man kurzerhand das Haus. Erst wenn das Gebäude eingefallen ist, darf die Stadt das Grundstück neu benutzen. Kann aber wohl noch ein paar Jahre dauern. Außer den Mord gab es offensichtlich nichts Erwähnenswertes im Leben des Rigonaldos. Über die Bücher kein Wort.“

Ramona sah fragend Gustav an.

„Das hilft uns nicht weiter, verdammtes Internet!“, fluchte sie. Dann tippte sie wild auf die Tastatur. Auch der Buchtitel „

Chronik der Weltgeschichte

“ brachte keine neuen Erkenntnisse.

Inzwischen war es dunkel geworden und der Abend begann.

Müde und enttäuscht gaben beide die Internetsuche auf.

Vielleicht hatten sie gestern nur eine andere Wahrnehmung, vielleicht waren sie einfach nur in einem anderen Geschäft. Vielleicht war Rigonaldos ein häufiger Name für einen Buchhändler und vielleicht war alles nur eine Verwechslung.

Aber eigentlich waren es zu viele „

Vielleicht

“.

Eine schlüssige Antwort war einfach nicht zu finden.

Oder waren sie krank und litten an geistiger Verwirrung? Das war undenkbar!

Gustav war nie ernsthaft krank gewesen. Nur einmal ging er in den letzten Jahren zum Arzt. Er hatte Nierensteine, weil er beim einsamen Studium eines neuen Fachgebietes in seiner Bibliothek nicht ausreichend getrunken hatte. Die Geschichte der Kulturpflanzen hatte Gustav dermaßen beansprucht, dass er das Trinken einfach vergessen hatte. Prompt bildeten sich Nierensteine, die sich schmerzhaft festsetzten. Das war vor zwei Jahren. In seiner Not suchte er einen Urologen auf. Der Arzt war furchtbar nett und verordnete regelmäßiges Saufen. Ob das Bier dabei warm oder kalt wäre, spielte keine Rolle. Gustav war dankbar. Vielleicht sollte er öfter zum Arzt gehen. Doch der nette Urologe verlangte anschließend, dass Gustav seine Hose herunter ließ. Er sei inzwischen in einem Alter, wo man auch zur Vorsorge untersuchen müsste. Gustav gehorchte brav und als er noch überlegte, warum zur Vorsorge er die Hose heruntergelassen soll, verschwand der nette Urologe hinter seinem Rücken. Flink streifte der sich einen dünnen Gummihandschuh über, tauchte seinen Zeigefinger in einen Bottich mit Gleitmittel und steckte ihn bis zum Anschlag in Gustavs Hintern. Mit einem kräftigen „

Flutsch

“ fühlte sich Gustav irgendwie in seinem inneren Zentrum gestört und schrie entsetzt auf.

„Ganz locker! Bin schon fertig!“, erwiderte der nette Urologe.

„Aber doch nicht von hinten und ohne Ankündigung!“, wimmerte Gustav.

„Brauchen Sie dafür etwa ein Vorspiel?“

Gustav zog schnell seine Hose wieder hoch und war beschämt. Der nette Urologe schmunzelte und verkündete freundlich, dass die Prostata in Ordnung sei und Gustav sollte regelmäßig in seine Sprechstunde kommen.

„Immerhin sind Sie in einem gewissen Alter.“, erklärte der Doktor routiniert. Schweigsam verließ Gustav die Praxis des netten Urologen. Sein Hintern fühlte sich ziemlich entweiht an und beim Laufen flutschte es noch etwas, weil noch eine Menge Gleitmittel zwischen den Pobacken und im Anus haftete.

Seit diesem Erlebnis wollte Gustav nie wieder einen Arzt aufsuchen und dabei blieb er. Außerdem war er nicht krank und Ramona machte auch einen überaus gesunden Eindruck.

„Morgen sind wir klüger!“, beendete Gustav die abenteuerlichen Überlegungen.

Erschöpft und ziemlich hungrig gingen sie ins Bistro auf der gegenüberliegenden Seite des Hotels. Ramona verputzte einen riesigen Meeresfrüchtesalat, um sich anschließend auf ein saftiges Steak zu stürzen. Gustav bestellte zusätzlich Knoblauchkartoffeln, einen Teller Schafskäse mit Oliven und Tintenfisch. Beim Rotwein hielten sich beide nicht zurück und schnell wurden sie wieder heiter im Gemüt.

„Wirst du wirklich verrückt, weil du mit mir noch keinen Sex hattest, du wollüstiger Irrer?“, fragte Ramona, nachdem der Tisch abgeräumt wurde.

Gustav schoss die Schamesröte ins Gesicht. Er hatte an seinen kleinen Ausbruch vor dem alten Buchladen keine weiteren Gedanken mehr verschwendet. Verdammte Emotionen!

„Du weißt, dass ich verrückt bin, …nach dir.“, entgegnete er fast schüchtern.

Ramona kicherte wie ein kleines Schulmädchen, antwortete jedoch nichts Entsprechendes. Gustav hätte ihr auch sagen können, dass er sie liebte und sie begehrte, dass sie eine aufreizende Figur besaß und sie hübsch sei. Aber er hätte auch sagen wollen, dass sie sich nicht so prüde anstellen sollte und sich gefälligst auf Sex mit ihm einlassen könnte. Doch Gustav wollte nicht mit ihr streiten.

Sie sah bezaubernd aus, erst recht mit ihren roten Bäckchen, für die der Rotwein sorgte und so schenkte er ihr ein süßes, trauriges Lächeln.

Sie würden auch an diesem Abend getrennt schlafen.

Als er später allein in seinem Zimmer saß und wieder in dem Buch blätterte, klopfte es plötzlich an seiner Tür. Ramona stand im leichten Schlafanzug vor ihm.

„Ich hätte noch Lust auf einen Schlafenstrunk. Darf ich zu dir?“

„Komm rein, du süße Schnapsdrossel.“, sagte Gustav und zog sie zärtlich ins Zimmer, „Einen Whisky könnte ich dir anbieten.“

Ramona lümmelte sich auf das unberührte Bett und Gustav setzte sich neben sie mit zwei gefüllten Gläsern in den Händen. Ramona nahm ihr Glas und trank mit sichtbarem Vergnügen. Dann stellte sie den Whisky ab und unerwartet schmiegte sie sich an Gustav. Zum ersten Mal reichte sie ihm die Lippen und gab sich ihm hin.

Ihre Küsse schmeckten süß wie Honigbonbon.

Knopf für Knopf öffnete Gustav spielend das leichte Nachthemd, streichelte sehnsüchtig ihre Brüste und begann mit seinen Lippen ihren Leib zu liebkosen.

Und als er ihr das Nachthöschen abgestreifte, tauchte er in sie hinein.

Ramona bäumte sich voller Wonne auf und nieder und versuchte ihm auch seine Kleider zu öffnen und abzustreifen.

Plötzlich klopfte es erneut und beide schreckten hoch.

„Verdammt! Ist das hier ein Bahnhof oder ein seriöses Hotel?“, schimpfte Gustav.

Da Ramona bereits splitternackt war, verkroch sie sich schnell unter die Bettdecke. Gustav stopfte sich sein Hemd in die Hose und stolperte hektisch zur Tür.

Als er sie öffnete, stand wieder der Junge von gestern davor und reichte ihm wieder einen Brief. Rigonaldos!

„Wer gab dir den Brief?“, fragte er laut und packte den Jungen.

Der war ängstlich und völlig eingeschüchtert, zeigte zum Fenster und sah hilfesuchend zu Ramona. Gustav zerrte den Jungen mit zum Fenster und sah hinaus.

Unten, von Straßenlampen beleuchtet, stand ein älterer Mann, der schweigend zu ihnen hinauf schaute. Er sah dem Buchverkäufer sehr ähnlich.

„Bleib hier, verschließe hinter mir die Tür und öffne nur mir, sobald ich zurück bin!“, rief er Ramona zu, ließ den Jungen los und stürmte auf die Straße hinaus.

Der Alte war verschwunden. Gustav lief spontan nach links die Straße entlang. Er folgte einfach seinen Instinkten.

Dann sah er in einiger Entfernung den alten Mann wieder. Der eilte gemächlich in Richtung Altstadt. Gustav rannte hinterher.

Er war barfüßig, aber wenigstens noch bekleidet. Ramona war eine miserable Auskleiderin. Nicht einmal sein Hemd konnte sie ihm ausziehen, geschweige denn die Hose! Es wäre aber auch nicht gut gewesen, würde Gustav so nackt durch Florenz rennen. Schließlich war er kein Irrer.

Gustav war schnell, hatte den Alten fast eingeholt. Nur wenige Meter war er entfernt. „Bleib stehen! Ich muss mit dir reden, nur reden!“, rief er und seine Stimme hallte durch die leeren Straßenschluchten. Der Mann blieb aber nicht stehen, entfernte sich weiter und war plötzlich verschwunden.

Atemlos stand Gustav da. Der Mann war alt, ein Greis und trotzdem war er verschwunden. Sehr wunderlich!

Gustav schaute in alle Richtungen, doch er stand allein auf einen kleinen Platz, von dem viele Straßen und Gassen abzweigten.

Plötzlich bemerkte er, wo er gelandet war. Er war schockiert, denn er stand direkt vor der versiegelten Buchhandlung.

Niemand war zu sehen. Florenz schlief in seiner erhabenen Ruhe.

Vorsichtig drückte Gustav die Türklinke des dunklen Buchladens und knurrend öffnete sich die alte Pforte einen Spalt. Als er sie endgültig öffnen und hineinschlüpfen wollte, hörte er Schritte hinter sich. Schnell zog er die schwere Holztür wieder zu.

„Was machen Sie hier, mein Herr?“, brummte eine Stimme.

Es war der Besitzer des Cafes. Ohne einen Anflug von Ängstlichkeit hielt er eine wuchtige Schrotflinte im Arm.

Auch er erkannte Gustav.

„Ich sagte Ihnen bereits, dass der Laden seit Jahren verschlossen ist. Suchen Sie etwa nach Schätzen? Werden Sie hier nicht finden. Alles, was Wert hatte, wurde ins Polizeirevier abtransportiert. Ich hoffe, dass Sie nicht leichtsinniger Weise die Tür aufgebrochen haben.“

Er kniff seine finsteren Augen zusammen, griff an die Klinke und drückte sie langsam runter, doch der Laden war fest verschlossen.

„Na gut, mein Herr. Gehen Sie jetzt, ansonsten muss ich die Polizei rufen und Sie möchten doch auch keinen Ärger, oder?“, brummte er weiter.

Dabei streichelte er seine Schrotflinte und blickte Gustav scharf in die Augen. Natürlich hatte Gustav kein Bedürfnis nach Ärger. Gewalt verabscheute er zutiefst. Also nickte er dem Mann kurz zu und ging in Gedanken versunken zurück ins Hotel. Er wusste genau, dass die Tür offen war. Er hatte aber auch genau gesehen, wie der Mann die Türklinke betätigte und die Tür verschlossen blieb. Sogar das Polizeisiegel war unversehrt. Sehr merkwürdig!

Die ganze Geschichte war merkwürdig.

Es war tiefe Nacht, als er das Hotel erreichte. Ramona hatte das Zimmer nicht verschlossen, lag eingekuschelt in seinem Bett und schlief einem Engel gleich. Ihren Schlafanzug hatte sie wieder angezogen. Schade!

Gustav beschloss sie nicht zu wecken und legte sich behutsam neben ihr ins Bett. Ihren Duft atmete er zufrieden ein, berührte sie nur leicht und legte vorsichtig seine Hand auf ihren Po. Er ließ einen kleinen Abstand zwischen beiden Leibern und spürte doch die lebendige Wärme, die von ihr ausging. Selige Glücksgefühle.

Gustav fiel in tiefen Schlaf.

Er träumte viele Dinge durcheinander, sah auch Ramona, die mit einer riesigen Schrotflinte ein großes Panoramafenster durchschoss. Dann rief sie nach mehr Wein und rannte nackt durch die Straßen.

Wieder verschwanden alle Bilder und auch das fröhliche Gesicht Ramonas. Bildfetzen flogen hin und her, ohne einen Sinn zu ergeben.

Dann stand sie vor ihm.

Gustav durchlitt sofort eine unbeschreibliche Sehnsucht.

„Du warst heute sehr unklug, als du allein zu Rigonaldos bist. War meine Warnung vergebens?“, hörte er sie.

Ihre Stimme klang so vertraut und fast zerbrechlich.

Trotzdem, oder gerade deshalb, schmerzte ihr Vorwurf.

Sie nahm Gustav in ihre Arme und drückte ihn fest an sich. Geborgenheit, Wärme, Entzücken und Glück in einem einzigen Moment. Gustav spürte, wie die unendliche Sehnsucht und das Verlangen nach vollendeter Liebe seine eigenen Tränen formten und er begann heftig zu schluchzen.

„Weine nicht, denn die Zeit der Tränen wird erst noch kommen. Ich werde bei dir sein, wenn du mich brauchst. Und jetzt brauchst du Antworten. Ein Blatt Papier kann manchmal mehr enthalten als die oberflächlichen Buchstaben. Das Saure macht sichtbar, was fahle Tinte verbirgt. Und du darfst hier nicht lange Zeit verweilen. Hüte dich vor dieser Frau. Sie hat ihre eigenen Träume, die nicht deine sind.“

Dann löste sie ihre Umarmung und drohte im Schleier weiterer Träume zu entschwinden. Gustav versuchte zu schreien, wollte ihren Namen wissen und flehte sie an, nicht zu gehen. Aber nichts konnte er tun, weder sie festhalten noch hinterher rennen.

Er erwachte tränenverschmiert und schweißgebadet.

Neben sich im Bett saß Ramona aufrecht und schaute ihn verdattert an.

„Welchen Namen willst du wissen? Ich heiße Ramona, bitteschön! Außerdem heulst du im Schlaf, wie ein kleines Mädchen.“

Gustav schaute sie ebenfalls verwundert an. Hatte er etwa im Schlaf geredet? Und hatte er tatsächlich geweint, wie ein…?

„Tut mir leid, Hasenpups.“, stammelte er benommen, „Ich hatte wohl einen bösen Alptraum, wahrscheinlich von dir und deinen unsensiblen Sprüchen.“

„Unsensible? Ich? Spinnst du?“, fauchte sie.

Ramona verschränkte beleidigt ihre Arme. Mechanisch küsste Gustav versöhnlich ihren Hals und meinte etwas von:

„Nur Spaß gemacht und merkwürdigen Traum.“

Er war verwirrt, denn er hatte noch nie so einen körperlichen Traum gehabt.

Als Ramona später unter der Dusche stand, saß Gustav noch immer im Bett und dachte über seinen seltsamen Traum nach. Die nächtlichen Gefühle waren noch so präsent, körperlich und dominierend, dass er schwitzte und sein Herz raste.

Wer war dieses zauberhafte Mädchen?

Ramona konnte es nicht sein und auch nicht sein Wunschbild von Ramona, denn von ihr träumte er zu häufig und kannte sie viel zu gut.

Dieses Traumwesen war hingegen rätselhaft, ihm völlig unbekannt und gleichzeitig so sehr vertraut. Anmut, Weisheit und Erotik. Es waren für Gustav durchaus sehnsüchtige Eigenschaften, die Frauen vereinen sollten. Aber Träume sind die Spiegelbilder des realen Unterbewusstseins. Gustav konnte meist seine Träume analysieren und sicher deuten. Diesmal jedoch erkannte er die Bedeutung nicht, hatte keine Ahnung, wer und was dieses Mädchen widerspiegelte.

