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Norbert Langenau
Deadforce
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Prolog
Kapitel I: An einem kühlen Frühlingsabend...
Kapitel II: Der Plan
Kapitel III: Der Herzanfall
Kapitel IV: Lehrstunde
Kapitel V: Das Reich der Gleichheit
Kapitel VI: Die Träne
Kapitel VII: Stadt der Trümmer
Kapitel VIII: Herrscher von Raspetanien
Kapitel IX: Unerreichte Größe
Kapitel X: Die Kaiserin
Kapitel XI: Der Brief
Kapitel XII: Freundlichkeit, wem sie gebührt
Kapitel XIII: Was wollt Ihr von mir?
Kapitel XIV: Grelischer Wein
Kapitel XV: Ein Kaiser unter Königen
Kapitel XVI: Die Schlacht von Erudicor
Phase II - Zusammenstoß
Phase III - Große Verluste
Phase IV - Verstärkung
Phase V - Auftritt des Engels
Phase VI - Blattwende
Phase VII - Der Gast
Phase VIII - Ausmerzung
Phase IX - Sieg
Anhang
Die Reiche Europas
Die 7 größten Reiche der Erde
Impressum neobooks
Vorwort
Sehr geehrte Leserin/Sehr geehrter Leser!
Vielen Dank für den Erwerb dieses Buches. Wie Sie sicherlich schon gesehen haben, handelt es sich hierbei um einen Fantasy-Roman für Erwachsene. Dabei ist zu beachten, dass als Basis für die Welt von 'Deadforce' unsere Erde fungiert, jedoch hauptsächlich geographisch.
Alles andere, die Personen, Völker und Dinge sind rein fiktiv. Manche Städte oder geographische Landmarken wie Seen, Flüsse, Berge, etc. können durchaus ebenfalls real sein, doch viele sind es nicht. Tatsächlich reale Städte wie z.B. London, Singapur, etc. sind aber ebenfalls nicht in historischem Kontext, sondern in einer fantastischen Auslegung dieser Städte in die Welt integriert.
Am allerwichtigsten ist aber Folgendes:
Dieses Werk dient der Unterhaltung und soll niemanden angreifen, diskriminieren, beleidigen oder in irgendeiner Weise diffamieren. Sollten Sie dennoch irgendetwas als anstößig empfinden, versichere ich Ihnen, dass es nicht beabsichtigt und nicht so gemeint war.
Abschließend wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Lesen und hoffe, Sie werden gut unterhalten.
- Norbert Langenau
"Irgendwann endet ohnehin alles, aber zuweilen können wir die Zeit, die wir hier verbringen dürfen, auch genießen. Also lass uns das Beste daraus machen."
- Arqina, Herrscherin der Existenz
Aus den Gesängen von Yahrgrim:
Beginn
Ich bin der Vater der Sterne
die Dunkelheit, das Licht, die Ferne
Wer mich wagt, schreitet mutig voran,
wer mich verweigert, wird als feig abgetan
Ich bin das, was bereits vor dem Nichts gegeben,
ich bin a priori, vor dem Leben
Zuweilen mag ich unmöglich erscheinen,
und der mich wagt, wirkt wie ein Narr
Doch wenn sich alle Kräfte vereinen,
bleibt der Mutige nicht länger starr
Schreite voran, stark und entschlossen,
denn nur wer gewagt, hat den Sieg genossen
Scheine ich auch unerreichbar, so täusche dich nicht,
ich bin hier, ganz nah und blicke dir ins Gesicht
Nun muss ich weiter und kann hier nicht verweil'n,
denn wie Arqina sagte: Mach den ersten Schritt, der zweite kommt von allein.
Prolog
Fernab jeglicher Zivilisation, tief verborgen im Untergrund, versammelte sich eine Gruppe von Personen, die schon seit Längerem keine Zusammenkunft erlebt hatte. Nun aber war es wieder an der Zeit. Die sieben finsteren Gestalten, alle in glänzende Gewänder aus schwarzem Leder gehüllt, ihre Gesichter durch in der Dunkelheit schillernde Elfenbeinmasken verdeckt, bildeten in der Mitte des düsteren Raums einen Kreis. Man konnte kaum die eigene Hand vor Augen sehen, denn die einzige Lichtquelle bestand aus schwarzen Kerzen, die ein dunkelrotes Feuer brennen ließen, welches nur minimal zur Erhellung beitrug. Beißender Geruch nach Verbranntem stand in der Luft. Hier drinnen gab es keinen Luftzug, keinen Windstoß von außen. Sie waren komplett von allem abgeschirmt und würden den Gestank bis zum Ende ertragen müssen. Die Gestalten blickten einander in der Kreisformation an, doch keiner konnte sehen, wenn ihn ein anderer ansah, denn die Masken, hinter denen sie sich verbargen, besaßen keinerlei Löcher für Augen, Mund oder Nase. Dafür stellte jede einzelne Maske in stilistisch vereinfachter Form einen Gemütszustand dar. Schließlich begann die Gestalt mit der schadenfroh grinsenden Maske zu sprechen.
"Meine Brüder und meine Schwester. Willkommen zu unserer erneuten Zusammenkunft. Es ist viel zu lange her."
Bei der Gruppe handelte es sich um sechs Männer und eine Frau. Die Gestalt fuhr fort.
