Читать книгу: «Rees Howells»
Norman P. Grubb
REES HOWELLS
Leben eines Fürbitters

© Copyright 1952 by Norman Grubb, published by James Clarke & Co Ltd., trading as The Lutterworth Press, 50–52 Kingston Street, Cambridge, CB1 2NU, England. All rights reserved.
© Copyright der deutschen Ausgabe 2020 by Asaph-Verlag
2. Auflage 2020
Titel der englischen Originalausgabe: Rees Howells Intercessor Teilweise bearbeitet und teilweise aus dem Englischen übersetzt von Michelle Hindahl
This translation is published by arrangement with The Lutterworth Press.
Die vorliegende Übersetzung wird in Absprache mit The Lutterworth Press veröffentlicht.
Bibelzitate wurden im Allgemeinen der Übersetzung Luther21 © La Buona Novella Inc., Bible Publishing House, CH-8832 Wollerau, oder der Übersetzung Hoffnung für alle © 1983, 1996, 2002, 2015 Biblica, Inc.®, hrsg. von Fontis – Brunnen Basel, entnommen.
Umschlaggestaltung: Fontis Media, René Graf
Satz: Samuel Ryba
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
ISBN 978-3-95459-611-9
Bestellnummer 148044
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Er zweifelte nicht, sondern vertraute Gottes Zusage.
Ja, sein Glaube wurde nur noch stärker.
Er gab Gott die Ehre.
Römer 4,20
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort von Hanspeter Nüesch zur 2. deutschen Auflage
Vorwort
| Kapitel 1: | Jugendjahre |
| Kapitel 2: | Die „Wolke von Zeugen“ und die Frage der Wiedergeburt |
| Kapitel 3: | Die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn |
| Kapitel 4: | Die Erweckung in Wales |
| Kapitel 5: | Der Heilige Geist nimmt von ihm Besitz |
| Kapitel 6: | Die Liebe zu einem Ausgestoßenen |
| Kapitel 7: | Ein Dorf, das von der Erweckung unberührt geblieben war |
| Kapitel 8: | Die Landstreicher |
| Kapitel 9: | Das Binden des Starken |
| Kapitel 10: | Eine Rebe am Weinstock |
| Kapitel 11: | Die tuberkulosekranke Frau |
| Kapitel 12: | Was ist ein Fürbitter? |
| Kapitel 13: | Den Tod herausfordern |
| Kapitel 14: | Ein Vater für die Waisen |
| Kapitel 15: | Lord Radstock |
| Kapitel 16: | Der Ruf in ein verborgenes Leben |
| Kapitel 17: | Die hutlose Brigade |
| Kapitel 18: | Das Gelübde eines Nasiräers |
| Kapitel 19: | Onkel Dicks Heilung |
| Kapitel 20: | Der Ruf, das Geldverdienen aufzugeben |
| Kapitel 21: | Madeira |
| Kapitel 22: | Heirat und Ruf in die Äußere Mission |
| Kapitel 23: | Der Platz in der Schlange |
| Kapitel 24: | Erweckungen in Afrika |
| Kapitel 25: | Das erste Anwesen in Wales |
| Kapitel 26: | Das Bible College of Wales |
| Kapitel 27: | Das zweite Anwesen in Wales |
| Kapitel 28: | Das dritte Anwesen und die Gründung des Kinderheims |
| Kapitel 29: | Das Book of Common Prayer und König Edward VIII. |
| Kapitel 30: | Der Auftrag „Der ganzen Schöpfung“ |
| Kapitel 31: | Äthiopien |
| Kapitel 32: | Das Kommen des Heiligen Geistes |
| Kapitel 33: | Das vierte Anwesen und Fürbitte für die Juden |
| Kapitel 34: | Fürbitte für Dünkirchen |
| Kapitel 35: | Die Luftschlacht um England |
| Kapitel 36: | Russland, Nordafrika, Italien, D-Day |
| Kapitel 37: | Heimgang |
„Das vorliegende Buch ist brandgefährlich.“
Vorwort von Hanspeter Nüesch
Zum ersten Mal liegt nun das Buch „Rees Howells – Intercessor“ in deutscher Übersetzung in voller Länge vor. Es beinhaltet nun auch den Teil, der die Rolle von Rees Howells, seiner Frau Elizabeth und des Bible College of Wales im Zweiten Weltkrieg und bei der Gründung des Staates Israel beschrieb. Zuvor gab es nur die stark gekürzte Version „Fürbitte ändert die Welt”, die den Dienst in der Fürbitte für die Nationen wegließ.
Als ich das englische Original bei der Lancierung der Aktion Neues Leben Schweiz 1978 in die Hände bekam, hat es bei mir wie eine Bombe eingeschlagen. Unglaublich, was vertrauensvolles Gebet vermag! Unglaublich, wie Gott zu den Verheißungen in seinem Wort steht! Unglaublich, was der Heilige Geist zu tun vermag, wenn wir ihn über alle Bereiche unseres Lebens Herr sein lassen! Unglaublich, was glaubensvolle, geistgeleitete Fürbitte vermag, sodass dadurch selbst Weltgeschichte geschrieben werden kann!
Meine persönliche Erfahrung mit dem Buch
Auch wenn ich meine persönlichen Erfahrungen in keiner Weise mit denjenigen eines Rees Howells vergleichen möchte, so bestätigten seine Erfahrungen mit dem Geist Gottes das, was ich einige Jahre zuvor persönlich erlebt hatte. Gleichzeitig waren sie eine große Ermutigung, Gott in Zukunft noch mehr zu vertrauen und ihn in meinem Dienst noch bedingungsloser Herr sein zu lassen. Ich möchte an meinem eigenen persönlichen Beispiel erklären, warum ich die Lektüre des vorliegenden Buches allen Menschen wärmstens empfehlen kann, die eine Sehnsucht haben, Gott noch mehr zu erfahren und ein Segen für die Welt zu sein.
Einige Jahre bevor ich die fast unglaubliche Geschichte von Rees Howells und des Bible College of Wales zum ersten Mal las, hatte mir Gott bei einem Sprachaufenthalt in England gezeigt, wie er mein Leben sieht, nämlich als halbvolle Cola-Flasche. Er machte mir deutlich, dass er mich nicht mit dem Heiligen Geist erfüllen kann, solange ich nicht bereit bin, meine eigenen Pläne auf den Altar zu legen und ihm alle Bereiche meines Lebens anzuvertrauen. Nach mehreren Wochen inneren Kampfes war ich dazu bereit und gab ihm volles Recht, fortan über mein Leben zu bestimmen. Was dann geschah, hat mein Leben auf den Kopf gestellt und eine glückliche Ehe mit meiner Frau Vreni erst möglich gemacht. Ich habe nicht nur persönliche Veränderung, sondern auch ein erweckliches Wirken in unserer Sprachschule erlebt, indem Menschen um mich herum das überführende Wirken des Heiligen Geistes erlebt haben. Ich habe darüber im kürzlich neu aufgelegten Magazin „Erweckung – Merkmale und Voraussetzungen“ geschrieben, das neben meiner persönlichen kleinen Erweckung vor allem die zwei größten europäischen Erweckungen im 20. Jahrhundert, diejenige in Wales (1904–1906) und auf den schottischen Hebriden (1949–1952), beschreibt.
Die Erweckung in Wales erfasst Rees Howells und durch ihn Teile Afrikas
Die Erweckung in Wales war im Leben von Rees Howells von zentraler Bedeutung. Er wurde von dieser Erweckung persönlich tief ergriff en, als er 1906 an einer Konferenz in Llandrindod Wells den Heiligen Geist als göttliche Person kennenlernte und ihm die Leitung seines Lebens anvertraute. Der Heilige Geist sollte fortan für sein Leben und seinen Dienst bestimmend sein. Und diesen Geist der Erweckung in Wales brachten er und seine Frau Elizabeth 1915 in den südlichen Teil von Afrika, wo ihr Dienst in den folgenden sechs Jahren in mehreren Ländern eine tiefe Erweckung auslöste. Im Umfeld ihres Dienstes erhielten Tausende von Menschen als Folge einer tiefen Buße Vergebung ihrer Sünden und ein neues Leben in Jesus Christus. Selbst die Königin von Swasiland wurde vom Wirken des Heiligen Geistes ergriff en. Der Erweckungshistoriker J. Edwin Orr schreibt in „Evangelical Awakenings in Africa“ Folgendes über diese Erweckung: „Rees Howells segelte nach Afrika. Von der Erweckung in Wales kommend, betonte er die Notwendigkeit des Bekennens aller Sünden und der totalen Hingabe an Gott, wie Evan Roberts es 1904 getan hatte. Am 10. Oktober 1915 wurde Rusitu [im heutigen Simbabwe] von einem tiefen geistlichen Erwachen erfasst. Von dieser Erweckung in Rusitu hieß es, dass nicht eine Seele in ein Treffen kommt, ohne dass sie von ihrer Sünde überführt wird. Im Mai und Juni erfasste das geistliche Erwachen ein weites Feld und erfasste 1916 während eines ganzen Jahres Stammesleute in Rhodesien [heute: Simbabwe] und Mosambik – welches weitere Erweckungen auslöste an anderen Orten.“ Aufschlussreich ist auch Edwin Orrs Bericht vom Geisteswirken 1918 in Ezulwini, Swasiland: „Während zwei Tagen und Nächten konnten viele nicht essen oder schlafen, entweder weil sie von Sünden überführt wurden oder wegen der großen Freude, die ihre Herzen durchflutete, nachdem sie Vergebung ihrer Sünden erhalten haben.“
Rees Howells’ Dienst in Afrika fiel in die Zeit, als die Spanische Grippe weltweit und auch in Afrika wütete und die Pandemie Abertausende von Menschenleben forderte. Rees Howells wurde geführt zu beten, dass auf seiner Missionsstation als Zeichen Gottes niemand an der Spanischen Grippe sterben würde. Bald wurde bekannt, dass im Umfeld von Rees Howells und seiner Leute niemand an der Spanischen Grippe starb, sodass die Menschen kamen, um diesen Wunder wirkenden, vom Tod bewahrenden Gott kennenzulernen. Viele, die deshalb auf die Missionsstation kamen, wurden sich ihrer Sünden bewusst und fanden dort ihren Erlöser. Rees Howells’ Antwort darauf: „Oh wie wunderbar bist du doch, du heiliger, guter Gottesgeist! Du hast hier durch dieses Geschehen mehr zu den Afrikanern gepredigt, als ich es mit allen meinen Worten hätte tun können.“
Mich hat dieses vom Tod bewahrende Wirken Gottes neu berührt, schreibe ich doch dieses Vorwort anfangs Juni 2020 mitten in der weltweiten Corona-Pandemie.
Lesen Sie den eindrücklichen Bericht darüber wie auch das ganze Kapitel über die Erweckung im südlichen Teil Afrikas aus der Sicht von Rees Howells.
Sechs Jahre blieben Rees und Elizabeth Howells auf dem afrikanischen Missionsfeld. Diese Jahre beschrieben sie später als die sechs glücklichsten Jahre ihres Lebens – außer, dass sie zu ihrem großen Schmerz ihren kleinen Sohn Samuel in Wales zurücklassen mussten, da befürchtet wurde, dass er in Afrika bald an Malaria sterben würde. Später bezeichnete das Ehepaar das als das größte Opfer in ihrem Leben. Es habe ihr Herz gebrochen, als sie den kleinen Samuel in Wales zurücklassen und der Obhut von Freunden übergeben mussten. Dadurch sei ihnen neu bewusst geworden, was es für Gott Vater bedeutet haben muss, seinen Sohn für die Vergebung der Sünden von Menschen hinzugeben.
Bei mir selber hat die Beschäftigung mit dieser und anderen geistlichen Aufbrüchen und den damit verbundenen Voraussetzungen tiefe Spuren hinterlassen. Der Wunsch nach einer tiefgreifenden Erweckung hat seither mein Leben und meinen Dienst maßgebend bestimmt. Die Beschäftigung mit dem Thema Gebet und Erweckung fand nicht zuletzt im Gebetshandbuch „Wenn mein Volk betet“ und in der Tonbildschau „Wirkungen des Gebets in der Vergangenheit“ als Teil der Gebetsseminare der Aktion Neues Leben seinen Ausfluss. Ältere Geschwister mögen sich an die in über 800 (Kirch-) Gemeinden stattfindenden Gebetsseminare erinnern, deren Inhalt maßgeblich geprägt wurde durch das Lebenszeugnis von Rees Howells und anderen Fürbittern und Fürbitterinnen.
Rees Howells steht in einer Reihe von politischen Fürbittern
Die Beschäftigung mit Rees Howells und anderen politischen Fürbittern veranlasste mich schließlich, die erste Themennummer des Campus-Magazins „Christliches Zeugnis heute“ dem Thema „Gebet und Weltverantwortung“ zu widmen. In diesem Heft berichtete ich über mehrere Personen, die mit ihrer Fürbitte Weltgeschichte geschrieben haben, so neben Rees Howells auch Samuel Unger, Adolf Hintermann, Jean Schwab und Derek Prince. Das im NZZ-Verlag herausgekommene Buch über Hitlers Aktionspläne „Die Schweiz muss noch geschluckt werden“ bestätigt von unabhängiger Seite, wie geistgeleitet die Gebete der Fürbitter gewesen sind. Wie dankbar können wir sein, wenn politische Verantwortungsträger wie der Schweizer General Henri Guisan nach gewonnener Schlacht Gott die Ehre geben! Mitten in den heißesten Momenten im Juni 1940 hat General Guisan die Menschen in der Schweiz zum Gebet aufgerufen: „Unsere Väter haben vor jeder Schlacht vor dem Allmächtigen die Knie gebeugt … Das Gebet des Soldaten muss sich mit demjenigen seiner Frau, seiner Eltern, seiner Kinder vereinigen.“ Und anlässlich des Waffenstillstands im Mai 1945 hat er Gott die Ehre für die Bewahrung gegeben: „Wir wollen nun vor allem Gott, dem Allmächtigen danken, dass unser Land von den Schrecken des Krieges verschont blieb. Eine wunderbare göttliche Führung hat unser Land verschont.“ Beim Studium von Fürbittern wie Rees Howells und anderen erkennen wir, welche große Rolle glaubensvolle geistgeleitete Fürbitte bei den erwähnten „göttlichen Führungen“ bei politischen Konflikten gespielt hat.
Völliges Vertrauen in die Versorgung Gottes
Rees und Elizabeth Howells wie auch später ihr Sohn Samuel wurden vom Heiligen Geist angewiesen, für die Deckung ihrer materiellen Bedürfnisse, und die wurden mit dem Wachstum ihres Dienstes immer größer, völlig auf Gott zu vertrauen und niemandem davon zu erzählen. Lesen Sie die erstaunlichen Berichte, wie sie oft im allerletzten Moment mit den nötigen Finanzen versorgt wurden. Oft geschah das erst dann, wenn nach menschlicher Erfahrung kaum noch eine Chance bestand, dass ihnen noch jemand das nötige Geld zustecken würde. Das hat die Studierenden des Bible College für ihr ganzes Leben geprägt.
Was das Bible College of Wales bei Reinhard Bonnke auslöste
Ein Student des Bible College of Wales, durch dessen Verkündigung in späteren Jahren Millionen von Menschen in Afrika zum Glauben an Jesus Christus fanden, war Reinhard Bonnke. Er lernte in Swansea nach eigenen Worten das ABC des Glaubens. In seiner Autobiografie „Im Feuer Gottes“ schreibt er darüber: „Das Herrliche an der Bibelschule in Swansea war, dass sie uns zwang, aus dem Glauben heraus zu leben. Wir beteten um alles. Um den gewaltigen Kohlevorrat, der für die Wintermonate zum Heizen gebraucht wurde, bis hin zum Geld für die Busfahrkarten, die wir brauchten, um an den Wochenenden auf den Straßen zu predigen.“ Während seiner Bibelschulzeit wuchs in ihm das Gebet: „Herr, ich will auch ein Mann des Glaubens werden. Ich möchte erleben, wie du für die Bedürfnisse sorgst.“ Aus Afrika schrieb er später an Samuel Howells: „Ich habe nie beabsichtigt, für die Kranken zu beten. Es war Gottes Geist, der völlig die Initiative dazu ergriff. Mein Gebet ist, dass sein Geist auf alles Fleisch ausgegossen wird.“ Und in einem weiteren Brief: „Ich habe nur noch eine Leidenschaft in meinem Herzen, dass mein ganzes Wesen zu einem Kanal wird, durch den die heilenden Ströme des Erlösers ungehindert zu den Menschen fließen können, die in solch großer Not leben.” Und noch etwas lernte der in einer Pfingstgemeinde großgewordene Reinhard Bonnke an der Bibelschule in Wales: die Weite des Leibes Christi, da die Studierenden aus den unterschiedlichsten Denominationen stammten. Reinhard Bonnke: „Ich lernte Methodisten, Anglikaner, Presbyterianer und Baptisten kennen, die offensichtlich Jesus lieben und ernsthaft ihr ganzes Leben für ihn leben. Der Dienst des Heiligen Geistes unter ihnen war lebendig und echt. Ich empfand die herzliche brüderliche Verbundenheit unter uns, trotz der durch unsere Denominationen bedingten Unterschiede, und dies sollte später in Afrika sehr bedeutsam werden.“ Reinhard Bonnke war bei Weitem nicht der einzige Absolvent der Bibelschule, der später einen internationalen missionarischen Dienst ausübte, aber sicher der bekannteste.
Von Vorbildern lernen, aber sie nicht kopieren
Für mich war Rees Howells zusammen mit Georg Müller eine große Ermutigung, Gott zu vertrauen, dass er uns immer mit den nötigen Ressourcen versorgt. Wenn Gott uns einen Auftrag gibt, dann gibt er uns auch alles, damit wir diesen Auftrag ausführen können. Ich kann dankbar bezeugen, dass Gott uns nie im Stich gelassen hat und in mehr als 40 Jahren jeder Lohn ausbezahlt und jede Rechnung beglichen werden konnte. Allerdings kam das nötige Geld nicht selten erst am letzten Tag. Und Gott bügelte auch unsere Fehler aus, so zum Beispiel, als wir bei der internationalen Explo 2000 einen riesigen Betrag auf die falsche Seite buchten und das dadurch ausgelöste Konferenzdefizit von mehreren hunderttausend Franken erst im Nachhinein bemerkten. Aber unser Vater im Himmel hatte vorgesorgt, indem der Überschuss aus dem Verkauf unserer vielfach nachgedruckten Esoterik-Aufklärungsnummer in wenigen Monaten das Konferenz-Defizit deckte.
