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Norbert Philipp
Wir reden, noch
Die Kultur des Gesprächs in der digitalen Ära

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1. Auflage 2020
© 2020 by Braumüller GmbH
Servitengasse 5, A-1090 Wien
www.braumueller.at
Covergrafiken: © Freepik.com, Portraitfoto Rückseite: © Carolina Frank
ISBN 978-3-99100-291-8
eISBN 978-3-99100-292-5
Für Lori:
Jedes Gespräch –
ein kleines Abenteuer
Inhalt
Ein Vorwort
Reden wir übers Reden
Warum wir überhaupt reden (und was wir uns davon versprechen)
Wie wir reden (und wie sich das digital verändert)
Wo wir reden können (und warum Räume ein Wörtchen dabei mitzureden hätten)
Mit wem wir reden könnten (und warum es nicht immer Menschen sein müssen)
Die Ära der Videokonferenz
Danksagung
Quellenverzeichnis
Weiterführende Literatur
Ein Vorwort
Plötzlich war alles anders. Und das noch dazu für die allermeisten Menschen. Wie die Digitalisierung hat auch diese Krise keinen ausgelassen – das Präfix „Pan“, vorne im Wort „Pandemie“, hat es schon ahnen lassen. Was da über den Planeten schwappte, war nicht die Digitalisierung. Sondern eine ganz andere Welle. Sie kam stärker, unvermittelter. Und hat heftiger an allem gerüttelt, was man schon so gut kannte, am Alltag, an den Möglichkeiten, ihn zu verbringen, an der Art, wie man auf andere zugeht und wie man schlussendlich miteinander redet. Ein Virus hat das geschafft, was viele konkrete Technologien letztendlich doch nur vage angedeutet haben: den Großteil der sozialen Interaktionen in einen ganz neuen Modus zu versetzen, nämlich in den digitalen. In einen Zustand des Kontakts ohne Kontakt. Corona hat die Digitalisierung beschleunigt, zugespitzt und hochgeschaukelt. Und damit umso schneller verändert, wie Menschen miteinander reden. Nicht weil es die Technik plötzlich erst zugelassen hätte. Sondern weil es die Situation so forderte. Unverhofft ist die digitale Zukunft auf die Realität eingestürzt. Und dabei sind einige Menschen in Situationen genötigt worden, in denen sie so auch noch nicht waren. Die eigenen Eltern nur mehr digital zu besuchen etwa, per Videochat. Oder an Beerdigungen und Hochzeiten teilzunehmen, ohne dort zu sein. Per Livestream. So neu waren viele diese Situationen, dass auch Politikern manchmal nur ungelenke Begriffe für die Gesamtsituation einfielen. Wie etwa die „Neue Normalität“. Eine sanft formulierte Verheißung, dass ein gutes Stück „anders“ auch hängen bleiben wird. Im Alltag. Und auch in der Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren. Oder generell: miteinander umgehen. Und nicht nur deshalb, weil digital Reden die weitaus klimafreundlichere Variante ist, wenn man sich für den Austausch nicht erst aufeinander zubewegen muss. So viel steht fest: Digitales Reden produziert weniger CO2. Dafür an manchen empfindlichen Stellen des sozialen Alltags auch Unbehagen, Unsicherheit und sogar Ängste.
An die Gesichter, die außer Baumwollstoff nur mehr wenig zeigten, hatte man sich irgendwie schnell gewöhnt. Und daran, den Mundschutz zum Einkaufen so selbstverständlich mitzunehmen wie die Liste und Kleingeld für das Einkaufswagerl. Oder auch an andere ungewohnte Fakten: Dass man für ein Vieraugengespräch nur noch den Computer einschalten muss. Genauso, wie wenn man einen Vortrag vor achtzig Augen hält. Ganz nebenbei hat Corona noch andere Selbstverständlichkeiten produziert: Dass man in Ausstellungen geht, ohne dass man hingehen muss. Dass man, wenn man sich treffen will, sich gar nicht erst mühsam treffen muss. Dass man, wenn man jemanden erreichen will, sich nicht mit dem Auto in den Stau einreihen muss. Oder in die Warteschlange vor dem Flugzeuggate, nur damit man für eine Stunde Geschäftsverhandlung viele Tonnen Kerosin verbrennt.
Plötzlich schien das Glasfaserkabel genauso wichtig wie das Stromnetz. Eine Infrastruktur, die den Alltag am Laufen hält. Da poppte sogar so schnell wie der Virus selbst auch die Sorge auf, ob die Netze so viel Digitalisierung auf einmal überhaupt aushalten. Ganz abgesehen davon, ob die Menschen so viel Abstand und Medien zwischen sich beim Interagieren auch so gut vertragen. Unter der viel beschworenen Prämisse, gerade zu Coronazeiten, dass sie ja – wie Wellensittiche und Kaninchen – ausgesprochen soziale Wesen sind. Und tatsächlich haben viele Menschen festgestellt: Gespräche funktionieren auch so. Digital. Mit Abstand. Auch ohne dass man sich davor die Hand geschüttelt hat. Und auch ohne dass man dem anderen mimisch ständig deutlich machen kann, dass man auch seiner Meinung ist. Vieles von dem, wofür sich verschiedenste Technologieunternehmen und Early Adopter schon eingesetzt hatten, hatte plötzlich unangekündigte Feuertaufe. Man erkannte: Es geht auch so. In vielen Bereichen. Aber man fragte sich bald: Will man es auch so?
In der Coronazeit hatte man plötzlich Gelegenheit, vieles völlig neu zu bewerten: Wie man wohnen will. Wie man arbeiten will. Aber vor allem auch: Wie man miteinander reden will. Ein paar Wochen hatte man Zeit, während des Lockdowns die analoge Kommunikation sehnsuchtsvoll zu vermissen. Aber gleichzeitig schätzen zu lernen, wie die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation sie manchmal effizient ersetzen können. Vor allem jene Optionen, die für manche noch so ungewohnt und neu waren, wie in die Armbeuge zu niesen. Der Lockdown war eine unangekündigte Evaluierungsphase: der Qualitäten von Gesprächen, die man sonst analog führte. Und von jenen, in die man zwangsläufig geraten war und die sich wie selbstverständlich in den Alltag gemischt hatten – wie etwa Videokonferenzen.
Corona und seine Folgen kamen um einiges vehementer angerauscht als die Digitalisierung. Auf den Etappen, die Letztere bis heute nahm, konnte man sich entweder entspannt auf sie einlassen oder sich zumindest allmählich mit ihr abfinden. Corona ließ im Frühling des Jahres 2020 dafür keine Zeit. Vieles, was technisch möglich war, theoretisch denkbar, wurde Tatsache und zwangsläufig. Manches, was wie digitale Zusatzfeatures des Lebens gewirkt hat, die man bei Bedarf zuschalten konnte, übernahm kommunikative Kernfunktionen. Und während sich die Tiefkühl- und Toilettenpapierregale in den Supermärkten leerten, füllte sich der Wortschatz mit neuen Begriffen. Schon Kinder wussten bald: „Videokonferenz“ ist jene Zeit des Tages, in der sich die Eltern Gesichtern widmen, die gar nicht da sind. Und dass man ihnen beim Reden zuschauen kann. Wenn die Kinder das Schlüsselwort hörten, wussten sie aber auch: Jetzt wird die Wohnung umgeschaltet. Von Kinderbetreuungsstätte auf Homeoffice. Bis sie am Nachmittag dann ohnehin wieder zum Yogastudio wird. Denn Corona hatte alle und alles nach Hause geschickt. Die Mitarbeiter der Unternehmen, selbst jener, die zuletzt vom Teleworking von zuhause wieder ins Büro gerufen hatten. Die Einkäufe und das Tagesmenü, auch sie trudelten von außen ein. Genauso wie die Lerninhalte und Aufgaben für die Schüler und Studenten. Aber auch die Ballettstunde, genauso wie alle möglichen Formen der Zeitverbringung à la „geselliger Abend“. Sogar der Österreichische Bundesverband für Psychotherapeuten aktualisierte seine Richtlinien: Er schaltete die Option „tele“ auch frei für die Therapie. Via Videosoftware oder auch schlicht via Telefon. Und gerade das, das Vorgänger-„tele“-Format der Internetkommunikation, das Telefon, wurde wieder häufiger zur Hand genommen als in den Jahren zuvor, vermeldeten die Telekommunikationskonzerne. Als wäre in zwangsläufig isolierteren Lebensphasen die weit verbreitete digitale Redekultur, also das gegenseitige Zuwerfen schriftlicher digitaler Häppchen, mit einem Mal doch nicht „sozial“ genug. Jedenfalls: So „tele“, „remote“ und „distant“ wie während Corona war das Leben seit Erfindung des Internets noch nie. Und das spielte natürlich jenen Unternehmen in die Hände, für die „Abstand“ schon immer zum Geschäftsmodell gehörte. Vor allem auch in der Kommunikation. Die Zahl jener etwa, die eine Software nutzten, von der sie früher nur gehört hatten, schoss rasant nach oben: Das Videokonferenzsystem „Zoom“ war mit 10 Millionen Usern in den Lockdown gestartet. Innerhalb kurzer Zeit stieg ihre Zahl auf über 200 Millionen. Als hätten die digitalen Kommunikationskanäle nur auf die Krise gewartet, um zu zeigen, was sie können. Vor allem auch einiges überwinden, was sich sonst einem Informationsfluss gern in den Weg stellt. Distanzen und sonstige Barrieren. Abstand halten und trotzdem in Verbindung bleiben, für digitale Medien war es die leichteste Übung. Und selbst paradox anmutende soziale Manöver schienen plötzlich digital ganz leicht zu gelingen: wie etwa den Zustand von „distanzierter Verbundenheit“ herzustellen. Selbst die noch ein wenig argwöhnischeren unter den Digitalskeptikern bemerkten: Einiges an kommunikativen Grundaufgaben kann man durchaus den digitalen Kanälen anvertrauen. Redaktionskonferenzen, Symposien, Workshops, Teammeetings, die ersten Runden von Bewerbungsgesprächen, Interviews – nur einige Formate, bei denen Videokonferenzen bewiesen haben: Sie können vieles an Kommunikationsbedarf abwickeln. Gleichzeitig haben sie aber auch noch etwas anderes klargelegt: wofür sie eher nicht taugen. Oder worauf man lieber wartet, bis man sich wieder „sieht“, tatsächlich und im gemeinsamen Raum, statt nur zu sehen – auf einem flachen Bildschirm. Ein spontanes zwangloses Gespräch lässt sich technisch nicht ganz so leicht herstellen. Schließlich muss man jedes Gespräch planen, ankündigen, terminisieren. Oder ein tiefgehendes Gespräch, in das man versinkt. Auch das lässt sich digital nicht ganz so einfach produzieren. Dafür ist die Gesprächsblase, die sich da zwischen dem einen und dem anderen Bildschirm aufbauen soll, viel zu fragil. Kaum ist sie mühsam gebildet, muss man sie ständig pflegen, aktivieren, vor dem Einsturz bewahren. Das ist anstrengend. Kognitiv vor allem. Auch weil ansonsten vieles hergestellt werden muss, was sich sonst wie von selbst ergibt – in analogen Begegnungen. Wie die Aufmerksamkeit etwa. Das heißt: Auch wenn die Verbindung technisch gelegt ist, sozial bleibt sie zerbrechlich. Irgendwie spürte man bald, nach der Euphorie darüber, was sich denn alles theoretisch digitalisieren ließe: diese kontaktlose digitale Kommunikation. Auch wenn immer mehr Gesichter auf Bildschirmen bei ihr mitmischen und selbst wenn sie vieles ersetzen kann, meist kann sie nicht mehr sein als ein gut gemeintes Substitut. Eine technische Behelfskonstruktion. Eine Art digitale Kommunikationsprothese. Auch weil sich etwas schon gar nicht einfach so „off“-schalten lässt wie der Laptop: die Sehnsucht nach Kontakt mit Kontakt. Nach haptischer und räumlicher Verbundenheit. Bei der die Signale das ganze Frequenzband der Kommunikation bespielen können, die eine soziale Interaktion normalerweise unterstützt – wenn man sich tatsächlich und analog gegenübersteht oder -sitzt. Deshalb freuten sich auch alle – trotz digitaler Verbundenheit – nach dem Lockdown und nach Wochen des ungelenken, teils teilnahmslosen, teils gestressten In-die-Kamera-Winkens auf eines: wieder zu „reden“, statt nur zu kommunizieren. Dabei auch mal in Ruhe schweigen zu können, ein paar Momente, um einem wichtigen Satz ohne Worte Nachdruck zu verleihen. Oder dem anderen mit einer Idee ins Wort zu fallen, ohne dass das Gespräch ins Stocken kommt. Oder dem anderen ganz genau und ganz nah dabei zuzuschauen, wie die Augenbrauen tanzen, die Augen lachen und die Gesten weiter ausholen, als sie müssten – beim ganz normalen, analogen Reden, von einem Gesicht zum anderen.
REDEN WIR ÜBERS REDEN
Das persönliche Gespräch – der Showdown der Kommunikation
„Wir müssen reden.“ Kaum ist das gesagt, weiß man: Jetzt wird’s ernst. Oder sogar wahrhaftig. So richtig live. Was man auch immer zuvor geschwafelt und geplappert hat, per WhatsApp so vor sich hergesagt, so beiläufig ins Smartphone getippselt – jetzt kommt der Showdown der Kommunikation. Jetzt entscheidet sich, wie das alles vorher wirklich gemeint war. Und den ganzen Chatverlauf des letzten Jahres auf dem Handydisplay liest man mitunter mit ganz anderen Augen. Purer und unmittelbarer kann das Gespräch nicht sein, das Basiskommunikationsformat, wenn zwei menschliche Gesichter im selben Raum zwischen sich eine Interaktionsblase aufspannen. Und darin ist das, was da phonetisch passiert, wenn aus Lauten Wörter werden, wahrscheinlich noch am einfachsten zu erklären. Zwei Gesichter im Austausch, im persönlichen Gespräch, das nennen die wissenschaftlichen Beobachter Face-to-Face-Kommunikation. Und wir wollen es auch so bezeichnen, wenn wir hier dringend einmal reden müssen, über das Reden. Oder darüber, was das persönliche Gespräch für Menschen und ihre Kommunikation leistet. Selbst der Digitalisierung ist bislang noch keine adäquate Alternative zum persönlichen Gespräch eingefallen. Obwohl sich natürlich alle digitalen Kanäle stets emsig bemühen, sich möglichst anzunähern. Diesem unerreichten Level eines Kommunikationsformats, das ontogenetisch ohnehin um so viel früher dran war in der Menschheitsgeschichte. Was die Digitalisierung auch erfunden hat, imitiert, ins Virtuelle übertragen: Die Qualitäten des Face-to-Face-Kontaktes, bei dem tatsächliche Augen in tatsächliche Augen schauen, diese kann sie noch nicht technisch reproduzieren. Das persönliche Gespräch ist die Grundlage des Zusammenlebens, der menschlichen Existenz und auch davon, wie man über beides nachdenkt. Denn gerade den Gedanken sagt man nach, dass sie sich erst wirklich formen, wenn sie ausgesprochen werden. Von den guten Ideen glaubt man das auch: Sie brauchen andere, mit denen sie sich Face-to-Face reiben können, damit sie zünden. Was man ausspricht, bekommt gleich eine andere inhärente Qualität, eine eigene und unmittelbare Wahrhaftigkeit, als das, was man lediglich denkt, irgendwo virtuell an Pinnwände hängt oder postet. Das Gespräch ist die „alltägliche Selbstvergewisserung“, schrieb einer der ersten, die sich mit ihm beschäftigt haben, Moritz Lazarus.1 Und aus dem Zitatenlexikon springt einem gleich noch ein kluger Spruch entgegen, einer, der sich aber eher auf die tiefgehenden Versionen bezieht: „Gespräche sind wie Reisen zu Schiff. Man entfernt sich vom Festland, ehe man es merkt, und ist schon weit, ehe man merkt, dass man das Ufer verlassen hat.“ So formulierte es der französische Schriftsteller Nicolas Chamfort.
Es hilft nichts: Wir müssen nun mal reden. Dann und wann. Manchmal nur ganz beiläufig und zwanglos. Hie und da aber auch Tacheles. Keine Angst, es tut gar nicht weh. Schließlich hat man sich auch in jungen Jahren von anderen abgeschaut, wie es funktionieren könnte. Viel hat man gehört, beobachtet und imitiert. Wie andere reden. Und sich dabei verhalten. Das Schwierige: Beim analogen Reden ist man immer gleich auf der Bühne. Keine Chance auf Generalprobe. Auf Instagram etwa hat man dagegen deutlich mehr Zeit für die richtige Pose, um den ersten Eindruck zu modellieren und alle anderen, die folgen mögen. Gut, Sich-in-Szene-Setzen funktioniert wahrscheinlich online besser. Offline eignet sich dafür eher für die etwas entscheidenderen kommunikativen Handlungen wie: Drohen, Verhandeln, Liebe-Gestehen, Alles-Hinwerfen, Schreien vor Erleichterung, aber auch Anteil nehmen an den Gefühlen anderer.
Miteinander reden, Face-to-Face, bedeutet immer noch so viel wie „Jetzt aber wirklich“. Und das impliziert dadurch beinahe, dass alles andere, was man digital miteinander austauscht, gar nicht so wirklich gewesen ist, wie man gerne gehabt hätte. Zwei Gesichter im kommunikativen Austausch, das ist ein Livespektakel. Und danach fühlt sich retrospektiv mancher Chat zuvor fast an wie Tiefkühlkommunikation: Das ursprüngliche Verlangen wurde gestillt. Aber irgendwie unbefriedigt zurückgelassen wird man trotzdem.
Ob die Face-to-Face-Kommunikation weniger wird, ist schwer zu messen. Man müsste allen Menschen der Welt das umhängen, was Forscher in Versuchsreihen schon ihren Teilnehmern umgehängt haben: einen „EAR“, einen „Electronically Activated Recorder“2, der aufzeichnet, was man mit wem einen Tag lang so redet. Was hingegen definitiv mehr wird, sind die Eindrücke, dass die Gespräche tatsächlich weniger werden. Ansonsten würde man heute nicht als explizite Wertschätzung verstehen, was früher selbstverständlich war: eben den persönlichen Kontakt. Für den man Zeit aufwendet und Energie. Als wären alle digitalen Alternativen vor allem dazu da, die menschliche Beziehung zu verwalten und abzuhandeln. Das persönliche Gespräch hingegen dazu, auch in die persönlichen Beziehungen zu investieren, an ihnen zu arbeiten und zu feilen. Wie guten Wein und Delikatessen hebt man sich Gespräche für besondere Augenblicke auf, manchmal sucht man sich dafür sogar eigens Orte, an denen die Worte und Emotionen noch stärken wirken können.
Gespräche erleichtern oft. Aber sie strengen auch an. Sie verbrennen Energie. Doch Face-to-Face-Kontakt lädt ebenso auf, ganze Gemeinschaften mit Vertrauen sogar. Und Beziehungen mit Verbindlichkeit. Auch nicht ganz unwichtig in einer digitalen Ära der Kommunikation, in der wissenschaftliche Beobachter schon so etwas wie „distanzierte Verbundenheit“ in unseren sozialen Bindungsverhalten konstatieren.3 In die zwischenmenschliche Kommunikation, ganz ohne digitalen Dämmstoff, schlägt die Realität am eindringlichsten ein. Man muss schon dabei gewesen sein, um zu wissen, wie das wirklich war, wie sich das wirklich anfühlte. Als man das Kompliment bekam, das man sich insgeheim schon so lange gewünscht hatte, das Lob, das längst überfällig war, die schmerzliche Absage und das unerwartete Geständnis. Was hart ist, schlägt noch härter auf, was schmeichelt, schmeichelt von Angesicht zu Angesicht umso mehr. Denn außer ein paar Zentimetern Luftraum bleibt Face-to-Face kein Puffer mehr. Doch das ist Platz genug, damit es knistert, funkt, zündet und Brücken geschlagen werden, die man erst sehen kann, wenn man auf die Bilder eines Gehirnscanners schaut. Oder Menschen dabei beobachtet, wie sich sich beim Reden auch körperlich einschwingen.
Manche Gespräche vergisst man nie. Weil sie einen beseelt, erleichtert, berührt haben. Oder die entscheidenden Weichen gestellt. Wirkungen, an denen Chatverläufe auf Smartphones noch feilen müssen. In manche Gespräche schlittert man rein, in andere wird man von unsichtbarer Kraft tief hineingezogen und erst Stunden später wieder entlassen, nach zwei Flaschen Rotwein, wenn Sperrstunde ist. Für manche Gespräche zieht man extra die Jogginghose aus, für manche hat man fünfzig Mal vorher angerufen und ebenso viele E-Mails geschrieben. Viele stehen im Terminkalender, andere kommen immer ungelegen, egal wann. Manche scheinen bis zum Schluss kein Thema zu haben außer „Ich und du“. Anderen merkt man schon beim ersten Wort an, wie sie enden werden. Und bei einigen weiß man bis zuletzt nicht, worauf das alles hinausläuft. Zwischen Kuss und Faustschlag scheint theoretisch alles möglich. Die meisten Interaktionen im Alltag enden allerdings dann doch recht unaufgeregt mit „Schönen Tag noch“. Doch selbst das scheint die Menschen zufrieden zu machen, haben Psychologen festgestellt.