"Mittlerweile schreiben wir das Jahr 981, könnt ihr euch das vorstellen? Es ist schon über 200 Jahre her, seit unser Meister von dieser Welt getilgt wurde und wir unsere Aufgabe erhielten. Viel zu wenig haben wir seither bewirken können, viel zu leicht hat man uns übersehen. Doch ich finde, es ist langsam an der Zeit, dass die Welt spürt, wie brüchig doch der Frieden ist, der seit 200 Jahren auf ihr herrscht. Es reicht schon ein einziger kleiner Schubser und alles wird auseinanderbrechen. Deshalb brauchen wir jemanden, der das für uns bewerkstelligen kann. Einen Katalysator. Alleine könnten wir das nie tun, denn obgleich unsere Fähigkeiten für sich sprechen, sind sie nicht ausreichend für ein solches Unterfangen. Daher bitte ich euch, mir Vorschläge zu unterbreiten. Ich bin für alles offen. Soweit ihr jemanden wisst, der infrage kommen könnte, so teilt diese Information mit uns anderen."
Keiner sprach, stattdessen überlegte jeder für sich. Doch die Gestalt mit der zornig blickenden Maske wurde ständig von dem verbrannten Geruch abgelenkt. Schließlich sagte er laut:"Verdammt nochmal, was ist hier passiert ehe ich angekommen bin? Habt ihr hier jemanden verbrannt?"
"Das ist Madeleines Schuld. Sie wollte ein Feuer machen.", antwortete die Gestalt mit der schadenfroh grinsenden Maske.
"Scheiße nochmal, Madeleine. Da hast du wieder ganze Arbeit geleistet.", gab die Gestalt mit der zornigen Maske von sich.
"Jack redet Blödsinn. Ich habe vielleicht ein wenig zu viel Feuer entfesselt aber warm wurde es dadurch trotzdem.", rechtfertigte sich die Gestalt mit der traurigen Maske, die offensichtlich Madeleine war.
"Schluss jetzt, so kommen wir nie weiter.", sagte die Gestalt mit einer fröhlichen Maske.
"Elonius hat recht.", sprach die Gestalt mit der schadenfrohen Maske, vorhin als Jack betitelt, bestimmt. "Ignorieren wir diese kleinen Ablenkungen und denken lieber darüber nach, wer uns helfen wird, die Welt zu erschüttern und unseren Meister stolz zu machen. Wie ich bereits sagte, sind alle Vorschläge willkommen."
"Ich wüsste da vielleicht jemanden.", gab die Gestalt mit einer verstört blickenden Maske von sich.
"Dann erleuchte uns, Pietr.", sagte Jack.
"Sehr wohl. Ich hörte da von einem aufstrebenden jungen Mann. Er soll sich gut mit dunkler Magie auskennen und scheint eine gewisse Vorliebe für Zerstörung zu haben. Das sind wohlgemerkt nur Gerüchte, die ich aufschnappte, jedoch klingt das ziemlich genau nach dem, was wir suchen. Ein unerfahrener Dummkopf mit ausreichend Macht, um etwas loszutreten. Wenn er versagt, fällt es nicht auf uns zurück und wir leugnen einfach, dass je eine Verbindung zwischen ihm und uns bestand."
Jack klatschte sichtlich beeindruckt in die Hände. Der Rest der Gruppe stimmte ein. Pietr erfreute sich an der Wertschätzung und war froh, dass er die Lösung für ihr Problem gefunden hatte.
"Genau deshalb bist du mein Stellvertreter, Pietr.", lobte Jack. "Genau so jemanden brauchen wir. Nun müssen wir nur noch entscheiden, wer von uns die Aufgabe bekommt, ihn auf den richtigen Weg zu lenken. Bietet sich jemand freiwillig an oder sollen wir abstimmen oder Streichhölzer ziehen?"
"Ich bin für Marcus.", sagte Madeleine sofort.
"Dem stimme ich zu.", bestätigte die Gestalt mit einer überrascht aussehenden Maske. "Wenn Marcus sich zuvor nicht über den Gestank beschwert hätte, wäre dieses Treffen um einiges ruhiger und schneller verlaufen."
"Achso, nun wollt ihr mich also zum Sündenbock machen?", wehrte sich Marcus. "Darf ich euch daran erinnern, dass Madeleine in ihrer grenzenlosen Dummheit dafür verantwortlich war, dass ich überhaupt etwas zu beanstanden hatte? Wenn, dann sollte sie gehen. Ich stimme für sie."
"Ich stimme für Marcus.", sagte Pietr.
"Ich ebenfalls.", schloss sich Elonius an.
"Auch ich werde für Marcus stimmen, denn es scheint so als ob er der einzige hier ist, der sich nicht für das höhere Wohl eine kleine Weile zusammennehmen kann. Wir alle haben unsere Eigenheiten, doch können wir uns beherrschen, wenn wir eine Zusammenkunft abhalten und wichtige Pläne besprechen. Dass Marcus der einzige ist, dem das nicht gelingt, spricht dafür, dass er entsendet werden sollte. Vielleicht lernt er dabei etwas über sich selbst und wenn nicht, wird es ihm hoffentlich eine Lehre sein.", sprach die Gestalt mit der schmerzverzerrt blickenden Maske.
