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Norton Juster

Die Abenteuer von Milo, Tack und Kackerlack

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Ebi Naumann

Illustriert von Jules Feiffer



1. MILO

Es war einmal ein Junge, der hieß Milo und wusste nichts mit sich anzufangen. Und das nicht bloß ab und zu, sondern eigentlich immer.

Saß er in der Schule, wollte er so schnell wie möglich raus, und war er endlich draußen, wünschte er sich nichts sehnlicher, als wieder in der Schule zu sein. Auf dem Heimweg dachte er an zu Hause, und kaum zu Hause angekommen, wollte er schon wieder weg. Wo immer er sich aufhielt – es zog ihn fort, und wenn er sich dann auf den Weg machte, fragte er sich, was er dort eigentlich verloren hatte. Nichts interessierte ihn wirklich – am allerwenigsten das, was gerade anstand.

Das ist doch alles die reinste Zeitverschwendung, meinte er, als er eines Tages mal wieder schlecht gelaunt von der Schule nach Hause trottete. Warum soll man sich den Kopf darüber zerbrechen, wie man nutzlose Probleme löst? Und was bringt es schon, soundso viel Rüben von soundso viel Rüben abzuziehen oder zu wissen, wo Äthiopien liegt oder ob man Donaudampfschifffahrt nun mit zwei f schreibt, mit drei oder mit vier? Und weil sich niemand die Zeit nahm, ihm das Ganze zu erklären, war er fest davon überzeugt, nichts sei sinnloser als das ständige Bemühen um immer mehr Wissen.

Während er so seinen trüben Gedanken nachhing und nach Hause eilte (denn obwohl er nie scharf darauf war, ausgerechnet dort zu sein, wohin er gerade seine Schritte lenkte, konnte es ihm nicht schnell genug gehen, dorthin zu gelangen), fragte er sich, warum die Welt, die doch eigentlich so groß war, einem manchmal so klein und öde vorkam.


Und was das Schlimmste ist, fuhr er traurig fort, ich hab zu nichts Lust, weiß eigentlich nie, wo ich hinwill, und finde fast alles total langweilig. Der Seufzer, mit dem er diesem letzten Gedanken Nachdruck verlieh, war so herzzerreißend, dass ein Spatz, der in der Nähe vor sich hin sang, ganz erschrocken innehielt und sich, so schnell er konnte, auf den Weg nach Hause machte, um sich im Kreis seiner Familie davon zu erholen.

Ohne ihnen Beachtung zu schenken, hastete Milo vorbei an den Häusern und Läden, die seinen Weg säumten, samt ihrem geschäftigen Treiben. Ein paar Minuten später kam er zu Hause an, rannte durch die Eingangshalle, sprang in den Aufzug – zweiter Stock, dritter Stock, vierter Stock, fünfter Stock, sechster Stock, siebter Stock, achter Stock – und wieder raus, riss die Wohnungstür auf, stürzte in sein Zimmer, ließ sich deprimiert auf einen Stuhl fallen und jammerte leise vor sich hin: »Schon wieder so ein entsetzlich langweiliger Nachmittag.«

Missmutig ließ er seinen Blick über die Ansammlung von Sachen gleiten, die ihm gehörten. Über die Bücher, die zum Lesen viel zu anstrengend waren, die Werkzeuge, mit denen umzugehen er nie gelernt, das kleine Elektroauto, das er schon seit Monaten nicht mehr angerührt hatte – oder waren es Jahre? –, kurz: über den Riesenhaufen aufgetürmter Spiele, Schläger, Bälle und was an Krimskrams sonst noch über das ganze Zimmer verteilt auf dem Boden herumlag.

Und dann passierte es – ganz hinten in der Ecke, direkt neben dem Plattenspieler, erregte etwas seine Aufmerksamkeit, etwas, das er dort noch nie gesehen hatte.

Wer um alles in der Welt konnte ein so riesenhaftes und merkwürdiges Paket dort abgestellt haben? Denn obwohl es nicht wirklich eckig war – rund war es erst recht nicht. Und was seine Ausmaße betraf, so war es viel, viel größer als alle Pakete, die er je gesehen hatte.

An einer Seite klebte ein hellblauer Umschlag. Auf dem stand ganz einfach:

FÜR MILO, DER ZEIT HAT OHNE ENDE

Solltet ihr auch schon mal ein Überraschungspaket bekommen haben, könnt ihr euch sicher vorstellen, wie erstaunt und aufgeregt Milo jetzt war. Wenn ihr jedoch noch nie eins bekommen habt, dann spitzt die Ohren, denn irgendwann könnte es ja mal so weit sein.

Ja, ist denn heut schon mein Geburtstag?, fragte er sich. Unsinn. Und bis Weihnachten ist es noch Monate hin. Und dass ich in letzter Zeit besonders nett war, kann man auch nicht sagen, ganz im Gegenteil. (Was das betraf, machte er sich nichts vor.) Zwar werd ich – so wie ich den Laden kenne – damit eh nichts anfangen können, aber da ich keinen Schimmer habe, wie und von wo es hergekommen ist, kann ich es auch nicht zurückschicken. So oder so ähnlich dachte er noch eine ganze Weile darüber nach, und dann riss er den Umschlag auf. Aus Höflichkeit, sozusagen.

Original Mauthäuschen mit Schranke

Kinderleicht zu montieren, auch zu Hause

Für alle, die noch nie in anderen Welten waren

Andere Welten?, dachte Milo, wo sollen die sein? Dann las er weiter.

Dieses Paket enthält die folgenden Teile:

Ein (1) original Mauthäuschen mit Montageanleitung

Drei (3) Warnschilder (Achtung! Vorsicht beim Aufstellen!)

Eine Handvoll Münzen für die Mautgebühren

Eine (1) hochaktuelle Landkarte, von Meisterkartografen aufs Sorgfältigste angefertigt, verzeichnet Landschafts- ebenso wie Baumerkmale

Ein (1) Merkheft mit Anweisungen und Verkehrsregeln, die keinesfalls missachtet, übergangen oder gebrochen werden dürfen

Und ganz unten, so klein gedruckt, dass man es kaum lesen konnte:

Für Erfolge oder Folgen irgendwelcher Art kann keine Garantie übernommen werden. Bei Missfallen vertane Zeit zurück.

Milo befolgte die Montageanweisungen Schritt für Schritt, schnitt hier etwas aus, faltete dort etwas um, und schon nach kurzer Zeit hatte er das Mauthäuschen ausgepackt und aufgebaut. Er fügte die Fenster ein, setzte das Dach auf, sodass es an beiden Seiten ein wenig überstand, und befestigte den Münzautomaten. Zum Schluss sah das Ganze haargenau so aus wie die verschiedenen Zoll-, Maut- und Schalterhäuschen, die er auf den vielen Familienausflügen gesehen hatte. Bloß dass es natürlich ein ganzes Stück kleiner war und lila angestrichen.


Was für ein merkwürdiges Geschenk, dachte er sich. Wenn sie wenigstens eine ordentliche Autobahn dazugepackt hätten oder einen Freizeitpark. So ist das Ding doch total unbrauchbar. Weil es jedoch nichts gab, womit er sonst hätte spielen wollen, stellte er die drei Schilder auf:

Mautstelle – bitte langsam fahren

Gebührenpflichtig! Passende Münzen bereithalten

Reiseziel im Kopf haben

Dann faltete er behutsam die Landkarte auseinander.

Und tatsächlich, die Karte war wunderschön, ganz so wie im Beipackzettel versprochen. In bunten Farben waren dort Hauptstraßen verzeichnet, Flüsse und Seen, kleine und große Städte, Berge und Täler, Kreuzungen und Umleitungen sowie Sehenswürdigkeiten von besonderem historischen Interesse oder außergewöhnlicher Schönheit.

Das einzig Dumme daran war, dass Milo von keinem der auf der Karte verzeichneten Orte je gehört hatte. Sogar die Namen selbst klangen äußerst merkwürdig.

Dieses Land gibt es überhaupt nicht, befand er, nachdem er alles sorgfältig studiert hatte, jede Wette. Na, ist ja auch egal. Und dann schloss er die Augen und ließ seinen Zeigefinger auf die Karte sausen.

»Wortopolis«, las Milo langsam, als er nachsah, wo sein Finger gelandet war. Na gut. Fahr ich eben dorthin – ist eh gehupft wie gesprungen.

Er stapfte durchs Zimmer und wischte vorsichtig den Staub von seinem Elektroauto. Dann nahm er die Landkarte und das Merkheft, sprang hinters Steuer und fuhr, da er eh nichts Besseres zu tun hatte, langsam auf das Mauthäuschen zu. Als er seine Münze einwarf und die Schranke den Weg frei gab, bemerkte er mit leiser Wehmut: »Ich hoffe bloß, das Spiel ist auch interessant, sonst langweile ich mich heute Nachmittag wieder mal zu Tode.«


2. JENSEITS … ALLER VORSTELLUNGEN

Ehe er sich’s versah, sauste Milo eine Landstraße entlang, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Er blickte zurück, doch vom Mauthäuschen und seinem Zimmer war nichts mehr zu sehen. Nicht einmal sein Wohnhaus konnte er noch entdecken. Was sich eben noch in seinen Gedanken abgespielt hatte – war jetzt Wirklichkeit.

Ganz schön merkwürdig, dachte er (so wie ihr jetzt sicher auch). Dieses Spiel ist ja verrückter, als ich dachte. Da flitz ich eine Straße entlang, die mir völlig unbekannt ist, fahre in eine Gegend, von der ich noch nie gehört habe, und alles bloß, weil plötzlich ein Mauthäuschen in meinem Zimmer herumsteht. Keine Ahnung, von wem und warum. Zum Glück spielt wenigstens das Wetter mit.

Und tatsächlich: Das war im Moment das Einzige, was er mit Sicherheit sagen konnte. Die Sonne glitzerte, am Himmel ließ sich kein Wölkchen blicken, und er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so satte und leuchtende Farben gesehen zu haben. Die Blumen strahlten, als hätte man sie gerade erst geputzt und aufpoliert, und die Bäume, die links und rechts der Straße in den Himmel ragten, schimmerten in silbrigem Grün.


WILLKOMMEN IN FORT STELLUNGEN

stand mit sorgfältig gemalten Buchstaben auf einem Schild an einem kleinen Haus am Straßenrand.

FÜR INFORMATIONEN, VORHERSAGEN UND RATSCHLÄGE ALLER ART STEHEN WIR IHNEN GERN ZUR VERFÜGUNG.

HIER ANHALTEN UND HUPEN.

Gleich beim ersten Hupen kam ein kleiner Mann in langem Mantel aus dem Haus geschossen. Er sprach unvorstellbar schnell und wiederholte sich ständig:

»Oi, oi, oi, oi, oi, willkommen, willkommen, willkommen, willkommen in Fort Stellungen, in Fort Stellungen, in Fort Stellungen. In letzter Zeit haben wir kaum noch Besucher, kaum noch Besucher. Nun. Was kann ich für dich tun? Ich bin der Ob-Mann, der alles weiß und alles kann.«

»Ist dies der richtige Weg nach Wortopolis?«, fragte Milo, dem die überschwängliche Begrüßung fast die Sprache verschlug.