Jedenfalls passieren die wunderlichsten Dinge zwischen Gesprächsanfang und -ende. Da läuft eine Choreografie ab, die im Moment von den Gesprächspartnern selbst mitgeschrieben wird. Denn, egal worüber man auch spricht, eines steht stets stumm auf der Agenda: Anpassung und Übereinkunft. Dafür lässt man sich aufeinander ein, schwingt mit dem anderen mit, synchronisiert viel mehr als nur Bewegungen und weiß danach manchmal gar nicht so recht, was da genau los war, wenn das Gespräch mit gutem Gefühl zu Ende geht. Nur dass man am liebsten einen Neurowissenschaftler anrufen würde, der es einem erklärt. Denn die Worte sind nur die offensichtlichsten Brücken. So viel mehr Zeichen takten den Fluss des Gesprächs, diktieren den Rhythmus, bauen mit an der Verbindung zweier Menschen, die unsichtbar scheint, aber deutlich sichtbar wird, wenn man sie beim Reden beobachtet. Und während man seine sozialen und inhaltlichen Botschaften abliefert, merkt man oft gar nicht, wie man schon miteinander tanzt. Gestisch nämlich. Dafür muss man sich nicht einmal auf dem Parkett gegenüberstehen. Es funktioniert auch im Sitzen, sofern es die Möbel und das Designkonzept dahinter, oder auch die Architektur des Raumes, zulassen.
Kommunikation im Breitformat
Gespräche sind oft nicht für alle. Nur die Wichtigsten, die einem am nächsten stehen, die man am dringlichsten braucht, bekommen eines. Unter vier Augen, da funktioniert auch keine „Message Control“ mehr, da kann einem die Botschaft auch mal entgleiten. Manchmal schade, dass man Gesagtes nicht mehr löschen kann, genauso wenig nachträglich in den Spamordner verschieben oder noch schnell mal redigieren, bevor es unwiderruflich in das Ohr des Hörers schlüpft. Wer unter vier Augen nichts redet, hat auch schon viel gesagt, schon ein paar Sekunden zu langes Schweigen spricht Bände. In einem Gespräch steckt man drin, von Anfang bis Ende, in einem zeitlichen Rahmen, aber auch in einem räumlichen, der zwischen Sender und Empfänger stets ein ganz besonderer ist, ein Verhandlungsraum. Ohne Türen. Man betritt ihn mit dem ersten Wort, das man sagt. Und verhandelt wird das wichtigste Thema überhaupt: wie man zueinander steht. Da werden Nähe und Distanz ausbalanciert, neu eingerichtet, mit der Wasserwaage der Worte und dem Lot aller verfügbaren nonverbalen Signale.
Das Zwiegespräch ist nun mal das kommunikative Großformat. Informationsübertragung in Cinemascope. Das kommunikative Weitwinkelobjektiv, das sich auf den anderen richtet, um ja auch keinen Zwischenton zu verpassen. Es ist der Modus für Inhalte, die eben die ganze Bandbreite brauchen. Wie Überraschungen und Offenbarungen. „Ich bin krank.“ „Ich liebe dich.“ „Lass uns abhauen.“ Das Gespräch ist die Manufaktur der Kommunikation zwischen all der seriell erzeugten digitalen Masseninformationsware. Es ist das Livekommunikationsereignis, das die beteiligten Augen, Gesichter und Gehirne noch enger miteinander verknotet. Es wirkt als Schmierstoff, wenn es reibt, als Kitt, wenn es mal brüchig wird. Die Face-to-Face-Kommunikation ist wie Priority-Boarding und VIP-Lounge, die erste Reihe im Theater, von der man noch tiefer ins Geschehen eintaucht. Und wäre sie ein Joghurt, sie hätte eine goldene Krone auf dem Etikett, als Premiummarke. Viele halten sie für unersetzbar. Doch trotzdem fürchten einige, dass sie uns allmählich abhandenkommt. Weil schon das Gegenüber des Gesichts, das wir dafür brauchen, sich allmählich aus so manchen alltäglichen Interaktionen zurückzieht. Und mit dem „Face“ geht schon einmal der sozialste aller möglichen Übertragungskanäle in der Kommunikation verloren.
Sender trifft Empfänger – Mit ein bisschen Luft dazwischen
Der Mensch redet, auch dann, wenn er gerade ziemlich mundfaul ist. Dann übernimmt einfach der Körper das Sprechen. Das hat insbesondere soziale Gründe. Und so viel Einfluss, wie er vielleicht gerne hätte, hat der Mensch auch nicht darauf, was er und wie er es sagt. Denn nur einen kleinen Teil von dem, was er sendet, darf er auch selbst formulieren. Der deutlich größere Bedeutungsträger als sein Ego und sein freier Wille ist sein Körper. Gut, die Bibelverse und was man sich sonst noch so aus den Katalogen in den Tattoostudios ziehen kann, darf man schon selber wählen. Doch auch wenn man ihn nicht selbst beschriftet, spricht der Körper für sich selbst. Und tatsächlich scheint es so, als hätte er ständig etwas zu vermelden. Allein aus der internen Kommunikationsabteilung. Hunger, Durst, Aua. Zu viel getrunken. Zeit fürs Bett. Noch mehr Signale richtet der Körper aber sogar nach außen, an andere. Dafür hat er ein eigenes Vokabular ausgeklügelt, ein Gefühlsesperanto. Entschlüsseln kann es jeder, dem Gefühle von sich selber bekannt vorkommen. Was Soziologen heute als Dauerzustand von Jugendlichen inmitten digitaler Medien vermuten, ist im Grunde die Ausgangslage für jeden Menschen – nämlich seit der Geburt: „Always on“.4 Ständig empfangsbereit. Ständig in Erwartung von Response und Feedback. Ein Zustand, den Smartphones nicht erfunden haben, dafür aber deutlich intensiviert. Der Mensch ist „on“, ganz ohne Sendepause, wenn er nicht gerade schläft. Ansonsten kann man noch so viel schweigen, wie man will, den Blick abwenden, sich Ear Pods in die Ohren schieben, auf Displays starren – schon ist wieder etwas gesagt. Und auch das macht es so schwierig, ein Buch über Kommunikation zu schreiben, ohne zumindest ein, zwei Mal einen Namen zu streifen: Paul Watzlawick. Jener, der genau dieses Phänomen in das berühmteste aller Kommunikationsaxiome abgefüllt hat: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“5 Allein weil man sich auch nicht nicht verhalten kann. Kann man gerne zuhause ausprobieren. Noch dazu gerät der Mensch irgendwann in eine Lage, in der dieses Phänomen zur Zwangslage wird: in der Dyade. Klingt ziemlich technisch, ist aber im Grunde eine urmenschliche Situation. Gleichsam die soziale Urkonstellation: ich und du. Und auch wenn es nur zwei sind, stehen sich da gleichzeitig ziemlich viele gegenüber: Sender und Sender, wie auch Antenne und Antenne. Schon ist sie gelegt, die situative Basis für die grundlegendste Form des kommunikativen Austausches, für das Zwiegespräch. Und noch bevor das erste Wort gefallen ist, ist da inhaltlich ziemlich viel los. Allein zwischen Haaransatz und großer Zehe, auf beiden Seiten. Wie auch im Luftraum, der zwischen dem einen und dem anderen Mund übrig bleibt, wenn man sich nicht gerade küsst. Kommunikationsgenie trifft auf Kommunikationsgenie, ein soziales Naturschauspiel. Die Tiere würden die Kameras herausholen, wenn sie welche hätten. Weil speziell die menschlichen Wesen bestens vorbereitet sind, sensorisch, kognitiv, mental, für alle Arten der Begegnung, außer vielleicht für jene der dritten Art.
Und wenn man sich so gegenübersteht, rechnet das Gehirn mit allem. Insbesondere mit jeder Menge sozialer Datenverarbeitung. Die Evolution hat die Interaktionspartner vorsorglich mit allem Nötigen ausgerüstet: Augen, die andere Augen suchen, um in ihnen lesen zu können. Dazu noch Beine, die manchmal sogar schneller laufen als die des anderen. Und für alle Fälle auch psychische Überlebensstrategien wie das Stockholm-Syndrom, wenn die Beine dann doch nicht schnell genug waren. Aber vor allem gehört auch ein sensibles Touchdisplay zur Grundausstattung. Eines, das sich stets einige Grad wärmer anfühlt als jenes, auf denen die Finger der Menschen den ganzen Tag herumwischen: Es sind fast zwei Quadratmeter Haut. Jederzeit empfangsbereit. Für Informationen aller Art, die Tischkanten, Stacheln, Brennessel, Glasscherben, Fäuste und anderes so in den Raum stellen. Die dichteste Auflösung hat das Display dort, wo man es in vielen Kulturen auch extra nicht mit einer textilen Hülle verdeckt oder schützt. Dort, wo 26 Muskeln das emotionale Status-Update regelmäßig formulieren: im Gesicht. Ein Mensch, der im deutschen Sprachraum alphabetisiert wurde, kann über 26 Buchstaben verfügen. Aus ihnen bastelt er sich gerne 2000 Wörter Grundwortschatz zusammen. Doch mit dem Gesicht allein hat schon der unalphabetisierte Mensch 26 Bausteine im Repertoire, bewegliche noch dazu. Und mit ihnen kann er schon in einer halben Stunde Konversation tausende Zeichenkombinationen abliefern. Gleichsam als Bühnentechnik für die Inszenierung der wichtigsten verbalen Botschaften, für die man wiederum in seinem Grundwortschatz erst einmal kramen muss. Die Gesichtsbühne war schon immer wichtig, um auch mal einen drohenden tödlichen Konflikt abzuwenden, in den man in der Savanne versehentlich gestolpert ist. Sicherheitshalber haben sich schon die Primaten, bevor sie Menschen wurden, mit einem zusätzlichen nützlichen Display ausgestattet: dem „Bared-Teeth-Display“6, den gebleckten, entblößten Zähnen. Als vorsichtig formulierter Nichtangriffspakt. Heute besser bekannt unter Lächeln. Von manchen auch semantisch als Unterwürfigkeitsgeste eingeordnet, jedenfalls ein sozialer Joker, mit dem schon eine Menge Beziehungsarbeit quer durch die Sippe möglich war. Lange bevor das erste Wort gesprochen wurde.
Das Gesicht, vulgo „Facial Display“, gibt auch gerne ein paar grundlegende Hinweise, wie andere mit einem umgehen sollen. Ähnlich einer Ampelanlage, die von „Sprich mich an, bitte“ auf „Lass mich in Ruhe“ schalten kann, und das innerhalb von Sekunden, entlang eines Tages oder einer Lebensphase. Doch auch deutlich subtilere Botschaften stellt das Gesicht sprichwörtlich in den Interaktionsraum. Nicht alles davon ist so leicht zu dechiffrieren wie Augenbrauen, die sich zu Ruf- oder Fragezeichen zu formen scheinen. Manchmal fallen Kinnladen und tanzen die Stirnfalten, hüpfen die Mundwinkel – Mensch und Mensch in Interaktion, das ist ziemlich viel Lesestoff. Und gleichzeitig die Hintergrundstory zu allem, was sonst noch so gesagt wird im Moment.
Hineingeplatzt in die ohnehin laute Welt ist der Mensch schon mit seinem ersten Schrei. Seitdem ist er eben „on“ mit allen Sinnen. Gleich nach dem Aufstehen weiß er, was das bedeutet – bei der ersten Begegnung des Tages, mit sich selbst, im Spiegel. Da läuft gleich die erste Informationssendung auf der Glasfläche, noch vor dem Morgenjournal im Radio. Die Themen: „Was war gestern?“, „Wie geht es mir heute?“ Und danach läuft das Programm auf dem Gesicht gleich weiter. Mit den unterschiedlichsten Inhalten, die meisten davon aber aus dem Ressort „Soziale Angelegenheiten“ – zumindest wenn man zum ersten Mal am Tag auch einem anderen Gesicht begegnet.
Damit es noch komplizierter wird, fügt man als Mensch gleich noch ein paar narrative und semiotische Ebenen ein. Dazu holt man sich etwa ein bisschen Vokabular direkt aus dem Kleiderschrank. In Form von Kleidung. Und würde man keine anziehen, den ganzen Tag nackt bleiben, dann würde erst recht tiefere Bedeutung darin versteckt sein. Danach kann man semiotisch vielleicht noch an der Frisur drehen. Oder auch nicht, wenn man extra das Nichtfrisieren für sich sprechen lassen will. Alles Mögliche kann man mit Gestaltungswillen zwischen den Haaren andeuten: „Ich bin einer von euch.“ Oder: „Mit euch will ich wirklich nichts zu tun haben.“ Oder: „Ich hatte einen schlechten Tag, in der Früh keine Zeit und überhaupt zuvor eine unglückliche Beziehung.“ Später, in der U-Bahn, kann man zumindest sein eigenes Gesichts-Display einem anderen Display zuwenden, jenem, das man sich im Handyshop zugelegt hat. Vor der Ära des elektronischen Papiers hätte man sich vor den anderen Gesichtern vielleicht hinter einer Zeitung versteckt. Masken außerhalb des Faschings haben sich nämlich nicht durchgesetzt, um das eigene Gesicht stummzuschalten. Hat man sich nicht rechtzeitig ins Virtuelle zurückgezogen, dann kann es dafür schnell geschehen: Schon steckt man drin in einer sozialen Situation, womöglich sogar in einer Interaktion. Es geht los. Die Beteiligten nehmen Position ein. Der Abstand wird säuberlich austariert, kulturell ausverhandelt haben ihn ohnehin schon die Generationen zuvor, die Mikromanege zwischen „Face“ und „Face“ wird eröffnet. Und darin scheint der Mensch kommunikativ tatsächlich zu fast allem fähig. Vom rührenden Heiratsantrag bis zum despektierlichen Machogehabe hat er einiges drauf. Und egal ob er glaubt selbst zu senden oder es sein Körper längst getan hat, die meisten Signale, die sich auf den Weg machen, sind soziale. Gerne werden sie multimodal verstärkt, auf unterschiedlichen sensorischen Ebenen. Damit die Botschaft auch ankommt, wird sie oft durchgeschaltet, visuell und akustisch. Richtig verstanden zu werden, auch das hat im Laufe der Evolution schon dem einen oder anderen Lebewesen das Überleben gesichert. So gut bestückt der kommunikative Werkzeugkoffer des Menschen auch sein mag: Sicherheitshalber hat er auch der Evolution schlussendlich die Evolution abgenommen, zumindest jene der Kommunikationskanäle. Kurzerhand ausgelagert hat er sie – in die Hand seines abgewinkelten Armes. Dort liegt meist sein Smartphone. Und dort hat sich der Mensch technisch selbst upgedatet: vom Zweikanalredewesen der Worte und der nonverbalen Zeichen auf die aktuell gültige Version. Und dabei ist der Mensch schon sein eigener digitaler Multichannel-Manager.
Der Mensch als Multichannel-Manager
Der erste Effekt davon: Es gibt noch viel, viel mehr zu verarbeiten. Schon so ein ganz normaler Mensch, dem man gegenübersteht, ist ganz schön viel Stoff. Gut, die Arbeitskollegen da drüben, die hat man schon mal gesehen, schon mal vorsorglich eingeordnet, da hängen auch schon ein paar Beziehungsfäden lose und unsichtbar im Raum. An ihnen kann man anknüpfen. Auch inhaltlich. Man weiß ja, wer gerade in Thailand war und wer neuerdings Veganer ist. Instagram. Ah, und bei dem anderen da vorne, da muss man sich ja noch entschuldigen. Wer weiß, ob man sich nicht nochmal über den Weg läuft. Es gibt viel zu tun – für das Gehirn. Wenn man Bekannten begegnet. Wenn man aus Fremden erst Bekannte machen muss, umso mehr. Sicherheitshalber also mal so tun, als wäre man so wie der andere. Der Prozess der Anpassung startet sofort: gestisch, stimmlich, inhaltlich. „Ich liebe Thailand.“ Doch zunächst muss man ja erst einmal zwischen Freund und Feind unterscheiden, noch dazu innerhalb von Millisekunden. Und ob der Freund auch als Fortpflanzungspartner infrage kommen würde. Da würde es schon helfen, wenn der nur ruhig dastehen würde für einen entspannten Ganzkörperscan mit Augen, Nase, Ohren. Aber sie müssen sich ja auch noch bewegen. Und ihre Codes, die sie senden, auf mehreren Ebenen unverständlich vermischen. Einiges versteht man zwar von selbst, das entlastet den Arbeitsspeicher. Wenn etwa die Augenbrauen wie Leuchtstifte doppelt unterstreichen, was sich weiter unten im Mund gerade lautlich zusammenreimt. Die zarten Komplimente, die dummen Fragen, die dreisten Lügen. Doch nicht alles, was der andere in diese lautlichen Container, in diese Worthülsen steckt, erschließt sich so schnell wie weit aufgerissene Augen. Obwohl man doch gelernt hat, wie man all diese Wörter fein säuberlich entschlüsselt. Doch dann streuen die Menschen ständig noch Hinweise auf sich selbst in den Raum. Wer sie denn sind, sozial gesehen. Oder auch wer sie gern sein würden. Auch das muss einer erst richtig verstehen. Vor allem muss man auch mal einordnen, ob dieses Gesicht, die Emotionen, die es zeigt, und das, was der Mund lautlich von sich gibt, überhaupt einen selbst betrifft. Oder nicht doch jemanden, der gar nicht da ist, mit dem er aber unsichtbar über das Handy verbunden ist.
Kein Wunder, dass der interne Taskmanager im Alltag manchmal eines der aktivierten Programme automatisch abstellt, wenn der Arbeitsspeicher überkocht. Da geht sich dann in der Früh im Stiegenhaus eben nur das eine oder das andere aus. Das „Guten Morgen“ oder das In-die-Augen-Schauen. Beides gleichzeitig, nur wenn man wirklich gut geschlafen hat. Und wenn nicht gerade noch ein Dritter auf dem Smartphone genau so viel Aufmerksamkeit einfordert wie der, der gerade an einem vorbeigeht. Dann wird’s halt doch wieder kein Gespräch, denn zumindest Augenkontakt hätte es schon gebraucht, damit eines entstehen kann. Man kann aber die kognitive Verweigerung auch als Vorsichtsmaßnahme verstehen. Denn so ein Gespräch ist ja wie ein Projekt. Ist es erstmal eröffnet, muss man auch durchhalten bis zur Schlusszeremonie. Manchmal verstrickt einen schon Hunger und Durst zwangsläufig in die nächste menschliche Interaktion. Wenn man einen Kaffee braucht, eine frische Semmel oder eine Richtungsangabe, für alle Fälle hat man ja seinen imposanten kommunikativen Werkzeugkasten dabei. Falls auch das Smartphone versehentlich in der Sofaritze zuhause geblieben ist, bleiben einem noch immer Deuten, Reden, Rot-Anlaufen und verlegenes Lächeln, wenn sonst gar nichts mehr hilft. Aber selbst wenn man zuhause bleibt, kann theoretisch das nächste Kommunikationsprojekt vor der Tür stehen. Auch wenn nur der Amazon-Bote sein Packerl abliefert. Oder der Nachbar klopft, weil er ein Packerl abliefert. Überraschende persönliche Check-ins an der Wohnungstür aus anderen Gründen sind selten geworden. Selbst in der Beziehungspflege ist der unerwartete Hausbesuch eher unbeliebt. Und anachronistisch. Kein Wunder, wenn für manche sogar Anrufe schon ähnlich „invasiv“ wirken, wie wenn es an der Tür klopft. Denn beides nötigt – zur Kommunikation: Die Tür vor der Nase zuknallen, das darf man – nach der allgemeinen sozialen Vereinbarung – noch weniger, als im Gespräch einfach auflegen. Eine soziale Interaktion, auch an der Haustür, ist trotzdem Arbeit, nämlich „Facework“.
Das ist ein Begriff aus der Soziologie. Denn kaum ist ein anderes „Face“ im Spiel, muss man ja das eigene, das soziale nämlich, auch bewahren. Und wenn es droht zu bröseln, heißt es rechtzeitig dagegenarbeiten. Aber nicht nur das: Um das Gesicht des anderen muss man sich auch noch kümmern. Selbst das sollte in einer gelungenen Interaktion keine Risse bekommen. Deshalb darf man sich im Gespräch nicht einfach umdrehen und gehen, wenn man etwas gefragt wird. Nur mit intaktem Gesicht aus der ganzen Interaktion wieder rauszugehen, fühlt sich gut an. Das produziert natürlich auch Stress und in der jeweiligen Situation einen gewissen Erfolgsdruck. Noch so ein Vorteil, den sich die neuen zusätzlichen Kanäle zunutze machen: Digitales „Facework“ ist weniger anstrengend. Man kann in Ruhe nachbessern, modellieren und bestimmte Entwürfe vom Selbstbild, das man nach außen abgeben will, ausprobieren. Doch solange man sich das, was man bei Amazon bestellt, nicht selbst zuhause im 3-D-Drucker ausdrucken kann, wird vielleicht noch immer jemand unangekündigt vor der Tür stehen. Und das braucht nun mal auch ein Minimum an kognitivem Aufbäumen – nach einem langem Arbeitstag, an dem man mit seinem Beruf, dem eigenen „Face“ und jenem der anderen beschäftigt war.
