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Anna Q

und die Suche nach Saphira

Fantasy-Roman

Norbert Wibben

Anna Q

und die Suche nach Saphira

Anna Q, Band 1

Für Nils, Malte und Maraike

Ich liebe euch!

In Erinnerung an viele schöne Vorleseabende mit meinen Kindern verpacke ich auch diese Geschichte in den bekannten Dreizeiler:

Ein Huhn und ein Hahn – …

Schnee und Eis

Im Internat

Eine Schachpartie

In der Nacht

Ein seltsamer Traum

Herausforderung

Anderswelt

Saphira

Dragon-tan

M hoch Zwei

Informationssuche

Kreaturen der Anderswelt

Gefährliche Wesen

Unterwegs

Ein Plan

Zurück im Internat

Träume

Ein internes Turnier

Auguste de Enaid

Feuerdrachen

Flugübungen

Im Nebelwald

Troylinge

Gefangen!

Drachen greifen an

Minerva

Ein neuer Plan

Waldelfen

Im Käfig

Entkommen

Die Jagd beginnt

Auf zum Gipfel

Der Nebelwald erscheint

Der mittlere Berg

Im Moor

Flucht aus dem Sumpf

Eisdrachen

Beratung

Zurück im Elfenwald

Nachts im Park

Überraschung am Morgen

Zaubersprüche

Danksagung

Schnee und Eis

Ein Huhn und ein Hahn – die Geschichte fängt an


Wolfsgeheul lässt das Mädchen aufschrecken. Es klingt näher als je zuvor! Werden die grauen Räuber gleich zum Höhleneingang hereinkommen? Dort prasselt zur Abschreckung ein lustiges Feuer, doch die Nacht ist noch lang und der Brennvorrat besteht nur aus wenigen Holzstücken. Irgendwann schläft es trotz der großen Angst vor diesen Tieren ein.

Beim Öffnen der Augen ist ein verschwindender Schatten zu erkennen. Offenbar stand soeben noch jemand vor dem Eingang, vermutlich eines der Raubtiere! Warum ist es nicht hereingekommen? Das Feuer kann es nicht davon abgehalten haben, denn das ist ganz herabgebrannt. Das Mädchen ergreift schnell die letzten, dürren Äste und legt sie auf die kaum noch vorhandene, restliche Glut. Hoffentlich ist es jetzt nicht zu spät. Ängstlich blicken die Augen immer wieder zur Höhlenöffnung, während mit kräftigem Pusten das Feuer erneut entfacht werden soll. Kehrt der Schatten zurück, um sich dann in einen zähnefletschenden Wolf zu wandeln? Aufatmend bemerkt das Mädchen die ersten, zögernden Flammen. Qualm steigt auf und brennt in seinen Augen, dann flammt das Holz hell auf.

Erst jetzt wird dem Mädchen klar, was ihm, seit dem Aufwachen, seltsam vorkommt. Ein Schatten bedeutet, dass es draußen heller als bisher ist, der Morgen muss endlich angebrochen sein! Ein ausgiebiges Frühstück wäre nicht schlecht, mit heißem Kakao zum Aufwärmen. Doch Nahrungsvorräte sind nirgends zu sehen. Also erhebt es sich, stampft heftig mit den Füßen auf und schlägt mehrfach die Arme um den Oberkörper. Zusammen mit dem kleinen Feuer sorgt das für Wärme und gleich kehren die Gedanken an die Bedrohungen der letzten Nacht zurück. Hoffentlich lassen die Wölfe im hellen Tageslicht von ihm ab! Falls nicht, wird sich das Mädchen, anders als im Dunkeln, gegen sie wehren können. Sein Blick fällt auf einen verzierten Bogen und einen Köcher mit Pfeilen. Mit dem Elfenbogen in der Hand und einem aufgelegten Geschoss tritt es vorsichtig durch den Ausgang. Es will einen kurzen Rundumblick wagen.

Sofort kneift das Mädchen die Augen zusammen. Die Sonne ist im Osten hinter den Bergkuppen erschienen. Ihre Strahlen werden von den vielen Kristallen hoher Schneewehen gleißend hell zurückgeworfen. Erleichtert registriert es, dass keine Wölfe zu sehen sind. Der Blick schweift über die schroffe Landschaft. Große Bäume gibt es hier nicht, lediglich verkümmerte Exemplare sind als Windflüchter bergab in der Ferne zu sehen. Einige zerzauste Büsche schauen halb verborgen unter hohen Wehen hervor. Komischerweise wirken sie auf das Mädchen ermutigend, etwa so, als wollten sie sagen: Schau her, wenn die Schneelast schwer wird, geben wir nach, um nicht zu brechen. Sobald die Sonne kräftiger wird und die Schmelze einsetzt, richten wir uns aber wieder auf.

Das Mädchen schüttelt den Kopf. Was sollen diese Gedanken und warum ist es überhaupt hier oben in den Bergen?

Im nächsten Moment schrickt es zusammen. Ein hoher, schriller Ton zerreißt die morgendliche Stille. Die Augen werden zu schmalen Schlitzen und suchen trotz Gegenlicht nach den Kreaturen, die voller Selbstvertrauen ihre Herausforderung laut brüllend kundtun. Das Mädchen blickt hastig umher. Wie soll es sich gegen diese Ungeheuer schützen? Es sind bisher nur die Schreie zu hören, aber allein die verursachen ein Kribbeln der Kopfhaut. Der Bogen wird in die Höhle geworfen, dann das Feuer ausgetreten und die letzte Glut mit Schnee erstickt, den Hände flink darauf schaufeln. Reicht das als Schutzmaßnahme? Schnell schnappt es den Bogen und den Köcher, hebt den Umhang vom Boden auf und wickelt ihn um sich. Als das Mädchen vor die nächtliche Zuflucht tritt, sind drei Punkte am Himmel zu erkennen, die scheinbar direkt aus der Sonne kommend, heranrasen. Die Schnelligkeit der Kreaturen ist gewaltig. Macht es da überhaupt Sinn, vor ihnen in dem tiefen Schnee davonzulaufen? Abgesehen von dem Geschwindigkeitsunterschied, wird das Mädchen eine weithin sichtbare Spur hinterlassen! Sein Blick fällt auf einen der halb verwehten Büsche. Mit grimmigem Gesichtsausdruck stolpert es mehr, als dass es rennt, seine Spur vom gestrigen Abend zurück. Vielleicht gibt es dort unten eine besser geeignete Zuflucht, obwohl es sich an Gestern nicht erinnert.

Die Fährte führt im Zickzack den steilen Berggipfel wieder hinab. Erneut schrillen Schreie durch die kalte Winterluft. Sie klingen so laut, dass die Wesen, die sie ausstoßen, direkt über dem Mädchen sein müssten. Sein Herz klopft heftig, und eisige Schauer rieseln über seinen Rücken. Am Himmel nach den Kreaturen zu suchen, traut es sich nicht, wichtiger ist jetzt schnelle Flucht und ein besser verborgenes Versteck. Wie konnte es nur so töricht sein, fast auf einer Bergkuppe ein Feuer zu entzünden. Das musste doch in der Nacht weithin sichtbar gewesen sein und die Feinde herbeigelockt haben! Unwillkürlich zuckt das Mädchen bei den lauten Schreien zusammen, duckt sich und zieht die Schultern hoch. Das ist eine unbedachte Bewegung beim Laufen, weshalb es prompt auf der vereisten Spur ausrutscht. Das Mädchen rudert mit den Armen, doch es kann seinen Sturz nicht aufhalten. Es schlittert liegend und mit den Füßen voraus über den festgetrampelten Schnee, um in der nächsten Kurve wie ein Geschoss geradeaus in die etwa kniehohe Schneewand zu schießen. Die Rutschpartie dauert nicht lange, dann wird sie durch ein Gebüsch gestoppt. Prustend richtet sich das Mädchen auf und bekommt ein kleines Schneebrett von den Zweigen des Busches auf den Kopf und in den Nacken. Der Himmel verdunkelt sich, und ein weiterer Schauer läuft über seinen Rücken. Das Rauschen großer Flughäute und erneutes Kreischen ziehen den Blick unweigerlich nach oben. Drei riesige Eisdrachen umzingeln die Bergkuppe und den Höhleneingang. Im nächsten Augenblick zischen Eisspeere in den Eingang. Eines dieser Wurfgeschosse, das eine besonders widerwärtig aussehende, gezackte Spitze hat, wird zielsicher dorthin gejagt, wo noch letzte Wärmespuren vom gelöschten Feuer zu ahnen sein müssen. Eisdrachen können sie besser wahrnehmen, als Hunde die Witterung eines Kaninchens. Einer der Lindwürmer dreht seinen weißen Kopf in die Richtung, in die das Mädchen geflüchtet ist. Sein schriller Schrei durchschneidet die Morgenluft. Er klingt wie zerberstendes Eis. Er stößt seinen weißen Atem aus, der sogar den Schnee noch erstarren und zu durchsichtigem Eis gefrieren lässt. Die Köpfe der beiden anderen rucken herum. Eisblaue Augen, mit darin loderndem, silbernem Feuer, blicken starr. Plötzlich meint das Mädchen, von ihnen gesehen zu werden. Es will aufspringen und fortlaufen, doch irgendetwas lähmt es. Die Drachen kreischen erneut und schwingen sich in die Luft. Sie breiten ihre Flughäute aus und segeln schnell heran.

Anna öffnet mit Anstrengung ihre Augen. Das Herz klopft wild und ein gieriger Atemzug beweist, dass sie soeben unwillkürlich die Luft angehalten hat. Sie wollte von den Eisdrachen nicht entdeckt werden, wozu das Ausatmen unweigerlich geführt hätte. Aber wieso eigentlich?

»Das war doch nur ein Traum!«, versucht sich das Mädchen, zu beruhigen. »Drachen spucken normalerweise Feuer, wenn sie in Geschichten auftauchen, aber keine Eisspeere!« Das hat sie noch nie gehört oder gelesen, aber warum träumt sie ein derartiges Durcheinander? Ob es damit zu tun hat, dass sie vor dem Einschlafen an ihren Vater dachte, der jetzt in der Antarktis unterwegs ist? Anna lässt sich wieder aufs Bett sinken. »Schnee und Eis gibt es am Südpol jede Menge, Berge und sicher auch Höhlen. Wölfe gibt es dort jedoch nicht! Und wie komme ich dazu, von einem Elfenbogen zu fantasieren? Derartige Dinge in einem Traum zusammenzufassen, ist komisch, zumal ich weder von den Tieren, noch von Elfen gelesen habe.« Annas Blick wandert zu ihrem Schreibtisch, doch im Dunkeln der Nacht kann sie dort fast nichts erkennen. Lediglich ein feines, bläuliches Leuchten scheint von der Stelle auszugehen, wo die Bilder von Vater und Mutter an der Wand hängen. Annas Blick wandert zum Fenster. Wird ein derartiges Licht von draußen hereingeworfen? Am Nachthimmel sind einige Sterne hinter schnell ziehenden Wolken zu erkennen, sonst nichts. Nicht einmal der Mond ist zu sehen. Dann huscht ein dunkler Schatten am Fenster vorbei und ein lautes Krächzen schallt herein. Anna versucht, ihre aufflackernde Angst durch Logik einzudämmen und zwingt sich, langsam zu atmen. »Der Schrei stammt vermutlich von einer Eule, die auf der Jagd nach einer Maus ist. Das ist im Traum zu hören gewesen und wurde von meinem Gehirn in eine abenteuerliche Geschichte verwoben.« Dass eine Eule sich bei der Jagd nicht durch ein Geräusch verrät, fällt ihr nicht auf. Genauso wenig, dass der Schrei nicht zu einer Eule passt. Das Krächzen klang eher nach einem Rabenvogel! Trotz dieser Widersprüchlichkeiten schlummert Anna wieder ein. Den Rest der Nacht träumt sie nicht.

Im Internat


Eine Schwarzdrossel klappt die Augendeckel mehrfach auf und zu. Den Kopf dreht sie wachsam nach links und rechts, und den hell leuchtenden, gelben Schnabel streckt sie nach vorne. Der Vogel sitzt auf einer von vielen Spitzen eines alten Eisentors und trillert mehrmals. Das gelb umrandete Augenpaar hat etwas entdeckt. Das Tier flattert mit kurzen Flügelschlägen von seinem Hochsitz. Es wirkt fast wie ein schneller Sprung und die Drossel landet entfernt zum Weg unter einem Gebüsch. Sie legt den Kopf schräg, hüpft zweimal vorwärts, wartet kurz und pickt mit der Schnabelspitze in den weichen Untergrund. Der Kopf wird zurückgezogen, um dann erneut den Schnabel in den Boden zu stoßen. Erdbrocken fliegen zur Seite. Dieser Versuch ist erfolgreich. Ein Regenwurm wird langsam aus dem Erdreich gezogen. Jetzt ist es geschafft. Ein kurzer frohlockender Ruf des Vogels, dann fliegt er mit seiner Beute im Schnabel davon. Er sucht das Junge, das in der Nähe auf dem Boden herumhüpft.

Vom Tor führt ein mit kleinen Kieseln bestreuter Weg zu einem imposanten Gebäude. Es ist ein ehemaliges Schloss, das mit vielen Spitzen und Türmchen verziert ist. Die drei Etagen bieten mit den vielen Fenstern einen beeindruckenden Anblick. Das Haupthaus und seine Nebengebäude werden seit Jahrzehnten als Internat genutzt. Landesweit ist das »CC«, wie es oft abgekürzt anstatt »Cinnt caisteal« genannt wird, eine angesehene Einrichtung. Anders als in vielen sonstigen Schulen, liegt dessen Schwerpunkt nicht nur im Sport, was sich auch in ihrem Leitspruch ausdrückt: »Scientia potestas est.« Das bedeutet: »Wissen ist Macht.«

Am Spätnachmittag findet an manchen Tagen kein Unterricht in den Klassenräumen statt. Trotzdem gibt es keinen Müßiggang, da diese Zeit für vielfältige Aktivitäten genutzt wird. Die Schüler und Schülerinnen üben entsprechend ihren Neigungen Fähigkeiten, die sehr unterschiedlich sind.