Allerdings ist das Zeugnis der übernatürlichen Versorgung bei Vater und Sohn Howells noch eindrücklicher, wurden sie doch geführt, ihre Bedürfnisse niemandem anzuvertrauen. Mich hat das zuweilen umgetrieben. Darf ich um Finanzen bitten oder lebe ich im Unglauben, wenn ich die finanziellen Bedürfnisse offen erwähne? Solche Glaubenshelden, denen scheinbar alles gelang, können auch deprimierend wirken. Ich finde es deshalb befreiend, dass Rees Howells auch ehrlich zu Niederlagen und Fehlern stand. Auch betonte er, „dass wir nicht sagen können, eine Sache sei für andere falsch, nur weil wir selbst gerufen werden, sie aufzugeben“. Schon bei seiner Berufung hörte er den Heiligen Geist in Bezug auf die Erwähnung finanzieller Bedürfnisse zu ihm sagen: „Was für einen Durchschnittschristen zulässig ist, wird dir nicht erlaubt sein.“
Wir können vom Gottvertrauen eines Rees Howells und dessen Vorbildes, des Waisenhausvaters Georg Müller, viel lernen. Es ist meines Erachtens aber gefährlich, wenn wir Rees Howells oder Georg Müller kopieren wollen, sind doch unsere persönlichen Berufungen sehr verschieden.
Warum ist das Buch brandgefährlich?
Das Buch ist in mehrfacher Weise brandgefährlich. Einerseits im positiven Sinne, indem es uns in Brand setzt für Gottes Sache und wir feurig im Geiste werden. Unser wachsendes Vertrauen in Gottes biblische Verheißungen revolutioniert dann nicht nur unser Gebetsleben, sondern macht uns auch mutig, im Dienst Gottes Wunder zu erwarten. Es ist aber auch im negativen Sinne gefährlich, nämlich dann, wenn wir unsere eigenen Pläne und Ideen mangels Hören auf Gottes Willen in eigener Regie vorantreiben und das biblische Wort außer Acht lassen: „Es soll nicht durch Heer und Kraft geschehen sondern durch meinen Geist, spricht der Herr“ (Sach. 4,6). Wir stehen dann in Gefahr, Dinge anzupacken, zu denen uns Gott nie den Auftrag gegeben hat. Ganz schlimm ist es, wenn wir dann auch noch Gott die Schuld geben für unsere mangelnde Bereitschaft, seinen Willen in Erfahrung zu bringen, bevor wir eine Sache in Angriff nehmen.
Die Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches kann auch dazu führen, dass wir uns entmutigen lassen und uns selbst verurteilen, weil wir erkennen, dass wir glaubensmäßig noch weit vom Vorbild eines Rees Howells und seiner Familie entfernt sind. Dann ist es wichtig, uns in Erinnerung zu rufen, dass wir niemanden kopieren müssen, sondern täglich aus der Vergebung Gottes in Jesus Christus leben dürfen. Möge der heillose Krampf, der so manche Christen prägt, die die bedingungslose Vaterliebe Gottes aus den Augen verloren haben, der Freude an der Tatsache weichen, dass wir alle Lasten täglich Gott anvertrauen können und er uns wunderbar zur Seite steht!
Die Kernbotschaft
Die Kernbotschaft des vorliegenden Buches besteht darin, dass wir alle Last Gott ablegen dürfen im Vertrauen, dass Gott für uns sorgt. Wir müssen einfach in Gott bleiben, wie eine Rebe am Weinstock bleibt, um Frucht zu bringen. Das Resultat dieses Bleibens ist nicht zuletzt auch bei uns selber die Erfahrung von tiefem Frieden, ja von einer Freude, die uns oft überraschend ergreift. Diese überschäumende Freude leuchtet immer wieder auf in der Geschichte von Rees Howells und des Bible College of Wales. Dann wird uns bewusst: „Ich muss mich nicht länger sorgen, ein anderer sorgt für mich. Es ist nicht mehr länger meine Verantwortung.“ Die Geschichte rund um Rees Howells lehrt uns, dass Gott die Last der Verantwortung trägt, wenn wir ihm diese einmal anvertraut haben. Ist das nicht befreiend und ein Halleluja wert?
Kein besseres Buch zum Thema „Fürbitte“
Was das Thema Fürbitte anbetrifft, kenne ich kein besseres Buch. Der Titel des englischen Originals heißt „Rees Howells – Intercessor“. Der englische Begriff „Intercession“ stammt vom Lateinischen ab und meint Dazwischentreten. Der „Intercessor“ ist dementsprechend ein Dazwischentreter, ein in die Bresche Springender. Bei der Fürbitte im biblischen Sinne geht es um das Dazwischengehen für eine Sache, damit Gott sein Urteil nicht vollziehen muss. „Im ganzen Volk suchte ich nach jemandem, der in die Bresche springen und die Mauer um das Land wieder aufbauen würde, damit ich es nicht zerstören muss. Doch ich fand niemanden“ (Hes. 22,30). Rees Howells ist zusammen mit seiner Familie und seinen Studierenden vor Gott in die Bresche getreten, im Gebet, dass ganze Länder verschont bleiben vor Gottes Gericht und dass Gottes Heilsplan zum Durchbruch kommt. Oft ging es darum, dass sie sich mit den in Not befindlichen Menschen identifizieren mussten. Das war zum Teil mit großen Opfern verbunden, die im vorliegenden Buch im Detail beschrieben werden.
Nicht Ideologien, sondern die Weltmission im Auge
Ein großes Gebetsanliegen war für sie die Errichtung eines israelischen Staates in Palästina. Schon einige Jahre vor der Errichtung des Staates Israel schenkte Gott ihnen die Gewissheit, dass er ihre diesbezüglichen Gebete erhört hatte.
Nachdem ihnen Gott auf eindrückliche Weise den Auftrag zur Weltevangelisation gegeben hatte, sahen sie zunehmend ihren Auftrag in der Fürbitte für Nationen. Sie erkannten in ihrer Bibelschule ein Gebetshaus für die Nationen und widmeten ihre Aufmerksamkeit nun fast ausschließlich der Fürbitte für einzelne Länder, insbesondere im Umfeld von kriegerischen Auseinandersetzungen. Es ging ihnen dabei nicht um die Bewertung von Ideologien an sich. Böse war für sie jede Aktivität, die der Evangeliumsverbreitung im Wege stand. Das konnten auch einmal die Briten und Amerikaner sein. So beteten sie gegen einen drohenden Atomschlag der Amerikaner. Vor allem aber sahen sie im Kommunismus und im Nationalsozialismus/Faschismus Gottes Feind am Wirken. Sie beteten gegen diese politischen Systeme und Mächte, weil sie erkannten, dass der Feind Gottes durch diese Regierungssysteme die freie Glaubensausübung und die Evangeliumsverkündigung zu verhindern suchte. Das konnten auch einmal Kirchen oder religiöse Systeme sein. So fühlten sie sich mehrmals geführt, gegen die römisch-katholische Kirche zu beten, mit der sie im Clinch waren, als es um die Erwerbung von einzelnen Liegenschaften ging. Sie waren der Überzeugung, dass die römische Kirche das Heil in Christus verdunkelte. Aus dem historischen Kontext der Kirchenkämpfe auf den Britischen Inseln kann man das besser einordnen. Auch heute noch steht die offizielle Kirche der evangelistischen Verkündigung oft im Weg, wie ich es im Umfeld der Christustage in vielen Ländern selber erlebte. Ich habe aber auch immer wieder erlebt, dass der Heilige Geist sein erweckliches Werk auch in alten Volkskirchen getan hat. Ich habe gerade im Umfeld von nationalen Christustagen zahlreiche Personen aus allen Kirchen kennengelernt, die Jesus Christus liebten und mit dem Heiligen Geist erfüllt, zu feurigen Evangelisten wurden.
Selbst Rees Howells hat zu seiner großen Überraschung erlebt, dass aus einer vermeintlichen Niederlage in Äthiopien durch die Einnahme des katholischen Italiens eine Erweckungsbewegung resultierte.
Wie kann das Buch uns zum Segen werden?
Das Buch kann uns zum großen Segen werden, wenn wir uns einiger Dinge bewusst sind. Zum einen kann es unser Leben und unseren Dienst positiv revolutionieren, indem wir unser eigenes krampfhaftes Bemühen, Gott zu gefallen, aufgeben und täglich in Gottes Gegenwart verbleiben und dabei den Beistand des Heiligen Geistes erleben. Das Resultat des Bleibens in Gottes Gegenwart ist, dass wir immer mehr zu einem Werkzeug und Kanal von Gottes befreiendem Wirken werden. Dabei geben wir Gott die Ehre im Bewusstsein, dass alle bleibende geistliche Frucht sein Verdienst ist. Auch bin ich überzeugt, dass viele Leserinnen und Leser in ihrem Auftrag der Fürbitte gestärkt werden und Anleitung bekommen, wie sie ihren Dienst der Fürbitte noch segensreicher gestalten können.
Wie ging es nach dem Tod von Rees Howells weiter?
Rees und Elizabeth Howells haben die Leitung des Bible College und der damit verbundenen vielfältigen Dienste noch vor seinem Heimgang 1950 ihrem Sohn Samuel übertragen, der zuvor viele Jahre als Stellvertreter seines Vater gewirkt hatte. Bei diesem Entscheid wurden sie durch ihre Belegschaft gestützt. Bis zu seinem Tode 2003 ist Samuel Howells über 50 Jahre lang zusammen mit seinen Mitarbeitern und Studenten für Nationen und kriegerische Auseinandersetzungen fürbittend eingestanden. So geschah das im Rahmen der Kubakrise; beim Sechstage- und dem Yom Kippur-Krieg; im Eintreten für die Befreiung Osteuropas vom Kommunismus, in der Fürbitte für den Fall der Berliner Mauer; beim Kampf gegen das Apartheidsystem in Südafrika; im Umfeld des Golfkrieges und immer wieder im Gebet für Erweckung in China. Das alles ist im Detail beschrieben im Werk „Samuel Rees Howells – A Life of Intercession“ von Richard Maton, das leider nur auf Englisch vorliegt. Heute ist das Bible College in Swansea im Besitz der Cornerstone-Gemeinde, die ihre Basis in Singapur hat. Cornerstone möchte das Vermächtnis von Rees und Samuel Howells weiterführen, indem Fürbitter/innen für Nationen und Mitarbeiter/innen für die Weltmission ausgebildet werden.
Hanspeter Nüesch
CH-Boppelsen
Vorwort
Ich halte es für eines der größten Vorrechte meines Lebens, dass ich bei der Biografie von Rees Howells mit Hand anlegen durfte. Erstmals begegnete ich Rees im Jahre 1928. Ich war zu der Zeit Missionar auf Urlaub und verbrachte einige Tage mit ihm am Bible College of Wales, das damals noch in seinen Anfängen steckte. Meine Seele gewann so manch tiefe Erkenntnis, als er sich die Zeit nahm und mir erzählte, wie der Herr sich mit ihm beschäftigte und ihn Schritt für Schritt weitergeführt hatte. Es war eine der wesentlichsten Erfahrungen meines Lebens. Ich lernte Geheimnisse des Geistes kennen – des Geistes, der auf die Erde kam, um sein gewaltiges Werk durch menschliche Werkzeuge zu tun –, die meinen gesamten zukünftigen Dienst von Grund aus umgestalteten.
In den Jahren, die darauf folgten, hatte ich mehrfach enge Gemeinschaft mit Rees Howells, auch wenn ich mich oft wunderte, wieso gerade ich dieses Vorrecht genoss. Bei vielen solchen Gelegenheiten drängte sich mir der Gedanke auf, wie schön es doch wäre, wenn diese Zeugnisse und besonderen Erkenntnisse, die Gott seinem Diener schenkte, und seine wunderbaren Erfahrungen mit dem Heiligen Geist gedruckt und der Welt zugänglich gemacht werden könnten. Es erscheint mir heute wie eine unbewusste Vorbereitung auf das, was später wirklich eintrat. Nie dachte ich daran, dass der Herr ihn so plötzlich heimholen würde. Aber sobald ich davon hörte, fielen mir diese früheren Gedanken wieder ein. Das war dann auch der Grund, weshalb mir Samuel Howells, sein einziger Sohn, wie auch die Ehefrau von Rees Howells anboten, sein Leben niederzuschreiben, was ich als eine große Ehre erachte.
Möge Gott vielen beim Lesen dieses Buches so begegnen, wie er mir beim Schreiben desselben begegnet ist!
Norman P. Grubb
Früherer Leiter des „Weltweiten
Evangelisations-Kreuzzuges“
Kapitel 1
Jugendjahre
Rees Howells wurde am 10. Oktober 1879 als sechstes von elf Kindern geboren. Noch heute steht im Bergmannsdorf Brynamman in Südwales das kleine weiße Häuschen, in dem Thomas und Margaret Howells ihre drei Mädchen und acht Jungen aufzogen. Es ist erstaunlich, dass dieses kleine Haus für eine so große Familie ausreichte.
Die Eltern hatten in den ersten Jahren große Schwierigkeiten zu überwinden. Rees’ Vater arbeitete zuerst in einem Stahlwerk und später im Kohlebergwerk. Sein Tagesverdienst betrug durchschnittlich nur etwa zweieinhalb Schilling. Davon musste die Familie leben. Immer, wenn es beispielsweise durch einen Streik zum Ausfall von Schichten kam, fehlte jede Einnahme, denn Arbeitslosenunterstützung gab es damals noch nicht. Später, als der Vater im Dorf ein Schuhgeschäft mit Reparaturwerkstatt betrieb und außerdem die älteren Kinder die Schule beendet hatten und mitverdienten, wurde es etwas leichter.
Trotz der äußerst bescheidenen Verhältnisse war die Familie glücklich, denn es herrschten Gottgefälligkeit und Liebe im Haus. Zu den tiefsten Eindrücken im Leben des jungen Rees gehörte die Liebe seiner Mutter, desto mehr, weil er miterlebte, wie sie eines der drei Geschwister unermüdlich pflegte, die jung aus ihrer Mitte genommen wurden. Als eines Tages ein Gast beim Anblick der Kinderschar zu dem stolzen Vater sagte: „Wie reich Sie sind!“, verstand das der kleine Rees natürlich nicht. „Wie konnte er sagen, dass wir reich sind?“, fragte er seinen Vater später. „Das will ich dir erklären. Was denkst du, für wie viel ich dich verkaufen würde? Etwa für tausend Pfund? Oder meinst du, ich würde John, David oder Dick für tausend Pfund hergeben? Daran kannst du sehen, wie reich ich bin!“
Ihre Bildung erhielten die Kinder zunächst ausschließlich in der Dorfschule. Nach der Schulentlassung arbeiteten fast alle Kinder in einer Zinnhütte im Tal unterhalb des Dorfes. Eigentlich durften sie dort erst mit dreizehn Jahren beschäftigt werden. Als Rees jedoch eines Tages seinen Brüdern das Essen brachte, fragte ihn der Werkleiter, ob er nicht auch ein wenig helfen wolle. Sein Name würde nicht auf der Lohnliste erscheinen, er wolle ihm aber doch einen Lohn geben, nur würde er eben auf den Namen seines Bruders Moses eingetragen werden. So endete Rees’ Schulzeit schon mit zwölf, und die nächsten zehn Jahre verbrachte er in der Zinnhütte, wo seine Leistungen sehr geschätzt wurden. Sein Arbeitstag zählte damals zwölf Stunden. Um sechs Uhr morgens stand er auf, und vor sechs Uhr abends kehrte er nicht nach Hause zurück.
Rees’ Schulzeit endete mit zwölf und die nächsten zehn Jahre verbrachte er in der Zinnhütte.
Um sich weiterzubilden, besuchten Rees und seine Brüder die wöchentliche Abendschule im Dorf. So etwas wie eine Bücherei gab es dort damals noch nicht. Das einzige Lesezentrum bildete ein Zeitungsladen, wo man für einen Penny monatlich die Zeitung lesen oder sich ein Buch ausleihen konnte. Auf diesem Wege bestanden zwei seiner Brüder mehrere Prüfungen. John, der älteste, ging zur Eisenbahngesellschaft und Dick wurde ein leitender Angestellter im Bergwerk. Rees selbst legte sich auf keine bestimmte Ausbildung fest. Er zeigte jedoch schon früh Organisationstalent. Wenn seine Mutter den Jungen beispielsweise einmal eine Arbeit auftrug, wurde sie von seinen Brüdern selbst ausgeführt. Rees aber fand stets ein halbes Dutzend Freunde, die ihm halfen – und ließ seine Mutter dann für alle Abendessen kochen! Sie wird sich sicher manchmal gefragt haben, ob es sich überhaupt lohnte, ihm eine Arbeit aufzutragen!
Die Großzügigkeit, die ihn später so sehr auszeichnete, machte sich schon in seinen Jugendjahren bemerkbar. Er verschenkte alles, was er hatte. Anders als seine Brüder konnte er nicht widerstehen, wenn Kunden im Schuhgeschäft einen Preis herunterhandeln wollten.
Rees entwickelte sich zu einem kräftigen jungen Mann und er liebte es, sich sportlich zu betätigen. Ebenso gesund wie sein Körper war aber auch sein Appetit. An manchen Abenden kamen Dick und Rees zu unterschiedlichen Zeiten spät heim. Wenn Dick zuerst kam, so erzählt man in der Familie, rief die Mutter von oben: „Dick, bist du’s? Nimm dir ein Stück Kuchen.“ War aber Rees früher als Dick, dann rief sie: „Bist du’s, Rees? Auf dem Tisch steht Kuchen. Lass aber ein Stück für Dick übrig!“
Besonders auffallend in Rees’ jungen Jahren war sein Bewusstsein von Gott. Es schien, als stünde er von Geburt an in der unsichtbaren Gegenwart dessen, von dem Paulus sagte, er habe ihn „in seiner Gnade schon vor meiner Geburt dazu bestimmt, ihm einmal zu dienen“ (Gal. 1,15). In dieser Hinsicht ging in seiner Jugend der stärkste Einfluss von seinen Großeltern aus. Auch sie wohnten in einem weißgetünchten kleinen Haus in unmittelbarer Nähe der Black Mountains. Wenn man dessen Türschwelle überschritt, war es, wie Rees später erzählte, als ob man den Himmel beträte. Die Großeltern hatten sich während der Erweckungsbewegung 1859 bekehrt. Rees glaubte stets, dass er ihnen geistlich viel verdanke. In dem kleinen Haus war etwas, was ihn mächtig anzog. Man spürte die Nähe Gottes darin, pflegte er zu sagen. Er liebte den Weg von seinem Elternhaus im Amman-Tal hinauf durch die Felder. Ein Haus nach dem anderen ließ er hinter sich, bis ein eisernes Tor hinter ihm zuschlug und er die weite Stille der Berghänge atmete. Oft sollte dies in späteren Jahren der Ort seiner Gespräche mit Gott werden. Nur der Gesang der Lerche, das gelegentliche Blöken eines Schafs und das Rauschen des Bergbachs unterbrachen die Einsamkeit.
Sobald er die Höhe des Bergkammes erreichte, sah er das grüne Waliser Tal vor sich ausgebreitet. Das Haus seiner Großeltern lag an einem der steilen Abhänge, dort, wo das Ödland wieder Feldern und Hecken Platz machte. Wenn er dann das Haus betrat, hörte er meist schon an der Türschwelle die Stimme seiner Großmutter, die seinem kranken Onkel Dick aus der Bibel vorlas.