Die kognitive Überforderung ist natürlich persönlichkeitsbedingt, phasenbedingt, altersbedingt, stimmungsbedingt. Doch Menschen in Interaktionsberufen sollen besonders burn-out-gefährdet sein, solche wie Lehrer, Psychotherapeuten und Sozialarbeiter. Daten zu Frisören sind noch nicht vorhanden. Doch auch Menschen in diesen Berufen müssen einmal nach Hause. Und auf dem Weg dorthin sind sie schon wieder: all die fremden Menschen, mit denen die Interaktion ja noch anstrengender ist. Da hilft nur Stand-by-Modus. Oder das zu tun, was alle tun: im Gesicht auf unentschlossenes Testbild schalten. Vor allem in der U-Bahn, dem beliebtesten Transportmittel in Habitaten, die überhaupt fast ausschließlich von Fremden bewohnt zu sein scheinen. Noch dazu in unglaublicher Dichte. Weil ökonomische und logistische Zwänge die Menschen ziemlich unregelmäßig auf dem Planeten verteilt haben. 50 Prozent der Weltbevölkerung leben inzwischen in Gegenden, wo „Dichtestress“ auch schon mal zum „Unwort des Jahres“ gewählt wurde. Zugegeben, das ist in der Schweiz passiert. Wo man so ein Phänomen vielleicht gar nicht so sehr erwartet hätte wie vielleicht in Hongkong. Aber gerade in der Schweiz ist auf der Zeichenebene noch etwas Erstaunliches passiert: Im selben Jahr, es war 2014, wurde ein Wort zum „Wort des Jahres“ gekürt, das eigentlich nur ein Zeichen ist: #. Also: Hashtag. Mit anderen Worten: #dichtestress begleitet die Menschen durch den Alltag in den Städten. Deshalb arbeiten Menschen in gewissen Habitaten ebenso intensiv daran, sich aus dem Weg zu gehen, wie in anderen daran, sich bitteschön möglichst über den Weg zu laufen.
Zum Glück stecken viele außerhalb ihrer Wohnung schon in der ersten Schutzschicht drin: in der „sozialen Haut“, in die man eigentlich schon schlüpft, wenn man morgens aus dem Badezimmer kommt. Aber spätestens am Arbeitsplatz steckt man dann noch tiefer drin, in seiner sozialen Rolle nämlich. Und die definiert auf dem Weg durch den Tag auch mit, von wem und mit welchen Themen man angesprochen werden kann. Vor allem auch zu welcher Uhrzeit. Wenn man um zwei Uhr nachts als Hotelportier arbeitet, kann man sich dem Gespräch nicht ganz so gut verweigern. Ebenso wenig als Krankenschwester im Nachtdienst.
Für mundfaule Stunden und Phasen, in denen man sich nicht zu sehr aus dem virtuellen Raum zurück in die Realität lehnen will, hat sich der Mensch jedenfalls ein paar praktische Ausweichmanöver zurechtgelegt. Als Survival-Kit für den Daten-Overflow von sozialer Information in Großstädten. Schließlich will man es mit begrenzter Akkukapazität im Kopf abends noch rechtzeitig nach Hause schaffen. Dankenswerterweise haben die Architekten schon ein paar Wände deponiert. Und dazwischen kann man seine „soziale Haut“ in der „dritten Haut“, so nennt man auch die Architektur, schweigsam ein wenig erholen lassen. Wände wirken wunderbar kontaktvermeidend. Auch in Büros. Aber dort, hat man festgestellt, wirken offene Konzepte, ganz ohne Wände, auch nicht anders. Man redet weniger, schreibt dafür mehr E-Mails, weil man gar so exponiert ist. Den Rest der Kontaktvermeidung erledigt man mit den tragbaren Notausgängen, den Smartphones, die sich evolutionär durchgesetzt haben. Wenn’s ernst wird, kann man in sie schlüpfen. Der einzige Nachteil: Der Körper bleibt zurück. Den Weg aus dem Hier und Jetzt hinaus geht man trotzdem gerne. Schließlich will man ja auch nichts verpassen, dort, wo man selbst nicht ist. Denn noch eine Lektion hat die Evolution den Menschen mitgegeben: Nichts zu verpassen erhöht schon wieder die Chance zu überleben. Deshalb hat die Natur dem Menschen das Gesicht auch nach vorne ausgerichtet. Hätte sie mit dem Handy gerechnet, wäre ein Neigungswinkel von 45 Grad allerdings vorteilhafter gewesen. Die gestreute Aufmerksamkeit, zielführend in der Savanne, anstrengend in der Gegenwart. Da wäre die digitale Kommunikation gerade recht gekommen. Um Stress zu vermeiden und sich trotzdem irgendwie sozial zu verhalten. Soziales Management mit geringerem Aufwand, so war’s gedacht. Schade nur, dass die effizienzsteigernden Mittel selbst Stress erzeugen. Weil der Mensch nicht mit sich selbst gerechnet hat. Und damit, was das Dopamin im Gehirn mit ihm anstellt: Je mehr Kanäle sich der Mensch freigeschaltet hat für die Kommunikation, desto weniger will er auf jedem einzelnen etwas verpassen. Das hat sich sogar bis zu einem Angstzustand unter Jugendlichen ausgewachsen, zur „Fear of Missing Out“, kurz „FoMO“.7
Doppelt „on“ und doppelt überfordert
Vom gegenseitigen Entlausen bis zum Selfie-Duckface ist viel geschehen. Früher bekritzelte man Höhlenwände, rollte Pergament aus, heute scrollt man über Websites, als wären sie digitales Pergament. Inzwischen hat man auch Zeichnungen von Leonardo da Vinci ins All geschickt, mit der Raumsonde „Pioneer 1“ in den 1970er-Jahren, genauso wie „Johnny B. Good“ von Chuck Berry auf goldener Schallplatte mit Voyager I., ein Give-away an Außerirdische, in der Hoffnung, dass sie ähnlich kontaktfreudig sind wie wir selbst. Man hat Esperanto erfunden und Englisch zum wirklichen Esperanto gemacht. Heute posten wir Nachrichten auf virtuelle Pinnwände, führen Gespräche schriftlich, dafür in Sprechblasen, damit es auch ein wenig mündlicher wirkt. Wir klopfen anderen auf die Schulter, indem wir auf Knöpfe drücken, die „Buttons“ heißen, aber trotzdem keine sind. Und all das, damit wir auch zum Geburtstag gratulieren können, ohne dass wir gleich einen Smalltalk-Looping dranhängen müssen. Was für Möglichkeiten! Befreundet sein, ohne sich getroffen zu haben, ein ganzes Jahr! Allen gleichzeitig zeigen, wer man ist, und nicht erst mühsam einem nach dem anderen, bis es alle kapiert haben. Yeah. Alle können es gleichzeitig erfahren, wie viel Spaß man hat. Und dass der Regionalzug wieder Verspätung hat, kann man zur internationalen öffentlichen Angelegenheit machen. Danke. Aber: Das alles kostet auch Energie. Schon die ersten zwei Kanäle, der angeborene und der erlernte, haben uns bis zum Abend müde gemacht. Und jetzt sind wir „always on“, aber dafür doppelt. Weil dem Menschen die eine Antenne nicht genug war, die eingebaute, die alles registriert, was man zum Überleben braucht. Nein, es musste auch die andere Antenne sein, die ausgelagerte, zugekaufte. Für alles, was man nicht zum Überleben braucht. Oder vielleicht auch gar nicht braucht.
Die digitale Beschleunigung
Alles ist anders. Man muss nur draufkommen, was es ist. Ein Restaurantmanager in New York wusste auch sehr lange nicht, was los war. Seine Umsätze waren eingebrochen. Erklärung hatte er keine. Bis er feststellte, es muss an den Handys liegen. Denn zwischen 2004 und 2014 hatte sich die Zeit verdoppelt, die Gäste im Lokal verbrachten. Allein bis sie sich am Tisch eingerichtet hatten, dauerte viel länger. Das Selfiemachen konsumierte Zeit, Vorspeise, Hauptspeise, Nachspeise zu posten auch, die Gäste konsumierten dafür weniger.8 Lokale sind zwar nur Nebenschauplätze des Lebens und der sozialen Transformation. Aber auch auf den Hauptbühnen laufen die Dinge heute anders als früher. Und das hat doch zu einem guten Teil damit zu tun, was sich da in der Hand der Menschen getan hat.
Dass genau dort jetzt das Smartphone liegt, als verlängertes Selbst, als erweitertes Ich, als ausgelagerte Kommunikationszentrale, die einst das Hirn war. Inzwischen halten wir die Gesichter der Menschen, mit denen wir reden, mit dem Handydisplay vor unsere eigenen, alle anderen blenden wir dafür aus. Wir suchen zwar noch immer Gesichter, aber wir suchen sie woanders. Deshalb verändert sich auch die Nackenmuskulatur. Weil die Augen woanders hinschauen, seltener nach vorne. Dass es ganz so drastisch wird, damit hat man wahrscheinlich nicht gerechnet. Doch das Irren gehört dazu beim In-die-Zukunft-Schauen. Schon andere haben die Zukunft mit ihren Prognosen weiträumig verfehlt: Kaiser Wilhelm II. glaubte eher an das Pferd als an das Automobil. Bill Gates glaubte an 640 Kilobyte Arbeitsspeicher. „Genug für jedermann“, mutmaßte er.9 Auch dass man im Internet Geld verdienen könnte, hielt er nicht für möglich. Selbst dem professionellsten In-die-Zukunft-Blicker kommt einmal eine falsche Zukunftsprognose aus. Die Aussage von Matthias Horx ist inzwischen auch schon Internet-Legende und verspräche viele Likes, würde man sie posten: „Internet wird sich als Massenmedium nicht durchsetzen.“ Das war im Jahr 2001. In der digitalen Ära ist das ungefähr so weit weg wie in der analogen Christi Geburt.10 Seitdem ist viel passiert, was ungefähr so aufregend war wie die Renaissance, die Entdeckung Amerikas und die Erfindung der Glühlampe in der analogen Ära. 2007 entdeckte Facebook auch etwas Weltbewegendes: Dass man sich bei Feedback feine Zwischentöne sparen kann: Der Like-Button wurde eingeführt. Harvey Ball entdeckte 1963, dass man zum Lächeln kein menschliches Gesicht mehr braucht. Der Smiley war erfunden. Und Shigetaka Kurita entwickelte Ende der 1990er-Jahre die Bildchen, die später als Emojis um die Welt gingen.
Jedenfalls hat die digitale Kommunikation ihren Beschleunigungsstreifen bis heute nicht mehr verlassen. Gerade hat man sich an Facebook gewöhnt, muss man sich schon von jenen, die in Facebook hineingeboren worden sind, erklären lassen, dass niemand mehr Facebook verwende. Die Lesebrille aufsetzen, am Handy den Radetzkymarsch als Klingelton, das verrät ungefähr genauso viel über das Alter, wie wenn man Facebook nutzt. Ein direkter Verweis in eine Lebensphase, in der man wahrscheinlich kein „Early Adopter“ mehr wird. Doch das Hinterherhinken ist eine analog-inhärente Bewegungsform: Digital eilt man schließlich voraus. So rasant, dass manche Beobachter nur noch staunend zusehen. Allein durch die analogen Räume bewegen sich die Menschen inzwischen so, als würden sie ständig etwas hinterherlaufen. Und bei näherer Betrachtung weiß man: Das stimmt auch. Sie rennen dem nach, was sie im abgewinkelten Arm vor sich hertragen, dem Lebensbeschleuniger, dem Smartphone. Früher stieg anderes zuerst in die U-Bahn ein, die Nase, die große Zehe, oder die Umhängetasche. Jetzt ist meist das Smartphone schon drinnen, wenn der Mensch folgt, der an ihm hängt. Kein Wunder, dass die Digitalisierung nicht nur die Muster, wie man sich bewegt, verändert. Sondern vor allem, wie man miteinander redet.
Die Gespräche, sie laufen anders. Wenn sie überhaupt ins Laufen kommen. Wahrscheinlich, so befürchten die Pessimisten unter den Kulturwissenschaftlern, wird auch das Produkt von vielen, vielen, vielen Gesprächen, also die Gesellschaft, bald eine andere sein. Höchstwahrscheinlich ist sie es schon. Wir haben’s nur nicht schnell genug bemerkt. Keine Angst, ein paar Konstanten werden schon bleiben: Vergemeinschaften wird sich der Mensch auch in Zukunft, das kann man ihm wohl so schnell nicht abtrainieren. Vor allem wenn ihn das Gehirn weiterhin mit Wohlgefühl belohnt, wenn er sich erfolgreich mit anderen verbindet. Ein Mittel zu diesem Zweck werden wohl auch in Zukunft Gespräche sein. Wie sie zustande kommen allerdings und welche Mittel sowie Zeichen man dafür einsetzt, das wirbelt die Digitalisierung gerade gehörig durcheinander. Würden die Sprachwissenschaftler alle Gespräche der Welt des heutigen Tages transkribieren, sie hätten deutlich weniger zu tun als noch vor zehn Jahren. Vor allem auch, weil ein Großteil davon heute längst schriftlich stattgefunden hat. Als E-Mail-Verkehr. Oder als Chat. Doch auch die tatsächlichen Face-to-Face-Gesprächskontakte könnten weniger werden. Allein weil die Gelegenheiten dazu verloren gehen. Denn Augenkontakt bräuchte man schon zumindest, offene Ohren wären auch nicht schlecht. Die einen richten sich überallhin, nur nicht dorthin, wo man gerade ist. Die anderen stöpselt man zu, damit man sich jenen Kontakten widmen kann, die einen ohnehin schon auf dem Handy begleiten.
Doch die überall grassierende Gesichtsvermeidung, sie beruht auf Gegenseitigkeit. Der andere will es ja auch so. Vor allem, wenn der andere ein Dienstleistungsunternehmen ist. Schließlich sind die „Interfaces“ der Automaten, die Designer kreieren, oft günstiger als die „Faces“, die sie ersetzen, zumindest in Großstädten. Und freundlicher noch obendrein. Wo früher Menschen waren, stehen heute Maschinen. Oft die charmantere Alternative. Mit manchen Vorteilen: Ticketautomaten stecken mit ihrer schlechten Laune die Kunden nicht an. Dafür das Grummeln der Kunden leichter weg.
Oft geht es aber natürlich nur darum, den Kunden einfach die Arbeit machen zu lassen. Wie an der Supermarktkassa. Oder beim Einchecken am Flughafen.11 Sogar in Situationen, von denen man dachte, hier kommt es zwangsläufig zum Gesichts-Showdown, ist das „Face“, in das man früher schaute, verschwunden: An manchen Flughäfen schaut man bei der Passkontrolle schon in eine Kamera. Statt ins strenge Auge des Beamten. Nicht nur Verkäufer, Kassierer und Rezeptionistin hat man gegen Maschinen getauscht. Sogar mit Psychotherapeuten hat man es versucht. Und mit jenen, denen man früher bei Bewerbungsgesprächen gegenübergesessen ist. Die Versuche und Experimente dazu laufen noch.
Und auch sonst hält man die Gesichter der anderen, geschrumpft auf die Größe des Handydisplays, ins eigene Gesichtsfeld, wenn man etwa über die App „Facetime“ miteinander spricht. Einer der wenigen Fälle, wo ein Visavis auftaucht, wo vorher keines war, in der Mobiltelefonie. Ansonsten zeigt sich eine klare Tendenz: Den Interaktionen, den Gesprächen, kommt allmählich das Visavis abhanden. Und gerade das Gegenüber, das war nicht ganz unwichtig für das Gespräch. Sonst würde eine der grundlegendsten Sprachfunktionen, der Appell, von vornherein schon mal sein Ziel verfehlen. Weil keiner da ist, an den man ihn richten kann. Wenn das, was man zu sagen hat, ungehört im Universum verklingt – kein gutes Gefühl. Aber das hat sich schon länger abgezeichnet. Auch im frühen Konzept der fernmündlichen Kommunikation hat im Grunde schon einer gefehlt, der andere. Aber zumindest hat man mit Telefonzellen die Orte gehabt, an die man sich halten konnte, damit man sich nicht ganz so alleine fühlt beim Miteinanderreden. Und wenn sie nicht völlig verschwunden sind, dann sind es heute oft großteils andere Interaktionspartner. Manchmal sind es nur kleine Figürchen, die sich auf dem Computer-Screen mit einem Namen vorstellen, den ihnen Softwareentwickler gegeben haben. Manchmal weiß man auch gar nicht, dass man im Internet schon mit einem Chatbot spricht. Aber dafür muss man, selbst wenn man etwas ins Netz hinausschickt, ständig anhaken, dass man eben keiner ist. Sogar Lautsprecher, die Namen tragen, wie Alexa von Amazon etwa, müssen schon als Gegenüber herhalten. Man kann in der Welt der Dinge inzwischen schon so einiges direkt ansprechen, von dem man früher nie geglaubt hätte, das es einmal tatsächlich auf einen reagieren würde. Auch Avatare kommen zum Einsatz. Designer gestalten sie so, dass sie so aussehen wie Menschen. Dabei belegen ein paar Studien, dass wir einen Avatar wahrscheinlich auch menschlich behandeln würden, wenn er ausschauen würde wie eine Waschmaschine. Solange er mit uns spricht. Oder uns andere gut versteckte Hinweise gibt, dass vielleicht doch ein Mensch in oder hinter ihm steckt. Menschen tendieren dazu, Maschinen genau so zu behandeln wie Menschen. Sonst wäre man auch nicht persönlich enttäuscht vom Computer, wenn er wieder abstürzt. Ein klarer Vertrauensbruch. Freundschaft gekündigt.
Dass die Menschen weniger geworden sind, auf die man sich während einer Interaktion mit Augen und ganzem Körper richten kann, damit muss man sich arrangieren. Und wenn dann doch plötzlich jemand leibhaftig vor einem steht, dann muss man sich erst recht arrangieren.
Trotz allem Ausblenden von unserer und von der Gegenseite, trotz aller Exit- und Vermeidungstrategien, die bis tief hinein ins Handydisplay führen – bleiben noch immer eine Menge Menschen, mit denen man umgehen muss. Und dafür folgen die meisten gewissen Strategien, um aus dem Ganzen unbeschadet und womöglich zufrieden wieder herauszukommen: sich gegenseitig abzustimmen ist eine davon. Etwa mithilfe verschiedener Übereinkünfte, die man spontan schließt. Die erste und entscheidende für den Face-to-Face-Kontakt: Ich bin da. Du bist da. Auch das sollte mal für alle Beteiligten klar sein. Im Bestfall jedoch hat man sich gegenseitig wahrgenommen. Damit ist schon viel geschafft. Dann kann das Spiel beginnen: Man versucht zu antizipieren, Perspektiven einzunehmen, Hypothesen aufzustellen, was der andere vorhat und wie die Welt wohl aussieht, wenn man sie aus der Warte des anderen betrachtet. Gleichzeitig kündigt man sein eigenes Vorhaben an, gestisch, mimisch. Am Gehsteig hat das früher meist damit geendet, dass man kollisionsfrei aneinander vorbeigeglitten ist. Doch heute scheitert das Konzept oft schon an Punkt eins: eben der Wahrnehmung. Noch dazu, weil einseitige Wahrnehmung noch nicht reicht. Als Versuch, um festzustellen, wie wenig man tatsächlich wahrgenommen wird in stimulusdichten Umgebungen, muss man nur bei einem Geschäft einmal die Tür aufhalten und zählen, wie viele Menschen hineinschlüpfen, ohne zu bemerken, dass ihnen überhaupt die Tür aufgehalten wird.
Als der einzig relevante Raum noch der war, durch den man gerade ging, war eine Begegnung auf dem Gehsteig fast eine Performance. Zumindest klingt es so, wenn sie soziologische Beobachter menschlicher Interaktionen im 20. Jahrhundert beschrieben haben. Die Ellbogen werden eingezogen, die Schultern werden gedreht, das läuft ja wie geschmiert; kaum ist man vorbei, macht man sich wieder breit. Mit dem Körper setzt man kleine Hinweise auf die Richtung, die man gedenkt einzuschlagen. Doch mit ihrem ehemals inhärenten Koordinations- und Navigationssystem sind die Menschen inzwischen gehörig durcheinandergekommen. Es wirkt fast, als könnten sie zwar über einen Chat am Handydisplay die Präsenz jedes anderen erspüren, aber die eigene im konkreten Raum dafür umso weniger. Kein Wunder, dass das Standardnavigationssystem, das uns stets verlässlich durch die Räume geführt hat, das uns gesagt hat, ob wir schon zu nah sind oder doch noch zu weit weg, ein wenig aus der Balance geraten ist. So oft, wie sich virtuelle mit realen Räumen im Laufe eines Tages überblenden. Und auch die gepolsterte Komfortzone, der unsichtbare Airbag, den wir als „Personal Space“ vor uns hertragen, wäre fast ein Fall für eine Rückholaktion des Herstellers. Wenn man schließlich doch ein Gegenüber gefunden hat – eines, das menschlich, unmaskiert oder zumindest nur mit Mund-Nasen-Schutz, nüchtern und aufmerksam ist –, dann merkt man: Schon die stummen Begegnungen verlaufen anders, die sprachlichen umso mehr. Denn das Smartphone hat den Modus verändert. Allein dadurch, dass es dabei ist, auch wenn man es nicht benutzt, verändert sich die Kommunikation. Das meint etwa die deutsche Soziologin Angela Keppler.12 Doch oft genug liegt das Smartphone nicht nur daneben, als stumme Verheißung, dass sich ein anderer gleich einschalten könnte in die Situation – es bringt sich auch selbst in Gespräche ein. Oft ist es selbst schon Thema. Weil es neu ist und jetzt noch mehr kann als vorher. Oft liefert es aber auch neuen Stoff für die Unterhaltung, weil mit ihm automatisch der Zugang zum Wissen der Welt offenliegt. Der Content aus dem Netz könnte ja auch bebildern, illustrieren, untermauern und vertiefen, was man so beiläufig vor sich herplappert. Auch dadurch ist ein Gespräch gleich ganz anderes getaktet. Den Rhythmus geben dann etwa sprachliche Hinweise vor wie: „Das schau’ ich gerade mal nach“, „Google das einmal“, „Was meint Wikipedia dazu?“ All das verweist in einen parallelen, erweiterten Interaktionsraum, in den man kurz virtuell beiseitetritt. Wenn es das Gespräch verlangt. Oder wenn einem dann doch nichts mehr selbst einfällt. Als „Augmented Communication“ fasst Richard Pinner dieses Interaktionsphänomen in seinem Buch zusammen.13 Die Aufmerksamkeit wird gleichermaßen und gleichzeitig verteilt auf den Interaktionsraum vor Ort und den Cyberspace, denen man sich abwechselnd zuwendet. In einer Gesprächsspielform, die auch schon als „Cross Digital Talk“ bezeichnet wurde.14 So scheint vielleicht dieses Szenario dann doch am wahrscheinlichsten: Die Face-to-Face-Kommunikation wird nicht abgeschaltet, nur umgeschaltet in einen neuen Modus. Und der funktioniert fast wie „persönliches Gespräch Plus“. Also: die Qualitäten und Authentizität der fokussierten Interaktion unter vier oder mehr Augen, erweitert und bereichert auf Wunsch – mit dem Content, den der Gesprächsfluss, das Thema, die Situation gerade brauchen könnte. Eine kommunikative Interaktion, in der man sich dem Gesprächspartner und dem Stoff aus den Datenwolken gleichermaßen zuwendet.