"Nun denn, das ist ja wohl einstimmig.", sagte Jack. "Alle stimmen gegen dich, Marcus. Ich übrigens auch. Vielleicht hat Madeleine eine Dummheit begangen, doch du warst nicht als einziger diesem Gestank ausgesetzt. Hast du einen von uns ein Wort darüber verlieren hören? Nein? Dann weißt du ja, warum du nun die Aufgabe hast, unseren Katalysator aufzusuchen und auf den richtigen Weg zu führen. Viel Glück und du solltest besser nicht scheitern."
"Na schön, dann mach ich es eben. Ihr könnt mich alle mal.", schnauzte Marcus die anderen an.
"Lass dir von Pietr die Einzelheiten zu unserem Ziel erläutern und dann suche es umgehend auf."
"In Ordnung. Aber was genau soll er denn eigentlich für uns tun? Ich meine, wissen wir denn überhaupt, was genau die Aufmerksamkeit der Welt erregen wird? Was könnten wir ihn tun lassen, das die Welt derart erschüttert, dass ihre Bewohner gar nich anders können als uns dafür zu fürchten?"
"Ganz einfach...", begann Jack und sein von der Maske verborgenes Grinsen war nun ebenso schadenfroh wie jenes auf der Maske selbst. "Wir lassen ihn Erudicor angreifen. Den Ort auf der Welt, an dem sich die meisten Leute auf einem Fleck befinden."
Jack begann, schallend zu lachen und alle stimmten ein, sogar Marcus.
Ihre Mission war klar, ihr Ziel festgelegt.
"Mithriel sharrotteia bardagashaja seo Alleyoria.", sprachen alle gemeinsam ihr Mantra in der alten Sprache und beendeten anschließend die Zusammenkunft.
Kapitel I: An einem kühlen Frühlingsabend...
Die Erde, nicht das räumliche, wohl aber das kulturelle Zentrum der I. Dimension, der Welt der Sterblichen, im Jahre 981. Diese Geschichte beginnt in der Hauptstadt von Anthem Gows, dem zentralen Kaiserreich Europas. Bei ihr handelte es sich um die goldene Stadt, Erudicor in der alten Sprache und sie lag ungefähr in der Mitte des leicht ellipsenförmig aufgebauten Kaiserreichs. Die Stadt wurde deshalb so genannt, weil sowohl die perfekt kreisförmige, 30 Meter hohe Stadtmauer als auch die Dächer aller Häuser aus purem Gold bestanden. Genau in dieser wunderschönen und erhabenen Stadt regierte Kaiser Theron über sein Reich. Die goldene Stadt war zugleich auch die größte Stadt, die zu diesem Zeitpunkt auf der Welt existierte. Um die fünf Millionen Menschen lebten in Erudicor, mehr als irgendwo sonst auf der gesamten Welt. Selbst die anderen großen Städte der Welt konnten nicht mithalten. Sencogna, die zweitgrößte Stadt der Welt, hatte gerade einmal 2,8 Millionen Einwohner. Erudicor hingegen wuchs stetig und obwohl die goldene Stadtmauer den sicheren Bereich der Stadt begrenzte, auf dem man Behausungen errichten konnte, gab es innerhalb der Mauer bislang ausreichend Platz für unzählige weitere Bewohner. So groß diese Stadt auch war, so wichtig war sie auch, denn die goldene Stadt fungierte als eine Art Symbol der Hoffnung. Wenn es nämlich eine so große Stadt geben konnte und in der Friedenszeit nichts Schreckliches geschah, so war das vielleicht ein Zeichen, dass sich die Zeiten langsam änderten und alle friedlich miteinander leben konnten. Doch womöglich trog der Schein ja nur.
An einem kühlen Abend im April hielt die Stadtwache von Erudicor wie üblich Wache vor den Stadttoren. Das Osttor wurde von zwei Männern außerhalb und zwei Männern innerhalb der goldenen Stadtmauer behütet. Sie trugen Rüstungen mit einer Messinglegierung, die gold wirken und so die Schönheit der Stadt, in der sie lebten, betonen sollten. Es handelte sich um starke Plattenrüstungen und das für jede Stadtwache. Sie hätten zwar einfach Rüstungen aus Gold tragen können, jedoch war es ein unausgesprochenes Gesetz auf der ganzen Welt, niemals Rüstungen aus purem Gold zu tragen. Denn vor sehr, sehr langer Zeit gab es einst eine düstere Periode in der Weltgeschichte und aus dieser blieben noch immer einige mächtige Krieger in ihren goldenen Rüstungen übrig. Wenn man nun selbst eine Goldrüstung trug, so provozierte man diese Krieger und da sie unglaublich stark waren, bedeutete dies den Tod für fast jeden, der dies leichtfertig tat. Als Konsequenz mussten alle, die ihre Macht durch goldene Rüstungen darstellen wollten, auf Metalle ausweichen, die nur wie Gold wirken, wie etwa Messing. So auch in Erudicor, wo die Wachen vor dem Osttor ihre Pflicht gewissenhaft ausführten, denn schließlich wurden sie auch dafür entlohnt. In der Stadt gab es Gerede, dass die Wache am Osttor die kompetenteste sei. Das lag angeblich daran, dass die dort eingesetzten Wächter alle noch sehr jung waren und noch viel Motivation mitbrachten. Den Wachen am Nordtor hingegen sagte man nach, sie würden die ganze Zeit nur herumsitzen und Karten spielen, die im Süden wurden beschuldigt, während des Dienstes zu schlafen und jene im Westen waren offenbar dafür bekannt, gerne mal ihren Posten zu verlassen und die Gegend weiter westlich der Stadt zu erforschen. Ob das alles nun der Wahrheit entsprach oder nicht, war schwer herauszufinden. Natürlich abgesehen davon, wenn man sich die Zeit nahm und alle vier Tore mitsamt Wachen einen ganzen Tag beobachtete. Doch wer hatte für so etwas sowohl die Zeit als auch die Geduld? Enrique, einer der beiden äußeren Wächter am Osttor, wollte sich gerade hinsetzen und seine Beine ein wenig ausrasten, da wurde er schon von seinem Kollegen Dave ermahnt.
