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Elduria

Die Entscheidung

Fantasy-Roman

Norbert Wibben

Elduria

Die Entscheidung

Elduria, Band 3

Für Monika und Monika,

die besten Lektorinnen!

In Erinnerung an viele schöne Vorleseabende mit meinen Kindern verpacke ich auch diese Geschichte in den bekannten Dreizeiler:

Ein Huhn und ein Hahn – …

Übersichtskarte

Auf dem Weg nach Daheim

In Atropaias Haus

Zur Dracheninsel und neue Zauber

Geht Drakonias Plan auf?

Erneute Planänderung

Eine Wiederholung?

Igoreth und Ingbert

Bei den Nordelfen

In der Elfenfestung

Truppenbewegungen und ein Geheimnis

Enttäuschung

Täuschungen

Anwendung neuer Zauber

Auf in den Norden

In wichtiger Mission

Nordelfen

Elduria und Merion

Rubinias Tochter

In Serengard

Ein Fehlschlag

Die Rebellion

Entscheidung

Unerwartete Hilfe

Die Befreiungsaktion

Angriff auf den Norden

Ende des Aufstandes

Auf der Dracheninsel

Neue Überlegungen

Auf nach Grimgard

Creulon

Durch unterirdische Gänge

Eingekerkert!

Drachen kommen

Belagerung

Die Entscheidung

Zaubersprüche

Danksagung

Übersichtskarte


Insel der Drachen und Elduria.

Auf dem Weg nach Daheim

Ein Huhn und ein Hahn – die Geschichte fängt an

Ein kurzer Rückblick.

Runa nutzte den magischen Sprung, um Creulon und Befire in den Felsengängen Grimgards zu entkommen. Wegen der verwobenen Zauber auf dem Gebiet der Triqueta war der Ortswechsel nicht direkt bis zu ihrem Heim im Elfenwald möglich. Zusammen mit Atropaia und Dragon gelangte sie lediglich etwas außerhalb von Grimgard zu dem Wäldchen mit den verkrüppelten Kiefern. Sobald sie dort ankamen, richtete sie ihren Blick dorthin, wo sie Drakonias Festung vermutete. Die war jedoch nicht zu sehen, da die Bäume die Sicht behinderten.

»Ich muss mich dringend um Paia kümmern«, wendete sich das Mädchen an den Drachen. »Verwandle dich in einen Kolkraben und halte Ausschau, ob bereits Verfolger auf unserer Spur sind!«

Der Junge wollte zuerst widersprechen, dass er das genauso gut in seiner Drachengestalt könne. Doch dann wurde ihm klar, dass er damit nur wachsame Augen auf sich ziehen und damit ihre Position verraten würde. Als Rabenvogel fiel er dagegen nicht auf, deshalb schwang sich Dragon in der geforderten Gestalt in die Lüfte. Über gedanklichen Kontakt gab er Entwarnung.

»Bisher scheint in der Burganlage alles ruhig zu sein. Creulon wird ohne Zweifel mitbekommen haben, dass du den magischen Sprung zur Flucht genutzt hast. Den entsprechenden Spruch hast du ja auch laut genug gerufen. Das klang für mich schon fast so, als wollest du ihn herausfordern.«

»Nein, das war keineswegs der Grund. Ich war lediglich erleichtert, weil ich wusste, der Ortswechsel würde dieses Mal gelingen. – Außerdem hatte ich Angst, die Zauberkräfte anschließend verloren zu haben. Die Herausforderung galt mir selbst. – Bitte achte weiterhin auf die Umgebung. Ich muss zuerst meine Amme versorgen.«

Runa beugte sich über die Elfe, die ermattet auf dem Waldboden saß, den Rücken an den Stamm einer Kiefer gelehnt. Ihre Augen waren geschlossen, aber ihr Brustkorb hob und senkte sich regelmäßig. Sollte sie eingeschlafen sein?

»Paia, wie geht es dir?«

Atropaias Augenlider hoben sich zitternd, jedoch nur für einen kurzen Moment. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Ihre schwachen Worte waren kaum zu verstehen.

»Danke, meine Kleine. Ich fühle mich zwar matt, bin aber glücklich, wieder bei dir zu sein.«

»Kann ich etwas für dich tun, soll ich dir erneut Lebensenergie übertragen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, breitete sie die Hände aus. »Beatha!«

Sofort floss ein goldenes Glitzern zur Elfe hinüber. Schon nach wenigen Momenten straffte sich die Westelfe.

»Das ist genug!«, forderte Atropaia. »Es ist wichtig, dass du darauf achtest, nicht zu viel deiner Energie abzugeben.«

Runa folgte der Aufforderung sofort. Sie wollte sich keineswegs verausgaben. Voller Erstaunen, dass sie noch Magie anwenden konnte, hatte sie lediglich nicht darauf geachtet. Sie atmete erleichtert auf, dass für sie als Halbelfe gilt, was laut Atropaias Aussage auf Elfen zutrifft. Sie kann und darf den magischen Sprung nutzen, obwohl sie noch jung ist. Hätte sie das vorher gewusst, wären Dragon und sie bestimmt schneller nach Grimgard gekommen. Doch das war schließlich nicht mehr wichtig.

Sie dachte sofort an Danrya. Warum hatte die ihr nichts davon gesagt? Weil auf dem Gebiet der Triqueta und vermutlich noch etwas darüber hinaus, Ortswechsel mittels Zauber nur über eine kurze Strecke nutzbar sind? Bei diesem Gedanken schrillten Alarmglocken, die sie jedoch vorerst ignorierte.

Wichtiger schien ihr, dass die Westelfe inzwischen voller Sorge auf eine Nachricht von ihr warten würde. Das Mädchen meinte, manchmal in dem Gangsystem unterhalb Grimgards den drängenden Ruf der Elfe gehört zu haben, konnte aber nicht darauf eingehen. Deshalb versuchte sie das nun ihrerseits. Die Verbindung gelang fast auf Anhieb. Danrya hatte jedoch wenig Zeit, da sie ihre Aufmerksamkeit auf Aidan und die aktuell stattfindende Versammlung richten musste.

»Wir sind erfolgreich gewesen«, sendete Runa hastig. »Details später.« Sie wartete keine Rückfrage ab, sondern unterbrach den Kontakt sofort wieder. Sie konzentrierte sich auf ihre Umgebung, da sie mit einer möglichen Verfolgung durch Creulon rechnen musste. Dass ihre Nachricht an die Elfe nicht präzise aussagte, ob es gelungen war, ihre Amme zu befreien, hatte sie nicht bemerkt. Deshalb grübelte Danrya in der Ferne darüber, ob das Mädchen lediglich ihr Eindringen in die Verliese Grimgards gemeint haben konnte.

Runa fühlte ihrerseits ein undefinierbares Unbehagen. Sie konzentrierte sich auf die Umgebung, um Atropaia sicher in ihr Heim zurückzubringen. Sofort schoss ihr der warnende Gedanke von vorhin durch den Kopf. Auf dem Gebiet der Triqueta sind Ortswechsel mittels Zauber nur über eine kurze Strecke möglich. Genau das wird Creulon wissen und sich beeilen, den engeren Umkreis um die Festung abzusuchen.

»Dragon, sind inzwischen Soldaten nahe der Burg zu erkennen? Nein? – Das ist äußerst verdächtig! Welche Alternativen gibt es sonst noch, um hinter uns her zu spionieren?«

»Ich sehe mehrere Vogelschwärme. Genauer gesagt sind es Krähen. Sie fliegen fächerförmig von Grimgard los, allerdings nicht aufs Meer hinaus. Einige bewegen sich auf uns zu.«

»Komm sofort herunter, wir müssen schnellstens hier weg!«

Der Kolkrabe fühlte sich automatisch versucht, herausfordernd in Richtung des nahenden Krähenschwarms zu krächzen. Er wusste, dass er dadurch Creulon auf ihre Spur führen könnte und schaffte es mit Mühe, das zu unterdrücken. Indem er stumm blieb, verhinderte der Junge, dem dunklen Zauberer einen Hinweis zu liefern. Womöglich befanden sich sogar verwandelte Magier unter den Vögeln. Solange Drakonias oberstem Hexer der erste Ort der Flucht unbekannt blieb, fehlte ihm jeder Anhaltspunkt, wohin die Verfolgten fliehen würden.

Runa nutzte den magischen Sprung erneut. Dieses Mal gelangten sie zu der Stelle auf der geraden Straße, wo ein Abzweig Richtung Kastell Drachenstein führt. Dragon zögerte, sich in den Jungen zu verwandeln. Er behielt vorläufig das Aussehen eines Kolkraben. Auch wenn nirgends Soldaten zu sehen waren, wollte er dadurch der Gefahr entgehen, erneut als Rekrut dorthin gebracht zu werden.

Sobald die Nacht hereinbrach, nahm er aber wieder die Gestalt eines Drachen an. Auf seinem Rücken legten Runa und Atropaia eine beachtliche Strecke zurück. Gegen Mitternacht landeten sie nahe einem Schafstall, um dort eine längere Pause einzulegen. Auch die scheinbar unerschöpflichen Kräfte eines Jungdrachen müssen schließlich einmal aufgefrischt werden.

Sie schliefen bis weit in den Morgen hinein. Genau genommen war es bereits kurz vor Mittag, als Atropaia vom Blöken einiger Schafe geweckt wurde. Sie blickte erstaunt um sich und benötigte geraume Zeit, um sicher zu sein, nicht zu träumen. Sie beugte sich über Runa, die sich im Heu neben sie gekuschelt hatte. Das schlafende Mädchen wirkte so erwachsen, dass sie sich fast nicht traute, ihre Wangen zu streicheln. Bei der ersten, sachten Berührung sprang dieses auf und hielt im gleichen Moment einen gespannten Elfenbogen in der Hand.

»Scht, scht. Ich bin’s nur, mein Winterkind!« Die Stimme und die oft gehörten Worte versetzten Runa kurzzeitig in die Kindheit zurück. Sie blickte verwirrt auf den Bogen und ließ ihn sinken. Im nächsten Augenblick steckte sie ihn in eine Tasche zurück, nachdem er vorher mittels Magie wieder verkleinert worden war. Ihre Augen betrachteten forschend das Antlitz der Elfe, die erholt wirkte. Die Ruhepause hatte ihr offenkundig gutgetan.

»Wie lange haben wir geschlafen?«

Die Westelfe erhob sich und warf einen Blick nach draußen.

»Ich glaube, die Sonne müsste fast den höchsten Punkt erreicht haben. Somit ist es gleich Mittagszeit.«

Trotz der leisen Worte wachte nun auch Dragon auf. Er erhob sich, um sich ausgiebig zu recken. Dass er dabei sein Schwert in der Hand hielt, wirkte theatralisch. Er hatte es vorsorglich bereitgelegt, um gewappnet zu sein, falls sie unerwünschten Besuch bekommen sollten.

Für eine Mahlzeit zauberte das Mädchen Brot, Wurst und Äpfel herbei. Zu trinken gab es Wasser. Der Junge strich sich schon bald über den Bauch. Er hatte im Gegensatz zu Atropaia Unmengen gegessen. Er reckte seine Gestalt erneut und trat mit der Waffe in der Hand vor den Schafstall. Nach einer länger dauernden Rundumsicht kam er zurück.

»Es ist gut, dass wir unwillkürlich der Route auf unserem Hinweg Richtung Grimgard gefolgt sind, nur in umgekehrter Reihenfolge. Dadurch können wir einen Stopp in Herzhagen einlegen. Ich möchte mein Versprechen einlösen.«

»Willst du zu dem versteckten Drachengrab?« Atropaia blickte ihn fragend an. »Kennst du den bestatteten Drachen?«

Dragon berichtete ihr von seiner Lehrerin, und dass es sich um einen ihrer Brüder handelt, der dort vielen Elfen und Menschen das Leben rettete. Dass der Westelfe die Hintergrundgeschichte bekannt sein musste, entging dem Jungen. Er wiederholte, was er dem Mädchen beschrieben hatte. Atropaia schmunzelte verstohlen über seinen Eifer. Sie spürte, dass er als Beschützer gerne genauso berühmt wie dieser Drache sein möchte, vorzugsweise aber ohne dessen tragisches Ende.

Bevor sie aufbrachen, veränderte Runa mit Magie ihr aller Aussehen. Dieses Mal wurden sie zu älteren Frauen, wodurch sie nicht Gefahr liefen, zwangsrekrutiert zu werden. Das hatte außerdem den Vorteil, dass ihre Geschwindigkeit zu der immer noch schnell ermüdenden Atropaia passte. Trotz der Übertragung von Lebensenergie mussten sie viele Pausen einlegen.

»Ich wundere mich, dass du inzwischen derart gewachsen bist«, wendete sich die Elfe an das Mädchen. »Ich durfte nur in unregelmäßigen Abständen nach draußen, um unter schwerster Bewachung wenige Runden im Innenhof der Festung zu laufen. In den Kerkerraum gelangte nur geringe Helligkeit durch einen Lichtschacht, so dass ich kaum Tage von Nächten unterscheiden konnte. Trotzdem schätze ich die verflossene Zeit auf einige Jahre. Ich meine, es müssen etwa vier bis fünf sein.«

Runa schüttelte den Kopf.

»Es sind tatsächlich mehr als sieben. Ich bin inzwischen zwölf!«

»Was? Nein, das glaube ich nicht! So lange soll ich eingekerkert gewesen sein? – In der ersten Zeit wurde ich täglich von diesem Owain verhört, manches Mal auch mit Folterwerkzeugen.« Sie erschauerte bei der Erinnerung daran. Sie folgten schweigend der schnurgeraden Straße, bis sie fortfuhr. »Er wollte stets wissen, wo das Kind von Raika geblieben ist. Ich weiß nicht warum, aber Drakonia hatte ihm wohl verboten, mich zu töten. Auch wenn ich sie nie zu sehen bekam, habe ich damals sie und ihren ergebenen Helfer verflucht. – Die Trennung von dir und die Ungewissheit, ob es dir gut gehen würde, schmerzten sehr. Ich warf mir vor, das Versprechen Raika gegenüber gebrochen zu haben, dich gut zu behüten.« Runa wollte einwenden, dass sie das durch die Verwandlung in eine Haselmaus gehalten hätte, weshalb sie nicht auch gefangen genommen worden war. Doch sie kam nicht dazu. Atropaia forderte sie mit erhobener Hand zum Schweigen auf und fuhr fort. »Die Verhöre ließen mit der Zeit nach. Vermutlich, weil ich mit zunehmendem Abstand zum Zeitpunkt meiner Ergreifung kaum wissen konnte, wo du dich verstecken würdest. Owain besuchte mich nur noch gelegentlich. Einige Male war er auch in Begleitung eines ihm ähnlich sehenden, hochnäsigen jungen Mannes. Die letzten Monate bekam ich lediglich ab und zu etwas Essen, meistens nur hartes Brot. Die Hofgänge fielen jedoch weg. Ich wäre vermutlich in kurzer Zeit vergessen worden, wenn du nicht gekommen wärst.«

»Hier müssen wir abbiegen«, unterbrach Dragon die Unterhaltung. »Wir befinden uns in Herzhagen!«

Sie folgten dem Seitenweg, weg von der Hauptstraße, und wanderten gemeinsam zur gen Süden ausgerichteten Bergflanke. Sie streiften durch das besonders nahrhafte Gras, das von zottigen Schafen mit schwarzen Köpfen gefressen wurde. Sogar die jungen Tiere von diesem Jahr zeigten bereits ihr dunkles Antlitz. »Das muss der Ort sein, wo der Bruder meiner Lehrerin Moira nach der Rettung der Elfen bestattet worden ist«, stellte der Junge voller Überzeugung fest. Atropaia nickte zur Bestätigung.