Verdammte Träume!

So kam er nicht weiter. Nun versuchte er den Traum einfach als tatsächliches Ereignis zu deuten. Was hatte sie gesagt?

Schlagartig sprang er auf, holte das historische Schriftstück aus seinem Buch und hielt es gegen das Licht.

„

Das Saure macht sichtbar, was fahle Tinte verbirgt!

“, murmelte er vor sich hin.

„Das Bad ist jetzt frei. Beeile dich bitte, Gustav, ich bin hungrig und brauche dringend einen Kaffee.“, sagte Ramona, die aber gleich auf Gustav und das Schriftstück starrte.

„Hast du etwas im Gegenlicht erkannt, eine geheime Botschaft, oder so was?“, fragte sie überrascht.

„Nein, aber ich möchte mit dir hier im Zimmer frühstücken.“, antwortete Gustav und nahm das Telefon. Er bestellte das übliche Mahl, kräftigen Kaffee, Orangen, Bananen und ungewöhnlich viele Zitronen. Dann ging er ins Bad und drehte die Dusche auf.

Ramona ging in ihr eigenes Zimmer und zog sich an.

Auch sie hatte einen merkwürdigen Traum, der sie beschäftigte.

Ein grauhaariger Mann erschien ihr und er war betrübt. Wie ein vertrauter Sommerwind drangen seine Worte an ihr Ohr. Spielend und behutsam waren die Worte gewählt. Auch sie konnte sich nicht an die Gestalt des Alten erinnern. Es war mehr eine Ahnung, als eine konkrete Person. Erst dachte sie, dass es die Stimme ihres Vaters war, denn sie hatte einen wirklich angenehmen und beruhigenden Klang.

Es war nur wenige Jahre her, als ihr Vater starb. Töchter haben zu ihren Vätern immer eine innige Bindung und so schmerzte sie dieser Verlust noch immer.

Doch die Stimme in ihrem Traum war trotzdem anders. Der greise Mann wollte sie vor einer ernsten Gefahr beschützen. Es hatte mit Gustav zu tun und diesem geheimnisvollen Schriftstück. Ramona erinnerte sich nur an die Warnung, nicht an die Ursache der Gefahr.

Vielleicht war es auch nur ein Traum nach einem turbulenten Tag. Immerhin hatte sie am Abend einen kleinen Orgasmus und auch noch durch Gustav. Nackt und schutzlos war sie in seinem Bett! Wenn das nicht gefährlich war! Ihre Alarmglocken hätten auch so geläutet, auch ohne greise Traumerscheinung.

Verfluchtes Unterbewusstsein!

Als sie darüber nachdachte, wurde sie verlegen, obwohl sie niemand sah und sie sich auch nicht rechtfertigen musste. Dieser Mistkerl!

Hatte sie sich doch tatsächlich hingegeben. Hatte sich verführen lassen, wie ein dummes Schulmädchen und es war sogar äußerst angenehm. Gustav war gegen ihre Erwartungen scheinbar ein erfahrender Liebhaber, mit einer Zunge, die genau wusste, was sie tat. Ramona wurde warm und eine erregende Hitze stieg in ihr auf. Schnell knöpfte sie sich ihr Kleid zu. Verdammte Zunge!

Als sie wieder ins Zimmer von Gustav kam, sah sie ihn über das Schriftstück sitzend mit Zitronen in den Händen. Vorsichtig strich er den Saft über das Papier.

„Komm, mein Schatz, sieh! Es ist tatsächlich eine versteckte Inschrift vorhanden.“, rief er ihr zu, „Eigentlich haben wir das als Kinder auch gespielt. Mit Milch und Feder einen Text geschrieben, der trocken unsichtbar und dann später mit Zitronensaft wieder lesbar gemacht wurde. Keine so geheime Technik. Und doch bleibt sie unschlagbar, wenn man nur einfache Hilfsmittel und wenig Zeit hat.“.

Ramona sah aufgeregt, wie sich zwischen den Textzeilen die ersten blassen Buchstaben formten:

„

Das Gedächtnis der Menschheit, die Bibliothek des Lebens. Alles Wissen ist zusammengetragen, geschrieben in ewiger Schrift und bewahrt bist in alle Zeiten.

“, las sie laut vor.

„Mach weiter, Gustav, da steht noch mehr!“

Ihr Flüstern hätte man weit hören können und Gustav kribbelte es am Ohr, als ihr warmer, scharfer Hauch sein Gesicht streifte. Beide waren ziemlich aufgeregt und ungeduldig.

Je mehr er Zitrone über das Blatt rieb, desto mehr war zu lesen:

„

Zum Himmel hin markiert und im Inneren verborgen, gehütet und beschützt. Ein königliches Tier verschlang die Wege, unter seiner mächtigen Krone, nachdem es gestorben war

.“

Es war in deutscher Sprache geschrieben, alt, aber gut lesbar. Ramona glühte vor Aufregung und krallte ihre Finger fest in Gustavs Schultern.

Auch er konnte seine Erregung kaum unterdrücken.

„Gut, mehr steht hier nicht. Wir sollten jetzt wirklich frühstücken.“, sagte er und erhob sich. Ramona ließ seine Schulter los und lächelte.

Sie hatten tatsächlich ein Geheimnis entdeckt.

„Bist ein bisschen in Aufregung geraten, mein Hasenpups. Hast dir fast ins Höschen gepinkelt, was?“, bemerkte er.

Gustav warf ihr einen strengen, väterlichen Blick zu, der sie erröten ließ.

„Bist du jetzt mein Bondgirl und begleitest mich auf meiner Mission?“, scherzte er weiter. „Nenne mich bitte ab jetzt James und bringe mir einen Whisky, leicht gerührt und nicht geschüttelt.“, fügte er hinzu.

„Du kannst dir gefälligst selber einen schütteln, du Spinner!“, gab sie selbstsicher zurück. Dabei machte sie eine wirklich unzüchtige Handbewegung.

„Sprich nicht in diesem Ton mit deinem James Bond! Habe ich nicht gerade ein Rätsel entschlüsselt. Gott, bin ich schlau! Ich bin ein Genie!“, jubilierte er.

Stolz hob Gustav sein Kinn und zog seine Augenbrauen hoch.

„Aber du heulst nachts und Sexlosigkeit lässt dich irre werden! Was sollte ein scharfes Bondgirl mit dir anfangen? Reiche mir die Butter, Sklave!“, befahl sie.

Gustav musste nun doch lachen und reichte ihr die Butter.

Dann räusperte er sich verlegen und sagte:

„Gestern Abend übrigens, war es sehr schön mit dir und die Zeit hätte niemals vergehen sollen. Sehr ärgerlich, dass wir so plötzlich getrennt wurden und eigentlich war es sinnlos, denn der geheimnisvolle Briefschreiber ist mir entwischt. Hatte der Junge dir noch etwas erzählen können?“

Ramona sah ihn an und wieder verfärbten sich ihre Wangen.

„Nein, der kleine Hosenscheißer wollte, dass ich die Bettdecke wegziehe. Kaum warst du raus, wurde er auch schon ein wenig anzüglich, weil er sah, dass ich nackt war. Italiener scheinen schon im Kindesalter echte Machos zu sein.“, erzählte sie.

Ungläubig runzelte Gustav die Stirn und Ramona schlürfte schweigend ihren Kaffee.

„Übrigens.“, bemerkte sie, „Im Briefumschlag lag nur ein leeres Blatt.“

Gustav schaute sie verwundert an. Eine Weile lang schwiegen beide und dachten über den gestrigen Abend nach.

„Lass uns durch die Stadt bummeln und in aller Ruhe über diesen Text nachdenken.“, schlug er ihr vor. Sie nickte enttäuscht. Eigentlich hatte sie erwartet, dass er sie gleich wieder verführen würde. Gustav hatte aber längst das Schriftstück zur Hand statt ihre kleinen Brüste. Doch der rätselhafte Text war ja auch ziemlich aufregend und so zogen sie gemeinsam durch Florenz.

Ins kleine Altstadtviertel der Buchhandlung wollten sie diesmal nicht. Mit einer Schrotflinte oder der Polizei wollten sie nichts zu tun haben. Sie wollten Ruhe.

In einem schattigen Park setzten sie sich auf eine Bank.

Gustav kaufte am nahen Kiosk zwei Becher Fruchtsaft.

„Hilft auch gegen die Aufregung!“

Er legte seinen Arm um ihre Schulter und sagte:

„Ich weiß, was der Text bedeutet. Das königliche Tier mit einer Krone ist der Hirsch. Kein Zufall, wenn genau in diesem historischen Dokument eine Geheimschrift versteckt wurde. Als 1696 der Kurfürst den Hirsch erlegte, wanderte das Geweih mit samt dem Schädel in sein Jagdschloss nach Königswusterhausen, südlich von Berlin.“

Ramona sah ihn erstaunt und etwas bewundernd an.

„Du bist wirklich ein schlauer Typ.“, sagte sie, „Woher du solche Dinge weißt, ohne ins Internet zu schauen?“

„Du weißt, dass ich eine Bibliothek besitze. Dort verfüge ich über viele tausend Bücher, ohne dass ich Romane und Ratgeber als Bücher bezeichne. Die Hälfte davon sind Werke über Geschichte und Kultur. Und stell dir vor, mein kleiner Hasenpups, ich habe sie auch gelesen. Sogar Lexika lese ich und es bereitet mit Vergnügen.“, antwortete er mit betonter Bescheidenheit.

„Nenne mich nicht ständig Hasenpups! Scharfes Bondgirl würde mir besser gefallen, wenn überhaupt!“

Ramona stieß dabei ihren Ellenbogen in seine Seite.

„Schon gut, Raaamooonaaa!“, lachte er auf.

Dann wurde er aber gleich wieder ernst und sortierte seine Gedanken weiter:

„Es geht offenbar um eine alte Bibliothek, vielleicht eine bedeutende Sammlung von Schriftrollen aus der Antike. Auf jeden Fall ist sie verborgen und ich glaube, dass es eine Art von Karte gibt, womit man sie finden kann.

Der Hirsch verschlang die Wege, nachdem er gestorben war.

Die Karte wurde im Maul oder im Schädel des erlegten 66-Enders versteckt.“

„Wie jetzt? In Königswusterhausen?“, unterbrach Ramona aufgeregt.

„Nein, nein. Kurfürst Friedrich hatte einen Sohn, der die Soldaten mehr liebte, als die Jägerei und die Jagdtrophäen. Seinen Sohn kennen wir unter dem Namen Friedrich Wilhelm I., auch genannt der Soldatenkönig. Ich glaube, 1728 schenkte er das Geweih dem Sachsenkönig August dem Starken. Der hängte es in sein eigenes Jagdschloss in Moritzburg. Dort kann man es noch heute im Saal der Monströsensammlung besichtigen. Und genau dort sollte man suchen.“, erklärter er.

„Schloss Moritzburg bei Dresden!“

Über Ramona Gesicht huschte ein Anflug von Schatzsuchermentalität. Ihre Augen glänzten vor Begeisterung und sie streichelte Gustav's Oberschenkel, was sie sonst nie tat.

„Höre zu, Ramona! Wir sind hier, weil wir beide gemeinsam eine Urlaubsreise machen wollten. Und das können wir immer noch. Das Buch allein ist eine schöne Rarität für meine Büchersammlung und das handgeschriebene Schriftstück ist fast ein Museumsstück. Eigentlich hatte ich als nächstes Ziel Rom geplant.“, bemerkte er.

„Doppelzimmer oder getrennte Betten?“, fragte sie.

Ramona grinste.

Gustav errötete wieder. Wäre er nur nicht auf dem Gebiet der Verführungen immer so peinlich und leicht durchschaubar gewesen. Er ärgerte sich darüber, dass er immer gleich rot wurde wie ein kleines Schulmädchen. Verdammte Schulmädchen!

„Schöne Zimmer habe ich gebucht.“, antwortete er bockig. „Es geht darum, dass wir, sollten wir uns für die Suche nach dieser geheimnisvollen Bibliothek entscheiden, nach Dresden müssen und unseren Urlaub vergessen können. Nichts mit einer Verlobungsreise zweier Jungverliebten, mein Schatz!“, sagte er.

Nun errötete Ramona. Natürlich konnte sie nicht verleugnen, dass ihr der gestrige Abend Vergnügen bereitete. Sie hatte wohl auch etwas laut gestöhnt vor Wonne. Verdammte Zunge!

„Eine verschollene Bibliothek!“, grübelte Gustav fassungslos.

„Das ist unglaublich!“, pflichtete Ramona bei.

„Es gab schon immer Gerüchte darüber. Wer immer solch eine Bibliothek entdeckt, geht in die Geschichte ein.“, erklärte er.

„Und wir haben einen echten Hinweis gefunden. Das ist aufregend!“, freute sich Ramona und umklammerte seinen Arm.

„Vielleicht gibt es über mich auch einmal ein Buch, als Entdecker der verschollenen Bibliothek.“, schwärmte Gustav.

„Das wäre großartig!“

Beide saßen nun für ein paar Augenblicke schweigend und etwas berührt nebeneinander.

„Dresden ist auch schön und dort bekommen wir bestimmt ein gemeinsames Zimmer. Lass uns nach der Karte suchen, Gustav. Ich verspreche dir, dass ich nicht enttäuscht bin, falls wir am Ende nichts entdecken. Sind wir beide spontan oder was?“, unterbrach Ramona schließlich ihr Schweigen.

Gustav sah sie erfreut an und küsste sie spontan mit einem lauten Schmatz.

„Wir sind spontan! Auf nach Dresden!“, rief er.

Fest hielten sie sich in den Armen. Noch nie empfanden sie so viel Gemeinsamkeit und Zweisamkeit miteinander.

„Deutschland ist viel gesünder für uns. Die kleinen Italiener nerven sowieso und alles ist hier abartig kitschig. Wie kann man hier nur Urlaub machen? Verdammte Touristen!“, sagte Gustav und lächelte, zufrieden mit sich und der Welt, als wäre er mit seiner großen Liebe im romantischen Urlaub im schönen Italien.

Ramona lächelte auch leise in sich hinein. Sie war längst in Abenteuerstimmung.

„Eine verborgene Bibliothek!“, rief sie.

„Stell dir vor, was dort für Schätzen liegen können!“, bestätigte er aufgeregt.

„Verschollene Bücher, Schriftrollen vom Toten Meer, historische Aufzeichnungen!“, sagte Ramona und ihre Augen funkelten wild.

„Der größte Schatz dieser Welt ist das Wissen und wir gehen auf die Suche danach. Ein fantastische Geschichte, die uns passiert. Doch erst einmal müssen wir diese mysteriöse Bibliothek finden und darauf hoffen, dass es sie tatsächlich gibt.“, versuchte er ihre Begeisterung etwas zu dämpfen. Für seinen Geschmack war sie viel zu euphorisch.

„Ich habe daran keine Zweifel!“, erwiderte sie. Ramona war in Hochstimmung.

Anschließend verbrachten sie den Tag mit ausgedehnten Spaziergängen. Überall fanden sie Hinterlassenschaften der Medici. Gustav prahlte ein wenig mit seinem Wissen. Erklärte seiner Begleiterin die Geschichte der Adelsfamilie, die über mehrere Generationen Florenz beherrschte. Wie sie den großen Michelangelo als jungen Künstler förderten und dieser seinen monumentalen David mitten in Florenz aufstellte. Schließlich gelangte er mit seinem Referat zum Petersdom in Rom und zum Papst Julius II. und seine Nachfolger.