"Hey Mann, was wird das?", fragte er.
"Ich will mich nur kurz ausruhen. Nur ein paar Minuten.", antwortete Enrique.
"Ausruhen kannst du dich, wenn wir keinen Dienst mehr haben. Es wird jetzt ungefähr 19 Uhr sein. Siehst du, es ist ja schon dunkel. Also komm schon, die eine Stunde bis zu unserer Ablösung wirst du wohl noch aushalten."
"Na schön, aber dafür spendierst du mir nachher ein Bier."
"Mir soll's recht sein."
Einige Minuten verstrichen und sie sehnten sich schon danach, endlich Dienstschluss zu haben. Beide träumten schon von dem kühlen Bier in der Taverne, eine perfekte Belohnung für einen harten Arbeitstag. Doch dann riss ein Geräusch sie plötzlich aus ihren Tagträumen.
"Hast du das gehört?", fragte Dave.
"Ich bin ja nicht taub.", gab Enrique zurück.
"Das kam definitiv aus dem Wald. Ob sich wieder eines der Tiere zu nahe an die Stadt heran verirrt hat?"
Der Weg vom Osttor führte nach einigen 100 Metern direkt in einen weitläufigen Wald, der die Ausmaße der goldenen Stadt, zumindest vom Durchmesser her, noch übertraf. Er war aber mehr länglich und verlief so von Norden nach Süden. Von Westen nach Osten war er lange nicht so groß.
"Gut möglich, zumindest wäre mir ein Tier lieber als sonst irgendwas.", sagte Enrique.
"Was denkst du denn, was da sein könnte?"
"Keine Ahnung, vielleicht dieses Echsenvolk. Die sollen ja immer mehr werden, erzählt man sich in der Stadt."
"Vielleicht wollen sie aber auch gar nicht die goldene Stadt angreifen, sondern verschwinden von hier. Fahren rüber nach Amerika. So wie es diese eine Familie gemacht hat. Wie hießen die noch gleich?", fragte Dave.
"Meinst du etwa die, die dort drüben ein ganzes Reich aufgebaut haben?"
"Ja, die mein ich. Soweit ich weiß, leben die jetzt glücklich und zufrieden in ihrem Palast, direkt in der Hauptstadt ihres großen Reiches Hanveltien."
Erneut ertönte ein Geräusch, das so klang, als ob irgendetwas oder irgendjemand auf einen Ast getreten war, der danach zerbrach.
"Was zur Hölle ist das bloß?", fragte Dave erneut.
"Sollen wir uns das mal ansehen?"
"Ich geh da jetzt sicher nicht hinein. Der Wald ist mir schon am Tag nicht geheuer."
"Das ist doch nur ein Wald.", meinte Enrique.
"Das sagst du, aber ich habe anderes gehört. Da drinnen sollen sich seltsame Wesen tummeln."
"Glaubst du alles, was du hörst?"
"Wenn es wahr ist, schon."
"Woher willst du wissen, ob es wahr ist?"
"Manches hört sich einfach richtig an."
"Und wenn ich dir jetzt sage, dass ich in Wirklichkeit ein Gla-Bogga bin, der mithilfe eines Zaubers in einen Menschen verwandelt wurde und so das Volk von Anthem Gows unterwandert, um ihre Schwächen aufzudecken und dann seinem König mitzuteilen, damit die goldene Stadt fällt, würdest du das auch glauben?"
"Nein.", antwortete Dave. "Weil du es ins Lächerliche gezogen hast. So etwas ist doch gar nicht möglich."
"Wer weiß schon, was möglich ist. Ich denke, dass sehr viele seltsame Dinge vor langer Zeit passiert sind, aber heutzutage erfährt man von so etwas nichts mehr."
"Sieh mal, da bewegt sich was!"
Tatsächlich war eine Gestalt aus dem Wald gelaufen. Oder mehr gehumpelt. Es schien sich um einen Menschen zu handeln und er wirkte so, als ob er jeden Moment tot umfallen könnte. Sofort liefen die beiden Wachen ihm entgegen. Der Unbekannte stapfte noch ein paar Schritte und als er bemerkte, dass Hilfe bereits unterwegs war, ließ er sich auf die Knie fallen. Die Wachen erreichten ihn und fragten sofort:"Alles in Ordnung? Was ist passiert?"