»Ob dies der richtige, ob dies der richtige Weg, ob dies der richtige Weg nach Wortopolis ist«, begann der kleine Mann aufs Neue. »Ich weiß von keinem falschen Weg nach Wortopolis. Wenn dieser Weg also überhaupt nach Wortopolis führt, muss es wohl der richtige sein. Und wenn nicht, dann muss es der richtige Weg irgendwo anders hin sein, denn es gibt keinen falschen Weg irgendwohin. Ob es wohl regnen wird?«

»Ich dachte, Sie sind der Obmann, der alles weiß und alles kann«, sagte Milo ziemlich irritiert.

»Aber nicht doch«, meinte der kleine Mann. »Ich bin der Ob-Mann, nicht der Obmann. Denn viel wichtiger, als zu erfahren, wie das Wetter wird, ist es, herauszufinden, ob es das Wetter überhaupt noch geben wird.« Und damit ließ er ein Dutzend Luftballons in den Himmel steigen. »Wolln doch mal sehen, von wo der Wind weht«, kicherte er, als die Ballons in alle Richtungen davonflogen.


»Was hat es mit Fort Stellungen eigentlich auf sich?«, fragte Milo, dem das Ganze mittlerweile mehr als spanisch vorkam und der sich langsam fragte, ob der kleine Mann noch alle beisammenhatte.

»Gute Frage, gute Frage«, rief dieser begeistert. »Ohne Vorstellungen macht man sich nie dorthin auf, wo man hinwill. Andererseits: Obwohl keiner, der irgendwo hinwill, an konkreten Vorstellungen vorbeikommt, kommt jeder, der irgendwo hinwill, an Fort Stellungen vorbei. Es gibt natürlich auch Leute, die nie über ihre Vorstellungen hinauskommen, aber mein Job ist es, ihnen Beine zu machen, ob ihnen das nun passt oder nicht. Ob ich wohl sonst noch was für dich tun kann?«

Bevor Milo noch etwas darauf antworten konnte, verschwand der Ob-Mann im Haus, bloß um Sekunden später wieder auf der Bildfläche zu erscheinen, mit neuem Mantel und einem Schirm.

»Danke, ich finde meinen Weg schon alleine«, sagte Milo, obwohl er sich da ganz und gar nicht sicher war. Aber weil er keinen blassen Schimmer hatte, wovon der kleine Mann eigentlich die ganze Zeit redete, hielt er es für vernünftiger, einfach weiterzufahren – wenigstens so lange, bis er auf jemanden traf, dessen Sätze nicht so klangen, als ergäben sie von vorn gelesen genauso wenig Sinn wie von hinten.

»Prachtvoll, prachtvoll, prachtvoll«, rief der Ob-Mann. »Ob du deinen Weg nun findest oder nicht – einen Weg wirst du auf jeden Fall finden. Und solltest du zufällig meinen Weg finden, bring ihn bitte zurück. Er ist mir nämlich schon vor Jahren verloren gegangen. Ist mittlerweile wahrscheinlich längst verrostet. Du meinst also, es würde regnen, ja?« Und damit spannte er seinen Schirm auf und begleitete Milo zu dessen Auto.

»Bin froh, dass du deine Entscheidung allein getroffen hast. Ich hasse es nämlich, mir ständig den Kopf darüber zerbrechen zu müssen, ob etwas gut ist oder schlecht, oben oder unten, drinnen oder draußen, ob’s regnet oder ob die Sonne scheint. Am besten, man rechnet mit allem, sag ich immer, dann kann einem nichts zustoßen, mit dem man nicht gerechnet hätte. Bitte, fahr vorsichtig; ich halt solang die Stellung, und tschüss, und tschüss, und tschüss, und …« Sein letztes »Tschüss« ging in einem enormen Donner unter, und als Milo Fort Stellungen bei strahlender Sonne hinter sich ließ, konnte er sehen, dass der Ob-Mann inmitten eines heftigen Wolkenbruchs stand, der sich ausschließlich über ihn zu ergießen schien.

Die Straße senkte sich in ein breites grünes Tal und erstreckte sich bis zum Horizont. Das kleine Auto flog nur so dahin. Milo konnte fahren, so schnell er wollte, und musste dazu nicht mal richtig Gas geben. Er war froh, wieder unterwegs zu sein.

Eine Zeit lang in Vorstellungen zu verweilen, ist schon okay, aber den ganzen Tag mit diesem ulkigen Mann zu reden, bringt mich ganz sicher nicht ans Ziel. Das war ja wohl der seltsamste Kerl, dem ich je begegnet bin, dachte er, ohne zu ahnen, auf wie viel mehr seltsame Gestalten er schon bald treffen würde.

Während er Kilometer für Kilometer der sich friedlich vor ihm hinziehenden Landstraße hinter sich ließ, verlor Milo sich zunehmend in Tagträumen und achtete immer weniger darauf, wohin er eigentlich fuhr. Über kurz oder lang schenkte er seinem Weg überhaupt keine Beachtung mehr, und so war es eigentlich kein Wunder, dass er an einer Gabelung, bei der er nach links hätte fahren sollen, den rechten Weg einschlug, einen Weg, der ihm schon wenig später recht falsch vorkam.

Kaum hatte er nämlich die Landstraße verlassen, schon fing alles an, sich zu verändern. Während der Himmel langsam ergraute, schien auch die Landschaft um ihn herum ihre Farbigkeit zu verlieren und einen einzigen schmutzigen Farbton anzunehmen. Über allem lastete eine dumpfe Stille. Selbst das Gezwitscher der Vögel machte grauen Gesängen Platz, und das ständige Hin und Her der leicht ansteigenden Straße bildete ein Band nicht enden wollender Kurven.

Er fuhr

Kilometer

um Kilometer

um Kilometer

um Kilometer, und dabei bewegte sich das Auto immer langsamer und langsamer, bis es kaum noch vorankam.


»Sieht ganz so aus, als käme ich nirgendwohin«, gähnte Milo und wurde ganz matt und schläfrig. »Hoffentlich hab ich nicht den falschen Weg genommen.«

Kilometer

um Kilometer

um Kilometer

um Kilometer wurde alles immer grauer und eintöniger. Schließlich kam das Auto gänzlich zum Stehen. Sosehr Milo sich auch bemühte, es bewegte sich keinen Zentimeter mehr vom Fleck.

»Möcht bloß wissen, wo ich bin«, sagte Milo ziemlich beunruhigt.

»Du bist … in … Pa…ra…ly…si…en«, jammerte eine Stimme wie von ferne.

Mit einem Ruck schaute er sich um, denn er wollte herauskriegen, wer da gesprochen hatte. Aber weit und breit war kein Mensch zu sehen, und es war so ruhig und still wie nur möglich.

»Ja …, Pa…ra…ly…si…en«, gähnte eine andere Stimme, doch entdecken konnte Milo immer noch niemanden.

»WAS IST PARALYSIEN?«, rief er laut und blickte angestrengt in die Gegend, um sehen zu können, wer ihm darauf antworten würde.

»Paralysien, mein junger Freund, ist, wo nichts jemals passiert und sich niemals etwas ändert.«

Diesmal kam die Stimme von so nah, dass Milo vor Verwunderung in die Höhe fuhr, denn auf seiner rechten Schulter hatte es sich ein kleiner Kerl bequem gemacht. Er hatte genau die gleiche Farbe wie das Hemd, auf dem er saß, und war so leicht, dass Milo ihn kaum spürte.

»Darf ich uns vorstellen«, fuhr der Kleine fort, »wir sind die Lethargianer, stets zu Diensten.«

Milo schaute sich um, und erst jetzt bemerkte er, dass die Kerle ihn zu Dutzenden umringten – sie lagen auf seinem Auto, standen auf der Straße und lungerten auf Büschen und auf Bäumen. Sie waren nur sehr schwer zu erkennen, denn vor oder auf was auch immer sie saßen, es hatte genau die gleiche Farbe wie sie selbst. Sie glichen einander wie ein Ei dem anderen (bis auf die Farbe natürlich), und manche glichen einander sogar mehr als sich selbst.

»Freut mich, euch kennenzulernen«, sagte Milo, war sich aber gar nicht so sicher, ob er wirklich froh darüber war. »Ich denke, ich habe mich verirrt. Könnt ihr mir vielleicht helfen?«

»Sprich bloß nicht von Denken«, sagte ein Lethargianer, der sich auf Milos Schuh niedergelassen hatte, denn der auf seiner Schulter war in der Zwischenzeit eingeschlafen. »Das verstößt gegen das Gesetz«, fuhr der neue gähnend fort, bevor er ebenfalls einschlummerte.

»In Paralysien ist das Denken absolut verboten«, ergänzte ein dritter, dem dabei aber auch bereits die Augen zuklappten. Und so fiel jeder, sobald er etwas gesagt hatte, sofort in den Schlaf, und der nächste ergriff das Wort, fast ohne Pause.

»Hast du denn kein Merkheft? Paragraf 175389 Absatz J.«

Milo zog eilig das Merkheft aus seiner Tasche, schlug nach und las:

§ 175389 Absatz J

Solange man sich in Paralysien aufhält, ist es verboten, unmoralisch und gegen das Gesetz, A) zu denken, B) übers Denken nachzudenken, C) Mutmaßungen anzustellen, D) Argumente vorzubringen, E) zu meditieren oder F) zu spekulieren. Jede Zuwiderhandlung wird strengstens bestraft!

»Was für ein lächerliches Gesetz«, entrüstete er sich. »Das Denken verbieten zu wollen. Das tut doch schließlich jeder.«

»Wir nicht«, riefen alle Lethargianer wie aus einem Mund.


»Und du auch nicht. Jedenfalls meistens«, gab einer der Wichte von sich. Er war leuchtend gelb und hatte es sich in der Blüte einer Narzisse bequem gemacht. »Genau darum bist du doch hier. Du warst unaufmerksam, und nachgedacht hast du auch nicht. Solche Leute landen oft in Paralysien.« Und schon kippte er aus seiner Blüte und rollte schnarchend ins Gras.

Obwohl Milo wusste, dass sich so was eigentlich nicht gehörte, konnte er sich das Lachen nicht verkneifen. Das Ganze war aber auch wirklich zu komisch.

»Hör sofort auf damit«, fuhr ihn der karierte Kerl an, der sich an seinem Strumpf festhielt. »Lachen verstößt gegen das Gesetz. Hast du denn kein Merkheft? Paragraf 574381 Absatz W.«

Wieder kramte Milo das Heft hervor und schlug die entsprechende Seite auf:

§ 574381 Absatz W

In Paralysien ist Lachen verpönt und Lächeln nur an jedem zweiten Donnerstag erlaubt. Jeder Verstoß dagegen wird mit aller Härte verfolgt.

»Wenn ihr nicht lachen und nicht denken dürft, was dürft ihr dann überhaupt?«, fragte Milo.