Viele Gespräche beginnen inzwischen auch anders, wenn man sie in einem speziellen Modus mündlich führt, nämlich „fernmündlich“. Ein beliebter Gesprächseinstieg etwa ist: „Wo bist du?“ Denn gerade das ist, wenn man jemanden anspricht, gar nicht mehr so klar. Früher hieß das noch: „Was? Du auch hier?“ oder „Was machst du denn da?“ Dass Gesprächspartner nicht mehr da sind, wo man selbst gerade ist, daran ist aber nicht die Digitalisierung schuld. Sondern eher dass sich in die menschliche Kommunikation wieder so ein penetrantes Präfix hineingedrängt hat – und das gleich an so vielen Stellen des Alltags, nämlich das „Tele“, wie etwa in „Telekommunikation“. Der Vorteil von Face-to-Face-Situationen: Man sieht sofort, wenn’s gerade nicht passt. In fernmündlichen muss man da schon mal nachfragen, was häufig auch geschieht: „Stör’ ich?“ Vor allem noch, als neben dem ständigen Erreichbarsein auch das ständige Abheben noch zum guten Ton bei der Handytelefonie gehörte. Und während des Gesprächs, bei dem man einander nicht sieht, muss man auch extradeutlich akustisch signalisieren, dass man noch dran ist. Damit man sich auch überhaupt einmal gehört und verstanden fühlt. Doch der bei Weitem noch größere Teil der Gespräche verläuft heute ohnehin nicht nur ohne Gesichter, sondern überhaupt gleich ohne ausgesprochene Worte. Dafür mit getippselten, die sich dann doch wieder irgendwie fast anhören, als hätte sie jemand ausgesprochen. Es ist tatsächlich passiert: Man redet schriftlich. Mit ein Grund, warum es ein wenig länger dauern kann, bis das Gespräch zu Ende ist. Meist weiß man das in digitalen Chats auch gar nicht so genau, ob man jetzt vielleicht noch etwas sagen sollte oder ob ohnehin schon alles geklärt ist. Gerade Messengerdienste wie WhatsApp haben Gespräche ziemlich zerdehnt. Tatsächlich Schluss ist manchmal erst, wenn die Hardware die nächste Softwareaktualisierung nicht mehr mitmacht. Bis dahin hängen zahlreiche lose Gesprächsfäden unsichtbar im virtuellen Raum. Mal zieht man an dem einen, mal knüpft man an dem anderen weiter.
In der Schweiz haben sich die Sprachwissenschaftler besonders intensiv damit beschäftigt, was Jugendliche entlang ihrer langen, langen Gesprächsfäden am Handy so auffädeln. An sprachlichen Zeichen natürlich, aber auch an nichtsprachlichen.15 Eine der Diagnosen: Was sie so auf WhatsApp hin- und herschicken, das hat man sich früher fast ausschließlich ins Gesicht gesagt, nämlich – den Dialekt. Der ist inzwischen von seiner ursprünglichen Domäne in die schriftliche Kommunikation gerutscht, die ja gerne so tut, als wäre sie gar keine. Doch man redet nicht nur, wenn man schreibt, sondern man schreibt manchmal auch, wie man früher nicht einmal gesprochen hätte. Weil man einige Zeichen lautlich gar nicht mehr so gut in den Mund nehmen kann, vor allem wenn es Abkürzungen sind wie „WTF“, wenn man die Welt nicht mehr versteht, oder „LOL“, wenn man gerade besonders lustig ist. Noch schwieriger für den Mundgebrauch: Emojis muss man wieder zurück in echte Ereignisse und Gefühle transkribieren, um sie auszusprechen. Der „Iconic Turn“, also die Wende zur bildhaften Kommunikation, ist spätestens mit den Emojis in der Sprache und in den Gesprächen, die man mit ihr führt, angekommen.
Wenn Emojis plötzlich Wörter sind, dann steht vor allem eine Welt nicht mehr lang: jene, die sich Sprachpuristen und -kritiker so konsequent seit der Erfindung der deutschen Standardsprache aufgebaut haben. Achtung, Armageddon: Der Smiley mit den Lachtränen ist auch schon einmal zum Wort des Jahres gekürt worden, vom Komitee der Oxford Dictionaries in Großbritannien, im Jahr 2015. Die uranalogen Metaphern wie „in Stein gemeißelt“oder „schwarz auf weiß“ – in der digitalen Kommunikation haben sie kaum mehr etwas zu melden. Alles scheint zerstäubt in unverbindliche Datenwolken. Und jene, die noch mit sprachlichen Konventionen aufgewachsen sind, hängen inzwischen in den schriftlichen Gesprächsformaten sicherheitshalber einfach eine Entschuldigung hinten dran: „Von meinem I-Phone gesendet“ – die Abbitte, für alles, was zuvor aus der Orthographie und sonstigen Normen gepurzelt sein könnte.
Dass sich Gespräche heute anders anhören, merkt man auch, wenn man sie – anhört: Stimmt schon, wenn man sich abends die Gespräche seines eigenen Tages vorlesen würde, würde man sie am liebsten redigieren. Kaum ein Satz ist da fertiggesprochen. Und hat er doch einmal Anfang und Ende, dann trägt man ihn dem anderen im Laufe eines Tages gerne in unterschiedlichsten Varianten vor. Auch ein Grund, warum sich Drehbuchautoren mit den möglichst „natürlichen“ Dialogen am meisten abmühen. Selbst Kabarettisten bieten inzwischen mündlich auf der Bühne dar, was sie über die Tage schriftlich so vor sich hingeredet haben: Klaus Eckel liest gern aus den WhatsApp-Gruppen der Schule seiner Kinder vor – die besten Pointen, die er nicht selbst geschrieben hat. Auch das deutsche Fernsehmoderatorenduo Joko und Klaas haben Dialoge wieder vermündlicht, jene, die sie sich aus Chats der eBay-Kleinanzeigenplattform geborgt haben – und daraus wurde ein Comedyformat. Auch weil sich Online-Dialoge den sprachlichen Füllstoff sparen, mit dem man die mündliche Kommunikation gerne auskleidet. Digital kommt man schneller auf den Punkt. Geschuldet ist das auch den Designvorgaben der Gesprächskanäle, die oft gar nichts anderes zulassen. Vor allem nicht mehr als 160 Zeichen, als SMS. Okay, bei einem Kanal, der „Short“ und „Message“ im Namen trägt, hätte man nichts anderes erwartet. Mit 280 Zeichen kann man sich inzwischen bei Twitter auslassen, anfangs war sogar nach 140 Zeichen ausgezwitschert. Ausreichend Platz noch immer, um einen ganzen Roman unterzubringen, wie es das experimentelle Genre der „Twitteratur“ versucht hat.
Mit bestimmten Phrasen, „Hallo erstmal“, Prolog, Epilog und konsequentem Einsatz von verbalen Schmiermitteln hält sich der Chat nicht auf. Die Anrede spart man sich auch, die man verschwommen noch aus Archetypen der schriftlichen Kommunikation, dem Brief etwa, kannte. Auf Plattformen wie Twitter sind ohnehin alle gemeint: Wer das liest, der ist auch angesprochen. Warum denn jemanden noch extra anreden? Vor allem mit Anfang und Ende tun sich digitale Formate oft schwer. Man macht einfach weiter, dort, wo man gar nicht mal richtig aufgehört hat. Bei Face-to-Face-Gesprächen dagegen dauert das Ende der Kommunikation manchmal länger als der inhaltliche Austausch davor. Schließlich muss man noch emsig die Beziehung beim Verabschieden bearbeiten, falls man sich doch noch einmal wiedertrifft.
Die Digitalisierung schickt die Kommunikation durch den Häcksler: Die Redeportionen werden deutlich kleiner. Manche Gespräche wirken zerfetzt, zerbröselt, vielleicht auch, damit man sie besser streuen kann, in alle Richtungen. Ein Häppchen hier, ein Häppchen dort, klein genug sollten sie sein, dass man sie inhaltlich nebenbei und ganz beiläufig verdauen kann. Man ist ja eigentlich beschäftigt. Mit etwas ganz anderem. Noch so ein digitales Symptom: Wenn sich die eine Welt in die andere blendet. Genau das ist auch mit der öffentlichen und der privaten passiert. Früher hätte man manche Emotionen zuhause gelassen, gemeinsam mit bestimmten Gesprächsthemen, das hat eine soziale Norm so geregelt. Inzwischen fühlen sich viele aber immer dort zuhause, wo ihr Smartphone gerade ist. Dieses Gefühl kollidiert dann allerdings gerne mit den Gefühlen von anderen, die meinen, sie seien gerade im öffentlichen Raum. Vor allem wenn dort nach ehemaligen Maßstäben gewisse Kommunikationsformate plus Themen gar nicht hingehören würden. Das Smartphone hat die Gespräche, an denen man teilnehmen kann, als Unbeteiligter und Zuhörer, vor die Tür getragen. Und plötzlich ist jeder Ort für jedes Thema gut. Früher hat man zwischen Beichtstuhl, Bar, Kaffeehausnische und Stadiontribüne noch unterschieden. Wenn jetzt jede Straßenecke für jeden Gesprächsstoff taugt, kann am Ende des Tages schon ganz schön was hängen bleiben an Gesprächsfetzen, mit denen man aus der Stadt nachhause kommt. Mit einer schönen Auswahl aus dem weiten Spektrum des Lebens der anderen: „Ach, meine Krampfadern“, „Was gibt’s zum Abendessen“, „Pauh, gestern war wieder eine Nacht“. Vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln, in denen sich viele Benutzer kommunikativ dann doch ziemlich privat fühlen. Da kommt schon nach ein paar Stationen Straßenbahn-Fahren so einiges an Angelegenheiten zusammen, mit denen man selbst eigentlich gar nicht so viel zu tun haben wollte. Sich durch eine Stadt zu bewegen heißt: sich durch die Gespräche anderer zu bewegen. Und noch dazu ist von der klassischen Gesprächsdyade, der Zweierkonstellation, meist nur die eine Hälfte vor Ort. Das ist der Fluch der Fernmündlichkeit: Die Gesprächsbrocken der anderen mit nachhause zu schleppen.
Die digitale Ära zerstückelt aber nicht nur die Kommunikation, sondern auch, wie und wie lange man sich anderen Dingen zuwendet. Anderen Menschen. Oder anderen Medien. Kurz genug sollte die Zuwendung jedenfalls sein, um ja nicht tiefer auf den anderen oder den Inhalt einzugehen. Und überhaupt gut zerkleinert in Einzelteile: die Aufmerksamkeit. Das haben durchaus besorgte Jugendforscher schon hie und da angemerkt. Wie etwa auch der Österreicher Bernhard Heinzlmaier, der dem „Mainstream-Menschen der Postmoderne“ schon einmal einen „schizoid-hysterischen Charakter“ zugewiesen hat.16 Klingt jetzt nicht so, als müssten wir uns überhaupt keine Sorgen machen. Jedenfalls ist die Tiefe nicht unbedingt das, in das die Jugendlichen mit ihrer Aufmerksamkeitsspanne noch tauchen können, seiner Meinung nach. Zumindest ein Zustand bleibt für viele unerreichbar: die „Deep Attention“. Allein weil viele Jugendliche zum Teil die Kapazität dazu gar nicht mehr hätten, sich zu konzentrieren auf eine einzige Interaktion, ein einziges Medium. Eher verzetteln sie sich automatisch in einen Zustand der „Hyper Attention“ – also das ständige, rastlose Springen, von einem Kanal zum anderen. So ähnlich wie damals, nur viel stärker, als plötzlich das Kabelfernsehen ins Wohnzimmer kam und eine neue Verhaltensweise einen Namen brauchte: das Zappen. Aber inzwischen hat man sich ja selbst noch ein paar Kanäle zugeschaltet: Fast 40 Prozent der Jugendlichen wischen über das Smartphone, während sie fernsehen.17 Sich auf ein Signal mal länger einzulassen, das verursacht schon beinahe Langeweile, die Stimulusdichte hochzuhalten ist die Strategie. Und wenn es schon so viel Commitment fordert, einem einzigen Kanal verbunden zu bleiben, was soll denn aus dem Konzept werden, das ehemals bekannt war unter „Verbundenheit“, fragen sich manche. Jedenfalls haben die Jüngeren dieses scheinbar ohnehin schon neu aufgestellt und angelegt: Die Nähe ist jedenfalls nicht mehr das, was sie einmal war. Und die Distanz genauso wenig. Vor allem auf der Ebene der Sprache. Ein durchaus verwirrter Zustand von „Sehr geehrter Du“ macht sich breit unter jenen, die sich zu lange um andere Dinge gekümmert haben als um das, was mit der Digitalisierung der Kommunikation auf uns zurauschte. Man erinnert sich an Zeiten zurück, als sich Nähe und Distanz noch unterschiedlich ausgedrückt haben: im Medium, das man nutzte, im Stil, den man anwandte, oder in Umgangsformen, die man an den Tag legte. Oder in dem, was man sonst noch so vermeldete mit Worten und Körper. Inzwischen signalisieren digitale Medien so viel wie: „Die sanfte Annäherung können wir gern überspringen.“ Mit der ersten WhatsApp-Nachricht schmiedet man eine Beziehung schon allein dadurch, dass man ein bestimmtes Medium benutzt. Mit zwei Jahren Smalltalk im Stiegenhaus wäre man manchmal wahrscheinlich auch nicht weitergekommen.
Lieber Vorname Nachname, das ist inzwischen die gängige E-Mail-Anrede. Da steckt das Angebot des „Du“ schon drin. Der andere muss nur noch darauf einsteigen. Aber „angeboten“ wäre ja noch schön, „aufgedrängt“ trifft es schon eher. Internet macht alle zu Du-Freunden. Aber bitte, komm mir doch nicht zu nahe. Da sprech’ ich dir doch lieber eine Busfahrt lang Sprachnachrichten auf, bevor ich dich anrufe. Denn das wäre mir dann doch zu unmittelbar. Zu direkt. Und anstrengend.
Im Laufe eines digitalen Lebens sammelt man viel mehr Verbindungen mit Menschen, mit denen man früher nicht verbunden gewesen wäre. Dafür werden die kleinen Verbindungen des Alltags weniger. Jene, die man spontan und kurzfristig eingeht, schnell wieder löst. Und wenn sie doch stattfinden, dann serviert einem die Interaktion oft wirklich nicht mehr, als das, was man tatsächlich bestellt hat, den Kaffee und das Kipferl; das Lächeln dazu muss man sich dann oft woanders holen, im Notfall auch digital. Fast scheint es, als wäre Face-to-Face-Kontakt in der Dienstleistungsbranche ohnehin schon zum Plus-Feature geworden. Manchmal muss man es ja schon extra dazubuchen. Wenn man fliegt etwa. Oder wenn man sich ein Hotel wählt, in dem einen noch Menschen begrüßen und Schlüssel übergeben. Denn manche Betriebe haben ja auch schon die Rezeption auf die Gäste ausgelagert. Nämlich auf ihre Handys. Und wo man etwa noch tatsächlich persönlich ein Konto eröffnen kann, dort sind meist auch die Kontoführungskosten höher als bei den Banken, bei denen miteinander Reden gar nicht erst Teil des Geschäftsprinzips ist.
Digital verwirrt, bedroht, gefährdet
Es ist viel passiert. Und ja: Es war schon einiges auf einmal. Da darf man sich schon mal verwirrt, verloren, verunsichert fühlen. Vor allem weil man dachte, dass einem die Welt und alle in ihr plötzlich so viel näher stehen. Warum fühlt man sich manchmal gerade dann einsam, wenn man seinen Freunden beim Leben auf Instagram zuschaut? Oder so im Stich gelassen, wenn man bei Unternehmen ausnahmsweise etwas deponieren will, was keine Bestellung ist, sondern so etwas Unbeliebtes wie etwa eine Beschwerde? Warum ist das Online-Kontaktformular plötzlich die einzige Möglichkeit, sich zu verbinden? Und warum heißen meine Ansprechpartner vor dem @ plötzlich ganz anonym „info“ und „office“ und duzen mich trotzdem zurück? Oder warum nennen sie sich Susi und Angela, obwohl sie keine Menschen sind? Sondern Plauderautomaten. Muss ich zu Chatbots eigentlich höflich sein? Darf man sie anschreien?
Da muss man sich auch erst wieder einmal zurechtfinden im ganzen Chaos der neuen Möglichkeiten. Sicherheitshalber vermutet man ja gern einmal das Schlimmste. So ganz allgemein für die Zukunft, die Jugend und unsere Gehirne. Faul und dumm ist das Mindeste, was das Internet aus uns macht. Das behaupten Psychiater, Neurowissenschaftler, Medienschlagzeilen. Natürlich ist das Hirn der Menschen das erste Opfer der Digitalisierung. Die soziale Kohäsion könnte gleich das Nächste sein. Doch wenn wir uns lieber auf optimistischere Meinungen berufen, dann haben Gehirne und Gehirngemeinschaften trotzdem eine Chance. Vielleicht ist ja alles auch ganz normal. Das durchaus so positiv zu sehen, dazu hätte auf jeden Fall etwas geholfen: ganz einfach in die ganze Sache hineingeboren zu sein. Der britische Science-Fiction-Autor Douglas Adams meinte das zumindest. Noch in der Phase des digitalen Mittelalters, im Jahr 1999. „Everything that is already in the world while you are born is just normal.“18 Alles, was nach der Geburt erst erfunden wird, daran müsse man sich eben gewöhnen. Und je älter man wird, an umso mehr Dinge muss man sich gewöhnen. Denn umso mehr Dinge sind während der Lebensspanne erfunden worden. Was neu auf die Welt kommt, während man selbst schon 30 Jahre da war, bringt einen erstmal völlig aus dem Konzept, meint Adams. All das sei „against the natural order of things and the beginning of the end of civilization as we know it“. Nachdem man sich zehn Jahre mit dem Neuen auseinandergesetzt hätte, wäre es auch schon wieder „ganz okay“. Mit anderen drastischen Wendungen war es ja nicht anders: Zuerst hat man sich ziemlich gefürchtet, dann akzeptiert, was sich nicht ändern lässt, dann sogar daran gewöhnt und irgendwann will man ohnehin gar nicht mehr ohne leben. Bis zum nächsten dramatischen „Turn“: Plötzlich will keiner dabei gewesen sein, als etwa das Auto jahrzehntelang Gesellschaft und Umwelt gleichermaßen zerfurchte. Doch so gefährlich, wie alle tun, kann es doch nicht sein. Vom sauren Regen spricht doch auch keiner mehr. Aber ganz schön ernst klingt es trotzdem: Eine amerikanische Gehirnforscherin hat zumindest die Digitalisierung als den nächsten „Hot Shit“ der menschlichen Bedrohungen identifiziert. Susan Greenfield setzt sich seit Jahren mit „Screen Technologies“ auseinander. Nur den Klimawandel hält sie für ähnlich bedrohlich wie die Digitalisierung. Sorgen macht sie sich vor allem um die Gehirne und darum, was mit ihnen passiert, wenn sie sich zum größten Teil mit „Screens“ beschäftigen als direkt mit der Welt selbst.19 Für Greenfield steht zumindest fest: Die Gehirne sind jetzt definitiv schon andere als noch vor der Digitalisierung.