Der Unbekannte sah sie beide an, dann verdrehte er die Augen und kippte bewusstlos um.
"Was ist nur mit ihm passiert?", fragte Enrique.
"Das weiß ich auch nicht. Er scheint aber noch ziemlich jung zu sein. Möchte wissen, warum er so erschöpft ist. Was sollen wir jetzt mit ihm tun?"
"Keine Ahnung, am besten, wir tragen ihn zurück zum Tor und fragen die Jungs dort, die können uns vielleicht sagen, was wir mit ihm machen sollen."
Also trugen sie den unbekannten Jungen zu zweit zurück zum Osttor. Es war keine weite Strecke, aber wenn man einen Menschen tragen musste, konnte sie schon etwas länger erscheinen. Schließlich kamen sie beim Osttor an und die inneren Wachen bemerkten sofort, dass etwas geschehen war.
"Was ist los? Was stimmt nicht mit ihm?", fragte einer.
"Das wissen wir auch nicht, er ist vor uns einfach umgekippt. Er hat kein Wort gesagt. Wir müssen ihm irgendwie helfen. Aber was können wir tun?"
"Bringen wir ihn zu uns in die Kaserne. Dort wird man sich um ihn kümmern. Und jemand sollte den Kaiser benachrichtigen. Sicher wird er wissen wollen, was es mit diesem Jungen auf sich hat."
"Gut, dann mal frisch ans Werk, Männer.", sagte Dave.
So brachten sie den Jungen in die Militärkaserne und dort kümmerte sich ein Arzt um ihn. Außer einer Wunde am Hinterkopf, die wohl stark geblutet hatte, besaß der Junge keine Verletzungen. Der Arzt meinte, wenn er erschöpft war, dann wahrscheinlich, weil er sich zu sehr angestrengt hat. Jedenfalls gab es keine andere Erklärung dafür und auch keine Verletzung, die man dafür hätte verantwortlich machen können. Dave war indessen zum Kaiser geeilt, um ihm die Nachricht vom unbekannten Jungen zu überbringen. Aber man ließ ihn nicht zu Kaiser Theron, denn ab 18 Uhr war der Kaiser nicht mehr empfänglich, auch nicht für die Stadtwache. Schließlich überbrachte er der Elitegarde die Neuigkeit mit der dringlichen Bitte, sie ehestmöglich an den Kaiser weiterzuleiten. Währenddessen hatte der Arzt in der Militärkaserne sich um den unbekannten Jungen gekümmert. Doch wann er aufwachen würde, war unklar. Enrique war bei ihm geblieben und wartete nun darauf, dass sein Kollege zurückkehrte, am besten mit dem Kaiser im Schlepptau. Doch er kehrte allein zurück.
"Schlechte Nachrichten, ich konnte nicht zum Kaiser durchdringen. Die Elitegarde wird ihm die Neuigkeiten aber überbringen.", sagte Dave.
"Das könnte ja bis morgen Vormittag dauern. Was, wenn er bis dahin erwacht ist und irgendein Unheil verkündet?"
"Was denn für ein Unheil? Denkst du, er war vor etwas auf der Flucht?"
"So erschöpft wie er war, wäre das durchaus denkbar."
Plötzlich gab der Junge einen Laut von sich.
"Aaah, mein Schädel. Was ist los?" Er sah sich um und versuchte, sich zu orientieren.
"Er ist aufgewacht.", sagte Enrique sofort und sprach ihn an:"Junge, wie heißt du?"
"Wie ich heiße? Was soll die Frage? Ich heiße Julian. Wie denn sonst?"
"Weißt du, wo du dich gerade befindest?"
"In Herbstweih?"
"Was zur Hölle ist Herbstweih?", fragte Dave.
"Das ist ein kleines Dorf nicht weit von hier entfernt. Im Osten, jenseits des Waldes, da wo er herkam.", antwortete Enrique.
"Was meint Ihr mit "nicht weit von hier entfernt"? Sind wir etwa nicht in Herbstweih?"
"Nein, du befindest dich in der Militärkaserne von Erudicor, der goldenen Stadt."
"Die goldene Stadt...", murmelte Julian. Dann dachte er kurz nach. Plötzlich richtete er sich wie vom Blitz getroffen auf.
"Das Dorf! Oh nein! Dann war das also gar kein Traum. Das darf nicht wahr sein!" Er wirkte verstört.
"Was ist los? Was ist mit dem Dorf?", fragte Dave sofort nach.
"Ich dachte, ich hätte nur geträumt. Alles, was ich noch weiß, ist, dass plötzlich alle in Panik herumliefen. Dann kamen sehr große Wesen in unser Dorf gelaufen und begannen, alle zu töten. Ich wollte mir ein Schwert schnappen und gegen sie kämpfen, doch dann verlor ich das Bewusstsein. Wahrscheinlich hatte mich einer von ihnen mit irgendetwas beworfen."
"Was für Wesen waren das? Kannst du dich an sie erinnern?"
"Ich erinnere mich daran, was passierte, nachdem ich wiedererwachte. Das will ich Euch erzählen."