Dies erinnert an einen anderen jungen Mann, der vor langer Zeit vermutlich ebenfalls manche Stunden auf einem anderen „Black Mountain“, nämlich dem Kara Dagh bei Lystra, zubrachte – den jungen Timotheus, der dort unter dem Einfluss zweier gottesfürchtiger Frauen, seiner Mutter Eunike und der Großmutter Lois, aufwuchs.
Und wirklich übten junge Männer aus der Bibel, wie Joseph und David, die Gott von Jugend an ehrfürchtig dienten, großen Einfluss auf Rees aus. Sein weiser Vater ließ bei der Erziehung der Kinder die biblischen Geschichten auf sie wirken. Das von frühester Kindheit an geübte allabendliche Bibellesen und seine Wirkung auf ihn blieben Rees stets in lebendiger Erinnerung. Am liebsten hörte er die Geschichten von der Geburt Jesu und von seinem Leben und Sterben. Diese Geschichten bewahrten ihn davor, jemals den Namen Gottes zu missbrauchen oder mutwillig gegen ihn zu sündigen.
Sogar aus den üblichen weltlichen Vergnügungen machte er sich nichts. Er konnte viele Meilen zurücklegen, wenn es irgendwo einen Prediger zu hören galt, der ihn „Gott näherbrachte“. Aber für ein Konzert wollte er „nicht einmal über die Straße gehen“. Selbst einem Fußballspiel sah er nur einmal zu. Als die Menge um ihn herum schrie und grölte, wurde ihm klar, dass dies nicht der richtige Platz für ihn war, und er stand auf und ging davon. Damals gelobte er, nie wieder einem Fußballspiel beizuwohnen. Und dabei blieb es.
Aus den üblichen Vergnügungen der Welt machte er sich nichts.
Der Apostel Paulus sprach einmal davon, dass er dem Gott seiner Väter diene und sich bemühe, „allezeit ein unverletztes Gewissen vor Gott und den Menschen zu haben“ (Apg. 24,16). Rees eiferte diesem Beispiel nach. „Ich rannte nicht blindlings in die Sünde hinein“, sagte er Jahre später. „Irgendetwas hielt mich immer zurück. Es scheint, dass manche Menschen viel empfindsamer sind als andere, sogar schon vor ihrer Bekehrung. Einmal handelte ich gegen mein Gewissen. Als mein Vater mich zu einem Kunden schickte, um Schuhe abzuliefern, verlangte ich einen Schilling und zehn Pence, während der richtige Preis einen Schilling und neun Pence betrug. Für den einen Penny kaufte ich mir Äpfel. Obwohl ich meinem Vater sogleich meine Sünde bekannte, konnte ich es nie vergessen. Besonders, wenn ich Äpfel sah, fiel es mir immer ein! Ich hatte mein Gewissen befleckt. Aber gerade weil dieses Erlebnis mir so sehr nachging, hielt es mich in Zukunft vor größeren Sünden zurück.“ Es hatte jedoch auch noch eine andere Wirkung auf ihn, die ihm erst später zum Bewusstsein kam und von der er sich frei machen musste. Er sagt darüber: „Ich glaubte damals, dass ich wahrscheinlich mit einer guten Natur auf die Welt gekommen sei.“
Mit dreizehn Jahren wurde er Mitglied der Gemeinde seines Heimatortes. Es war nach seiner damaligen Erkenntnis seine Überzeugung, dass er „genau nach der Lehre des Heilandes leben“ müsse. Zu dieser Folgerung war er durch das Lesen des Buches „In Seinen Fußstapfen“ von Charles M. Sheldon gelangt. Er musste jedoch bald einsehen, dass er dem nicht voll entsprechen konnte.
Auch der Kontakt mit den anderen jungen Männern in der Zinnhütte änderte seine Einstellung nicht. Die Stadt Swansea war zwar nur zwanzig Meilen entfernt, aber „das oberflächliche Treiben in den Städten hat mich nie angesprochen“, sagte er. „Es fiel mir nicht schwer, auf Theaterbesuche zu verzichten. Solche Dinge zogen mich nicht an. Ich war in den Gemeinden und Gebetsversammlungen zu Hause. Auch die Natur, Berge und Täler und die rauschenden Bäche übten großen Reiz auf mich aus. Die Stunden der Sonntagsfrühe waren jedes Mal eine wunderbare Zeit für mich. Welche Stille und welcher Friede lagen über allem! Ich war überzeugt, dass ich Gott jeden Abend ins Angesicht sehen konnte, weil ich ein so sauberes, reines Leben führte, und Hunderte in Wales lebten damals so.“
Ein stilles, gutes Leben mit viel Arbeit: Es gab nicht viel, das die Aufmerksamkeit auf diesen jungen Waliser gelenkt oder Anlass zu Prophezeiungen für die Zukunft gegeben hätte, abgesehen von einer ungewöhnlichen Frömmigkeit, die vielleicht den Engländern, nicht aber den Walisern merkwürdig erscheinen mochte. Aber kann Gott nicht Alltägliches in Außergewöhnliches verwandeln, wenn wir ihm die Möglichkeit dazu einräumen?
Kapitel 2
Die „Wolke von Zeugen“ und die Frage der Wiedergeburt
Bis zu seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr ereignete sich nichts, was den ruhigen Gang seines Lebens geändert hätte. Rees war zu einem gutaussehenden, breitschultrigen jungen Mann herangewachsen, hatte zarte Hände, eine kantig geschnittene Stirn, wie man sie des Öfteren bei Menschen aus Wales sieht, und vor allem ungewöhnliche Augen: klar und durchdringend – die Augen eines Sehers. Doch hinter dem ruhigen Äußeren verbarg sich ein starker innerer Trieb: Ehrgeiz. Er wollte die Welt sehen. Er wollte Geld verdienen. Amerika war der Magnet, der ihn anzog. Verschiedene junge Männer aus dem Dorf waren in die USA ausgewandert. Sie schickten begeisterte Berichte nach Hause. An einem Tag verdienten sie dort so viel Geld, wie man in Südwales kaum in einer Woche erarbeiten konnte. Als Rees das hörte, konnte ihn nichts mehr zurückhalten, nicht einmal die Liebe zu seinen Eltern. Er wog die Vor- und Nachteile ab, und jedes Mal fiel dieser Vergleich zugunsten Amerikas aus. Seine Brüder studierten, um Karriere zu machen. Er aber wollte reich werden und sich dann früh zur Ruhe setzen. Evan Lewis, einer seiner Cousins, war ausgewandert und arbeitete nun in New Castle, in der Stahlregion um Pittsburgh. Dorthin ging auch Rees. Er fand Arbeit in einer Zinnhütte. Kurz bevor er Brynamman verließ, sprach Gott jedoch in besonderer Weise zu seinem Herzen. Rees nannte dies die größte innere Segnung, die er vor seiner Bekehrung empfing. In einem Gottesdienst, bei dem er zu spät kam und wegen des großen Andrangs nur noch im Vorraum einen Stehplatz bekommen konnte, wurde der Text aus Hebräer 12,1 vorgelesen: „Darum lasst auch uns, weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben (…).“ „Diese Zeugen“, sagte der Pastor, „sind die Männer des Glaubens, die im vorhergehenden Kapitel erwähnt sind, und wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass sie auch uns heute umgeben. Wir wissen, dass sie wirklich da sind, denn auf dem Berg der Verklärung sprachen Mose und Elia mit dem Herrn und die Jünger sahen sie.“ Dann rief der Pastor, als wüsste er, dass Rees unter den Zuhörern war: „Junger Mann, du verlässt vielleicht nun deine Heimat. Du gehst an einen Ort, wo deine Eltern dich nicht mehr unter den Augen haben. Aber denk daran, dass die Wolke von Zeugen und Gott selbst dich überall sehen.“ Diese Worte schlugen bei Rees ein. Sie waren ihm neu und bewirkten, dass er einen starken Eindruck von der anderen Welt bekam. „Ich sah den in Hebräer 12,22 erwähnten Berg“, sagte er, „die Stadt des lebendigen Gottes, die Myriaden von Engeln und die Versammlung der Erstgeborenen“, und er sah sie nicht als Spione, die ihn beobachten sollten, sondern empfand, dass ihr Anblick ihn ermutigen und stärken sollte. Es war wiederum Gottes überschattende Hand, die das erwählte Gefäß in besondere Obhut nahm, bis er ihm seinen Sohn offenbaren würde. Diese Wolke von Zeugen blieb bis zu seiner Bekehrung die stärkste Realität seines Lebens.
„Wiedergeboren“: Diesen Ausdruck hatte Rees noch nie gehört.
Nach seiner Ankunft in Amerika führte er dort das gleiche gottesfürchtige Leben weiter wie zu Hause. Er wurde Mitglied einer christlichen Gemeinde und fehlte bei keiner Gebetsversammlung. Nur einmal erlag er beinahe der Versuchung weltlicher Vergnügungen, als ein Freund ihn zu einem Boxkampf einlud. Zweifellos zog ihn sein früheres Interesse am Boxen dorthin. Aber die bewahrende Hand Gottes war nicht umsonst über ihm. Am Tag vor dem Boxkampf kam ihm auf einmal der Gedanke: „Wenn dein Vater oder dein Onkel hier wäre, würdest du dann auch hingehen? Und wie ist es mit der Wolke von Zeugen?“ Er sagte seinem Freund, dass er ihn nicht für alles Geld der Welt begleiten würde!
Wie konnte ihn Gott bei einem so aufrechten Leben dann aber zu der Erkenntnis bringen, dass er in Sünde geboren war und Erlösung brauchte? Sogar sein Pastor dachte von ihm, dass er „der beste junge Mann in der Gemeinde“ sei – ein Hinweis darauf, dass der Pastor das, was Rees fehlte, wahrscheinlich auch nicht hatte. Rees’ Fall war dem des Apostel Paulus nicht unähnlich: „Was die Gerechtigkeit betrifft, untadelig im Gesetz“ (Phil. 3,6). Wenn man sich keines Mangels bewusst ist, kann auch nicht der Wunsch nach einer Veränderung da sein. Aber Gott hat seine Wege.
Zunächst sprach er zu ihm durch seinen Cousin Evan Lewis. Dieser beunruhigte ihn eines Abends durch die Frage, ob er „wiedergeboren“ sei. Rees hatte diesen Ausdruck noch nie gehört. Er war in dieser Hinsicht genauso unwissend wie Nikodemus. Er fühlte sich jedoch angegriffen und wollte sich verteidigen. „Was meinst du damit? Mein Leben ist ebenso gut wie deines.“ – „Darum geht es nicht. Man kann es auch so ausdrücken: Weißt du, ob du gerettet bist?“ – „Ich bin ein Christ, und das genügt mir.“ Obwohl er danach vorgab, nicht überzeugt worden zu sein, war jedoch von da an immerhin seine Selbstzufriedenheit erschüttert. Sein Cousin war treu und ließ die Angelegenheit trotz der stets fruchtlos endenden Unterhaltung nie fallen. Eines Tages hatte der Pfeil aber doch getroffen. Lewis erzählte ihm, dass seine Schwester ihm auf ihrem Sterbebett ans Herz gelegt habe, dass auch er einen persönlichen Heiland brauche, und er habe damals bei ihren Worten „Golgatha gesehen“. Wieder wusste Rees nicht, was sein Cousin meinte. Aber er fühlte instinktiv, dass er sich auf heiligem Boden befand, und eine innere Stimme schien ihn davor zu warnen, länger über diesen Gegenstand herumzustreiten. Der Eindruck war so stark, dass er sich sogar entschloss, den Ort zu verlassen und anderswo Arbeit zu suchen, damit er bloß nicht an das „Verbotene“ rührte.
Der Himmel war ihm auf der Spur …
Er zog nach Martins Ferry, das etwa hundert Meilen entfernt lag. Als sein Cousin ihn zum Bahnhof brachte, trieben auch dort noch seine letzten Worte den Pfeil tiefer: „Dein Fortgehen würde mir nichts ausmachen, wenn du wiedergeboren wärst. Aber es macht mir Sorgen, dich so gehen zu lassen, ohne dass du vorher mit Gott ins Reine gekommen bist.“ Rees konnte diese Worte nicht vergessen. Der Himmel war ihm auf der Spur …
Die Erkenntnis begann ihm erst wirklich zu dämmern, als er eines Tages ein bedeutendes Buch jener Zeit las: Professor Henry Drummonds „Natürliches Gesetz in der geistlichen Welt“. Drummond erzählt darin, dass es ihm unmöglich gewesen sei, das Wesen des Lebens zu definieren, bis er in den Werken von Herbert Spencer eine solche Definition fand. Spencer sagt: Leben ist „Austausch mit der Umwelt“. Ein Kind wird mit fünf Sinnen und verschiedenen Körperorganen geboren, die alle mit der Umwelt korrespondieren und auf sie reagieren. Das Auge sieht Bilder, das Ohr hört Töne, die Lunge atmet Luft usw. „Solange zwischen meiner Umwelt und mir ein solcher Austausch besteht, habe ich Leben“, sagt Spencer. „Wenn mir etwas zustößt, das mich an diesem Austausch hindert, dann muss ich sterben. Wo kein Austausch ist, da ist Tod.“
Drummond wandte diese Definition auch in Bezug auf Adam und den Sündenfall an. Gott hatte zu Adam gesagt, dass er an dem Tag, da er ungehorsam wäre, sterben müsse. Starb er denn wirklich? Nach Spencers Definition starb er geistlich: Während er das natürliche Leben behielt, verlor er doch seinen nahen Umgang mit Gott. Diese Verbindung konnte er nur auf dem Wege des Opfers zurückgewinnen, nur dadurch, dass ein anderes Leben an seiner Stelle geopfert wurde.
Als Rees dies las, war sein erster Gedanke: „Habe ich Umgang mit Gott?“ Konnte er sagen, dass der Heiland für ihn ebenso wirklich sei wie beispielsweise seine Mutter? Kannte er Gott als eine tägliche Gegenwart in seinem Leben oder dachte er nur während der Gebetstreffen an ihn? Und wenn er jetzt sterben würde, würde er dann mit einer anderen Umwelt in Verbindung treten? Er fühlte sich seinen Eltern nahe verbunden. Die Entfernung beeinträchtigte seine Gemeinschaft mit ihnen nicht. Mit Gott aber hatte er solche Gemeinschaft nicht. Wieder erinnerte er sich an die Worte, die sein Cousin mehrmals zu ihm gesagt hatte: „Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Joh. 3,3).
„Jetzt verstand ich das auf einmal“, sagte Rees. „Und ich glaubte an den Heiland, aber ich wusste zugleich, dass ich noch nicht wiedergeboren war. Was meine Beziehung zu dem geistlichen Reich betraf, in dem der Heiland lebte, war ich ein toter Mensch. Ich war außerhalb seines Reiches; mein anständiges Leben und meine ganze Religion konnten mir dort keinen Eintritt verschaffen. Ich war vielleicht kein Trinker oder Dieb, aber trotzdem war ich außerhalb des Reiches, weil ich keine lebendige Verbindung mit Gott hatte.“
Seine religiöse Selbstzufriedenheit war erschüttert. Zwar hatte er keine große Sündenerkenntnis, aber er wusste jetzt, dass eine Kluft zwischen ihm und Gott bestand. Eine tiefe Sorge um sein ewiges Heil beschäftigte ihn von nun an viel mehr als die Sorge um die Dinge dieser Welt.
Kapitel 3
Die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn
Die Hand Gottes streckte sich immer mehr nach Rees aus. Worüber Rees bisher nur nachgedacht hatte, das sollte ihm nun bald in Wirklichkeit begegnen. Er erkrankte plötzlich an Typhus, der zwar auch heute noch eine gefährliche Krankheit darstellt, damals aber sehr oft zum Tod führte. Er war also nun gezwungen, dem Tod ins Angesicht zu sehen. Dass er sich in diesen schweren Stunden fern von der Heimat in einem einsamen Zimmer befand, war eine besondere Fügung Gottes. Rees sagte später: „Zum ersten Mal im Leben fühlte ich so etwas wie Furcht in mir. Nie zuvor hatte ich eine solche qualvolle Angst erlebt wie damals, als ich meinte, unmittelbar vor dem Abscheiden aus dieser Welt zu stehen und in ein mir unbekanntes Reich hinübergehen zu müssen. Dank Gottes weiser Führung waren meine Eltern nicht bei mir, um diese Angst von mir zu nehmen. Ich danke Gott, dass mich kein menschliches Mitgefühl blind für die Ewigkeit machte. Man kann wohl in der Masse leben, Gott und der Ewigkeit aber steht jeder für sich allein gegenüber.“
Er schrie zu Gott, ihn doch nicht sterben zu lassen. Die Freude, die er am Geldverdienen und Reisen gehabt hatte, war vergessen. Jetzt flehte er Gott an, ihm ewiges Leben zu schenken: „Wenn du mich von dieser Krankheit heilst, will ich dir mein Leben geben!“
Dieses Gebet schloss ein Versprechen ein. Darum kümmerte sich Gott, bevor er das Gebet erhörte. Noch während des Gebets empfing Rees die innere Gewissheit, dass er nicht sterben würde. Von diesem Augenblick an erholte er sich zusehends, war aber nun ein anderer Mensch. „Als ich vor der Möglichkeit stand, alles zu verlieren, kam ich zum ersten Mal mit dem wirklichen Leben in Berührung“, sagte er. „Ich hatte erlebt, wie die Welt mit ihren Verlockungen ihr Bestes gab, damit ich auf ewig verloren ging. Jetzt aber wusste ich, dass ich mein ganzes Sein Gott schuldete, der mich gerettet hatte.“ Von dieser Zeit an dachte er nie mehr leichtfertig an die Ewigkeit, denn er hatte die Wirklichkeit der Hölle – die ewige Trennung von Gott – vor sich gesehen.
Die Tiefe dieses Erlebnisses ließ ihn, als er wieder gesund war, seine Lage mit ganz neuem Ernst betrachten. Auch wenn er vom Tod bewahrt worden war, so war er nicht von der Todesangst befreit worden. Zwar hatte er schon immer an die Menschwerdung Christi, an die Versöhnung durch sein Blut und an seine Auferstehung geglaubt. Dies waren sogar die kostbarsten Wahrheiten in seinem Leben. Warum aber waren sie keine Realität für ihn? Wenn Jesus doch den Tod besiegt hatte, warum hatte er dann noch Furcht vor dem Tod? Wer ihn später von diesem Abschnitt seines Lebens sprechen hörte, wird nie vergessen, wie er als Antwort auf diese Frage ausrief: „Ich entdeckte damals, dass ich nur an einen historischen Christus glaubte, aber keinen persönlichen Retter hatte, der mir das ewige Leben schenken konnte.“
Fünf Monate lang forschte er nun täglich nach dem Weg zu Gott. Wie er sagte, hätte er gerne sein ganzes Geld dafür hergegeben und wäre bereitwillig von einem Ende des Landes zum anderen gezogen, wenn er nur einen einzigen Menschen hätte finden können, der ihm den Weg zum ewigen Leben zeigen konnte. Schließlich ging er zu dem einzigen, von dem er dies annahm. Er fuhr die hundert Meilen nach New Castle wieder zurück, um seinen Cousin danach zu befragen. Doch obwohl dieser den Weg für sich selbst gefunden hatte, schien er nicht in der Lage, ihn Rees zu erklären.