Auf dem weitläufigen Gelände, das mit Mauern von der Umwelt abgegrenzt ist, werden Leichtathletik und Mannschaftssportarten trainiert. Auf den Rasenflächen hinter dem Haupthaus finden verschiedene Ballsportarten statt. Die Mannschaften werden von denen angefeuert, die gerade pausieren. Meistens tragen sie kleine Turniere untereinander aus, was die Fähigkeiten der einzelnen Spieler besonders fordert. Sie bereiten sich auf Vergleichswettkämpfe mit anderen Schulen vor, die im Herbst stattfinden sollen.

Im spätsommerlichen, warmen Wetter halten sich die meisten Schüler jedoch am nahegelegenen Fluss auf. Der Sport auf und im Wasser findet regen Zuspruch. Es wird geschwommen und in verschiedenen Booten gerudert, teilweise auch hier als Vorbereitung für die Herbstwettkämpfe.

Aber auch im Internatsgebäude halten sich Schüler auf. Manche haben sich in den Schatten der Gänge im Inneren zurückgezogen und diskutieren in kleinen Gruppen über Themen aus dem Philosophie- oder Rechtskunde-Unterricht. Einige rätseln über gestellte Mathematikaufgaben oder unterhalten sich auch einfach über private Dinge. Die großformatigen Bilder an den Wänden werden kaum beachtet. Manche von ihnen stellen Szenen dar, die zu Diskussionen über Themen zur Weltanschauung passen, oder sie zeigen Geschehnisse der Geschichte.

Im Lesesaal der Bibliothek sind viele Tische besetzt. Dort studieren Jungen und Mädchen in alten Wälzern. Die darin enthaltenen Informationen werden für Ausarbeitungen und andere Hausaufgaben genutzt.

Im Mittelbereich des Hauptgebäudes befindet sich im Erdgeschoss ein großer Speisesaal, in dem fast schon alle Plätze der langen Tischreihen für das Abendessen gedeckt sind. Viele Helfer sind hier tätig, wobei auch Schüler der oberen Klassen eingesetzt werden. Auf einem Servierwagen transportieren drei von ihnen Geschirr und Besteck. Sie bleiben am Ende einer der Tischreihen stehen und hüsteln demonstrativ. Sie wollen eine Gruppe von Schülern vertreiben, die zwei Jungen umstehen. Die sitzen sich gegenüber und sind mit Schachspielen beschäftigt.

»Jetzt ist es genug. Warum spielt ihr nicht woanders? Wir müssen die Tische vorbereiten und benötigen den Platz!« Nur widerstrebend heben die Spieler ihre Köpfe.

»Wir sind in wenigen Minuten fertig«, antwortet der ältere der beiden. »In vier Zügen ist mein Gegner schachmatt.« Der Jüngere nickt nach kurzem Überlegen und murmelt:

»Stimmt.« Er legt seinen König hin, was sofort ein Grinsen in das Gesicht des anderen zaubert. Die Jungen erheben sich.

»Ihr könnt weitermachen«, wendet sich der Ältere herablassend an die drei Schüler und richtet sich zu voller Größe auf. Der Unterlegene verstaut die Figuren in dem zusammenklappbaren Schachspiel.

»Ich wollte doch auch noch gegen Alexander spielen!«, protestiert die elfjährige Anna, die eine der umstehenden Zuschauer ist. »Ich warte seit Wochen auf die Gelegenheit dazu. Immer wieder drängen sich andere vor, so wie heute. Ich bestehe auf einem Spiel, auch wenn ich mich körperlich in diesem Gewusel nicht gegen ältere Schüler durchsetzen kann.« Das Mädchen verhindert mit Mühe, wütend mit einem Fuß aufzustampfen. Die grauen Augen blitzen zornerfüllt erst den jüngeren, dann den älteren Spieler an, wobei sie einen leicht bläulichen Schimmer annehmen.

»Was kann ich dafür?« Der gutaussehende, fünfzehnjährige Alexander schüttelt seine schwarze Lockenpracht und blickt mit einem überheblichen Gesichtsausdruck in die Runde. Er ist der unumstrittene Schach-Champion der Schule und sucht nach dem Herausforderer. Unter den Zuschauern schließt er sofort drei als Sprecher aus. Die Mädchen kommen aus seiner Klasse und spielen kein Strategiespiel, wie er weiß. Sie sind vermutlich nur hier, weil sie für ihn schwärmen. Sein Blick schweift über vier Jungen, die er bereits in der Vergangenheit mehrfach in dem Spiel geschlagen hat. Nein, die sind es auch nicht! Dann fixieren seine Augen die zierliche Anna. Sollte sie ihn gefordert haben? Aber sie ist doch eine von den Kleinen und wird erst seit Schuljahresbeginn im Internat sein. »Ich trete nicht gegen Babys an! Wenn ich auf deine Forderung eingehe, ist das Spiel schneller beendet, als es dauert, die Figuren aufzustellen. Ich will vom Gegner wenigstens etwas lernen, wenn ich schon Zeit opfere. Wenn du verlierst, und das steht für mich unumstößlich fest, wirst du vermutlich zu flennen beginnen. Wie kann das wohl meine Fähigkeiten weiterbringen?« Das laute, überhebliche Lachen wird sofort von seinen Bewunderern aufgenommen und schallt dem Mädchen ins Gesicht. Es fühlt sich an, als ob sie geschlagen worden wäre, trotzdem schaut sie den älteren Jungen trotzig an! Sie will nicht klein beigeben! Lediglich dem dreizehnjährigen Robin, dem zweiten der beiden Schachspieler, ist unbehaglich zu Mute. Er bittet Anna mit Blicken stumm um Verzeihung, da er sich tatsächlich vorgedrängt hatte. Der Junge nickt Alexander knapp zu und drängt sich aus der Mitte des Knäuels heraus. Im Weggehen wendet er sich an Anna.

»Wenn du gegen Alexander antreten möchtest, solltest du sicher sein, eine Chance zu haben. Er wirkt überheblich und von sich eingenommen, spielt aber überragend gut. Und er gilt als Champion der Schule, obwohl wir keine Wettkämpfe im Schach austragen. Falls er dich in wenigen Zügen besiegt, wirst du für lange Zeit, möglicherweise sogar das ganze Schuljahr zum Gespött aller.« Anna glaubt, ihren Ohren nicht trauen zu können. Soll das eine Warnung oder ein gutgemeinter Rat sein? Sie ruft dem Jungen hinterher. Dass die anderen, besonders aber Alexander, das hören, ist ihr völlig gleichgültig. Die arrogante Reaktion des Älteren brennt wie eine wild lodernde Flamme in ihren Gedanken.

»Das mag sein, aber ich kann und werde gegen ihn gewinnen!« Das Mädchen folgt dem Jungen, der nun stehenbleibt und sie lange betrachtet. Schließlich fordert er sie auf, mitzukommen.

»Du erinnerst mich an … Aber egal. Zu sehr von den eigenen Fähigkeiten überzeugt zu sein, ist manchmal ein Fehler. Selbst wenn du in deiner Altersklasse gut spielen solltest … Jetzt schau mich nicht so an, als ob du mir den Kopf abreißen willst. Ich weise dich nur darauf hin, dass Alexander bestimmt vier Jahre älter ist als du und über eine dementsprechend längere Spielpraxis verfügt. Das ist auf jeden Fall ein gewichtiger Vorteil. – Bis zum Essen haben wir noch etwas Zeit. Lass uns in Richtung Lesesaal gehen.« Das Mädchen mit der jungenhaften Figur und einigen Sommersprossen auf und um die gerade, schmale Nase, streicht die schulterlangen, blonden Haare rechts und links hinter die Ohren. Sie schaut Robin forschend an. Will er sich möglicherweise auf ihre Kosten über sie lustig machen? Er besitzt eine sportliche Figur und rot-blonde, kurz geschnittene Haare und ein freundliches Gesicht. Seine dunklen Augen blicken sie auffordernd an. Sie weiß, er befindet sich zwei Klassen über ihr und ist der Schwarm aller jüngeren Mädchen. Ein Treffen mit ihm wird die anderen mit Neid erfüllen. Doch das ist ihr egal!

»Was sollen wir dort? Mir ist gerade nicht nach Lesen!«

»Jetzt schau mich nicht so an, als ob ich dich ärgern will. Wenn wir uns leise verhalten, können wir dort eine Partie gegeneinander spielen. – Als kleine Wiedergutmachung für mein Vordrängen!« Er zeigt ihr das zusammengeklappte Schachspiel und langsam breitet sich ein lausbubenhaftes Grinsen auf seinem Gesicht aus. »Falls ich als Gegner gut genug für dich bin!«

Anna mag es nicht glauben. Sie befindet sich seit dem Schuljahresbeginn vor vier Wochen in diesem Internat und hat bisher niemanden aus den höheren Jahrgängen gefunden, der mit ihr eine Partie spielen wollte. In ihrer Klasse haben die meisten nur Interesse an Fußball oder an Rudern. Zu älteren Schülern hat sie bisher keinen Kontakt und weiß also nicht, wer von ihnen in Frage käme. Deshalb war sie froh, durch Zufall das nachmittägliche Treffen einiger Schachspieler im Speisesaal mitbekommen zu haben. Seitdem versuchte sie, gegen Alexander zum Zug zu kommen. Erfreut lächelt Anna Zustimmung.

»Sagst du mir zuerst deinen Namen, bitte?«

»Ich bin Robin Jury.«

»Ich freue mich, dich kennenzulernen!«, antwortet das Mädchen mit ernstem Gesicht. »Ich werde Anna Q genannt.«

»Einfach nur Q?« Der Junge schaut sie ungläubig an.

»Ja!«, ist die kurze und energische Antwort. Obwohl ihr Name Anna Qwentiz ist, kürzt sie den Nachnamen immer ab. Früher wurde sie wegen ihres Namens von Mitschülern gehänselt und musste darüber oft weinen. Auch wenn sie sich heute besser als in der Grundschule unter Kontrolle hat, will sie das möglichst vermeiden. Außerdem wirkt das »Q« geheimnisvoller, wie sie findet. Und die Praxis gibt ihr recht, da das durchaus zu einem positiven Interesse der Mitschüler führt. Robin verkneift sich eine Nachfrage, da er ihr nicht glaubt, unterlässt es dann aber doch. Ein leises Schmunzeln breitet sich auf seinem Gesicht aus.

»Dann bin ich Robin J. oder einfach Robin, einverstanden?«

Das Mädchen zweifelt einen Moment, ob er sich über sie lustig machen will, entscheidet sich dann aber dagegen.

»Nenn mich Anna, das Q ist nicht so wichtig! – Ich habe gesehen, dass du nicht schlechter als Alexander spielst. Meiner Meinung nach zögerst du manchmal zu lange. Das wirkt so, als ob du davor zurückschrecken würdest, den Champion zu stürzen.«

Sie haben mittlerweile den Eingang zur Bibliothek erreicht und öffnen die schwere Eichentür. Galant überlässt der Junge dem Mädchen den Vortritt.

»Das trifft es nicht. Ich habe nur keine so große Spielpraxis und bin deshalb oft unsicher.«

Robin und Anna verschaffen sich einen schnellen Überblick in dem Raum. An vielen Tischen sitzen Schüler, die unterschiedlich hohe Bücherstapel angehäuft haben. Sie lesen und notieren sich hin und wieder etwas in mitgebrachte Kladden. Sie heben nicht einmal die Köpfe, als die schwere Eichentür mit einem leisen Geräusch geschlossen wird.

Im hinteren Bereich sind viele Regalreihen zu sehen, die bis zur Decke reichen. In ihnen steht wohlgeordnet der große Bücherbestand der Schule. Dieses Gebiet wird durch ein davor befindliches Geländer vom Lesesaal abgegrenzt. Dort entdecken die beiden vier freie Tische. Robin gibt Anna das Schachspiel. Er fordert sie auf, sich einen Platz auszusuchen und dort schon einmal die Figuren aufzustellen. Er steuert währenddessen auf den Tresen in der Mitte des Geländers zu, von wo ihnen die Bibliothekarin entgegenschaut. Er informiert die streng blickende Frau über ihre Absicht und bekommt sofort die Genehmigung.

Eine Schachpartie


Der große Gong erklingt zum zweiten Mal. Alle Schüler und Professoren werden damit dringend zur Abendmahlzeit gerufen, doch Anna und Robin überhören ihn. Alle anderen Besucher des Lesesaals haben diesen bereits beim ersten Ton verlassen. Die Bibliothekarin kommt hinter der Abgrenzung hervor und geht zum letzten noch benutzten Tisch. Helle Augen schauen durch große Brillengläser auf das Schachbrett. Sofort heben sich ihre Augenbrauen in die Höhe. Sie hüstelt kurz, aber auch das holt die beiden Spieler nicht in die Gegenwart.

»Der Gong hat bereits zweimal gerufen. Wer beim dritten Mal nicht im Speisesaal sitzt, bekommt heute nichts mehr!« Nur widerwillig blicken die Schüler auf. Sollen sie für eine derartige Nebensächlichkeit wie Essen ihr spannendes Spiel unterbrechen? Derzeit ist es ausgeglichen! »Wie lauten eure Namen, und in welchem Jahrgang seid ihr?«, fordert die Frau mit gewohnter Autorität in der Stimme. Bekommen sie jetzt gleich einen Verweis? Robin will es nicht glauben und Anna versteht nicht, weshalb die hellgrauen Augen sie durch die Brille derart seltsam anblicken.

»Aber, Frau Professor«, beginnt der Junge, »sie kennen mich doch. Wir sind wirklich leise gewesen und haben niemanden gestört.«

»Name und Klasse. Ich frage nicht noch einmal!« Die Aufforderung klingt verdächtig danach, dass gleich eine Strafe folgen wird, wenn sie nicht gehorchen. Der Gesichtsausdruck ist streng und wird von dem Knoten am Hinterkopf, mit dem das schiefergraue Haar zusammengehalten wird, zusätzlich unterstrichen.

»Robin Jury, dritter Jahrgang.« Das Gesicht blickt abwartend zum Mädchen. Die hagere Gestalt der Professorin wird kerzengerade gehalten und bewegt sich bis auf den Kopf nicht.

»Nun du!«, fordert sie. Der Gong erklingt zum dritten Mal und übertönt das Schluckgeräusch, mit dem die Schülerin einen Kloß hinunterwürgt. Was wird jetzt folgen?

»Anna Q, erster Jahrgang«, flüstert sie fast. Doch die Bibliothekarin hat sie gut verstanden.