Sicherheitshalber bekamen in den letzten Jahren doch einige Autoren publizistische Panikattacken. Dabei sind sie mit ziemlich drastischen Prognosen und Stichwörtern aufgefahren: „Digitale Demenz“ war nur eine der populärsten Diagnosen, die Psychiater und Neurowissenschaftler Manfred Spitzer auch als Buch gut verkauft hat.20 Inzwischen sind die kritische Haltung und der Kommunikationskulturpessimismus an einem Punkt angekommen, wo man die „Funktionsstörung“ und den „Störfall“ nicht in der Technik vermutet, sondern beim Menschen, der diese Technik verwendet.21 Die Umbrüche zeigen sich nicht nur stilistisch in den Dialogen auf dem Smartphonedisplay, sondern mindestens auch in dem, was in gewissen Gehirnregionen so los ist. Aber nicht nur im Gehirnscanner meinen Neurowissenschaftler Verstörendes zu sehen, sondern auch in der Zukunft. In ihr sehen die besonderen Pessimisten einsame, bindungsunfähige Menschen wandeln. Und dazu Kinder, die keine Emotionen mehr aus Gesichtern lesen können, dafür in Emojis. Die Freundschaften schließen sie über Online-Games, nicht im Kindergarten. Und verbal werden sie auch emotional nicht viel mehr äußern können als ein universelles „What the Fuck“ oder „I like“. Dafür können sie wahrscheinlich Kurzgeschichten mit Emojis erzählen. Auch gut, aber nicht ganz optimal, um sie dann mit der etwas älteren Generation zu teilen.
Schädlich zu sein, das gehört noch zu den netteren Diagnosen, die man den sozialen Medien so stellt. Manche halten sie dagegen für richtig kriminell. Und unterstellen ihnen sogar bisweilen böse Absicht. Wenn sie etwa „Entführer“ sind, die es hauptsächlich auf eines abgesehen haben: auf unsere Aufmerksamkeit. „Our minds can be hijacked“, verkündete etwa Justin Rosenstein.22 Einer der Kidnapper: Facebook, das Unternehmen, für das er selbst tätig war. Das Bewusstsein werde fremdgesteuert, sagt Rosenstein. Noch schlimmer als Facebook sei aber ohnehin Snapchat. Heroin wirke auch nicht viel anders, meint einer, der eine der Drogen selbst im Labor mit abgemischt hat. Früher war Rosenstein in einer Arbeitsgruppe, die den „Like“-Button für Facebook entwickelt hat. Heute gehört er hingegen zu einer Gruppe, die auch nicht viel kleiner ist: jene der Silicon-Valley-Häretiker. Ehemalige Technologievisionäre, die heute nur mehr schwarzsehen. Allesamt Menschen, die jetzt vor den Monstern warnen, die sie selbst mit großgezogen haben. Für die großen Internetkonzerne waren sie aktiv, geläutert holen sie heute ihre Kinder aus der Waldorfschule in Silicon Valley ab und verspüren Schuldgefühle: Wie etwa auch der ehemalige Facebook-Vizepräsident, der das schlechte Gewissen, das ihn plagt, gerne als „Tremendous Guilt“ in den Medien verlautbart. Chamath Palihapitiya heißt er. Bis 2011 arbeitete er bei Facebook. Heute zerreißt es ihm fast das Herz, wie sehr Facebook seinerseits „das soziale Gewebe zerreißt und alle Regeln, wie die Gesellschaft bis dahin funktionierte“.23 Teuflische dopamingesteuerte Feedbackschleifen fangen die User ein. Die Konsequenz: die Grundfesten der Gesellschaft zerbröseln. Gemeinsam mit der Basis, wie sich Menschen seit jeher mit- und zueinander verhalten haben. Auch nicht freundlicher rechnet wiederum ein anderer Facebook-Veteran mit seinem ehemaligen Arbeitgeber ab: Die Grundlage seines Erfolgs soll eine perfide Fragestellung gewesen sein, behauptet Sean Parker: „Wie konsumieren wir so viel Zeit und bewusste Aufmerksamkeit wie möglich?“24 Klingt alles weniger nach Kollateralschaden als nach bewusster Manipulation, was da mit der Gesellschaft passiert. Auch der New Yorker Autor und Psychologe Adam Alter sieht das so: „Wir sind nicht hineingerutscht. Wir wurden geschubst.“25 Facebook, Instagram und Twitter holen sich die Aufmerksamkeit mit psychologischen Tricks. Um dem User gar nicht erst die Gelegenheit zu bieten, sich auch einmal ausklinken zu können. Die Folge: Soziale Medien wirken wie Drogen. „Digital Junkies“ geistern durch eine Welt, zu der sie selbst den Kontakt verlieren, weil sie ihre eigene nicht mehr so recht verlassen.26 Absurd scheint es jedoch, dass gerade jene, die uns abhängig gemacht haben, inzwischen auch erlösen wollen. Ein Drogenkartell mit eigener Entgiftungsabteilung: Google & Co. schicken ihre User auf „Digital Detox“. Ähnlich verwirrt war man zuletzt, als McDonald’s plötzlich Salat im Angebot hatte. Die Konzerne, die konsequent unsere Gehirne angeblich mit heimtückischen Strategien zersetzten, gerieren sich plötzlich als extrafürsorglich. Google etwa rief 2019 seine „Digital Wellbeing Experiments“ aus. Ein Substitutsprogramm für alle, die in die digitale Abhängigkeit geschlittert sind. Eine Ausformung davon hieß „Desert Island“, eine App, die auf dem Gedankenspiel „Was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?“ basiert. Denn man darf die nächsten 24 Stunden nur mit drei Apps verbringen. Und weil Google – ach – so besorgt ist, hatte der Konzern gleich noch eine absurde Idee: Das Google Paper Phone. Auch eine App, die Krönung der Verhöhnung. Alles, was man so für den Tag brauchen könnte, druckt man sich einfach aus und faltet es auf Smartphonegröße zusammen, den Wetterbericht, den Stadtplan, den Kalender. So soll man ohne Suchtverhalten durch den Tag kommen. Auch die Online-Verkaufstheke für virtuelle Ware, der App-Store, füllt sich mit Apps zur freiwilligen Selbstkontrolle. Oft kriegt man noch ein paar einfühlsame Worte in der Beschreibung dazu. Wie etwa von der App „Moment“, die uns gleich zu verstehen gibt, dass wir jetzt ganz stark sein müssen. „Wir verstehen, dass dein Handy dein Leben ist“, liest man dort. Damit man leise für sich selbst ergänzt: „Aber es macht dich depressiv und einsam. Sorry.“ Mit „Moment“ soll genau dieser wieder einem mehr selbst gehören als den Interessen einer Datenindustrie. Die App zeichnet einfach die Häufigkeit und Dauer der Handynutzung auf. Dabei gibt es auch Ansätze von analogen Lösungen, sich dem Sog der digitalen Kommunikation zu entziehen. Einen Vorschlag dafür hat etwa der Wiener Designer Klemens Schillinger entwickelt. Ursprünglich als künstlerische Position im Rahmen einer Ausstellung für die Vienna Design Week, das „Substitute Phone“. Die einzige Funktion, die es in sich trägt: Man kann es in der Hand halten. Es fühlt sich so an wie ein Smartphone und es ist auch genauso schwer. Ah ja: Man kann auch über Steinkugeln streichen, die statt eines Displays auf dem Gerät angeordnet sind. Ein analoger Gegenvorschlag zum digitalen Wischen. „Stein ist für mich auch das analogste Material, das es gibt“, sagt Schillinger. Und das „Substitute Phone“ tut, was es tun soll: Es beruhigt. Zwar nur den „User“, nicht die Experten, die sich um ihn und die Gesellschaft als Ganzes Sorgen machen. Ein Besuch in Japan hatte den Gestalter zur Idee geführt. Dort hatte Schillinger eine Beobachtung beeindruckt und verstört zugleich: die stumme, dystopische Choreographie, mit der die Menschen in der U-Bahn über ihre Handydisplays wischen – Telefonieren ist in Tokio in der U-Bahn verboten. Und noch etwas sei ihm aufgefallen, wie Schillinger erzählt. Dass Umberto Eco „ständig an einem Holzstaberl kaute, als er sich das Rauchen abgewöhnen wollte“. Ein beruhigendes Substitut muss her, dachte sich der Designer.
Der digitalen Nähe-Distanz-Paradoxie hat etwa auch die amerikanische Soziologin Sherry Turkle nachgespürt, in einigen Büchern, die man am Ende nicht unbedingt optimistischer zuschlägt. Allein „Alone together“27 erzählt davon, wie Jugendliche zusehends verarmen, in ihren sozialen, realen Beziehungen. Und auch in ihren sozialen Kompetenzen. Turkle traut den Jugendlichen nicht einmal mehr zu, dass sie sich an einer Konversation sinnvoll beteiligen könnten, wenn sie zufällig doch in eine geraten. Die Aufmerksamkeitsspannen seien dafür einfach schon zu kurz.
Aber schön doch, dass die Gehirne so anpassungsfähig sind. Ohnehin haben sie sich schon an eine Menge gewöhnen müssen. Jedes neue Medium mischt wie selbstverständlich die Nutzungskultur neu ab. Ein wenig verflucht und gefürchtet zu werden, gehört einfach zum Auftritt auf der Bühne der Gesellschaft dazu. Auch dem Roman im 18. Jahrhundert ist das so ergangen, wie auch der Zeitung im 19. Jahrhundert. Und im 20. waren schließlich die technischen Geräte die Vorboten des Untergangs. Denn bewährt hat sich: Sich etwas nicht so schlimmzureden, indem man es zunächst möglichst schlechtredet. Dafür haben Kommunikationswissenschaftler die Defizit-Hypothese parat. Diese meint, dass Innovationen in den Kommunikationstechnologien vor allem eines im Schilde führen: Irgendwie zu versuchen, ihre Nachteile und Schwächen gegenüber der Face-to-Face-Kommunikation zu kompensieren. Etwa so: Das mit der nüchternen Informationsübertragung, das klappte ja schnell schon ganz gut in der digitalen Sphäre. Aber die Emotionen, die schafften kaum den Sprung. Dafür sind dann eben die Emoticons, später die Emojis, kurzerhand eingesprungen.
Irgendwann hat jedes Medium seine Nische gefunden. Auch damit die Menschen später wieder darauf zurückkommen dürfen, aus nostalgischen Gründen oder weil man plötzlich Qualitäten vermisst, die sich vielleicht doch nicht so leicht digital kompensieren lassen. Bei vielen liegt ja inzwischen auch die Füllfeder wieder neben der Computertastatur am Schreibtisch, wie man aus Lifestyle-Medien so hört. Und auf „Face-to-Face“ kommt man scheinbar ohnehin ständig wieder zurück, wenn online gar nichts mehr geht. Während man sich gerade damit abfindet, dass etwas wie FoMO (Fear of Missing Out) die jüngere Generation beschäftigt, scheint die Zeitgeistkurve ansatzweise ohnehin wieder in die entgegengesetzte Richtung abgebogen: hin zur demonstrativen Freude daran, eben nicht alles mitzukriegen: „The Joy of Missing Out“ heißt das dann.28 Die Vorlieben der Menschen bewegen sich in Loopings. Irgendwann kommen sie ohnehin wieder zurück auf das, was ursprünglich ganz selbstverständlich war: wie saisonal zu essen, was vor der Haustür wächst. Oder etwa in Überschwemmungsgebieten keine Häuser zu bauen. Beim miteinander Reden wird das genauso sein, malen die Optimisten die Zukunft der Kommunikation hell und zartrosa. Solange Face-to-Face-Kommunikation auch besser schmeckt und länger satt macht, sind viele digitale Chats dabei wahrscheinlich nicht mehr als die Mise en Place des späteren, eigentlichen Showdowns: Wenn man sich dann schließlich tatsächlich gegenübersitzt und dabei so viel Spaß hat, dass man ziemlich viele Smileys bräuchte, um das Gefühl auch digital zu „sharen“.
Außerdem haben Forscher die Face-to-Face-Kommunikation ohnehin noch rechtzeitig als unersetzbar einzementiert, bevor sie zu arg ins Wanken geraten hätte können. Wie etwa mit jenen Aussagen von Gebhard Rusch von der Universität Siegen, Institut für Medienforschung, der die „Unverzichtbarkeit und Nichtsubstituierbarkeit der Face-to-Face-Kommunikation“ festgestellt hatte. Das war allerdings lange vor Facebook, Instagram und sinnvollen Video-Online-Konferenzsystemen. „Selbst für die Kommunikation im Cyberspace bleibt die regenerative Erfahrung der Face-to-face-Kommunikation als Basis menschlicher Verständigung und Kreativität notwendig“, meinte Rusch.29 Gut, dann hat man das einmal fixiert fürs Erste. Die Face-to-Face-Kommunikation bleibt unantastbar. Wie beruhigend. Aber wie verlässlich Prognosen sind, weiß man ja spätestens seit Kaiser Wilhelm, Bill Gates und Matthias Horx. Auf eines haben wir uns zumindest eine Zeit lang, ein paar tausend Jahre, verlassen können: dass wir wissen, wie man miteinander redet. Und was man dafür benutzen kann. Wir wussten, wie Gespräche funktionieren und dass da ein Gegenüber war, selbst wenn wir es irgendwann nur noch hörten, statt es zu sehen. Sogar wie man ein Gespräch anbahnt und ordentlich beendet, hat man sich abgeschaut, bei Mama, Papa, Lehrer, Peergroup. Mit den Zeichen, die längst ausverhandelt waren, bevor wir sie selbst mit Bedeutungen belasten konnten, wussten wir genau, was wir damit anrichten können. Mit Lesen- und Schreibenlernen, glaubte man schon, hätte man das Wichtigste erledigt. Für den Rest sind manche in die Tanzschule gegangen oder haben sich ein bisschen auf Gefühl und das, was man gern Hausverstand nennt, verlassen. Oder man hat es sich von Menschen erklären lassen, die einem vertrauenswürdig schienen. Wie etwa Adolph Freiherr Knigge. Schon er gab dankenswerterweise ein paar Hinweise für Situationen, in denen sich Mensch und Mensch in Ruf- und Sichtweite voneinander durch die Welt bewegen. Knigge hat manches formuliert, was heute als anachronistisch oder inzwischen ganz selbstverständlich gilt. Sätze, die man auch heute am eigenen Leib nachfühlen kann. Wie etwa: „Umarme nicht jeden. Drücke nicht jeden an dein Herz.“30 Denn das würde ja die Umarmung irgendwie auch entwerten, meinte er. Was hebt man sich auf für jene, auf die man sich wirklich das ganze letzte Jahr gefreut hat? Jedenfalls hat man ziemlich viele Übereinkünfte in der Kommunikation allein dadurch unterschrieben, dass man einfach in ihre Kultur hineingeboren wurde.
Lesen, schreiben, digital kommunizieren
Umgangsformen regeln, wie man Zeichen miteinander austauscht. Dabei sind nur ein kleiner Teil davon die sprachlichen. Der Begriff „Konversation“ hat früher überhaupt den Umgang miteinander beschrieben, nicht nur jenen, den man durch ein Gespräch pflegt. Inzwischen machen sich kleine Unsicherheiten breit, nicht nur darüber, ob die Zeichen, die man sendet, überhaupt ankommen. Sondern auch darüber, was es für den anderen bedeutet, wenn man sie sendet. Vor allem wenn man sie nun quer durch alle Uhrzeiten des Tages und Kontinente des Planeten verschicken kann. Schneller, als man denkt, ist man beim letzten Update wieder zum kommunikativen Analphabeten geraten. Zum Glück will da auch manche offizielle, staatlichen Stelle entgegenwirken: Indem sie etwa „Digital Literacy“ großspurig als Ziel der Volks- und Allgemeinbildung ausgibt – also die Kompetenz, Informationen adäquat über digitale Plattformen zu verfassen, zu senden, zu finden und zu bewerten.31
Die Digitalisierung der Kommunikation, sie ist nun mal ohne Gebrauchsanweisung eingerauscht. Und so drastisch und so schnell, dass man gar nicht sanft überleiten konnte, von der einen in die andere Ära. Netterweise haben viele der digitalen Kanäle zumindest eine ganz typische Designstrategie verwendet, um das Neue nicht ganz so furchterregend wirken zu lassen. Man tat einfach so, als wäre man irgendwie ohnehin noch analog. „Skeuomorphismus“ heißt der Ansatz im Design, bei dem man versucht das „Neue“ zu etablieren, indem man das „Alte“ zitiert. Bei Auto und Kutsche hat das auch schon einmal geklappt. Ansonsten hätte man den Briefkasten für Sprachnachrichten nicht Mailbox genannt. Oder den Papierkorb einfach dorthin versetzt, wo es gar kein Papier mehr gibt: auf den „Desktop“ des Computers, den Schreibtisch, der ja selbst auch keine vier Tischbeine mehr hat und niemals wackelt. Auf ihm jedenfalls stehen die „Ordner“, in die man alles ablegen kann. Und die nur auf der Festplatte Platz brauchen, nicht im Regal. Auch die Sprechblasen auf dem Handydisplay suggerieren: Hier wird noch geredet, obwohl längst geschrieben wird. Nur eines ließ sich scheinbar nicht so leicht in die digitale Ära übertragen: die Benutzungskultur der Sprache und der analogen Kommunikationskanäle.
Was durchaus leichte Verwirrungszustände zurücklassen kann. Selbst bei jenen Menschen, die andere beobachten – aus wissenschaftlichen Gründen. Und eigentlich den unausgesprochenen gesellschaftlichen Auftrag bekommen haben, das alles für uns einzuordnen, was sich da so rasant dreht und wendet – im Feld der Kommunikation. Doch gerade waren die Soziologen noch damit beschäftigt zu ergründen, was die „Mediatisierung“ der Gesellschaft bedeutet, widmen sich dieselben Soziologen schon der „De-Mediatisierung“. Untersuchen also, wie sich Menschen der ständigen digitalen Verbundenheit entziehen. Zu definieren gibt es jedenfalls für die Forschung noch eine Menge: Was ist denn überhaupt noch eine Interaktion? Und ist eine Situation auch noch sozial, wenn der eine Interaktionspartner gerade an der Supermarktkassa steht und der andere am Strand? Vor allem aber: Unter welchem Namen kann man das alles in der Schublade verstauen – all diese Kommunikationsformate? Auf „mediatisierte Kommunikation“ hat man sich schließlich geeinigt. Denn was allen neuen digitalen Kanälen gemeinsam ist: So verbindend sie auch sein sollen, tatsächlich schiebt sich ja immer etwas dazwischen, ein Screen, ein Display, ein Medium. Ein paar Jahre zuvor wollten die Kommunikationswissenschaftler das Phänomen noch mit „computervermittelte Kommunikation“ etikettieren. Aber schon nach kurzer Zeit konnte man kaum noch neue Formate in derselben Schublade ablegen. Weil sie einfach nicht mehr passen wollten. Etwa weil sich die digitale Kommunikation – wie die Telefonie Jahre zuvor – vom Kabel losgerissen hatte. Und damit auch von jenem Gegenstand, der vermeintlich als Voraussetzung für die neue Kommunikation galt, dem Computer.
An welche Fixpunkte man sich sonst noch so halten konnte beim Miteinanderreden, das war lange auch klar: Man wusste, wie man sich zueinander positioniert, wohin man schaut und was es bedeutet, wenn man woanders hinschaut als dorthin, wo es der andere erwartet. Anstarren, außer Babys und Handys? Lieber nicht. Ich und du, was zwischen uns passieren könnte, war gut geregelt. Der eine wusste, wann er den anderen ansprechen darf. Und der andere wusste, ob er antworten muss. Auch zu welcher Uhrzeit. In der Nacht waren dazu eher Menschen genötigt, die noch in ihren beruflichen Rollen stecken, wie Nachtportier oder Barkeeper. Ansonsten: lieber schlafen lassen. Für die höfische Konversation beim französischen König gab es natürlich auch Konventionen, etwa: Nur reden, wenn man gefragt wird, was im 19. Jahrhundert in den Benimmbüchern auch meistens generell für Frauen galt. Aber auch zwanglosere Formate als königliche Tischzeremonien folgen einer Regie von Regeln. Etwa so: Wenn man ein Gespräch eröffnet, sollte man es auch möglichst abschließen. Außer man will Verwirrung stiften. Oder es ist Kunst. Türzuschlagen oder Telefonhörerauflegen gilt dabei nicht. Nur wenn es wirklich nicht anders geht, rein emotional gesehen. Selbst das Gefühl, wann genug geredet ist, alles gesagt, oder es Zeit ist zu schweigen, hat einen oft nicht getäuscht. Der Abstand zueinander, zumindest innerhalb eines Kulturkreises, ergab sich in vielen Fällen auch fast wie von selbst. Ebenso hat man mit der eigenen Geburt stumm eingewilligt, dass man für manche Nachrichten Briefmarken aufklebt, wenn man will, dass sie auch überbracht werden. Außerdem hat man im Lexikon oder auf Wikipedia gelesen, dass es einmal so etwas wie Telegramme gegeben hat und dass das ziemlich revolutionär gewesen sein muss. Vor allem die Sache mit dem Überseekabel. Die Oma während der Hauptnachrichten im Fernsehen anzurufen, war oft auch keine gute Idee, wenn man die Oma bei Laune halten wollte. Oder ihr zu verstehen zu geben, dass etwas passiert sei, indem man trotzdem anrief – selbst darin war man sich mit vielen anderen und ihren Omas einig.