„Oh Gott!“, stöhnte Ramona, als Gustav gerade begann über das Grab des Petrus zu sprechen und wie Petrus der Jünger von Jesus wurde.

„Du musst nicht Gott zu mir sagen! Ein einfaches Gustav oder Liebling würde mir ausreichen.“, konterte er in bester Laune. Ramona verdrehte ihre Augen. Zu viele Informationen!

„Was hast du, mein Hasenpups? Geschichte fasziniert mich ungemein. Hier ist an jeder Ecke die pure Geschichte in Stein gemeißelt. Das ist, als lese man ein spannendes Buch über Meisterwerke des 15. und 16. Jahrhunderts.“, rechtfertigte er sich.

Verständnisvoll schmunzelte Ramona.

„Schon gut, mein Lieber! Ist ja alles auch für mich sehr spannend. Aber ich fühle mich etwas unterbelichtet, wenn du so mit Wissen um dich schmeißt.“, sagte sie.

„Du und unterbelichtet? Also bitte! Du weißt so viele andere Dinge, die mir unbekannt sind. Außerdem würde ich einer ungebildeten Tussi keine Vorträge über Kunstgeschichte halten. Das wäre, als wenn man guten Samen auf unfruchtbaren Boden wirft.“, meinte er in lieber Aufmunterung, merkte aber gleich, dass seine Formulierung nicht ankam. Ramona blieb prompt stehen.

„Deinen Supersamen auf meinen unfruchtbaren… was?“, fluchte sie.

„Eben nicht! Das wollte ich nicht sagen. Ich meine nur, dass du fruchtbar bis für meinen Samen, äh, ich meine, fruchtbar süß bist du und so klug…“

„Gustav!“, schrie sie, „Vielleicht bin ich ja furchtbar süß, aber nicht fruchtbar süß, Idiot! Wohl wieder zu lange kein sexuelles Abenteuer mit mir gehabt? Du sprichst wirres Zeug! Nur weil ich deine Geschichte der Medici nicht auswendig im Kopf habe, bin ich noch lange keine dumme Tussi!“

Sie nahm automatisch eine Haltung an, als würde sie jeden Moment angreifen. Gustav hatte ein wenig Angst vor ihr.

„Aber Ramona, das habe ich doch gar nicht gesagt. Ich finde wirklich nicht, dass du eine dumme Tussi bist, ganz ehrlich. Du bist eine sehr kluge Tussi, äh… natürlich nicht Tussi, sondern nur sehr klug.“, stotterte er.

Ramona schnaubte vor Wut.

Sie trug nie ein Handtäschchen bei sich, wie es die anderen Tussis tun und konnte daher auch nicht damit auf Gustav einschlagen. Und sie hätte gerne auf ihn eingeschlagen.

Sie entschied spontan, möglichst bald eine Handtasche zu kaufen.

Ramona war beleidigt und gekränkt und überlegte, ob sie ihn einfach stehen lassen sollte. Gustav trat einen beherzten Schritt auf sie zu.

„Ich liebe dich, Ramona. Und ich liebe dich, weil du witzig und motivierend bist, gebildet bist in aller Vollendung und weil du das Beste bist, was mir jemals in meinem Leben passiert ist.“, gestand er im Tonfall einer Beichte.

Ihre Wut verflog augenblicklich und Gustavs Worte durchfluteten ihre Brust wie warme Schokolade mit einem Schuss Whisky. Plötzlich liefen ihr die heißen Tränen aus den Augen, die noch Sekunden zuvor voller Angriffslust funkelten. Dabei hatte sie vor anderen Menschen noch nie geweint.

„Ich bin keine Tussi, weil ich gar keine Handtasche trage.“, schniefte sie trotzig. Gustav nahm ihr verweintes Gesicht in seine Hände und küsste sie erst auf die Stirn, dann auf ihre Tränen.

„Ich bin so erbärmlich, dass ich mit Bücherwissen meine Mitmenschen beeindrucken will. Die Wahrheit ist: Ohne dich bin einfach nur ein Niemand.“, hauchte er ihr ins Ohr. Ramona schluchzte herzerweichend. In seinen Armen fühlte sie sich aber getröstet und geborgen. Sie merkte nicht, wie von Tränen verschmiert die Augen von Gustav waren.

Viele Stunden verbrachten sie in den Straßen, Parks und Restaurants. Dann gingen sie zurück ins Hotel. Beide hielten sich bei den Händen. Beide vertrauten einander und beide waren schweigsam. Waren sie doch verliebt?

An der Rezeption empfing sie der Direktor persönlich.

Tief betrübt gestikulierte er und entschuldigte sich gleich in drei Sprachen. Diebe waren tagsüber im Hotel und in ihrem Zimmer wurde eingebrochen.

„Was für ein Unglück, auch für mein Hotel. Wir haben noch nichts getan und wollten erst warten, bis die Herrschaften zurück sind. Nur Ihr Zimmer, mein Herr, wurde durchsucht und wir müssen jetzt feststellen, was fehlt.“, jammerte der Direktor betroffen.

Glücklicher Weise trug Gustav sein Buch im Rucksack stets bei sich. Er wusste gleich, was man in seinem Zimmer gesucht hatte. Ihnen bot sich ein Bild der Verwüstung. Alles war durchwühlt, nichts an seinem Platz. Der Direktor des Hotels wollte nun die Polizei rufen, um den Einbruch zu melden.

„Nein!“, sagte Gustav entschieden. „Es wurde ja nichts gestohlen und die Polizei ist für alle Hotelgäste eine ziemliche Belästigung. Die würden das Personal verhören und auch die übrigen Gäste. Sie würden fragen, warum am hellen Tage die Diebe im Hotel ein und ausgehen. Lassen Sie einfach hier wieder aufräumen. Außerdem wollten wir sowieso abreisen. Beeilen Sie sich bitte!“

Sein Blick erfasste Ramona. Sie stimmte wortlos zu. Sie mussten schnell verschwinden, bevor schlimmere Sachen passieren würden.

Bereits eine Stunde später fuhren sie mit ihrem Kleinwagen in Richtung Norden.

Richtung Norden

Richtung Norden - Alpenrausch

Die Nacht breitete sich zügig aus. Sie sprachen nicht viel und beide hingen in ihren Gedanken fest. Endlich fanden sie eine kleine Ortschaft mit Hotel.

„Wir werden hier übernachten und früh weiterfahren. Sicherlich schaffen wir es morgen sogar bis Dresden.“, schlug Gustav vor.

Unsicher legte Gustav beide Pässe an der Rezeption vor.

„Möchten Sie ein Doppelzimmer oder getrennt?“, fragte der Inhaber.

„Ein Doppelzimmer und nur für diese Nacht bitte.“, antwortete Ramona kurz entschlossen, „Könnten wir schon um 6 Uhr frühstücken und anschließend gleich weiterreisen? Dankeschön!“

„Selbstverständlich, meine Dame. Falls Sie zum Abend speisen möchten, dann empfehle ich unser Restaurant, was noch geöffnet hat.“, entgegnete der freundliche Inhaber.

Zum Essen bestellten sie wieder reichlich den lokalen Rotwein. Davon verstanden die Italiener wirklich etwas.

„Glaubst du, dass es der falsche Rigonaldos war, der in deinem Zimmer das Schriftstück suchte?“, fragte Ramona.

„Sollte es der tote Mann gewesen sein, dann würde ich wohl Panik bekommen. Stell dir aber vor, es gäbe noch andere Leute, die nach dem Schriftstück und somit nach der mysteriösen Bibliothek suchen. Das wäre gruselig. Es kann nur der alte Mann gewesen sein, der als Rigonaldos mir das Buch verkaufte und dann Briefe schrieb, um es wiederzuerhalten. Machen wir uns keine Sorgen, denn Florenz liegt weit hinter uns und niemand weiß, wo wir sind und wohin wir fahren.“, antwortete Gustav, der genüsslich seinen Wein trank.

Damit war auch für Ramona die Antwort schlüssig und abschließend. Gustav konnte wirklich alle Zweifel von ihr nehmen.

Schnell waren die Gedanken über die geheime Bibliothek und über den falschen Rigonaldos verblasst. Gustav begann zu schäkern:

„Wir haben etwas vergessen. Ich wollte dir in Florenz noch eine schmucke Handtasche kaufen, mein kleiner Hasenpups.“

Auch Ramona lachte.

„Und du nennst mich unsensibel, du Irrer! Irgendwie erkenne ich einen gewissen Irrsinn in deinem Blick. Leidest du wieder unter akuter Sexnot? Kann man so etwas nicht behandeln lassen? Brauchst du einen Arzt? Vielleicht einen Spezialisten? … Dann zum Wohle!“, sagte sie vergnügt.

Sie strich sich ihr Haar hinter das Ohr und schaute provozierend Gustav an.

„Gut, lass uns ins Zimmer gehen. Dann zeige ich dir, wie groß meine Not ist!“, sagte er, griff ihre Hand und eine Flasche Rotwein und zog sie lächelnd mit sich.

Verfluchter Notstand!

Im Zimmer streifte Gustav sich die Kleider ab und ging ins Bad.

„Ich möchte schnell noch duschen, aber in meiner Sexnot werde ich mich beeilen!“, rief er ihr zu.

Er drehte das warme Wasser auf und entspannte sich. Die Seife umschäumte wild seinen Körper, als er ihre frechen Hände spürte. Dann schmiegte sich nackte Haut an seinem Leib. Endlich spülte das Wasser die Seife aus seinen Augen, die nun einen freien Blick auf Ramona hatten. Das Wasser perlte von ihrer Haut, wie von den Blättern einer Lotuspflanze. Und wie die Lotusblüte strahlte ihr Lächeln.

„Der Doktor, der deine Not und deinen Irrsinn behandelt, kommt später. Ich soll dich erst einmal waschen, denn der Doktor mag keine Schmutzfinken.“, sagte sie auffordernd und begann mit Seife seinen Körper zu benetzen.

„Die Problemzonen soll ich besonders gründlich waschen.“, kommentierte sie ihr Treiben. Genüsslich massierte sie seinen Hoden, der sich kichernd zusammenzog. Sein erwachtes Glied wurde steif und fest, zuckte und schien selbst zu stöhnen. Ramona nahm seinen unbändigen Penis in ihre Hand. An ihren Hintern spürte sie, wie seine Hand zwischen ihre Pobacken glitt.

„Ich habe Problemzonen?“, fragte Gustav leise, sehr kurzatmend und stöhnend.

„Das sage ja nicht ich, sondern Doktor Schmutzfink.“, war ihre Antwort.

Schon hockte Ramona sich nieder, grub ihre Hände in seinen Hintern und saugte so leidenschaftlich, dass es fast um Gustav geschehen war. Er wollte nicht so schnell kommen. Rechtzeitig hob er sie hoch und küsste sie wild. Dann drehte er die Dusche zu, trocknete sie flüchtig ab und trug sie ins Bett.

„Jetzt beginnt aber meine Therapie!“ flüsterte er und begann. Er ließ keinen Zentimeter ihrer Haut aus, schmeckte ihren Leib voller Erregung und verweilte in köstlicher Verzückung zwischen ihren Schenkeln.

Später wälzten sich beide Leiber in aufgeheizter Verschlungenheit. Zum ersten Mal drang Gustav in sie ein und Ramona nahm ihn in sich auf, konnte jede seiner Zuckungen genießen. Gustav schwebte im Paradies, hatte seine Liebe endlich im Arm und war mit ihr in berauschender Vereinigung. Die Sinne folgten nun ihren Bestimmungen. Ramona hatte alle Hemmungen fliegen lassen, gab sich dem Liebesspiel völlig hin. Sie vergaß das Universum, was sie umgab. Sie hätte sonst darauf geachtet, dass sie in einem Hotelzimmer waren und ihre Vernunft hätte sie der Züchtigkeit unterworfen. Doch nun schwammen ihre Sinne in einem Rausch, der alles vergessen ließ. Die Vernunft unterliegt immer dem Rausch. Ramona war rauschig.

Wären ihre Sinne nüchtern gewesen, hätte sie sich niemals fallen gelassen und sie hätte niemals ihre Beherrschung verloren. Doch Ramona wurde von ihren Sinnen getrieben. Nichts um sie herum existierte mehr und nichts hatte eine Bedeutung. Wäre ein Dinosaurier durch ihr Zimmer gestiefelt, hätte sie nur einen flüchtigen Blick darauf geworfen. Abgelenkt wäre sie davon allerdings nicht gewesen.

Der rasante Rausch war wichtiger. Laut schrie sie ihre Lust heraus. Bebend erlebte sie ihren Höhepunkt. Außer Atem krallte sie sich an Gustavs Leib und ließ danach ihren Rausch mit seltsamer Leichtigkeit verebben. Nur langsam nahm sie wieder ihre Umwelt wahr. Allmählich kam auch die Vernunft zu ihr zurück, als schwebte sie von weit her in sie hinein.

Nur ein Orgasmus konnte diesen Zustand erzeugen. Ramona hätte es selber nicht beschreiben können, denn dafür fehlten in jeder denkbaren Sprache die passenden Worte. Inzwischen schlug ihr Herz wieder langsamer und ihr Atem wurde gleichmäßiger. Die Wellen wurden sachter und sachter, der Sturm war vorbei.

Ein wenig flackerten noch Ramonas Augen, suchend nach stabiler Orientierung. Sie hatte einen Orgasmus verspürt, der an Heftigkeit kaum zu überbieten war.

Gustav war nass geschwitzt, auf seiner Haut rollten glitzernde Perlen kreuz und quer und er rang nach Atem. Gäbe es glückliche Sterne, dann funkelten sie in diesem Moment in seinen Augen. Als sie gerade zärtlich ihre Vereinigung lösen wollten, klopfte es an ihrer Zimmertür.

„Nein!“, raunte Ramona und wollte Gustav daran hindern aufzustehen. Doch er hatte sich schon von ihr gelöst und einen Bademantel übergestreift.

Er öffnete.

Vor ihrem Zimmer stand ein unbekannter Mann mit tadelndem Blick. Es war ein Engländer, nicht nur wegen seines Bauches, sondern wegen seiner britischen Aussprache:

„Hier gibt es Hotelgäste, die schlafen wollen. Würden Sie bitte ihre Geräusche mildern. Meine Frau und ich gönnen es Ihnen von Herzen, aber nicht in dieser Lautstärke. Wir möchten ja nur schlafen! Trotzdem noch schöne Flitterwochen, oder sonst, was Sie hier treiben. Gute Nacht!“

Und als er losging, konnte er es sich doch nicht verkneifen und drehte sich nach Ramona um. Sie saß mit offenem Mund im Bett und hatte vor Schreck vergessen sich zu bedecken. Irgendwie konnte der elende Engländer nicht verstehen, wie aus einer so zierlichen Frau so gewaltige Geräuschen kommen konnten.

Gustav schloss die Tür und schaute Ramona mahnend an.

„Würdest du bitteschön deinen liebreizenden Körper verhüllen, wenn die netten Nachbarn uns einen Besuch abstatten? Und mache endlich deinen Mund zu, mein kleiner Hasenpups.“

Er reichte ihr den Wein und setzte sich zu ihr ins aufgewühlte Bett, nahm sie von hinten in seine Arme und streichelte ihren warmen Bauch.

„Es war nur ein Brite, der neidvoll seiner Neugier nachging. Wahrscheinlich pflanzen sich die Briten anders fort. Ich meine, die vermehren sich bekanntermaßen ohne Sex und ohne jeden Spaß.“, sagte er lächelnd.