„Ich hatte oft Predigten über Golgatha gehört, aber erst an diesem Abend habe ich Golgatha wirklich erkannt.“
In dieser Zeit siedelte er nach Connellsville in Pennsylvania über. Hier endlich kam der Himmel, der ihm auf der Spur war, zum Ziel. Rees erkannte später: „Es schien, als wäre meine Dunkelheit nur der Schatten seiner Hand gewesen, die sich liebevoll nach mir ausstreckte.“ Nach Gottes wunderbarer Führung war das ruhelose Hin und Her dann nur ein Abschnitt auf dem Weg, und schließlich erreichte der Himmel sein Ziel mit ihm.
Rees war noch nicht lange an seinem neuen Wohnort, als er erfuhr, dass ein bekehrter Jude, Maurice Reuben aus Pittsburgh, in die Stadt gekommen sei, um zu evangelisieren. Am ersten Abend, als Rees ihn hörte, sprach der Evangelist über seine eigene Bekehrung. Er schilderte, wie der Heilige Geist ihm Golgatha offenbart hatte. „Ich hatte oft Predigten über Golgatha gehört und glaubte auch daran“, sagte Rees, „aber erst an diesem Abend habe ich Golgatha wirklich erkannt.“ Damit war er zu demselben Punkt zurückgeführt worden, der ihn damals bei dem Zeugnis seines Cousins so sehr getroffen hatte.
Maurice Reuben erzählte, dass er einer wohlhabenden Familie entstamme und dass ihm alles, was die Welt bieten konnte, zur Verfügung gestanden habe. Das Geldverdienen war die Hauptsache seines Lebens gewesen. Er war Direktor der Firma Salomon & Reuben, eines der größten Warenhäuser Pittsburghs. Aber das Leben eines seiner Kunden machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, dass er eines Tages zu ihm sagte: „Sie müssen schon als glücklicher Mensch auf die Welt gekommen sein.“ – „Ja“, antwortete der Kunde, „bei meiner zweiten Geburt. Ich nahm Jesus Christus als meinen Erlöser an, und dadurch wurde ich zum zweiten Mal geboren: nämlich aus Gott. Vor dieser zweiten Geburt war ich nicht glücklicher als Sie!“ Reuben war von diesem Zeugnis so bewegt, dass er ein Neues Testament kaufte. Beim Lesen beeindruckte ihn dann besonders die Tatsache, dass alle, die Jesus nachfolgten, Juden waren: Johannes der Täufer, der auf Jesus als das Lamm Gottes hinwies; Petrus, Jakobus und Johannes, die führenden Jünger; und zu einem Juden hatte der Erlöser gesagt: „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“ Dann kam er zu der Geschichte vom reichen Jüngling. Es war ein dramatisches Zusammentreffen: Ein junger Jude des zwanzigsten Jahrhunderts, voll religiöser Unruhe, las von der Begegnung Jesu mit einem reichen Juden des ersten Jahrhunderts! Reuben sah die Begebenheit so: Jesus hatte zu dem reichen Jüngling gesagt, er solle all seine Habe verkaufen, um das ewige Leben zu erhalten. Wie konnte er, Reuben, dann die Gabe des ewigen Lebens bekommen, ohne die gleiche Bedingung zu erfüllen? Dies war für ihn der kritische Punkt. Wenn er Jesus nachfolgen wollte, musste er bereit sein, alles aufzugeben. Er konnte nicht mehr zurück, dafür war es zu spät. Er hatte es erkannt und er musste folgen. Als Reuben diese Worte aussprach, stimmte Rees im Herzen zu. Auch für ihn war es zu spät, auch er konnte nicht mehr zurück.
Reuben setzte sich mit dieser Forderung gründlich auseinander und überschlug die Kosten. Vielleicht würde seine Frau ihn verlassen, sein Bruder ihn aus dem Geschäft weisen und kein einziger Jude ihn verstehen. Sein Entschluss stand dennoch fest: Er wollte dabei bleiben, selbst wenn er alles verlieren würde. Dann geschah es eines Tages, auf dem Weg zu seinem Geschäft, dass er eine Stimme die Worte aus Johannes 14,6 zu ihm sagen hörte: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Blitzartig ging ihm die Wahrheit auf. Er nahm Jesus als seinen Erlöser an und wurde im selben Augenblick mit dem ewigen Leben beschenkt. Nach diesem Erlebnis konnte er nicht anders: Er musste seinem Bruder und anderen davon erzählen. Nach dem Willen seines Vaters sollte er, falls er seine Religion wechselte, sein ganzes Erbe verlieren. Aber sein Bruder bot ihm siebzigtausend Pfund an – nämlich seinen Anteil am Geschäft –, wenn er wegziehen und sich im Westen Amerikas, in Montana, niederlassen würde. Reuben erwiderte jedoch: „Ich habe das Heil in Pittsburgh gefunden und ich will auch in Pittsburgh davon Zeugnis ablegen.“
Spät abends an diesem Samstag kamen Polizisten und brachten ihn zur Wache. Am Montag darauf besuchten ihn zwei Ärzte in seiner Zelle und befragten ihn über die Stimme, die er gehört hatte. „Zweifeln die etwa an meinem Verstand?“, fragte er sich.
Zwei Stunden später führten ihn zwei Wärter in einen Raum, in dem sich bereits neunundzwanzig geisteskranke Personen befanden. Die Bitterkeit seiner Lage übermannte ihn. Bis dahin hatte er noch den inneren Sieg behalten, dies aber schien mehr, als er ertragen konnte. Er fiel vor seinem Bett auf die Knie und schüttete Gott sein Herz aus. Wie lange er so betete, wusste er später nicht mehr. Er vergaß sich selbst dabei völlig und hatte eine Vision von Golgatha. Er wurde Zeuge jeder Einzelheit der Kreuzigung. Über dem Leiden Jesu vergaß er seine eigenen Leiden, und während er so auf das Kreuz blickte, sagte Gott zu ihm: „Muss ich das Kreuz allein tragen, und alle Welt geht frei aus?“ Mit gebrochenem Herzen antwortete Reuben da: „Nein, es gibt ein Kreuz für jeden und es gibt auch ein Kreuz für mich.“
Von dieser Stunde an war er ein neuer Mensch. Anstatt sich über seinen Aufenthalt an diesem Ort länger zu beschweren, begann er nun für die anderen neunundzwanzig Insassen zu beten, und zu Gott sagte er: „Lass mich leiden für dich. Was du auch immer für mich an Leiden zulassen wirst – nie wieder will ich klagen.“
Zwei Wochen später besuchte ihn sein Bruder und machte ihm Vorwürfe wegen seiner Torheit, sich an einen solchen Ort gebracht zu haben. „Willst du nicht endlich Vernunft annehmen?“, sagte er. „Sieh zu, dass du hier herauskommst, und geh nach Montana.“ –„Gilt dieses Angebot denn noch immer? Dann ist nicht mein Gesundheitszustand, sondern irgendetwas anderes die Ursache, dass ich hier eingesperrt bin!“, mutmaßte Reuben daraufhin scharfsinnig.
Ein paar christliche Freunde, mit denen er in Verbindung stand, veranlassten sodann, dass die Angelegenheit untersucht wurde. Nach sechs Wochen wurde er schließlich entlassen. Die Sache kam anschließend vor Gericht. Der Richter befragte den Arzt, warum dieser Mann als geisteskrank eingewiesen worden war. „Weil er eine Stimme gehört hat“, erklärte der Arzt. „Hat nicht auch der Apostel Paulus eine Stimme gehört?“, entgegnete der Richter, der ein Christ war. „Dies ist eine Schande für die amerikanische Flagge“, rief er und legte Reuben nahe, alle diejenigen zu belangen, die etwas mit dem Fall zu tun hatten. „Ich werde nie jemanden verklagen“, erwiderte Reuben. „Etwas anderes werde ich aber tun: Ich werde für sie alle beten.“ Daraufhin ging er durch den Gerichtssaal und bot seinem Bruder die Hand. Dieser wandte ihm jedoch den Rücken zu. Er trat auf seine Frau zu, aber auch sie tat dasselbe. Welch einen Frieden aber hatte er in seiner Seele!
Er mietete dann einen kleinen Raum in Chicago, wo er allein mit Gott lebte und viele Menschen für ihn gewann. Dort blieb er zwei Jahre. Während dieser ganzen Zeit konnte er sich oft noch nicht einmal eine ordentliche Mahlzeit leisten. Ein Jahr später kam seine Frau, um ihn in einer Zeltlager-Versammlung zu hören, und bekehrte sich. Damals sah er zum ersten Mal seinen kleinen Jungen, der nach der Trennung von seiner Frau geboren war. Seine Frau war nun dazu bereit, wieder mit ihm zusammenleben, wenn er nur wie andere Christen seinen Unterhalt auf normale Weise verdienen wollte. Sein Herz schlug für den kleinen Jungen und diese Prüfung war noch größer als die erste. Die Forderung seiner Frau erschien so vernünftig, aber er wusste, dass der Herr ihn aus der Welt heraus in dieses besondere Glaubensleben gerufen hatte. Er schrie zu Gott, aber die einzige Antwort, die er erhielt, war: „Zurück nach Ägypten.“
Das genügte; wieder ergriff er das Kreuz. Er brachte seine Frau und das Kind zur Bahn. Es war eine teuer erkaufte Erfahrung. Aber als der Zug den Bahnhof verließ, schien es, als ob Gott seine Seele mit aller Freude des Himmels erfüllte. Er fing buchstäblich an auf dem Gleis zu tanzen. Er sah seine Frau in den nächsten drei Jahren nicht wieder. Dann wurde auch ihr in einer Zeltversammlung der wahre Sinn des Kreuzes offenbart. Nun gab sie folgendes Zeugnis: Wenn sie auch vorher das aufopferungsvolle Leben ihres Mannes nicht hatte teilen wollen, so war sie doch jetzt bereit, ihr Brot von Tür zu Tür zu erbetteln, wenn es nach Gottes Willen und zu seiner Ehre so geschehen sollte. Sie lebten von da an wieder zusammen, und sie wurde eine wunderbare Mitarbeiterin ihres Mannes.
Rees hatte auch deshalb bisher nicht zum wirklichen Glauben durchdringen können, weil er nichts davon sah, dass das Leben der wiedergeborenen Christen besser war als seines. Wie konnte er dann davon überzeugt werden, dass ihm etwas fehlte, was sie hatten? Er hatte manchmal zum Herrn gesagt: „Wenn ich jemals einem solchen Menschen begegne, der die Bergpredigt in seinem Leben verwirklicht, dann werde ich nachgeben.“ – Noch bevor Reuben seine Geschichte beendet hatte, sagte der Herr zu Rees: „Ist das etwa dein Mann?“
Was dann weiter in der kleinen Methodistenkapelle geschah, berichtet Rees mit folgenden Worten: „Als Maurice Reuben uns von diesen heiligen Erlebnissen berichtete, sah auch ich das Kreuz. Es schien mir, als verbrächte ich eine halbe Ewigkeit zu den Füßen des Heilands, und ich weinte und weinte. Ich erkannte, dass Jesus Christus für mich persönlich gestorben ist. Darüber vergaß ich alles andere und versank ganz in diesen Gedanken. Bisher hatte ich in der Angst vor dem Tod gelebt. Nun aber sah ich, dass Jesus diesen Tod auf sich genommen hatte. Zwar liebten auch meine Eltern mich sehr, und bis dahin gab es für mich niemanden, der ihnen gleichkam. Den Tod aber hatten sie nicht für mich erlitten. Er jedoch hatte dies getan. Seine Liebe zu mir, verglichen mit der ihren, war so hoch wie der Himmel über der Erde. Er gewann meine Liebe ganz und gar. Er zerbrach mich, und alles in mir wendete sich ihm zu.“
Ich wurde völlig verändert. Keiner meiner alten Freunde konnte verstehen, was mir widerfahren war.
„Dann sprach er mit mir. Er sagte: ‚Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Darf ich in dein Herz hineinkommen, ebenso wie ich in Reubens Herz kam und dort den Platz von seiner Frau und Kind, Zuhause, Geschäft und Welt einnahm? Willst du mich annehmen?‘ – ‚Ja‘, erwiderte ich und er erfüllte mich, und in diesem Augenblick wurde ich verwandelt. Ich wurde in eine andere Welt hineingeboren. Das Reich Gottes war nun meine Heimat und der Schöpfergott mein Vater. Ich empfing an diesem Abend die Gabe des ewigen Lebens – jene Gabe, die für Geld nicht zu kaufen ist.
Auf dem Heimweg erschien mir der Freund, der mich zu dem Treffen begleitet hatte, auf einmal innerlich fremd. Er hatte kein persönliches Erlebnis während des Treffens gehabt. Überhaupt erschien mir nun jeder, der nicht wiedergeboren war, fremd. Der Herr aber bedeutete alles für mich. Nicht nur war er der Schönste unter Zehntausend, sondern unter Millionen. Zwar war diese seine Liebe schon immer dagewesen, sie hatte jedoch keine Antwort in mir hervorgerufen, weil ich sie bisher nicht gesehen hatte. Jetzt aber wurde die Antwort dafür umso stärker. Alles, was dieser Welt angehörte, stieß mich ab. Alles, was ihn betraf, berührte mich so heilig, rein und wunderbar.
Ich wurde völlig verändert. Keiner meiner alten Freunde konnte verstehen, was mir widerfahren war. Es ging hier nicht um ein bestimmtes Dogma, sondern ich hatte Golgatha gesehen. Es handelte sich auch nicht um eine verstandesmäßige Zustimmung – nein, sondern der Vorhang war weggezogen worden, die Augen wurden geöffnet, und ich hatte ihn selbst gesehen. An diesem Abend erschien mir die Welt wie ein verfluchter Ort und ich dachte, dass ich nie wieder etwas mit ihr zu tun haben wollte.
Die Liebe des Retters war mir offenbart worden. Man kann nicht erklären, was eine Offenbarung ist. Ich erkannte, dass Gott, mein himmlischer Vater und Heiland, bereit war für mich zu leiden, noch bevor ich selbst leiden sollte. Es war eine unvergleichliche Liebe. Nicht nur, dass er mir half – nein, er nahm selbst meine Stelle ein. Jede andere Liebe erschien mir dagegen egoistisch und roh. Meist spielte ja doch das Ich die Hauptrolle darin. Diese Liebe aber sah ich die Zeitalter überdauern. Wenn man den Retter aufnimmt, empfängt man diese Liebe Gottes. Sie durchflutete jetzt mein Sein und hat mich seither immer durchflutet.
Ich erkannte auch, dass er durch sein Wohnungnehmen in mir von nun an durch mich hindurch andere Sünder lieben würde, so wie er mich liebte. Ich würde mich nicht zu zwingen brauchen, andere zu lieben, ebenso wenig wie Gott sich zwingen musste, mich zu lieben. Niemand konnte mir ein Feind sein, denn ich selbst war Jesu Feind gewesen, bevor ich mit Gott versöhnt wurde. Wenn ich im selben Bereich lebe wie er, so werde ich Barmherzigkeit üben, gütig sein und andere lieben. Konnte die Liebe Gottes in mir je irgendjemandem etwas zuleide tun? Ich hatte die Welt und ihre Torheit verlassen und war in jenes Reich hineingeboren worden, wo die Liebe Gottes wohnt: Es war das wunderbarste Leben, das es auf dieser Erde gab.“
Rees sprach von diesem seinem geistlichen Geburtstag immer als von dem wichtigsten Tag seines Lebens. Es war gleichzeitig der Tag, der seinem Aufenthalt in Amerika ein Ende setzte. Er vergaß nie, dass es in Amerika geschehen war und ein Jude als Gottes Werkzeug dazu diente, dass er den Heiland fand. Letzteres ließ ihn auch stets empfinden, dass er dem auserwählten Volke Gottes etwas schuldig war, das er später begleichen sollte. Doch nun hatte er das Gefühl, dass er seinem eigenen Volk als Erstes von seiner Rettung berichten müsse, denn dort war ihm das Wort Gottes zuerst nahegebracht worden. Der Gedanke an die Heimkehr wurde innerhalb weniger Tage zum Entschluss, und zwar durch eine starke Versuchung in dem Punkt seiner früheren Schwachheit, der Liebe zum Geld. Der Direktor des Werkes, bei dem er beschäftigt war, hatte eine gute Meinung von ihm und bot ihm eine Arbeit zu einem bedeutend höheren Lohn an, jedoch würde seine Zeit mehr beansprucht werden als bisher. Gleich darauf erzählte er seinem Freund, dass er so bald wie möglich abreisen wolle, da der Direktor ihn in Versuchung brachte, und er habe doch Gott versprochen, niemals für das Geldverdienen zu leben. Das neue Leben war dabei, das alte schnell auszutreiben. Er war hinausgezogen, die Welt zu sehen, doch nun hatte er den erhabensten Anblick in der Welt geschaut: Golgatha.
Kapitel 4
Die Erweckung in Wales
Rees kehrte in dem strategisch entscheidenden Jahr 1904, dem Jahr der großen Waliser Erweckung, nach Wales zurück. Durch seine persönliche Erfahrung in Amerika war es ihm möglich, an dieser teilzuhaben. „In kurzer Zeit war das ganze Land in Flammen“, sagte er. „Jede Kirche wurde bis in ihre Tiefen aufgerüttelt. Starke Männer weinten Tränen der Buße und Frauen wurden mit neuer Leidenschaft ausgestattet. Die Menschen wurden wie am ersten Pfingsttag vom Heiligen Geist überwältigt und man hielt sie für betrunken. In den Gottesdiensten beteten und sangen diese Menschen und gaben von ihren Erlebnissen Zeugnis. Es war eine Erweckung innerhalb der Kirche, welche überall die Christen in lebendige Zeugnisse verwandelte. Sie sagten: ‚Wir können nicht anders als darüber zu reden, was wir gesehen und gehört haben.‘“
Wirklich gläubige Christen haben stets die Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes in der Gemeinde als eine Tatsache anerkannt. Es ging also weniger darum, zu bitten, dass dieser Geist kommen möge, als vielmehr darum, seine Gegenwart anzuerkennen und dann sehr bald seine Kraft zu erfahren. Oft mussten sie aber zuerst die Hindernisse für den Segen wegbeten. Ungehorsam und Unbarmherzigkeit waren zwei Sünden, die ständig bekämpft werden mussten. Andererseits wurden sie dadurch, dass sie den Aufforderungen des Heiligen Geistes gehorsam waren und Jesus Christus offen bekannten, stark gesegnet. Nachdem das erste Lied angestimmt war, nahm eine solche Versammlung ganz von selbst ihren Lauf. Niemand leitete sie, aber die Menschen spürten eine unsichtbare Führung. Oft wurde ein Redner durch spontanen Gesang oder Gebet unterbrochen. Dies störte jedoch nicht die Harmonie des Ganzen. Der Jubel, die Begeisterung und die Emotionen in den Versammlungen waren ja nur eine Auswirkung davon, dass Menschen von ihren Fesseln befreit worden waren. Auf eine Beschwerde antwortete ein alter Prediger einmal, der Lärm einer Stadt sei ihm lieber als die Totenstille auf dem Friedhof!