»Ich grüße dich von deiner Schwester«, begann Dragon, sobald sie an der Senke in der Bergflanke ankamen. »Sie ist stolz darauf, dass du die Nordelfen erfolgreich schützen konntest! Trotzdem vermisst sie dich. – Wenn du gestattest, bringe ich ihr als Andenken einen Blumengruß.« Er bückte sich und zupfte drei Stiele von frisch aufgeblühtem Wiesenschaumkraut ab. Dragon steckte die empfindlichen Blumen vorsichtig unter sein Hemd, um sie Moira zu bringen.

In Atropaias Haus

Der letzte magische Sprung führt zum Heim im Elfenwald, genauer gesagt, an den Rand der großen Lichtung. Runa wundert sich über den Anblick des Hauses. Der ist völlig anders, als sie ihn, von ihrem Tage zurückliegenden Aufenthalt, in Erinnerung hat. Die verkohlten Überreste, der von ihr und Dragon aus dem Gebäude geschafften und danach verbrannten Möbel, sind verschwunden. Die Eingangstür ist geschlossen und scheint mit grüner Farbe neu gestrichen worden zu sein. Gleiches trifft auf die Sprossen und Rahmen der Fenster zu. In den Glasscheiben spiegelt sich ein rötlich angehauchter Himmel, der den nahenden Abend ankündigt. Das Blumenbeet wirkt wie frisch erblüht und der Weg zum Obstgarten ist geharkt. Die Dachrinnen und die Regentonne, in die ein neues Fallrohr führt, sehen funktionsfähig aus. Erst als Runa im Inneren den bequemen Sessel und auch die über der Armlehne liegende, zusammengefaltete Wolldecke wiedererkennt, weiß sie Bescheid.

»Stimmt ja. Danrya hatte vor, zuerst das Haus in Ordnung zu bringen, bevor sie nach Elduria aufbrechen wollte. Sie muss diese Dinge aus ihrem Heim in Ochsenham geholt haben.«

Atropaias Augen leuchten. Sie freut sich, endlich wieder daheim zu sein. Trotzdem sinkt sie erschöpft in den Sessel. Die Heimreise war mehr als anstrengend, auch wenn das Mädchen mehrfach Magie nutzte. Runa zaubert einen frisch zubereiteten Pfefferminztee herbei. Das feine, prickelnde Aroma wirkt belebend. Die Elfe nimmt einen vorsichtigen Schluck und lächelt.

»Schön sieht es hier aus! Hast du unser Heim nach dem Eindringen von Owains Männern wieder hergerichtet? Ist das überhaupt möglich? Du warst doch erst fünf!«

Das Mädchen erblickt für einen kurzen Augenblick erneut die chaotische Szenerie, die hier bei ihrer überhasteten Flucht vor den Verfolgern herrschte.

»Ich versuchte damals, sofort deinen Entführern zu folgen, was mir leider nicht gelang. Vor wenigen Tagen bin ich zum ersten Mal nach sieben Jahren hier gewesen.« Es berichtet in einer Kurzfassung, was in dem langen Zeitraum geschehen ist. Runa schließt damit, dass sie die von Atropaia für sie hinterlassenen Informationen gefunden hat. Die Flucht vor den Verfolgern, das unerwartete Treffen mit Danrya und deren wertvolle Hilfe bilden den Abschluss. »Du kannst dir sicher vorstellen, dass es hier bis vor Kurzem noch anders ausgesehen hat. Deshalb wird dir vermutlich bald auffallen, dass einige deiner Einrichtungsgegenstände fehlen. – Nein, das Lob für den guten Zustand des Hauses gebührt Danrya. Sie wollte hier nach dem Rechten sehen, nachdem wir uns trennten.«

»Dann hat sie das für unsere Rückkehr vorbereitet? – Sobald ich einigermaßen erholt bin, werde ich …« Sie stellt ihre leere Tasse auf das Tischchen neben dem Sessel und hustet heftig. Sollte sie sich am Tee verschluckt haben? Andererseits hatte sie schon unterwegs immer häufiger pausieren müssen, weil sie schnell außer Atem kam. Es dauert auch dieses Mal geraume Zeit, bis sie wieder verhältnismäßig normal atmet. Ihre Stirn ist schweißbedeckt und sie versucht, ihren Zustand mit einem Lächeln zu überspielen. Sie kann jedoch nicht verhindern, ermattet in den Sessel zurückzusinken.

Runa stellte ihre Tasse mit Beginn des Hustenanfalls sofort auf den Wohnzimmertisch und hockt sich jetzt besorgt vor ihre Amme.

»Bist du krank?« Sie blickt die Elfe ängstlich an. »Dagegen gibt es doch hoffentlich einen Zauberspruch, oder nicht?«

Im gleichen Moment sieht sie erneut die Szene vor Augen, als Owain sieben Jahre zuvor ihre Paia entführt hatte. Damals sah Puschel, ihr Kaninchen, elend aus. Sie hatte die Hoffnung, dass ihre Amme es heilen könnte, doch dazu kam es nicht mehr. Atropaia wurde gefangen weggeführt und vorher war Runas Haustier von einem der Bewaffneten getötet worden. Das Mädchen schüttelt sich, um diese Erinnerung fortzuscheuchen. »Ich glaube, Danrya hat Dragon mit »Salvus« geheilt. Wird der Spruch auch dich heilen?«

»Damit ist eine Heilung möglich. Er hilft jedoch nur, wenn die Krankheit oder eine Verletzung nicht durch einen dunklen Zauber hervorgerufen worden ist. Und das könnte bei mir der Fall sein.«

Runa blickt die Elfe mit großen Augen erschrocken an. Sollte sie ihre Amme schon bald verlieren, und dieses Mal für immer? Nein! Dagegen muss sie alles zu unternehmen versuchen. Aufgeben ist keine Alternative! Sie richtet sich auf und breitet ihre Hände über die im Sessel sitzende Atropaia. Bevor sie die ihr bekannten Worte spricht, schießt ihr eine Erkenntnis durch den Kopf.

»Sie sieht wirklich elend und viel älter aus, als sie vermutlich ist. Wenn ein dunkler Fluch die Ursache sein sollte, was kann ich dann machen?«, überlegt sie.

»Probiere alle Sprüche, die positiv wirken könnten«, fordert Dragon. Das Mädchen hatte vergessen, dass der Junge noch immer in gedanklichem Kontakt zu ihm steht. Doch anders als manches vorige Mal, freut sie sich darüber. Sie nickt in seine Richtung und wendet sich erneut ihrer Amme zu. Die ist inzwischen eingeschlafen, so erschöpft ist sie von den Strapazen der Rückreise. Sie mussten oftmals eine größere Strecke wandern, um sich nicht als Zauberer zu erkennen zu geben. Creulon hätte dann womöglich einen Hinweis zugetragen bekommen können, und das wollten sie nicht riskieren. Runa hält ihre Hände nebeneinander über die im Sessel in sich zusammengesunkene Elfe.

»Salvus! Beatha!« Ob der Spruch zum Übertragen von Lebensenergie dieses Mal besser wirkt, weiß das Mädchen nicht, hofft es aber inständig. Das auf die Westelfe hinunterfließende, goldene Gleißen unterbricht es nicht so schnell. Runa will möglichst lange ihre Energie übermitteln. Es könnte sogar fast zu viel sein, denn sie taumelt und wird sofort von Dragon gestützt.

»Du musst vorsichtig mit dem letzten Spruch sein! Wenn du nicht aufpasst, fällst du in tiefe Bewusstlosigkeit. Dann vermagst du die Übertragung nicht zu stoppen und würdest als Folge davon sterben.«

Der Junge führt Runa besorgt zu einem Stuhl, auf den sie sich fallen lässt. Sie richtet ihren Blick dankbar zu ihm auf.

»Dann würdest du mich retten. Du bist schließlich mein Beschützer, dem ich inzwischen sehr oft das Leben zu verdanken habe!« Ein leichtes Lächeln spielt um ihre Lippen.

Dragon droht ihr mit erhobenem Finger.

»Ich sehe schon, dir geht es nicht so schlimm, wie es aussah. – Doch zurück zum Übertragen der Lebensenergie. Die kann nur der Zauberer stoppen, der damit begonnen hat.«

»Aber, wenn du …«

»Genau, falls ich jedoch in gedanklicher Verbindung mit dir stehen sollte, könnte ich das möglicherweise auch aufheben.«

»Richtig. Das wäre ähnlich so, wie das bei den Zauberangriffen der Hexenmeister oder dem von Creulon war.«

»Aber besser ist, wir lassen es nicht so weit kommen, dass wir das probieren müssen!«

Der Junge blickt Runa beschwörend an. Sie nickt langsam. Es sieht allerdings so aus, als ob sie ihm nicht genau zuhören würde. Das bestätigt das Mädchen auch sofort durch ihren nächsten Satz.

»Damit hast du mich auf eine Idee gebracht. Ich sollte versuchen, über eine Gedankenverbindung in Atropaias Kopf nach der Ursache für ihre Schwäche und den Husten zu suchen. Dann könnte ich in der Lage sein, den dunklen Fluch von ihr zu nehmen, wenn der die Ursache sein sollte. Denke nur an die dunkel-violetten Wolken, die wir am Rand unseres Bewusstseins aufspüren und vertreiben konnten. Ich vermute, das könnte bei ihr ähnlich aussehen.«

Runa greift nach ihrer Teetasse und nimmt einen großen Schluck. Sie will bereits aufstehen, als Dragon sie sanft zurück auf den Stuhl drückt.

»Das kannst du später oder besser noch morgen probieren. Du solltest dich vorher völlig erholen, denn auch du schaust angegriffen aus!«

Sie blickt den Jungen an. Erst nach einem Blick zu ihrer Amme hinüber nickt sie.

»Einverstanden. Da Paia tief zu schlafen scheint, könnte ich die Verbindung im Moment doch nicht herstellen. – Aber ich sollte versuchen, Danrya zu beruhigen. Möglicherweise kennt sie einen weiteren Spruch, den ich anwenden kann.«

»Das kannst du gerne machen, nachdem du dich auch etwas ausgeruht hast!«

Das Mädchen blickt den Jungen an und will empört auffahren. Doch nach wenigen Momenten besinnt es sich, dass Dragon recht hat. Es nickt und schaut ihn schelmisch an.

»Ja, Mutti!«

Fast im gleichen Augenblick fällt auch sie in tiefen Schlummer. Die Übertragung der Lebensenergie auf Atropaia hat mehr Kraft als gedacht gekostet.

Im Traum kehrt Runa in ihre ersten Jahre hier im Haus zurück. Ein zufriedenes Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Vorsichtig, um sie nicht aufzuwecken, trägt Dragon sie zum Sofa hinüber. Er bettet sie darauf und breitet eine Decke über sie.

»Danke, mein Beschützer!«, murmelt das Mädchen im Halbschlaf.

Zur Dracheninsel und neue Zauber

Dragon möchte seiner ehemaligen Lehrerin Moira den kleinen Strauß Blumen von der Wiese bringen, wo ihr Bruder bestattet worden ist. Er will ihr auch davon berichten, dass er zusammen mit einer Drachensucherin gegen das Böse kämpft. Das Mädchen hat ihn bei diesen Worten leicht in Verdacht, mit seinen Beschützeraktionen vor ihr glänzen zu wollen. Und das hat er ihrer Meinung nach durchaus verdient. Sie schlägt ihm vor, ihn mit dem magischen Sprung dorthin zu bringen. Dann könnte sie von den jeweiligen Situationen berichten, ohne dass das wie ein Eigenlob Dragons wirken würde. Doch der Junge schüttelt sofort vehement den Kopf.

»Das habe ich keineswegs vor. Ich bin der Ansicht, dass wir im Kampf gegen Drakonia, Owain und Creulon jede Unterstützung brauchen können. Darüber haben Danrya und ich diskutiert. Ich möchte mit Moiras Hilfe versuchen, die anderen Drachen zu überreden, mit mir nach Elduria zu kommen.«

Runa fühlt sich sofort unbehaglich, ihren Freund und Beschützer derart selbstsüchtige Absichten unterstellt zu haben. Sie sollte ihn inzwischen besser kennen!

»Entschuldige bitte, ich dachte, du seist auf ein Lob Moiras aus.«

»Pah«, lautet die einsilbige Antwort des Jungen. Er wendet sich von dem Mädchen ab und geht nach draußen. Runa folgt ihm sofort und stellt sich in seinen Weg.

»Verzeihst du mir? Das war wirklich mehr als blöd von mir. Ich möchte nicht, dass du jetzt fortfliegst, ohne dass wir uns vertragen haben. – Bitte!«

Ihrer offensichtlichen Zerknirschtheit kann Dragon nicht standhalten. Nach wenigen Sekunden zieht ein Lächeln in sein Gesicht.

»Schon vergessen«, versucht er das Thema abzuschließen. Das Mädchen lächelt dankbar zurück.

»Wie sieht übrigens der Blumenstrauß aus? Du hattest ihn unter dein Oberteil gesteckt. Hat er da nicht gelitten? Ich weiß, Wiesenschaumkraut ist sehr empfindlich und kann nicht lange ohne Wasser überstehen.«

Der Junge greift erschrocken unter sein Hemd und zieht die Blumen hervor. Die sehen mitleiderregend aus. Runa deutet auf sie und murmelt: »Renovo!« Die schlapp herabhängenden Blütendolden richten sich auf. Die vielen, hellblauen, vierblättrigen Blüten leuchten wieder so frisch, als wären sie gerade erst gepflückt worden. Das führt zu einem Argument, das sofort von ihr genutzt wird.

»Wenn du bis zur Insel fliegen willst, werden die Blumen bei deiner Ankunft dort so unschön wie eben aussehen. Das geht bei diesen Pflanzen schnell. Deshalb mache ich dir erneut den Vorschlag, dich mit dem magischen Sprung dorthin zu bringen.«

»Ich bin sehr unsicher, wie die Drachen auf der Insel reagieren, wenn ich mit einer Halbelfe dort auftauche. Das könnte durchaus gefährlich werden. Darum möchte ich das lieber nicht.«

Er lässt sich nach längerer Diskussion schließlich doch überreden. Runa versichert ihm zuvor, ihren Freund lediglich dorthin bringen und sofort von der Insel zu Atropaia zurückkehren zu wollen.