Ramona drehte sich zu ihm um und fragte sehr ungläubig:

„Habe ich etwa laut gestöhnt? Wie konnten die das nebenan hören? Stehen die am Schlüsselloch vor unserer Tür, oder was?“

„Nun, ich würde das auch nicht

stöhnen

nennen, Schatz, aber du hast eine kräftige und durchdringende Stimme, wenn du schreist. Sehr wohlklingend, eigentlich nicht störend. …Manche Menschen stören sich sogar an den Glöckchen zum Weihnachtsabend und andere Menschen stören sich an dem lieblichen Gesang der Engel. Ich hätte gesagt, dass es nicht mehr als ein leises Säuseln war, eine berauschende Sinfonie aus einer weiten Ferne, ans Ohr getragen von süßer Frühlingsluft…“, verkündete er.

„Also habe ich gebrüllt! Warum sagst du es mir nicht? Sinfonie aus weiter Ferne, du Spinner! Als Mann ist es deine Aufgabe mir zu sagen, wenn ich ausnahmsweise mal schreie. Und sage es mir, bevor die Nachbarn aufwachen!“, schimpfte Ramona.

„Jawohl, mein Weihnachtsglöckchen!“

Zeitig standen sie auf und versuchten mit der heißen Dusche die Müdigkeit zu vertreiben. Sie hatten zu wenig geschlafen. Ramona trieb Gustav zur Eile an, denn sie befürchtete ein Zusammentreffen mit ihren Zimmernachbarn.

Um 8 Uhr saßen sie bereits im Auto und fuhren los. Ihre Vertrautheit war in der letzten Nacht gewachsen. Waren sie doch füreinander bestimmt? Egal, denn jetzt waren sie gemeinsam auf der Suche nach einem Geheimnis. Abenteuerlust!

Sie fuhren ohne Pause durch die Alpen. Die grandiose Landschaft zog an ihnen vorbei, ohne eine Beachtung zu finden.

Ramona überkam Müdigkeit. Die Berge, Täler und Straßen verschwanden und machten Platz für Bilder vom vergangenen Abend. Sie sah Gustav, wie er ihren Körper fast kultisch eroberte. Zelebrierte Erotik. Es war ein schöner Traum. Sie sah, wie er plötzlich hoch schreckte und zur Tür rannte, sie öffnete und ein alter Mann ins Zimmer trat.

Gustav verschwand. Sie lag nackt im Bett, unfähig sich zu bekleiden oder wenigstens zu bedecken. Schweigend trat der Alte an ihr Bett und sah sie aufmerksam an. Ängstlich versuchte sie nach Gustav zu rufen, doch kein Laut drang aus ihrer Kehle. Panik und Ohnmacht.

Gustav fuhr sicher das Auto über die Pässe des Gebirges. Neben ihm war Ramona eingenickt. Er lächelte. Was für eine wundervolle Frau sie war. Er hätte sie streicheln wollen, sie in die Arme nehmen und ihren Schlaf bewachen. Doch er lenkte das Fahrzeug und wollte zeitig in Dresden ankommen. Seine Gedanken blieben am letzten Abend hängen. Konnte sein Glück noch größer sein?

Dann entdeckte er im Rückspiegel ein Gesicht. Zuerst nur schwach und schimmernd, doch dann ganz deutlich. Nur eine Täuschung?

Es war das Gesicht eines alten Mannes. Gustav hatte diese traurigen Augen schon gesehen, ... in Florenz. Er hatte den Alten barfüßig durch viele Straßen verfolgt und dann doch verloren.

Ganz sicher saß er in diesem Moment nicht auf dem Rücksitz seines Autos! Er schaute erneut in den Rückspiegel. Gustav konnte plötzlich seinen Blick nicht mehr von diesen traurigen Augen abwenden. Etwas erfasste sein Gemüt. Ein sonderbares Gefühl. Er hatte Mitleid mit der Person, dem diese Augen gehörten.

„Wach auf! Jetzt!“, rief eine Mädchenstimme in seinem Kopf.

Panisch riss er das Lenkrad herum und trat mit aller Kraft auf die Bremsen. Das Auto schleuderte gegen die Leitplanke, ließ Funken sprühen und Reifen quietschen. Ramona erwachte und schrie.

Ihr Fahrzeug war längst von der Fahrbahn geflogen und rutschte vor einem Abgrund an einem knorrigen Baum.

Benommen stiegen beide aus dem zerbeulten Auto, torkelten kurz und ließen sich zu Boden sacken.

„Gustav, bist du eingeschlafen?“, röchelte Ramona.

Vor ihnen lag ein Abhang, steil und schwindelerregend und führte senkrecht hinab ins Tal. Es wäre ein wundervoller Ausblick gewesen.

„Verdammt! Das war knapp!“, sagte Gustav.

„Knapp?“, schimpfe Ramona, „Einen Meter weiter und wir wären noch immer im Flug. Gustav, verdammt, das war nicht knapp, sondern großer Mist!“

Gustav nickte. Sie hatte absolut Recht. Wie konnte er so leichtsinnig sein?

Nachdem sie verschnauft hatten, begutachtete Gustav das zerbeulte Auto. Scheinbar war es noch fahrbereit. Behutsam fuhr er den Wagen rückwärts die Böschung hoch, bis endlich die sichere Straße erreicht war.

Ramona wischte sich die blutige Nase ab. Sie öffnete ihre Bluse und suchte ihren Körper nach Verletzungen ab. Ein roter Bluterguss verriet, wo der Gurt gesessen hatte.

„Scheiße! Tut mir leid!“, hörte sie Gustav wimmern, der dicht neben ihr stand, „Wir machen jetzt regelmäßige Pausen, stündlich!“

Erst am Abend erreichten sie die barocke Stadt Dresden.

„Man nennt diese Stadt auch

Elbflorenz

. Sollte es ein Wink des Schicksals sein?“, bemerkte Gustav. Seit ihrem Unfall waren es seine ersten Worte.

„Bemühe nicht das Schicksal! Es war pures Glück, dass wir nicht in die Tiefe gestürzt sind und noch leben. Hast du eine Idee, wo wir übernachten?“, sagte Ramona erschöpft.

Sie war immer noch unter Schock und ihre Schulter schmerzte.

„Ich kennen einige Leute in Dresden.“, antwortete Gustav, „Wir sollten anfangs versuchen bei meinem Freund Johannes unterzukommen. Er lebt allein, hat eine großräumige Wohnung im Zentrum und er arbeitet, was wirklich Zufall ist, als Restaurator im Schloss Moritzburg.“

Ramona schaute ihn ungläubig an. Er lächelte.

„Stimmt wirklich! Wir haben uns vor vielen Jahren kennengelernt, bei einer Veranstaltung zum Thema:

Öffentlicher Umgang mit Privatsammlungen historischer Kunstwerke

.“, erklärte er. „Johannes ist auch Sammler alter Bücher und er half mir bei der fachgerechten Konservierung einiger Exemplare aus meiner Bibliothek. Er ist nett, hilfsbereit und er wird dir gefallen.“, fügte er hinzu.

„Sieht er gut aus? Wie alt ist er?“, fragte Ramona.

„Er sieht toll aus. Mach dir aber keine falschen Hoffnungen, mein kleiner Hasenpups. Johannes mag keine Frauen. Deshalb lebt er ja allein. Und für dich wäre er auch zu alt.“, gab Gustav zurück.

„Zu alt? Also wie du!“, sagte sie spitzfindig.

„Ich bin ein gereifter Jahrgang und nicht alt.“, kommentierte Gustav.

„Egal. Wir sollten über unser Reiseziel und der kleinen Schatzsuche kein Wort verlieren. Das sollten wir beide für uns behalten!“, befand Ramona.

Gustav stimmte ihr zu.

Dresden

Dresden – Goldenes Blut

Johannes war wirklich nett und freute sich sogar auf ihren unangemeldeten Besuch. Seine Wohnung war riesig und geschmackvoll eingerichtet. Das größte Zimmer beherbergte eine imposante Bibliothek. Gustav war verzückt, Johannes stolz und Ramona hungrig und durstig.

„Können wir nicht vorher ins Restaurant gehen, bevor ihr zwischen die Bücherregale verschwindet?“, schlug sie vor und Gustav bestätigte, dass sie seit dem Morgen nichts gegessen hätten.

„Ihr packt eure Sachen aus, erfrischt euch und ich bereite schnell das Abendessen zu. Ich könnte euch edlen Rotwein aus Deutschland anbieten. Aber wenn ihr von Wein die Nase voll habt, dann wäre ein lokales Bier auch möglich.“, entschied Johannes in liebenswürdiger Art.

„Wir trinken beides!“, rutschte Gustav heraus. Aber Johannes lachte zustimmend und zeigte ihnen das Zimmer. Mit eigenem Bad und, die Welt war gut, Doppelbett!

Erschöpft setzte sich Gustav aufs Bett und sah Ramona zu, wie sie die Taschen öffnete und kramte. Er winkte sie zu sich.

„Komm her, mein Hasenpups, und lass dich ein wenig verwöhnen.“

Ramona drehte sich um und sah ihn mürrisch an.

„Vergiss es, du Besessener! Hast mich heute fast umgebracht! Überall blaue Flecken! Die sind groß, wie dein blödes Buch! Kannst du dir vorstellen, wie es wehtut?“, sagte sie und streifte sich ihre Sachen ab.

Erstaunt musterte er ihre Flecken und Beulen, sprang auf und stürmte zu ihr.

„Tut mir leid! Sei mir nicht böse, mein Schatz. Ich weiß, dass ich zu übermüdet war und ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich dich ernsthaft verletzt hätte. Hast Du große Schmerzen? Kann ich etwas für dich tun? Was brauchst du, mein Schatz?“

Er wimmerte wie ein geprügelter Hund.

„Ist schon gut, Gustav!“, antwortete sie, „Erst einmal könntest du mir den Rücken einseifen, weil meine Schulter schmerzt und weil ich zu müde und faul bin, um mich selber zu waschen.“

Dann schlüpfte sie in die Dusche und Gustav folgte ihr schmunzelnd.

Bevor er mit seiner einfühlsamen Massage begann, mahnte Ramona:

„Aber heute Nacht muss ich mal wieder schlafen. Versprich mir, dass wir heute unser Bett dafür nutzen, wofür es eigentlich erfunden wurde. Einverstanden?“

Gustav nickte ohne Widerspruch.

„Gut, du Irrer, dann fang jetzt an!“, befahl sie und schloss ihre Augen.

Johannes war ein großartiger Gastgeber und das Essen, der Wein und das Bier waren köstlich. Zwanglos beendeten sie ihr Mahl und plauderten in kleiner Runde.

Bislang unterhielten sie sich über belanglose Dinge. Ramona hatte schon ein paar Gläschen getrunken und wollte nun wissen, wo Johannes seine Frau sei oder ob er etwa ledig wäre, trotz seiner Vorzüge und seiner liebenswürdigen Art.

Gustav räusperte sich und sah Ramona strafend an. Ihre Zungenspitze konnte er deutlich erkennen. Kleines, süßes Miststück!

„Johannes, jeder Frau wäre glücklich mit einem so perfekten Mann!“, säuselte sie vergnügt, ohne auf Gustav zu achten.

Johannes lächelte freundlich und erklärte ihr, dass er eigentlich Männer lieber habe. Für eine feste Beziehung wäre er inzwischen auch zu alt und festgefahren.

„Nun, meine Liebe, ich könnte es nicht ertragen, wenn mein Partner meine Bücher durcheinander brächte. Er müsste schon so ein hübscher Buchliebhaber sein wie dein Geliebter. Aber Gustav steht nicht auf Männer. Das hatten wir gleich damals geklärt.“, erklärte Johannes in leichter und liebenswürdigster Form.

„Sei nicht so neugierig, Ramona! Du machst unseren Gastgeber verlegen.“, warf Gustav ein und er überlegte, wie er das Gespräch in eine andere Richtung bringen konnte.

„Ihr macht mich nicht verlegen. Du, mein Gustav und ich, wir sind seit so vielen Jahren befreundet. Und über deine Ramona hast du mir so viel erzählt. Ich meine, dass ich sie fast so gut kenne wie dich.“, sagte Johannes lächelnd.

„Was hat denn dieser Irre über mich erzählt?“, fragte Ramona überrascht. Neugier befiel sie.

Gustav rutschte unruhig hin und her.

„Eigentlich nichts. Ich habe vielleicht hin und wieder, …erzählt habe ich ja nicht viel…“, stammelte er, ohne dass weder Ramona noch Johannes zuhörten.

„Oh, meine Liebe, er spricht fast ausschließlich von dir. Er betet dich an und ich finde, dass er nicht übertrieben hat. Ihr seid wirklich ein bezauberndes Paar und ich freue mich, dich endlich persönlich kennenzulernen.“, erklärte Johannes und prostete Ramona freundlich zu.

„Ja, ich freue mich auch.“, sagte sie lächelnd.

„Und er betet mich an, ja?“, fügte sie skeptisch hinzu.

„Wie ein liebestoller Iltis! Manchmal hat er auch geflucht über dich, aber nur, weil du so keine Lust auf Sex hattest. Aber wie ich erst hörte, das war aber ganz unbeabsichtigt von mir, hat sich das ja inzwischen geändert. Eure Liebe war ja nicht zu überhören. Das ist schön für euch beide.“, antwortete Johannes.

Ramona errötete und Gustav war aufgesprungen.

Vorwurfsvoll schaute er auf Ramona hinab.

„Musst du auch immer so laut dabei sein, mein Hasenpups?“

„Gustav!“, schrie sie, „Du solltest mich davor bewahren. Das ist mir unglaublich peinlich! Tut mir leid, Johannes, aber Gustav ist ein Irrer, der mir Angst macht und dann schreie ich manchmal, aber wirklich nur vor Angst und ein bisschen aus Spaß.“, versuchte sie sich zu rechtfertigen.

„Und Spaß hattest du reichlich, mein Honigbäckchen!“, grinste Gustav.

Es klang ein wenig nach Triumph. Selbstgefälliger Mistkerl!

„Und so ganz geräuschlos bis du ja auch nicht. Du solltest dir mal dabei zusehen.“, schimpfte sie.

Johannes schaltete sich ein, um den kleinen Streit zu schlichten.

„Wegen mir müsst ihr euch nicht zanken. Es ist schön, wenn zwei Liebende unter meinem Dach lieben.“

„Das, was dieser Irre mit mir macht, ist keine Liebe, sondern Besessenheit.“, fauchte sie.

Unangenehmes Schweigen machte sich breit.

Ramona war sauer, weil sie sich ihrer Paarungslaute schämte. Gustav war sauer, weil Ramona ihre Liebe zueinander verleugnete und Johannes schwieg einfach nur, weil er gerne angespannte Situationen beobachtete.

„Ich liebe dich trotzdem, mein Schatz!“, beendete Gustav das unschöne Schweigen.

„Wir sollten viel lieber darüber reden, was wir in Dresden und der nahen Umgebung uns ansehen könnten. Außerdem brauchen wir morgen ein Hotel, denn wir haben vor, ein paar Tage zu bleiben.“

Doch Johannes wehrte gleich ab und bestand darauf, dass sie beide in seiner Wohnung bleiben müssten. Er holte auch sofort einen Wohnungsschlüssel und legte ihn freundlich auf den Tisch.

„Und wenn es euch interessiert, dann besucht mich in Moritzburg. Ich nehme mir gern die Zeit und mache eine persönlich Führung für euch durch das Schlossarchiv.“, sagte er.

Gustav und Ramona schauten sich verschwörerisch an.