»Alles, solange es nichts ist, und was auch immer, es sei denn, es ist was«, erklärte der Nächste. »Wir stecken bis über beide Ohren in Arbeit und haben einen sehr engen Terminplan …«

»Um 8 Uhr stehen wir auf und verbringen …«

»… von 8:00 bis 9:00 mit Tagträumen.«

»Von 9:00 bis 9:30 halten wir unser frühes Vormittagsschläfchen.«

»Von 9:30 bis 10:30 trödeln wir herum und warten erst mal ab.«

»Von 10:30 bis 11:30 halten wir unser spätes Vormittagsschläfchen.«

»Von 11:30 bis 12:00 warten wir, bis es so weit ist, das Mittagessen zu uns zu nehmen.«

»Von 1:00 bis 2:00 hängen wir rum.«

»Von 2:00 bis 2:30 halten wir unser frühes Nachmittagsschläfchen.«

»Von 2:30 bis 3:30 verschieben wir auf morgen, was wir heute solln besorgen.«

»Von 3:30 bis 4:00 halten wir unser spätes Nachmittagsschläfchen.«

»Von 4:00 bis 4:30 lungern und faulenzen wir herum.«

»Von 4:30 bis 5:00 lassen wir fünfe gerade sein bis zum Abendessen.«

»Von 6:00 bis 7:00 stehlen wir dem lieben Herrgott die Zeit.«

»Von 7:00 bis 8:00 halten wir unser frühes Abendschläfchen, und die Stunde danach, bevor wir um 9:00 endlich ins Bett gehen können, verbummeln wir.«

»Du siehst, da bleibt so gut wie keine Zeit übrig zum Vor-sich-hin-Brüten, Aufschieben, Grübeln oder Vertun, und wenn wir nun auch noch denken oder lachen müssten, würden wir ja nie nichts auf die Reihe kriegen.«

»Du meinst wohl, nie etwas auf die Reihe kriegen«, verbesserte ihn Milo.

»Wir wollen doch gar nicht etwas auf die Reihe kriegen«, blaffte ihn der nächste an. »Wir wollen nichts auf die Reihe kriegen, und das schaffen wir auch sehr gut ohne deine Hilfe!«

»Sieh mal«, fuhr der Nächste fort und klang schon etwas versöhnlicher. »Es ist wirklich reichlich anstrengend, den ganzen Tag nichts zu tun. Deshalb nehmen wir uns einen Tag die Woche frei und machen uns auf nach nirgendwo, und dorthin waren wir gerade unterwegs, als du hier aufgetaucht bist. Hast du nicht Lust mitzukommen?«

Warum eigentlich nicht?, dachte Milo, hat ja ganz den Anschein, als würde ich sowieso dort landen.

»Sagt mal«, gähnte er, denn mittlerweile hätte auch er nichts gegen eine Mütze voll Schlaf einzuwenden gehabt, »tun denn hier alle nichts?«

»Alle bis auf den entsetzlichen AufWachhund«, antworteten die nächsten beiden und zitterten im Chor. »Der schnüffelt hier dauernd rum, reißt uns aus dem Schlaf und passt auf, dass niemand seine Zeit vertut. Ein äußerst unangenehmer Geselle.«

»Ein Aufwachhund, was soll das sein?«, fragte Milo spöttisch.

»DER AUFWACHHUND!«, brüllte ein anderer und fiel vor Angst in Ohnmacht, denn just in diesem Moment kam besagter Hund, von dem gerade die Rede war, unter wütendem Gebell und eine große Staubwolke hinter sich aufwirbelnd die Straße heruntergerannt.

»HAUT AB!«

»WACHT AUF!«

»NICHTS WIE WEG!«

»DA KOMMT ER!«

»DER AUFWACHHUND!«

Mit lautem Geschrei stoben die Lethargianer davon, in alle Himmelsrichtungen, und in Nullkommanichts waren sie alle wie vom Erdboden verschluckt.


»R-R-R-O-O-A-A-R«, donnerte der AufWachhund, während er laut hechelnd und keuchend auf das Auto zupreschte.

Milo fielen fast die Augen aus dem Gesicht vor Staunen, als er vor ihm stehen blieb: ein riesiger Hund mit einem ganz normalen Kopf, vier Beinen, einem Schwanz und – jetzt kommt’s – einem laut vor sich hin tickenden Wecker als Körper.

»Was hast du hier zu suchen?«, knurrte der AufWachhund.


»Nichts Besonderes, bloß die Zeit totschlagen«, antwortete Milo und hob entschuldigend die Hände. »Es ist nämlich …«

»DIE ZEIT TOTSCHLAGEN!?!«, brüllte der Hund. So laut, dass der Wecker zu rasseln anfing. »Schlimm genug, die Zeit zu vergeuden. Da muss man sie doch nicht auch noch totschlagen.« Er schüttelte sich vor Entsetzen bei dem Gedanken. »Was machst du überhaupt hier in Paralysien – hast du kein Zuhause?«

»Ich war auf dem Weg nach Wortopolis, doch dann bin ich hier hängen geblieben«, erklärte Milo. »Kannst du mir nicht weiterhelfen?«

»Dir weiterhelfen! Willst du mich etwa aufziehen?! Das musst du schon selber tun«, antwortete der Hund und zog sich dabei behutsam selber auf – mit seiner linken Hinterpfote. »Ich nehme an, du weißt, warum du hier stecken geblieben bist.«

»Hab wahrscheinlich einfach nicht nachgedacht!«

»EX-AKT«, blaffte der Hund, während er schon wieder losrasselte. »Dann weißt du ja, was du zu tun hast.«

»Leider nein«, sagte Milo kleinlaut und kam sich reichlich dumm vor.

»Na ja«, meinte der AufWachhund ungeduldig. »Da du hier gelandet bist, weil du nicht nachgedacht hast, läge doch der Gedanke nahe, dass du, um hier wegzukommen, anfangen musst zu denken.« Und damit machte er einen Satz und sprang ins Auto.

»Was dagegen, wenn ich mich reinsetze? Ich liebe kleine Ausflüge mit dem Auto.«

Milo fing an, mit aller Macht nachzudenken (was sich als schwerer herausstellte, als er gedacht hatte, weil ihm die Übung fehlte). Er dachte an Vögel, die schwimmen, und Fische, die fliegen. Er dachte an das Mittagessen vom Tag zuvor und das Abendbrot von morgen. Er dachte an Wörter, die mit J anfangen, und Zahlen, die mit 3 enden. Und wie er so nachdachte, fingen die Räder ganz plötzlich an, sich zu drehen.

»Wir fahren, wir fahren«, rief er glücklich.

»Willst du wohl weiterdenken«, knurrte der AufWachhund.

Und wirklich, je angestrengter Milo nachdachte, desto schneller ging es die Straße hinunter. Im Nu hatten sie Paralysien hinter sich gelassen und befanden sich wieder auf der Landstraße. Die Farben hatten ihre alte Pracht zurückgewonnen, und während sie die Straße entlangflitzten, dachte Milo an dies und das und alles Mögliche: an die vielen Umwege, die überall lauerten, und wie leicht man an der falschen Stelle abbiegen konnte, wie schön es war, voranzukommen, und, vor allem, was man mit ein klein wenig Nachdenken so alles erreichen konnte. Währenddessen lehnte der Hund sich zurück, hielt seine Nase in den Wind und tickte wachsam vor sich hin.

3. WILLKOMMEN IN WORTOPOLIS

»Tut mir leid, wenn ich etwas ruppig rüberkomme«, sagte der AufWachhund, nachdem sie ein Weilchen gefahren waren, »aber es gehört sich nun mal für einen Wachhund, die Zähne zu zeigen …«

Milo war so erleichtert darüber, Paralysien hinter sich gelassen zu haben, dass er dem Hund versicherte, ihm nicht böse zu sein. Im Gegenteil – jetzt, wo er wusste, wie dieser tickte, war er ihm sogar dankbar für dessen Beistand.

»Das Leben ist eine Wucht«, rief der AufWachhund. »Besser könnt es nicht sein – wir werden uns auf dieser Reise sicher prima vertragen. Du kannst Tack zu mir sagen.«

»Seltsamer Name für einen Hund, der den ganzen Tag nur tickticktickticktickt«, sagte Milo. »Warum haben sie dich nicht einfach …«

»Nein«, stieß der Hund hervor. »Sprich’s nicht aus!« Und Milo sah, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen.

»Ich wollte dir nicht wehtun«, sagte Milo, der ihm nicht wehtun wollte.

»Ist schon gut«, sagte der Hund und gewann seine Fassung zurück. »Ist ’ne alte Geschichte. Und eine traurige dazu. Wenn du willst, erzähl ich sie dir.

Als mein Bruder geboren wurde, der erste Nachwuchs in unserer Familie, waren meine Eltern überglücklich und gaben ihm sogleich den Namen Tick, denn sie waren sich sicher, dass es genau dieses Geräusch wäre, das er von sich geben würde. Doch kaum hatten sie damit begonnen, ihn aufzuziehen, stellten sie zu ihrem Schrecken fest, dass er nicht tickte, sondern tackte. Sie eilten zum Standesamt, um den Namen ändern zu lassen, aber zu spät. Er war bereits offiziell eingetragen, und es war nichts mehr zu machen. Als ich dann zur Welt kam, waren meine Eltern wild entschlossen, denselben Fehler nicht zweimal zu machen, und da es der Logik zu entsprechen schien, dass alle ihre Kinder das gleiche Geräusch machen würden, nannten sie mich Tack. Doch erstens kommt es anders und zweitens, na ja, du weißt schon – also heißt mein Bruder Tick, obwohl er tacktacktacktackt, und ich heiße Tack, obwohl ich tickticktickticke, und jeder von uns beiden schlägt sich mit dem falschen Namen herum. Meinen Eltern ging die Geschichte so an die Nieren, dass sie das Kinderkriegen aufgaben und ihr Leben hinfort nur noch der Aufgabe widmeten, den Armen und Hungrigen zu helfen.«


»Und wie bist du dann zum AufWachhund geworden?«, unterbrach ihn Milo. Er versuchte das Thema zu wechseln, denn Tack hatte begonnen, ziemlich heftig zu schluchzen.

»Auch das«, sagte der Hund und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, »hat Tradition. Alle meine Vorfahren waren Wachhunde. Das ging über vom Vater auf den Sohn, auf dessen Sohn, auf dessen Sohn. Seit Urgedenken.

Weißt du«, fuhr er fort, und langsam wurde ihm wieder wohler, »ganz früher gab es überhaupt keine Zeit, und die Menschen fanden das sehr lästig. Nie wussten sie, ob sie nun gerade zu Mittag aßen oder zu Abend, und andauernd verpassten sie ihren Zug. Also erfand man die Zeit, um nicht den Überblick über den Tagesverlauf zu verlieren und rechtzeitig dorthin zu gelangen, wo man hinmusste. Als die Menschen dann jedoch auf die Idee kamen, die Zeit zu zählen – 60 Sekunden pro Minute und 60 Minuten pro Stunde und 24 Stunden pro Tag und 365 Tage pro Jahr –, machte sich das Gefühl breit, es gäbe sehr viel mehr davon, als man jemals brauchen würde. Eine zunehmende Zahl von Zeitgenossen war der Meinung: Wenn es so viel Zeit gibt, kann sie ja nicht viel wert sein, und schon bald geriet sie in Misskredit. Die Leute fingen an, sie zu vergeuden, ja sogar, sie zu verschenken. So lange, bis man uns die Aufgabe übertrug, dafür zu sorgen, dass sie endlich aufwachten und damit aufhörten, ihre Zeit zu vertun«, sagte er und setzte sich stolz in Position. »Ein zeitraubender Job, und manchmal geht er einem auch auf den Wecker, aber eine echte Berufung, da gibt es kein Vertun. Denn«, und jetzt erhob er sich aus seinem Sitz, stützte sich mit einer seiner Hinterpfoten an der Windschutzscheibe ab und rief mit ausgestreckten Armen, »Zeit ist das wertvollste Gut, das wir haben, wertvoller noch als Diamanten. Auf Zeit ist Verlass wie auf Ebbe und Flut. Sie läuft ewig, bleibt nie stehen und …«

In diesem Moment fuhr das Auto über eine Bodenwelle, und Tack sackte unter heftigem Rasseln in den Beifahrersitz.

»Alles in Ordnung?«, rief Milo.