Alle lauschten gespannt seinen Worten. Nun waren alle Wachen in der Nähe sowie der Arzt um Julian herum versammelt, denn er hatte ganz schön viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Als ich erwachte und mich umsah, bemerkte ich, dass das ganze Dorf brannte. Überall lagen Leichen und die meisten Häuser waren schon abgebrannt. Doch einige Gestalten trieben sich noch herum und untersuchten, ob die Toten auch wirklich tot waren. So groß und muskulös wie sie waren, konnten es nur Trolle sein. Gerade, als ich aufstehen wollte, drückte mich irgendetwas wieder zu Boden. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, so starr vor Angst war ich. Eine hässliche Schweinefratze beugte sich über mich. Das war das Gesicht eines sehr mächtigen Trolls. Ich konnte seine Macht spüren. Er besaß sogar Stoßzähne, die er mir beinahe ins Gesicht gebohrt hätte, wenn er sich noch näher an mich herangewagt hätte. Er sah mir tief in die Augen und sagte:"Denkst du, das hier ist ein Traum, Junge? Du wirst dir wünschen, es wäre einer. Denn alle, die du jemals kanntest, sind nur noch Asche, zusammen mit dem Dorf, das einst deine Heimat war. Aber du hast Glück, denn wie es der Zufall so will, werden wir dich verschonen. Deshalb werde ich dir auch meinen Namen verraten, damit du weißt, wem du dein Leben verdankst. Ich bin Fröthljif, der mächtigste Troll, der dir jemals unterkommen wird. Und nun lauf, armseliger Wurm."
Danach ließ er mich los und ich raffte mich so schnell ich nur konnte auf und lief. Ich lief immer weiter und weiter, so weit weg vom Dorf wie nur möglich. Schließlich erreichte ich den Wald, doch ich konnte nur daran denken, dass der einzig sichere Ort die goldene Stadt sein würde. Also lief ich immer weiter. Als ich dann den Wald überwunden hatte, waren meine Kräfte schon längst am Ende und als ich bemerkte, dass man mich entdeckt hatte, konnte ich endlich dem Drang nachgeben, mich fallen zu lassen. Anschließend habt Ihr mich hierhergebracht, wie es scheint.
"Also waren es Trolle, die dein Dorf verwüstet haben?", fragte Dave nach.
"Ja, ohne Zweifel. Und Fröthljif ist scheinbar ihr Anführer. Sie haben alle getötet. Jeden einzelnen. Nur mich haben sie aus irgendeinem Grund laufen lassen. Warum weiß ich immer noch nicht."
"Aber warum haben die Trolle dein Dorf eigentlich angegriffen?", fragte Enrique.
"Warum wohl? Weil sie bösartige Kreaturen sind, die andere Völker geringschätzen. Ihnen bedeutet doch kein Leben außer ihrem eigenen etwas. Jemand sollte irgendetwas unternehmen gegen diese Ärsche. Ich meine die nehmen sich einfach, was sie wollen und tun, was sie wollen. Und die schaffen das auch noch. Es wäre doch die Aufgabe der Armee von Anthem Gows, sich ihrer anzunehmen und sie zu vernichten. Ich dachte, wir leben in Zeiten des Friedens? Wie kann dann so etwas geschehen?" Julian war außer sich. Zweifellos war ihm die Zerstörung seines Dorfes sehr nahe gegangen. Er hatte dort sein ganzes Leben verbracht und alle Leute persönlich gekannt. Mit den meisten war er sogar sehr gut befreundet gewesen und nur mit den wenigsten hatte er kleine Dispute gehabt.
"Wir wussten bisher nicht, dass es Probleme in unserem Reich gab.", antwortete Dave und versuchte, sich herauszureden. "Davon abgesehen sind wir für die goldene Stadt zuständig."
"Ja, natürlich. Die große goldene Stadt ist nun mal wichtiger als ein unbedeutendes, kleines Dorf voller unschuldiger Bürger."
"Julian, es tut mir leid um dein Dorf.", sagte Enrique und er meinte es auch ehrlich. "Ich hätte diese Katastrophe gerne verhindert, wenn ich nur vorher davon gewusst hätte. Aber wir werden dafür sorgen, dass diese Trolle bekommen, was sie verdienen."
"Die verdienen nichts Anderes, als bei lebendigem Leib gehäutet zu werden.", gab Julian düster von sich. Er würde niemandem verzeihen, der jemanden tötete, der ihm nahesteht.
"Sie verdienen zweifellos den Tod. Aber etwas so Grausames wie lebendig häuten verdient doch kein Wesen, meinst du nicht auch?"
"Da bin ich mir nicht so sicher."
"Egal.", warf Dave ein. "Morgen früh werden wir dich zum Kaiser bringen oder vielleicht kommt er auch zu dir. Dann kannst du persönlich mit ihm reden und ihm erzählen, was passiert ist. Er wird sich darum kümmern, dass die Gerechtigkeit siegt."
"Wie kommt Ihr darauf, dass er mich empfangen wird?"
"Die Nachricht von deinem Erscheinen wurde schon weitergeleitet. Ich bin sicher, der Kaiser wird wissen wollen, was genau es damit auf sich hat. Sobald er von dem Trollangriff erfährt, wird es ihn noch mehr interessieren. Denn unser Kaiser ist darauf bedacht, den Frieden mit allen Mitteln zu wahren."