„Oh ja, in Moritzburg war ich noch nie!“, sagte aufgeregt Ramona und klatschte in ihre Hände. „Und du Gustav, hast für die nächsten Tage eine wichtige Aufgabe! Fasse mich ja nicht an und halte deine Körperteile in Zaum.“, wandte sie sich eindringlich an Gustav.

Er schmunzelte.

„Jawohl, mein kleines Weihnachtsglöckchen!“

Die Nacht verlief ausnahmsweise ohne Zwischenfälle, auch ohne richtigen Sex und ohne Gebrüll. Als sie frühstückten, war Johannes schon fort.

„Du hast einen netten Freund und er verdient offensichtlich gutes Geld als Restaurator.“, bemerkte Ramona, „Hattet ihr beide mal ein Verhältnis? Los, sag schon!“

Gustav mochte nicht über solche Dinge reden.

Sie ließ jedoch nicht locker und nervte mit ihren Fragen.

„Höre mir zu, du neugieriger Hasenpups! Seit fast zehn Jahren versuche ich dich in mein Bett zu locken. Und nun, da wir endlich ein echtes Verhältnis begonnen haben, fragst du mich nach Affären, die ich mit Johannes gehabt haben soll? Konzentriere dich besser auf unser Verhältnis, denn das könnte unsere Zukunft sein.“, erklärte er.

Nachdenklich schlürfte Ramona ihren Kaffee.

Was meinte Gustav mit Zukunft? Irgendwie hatte sie keinerlei Gedanken darauf verschwendet. Ramona agierte meist aus ihren Bauch heraus. Ihr letztes Verhältnis war katastrophal. Er hieß Werner, sah ganz vernünftig aus und hatte einen muskulösen Körper. Er ging mehrmals die Woche ins Fitnessstudio, wo er sich auch Hormone spritzte. Im Bett war er eine Niete. Ramona vermutete, dass die Hormone nur den Muskeln dienten und die restlichen Organe schrumpfen ließen. Sein Gehirn war scheinbar schon völlig schwammig und er hatte die Allgemeinbildung eines Dackels. Damit konnte sie absolut nichts anfangen. Dummheit tat ihr sogar körperlich weh und Werner bereitete ihr Schmerzen. Nach wenigen Wochen jagte sie ihn raus und seit dieser Zeit lebte sie ohne sexuelle Abenteuer. Und dann kamen Florenz und Gustav, Rotwein und romantische Nächte. Ramona überlegte. Hätte sie vielleicht im letzten Jahr die Pille nicht absetzen sollen?

„Oh mein Gott!“, stöhnte sie und schloss die Augen.

„Du sollst mich nicht so nennen! Was ist los?“, fragte Gustav.

„Nichts, ich meine, ich weiß nicht, ob wir eine Zukunft haben. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“, antwortete sie unsicher.

Gustav glaubte, dass sie sich Sorgen machte, ob er und Johannes es miteinander getrieben hatten. Vielleicht hatte sie auch Angst wegen Aids.

„Ich hatte mit Johannes keinen Sex. Wir hatten darüber geredet und ich habe ihm erklärt, dass ich vorzugsweise auf Frauen stehe. Ganz simpel. Johannes wäre auch nicht der Typ, der ständig jeden an die Hose geht. Auf diesem Gebiet ist er konservativer als wir beide zusammen.“

Sie nickte und war trotzdem etwas abwesend in ihren Gedanken.

Ramona und Gustav spazierten später durch die Stadt. Sie mussten einige Sachen kaufen und landeten in einem riesigen Einkaufszentrum. Ramona brauchte ganz nötig bequemere Kleidung, denn für ein spontanes Abenteuer war sie nicht ausgerüstet.

Sie trug gern leichte Kleider und reizvolle Unterwäsche, doch nun suchte sie sportliche Sachen. Irgendwann fand sie auch eine Hose, die Gustav begutachten sollte. Er fand sie zwar geeignet und passend, mochte aber die leichten Sommerkleider lieber. Also kaufte Ramona eine hautenge Jeans und ein hübsches Sommerkleid zusätzlich. So stolperten sie durch unzählige Läden.

Vom Einkaufsbummel erschöpft, kamen sie spät zurück. Johannes war scheinbar noch unterwegs und die Wohnung leer. In ihrem Zimmer warf Gustav die Einkaufstüten auf das Doppelbett. Dann schmiss er seine Schuhe in die Ecke und zog sich die Hose aus.

„Mir gefallen die Schuhbacken, die mir richtig wehtun.“, stöhnte Ramona.

„Wer ist krank?“, fragte Gustav verwundert.

Ramona wurde rot, begann aber zu lachen. Verdammte Schuhbacken!

„Ist ja gut! Ich wollte nur sagen, dass mir die Schuhe drücken.“, sagte sie.

„Und weil du auf meinen Arsch geschaut hast, sind dir die Worte verrutscht!“, jubelte er fröhlich, denn er hatte sie wieder ertappt.

Ramona passierte es öfter, dass sie Worte verdrehte oder ganz falsch einsetzte. Es handelte sich dabei aber nicht um eine Art Sprachfehler, sondern um reine Nachlässigkeit. Ihre Gedanken waren meist schneller, als ihre Zunge es formulieren konnte. Während sie noch sprach, waren ihre Gedanken bereits schon beim nächsten Thema und so rutschten ihr hin und wieder einzelne Worte weit voraus.

„Eigentlich finde ich dein Kleid ziemlich hübsch und Schamlippen bunt.“, sagte sie einmal zu einer Freundin. Gemeinsam schlenderten sie durch ein Einkaufszentrum und unterhielten sich über ihre Kleidung und Kosmetik. Ihre Freundin wollte nur wissen, ob ihr Kleid auch farblich zum Lippenstift passen würde und Ramona wollte ihr erklären, dass das Kleid etwas zu bunt sei, der Lippenstift aber eine hübsche Farbe hätte, aber auch nuttig aussah. Während sie das sagte, dachte sie über Lippen nach. Ramona benutzte niemals Lippenstift. Ihre Lippen waren etwas schmal, doch schminken mochte sie sich nicht, denn sie empfand es als ein wenig nuttig. Ihre Freundin trug hingegen kräftige Farbe auf die Lippen und sah manchmal viel zu auffällig aus, als wolle sie sich jedem Mann anbieten. Das war schamlos. Eine anständige Frau sollte sich mit Schminke zurückhalten. Ramona dachte über ihre eigene Schamgrenze nach. Und so fügte sie ein Wort aus diesen Gedanken in den Satz des vorherigen Gedankens, den sie gerade aussprach, mit ein.

Aus

buntes Kleid

,

Lippenstift

und

schamlos

entstand dann:

„

Schamlippen bunt.

“

Darüber erschrak sie natürlich und ihre Freundin war schockiert, denn einen Sinn ergaben ihre Worte nicht.

Unglücklicher Weise passierte es ihr regelmäßig.

Statt „

Flugzeug“

sagte sie einmal „

Flugflirt

“, weil sie darüber nachdachte, dass ein langer Flug eine günstige Gelegenheit für einen Flirt sei. Schließlich saß man stundenlang nebeneinander, konnte auch nicht einfach gehen und war trotzdem nach jedem Flug wieder frei. Im Flugzeug waren Flirts ungefährlich und wenn man Glück hatte, saß dicht neben einem selbst ein attraktiver Mann. So sagte sie dann:

„Neulich war ich ziemlich erregt im Flugflirt, weil sich die Landung verzögerte.“

Alle lachten und Ramona verfluchte ihre Nachlässigkeit.

In Gustav seiner Gegenwart war es ihr egal und sie konnte darüber lachen.

„Dir tun also die Schuhbacken weh, ja?“, grinste er vergnügt.

„Ich habe nicht auf deinen Arsch geschaut, sondern an meine zarten Wangen gedacht.“, entgegnete sie lächelnd, verlegen und etwas verzweifelnd. Sie konnte nicht lügen.

„Dir gefallen also meine Pobacken?“, fragte er weiter und streckte ihr seinen Hintern entgegen. Ramona schnaufte.

„Vielleicht habe ich flüchtig und unbeabsichtigt draufgeschaut.“, erwiderte sie verlegen, denn Gustav konnte sie einfach nichts vormachen.

„Du musst einfach langsamer sprechen, mein Hasenpups. Spreche mir nach:

Mir tun die Füße weh und ich will die Schuhe schnell ausziehen. Lieber Gustav, dein Arsch ist übrigens geil und er gefällt mir sehr. Ich möchte deine Backen küssen.

“

„Das sage ich niemals!“, entschied Ramona stolz.

„Dann kann ich dir nicht helfen.“

Beide lachten.

Am nächsten Tag zogen Ramona und Gustav wieder in die Stadt. Dresden war in dieser Jahreszeit eine wahre Schönheit und sie schlenderten einfach nur so, ohne ein Geschäft zu besuchen. Sie überquerten die Elbe auf mehrere Brücken und es ging hin und her mit keinem festen Ziel. Irgendwann nahmen sie den Bus und fuhren die etwa 20 Kilometer nördlich zur Moritzburg.

Das barocke Jagdschloss lag malerisch auf einer Insel inmitten eines Sees. Massen von Touristen wurden abgeladen und ergossen sich in die Parkanlagen.

Eine Frau am Eingang telefonierte auf ihre Anfrage kurz und gab den Hörer an Gustav weiter.

„Ich bin gleich bei euch. Setzt euch doch einfach ins Restaurant im Innenhof und wartet dort auf mich.“, hörte er Johannes sagen und dann legte er auch schon wieder auf.

Das Wetter war mehr, als nur angenehm und ihre Stimmung war in Hochform. Immerhin hatten sie Urlaub.

„Zeit für ein frisches Bier vor barocker Kulisse, mein kleiner Hasenpups.“, sagte er und Ramona hakte sich fröhlich bei ihm ein.

„Hast du einen Plan, Mister Bond?“, fragte sie.

Gustav schüttelte mit dem Kopf.

„Mein einziger Plan bezieht sich darauf, wie ich mein heißes Bondgirl vernaschen kann. Am besten gleich!“, sagte er.

„Du bist nicht normal! Willst ja nur, dass ich wieder laut stöhne und alle es mitbekommen. Vergiss es!“

Beide lachten.

Nach einer Weile, die ihnen kurzweilig erschien, tauchte Johannes auf.

Gemeinsam gingen sie an den Gruppen von Touristen vorbei und besichtigten die prächtigen Schlossräume. Überall hingen Trophäen, in den Sälen, den Hallen und sogar in den Treppenhäusern. Meist waren es die Geweihe von Hirschen.

„Wo hängt denn das größte Geweih?“, fragte Ramona, als wäre sie auf Rekordjagd.

„Im Audienzsaal. Wir sind gleich dort. Da momentan der Speisesaal restauriert wird, wurden dort die mächtigen Geweihe vorübergehend ausgestellt. Aus Platzmangel liegen sie nur auf dem Fußboden.“, erklärte Johannes beflissen.

Der Raum war nicht besonders groß, aber voll gestellt mit Hirschgeweihen. Am Fußboden lagen gigantische Geweihe. Alle über 50 Enden zählend und zentnerschwer.

„Das wird leicht, denn die Hirschschädel liegen hier völlig ungesichert.“, flüsterte Ramona Gustav ins Ohr. Doch er konnte ihre Freude nicht teilen und zeigte nach oben. Dort hingen weitere Geweihe.

„Welches ist es?“, flüsterte sie.

Johannes erzählte unterdessen irgendetwas über die Baugeschichte des Schlosses und warum August der Starke genau hier seine Sammlung haben wollte, ohne dass sie beide richtig zuhörten. Als Johannes sich zu ihnen umdrehte, sah er, dass sie gespannt vor der Tür standen und ein bestimmtes Geweih anstarrten.

„Ach ja, der berühmte

66-Ender

aus Briesen! Darüber müsste Gustav ja alles wissen.“, sagte er.

Über der hohen Tür hing ein vergoldeter Schädel mit fast weißem Geweih. Im Hintergrund war eine Art Altar mit drei barocken Engeln gemalt. Gustav schaute Ramona an und begann zu erzählen:

„Er wurde durch den Kurfürsten von Brandenburg erlegt und später an den Sachsenkönig verschenkt. Diesen Hirsch bezeichnet man als monströs. Er ist sogar kleiner und leichter als die anderen Geweihe und gilt trotzdem als kapitalstes Rotwild aller Zeiten. Das Geweih ist wirklich etwas untypisch und beinahe schaufelartig. Trotzdem ist es ein echter Rothirsch. Erlegt wurde er am 16. September 1696 im Forst von Briesen. Dort steht genau an der Stelle des Abschusses ein historisches Denkmal, … vermutlich aus dem Jahr 1706 oder 1707. Es gibt zahlreiche Kopien, doch hier hängt das Original.“

„Stimmt. Und weil er mit seinen 66 Geweihspitzen unübertroffen ist, wurde sein Schädel damals vergoldet.“, ergänzte Johannes.

„Zum 200. Jubiläum, im September 1896, wurde er für ein paar Tage nach Briesen geschafft. So kam der Hirsch noch einmal an die Stelle zurück, wo er einst geschossen wurde.“, fügte Gustav hinzu.

Ramona und Johannes sahen sich an und bemerkten, wie Gustav tief in seinen Gedanken versunken war. Ramona fand die Trophäe ein wenig enttäuschend, obwohl es als einziges Stück vergoldet war. Außerdem hing der Schädel viel zu hoch und ohne Leiter kämen sie nicht heran.

„Sind denn die Geweihe mit einer Alarmanlage gesichert, so wie die alten Gemälde im Dresdener Zwinger?“, fragte Ramona.

Gustav stockte der Atem, doch Johannes schien sich nicht sonderlich über die Frage zu wundern.

„Nein. So wertvoll sind sie dann auch nicht. Aber das Porzellan ist streng gesichert, Meißener Porzellan für das Königshaus. Das ist wirklich wertvoll. Und dann die königliche Bibliothek! Dort dürfen keine Touristen hinein. Viel zu empfindlich!“

Anschließend führte Johannes sie durch die gesperrten Bereiche des Schlosses. Doch Ramona und Gustav schienen nicht recht interessiert zu sein.

Nachdem der Rundgang abgeschlossen war, entschuldigte sich Johannes, weil er sie wieder allein lassen musste.

„Wir sehen uns zum Abendessen bei mir. Leider muss ich wieder in meine Bibliothek. Aber ihr zwei habt sicherlich noch einen schönen Tag. Also dann, bis später!“

Wieder saßen sie im Schlossrestaurant und löschten ihren Durst. Es war ein heißer Tag.

„Hast du jetzt einen Plan, wie wir das Geweih mit dem Schädel untersuchen können?“, fragte sie. Gustav grübelte angestrengt.

„Sieht aber nicht aus, als stecke im Maul des Tieres irgendeine Schatzkarte,“ bemerkte Ramona verschwörerisch.

„In einer Stunde schließt das Schlossmuseum und alle Touristen sind fort. Vielleicht sollten wir uns irgendwo drinnen verstecken und nachdem die Reinigungsfirma fertig ist, uns das Hirschgeweih genau ansehen. Der Schädel ist vergoldet und wer weiß, was im Inneren versteckt ist.“, überlegte Gustav.

„Wie?“, fragte Ramona, „Schließen wir uns jetzt für ein paar Stunden ins Klo ein? Wenn es Reinigungsfirmen gibt, dann bestimmt dort!“

Gustav wiegte sein Haupt.