»Paia sieht zwar etwas erholt aus, aber ich möchte sie nur ungern allein lassen. Sollten unsere Verfolger hier auftauchen, was durchaus nicht unmöglich ist, wird sie sich kaum mit Magie wehren können.«

»Den Rückweg trete ich in Begleitung einiger Drachen an, falls ich sie dazu überreden kann. Wohin ich sie führen soll, kannst du mir ja gedanklich mitteilen«, fordert der Junge. Sie stellen die zuletzt unterbrochene Verbindung wieder her. »Außerdem muss ich es sofort wissen, sollten die Verfolger hier erscheinen. Versprich mir, mich in dem Fall hierher zu holen.«

»Wenn du das möchtest, gerne. Ich mache das aber von der Situation abhängig. Vielleicht werde ich vorher mit Paia flüchten. Doch das sehen wir, sobald es dazu kommen sollte.«

Dragon nickt, tritt ins Haus und verabschiedet sich von der Elfe. Dann nimmt er seine Drachengestalt an und stellt sich den Eingang zur Drachenschule vor. Runa berührt seinen Rücken und bringt ihn mit dem magischen Sprung dorthin. Sie wünscht ihm Glück und ist im nächsten Augenblick wieder zurück im Wohnraum.

Der Junge möchte in gedanklicher Verbindung mit dem Mädchen bleiben, falls es, wie er anführt, die Unterstützung durch ihren Beschützer nötig haben sollte. Doch Runa ist schon bald anderer Ansicht.

»Wenn ich Hilfe benötige, werde ich den Kontakt zu dir herstellen! Du musst dir dann lediglich den Ort anschauen, wo ich erscheinen soll. Aber bis dahin können wir die Gedankenverbindung unterbrechen. Ich möchte mich mit Paia über viele Dinge unterhalten. Das würde dich genauso ablenken, wie es bei mir der Fall wäre, sollte ich deine Diskussionen mit den anderen Drachen mitverfolgen.«

Dieser Überlegung stimmt Dragon schließlich zu. Seine Rückkehr wird mehrere Tage dauern. Auch wenn er sehr schnell zu fliegen vermag, werden die ihn hoffentlich begleitenden Kreaturen nicht alle die gleiche Geschwindigkeit wie der Jungdrache erreichen können. Außerdem rechnet das Mädchen damit, dass sie vorzugsweise in der Nacht herkommen werden, um keine ungewollte Aufmerksamkeit zu erregen. Sie könnten sonst feindlichen Zauberern gemeldet werden und müssten in dem Fall mit Angriffen rechnen.

In den nächsten Tagen berichten Runa und ihre Amme, was sie in den vergangenen sieben Jahren erlebt haben. Seitens Atropaia gibt es nicht viel zu erzählen, da sie, bis auf die Verhöre und die kurzzeitigen Hofgänge, keine Abwechslung im Kerker hatte. Deshalb fällt es dem Mädchen schwer, einen Anhaltspunkt dafür zu finden, wann die Elfe von einem Zauber getroffen sein könnte. Dass das auf ihrer Flucht geschehen sein sollte, schließt es aus.

Runa schüttelt den Kopf. Creulon hatte zu keiner Zeit an einem Verhör teilgenommen, wie Atropaia versichert. Wie und wann kann er dann einen dunklen Fluch auf sie geschleudert haben? Wenn diese Möglichkeit auszuschließen ist, würde das bedeuten, dass die Krankheit der Amme durch einen Zauberspruch geheilt werden können müsste.

Am nächsten Tag bittet sie die Elfe um die Erlaubnis, über eine Gedankenverbindung in ihre Erinnerungen eindringen zu dürfen. Obwohl es sie vermutlich sehr schmerzen wird, möchte sie ihre Mutter Raika kennenlernen. Gleiches trifft auf ihren Vater Kenneth zu. Sie weiß, dass Atropaia mit ihnen über viele Jahre befreundet gewesen ist und hofft, dass sie ihrer Bitte nachgeben wird.

Die Elfe schaut Runa lange an, bevor sie nickt.

»Mein liebes Winterkind. Bist du sicher, dass du das willst? Ich verstehe den Wunsch, sozusagen deine Wurzeln besser kennenlernen zu wollen. Trotzdem möchte ich dir raten, dabei äußerst vorsichtig zu sein. Dich erwartet nicht nur Schönes. Und auch, wenn die Bilder völlig real wirken werden, wirst du nicht in Verbindung mit ihnen treten können. Daran musst du immer denken, um dich nicht ignoriert zu fühlen. Das würde vermutlich mehr schmerzen als alles andere. Du kannst nicht jede meiner Erinnerungen betrachten, da du dazu Jahre benötigen würdest. Deshalb kann manche Sequenz einen falschen Eindruck erwecken, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen betrachtet wird.«

»Ach bitte, liebe Paia! Was du soeben sagtest, ist mir bewusst. – Ich kenne Raika nur aus deinen Erzählungen. Und damals war ich noch viel zu klein, um alles begreifen zu können. Ich bekäme einen etwas besseren Eindruck, sollte ich sozusagen einige Augenblicke mit Mutter und Vater verbringen können. Auch wenn das lediglich aus deiner Sicht heraus erfolgt, wäre ich dir mehr als dankbar.«

»Nun gut. Aber ich versuche, die Erinnerung zu steuern. Also greife bitte nicht in den Ablauf der Sequenzen ein. Außerdem habe ich natürlich auch nur einiges miterlebt, da wir nicht alle Tage zusammen waren. Bevor du Schlussfolgerungen aus dem ziehst, was du gleich zu sehen bekommst, sollten wir gemeinsam darüber reden. Versprichst du mir das?«

Runa nickt.

Atropaia setzt sich in den Sessel und macht es sich bequem, während das Mädchen das Sofa nutzt.

»Bereit?«, diese Frage sendet die Elfe gedanklich.

»Ja«, antwortet Runa und stellt damit die Verbindung her.

Die Reise in die Vergangenheit schmerzt sie mehr, als vorher vermutet. Es dauert anschließend längere Zeit, bis sie ihre Tränen zu stoppen vermag und das Schluchzen endet. Dieses Mal ist es Atropaia, die das Mädchen aufrichtet. Sie macht sich und ihr eine große Tasse mit Pfefferminztee und reicht dazu Ingwerplätzchen. Der prickelnde Teeduft und der würzige Geschmack des Gebäcks helfen dabei.

»Raika wollte, dass ich dir alle Zaubersprüche beibringe, die du zur Erfüllung deiner Aufgabe als Drachensucherin benötigen könntest.«

»Das ist verständlich«, antwortet das Mädchen. »Gibt es denn noch mehr, als in dem Anhang des Buches über die Insel der Drachen stehen?«

»Das kenne ich nicht. Was für eine Art ist es, möglicherweise ein Roman? Ich dachte, du wärst meiner Empfehlung gefolgt und hättest die Zauberkenntnisse von Danrya. Die Aufforderung hatte ich als Information für dich in dem Kochbuch hinterlassen.«

»Die Notizen habe ich gelesen und deine Freundin hat auch wirklich viele Sprüche mit mir geübt.«

Runa sucht nach dem Rucksack, der seit ihrer Ankunft im oberen Raum neben ihrem Bett liegt. Sie steht kurz darauf vor ihrer Amme und reicht ihr das Buch.

»Das habe ich von Kaytlin, der Wirtin vom »Fuchs und Gans« bekommen. Wie es in ihren Besitz gelangt ist, hatte sie mir nicht gesagt.«

Atropaia betrachtet den in geprägtes Leder gebundenen Band mit gekrauster Stirn, blättert zum Anhang und liest die aufgelisteten Zaubersprüche.

»Das sind ja eine Menge guter und wirksamer Zauber. Sie decken fast alles ab, wofür Magie genutzt werden kann. Doch einige Sprüche fehlen. Mir fallen sofort fünf, nein sogar sechs ein, die nicht aufgeführt sind. Sie lauten Anghofio, Anghofio totalus, Cum ri buidseachd, Detineo tempus, Miscere und Re-Potentia.«

»Aha. Und was bewirken sie?«

»Die ersten zwei und der fünfte sind Zauber, die sozusagen zum Angriff eingesetzt werden können. Sie lösen eine teilweise oder totale Amnesie aus oder verwirren einen Gegner für eine begrenzte Zeit. Die anderen drei sind mehr defensiv beziehungsweise werden zur Heilung genutzt.«

»Dann sollten wir sie alle üben, bis ich sie beherrsche, meinst du nicht auch?«

»Selbstverständlich. Raika hatte eine ähnlich Einstellung zu Zauberei wie du, wie ich aus deinen Erzählungen herausgehört habe. Sie war eher darum bemüht, einem Gegner nicht zu schaden, wenn sich das irgendwie machen ließ. Deshalb wird dir »Cum ri buidseachd« nützlich sein. Der Spruch dient dazu, einem dunklen Fluch zu widerstehen oder ihn aufzuheben. Das kann in einer Auseinandersetzung mit gegnerischen Zauberern hilfreich sein.«

»Aber …«

»Genau. Das ist der Spruch, den deine Mutter zu spät aufrief, als Creulon einen Todesfluch auf sie schleuderte. Sie hatte diesen finsteren Zauberer nicht bemerkt, der in einem Versteck lauerte. Sie schaffte es nur teilweise, ihn zu aktivieren. Dann schleppte sie sich zu mir zurück. Um unseren Unterschlupf nicht preiszugeben, nahm sie nicht den direkten Weg. Raika schlug zuerst Finten und nutzte wegen zunehmender Schwäche den magischen Sprung erst, als das fast zu spät war. Sobald sie hier ankam, versuchte ich mit dem gleichen Spruch, den Fluch von ihr zu vertreiben. Das war nicht mehr möglich, da inzwischen zu viel Zeit verstrichen war. Ich begann deshalb, ihre Erschöpfung mit »Re-Potentia« aufzuheben, was nur teilweise gelang. Wie du weißt, starb sie kurz nach deiner Geburt. Sie entdeckte das Mal eines Drachensuchers auf deinem linken Unterarm und bat mich, dich in allen Zaubersprüchen zu unterweisen. Sie sah offenbar voraus, dass du jede Hilfe benötigen würdest, um die dir zufallende Aufgabe zu erfüllen. Sie küsste deine Stirn und gab dir deinen Namen, bevor sie ihre Augen für immer schloss.«

Die einkehrende Pause wird durch Runa erst unterbrochen, nachdem geraume Zeit vergangen ist. Sie schluckt mehrfach, um die erneut aufsteigenden Tränen zu verhindern.

»Das war die letzte Szene, die du mir gezeigt hast.«

»Genau.«

»Danke!«

Stille kehrt ein. Das Mädchen lässt sich die Bilder erneut durch den Kopf gehen und überlegt, welche Bedeutung den Zaubersprüchen beikommt, die Atropaia ihr soeben genannt hat.

Sie schluckt einen Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals gebildet hat und räuspert sich, bevor sie fragt: »Warum hat Mutter den Schutz gegen dunkle Flüche nicht aufgerufen, bevor sie zu Vaters …«

»Das hätte sie tun sollen, stimmt! Sie hatte aber nicht damit gerechnet, dass dort ein böser Magier auf sie lauern könnte. Außerdem fasste sie den Entschluss, den Ort aufzusuchen, erst kurz zuvor. Sie folgte einem spontanen Einfall. Sie wollte Kenneth offenbar an seinem Grab mitteilen, dass deine Geburt bevorstehen würde. – Eine schwangere Frau handelt nicht immer rational, so wie Raika in dem Fall. Sie hätte in meiner Begleitung dorthin gehen sollen oder erst, nachdem du geboren worden bist. – Doch das ist sozusagen Schnee von gestern.«

»Lag damals eigentlich Schnee? Nennst du mich darum manchmal »Winterkind«?«

»Das ist richtig. Raika sprach oft davon, dass Winterkinder etwas ganz Besonderes sind. Deshalb war sie froh, dass deine Geburt zu der Jahreszeit stattfinden sollte. Als sie das Mal des Drachensuchers sah, lächelte sie und meinte, darin den Hinweis zu erkennen, dass die Herrschaft des Bösen schon bald gebrochen werden könnte. Sie war dabei nicht auf Rache für den Tod von Kenneth aus. Sie freute sich vielmehr, dass zukünftig allen Wesen Gerechtigkeit widerfahren würde, obwohl dazu voraussichtlich eine letzte große Auseinandersetzung notwendig sein würde. Darum auch ihre Bitte, dich bestmöglich in Zauberei auszubilden. Sie wollte sichergehen, dass du optimal gewappnet in den Kampf gehen würdest.«

»Du nanntest noch einen sechsten Zauberspruch. Den hast du bisher nicht erläutert.«

»Richtig. Er lautet »Detineo tempus«. Einmal ausgesprochen friert er jedes Lebewesen im Umkreis zeitlich ein. Davon ausgenommen sind der Magier, der ihn anwendet, und alle Geschöpfe, die beim Aufrufen des Zaubers einen körperlichen Kontakt zu diesem haben. Der Zauberer kann für eine befristete Dauer agieren, ohne dass die Verzauberten das verhindern könnten. Die Zeitdauer und die Größe der eingeschlossenen Umgebung hängen von der Kraft des Magiers ab. Das ist in meinen Augen ein äußerst nützlicher Spruch!«

Geht Drakonias Plan auf?

Drakonia besitzt ein überschäumendes Temperament. Sie reagiert immer dann besonders cholerisch, wenn sie eine gegen sie gerichtete Aktion entdeckt. Sobald sie diese zu ihren Gunsten vereiteln kann, fühlt sie sich wie elektrisiert und sprudelt nur so vor Ideen, wie ihre Gegner bestraft werden sollen. Bei der Verfolgung und Durchsetzung ihrer Gedanken lässt sie keinen Widerspruch zu und braust in dem Fall entsprechend schnell auf.

Ihre treuesten und besten Berater sind der erste Heerführer, der gleichzeitig Anführer der Leibgarde ist, und manches Mal auch der Oberste ihrer Zauberer. Obwohl sie dem das nicht oft deutlich zeigt, sondern eher bemüht ist, das zu verbergen. Bereits beim kleinsten Anzeichen, dass Creulon ihr nicht zustimmen könnte, wird sie wütend. Sie ist stets voller Energie und Tatendrang, was in ihren ruhelosen Wanderungen im Audienzsaal zum Ausdruck kommt. Nur selten fühlt sie sich elend und niedergeschlagen. Das ist letztmalig der Fall gewesen, noch bevor sie zur Königin gekrönt worden ist. Damals dauerte es länger als erwartet, bis ihre Brüder durch gedungene Meuchelmörder umgebracht und ihr Thronanspruch für Außenstehende, die das nicht wussten, rechtens wurde.

Aber in jeder der verschiedenen Stimmungen behandelt sie ihre Untergebenen stets gleich schlecht. Was sie damit bezweckt, ist dem obersten Magier nicht klar. Ob sie dadurch lediglich ihre Macht demonstrieren will? Das kann jedoch schnell zu ihrer Niederlage führen, sollte sie den Bogen überspannen.

Creulon, der seit dem Entkommen der Gefangenen mehr als vierundzwanzig Stunden nach diesen geforscht hat, wird es heiß und kalt. Bei dem Gedanken, dieser Frau die Flucht der Elfe mitteilen zu müssen, bildet sich kalter Schweiß auf seiner Stirn. Das ist völlig untypisch für den starken und selbstbewussten Magier und veranlasst ihn, nach der Ursache zu forschen. Die unvermeidlichen Beleidigungen der Königin kann er mit stoischer Geduld ertragen, eine mögliche Herabstufung seiner Position dagegen nicht. Könnte das der Grund sein?