»Umpff«, ächzte Tack. »’tschuldigung, haut mich jedes Mal wieder um vor Begeisterung. Aber ich denke mal, du hast verstanden, was ich meine.«

Auf den nächsten Kilometern unterstrich Tack die Wichtigkeit der Zeit noch dadurch, dass er alte Philosophen und Dichter zitierte. Beim Versuch, seinen Argumenten den nötigen Nachdruck zu verleihen, gestikulierte er so wild, dass er mehrmals beinahe Hals über Kopf aus dem dahinrasenden Auto gefallen wäre.

Es dauerte gar nicht lange, da sahen sie in der Ferne die Türme und Fahnen von Wortopolis im Sonnenlicht aufleuchten, und nur wenig später erreichten sie deren gewaltige Mauer. Vor dem Stadttor machten sie halt.


»Ä-H-H-H-R-R-Ä-M-M«, räusperte sich der Torwächter laut und vernehmlich und nahm schlagartig Haltung an. »Dies ist das Königreich der Glückseligen, Wortopolis. Bollwerk der Vernunft in den Niederungen am Fuße der Irrungen und Wirrungen, profitiert es vom frischen Wind, der vom Meer des Wissens herüberweht. Auf königliche Anordnung ist heute Markttag. Seid ihr gekommen, um etwas zu kaufen oder zu verkaufen?«

»Wie bitte?«, fragte Milo.

»Kaufen oder verkaufen, kaufen oder verkaufen«, wiederholte der Torwächter ungeduldig. »Was denn nun? Ihr seid doch nicht ohne Grund hierhergekommen, oder?«

»Na ja, ich …«, fing Milo an.

»Kommt schon! Wenn ihr schon keinen Grund habt, dann wird es doch zumindest eine Erklärung geben oder wenigstens eine Entschuldigung«, unterbrach ihn der Torwächter.

Milo schüttelte den Kopf.

»Bedenklich, höchst bedenklich«, sagte der Torwächter und schüttelte ebenfalls den Kopf. »Ohne Grund kommt ihr hier nicht rein.« Er dachte einen Moment nach. »Wartet mal«, fuhr er dann fort, »kann sein, dass ich noch einen alten habe, den ihr benutzen könnt.«

Er holte einen ramponierten Koffer aus dem Torhäuschen und fing an, geschäftig in ihm herumzukramen. Dabei murmelte er vor sich hin: »Nein … nein … nein … der geht nicht … nein … h-m-m-m … ah, der ist genau richtig«, rief er schließlich triumphierend aus und hielt ein kleines Medaillon in die Luft, das an einer Kette baumelte. Er wischte den Staub ab, sodass man die auf einer Seite eingravierten Worte erkennen konnte: WARUM NICHT?


»Das ist ein guter Grund für so gut wie alles. Vielleicht schon ein bisschen abgenutzt, aber immer noch einigermaßen tauglich.« Und damit hängte er Milo das Medaillon um den Hals, schob die schwere Eisentür auf, machte eine tiefe Verbeugung und ließ sie passieren.

Was für ein Markt das wohl sein mag, fragte sich Milo, als sie durch das Tor fuhren. Doch bevor er noch länger darüber hätte nachdenken können, befanden sie sich bereits am Rand eines riesigen Platzes, auf dem in langen Reihen ein Stand neben dem anderen stand. Auf jedem von ihnen waren wahre Berge von Waren, und fast jeder war mit farbenfrohen Wimpeln geschmückt. Über ihnen verkündete ein großes Transparent:

Willkommen auf dem Wortmarkt

Gleichzeitig eilten von der gegenüberliegenden Seite des Platzes fünf sehr lange, dünne und hoheitsvoll in Samt und Seide gekleidete Herren mit Federhüten auf dem Kopf und Schnallenschuhen an den Füßen auf das Auto zu, hielten kurz inne, wischten sich fünfmal die Stirn, holten fünfmal tief Luft, entrollten fünf Pergamentrollen und begannen einer nach dem anderen zu sprechen.

»Seid gegrüßt!«

»Moin!«

»Willkommen!«

»Guten Tag!«

»Hallo!«

Milo nickte nur mit dem Kopf, und sie fuhren fort, von ihren Pergamentrollen abzulesen.

»Auf Befehl von Abis Zett dem Ungekürzten«,

»König von Wortopolis«,

»Herrscher der Buchstaben«,

»Regent über Phrasen, Sätze und Redensarten«,

»heißen wir euch herzlich willkommen in unserem Königreich«,

»unserem Land«,

»unserer Nation«,

»unserem Staat«,

»unserem Gemeinwesen«,

»unserer Monarchie«,

»unserem Imperium«,

»unserer Pfalz«,

»unserem Fürstentum.«

»Bedeuten diese Worte etwa alle dasselbe?«, stieß Milo hervor.

»Natürlich.«

»Na sicher.«

»Selbstverständlich.«

»Genau.«

»Und ob«, antworteten sie einer nach dem anderen.

»Nun ja«, sagte Milo, dem nicht ganz einleuchtete, warum jeder das Gleiche sagte, bloß ein bisschen anders, »würde es die Sache nicht vereinfachen, bloß einen Ausdruck zu gebrauchen? Das ist doch viel sinnvoller.«

»Unsinn.«

»Lächerlich.«

»Hirnverbrannt.«

»Absurd.«

»Quatsch«, riefen sie im Chor.

»Wir haben überhaupt kein Interesse daran, sinnvoll zu sein. Das ist nicht unser Job«, keifte der Erste.

»Nebenbei«, erklärte der Zweite, »ein Wort ist so gut wie das andere – warum sollte man sie dann nicht alle benutzen?«

»Zumal man sich auf diese Weise nicht entscheiden muss, welches das passende ist«, empfahl der Dritte.

»Außerdem«, seufzte der Vierte, »wenn eins schon passt, passen zehn noch zehnmal mehr.«

»Offensichtlich hast du keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast«, sagte der Fünfte von oben herab. Und dann stellten sie sich der Reihe nach vor:

»Gestatten, Baron Botho von Bindewort.«

»Seine Eminenz Erich von Eigen-Schaft.«

»Fürst Ferdinand von Fragesatz.«

»Graf Gunnar Genus-Verbi.«

»Ministerialdirigent Manfred Modus-Irrealis.«


Milo ließ die Vorstellung schweigend über sich ergehen. Als Tack anfing, leise zu knurren, erklärte Seine Eminenz:

»Wir sind die Berater des Königs, oder, wie es offiziell heißt, sein Kabinett.«

»Kabinett«, dozierte der Baron, »1. kleines Privatgemach oder Kammer, in welcher Wertsachen oder Kuriositäten aufbewahrt werden; 2. Konferenzzimmer für die Ministerrunde; 3. Gremium offiziell bestallter Berater des Regierungschefs eines Landes.«


»Ihr seht«, fuhr Seine Eminenz fort und dankte dem Baron mit einer leichten Verbeugung für dessen Ausführungen, »Wortopolis ist der Ort, von dem alle Wörter dieser Welt ausgehen, weil sie uns nie ausgehen. Wir bauen sie nämlich in unseren Obstgärten an.«

»Ich wusste gar nicht, dass Wörter an Bäumen wachsen«, sagte Milo kleinlaut.

»Ja wo denn sonst?«, rief der Fürst empört, während die ersten Marktbesucher anfingen, sich um sie zu scharen. Voller Neugier betrachteten sie den kleinen Jungen, der nicht zu wissen schien, dass Wörter an Bäumen wuchsen.

»Ich wusste nicht mal, dass sie überhaupt wachsen«, gab Milo noch kleinlauter zu. Ein paar der Umstehenden schüttelten erschüttert den Kopf.

»Nun denn«, hakte der Graf nach, »wächst an Bäumen vielleicht Geld?«

»Soviel ich weiß, nicht.«

»Dann muss dort ja wohl irgendetwas anderes wachsen. Warum also nicht Wörter?!«, rief der Ministerialdirigent triumphierend. Die Menge spendete seiner bestechenden Logik Beifall und ging wieder ihrer Wege.

»Um fortzufahren«, fuhr Seine Eminenz ungeduldig fort, »einmal pro Woche wird auf königliche Anordnung hier auf dem großen Platz der Wortmarkt abgehalten, und die Menschen kommen von überallher, um die Wörter zu kaufen, die sie brauchen, oder diejenigen anzubieten, mit denen sie nichts anfangen können.«

»Unsere Aufgabe«, sagte der Graf, »besteht darin, darauf zu achten, dass jedes verkaufte Wort einwandfrei ist, weil es nichts bringen würde, jemandem ein Wort zu verkaufen, das keine Bedeutung hat, geschweige denn gar nicht existiert. Würdest du zum Beispiel ein Wort wie ghlbtsk kaufen, wo, bitte schön, könntest du es anwenden?«

Schwer zu sagen, dachte Milo. Schließlich gab es unendlich viele komplizierte Wörter, von denen er keinen blassen Schimmer hatte.

»Aber wir geben niemals vor, welches Wort man zu benutzen hat«, erklärte der Fürst, während sie sich auf die Marktstände zubewegten, »denn solange sie vorgeben, was sie vorgeben vorzugeben, ist es uns egal, ob sie Sinn ergeben oder Unsinn.«

»Scharfsinn oder Stumpfsinn«, ergänzte der Graf.

»Biedersinn oder Widersinn«, sagte der Ministerialdirigent.

»Freisinn oder Greisin«, hüstelte Seine Eminenz.

»Versteht sich«, sagte Milo, weil er nicht unhöflich sein wollte.

»Genau«, rief der Fürst, »auf jeden Fall.« Und schon fiel er mit einem lauten Plumps zu Boden.


»Mein Gott, stellen Sie sich doch nicht so ungeschickt an!«, schrie der Baron.

Der Fürst rieb sich den Kopf. »Ich habe doch nur bestätigen wollen …«, fing er an.

»Wir haben es sehr wohl vernommen«, sagte Seine Eminenz ärgerlich. »Sie sollten sich künftig um weniger gefährliche Ausdrücke bemühen.«

Der Fürst klopfte sich den Staub von seiner Samtjacke, während die anderen laut und vernehmlich kicherten.

»Siehst du«, belehrte ihn der Graf. »Man muss vorsichtig sein in der Wahl seiner Worte und sich genau überlegen, was man eigentlich sagen will. Und jetzt müssen wir uns auf die Beine machen, um das königliche Bankett vorzubereiten.«

»Ihr nehmt natürlich daran teil«, sagte Seine Eminenz.

Und bevor Milo noch etwas darauf antworten konnte, eilten die fünf schon über den Platz davon, ebenso plötzlich wie sie gekommen waren.

»Viel Vergnügen auf dem Markt«, rief der Ministerialdirigent ihnen noch zu.

»Markt«, dozierte der Baron, »ein offener Platz oder ein bedachtes Gebäude, in dem …«

Das war das Letzte, was Milo von ihnen hörte, bevor sie in der Menge untertauchten.

»Ich hatte ja keine Ahnung, wie viel Verwirrung Worte stiften können«, sagte Milo zu Tack, während er sich zu ihm hinabbeugte, um ihm am Ohr zu kraulen.

»Bloß dann, wenn man sehr viele davon benutzt, um sehr wenig zu sagen«, antwortete Tack.