„Ich habe mir alles genau angesehen. Im Treppenhaus gibt es jenseits der Absperrung eine Nische, wo wir uns sicher verstecken können. Allerdings müssen wir geduldig sein. Nachdem die Reinigungskräfte fertig sind und bevor die Sicherheitsleute ihre Runden drehen, haben wir eine gute Chance. Ich schätze, nicht länger als 30 Minuten. Danach wird sicherlich die Alarmanlage eingeschaltet.“, meinte er skeptisch. Es war kein ausgereifter Plan.

„Nö. Mit dir allein in einer engen Nische? Erst spielen wir Verstecken und danach gibt es Doktorspiele! Ich denke, wir ziehen uns einfach die Kleidung der Reinigungskräfte über und tarnen uns. Dann müssen wir uns nicht ewig verstecken, du kommst nicht auf dumme Gedanken und wir hätten so auch mehr Zeit. Außerdem fallen Fensterputzer mit einer Leiter nicht auf.“, lautete Ramonas Fazit. Das war ein besserer Plan.

Gustav fand die Idee auch prima und gleich machten sie sich auf den Weg, um die Reinigungstrupps abzufangen. Da sie dank Johannes Führung auch die Personalbereiche kannten, fanden sie auf Anhieb die Umkleideräume. Ramona schlüpfte in einen Kittel und Gustav zwängte sich in einen engen Kombianzug.

„Sogar darin siehst du sexy aus!“, grinste Gustav und zupfte an Ramonas Kittelschürze.

„Kann ich leider nicht erwidern. Mit deinem Hosenanzug siehst du aus, wie eine Presswurst im Kunstdarm! Solltest du vielleicht immer tragen!“, antwortete Ramona und sie konnte sich ein eigenes Grinsen nicht verkneifen. In einer Kammer nebenan fand Gustav eine Aluleiter und beide liefen geschäftig durch die leeren Gänge. Die Touristen waren endgültig fort und nur ab und zu begegneten sie Putzfrauen. Niemand hielt sie auf.

Endlich hatten sie den Audienzsaal erreicht.

„Ich steige rauf und du hältst die Türen im Auge.“, raunte Gustav, als er flink die Leiter anstellte.

„Mach hin! Es sind drei Türen!“, schimpfte Ramona. Ihr Herz schlug heftig und die Angst steigerte sich.

Gustav stieg die Leiter hinauf und streichelte über das goldene Maul des Hirsches. Schnell tastete er den gesamten Schädel ab, untersuchte danach das Geweih nach Versteckmöglichkeiten. Nichts!

Ohne weitere Verzögerungen packte er das Geweih mit den Händen und rüttelte vorsichtig, als sich der goldene Schädel einen Spalt breit öffnete. Gustav bekam mit Mühe zwei Finger in die Spalte und zog aufgeregt ein altes Pergament hervor.

„Treffer!“, zischte er mit rasendem Herzen.

Schnell stopfte er es in seine Hosentasche und kletterte flink hinab.

Als er zu Boden sprang und Ramona seinen Fund zeigen wollte, erstarrte er.

Ein Mann mit dunklem Anzug hielt Ramona fest und verschloss ihren Mund mit seiner groben Hand. Seine Augen waren an Gustav geheftet.

„Sicherheitsdienst! Legen Sie ihren Diebstahl langsam auf den Fußboden und treten sie zurück.“, sagte er leise mit monotoner Stimme.

Ramona wehrte sich und versuchte sich aus ihrer Umarmung zu befreien. Doch mehr als ein Gewimmer kam nicht.

Der Mann drückte noch fester zu und fauchte ihr ins Ohr:

„Wenn ich jetzt loslasse, dann hältst du dein Maul und gibst keinen Laut von dir! Ansonsten kann es wirklich wehtun!“

Dann stieß er sie grob von sich. Ramona schlitterte in Richtung Gustav und ging fast zu Boden.

„Arschloch!“, rief sie.

„Komm her, mein Schatz. Stell dich hinter mich.“, sagte Gustav ruhig und mit fester Stimmer.

„Der ist kein Wachmann.“, fügte er hinzu.

„Kein Wachmann? Wer sind Sie und was wollen Sie von uns?“, fragte sie zornig.

Plötzlich zog der Mann im dunklen Anzug eine Pistole aus seiner Jacke und richtete sie eiskalt auf Ramona.

„Gib mir das, was du gerade gefunden hast und ich lasse euch lebendig hier! Dein vorlautes Weibsbild erschieße ich zuerst bei 10 … und eins, zwei …“

Langsam umkreiste er Gustav, wie ein Raubtier. Gustav ging rücklings an die Wand, so dass der Mann Ramona im Rücken hatte. Trotzdem richtete er unbeeindruckt seine Waffe auf Ramona.

„Also gut!“, sagte Gustav, „Ich lege es auf den Boden. Machen Sie keinen Scheiß, sonst brülle ich die echten Wachleute zusammen!“

Langsam zog Gustav das Pergament aus seiner Tasche und bückte sich, um es abzulegen. Angespannt sah der Mann im dunklen Anzug ihm zu.

Gustav blickte zum Hirschschädel nach oben und sagte:

„Wer sind Sie und was wollen Sie mit dem Pergament? Das nutzt Ihnen nichts, denn Ihnen fehlt das Wissen …“

In diesem Moment, als beide Männer auf die Trophäe noch oben schauten, griff Ramona blitzschnell einen Absperrständer und schlug ihn mit voller Kraft auf den Kopf des Mannes.

Ohne eine Schuss abzugeben, schleuderte er polternd zu Boden und blieb bewegungslos liegen.

Geschockt sah ihr Gustav zu, wie sie geschickt die Taschen des Mannes durchsuchte. Endlich löste sich auch Gustav aus seiner Starre und sprang ihr zur Seite. Seine Taschen waren leer. Keinen Ausweis, keine Brieftasche, kein Telefon.

Dunkles Blut floss aus der furchtbaren Kopfwunde des Mannes.

„Steck die Waffe ein und vergiss nicht, sie zu sichern. Wäre nicht gut, wenn sich in deiner Hose ein Schuss lösen würde. Und jetzt schnell weg hier!“, sagte sie.

Gustav verstaute das Pergament und beide liefen gehetzt durch die Räume und in Richtung Ausgang.

Dort saß ein regulärer Wachmann und nickte beiden freundlich zu.

„Hallo, wir haben jetzt endlich Feierabend! War wieder ganz dreckig. Schönen Abend noch.“, rief Gustav dem Wachmann zu und sie versuchten möglichst unaufgeregt weiter zu gehen.

Endlich waren sie im Schlosspark.

„Was hast du gefunden?“, fragte Ramona ungeduldig.

„Nicht jetzt! Lass uns erst verschwinden. Im Ort gibt es Taxis und dann fahren wir zu Johannes und besprechen alles in Ruhe.“

„Was für ein Tag!“, hechelte sie.

„Verdammter Mist! Wer war dieser Typ? Woher wusste der, dass wir dort waren und wer weiß noch von dieser Sache? War der eigentlich tot?“, rief er schnell laufend.

„Gustav! Der hätte erst mich und dann dich erschossen. Der war kein harmloses Schlossgespenst, sondern ein Spion und ein Killer! Willst du um diesen Typen trauern?“, entgegnete sie aufgeregt.

Beide rannten inzwischen und wollten nur noch diesen Ort verlassen.

„Nein, nein, mein Schatz! Hast du gut gemacht. Bist wirklich eine tolle Frau! Aber vielleicht hast du ein schlechtes Gewissen? Man bringt keine Menschen um, als wäre es ein Hobby mit öffentlicher Würdigung, oder?“, meinte er.

„Ist kein Hobby von mir, wirklich nicht. Ich habe nur emotional gehandelt. Aber vielleicht willst du, dass ich mich noch schlechter fühle?“

„Natürlich nicht.“, entgegnete Gustav.

„Der hätte mit uns kein Mitleid gehabt! Ich wollte ihn nur einschläfern!“

„Mit einem Messingständer durch die Schädeldecke?“, fragte er unsicher mit runzelnder Stirn.

„Er hatte mir wehgetan! Sollte ich ihn mit einer Postkarte ohnmächtig wedeln?“, erwiderte sie.

„Nein, nein! Natürlich nicht. War toll gemacht und so effektiv!“

„Genau. Und schließlich leben wir noch!“, rief Ramona ihm zu.

Das Taxi fuhr direkt zur Wohnung. Während der Fahrt versuchten sie sich gegenseitig zu beruhigen. Bereits im Treppenhaus der Wohnung hörten sie fröhliche Stimmen, die endgültig ihre Panik vertrieben.

Johannes hatte Gäste eingeladen und Getränke serviert. Ramona und Gustav versuchten ihre Erlebnisse nun abzustreifen und erwähnten kein Wort darüber, was passiert war. Was hätten sie auch sagen sollen?

Die Gäste schauten neugierig auf die beiden Ankömmlinge.

„Hattet ihr noch einen schönen Tag?“, erkundigte sich Johannes.

„Oh ja. War toll und … interessant war es auch.“, sagte Gustav.

Zielsicher griff er die Hand Ramonas.

Nach ein, zwei Gläschen fiel die Anspannung endgültig von ihnen. Die versammelten Gäste waren nett und die Gespräche sehr kurzweilig. Inzwischen unterhielten sie sich über Kultur, Literatur, schwelgten in Erinnerungen. Letztlich sprachen sie über die Beziehungen, die sie alle irgendwie verbanden. Da es Freundinnen und Freunde Johannes waren, vermutete Ramona anfangs, dass es befreundete Lesben und Schwule waren. Doch dann merkte sie, dass sie Ehepaare waren, ganz normale Leute. Ein wenig schämte sie sich für ihre eigenen Vorurteile.

Die Gäste hatten gepflegte Umgangsformen und verfügten über viel Witz. Sie alle waren angenehme Gesprächspartner und furchtbar nett. Armin war ein alter Freund von Johannes, Junggeselle und nicht schwul. Er unterhielt sich mit Ramona und machte ihr reizende Komplimente, ohne aufdringlich zu werden. Trotzdem schaute Gustav misstrauisch den beiden zu. Er versuchte mit Susi eine Unterhaltung zu führen, aber sie war ihm etwas zu neugierig. Susi war mit Armin irgendwie befreundet, wurde aber von ihrem Ehemann Uwe begleitet. Vielleicht hatten sie sogar ein Verhältnis miteinander, aber Uwe schien es nicht zu beunruhigen, wenn Susi und Armin miteinander Berührungen austauschten. Ronny und Anja alberten als festes Paar miteinander herum und lächelten ohne Pause. Und schließlich Luise, die allein lebte und als Musikerin in der Semperoper arbeitete. Nach dem Essen versammelten sie sich um einen Tisch und saßen bequem in ihren Sitzen. Johannes verteilte mit vielen Aufmerksamkeiten Getränke. Ramona lehnte sich an Gustav an und genoss die gemütliche Atmosphäre in vollen Zügen. Das Erlebte in der Moritzburg war fast vergessen.

„Ramona, nun erzähl uns bitte, wie dich Gustav erobert hat, dieser Charmeur. Johannes erzählte uns, dass ihr euch schon so lange kennt.“, sagte Susi, die offensichtlich gut informiert war.

Ramona antwortete mit einiger Verlegenheit in ihrer Stimme:

„Nun, er lief mir schon fast zehn Jahre hinterher. Ständig schenkte er mir Blumen, meist waren es Rosen. Bevor sie welkten, brachte er neue und frische Blumen. Er war wirklich süß!“

„Aaah!“, raunten die Zuhörer am Tisch, als sehen sie gerade einen Liebesfilm aus Hollywood.

„Na klar, sie war ein hochanständiges Mädchen vom Lande und wollte einfach nichts überstürzen!“, unterbrach Gustav grob die Schwärmerei. Dabei drehte er seine Augen weit nach oben.

„Zehn verschenkte Jahre! Und wir haben alle nur eine begrenzte Lebenszeit. Aber Ramona wollte warten, bis ich richtig alt, noch faltiger und impotent bin.“, fügte er bittersüß hinzu.

Susi lief der prickelnde Sekt durch die Nase, ihr Mann Uwe hustete verlegen und Johannes wurde so richtig neugierig. Armin schmunzelte leise in sich hinein.

„Du warst nicht mein Typ, anfangs!“, entgegnete sie, „Ich habe dir nie etwas versprochen oder dir Hoffnungen gemacht. Glaubst du, ich wollte dir wehtun? Das habe ich nicht gewollt. Und um eine Frau zu werben und auf ihre Liebe zu warten, ist für mich keine verlorene Lebenszeit.“

Alle nickten und blickten tadelnd auf Gustav.

„Aber dann hat er mich in Florenz überredet.“, erzählte Ramona weiter und ihre Augen verklärten sich. Susi wischte sich eine kleine Träne aus dem Gesicht.

„Geredet hatte ich dabei eigentlich nicht. Ich hatte auch meinen Mund nicht frei.“, erwiderte Gustav mit hinterhältigem Grinsen.

„Gustav! Du sollst so etwas nicht erzählen!“, beschwerte sich Ramona.

Schweigende Betroffenheit.

Er schaute sie alle der Reihe nach an und verspürte den Drang, etwas mehr Schwung in die Unterhaltung zu bringen.

„Ich hatte dabei einen kleinen Zungenbrecher, wenn mir das hübsche Wortspiel erlaubt ist.“

„Gustav!“

„Was?“, er kam in Stimmung, „Keiner redet darüber, aber alle tun es!“

Susi verschluckte sich. Johannes öffnete eine neue Flasche und wischte vor Susi den Tisch trocken.

„Gustav, das ist Schweinskram!“, bemerkte Ramona.

Gustav achtete nicht darauf und fuhr unbeirrt fort:

„Die Eltern haben es getan…“

„Gustav!“

„Oma und Opa immer wieder…“

„Gustav, nein.“

„Urgroßmutter mit Urgroßvater…“

„Das wird jetzt ekelhaft!“

„Unsere Kinder werden es tun…“

„Bitte nicht!“

„… und ihr tut es auch ... und natürlich wir … und alle, die Freude am Leben haben, sonst hätten wir Menschen uns kaum fortgepflanzt. Und wir tun es ohne jegliche Abscheu und mit sehr viel Spaß und Vergnügen. Das ist geiler als Nahrungsaufnahme und trotzdem gibt es nur Kochsendungen, statt Paarungsfilme.“, jubelte er.

Johannes und Armin amüsierten sich und Susi nippte mit gesenktem Blick ihren Sekt. Ramona verdrehte ihre Augen.

Alle schwiegen und sahen Gustav an.

„Na und! Es macht riesigen Spaß, es entspannt und… verbindet, wenn mir dieses Wortspiel noch erlaubt ist.“, grinste er.

„Du bist ein Irrer!“, sagte Ramona resignierend.

Gustav lächelte siegesbewusst.

„Und du bist das heißeste Weib, was mir je begegnet ist.“, sagte er und küsste sie.

„Aaah!“, seufzten alle auf und Ramona bekam heiße Bäckchen, weil sie heiß war. Verdammtes Wortspiel!

Dann redeten sie über Gott und die Welt. Susi hörte gebannt zu, denn sie besuchte regelmäßig die Kirche.

„So viele Götter und so wenig Glaube in unserer heutigen Zeit.“, beschwerte sich Armin.

„Wir sollten uns auf einen Schöpfer einigen, denn damit gäbe es weniger Streit.“, warf Susi ein und klang ein wenig nach einer Schullehrerin.