»Auch wenn Jugendliche im Wachstum nicht auf ein Abendessen verzichten sollten, gibt es offenbar Wichtigeres für euch!« Diese Feststellung wird mit nachdenklicher Stimme gesprochen. Ist das jetzt alles gewesen? Die Schüler blicken sich verwundert an. Warum klang die Frage nach Namen und Jahrgang dann so barsch? Professor Morwenna Mulham wirkt kurzzeitig abwesend. Überlegt sie, welche Strafe angebracht ist, obwohl sich Robin keines Vergehens bewusst ist? Annas Augen ruhen fragend auf dem Jungen. Sie ist erst seit wenigen Wochen hier und nicht sicher, mit dem Fernbleiben vom Abendessen möglicherweise eine ihr unbekannte Schulregel gebrochen zu haben.

»Ihr solltet weiterspielen. Ich schließe nur schnell die Tür ab, da die Bibliothek jetzt offiziell geschlossen ist.« Sie kehrt um, geht zum Eingang und dreht den großen Schlüssel. Danach kommt sie zurück und zieht sich einen Stuhl heran. »Wenn ihr erlaubt, werde ich mir euer Spiel ansehen!« Die Bibliothekarin macht es sich bequem. Nach kurzem Zögern konzentrieren sich die Schüler erneut und versuchen, zu ihrer ursprünglichen Strategie zurückzufinden. Nicht lange, und sie haben ihre Beobachterin völlig vergessen. Morwenna verfolgt aufmerksam die Spielzüge. »Erster und dritter Jahrgang! Das ist gut, sehr gut! – Ob sie aber auch geeignet sind? – Hm. Das war jetzt raffiniert, dabei wirkt diese Anna so, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte. – Der Gegenzug war gut gekontert. Ich bin fast sicher, hier sitzen fähige Talente vor mir.« Ihre Gedanken äußert sie nicht.

Nach langem Überlegen setzt Anna einen Läufer, der einen gegnerischen Bauern schlägt. Robin zieht einen Springer, der diesen Stein bedroht. Schnell wird der aus dem Gefahrenbereich gebracht, da schlägt das gegnerische Pferd ihre Dame. Das Mädchen zieht eine Augenbraue hoch und ärgert sich, weil es die Falle nicht vorhergesehen hat. Es dauert noch mehrere Spielzüge, dann endet die Partie schließlich unentschieden. Die Professorin kommentiert das lediglich mit einem: »Gut!« Sie schiebt ihren Stuhl unter den Tisch zurück, von wo sie ihn vor zwei Stunden herangezogen hat. Anna bedankt sich mit geröteten Wangen für die Partie bei ihrem Gegner, dann legen beide die Figuren in das klappbare Schachspiel. Anstatt es zu schließen, verharrt der Junge. Anna bemerkt, dass er in Gedanken versunken ist.

»Robin, was ist los?« Das Mädchen erhebt sich und wartet auf Antwort. Sie widersteht der plötzlichen Regung, ihm die Schulter zu klopfen. Das würde er vermutlich als herablassenden Aufmunterungsversuch missverstehen.

»Du spielst wirklich gut!«, beginnt er langsam. »Ich habe das Match zuerst zu leicht genommen. Ich bin unbewusst davon ausgegangen, dass ich dich mit Leichtigkeit schlagen würde. Vermutlich hat mich Alexanders Ausspruch dazu verleitet. Entschuldige bitte meine Überheblichkeit. Ich hatte echt Mühe, mich in ein Remis zu retten.« Robins dunkle Augen blicken sie ernst an. »Ich würde gern eine neue Partie gegen dich spielen. – Wer ist dein Lehrer gewesen?«

»Mein Vater. Du musst dich nicht entschuldigen. Ich bin es gewohnt, unterschätzt zu werden. Das ist oft ein großer Vorteil für mich. Ich freute mich schon, dich besiegt zu haben, als du dann doch wieder ins Spiel zurückkamst. – Ich trete gern erneut gegen dich an. Können wir das hier machen? Ich möchte dabei nicht von vielen Mitschülern begafft werden. Das irritiert mich etwas.« Robin schaut sie ungläubig an.

»Trotzdem wolltest du im Speisesaal gegen Alexander antreten? Da hätten seine Bewunderer doch sicher nicht das Feld geräumt!«

»Ich hatte gehofft, dass sie wie Alexander davon ausgehen, dass ich schnell unterliegen würde, weshalb sie schon vorausgehen könnten. Notfalls hätte ich ein paar Figuren geopfert, um das zu untermauern. Spätestens dann wären sie abgezogen!«

»Du bist unglaublich!«, stellt der Junge bewundernd fest. So viel Hinterlist hätte er ihr nicht zugetraut. Sie wirkt so unschuldig und zurückhaltend, dass er Derartiges nicht von ihr denken würde, wenn sie es nicht gerade gesagt hätte.

»Trotzdem rechnetest du dir noch eine Chance gegen ihn aus?«

»Darauf habe ich zumindest gehofft. Damit er gewinnen könnte, müsste er sich schon gewaltig anstrengen. Und dann wäre er mir eine Revanche schuldig, die wir zu meinen Bedingungen austragen würden, also ohne Zuschauer. Ich kann mir gut vorstellen, dass er das auch fordert, um nicht vor großem Publikum Gefahr zu laufen, von »einem Baby« besiegt zu werden.« Die Röte ihrer Wangen ist mittlerweile verblasst, trotzdem, oder gerade deswegen, wirkt sie vollkommen harmlos. Robin zieht in Gedanken seinen Hut vor ihr.

»Was Alexander betrifft, bin ich nicht sicher, ob du ihn richtig einschätzt. Wir sind hier in einem Internat für hochbegabte Schüler. Dein Schachspiel beweist, dass du hierhin gehörst! Du besitzt eine große Begabung für Strategie, aber Alexander ebenfalls. Ich bin mir absolut nicht sicher, ob er so ist, wie er sich in der Öffentlichkeit gibt. – Aber genug davon. Ich möchte gern regelmäßig gegen dich spielen, das würde unserer Spielpraxis guttun. Ich werde Professor Mulham fragen, ob wir uns dazu täglich hier treffen dürfen.«

»Du sagst Professor zu ihr, dann ist sie auch eine unserer Lehrerinnen? Ich dachte, sie wäre die Bibliotheksleiterin. Wie passt das zusammen?«

Robin schaut sich kurz um und zieht Anna wieder auf einen Stuhl herab, als er die Frau nirgends bemerkt. Wohin ist sie denn jetzt verschwunden? Die Eingangstür haben sie nicht gehört, aber umso besser. Dann muss er nicht flüstern.

»Sie heißt Professor Morwenna Mulham und ist schon über dreißig Jahren am CC. Sie übt beide Funktionen aus«, erklärt er. »Wie sie das schafft, ist mir ein Rätsel. Vermutlich liegt das daran, dass ihr Lehrgebiet Strategie und Logik ist, und erst ab dem vierten Jahrgang unterrichtet wird. Ich habe gehört, dass sich kaum Schüler dafür melden. Außerdem kommt ihr entgegen, dass die Bibliothek erst nach dem Regelunterricht, also Fächern wie Mathematik, Sprachen und Naturwissenschaften, am Nachmittag geöffnet wird. Sport, Kunst und andere Neigungsfächer finden dann zwar parallel statt, doch das stört nicht. Geschlossen wird die Bibliothek mit dem ersten Gong fürs Abendessen.«

»Dann war das eine Ausnahme und ein Entgegenkommen von ihr, dass wir hier zu Ende spielen durften? Sie hat dadurch ebenfalls das Abendessen verpasst.« Anna schaut suchend umher. »Warum sie das wohl gemacht hat?«

»Das ist mir auch ein Rätsel. Sie gilt als besonders streng und nimmt es einem sehr krumm, wenn man ihre Anweisungen missachtet. Du hast ja gesehen, wie gebieterisch uns »M hoch Zwei« angesehen hat.«

»Wen meinst du … ach so. Ist das ihr Spitzname?« Bevor Robin sich dazu äußern kann, vernehmen beide ein empörtes Schnauben.

»Du nennst mich »gebieterisch« und sprichst im gleichen Atemzug meinen Geheimnamen aus? Was fällt dir ein und woher kennst du ihn? Weißt du nicht, wie gefährlich …?« Morwenna unterbricht sich plötzlich. Graue Augen schleudern Blitze und die hagere Gestalt wirkt kurzzeitig bedrohlich, bevor sie wieder ihr vorheriges Aussehen annimmt. »Jetzt verschwindet besser schleunigst, bevor ich es mir überlege und ihr eine angemessene Strafe bekommt!« Woher die Professorin so plötzlich gekommen sein mag, ist den Schülern ein Rätsel.

Sie brummen verdattert: »Danke«, erheben sich und stürmen zum Ausgang. Die Tür lässt sich sofort öffnen, obwohl sie nicht gehört haben, wie der Schlüssel erneut gedreht worden ist. Sobald sie ins Schloss fällt, atmen beide erleichtert auf.

»Wow, das war knapp!« Anna ist immer noch über das plötzliche Erscheinen der Professorin erschrocken. Robin fasst sie am Arm.

»Ich habe mein Schachspiel liegenlassen. Was machen wir jetzt?«

»Ich geh da nicht wieder rein!« Der Gesichtsausdruck des Mädchens ist eindeutig. Es weiß zwar nicht, welche mögliche Strafen angedroht wurden, doch sie will es auch lieber nicht wissen. Der Junge grübelt. Soll er es riskieren? Professor Mulham schien reichlich aufgebracht. Warum nannte sie »M hoch Zwei« ihren Geheimnamen? Robin hatte diesen Ausdruck wie Anna für einen Spitznamen gehalten, abgeleitet von den zwei Anfangsbuchstaben ihres Namens.

MM könnte mathematisch ausgedrückt zu M mal M, also M zum Quadrat, oder M hoch Zwei werden! Wofür benötigt man überhaupt einen speziellen Namen und weshalb ist es gefährlich, ihn auszusprechen?

»Ich trau mich auch nicht«, gesteht Robin. »Da Professor Mulham gesehen hat, dass das mein Schachspiel ist, werde ich es morgen Mittag abholen. Ich hoffe nur, dass sie uns trotz dieses Zwischenfalls erneut im Lesesaal spielen lässt!« Beide gehen den langen Flur entlang, in dem ihnen lachende oder diskutierende Mitschüler entgegenkommen. Sie verabreden sich schließlich für den morgigen Nachmittag um Drei, nicken kurz und trennen sich.

Draußen herrscht schon Dämmerung. Anna möchte noch etwas die Nachtluft genießen und wandert durch den Park. Sie muss ihre Gedanken ordnen, bevor sie sich zu dem Nebengebäude begibt, in dem sich die Schlafräume der Schülerinnen befinden.

In der Nacht


In dem Nebengebäude geht sie durch mehrere Gänge und über steile Treppen bis ganz nach oben. Die Schülerinnen des ersten Jahrgangs schlafen in Zimmern mit vier Betten unter dem Dach. Auf dem Weg dorthin denkt Anna kurz an ihre Ankunft im Internat.

Alle Schüler mussten am Vorabend des ersten Tages zum Abendessen im Speisesaal eintreffen, wo der Schulleiter Iain Raven die neuen Kinder mit einer kurzen Ansprache empfing. Er wies auf die Schulregeln hin, die unbedingt zu beachten seien und deshalb in jedem Schlafraum ausliegen würden.

»Verstöße führen im Wiederholungsfall zum sofortigen Schulverweis!« Diesen Satz unterstrich er mit einem ausgestreckten Arm in Richtung Tür. Anna weiß noch, dass sie meinte, die Augen unter den buschigen, weißen Augenbrauen würden speziell sie betrachten. Unwillkürlich versuchte sie, sich kleiner zu machen, als sie ohnehin schon ist, um sich hinter ihrem Nachbarn zu verstecken.

Nach dem Essen, von dem sie wegen des Knotens im Bauch fast nichts zu sich nahm, wurden die Kinder einzeln aufgerufen und der Obhut älterer Schüler übergeben. Diese Vertrauensschüler führten die Neuankömmlinge zu ihren Schlafräumen in den rechts und links vom Haupthaus liegenden Nebengebäude. Die Mädchen hatten mehr Glück als die Jungen, da die eigentlich für vier Kinder gedachten Zimmer mehr Schlafplätze boten, als benötigt wurden. Nur wenige Schülerinnen kannten sich untereinander, die deshalb gemeinsam einen Raum belegten. Die schmächtige Anna wurde von den kräftigeren Mädchen an die Seite gedrängt, so dass sie schließlich mit ihrem Koffer allein im Flur stand. »Du hast aber Glück«, wurde sie von der Vertrauensschülerin angesprochen. »Das Zimmer neben dem Treppenaufgang wurde offenbar von den anderen übersehen, dabei ist es das mit dem schönsten Blick in den Park.« Anna blickte fragend in ein freundlich lächelndes, mit Sommersprossen übersätes Gesicht. Die langen und dichten, roten Locken reichen weit über die Schultern hinab. »Ich bin Caitlin Neville«, stellte sie sich vor. Erst da raffte sich die Angesprochene zusammen.

»Entschuldigung. Ich war in Gedanken … Ich bin Anna Q. Warum meinst du, dass ich Glück habe, nur wegen der Aussicht?«

»Nein, obwohl sie wirklich schön ist. Aber es gibt einen weiteren Grund. Die anderen belegen zu dritt ein Zimmer. Na ja, manche auch nur zu zweit, aber du hast ein Einzelzimmer.« Anna erinnert sich, dass sie nicht sicher war, ob das ein Vorteil ist, doch inzwischen stimmt sie Caitlin zu. Der Raum ist kleiner als die Viererzimmer und eigentlich für zwei Bewohner ausgelegt. Es erinnert das Mädchen mittlerweile an sein Zimmer zuhause. Die Fotografien ihrer Mutter und Großmutter, aber besonders die ihres Vaters, tragen erheblich dazu bei. Sie hängen über ihrem Schreibtisch, so dass ihr Blick oft darauf haften bleibt.