„Beuge die Kirche und rette die Welt.“
Die Erweckung zeigte, was der Heilige Geist tun kann, wenn die Gläubigen wie am ersten Pfingsttag eines Geistes und einer Ansicht sind. Wir haben es immer wieder erlebt, was Gott durch einen gesegneten Evangelisten oder Prediger, z. B. Dwight L. Moody oder Charles Finney, tun kann. In der Erweckungsbewegung in Wales offenbarte sich jedoch die Kraft Gottes durch die Gemeinde. Der Grundgedanke war: „Beuge die Kirche und rette die Welt.“ Das eine Ziel war, Seelen zu retten. Gott hat gesagt, dass sich die Engel im Himmel über einen Sünder freuen, der Buße tut und von seinen Sünden umkehrt. Dort in Wales konnte außerdem gesagt werden, dass sich die ganze Gemeinde über die Bekehrten freute. Es erklangen bei jeder Bekehrung zugleich die Freudenglocken des Himmels und die Siegesrufe unten auf der Erde.
Unter der Wirkung des Geistes Gottes war eine überwältigende Kraft spürbar. Selbst die Schwächsten waren oft mit unbeschreiblicher „Herrlichkeit bekleidet“ und man merkte ihren Worten die Salbung des Heiligen Geistes an. Es wurde an ihnen sichtbar, dass der Herr „wegen unserer Übertretungen dahingegeben wurde und zu unserer Rechtfertigung auferweckt worden ist“ (Röm. 4,25).
Manchmal wurden die Herzen der Anwesenden bei einer Versammlung so zum Schmelzen gebracht, dass die Menschen in ihrer Seelennot ausriefen: „Was müssen wir tun, um gerettet zu werden?“ Unzählige erfuhren die Kraft des Blutes Jesu Christi zur Reinigung von aller Sünde.
Als die Erweckung fortschritt und Tausende sich den Kirchen anschlossen, zeigte sich eine unerwartete Schwierigkeit. Es wurden mehr geistliche Kinder geboren, als geistliche Väter und Mütter da waren, die sie weiterbringen konnten. Die Festigung der Bekehrten im Glauben wurde das größte Problem. Dieser Mangel konnte die gefährlichste Schwäche der Erweckung werden, wenn ihm nicht begegnet wurde. Als die Begeisterung nachließ, zeigte sich, dass viele der Bekehrten zu sehr vom Gefühl abhängig waren und noch nicht gelernt hatten, ihren Glauben fest auf das Wort Gottes zu gründen. Der Teufel machte sich das zunutze. Manche wurden kalt und gleichgültig und der geistliche Kampf setzte ein.
Menschen wie Rees Howells – der selbst noch jung im Glauben war, aber doch reifer als die in der Erweckung Bekehrten – wurden gebraucht, um als Fürbitter und Lehrer die Verantwortung für die „neugeborenen Kinder“ zu übernehmen, indem sie für sie und mit ihnen beteten und sie weiterführten. Aber bald merkten diese jungen Fürbitter, wie mächtig der Feind der Seelen ist. Sie erfuhren, dass ein Kampf, der nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Fürsten der Finsternis dieser Welt ist, nicht mit fleischlichen Waffen ausgefochten werden kann. Sie spürten, dass ihnen etwas fehlte. Was sie brauchten, war die Ausrüstung des Heiligen Geistes zum Dienst. Rees Howells sagte später: „Die Fürbitte des Heiligen Geistes für die Kinder Gottes in dieser gegenwärtigen bösen Welt muss durch Gläubige geschehen, die mit dem Heiligen Geist erfüllt sind“ (Röm. 8,26–27).
Dies machte ihm und anderen bewusst, dass sie die Fülle des Geistes nötig hatten. An Freude und Zufriedenheit in seinem eigenen persönlichen Leben hatte es Rees nicht gefehlt – das hatte er in seinem Heiland zur Genüge gefunden. Aber das Geheimnis der Kraft zum Dienst kannte er noch nicht. „Viele verurteilten die jungen Bekehrten, wenn sie rückfällig wurden“, sagte er, „wir aber suchten die Schuld bei uns, weil wir nicht in der Lage waren, sie zum Sieg durchzubeten. Oh, welch ein Jammer ist es doch, wenn man dem Feind hilflos gegenübersteht und zusehen muss, wie er die Bekehrten wie Weizen sichtet. In Jesaja 59 lesen wir davon, dass Gott sah, dass kein Mensch da war, und wie er sich darüber wunderte, dass es keinen Fürsprecher gab. Das war genau unser Fall! Viele von uns verspürten das Bedürfnis, mit ‚Kraft aus der Höhe‘ (Lk. 24,49) ausgestattet zu werden. Wir fühlten uns in derselben Lage wie jene Jünger, zu denen Jesus sagte, dass sie bleiben sollten, bis sie diese Kraft empfangen würden. In der Bibel wird weiter berichtet: ‚Sie aber beteten ihn an und kehrten mit großer Freude nach Jerusalem zurück.‘ (Lk. 24,50) Sie hatten also die Freude, bevor sie die Kraft erhielten. Somit war die Freude kein Beweis ihrer Ausrüstung mit dem Heiligen Geist. Auch wir hatten diese Freude durch die Erkenntnis des auferstandenen Herrn und die Gewissheit des ewigen Lebens in der Erweckung erlebt – eine unaussprechliche Freude! –, aber zur selben Zeit spürten wir auch den Mangel an Kraft zum Dienst.“
Kapitel 5
Der Heilige Geist nimmt von ihm Besitz
Rees war nach seiner Rückkehr aus Amerika wieder in sein Elternhaus eingezogen, wo man ihn mit großer Freude aufnahm. Anstatt jedoch in die Zinnhütte zurückzugehen, wo einige seiner Brüder angestellt waren, hatte er jetzt Arbeit in einem nahe gelegenen Kohlebergwerk gefunden. Er arbeitete unter Tage – es war die schwerste Tätigkeit überhaupt.
In seiner Freizeit beschäftigte er sich mit verschiedenen Dingen, die mit der Erweckung zu tun hatten. Dabei verstärkte sich bei ihm und den anderen Helfern das Gefühl von geistlicher Not immer mehr, sodass sich im Jahre 1906 eine größere Gruppe von ihnen entschloss, ihren einwöchigen Sommerurlaub auf der Glaubenskonferenz in Llandrindod Wells zu verbringen, dem walisischen Gegenstück zur englischen Keswick-Konferenz zur Vertiefung des geistlichen Lebens. Für Rees Howells sollte dies, nach seiner Wiedergeburt, das revolutionärste Ereignis seines Lebens werden.
Kurz bevor sie wegfuhren, besuchte Rees eine Versammlung in Brynamman, wo eine junge Frau Römer 8,26–30 vorlas. Sie konnte nur sehr langsam lesen. Auf diese Weise drang jedes Wort tief in sein Herz ein: „Vorherbestimmt … berufen … gerecht gemacht … verherrlicht.“ Während Rees zuhörte, wiederholte er es für sich selbst: „Ich weiß, dass ich nach seinem Ratschluss berufen und gerecht gemacht bin – aber bin ich auch verherrlicht?“ Auf diese Frage wusste er keine Antwort, und sie ließ ihn nicht mehr los: Was bedeutet es, verherrlicht zu sein?
Zwei Tage später saß er im Zug nach Llandrindod und dachte wieder darüber nach, als er plötzlich eine Stimme hörte: „Wenn du zurückkehrst, wirst du ein neuer Mensch sein.“ – „Aber ich bin doch schon ein neuer Mensch“, protestierte er. „Nein“, kam die Antwort, „du bist erst ein Kind.“ Die anderen, die mit ihm fuhren, sangen gerade das neueste Lied der Erweckung. Aber Rees hörte es nicht. Er schritt im Gang auf und ab und dachte über die Worte nach, die er gehört hatte: „Du wirst ein neuer Mensch sein.“
Am Morgen des ersten Konferenztages sprach der Prediger Evan Hopkins – vielleicht der größte Ausleger über das Leben im Geist, den Keswick hervorgebracht hat – über Epheser 2,1–6: „… Er hat uns mit Christus vom Tod auferweckt, und durch die Verbindung mit Christus haben wir schon jetzt unseren Platz in der himmlischen Welt erhalten.“ Er wies darauf hin, dass es der auferstandene Jesus Christus war, der den Jüngern nach der Auferstehung erschienen war. Als aber der Heilige Geist herabkam, offenbarte er den zur Rechten des Vaters erhöhten Erlöser. Hopkins stellte die Frage: „Seid ihr durch Christus lebendig gemacht worden? Wurdet ihr mit ihm vom Tod auferweckt, um mit ihm in den himmlischen Welten zu sitzen?“
„Die Kirche weiß mehr über Jesus, der nur dreiunddreißig Jahre auf der Erde war, als über den Heiligen Geist, der nun schon fast zweitausend Jahre hier ist.“
Rees antwortete in seinem Herzen: „Ja, ich weiß, ich wurde lebendig gemacht. Aber ich bin noch nicht mit Jesus zu jenem Ort der Kraft auferweckt worden.“ Und in dem Augenblick, als er das dachte, sah er den verherrlichten Herrn. „So wirklich, wie ich den gekreuzigten und den auferstandenen Herrn gesehen hatte, erblickte ich nun den verherrlichten Herrn. Und die Stimme, die im Zug zu mir gesprochen hatte, sagte jetzt zu mir: ‚Möchtest du dort mit ihm sitzen? Dort ist ein Platz für dich.‘ Da sah ich mich selbst dort mit ihm auferstehen. Jetzt wusste ich, was es bedeutet, mit ihm ‚verherrlicht‘ zu sein. Ich sah ihn, so wie Johannes ihn in Patmos sah, und ich war überwältigt und ‚geblendet‘ wie der Apostel Paulus. Wenn er etwas offenbart, zeigt er uns, wie es wirklich ist, und es ist keine Einbildung. Den ganzen Abend lang war ich in der Gegenwart Gottes und meines verherrlichten Erlösers. Man kann das nicht beschreiben. Es erging mir wie jenem Mann in Markus 8,24, der verwundert sagte: ‚Ich sehe Menschen umhergehen, als wären es Bäume.‘“
Am nächsten Morgen sprach Hopkins über den Heiligen Geist. Er beschrieb eindeutig, dass er eine Person ist, die, genau wie Jesus, alle Eigenschaften und Fähigkeiten einer Person besitzt. Er verfügt selbst über Weisheit, Liebe und Willen, und da er eine Person ist, muss man ihm, bevor er zu einem kommt und in einem lebt, volles Besitzrecht über seinen Körper einräumen. „Während Evan Hopkins so sprach“, erzählte Rees später, „kam der Heilige Geist zu mir, und ich erkannte ihn als denjenigen, der am Tag zuvor zu mir gesprochen hatte und mir den Platz der Herrlichkeit gezeigt hatte, den natürliche Augen niemals hätten sehen können. Vorher hatte ich noch nicht verstanden, dass der Heilige Geist genau wie Jesus eine Person ist, und dass er kommen und in Fleisch und Blut wohnen muss. Es ist tatsächlich so, dass die Kirche mehr über Jesus weiß, der nur dreiunddreißig Jahre auf der Erde war, als über den Heiligen Geist, der nun schon fast zweitausend Jahre hier ist. Ich hatte ihn mir nur als einen Einfluss, eine Kraft vorgestellt, die bei den Gottesdiensten und Treffen der Christen zum Wirken kommt, und diese Vorstellung hatten die meisten von uns in der Erweckung. Ich hatte nicht verstanden, dass er in menschlichen Körpern leben muss, so wie Jesus einen menschlichen Körper hatte, als er auf der Erde war.“
Dieses Erlebnis mit dem Heiligen Geist war für Rees genauso real wie seine Begegnung mit Gott selbst, die er vor Jahren gehabt hatte. „Ich sah ihn als eine Person, getrennt von Fleisch und Blut, und er sagte zu mir: ‚So wie der Erlöser einen Körper hatte, so wohne ich in den gereinigten Tempeln der Gläubigen. Ich bin eine Person. Ich bin Gott, und ich bin gekommen, um dich zu bitten, mir deinen Körper zu geben, damit ich durch ihn wirken kann. Ich brauche einen Körper als meinen Tempel (1. Kor. 6,19), aber er muss mir ohne Einschränkung ganz gehören, denn zwei Personen mit unterschiedlichem Willen können nicht im selben Körper leben. Willst du mir deinen geben (Röm. 12,1)? Aber wenn ich in deinen Körper komme, komme ich als Gott, und du musst dann hinausgehen (Kol. 3,2–3). Ich werde mich keinesfalls mit deinem Ich verbinden.‘
Er machte mir ganz klar, dass er nie mein Leben mit mir teilen würde. Ich erkannte die Ehre, die er mir damit erwies, dass er in mir wohnen wollte. Aber es gab in meinem Leben viele Dinge, die mir hoch und teuer waren, und ich wusste, dass er mir nicht eines davon lassen würde. Ich war mir vollkommen im Klaren darüber, was für eine Änderung er schaffen würde. Es bedeutete, dass jeder Teil meiner gefallenen Natur zum Kreuz gebracht, also in den Tod gegeben werden musste, und dann würde er sein Leben und seine Natur in mich hineinbringen.“
Es handelte sich somit um eine bedingungslose Übergabe. Rees verließ die Versammlung und ging ins Freie, hinaus aufs Feld. Er weinte und rang mit sich selbst, denn, so sagte er später: „Es war, als hätte ich ein Todesurteil erhalten, wie ein Gefangener auf der Anklagebank. Sechsundzwanzig Jahre hatte ich in meinem Körper gelebt. Konnte ich ihn nun einfach so leichtfertig aufgeben? Wer könnte sein Leben innerhalb einer Stunde aufgeben und einer anderen Person schenken? Wenn es leicht wäre, zu sterben – warum kämpft der Mensch dann um sein Leben, wenn er dem Tod ins Auge sieht? Andererseits wusste ich, dass die alte Natur nirgends hingehörte als an das Kreuz. Paulus hat das in Römer 6 sehr klar herausgestellt. Wenn dieser Akt einmal vollzogen ist, gilt er für immer. In diese bedingungslose Übergabe konnte ich nicht so ohne Weiteres einwilligen. Ich wollte gern, aber – ach! – der Preis war so hoch. Ich weinte tagelang. Ich nahm sieben Pfund an Gewicht ab, einfach nur deshalb, weil ich verstand, was der Heilige Geist mir da vorschlug. Wie sehr wünschte ich doch, ich hätte es nie erkannt! Der Heilige Geist erinnerte mich auch daran, dass er nur gekommen war, zu nehmen, was ich meinem Gott schon vor langer Zeit versprochen hatte – nämlich mein ganzes Leben und nicht nur einen Teil davon. Da er für mich starb, war ich ‚in ihm‘ auch gestorben, und ich wusste, dass mein neues Leben nicht mir, sondern ihm gehörte. Das war mir schon seit drei Jahren klar. So war er eigentlich nur gekommen, um zu nehmen, was bereits sein Eigentum war. Ich sah ein, dass nur der Heilige Geist in mir so wie der Herr selbst leben konnte. Mein Inneres stimmte allem, was er sagte, zu. Es handelte sich nur um die Kosten, zu denen ich bereit sein musste, wenn ich es tat. Ich gab meine Antwort nicht sofort, und das wollte er auch gar nicht.“
Es brauchte fünf Tage, bis Rees seine Entscheidung traf – Tage, die er allein mit Gott verbrachte. „Ich betrachtete die Heiligkeit Gottes wie Jesaja“, erzählte er darüber, „und während ich ihn so sah, erkannte ich meine eigene verdorbene Natur. Es waren nicht Sünden, die ich dabei sah, sondern die durch den Sündenfall befleckte Natur. Ich war schlecht bis ins Innerste. Ich bemerkte, wie sehr diese Natur der Reinigung bedurfte. Der Unterschied zwischen dem Heiligen Geist und mir war wie der zwischen Licht und Finsternis.
Nichts ist wirklicher für mich als der Prozess, den ich in jener Woche durchmachte“, fuhr er fort. „Der Heilige Geist arbeitete weiter an mir, indem er die Wurzel dieser bösen Natur – das Ich – entlarvte. Jede Veränderung muss von der Wurzel her geschehen. Die Sünde war bezahlt. Nicht die Sünde war es also, mit der er sich nun befasste, sondern das Ich. Es ging um jene Natur, die aus dem Sündenfall hervorgegangen war. Er war nicht gewillt, sich mit einer oberflächlichen Übergabe zufriedenzugeben. Nein, er legte den Finger auf jeden einzelnen Teil meines Ich-Lebens, und ich hatte mich einfach zu entscheiden. Nicht einen einzigen konnte er ohne meine Zustimmung wegnehmen. In dem Augenblick, da ich diese Zustimmung gab, fand eine Reinigung statt (Jes. 6,5–7), und von da an konnte ich die betreffende Sache nie mehr antasten. Es war nicht so, dass ich sagte, ich sei gereinigt, während mir die Sache in Wirklichkeit weiter anhaftete – nein, es war ein vollkommener Bruch, und dann nahm der Heilige Geist sie unter seine Herrschaft. So ging es Tag für Tag weiter. Er kam als Gott zu mir, ich aber hatte bisher als Mensch wie alle anderen gelebt. So sagte er mir jetzt: ‚Was für einen Durchschnittsmenschen zulässig ist, wird dir nicht erlaubt sein.‘“
Sein „Llandrindod-Erlebnis“ war die Wende, der sodann der Prozess der Heiligung nachfolgte (siehe sein Bericht darüber im 14. Kapitel), bei dem der Heilige Geist auf der Grundlage seiner ersten Übergabe Schritt für Schritt die Ich-Natur umwandelte und durch die göttliche Natur ersetzte (2. Petr. 1,5). Da war zuerst die Liebe zum Geld, diese „Wurzel allen Übels“, die Rees anfangs nach Amerika getrieben hatte. Gott sagte ihm, dass er jegliches Gefallen am Geld aus ihm entfernen würde sowie auch alles Streben nach Geldbesitz. „Ich musste überlegen, was das bedeutete“, sagte Rees. „Geld sollte für mich nicht mehr sein, als es für Johannes den Täufer oder für Jesus war. Bis zu einem gewissen Grad hatte ich mich damit schon bei meiner Wiedergeburt befasst. Nun aber ging der Heilige Geist an die Wurzel heran.“ Einen ganzen Tag hatte er mit dieser Sache zu tun, doch am Abend hatte sich seine „Einstellung zum Geld vollkommen gewandelt“.