"Es wird aber keinen Frieden mehr geben, wenn Trolle ungestraft durch das Kaiserreich ziehen.", erwiderte Julian. "Man muss so schnell wie möglich etwas dagegen unternehmen. Ansonsten war mein Dorf nur das erste von vielen. Wenn ich doch nur wüsste, ob noch irgendjemand lebt. Wenn ich zumindest wüsste, ob Otto und Lisa noch leben."
"Wer sind Otto und Lisa?", fragte Enrique.
"Das sind meine beiden besten Freunde. Wir kennen uns schon, seit wir kleine Kinder waren. Wir haben immer miteinander gespielt und ständig zusammen etwas unternommen. Ich will einfach nicht glauben, dass sie nun beide tot zwischen den Trümmern unserer Häuser liegen."
Julian liefen Tränen über das Gesicht.
"Ich verspreche dir, dass sie beide noch am Leben sind.", sagte Enrique.
"Wie könnt Ihr Euch anmaßen, dieses Versprechen auch halten zu können?"
"Vielleicht kann ich es nicht halten. Aber ich möchte es mit aller Kraft tun. Womöglich macht auch das einen Unterschied. Es ist doch gut möglich, dass sie rechtzeitig entkommen sind, bevor irgendein Troll sie erwischt hat. Sag mal, wie alt bist du eigentlich? Du wirkst schon sehr reif dafür, dass du noch so jung aussiehst."
"Ich bin 17 Jahre alt. Sobald ich noch etwas älter geworden wäre, wollte ich zur Stadtwache hier in Erudicor. Nun bin ich schon etwas früher hier."
"Willst du dich uns anschließen und der Stadt dienen?"
"Nun, irgendetwas muss ich doch tun. Wenn ich zumindest eine gute Ausbildung im Kampf habe, kann ich diese Trolle selbst töten und mich so für mein ganzes Dorf rächen. Mehr weiß ich zurzeit nicht mit meinem Leben anzufangen."
"Warten wir erst einmal ab, was der Kaiser zu sagen hat.", sagte Dave. Julian legte sich wieder schlafen, nachdem er zwei Krüge voll mit Wasser getrunken und einen halben Brotlaib sowie einen fetten Schinken gegessen hatte. Die Wachen konnten nun endlich in die Taverne gehen und ihr Bier genießen. Doch an diesem Abend schmeckte es ihnen nicht. Einiges, was Julian gesagt hatte, hatte sie sehr nachdenklich gemacht. Waren sie schuld, dass sich so eine Tragödie zugetragen hatte? War der Kaiser schuld? Was würde das alles wohl für die Zukunft bedeuten? Würden noch mehr Dörfer den Trollen zum Opfer fallen? Fragen über Fragen und niemand schien die Antwort zu haben. Schließlich gingen auch sie früher als sonst ins Bett und konnten es kaum erwarten, des Kaisers Meinung über diese Angelegenheit zu hören.
Am nächsten Morgen wurde Julian unsanft geweckt und sah vor sich zumindest zwei vertraute Gesichter. Jene von Enrique und Dave.
"Los, steh auf. Der Kaiser empfängt uns jetzt.", sagte Enrique.
"Er hat die Nachricht sofort bekommen, als er aufwachte und bestand darauf, sofort mit dir zu sprechen. Dabei ist es erst 7 Uhr. Normalerweise empfängt er niemanden vor 9 Uhr. Also komm schon, wir wollen ihn doch nicht warten lassen.", sagte Dave.
Julian wollte noch etwas sagen, aber dann hielt er es vorerst zurück und folgte den beiden in Richtung Palast. Die Militärkaserne lag im Süden des Stadtzentrums. In der genauen Mitte von Erudicor lag der große Hauptplatz, in dessen Mitte eine riesige Säule aus Gold in den Himmel stieg. Sie musste um die 120 Meter hoch sein. An der Spitze befand sich eine Art Sockel, auf dem man problemlos stehen konnte. Sofern man keine Höhenangst hatte und irgendwie hinaufgelangte. Westlich des großen Hauptplatzes führte eine große, breite Stiege bis zum Kaiserpalast. Diese Stiege wanderten die drei nun entlang. Alle fünf Meter standen links und rechts am Rand Wächter aus der Elitegarde, deren golden wirkende Rüstungen noch durch schwungvolle, violette Streifen ergänzt wurden. Sie alle hielten mächtige Speere und Hellebarden in ihren linken Händen. Die rechten Hände lagen stramm am Körper an. Vor dem monumentalen Tor des Palasts wartete der Hauptmann der Elitegarde, Theodor, auf die drei.
"Halt, wer begehrt Einlass in den kaiserlichen Palast?", fragte er förmlich.
"Dave und Enrique von der Stadtwache.", antwortete Enrique,"Wir bringen den unbekannten Jungen, den der Kaiser zu sprechen wünscht."