Anna hat sich mittlerweile an die vielen Treppenstufen gewöhnt und ist kaum merklich außer Atem, als sie in ihr kleines Reich tritt. Das verpasste Abendessen lässt ihren Magen vernehmlich knurren. Ihr Blick schweift sofort zum Bild des Vaters und von dort zu einer Schale auf dem Schreibtisch. Darin liegen zwei Äpfel und eine Banane. Beim Frühstück ist es den Schülern erlaubt, sich Obst für den Tag mitzunehmen, was Anna gerne nutzt. Zu den Hauptessenszeiten verspürt sie noch oft einen Knoten im Magen, der vermutlich von der Trennung vom Vater herrührt. Doch es wird langsam und von Tag zu Tag besser. Sie fühlt sich manchmal wie beim letzten Ausflug ihrer Grundschulzeit, als sie für fünf Tage in einer Jugendherberge einquartiert waren.

Anna schnappt sich die gelbe Frucht, öffnet die Schale und beißt hungrig ein Stück ab. Kauend wirft sie einen Blick nach draußen in den Park. Ein Schauer läuft über ihren Rücken, als sie ein lautes Kreischen vernimmt. Was ist das? Sie legt die angebissene Banane auf die Schreibunterlage, öffnet einen Fensterflügel und beugt sich etwas hinaus. Sie horcht angestrengt. Von wo mag das gekommen sein, und vor allem, was war die Ursache?

Lauert innerhalb des mit Mauern und Toren umgrenzten Gebiet des Internats eine Gefahr auf die Schüler? Anna verspürt einen stechenden Schmerz im Kopf. Es fühlt sich an, als ob ein glühendes Messer zu einem Auge hinein, quer durch ihren Schädel stoßen würde.

»Hoffentlich bekomme ich keine Migräne!« Anna schwankt etwas und kneift die Augen zu. Eine derart heftige Attacke hatte sie noch nie. Plötzlich ist der Schmerz wieder vorbei. Sie atmet erleichtert auf. Als erneut ein schrilles Kreischen erklingt, richten sich ihre Nackenhärchen auf. Sie holt mehrmals kontrolliert Luft, um nicht in Panik zu fallen. Obwohl das Schreien lauter als bei geschlossenem Fenster gewesen ist, kann Anna das Geräusch nicht zuordnen. Trotzdem ist sie sicher, das klingt nach einem verängstigten Tier. Sollte ein nächtlicher Greifvogel eine Maus gefangen haben? Doch für eine Maus war das Kreischen zu laut, zumal eine Eule ein Opfer schnell tötet. Das Mädchen versucht, mit weit geöffneten Augen draußen etwas zu erkennen. Die Dämmerung ist mittlerweile in eine stockfinstere Nacht übergegangen, auch Sterne sind nicht mehr am Himmel zu sehen. Nach der Hitze des Tages zogen am Nachmittag erste Wolken auf. Auf ihrem Weg durch den Park bemerkte Anna die Schwüle, die ein heraufziehendes Gewitter ankündigt. Aber das Geräusch eben war kein entfernter Donner, es klang wie ein Schrei in höchster Not. Soll sie ihre Taschenlampe aus dem Schreibtisch nehmen und draußen nach der Ursache forschen? Etwas in ihr drängt sie, also gibt sie nach kurzem Zögern nach. Sie will zumindest in der näheren Umgebung um das Gebäude nach der Ursache suchen. Den gesamten Park wird sie nicht durchstöbern können, der ist zu weitläufig.

Auf dem Weg die Treppenstufen hinab, beruhigt sich das Mädchen. Gefährliche Raubtiere gibt es in der Region nicht. In den Nachrichten wird zwar von einer wachsenden Zahl von Wolfsrudeln im Land berichtet, aber so weit im Westen sind bisher keine gesehen worden. Außerdem müssten diese Räuber erst Mauern und Tore überwinden, was ihnen sicher unmöglich ist.

Einige Schülerinnen wundern sich, wohin Anna so spät am Abend will. In einer Viertelstunde müssen besonders die Erstklässler im Gebäude sein, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, eine Strafarbeit aufgebrummt zu bekommen. Anna lässt sich nicht beirren, lächelt und nickt ihnen zu. Dann schließt sie die Außentür hinter sich. Mit klopfendem Herzen steht Anna lauschend davor. Sie orientiert sich kurz und begibt sich dann zu der Giebelseite, in der sich ihr Zimmerfenster befindet. Erneut erklingt ein Kreischen. Es kommt von der Seite, ist sie sicher. Sie lässt die Taschenlampe aufleuchten und sucht mit dem hellen Lichtkegel nach der Ursache. Das Geräusch klang so, als ob es aus der Nähe, aber irgendwie gleichzeitig von unten, fast wie aus der Tiefe kam. Erneut läuft ein Schauer über ihren Rücken. Am Rande des Lichtkegels bemerkt sie eine plötzliche Bewegung. Sie erschrickt derart, dass ihr die Taschenlampe aus der Hand fällt. Sie landet auf dem Weg und sendet den Lichtstrahl in ein Gebüsch. Anna atmet aufgeregt. Was ist das dort? Nach wenigen Augenblicken meint sie, zu träumen. Unter einem Haselbusch wurde eine Durchlauffalle aufgestellt. Das können der Gärtner oder der Hausmeister gewesen sein. Aber anders als beabsichtigt, wurde darin keine Ratte oder ähnliches Getier gefangen, sondern ein großer, schwarzer Vogel. Das Mädchen hält den Atem an, greift sich die Taschenlampe und leuchtet mit ihr nicht direkt auf das verängstigte Tier. Das kreischt laut und versucht mit den Flügeln zu schlagen, was wegen der Enge der Falle jedoch unmöglich ist.

»Schsch!« Anna will mit leiser Stimme den aufgeregten Vogel beruhigen. »Ich lasse dich sofort frei, du musst nur ruhig sein.« Sie bückt sich und kriecht vorsichtig in das Gebüsch. »Hoffentlich wurde das arme Tier nicht verletzt, möglicherweise an einem Flügel«, denkt sie bekümmert. Sie schirmt den Lichtkegel etwas mit der Hand ab, um den Mechanismus der Falle zu erkunden, ohne den darin Gefangenen zu blenden. Sie versucht dabei immer wieder, den Vogel mit »Schsch« zu beruhigen, was offenbar erfolgreich ist. Er hat aufgehört mit den Flügeln zu schlagen, kollert mit tiefer Stimme und klappert mit den Augendeckeln. Sollte er verstehen, was Anna versucht? Endlich gelingt es ihr, die Sicherung der Eingangsklappe zu entriegeln. Sie schiebt das Gitter nach oben. »Komm heraus, mein Freund. Aber sei mit den Flügeln vorsichtig, der Ausgang in die Freiheit ist reichlich eng.«

Das Tier legt den Kopf schräg, klappert zweimal mit den Augendeckeln und kommt langsam auf Anna zu. Sie versucht nicht, ihm durch die schmale Öffnung zu helfen. Das könnte ihn ängstigen oder zurückscheuchen. Außerdem weiß sie nicht, wo sie das Tier anfassen sollte, also wartet sie ab und redet ihm gut zu. Tatsächlich schafft es der große Vogel allein, hinauszukommen. Er krächzt einmal leise, fast so, als ob er sich bedanken wolle. Dann huscht er tiefer unters Gebüsch und Anna lässt die Falle wieder zufallen. Sie will verhindern, dass erneut ein Tier darin gefangen wird. Seufzend richtet sie sich auf und fährt erschrocken zusammen. Ein heftiger Donnerschlag zeugt von dem beginnenden Gewitter. Die ersten, dicken Regentropfen fallen, ein Blitz zuckt grell über den Himmel und erneut droht ein tiefes Grollen. Anna hastet zurück ins Haus. Sie ist froh, den Vogel aus seinem Gefängnis befreit zu haben. Bei dem Gewitter wäre er in der engen Falle vermutlich vor Schreck gestorben. Dass Kolkraben einerseits, dieser aber im Besonderen, keineswegs so zart besaitet sind, weiß sie nicht. Trotzdem ist eine Nacht in Freiheit einer in Gefangenschaft immer vorzuziehen, egal von welcher Kreatur!

Ein seltsamer Traum


Anna liegt noch längere Zeit wach in ihrem Bett. Das ängstliche Kreischen des Vogels taucht immer wieder in ihrem Kopf auf, während die Regentropfen gegen das Fenster trommeln und Blitze in unregelmäßigen Abständen den Raum erhellen. Bei jedem einzelnen Donner zuckt das Mädchen zusammen. Sein Vater Aedan hat ihm einmal erklärt, was bei einem Gewitter passiert. Besonders im Sommer, wenn die Hitze warme Luft aufsteigen lässt, wird auch Feuchtigkeit aus dem Boden oder Gewässern mitgerissen. Diese kühlt ab, je höher sie steigt. Es entstehen Wolken, die sich zu hohen Gebilden auftürmen. Im Inneren und gegenüber zum Erdboden bilden sich dadurch elektrische Spannungen, die schließlich über die Blitze entladen werden. Diese Lichterscheinungen entstehen durch den Ladungskurzschluss, bei dem ein riesiger elektrischer Strom fließt, der dabei die Luft explosionsartig erhitzt. Die dehnt sich aus und zieht sich beim Abkühlen wieder zusammen, was zu einer Druckwelle führt, die als lautes Grollen und Knallen zu hören ist. Anna erinnert sich, dass ihr Vater ihr einschärfte, dass das Gefährliche beim Gewitter also nicht der Donner, sondern die vorher auftretenden Blitze seien. Sie weiß von ihm, dass diese von hohen Punkten im Gelände angezogen werden. Das können Gebäude oder Bäume sein, aber auch Tiere und Menschen, wenn sie auf einer freien Ebene von einem Gewitter überrascht werden. In dem Fall hilft nur, sich so klein wie möglich hinzuhocken und die Füße eng nebeneinanderzustellen. Am besten hält man sich bei dieser Naturerscheinung in einem Gebäude auf, dass mit einem Blitzableiter versehen ist. Strom wird von vielen Metallen sehr gut geleitet. Deshalb wird das für die Erstellung dieser Schutzeinrichtungen genutzt, um die gefahrbringenden Blitze sozusagen einzufangen und unschädlich in den Boden zu leiten. Derartige Blitzableiter gibt es auf allen Gebäuden des Internats. Das hatte ein Professor in einer der ersten Physikstunden erläutert. Obwohl Anna dies gerne glauben will, fürchtet sie bei jedem neuen Blitz um die Wirksamkeit dieser technischen Einrichtung. Die lauten Donnerschläge lassen sie ängstlich zusammenfahren.

Schließlich wandern ihre Gedanken zu ihrem Vater Aedan und ihrem bisherigen Leben. An ihre Mutter erinnert sie sich nicht, da diese kurz nach Annas Geburt gestorben ist. Sie kennt sie natürlich von Bildern und aus Erzählungen, aber das ist nicht das Gleiche. Aus Gesprächen mit ihrer Großmutter weiß sie, wie sehr ihr Vater nach Mutters Tod gelitten hat. Er vernachlässigte die Arbeit, um rund um die Uhr für seine Tochter da zu sein. Die beiden zogen Anna trotz dieser widrigen Umstände gemeinsam und sehr liebevoll auf. Als Aedan schließlich wieder regelmäßig seiner Arbeit als Wissenschaftler an einer angesehenen Universität nachging, versuchte er trotzdem, so viel Freizeit wie möglich mit ihr zu verbringen. Als sie vier Jahre alt war, begann er mit ihr Schach zu spielen, da sie kein Interesse für Puppen zeigte. Als sich die Grundschulzeit dem Ende neigte, starb die Großmutter. Zu der Zeit wurde Annas Vater die Leitung einer Forschungsreise an den Südpol angeboten, weshalb sie gemeinsam nach einem geeigneten Internat suchten. Obwohl sich das Mädchen in den ersten Wochen nicht sicher war, eine gute Wahl getroffen zu haben, ist sie an diesem Abend bereit, das anders zu sehen. Während des Schachspiels zögerte sie vor manchen Zügen nicht deshalb, weil sie unsicher war, sondern, weil sie sich vorstellte, ihrem Vater gegenüberzusitzen. Sie freut sich auf die morgige Revanche gegen Robin und gleitet langsam in den Schlaf.

Zuckende Blitze werfen ihren hellen Lichtschein auf das Bild ihres Vaters und das ihrer Mutter. Auf ihnen ist ein feines, blaues Leuchten zu sehen, das schnell größer wird und in den Raum strahlt. Anna stöhnt im Schlaf und wirft sich unruhig herum.

Ein blau schimmernder, großer, schwarzer Vogel kommt mit ausgebreiteten Schwingen aus einem dunklen, drohenden Himmel herab auf das Mädchen zu. Er gleicht dem Kolkraben, den es befreit hat. Sein Krächzen klingt warnend, doch Anna versteht nicht, was das bedeuten soll. Feine Härchen richten sich in ihrem Nacken auf. Der große Vogel landet in Augenhöhe auf dem weit ausladenden Ast einer Linde. Der bläuliche Schein auf seinem Federkleid wird stärker. Jetzt durchschneidet ein greller Blitz die dunkle Nacht. Er strahlt bis in den Traum. Anna stöhnt erneut, als ihr scheinbar ein glühend heißes Messer zu einem Auge hinein und quer durch Schädel sticht. Für einen kurzen Moment verändert sich der Vogel und nimmt die Gestalt einer jungen Frau mit schwarzem Haar an, die dicht vor ihr steht. Dann hockt wieder der Kolkrabe auf dem Ast. Plötzlich versteht Anna, was der Rabe ihr entgegen krächzt:

»Wir brauchen Hilfe! Hüte dich vor …«

Ein lauter Donnerschlag lässt das Mädchen aufschrecken. Verstört reibt es sich die Augen. Was war das denn für ein Traum? Sofort sucht ihr Blick die Bilder über dem Schreibtisch. Sie benötigt einen Punkt, der Geborgenheit vermittelt. Dort ist ein leuchtender, blauer Schimmer zu erkennen. Anna schüttelt den Kopf und überlegt. Falls sie eine Migräne bekommt, hat sie vorher schon mal Lichterscheinungen gehabt, die aber nicht nur auf einen Ort fixiert waren. Die wanderten mit den Augenbewegungen mit. Dann kommt das schwächer werdende Leuchten wohl nicht von einem Migräneanfall! Der stechende Schmerz ist schon wieder verschwunden und dumpfe Kopfschmerzen bleiben offenbar auch aus. Soll sie trotzdem aufstehen und eine Schmerztablette nehmen? Sie könnte andererseits bei den Bildern nachschauen, woher das Schimmern stammt. Ist es eine Art Lichtreflex, der von draußen hereinscheint? Jetzt ist es ganz verschwunden. Seltsam! Bevor sie zu einem Entschluss kommt, schläft sie wieder ein.