Seine Hand zittert nur kurz, dann hat er sich und seine Gefühle wieder unter Kontrolle. Sollte Drakonia es zu arg treiben, will er den seit langem gehegten Plan ausführen, und Elduria von Merion abspalten und zu seinem Herrschaftsbereich erklären. Ob er Drakonia zur eigenen Sicherheit möglicherweise angreifen muss, hängt von den Reaktionen der Königin in der zu erwartenden Auseinandersetzung ab. Zu bedenken ist, dass sie über einen Armreif verfügen könnte. Das hatte sie am Tag zuvor unwillkürlich mit einem Griff der rechten Hand an ihr linkes Handgelenk preisgegeben. Durch diese Bewegung wurde Creulon schlagartig klar, weshalb er sich in Gegenwart der Herrscherin manchmal ungewöhnlich schwach fühlt.

»Sie besitzt einen magischen Armreif!«

Diese Erkenntnis blitzte bei der verräterischen Armbewegung der Königin in seinem Hirn auf. Es gibt nur wenige dieser die Magie verstärkenden Artefakte. Elfen hatten sie einst gefertigt und an die oberen fünf Menschenzauberer gegeben, damit deren Zauberkräfte gesteigert wurden. Ob Drakonia derartige Kräfte besitzt, die vergrößert werden können, vermag er nicht zu beurteilen. Sie trägt den Armreif möglicherweise lediglich, weil er eine Trophäe darstellt. Unabhängig davon spürt er vermutlich die Macht, die von dem Reif ausgeht.

Creulon denkt an die Situation, die sich gestern im Beisein von Igoreth abspielte. Er ballt beide Fäuste. Der Hexenmeister hatte berichtet, dass offenbar ein Aufstand in Elduria ausgebrochen sei. Darüber lagen ihm keine Nachrichten vor, was er auch unumwunden zugab. Der Blick des anderen Magiers ruhte beobachtend auf ihm und der Königin. Das machte diesen äußerst verdächtig. Spielte er möglicherweise mit dem Gedanken, Creulon als höchster Zauberer Drakonias abzulösen? Sollte die Information das ermöglichen und war womöglich lediglich zu diesem Zweck ausgedacht worden? Doch für so durchtrieben hält er diesen Hexenmeister nicht, der stets alle Eventualitäten überdenkt. Die Königin war der Erklärung ihres obersten Zauberers gefolgt. Sie beauftragte ihn, zur Sicherung Grimgards eine magische Schutzkuppel über die Festung zu errichten, um auf mögliche Angriffe vorbereitet zu sein. Der Magier blickt grimmig.

»Die wird sie nicht bekommen, wenn sie mich zu arg beschimpft. Dieses Mal sollte sie lieber vorsichtig mit ihren Äußerungen sein.«

Creulon steht bei diesen Gedanken vor der Tür zum Audienzsaal und nickt dem Diener zu, sie zu öffnen. Er hat sich schon halb und halb entschlossen, nur die notwendigen Details von der Flucht Atropaias zu berichten. Je weniger er sagt, desto kleiner ist die Angriffsfläche für Beschuldigungen gegen ihn. Die Tür ist offen und er tritt ein, ohne die Königin sofort zu sehen. Dafür ruht sein Blick auf einem ihm bekannt erscheinenden Rücken. Sollte Owain bereits von seinem Sonderauftrag zurückgekehrt sein? Er stellt sich neben den Heerführer und richtet seine Augen auf Drakonia. Die steht vor dem großen Fenster oberhalb der Meeresbucht und blickt auf das wild tobende Wasser. Sein Blick streift nur kurz Owains Gesicht, dann räuspert er sich.

»Meine Königin, ich habe schlechte …«

Weiter kommt er nicht. Er wird von der freudig klingenden Stimme der Herrscherin unterbrochen.

»Da bist du ja. Ich habe soeben nach dir geschickt. Bevor du etwas sagst, lass meinen obersten Heerführer berichten, wie der Sonderauftrag verlaufen ist.«

»Ich fasse mich kurz, mit eurer Erlaubnis, Hoheit.« Da diese nickt, fährt Owain fort. »Die Jagd auf Elfen in Merion lief nicht ins Leere. Drei Nordelfen, die auf Kundschaft im Land unterwegs waren, konnten mit silbernen Netzen gefangen und in einen Kerker auf Elfenstein gebracht werden. Ich habe sie, die nachträglich erteilte königliche Genehmigung vorausgesetzt, an Igoreth übergeben. Der wird alles tun, um ihre Absichten zu erforschen. Sie werden gefoltert. Falls das nicht reichen sollte, werden sie nacheinander umgebracht. Vielleicht bringt das den letzten Elf zum Reden, was ich jedoch nicht glaube. Freigelassen wird der keinesfalls. Der Hexenmeister will versuchen, seinen Widerstand durch Hunger so weit zu schwächen, dass ihm das Eindringen in dessen Geist doch noch gelingt. – Die Suche in den südlichen und westlichen Teilen unseres Landes blieben dagegen erfolglos.

Als Nächstes wollen wir das Suchgebiet auf Elduria ausdehnen. Die Männer warten am Rand des Waldes auf mich, in dessen Innerem ich vor Jahren die Elfe Atropaia fangen konnte.«

Creulon denkt sofort: »Dir gelang es aber nicht Runa, die Tochter von Raika und Kenneth, zu fassen. Dein Versagen hat vermutlich meinen heutigen Misserfolg verursacht!« Das äußert er jedoch nicht laut, da es wie ein Versuch zum Abwälzen seines Misslingens klingen würde.

Drakonia strahlt über den Erfolg ihres Plans. Sie lobt Owain und durchmisst mit großen Schritten den Raum.

»Es hört sich so an, dass unsere Absichten wie erhofft verlaufen. Es trifft sich gut, dass deine Männer noch nicht nach Elduria vorgedrungen sind. Wir werden vorher den neuen Plan umsetzen, mit dem wir den Menschen das Wahrwerden der alten Prophezeiung vorspiegeln wollen.«

Owain ist nicht anwesend gewesen, als die Herrscherin dieses Vorhaben mit Creulon besprochen hatte. Deshalb erläutert sie nun das Vorhaben. Der oberste Heerführer nickt.

»Das ist eine vorzügliche Idee«, lobt dieser.

Auch wenn Drakonia bereits vorher davon überzeugt war, blitzen ihre Augen vor Freude. Sie bleibt mit einem Lächeln im Gesicht vor dem Zauberer stehen und betrachtet ihn nachdenklich.

»Mein oberster Magier, du bist dieses Mal schneller als erwartet hier aufgetaucht. Den Boten hatte ich erst wenige Augenblicke zuvor losgeschickt, um in der Festung und den darunter liegenden Gängen nach dir zu suchen. – Wie ist übrigens gestern das Verhör verlaufen, hast du Danryas Absichten ermitteln können?«

Creulon ist sich bewusst, die folgenden Worte mit Bedacht und wohl überlegt formulieren zu müssen. Er beginnt langsam.

»Sobald ich in Befires Reich zurück war, stellte ich fest, dass es noch jemand dort hineingeschafft hatte. Wie er den Drachen überlisten konnte, ist mir schleierhaft. Die Möwe war befreit worden und …« Der Zauberer schluckt einen Kloß hinunter, bevor er weitersprechen kann. »Der Eindringling hatte den Felsengang mit den Kerkerzellen durchsucht. Befire und ich rückten aus beiden Richtungen in den Gang vor. Der Fremde muss auf die seit Jahren dort inhaftierte Elfe gestoßen sein. Die hat er mitgenommen, als er vor uns floh.«

»Wie ist das möglich?«

»Er nutzte den magischen Sprung. Also muss es entweder ein menschlicher Zauberer oder eine Elfe gewesen sein.«

In diesem Moment mischt sich Owain ein.

»Du sagtest, der Eindringling hat eine seit Jahren dort eingekerkerte Elfe befreit. Meinst du damit Atropaia?«

»Obwohl ich bei keiner ihrer Vernehmungen durch dich dabei war, weiß ich, dass sie es sein muss. In den anderen Kerkerzellen gab es keinen weiteren, lebenden Gefangenen.«

Er wartet auf den Unmut der Königin. Was ist mit ihr los? Sonst wäre sie ihm nach den ersten Worten vor Wut schäumend dicht gegenübergetreten. Doch jetzt wendet sie sich ab und durchmisst den Raum erneut mit großen Schritten.

»Berichte, was du unternommen hast!«

Creulon staunt über die harmlose Aufforderung. Er hatte erwartet, dass sie lospoltern würde.

»Befire und ich durchsuchten die Gänge, nachdem ich vorher die Ausgänge mit Zauber verriegelte, aber ohne Erfolg. Da auf dem Gebiet der Triqueta weitreichende magische Ortswechsel unmöglich sind, schickte ich mehrere Schwärme Krähen und Dohlen los, nach ihnen zu suchen. Doch sie fanden keine Spuren von den Geflohenen. Auch bis zum heutigen Nachmittag nicht. Nachteilig ist, dass ich nicht weiß, ob Danrya oder womöglich Runa die Gefangene befreit hat.«

Owain wollte die Erläuterungen des Magiers zuerst als nebensächlich abtun. Er machte bereits eine entsprechende Handbewegung, horcht bei dem Namen des Mädchens jedoch auf.

»Dass die Elfe Atropaia entkommen ist, sollte kaum eine Gefahr für uns darstellen. Ich habe sie letztmalig mit Unterstützung durch Igoreth vor wenigen Wochen vernommen. Er versuchte, in ihren Geist einzudringen, was wegen der silbernen Klammern für Hände und Füße jedoch verhindert wurde. Er wollte, dass ich sie öffne, doch das erschien mir zu gefährlich. Auch wenn sie einen erschöpften Eindruck machte, konnte sie womöglich durch einen schnellen Zauber entwischen. Nach immerhin sieben Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie uns etwas über den Aufenthaltsort dieses Mädchens mitteilen könnte.

Mir fiel zudem auf, dass sie kaum noch lange leben würde, deshalb bin ich zuversichtlich, dass sie inzwischen gestorben sein wird. – Doch etwas anderes sollte uns zu Denken geben. Die Elfe war damals die Amme Runas, die die Tochter unserer vor zwölf Jahren ärgsten Feinde ist. Ich konnte sie in ihrem Haus überraschen, das etwa in der Mitte des Waldes steht. An dessen Waldrand wartet derzeit mein Spezialtrupp auf mich, wie bereits gesagt.«

Er blickt Drakonia und Creulon an. Letzterer nickt und greift den Gedanken Owains auf.

»Atropaia wird vermutlich in ihr Heim zurückkehren wollen, und wenn es nur aus sentimentalen Gründen ist. Der Wunsch dazu könnte durch ihren kränklichen Zustand noch gefördert werden. – Dort ist Runa vor Wochen beinahe von unseren Männern gefangen genommen worden. Sollten sie dorthin geflohen sein? – Selbst wenn Danrya die Elfe befreit hat, könnten sie auch zu dem Haus unterwegs sein. Ich kann mir vorstellen, dass das Mädchen dort auf ihre Kinderfrau warten wird. Es wird in seinen jungen Jahren sicher noch romantisch veranlagt sein und ihre ehemalige Amme in dem Heim seiner Kindheit begrüßen wollen.«

»Und das bietet uns die Gelegenheit, die Prophezeiung ein für alle Mal ausschalten zu können!«

Owain blickt siegesgewiss grinsend zwischen Creulon und Drakonia hin und her. Die signalisieren Zustimmung.

»Dann sollten wir schnellstens zu deinen Männern«, fordert der Magier. »Da wir auch nicht schnell mittels Zauber reisen können, machen wir uns besser sofort auf den Weg!«

Die Königin nickt und gibt das Zeichen, dass beide entlassen sind.

Erneute Planänderung

Runa hatte Danrya von der Befreiung Atropaias aus dem Kerker in Grimgard berichtet. Da sie die Elfe auch darüber informierte, dass Dragon versuchen will, die Drachen auf der Insel zu überzeugen, mit ihm nach Elduria zu kommen, änderte diese erneut ihren Plan. Ihr Vorhaben, die Kreaturen der Dracheninsel aufzusuchen, ist unter diesen Bedingungen nicht mehr erforderlich.

Sie versucht, Aidan zu überreden, sie zu den Nordelfen zu begleiten. Danrya weiß nicht, dass manche der dort lebenden Elfen ihren Verwandten aus den anderen Landesteilen viele ihrer eigenen, positiven Eigenschaften absprechen. Sie behaupten, sie könnten zwar zaubern, hätten sich jedoch in den vergangenen Jahrhunderten zu oft mit Menschen verbunden. Dadurch sind manche ihrer Nachkommen nicht mehr reinblütig. Und gerade das wird von diesen verbohrten Nordelfen als Makel angesehen. Sie betrachten die zu ihnen geflüchteten, letzten Westelfen als nicht ebenbürtig und verspotten sie bei vielen Gelegenheiten.

Dabei wollen sie lediglich davon ablenken, dass sie selbst kaum noch Magie beherrschen. Das ist auch der Grund, warum diese Elfen seit Jahren versuchen, sich aus Auseinandersetzungen mit Merion herauszuhalten. Die Verwandten der obersten Nordelfe und einige aus den Seitenlinien der Familie besitzen heutzutage die gleichen Zauberkräfte wie die wenigen Westelfen. Früher war das anders, doch als sie vor Jahren den Drachen magische Kräfte übertrugen, führte das nicht nur zu einer Wesensänderung mancher dieser Kreaturen. Gleichzeitig damit verloren viele der Nordelfen ihre Magie, die sie unbewusst an die Wesen der Lüfte weitergaben. Das Vermögen der betroffenen Elfen und ihrer Nachkommen, sich schneller als Menschen bewegen zu können, blieb davon unberührt. Deshalb sind diese ihnen gegenüber im Einzelkampf im Vorteil.

All das ist Danrya nicht bekannt. Sie weiß, dass es äußerst wichtig ist, die Elfen des Nordens auf ihre Seite zu ziehen. Das gelingt nur, wenn sie deren Anführerin Rubinia von der Notwendigkeit eines gemeinsamen Vorgehens gegen Drakonia zu überzeugen vermag. Ihr war in Ochsenham zu Ohren gekommen, dass sich die Elfen der nördlichen Lande zuversichtlich zeigten, keinen Angriff Drakonias auf ihr Gebiet befürchten zu müssen. Die Auseinandersetzungen mit den Truppen Merions lagen schließlich etliche Jahre zurück. Die Nordelfen meinten, einen stillschweigenden Waffenstillstand geschlossen zu haben, obwohl die Delegation der Elfen ohne eine entsprechende, unterzeichnete Vereinbarung heimkehrte. Rubinia war damals noch eine junge Elfenprinzessin und führte die Unterhändler nach Merion. Dabei hat sie die Hinterlist von Drakonias Großmutter fast mit dem Leben bezahlen müssen. Trotzdem meint sie, die seitdem vergangenen Zeiten, in denen die Herrscher Merions nicht in den Norden drängten, scheint die Bestätigung für deren Friedenswunsch zu sein.