„Genau. Gäbe es tatsächlich unterschiedliche Götter, dann hätten sie wohl auch unterschiedliche Menschen erschaffen. Da wir aber alle zur gleichen Spezies gehören, haben wir ganz sicher nur einen Ursprung.“, ergänzte Gustav den Gedanken. Susi nickte zufrieden.

„Komischer Gott! Als Schöpfer hätte ich meine Geschöpfe mit viel mehr Verstand und Demut ausgestattet.“, meinte Armin.

„Vielleicht war es nur eine Idee am Biertisch und witzig soll Gott ja auch sein.“, schmunzelte Gustav. Alle lachten vergnügt. Nur Armin war in seinen Gedanken versunken.

„Sind wir wirklich Gottes einzige Schöpfung?“, fragte er provozierend.

„Das Universum ist lebendig und wahrscheinlich gibt es unzählige Lebensformen. Unserer Erde ist ein wunderbarer Planet, aber nicht einzigartig.“, erklärte Gustav, dem dieses Thema gefiel.

„Wasser und Sonnenlicht reichen dafür aus.“, ergänzte Armin nachdenklich. Doch Gustav schüttelte den Kopf.

„Nein. Wasser wäre hilfreich, aber nicht immer notwendig. Und nicht nur die Sonne spendet die Energie des Lebens. Vulkanische Schlote in der finsteren Tiefsee sind wahre Tummelplätze für Bakterien und Tiere. Dort gibt es keine Sonne und trotzdem Leben. Vulkane sind wunderbare Energiequellen, aber auch die Gravitation.“, erwiderte er spielerisch.

„Also gibt es kein starres Muster?“, stellte Armin fest.

„Du brauchst den richtigen Abstand zum Mutterstern, eine Atmosphäre, die nicht unbedingt Sauerstoff enthalten muss, ein stabiles Magnetfeld und genügend Zeit. Damit hast du die Voraussetzung für das Leben.“

„Klingt wirklich nicht besonders einmalig.“, entgegnete Armin launig.

„Und trotzdem sind wir Menschen eine einmalige Lebensform, weil für unsere Entwicklung spektakuläre Zufälle nötig waren. Flüssiges Wasser, der Mond, Megavulkane, Meteoriteneinschläge, die Verschiebung der Kontinente, Eiszeiten und die Sauerstoffproduktion der Pflanzen. Hinzu kommen die äußeren Riesenplaneten, die wie Fliegenfänger kosmische Bomben für uns abfangen.“, gab Gustav seine Erläuterungen. Er redete, als lese er aus einem Buch.

„Wir Menschen sind nur ein Zufallsprodukt, eine kosmischen Laune?“, wollte Armin wissen. Eigentlich wollte niemand eine Zufälligkeit sein.

„Genau!“, rief Gustav fröhlich.

„Wie unromantisch!“, sagte Susi enttäuscht, die aufmerksam zuhörte.

Gustav und Armin sahen sie schmunzelnd an.

„Dann sind die Aliens genauso gewöhnlich und mittelmäßig wie wir.“, fügte sie hinzu.

„Und in den fliegenden Untertassen gibt es auch nur Mikrowellenfutter.“ ergänzte Gustav.

Ramona verfolgte schweigend und interessiert ihr Gespräch.

„Du sollst ja auch mal ein echter UFO-Experte gewesen sein.“, sagte Armin unvermittelt. Ramona sah ihn überrascht an. Susi lief vor Überraschung wieder Sekt durch die Nase. Gleichzeitig riefen sie:

„Gustav, Du?“

„Das war 1990, als mich das ganze

UFO-Mytherium

interessierte. Dafür schaffte ich mir stapelweise Bücher zum Thema an. Aber das waren meist nur wüste Spinnereien. Aber der Mythos blieb. Es begann bekanntlich 1947 in Roswell, im Staate New Mexico. Dann die geheime Militärbasis

AREA 51

in Nevada. Als 1977 das

SETI-Projekt

das legendäre

WOW-Signal

aus dem Zentrum der Milchstraße empfing, drehten nicht nur die Wissenschaftler durch, sondern auch die Medien.“, erklärte er flüchtig.

„Aber du bist im Fernsehen als UFO-Experte aufgetreten!“, beharrte Armin.

„Ich war jung und brauchte das Geld. Außerdem gab es Schnittchen und Bier.“

„Du warst als UFO-Spinner im Fernsehen?“, fragte Ramona ungläubig.

Gustav runzelte die Stirn, denn er konnte die Aufregung nicht verstehen.

„Weil die vielen Bücher mir keine Antwort gaben, habe ich selber in den großen Tageszeitungen Anzeigen aufgegeben. Daraufhin sollten sich die Leute melden, die ein UFO gesehen haben. Ihr dürft nicht vergessen, dass es zu der Zeit noch kein Internet gab. Ich wollte wissen, was die Leute tatsächlich sahen.“

„Und haben sich Leute bei dir gemeldet?“, wollte Susi wissen.

„Ich bekam Kisten voller Zuschriften. Alles Augenzeugenberichte und das waren nicht nur Verrückte, sondern oft sehr ernsthafte Menschen. Die waren froh, dass sie endlich über ihre Erlebnisse berichten konnten, ohne dafür ausgelacht zu werden.“

„Und dann?“, fragte Susi weiter.

„Nichts. Ich konnte den Mythos nicht aufklären. Zu meinen eigenen Fragen kamen nun noch weitere Fragen von den Zuschriften hinzu. Von den Behörden und Militärs gab es ja keine Stellungnahmen.“

„Das war alles?“, schnaufte Ramona fassungslos.

„Naja, das Fernsehen plante dann eine Expertenrunde und stieß auf meine Anzeigen. Die waren während der Live-Sendung auch etwas enttäuscht, weil ich keine Lösung des Rätsels anbieten konnte. Dann bezahlten sie mir die Reisekosten, ich trank noch etliche Biere und fuhr wieder heim. Es war irgendwie auch witzig.“

„Unglaublich!“, erwiderte Ramona. Gustav zuckte nur mit den Achseln, denn er hatte viele unglaubliche Dinge in seinem Leben getan. Das war nichts Besonderes.

Als Johannes am nächsten Morgen zur Arbeit fuhr, hatten sie ein mulmiges Gefühl.

„Sie haben sicherlich die Leiche gefunden. Können sie Johannes damit in Verbindung bringen?“, fragte Ramona ängstlich.

„Eigentlich nicht. Niemand hat uns gesehen und der Wachmann, der am Abend am Ausgang saß, weiß nicht, dass wir tagsüber mit Johannes im Schloss unterwegs waren.“, antwortete Gustav, „Aber Johannes wird uns heute Abend mehr erzählen können. Vielleicht könnte die Polizei bis dahin herausfinden, wer der Mann war und was er im Schloss suchte.“, erwiderte er. Eine gewisse Beklemmung ließ sie aber nicht los. Das Pergament wollten sie erst später genauer lesen, wenn ihre Gemüter sich endgültig beruhigt hätten.

Den ganzen Tag bummelten sie wieder durch Dresden, besuchten die Stadtkirche und liefen erst spät zur Wohnung von Johannes.

Als sie vor der Tür ankamen, bemerkten sie, dass Johannes scheinbar noch nicht daheim war. Gustav kramte nach dem Schlüssel, schloss auf und blieb entsetzt im Flur stehen.

„Hier ist eingebrochen worden und alles durchwühlt!“

Vorsichtig gingen sie weiter hinein. Das Grauen ließ ihnen die Luft in ihren Lungen gefrieren und die Farbe in ihrem Antlitz verblasste.

Im Wohnzimmer entdeckten sie die schreckliche Leiche ihres Freundes.

Überall war Blut.

Die kostbaren Bücher lagen quer verstreut, die Schränke und Schubfächer waren geöffnet und alle Gemälde von den Wänden gerissen. Gustav stürmte in ihr Gästezimmer, packte ihre Sachen in die Taschen und drängte Ramona, die Sachen aus dem Bad zusammen zu suchen.

„Wir müssen weg, sofort!“, rief er.

Vor ihrem Haus flackerte Blaulicht. Er eilte zum Fenster und sah die vielen Polizeiautos in ihre Straße einfahren.

„Polizei! Verdammt! Komm, Ramona, wir müssen raus hier! Jetzt sofort!“

Er griff die halboffenen Taschen und rannte mit ihr gemeinsam aus der verwüsteten Wohnung.

Im Treppenhaus waren schon schnelle Ledersohlen zu hören, die auf sie zukamen.

„Hoch aufs Dach!“

Ramona hatte Panik in ihren Augen. Sie fanden den Dachboden unverschlossen und drängten hinein. Eine schmale Holztreppe führte auf das riesige Dach. Die Stadthäuser standen in Reihen weit entlang des Abendhimmels und Ramona und Gustav entfernten sich über die dunklen Dächer. Als der erste Polizeibeamte die Dachluke öffnete, erblickte er nicht einmal ihre grauen Schatten, die in ein anderes, entferntes Haus eintauchten.

Atemlos kauerten Ramona und Gustav auf einem fremden und finsteren Dachboden. Ihr Gepäck lag bei ihnen, der tote Freund nicht. Ramona weinte. Über sie legte sich ein Schleier der Verzweiflung und beide klammerten sich fest aneinander.

„Diese Schweine haben den ahnungslosen Johannes ermordet. Wer sind die, Gustav?“, fragte Ramona, nachdem fast eine Stunde vergangen war.

„Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nicht, was hier läuft. Wir haben doch nur eine alte Karte aufgespürt. Niemand weiß von dieser Geschichte. Johannes wusste von nichts. Und plötzlich ist der alter Freund tot.“

Gustav stöhnte mit bitterem Geschmack.

„Ich weiß auch nicht, was wir machen sollen. Wir haben keine Unterkunft, unser Auto wird sicherlich von der Polizei beschlagnahmt oder die Killer warten dort auf uns. Wahrscheinlich suchen alle nach einem Mörderpärchen, weil sie denken, wir haben Johannes getötet. Und dann noch eine Leiche in der Moritzburg. Der Pförtner wird uns beschreiben können.“, weinte sie.

Er stöhnte erneut. Vergeblich suchte er nach klaren Gedanken.

„Bis zum frühen Morgen bleiben wir hier und versuchen ein wenig zu schlafen.“, sagte Ramona schließlich, „Dann suchen wir uns ein abgelegenes Hotel und warten ein paar Tage bis sich die Lage beruhigt hat. Anschließend gehen wir in irgendein Autohaus, machen eine Probefahrt und sind schneller fort, als die Verkäufer den Vertrag unterschreiben können.“

Irgendwann schliefen sie unruhig ein.

Ramona trieb in ihrem Traum durch dunkle Räume eines Schlosses. Sie beobachtete Gustav, wie er die Leiter erstieg und das Maul des Hirsches streichelte. Dabei öffnete der goldene Schädel die Augen und starrte sie an. Furcht überkam sie.

Ein finsterer Mann mit einer Pistole in seiner Tasche packte sie und drückte schmerzhaft seine grobe Hand auf ihren Mund. Gustav bemerkte ihre Bedrohung nicht und unterhielt sich mit dem Hirsch, der lebendig über der Tür zappelte. Sie wurde wild weggestoßen und der Pistolenmann stand zwischen ihr und Gustav. Sie blickte direkt in den Pistolenlauf und war durch übermächtige Furcht gelähmt. Er würde sie erschießen. Das wusste Ramona sofort. Wieder starrte der Hirsch sie an.

Sie erkannte plötzlich die Augen. Es war wieder der Blick des alten Mannes aus ihren Träumen, die Augen Rigonaldos.

„Hast du Angst? Dann fürchte dich! Aber Furcht kann dich nicht retten. Du kannst jetzt tun, was du tun musst. Entweder er oder du. Entscheide dich! Er kann dich gleich nicht mehr sehen, denn er ist an mich gefangen.“, klang die beruhigende Stimme in ihrem Kopf.

Dann richtete er seine durchdringenden Augen auf den Mann mit der Pistole, gerade in dem Moment, als dieser den Hirsch anschaute. Plötzlich war die Lähmung in ihr verschwunden und die Angst abgefallen.

Ramona nahm furchtlos einen Absperrständer und schlug auf den Schädel des Mannes ein. Sie hörte, wie der Knochen brach, als wäre er eine beliebige Eierschale. Entsetzen wollte in ihr aufsteigen und hilfesuchend richtete sie den Blick zum Hirschkopf. Doch auch er schien tot zu sein und Blut rann aus seinem goldenen Maul.

„Ich habe keine Furcht!“, flüsterte sie in ihrem unruhigen Schlaf.

Dann verspürte sie, wie sie angestoßen wurde, rhythmisch und voller Leidenschaft. Es tat ihr gut und wiegte sie weiter und tiefer in den Schlaf, wohin keine bösen Träume mehr gelangten.

Ein wenig stöhnte sie. Gustav hörte sie nicht.

Er schlief, wälzte sich hin und her. In seinem Traum stand Johannes ihm gegenüber.

„Warum haben sie mich getötet? Gustav, was hast du getan? Du gehst einen finsteren Weg, der in einer ewigen Traurigkeit enden wird. Du bist ein Besessener! Gustav, halte ein und vertraue ihr nicht. Sie tötet alle, die ihr im Wege stehen! Sie tötet auch die Geliebten.“

Gustav weinte verzweifelt.

„Ich liebe sie! Sie wird mich nicht töten und sie hat auch dich nicht getötet. Ramona, ich liebe dich!“, rief er. Er spürte selbst im Schlaf sein Herz rasen.

„Johannes, es tut mir so leid. Ich liebe auch dich und du fehlst mir!“

Der Geist von Johannes tauchte ins Nichts, hörte zwar seine Worte, doch seine Gestalt verschwand. Gustav blieb allein zurück und fühlte sich unendlich einsam. Doch dann empfand er wieder Wärme.

Die liebreizende Gestalt seiner vorherigen Träume erschien.

„Du hast die Karte! Nutze dein Wissen und entdecke das Geheimnis. Ich werde dich führen, denn ich bin die Hüterin. Ich nehme dir die Angst, die an dir nagt. Ich kann dir vieles geben und auch nehmen, wie die Zweifel deines furchtsamen Herzens.“, sprach sie und jedes Wort klang einem göttlichen Engel gleich.

Alle Furcht verflog, aller Schmerz und jeder Zweifel.

„Du bist so liebreizend! Deine Gegenwart spendet mir Wärme, Licht und Geborgenheit und ich will dir folgen, wohin du nur willst. Du kannst meine Sehnsucht stillen.“, taumelte Gustav vor Glück.

Er umschlang die mädchenhafte Gestalt und ungebremste Erotik verbreitete sich um sie herum. Er rieb sich an ihrem zerbrechlichen Leib und in einer ungekannten Explosion schoss er seinen Samen in sie hinein. Niemals zuvor hatte er solch einen wundersamen Traum.

Dann fühlte er, wie sich ihre wunderschöne Gestalt auflöste und er erwachte. Er war von Schweiß durchnässt und Ramona lag fest in seinen Armen und stöhnte leise.

Zeitig wurde es hell über Dresden. Die Kupferdächer der Kirchen und Prachtbauten leuchteten dominant über die barocke Silhouette der Stadt.

Sie mussten erneut über die Hausdächer schleichen, bis sie endlich einen unverschlossenen Durchgang eines anderen Treppenhaus fanden. Mit einem Taxi fuhren sie ins Vorstadtviertel, wo sie sich absetzen ließen. Zu Fuß suchten sie ein kleines Hotel und bezogen erleichtert ihr Doppelzimmer und frühstückten reichlich.

Als sie ihren ersten Hunger und Durst gestillt hatten, breitete Gustav in ihrem Zimmer das geheimnisvolle Pergament aus.