Obwohl Anna die vergangene Nacht kürzer als sonst vorkommt, fühlt sie sich am Morgen ausgeruht. Sie denkt nur kurz an den seltsamen Traum und den bläulichen Schimmer, dann macht sie sich frisch, zieht ihre Schuluniform an und verlässt das Zimmer. Zusammen mit den anderen Schülerinnen des ersten Jahrgangs geht sie zum Haupthaus. Auf dem Weg dorthin kommen sie an der Stelle vorbei, wo sie den großen Vogel aus seinem Gefängnis befreit hatte. Der alte Gärtner steht davor und schüttelt den Kopf. Sie hört ihn verständnislos murmeln, warum die Falle ausgelöst ist, aber kein Tier gefangen wurde.

»Die Biester werden auch immer schlauer! Oder sollte jemand geholfen haben? Die Fußspuren sind gestern nicht hier gewesen, sie gehören zu Kinderfüßen.« Er dreht sich zu den Schülerinnen um und betrachtet sie mit finsterem Blick. Er vermutet offenbar, dass ihm eine von ihnen einen Streich gespielt hat. Er schüttelt stumm eine Faust in ihre Richtung und bückt sich dann zurück zur Falle. Anna nimmt sich vor, sie in der Abenddämmerung zu entschärfen. Sie will verhindern, dass der Vogel erneut darin eingesperrt wird.

Am Eingang zum Speisesaal hängt neben der Doppeltür ein Pinnbrett, auf dem aktuelle Informationen bekanntgemacht werden. Die Ansammlung sich aufgeregt unterhaltender Schüler allen Alters deutet auf eine wichtige Neuigkeit hin. Der Gong erklingt als Erinnerung, dass die Zeit für das Frühstück in fünfzehn Minuten endet. Anna kann endlich einen kurzen Blick auf ein Blatt Papier werfen, das mittig auf dem Pinnbrett befestigt ist. Ein Aufruf in fetten Buchstaben fordert dazu auf, sich bei Interesse auf große Herausforderungen am Nachmittag bis Punkt drei Uhr im Speisesaal einzufinden. Weitere Informationen und von wem dieser Ausdruck stammt, gibt es nicht. Das Mädchen schüttelt wie viele vor ihm den Kopf. Was soll das denn bedeuten? Wird hier auf die Begabung der Schüler gesetzt, sich selbst einen Reim darauf zu machen? Aber Anna hat keine Idee, was damit gemeint sein könnte. Die Anhaltspunkte sind einfach zu gering. Achselzuckend wendet sie sich ab und betritt den Speisesaal. Sie hat sich zu der Zeit mit Robin zum Schachspiel verabredet, so dass die seltsame Zusammenkunft für sie entfällt. Vielleicht hat der Junge eine Idee, worum es geht, doch sie kann ihn nirgends entdecken. Viele der Plätze sind bereits leer, da nicht alle Schüler so spät wie die Neulinge zum Essen kommen. Schnell setzt sie sich zu den Mädchen ihres Jahrgangs und greift sich einen Toast. Sie hat nicht viel Zeit für das Frühstück, bestreicht die Scheibe mit Orangenmarmelade und nimmt einen Schluck Kakao. Vor lauter Eile verbrennt sie sich fast den Mund.

Heute stehen zuerst Geschichte und danach Mathematik auf dem Plan, gefolgt von Physik und Muttersprache. Die ersten beiden Fächer gehören neben Kunst zu Annas liebsten, weshalb sie sich mit dem Essen beeilt. Sie möchte nicht zu spät im Klassenzimmer erscheinen. Als sie mit den anderen Mädchen aufspringt, müssen sie rennen. Der Weg bis in den ersten Stock ist noch weit, aber sie schafft es, pünktlich auf ihrem Platz zu sitzen.

Herausforderung


Der Vormittag geht schneller vorbei, als Anna zuerst vermutet. In Geschichte handelt der Unterricht von den Wikingern und ihren Überfällen. Bei den Berichten über die Eroberung von fast allen bisherigen Königreichen in England und der Bildung eigener, fiebert sie mit, wobei sie nicht sagen kann, auf welcher Seite sie dabei steht. Der kühle Mathematikunterricht zieht sich dagegen schon mehr, trotzdem verfliegt auch diese Doppelstunde, da die Hälfte des Unterrichts mit freiwilligen Knobelaufgaben gefüllt wird, die das neu Erlernte festigen sollen. Anna ist stets eine der Ersten, die die Aufgaben löst und dazu noch fehlerfrei. Die Professorin schaut sie lächelnd an.

»Anna, du bist ein richtiges Mathe-Ass!« Das sagt sie so leise, dass die weiteren Schüler nichts davon mitbekommen, um das Mädchen nicht als Streberin aus der Masse herauszuheben. Die anderen sind jedoch nicht wesentlich langsamer als sie, obwohl deren Lösungen manchmal kleinere Fehler aufweisen.

Der Physikunterricht nutzt das Gewitter des vergangenen Abends, um die dabei auftretenden Vorgänge zu erläutern. In kleinen Experimenten wird die statische Aufladung der Luft und der Wolkenschichten demonstriert, die sich schließlich in heftigen Blitzen entlädt. Der Raum wird verdunkelt. Eine Wolldecke wird von einigen mutigen Schülern über den Kopf gezogen. Während sie dabei die Augen offen halten, können sie kleine Blitze als Folge einer statischen Entladung sehen. Der Professor erläutert, dass dies in ungefährlicher Form dasselbe sei, wie in der Natur das Gewitter in größeren Dimensionen.

Nach einer kleinen Unterbrechung für eine Mittagspause steht Sport auf dem Plan, dann werden die Schüler in den Nachmittag und zur freien Gestaltung entsprechend ihren Neigungen entlassen.

Anna kann es kaum erwarten, das Schachspiel gegen Robin bestreiten zu können. Sie stürmt von den Sportstätten in das Haupthaus des Internats und rennt durch den Flur zur Bibliothek. Einmal muss sie plötzlich bremsen. Um eine Ecke biegend wäre sie sonst direkt in eine Gruppe diskutierender Schüler gerast. Sie gehören in die fünfte Schulklasse und schütteln verstehend die Köpfe. Es ist typisch für viele Kinder des ersten Jahrgangs, dass sie andauernd meinen, etwas zu versäumen.

Anna bremst nach wenigen Momenten erneut ihren Lauf. Was ist los? Warum steht Robin vor dem Eingang zur Bibliothek und geht nicht hinein? Sie stutzt. Er wartet doch wohl nicht auf sie, damit sie gemeinsam den Lesesaal betreten können? Ein frohes Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus.

»Robin. Das ist aber nett von dir, auf mich zu warten!« Der Junge antwortet verlegen:

»Hallo Anna. Ehrlich gesagt stehe ich nicht im Flur, damit wir gemeinsam hineingehen können. Es ist vielmehr so, dass die Tür versperrt ist. – Hast du heute Morgen einen diesbezüglichen Hinweis an der Pinnwand zum Speisesaal bemerkt?«

»Nein. Dort hing nur eine seltsame Notiz, in der es um Interesse an großen Herausforderungen ging. Das habe ich nicht verstanden. Du?« Der Junge blickt grübelnd erst sie, dann seine Armbanduhr an.

»Es passt nicht zu Professor Mulham, nicht wenigstens für eine Vertretung in der Bibliothek zu sorgen. Das im Zusammenhang mit der Notiz ist seltsam. Ob sie der Urheber der Nachricht ist?« Ein auffordernder Blick genügt, dann stürmen beide im Laufschritt Richtung Speisesaal. Die Turmuhr schlägt drei Mal, als sie die Saaltüren öffnen und hineinstolpern.

»Das war auf dem letzten Drücker!« Gleichzeitig mit diesem Ausspruch verriegelt Morwenna Mulham die Eingangstür und geht langsam zum erhöhten Podest, auf dem die Tische stehen, an denen die Professoren des Internats am Essen teilnehmen. Robin und Anna schauen sich an, dann folgen sie der Professorin weiter in den Raum hinein. Nur wenige Plätze der langen Tischreihen sind besetzt, es mögen insgesamt etwa zwanzig Anwesende sein.

Die Lehrerin blickt die Schüler einen nach dem anderen an. Anna meint, ein freudiges Aufleuchten ihres Blicks zu bemerken, als der auf Robin und ihr ruht, so wie vorhin am Eingang.

»Ihr habt also Interesse an großen Herausforderungen!« Pause. »Dass ihr ohne weitere Erläuterungen gekommen seid, beweist eine gewisse Neugier, und das ist gut!« Pause. »Hat jemand von euch eine Idee, worum es gehen mag?« Pause. Ein Schüler der fünften Klasse erhebt sich und wartet, bis ihm das Wort erteilt wird.

»Sie sind doch die Bibliothekarin. Hat es etwas mit Büchern zu tun, möglicherweise die Verfolgung einer alten Spur, die in einem Wälzer erwähnt wird?«

Die Professorin schaut ihn lange an, bevor sie entgegnet:

»Die Möglichkeit könnte bestehen, trifft aber nicht zu. Trotzdem danke ich dir, da du damit einen Gedanken in meinem Kopf angestoßen hast, den ich verfolgen werde!« Der Jugendliche blickt in die Runde und setzt sich. Anna hatte erwartet, ein Kichern zu hören, so wie es ihr manchmal in der Grundschule ergangen ist. Doch das passiert nicht. Sie atmet erleichtert auf. Offenbar sind die hier versammelten Schüler reifer als andere, oder es liegt an der streng blickenden Professorin. Anna schaut zu ihr hin und stellt eine Änderung fest. Sie blickt heute viel freundlicher als sonst. Ein feines Lächeln umspielt ihre Lippen, als ihre Augen lange in ihre schauen. Es wirkt so, als ob sie das Mädchen zu einer Antwort auffordern würde.

Jetzt erhebt sich eine Schülerin, die in Robins Jahrgang ist.

»Ja? Wie lautet dein Vorschlag?«

»Machen wir eine Forschungsreise? Vielleicht einen Ausflug zu einer archäologischen Ausgrabung?«

»Das wäre sehr interessant«, denkt Anna. Ihre Gedanken wandern sofort wieder zu den Wikingern, doch die Professorin verneint. Der nächste Schüler schlägt einen Rätselwettkampf vor. Aber das wird genauso wie ein Logikwettbewerb als nicht zutreffend bezeichnet. Die Spannung steigt mit jedem Vorschlag und seiner Verneinung. Jetzt erhebt sich Alexander.

»Da sie keinen Sportunterricht erteilen, entfällt ein entsprechender Ausflug zu einem Wettkampf. – Wollen sie ein Wissensturnier austragen, dessen Kategorien aus verschiedenen Fächern gebildet werden? Sozusagen einen Zehnkampf über geistige Herausforderungen?«

»Ich danke dir für diese Anregung«, beginnt Professor Mulham. »Aber das ist es auch nicht, obwohl das einen großen Reiz hätte. Hat sonst niemand einen Vorschlag? Was ist mit euch beiden?« Sie schaut jetzt direkt zu Anna und Robin. »Liegt euch nicht die Lösung auf der Zunge?«

»Was meint sie wohl?«, rätselt der Junge an Anna gewandt.

»Sie schaut uns so seltsam an, ob sie damit auf unsere Partie von gestern anspielt?« Das Mädchen fast sich nach dieser Frage ein Herz und steht auf.

»Ich glaube, du hast die Lösung, stimmt’s?« Die Professorin ist gespannt.

»Wenn es das ist, worauf sie mich und Robin vermutlich hinweisen wollen, dann …« Sie stoppt.

»Ja?«

»Dann geht es um Schach. Wollen sie ein Schachturnier ausrichten?«

»Du hast es fast getroffen, Anna. Das ist doch dein Name, richtig? Gut. Ich möchte eine alte Tradition dieses Internats wieder aufleben lassen. Früher nahm unser Haus an Schachwettkämpfen teil, die zwischen den Schulen des Landes ausgetragen wurden. Dafür ist es erforderlich, eine Mannschaft aus Spielern in verschiedenen Altersklassen zu bilden. Gerade in den jüngeren Jahrgängen ist es aber schwierig, geeignete Kandidaten zu finden. Gestern habt ihr mich beeindruckt, was mich sofort auf die Idee brachte, die alte Tradition wieder aufleben zu lassen.« Ein Murmeln unter den Schülern entsteht. Etwa die Hälfte gibt zu verstehen, kein Interesse an turniermäßigem Schachspiel zu haben. Die Professorin dankt für ihr Kommen und schließt ihnen die Tür auf. Währenddessen ruht Alexanders nachdenklicher Blick auf Robin und Anna. Sollte er das Mädchen doch unterschätzt haben? Er ist trotzdem überzeugt, gegen sie mit Leichtigkeit zu gewinnen.

Morwenna Mulham trägt die verbliebenen Schüler mit Namen, Alter und Jahrgang in eine Liste ein. Sie vereinbaren anschließend, sich in den nächsten Wochen mindestens jeden zweiten Tag zum Üben zu treffen. Als Ort dafür wird der Lesesaal gewählt und der Beginn auf fünf Uhr nachmittags festgelegt. Professor Mulham verspricht, sich darum zu kümmern, dass sie auch nach der offiziellen Zeit fürs Abendessen etwas bekommen werden. Die Zeit für ein Spiel kann wesentlich länger als eine Stunde dauern, wie sie aus Erfahrung weiß. Der erste Tag soll der morgige sein.

»Falls jemand von euch noch einen möglichen Teilnehmer kennt, sprecht ihn an und bringt ihn einfach zur Übungsstunde mit. »Stunde« ist dabei nicht wörtlich zu nehmen, da manche Spiele sicher länger dauern werden.« Die Professorin nickt Anna und Robin lächelnd zu. »Wenn die ersten Übungen zufriedenstellend verlaufen, melde ich euch und damit unsere Schule zur Teilnahme am Winterturnier an.« Mit einem freundlichen Lächeln entlässt sie alle. Die beiden begleiten sie anschließend in die Bibliothek, um die verabredete Partie auszutragen. Während des Spiels verspürt Anna erneut den brennenden Schmerz im Kopf. Sie kneift die Augen zusammen, sagt jedoch nichts. Sie grübelt:

»Weshalb habe ich jetzt zum dritten Mal eine Migräneattacke? Eine könnte von den schnellen Folgen von Helligkeit und Dunkelheit beim Gewitter ausgelöst worden sein. Aber die Häufigkeit der Anfälle ist seltsam und ihr Verlauf ist auch anders als alle früheren.« Sie findet keine einleuchtende Erklärung. Die anschließenden Züge misslingen ihr derart, dass Robin sie besorgt anschaut.