Das war das Vernünftigste, was Milo den ganzen Tag über gehört hatte. »Komm«, rief er, »lass uns über den Markt gehen. Sieht ziemlich aufregend aus.«

4. TOHUWABOHU AUF DEM MARKTPLATZ

Und ob es aufregend war! Kaum hatten sie sich den ersten Marktständen genähert, sah Milo Menschenmassen, die sich schiebend und schreiend ihren Weg durch die schmalen Gassen bahnten, die kauften und verkauften, schacherten und feilschten. Von allen Seiten strömten sperrige Handkarren mit Holzrädern auf den Platz, während gleichzeitig gewaltig lange Lastzüge darauf vorbereitet wurden, die Hauptstadt in alle vier Himmelsrichtungen zu verlassen. Turmhoch aufgestapelte Säcke, Kisten und Kästen warteten darauf, auf Schiffe gebracht zu werden, die zum Meer des Wissens segelten. Etwas abseits sang ein Chor Lieder, um diejenigen zu unterhalten, die entweder zu alt oder zu jung waren, um Handel zu treiben, und über dem ganzen Krach und Tumult hörte man die Stimmen der Händler, die lautstark ihre Waren feilboten.

»Aktuelle Wos und Wanns.«

»Aaa-ooo! Aaa-ooo! Aaa-ooo! Über Jahrzehnte gepflegte Wenns und Abers.«

»Wörter, die ›S‹ in sich haben, zum halben Preis.«

So viele Wörter und so viele Menschen! Sie kamen buchstäblich aus allen nur vorstellbaren Gegenden, ja, zum Teil sogar aus solchen, die man sich nicht vorstellen konnte. Jeder war damit beschäftigt, auszuwählen, zu sortieren und alles Mögliche und Unmögliche in Kästen zu stopfen. Und kaum war einer voll, griff man schon zum nächsten. Das Gewimmel und Getue schien kein Ende zu finden.


Milo und Tack schoben sich durch die Gänge und begutachteten das erstaunliche Angebot an Wörtern, die zum Kauf angeboten wurden. Es gab kurze, einfache für den täglichen Gebrauch und lange, sehr bedeutsame für spezielle Gelegenheiten. Dazu noch ein paar ganz besonders ausgefallene. Die waren einzeln abgepackt, in Geschenkpapier gewickelt und dienten ausschließlich königlichen Erlassen und Verkündigungen.

»Treten Sie näher, treten Sie näher! Eins-a-Worte für jede Gelegenheit. Exklusiv nur hier«, verkündete ein Mann mit dröhnender Stimme. »Na, Kleiner, was kann ich für dich tun? Wie wär’s mit einer Tüte Pronomina, mit diesen zum Beispiel? Oder vielleicht mit einem Sortiment ausgewählter Artikel?«


Milo hatte sich noch nie viele Gedanken über Wörter gemacht, aber diese hier sahen so gut aus, dass er unbedingt ein paar davon haben wollte.

»Sieh dir das an, Tack«, rief er. »Sind die nicht wundervoll!«

»Ja, vorausgesetzt, du hast was zu sagen«, antwortete Tack müde, denn ihm stand der Sinn sehr viel mehr danach, einen Knochen zu finden, als nach Worten zu suchen.

»Wenn ich mir ein paar besorge, kann ich vielleicht lernen, damit umzugehen«, sagte Milo erwartungsvoll und fing an, sich durch die Wörter des Marktstandes zu wühlen. Schließlich wählte er drei aus, die ihm ganz besonders gut gefielen: Zwickmühle, verblüffend und aufpolstern. Er hatte keine Ahnung, was sie bedeuteten, aber sie sahen irgendwie elegant aus und klangen großartig.

»Wie viel?«, fragte er.

»Drei«, meinte der Mann.

»Nein, wie viel sie kosten, mein ich«, sagte Milo. Doch als der Mann ihm den Preis ins Ohr flüsterte, legte er sie wortlos wieder auf die Ablage und wandte sich zum Gehen.

»Wie wär’s mit ein paar Pfund Alles Gute?«, rief ihm der Verkäufer hinterher. »Die sind sehr viel alltagstauglicher. Eignen sich fantastisch für Alles Gute zum Geburtstag, Alles Gute zum neuen Jahr, Alles Gute kommt von oben, Alles Gute …«

»Würde ich ja gern«, druckste Milo, »aber …«

»Gut, dann eben ohne Alles. Kostet bloß die Hälfte und ist mindestens genauso gut: Guten Morgen, Guten Tag, Guten Abend, Gute Nacht. Guter Gott – das ist doch wirklich ein Gutes Angebot!«

Milo hätte liebend gern etwas gekauft, aber als er in die Tasche griff, klingelten dort nur die Münzen, die er für die Mautstelle brauchte, um wieder in sein Zimmer zu gelangen. Und bei Tack klingelte nichts bis auf den Wecker.

»Nein, danke«, erwiderte Milo. »Wir gucken nur. Aber alles Gute!« Und damit setzten sie ihren Marktbummel fort.

Als die beiden die letzte Gasse zwischen den Ständen erreicht hatten, fiel Milo ein Marktwagen ins Auge (Was wohl der Baron dazu gesagt hätte?!), der sich von den anderen abhob. An seiner Seite hing ein Schild mit den fein säuberlich geschriebenen Worten »DO IT YOURSELF«, und innen standen sechsundzwanzig Kästen, bis zum Rand gefüllt mit allen Buchstaben des Alphabets – von A bis Z.

»Die sind für Leute, die sich ihren eigenen Reim auf die Dinge machen wollen«, erklärte ihm der Verkäufer. »Du kannst sie dir selbst zusammenstellen, ganz nach Belieben. Oder du greifst zu unserem Sonderangebot: komplett mit allen Buchstaben, Satzzeichen und einer Gebrauchsanweisung. Hier, probier mal das A: ist richtig gut.«

Zögernd führte Milo den Buchstaben zum Mund und kaute vorsichtig auf ihm rum.

»Aaa!« Es war herrlich süß und schmeckte köstlich – ganz so, wie man das von einem A erwarten konnte.

»Ich wusste, dass es dir gefallen würde«, lachte der Buchstabenmann, schnippte sich zwei G und ein R in den Mund und lutschte sie mit offenem Mund, sodass ihm der Saft das Kinn runterlief. »Das A gehört zu den absoluten Rennern. Nicht alle sind so gut«, gestand er flüsternd. »Das Z zum Beispiel – staubtrocken wie Sägemehl. Oder das X. Schmeckt wie ein ganzer Schrank voll abgestandener Luft. Deshalb greifen die Leute auch so gut wie nie danach. Aber der Rest ist ziemlich lecker. Hier, probiert ruhig noch ein paar mehr.«

Er gab Milo ein E, eisgekühlt und erfrischend, und Tack ein knusprig-knackiges K.

»Die meisten Leute sind einfach zu faul und plappern lieber alles nach, statt sich um eigene Worte zu bemühen«, redete er weiter, »dabei macht das viel mehr Spaß.«

»Aber ist das nicht zu schwierig? Ich bin nicht so gut darin, eigene Worte zu finden«, gestand Milo und spuckte heimlich ein Stückchen Haut von einem H hinter sich.

»Da kann ich vielleicht behilflich sein, B-E-H-I-L-F-L-I-C-H«, summte eine fremde Stimme, und als Milo hochguckte, sah er eine riesige Biene, mindestens doppelt so groß wie er selbst, die sich auf dem Dach des Wagens niedergelassen hatte.


»Ich bin die Buchstabiene«, verkündete die Buchstabiene. »Keine Angst, A-N-G-S-T.«

Tack kroch unter den Wagen, und Milo, der schon ganz normale Bienen nicht übermäßig toll fand, wich ein paar Schritte zurück.

»Ich kann alles buchstabieren, B-U-C-H-S-T-A-B-I-E-R-E-N«, warf sie sich in die Brust und ließ kurz ihre Flügel aufbrausen. »Versuch’s mal, versuch’s mal!«

»Wie wär’s mit ›Tschüss‹?«, schlug Milo vor und machte noch zwei Schritte rückwärts.

Die Biene erhob sich sanft in die Luft und drehte eine gemächliche Runde über Milos Kopf.

»Vielleicht, V-I-E-L-L-E-I-C-H-T, unterliegst du der Fehleinschätzung, F-E-H-L-E-I-N-S-C-H-Ä-T-Z-U-N-G, ich sei gefährlich«, summste sie und vollzog einen blitzsauberen Looping nach links. »Lass mich dir versichern, V-E-R-S-I-C-H-E-R-N, meine Absichten sind ganz und gar friedlich, F-R-I-E-D-L-I-C-H.« Und damit nahm sie erneut auf dem Wagendach Platz und fächelte sich mit einem Flügel Luft zu. »Und jetzt«, hechelte sie, »such dir das absolut schwierigste Wort aus, das du dir vorstellen kannst, und ich werde es buchstabieren. Mach schon, mach schon!« Sie sprang ungeduldig von einem ihrer sechs Beine auf das nächste.

Sieht eigentlich ganz zugewandt aus, dachte Milo, war sich aber nicht sicher, wie zugewandt eine Biene eigentlich sein sollte. Dann versuchte er, sich ein wirklich kompliziertes Wort einfallen zu lassen. »Lehgastenicker«, schlug er vor, denn dieses Wort hatte er gerade erst in der Schule zu hören bekommen.

»Ganz schön knifflig«, sagte die Biene und zwinkerte dem Buchstabenmann zu. »Lass mal sehen … hmmmmmmm …« Sie wischte sich über die Stirn, zog sie in Falten und ging langsam auf dem Wagendach hin und her. »Wie viel Zeit habe ich?«

»Zehn Sekunden«, schrie Milo aufgeregt. »Achtung, Tack. Zeit läuft!«

»Oje, oje, oje, oje«, jammerte die Biene und bewegte sich immer nervöser hin und her. Dann, auf den allerletzten Drücker, buchstabierte sie, so schnell sie konnte: L-E-G-A-S-T-H-E-N-I-K-E-R.«

»Korrekt«, bestätigte der Buchstabenmann, und alle klatschten Beifall.

»Kannst du wirklich alles buchstabieren?«, fragte Milo voller Bewunderung.