Und noch mehr kollektive Einigkeit: Dass Fernsehen dumm und unsere Kinder dick macht, auch daran haben wir ein paar Jahre gar nicht gezweifelt. In manchen Kulturen hat man sich sogar darauf verständigt, dass man einen Kanal abschaltet, wenn ein anderer an der Tür läutet. Also den Fernseher aus, wenn Gäste kommen. Die Regel stammt jedoch aus Zeiten, als Gespräche scheinbar noch automatisch das verlangten, was der Soziologe Erving Goffman in menschlichen Interaktionen als „Engagement“ bezeichnete. Nämlich dass man sich auf die Interaktion auch einlässt, seine Konzentration sowie seine „kognitive und visuelle Aufmerksamkeit“ auch darauf ein- und ausrichtet.32 Auch das eine Gesicht auf das andere kann schon helfen. Natürlich waren stets auch „Nebenengagements“ erlaubt: zu Reden und dabei die Katze auf dem Schoß zu streicheln. Beim Gespräch aber ein anderes auf dem Handy zu führen, oder auf dem Smartphone gleichzeitig nach interessanteren Themen zu suchen: eher unerwünscht. Wobei: Diese Regel dürfte wiederum nur eine Generation unterschrieben haben, für die „Switchen“ noch ein Erlebnis war, das aus zwei Kanälen am Fernseher bestand.
Wie viel Schweigen Gespräche gerade noch vertragen, auch das hat man meist richtig austariert. Und wann man selbst wieder mit Schweigen dran ist, selbst da ist man selten falsch gelegen. Wann man nicht mehr antworten muss, das war auch klar in den meisten Fällen. So lange, bis neue Medien sich in den Katalog der Kommunikationsmöglichkeiten mischten. Vor allem wenn es welche waren, die Schweigen oder Nichtantworten nicht so gut vertragen. Telefonieren etwa. Oder Chatten. Auch Anschreien per SMS hat sich trotz Großbuchstaben und Rufzeichen in der Benutzungskultur nicht durchgesetzt. Dafür aber, sich kurz zu halten, aber dafür war das „Short“ im Namen („Short Message Service“) schon Hinweis genug. Weniger Andeutungen, ob das Gespräch jetzt schon aus ist oder doch noch ein wenig schwelt, findet man oft in WhatsApp-Chats. Im Sinne von „always on“ ist es meist nie richtig zu Ende gegangen. Schon vor der digitalen Kommunikation musste man sich das Telefon mit eigenen Verhaltensweisen erarbeiten, sich zunächst einmal ausmachen, dass ein „Hallo“ am Anfang des Gesprächs helfen kann. Damit der Anrufer auch weiß, dass man empfangsbereit ist. Aber dann wurde es bald schon komplizierter, vor allem als sich die Kommunikation vom Kabel losgerissen hat. Dann tauchten solche Benutzungsfragen auf wie etwa: Wo darf ich eigentlich sprechen? Vor allem, wenn ich Privatgespräche plötzlich mit dem Handy vor die Tür trage. Wird dann nicht jedes Gespräch automatisch ein wenig zur öffentlichen Angelegenheit? Muss ich immer abheben, nur weil ich erreichbar bin? Oder immer gleich zurückrufen? Oder lieber gleich abheben, um zu sagen: „Ich ruf’ gleich zurück.“ Darf man heute anderen noch auf die Mailbox sprechen? Oder ist das schon so ähnlich, wie unerwartet vor der Tür zu stehen? Und wenn ich etwas aufspreche, darf ich dann um einen Rückruf bitten? Oder versteht sich das von selbst, weil ich ja angerufen und kein Mail geschrieben habe?
Mailboxen zu besprechen könnte schon fast als kleine kommunikative Nötigung durchgehen. Schließlich muss man sich Mailboxnachrichten wie Amazon-Packerl meist selbst abholen. Verbindlich dazu geäußert hat sich bislang kein Experte für Umgangsformen, schwierig auch in Zeiten, in denen das Merkmal Unverbindlichkeit zur Information meist ungefragt mitgeliefert wird. Die ständige Erreichbarkeit multipliziert nicht nur die Situationen, in denen Anrufe ungelegen kommen, sondern auch jene, in denen man keine Zeit hat, die Mailbox abzurufen. Die Benutzungskulturen vieler neuer Kommunikationsformate hatte gar keine Zeit, verbindlich einzurasten. Kaum wollte sich fast so etwas wie eine Konvention verankern, war plötzlich ein neues Medium da, das an den Benutzungsregeln des alten erst recht wieder rüttelte. Kein Wunder, dass die Menschen eine Phase lang E-Mails schrieben, als würden sie tatsächlich noch in Briefkästen landen. Und dass noch heute Menschen WhatsApp-Nachrichten schreiben, als würden sie damit eine Mailbox füllen wollen.
Manchmal stehen auch jene ratlos vor den Umbrüchen und kommunikativen Ereignissen, die selbst täglich beobachten und anleiten, wie Menschen miteinander umgehen. Wenn sie reden, aber auch wenn sie sich nur körperlich einschwingen, noch dazu im Takt: beim Tanzen. Jedenfalls auch eine Form von Kommunikation. Nicht nur bei Bienen. Roman Svabek leitet die Tanzschule Svabek in der Wiener Liechtensteinstraße. Schon von Berufs wegen interessiert er sich für Choreografien. Für jene auf dem Parkett genauso wie für jene, die der Alltag schreibt. Von Mensch zu Mensch. Beim gemeinsamen Sitzen am Tisch wie auch beim eleganten Aneinander-Vorbeigehen. Auch die Eröffnung des Wiener Opernballs hat er einige Male choreografiert und geleitet. Svabek gibt in Kursen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nicht nur Schrittfolgen mit, sondern auch Anhaltspunkte zu jenem Parkett, das man einst unter dem Stichwort „Gutes Benehmen“ betreten hatte. Tanzen ist ja nur eine von dutzenden Formen, wie Menschen miteinander umgehen können. Und miteinander zu sprechen ist wie Tanzen, befinden Experten für nonverbales Verhalten. Ab einem gewissen Punkt hat man sich schon eingeschwungen im Rhythmus, der eine geht einen Schritt voraus, der andere geht mit, und wieder zurück. Sogar im Kreis drehen, zumindest inhaltlich, ist manchmal Teil der Choreographie. Beim Tanzen allerdings sind allerfeinste körperliche Regungen schon mit Bedeutungen codiert. Umso mehr könne man beim Tanzen für den Umgang mit Menschen lernen, meint Svabek. Vor allem auch, wie viel Abstand und Nähe man einem anderen Menschen körperlich so zumutet. Und wie viel davon einer gelungenen Kommunikation auch guttut. Wie man aufeinander zugeht, Kontakt aufnimmt, und wie man den anderen elegant wieder aus einer Interaktion entlässt.
An den Sälen der Tanzschule Svabek rauscht die Digitalisierung natürlich auch nicht vorbei. Vor allem die jugendlichen Kursteilnehmer tragen sie mit ihren Smartphones in den Rucksäcken direkt hinein. Handys seien jedenfalls erlaubt, erzählt Svabek. „Die jungen Menschen benutzen sie aber in einer atemberaubenden Geschwindigkeit.“ Kurzes Update: „Bin in der Tanzschule.“ Dann wieder Interaktion mit Menschen im selben Raum. Ungläubig, meint Svabek, stehe er manchmal vor der Geschwindigkeit und Selbstverständlichkeit, wie die Jungen digitale Medien managen. Umso weniger traut er sich dafür verbindliche Regeln aufzustellen. „Wie kann ich die Regeln einer Kommunikationskultur beurteilen, die ich selbst nicht verstehe, weil sie sich immer so schnell ändert und ich nicht hineingeboren worden bin?“, fragt sich Svabek. Das wolle er sich gar nicht erst anmaßen. Auch nicht zu bewerten, ob Kondolieren auf WhatsApp weniger einfühlend wirkt als eine schriftliche Beileidsbekundung. Jede Kommunikationsplattform im Internet scheint wie von selbst ihre eigene Benutzungskultur entwickelt zu haben. Eine, die man erst so richtig versteht, wenn man sie ähnlich intensiv nutzt wie die Muttersprache oder die Artikulationswerkzeuge, die man am Körper seit Geburt mit sich herumträgt. „Für die jungen Nutzer ist vieles selbsterklärend, wofür wir nach Erklärungen suchen“, sagt Svabek. Die Welt der traditionellen Umgangsformen habe deshalb nicht unbedingt eine Antwort auf Kommunikationsbefindlichkeiten der Smartphone-Nutzer. „Es gibt natürlich Versuche, verschiedene Dinge im kommunikativen Umgang miteinander festzulegen. Aber oft werden diese Regeln von Männern über 70 aufgestellt für Menschen unter 20.“ Und viele von diesen bräuchten keine Anleitung, wie sie etwas zu bewerten hätten. Es versteht sich für sie von selbst: vor allem auch die Bedeutungen, die die Programmierer jeder neuen App mitcodiert haben, nämlich wie man sie benutzt. Sanft hineingeboren zu werden in den ganz selbstverständlichen Umgang damit, das kommt für viele zu spät. Wie auch für Roman Svabek. Analoge Maßstäbe anzulegen an Verhaltensweisen, die erst digital entstanden sind, sei schwierig. Doch allgemeine Maximen der gegenseitigen Wahrnehmung und Rücksichtnahmen hätten natürlich auch im Smartphone-Zeitalter ihre Gültigkeit nicht verloren. Auf das Handy zu starren, wenn andere dabei sind: Ja – wenn es Fremde sind. Ansonsten wäre es „Phubbing“. Die englische Wortschöpfung beschreibt das Phänomen mit einem Sprachamalgam aus „Phone“ und „to snub“. Was ungefähr bedeuten würde: jemanden zu brüskieren mit dem Handy. Ein solches Verhalten könnte man entlang ganz allgemeiner Verhaltensrichtlinien bewerten, meint Svabek. Nämlich „dass man, wenn man mit jemandem redet, auch ausreichend Aufmerksamkeit schenkt“. Eine ursprüngliche Basisübereinkunft, seitdem man miteinander reden kann und es mit derselben Person irgendwann nochmal versuchen will. „Was mir allerdings auffällt, ist die Ichbezogenheit der Kommunikationsformen“, erzählt Svabek. Eine Grundhaltung, die auch bei den meisten Interaktionen auf dem Tanzparkett nicht allzu zielführend wäre. Wenn die jungen Menschen in die Tanzschule kommen, sollte die Basis des menschlichen Umgangs ohnehin schon gelegt sein. Nämlich zuhause. Durch die Interaktionen der Eltern mit den Kindern, findet Svabek. „Wem man wie viel Aufmerksamkeit schenkt wie man Körperhaltungen anderer interpretiert, das sollte man auf ganz natürlichem Weg lernen. Auch schon im Kindergarten.“
Doch ganz abgesehen davon: „Wie kommen wir dazu, eine Konvention aufzustellen für eine Welt, die wir nicht verstehen?“ Und dabei könne man das Smartphone durchaus nicht immer als Störung, sondern auch als Bereicherung sehen. „Das Smartphone ist nun einmal nicht mehr wegzudenken. Wenn man sich entschuldigt, kann man es durchaus kurz verwenden“, sagt Svabek. Aber es hätte auch Potential, den Interaktionsraum virtuell um ein Vielfaches aufzuspannen: „Wie auf diesen innovativen Glastischen, die man schon auf verschiedenen Messen gesehen hat, über die man den Content des Smartphones quasi direkt in das Gespräch einblenden kann.“
WARUM WIR ÜBERHAUPT REDEN
(UND WAS WIR UNS DAVON VERSPRECHEN)
Es ist ja alles so zwischenmenschlich
Das Letzte, was sich nicht irgendwie auf etwas anderes bezogen hat, war wahrscheinlich der Urknall. Seitdem ist immer irgendwas. Nämlich schon da. Oder auch gewesen. Und alles, was ist, steht noch dazu nicht nur so da, sondern in Beziehung zueinander. Dinge mit Dingen. Aber vor allem auch: Menschen mit Menschen. Mit dem lateinischen Präfix „inter“ könnte man schon einiges durchdeklinieren, wie Menschen zueinander stehen, aufeinander zu- und eingehen sowie vor allem miteinander umgehen. Da gibt es einige Möglichkeiten, von denen man entlang eines durchschnittlichen Tages im Leben gar nicht allzu viele auslässt. Verschiedenste Formen von Interaktion sind es jedenfalls. Manche passieren, in manche stolpert man rein, andere sind zielgerichtet, einige sogar „fokussiert“, also direkt auf jemanden anderen bezogen, und manche fühlen sich tatsächlich so an wie ein Gespräch. Darin wird meist sogar etwas ausgetauscht. Wenn es keine Inhalte sind, dann zumindest die Überzeugung, dass man noch eine aufrechte Beziehung miteinander hat.
Der eine reagiert auf den anderen, aber der hat meistens auch schon reagiert, auf den einen. Vielleicht auch schon bei der letzten Begegnung – eine Interaktion steht nie alleine, immer im Zusammenhang – ja, es ist tatsächlich so kompliziert, wie es klingt. Aber sich aus den Zusammenhängen zu lösen, sich einfach so abzukapseln aus dem System, sich elegant herauszuwinden aus dem sozialen Geflecht, das uns auffängt wie auch gefangen nimmt, funktioniert meist auch nur temporär. Ansatzweise ist es Leuten wie Juri Gagarin, Reinhold Messner und Robinson Crusoe gelungen. Kurz hat es sie ins Weltall, in die Antarktis, auf eine einsame Insel verschlagen. Weit, weit weg von allen Steckdosen, USB-Ports und sonstigen sozialen Anschlussstellen. Aber allein alles, was vorher war an sozialem Austausch und Information, die sie selbst gesendet haben und empfangen, auch ohne es zu wollen – all das haben sie trotzdem stumm und unbewusst mitgetragen. Auch wenn man die radikale Vermeidungsstrategie fahren würde wie inzwischen geschätzte 400.000 Japaner, die man Hikikomori nennt.33 Sie entziehen sich bewusst der Außenwelt, dadurch auch der sozialen Kontakte. Insel wäre man trotzdem keine. Denn der schottische Dichter John Donne, meinte zurecht in einem Gedicht: „No man is an island.“ Und Crusoe wusste das genauso gut. Spätestens wieder seit Freitag.
Allein zu sein, das war nie eine Option. Zum Glück ist der Mensch auf das Gegenteil angelegt. Und darauf, als soziales Wesen so einiges zu teilen. Die Welt, den Alltag, die Höhlen früher, die Häuser heute, die Wege und Straßen, die von einem zum anderen führen. Hier bin ich. Und überall sind die anderen. Zwangsläufig. Alles andere wäre der absurde Plot eines Science-Fiction- oder Zombie-Films. Immer ist irgendwas. Und immer ist irgendwer. Ob in der Nähe. Oder auch weit weg. Manche von den anderen liebt man, einige mag man, bei den meisten kommt man gar nicht so weit, zu überlegen, ob es Liebe werden könnte. Man kennt sie nicht, lernt sie auch nicht kennen, sieht sie kein zweites Mal. Der Planet ist trotzdem ihre Begegnungszone. Ich bin da. Der andere auch. Wenn man nicht sofort voreinander wegläuft, der eine den anderen in die Flucht schlägt, kommt man auch mal zusammen. Ob man will: im Gesangsverein, am Stammtisch, am Campingplatz. Oder nicht: in der Straßenbahn, in der Warteschlange, beim Popkonzert. Mit wenigen wird man reden, arrangieren muss man sich mit allen. Auch wenn das heißt, dass man versucht, möglichst wenige von ihnen überhaupt zu registrieren. Und wenn doch, kann man die Beziehung zueinander noch immer austarieren zwischen körperlicher Kollision und Sicherheitsabstand. Bevor man sich mit dem anderen vielleicht doch spontan verschwört gegen Dritte, die ja hier auch irgendwo herumlaufen müssen. Das Leben ist eine Koproduktion. Dem Überleben zuliebe. Menschen koordinieren sich. Bewusst und unbewusst. Und sie kooperieren, die Intelligenz dafür haben sie von der Evolution mitbekommen. Mit jedem gibt man sich nicht ab, aber wen man später noch brauchen könnte, in der Karriere, in der Wildnis, beim Aufzugfahren, dem kann man schon signalisieren, dass Kooperation eine Option ist. Das beginnt schon damit, dass man sich grüßt. Und mit manchen Menschen wird dann sogar tatsächlich eine Beziehung daraus, die auch die Menschen selbst so nennen. Sich mit jedem anzufreunden allerdings, dafür hätte das Hirn schlichtweg zu wenig Rechenleistung übrig, das sagt zumindest eine Theorie.34 Doch mit Ausgewählten wird trotzdem etwas daraus. Mit noch Ausgewählteren sogar zum Teil so etwas wie Partnerschaft oder zumindest ein – im Facebook-Jargon – „Es-ist-kompliziert“-Verhältnis. Weil man sich extra ins Zeug gelegt hat, mit Kerzenschein, Rotwein, Selbstgebackenem und Percy Sledge. Manche Beziehungen und ungeklärte Verhältnisse beginnen auf dem Gehsteig, am Bartresen, auf der Kreuzfahrt, im Kurpark oder weil man irgendwann denselben Bus genommen hat. Damit andere soziale Beziehungen ihren Anfang nehmen, hört man sich skurrile Fragen an wie: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren.“ Oder man bezahlt Mitgliedsbeitrag. Doch in das wichtigste Beziehungsgeflecht, auch in das kommunikative, wird man ohnehin hineingeboren. Einfach so.
Da ist immer noch einer mehr als ich
„Es ist eine menschliche Grundbedingung für die meisten von uns, dass wir unser tägliches Leben in der unmittelbaren Präsenz von anderen verbringen“, schrieb Erving Goffman im Jahr 1983.35 Welche Menschen das sind, können wir uns nur teilweise aussuchen. Bei Bewerbungsgesprächen. Und bei der Brautwerbung. Goffman, einer der bekanntesten Soziologen des letzten Jahrhunderts überhaupt, hat einige Menschen beobachtet, wie sie miteinander in Beziehung treten. Und wie sie dabei stehen, sich positionieren, welche Haltungen sie einnehmen und wie elegant oder plump sie aus dieser Konstellation wieder hinausschlüpfen. Bei faszinierenden Alltagsspektakeln hat Goffman ganz genau hingeschaut: Wie etwa wenn sich zwei Menschen begegnen und sich gegenseitig so etwas wie „höfliche Gleichgültigkeit“ demonstrieren. Als hätte sich jeder einen Zettel auf die Stirn gepinnt, auf dem steht: „Ich sag’s gleich. Von meiner Seite ist keinerlei Konversation gewünscht.“ Und in Klammer würde stehen: „Wahrgenommen hab’ ich dich trotzdem, aber gerade deshalb gilt der erste Satz.“ Eine geschickte kommunikative Präventivmaßnahme, die man als Mensch fast immer im Repertoire hat. Auch aus einer Erkenntnis heraus: Ignorieren allein, das funktioniert nicht. Man muss den anderen schon darauf hinweisen, dass man ihn ab sofort und durchgehend ignorieren wird. Eine Performance, die gerne ausgeführt wird, etwa wenn man gemeinsam und doch nicht gemeinsam auf den Aufzug wartet. Und trotz neuer technischer Exitstrategien, wie Ear-Pods-(Kopfhörer)-in-die-Ohren-Stöpseln und Aufs-Handy-Starren, der Begegnung selbst kann man sich schwerlich entziehen. Selbst auf ehemals einsamen Berggipfeln soll das inzwischen vorkommen. Dass da noch wer anderer ist. Doch keine Panik: Der Mensch ist dafür bestens ausgerüstet worden, von der Natur. Weniger für die dünne Luft am Mount Everest, dafür umso mehr für die Begegnung und für sämtliche Kubikmeter Luft, in der sich Mensch und Mensch sonst so plötzlich gegenüberstehen könnten. Ein komplexer Kommunikationsapparat begleitet ihn, ausgestattet mit einer plumpen Signalanlage genauso wie mit einem feinpixeligen Display zwischen Haaransatz und Kinn. Aber vor allem mit einer entscheidenden Voraussetzung, der psychischen Disposition des Menschen, an der er im Normalfall gar nicht mehr schrauben muss: Kontakt aufnehmen, sich verbinden, Beziehungen pflegen – der Mensch will es so. Ein ganzes Set an Tools steht ihm dabei zu Diensten. Üppig hat die Evolution seinen körpereigenen Werkzeugkasten dafür bestückt. Alles, um dann morgens im übervollen Bus so zu wirken, als wäre er am liebsten ganz allein. Denn für die Kontaktvermeidung hat der Mensch fast genauso viele Strategien eingepackt. Um die anderen auch einmal ausgiebig auszublenden oder im unerwarteten Kontaktfall dann doch konsequent „höflich zu ignorieren“.