»Geht es dir nicht gut? Sollen wir Schluss machen? Wenn du möchtest, biete ich dir ein Remis an.«

»Das ist nicht nötig. Ich gebe mich geschlagen.« Mit blassem Gesicht erhebt sie sich. Der Schmerz lässt bereits nach und sie verabschiedet sich von dem Jungen.

»Wir sehen uns morgen. Bis dahin.« Doch Robin begleitet sie noch mit besorgter Miene durch den Flur, bis sie ihm zu verstehen gibt, im Park etwas Luft schnappen zu wollen. Zum Abendessen ist sie rechtzeitig wieder zurück und nickt lächelnd in Robins Richtung, der ein gutes Stück entfernt in der gleichen Reihe sitzt.

Anderswelt


Anna liegt im Bett, kann jedoch nicht schlafen. Ein lautes Kreischen lässt sie aufschrecken. Sollte die Durchlauffalle erneut ein Opfer gefangen haben? Jetzt fällt ihr siedend heiß ein, dass sie das Ding entschärfen wollte. Nach ihrer neuen Migräneattacke beim Schachspiel drängte es sie nach dem Essen nur noch in ihr Zimmer und so hatte sie es glatt vergessen. Dort angekommen, konnte sie aber nicht einschlafen und wälzte sich unruhig hin und her. Sie zog sich die Bettdecke sogar über den Kopf, um die geringe Helligkeit der Abenddämmerung auszusperren. Doch alles half scheinbar nicht.

Erneut kreischt es laut. Sie steht auf und geht zum Fenster hinüber. Seltsam. Vorhin waren doch keine Gewitterwolken zu sehen und es war auch keineswegs schwül. Trotzdem wetterleuchtet es am Horizont und das Donnergrollen wird schnell lauter. Das Unwetter kommt offenbar näher. Anna springt in ihre Sachen, greift sich die Taschenlampe und eilt aus dem Zimmer.

Im Haus ist es seltsam ruhig. Sollten bereits alle Schülerinnen in den Federn liegen? Das Mädchen zuckt die Schultern. Egal was der Grund dafür sein mag, das gefangene Tier muss dringend gerettet werden. Anna möchte das schaffen, bevor sie draußen vom Gewitter überrascht wird. Als sie im Freien steht, prasseln die ersten, dicken Regentropfen aus den drohenden Wolken. Ein greller Blitz lässt die Umgebung hell erscheinen und blendet sie. Anna verharrt erschrocken im Eingang. Automatisch zählt sie die Sekunden und multipliziert das Ergebnis mit 300.

»Der Blitz war nur etwa 4200 Meter entfernt«, ergibt die aus dem Unterricht erlernte Formel. »Ich wage es trotzdem. Das Tier wird sicher halb verrückt vor Angst sein.« Noch bevor sie die Stufen zum Weg hinuntergeht, beginnt die Turmuhr die Zeit zu verkünden. Auf dem Weg zur Giebelseite zählt sie die dumpfen Glockenschläge. Als sie mit der Taschenlampe unter den Haselstrauch leuchtet, ist sie bei Zwölf angelangt. Mitternacht! »Das erklärt, warum es so still im Haus ist, bedeutet aber auch, dass ich eingeschlafen sein muss«, überlegt Anna. Der Lichtkegel durchdringt kaum die vielen, silberhellen Regentropfen. Das Mädchen blickt suchend umher, doch die Durchlauffalle steht nicht mehr am bisherigen Platz. Ein blendend heller Blitz macht die Nacht zum Tag, dann grollt der Donner ohrenbetäubend. Das Gewitter ist fast direkt über dem Mädchen, doch das beachtet es nicht. Die nächste Lichterscheinung zeigt ihr, wo die Falle steht: auf der anderen Seite des Busches. Und eine Bewegung ist darin zu erkennen, bevor die schwarze Nacht alles verschwinden lässt.

Es dauert etwas, bis Annas Erstarrung verschwindet und sie wieder etwas im Lichtkegel der Taschenlampe zu erkennen vermag. Hastig umrundet sie den Busch und hockt sich nieder. Täuscht sie sich, oder ist es derselbe Vogel wie gestern? Er hält den Kopf schräg und klappt die Augendeckel mehrmals auf und zu. Sollte er ihr zublinzeln? Ein leises Kollern ist zu hören, das keinesfalls von seinem Schreck kündet. »So schnell kann er sich doch nicht an mich gewöhnt haben, oder?«, rätselt Anna. Sie entriegelt mit kalten Fingern den Schließmechanismus. »Komm raus, du dummer Vogel. Wie kann man nur zweimal in die gleiche Falle gehen?« Plötzlich zuckt erneut ein Blitz über den Himmel und Anna hält den Atem an. Der Kolkrabe beginnt immer stärker bläulich zu schimmern, dann steht er außerhalb der Falle und krächzt laut, sobald der Donner verklungen ist.

»Das ist manchmal notwendig, besonders dann, wenn du sonst nicht auf Hinweise reagierst!« Diese Antwort des Kolkraben versteht Anna natürlich nicht. Erneut wird es strahlend hell um sie, doch diesmal ist es kein greller Blitz sondern ein gleißendes Blau.

»Das glaub ich jetzt nicht«, denkt Anna. Es sticht kurz in ihrem Kopf, dann wird es schwarz um sie herum. Das Erste, was sie wieder wahrnimmt, sind aufgeregte Stimmen.

»Konntest du das Kind nicht anders zu uns holen?«

»Es wirkt viel jünger, als ich gehofft habe!«

»Und du bist sicher, die Richtige ausgewählt zu haben?«

»Bin ich«, knarzt eine raue Stimme. »Sonst reagierte kein Schüler auf mein ängstliches Kreischen, und sie kam sogar mitten in der Nacht während des grässlichen Unwetters zu mir!«

»Hm. Das spricht wirklich für das Mädchen!«

»Aber sie ist noch so klein. Wie soll sie dann gegen die gefährlichen Dämonen bestehen können?« Nach mehreren vergeblichen Versuchen bleiben Annas Augen geschlossen. Sie kommen ihr bleischwer vor. Sie überlegt angestrengt, ob ihr die Stimmen bekannt sind. Die knarzende könnte von dem schwarzen Vogel stammen, schlussfolgert sie aus dem Gehörten. Aber ist das denn möglich? Zu den anderen hat sie keine Idee. Erneut versucht sie, mit großer Anstrengung ihre Augenlider zu öffnen. Das gelingt wieder nicht. Anna möchte sich herumwälzen, denn seltsamerweise scheint sie zu liegen. Was ist denn nur los? Wurde sie vom Blitz getroffen und ist gestorben? Aber warum hört sie dann Stimmen? Sie könnte auch schwerverletzt auf dem Boden unter dem Haselbusch liegen. Vom elektrischen Strom gelähmt und zumindest teilweise scheußlich verbrannt. Aber Schmerzen spürt sie keine und frieren muss sie auch nicht. Obwohl es Sommer ist, müsste sie, durchnässt vom Gewitterregen, wenigstens frösteln. Was bedeutet das alles? Sie kann mehrere flüsternde Stimmen hören, die sich unterhalten und den Raum verlassen, in dem sie auf einem weichen Lager oder einem Bettgestell liegt. Schließlich sind nur noch zwei Personen anwesend, die leise miteinander reden.

»Ainoa, du wartest an … wie heißt das Kind eigentlich? Halt, stopp, sag es lieber nicht!«

»Das ist sicherer, meine Königin!«

»Du bist wohl leichtsinnig geworden, du voreilige Elfe. Das darf noch niemand wissen, deshalb redest du mich besser nicht so an!«

»Aber das Mädchen ist bewusstlos. Eine magische Reise in unsere Anderswelt ist für einen Menschen sehr anstrengend, besonders für ein Kind.«

»Das war schon immer so, zumindest beim ersten Mal. – Was ich sagen wollte, du wartest an seiner Seite, bis es aufwacht. Dann wirst du ihm erklären, wo es ist und was wir wollen.«

»Immer ich!«, mault die knarzige Stimme.

»Keine Widerrede! Du weißt genau, dass ich diese Aufgabe den anderen nicht übertragen kann. Wenn die Kleine aufwacht, könnte sie beim Anblick von Dragon-tan einen tödlichen Schock bekommen. Die Menschen würden ihren Tod natürlich nicht mit uns in Verbindung bringen, bis auf die wenigen, die von unserer Existenz wissen. Wenn das Kind dann in ihrer Welt gefunden wird, würde das einem Blitz zugeordnet werden, dafür haben deine magischen Kräfte gesorgt. Aber wir haben mittlerweile schon so viele Tage auf die Hilfe eines geeigneten Menschen gewartet, da ist es besser, das Kind nicht unnötig dieser Gefahr auszusetzen. Die Aufgabe, die es erledigen soll, ist gefährlich genug!«

»Na gut, Katherin! Was macht ihr in der Zwischenzeit?« Auch wenn Ainoa ihre Zustimmung gibt, klingt sie nicht begeistert.

»Was schon? Wir versuchen, einen möglichen Plan zur Rettung Saphiras aufzustellen. Da der von dir auserwählte Mensch noch so jung ist, müssen wir den bisherigen anpassen. Mit magischen Schwertern oder unseren Elfenbögen kann die Kleine sicher nicht umgehen. Sie ist ja fast noch ein Baby.«

»Ich bin kein Baby!«, versucht Anna, empört einzuwerfen. Doch genau wie die Augen, gehorchen die Stimmbänder ihr nicht. »Was mag das für eine Aufgabe sein und welche Person kann so schreckenerregend aussehen, dass ich offenbar auf ihren Anblick vorbereitet werden muss?« Katherin entfernt sich und ermahnt die Elfe noch einmal:

»Und bereite das Kind auf den Anblick von Dragon-tan vor!« Dann hat sie den Raum verlassen. Ainoa zieht sich einen Stuhl neben die Liege, was Anna aus dem dabei verursachten Geräusch folgert. Die junge Elfe murmelt etwas vor sich hin. Vermutlich redet sie sich den Frust über diese Aufgabe von der Seele.

Plötzlich durchströmt ein warmer Impuls das Mädchen. Es vermag die Augen zu öffnen und bemerkt einen goldenen Schimmer, der von über ihm gehaltenen Händen ausgeht. Das leuchtende Licht fließt auf Anna zu und scheint die Ursache für die sich ausbreitende Wärme zu sein. Sie seufzt erleichtert und kann sich wieder bewegen. Das wird offenbar bemerkt, denn sie vernimmt ein gemurmeltes:

»Inhibeo!« Die bisher ausgestreckten Hände sinken herab und geben den Blick auf ein strenges, aber freundliches Gesicht frei. Es gehört einer jungen Frau, die lange und glatte, schwarze Haare hat und sie mit tiefblauen Augen anschaut.

»Hallo Kleine.« Die Stimme klingt seltsam rau und ähnelt dem Knarzen des Kolkraben, den sie befreien wollte.

»Wo bin ich? Wurde ich von einem blauen Blitz getroffen und liege jetzt auf der Krankenstation?« Dass die junge Frau eine Elfe sein soll, erscheint ihr widersinnig, obwohl sie von der anderen Stimme so bezeichnet worden war. Sie sieht aus wie ein normaler Mensch, dabei sind Elfen doch eher mystische Wesen, die nur in Märchen und Geschichten existieren!

»Keine Angst! Das helle, bläuliche Licht kommt davon, dass ich dich mit in die Anderswelt genommen habe. Halt, warte einen Moment. Du solltest dich nicht so ruckartig erheben!« Anna meint, den Ohren nicht trauen zu können. Vermutlich läuft gerade irgend so ein alberner Streich ihrer Klassenkameradinnen ab. Sie müssen mitbekommen haben, dass sie sich manchmal in eine Traumwelt flüchtet, wenn sie für sich allein ist und auf einer Bank im Park vor sich hin träumt. Möglicherweise hat sie dabei gesprochen, was von anderen gehört wurde. Ja, das muss es sein! Sie sinkt auf das Bett zurück, da ihr unversehens schwarz vor Augen wird. Erst nach einiger Zeit vernimmt sie wieder die knarzige Stimme, die für eine junge Frau untypisch ist.

»... du dich vorsehen. Hörst du eigentlich, was ich sage?«

Anna öffnet ihre Augen erneut und schüttelt langsam den Kopf.

»Nein, ich habe nicht alles gehört, was du sagtest. Du behauptest, mich in eine Anderswelt geholt zu haben. Was soll das sein und wer bist du?« Das Mädchen spürt zwar das Verlangen, sich aufzurichten, unterlässt es aber vorläufig noch.

»Ich bin eine Elfe und werde Ainoa genannt. In eurer Welt erscheine ich meist als Kolkrabe, weshalb meine Stimme auch rauer, als die anderer Elfen klingt.« Sie grinst Anna verschwörerisch an. »Hast du noch nie etwas von der Anderswelt gehört? Sie ist durchaus nicht unbekannt in eurer Welt, aber nur wenige Menschen wissen von ihr oder waren hier. – Hm, wie soll ich dir das nur erklären? Ich versuche es mal, da Katherin das von mir fordert.«

»Ist sie wirklich eine Königin und warum darf das niemand wissen?«

»WAS SAGST DU? Woher weißt du das?« Ainoa ist aufgesprungen und starrt erstaunt auf Anna hinab. Ein heller, blauer Schimmer breitet sich im Raum aus. »Bist du womöglich bereits einmal hier gewesen und spielst mir das Unschuldslamm vor? Wenn das so ist, wäre es besser, ich bringe dich wieder zurück. Du könntest ein großes Unheil anrichten.« Anna versucht, den Redefluss mehrmals zu unterbrechen. Jetzt gelingt es endlich.

»Ich konnte meinen Körper zwar nicht bewegen, habe aber dein Gespräch mit Katherin gehört. Bitte glaub mir. Ich war bisher nie hier, wo auch immer das sein mag.« Ihr Blick schweift forschend durch den Raum. Sie hat das Gefühl, in vertrauter Umgebung zu sein, so gemütlich wirkt es hier. Ein gefülltes Bücherregal steht vor einer Wand, daneben flackert ein lustiges Feuer in einem Kamin. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich ein Sprossenfenster, das den Blick in eine dunkle Nacht ermöglicht.