Um der Elfenführerin vor Augen zu führen, wie unnachgiebig und skrupellos Drakonia vorgeht, wenn sie in ihrem Machthunger Ziele erreichen will, wären die Aussagen von Aidan de Elduria wichtig. Seine Familie hat besonders hart unter der Fremdherrschaft gelitten. Er ist inzwischen der unumstrittene Führer der in dem Landesteil aufbegehrenden Menschen und würde Danryas Anliegen ein größeres Gewicht verleihen. Doch der junge Mann und mögliche Erbe der Königswürde ist überzeugt, dass er die Aufständischen sich noch nicht selbst überlassen darf. Aus vergangenen Umsturzversuchen ist ihm bewusst, dass er mit einem Einschreiten der Soldaten aus Merion rechnen muss. Er hat Spione dorthin geschickt und die besorgniserregende Nachricht bekommen, dass es erste Truppenbewegungen in der ehemaligen Grenzregion gibt.

»Gerade das ist ein wichtiger Grund, dass wir die Nordelfen auf unsere Seite ziehen. In der Vergangenheit scheiterten die Aufstände gegen Drakonia, wenn nicht durch Verrat, dann daran, dass die Menschen aus Elduria auf sich allein gestellt waren. Sie waren einfach zu wenige und ihr Vorhaben dadurch zum Scheitern verurteilt. Die Menge der uns auch dieses Mal feindlich gegenüberstehenden Soldaten übertrifft die Anzahl unserer Kämpfer um ein Vielfaches!«

»Dann solltest du zu den Elfen im Norden eilen und sie überzeugen, dass jetzt der vermutlich einzige Zeitpunkt ist, zu dem das Joch dieser bösen Königin ein für alle Mal von uns abgeworfen werden kann. Aber ich muss bei meinen Männern bleiben. Sie mögen mutig sein und nicht vor einem ersten Angriff zurückweichen, doch ohne Führer werden sie dem Druck der feindlichen Kämpfer auf Dauer erliegen.«

Danrya nickt langsam. Was Aidan sagt, stimmt. Deshalb lenkt sie schließlich ein.

»Na gut. Ich wünsche dir viel Erfolg bei dieser schweren Aufgabe. Möglicherweise bekommst du schon bald Drachenunterstützung.« Sie berichtet von Dragons Vorhaben. »Doch es ist nicht gesagt, dass sich die Kreaturen der Luft schnell überzeugen lassen. Wir meinen, dass die Zeit gekommen ist, in der sie ihr Versprechen einlösen. Wir sollten dabei aber nicht vergessen, dass Drachen nach anderen Maßstäben leben und handeln. Sie werden erheblich älter als wir Elfen, da sind unerwartete Ergebnisse durchaus denkbar. – Nun denn. Wenn Dragon es nicht schafft, könnte ich sie erst recht nicht überzeugen! – Ich mache mich auf dem Weg in den Norden. Wäre da ein kurzer Abstecher bei Atropaia sinnvoll, da ihr Heim sozusagen auf dem Weg liegt? – Nein, besser nicht. Es ist größte Eile geboten, und die alte Freundin kann ich auch später noch sehen. Vielleicht sogar an meiner Seite, vereint im Kampf gegen das Böse. So wie vor vielen Jahren!«

Sie umarmt Aidan und ist sofort darauf verschwunden.

Eine der in den Norden geflüchteten Westelfen heißt Snow. Wegen ihrer hellen Haare wird sie manchmal Snow-white gerufen. Sie lebt inzwischen seit zwei Jahrzehnten im nördlichen Elfenwald, wo sie im Schloss der Elfenkönigin als Küchenhilfe arbeitet. Da sie wie alle Elfen zaubern kann, ist das nicht mit körperlicher Arbeit verbunden. Es ist viel wichtiger, die Zaubersprüche richtig anzuwenden.

Gerade heute ist ihr wieder ein Zauber misslungen. Sie steht mit gerunzelter Stirn vor den angebrannten Schmorkartoffeln und geht noch einmal die genutzten Sprüche durch. Herbeizaubern und schälen der Kartoffeln waren einfach, genauso wie das in dünne Scheiben schneiden und abtrocknen. In die riesige, eiserne Pfanne hatte sie großzügig Schmalz gegeben und unzählige Schinkenwürfel auf der Feuerstelle angebraten. Sobald die Kartoffelscheiben mit lautem Zischen in der Bratpfanne lagen, hatte sie mehrere in kleine Würfel geteilte Zwiebeln daruntergemischt, noch Pfeffer und Salz dazugegeben und auch einen Deckel darübergestülpt. Sie hatte das Feuer etwas reduziert, etwa auf halbe Stärke. Das war doch alles in Ordnung und sollte zu dem gewünschten Ergebnis führen!

Voller Vorfreude auf ihr erstes, eigenständig erstelltes Gericht, hatte sie dem zunehmenden Brutzeln gelauscht. Sie freute sich bereits auf ein Lob der vielen Elfen, da das Essen die gesamten Bewohner der Elfenfestung sättigen sollte. Als sie die Abdeckung von der über zwei Meter im Radius messenden, großen Pfanne nimmt, um die Scheiben zu wenden, riecht es nicht wie erwartet. Die Schmorkartoffeln wirken auf der Oberseite immer noch weißlich gelb. Woher kommt dann der verbrannte Geruch? Snow wendet die Kartoffeln und blickt erstaunt auf die verkohlten Unterseiten. Wie ist das möglich?

»Du hättest die Kartoffelscheiben in kurzen Abständen mehrfach wenden und auch hin und wieder etwas Schmalz hinzugeben müssen!«, klärt die gutmütig lächelnde Köchin sie auf.

»Aber, das wollte ich doch. Alle dreißig Minuten schien mir dafür angebracht. Die Zeitangabe hatte ich einmal von dir aufgeschnappt.« Snow schaut die Meisterin der Kochkunst verdattert an.

»Das ist die Gesamtdauer fürs Schmoren. Das zwischendurch notwendige Wenden der Kartoffeln muss in kürzeren Zeitabständen erfolgen!«

Mit einer Handbewegung und leise gemurmelten Worten korrigiert die Köchin, was der jungen Elfe misslungen ist. Sofort riecht es nicht mehr angebrannt, sondern würzig nach Schmorkartoffeln. Die ältere und rundliche Person nimmt mit einem Holzlöffel eine Probe. Sie nickt zufrieden in Richtung ihrer Helferin.

»Geschmacklich ist das Essen gelungen. Die erforderlichen Zutaten sind dir demnach bestens bekannt. Wenn du mich das nächste Mal vor der Zubereitung einer Speise nach den notwendigen Zeiten fragst, wirst du mir bald ebenbürtig sein.«

Snow nickt und nimmt sich genau das vor. Jetzt widmet sie sich der Beilage, die aus einem bunten Salat besteht. Dann gibt sie in eine zweite Pfanne Schmalz. Innerhalb weniger Momente ist es geschmolzen und erreicht schnell die notwendige Temperatur. Sie legt vorsichtig in Ei und Mehl gewälzte Fischfilets hinein. Sie achtet diesmal darauf, dass sie nicht anbrennen. Sie wendet sie, sobald ihrer Meinung nach der richtige Zeitpunkt gekommen ist, und lässt die andere Seite braun braten. Sie ist zuversichtlich, jetzt nicht versagt zu haben. Sie stellt die Pfanne zum Warmhalten neben die erste und blickt die Küchenmeisterin an.

»War das gut so?«

»Das hast du auf den Punkt getroffen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann kannst du mich vertreten.«

Snow strahlt über das erhaltene Lob. Sie gibt das Signal, dass das Essen bereitsteht. Kurz darauf strömen alle Bewohner in den Speisesaal, wo Köchin und Küchenhilfe die Speisen gemeinsam verteilen. Die zufriedenen Mienen bilden unausgesprochen das von der Elfe erhoffte Lob. Einige preisen sogar mit Worten das zwar einfache, aber äußerst leckere Gericht.

Abends sinkt Snow völlig erschöpft ins Bett. Sie überlegt, warum ihr immer wieder Fehler, wie die verkohlten Schmorkartoffeln, passieren. Wurde sie irgendwann mit einem Fluch belegt? Sie erinnert sich szenenhaft an unerklärliche Ereignisse, sollten die die Ursache sein? Sie lebte in einem Gebiet im mittleren Elduria, das abgelegen von größeren Städten liegt. Deshalb wunderte sie sich, als die Truppen der Königin Drakonia auch in ihren kleinen Ort einfielen, als die Schlacht gegen den König längst gewonnen war. Wetterham ist der Name der Ansiedlung, die nordwestlich des Elfenwaldes, etwa auf halbem Weg vom Waldrand bis zur Westküste liegt. Früher wohnten hier Elfen und Menschen friedlich zusammen.

Das änderte sich, sobald brandschatzende und plündernde Kämpfer der Königin Merions auftauchten. Sollten Zauberer die Bewaffneten begleitet haben, hätten sie dann dunkle Flüche auf die dort lebenden Westelfen geschleudert? Das wäre durchaus erforderlich gewesen, da sich die Elfen den Männern entgegenstellten. Dabei konnte sie einen fehlgeleiteten Zauberspruch zumindest teilweise abbekommen haben, ist Snow überzeugt.

Drakonia rechnete zudem offenbar mit Problemen, die sie mit den magisch begabten Wesen bekommen könnte. Was diese dann auch durch ihre Gegenaktionen ungewollt bestätigten. Dabei versuchten sie lediglich, sich und die Menschen ihrer Nachbarschaft vor Schaden zu schützen. Trotzdem war es aus Sicht der Herrscherin logisch, dass sie diese Wesen durch ihre Zauberer ausschalten ließ.

Snow, die damals keine zehn Jahre alt war, bewegte sich auf Anraten anderer Elfen möglichst so langsam wie Menschen, um nicht aufzufallen. Obwohl sie noch sehr jung und in Magie wenig erfahren war, versuchte sie manches Mal, denen zu helfen, die von den wie losgelassene Teufel wütenden Soldaten gepeinigt wurden. Sie wollte mit magischen Sprüchen diesem Rauben und Morden Einhalt gebieten, wurde jedoch von zwei älteren Elfen daran gehindert. Die führten die Jüngere in die Freiheit zu den Nordelfen. Mit viel Glück gelang es ihnen, sich durch die Reihen der Gegner zu stehlen. Doch seitdem schämt sich Snow, dass sie sich ihren Rettern nicht widersetzt hatte. Sie hätte Widerstand leisten und den Bewohnern Wetterhams, zumindest aber ihren näheren Nachbarn, zu helfen versuchen müssen.

»Dann wärst du längst tot!«, hatten die älteren Elfen ihr ein ums andere Mal auf die Selbstvorwürfe geantwortet.

Trotzdem nagt der Zweifel in manchen Nächten an ihr, ob das damals klug oder nur feige gewesen war. Seit den ersten Tagen in der Geborgenheit und Sicherheit des nördlichen Elfenwaldes, hat sie sich vorgenommen, sich nicht erneut vor einer Gefahr zu verbergen. Bei der nächsten Auseinandersetzung, die gegen die Soldaten Drakonias geführt wird, will sie nicht nochmals fliehen, sondern mit allen Mitteln dem Bösen die Stirn bieten.

Eine Wiederholung?

Runa forscht nach der Ursache, warum ihre Amme immer noch so schnell ermattet. Sie hat bereits mehrfach Lebensenergie übertragen und auch die neu erlernten Sprüche gegen dunkle Zauber anzuwenden versucht. Doch alles scheint erfolglos zu bleiben. Das Mädchen vermutet deshalb schon, seine Zauberkräfte verloren zu haben. Vielleicht als Spätfolge des magischen Sprungs? Wie sollte sie es sonst erklären, in dieser wichtigen Angelegenheit so wenig erfolgreich zu sein?

Zur Probe nutzt Runa kleinere Sprüche. Sie entzündet das Feuer im Kamin und bereitet das Frühstück mit Magie. Das klappt jedoch genauso ohne Probleme, wie die Änderung ihrer Gestalt. Deshalb muss etwas anderes die Ursache sein, aber was?

Voller Verzweiflung nimmt Runa an einem Nachmittag Kontakt zu Danrya auf. Atropaia ist in dem Sessel eingeschlafen, den ihre Freundin aus dem Haus in Ochsenham hierhergeholt hatte. Er ist inzwischen zu ihrem Lieblingsplatz geworden, auf dem sie sich immer öfter in eine dicke Decke einmummelt und meistens schnell einschlummert. Das Mädchen hofft, von der Westelfe einen Rat zu bekommen. Doch ihre erste Antwort lautet, dass sie aus der Ferne weder den Zustand, noch die möglichen Gegenmaßnahmen beurteilen kann. Sie hat jedoch eine Idee.

»Bist du sicher, dass Atropaia keinen Silberschmuck trägt, möglicherweise eine Halskette, Ringe oder Spangen? Für derart vergesslich halte ich sie zwar nicht, aber nach der langen Gefangenschaft könnte sie alten Familienschmuck angelegt haben. Der würde deinen Zauber zumindest abschwächen. Also nicht. Hm. Darauf hätte ich jetzt getippt. – Wie schlimm ist ihr Zustand? Hast du das Gefühl, dass ich nach ihr sehen sollte?«

»Du bist doch in Elduria, um den Aufstand gegen Drakonia zu organisieren. Wäre das eine große Störung? – Mir ist es ehrlich gesagt lieber, du könntest hierherkommen. Wenn ich Paia morgens Lebensenergie spende, ist die oft schon am Mittag aufgebraucht. Den Nachmittag verschläft sie und mag kaum den Sessel verlassen, um nach oben ins Bett zu gehen. Allmählich fühle ich mich von den ständigen Übertragungen völlig ausgelaugt.«

»Das ist als Folge durchaus möglich, meine Liebe. Ich bin zwar inzwischen auf dem Weg zu den Nordelfen, werde die Reise jedoch unterbrechen. Der Versuch, die Elfen auf die Seite der Aufständischen in Elduria zu ziehen, kann eine Verzögerung vertragen. Die Hilfe für Atropaia aber nicht, so scheint mir. Hm. Ich kann trotzdem erst in einigen Stunden bei euch sein. Einverstanden?«

»Danke! Ich weiß mir keinen Rat mehr und bin dir unendlich dankbar.«

»Dann bis später!«

Runa atmet erleichtert auf. Sie wirft einen prüfenden Blick auf ihre Amme. Woran mag es nur liegen, dass die Zauber lediglich kurz wirken? Sie hatte bereits in Grimgards Kerker Lebensenergie an Atropaia übertragen. Dass die Westelfe dabei noch silberne Spangen um Hand- und Fußgelenke trug, war die Erklärung, weshalb nur wenig der Energie wirken konnte. Dass das überhaupt gelang, lag daran, dass Runa ihr gleichzeitig die Hände auf den Kopf legte. Das vermutet sie jedenfalls. Doch die Klammern sind längst entfernt worden, noch bevor sie in das Haus im Elfenwald heimkehrten.