»So ungefähr«, antwortete die Biene mit einem Anflug von Stolz. »Vor vielen Jahren war ich noch eine ganz normale Biene und steckte meine Nase von morgens bis abends in irgendwelche Blumen statt in Dinge, die mich nichts angehen. So lange, bis mir klar wurde, dass meine Aussichten nicht bloß stockdunkel, sondern zappenduster waren, solange ich keine vernünftige Ausbildung hatte. Und da ich …«

»KACKERLACKACK!«, dröhnte eine Stimme. Hinter dem Wagen trat ein großes, käferartiges Insekt hervor. Es trug einen noblen Mantel, Nadelstreifenhosen, eine karierte Weste, leicht abgeschabte Gamaschen, schwarze Lackschuhe und eine Melone. »Ich sage es gleich noch einmal: KACKERLACKACK!«, wiederholte er, fuchtelte mit seinem Spazierstock in der Luft herum, sprang mit beiden Beinen in die Höhe und klackte die Hacken zusammen. »Kommt schon, wo habt ihr denn eure Manieren gelassen? Will mich wohl endlich jemand dem kleinen Jungen vorstellen!?«


»Dies«, sagte die Biene äußerst geringschätzig, »ist der Kackerlack oder die gemeine Küchenschabe. Ein totaler Widerwart.«

»KACKERLACKACK! Von wegen Küchenschabe. Wir Kackerlacken sind bei jedermann beliebt«, schnaufte der Kackerlack. »Wie ich dem König neulich sagte …«

»Du hast den König nie getroffen«, unterbrach ihn die Biene vorwurfsvoll. Zu Milo gewandt sagte sie: »Glaub dem alten Schwindler kein Wort.«

»KACKERLACKACK!«, erwiderte der Kackerlack. »Wir sind eine alteingesessene, höchst ehrenwerte Familie, nobel bis auf die Knochen, Insecticus Cacerlacium, um es mal auf Latein zu sagen. Wir haben bereits an den Kreuzzügen von Richard Löwenherz teilgenommen, mit Kolumbus den Atlantik überquert und an der Seite von allen möglichen Entdeckern neue Länder erobert. Auch heute noch bekleiden Mitglieder unserer Familien allerhöchste Regierungsposten auf der ganzen Welt. Nicht umsonst heißt es: In eurer Kron’ fehlt’ manch ein Zacken, gäb’s nicht uns, die Kackerlacken.«

»Wie konnt ich’s bloß vergessen haben, was wär die Welt ganz ohne Schaben?! –-- S-C-H-A-B-E-N!«, meinte die Biene spöttisch. »Wie wär’s, Sie würden jetzt einfach mal Leine ziehen? Ich war nämlich gerade dabei, dem Burschen hier die Wichtigkeit korrekter Rechtschreibung nahezubringen.«

»KACKERL… ACH WAS!«, sagte der Kackerlack und legte einen Arm um Milos Schulter. »Kaum hat man dir beigebracht, ein Wort zu buchstabieren, schon kommt das nächste dran. Die totale Sisyphos…«

»S-I-S-Y-P-H…«

»…arbeit!«, zischte der Kackerlack und warf der Biene einen giftigen Blick zu. »Warum sich damit abquälen? Glaub mir, mein Junge, vergiss es! Wie mein Ur-ur-urgroßvater George Washington Kackerlack zu sagen pflegte …«


»Wissen Sie, was Sie sind, mein Herr?«, ereiferte sich die Biene, »ein schäbiger Hochstapler, H-O-C-H-S-T-A-P-L-E-R, der nicht mal seinen eigenen Namen buchstabieren kann.«

»Das sklavische Festhalten an der grammatikalischen Korrektheit der Worte ist ein Zeichen absoluter Fantasielosigkeit«, raunzte der Kackerlack und fuchtelte wild mit seinem Spazierstock.

Milo hatte nicht die geringste Ahnung, wovon eigentlich die Rede war, bloß, dass es die Buchstabiene offenbar so sehr auf die Palme brachte, dass sie auf den Kackerlack zuflog und ihm mit einem Flügel den Hut vom Kopf stieß.

»Vorsicht!«, schrie Milo, als die Schabe erneut den Stock herumwirbeln ließ, die Biene an einem Fuß erwischte und den Kasten mit den W umhaute.

»Mein Fuß«, jammerte die Biene.

»Mein Hut«, jammerte der Kackerlack. Und schon ging der Kampf in die nächste Runde.

Die Buchstabiene bewegte sich gefährlich summend in die Reichweite des wilde Kreise ziehenden Spazierstocks und wieder heraus, während die beiden Streithähne sich heftige Drohungen und Schimpfworte an den Kopf warfen, die zu buchstabieren sich hier absolut verbietet. Die Menge der Umstehenden wich zurück aus der Gefahrenzone.


»Aber, aber!«, versuchte Milo den Streit zu schlichten. »Es muss doch einen anderen Weg geben, miteinan…« Und dann schrie er: »PASS AUF!« Aber es war zu spät.

Es gab einen fürchterlichen Krach, als der Kackerlack vor lauter Wut stolperte und in einen der Marktstände fiel, wodurch dieser den nächsten umwarf und dieser wieder den nächsten und den nächsten, bis kein einziger Stand auf dem ganzen Markt mehr stand und Buchstaben, Wörter und Sätze über den gesamten Platz verteilt auf dem Boden lagen.

Die Biene, die sich in einem der vielen Wimpel verheddert hatte, purzelte zu Boden, wobei sie Milo umwarf, der sie unter sich begrub.

»Igitt!!«, schrie sie. »Auf mir sitzt ein kleiner Junge!« Der Kackerlack lag rücklings und völlig derangiert auf einem Berg zerquetschter Buchstaben, und Tack, dessen Alarmglocke ohne Unterbrechung schrillte, war unter einer Ansammlung unzusammenhängender Worte vergraben. Der Buchstabenmann hockte auf einer der leeren Kisten und stöhnte: »Mir fehlen die Worte.«

5. ÜBER KURZ ODER LANG

»Macht euch bloß an, was ihr geschaut habt«, schrie einer der Händler verärgert. Eigentlich hatte er »Schaut euch bloß an, was ihr gemacht habt« sagen wollen, aber die Worte lagen so wild verteilt herum, dass niemand die richtigen finden konnte.

»Tun wir bloß jetzt sollen was!«, klagte ein anderer, während man sich überall bemühte, die Dinge irgendwie wieder in Ordnung zu bringen.

Eine Zeit lang brachte niemand auch nur einen verständlichen Satz zustande, und das Tohuwabohu wurde immer größer. Doch dann fing man an, die Marktstände so schnell wie möglich wiederaufzurichten, und fegte die Wörter zu einem riesigen Haufen zusammen, aus dem jeder sich die seinen herausfischen konnte.

Die Buchstabiene war beleidigt davongeflogen, und Milo hatte sich gerade wieder aufgerappelt, da traf das gesamte Polizeiaufgebot von Wortopolis ein und blies heftig in die Trillerpfeife.

»Endlich! Jetzt kommt Licht ins Dunkel«, hörte Milo jemanden sagen, »da kommt Hauptwachtmeister Kurz, der sagt, wo’s langgeht.«



Quer über den Platz stiefelte der kleinste Polizist, den Milo je gesehen hatte. Knapp siebzig Zentimeter kurz war er fast doppelt so dick und trug eine blaue Uniform mit weißem Gürtel, weiße Handschuhe, eine Schirmmütze und einen grimmigen Gesichtsausdruck. Er blies ununterbrochen in seine Trillerpfeife, so lange, bis sein Gesicht rot anlief wie eine Runkelrübe, und hörte damit nur kurz auf, um jedem, an dem er vorüberkam, »Schuldig! Schuldig! Schuldig« ins Gesicht zu brüllen.

»So was von schuldig ist mir ja noch nie unter die Augen gekommen«, rief er, als er vor Milo zum Stehen kam. »Das wird dich teuer zu stehen kommen!« Dann wandte er sich dem immer noch laut rasselnden Tack zu und schrie: »Stell diesen Hund ab. Es ist respektlos, im Beisein der Polizei Alarm zu schlagen.«

Er zog ein schwarzes Notizbuch aus der Jackentasche seiner Uniform und hielt den Vorfall fein säuberlich dort fest. Danach stiefelte er auf und ab, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, und ließ seinen Blick über das Feld der Verwüstung schweifen.

»Reizend, wirklich reizend.« Seine Miene verfinsterte sich. »Wer trägt hieran die Schuld?«, herrschte er die Menge an. »Heraus mit der Sprache, oder ich mach kurzen Prozess und zieh euch allen die Ohren lang.«

Lange herrschte betretenes Schweigen. Weil niemand mitbekommen hatte, was eigentlich passiert war, machten alle bloß lange Gesichter und hoben schweigend ihre Hände, zum Beweis, dass sie nichts trugen. Weder Schuld noch irgendetwas anderes.

»Du da«, zischte der Wachtmeister und richtete seinen Finger anklagend auf den Kackerlack, der sich gerade den Staub von den Kleidern klopfte und seinen Hut zurechtrückte, »du siehst mir höchst verdächtig aus.«

Der Kackerlack ließ vor Schreck seinen Spazierstock fallen und antwortete nervös: »Bei meiner Ehre als Gentleman versichere ich Ihnen, Sir, dass ich mit der ganzen Sache nichts zu tun habe, mir nicht das Geringste habe zuschulden kommen lassen und bloß das angeregte Leben und geschäftige Treiben des Marktes genoss, als dieser junge Bursche …«

»AHA!«, unterbrach ihn der Hauptwachtmeister Kurz und machte einen weiteren Vermerk in seinem kleinen Notizbuch. »Also da geht’s lang. Hab ich’s mir doch gleich gedacht: Es liegt wie immer an den Jungs.«

»Entschuldigen Sie«, unterbrach ihn der Kackerlack, »aber ich wollte damit in keinster Weise unterstellen, dass …«

»RUHE!«, donnerte der Hauptwachtmeister, reckte sich zu seiner vollen Kürze auf und brachte den entsetzten Kackerlack durch einen drohenden Blick zum Schweigen. »Und jetzt zu dir«, fuhr er fort und wandte sich erneut an Milo, »wo warst du am Abend des 27. Juli?«

»Was soll das damit zu tun haben?«, fragte Milo.

»Da ist mein Geburtstag, das soll das damit zu tun haben«, sagte der Wachtmeister und notierte Meinen Geburtstag vergessen. »Jungs vergessen alle naslang anderer Leute Geburtstag.

Folgender Straftaten hast du dich schuldig gemacht«, fuhr er fort: »Besitz eines Hundes mit nicht genehmigter Alarmglocke, Erregung öffentlichen Ärgernisses, Umsturzversuch eines gesamten Standes, was sage ich: aller Stände, fahrlässige Verwüstung, vorsätzliche Verursachung von Wortsalat, kurz …«

»Nu mal halblang«, bellte Tack und schaute von oben auf den Wachtmeister herab.

»… sowie Missachtung des absoluten Bellverbots!«, fuhr Kurz fort und bedachte den Hund mit einem bitterbösen Blick.

»Unsinn«, knurrte Tack beleidigt, »ist doch eh alles bloß Belletristik!«

»Erzähl keine Geschichten!«, herrschte der Polizist ihn an und griff erneut zu seinem Notizbuch. »Also«, sagte er und wandte sich wieder an Milo, »bist du bereit, das Urteil entgegenzunehmen?«

»Nur Richter können Urteile sprechen«, sagte Milo, der sich daran erinnerte, das mal in einem Schulbuch gelesen zu haben.

»Stimmt«, erwiderte der Wachtmeister, nahm kurz seine Mütze ab und zog sich eine lange schwarze Robe über. »Ich bin der Richter. Also, wie soll das Urteil ausfallen, kurz oder lang?«

»Wenn’s geht, kurz«, sagte Milo.

»Ausgezeichnet«, sagte der Richter, zauberte einen Holzhammer unter seiner Robe hervor und schlug damit dreimal auf eine der herumliegenden Kisten. »Lange kann ich mir sowieso schlecht merken. Wie wär’s mit ›schuldig‹. Zwei Buchstaben kürzer als ›unschuldig‹.«

Alle nickten mit dem Kopf zum Zeichen, dass sie sein Urteil gerecht fanden.

»Kurz und gut: Als Strafe scheinen mir 6 Millionen Jahre Gefängnis lang genug. Damit ist die Verhandlung geschlossen«, verkündete er und schlug abschließend noch einmal mit seinem Hammer auf die Kiste. »Und jetzt ab in den Kerker. Da lang …«

»Nur Gefängniswärter sind befugt, jemand in den Kerker zu werfen«, wandte Milo ein. Auch das hatte er aus seinem Schulbuch.

»Stimmt«, sagte der Richter, zog die Robe aus und ein großes Schlüsselbund hervor. »Es sei denn, man ist Kerkermeister. So wie ich.« Und damit führte er die beiden ab.