Saphira


Ainoa schaut Anna lange und nachdenklich an. Kann sie diesem jungen Mädchen trauen? Was das Kind sagte, klingt schlüssig, aber muss das deshalb auch wahr sein? Die Elfe schließt und öffnet ihre Augenlider und hält den Kopf etwas schräg. Das erinnert Anna an den Kolkraben.

»Du ähnelst tatsächlich dem schwarzen Vogel, der bereits zweimal in die Falle gegangen ist.«

»Glaubst du denn, ich hätte dich angelogen? Elfen sagen, nicht nur Menschen gegenüber, immer die Wahrheit!«

»Aber woher soll ich wissen, ob du eine bist und dass diese Eigenart zutrifft? Das ist wohl ähnlich so, wie mit meiner Aussage, weshalb ich weiß, dass Katherin …«

»Halt, sprich nicht weiter, das ist gefährlich. – Du hast recht. Verzeih bitte die Vorsicht. Du weißt ja nicht, mit welchen Mitteln Cythraul die Herrschaft in unserer Welt an sich reißen will. Wenn ihm und seinen Dämonen das gelingt, werden sie Mittel und Wege finden, in eure Welt vorzudringen. Und was in beiden Fällen passiert, möchte ich mir lieber nicht ausmalen!« Die Elfe schweigt mit zusammengezogenen Augenbrauen und aufeinandergepressten Lippen. Anna versteht nicht, was Ainoa ihr damit sagen will, also fragt sie nach.

»Bitte entschuldige meine Unkenntnis, aber ich benötige zum besseren Verständnis einige Erklärungen. Was ist die Anderswelt, wer oder was ist Cythraul und wie kannst du ein Vogel, aber auch eine Elfe sein?« Sie senkt ihre Stimme und flüstert: »Dann solltest du mir auch gleich erklären, warum es nicht bekannt werden darf, dass Katherin eine K. ist.«

»Sie ist nicht irgendeine … Na gut. Ich versuche, dir das zu erläutern. Ich hoffe, dass es für dich danach verständlich ist.« Ainoa macht eine kurze Pause und holt tief Luft. »Neben der dir bekannten Welt gibt es eine weitere, in der wir uns befinden. Die wird von euch Menschen »Anderswelt oder Anderland« genannt. Ich habe in deiner Welt gehört, dass unser Lebensbereich von vielen eurer Gelehrten im Bereich der Mythologie angeordnet und somit als nicht real angesehen wird. Einige sagen aber, die Anderswelt ist unmittelbar neben ihrer vertrauten Welt angesiedelt, sozusagen eine Parallelwelt. Auf jeden Fall weist unsere wie eure Welt Hügel, Wälder, Inseln, Seen und Meere auf. Wenn du, wie von uns gehofft, die Aufgabe übernimmst, wirst du die Ähnlichkeit zwischen beiden feststellen. Aber anders als bei euch gibt es bei uns keine Großstädte, Hochhäuser, Eisenbahnen, Flugzeuge und was weiß ich noch alles. Der Übergang zwischen unseren Welten gelingt durch Höhleneingänge oder im Bereich besonderer Bäume oder Büsche. Unter einem Haselstrauch ist die Verbindung von eurer zu unserer Seite sehr eng. Dort können Menschen durch Beschwörungen zwischen den Welten wechseln, oder von einem Anderswelt-Bewohner hergebracht werden, so wie du von mir. In unserer Welt gibt es außer Elfen noch Menschen und Tiere, aber auch Wesen, die es sonst nur in Märchen und Geschichten gibt. Darunter befinden sich grässliche und gefährliche Dämonen, beispielsweise den Cythraul. Einige von uns Elfen vermögen sowohl in unserer und eurer Welt zu leben. Nur dass wir bei euch fast immer die Gestalt eines Vogels annehmen. Das sind manchmal Eulen, Falken oder Kolkraben. Lediglich die Königin der Elfen, die gleichzeitig die Herrscherin unserer Anderswelt ist, behält ihre Gestalt.«

»Aber, wenn sie die Herrscherin aller ist, wieso kann dann geheim sein, wer es ist?«

»Das ist normalerweise ein Widerspruch, das stimmt. Aber unsere bisherige Elfenkönigin war schon mehrere hundert Jahre alt und starb im Frühjahr im Kampf mit einem Draig ia, einem Eisdrachen. Sobald …« Hastig unterbricht Anna sie. Bei der Nennung dieser Kreatur erinnert sie sich sofort an den Traum, den sie kürzlich hatte. Ein Schauer rieselt ihren Rücken hinab.

»Eisdrache sagtest du? Gibt es die tatsächlich?«

»Ja, und sie sind neben dem obersten Cythraul die mächtigsten und gefährlichsten Gegner der Anderswelt. Aber nochmal zurück. Sobald eine Elfenkönigin stirbt, übernimmt sofort eine andere Elfe die Aufgabe, über die Verbindungen zwischen unseren Welten zu wachen. Es ist ein Zufall, dass ich mitbekommen habe, wer die neue Königin wurde, weil ich zu dem Zeitpunkt Lebensenergie auf sie übertrug. Sie war am Tag zuvor als Schleiereule in eurer Welt verletzt worden und rettete sich mit letzter Kraft in ihr Heim. Sie ist meine Cousine, weshalb ich zufällig dort weilte und ihr zu helfen vermochte. Beim Übertragen von Energie geht man automatisch eine enge Beziehung zu demjenigen ein, auf den man etwas von seiner Lebenskraft überträgt. Dadurch habe ich den Impuls, mit dem die Aufgabe der Herrscherin auf sie übertragen wurde, mitbekommen.«

»Heißt das …? Warte mal. Du hast vorhin deine Hände über mich gehalten, wobei ein goldenes Strahlen zu mir herüberfloss. Ich merkte dabei, dass mich eine angenehme Wärme durchströmte und fühlte mich gestärkt. Hast du mir …?«

»Genau. Ich übertrug dir Lebensenergie, da ich befürchtete, du könntest sterben, und das musste ich verhindern. Schließlich wolltest du mich aus der Falle retten und ich war es dir schuldig!«

»Haben wir jetzt eine besondere Verbindung zueinander?«

»Hm. Das könnte schon sein, obwohl ich nicht sicher bin, wie das zwischen Elfe und Mensch aussehen wird. – Ich muss dir noch etwas Wichtiges über die Anderswelt mitteilen. Für Menschen, die wir hierher holen, nutzen wir Geheimnamen. Damit wird verhindert, dass ihnen böse Dämonen in ihre reale Welt zu folgen vermögen, wenn sie wieder heimkehren. Ich kenne zwar deinen echten Namen, möchte dir aber raten, sofort eine andere Bezeichnung zu wählen. Hast du einen Vorschlag?«

»Q«, schlägt Anna sofort vor.

»Einverstanden, obwohl das ziemlich nah an deinem echten Namen ist. Also Q, was möchtest du noch wissen?«

»Wer oder was ist ein Cythraul?«

»Damit bezeichnen wir im Allgemeinen ein teuflisches Wesen, einen Dämon. Das können Luft- oder Waldgeister, Todesfeen, Drachen und auch Eisdrachen sein. Wir nennen so insbesondere deren Anführer. Er vermag seine Gestalt zu ändern und erscheint oft als ein durch und durch böses Flammenwesen.«

»Was soll meine Aufgabe sein, und wer ist Saphira?«

»Du sollst einen Versuch zur Rettung von Katherins Tochter unternehmen. Du hast natürlich die Wahl und kannst ablehnen, ohne das begründen zu müssen.«

»Ich habe vorhin gehört, dass der Auftrag tödlich sein kann. Ich vermute, das hat mit den Dämonen zu tun. Aber wer ist nun Saphira?«

»Du hast recht, die Gefahr geht von den verschiedenen bösartigen Kreaturen aus, die hier leben, besonders aber von dem Cythraul. Bei ihm ist schwer vorherzusagen, welche Gestalt er gerade benutzt oder im nächsten Moment annehmen wird. – Falls es dir noch nicht klar ist, Saphira ist Katherins Tochter. Sie besuchte wie viele junge Elfen das Mittsommerfest und kam nicht zurück. Ihre Mutter befragte alle, die mit ihr zusammen waren. Sie hoffte, dadurch ihre Spur aufnehmen zu können. Wie sollte sie sonst Saphira finden, einfach blind durch die Gegend laufen und auf den großen Zufall hoffen? Doch die anderen hatten nicht mitbekommen, wohin sie gegangen war. Sie meinten, sie wäre wie sie mit dem magischen Sprung nach Hause zurückgekehrt. Die Sorge in Katherin stieg, dass ihre Tochter möglicherweise entführt wurde. Aber von wem? Bisher ist keine Forderung bei ihr eingegangen! Sie vermutet, der oberste Cythraul könne dahinter stecken. – Deshalb ist es extrem wichtig, dass niemand weiß, wer die Königin ist. Die Entführung der Tochter würde sie erpressbar machen. Die Übergänge in eure Welt wären dann möglicherweise nicht länger unüberwindbar für die tödlichen Dämonen.«

»Aber warum könnt ihr die Spur Saphiras nicht finden? Ihr verfügt über magische Fähigkeiten, zumindest du. Damit sollte es doch ein Leichtes sein, von dem Ort, an dem die jungen Elfen feierten, der Fährte zu folgen.«

»Das kann dir am besten Katherin erklären, aber vorher muss ich dich auf ein Wesen vorbereiten, das …«

»... das mich zu Tode erschrecken könnte. Das habe ich vorhin mitbekommen. Was ist das für eine Kreatur?«

»Geht es der Kleinen endlich besser?« Mit dieser Frage kommt eine große Frau von gerader, schlanker Gestalt in den Raum. Ihr hellblauer Umhang weht etwas, genauso wie ihr langes, schwarzes Haar, das von einem einfachen, blauen Lederband um ihre Stirn gebändigt wird. Ihr Gesichtsausdruck ist fragend, aber gleichzeitig besorgt. Hinter dieser stolz und unnahbar wirkenden Elfe drängen weitere in den Raum. Bei dem Anblick des letzten von ihnen, zieht Anna entsetzt die Luft ein und hält sie an. Katherin bemerkt die Reaktion des Mädchens, dreht sich um und scheucht ihre Begleiter aus dem Raum. Das ist jetzt natürlich vergeblich, da die Kreatur, auf die sie vorbereitet werden sollte, bereits gesehen wurde. Anna überlegt, ob sie vielleicht träumt, doch der Schauer, der ihr über den Rücken läuft, ist zu real. Sie ist tatsächlich wach! Sie richtet sich langsam auf.

»Ich bitte um Verzeihung, eure M... Entschuldigung. Ich fühle mich noch wie im Traum, bin aber soweit wieder hergestellt. Ainoa hat mir Lebensenergie übertragen, sonst ginge es mir sicher nicht so gut.« Sofort bereut Anna ihre Worte, die als Vorwurf ausgelegt werden könnten. Ihre Sorge wegen der unbedachten Rede an die Elfenkönigin ist offensichtlich unbegründet. Das Gesicht der Frau mit den unergründlichen, tiefblauen Augen, überzieht ein einnehmendes Lächeln.

»Hallo, mein Kind. Es freut mich, dass meine Cousine dir geholfen hat. Lebensenergie? Hm, das bringt mich auf … Ihr werdet feststellen, dass ihr nun auf besondere Weise miteinander verbunden seid. – Wie soll ich dich nennen? Halt, sei gewarnt, nenn nicht deinen richtigen Namen!« Jetzt lächelt Anna.

»Ainoa hat mich vorbereitet, darum sagt einfach Q.«

»Q, rede mich bitte von Du zu Du an. Alles andere wäre verdächtig!«

Dragon-tan


Katherin zieht auch einen Stuhl an die Liege heran und setzt sich. Anna blickt lange in das freundliche Gesicht. Sie versteht, dass eine Mutter um ihr verschwundenes Kind bangt und alles versucht, es zu finden. Warum aber ausgerechnet sie dabei helfen soll, ist ihr ein Rätsel. Ein Kribbeln läuft über ihre Kopfhaut. Was war das für ein gefährlich aussehendes Wesen, das soeben hinter Katherin in den Raum kommen wollte? Eine der Elfen schillerte in ihrem Nacken sehr bunt, was zu sehen war, als sie den Raum verließ. Das erinnerte sie sofort an eine große Zauneidechse, oder war es womöglich ein Tuch, das sie umgelegt hatte? Hinter ihr kam eine weitere Elfe, die eine erheblich vergrößerte Nase hatte. Sie ähnelte schon fast der Schnauze eines Hundes. Hinter dessen Rücken war dann ein bläulich-grün schillernder Drache zu sehen gewesen. Sie hatte sogar ein kleines blaues Wölkchen bemerkt, das sich aus seinem Maul langsam nach oben kräuselte. Sollte das ein feuerspeiender Lindwurm sein?

»Katherin.« Anna macht eine kurze Pause und beginnt erneut. »Habe ich eben richtig gesehen? Wollten hinter dir zwei weitere Elfen und ein Drache in diesen Raum kommen?«

»Es tut mir leid, wenn sie dich erschreckt haben. Aber sei versichert, Dragon-tan tut dir nichts. Konnte Ainoa dich nicht vorwarnen?« Ein vorwurfsvoller Blick ist auf ihre jüngere Cousine gerichtet. Bevor diese etwas erwidern kann, nimmt das Mädchen sie in Schutz.