Ob sie einen Versuch machen sollte, in Atropaias Gedanken nach einem dort lauernden Schatten zu suchen? Obwohl sie mit Dragon diese Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, achtete sie bei der vergangenen Gedankenverbindung zur Amme nicht auf entsprechende Hinweise. Sie wurde dabei zu sehr von ihrem Wunsch abgelenkt, die Sequenzen mit ihren Eltern, vor allem aber die mit Raika, sehen zu wollen. Da die Bilder mit den letzten Lebensminuten ihrer Mutter endeten, war sie anschließend derart traurig gewesen, dass sie nicht mehr an die Suche nach versteckten dunklen Flüchen gedacht hatte. Doch jetzt drängt der Gedanke daran immer mächtiger in ihr Bewusstsein.

Sie schaut grübelnd zu ihrer Amme hinüber. Die Hände Atropaias liegen auf ihrem Schoß. Ein Blick auf eines der Handgelenke offenbart eine dunkle Spur, die darum herum verläuft. Sofort wandern ihre Augen zum anderen hinüber. Auch dort bemerkt sie diesen Schatten. Sie befinden sich an den Stellen, wo die silbernen Klammern saßen. Das wirkt auf das Mädchen so, als ob diese Bereiche im Nachhinein auf die lange Zeit der Gefangenschaft hinweisen wollten.

Ein plötzlicher Gedanke lässt Runa hochschrecken. Was ist, wenn das keine Sinnestäuschung, sondern ein feiner Abrieb von Silber ist. Könnte der womöglich in die Haut eingedrungen sein? Ist das nach so langen Jahren im Kerker auszuschließen? Es könnten andererseits auch Blutergüsse sein, da die Klammern recht eng um die Gelenke befestigt waren, oder auch schlecht verheilte Schürfwunden. Aber was davon ist wahrscheinlich?

Atropaia hatte seit ihrer Rückkehr mehr als einmal ein Bad genommen, ganz zu schweigen vom üblichen Händewaschen. Würden sich Silberpartikel derart fest auf der Haut halten? Das würde dann für eine der letzteren Möglichkeiten sprechen, obwohl das Mädchen diese Begründungen nicht akzeptieren will. Es schüttelt den Kopf, tritt zur Amme und betrachtet die leicht geschwärzten Stellen genauer. Sie wirken fast so, als ob sich dort Tätowierungen befinden würden. Es scheinen eher die oberen Hautschichten als die tieferen betroffen zu sein. Das spricht für die Theorie über Silberabrieb.

Runa nimmt sofort Kontakt zu Danrya auf und fragt, ob das möglich sein könnte.

»Ich weiß, dass Silber oxidiert und dabei schwarz wird«, antwortet diese. »Schwefel aus der Luft verbindet sich mit dem Metall. Der direkte Hautkontakt kann das Anlaufen sogar noch intensivieren. Ein Abrieb der dunklen Verfärbungen kann in den Poren der Haut festgehalten werden und die Stellen jeweils dunkel verändern. Da Atropaia die silbernen Klammern über Jahre tragen musste, ist das die logische Erklärung für die noch sichtbaren Schatten.«

»Dann sind sie auch die Ursache, weshalb die Übertragung meiner Lebensenergie nicht gut funktioniert?«

»Das wäre möglich. Wenn Silber magische Kräfte unterbindet, könnte Silberoxid das in abgeschwächter Form ebenso.«

»In den Gängen unter der Festung roch es, verursacht durch den Feueratem Befires, stark schwefelig. Sollte das für das Anlaufen der Klammern verantwortlich sein?«

»Zum Teil kann das stimmen, obwohl auch die reine Luft während sieben Jahren vermutlich ausreichen würde.«

»Was kann ich machen, um die Partikel zu entfernen. Wasser und Seife genügen offensichtlich nicht. Ich denke, Paia wird das bereits durch kräftiges Reiben mit einer Bürste versucht haben. Kennst du einen geeigneten Zauberspruch?«

Doch die Frage bleibt unbeantwortet. Muss die Elfe erst nachdenken? Als sie nach mehreren Minuten immer noch nicht antwortet, macht sich Runa Sorgen um die Westelfe.

»Danrya, geht es dir gut? Befindest du dich womöglich in Gefahr?« Aber sie reagiert nicht. Das Mädchen springt auf und läuft unruhig aus dem Haus. Sie weiß, dass sie hier genauso wenig ausrichten kann, sollte Danrya in Schwierigkeiten stecken. Trotzdem verspürt sie den Drang, sich zu bewegen. Die Elfe sagte doch, in einigen Stunden hier zu sein. Wie lange ist das her? Warum hatte sie nicht direkt zum Haus kommen können? Mit Hilfe des magischen Sprungs sind Ortswechsel über größere Distanzen ausführbar. Ist das von Elduria aus nicht möglich?

»Aber sie ist doch inzwischen nicht mehr dort«, korrigiert sich Runa. »Hm. Sie wollte zu den Nordelfen, sollte es bei ihnen ähnlich geschützte Gebiete wie die Triqueta in Merion geben? Das wäre durchaus sinnvoll, da die Elfen mit Angriffen gegnerischer Zauberer rechnen müssen. Und bis direkt in diesen Elfenwald kann sie mittels Magie auch nicht kommen. Deshalb musste ich Dragon hineinziehen und die Rückreise mit Atropaia am Waldrand unterbrechen. Nach wenigen Schritten hinein, ging es dann aber mit dem magischen Sprung direkt bis zur Lichtung mit dem Haus.«

Völlig unerwartet schießt ein fürchterlicher Gedanke durch ihren Kopf.

»Was ist, wenn Danrya Creulon begegnet? Er ist sicher auf der Suche nach uns. Kann sie in eine von ihm gestellte Falle gelaufen sein?«

»So leicht bin ich nicht zu übertölpeln«, meldet sich die Elfe wieder. »Du hast mit deiner Überlegung nicht so unrecht. Dieser dunkle Magier hat zusätzlich zu unserem Schutz seinen eigenen Zauberring um den Elfenwald gezogen. Der stoppte mich an dessen Rand. Ich wurde sogar um viele Meter zurückgeschleudert. Letzteres war eine Folge von meinen Schutzzaubern, die zusammen mit Creulons Ring bewirkten, dass ich durch die Luft katapultiert wurde. Das war auch der Grund, warum ich deine Frage nicht beantwortete. Ich fing den Sturz ab und versteckte mich als Rotkehlchen in einem Gebüsch. Die Situation erforderte einige Zeit lang meine volle Konzentration, da der Aufprall einen weithin hörbaren Alarm verursachte. Kurz nach der Gestaltänderung tauchte dieser böse Zauberer zusammen mit einer Handvoll finster aussehender Bewaffneter auf. Sie suchten die Umgebung ab, konnten mich jedoch nicht finden. – Es sieht so aus, dass mein Eindringen in den Wald derzeit unmöglich ist.«

»Creulon vermutet offenbar, dass Atropaia und ich noch nicht hier sind. Er will unsere Rückkehr auf magische Weise verhindern. Ob er trotzdem auch Reiter zur Durchsuchung in den Wald …«

Runa unterbricht unwillkürlich ihre Gedanken. Sie ist inzwischen wieder in der Wohnstube und blickt hinüber zu ihrer Amme, die schlafend in ihrem Sessel sitzt. Doch jetzt verwischen sich die Bilder. Sie steht direkt vor Atropaia, wobei sie offenbar einen Zauberspruch murmelnd auf deren Handgelenke deutet. »Renovo!« Gleich darauf bückt sie sich und nutzt erneut diesen Spruch und zeigt dabei auf die Fußgelenke. Während sie sich noch aufrichtet, dringt näherkommender Hufschlag ins Innere. Da der Waldboden derartige Geräusche dämpft, müssen die Reiter bereits dicht bei dem Häuschen sein. Die Tür birst sofort darauf mit einem blendend hellen Blitz und lautem Getöse. Grimmig blickende Männer drängen in die Wohnstube, dann verwischen die Bilder.

Runa schüttelt sich. War das eine Erinnerung an den Tag, als die Amme von Owain verschleppt worden ist? Aber wodurch wurde sie ausgelöst? Damals saß sie anders als jetzt auf dem Sofa. Deshalb weiß sie, dass das kein Rückblick, sondern ein kurzer Blick in die Zukunft gewesen sein muss.

Dann sieht sie doch noch einen kleinen Moment die Bilder von vor sieben Jahren. Sie bemerkt die langen Messer und die gespannten Bogen in den Händen der Eindringlinge, bevor auch diese Sequenz verwischt. Die Umgebung ist jetzt so, wie sie wirklich ist.

»Was bedeutet das?«, dringt Danryas Stimme in ihr Bewusstsein. Sie hat offenbar zum Teil mitbekommen, was Runa durchlebt hat.

Die berichtet hastig, dass erneut jemand hier ins Haus eindringen wird, um dieses Mal nicht nur Atropaia, sondern auch sie zu entführen. Sie könnten jedoch genauso gut getötet werden, wird ihr bewusst. Trotzdem richten sich ihre Gedanken auf das Problem, weshalb sie Kontakt zu Danrya aufgenommen hatte.

»Wird der Renovo-Spruch den Abrieb der schwarz angelaufenen Silberklammern entfernen?«

»Offenbar versuchst du das gleich. Obwohl ich dir vorschlagen wollte, die Partikel mit dem Evoco-Zauber herauszuholen.«

»Dann hältst du die Anwendung des Spruchs in diesem Fall nicht für komplett idiotisch? Ich hätte eher gemeint, dass sich der Zauberspruch hauptsächlich auf Dinge, also auf Sachen bezieht. – Soll ich das probieren oder besser die Zeit nutzen, um mit Paia von hier zu verschwinden?«

»Du hast offenbar noch wenige Augenblicke, wenn das soeben ein Blick in die Zukunft gewesen ist. Trotzdem solltest du dich beeilen.«

»Kann ich überhaupt mittels magischem Sprung von hier flüchten? Du sagtest doch, Creulon habe eine Art Ring um den Wald gewoben.«

»Nutze den Spruch, um an den inneren Waldrand zu kommen. Nimm am besten die Stelle, an der du zusammen mit Dragon eingedrungen bist. Dadurch läufst du nicht Gefahr, wie ich zurückgeworfen zu werden. Du bewegst dich dann mit Atropaia um einige Schritte nach außerhalb und nutzt erst danach den magischen Sprung, um in mein Haus in Ochsenham zu fliehen. Ich erwarte euch dort.«

»Einverstanden!«

Runa meint bereits, fernen Hufschlag hören zu können. Sie hastet mit der Schnelligkeit einer Elfe zu Atropaia und spricht den Renovo-Zauber, um die geschwärzten Stellen an Hand- und Fußgelenken zu entfernen. Sie staunt, weil das tatsächlich gelingt. Offenbar hat der Spruch die Haut erneuert.

Das Trommeln vieler Hufe auf dem Waldboden dringt ins Innere. Das Mädchen webt schnell einen magischen Schutz aus Protego und Sgiath um sich und ihre Amme. Die Tür birst unterdessen mit einem blendend hellen Blitz und lautem Getöse. Das Eindringen grimmig blickender Männer in die Wohnstube bekommt sie schon nicht mehr mit. Sie befindet sich im gleichen Augenblick an der Stelle innerhalb des Elfenwaldes, wo Dragon und sie, vor dem Nebel fliehend, mit Mühe hineingelangten. Außerhalb des Waldes zucken Blitze wild über den Himmel und dicke Regentropfen scheinen waagerecht auf die Flüchtenden zuzustürmen. Sie fallen jedoch am Waldrand zu Boden und bilden dort kleine Bachläufe. Sollte das Unwetter durch einen weiteren Zauber Creulons verursacht werden?

Atropaia, die ihre Augen kaum offenzuhalten vermag, will sich ermattet auf den Waldboden setzen. Sie versteht nicht, warum Runa das zu verhindern sucht. Die überlegt, ihr noch einmal Lebensenergie zu übertragen, doch das unterlässt sie vorsichtshalber. Sie befürchtet, ihre ganze Kraft zu benötigen, um Danryas Haus zu erreichen. Sie bückt sich und legt sich die Arme Atropaias um den Hals, wobei sie deren Körper auf ihrem Rücken balanciert. Sie beginnt, sich mit Mühe aufzurichten. Sobald beide stehen, beißt Runa die Zähne zusammen und versucht, sich dem nur einen Schritt entfernten Waldrand zu nähern. Das gelingt nur äußerst langsam, da die Amme wie ein schweres Gewicht auf ihren Schultern liegt.

Sobald sie sich genau auf der Grenze nach draußen befinden, hallt ein schriller Schrei durch die Luft. Der dichte Regen trifft sie und wirkt wie ein Wasserfall, nur dass er nicht von oben herabfällt. Die Elfe und das Mädchen sind sofort klatschnass. Atropaia reißt erschrocken die Augen auf und schnappt unwillkürlich nach Luft. Sie weiß nicht, was geschieht und klammert sich zitternd an Runa. Die zuckt fast gleichzeitig zurück, weil bernsteinfarbene Augen sie aus dem feuchten Nass heraus anstarren. Sie stützt die Amme immer noch und zieht sie weiter. Das kalt blickende Augenpaar kommt näher. Es blickt so wütend, wie der Sturm inzwischen tobt. Der starke Wind versucht, sie zurückzudrängen.

»Das kann nicht Dragon sein«, durchfährt das Mädchen ein warnender Gedanke. »Seine Pupillen lassen ein dahinterliegendes Feuer erahnen. Das hier ist …«

»Das ist die Spiegelung eines grauen Wolfes!«, warnt Danrya über Gedankenverbindung. »Creulon setzt sie gerne als Späher ein. Er will euch daran hindern, den Ring um den Elfenwald zu durchbrechen. Gleiches soll der entfesselte Wind bewirken. Der dunkle Magier steht in Verbindung mit dem Tier und nutzt hin und wieder dessen Augen. Sobald er dich sieht, wird er herbeieilen! Du musst aus dem Bereich des Zauberrings herauskommen, erst dann gelingt der Ortswechsel mit Zauberkraft.«

Das ist leichter gesagt, als getan. Der Untergrund außerhalb des Waldes ist von den Wassermassen derart aufgeweicht, dass er rutschig wie Schneematsch ist. Einen Fuß vor und einen halben zurück, ist mehr, als das Mädchen mit jedem Versuch an Abstand zum Waldrand gewinnt. Soll Runa jetzt den magischen Sprung nutzen? Sie atmet heftig und ihr Herz klopft zum Zerspringen.