Doch sozial und kommunikativ scheint der Mensch zu allem fähig: Beziehungen baut er auf, pflegt sie, zieht hie und da eine Schraube nach, justiert mit der Wasserwaage nach und manchmal drückt er auch den Reset-Knopf. Um das System völlig neu zu starten. Mit wem und wie dicht Menschen ihr Netzwerk schnüren, ist einerseits eine Frage der Persönlichkeit, andererseits eine des Alters. Genauso: mit welchen Mittel und auf welchen Kanälen sie ihre Verbindungen managen. Vielleicht dann doch lieber digital, aus sicherer Distanz, im kognitiven Sparmodus. Jedenfalls verlieren die sozialen Agenden über 30 an Bedeutung. So etwas wie „soziale Promiskuität“ sagt man vor allem jenen nach, die jünger sind. Ab 30 pendelt sich die Anzahl der Menschen, mit denen man regelmäßig über Anrufe und Kurznachrichten verbunden ist, auf ungefähr 15 ein, hat man festgestellt. Und genauso viele Menschen sollen es sein, mit denen man täglich durchschnittlich in Kontakt ist.36
Die Gruppe ist der Ausgangspunkt des sozialen Lebens. Für jeden. Noch ein Merkmal, das Menschen verbindet – abseits von Veganismus, Haarfarbe und Lieblingsfußballverein. Tatsächlich: In allen Gesellschaften auf diesem Planeten sind Menschen in Primärgruppen verflochten. Und in diesen interagieren sie in persönlichem zwischenmenschlichem Face-to-Face-Kontakt. So lautete die ursprüngliche wissenschaftliche Diagnose. Inzwischen müsste diese ähnlich wie ein Wikipedia-Eintrag editiert werden, vielleicht in diese Richtung: „In allen Gesellschaften auf diesem Planeten sind Menschen in Primärgruppen verflochten. Und in den meisten von ihnen interagieren sie in persönlichem zwischenmenschlichem Face-to-Face-Kontakt sowie in digitalem Kontakt mit Geräten, die sich die Menschen für diesen Zweck selbst erfunden haben.“ Ein Nebeneffekt: Seit der Abnabelung als Neugeborener ist das Abnabeln noch schwieriger geworden. Kaum auf der Welt, ist man schon verknotet. Im dichten Beziehungsgeflecht. Mama! Papa! Die Einsiedelei, der Digital-Detox-Trip, die Woche im Schweigekloster – nicht mehr als die temporäre Stilllegung der Zwangsmitgliedschaft in einer globalen Kommunikationsgemeinschaft. Und wo man verflochten ist, da wird auch fleißig geknotet: an gemeinsamen Interaktionsgeschichten. Dafür wird gelacht, geschrien, gestritten, geweint. Dann wieder ausdiskutiert, sich gegenseitig ignoriert, umarmt, alles wieder verziehen. Irgendwann scheint sich heute jedoch die Kommunikationsbiografie auch in einen digitalen Verlauf abzuzweigen. Und dieser endet oft erst, wenn das Handy das aktuelle Software-Update nicht mehr mitmacht. Die Beziehungsknäuel strickt man konsequent quer durch jede Lebensphase und quer über den Planeten, quer durch das Grätzl, dicht durch die Chorgemeinschaft am Abend, locker durch den Kindergarten, zufällig durch den Hobbykeller, tief verschworen gegenüber Außenstehenden quer über den Stammtisch. Jeder der Kommunikationsknotenpunkte wird geölt und geschmiert mit Worten, Nachrichten, Status-Updates und anderen Gesten, und sogar dann und wann mit persönlichem Erscheinen und Face-to-Face-Kontakt.
Tiere, Psyche und andere Netzwerkerinnen
Doch nicht nur Liebe und Zuneigung sind Ausdrucksmittel einer evolutionären Vorbestimmung. Da gibt es auch plumpere Bindemittel. Dass ein anderer schlichtweg in der Nähe wohnt, das genügt oft schon als Grund für gefühlte Verbundenheit, dieses Phänomen haben Forscher auch schon beobachtet. Die Postleitzahl zu teilen, ist aber nur eine der Möglichkeiten. Noch enger wird die Bindung gleich, wenn man Schwerwiegendes teilt: gemeinsame Erlebnisse etwa. Und je schlimmer, je katastrophaler, desto verbindender, wie es scheint. Auch das ist Wissenschaftlern in einer Reihe von Studien aufgefallen. Mit Kriegsveteranen. Oder auch in Experimenten, in denen Elektroschocks verteilt wurden. Jene Versuchsteilnehmer, die ihnen ausgesetzt waren, mochten sich untereinander deutlich mehr als jene der Referenzgruppe. Man mag es ja kaum glauben vor lauter „Hatern“ im Netz und ganz traditionellem Offline-Hass: Tatsächlich führt eine unsichtbare Gravitation Menschen zueinander, lässt den einen den anderen suchen. Soziabilität scheint eine der wichtigsten Präsuppositionen des Lebens zu sein. Und das war sie auch schon damals, als Mensch und Tier noch nicht allzu viel voneinander unterschied. Nur dass bei einem das Hirn irgendwann nicht mehr so schnell aufhören wollte zu wachsen. „Soziales Tier“ nennt man den Menschen heute noch, vorzugsweise auch in Buchtiteln.37 Um diesen Befund auch zu untermauern, haben Wissenschaftler ihre Augen und Beobachtungen auf die Menschen gerichtet – und auf die Tiere. Vor allem haben sie sich dabei mit jenen beschäftigt, die zu derselben biologischen Ordnung zählen: die Primaten. Auch sie haben gewusst: „Wir“ funktioniert besser als nur „ich“. Eine Erkenntnis, die schützt. Gegen Jäger und Fressfeinde. Sowie vor dem Verhungern. Denn mit anderen gemeinsam sichert man sich ab: gegen die Gefahr, dass Ressourcen und Reserven auch mal knapp werden könnten. Schließlich organisieren sich neue gemeinsam leichter. Ganz abgesehen von den Fortpflanzungsoptionen, die sich durch ein „Wir“ multiplizieren. Die Gruppe ist das Lebensmodell der Wahl. Die Werkseinstellung des Menschen ist deshalb: sozial. Die Evolution hat den Menschen darauf kalibriert. Auch schon als er Primat unter Primaten war. Und heute in der aktuellsten Version, ist er es noch immer. In einer Gruppe zu leben, war damals schon anstrengend. Außerhalb einer Gruppe zu leben, lebensgefährlich. Die Kosten-Nutzen-Rechnung der Evolution zeigte unterm Strich: Es ist besser so. Und die Evolution kalkulierte immer ganz genau. Denn was sich Kühlschränke und Wohnhäuser heute erst zertifizieren lassen müssen, das Gehirn war schon stets darauf eingestellt – Energieeffizienz.
Bindungen belohnen: mit Essen, mit Überleben überhaupt. Und heute belohnen Mittagessen mit Kollegen, Spielen mit den Kindern, Polterabende mit Freunden genauso: mit guten Gefühlen. Das Belohnungszentrum im Gehirn schütten sie für uns aus. Denn das Hirn ist schlau und – wie immer – am eigenen Vorteil interessiert: Wenn sich etwas gut anfühlt, will man mehr davon. Egal ob Zucker oder Anerkennung. Für das Hirn kann gar nicht genug geflochten werden am sozialen Netzwerk. Denn die Fähigkeit, in Gruppen zu leben, war vielleicht der wichtigste Überlebensfaktor überhaupt. Wer kooperieren konnte, harmonische Sozialbeziehungen installieren und pflegen, der hatte schlichtweg eine bessere Prognose, Gruppenmitglied zu bleiben. Und damit eine bessere Prognose zu überleben. Bonobos, Wale und Krähen kooperieren auch. Nur haben wir Menschen das System perfektioniert. Und können heute sogar in WGs miteinander leben. Theoretisch.
Die psychischen Funktionen des Menschen scheinen also darauf ausgelegt, Kontakt aufzunehmen und Kanäle zu installieren, über die man Beziehungen pflegt. Inzwischen ist sogar eine Disziplin davon überzeugt, die nicht unbedingt jede Drehung und Wendung der Ideengeschichte mitgemacht hat: die Psychoanalyse.38 Der Psychoanalytiker Martin Altmeyer nennt die Psyche sogar eine „dynamische Netzwerkerin“. Und als solche „vermittelt sie zwischen Innen und Außen, Selbst und Anderen, Ich und Realität, Trieb und Kultur, Individuum und Gesellschaft.“39 Ursprünglich hatte sich ja gerade die Psychoanalyse auf den „primären Narzissmus“ eingeschworen, darauf, dass ein Säugling – fast mit autistischen Zügen – auf nicht viel mehr in der Welt bezogen wäre als auf sein gefühltes Zentrum: auf sich selbst. Doch die Haltung hat sich gedreht. Altmeyer beschreibt es als „intersubjektive“ Wende. Der Säugling sehne sich nach zwischenmenschlichem Kontakt, gleich nach der Geburt. Genauso wie nach Austausch mit seiner Umwelt. Ein „psychisches Grundbedürfnis nach Zusammengehörigkeit“40 wird ihm konstatiert. Und noch dazu über so etwas wie eine Grundausstattung zu verfügen, diesem Bedürfnis umso leichter nachzugehen: ein „implizites Beziehungswissen“. Und noch dazu: ein lautes Organ, um Kontakt herzustellen. Aber auch Menschen dazu zu bringen, etwas zu tun. Eine höflich formulierte Bitte kann nie so effizient sein wie ein Babyschrei.
Ein sozial überaus talentiertes Tier wächst mit dem Menschen heran, eine Prädisposition begleitet ihn: nämlich jene, „mit anderen Wesen in Kontakt zu sein“, wie es Giorgia Silani ausdrückt. Sie forscht und lehrt am Institut für Klinische und Gesundheitspsychologie der Universität Wien. Wenn Kindern der soziale Kontakt verweigert wird, erklärt sie, erzeuge das Stress. Reagiert das Gesicht nicht, in das sie schauen, geraten sie vollends aus der Fassung. Zum Glück haben sie einiges im Repertoire, damit sie einen Respons bekommen. „Ein System, das das Überleben sichert“, sagt Silani. Dazu gehören auch Fähigkeiten, von denen man als Erwachsener oft gar nicht mehr weiß, dass man diese noch immer jeden Tag einsetzt: den anderen zu imitieren. Säuglinge strecken die Zunge raus, lächeln zurück, schon bald nach der Geburt. Auch ihre Augen richten sich dorthin, wo die der anderen hinschauen. Denn gerade dort könnte es ja interessant, spannend bis lebensbedrohend werden. Oder es könnte ein anderer stehen, mit dem man wieder einen neuen Kontakt aufbauen könnte. Das Gehirn kann nicht genug kriegen von sozialen Interaktionen. Damit es schließlich zu dem werden kann, als was es einigen Experten zufolge heute vorwiegend fungiert: als ausgesprochenes „Beziehungsorgan“.41
Die offenkundige Suche des Kindes nach Bindung und Beziehung begleitet noch eine andere Mission: Nämlich Spiegel in der Außenwelt zu entdecken, in denen sich das Kind wiederfindet. Und der erste und maßgeblichste Spiegel, in den das Kind schaut, sei die Mutter, meinte Donald Winnicott. Drastisch formulierte er es so: „Das Gesicht der Mutter ist der Vorläufer des Spiegels.“42 Die erste der vielen „Das-bin-ja-ich“-Erfahrungen, bis schließlich die Erkenntnis einsickert, dass sich die Welt doch teilt in eben – „ich“ und „die anderen“. Jedenfalls sucht der Säugling Gesichter, die ihn anstarren und anlachen, als Spiegel, weil auch er Beweise braucht: „Jene, um zu wissen, dass man als Wesen erkannt worden ist“, schreibt Martin Altmeyer. Spätestens dafür erfüllt der andere, mit dem man den Planeten teilt, seine Rolle. Wenn dann geklärt ist, wer Spiegelbild ist, man selbst und der andere, kann das Kind umso emsiger beginnen, sich zu verflechten mit allen in der Welt, die nicht sein Spiegelbild sind. „Die zeitgenössische Psyche ist eine soziale Netzwerkerin“, meint Altmeyer.43
Hört mich denn niemand?
Als Baby hat der Mensch schon gelernt: Nicht alles, was da zurückkommt vom Spiegel und dem Universum, ist er selbst. Aber abhängig von dem Respons, den er empfängt, ist er trotzdem. Und all das, was seine Antennen aufnehmen, muss das Gehirn erstmal verarbeiten. Auch wie die anderen Menschen mit ihm reden, wie sie sich dabei verhalten, all das verinnerlicht der Mensch und macht es zur Grundlage seiner eigenen Kommunikationskonzepte. Ohne den Gesprächsinput von anderen könnte man wahrscheinlich auf einer einsamen Insel keine Selbstgespräche führen. Denn selbst wenn der Dialog ein innerer ist, nimmt man Rollen und Perspektiven ein, die man so oder so ähnlich schon mal bei anderen wahrgenommen hat. Auch ganz allein heißt das Spiel scheinbar „Ich und der andere“. Und selbst dort, wo man denkt, man hätte sich endgültig ausgeklinkt aus allem, bleibt man verbunden: Durch all das, was man zuvor erfahren und erlebt hat, sozial vor allem, durch die Interaktionen mit anderen. Sämtliche Personen, mit denen man in Kontakt war, hat man als Backgroundchor im Kopf, auch wenn man allein vor sich hinschweigt und die Gedanken dem Mund das Reden abnehmen. Kein Wunder, dass man dem Denken generell auch eine dialogische Struktur nachsagt. Besonders überzeugt davon war etwa Platon, der meinte: „Denken ist das Gespräch der Seele mit sich selbst.“ Und das Reden mit anderen ist der Anfang von allem, was sich später einmal ausformulieren soll: „Wir müssen, um zu denken, mit anderen gesprochen haben“, beschrieb es der Psychiater Thomas Fuchs in einem Interview mit dem Magazin „brand eins“.44
Doch die einsame Insel, so vertieft ins Selbstgespräch, das ist nicht die Idealsituation. Denn so ungehört verhallen im Universum, das will keiner. Ein Respons, ein Echo, das wäre das Mindeste. Und mit dem Stehsatz „Gar keine Antwort ist auch eine Antwort“ gibt man sich ungern ab. So gar kein Feedback, das lässt ratlos zurück. Auch im WhatsApp-Dialog. Denn der Wunsch, etwas zurückzubekommen, ist schließlich auch der Grund für das In-den-Wald-Hineinrufen. Babys kommen auf die Welt und haben schon die erste Antwort: Einfach darauf, dass sie jetzt da sind. Im Idealfall sogar ein sehr direktes Feedback: Sie werden in den Arm genommen, gewogen, gestillt womöglich. Und haben dabei stets gleich ihren ersten Spiegel vor Augen, die Mutter. Und ist er einmal nicht vor Augen, dann schreit man einfach nach ihm. Auf diese intersubjektive Ausgangslage des Menschen hat sich nicht nur die Psychologie eingeschworen, sondern längst auch die Soziologie. Auch einer ihrer prominentesten deutschsprachigen Vertreter der letzten Jahre, Hartmut Rosa, vor allem in Form eines Konzepts, das der digitalen Sphäre auch einen Spiegel vorhält: das Konzept der „Resonanz“.45 Zugegebenermaßen ein Spiegel, in den Digital-Enthusiasten nicht allzu gerne schauen. Denn mit jenem Begriff nähert sich Rosa den Formen und Möglichkeiten, wie Menschen mit der Welt in Beziehung treten. Und sich dabei womöglich mit ihr auch noch harmonisch einschwingen. Dabei knüpft Rosa, wie er selbst schreibt, auch an einen Ansatz des US-amerikanischen Soziologen Randall Collins an, der die menschliche Ausgangsposition wiederum so umriss: „Die Evolution beim Menschen hat zu einer besonders hohen Empfänglichkeit für mikrointeraktive Signale von anderen Menschen geführt.“46 Aber auch noch zu ganz anderen Möglichkeiten, die Frequenz mit anderen Menschen abzugleichen. Nicht umsonst sei die Empathieforschung zum Schlüsselthema der Kognitionswissenschaften geraten, schreibt Rosa. Die spektakuläre Fähigkeit, sich in die mentalen Zustände anderer Menschen hineinzudenken und einzufühlen, beschäftigt die aktuelle Psychologie intensiv. Auch in den Untersuchungen, die sich mit der sogenannten „Theory of Mind“47 auseinandersetzen. Auch so ein Mechanismus, den der Mensch nicht einmal extra anwerfen muss, wenn er einem anderen begegnet: Unentwegt nimmt man die Perspektive von anderen ein, entwickelt für sich selbst eine Theorie, was im Gehirn, dem man da gegenübersteht, gerade los sein könnte.
Wenn man mit digitalen Kommunikationskanälen in die Welt hineinruft, erhofft man sich dasselbe wie Babys, wenn sie schreien: ein Echo. Oder ein Feedback. „Soziale Medien zeigen sehr schön die Sehnsucht der Menschen, resonant mit der Welt verbunden zu sein“, erklärte Rosa in einem Interview mit „heise online“.48 Digital kann man dieses Grundbedürfnis ziemlich effizient stillen. Bis zur nächsten Hungerattacke. Die kommt meist schnell, das digitale kommunikative Weißbrot scheint nicht richtig satt zu machen. Doch für den Moment befriedigt ein Gedanke: Lieber geliket als gar nicht geliebt. „Wir wollen nun mal gehört, gesehen, wahrgenommen werden. Und wir wollen Spuren hinterlassen im Internet“, meint Rosa.49 Früher musste man noch die passende Gelegenheit abwarten, um sein Feedback abzuholen. Und dann war es noch immer nicht klar, ob es auch so ausfällt, wie man sich das wünscht. Auf digitalem Weg kann man seinen eigenen Botschaften schon den richtigen Drall mitgeben, damit sie von der Welt da draußen auch wie erwartet zurückgespielt werden. Und noch dazu kann man rund um die Uhr von überall aus nach Feedback angeln. Verlässlich trudeln die Belohnungshäppchen ein, schon das sanfte Vibrieren reicht, dass man weiß, man wurde wahrgenommen. Das Hirn bedankt sich dafür mit Dopamin.
Doch das Internet hat einen klaren Nachteil gegenüber einem Nobelpreis und der Gründung einer Stadt: Online kann man sich nur Nachhallhäppchen abholen. Nachhaltig ist dieses Echo nicht. Deswegen muss man auch immer wieder in die Keksdose greifen. Eine befriedigende Weltbeziehung in der Diktion von Hartmut Rosa etwa, eine Empfindung von tatsächlicher „Resonanz“ wird daraus nicht. Nicht wenn sich im digitalen Weltkontakt ständig ein Screen oder ein Display dazwischenschiebt. Denn: „Bildschirme sind so etwas wie Resonanzkiller“, sagt Rosa.
Dabeisein ist tatsächlich fast alles
Wie wichtig es ist, dabei zu sein, spürt man erst, wenn man einmal nicht mehr dazugehört. Dabeisein ist alles, das ist weit mehr als ein olympischer Gedanke: Das ist die Grundlage des sozialen Lebens. Roy Baumeister und Mark Leary meinen, den Antrieb dafür geortet zu haben, in der menschlichen Psyche: Sie nennen ihn „The Need to belong“50. Eines der stärksten menschlichen Bedürfnisse soll es ihrer Meinung nach sein. Ähnlich ausgeprägt wie jenes nach Nahrung und Schutz. Positive Interaktionen mit Menschen seien essentiell, meinen Baumeister und Leary. Und am besten sei es überhaupt, wenn sie innerhalb der Königsklasse passieren: entlang einer dauerhaften, stabilen Beziehung. Auch der amerikanische Psychologe Abraham Maslow hat diesem einen Platz im Ranking eingeräumt, in seiner berühmten Bedürfnispyramide. Gleich nach Nahrung, Sicherheit und anderen basalen Bedürfnissen. Aber noch vor Selbstbewusstsein und Selbstverwirklichung. Gutes Mittelfeld könnte man sagen. Bleibt das Bedürfnis unbefriedigt, erzeugt es Angst und Schmerz. Gefühle, auf die man Kinder während Geburtstagspartys manchmal schon vorbereitet, in abgeschwächter Form. Wenn beim Partyspiel „Reise nach Jerusalem“, auch genannt „Sesseltanz“, immer ein Kind übrig bleibt, weil ein Sessel zu wenig ist. Da können sich die Kleinen schon daran gewöhnen, was auch Großen ständig widerfährt: soziale Exklusion. Dass alle in die Disco dürfen, nur man selber nicht. Und den Ball bekommt man auch nicht zugeworfen. Ausgestoßen zu sein – das fühlt sich schrecklich an.
Die Ablehnung durch die Gruppe – kaum eine Emotion sei schlimmer, darüber scheinen sich Soziobiologen und Psychologen einig zu sein. In früheren, vordigitalen unzivilisierteren Tagen war Dazugehören schließlich eine Frage von Leben und Tod. Verbannung die schlimmste aller Strafen. Auch vom Tisch verwiesen zu werden, gleichsam von der Kerngruppe, die die Nahrung miteinander teilt, ist auch heute trotz Lieferservice eine der unangenehmsten menschlichen Erfahrungen. „Du darfst nicht mit uns essen“ war deshalb lange Zeit in vielen Familien auch eine der wirkungsvollsten Strafen, die man Kindern gegenüber aussprach. Und darauf, dass es wehtut, hat es das Gehirn im Laufe der Evolution ja extra angelegt. Denn der Mensch soll ja möglichst alles unternehmen, um das System zu reparieren, um bald wieder dazuzugehören. Dafür setzt er auch alle kommunikativen Mittel ein. Und zur Sicherheit hat die Digitalisierung dem Menschen gleich noch ein paar effiziente Möglichkeiten nachgereicht. Waren die Wiederherstellungsmaßnahmen erfolgreich, belohnt das Gehirn den unermüdlichen Einsatz: mit einem guten Gefühl. Und gerade das lässt sich der Mensch nicht so gerne nehmen. Deswegen hält er eines auch gar nicht gut aus: zu durchtrennen, was er so fleißig und so fein geknotet und geknüpft hat. Binden – gerne. Loslassen – das lieber nicht. Abschiede schmerzen. Trennungen sowieso. Brüche verkraftet das Bindungswesen Mensch ganz schlecht. Vor allem wenn der Kitt aus dem kommunikativen Erste-Hilfe-Kasten auch nicht mehr hilft. Sozialer Schmerz wirke fast wie physischer, meint die Psychologin Giorgia Silani von der Universität Wien. Denn beide haben für die lebenserhaltenden Systeme des Menschen ungefähr dieselbe Funktion. Sie signalisieren so deutlich wie möglich: Hier gehört etwas repariert. Die Wunde auf dem Knie. Oder der Bruch in der Beziehung. Beides war in frühen Tagen zutiefst lebensbedrohend. „Das Beziehungs- und Bindungssystem des Menschen ist wie das körperliche System als Schutzmechanismus unabdingbar für das Überleben“, sagt Silani. Und wenn die kommunikativen Strategien ins Leere fahren, Ansagen wie „Ich werde mich ändern“, „Gib mir noch eine Chance“ ungehört verklingen, dann hat der Mensch noch immer nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Denn da gibt es noch Wut und Trauer. „Die negativen Emotionen erlauben es einem, sich schließlich auf eine neue Beziehungssituation einzulassen, wenn man selbst verletzt wird“, erzählt Silani. Gleichsam wie einmal seelische Wunden auswachsen. Mit den emotionalen Hilfsmitteln Wut und Trauer. Als Nitroverdünnung, die die letzten Beziehungsrückstände endgültig beseitigt. Der Schmerz repariert das System. Dann ist man wieder bereit für Tinder und Konsorten.