»Ich musste mich erst erholen, was wohl längere Zeit als von dir erwartet dauerte. Nachdem mir Ainoa mit der Übertragung von Lebensenergie geholfen hatte, wollte ich von ihr erst zu viele Fragen beantwortet haben. Deshalb war sie noch nicht so weit gekommen.« Sie zwinkert der jüngeren Elfe zu, die zurücklächelt. »Wie wäre es, wenn du mir die zwei Elfen und die Kreatur vorstellst?«

»Findest du, dass das meine … Nun gut«, unterbricht sich die Elfe sofort, die zuerst empört auffahren wollte. »Ich habe es ja so gewollt. Die zwei sind sozusagen meine besten »Spürnasen«, die seit Wochen nach Saphira suchen. Madfall ist ein Elf, der einer Zauneidechse ähnlich sieht. Er vermag einer Fährte besonders gut durch dichtes Unterholz in Wäldern zu folgen. Ci-hela besitzt wiederum eine ausgezeichnete Spürnase, die sogar einem Hund überlegen ist. Er vermag damit einer mehrere Tage alten Spur zu folgen, wenn sie nicht durch stärkere Düfte überlagert wird. Der letzte von ihnen ist Dragon-tan, ein junger Feuerdrache, der uns Schutz gegen andere Drachen gibt. Er vermag, trotz seiner Jugend, die zwei Spürnasen in die Lüfte zu tragen und mit ihnen in entlegenere Gebiete unserer Welt vorzudringen.«

»Aber … Ainoa sagte doch, Eisdrachen oder Drachen gehören zu den Cythraul. Ist Dragon-tan kein richtiger Lindwurm?«

»Pst. Sag das nicht, wenn er es hören könnte. – Saphira traf sich vor einem Jahr im Westen mit anderen Elfen der Region. Bei einer Wanderung auf den höchsten Berg fanden sie ein Ei, das etwa die Größe einer Männerfaust hatte und in einer kleinen Spalte eingeklemmt war. Es fühlte sich eiskalt an, was auf dem Berg mit schneebedecktem Gipfel nicht ungewöhnlich war. Die jungen Elfen hielten es für ein aus einem Gelege gefallenes Exemplar eines Greifs oder Drachen, das ohne die Wärme des Muttertiers bereits abgestorben sei. Da sie wissen, wie angriffslustig diese Wesen reagieren, wenn man in die Nähe ihres Nestes kommt, drehten sie um und suchten nach einem anderen Pfad zum Gipfel. Saphira steckte das Ei in ihren Rucksack und brachte es mit nach Hause. Sie legte es auf die Fensterbank ihres Zimmers, da die Schale ein leuchtendes, blau-grünes Muster hatte. In der Nacht wurde sie von einem Kratzen und Schaben darin geweckt, also musste es noch Leben in dem Ei geben. Eine Woche später schlüpfte ein kleiner Drache. Seitdem wich Dragon-tan bis zum Alter von einem Jahr kaum von Saphiras Seite, da er sie für seine Mutter hält.«

»Dann ist er also ein echter Drache?«

»Richtig. Und er kann fliegen und Feuer spucken, doch das hat er bisher nie für irgendwelche Gräueltaten genutzt. Er ist der einzige Feuerdrache, der auf unserer Seite steht. Vor mehreren hundert Jahren gab es schon einen Lindwurm, der auf ähnliche Weise zu uns Elfen gelangte. Der kämpfte gegen seine Artgenossen, um seine neue Familie zu schützen. Leider kam er dabei um. Doch das zeigt uns, dass ein Lebewesen nicht deshalb böse ist, weil es so geboren wird, sondern weil Erziehung und Umgebungseinflüsse es dazu machen.«

»Kannst du mir sagen, weshalb du dir mehr Erfolg von meiner Suche erhoffst, als von eurer?«

»Kennst du den Unterschied zwischen Elfen und Menschen?«

»Ich … nein, kenne ich nicht. Zumindest du und Ainoa seht aus wie wir. Aber halt, ihr vermögt Magie einzusetzen. Damit müsste es euch doch leicht fallen, der Fährte von Saphira zu folgen!«

»Du hast recht, im Aussehen unterscheiden wir Elfen uns nicht von Menschen. Wir können uns jedoch viel schneller als ihr bewegen, was euren Augen zu verfolgen schwer fällt. Manche Menschen dichten uns deshalb Flügel an, die wir aber nicht besitzen. Zauberkräfte haben nicht nur manche von uns. Es gibt auch einige Menschen, die darüber verfügen, besonders dann, wenn sie in unserer Anderswelt sind.« Anna hält den Atem an und blickt Katherin ungläubig an. Die scheint es nicht zu merken. »Ein Nachteil ist, dass wir Teil der Anderswelt sind. Sobald wir hier Magie einsetzen, spürt das einer unserer Gegenspieler, der das Empfinden sofort an den Cythraul weitervermittelt. Wenn wir nicht sofort nach der Anwendung unseren Ort wechseln, müssen wir damit rechnen, von ihm aufgespürt und vernichtet zu werden. Alle Wesen des Bösen wollen die Herrschaft in der Anderswelt übernehmen. Wenn sie uns einzeln auflauern, sind wir ihnen unterlegen, selbst wenn wir dann Zauberei nutzen sollten.«

»Warum ist dann der Cythraul noch nicht hier? Ainoa hat mich hergeholt und auch Lebensenergie übertragen. Ist dafür keine Magie angewandt worden?«

»Doch«, beginnt die junge Elfe. »Wenn wir Zauberkräfte in eurer Welt nutzen, resultiert in unserer daraus nur ein schwacher, verfälschter Impuls. Der kann von den Gegnern nicht lokalisiert werden. Das ist ebenso, wenn wir eine Art örtliche Schutzglocke vor Anwendung der Magie aufrufen. Warum das so ist, wissen wir nicht. Den Schutz herstellen ist bereits die Nutzung von Zauberkraft, trotzdem lässt sich das nicht aufspüren.«

»Könntet ihr dann nicht auf diese Art die Spur von Saphira verfolgen?«

»Das haben Ainoa und ich versucht«, beginnt jetzt wieder Katherin. »Dafür geht jedoch so viel Zeit verloren, dass die Fährte sozusagen schneller erkaltet, als dass wir ihr zu folgen vermögen. Einmal haben wir alles auf eine Karte gesetzt, wie man bei euch zu sagen pflegt. Wir kamen dadurch bis etwa zur Mitte des Landes, als uns plötzlich drei gewaltige Eisdrachen erwarteten. Zu unserem Schutz setzten wir Magie ein und schleuderten Betäubungsflüche auf die Eismonster. Eines davon konnten wir auf die Art außer Gefecht setzen, doch dann wurde es Zeit zu verschwinden. Am Horizont bildete sich bereits ein dunkelrotes Licht, aus dem grelle Blitze züngelten. Das zeigte uns unmissverständlich: der Cythraul war auf dem Weg zu uns. Wir mussten also schleunigst von dort verschwinden und nutzen Magie, um den Ort zu wechseln. Das wird magischer Sprung genannt, lässt sich aber auch leicht verfolgen. Deshalb war es gut, dass uns Dragon-tan begleitete. Er ließ uns aufsteigen und flog uns in Sicherheit. Seitdem haben wir es wieder mit den vorherigen Schutzmaßnahmen versucht, doch vor fünf Wochen verlor sich endgültig Saphiras Spur!«

Jetzt herrscht längere Zeit Stille. Was soll Anna nur antworten. Schließlich reißt sie sich zusammen.

»Ainoa sagte, ich könne den Auftrag auch absagen.« Sie bemerkt sofort die Enttäuschung, die sich im Gesicht der Elfenkönigin breitmacht. »Das will ich aber nicht, keine Sorge. Ich muss vielmehr wissen, was in der Zwischenzeit im Internat geschieht. Werde ich dort vermisst und mein Vater bekommt darüber eine Nachricht? Das würde ihn genauso in Angst versetzen wie dich.« Sie nickt Katherin zu. »Ich habe vorhin mitbekommen, dass ihr davon spracht, mein Tod würde dem Gewitter zugeschrieben, wenn der Körper gefunden wird. Ich bin jetzt schon sehr lange hier. Ist das nur mein Geist?«

»Entschuldige, das haben wir noch nicht erklärt. Wenn du hier bist, bist du das komplett. Deshalb könntest du hier auch zu Schaden kommen oder getötet werden. In dem Fall würde dein Körper sofort zurück zu dem Zeitpunkt in deine Welt gebracht werden, als du hierherkamst. Deine Abwesenheit wird nicht bemerkt, da die Zeit dort sozusagen stillsteht.«

»Das bedeutet dann, dass ich hier zeitlos lebe, also ohne älter zu werden?«

»Richtig. Selbst wenn du ein Jahr in der Anderswelt bleiben würdest, um die Aufgabe zu erledigen, alterst du nicht und kämst anschließend um Mitternacht bei Gewitter unter dem Haselbusch wieder in deine Welt zurück.«

»Falls ich nicht von einem der bösartigen Kreaturen getötet werden würde.«

»Richtig. Die Möglichkeit besteht leider auch!«

Jetzt herrscht erneut Stille. Anna schaut sich in dem heimeligen Raum um. Durch das kleine Fenster fällt mittlerweile helles Sonnenlicht herein und Vogelgezwitscher kündigt den beginnenden Morgen an. Aus einem Nachbarzimmer weht der Duft von gebratenem Speck und heißem Kakao herüber. Offenbar wird dort das Frühstück vorbereitet. Ein vernehmliches Knurren ihres Bauchs bekundet Hunger. Anna seufzt. Sie möchte den Elfen gern helfen, aber vermag sie das auch? Schließlich ist sie zwar kein Baby, aber immerhin ein recht kleines Mädchen.

»Warum soll ich euch helfen können?«, platzt es plötzlich aus ihr heraus. »Meine körperlichen Fähigkeiten sind nicht überragend. Gibt es sonst keinen Menschen, der besser dazu geeignet ist?« Sie denkt kurz daran, wie sie oft im Sportunterricht von anderen überflügelt wird. Lediglich in Schach ist sie in ihrer Altersklasse unschlagbar, aber das wird ihr hier vermutlich kaum helfen.

»Ich dachte, das hätten wir bereits erläutert.« Katherin blickt erst sie, und dann Ainoa erstaunt an, die ihren Kopf schüttelt.

»Nein, das haben wir tatsächlich nicht«, bestätigt diese. »Das hängt damit zusammen, dass du ein mitfühlendes Wesen besitzt. Schließlich wolltest du mich befreien. Andere hätten mich einfach in der Falle stecken lassen. Außerdem ist Mut erforderlich. Dass du den besitzt, hast du dadurch bewiesen, trotz des gefährlich nahen Gewitters einen Vogel in der Nacht und alleine retten zu wollen. Auf den ersten Blick mag es dir sinnvoller erscheinen, einen Erwachsenen auszuwählen, doch das ist es nicht. Sobald Menschen keine Kinder oder Jugendlichen mehr sind, verlieren sie einen Großteil ihrer Fantasie. Sie werden Realisten und wägen Risiken anders gegen Möglichkeiten ab. Du besitzt eine unerschrockene Seele und auch genügend Einbildungskraft, um trotz der möglichen Gefahren, an den Sieg einer gerechten Sache zu glauben. Ein Erwachsener käme zu einem anderen Ergebnis. – Außerdem gibt es nicht viele von ihnen, denen wir uns offenbaren würden.«

»Gibt es im Internat also keinen Erwachsenen …? Oder doch? Hm, ich habe von einem Professor gehört, dass wir seinen Geheimnamen nicht nutzen sollten. Genauer gesagt war es ein Freund, der ihn aussprach. Kennt ihr M hoch Zwei?«

Die Elfen schauen sich an, doch nur die ältere nickt.

»Sie ist eine langjährige Freundin, die mir vor vielen Jahren in einer ähnlichen Situation half. Nun ja, damals ging es natürlich nicht um die Entführung Saphiras, sondern um Hilfe im Kampf gegen einen Feuerdrachen. M hoch Zwei war damals etwa drei Jahre älter als du.« Versonnen weilt Katherin in der Vergangenheit, während Ainoa sie ebenso erstaunt ansieht, wie Anna.

»Das muss ja Ewigkeiten her sein«, denkt das Mädchen.

»Das kannst du laut sagen!«, antwortet die junge Elfe. Sofort blicken sich beide ungläubig an. Die besondere Verbindung zwischen ihnen äußert sich als Folge der Energieübertragung also derart, dass sie sich über Gedanken verständigen können. Ein feines Kribbeln läuft Anna über den Nacken.

»Heißt das, du kannst jetzt alles hören, was ich denke?«

»Nein, nur wenn du das zulässt. Du kannst es auch gezielt blockieren. Ich übrigens auch.«

»Das ist gut. Ich weiß nicht, ob du in alle meine geheimen Gedanken eindringen sollst.«

»Tu ich nicht, versprochen!«

»Danke. Ich halte mich auch zurück!« Beide grinsen sich an, ohne dass Katherin den Grund versteht.

»Habe ich etwas verpasst?« Doch eine Antwort bleibt aus. Die Elfe und das Mädchen wollen ihr kleines Geheimnis vorläufig für sich behalten. Sie blicken scheinbar verständnislos zurück.

»Ich möchte …«, beginnt Anna. Sie hüstelt einmal und fragt dann gedanklich Ainoa. »Wie ist das eigentlich, wenn ich in meine Welt zurückkehre und dann wieder in die Anderswelt möchte. Kann ich dich dazu herbeirufen?«

»Über Gedankenverbindung ist das jederzeit möglich!«, sendet die junge Elfe. »Egal von wo du mich rufst, ich werde dich hören.« Das Mädchen nickt und spricht jetzt ihre Gedanken aus.

»Ich möchte gern zurück in meine Welt, verspreche aber, zu euch zurückzukommen. Ich werde alles versuchen, um Saphira zu retten. Vorher will ich mich aber in alten Büchern unserer Bibliothek informieren, wie ich mich bei euch gegen einen Angriff eines Eisdrachen oder anderer Kreaturen des Bösen schützen kann. Ich werde mich auch mit M hoch Zwei unterhalten. Ist es möglich, dass Ainoa mich jeweils gegen Mitternacht der folgenden Tage fragt, ob ich bereit bin?« Beide Elfen bestätigen das. Anna hofft, dass während ihrer Abwesenheit von der Anderswelt dort nicht zu viel Zeit verstreicht, doch darin versucht Ainoa sie gedanklich zu beruhigen.

»Ein Tag in deiner Welt führt zu keiner zeitlichen Beeinflussung bei uns. Die Zeit vergeht parallel, also genauso schnell oder langsam.« Obwohl Katherin zustimmt, dass sich Anna bestmöglich auf ihre Aufgabe vorbereitet, möchte sie ihre Tochter so schnell wie möglich aus der Gewalt der Entführer befreit wissen. Das Mädchen verspricht, sich zu beeilen und erkundigt sich danach, ob die Reise von einer Welt in die andere erneut zu körperlichen Schwierigkeiten führen wird. Auch da wird sie beruhigt. Nur der erste Übertritt ist manchmal gefährlich.

»Danach ist es wie das Überqueren eines Flusses durch Schwimmen«, sendet Ainoa.

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