»Portaro«, versucht sie, doch der Regen klatscht weiter in ihr Gesicht. Von hinten, also aus der Tiefe des Waldes, dringen näherkommende Huftritte. Werden dort die Bewaffneten erscheinen, die soeben die Tür aus ihren Angeln gesprengt haben? Runa rutscht aus, fällt erst auf beide Knie und dann flach auf den Bauch. Das Gewicht ihrer Amme drückt sie unbarmherzig nieder. Werden die Häscher sie jetzt doch bekommen? Das Trommeln der Pferdehufe ist bereits nahe und ein echter Wolf, nein, ein kleines Rudel, steht drohend nur wenige Schritte vor ihr im Dauerregen. Im Fallen lässt sie unbewusst die Arme Atropaias los. Die gleitet vom Rücken des Mädchens und auf die grauen Räuber zu. Die weichen etwas zurück und ducken sich, bevor sie ihre Mäuler öffnen. Das wirkt so, als würden sie lachen. Ihr Hecheln ist trotz des strömenden Regens zu hören. Runa meint sogar, ihren Atem als feinen Nebel vor den Schnauzen zu erkennen. Sie rollt sich entschlossen auf die Raubtiere zu. Der Leitwolf legt die Ohren an, hebt die Lefzen und knurrt drohend. Sie überlegt im Rollen, einen Zauber auf die Tiere zu schleudern. Der vorderste Wolf duckt sich und setzt zum Sprung an. Da stößt die bereits erhobene Hand des Mädchens gegen den Körper der Amme. Es greift nach dem Arm der Elfe und ruft fordernd: »PORTARO!«

Igoreth und Ingbert

Igoreth kerkert die von Owain gefangenen Elfen in Einzelzellen ein. Sie tragen silberne Fesseln um Fuß- und Handgelenke. Das verhindert nicht nur, dass sie mittels Magie fliehen, sondern auch, dass sie sich untereinander verständigen können. Aber jeder Versuch, in ihre Gedanken einzudringen, ist dadurch ebenso unmöglich. Die wahre Absicht dieser als Spione eingesetzten Elfen bleibt deshalb dem Hexenmeister und Owain, und somit auch Drakonia, verborgen. Igoreth könnte zwar deren Fesseln lösen, befürchtet jedoch, dass sie das nutzen werden, um sofort zu fliehen.

Er verspottet sie als unfähige Spione, die sich von einem Nichtmagier fangen ließen. Die Elfen waren in der Nacht durch Owain und seine Männer überrascht und in silberne Netze gewickelt worden, wodurch deren Zauberkräfte aufgehoben wurden. Dass der Heerführer ihrer Magie somit nicht hilflos gegenüberstand, lässt der Hexenmeister absichtlich unerwähnt.

Ganz so einfach verlief die Festnahme dann aber doch nicht. Die überraschten Elfen erwachten sofort und bewegten sich mit der ihnen typischen Schnelligkeit. Sie versuchten sofort, die Netze abzustreifen. Das wollten einige von Owains Männern durch ihren Zugriff verhindern und kam manchen von ihnen teuer zu stehen. Die Nordelfen zogen trotz der Enge der Umhüllung ihre Schwerter und stießen damit mehrfach zu. Die Netze erhielten durch die Schärfe der Klingen große Risse, konnten aber nicht abgeworfen werden. Als es den vereinten Kräften aller schließlich gelang, sie zu fesseln und sicher zu verschnüren, waren drei der Bewaffneten tot. Die wurden schnell verscharrt, dann brachte Owain die Elfen zu Igoreth in die Festung Elfenstein.

Der ruft seine Kollegen, die Hexenmeister der Burganlagen Menschenzwinge und Drachenhorst zu Hilfe. Gemeinsam mit Owain zeigen sie den Gefangenen die versteinerten Elfen in der Umgebung der Burg als Warnung, aber die Nordelfen geben sich unbeeindruckt. Sogar die Folterung und der Tod zweier von ihnen bleiben ohne Wirkung auf den letzten von ihnen. Von der Absicht der Späher und damit der Elfenführerin, erfahren sie nichts. Der überlebende Gefangene schweigt eisern. Enttäuscht zieht Owain von dannen, um weiter nach Elfen zu forschen.

Igoreth ist ebenso unzufrieden. Er hatte gehofft, durch die eingekerkerten Spione sein womöglich verlorenes Ansehen bei Drakonia zurückzugewinnen. Er fürchtet immer noch, dass das Entkommen der zehn jungen Eldurianer zu seiner Entlassung führen kann. Dass sie entflohen sind, während er der Königin über deren Ergreifung berichtete, wird ihn kaum entlasten. Er würde das jedenfalls nicht als Entschuldigung gelten lassen! – Warum hört er nur nichts vom Hauptmann der Wache und dem Kerkermeister, die den Flüchtigen mit mehreren Bewaffneten folgen? Sollten sie sich gegen ihn verschworen haben? Dass das nicht so ist, hofft er zwar, hält aber genau das Gegenteil für wahrscheinlicher. Er geht in seiner Einschätzung unbewusst davon aus, wie er sich an ihrer Stelle verhalten würde.

Ingbert flieht mit seinen Freunden inzwischen zum Gebiet der Nordelfen. Den aus dem Kerker Entkommenen gereicht es zum Vorteil, dass sie in aller Ruhe die besten Pferde auswählen konnten. Die bringen sie schnell voran. Nachteilig ist allerdings, dass ihnen die Gegend unbekannt ist. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass sie einem Weg folgen, der nur scheinbar direkt gen Norden führt. In unwegsamem Gelände biegt der dann unerwartet nach links, Richtung Westen ab. Das bemerken die Flüchtlinge zwar, sind aber zuerst voller Hoffnung, dass das lediglich dem Umstand geschuldet ist, dass sie einem alten Flusslauf folgen. Schon bald erkennen sie jedoch ihren Irrtum. Die Gegend ist felsig und schroff ansteigende Berge versperren jede Möglichkeit, das Flusstal zu verlassen, das sich immer weiter in die Höhe schlängelt. Einer der Berggipfel vor ihnen leuchtet weiß im Sonnenschein. Sollte dort Schnee liegen? So friedlich dieser Anblick auch anmutet, Ingbert fordert seine Freunde schließlich auf, anzuhalten.

»Wenn wir dem Flusslauf weiter folgen, führt uns der offensichtlich ins Hochgebirge. Es sieht so aus, dass zumindest auf einer der Bergkuppen Schnee liegt. Für diese tiefen Temperaturen sind wir nicht ausgerüstet. Ob es von dort eine Möglichkeit gibt, ins Gebiet der Nordelfen zu gelangen, kann ich nicht sagen. Deshalb kehren wir besser um. – Bildet eine Vorhut aus zwei Mann, die in Rufweite vorausreiten sollen. Wir haben für den Ritt in die falsche Richtung Zeit vergeudet und müssen davon ausgehen, den bisherigen Vorsprung eingebüßt zu haben. Die Verfolger können uns schon bald begegnen. Achtet auf auffliegende Vögel und nutzt eure Ohren. Der Hufschlag ist vermutlich eher zu vernehmen, als dass die Reiter zu sehen sein werden.«

Doch damit liegt der vorsichtige Mann falsch. Sie haben zwar erheblich an Zeit verloren, befinden sich dadurch jedoch nun im Rücken ihrer Häscher. Das erkennen sie, als sie an einem abzweigenden Pfad Richtung Norden abbiegen und bald darauf einen weiteren Wasserlauf erreichen. Hier wurden die Tiere der Verfolger zum Wasser geführt und haben tiefe Hufabdrücke hinterlassen. Da an dieser Stelle das Zählen der Huftritte unmöglich zu einem sicheren Ergebnis führen kann, verschieben sie das auf später. Um zu den Nordelfen zu gelangen, folgen sie der Spur. Überall dort, wo die Reiter durch die Umgebung nicht daran gehindert wurden, folgten sie keiner festen Formation. Sie schienen dann voller Eifer im Galopp geritten zu sein. Sie schwärmten sogar manchmal in die Breite, so dass deren Anzahl an dieser Stelle einfach zu ermitteln ist.

»Es sind zweiunddreißig Reiter!«, stellt Ingbert fest. »Wir sind zwar gut bewaffnet, aber sie bestimmt nicht schlechter. Hinzu kommt, dass sie gut trainiert und ausgebildete Soldaten sind. Wenn wir sie nicht überraschen können, sind wir ihnen gegenüber schon allein wegen unserer geringeren Zahl unterlegen. – Ich wundere mich jedoch über ihren Eifer, mit dem sie offenbar voranpreschen. Das spricht dafür, dass der Hexenmeister den Männern eine große Strafe angedroht haben muss, wenn sie uns nicht fassen. Aber eine große Belohnung für unsere Ergreifung könnte auch der Grund sein. Das würde wiederum erklären, dass sie sich gegenseitig im Vorankommen überbieten wollen. Dabei fällt ihnen nicht auf, dass es hier außer ihren frischen Spuren keine weiteren gibt. Das sollte sie doch stutzig machen und darauf hinweisen, dass wir nicht vor ihnen sein können. Oder sollten die Reiter nicht hinter uns her sein und einen anderen Auftrag ausführen? – Hm. Egal, was der Grund ist, wir müssen uns vorsehen, um nicht mit ihnen zusammenzutreffen.«

Sie folgen, wo immer es möglich ist, im schnellen Galopp, wobei zwei Männer erneut als Späher agieren. Nicht nur diese, auch die Nachfolgenden reiten hintereinander. Dadurch bilden sie eine lange Linie und verraten ihre geringe Zahl nicht an mögliche andere Verfolger.

In der Nacht rasten sie, sobald sie in der Ferne ein Feuer erblicken. Obwohl es kühl wird, entfachen sie keines, sondern wickeln sich stattdessen lieber in Decken. Ingbert und ein weiterer Mann schleichen Richtung Feuerschein und finden ihre Vermutung bestätigt.

Am Rand eines Kiefernwäldchens haben die Soldaten ein Nachtlager aufgeschlagen. Die Pferde sind mit langen Leinen an die Bäume gebunden, damit sie von dem mageren Gras am Waldrand fressen können. Die Bewaffneten haben sogar mehrere Zelte errichtet, die um das Feuer gruppiert sind, dessen Flammen hoch auflodern.

Ingbert überlegt, ob er mit seinen Männern einen Überfall versuchen soll. Doch der Platz scheint zu gut bewacht, als dass das erfolgreich sein könnte. Vier Posten umrunden gegensätzlich laufend das Lager, wobei zwei in jeder Richtung etwa die Hälfte des Kreises als Abstand zueinander einhalten. Sobald er das feststellt, zupft Ingbert am Hemd seines Nachbarn. Beide kriechen unbemerkt durch das Gras zurück.

Bei den wartenden Kameraden angekommen, schildern sie ihre Beobachtungen. Dann halten sie eine kurze Besprechung, wie es weitergehen soll.

»Wir könnten versuchen, sie zu überfallen, doch das scheint mir wenig aussichtsreich zu sein.«

»Eine Alternative wäre, unsere Pferde um ihr Lager herumzuführen. In ausreichender Entfernung sitzen wir auf und reiten davon.«

»Da wir die Gegend nicht kennen, und der abnehmende Mond heute Nacht hinter dichten Wolken verborgen ist, werden wir bis zum Morgen nur einen geringen Abstand vor den Verfolgern erreichen können. Sie wiederum brauchen nur den Spuren zu folgen und werden uns schnell einholen.«

»Um das zu verhindern, könnten wir ihre Pferde stehlen.«

»Das würden die Wachen bemerken. Das Wiehern nur eines Tieres würde die Hölle um uns ausbrechen lassen.«

Ingbert schlägt nach weiteren Überlegungen vor, am aktuellen Ort zu übernachten und den Verfolgern am kommenden Tag mit sicherem Abstand und vorsichtig zu folgen. Wenn die Bewaffneten wie bisher gen Norden unterwegs bleiben, finden die Flüchtlinge hoffentlich eine geeignete Stelle, um sie zu überholen. Spätestens an der Grenze zum Reich der Nordelfen werden die Soldaten eine andere Richtung einschlagen. Dann können Ingbert und seine Freunde erleichtert aufatmen und die Verfolger hinter sich lassen.

Der neue Tag verläuft wie der vergangene, sogar das Wetter ist identisch. Die als Späher vorausreitenden zwei Männer werden stündlich abgelöst. Die andauernde Aufmerksamkeit und volle Konzentration dürfen zur Sicherheit nicht nachlassen. Sollte ihnen ein Halt der Bewaffneten entgehen, würden sie schnell wieder gefangen sein. Die kommende Nacht und der darauffolgende Tag vergehen wie zuvor. Bis auf die beständig fallende Temperatur scheint es keine Änderung zu geben. Und die verbinden die Männer mit ihrem Ritt in den Norden.

Im Verlauf des Nachmittags bemerkt Ingbert, der dieses Mal die Spitze des Trupps bildet, dass die verfolgten Reiter das Tempo verlangsamen und schließlich anhalten. Sollten sie ihr Lager heute früher als bisher üblich aufschlagen wollen? Er gibt ein Handzeichen. Die Nachfolgenden kommen langsam näher und halten neben ihrem Führer im Schutz eines Gebüsches. Der rätselt, warum die Bewaffneten vor ihnen angehalten haben. Da sie nicht beginnen, ihre Zelte aufzubauen, wird es einen anderen Grund für den Stopp geben. Könnten sie Elfen vor sich erspäht haben? Ingbert ist überzeugt, dass sie der Grenze allmählich nahe sein werden, da wäre das nicht auszuschließen. Werden die Soldaten womöglich umkehren und auf sie zu preschen? Dann sollten sie ebenfalls wenden und ihr Heil in der Flucht suchen. Das Gebüsch ist nicht groß genug, dass es ihnen als Versteck dienen könnte.

In diesem Moment hören sie einen Pfiff, der ein Signal sein muss. Die Männer zerren an den Zügeln, um die Pferde zu wenden und zu flüchten, da stoppt Ingbert sie. Die Bewaffneten vor ihnen stürmen auf ihren Tieren los. Mit lautem Geschrei, das von fehlender Disziplin zeugt, biegen sie von der bisherigen Richtung nach rechts ab. Ingbert fordert seine Männer auf zu warten und reitet vorsichtig voraus. Schon bald gelangt er zu der Stelle, wo der Trupp gehalten hatte. Hier erkennt er ihre breite Spur, die nach Osten führt. Was mag der Grund für den Richtungswechsel sein? Er richtet sich in den Steigbügeln auf und versucht, etwas in der Ferne zu erkennen. Aus dieser leicht erhöhten Position heraus bemerkt er jetzt, was die Ursache für das Abbiegen der Bewaffneten gewesen sein muss. Ein schlankes Gebäude mit einer Plattform dicht unterhalb der Spitze scheint sich dort aus der Grasebene zu erheben. Er gibt seinen Männern ein Zeichen zu ihm zu kommen und an dieser Stelle zu warten. Dann reitet er vorsichtig in Richtung des Turmes.

Schon bald vermutet er, einen Militärstützpunkt Drakonias vor sich zu sehen. Dieses Fort dient offenbar als Basis für Grenzkontrollen. Es besitzt eine Palisade aus angespitzten Baumstämmen, die mehrere niedrige Gebäude und den Aussichtsturm umschließt. Anders als der Turm lugen die spitzen Dächer der Bauwerke nur soeben über die umlaufende Schutzmauer. Die Soldaten hielten vermutlich genau nach diesem Stützpunkt Ausschau und waren froh, die kommende Nacht nicht im Freien verbringen zu müssen. Der Grund für den Jubel werden die erwarteten besseren Schlafgelegenheiten, aber auch die üppigere Versorgung mit Essen gewesen sein.