Social Media: Ach, wir sind es ja selbst
Alles, was am Tag sozial zu erledigen ist, das setzt nicht nur die Jugendlichen heute unter Druck. Auch die Primaten spürten das schon. In Form von Selektionsdruck. Noch lange vor Gesangsverein, Co-Working-Space, Junggesellenabend, Taufgespräch und WhatsApp-Gruppe. Das Gehirn musste sich anpassen, das soziale Signalsystem optimieren. Allein zu sein konnte tödlich enden. Aber zusammenzuleben dafür – im Chaos. Vor lauter sozialen Agenden hatte das Gehirn bald Hochbetrieb. Heute übernimmt die sozialen Aufgaben wie Beziehungspflege größtenteils das Smartphone. Früher musste es ausschließlich das Gehirn tun. Der Social-Media-Manager war man selbst. Mehr als einen Kanal, den nonverbalen nämlich, hatte man dabei ursprünglich aber nicht zu betreuen. Erst viel, viel später kam die Sprache dazu. Und allein für diese Managementaufgabe musste das Gehirn gehörig expandieren. Insgesamt verdreifacht hatte es sich in seiner Größe. Weil es gleichsam mit seinen sozialen Aufgaben gewachsen war: zum „sozialen Organ“. Oder zum „Social Brain“, wie es Robin Dunbar innerhalb seiner gleichnamigen Theorie beschrieben hat.51 Mit dieser wollte er eine Frage klären, vor der so viele Anthropologen so lange ratlos gestanden waren: Warum die Gehirne so ungewöhnlich groß geraten sind bei Primaten, vor allem in Relation zu ihrer Körpergröße. Und noch mehr bei jenen Primaten, die auf der Karriereleiter des Lebens alle anderen abgehängt haben, den Menschen. Doch so ein großes Hirn, das muss man sich erst einmal leisten können. Schließlich ist das Gehirn ein Energiefresser. Die Betriebskosten sind enorm. Das muss sich schon gelohnt haben, nämlich so zu leben wie der Homo erectus, in kleinen, familiär organisierten Gruppen. Doch die Speichererweiterung im Kopf war kein Selbstläufer. Ohne Input von außen hätte sie es nicht geschafft: Zumindest ein paar Extraportionen Protein dürften ihr zuträglich gewesen sein. Zum Glück wusste man schon, wie man Fleisch über dem Feuer brät. Und Hand in Hand mit einer kulturellen Evolution ging die Gehirnexpansion natürlich auch. Das eine hat das andere sogar beschleunigt. Denn: Neue Errungenschaften und Erkenntnisse mit anderen zu teilen, das schien auch für das Kollektiv erfolgversprechend zu sein. Irgendwann konnte sogar eine Generation der nächsten vermitteln, wie etwas funktioniert. So wie heute die ältere der jüngeren bald erklären kann, was eine Telefonzelle war, ein Handkuss oder ein gemeinsames Mittagessen am Sonntag. Aber dafür vermitteln ja die Jüngeren den Älteren, wie das denn so läuft mit Tinder, Snapchat und TikTok.
Auch ohne Smartphone hat es das Gehirn ganz gut hinbekommen: sich um alles zu kümmern. Und es gab viel zu tun für so ein soziales Wesen wie den Menschen. Nähe aufbauen, den anderen auf Distanz halten, Allianzen schließen, auch mal etwas vortäuschen, sich Freunde warmhalten, Kooperationen eingehen – das erforderte ganz schön viel Rechenleistung im Hirn. Und all das noch lange vor Beziehungskonzepten wie Patchwork-Family und Polyamorie. Ein ständiger sozialer Datenaustausch beschäftigte die Primaten, zum Glück ganz unbewusst. Mit wem man sich einlassen konnte, rein freundschaftlich zur gefälligen Fellpflege oder rein sexuell zur Fortpflanzung. Wem man besser aus dem Weg ging in Konfliktsituationen. Und je mehr Tools Gehirn und Körper entwickelten, desto heißer lief der Prozessor. Kein Wunder, dass sich die Wissenschaftler, die sich mit ihm auseinandersetzen, auch gerne tief vor dem Organ selbst verbeugen: „Das Gehirn ist eine kulturelle Meisterleistung und erfolgreiches Teamwork von zehntausenden Generationen“, schrieb etwa die deutsche Neurowissenschaftlerin Franca Parianen.52
Gemeinschaft braucht ein großes Gehirn. Und seitdem vor allem ein Teil der Großhirnrinde, der Neocortex, dermaßen expandiert hat, können wir es endlich: in WGs zusammenleben, gemeinsam U-Bahn fahren, Futter fair verteilen und uns sogar bei Bedarf ein wenig altruistisch verhalten. Manche Anthropologen behaupten, man könne an der Größe des Gehirns auch etwas ablesen: Wie groß die Gruppe ist, in der die Primaten leben. Je größer die Gruppe, desto größer auch das Gehirn. Alles verarbeiten kann das Gehirn trotzdem nicht. Seine Größe beschränkt gleichzeitig seine Leistungsfähigkeit. Und limitiert das soziale Netzwerk, mit dem sich der Mensch umgeben kann. Nach der Theorie von Robin Dunbar wäre die Zahl ungefähr mit 150 Mitgliedern begrenzt. Mehr soziale Beziehungen verkraftet das Gehirn nicht. Nur wenn es selbst einen Social-Media-Manager einstellen würde. Oder die Agenden outsourcen, an das Gehirn in der Hand, das Smartphone. Kaum war die Zahl „150“ als Richtwert ausgesprochen, wurde sie mystifiziert zur „Dunbar-Zahl“.53 Praktisch um mit ihr allerlei Logik und Zusammenhänge hinter verschiedenen sozialen Geflechten der Menschen zu erkennen. Die meisten Unternehmen der Welt hätten ungefähr so viele Mitarbeiter. Und auch eine durchschnittliche Kontaktliste auf einem Handy habe zwischen 100 und 200 Einträge. Also ungefähr die Gruppengröße, über die unser Gehirn gerade noch den Überblick behalten kann.
Das kommunikative Survival-Kit des Menschen
Den Kreis der Facebook-Freunde selbst analog zu betreuen, das würde das durchschnittliche soziale Hirn überfordern. Die angeborenen Werkzeuge, später die erlernten wie die Sprache, die genügen dem Menschen heute so und so nicht mehr. Heute kauft er sich neue Tools zu, die jede Woche nach Updates lechzen, im Handyshop um die Ecke. Aber zunächst hat der Mensch selbst ein kommunikatives Add-on nach dem anderen in seinem System installiert. Um einfach dieses süße Gefühl zu spüren: Ich bin wir. Ich bin einer von euch. Geholfen hat eine Fähigkeit, von der wir vorher schon gehört haben: eine „Theory of Mind“ zu bilden, sich in die Lage und die Perspektive des anderen hineinzuversetzen. Und auch die Gefühle zu empfinden, die der andere gerade spürt, mit Hilfe von Empathie. Nur zwei Werkzeuge von vielen, die zum Basis-Survival-Kit des Menschen gehören. Tools, die unterschiedlichste Aufgaben übernehmen, Beziehungen aufbauen, flicken oder auch reseten, wenn gar nichts mehr hilft. Auch eine Extraportion sozialer Klebstoff liegt einsatzbereit. Auf der einen Tube steht Humor. Auf der anderen Höflichkeit. Eine Revolution nach der anderen hat den Werkzeugkasten bestückt: die meisten aber in den letzten hundert Jahren, oder vor allem in den letzten 20 Jahren. Schon der Sprung zur Sprache katapultierte den Menschen auf einen ganz anderen Level der Kommunikation. Dann kam die Schrift, und dass man mal gemeinsam mit anderen Primaten vor sich hergrunzte, war fast schon vergessen. Irgendwann hatte man es sprichwörtlich schwarz auf weiß: Niemand kann so gut predigen, jammern, indoktrinieren, philosophieren, die Welt erkennen, Kriege erklären und Heiratsanträge machen wie der Mensch. Dank Schrift jetzt auch in Briefform und als Bibel. Danach hantelte sich der Mensch noch entlang kleinerer Meilensteine wie Morsealphabet oder Brailleschrift in die Jetztzeit. Doch nichts half dem sozialen Zusammenhalt so sehr wie das Schwafeln, Tratschen, Palavern, Plaudern. Mit anderen Worten: das Gespräch. Und für alles, was sozial zuvor geschah, brauchte die Vergemeinschaftung nicht einmal Worte.
Sozial zu sein braucht nicht immer Worte
Die aktuellen digitalen Social-Media-Kanäle bedienen im Grunde dasselbe Bedürfnis wie tausende Jahre ausschließlich ein Kanal: der nonverbale. Auf ihm hat der Mensch sein Sozialleben geregelt. Ohne Worte, doch trotzdem gerne nachdrücklich, nämlich multimodal, manchmal eben akustisch und visuell gleichzeitig. Das Basis-Survivalpaket der Kommunikation war längst geschnürt damit. Damit konnte der Mensch ohnehin schon einiges ausformulieren, jemandem zeigen, wer der Boss ist, oder unterwürfig sein schönstes Lächeln. Bevor es also viel, viel später besonders inhaltsschwer, spannend, peinlich, lustig oder philosophisch wurde in der Kommunikation, musste es erst einmal richtig zwischenmenschlich werden. Die beiden Protagonisten dabei: Der Körper des einen. Und der Körper des anderen. Vor allem gefordert: Die jeweils besonders informationsdichten Quadratzentimeter davon – das Gesicht, das „Facial Display“. Allein dieses hat schon einiges zu vermelden. Vor allem auch soziale Motive und Absichten. Für andere kann überlebenswichtig sein, sie lesen und deuten zu können. Und deshalb könnte sich in der Evolution der nonverbale Kanal überhaupt entwickelt haben. Und auch dass das Ganze automatisch abläuft, könnte sich im Laufe der Evolution als Vorteil erwiesen haben.
Der Nonstop-Statusreport des Gesichts hilft, soziale Bindungen zu etablieren und etwaige tödliche Konflikte wegzulächeln. Auch dass man im Moment sehr glücklich ist, sollte man nicht für sich behalten, allein weil eine positive Erfahrung, die man teilt, auch verbindend wirken kann. Und traurige Gesichter vermelden nicht nur die Traurigkeit. Sondern auch den Wunsch, dass jemand kommt und sagt, dass alles nicht so schlimm ist. Am Gesicht kann der Nachbar ablesen, ob es gestern Nacht doch zu laut und zu lange geworden ist. Oder ob man seinen Witz doch in den falschen Hals bekommen hat. Das Gesicht ist auch das Display des aktuellen Beziehungsstatus – kaum tritt man aus dem Badezimmer in der Früh hinaus ins Leben, dort wo auch andere sein könnten als man selbst. Der Körper übernimmt gleichsam die Backoffice-Aufgaben der Kommunikation: arrangieren, organisieren, administrieren. Und dabei vor allem: Verbindungen managen. Und was sozial gesehen tatsächlich fast wie Klebstoff wirkt, ist vor allem ein Verhalten: sich so zu verhalten wie der andere. Also: den anderen zu imitieren, sich anzugleichen, sich anzupassen. Ein Prozess, den man ständig ausverhandelt, entlang der unterschiedlichsten semiotischen Systeme. Seitdem es Jacken gibt, kann man auch dieselben Jacken anziehen, Fahnen mit denselben Mustern schwingen, jubeln, wenn die anderen jubeln, gemeinsam auf die anderen schimpfen, auch wenn man nicht ganz genau weiß, warum. Und da ohne Belohnung kaum etwas funktioniert, wird auch hier etwas großzügig ausgeschüttet: Ein Gefühl der Verbundenheit. Das Kleinkind ist lange damit beschäftigt, sich aufzuteilen in sich selbst und die anderen. Und wenn es groß ist, bemüht es sich erst recht wieder, aus zwei verschiedenen Wesen eines zu machen. Indem es tut, was der andere tut. Auch ganz unbewusst.
Lange bevor man Weltanschauungen und Lieblingsfußballverein abgleicht, schwingt sich etwas anderes ein: die Körperhaltung, die Bewegungen, die Stimmen der Interaktionspartner. Das schmiert die sozialen Interaktionen. Und die Business-Coaches dozieren gern gegen viel Geld, dass genau das erfolgreicher und beliebter machen soll. Wahrscheinlich haben sie Recht. Sprachmuster, Akzente, Dialekte, Sprechrhythmus, Gesten. Alles wird kopiert. Überhaupt gerne: Gesichtsausdrücke. Wir verziehen das Gesicht beim Anblick einer Wunde, als wäre es unsere eigene. Wir ducken uns, wenn sich andere ducken. Die Evolution hat uns eingebläut: Lieber einmal zu viel angepasst. Und Wissenschaftler meinen, dass dieses Anpassungsverhalten eine wichtige Rolle gespielt haben könnte im Laufe der menschlichen Evolution. Vor allem auch, um harmonische Beziehungen mit anderen Gruppenmitgliedern zu etablieren: Beinahe als „Social Glue“, also „sozialer Klebstoff“, würde es wirken, sich selbst wie ein Chamäleon zu verhalten.54
Wie sehr sich Menschen während der Kommunikation angleichen, verrät den Beobachtern auch eines: Wie viel sozialer Klebstoff in den Interaktionen zuvor schon appliziert wurde. Und dadurch, wie hoch die Gruppenkohäsion ist. Wo die Verbindungen schon solide eingerichtet sind, ahmt man gegenseitig die Körperhaltungen erst recht nach. Es reicht aber auch schon, dass das Ziel ein gemeinsames ist, dass man das Gemeinsame schon im Verhalten vorwegnimmt: Etwa wenn in Experimenten Versuchsleiter Personen für gemeinsame Aufgaben zusammenspannen – der Anfang von Kooperation scheint Imitation zu sein. Auch wenn man unbedingt zu einer Gruppe gehören will, ahmt man stärker jene nach, die bereits Teil der Gruppe sind. Dabei balancieren Menschen natürlich grundsätzlich auf einer dünnen Linie: Diese trennt gerade noch das Bedürfnis, sich anzupassen, vom Verlangen, sich von anderen zu unterscheiden. Vor lauter Dazugehören darf man ja nicht vergessen, man selbst zu sein. In der Psychologie hat die „Distinctiveness Theory“ das Problem benannt: Menschen sind ihr Leben lang auf einer komplizierten Mission, sie wollen so sein wie alle anderen, und gleichzeitig wie keiner sonst.55
Einen Kontakt herzustellen war lange Zeit zunächst einmal ein körperlicher Vorgang. Das macht den Verbindungsaufbau über digitale Medien manchmal schon schwieriger. Körper und Körper, sie sind die ersten, die etwas verbindet. Und sie waren zunächst auch die Medien, mit denen man die Beziehungen schließlich gepflegt hat. Unter Primaten vor allem, indem man das Fell des anderen gepflegt hat. Eine Zeit lang war dieses Sozialverhalten fast so effektiv wie das, was Menschen Jahrtausende danach in elaborierter verbaler Form zu pflegen begannen: die Konversation. Noch später, als man das Internet als Raum des sozialen Austausches kultivierte, kam die digitale Fellpflege dazu, die Social-Media-Kanäle, wie wir sie heute kennen. Aber davor hieß es lange Zeit: kraulen und sich gegenseitig lausen. Allein damit hatte man schon einiges geklärt. Wie etwa: Wir gehören zusammen. Aber man konnte auch detaillierter ausverhandeln, wie man zueinander steht. Fellpflege ist wichtig für den Aufbau und die Aufrechterhaltung von Bündnissen, für die Paarbindung, um hierarchische Strukturen zu etablieren, für die Verteilung von Ressourcen und die Unterstützung bei Konflikten. Noch dazu wird dabei Oxytocin, das Hormon des Vertrauens und der Bindung, ausgeschüttet. Das hilft, Beziehungen mit vielen Individuen über längere Zeit aufzubauen.
Der kommunikative Joker des Menschen: Die Sprache
Allein der Gemeinschaft wegen müssen wir reden. Und einmal hineingeboren, ist auch das Herauswinden aus dem Geflecht keine Option mehr, zumindest nicht das elegante. Der erste Schrei, das war schon ein ziemlich wirkungsvoller Anfang. Noch effektiver ist es allerdings, wenn man weiß, was man so schreit. Also wenn man die Laute, die man aneinanderreiht, auch abfüllt mit Inhalt. Mit der Sprache konnte der Mensch plötzlich viel elaborierter verlauten, wie es ihm so geht. Und das war ja auch für die Gruppe von Belang. Da können so viele Schwänze wedeln, wie sie wollen. Und Vögel zwitschern noch so schön – mit der Sprache war der Mensch sofort in einer ganz anderen Liga. Und in dieser kommt er sich kommunikativ ziemlich überlegen vor gegenüber all den anderen Tieren. Und das zurecht. Bienen tanzen den Weg zur nächsten Nahrungsquelle. Menschen können das nicht. Dafür können sie mit symbolischen Zeichen darauf verweisen, was sie letztes Jahr zu Weihnachten gegessen haben, worauf sie gerade Appetit haben, und sie können auch ganz höflich danach fragen. Oder beim Lieferservice anrufen. Aber sich Nahrung zu organisieren, dürfte nicht der Grund gewesen sein, dass sich die Sprache evolutionär entwickelt hat. Eher das: Sprache ist ideal, um die sozialen Agenden zu managen. Vor allem sind Worte ein immens effizientes Mittel. Man kann sprachlich so viele gleichzeitig betreuen und noch dazu kann man nebenbei noch andere Dinge machen wie etwa im Wald spazieren zu gehen. Man kann so vielen auf einmal schmeicheln, man muss nicht jedem Einzelnen zeigen, dass man ihn liebt, man kann es kollektiv beim Stadionkonzert von der Bühne schreien. Es wundert nicht, dass sich das Merkmal Sprache in der Evolution durchgesetzt hat. Es war einfach zu praktisch. In der sozialen Gruppe vor allem. Aber auch sonst im Alltag. Wie ein Leben ohne Sprache aussehen würde, das hat einmal Jonathan Swift in seiner Satire „Gullivers Reisen“ angedeutet: eine Parabel, die gern in Linguistik-Einsteigerbüchern herangezogen wird. In Swifts Roman ist auf den Laputa-Inseln eine Reform geplant: Die Anzahl der Wörter soll reduziert werden, um die Lungen zu schonen. Danach konnten die Inselbewohner nur mehr über Dinge sprechen, die sie gerade dabei hatten. Und so musste man alles, worauf man verweisen wollte, in riesigen Rucksäcken mitschleppen. Die Sprache jedenfalls, wie wir sie heute verwenden, abseits der fiktiven Laputa-Inseln, verweist bei allem, worauf sie deutet, immer auch auf die soziale Ebene. Ihre soziale Funktion, sie blitzt fast immer durch. Auch wenn sich die Worte gerade mit anderen primären Aufgaben aufhalten, die ihr auch die Linguisten zugeschrieben haben. Den Appell etwa, also mithilfe der Sprache den anderen zu beeinflussen, etwas zu tun. Aber auch den Ausdruck von Emotionen, neben dem reichhaltigen Vokabular des Gesichtes natürlich, kann die Sprache übernehmen. Oder die Darstellungsfunktion, was laut Linguisten so viel bedeutet wie: die inneren und äußeren Wirklichkeiten zu repräsentieren. Noch ganz andere Aufgabenfelder kommen hinzu, auch ganz spezielle, wie etwa die poetische Funktion, aber das ist schon etwas für Liebhaber. Und durch fast alle Funktionen jedenfalls unterscheidet sich die Sprache von der Tierkommunikation. Nur die soziale Agenda, die übernehmen beide. Aber der Mensch kombiniert die Zeichen, die er sendet, auch gerne. Die evolutionär älteren aus Tagen, als er selbst noch hauptsächlich Tier war, mit jenen, die ihn schlussendlich vom Tier unterscheidet. Aus dem Mix wird so etwas, was Wissenschaftler „multimodale Kommunikation“ nennen. Dabei wird das, was akustisch übermittelt wird, auch visuell untermauert. Und was olfaktorisch angedeutet wird, haptisch mit Nachdruck versehen. Einfach damit der Informationsübertragung auch möglichst wenig im Weg steht. Der eine Kanal könnte ja zufällig auch mal verstopft sein. Dann kommt das Signal eben auf einem anderen an, Hauptsache, der soziale Zweck ist erfüllt. Dafür mischt man gerne auch Zusatzinfos, nonverbal vermittelt, in die Bedeutungsebene. Etwa, ob das Signal überhaupt wichtig ist für das, was da jetzt kommt. Oder ob der Sender auch verlässlich ist.
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