Als Nächstes kam die Tatsache, dass er nicht das Recht haben würde, nach eigenem Belieben eine Familie zu gründen. „Ich erkannte, dass ich niemals mein Leben einer anderen Person schenken konnte, um mit ihr und für diese Person allein zu leben. Konnte denn der Herr sein Leben und seine Aufmerksamkeit einer einzigen Person schenken – statt einer verlorenen Welt? So konnte es der Heilige Geist auch nicht. Er nahm sich reichlich Zeit, mir genau zu zeigen, was das bedeutete: Das Leben, das er in mir leben würde, galt der gesamten Welt. War ich dazu bereit?“
Eine andere Sache, mit der er sich auseinanderzusetzen hatte, war sein Ehrgeiz. Wie war es ihm möglich, Ambitionen zu verfolgen, wenn der Heilige Geist in ihn gekommen war? Gott zeigte ihm das an folgendem Beispiel: Angenommen, er hätte eine Mission an einem Ort, und eine andere Mission ließe sich am gleichen Ort nieder: Wenn es dann zu Schwierigkeiten zwischen den beiden Missionen käme, sodass es für die Stadt besser wäre, nur eine Mission zu haben, müsste seine Mission sich zurückziehen. Oder wenn er und ein anderer Mann sich um die gleiche Stelle bewerben würden, müsste er die Stelle dem anderen überlassen. Oder wenn er mit einem Mann zusammenarbeitete, der weniger als er verdiente, obwohl er eine Familie hatte, dann konnte es sein, dass der Heilige Geist ihm befahl, dem anderen seine Stelle abzutreten. Würde er dazu bereit sein? Ja, er war dazu bereit.
Am fünften Tag ging es um sein Ansehen vor der Welt. Er dachte an Männer der Bibel, die vom Heiligen Geist erfüllt waren, und da besonders an Johannes den Täufer, und der Herr sagte zu ihm: „Es ist möglich, dass ich durch dich ein ähnliches Leben führen werde wie durch ihn.“ Ein Mann, nur mit Kamelhaar bekleidet und abgeschieden in der Wüste lebend? Auch in dieser Sache, oder was die moderne Entsprechung davon sein mochte, musste eine gültige Entscheidung getroffen werden. „Wenn ich mein Leben in dir lebe, und dieses wäre die Art von Leben, die ich wähle, kannst du mich nicht daran hindern.“ So lautete Gottes Wort. Da der Herr selbst verachtet war, musste auch er bereit sein, verachtet zu werden.
Bis Freitagabend hatte er sich allen diesen Punkten gestellt. Er wusste genau, worum es ging: Er hatte die Wahl zwischen zeitlichem und ewigem Gewinn. Der Heilige Geist fasste das Ergebnis wie folgt zusammen: „Auf keinen Fall werde ich dir erlauben, auch nur einen Gedanken an dein Ich zu hängen. Das Leben, das ich in dir leben werde, wird zu hundert Prozent anderen gelten. Du wirst dich niemals schonen können, ebenso wenig wie es Gott selbst konnte, als er auf der Erde war. Also, bist du bereit?“ Er hatte eine endgültige Antwort zu geben.
An diesem Abend sagte ein Freund zu ihm: „Wenn einige von uns heute nach dem Treffen zu dir kämen, würdest du uns dann etwas über deine Stellung in Christus sagen?“ Sofort forderte ihn der Heilige Geist heraus: „Wie kannst du das denn? Du hast die Stellung der Überwinder zwar gesehen, aber du bist noch nicht in sie eingetreten. Ich habe fünf Tage an dir gearbeitet. Heute Abend um sechs Uhr muss deine Entscheidung fallen. Und denke daran: Dein Wille muss weichen. Auf keinen Fall werde ich dir erlauben, eine Gegenströmung hineinzubringen. Wohin ich dich sende, dorthin wirst du gehen. Was ich dir sage, das wirst du tun.“ Es war die Endschlacht um den Willen.
„Ich bat ihn um mehr Zeit“, fuhr Rees fort, „aber er sagte: ‚Du wirst keine Minute nach sechs Uhr mehr haben.‘ Als ich das hörte, fühlte es sich so an, als ob ein wildes Tier in mir aufgeweckt würde. ‚Du hast mir einen freien Willen gegeben‘, begehrte ich auf, ‚und nun zwingst du mich, ihn aufzugeben.‘ – ‚Ich zwinge dich nicht‘, erwiderte er, ‚aber behauptest du nicht seit drei Jahren, dass du nicht dir selbst gehörst und den Wunsch hast, dein Leben so vollständig Gott auszuliefern, wie er das Seine für dich hingab?‘ Ich verstummte augenblicklich. Die Art, wie ich gesprochen hatte, stellte eine Beleidigung der Dreieinigkeit dar. ‚Es tut mir leid‘, sagte ich, ‚ich habe es nicht so gemeint.‘ – ‚Du wirst nicht gezwungen, deinen Willen aufzugeben‘, griff er die Sache von Neuem auf, ‚aber um sechs Uhr werde ich deine Entscheidung entgegennehmen. Danach wirst du nie mehr eine Gelegenheit haben!‘ Es war also das letzte Angebot, die letzte Chance! Ich sah den Thron (Offb. 3,21) und all meine Aussichten auf die Ewigkeit dahinschwinden. Da sagte ich: ‚Bitte vergib mir. Ich möchte es tun.‘
Noch einmal kam die Frage: ‚Bist du bereit?‘ Es war zehn Minuten vor sechs. Ich wollte es tun, aber ich konnte nicht. Der Verstand ist messerscharf, wenn man so auf die Probe gestellt wird. Der Gedanke blitzte in mir auf: Wie kann das Ich bereit sein, das Ich aufzugeben? Nun war es schon fünf Minuten vor sechs. Mir schwindelte vor diesen letzten fünf Minuten. Ich konnte das Ticken der Uhr zählen. Dann sprach der Heilige Geist erneut zu mir: ‚Wenn du es nicht schaffst, bereit zu sein, willst du mir dann wenigstens erlauben, dir dabei zu helfen? Willigst du ein, dass ich dich willig mache?‘“
„Ich wurde augenblicklich in ein anderes Reich versetzt.
Dort hörte ich Gott zu mir sprechen, und seitdem lebe ich in diesem Reich.“
„‚Sei bloß vorsichtig‘, flüsterte der Feind mir zu. ‚Wenn ein Stärkerer dir gegenübersteht und dich willig machen möchte, bereit zu sein, dann ist das doch dasselbe wie von vornherein bereit zu sein.‘ Während ich über diesen Punkt nachdachte, schaute ich wieder auf die Uhr. Es war nun eine Minute vor sechs. Da senkte ich den Kopf und sagte: ‚Herr, ich bin bereit.‘“
Innerhalb einer Stunde hatte die dritte Person der Gottheit von ihm Besitz genommen. Es wurde ihm das Wort in Hebräer 10,19 gegeben: „Brüder, weil wir nun durch das Blut Jesu das zuversichtliche Vertrauen zum Eintritt ins Heiligtum haben (…).“ – „Ich wurde augenblicklich in ein anderes Reich versetzt“, sagte Rees, „innerhalb des Vorhangs, wo der Vater, der Sohn und der Heilige Geist leben. Dort hörte ich Gott zu mir sprechen, und seitdem lebe ich in diesem Reich. Wenn der Heilige Geist bei uns einzieht, kommt er, um auf ewig in uns zu wohnen. Dank dem Blut Jesu. Ihm sei die Ehre!
Wie sehr verehrte ich die Gnade Gottes! Es ist Gott, der uns die Reue und Umkehr ermöglicht. Es war Gott, der mir half, meinen Willen aufzugeben. In dieser Woche hatte er mich um einiges gebeten, das ich hergeben konnte, weil ich Herr darüber war. Aber als er mich bat, mein Ich und meinen Willen aufzugeben, merkte ich, dass ich das nicht konnte – bis er mir durchhalf.“
Ein Augenzeuge berichtet, dass das kleine Treffen an jenem Abend mit Worten nicht zu beschreiben sei: Die Herrlichkeit Gottes kam herab. Rees stimmte das Lied an: „Da ist Kraft in dem Blut.“ Sie sangen zwei Stunden ohne Pause und konnten nicht aufhören. Anschließend, von 9 bis halb 3 Uhr nachts, „redete der Heilige Geist über Dinge zu uns, die ich mir nie erträumt hätte, und Gott wurde erhoben“.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, sagte er: „Ich begriff, dass der Heilige Geist für immer in mir Wohnung genommen hatte. Mir war zumute wie: ‚Er führte mich ins Weinhaus, und die Liebe ist sein Banner über mir‘ (Hl. 2,4). Es ist unmöglich, die Freudefluten zu beschreiben, die nun folgten.“
Rees Howells war kein geborener Redner. Er war normalerweise still und zurückgezogen. Als aber der Heilige Geist bei ihm einzog, löste er ihm die Zunge und erfüllte ihn mit seiner eigenen Kraft und Unverzagtheit. An jenem Morgen fand eine Lobpreisversammlung in einem Zelt statt, bei der etwa tausend Menschen anwesend waren, darunter um die zweihundert Pfarrer und Prediger. Der erste, den Rees erblickte, war sein eigener Pfarrer, und wenn irgendetwas ihn vom Sprechen hätte abhalten können, dann war es dessen Anwesenheit. Dennoch stand er während der Versammlung auf und berichtete allen klar und ruhig, dass der Heilige Geist, ebenso wie er damals an Pfingsten zu den Aposteln gekommen war, nun auch zu ihm gekommen sei und ähnliche Resultate hervorbringen würde. Er rief sie alle als Zeugen an. Die Folge davon war, dass in der darauffolgenden Woche, als sich eine große Menschenmenge versammelte, um einen berühmten Prediger zu hören, buchstäblich Hunderte zu Rees kamen und ihn darüber befragten, wie es abgelaufen war, als der Heilige Geist in ihm Wohnung nahm. Dies war der erste von jenen Strömen, die – wie Jesus sagte – aus dessen Leibe fließen sollen, der den Geist empfangen hat.
Kapitel 6
Die Liebe zu einem Ausgestoßenen
Wenn der göttliche Eigentümer ein Eigentum in Besitz nimmt, hat er ein zweifaches Ziel: intensive Kultivierung und reiche Fruchtbarkeit. War der Boden bis dahin vernachlässigt worden, kann er ihn nur langsam, sozusagen Stück für Stück, kultivieren und fruchtbar machen. Wir werden ihm nun bei der Arbeit auf diesem neuen Stück Ackerland zusehen.
Das erste Ackerstück, das er sich in Rees Howells vornahm, war das Gebetsleben. Rees war es gewohnt, allgemeingefasste Gebete zu beten. Wenn ihn jemand gefragt hätte, ob er wüsste, dass er auf seine Gebete eine Antwort bekommen würde, hätte er nichts darauf zu erwidern gewusst. Jetzt lehrte ihn der Geist: „Der Sinn des Gebets ist die Erhörung. Sieh zu, dass du nichts von dem verlierst, was ich dir gebe.“ Er sagte ihm auch, dass wirksames Gebet geleitetes Gebet sein müsse. Von nun an sollte er nicht mehr für alles Mögliche beten, wie es ihm in den Sinn kam, sondern er hatte sich auch im Gebet vom Heiligen Geist führen zu lassen.
Damit verbunden war auch eine andere wichtige Lektion, und zwar sollte er Gott niemals mehr darum bitten, ein Gebet durch andere zu erhören, wenn er es auch durch ihn selbst erhören konnte. Das schloss auch sein Geld mit ein. Wenn beispielsweise um Geld gebetet wurde, musste er erlauben, dass auch sein eigenes gebraucht wurde. Der Heilige Geist zeigte ihm, dass er, als er noch nicht völlig ausgeliefert war, Gott lang und breit um Mittel für die Missionsfelder und ähnliche Zwecke hatte bitten können, ohne bereit zu sein, dass Gott dieses Gebet durch ihn selbst erhörte. Der Heilige Geist zeigte ihm, dass wir dem Herrn oft „lästig werden mit unserem Gerede“ (siehe Mal. 2,17). All dieses Unechte musste beseitigt und das Wort Gottes ganz praktisch verwirklicht werden.
Das erste Gebet dieser Art, das der Heilige Geist durch ihn betete, war für einen jungen Mann namens Will Battery. Dieser lebte erst seit einigen Jahren in der Gegend und wohnte bei einem Onkel. Nach einer Hirnhautentzündung war er sehr geschwächt. In dieser Zeit hatte der Alkohol Macht über ihn gewonnen und es erging ihm immer schlechter. Die letzten beiden Jahre hatte er keine Nacht mehr im Bett geschlafen, stattdessen hatte er die Nächte im Heizkesselraum der Zinnhütte verbracht. Er war schmutzig und unrasiert. Er trug keine Socken und band nie seine Schnürsenkel zu. Als die Erweckung in dem Gebiet ihren Lauf nahm und Hunderte sich bekehrten, hatte doch niemand Will Battery erreicht. Für diesen Menschen, so stellte Rees Howells zu seinem eigenen Erstaunen fest, drängte ihn der Heilige Geist zu beten. Er sollte ihn hindurchbeten zu Gesundheit und zu seiner Errettung und sollte ihn lieben „nicht mit Worten, sondern mit Tat und Wahrheit“ (1. Joh. 3,18). „Mir selbst wäre es nie in den Sinn gekommen, ihn zu lieben“, sagte er, „aber wenn der Heilige Geist in einen kommt, bringt er die Liebe des Heilands mit sich. Mir war, als ob ich mein Leben für diesen Mann hingeben könnte. Es strömte eine solche Liebe aus mir hervor, wie ich sie nie zuvor gekannt hatte. Menschlich gesprochen wäre er der Letzte gewesen, mit dem ich meine Freizeit hätte verbringen wollen, und die Zinnhütte der letzte Ort, der mich anziehen konnte.“
In seinen freien Stunden machte er diesen Mann zu seinem Freund und verbrachte alle Sonntage mit ihm. Er hatte mehr Freude daran, diesen einen zu gewinnen, als in der Kirche bei den anderen Gläubigen zu sein. Er ging sogar mit ihm im Dorf spazieren, obwohl er sich genierte, wenn sich die Leute nach ihnen umdrehten und ihnen nachstarrten. Doch „der Herr half mir auch da durch“, erzählte er später.
Etwa zehn Tage vor Weihnachten fragte ihn der Heilige Geist, was er sich wünsche, da dies das erste Weihnachtsfest sei, seit er in sein Leben gekommen war. Rees’ Wunsch lag klar auf der Hand: Will Battery sollte gesegnet werden. Aber von diesem Tag an war Battery verschwunden!
„Ich suchte ihn zehn Abende lang, wie eine Mutter ihr Kind sucht. Ich kannte die Wirkungsweise des Heiligen Geistes noch nicht und verstand nicht, dass er mein Vertrauen wollte.“ Dann, am letzten Tag vor Weihnachten, tauchte Battery plötzlich wieder auf. Er kam Rees besuchen. „Ich höre noch heute seine Schritte“, sagte Rees. „Welch ein Jubel war da in mir! Ich hatte bis dahin nicht die leiseste Idee von der Liebe des Heiligen Geistes zu einer verlorenen Seele, bis er es durch mich tat. Was für einen Abend hatten wir da zusammen! Am nächsten Tag hatte ich die Freude, mein erstes Weihnachtsfest zu feiern, seitdem der Heilige Geist in mich gekommen war – und zwar in der Zinnhütte zusammen mit diesem jungen Mann: Acht Stunden verbrachten wir miteinander. Meine Mutter gab mir einen Korb mit weihnachtlichen Speisen für uns beide mit, aber meine Freude war zu groß, als dass ich hätte essen können. Battery bekam alles. Um vier Uhr fragte er mich, ob er mit mir zum Gottesdienst kommen könne. Was für eine Freude war es, mit ihm dorthin zu gehen! Ich hatte ihn nie von mir aus gebeten mitzukommen – in der Befürchtung, ihn vor den Kopf zu stoßen.“
Dieser Mann war einer der schlimmsten Trunkenbolde, und es erregte daher großes Aufsehen, als er während der Erweckungszeit seine Sünde erkannte und in einer Gebetsversammlung die Erlösung in Christus annahm.
Aber das Werk an ihm war nicht in wenigen Wochen oder Monaten getan. Schritt für Schritt wurde er sozusagen emporgehoben, bis Rees ihm eine Unterkunft und Arbeit im Bergwerk besorgen konnte. Aber auch dann gab es noch Entgleisungen. So wurde Rees beispielsweise zu einer ärgerlichen Wirtin gerufen. Will Battery war mitsamt seiner Arbeitskleidung und den Stiefeln zu Bett gegangen! Ohne zu zögern, bat Rees sie, die Bettwäsche auf seine Kosten in die Wäscherei zu geben. Schließlich kam der Tag, an dem die Leute aus der Gemeinde erstaunt sahen, dass Battery ordentlich gekleidet im Gottesdienst saß. Allerdings verstrichen bis zum endgültigen Sieg drei volle Jahre. Erst dann gelang es Rees, seinen Freund dazu zu bringen, dass er zu seiner Mutter, die eine bekehrte Frau war und jahrelang für ihn gebetet hatte, nach Hause ging. „Auf diese Weise“, sagte Rees Howells, „fing ich bei der untersten Stufe an und liebte zunächst einen, und wenn man einen liebt, kann man auch viele lieben, und wenn man viele liebt, kann man alle lieben.“
Der zweite Mensch, für den der Heilige Geist Rees beten ließ, war Jim Stakes, der eigentlich James Thomas hieß. Der Heilige Geist lehrte Rees durch diesen Fall, was „fürstliches Geben“ ist. Darüber sagte er später Folgendes: „Seitdem mein Geld dem neuen Menschen in mir gehört, hat der alte Mensch nicht mehr darüber zu bestimmen. Der neue Mensch in mir ist von Natur aus viel freigebiger als der alte. Der alte hat so lange in Ägypten und später in der Wüste unter dem Gesetz gelebt, dass es schon viel für ihn bedeutete, wenn er den Zehnten gab. Wenn daher der neue Mensch fürstliche Gaben geben möchte, stellt der Heilige Geist zuerst einmal die Realität der Übergabe auf die Probe. Erweist sie sich als echt, werden später keine Konflikte entstehen, wenn es einmal um große Summen geht.“ Die Probe bestand für Rees in der Person von Jim Stakes.
Dieser Mann hatte einen so niederen Charakter, dass über ihn gesagt wurde: „Was Jim Stakes nicht tut, dazu ist auch der Teufel nicht fähig!“ Er war einer der schlimmsten Trunkenbolde, und es erregte daher großes Aufsehen, als er während der Erweckungszeit seine Sünde erkannte und in einer Gebetsversammlung die Erlösung in Christus annahm. Er hatte ein Haus voll Kinder und war durch seine Alkoholsucht in große Armut geraten. Rees war ihm nur ein einziges Mal begegnet, hatte jedoch schon viel von ihm gehört. Eines Morgens, als er sich im Gebet befand, trat dieser Mann plötzlich und ganz unerwartet vor sein geistiges Auge und „stand vor ihm“.