Bei den Nordelfen

Ingbert kehrt zu seinen Freunden zurück und berichtet, was er gesehen hat. Dann reiten sie schnell in der bisherigen Richtung weiter. Die Dämmerung bricht nach einer Stunde an und die Männer überlegen, ob sie rasten sollen. Da ihnen das zu nahe bei dem Fort ist, wollen sie vorher noch mehr Abstand gewinnen. Die Nacht scheint gut dazu geeignet zu sein, da die Mondsichel dieses Mal nicht von Wolken verhüllt wird. Sie folgen dem Pfad und gelangen in einen lichten Wald. Die Buchen stehen genügend weit auseinander, um Platz zum Reiten zu lassen und sogar das Mondlicht erreicht stellenweise den Boden. Die Pferde prüfen die Luft und schnauben, bevor sie leise wiehernd vorwärtsgehen. Die Männer kommen jedoch nicht weit, weil ihre Tiere plötzlich scheuen. Manche bäumen sich zuerst auf, werden dann aber schnell ruhiger und halten unaufgefordert an.

Ingbert will sein Tier antreiben, doch es gehorcht nicht. Im nächsten Moment schreckt er zusammen. Sein kleiner Trupp ist von mehreren Kriegern umstellt, die aus dem Boden gewachsen zu sein scheinen. Woher die Männer und Frauen so unerwartet gekommen sind, ist ihm unerklärlich. Einige von ihnen murmeln unverständliche Worte, womit sie offenbar die Tiere beruhigen. Dabei zielen alle mit gespannten Bogen auf die Reiter.

Beim Blick auf die Bewaffneten befürchtet Ingbert zuerst, von den Soldaten des Hexenmeisters gestellt worden zu sein. Doch dann fällt ihm ein Stein vom Herzen. In Drakonias Militär sind nur männliche Kämpfer zu finden. Deshalb werden das hier Elfen, genauer gesagt, Nordelfen sein! Sie haben glatte blonde oder krause, rötliche Haare. Es gibt auch vereinzelt dunkle und schwarze, aber allen gemein ist, dass sie bis auf die Schultern hinabreichen. Ihre Kleidung ist widerstandsfähig und deren grünliche und graue Farben dienen offenbar dazu, dass sie sich im Wald einfacher verbergen können. Passt das zu dem Bild, dass er sich von diesen Wesen gemacht hat?

Er gibt seinen Freunden das Zeichen, ihre bereits gezogenen Waffen zurückzustecken. Er geht mit gutem Beispiel voran und wendet sich dann an die fremden Krieger.

»Wir haben friedliche Absichten. Wir sind Flüchtlinge aus Elduria und bitten um euren Schutz.«

Die Elfen senken weder die Waffen, noch geben sie zu erkennen, ob sie die Worte verstanden haben. Sollten sie eine andere Sprache nutzen?

»Wir wollen euch nichts Böses und erbitten euren Schutz für uns«, versucht es Ingbert erneut, wobei er bewusst langsam spricht. Da die Krieger weiterhin nicht reagieren, wagt der junge Mann etwas Ungewöhnliches. Er fordert seine Freunde auf, langsam abzusitzen und alle Waffen vor sich auf den Boden zu legen. Er geht gleichzeitig beispielgebend voran. Die gespannten Pfeile bleiben auch dann noch auf seine Brust gerichtet, als er Schwert und Messer samt Gurt abgelegt und sich einen Schritt davon zurückgezogen hat. Den Zügel seines Tieres hat er gleich nach dem Absteigen losgelassen. Er fordert seine Männer mit Blicken auf, es nachzumachen. Erst, als ihm alle gefolgt sind, senken die Krieger ihre Bogen. Einige von ihnen treten vor und sammeln die Waffen ein, ohne ein Wort zu sagen. Die anderen nehmen ebenso schweigend jeweils die Zügel von zwei Pferden und führen sie fort. Dabei beobachten die Entwaffneten etwas Unwirkliches. Die Tiere werden mehrere Schritte geführt, um dann zu verschwinden. Sollten die Nordelfen Zauber nutzen? Ingbert hat davon berichten hören, es aber stets für eine Art Kindermärchen gehalten. Doch hier scheinen die Geschichten zur Wirklichkeit zu werden.

Die Elfen mit den aufgesammelten Waffen folgen den vorangegangenen Kriegern und lösen sich etwa an der gleichen Stelle in nichts auf, so wie zuvor die mit den Pferden. Zwei hochmütig blickende Nordelfen geben ein Handzeichen. Die noch staunenden Freunde werden gleichzeitig von einer wohlklingenden Stimme aufgefordert, zu folgen. Wer von den beiden gesprochen hat, bekommen sie nicht mit. Die Männer gehen voraus und drehen sich nicht einmal um. So sicher fühlen sie sich, dass die Fremden ihrer Aufforderung nachkommen werden.

Sechs weitere Elfen, es sind allesamt Frauen, stehen mit gesenkten Bogen rechts und links und bilden eine Gasse, durch die Ingbert, seinen Freunden vorneweg, den Vorausgehenden folgt. Er beobachtet genau was geschieht. Er kann weder auf dem Waldboden noch an den wenigen Bäumen, die er passiert, etwas Besonderes entdecken. Trotzdem erscheint urplötzlich eine beeindruckende Festung vor ihm, zu der die vorangehenden Elfen ihre Pferde und Waffen bringen. Sie steht auf einer großen Freifläche und ihre vielen Türme mit den wehenden Fähnchen auf ihren Spitzen wirken im hellen Mondlicht beeindruckend.

Ingbert reißt sich von dem Anblick los. Er dreht sich schnell um und sieht, wie seine Freunde offenbar aus dem Nichts hinter ihm erscheinen. Haben sie soeben eine Art Tor durchschritten? So wirkt es auf ihn, doch er bemerkt kein Anzeichen oder sonstiges Merkmal, das auf dessen Vorhandensein hindeutet. Sobald schließlich die sechs Frauen auftauchen, gibt es einen kleinen wellenförmigen Wirbel und danach eine Reflexion, in der die umstehenden Bäume kurzzeitig verzerrt wiedergegeben werden. Was es auch gewesen ist, es scheint nun nicht mehr dort zu sein, schlussfolgert Ingbert. Er dreht sich zurück und folgt den vorausgehenden Elfen.

Sie werden über einen mit feinen Steinchen bestreuten Weg, über eine Holzbrücke und durch ein Tor geführt, das mit einem hochgezogenen Fallgitter gesichert werden kann. Die zinnengekrönten Mauern weisen eine beachtliche Dicke auf. Der junge Mann schaut sich neugierig um und versucht, Vergleiche mit den drei Burgen der Triqueta anzustellen. Diese Anlage ist um vieles größer und mächtiger gestaltet. Der gesamte Innenbereich ist mit Feldsteinen gepflastert. Die Gebäude wirken gleichzeitig weniger bedrohlich, obwohl sein geübtes Auge erkennt, dass die Festung schwieriger zu erobern sein würde, als die ihm bekannten Burgen Drakonias.

Ingbert beschleunigt den Schritt. Sobald er sich dicht hinter den vorausgehenden Elfen befindet, wendet er sich an sie.

»Ihr sprecht unsere Sprache, wie ich hören konnte. Das freut mich. Wie vorhin schon gesagt, sind wir Flüchtlinge, die bei euch Schutz suchen. Gewährt ihr uns diesen?«

Eine Antwort bekommt er nicht. Sollten die Elfen ihn doch nicht verstehen und lediglich wenige Worte beherrschen? Im ersten Moment ist er stehengeblieben, aber nun schließt er wieder auf und legt seine Hand auf die Schulter eines der vorausgehenden Krieger. Seine Absicht ist, sich dessen Aufmerksamkeit zu sichern, um ihm mit Zeichen darzulegen versuchen, was er möchte.

Im gleichen Augenblick, in dem er die Kleidung berührt, liegt er mit dem Bauch auf den harten Steinen des Innenhofes und spürt ein Messer an seiner Kehle.

»Wie kannst du es wagen?«, zischt der Krieger. »Ich lasse mich nicht von einem derart ängstlichen Wurm berühren!«

»EREMON!« Dieser laut ausgesprochene Name bezieht sich offenbar auf den Elfen, der auf Ingberts Rücken kniet. Das Messer ist so schnell verschwunden, wie es an die Kehle gedrückt worden war. Auch der Druck im Kreuz ist weg. Der junge Mann richtet sich mit wutblitzenden Augen auf und stellt sich herausfordernd vor den Elfenkrieger. Noch bevor er etwas sagen kann, steht eine Elfenkriegerin neben ihnen, Sollte sie soeben noch den Abschluss gebildet haben? Obwohl die neun Freunde aus Elduria murren und sich näher zu ihrem Führer drängen, zeigt sie keinerlei Anzeichen von Angst.

»Was ist hier los?« Ihr herrischer Blick zeugt davon, dass sie in der Rangordnung offensichtlich höher als Eremon steht. Bevor der antworten kann, nutzt Ingbert die sich bietende Gelegenheit.

»Ich bin gestolpert und diesem Krieger in den Rücken gefallen, was er als Angriff gedeutet haben muss.« Er blickt in die dunkelgrünen, fast schwarzen Augen der Kriegerin. Deren nahezu weiße und kaum gelockten Haare reichen wie bei den anderen bis auf ihre Schultern hinab, werden aber zusätzlich über ein geflochtenes, grünes Stirnband gehalten. Ob dieser Unterschied etwas zu bedeuten hat, fragt sich der junge Anführer. Die Augenbrauen der Elfenkriegerin heben sich. Sollte er sie unangemessen anstarren? Ingbert wendet sich sofort ab und dreht sich dem Elfen zu, dessen Messer er vorhin so schnell an seinem Hals gespürt hat. »Ich bitte um Verzeihung!« Er verbeugt sich tief und richtet sich langsam wieder auf. Der junge Mann will vermeiden, als Unruhestifter eingeordnet zu werden. Er ist überzeugt, wenn das geschehen sollte, wird er die Elfen kaum überzeugen können, sich an die Seite der Aufständischen in Elduria zu stellen. Eremon starrt ihn an. Er scheint zu überlegen, was er von dieser Reaktion Ingberts halten soll. Zum zweiten Mal überrascht der durch eine Geste, die zumindest Vorsicht zeigt. Er neigt seinen Kopf, als würde er die Entschuldigung des Menschen akzeptieren.

»Hasenfuß«, zischt er fast unhörbar und richtet sich hochmütig blickend wieder auf.

»Was sagtest du?«, erkundigt sich die Elfe, die das Wort offenbar nicht richtig gehört hat.

»Ich antwortete, dass ich die Entschuldigung akzeptiere! Eira.« Sein Blick weicht dem seiner Vorgesetzten nicht aus. Diese wendet sich nun an Ingbert und fordert ihn auf, zu wiederholen, was er zu Eremon gesagt hatte. Der wundert sich, weshalb das erforderlich sein sollte. Kann sie erst nach dem magischen Übergang hierher zu den anderen Elfen gestoßen sein? Davon hatte er nichts mitbekommen, will es aber auch nicht ausschließen. Ein Blick zurück beweist, dass wie zuvor sechs Kriegerinnen den Abschluss bilden. Eira muss also soeben erst zu ihnen gestoßen sein. Deshalb wiederholt er fast wortwörtlich, was er beim Treffen mit den Bewaffneten gesagt hatte. Die Nordelfe schaut ihn daraufhin grübelnd an und nickt nach kurzem Nachdenken.

»Die Kunde eines Aufstandes in Elduria gegen Drakonia ist bereits bis hierher gelangt. Weshalb ihr Asyl wünscht, könnt ihr später erklären. Wir müssen uns erst überzeugen, dass euer Kommen keine List unserer Feinde ist.« Sie wendet sich an Eremon. »Führe sie in die Gästezimmer und haltet sie dort unter Beobachtung, bis ich anderes verkünde.«

Sie dreht sich um und eilt davon. Ingbert vermag kaum, ihren schnellen Bewegungen zu folgen. Die wirken fast so, als würde sie einen Zauber nutzen, um zu einem neuen Ort zu gelangen.

»Wie mögen die Zimmer wohl aussehen?«, fragt er sich.

»Folgt mir«, fordert Eremon und geht ihnen voraus.

Der Elf achtet darauf, nicht zu eilig zu gehen. Trotzdem müssen sich die zehn Freunde aus Elduria anstrengen, nicht den Anschluss zu verpassen. Sie wollen vermeiden, womöglich vorangetrieben zu werden. Sie werden immer noch von sechs bewaffneten Kriegerinnen begleitet, die den Abschluss bilden, während Eremon mit einem Krieger vorauseilt. Die Männer werden an vielen Gebäuden vorbeigeführt. In einer Schmiede wird gehämmert, dass die Funken fliegen. Ein schneller Blick verrät, dass dort die berühmten Elfenklingen geschmiedet werden. Daneben folgt ein Vorratslager mit unterschiedlichen Metallen. Anschließend folgt ein Arsenal mit fertigen Waffen. Nach einer größeren Lücke folgen ein Speicher mit Korn und anschließend auch eine Bäckerei. In einem eingezäunten Bezirk picken verschiedenfarbige Hühner nach Gräsern und grünem Blattwerk. Gänse und anderes Federvieh halten sich ebenfalls dort auf.

Der Weg führt weiter über den Innenhof in den hinteren Bereich. Hier gibt es einen Stall, in den die Pferde geführt werden. Ingbert fragt sich, wo die Reittiere der Nordelfen untergestellt sein mögen. Dass die in das relativ kleine Gebäude passen würden, verneint er sofort. Er weiß natürlich nicht, dass nur wenige Tiere der Elfen in einem separaten Teil der Festung untergebracht sind. Dort gibt es ausreichend Platz für möglicherweise schnell benötigte Pferde. Die meisten der Reittiere befinden sich außerhalb der Festung in freiem Auslauf. Bei Bedarf können sie sehr schnell herbeigeholt werden. Der Stall dient nur zur Aufnahme der Pferde von Gästen, oder falls eigene beschlagen werden müssen. Das geschieht jedoch nur dann, wenn einer der seltenen Besuche in einer Menschenstadt notwendig sein sollte. An all diesen Gebäuden läuft Eremon vorbei.

»Wohin führt ihr uns?«, fragt Ingbert. Er erkennt jetzt die hintere Außenmauer, in der ein hoher Turm integriert ist. Die große Eichentür steht weit offen. Werden die Gasträume darin zu finden sein? Der Elf vor ihnen antwortet nicht. Er scheint die Menschen lieber ignorieren zu wollen. An dem doppelflügeligen Tor bleibt er stehen und deutet stumm nach innen. Die Männer sehen dort lediglich eine Tür. Sollte dahinter eine Wachstube liegen, so wie in Elfenstein? In der schlief der Kerkermeister, an dem sie sich auf ihrer Flucht leise vorbeischleichen mussten. Der zweite Elfenkrieger öffnet die Tür und weist hinein. Doch hier ist kein Raum zu erkennen, sondern die ersten Stufen einer Treppe, die nach oben führt.

»Hinauf!«, ist alles, was der Krieger sagt. Die Männer zögern kurz, folgen dann aber der Aufforderung. Was bleibt ihnen auch sonst übrig?

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Возрастное ограничение:
0+
Объем:
290 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783754170670
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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