»Kopf hoch«, rief der Kackerlack. »Vielleicht erlassen sie euch ja eine Million Jahre wegen guter Führung.«

Das schwere Kerkertor schwang langsam auf, und Milo und Tack folgten Hauptwachtmeister Kurz einen Flur entlang, der bloß ab und zu kurz von einer flackernden Kerze erhellt wurde.

»Achtung, Stufen«, warnte sie der Polizist, als sie die ersten Stufen einer steilen Wendeltreppe hinabstiegen.

Die Luft war feuchtkalt und stickig, es roch nach alten Socken, und die dicken Steinmauern waren nass und glitschig. Sie stiegen tiefer und tiefer, bis sie an ein zweites Tor kamen, noch düsterer und schwerer als das erste. Ein Spinnennetz fuhr durch Milos Gesicht, und er erschauderte.

»Über kurz oder lang werdet ihr euch hier sicher wohlfühlen«, kicherte der Polizist, als er den Riegel zurückschob. »Zugegeben«, das Tor quietschte und knarrte in den Angeln, »viel Gesellschaft habt ihr nicht, hier unten. Bis auf die Diebin natürlich, die alte Heckse.«

»Diebin? Alte Hexe?«, fragte Milo und erschrak.

»Ja«, sagte der Hauptwachtmeister und bog in einen weiteren Gang, »die hockt schon seit Ewigkeiten hier unten.«

In den nächsten Minuten durchschritten sie noch drei Tore, überquerten einen schmalen Steg und ließen zwei Gänge sowie eine Treppe hinter sich. Endlich blieben sie vor einer kleinen Zellentür stehen.


»Da sind wir«, sagte der Polizist und öffnete die Tür. »Fühlt euch ganz wie zu Hause.«

Die Tür klappte hinter ihnen zu, und Milo und Tack fanden sich in einem hohen Gewölbekeller wieder, mit zwei winzigen Fenstern auf halber Höhe.

»Auf Wiedersehen in sechs Millionen Jahren«, rief ihnen Hauptwachtmeister Kurz noch zu, dann hörten sie, wie seine Schritte sich nach und nach entfernten und schließlich ganz verhallten.

»Sieht nicht gut aus, Tack, oder?«, sagte Milo traurig.

»Ganz und gar nicht«, antwortete der Hund und nahm ihr neues Zuhause schnüffelnd in Augenschein.

»Was sollen wir bloß die ganze Zeit machen? Wir haben kein einziges Spiel dabei, nicht mal eine Schachtel mit Buntstiften.«

»Keine Sorge«, knurrte Tack und hob beruhigend eine Pfote, »irgendwas wird sich schon ergeben. Kannst du mich bitte erst mal aufziehen? Sonst ist meine Zeit schon jetzt abgelaufen.«

»Weißt du, was, Tack?«, sagte Milo, während er den Hund aufzog. »Man brockt sich ganz schön was ein, wenn man Worte durcheinanderbringt oder nicht weiß, wie man sie buchstabiert. Sollten wir hier jemals wieder rauskommen, werde ich alles dafür tun, mehr über sie zu erfahren.«

»Ein äußerst lobenswerter Vorsatz, junger Mann«, sagte eine leise Stimme auf der gegenüberliegenden Seite des Kerkers.

Milo hob verwundert den Kopf, und im Halbdunkel fiel sein Blick auf eine alte, freundlich aussehende Dame, die dort in einem Schaukelstuhl saß und strickte.


»Hallo«, sagte er.

»Wie geht’s?«, erwiderte sie.

»Geht so«, sagte Milo, »aber Sie sollten sich lieber vorsehen. Soviel ich weiß, treibt hier irgendwo eine Diebin ihr Unwesen, eine alte Hexe.«

»Das bin ich«, meinte die alte Dame beiläufig und zog ihren Schal ein wenig fester um ihre Schultern.

Milo sprang erschrocken zurück und griff nach Tack, damit dieser nicht wieder zu rasseln anfing – schließlich wusste er, wie empfindlich Diebe reagieren konnten, wenn man Krach schlug.

»Keine Angst«, lachte sie. »Obwohl ich die bin, die ich bin, bin ich noch lange keine Diebin. Und erst recht keine Hexe. Wenn überhaupt, dann war ich eine Heckse.«

»Oh«, sagte Milo, denn etwas anderes fiel ihm nicht ein.

»Ich bin Ma Kaber«, fuhr sie fort, »und ich tu euch schon nichts.«

»Und wieso nennt man dich dann eine Diebin und Hexe?«, fragte Milo, ließ Tack los und rückte ein Stückchen näher.

»Nun«, sagte die alte Dame, während eine Ratte ihr über den Fuß huschte. »Ich bin die Großtante des Königs. Viele Jahre lang war ich hier im Königreich dafür bekannt, bei allen Angelegenheiten darüber zu wachen, was man für Worte machte, welche man sagen durfte und welche nicht, welche man schreiben durfte und welche nicht. Ihr könnt euch sicher vorstellen, was für eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe es war, unter den vielen Tausend Möglichkeiten immer die jeweils richtige auszuwählen. Der König war sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Da ich das sehr gut machte, bestimmte er, dass allein ich diejenige sein sollte, die hinfort Worte ausgeben und verleihen darf, und verlieh mir den Titel der offiziellen Hoflieferantin für Worte und Wörter aller Art, was mich sehr stolz und glücklich machte.

Zunächst tat ich mein Bestes, um sicherzustellen, dass nur die sachgerechtesten und geeignetsten Wörter gebraucht wurden. Jedermann drückte sich klar und deutlich aus, und kein Wort wurde unnötig verwendet (oder verschwendet). Überall im Palast und auf dem Marktplatz ließ ich Schilder anbringen, auf denen stand:

In der Kürze liegt die Würze.

Aber Macht verdirbt den Charakter, und schon bald wurde ich geizig und gierig und lieferte immer weniger Worte aus, um so viele wie möglich für mich zu behalten. Ich ließ neue Schilder aufhängen, auf denen stand:

Am Anfang war das Wort, nicht das Geschwätz.

Bald schon waren die Verkäufe auf dem Markt rückläufig. Die Leute scheuten sich, so viele Worte zu machen wie bisher, und das Königreich sah harten Zeiten entgegen. Dessen ungeachtet wurde mein Geiz immer größer. Kurze Zeit später ergriffen die Leute so selten das Wort, dass kaum noch Gespräche stattfinden konnten. Selbst die alltäglichste Unterhaltung war so gut wie nicht mehr möglich. Und obwohl ich mir sagte: ›Das ist nicht gut, was du da ausheckst‹, ließ ich neue Schilder aufhängen:

Ein Mann, ein Wort.

Bis ich schließlich auch diese durch andere ersetzte:

Schweigen ist Gold.

Von da an hörte jede Unterhaltung auf. Der Verkauf von Wörtern und Worten wurde eingestellt, der Markt geschlossen, die Bevölkerung verarmte, und Verzweiflung machte sich breit. Als der König sah, was geschehen war, wurde er fuchsteufelswild und verkündete, dass ich diejenige war, die das alles ausgeheckt hatte, und deshalb an allem schuld war. Er ließ mich in dieses Verlies werfen, wo ich jetzt vor euch sitze – eine älter und weiser gewordene Frau.

Das Ganze ist viele Jahre her«, fuhr sie fort, »aber es wurde nie wieder jemand damit betraut, auf die Wortwahl zu achten. Deshalb ergreifen die Leute das Wort heutzutage ohne große Überlegung und reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Und dabei kommen sie sich sogar noch schlau und weise vor. Denn eins ist klar: So falsch es ist, zu wenig Worte zu machen – zu viele davon zu verlieren, ist meist noch viel schlimmer.«

Als sie zum Ende gekommen war, machte sie einen tiefen Seufzer, klopfte Milo sanft auf die Schulter und fing wieder an zu stricken.


»Und seitdem bist du hier eingesperrt?«, fragte Milo voller Mitgefühl.

»Ja«, sagte sie traurig. »Die meisten Menschen haben mich längst vergessen, und wenn nicht, entsinnen sie sich meiner bloß noch als ›Diebin‹ und ›Heckse‹, weil ich nun einmal die bin, die ihnen damals das Recht auf freie Wortwahl weggenommen hat. Wenn du so etwas ausheckst, verzeiht man dir das nie im Leben. Und solange ich hier unten eingesperrt bleibe, werden sie auch nie erfahren, dass ich schon lange nicht mehr die bin, vor der sie sich fürchten.«

»Ich finde dich nicht furchterregend«, sagte Milo, und Tack wedelte zustimmend mit dem Schwanz.

»Habt vielen Dank«, sagte Ma Kaber. »Ihr könnt mich Mama Kaber nennen. Hier, wie wär’s mit einem Satzzeichen?« Und sie hielt ihnen eine Schachtel mit gezuckerten Punkten, Kommas, Frage- und Ausrufezeichen hin. »Das ist alles, was man mir zu essen gibt.«

»Also, wenn es mir gelingt, hier rauszukommen, werde ich dir helfen«, erklärte Milo laut und deutlich.

»Das ist sehr nett von dir«, antwortete sie, »aber das Einzige, was mir helfen kann, ist die Rückkehr von Sinn und Verstand.«

»Die Rückkehr von was?«, fragte Milo.

»Von Sinn und Verstand«, erwiderte sie, »aber das ist eine lange Geschichte. Keine Ahnung, ob ihr die hören wollt.«

»Und ob«, bellte Tack.

»Sehr gerne sogar«, pflichtete Milo ihm bei, und während Ma Kaber auf ihrem Stuhl langsam vor und zurück schaukelte, erzählte sie ihnen diese Geschichte:

6. MA KABERS GESCHICHTE

»Es war einmal – vor vielen, vielen Jahren –, da war dieses Land eine einzige unfruchtbare und Furcht einflößende Wildnis. Durch seine hoch aufragenden Felsengebirge fegten unberechenbare Stürme, und seine kargen Täler waren von keiner Menschenseele bewohnt. Wachsen tat dort so gut wie nichts, und wenn, dann kümmerte es vor sich hin, mit Früchten, so bitter wie Wermut. Weit und breit nichts als Einöde, Felsgestein und Wüstenei. In den Bergen hausten die Dämonen der Finsternis. Üble Kreaturen streiften durch das Land bis hinunter zur Küste. Man nannte es Zerotien, das Land Null.


Dann, eines Tages, tauchte am Horizont ein kleines Schiff auf. An Bord befand sich ein junger Prinz, der ausgezogen war, sein Glück zu suchen. Im Namen von Frieden und Freiheit erhob er Anspruch auf das ganze Land und machte sich daran, seinen neuen Herrschaftsbereich zu erforschen. Die Dämonen, Monster und Riesen waren wütend über seine Anmaßung und taten sich zusammen, um ihn rauszuschmeißen. Ihr Kampf ließ die Erde erbeben, und als er vorüber war, blieb dem Prinzen bloß noch ein winziges Stückchen Land an der Küste.

›Hier werde ich meine Stadt errichten‹, verkündete er, und genau das tat er dann auch.


Bald kamen weitere Schiffe und brachten Siedler ins Land. Die Stadt wurde größer, und ihre Grenzen dehnten sich immer mehr aus. Täglich war sie irgendwelchen Angriffen ausgesetzt, aber nichts und niemand vermochte die neue Stadt des Prinzen in die Knie zu zwingen. Stattdessen wuchs sie und wuchs. Schon bald war sie nicht mehr bloß eine Stadt; sie hatte sich zu einem Königtum entwickelt, und man gab ihm den Namen Geist-Reich.