„Ich habe davor nie eine Ahnung von solch einem Kampf um eine Seele in der geistlichen Welt gehabt“, sagte Rees. „Eine Stunde lang war alles, was ich tun konnte, dem Heiligen Geist zu erlauben, durch mich zu beten. Ich erkannte, wie der Teufel ihn angriff, und dass er, wenn er ihn wieder herumbekäme, der Erweckung hervorragend entgegenarbeiten konnte. Ich sah, dass dies ein Kampf zwischen Gott und dem Teufel um diese eine Seele war, und ich sagte dem Herrn, ich wolle alles tun, wenn er ihn aufrechthalten würde.“
Noch am selben Abend stand ein Mann an Rees’ Tür, um ihn zu besuchen. Nie hatte Rees eine größere Überraschung erlebt. Es war Jim Stakes! Er war zwei Meilen hergewandert, weil – wie er sagte – am Vormittag, als er im Bergwerk arbeitete, um zehn Uhr plötzlich Rees Howells „vor ihm gestanden“ habe. Es war dieselbe Zeit, als auch Jim Stakes vor Rees „gestanden“ und sich die Gebetslast auf sein Herz gelegt hatte!
„Sind Sie in Schwierigkeiten?“, fragte ihn Rees. Das traf tatsächlich zu. Er war zwei Jahre mit seiner Miete im Rückstand und am Morgen war der Gerichtsvollzieher erschienen und hatte seine Möbel versiegelt. Bald würden sie abgeholt werden. Zwei Jahre Mietrückstand! Das war eine Menge Geld. Nach kurzem Zögern sagte Rees: „Ich gebe Ihnen das Geld für ein Jahr Miete und ich glaube, ein Freund von mir wird Ihnen die andere Hälfte geben.“ Er ging die Treppe hinauf, um das Geld zu holen. Aber noch ehe er die oberste Stufe erreicht hatte, sprach der Heilige Geist zu ihm: „Hast du nicht heute Morgen zu mir gesagt, dass du alles hergeben wolltest, damit er gerettet würde? Warum gibst du ihm dann bloß die Hälfte? Hat Gott nicht deine ganze Schuld bezahlt und dich befreit?“
Rees Howells drehte auf der Stelle um und lief die Treppe wieder hinunter. Er sagte zu dem Mann: „Es tut mir leid, dass ich Ihnen nur die Miete für ein Jahr geben wollte. Ich soll Ihnen die Miete für beide Jahre geben und alles, was Sie sonst noch brauchen. Ich soll Ihnen so helfen, dass der Teufel diese Situation nicht mehr benutzen kann, um an Sie heranzukommen.“
„In dem gleichen Augenblick, als ich das sagte“, berichtete Rees Howells später, „spürte ich die Freude des Himmels in mir. Es war, als ob irgendetwas in mir aufschnappte, und von da an war Geben für mich stets seliger als Nehmen.“ Die Summe, die er ihm aushändigte, betrug siebzig Pfund.
Anschließend nahm Rees ihn gleich mit zu einem Freund, wo sie zusammen beteten. Unterwegs fragte er ihn, ob seine Frau auch schon bekehrt sei. Hatte sie nicht die Veränderung an ihm gemerkt und war sie nicht froh darüber? „Oh ja“, entgegnete Jim, „das schon! Aber errettet ist sie noch nicht. Sie hat nicht die Kleider, um zu den Treffen gehen zu können.“
Während Rees Howells zuhörte, war es ihm im Geist – so sagte er später –, als ob Kraft zu ihr ausgegangen sei, und er wusste, dass auch sie sich bekehren würde. Am Sonntag darauf ging er sie besuchen und stellte tatsächlich fest, dass der Geist an ihr gewirkt und sie von ihren Sünden überführt hatte. Die „fürstliche Gabe“ hatte sie überwältigt, die Liebe hatte gesiegt. Der Heilige Geist führte sie zum Fuß des Kreuzes. Dort sah sie, dass eine noch größere Schuld für sie bezahlt worden war, zu einem viel höheren Preis, nämlich mit dem kostbaren Blut Christi.
Rees nannte die Errettung dieser Eheleute „den Beginn der Tage Gottes“ in diesem Gebiet, denn in ihrem Haus wurden an jedem Samstag und Sonntag Treffen begonnen, die Rees und seine Freunde leiteten. Viele kamen dorthin, und einige der schlimmsten Typen gaben dort ihr Herz dem Herrn.
Bei dieser neuen Erfahrung des Lebens im Heiligen Geist hatte Rees einen Menschen, dessen Gemeinschaft ihm viel bedeutete – seinen Onkel Dick. Als er von Llandrindod zurückkehrte, sahen durchaus nicht alle Gläubigen die Notwendigkeit der totalen Auslieferung an den Heiligen Geist ein, manche bekämpften Rees sogar. Man hätte denken können, dass von all den Gläubigen der dortigen Gegend Onkel Dick derjenige war, der diese totale Übergabe am wenigsten nötig hatte. Seit sechsundzwanzig Jahren war er Invalide und konnte nur wenige Schritte gehen und höchstens fünf Minuten an einem Stück lesen. Er hatte diesen Zustand als Gottes Willen angenommen und verbrachte täglich mehrere Stunden im Gebet oder ließ sich von einem Familienangehörigen aus der Bibel vorlesen. Vor der Erweckung, als der geistliche Zustand im Land noch sehr niedrig war, hatte er mit vielen anderen um eine Neubelebung gebetet, und seine Freude war groß, als die Antwort eintraf.
Dennoch war er sich seines eigenen Mangels bewusst. Vor der Erweckung hatten nur wenige selbst der Gottesfürchtigsten in den Gemeinden gewusst, dass das ewige Leben ein Geschenk ist und dass sie Gewissheit über die Vergebung der Sünden haben konnten. Die Wahrheit vom Heiligen Geist als einer göttlichen Person, die im Körper des Gläubigen lebt, war auch noch nach der Erweckung den meisten – einschließlich Onkel Dick – verborgen. Er sehnte sich nach mehr Kraft im Gebet, wusste jedoch nicht, wie er sie erlangen konnte.
Vor der Erweckung hatten nur wenige selbst der Gottesfürchtigsten in den Gemeinden gewusst, dass das ewige Leben ein Geschenk ist.
Onkel Dick freute sich über Rees’ Bekehrung, und Rees sah weiterhin zu ihm als zu seinem meistgeschätzten geistlichen Führer auf. So wäre es eigentlich natürlich gewesen, dass er nach seiner Rückkehr aus Llandrindod diesen Onkel als Ersten aufgesucht hätte, um ihm von seiner neuen Erfahrung zu berichten. Aber dieser Besuch war nicht leicht, denn Gott hatte Rees offenbart, dass er seinem Onkel dieses neue Verständnis vom Heiligen Geist nahebringen sollte, und obwohl bisher der Jüngere durch den Älteren gesegnet worden war, es jetzt umgekehrt sein solle.
Onkel Dick war jedoch schon vorbereitet. Als Rees ihm von dem Segen und dem zu zahlenden Preis, nämlich der vollständigen Auslieferung des eigenen Willens ohne jeden Vorbehalt, erzählte, erkannte er dies als das Wort des Herrn und die Wahrheit der Schrift an. Er brauchte drei Wochen zu dieser Übergabe. Bei jedem Besuch, den Rees bei ihm machte, sagte Onkel Dick: „In ein paar Tagen werde ich bestimmt durch sein.“ Und als es dann so weit war, stellte es einen glorreichen Sieg dar. Es war ein Beispiel dafür, dass jemand ausgesprochen gottesfürchtig und treu sein kann und doch den Heiligen Geist nötig hat und dass es ihm durchaus nicht leicht fällt, eine vollständige Übergabe zu vollziehen.
Von da an bestand für viele Jahre eine tiefe geistliche Gemeinschaft zwischen Onkel und Neffen. Onkel Dick wurde Rees’ wichtigster Gebetspartner. Er setzte seine Gebetsarbeit von etwa acht Stunden am Tag weiterhin fort, aber mit diesem Unterschied: Bis zu der Zeit, da der Heilige Geist von ihm vollen Besitz nahm, wurde jede Not, die ihm begegnete, automatisch zu einem Gebetsanliegen. Wie bei Rees wurde daraus aber nun ein Beten unter der Leitung des Heiligen Geistes mit bestimmten Gebetszielen, siegreichem Durchkämpfen und mit eindeutigen Erhörungen.
Kapitel 7
Ein Dorf, das von der Erweckung unberührt geblieben war
Etwa eine halbe Meile von Jim Stakes’ Zuhause entfernt lag ein Dorf, in dem es weder einen Gläubigen noch irgendeinen Ort gab, an dem Gottesdienste stattfanden. Zur Zeit der Erweckung hatte man auch dort mit Gebetsversammlungen angefangen, aber sie hörten bald wieder auf. Nachdem Jim Stakes und seine Frau so gesegnet worden waren, sagte Gott eines Tages zu Rees Howells: „Da es dir solche Freude gemacht hat, diesen beiden zu helfen, würdest du da nicht gern einem ganzen Dorf helfen wollen? Doch dafür hast du zuerst noch eine Lektion zu lernen: Du musst der erste Leidende sein.“ Das bedeutete, dass er wie ein Vater sein sollte, der als Erster in seiner Familie leidet, oder wie ein guter Hirte, der sein Leben für die Schafe hingibt.
Der Heilige Geist zeigte ihm, dass Gott den Platz des Sünders einnahm, indem er seine Sünden, Krankheiten und Lasten trug. Außerdem gab er dadurch, dass er in jenes Dorf ging, dem Geist die Möglichkeit, die Liebe des Heilands durch ihn auf praktische Weise zu zeigen. Diese Leute hatten während der Erweckung die besten Predigten gehört, und sie hatten sie unberührt gelassen. Nun aber nahm der Heilige Geist seinen Diener dorthin, damit er der erste Leidende sein würde, und jeder, der in Bedrängnis war, sollte ein Anrecht auf ihn haben und sich an ihn wenden, damit er seiner Not abhelfe. Also machten sich an einem Sonntagmorgen Rees Howells, sein Freund Johnny Lewis, Elizabeth Hannah Jones – die spätere Ehefrau von Rees Howells – und andere junge Gläubige, die sich ihm angeschlossen hatten, auf den Weg und besuchten das Dorf. Nie zuvor hatten sie so etwas gesehen. Bierfässer standen im Freien, und die Leute tranken und spielten und vertrieben sich mit sinnlosen Dingen die Zeit. Der Ort war berechtigterweise mit dem Namen Höllenfeuersiedlung belegt worden, doch Rees Howells sagte später: „Ich hatte nur einen Gedanken: dass nun der Heilige Geist dorthin ging und dass er die Macht hatte, Teufel auszutreiben und Sünden zu vergeben.“
„Ich hatte nur einen Gedanken: dass nun der Heilige Geist dorthin ging und dass er die Macht hatte, Teufel auszutreiben und Sünden zu vergeben.“
Und genauso zeigte es sich schon in der ersten Familie, die sie besuchten. Die Frau des Hauses wollte nicht, dass ihre Besucher von ihrem sonntäglichen Brotbacken erfuhren. Sie ließ lieber das Brot im Ofen verbrennen. Als Rees davon hörte, ging er zurück und sagte ihr, dass er den Schaden begleichen wolle, den er verursacht hatte, und legte Geld auf den Tisch.
Eine gute Tat hat Flügel. Die Dorfbewohner erkannten sehr bald, dass diese Gruppe junger Leute, die alle selbst in der Zeche oder im Geschäft arbeiteten, mit mehr als nur Worten kamen. Die Frau stellte ihr kleines Haus für Treffen zur Verfügung. Sie und ihr Mann, die beide Trinker waren, bekehrten sich als Erste, und die Frau entwickelte sich zu einer der treuesten Gläubigen im Dorf.
Der Heilige Geist machte Rees Howells klar, dass er vor diesen Leuten „die Bibel ausleben“ musste. Da sie andere Kleidung hatten als er, sollte er sich von nun an einfacher und damit hier unauffälliger anziehen. Aus Amerika hatte er eine goldene Uhr mitgebracht und auch jedem seiner Brüder und Schwestern ebenfalls eine geschenkt, aber jetzt sollte er seine nicht mehr tragen.
„Wenn du der erste Leidende bist, darfst du nicht etwas an dir haben, das diese Leute nicht haben können“, sagte Gott zu ihm. Beinahe jeder in diesem Dorf litt Mangel, und der Geist erinnerte ihn an die Bergpredigt: „Gib dem, der dich bittet.“ – „Wer auch immer in Not sein mag, hat ein Anrecht auf dich“, sagte er. „Du hast mir alles gegeben, was du hast, und ich sage dir, es ist alles für die Menschen: Sie haben genauso viel Recht darauf wie du selbst.“
Ein entscheidender Augenblick kam, als der Herr seine Hand auf den Anführer unter den Trinkern legte. Rees betete lange Zeit für ihn und bat um eine Gelegenheit, an ihn heranzukommen. Dieser Mann konnte zwar die Liebe Gottes sehen, wie sie sich an anderen erwies, er selbst hatte sie aber noch nicht erfahren. Die Gelegenheit kam.
Er war in eine unangenehme Sache außerhalb des Dorfes verwickelt und der Fall sollte vor Gericht kommen. Da sagte Gott zu Rees: „Jetzt ist deine Gelegenheit da. Biete ihm an, die Angelegenheit für ihn zu regeln.“ Also besuchte er den Mann zu Hause und fragte ihn: „Würde es Sie entlasten, wenn die Sache außergerichtlich geregelt werden könnte? Wenn die Gegenseite mit einem Ausgleich einverstanden ist – wäre es Ihnen recht, wenn ich die Ersatzleistung übernähme?“
Der Mann war sprachlos. „Er war ganz und gar ein Mann“, sagte Rees Howells. „Bloße Worte konnten bei ihm nichts ausrichten. Als er aber die Liebe Gottes auf diese Weise zu sich kommen sah, wurde er an einem empfindlichen Punkt getroffen und brach zusammen. Er bekannte, schuldig zu sein, und fing an, die Gottesdienste zu besuchen. Seine Liebe für einen war spürbar.“
Es dauerte nicht lange, da konnte man über ein Dutzend Bekehrte zählen und regelmäßige Zusammenkünfte beginnen. Auch eine Sonntagsschule wurde angefangen und die „Band of Hope“ gegründet. So viele der Dorfbewohner gingen nun nicht mehr in die Pubs und nahmen den Herrn an, dass diese „Band“ von freiwilligen Laienevangelisten den Eindruck gewann, sie sollten ihre ganze Zeit dieser Aufgabe widmen. Sie hatten fünf Treffen in der Woche und besuchten an den übrigen Abenden die Leute zu Hause. Das Werk des Geistes breitete sich weit über das Dorf hinaus aus, und bald gab es in der ganzen Nachbarschaft Bekehrte. Sie erfuhren eine solche Kraft im Dienst, dass man zu sagen pflegte: „Wenn Rees Howells ein Haus besucht, werdet ihr sehen, dass sich dort bald jemand bekehrt!“
Rees Howells verdiente sich seinen Wochenlohn im Kohlebergwerk und hatte auch sonst noch einige Ersparnisse, aber bei diesem Tempo erkannte er, dass sein Geld bald zu Ende gehen würde. Da zeigte ihm der Geist zwei Dinge: ein Gebot und eine Verheißung. Dem reichen Jüngling hatte der Herr geboten: „Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen (…) und komm, folge mir nach (…)!“ (Mk. 10,21). Und denen, die ihm nachfolgten, hatte er verheißen: „Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder (…) Äcker verlassen hat um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfach empfängt, jetzt in dieser Zeit (…)“ (Mk. 10,29–30). Rees begriff, dass Gott ihm sagte, wenn er ein Pfund hergab, würde er hundert Pfund bekommen. Konnte das wahr sein? Wenn es so war, dann konnte er zuversichtlich dem Tag entgegenblicken, an dem es bei ihm zum Äußersten kam. Aber war es wirklich wahr? Das war es, was ihn momentan beschäftigte – nicht die Tatsache, kein Geld mehr zu haben, sondern die Möglichkeit, es durch die Verheißungen ersetzt zu bekommen. Konnte dieser Austausch wirklich stattfinden und er das Hundertfache empfangen? Dann kam der Tag, an dem er an sein letztes Geldstück gelangte. Da sagte ihm der Heilige Geist: „Lass das Sicherungsseil los und ergreife die Verheißungen.“ Es war ein eindeutiger Ruf, sich von da an allein auf Gott zu verlassen. Aber es ist immer leichter, von solchen Dingen zu reden, als sie tatsächlich zu tun. Es war viel leichter gewesen, hundert Pfund aus der Fülle heraus zu geben, als sich von diesem letzten einen Pfund zu trennen und ans Ende seiner Ersparnisse zu kommen – zum ersten Mal in fünfzehn Jahren. „Oh, wie der Teufel mich da bemitleidete! Was für Argumente brachte er nicht alles vor!“, erzählte Rees. „Er sagte mir, es wäre ein Schritt im Dunkeln, und wenn irgendeine Tagung oder dergleichen stattfinden würde, wäre ich nicht in der Lage, hinzugehen, wenn ich nicht ein Pfund zurückgelegt hätte. Aber der Heilige Geist zeigte mir, dass Gott bestimmt auch die Mittel dazu bereitstellen würde, wenn es sein Wille war, dass ich irgendwohin ging. Die Gefahr lag vielmehr auf der anderen Seite! Denn solange ein Mensch Geld hat, kann er gehen, wohin er will, ohne Gott vorher zu fragen – so wie Jona, der es sich leisten konnte, sein Ticket für das Schiff zu bezahlen, um von Gott wegzulaufen! Tatsache ist: Wir können niemals wirklich Leibeigene sein, bevor Gott nicht unsere Mittel kontrolliert.“
Also wagte er den Sprung und erfuhr die glückliche Wahrheit, dass seine Not Gottes Gelegenheit war. Seine Augen wurden für die Wahrheit geöffnet, dass er einen Anspruch an Gott hatte für alles, was er nicht selbst bereitstellen konnte. Genauso sicher, wie der Geist ihm sagte, dass die Leute jenes Dorfes einen Anspruch auf sein Geld zur Stillung ihrer Bedürfnisse hatten, so verstand er jetzt, dass er einen Anspruch auf Gottes Mittel hatte, seine eigenen zu decken. In der ersten Woche betrug sein Bedarf 2 Pfund, und er konnte dem Herrn im Gebet sagen, dass er nicht zu ihm gekommen wäre, wenn er selbst so viel hätte. „Ich bat Gott darum – und es kam. Was für eine Freude war es für mich zu wissen, dass ich mit den begrenzten Mitteln des Menschen Schluss gemacht hatte und mich stattdessen auf die unbegrenzten Mittel Gottes einzustellen begann! Die Verheißungen Gottes waren an die Stelle des Bankkontos getreten und wurden sozusagen bare Münze für mich. Ich brauchte nun nicht mehr meine Schätze bei mir zu tragen, wohin auch immer ich ging, denn ich wusste, wo der Schatz war und wie ich an ihn herankam.“
Die größte Prüfung stellte sich ihnen in dem Dorf, als es wegen eines Streiks erneut zum Streichen von Schichten kommen sollte. Das letzte Mal hatte dieser Zustand acht Monate lang gedauert und war mit schlimmen Entbehrungen für die arbeitende Bevölkerung verbunden gewesen. Rees Howells stellte fest, dass es diesmal ebenso lang dauern konnte. Als diese Not anfing ihn zu belasten, fragte der Herr ihn, ob er dem Heiligen Geist erlauben wollte, durch ihn für die Leute des Dorfes das zu tun, was er selbst für seine eigene Familie tun würde. Die Bibel hatte Brot und Wasser als gesichert zugesagt. Würde er dieses Versprechen dem Dorf geben und ihnen Brot, Käse, Tee und Zucker bringen? Er wusste, dass die beiden Einkaufsläden ihm einen Kredit gewähren würden, wohingegen sie keinem der Dorfbewohner einen solchen einräumen würden. Würde er bis auf hundert Pfund gehen? Es war eine ungeheuerliche Herausforderung. Wie konnte er so etwas tun? Erst am Sonntagabend, kurz bevor der Schichtenwegfall in Kraft treten sollte, entschied er sich. Am Abend während des Treffens verkündigte er ihnen dann: „Die Kurzarbeit kann neun Monate dauern, aber keiner von euch wird Mangel haben an dem, was Gott zugesagt hat. Keiner von euch braucht Sorge oder Angst zu haben.“ Der Segen, den sie an jenem Abend erfuhren, war so groß, so sagte er, dass sie die Versammlung schließen und ins Freie gehen mussten. „Es war, als ob der Gesang bis in den Himmel aufstieg und die Engel zu uns herunterlockte, um mit uns zusammenzukommen.“
Am nächsten Morgen begegnete er einem bekannten Agnostiker, der sofort über die Kirche zu schimpfen begann und sie als unnütz bezeichnete. Außerdem wetterte er gegen die verantwortlichen Leute des Bergwerks hinsichtlich ihrer neuerlichen Maßnahme der Schichtenstreichung. „Nun, was werden Sie für die Betroffenen in ihrem Elend tun?“, fragte ihn Rees Howells. Und dann erzählte er ihm, wie Gott ihn dazu bewegt hatte, den Leuten am Abend zuvor ein Versprechen zu geben. Der Mann war sprachlos vor Staunen. Dies war ein Christentum, gegen das es keinen Einwand gab. Bevor er sich wieder fassen konnte, kam der Zeitungsjunge mit der Neuigkeit vorbei, dass die Sache inzwischen beigelegt sei.