Ramona tätschelte seinen Rücken und er las vor:

„

Markiert ist die heilige Bibliothek, ohne sie zu erkennen. Steine ragen zum Himmel empor in weißem Licht poliert, leuchtend bis zum Horizont. Das Tor ist versperrt in Löwengestalt. Sie weist die Richtung zum Brunnen des großen Stromes. Suche den Rigel des Orions und beginne den Abstieg im Herzen der neuen Residenz.

“

Gustav machte eine Pause. Dann las er weiter:

„

Doch der Schlüssel zur Pforte liegt im Norden am alten Salzweg. Im Kopf von Wenzel, direkt am Ohr, hoch über der Burgen Flut, in Nachbarschaft von Uta und Ekkehard.“

Ramona sah mutlos aus und sagte enttäuscht:

„Das ist keine Karte.“

„Der Text ist die Karte!“, antwortet Gustav euphorisch, „Der erste Teil beschreibt die Lage der versteckten Bibliothek und das kann ich noch nicht richtig einordnen. Aber der zweite Teil zeigt uns den Ort, an dem der Schlüssel zur Bibliothek zu finden ist.“

Ramona konnte nicht folgen.

„Hast du diesen Schwachsinn entschlüsselt?“, fragte sie und schaute Gustav erwartungsvoll an.

„Ja, ich kenne den Ort!“, erklärte er, „Entlang der Saale führte die alte Salzstraße, die unglaublich wichtig war, denn Salz war im Mittelalter kostbar wie Gold. Salz machte die Städte reich und mächtig. Daher bauten sie prächtige Kathedralen und stolze Rathäuser. An den Ufern der Saale ragen noch heute unzählige Burgen empor. Also ist die

Burgen Flut

die Saale und die gesuchte Stadt ist Naumburg.

Uta und Ekkehard

sind die berühmten Stifterfiguren des Naumburger Domes. Unweit davon steht die alte Stadtkirche St. Wenzel, direkt am Marktplatz. Der

Kopf von Wenzel

ist der Turm, den man sogar besteigen kann. Dort gab es noch bis vor einigen Jahrzehnten eine Türmerwohnung, wo die Türmerin lebte. Sie wurde über Flaschenzüge versorgt, denn es waren viel zu viele Stufen von unten bis hinauf in den Glockenturm. Ich war früher schon einmal dort. Das ist einfach nur praktisches Wissen und keine außergewöhnliche Bildung. Und wenn die Turmspitze der Kopf von Wenzel ist, dann ist die Glocke das Ohr. Dort finden wir irgendeinen Schlüssel.“

Gustav holte zufrieden Luft. Das war einfach!

Ramona staunte und nickte voller Bewunderung.

„Bist wirklich ein schlauer Irrer! Also fahren wir nach Naumburg. Und wenn es laut dem Pergament der Norden ist, dann liegt die Bibliothek südlich der Saale, vielleicht südlich von Deutschland.“, ergänzte sie.

„Bist ein schlaues Hasenpüpslein!“, bestätigte Gustav und küsste sie fröhlich.

„Aber es kann auch gefährlich sein.“, mahnte Ramona nachdenklich.

„Niemand weiß, wo wir sind und wohin wir reisen.“, gab er zurück.

„Wo hast du eigentlich die Pistole versteckt?“, fragte sie.

„Im Auto. Für uns jedenfalls unerreichbar.“, gab er zur Antwort und Gustav war erleichtert, denn er mochte keine Waffen. Er verabscheute Gewalt und Waffen waren nur dazu da, um anderen Menschen Gewalt anzutun und sie zu töten.

Mit Gewalt lösten man keine Konflikte und langfristig schon gar nicht.

Es gab immer Alternativen!

Den nächsten Tag verbrachten sie auch im Hotel. Zwischendurch holte Gustav ein paar Lebensmittel und Getränke aus dem nahen Supermarkt. In den Tageszeitungen entdeckte er Meldungen über ihren ermordeten Freund Johannes und über einen Toten im Schloss Moritzburg. Die Polizei ging von einfachem Raubmord und von undurchsichtiger Bandenkriminalität aus. Über ihre Namen gab es keine Notiz!

Es blieb eine unaufgeklärte Straftat und würde in einigen Tagen in Vergessenheit geraten.

Sie nahmen sich vor, über die Geschichte nicht zu reden und einfach nur die Pause zur Erholung zu nutzen.

„Hier könntest du eigentlich deine berühmten Paarungslaute von dir geben. Damit hörten alle, dass wir nur ein unschuldiges Liebespaar auf Hochzeitsreise sind. Wäre eine gute Tarnung.“, sagte Gustav.

Er lag faul auf dem Bett und beobachtete seine Ramona beim Aus- und Umkleiden.

„Wenn ich will, gebe ich nicht einen einzigen Ton von mir, du Irrer!“, antwortete sie mit einem Lächeln.

„Um was wetten wir?“, fragte er und richtete sich kampfbereit aus seinen Kissen auf.

„Der Sieger hat einen Wunsch frei!“, jubilierte sie frohlockend.

Dann schlenderte sie behaglich auf das Bett zu, ließ ihre Hüllen achtlos fallen und schnellte ihre Zungenspitze kurz hervor. Wie ein vorlautes Schulmädchen biss sie sich auf die Unterlippe und klapperte mit den Augen. Sanft zog Gustav sie zu sich in die weichen Kissen.

„Ich werde dich jetzt körpern, bis die Erde bebt.“, hauchte er genüsslich.

„Was ist

körpern

?“, fragte sie erregt, „Hat das was mit meinem Körper zu tun?“

Dabei streckte Ramona ihre kleinen Brüste geschmeidig ihm entgegen.

Wie ein von Durst gequälter Wüstenforscher saugte er an ihre festen Warzen. Voller Wollust keuchte er:

„Vielleicht benutzt du doch besser einen Beißknochen, denn ich bin scharf wie Nachbars Lumpi.“

Dann setzte er zärtliche Küsse auf ihre Brüste, wechselte von links nach rechts und immer wieder und wieder. Ramona war berauscht vor Wonne und Lust.

Langsam neigte er seinen Kopf nach unten. Küsse und viele Küsse bedeckten ihren Leib, der feucht und heiß wurde. Fast wäre Dampf emporgestiegen und Gustav streichelte weiter ihre Brüste und kitzelte mit seiner Zunge ihren Nabel.

Sie warf sich nach hinten und biss tapfer auf ihre Lippen. Nur ein Wimmern war zu vernehmen. Gustav griff ihr Bein, umschlang es mit seinen Armen und schenkte Kuss um Kuss auf ihre Innenseite des Schenkels. Immer weiter tastete er sich zum Zentrum heran und sie spürte schon seinen Atem ganz nahe. Er kostete jeden einzelnen Zentimeter des Hofes, der ihre süße Frucht umgab.

Aus ihrem unterdrückten Wimmern wurde längst ein Stöhnen der Begierde.

Er spielte mit Vergnügen und ihrer betörenden Lust, war längst selbst der eigenen Erregung verfallen. Doch er war ein Künstler und kein grober Schmied.

Genussvoll schob er ihre Beine weit auseinander und seine Zunge langsam in die lockende Frucht. Dann zog er sie zurück, als wäre er geizig, um sie gleich wieder tief hinein gleiten zu lassen. Sie presste ihre Schenkel fest an seine Ohren und hoffte, dass er sie nicht hörte. In kurzen Unterbrechungen holte Gustav tief Luft, um sie wieder heiß auszuatmen. Der warme Hauch umspülte sie zwischen Nabel und Po und wieder verschwand seine Zunge tief in ihrem Zentrum.

Beide bäumten sich synchron auf und nieder, fest ineinander umschlungen.

Gustav hielt sie fest, packte geschickt ihren Po und hob sie empor, fest sein Gesicht auf ihre Frucht gepresst. Schmatzend trank er ihren Saft, gleich einem flinken Kolibri und schmatzend spendete ihre süße Frucht den Nektar.

Das göttliche Zauberland von gierigem Verlangen!

Ramona schwanden die Kräfte. Nach und nach löste sie die Spannung und Gustav tauchte auf mit nassem Haar. Lächelnd küsste er ihren aufreizenden Bauch.

„Auch wenn du deine straffen Schenkel auf meine Ohren drückst, wie eine Zwinge. Und deine Lippen wund sind und wir schalldichte Wände hätten …“

„Schon gut, schon gut! Hast gewonnen! Verdammter Mistkerl!“, klagte sie beschämt, lächelte aber ebenfalls. „Hast einen Wunsch frei!“

Gustav zog seine Augenbrauen hoch und schnalzte mit seiner frechen Zunge.

„Wenn du mich so lieb bittest“, sprach er lustvoll, „löse ich meinen Preis gleich ein. … Ich bin ja so verrückt nach deinem süßen Po.“

Ramona sah ihn überrascht an und zog nun ihre Augenbrauen hoch.

„Bist du ein Alien oder einfach nur ein Irrer im Schafspelz?“, fragte sie.

Doch im selben Moment setzte er sich auf, drehte sie behutsam auf den Bauch und hob ihren Hintern begehrlich hoch. Das göttliche Zauberland hatte seine Pforten noch längst nicht geschlossen.

Am Abend besuchten sie die kleine Gaststube im Hotel.

Einige der Gäste drehten sich nach ihnen um und tuschelten miteinander. Man schmunzelte und nickte ihnen freundlich zu. Verdammtes Zauberland!

Beide saßen an der Bar.

An den Getränkeflaschen hantierte geschäftig ein junger Mann im schmucken Anzug. Geschickt schwenkte er die Gläser, kippte bunte Schnäpse hin und her, schnitt Zitronenscheiben und servierte die Endprodukte seiner Phantasie mit großer Gewandtheit. Gustav war beeindruckt.

„Gibt es auch nur Whisky, ohne Schnickschnack?“, fragte er.

„Natürlich, mein Herr. Hier ist die Karte mit feinstem Whisky aus Schottland. Ich schätze, dass Sie ausschließlich schottische Flaschen bevorzugen.“, antwortete er höflich.

„Die Dame vielleicht einen

Dream of Sexbeach in green

?“, fragte er an Ramona gewandt mit sinnlichem Lächeln.

„Jüngelchen, willst du mich auch noch verführen? Wenn nicht, dann nehme ich einen Whisky, wie der Halbschotte neben mir.“, gab sie launisch zurück.

Der junge Mann nickte mit einem betonten:

„Sehr wohl, die Dame!“, und füllte zwei Gläser.

„Gustav, denkst du, dass wir auch in den Wäldern um das Hirschdenkmal suchen müssen? Das alte Schriftstück beschreibt doch nicht umsonst den

66-Ender

von Briesen.“

„Und was glaubst du, würden wir dort finden?“, fragte er skeptisch.

„Einen weiteren Hinweis. Vielleicht ein Pergament mit dem Ort der Bibliothek. Bis jetzt wissen wir nicht, wo sie sich befindet.“, flüsterte sie geheimnisvoll.

Er prostete ihr zu und antwortete nachdenklich:

„Ich glaube nicht. Im Briesener Forst gibt es keine Höhlen oder geeignete Verstecke. Im feuchten Waldboden würde alles schnell verfaulen und selbst Holzkisten würden nur wenige Jahrzehnte überdauern.“

Ramona verfolgte ihre Gedanken stur weiter und sagte laut:

„Aber vielleicht gibt es Bleitruhen oder alte Kellergewölbe im Briesener Furz, ich kenne da eine Stelle …?“

„Hast du etwa gerade Furz gesagt?“, unterbrach sie Gustav überrascht.

Ramona blickte ganz verstört in seine Augen und setzte sich aufrechter.

„Nein, habe ich nicht!“, erwiderte sie mit Empörung.

„Ja, hat sie doch! Sie hat Furz gesagt!“, schaltete sich der junge Mann ein, als er zwei neue Gläser servierte.

Ramonas Gesichtszüge waren eingefroren. Sie blickte Gustav verdattert an.

„Du weißt schon, mein kleiner Hasenpups, dass es Forst und nicht Furz heißt, oder?“, sprach Gustav, als müsste er einem kleinen Kind etwas erklären.

Ramona starrte erst ihn an, dann blickte sie zum jungen Barmann, der mahnend nickte und dann schaute sie wieder zurück, zum grinsenden Gustav.

Schließlich vergrub sie schnell ihr Gesicht in Gustavs Brust, der sie lachend in die Arme nahm. Er spürte ihr heftiges Schluchzen, was aber keineswegs ein Heulkrampf war. Gustav blickte zum Barmann und schmunzelte zufrieden.

„Nicht weit von Briesen gibt es noch den Neubrücker Furz. Dort wohnt Tante Erika, die sich auch wohl fühlt. Leider riecht es dort sehr stark nach Waldluft.“

Ramona schüttelte sich noch heftiger und Tränen liefen ihr überall hin.

Ihr Lachkrampf wollte nicht mehr aufhören.

Eine weitere Unterhaltung war an diesem Abend nicht mehr möglich. Ramona konnte ihren Gustav nicht einmal anschauen, ohne neue Lachanfälle zu bekommen.

Als sie später ihr Zimmer betraten, lachten sie immer noch herzhaft.

Gustav küsste sie und sagte:

„Ach, mein kleiner Hasenpups, höre jetzt auf, sonst machst du wieder Pipi ins Höschen. Ich erzähle dir auch zur guten Nacht die hübsche Geschichte vom

Furzhaus Falkenau

.“

Verdammte Wortspiele!

Sie blieben länger, als sie vorhatten. Zum einen wollten sie sicherstellen, dass es für sie keine öffentliche Fahndung gab und um so mehr Tage vergingen, desto sicherer waren sie. Nicht eine Nachricht stand in den Zeitungen oder anderen Medien. Zum zweiten gefiel ihnen das kleine Hotel abseits des Stadtzentrums.

Die Tage verstrichen sanft an ihnen vorbei und beide zogen sich kaum noch ihre Kleidung an. Ramona trug fast ausschließlich kurze Hemdchen, die unzüchtig ihren Po frei ließen und Gustav rannte mit seiner eng anliegenden Unterwäsche durch das Zimmer. Das war keine Verwahrlosung, sondern nachlassende Eleganz!

„Das ist Funktionsunterwäsche. Die funktioniert den ganzen Tag lang!“, sagte er, sobald Ramona eine passende Bekleidung anmahnte. Sie selber behauptete fest, dass es nur ihrer Gesundheit diente, wenn ein frisches Lüftchen über ihren Hintern wehte. Tatsächlich aber fühlten sie sich sehr wohl und weil sie nicht voneinander lassen konnten, war es einfach auch praktisch.

„Das Leben ist viel zu kurz, um sich ständig an-, aus- und umzuziehen.“

Das Zimmer verließen sie nur selten. Alles, was sie brauchten, war in ihrer Nähe greifbar. Für ihn war es der unverhüllte Hintern von Ramona und für sie der immer bereite Gustav in seiner dunklen Funktionswäsche. In ihrer Bescheidenheit waren sie hemmungslos.

Am letzten Morgen packten sie ihre Sachen.

An der Rezeption bat Gustav darum, dass ihr Gepäck kurzzeitig abgestellt werden konnte. Freundlich griff der Angestellte des Hotels die Taschen und schleppte sie in einem Nebenraum. Flink, einem Wiesel gleich, sprang Gustav hinter dem Tresen und griff nach den Reisepässen der anderen Gäste. Einen Ausweis, der einem Mann seines Alters gehörte, steckte er ein. Ramona sah ihm zu und nickte anerkennend.

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9783738025408
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