Außerhalb seiner Grenzen jedoch war die Situation alles andere als sicher, und der frisch ernannte König gelobte, das Gebiet, das er nach wie vor für sich beanspruchte, zurückzuerobern. Also brach er jedes Frühjahr mit seiner Armee auf und kehrte erst im Herbst wieder zurück, und sein ständig wachsendes Reich wurde Jahr für Jahr reicher. Er nahm sich eine Frau, und schon bald hatten sie zwei prächtige Söhne, denen er alles beibrachte, was er wusste, auf dass sie das Reich eines Tages weise und gerecht würden regieren können.

Als die Brüder zu jungen Männern herangewachsen waren, bestellte sie der König zu sich und sagte: ›Ich werde langsam zu alt, um noch in den Kampf ziehen zu können. Ihr müsst meinen Platz einnehmen, müsst neue Städte in der Wildnis gründen, denn das Geist-Reich muss wachsen und gedeihen.‹

Und so geschah es. Der eine brach auf in den Süden. Dort legte er den Grundstein zu Wortopolis, der Wörterstadt am Fuße der Irrungen und Wirrungen. Der andere marschierte nordwärts bis zu den Gipfeln der Unwissenheit. Dort gründete er Zahlheim, die Hauptstadt der Region Digitalien. Beide Städte entwickelten sich so prächtig, dass die Dämonen immer weiter zurückgedrängt wurden. Als sich daraufhin im Umland der beiden Städte immer mehr Dörfer und Gemeinden bildeten, blieben diesen furchterregenden Gestalten bloß noch die äußersten Zipfel der Wildnis. Dort harrten sie aus und sannen auf Rache, bereit, jeden, der sich in ihre Nähe wagte, niederzustrecken.

Dessen ungeachtet waren die beiden Brüder froh, endlich ihrer eigenen Wege gehen zu können, denn sie waren von Natur aus argwöhnisch, und der eine gönnte dem anderen nicht das Schwarze unterm Fingernagel. Beide versuchten den jeweils anderen zu übertrumpfen, und das taten sie mit so viel Ehrgeiz und Hingabe, dass ihre Städte es in Größe und Pracht schon bald mit Geist-Reich aufnehmen konnten.

Geistreich ohne Worte – wie soll das gehen?, sagte sich der eine.

Geistreich ohne Zahlen – völlig undenkbar!, dachte der andere.

Und so wurde ihre gegenseitige Abneigung immer größer.

Der alte König, der vom Zwist seiner Söhne nichts ahnte, genoss die letzten Jahre seiner Regentschaft und verbrachte seine Tage damit, ruhig und in Gedanken versunken durch die königlichen Gärten zu spazieren. Sein einziger Kummer war, dass ihm nicht auch eine Tochter geschenkt worden war, wären ihm Töchter doch ebenso lieb gewesen wie Söhne. Eines Tages, als er wieder einmal friedlich durch den Park lustwandelte, entdeckte er zwei ausgesetzte Babys, in einem Korb unter einer Weinlaube. Zwei süße, kleine Mädchen mit goldblondem Haar.

Der König war überglücklich. ›Die hat mir der Himmel geschickt, als krönenden Abschluss meines Lebens‹, rief er und trommelte die Königin, seine Minister, den Hofstaat und die gesamte Bevölkerung zusammen, um sie ihnen zu präsentieren.

›Diese hier werden wir Sinn nennen …‹, sagte er, obwohl er sich auf die ganze Sache keinen Reim machen konnte. ›Und jene dort Verstand‹, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gab. Und dann brachte man die beiden Prinzessinnen in den Palast, wo sie gemeinsam aufwuchsen.

Als der alte König starb, wurde das Königreich unter seinen beiden Söhnen aufgeteilt, mit der Bedingung, hinfort gemeinsam für das Wohl der jungen Prinzessinnen zu sorgen. Der eine Sohn ging zurück in den Süden und nannte sich von nun an Abis Zett der Ungekürzte, König von Wortopolis. Der andere zog nordwärts und gab sich den Namen Mathemagikus, Kaiser von Digitalien, Herr über Zahlheim. Beide hielten Wort und kümmerten sich um das Wohl der beiden Mädchen, die weiterhin in Geist-Reich lebten.


Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Schönheit, ihrer Anmut sowie ihrer Begabung, alle Streitigkeiten gerecht und voller Vernunft zu schlichten, waren die Prinzessinnen bei jedermann und jederfrau beliebt. Von überallher kamen die Menschen, um sie um Rat zu fragen, immer dann, wenn es galt, Probleme zu lösen, Auseinandersetzungen beizulegen oder Missstände zu beheben. Ja, selbst die beiden Brüder, die mittlerweile begonnen hatten, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen, suchten sie regelmäßig auf, damit sie ihnen beim Regeln der Staatsangelegenheiten unter die Arme griffen. Und obwohl man in Wortopolis und in Zahlheim über gewisse Dinge sehr unterschiedlich dachte – auf die beiden Prinzessinnen machten sich alle einen gemeinsamen Reim:

Überall in Stadt und Land

war allen Menschen bald bekannt,

dass nur mit ›Sinn‹ man und ›Verstand‹,

für alles eine Lösung fand.

Im Laufe der Jahre lebten sich die Brüder mehr und mehr auseinander. Ihre beiden Reiche wurden immer reicher und größer, ihre Meinungsverschiedenheiten allerdings auch. Trotzdem gelang es Sinn und Verstand mit ihrer unendlichen Geduld und Liebe, die Dinge zu regeln.

Aber dann kam es zu einem Streit, der größer war als alle anderen zuvor. König Abis Zett wetterte, Wörter wären wichtiger als alles andere auf der Welt. Mit anderen Worten, sein Königreich wäre die wahre Nummer 1. Und der Mathemagikus zeterte, Zahlen und Ziffern zählten Zigtausend Mal mehr als derart zersetzende Zitate und er werde nicht zögern zurückzuschlagen.

So tobten sie und beschimpften sich, bis die Spannungen zwischen ihnen so groß wurden, dass sie sich in einem Krieg zu entladen drohten. Da endlich beschlossen sie, Sinn und Verstand einzuschalten.

Nachdem diese tagelang hin und her gedacht und alle Be-, Hin- und Verweise gegeneinander abgewogen hatten, verkündeten sie ihren Richterspruch:

›Worte und Zahlen sind gleichermaßen wichtig, denn im großen Gewebe der Weisheit sind sie wie Kette und Schuss. Alle Sandkörner der Wüste zu zählen, ergibt nicht mehr Sinn, als jedem Stern einen Namen zu verpassen. Deswegen mögen beide Königreiche hinfort in Frieden miteinander leben.‹

Alle waren froh über diese Entscheidung. Alle, bis auf die beiden Brüder, die außer sich waren vor Ärger.

›Zu was sind diese Mädchen nütze, wenn sie sich bei einem Streit für keine Seite entscheiden können?‹, grummelten sie, denn beiden ging es mehr um ihren eigenen Vorteil als um die Wahrheit. ›Wir werden sie für immer aus dem Königreich verbannen.‹

Also wurden sie aus dem Palast geworfen und in die Verbannung geschickt – weit weg in das entlegene Luftschloss. Seitdem hat sie niemand mehr gesehen. Und deshalb geschieht heutzutage im ganzen Land alles ohne Sinn und Verstand.«

»Und was wurde aus den beiden Herrschern?«, fragte Milo.

»Die Prinzessinnen zu verbannen, war das Letzte, worauf sie sich einigen konnten. Schon bald brachen sie jeden Kontakt zueinander ab und begannen, sich zu bekriegen. Dem Wachstum ihrer Königreiche tat das keinen Abbruch, bloß das alte Geist-Reich verfiel, und wie es aussieht, ist auch niemand in Sicht, der die Dinge wieder zum Guten wenden könnte. Nun wisst ihr, wieso ich so lange hier ausharren muss, bis Sinn und Verstand zurückkommen.«

»Vielleicht können wir sie ja retten«, sagte Milo, als er sah, was für ein trauriges Gesicht Ma Kaber machte.

»Das ist leichter gesagt als getan«, antwortete sie. »Das Luftschloss ist weit entfernt, und die einzige Stiege, die dorthin führt, wird von finsteren, niederträchtigen Dämonen bewacht.«

Tack knurrte argwöhnisch, denn schon der bloße Gedanke an Dämonen machte ihn wütend.

»Ich fürchte, ein kleiner Junge und ein Hund können da wenig ausrichten«, sagte sie. »Aber macht euch nichts draus, gar so schlecht geht es mir auch wieder nicht. Mit der Zeit habe ich mich an das Leben hier unten gewöhnt. Ihr aber solltet euch auf den Weg machen, sonst vertut ihr noch den ganzen Tag.«

»Oh, wir haben sechs Millionen Jahre aufgebrummt bekommen«, seufzte Milo, »da haben wir Zeit genug. Außerdem wüsste ich nicht, wie wir hier rauskommen könnten.«

»Unsinn«, schimpfte Ma Kaber. »Man darf Wachtmeister Kurz nicht so ernst nehmen. Er liebt es, Leute kurzerhand für lange Zeit ins Gefängnis zu stecken, aber ob sie dortbleiben, ist ihm herzlich egal. Also drückt einfach auf den Knopf da an der Wand, und dann macht euch auf den Weg.«

Milo drückte auf den Knopf, und tatsächlich: Vor ihnen tat sich eine Tür auf und machte den Blick frei auf einen sonnenlichtdurchfluteten Tunnel.

»Auf Wiedersehen«, rief ihnen Ma Kaber hinterher, als sie das Verlies verließen. Dann fiel die Tür ins Schloss.

Milo und Tack blieben wie geblendet stehen. Das Erste, was sie erblickten, nachdem ihre Augen sich an das strahlende Licht gewöhnt hatten, waren die Berater des Königs, die auf sie zueilten.

»Ah, da seid ihr ja.«

»Wo seid ihr denn abgeblieben?«

»Wir haben überall nach euch gesucht.«

»Das königliche Bankett fängt jeden Moment an.«

»Kommt mit! Sofort!«

Sie schienen sehr erregt und waren ganz außer Atem. Milo trabte hinter ihnen her. »Aber was ist mit meinem Auto?«, fragte er.

»Braucht ihr nicht«, antwortete der Baron.

»Fehl am Platz«, sagte Seine Eminenz.

»Überflüssig«, herrschte der Graf sie an.

»Unnötig«, stellte der Fürst fest.

»Unangebracht«, schrie der Ministerialdirigent. »Wir nehmen unser Gefährt.«

»Fuhrwerk.«

»Fahrbaren Untersatz.«

»Fiaker.«

»Wagen.«

»Kutsche.«

»Einspänner.«

»Kremser.«

»Chaise«, sagten sie in schneller Reihenfolge, einer nach dem anderen, und deuteten auf einen kleinen hölzernen Kutschwagen.

Himmel, dachte Milo, als er mit Tack und den Kabinettsmitgliedern in den Wagen stieg, schon wieder dieser Wortschwall.

»Wie soll sich dieser Wagen denn fortbewegen?«, meinte er dann skeptisch, »der hat ja nicht mal …«

»Was soll das Misstrauen?«, mahnte der Baron, »zweifellos wird er sich bewegen!«

Und tatsächlich – kaum waren Milos Zweifel verflogen, schon begann der Wagen, sie rasch durch die Straßen zu kutschieren. Nur wenig später hatten sie ihr Ziel erreicht – den königlichen Palast.

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30 июля 2024
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252 стр. 88 иллюстраций
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9783037921586
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