In den folgenden drei Jahren ging Rees Howells nach der Arbeit Abend für Abend in jenes Dorf. Den Weg musste er immer zu Fuß zurücklegen. Eines Abends, als er wieder einmal bei strömendem Regen völlig durchnässt nach Hause kam, bemerkte sein Vater: „Bei diesem Wetter wäre ich nicht für zwanzig Pfund dorthin gegangen“, worauf Rees antwortete: „Für zwanzig Pfund wäre ich auch nicht gegangen!“
Kapitel 8
Die Landstreicher
Jeder junge Diener Gottes muss es lernen, seinen Körper zu beherrschen (1. Kor. 9,27), und in der ersten Zeit seiner Ausbildung hat er deshalb durch notwendige Übungen zu gehen. „Verführt dich deine rechte Hand zur Sünde, haue sie ab …“ (Mt. 5,30).
Gott begann sich mit einem einfachen Verlangen in Rees Howells zu befassen – seiner Liebe zum Essen. Zu der Zeit trug er gerade eine große Last wegen einer bestimmten Konferenz mit sich herum, die durch Angriffe des Feindes abgebrochen worden war. Da rief ihn der Herr zu einem Tag des Betens und Fastens auf, was für ihn etwas völlig Neues war. Daran gewöhnt, zu Hause ein gemütliches Heim vorzufinden und vier gute Mahlzeiten am Tag einzunehmen, verursachte es Rees zunächst einen Schock, als er sich bewusst machte, dass dies den Ausfall des Mittagessens bedeutete. Er geriet deswegen in eine merkwürdige Unruhe. Wäre es nur eine einmalige Sache? Angenommen, Gott verlangte das jeden Tag von ihm!
Als es Mittag wurde, befand er sich in seinem Schlafzimmer auf den Knien, aber er konnte in der nächsten Stunde nicht mehr beten. „Ich hatte nicht gewusst, dass solch eine Gier in mir war“, sagte er danach. „Meine Ruhelosigkeit war der Beweis dafür, welche Gewalt sie über mich hatte. Denn wenn die Sache keine Gewalt über mich hätte – warum quälte sie mich dann so?“
Um ein Uhr rief ihn seine Mutter zum Essen. Er antwortete ihr, dass er nicht zu Mittag essen würde. Aber sie rief noch einmal, wie es eben eine Mutter tut, und drängte ihn: „Es dauert doch nicht lange!“ Der verlockende Essensgeruch stieg bis zu ihm hinauf. Das war zu viel für ihn und er ging hinunter.
Als er jedoch nach dem Essen in sein Zimmer zurückkam, konnte er die Gegenwart Gottes nicht wiederfinden. Der Ungehorsam gegen den Heiligen Geist war die Ursache. „Ich kam mir vor wie Adam im Garten Eden“, sagte er. „Ich rannte den Berg hinauf und lief dort stundenlang herum, und die ganze Zeit über verfluchte ich den ‚alten Menschen‘ in mir. Ich sah ein, dass, wenn Gott mir das Mittagessen bis ans Ende meiner Tage wegnehmen würde, sein Tun durchaus gerechtfertigt war. Manchen Leuten mag das völlig nebensächlich erscheinen, aber wenn man einmal Gottes Kanal ist, kann man ihm darin auf keinen Fall ungehorsam sein oder seine eigenen Gedanken dazwischen bringen wollen. Ich vergoss viele Tränen, und es schien mir, als würde ich nie mehr in seine Gegenwart zurückfinden. Endlich sagte er: ‚Ich will dir vergeben, aber ungestraft sollst du nicht davonkommen. Du wirst, während du von 6 bis 9 Uhr betest, deine Hände erhoben halten‘“ (2. Mo. 17,11.12; 1. Tim. 2,8).
Je näher jemand Gott ist, desto furchtbarer ist die kleinste Sünde.
Nach diesem Erlebnis aß er viele Tage nicht zu Mittag und verbrachte diese Stunde mit Gott. Später sagte er darüber: „Von dem Augenblick an, als ich den Sieg darin erlangte, war es keine große Sache mehr für mich. Es war lediglich eine Stufe zum nächsten Ruf an mich. Nur solange man eine Sache begehrt, kann man seine Gedanken davon nicht losreißen. Sobald man sich darüber erhoben hat, kann es sein, dass er sie einem wiedergibt. Aber dann hat sie einen nicht mehr im Griff.“
Nicht lange danach, und nur wenige Monate nachdem er den Dienst in jenem Dorf begonnen hatte, gab ihm Gott einen weiteren Auftrag, für den die eben erhaltene Lektion unverkennbar eine Vorbereitung gewesen war. Gott legte Rees die Landstreicher aufs Herz, von denen es in jenem Gebiet viele gab. Sie waren obdachlos, ohne feste Arbeit und wanderten ziellos von Ort zu Ort. Er und seine Mitarbeiter sollten sich jetzt jedes Landstreichers, der in ihre Mission kam, annehmen und ihm eine Chance geben. Dies sollte eine praktische Lektion von der Liebe Gottes zu unwürdigen Sündern darstellen.
Der Heilige Geist machte ihnen ganz deutlich, was sie zu tun hatten: Jeder Mann sollte neu eingekleidet werden, man hatte ihm Unterkunft und Arbeit zu verschaffen und so lange für seine Verpflegung zu sorgen, bis er den ersten Lohn erhielt. „Wir wurden dazu aufgerufen, Jesaja 58 in die Praxis umzusetzen“, sagte Rees Howells. „Brich dem Hungrigen dein Brot, und nimm in dein Haus auf die, die im Elend sind; wenn du einen nackt siehst, dann bekleide ihn (Jes. 58, 7). In unserer anfänglichen Begeisterung hatten wir es jedem übelgenommen, der nicht glaubte, dass die Bibel Wort für Wort wahr ist. Nun aber drängte uns der Heilige Geist dazu, unseren eigenen Glauben in die Praxis umzusetzen. Die Bergpredigt hatte die Gesetze des Reiches Gottes erklärt, und wir sollten voll und ganz danach handeln: ‚Und wenn jemand (…) dein Hemd nehmen will, dem überlass auch den Mantel. (…) Gib dem, der dich bittet. (…) Liebt eure Feinde (…)‘ (Mt. 5,40-44).
„Meine Ich-Natur und meine natürliche Liebe mussten in eine göttliche Natur und eine göttliche Liebe umgewandelt werden, ehe ich die Landstreicher als meine eigenen Brüder lieben konnte.“
Ich entdeckte auch bald, dass es in dieser Sache das Ziel des Geistes war, mich im Leben auf eine solche Stufe zu bringen, in der ich die nicht liebenswerten Menschen lieben würde. Meine Ich-Natur und meine natürliche Liebe mussten in eine göttliche Natur und eine göttliche Liebe umgewandelt werden, ehe ich die Landstreicher als meine eigenen Brüder lieben konnte. Den Leuten im Dorf zu helfen war im Vergleich zu der Hilfe an den Landstreichern leicht, denn letztere waren gewöhnlich Menschen, die sich nicht selber halfen und oft auch die Hilfe anderer nicht schätzten. Doch ich sollte jeden Einzelnen so behandeln, als wäre er mein eigener Bruder.“
Gerade am Tag dieses neuen Auftrages sahen sie zum ersten Mal einen Landstreicher in ihrer Versammlung. Er war monatelang auf der Straße gewesen, ohne Arbeit und Unterkunft. Nun hatte er den Gesang aus den Räumen gehört und war hereingekommen. Er war überwältigt von dem Empfang, den man ihm bereitete. Einer der Gläubigen verschaffte ihm eine Unterkunft mit Verpflegung und besorgte ihm auch eine Arbeitsstelle. Zwei Tage später kam der Nächste. „Die Nachricht von solcher Wohltätigkeit verbreitet sich in Windeseile“, sagte Rees Howells. „Innerhalb kürzester Zeit wusste man weit und breit davon, und nun kamen viel mehr, als wir erwartet hatten. Wir durften sie nicht abweisen. Wenn sie aus eigenem Antrieb kamen, durften wir sie nicht fortschicken. Ich nannte sie auch nicht Landstreicher, sondern wählte lieber den Namen, den Jesus für sie gebraucht hatte: verlorene Söhne. Und ich lernte nach 1. Joh. 4,20, dass man Gott kein bisschen mehr liebt, als man den Geringsten von denen liebt, für die er starb.“
Bei all dem führte der Heilige Geist seinen Diener mehr und mehr in das Geheimnis der Fürbitte ein – die Gleichsetzung desjenigen, der Fürbitte tut, mit demjenigen, für den er betet. Er hatte ihn dazu aufgefordert, sich mit Will Battery zusammenzuschließen, was seinen Stolz getroffen hatte. Er hatte ihn für Jim Stakes’ Schulden verantwortlich gemacht, was seinen Geldbeutel getroffen hatte. Nun bat er ihn, an den körperlichen Leiden der Mittellosen teilzuhaben, was seinen Körper treffen würde. Er hatte zu lernen, sich ein wenig so zu fühlen, wie sie sich fühlten, und dort zu sitzen, wo sie saßen. Landstreicher hatten nicht so reichlich zu essen wie andere Leute, und Gott setzte ihn nun auf ihre Ebene herab.
Die Unterkunftshäuser des Staates sahen zwei Mahlzeiten pro Tag für die Landstreicher vor, und Gott sagte Rees, dass er ebenso zu leben habe: mit zwei Mahlzeiten, die aus Brot, Käse und Suppe bestanden. Das mittägliche Fasten war eine Vorbereitung dazu gewesen.
Die Schwierigkeit lag verständlicherweise in seinem eigenen Elternhaus. Seine Mutter wollte nicht zulassen, dass er bei seiner schweren Arbeit als Bergmann auf diese Weise lebte. Doch er bestand darauf und argumentierte mit den vier jungen Männern in Babylon, die nach ihren Tagen der „schmalen Kost“ frischer und gesünder aussahen als die übrigen. Seine Mutter musste schließlich zustimmen, wenn sie es auch mit mütterlichem Einfallsreichtum hinbekam, die abendliche Suppe durch entsprechende Zutaten so nahrhaft wie möglich zu machen!
Er hatte eine Mahlzeit um halb sieben am Morgen und die andere um halb sechs am Abend – nach seiner Arbeit in der Grube und bevor er sich in das Nachbardorf begab. Es war zuerst ein Kampf, sowohl körperlich als auch geistig, am selben Tisch mit den anderen zu sitzen und dabei anderes Essen zu haben. „Es herrschte großes Misstrauen darüber, wie diese neue Sache enden würde“, sagte er, „und welches mein Ziel dabei war. Weder die anderen noch ich selbst hatten jemals einen Menschen gesehen, der zum Fasten gerufen worden war, und sie dachten, ‚das Experiment‘ würde wohl bald zu einem Ende kommen. Aber in weniger als vierzehn Tagen hatte der Herr meinen Appetit so verändert, dass ich nun die zwei Mahlzeiten am Tag, die ich jetzt hatte, den vieren, die ich früher täglich eingenommen hatte, vorzog. Jenes heftige Verlangen nach Nahrung war jetzt von mir genommen, und die ganze Zeit über war mein Gesundheitszustand besser als der aller anderen. Ich hatte nie den geringsten Kopfschmerz, und mein Körper war in denkbar guter Verfassung.“ Er behielt diese Lebensweise zweieinhalb Jahre bei.
Für die Bedürfnisse der Landstreicher zu sorgen, schluckte bald sämtliche Einnahmen der kleinen Missionsgruppe, und sie wurden folglich immer mehr in ein Leben des Glaubens hineingetrieben. Das Gleichnis von dem bittenden Freund um Mitternacht war ihnen zu dieser Zeit sehr real, wobei sich ihre Lage von der jenes Mannes jedoch insofern unterschied, als er seinen Freund lediglich einmal störte, während sie gezwungen waren, fast jede Nacht zu gehen! Sie erlebten, so sagte Rees Howells, was Evan Hopkins von den drei Positionen – Ringen, Klammern und Ruhen – zu lehren pflegte. Pastor Hopkins verwendete das Bild eines Schiffsunglücks, bei dem die Passagiere ins Meer gespült werden. Im Ringen befindet sich der Schiffbrüchige im Wasser, kämpft mit den Wellen und braucht selber Hilfe. Im Klammern hält er sich am Rettungsboot fest – nun ist er selber ziemlich sicher, kann aber anderen nicht helfen, weil er keine Hand frei hat. Im Ruhen sitzt er im Rettungsboot und hat beide Hände frei, um anderen zu helfen. So erlebten auch sie immer dann Befreiung, wenn sie zum ruhenden Glauben kamen.
„Als wir anfingen, den Landstreichern zu helfen“, sagte Rees, „waren wir besorgt, dass vielleicht in den ersten vierzehn Tagen gleich zu viele kämen, sodass wir uns nicht um alle würden kümmern können. Und weil diese Besorgnis da war, gab es einen inneren Kampf. Wir fanden bald heraus, dass wir nicht für alle sorgen konnten, und das war die Lage, in der Gott uns haben wollte. Als Nächstes hatten wir herauszufinden, dass Gott konnte, wenn wir ihm vertrauten. Der Heilige Geist erlaubte uns ein- oder zweimal einen Misserfolg. Daraufhin gaben wir auf zu kämpfen und es selbst tun zu wollen. Wir klammerten uns an Gottes Verheißungen, flehten ihn an, uns zur Hilfe zu kommen, und er ließ uns nie im Stich.
Nach vielen schweren Erfahrungen fanden wir den Ruheort. Wir wurden wie Kellner, die in einem Restaurant bedienen: Ob zehn, fünfzehn oder zwanzig Gäste kommen würden, war nicht unser Problem. Wir wussten, dass der Restaurantleiter verlässlich war und schon für alles sorgen würde. Wir sagten dem Herrn, dass er uns so viele senden möge, wie er möchte! Alle vierzehn Tage bezahlten wir die Rechnung des Geschäfts, das uns belieferte. Wir kamen zusammen und leerten unsere Taschen. Bei einer solchen Gelegenheit, als wir gerade wieder eine große Rechnung zu begleichen hatten, sagte ein Bruder, der krank geworden war und augenblicklich nichts verdiente: ‚Ich schäme mich, dass ich heute bloß 4 ½ Pence habe. Soll ich das in die Kasse tun?‘ Die Antwort lautete: ‚Ja. Es wird damit so sein wie mit der Münze der armen Witwe.‘ Wir betraten das Geschäft, erhielten die Rechnung ausgehändigt und stellten fest, dass wir mit den 4 ½ Pence genau den Rechnungsbetrag zusammen hatten – auf Heller und Pfennig. An diesem Nachmittag lernten wir, keinesfalls die kleinen Gaben zu verachten. Immer und immer wieder konnten wir feststellen, wie das Geld genau reichte, und das freute uns mehr, als wenn wir zehn Pfund übrig behalten hätten.“
In drei Monaten hatten sie schon vielen dieser Menschen geholfen. Jeder wurde ganz neu ausstaffiert, erhielt Arbeit und bekam eine gute Unterkunft. Einige empfingen ewiges Leben. An einem Abend waren sechzehn von ihnen in der Versammlung, ordentlich angezogen, und sangen aus ganzem Herzen: „Mir ist wohl, mir ist wohl in dem Herrn.“ Ein Bruder, der neben Rees Howells saß, flüsterte diesem zu: „Ja, und nicht nur innerlich – auch äußerlich sehen sie hervorragend aus!“
Aber nur wer jemals eine solche Arbeit getan hat, kennt ihre wirklichen Kosten. Es kam vor, dass derselbe Landstreicher, den sie neu eingekleidet hatten, erneut erschien, nachdem er all diese neuen Sachen verkauft hatte, und wiederum eingekleidet zu werden wünschte! Da war eine ältere Frau, die durch das Trinken sehr heruntergekommen war und sich in den Straßen herumtrieb, um „sich umzusehen“. Sie besorgten ihr eine Unterkunft. Aber als sie an einer Lungenentzündung erkrankte, kümmerte sich weder ihr Sohn noch ihre Tochter um sie. Niemand war da, um sie zu pflegen. Rees Howells blieb eine ganze Nacht bei ihr und wachte an ihrem Bett. Als er am Morgen nach Hause kam, tadelte ihn selbst seine Mutter, dass er eine ganze Nacht bei „dieser alten Sünderin“ aufgeblieben war. Rees musste sie daran erinnern, dass wir alle nur mit „befleckten Kleidern“ zum Vater kommen und von ihm aufgenommen werden.
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