"Ausgezeichnet. Bitte tretet ein." Theodor trat beiseite und rief laut nach innen:"Tor öffnen!" Die gigantischen Flügel des Tores wurden langsam nach innen geöffnet und schließlich betraten die Wachen und Julian den Palast. Er wirkte im Inneren, zumindest hier in der Eingangshalle sehr geräumig und weitläufig, aber auch düster. Es gab kaum Lichtquellen und scheinbar befanden sich alle Fenster nur in den Gängen, die weiter hinten an den Raum anschlossen. Theodor eskortierte sie entlang eines Ganges, der frontal an den Raum anschloss und weit in den Palast hineinführte. Ganz am Ende des Ganges durchschritten sie die Tür und betraten einen wunderschönen, riesigen Thronsaal. Sie befanden sich hier am rechten unteren Ende. Am anderen Ende des Raumes, über einzelne, riesige Steinstufen leicht erhöht, befand sich der Thron, auf dem Kaiser Theron saß. Von dort aus verlief auch ein breiter, roter Teppich bis hinab dorthin, wo sich die drei Besucher nun befanden. Hier unten waren auch etliche große Holztische aufgebaut, an denen wohl die Gäste des Kaisers saßen, wenn er Feste veranstaltete. Überall hingen goldene Kronleuchter von der Decke und endlos lang wirkende Vorhänge fielen neben den riesigen Glasfenstern am Ende des Thronsaals hinab. Durch die Fenster konnte Julian einen prunkvollen Innenhof mit vielen in sattem Grün leuchtenden und perfekt in Form geschnittenen Hecken erspähen. Der Thronsaal selbst bestand wohl aus einer Art hellgrauem Stein. An den Wänden prangten wallende Banner, auf denen abwechselnd die Wappen von Anthem Gows und Erudicor abgebildet waren. Für Anthem Gows, das Kaiserreich der Musik und der Hymnen war das Wappen ein gelber Schild mit einem diagonalen, hellblauen Band, an dessen oberem Ende sich drei Rosen befanden. Das Band wurde von Noten und blutigen Schwertern flankiert. Für Erudicor gab es ein schlichteres Wappen, welches einfach eine goldene Mauer mit gezinnter Oberseite darstellte, darüber hellblau für den Himmel und darunter dunkelrot, was symbolisch für den Erdboden stand. Theodor und die drei Besucher stellten sich am Ende des Thronsaals direkt gegenüber vom Kaiser und seinem Thron auf. Dort saß Theron und bei ihm war ein kleines, schwarzhaariges Mädchen. Sie flüsterte ihm zu und er lauschte gespannt.
"Euer Hoheit, ich bringe Euch den unbekannten Jungen.", sagte Theodor.
"Ich heiße Julian.", schnauzte er Theodor an.
Theron war keineswegs erfreut, dass Theodor seiner Tochter das Wort abgeschnitten hatte.
"Könnt ihr vielleicht einen Moment warten, verdammt? Mein kleines Mädchen wollte mir gerade etwas Wichtiges erzählen. Also geduldet euch noch eine Weile, bis sie fertig ist."
"Sehr wohl, Kaiser, bitte vergebt mir.", sagte Theodor unter möglichst tiefer Verbeugung.
"Ist das ein Witz?", fragte Julian Enrique leise. Dieser schwieg allerdings und Theodor ermahnte Julian, es ihm gleich zu tun.
Theron hörte seiner Tochter zu und flüsterte eine Zeit lang mit ihr. Dann sagte er laut:"Gut, Nicole. Wir sehen uns dann später. Geh und such deine Schwestern. Spiel mit ihnen."
"In Ordnung, Papa. Ich hab dich lieb."
"Ich hab dich auch lieb, meine Prinzessin."
Dann lief die kleine Nicole die großen Stufen hinab und an den vier Eindringlingen vorbei aus der Tür hinaus. Julian wusste nicht, was es war, doch er hatte in ihrer Nähe etwas gefühlt. Es schien ihm als hätte sich die Luft als sie vorbeilief, elektrisiert und irgendwie glaubte er, hauchdünne, rote Fäden, die sich wie Adern durch die Luft zogen, zu erblicken. Als sie jedoch den Raum verlassen hatte und er sich kurz die Augen rieb, waren die Phänomene verschwunden. Was hatte das zu bedeuten?
Wie Julian gehört hatte, hatte Kaiser Theron elf Töchter und es war durchaus möglich, dass eine von ihnen zu Großem bestimmt war. Theron richtete nun das Wort an seine Besucher:"Nun denn, tretet vor, alle drei. Theodor, entferne dich."
"Sehr wohl, mein Kaiser.", antwortete Theodor und verschwand sofort. Julian, Enrique und Dave traten derweil vor und näherten sich dem König ein wenig. Sie befanden sich dennoch immer noch am unteren Ende des Thronsaals.
"Kommt noch näher, ich will nicht durch den ganzen Thronsaal schreien müssen.", sagte Theron ein wenig genervt. Die drei taten, wie ihnen geheißen und schließlich standen sie dem Kaiser von Anthem Gows im Abstand von zwei Metern gegenüber. Er musterte die drei genau. Vor allem Julian. Dieser besaß kurzes, blondes Haar und dunkelblaue Augen. Um seinen Hals hatte er einen dünnen, gelben Schal gewickelt. Dazu trug er ein braunes Hemd mit langen Ärmeln und eine dunkelblaue Hose, sowie feste, lederne Stiefel. Julian begutachtete Kaiser Theron auch genau. Der Kaiser besaß wallendes, brünettes Haar, das für einen Mann schon ein wenig zu lange gewachsen war. Es fiel ihm bis auf die Schultern und noch ein Stück weiter. Er starrte Julian aus leuchtend grünen Augen entgegen. Obgleich er der Kaiser war, wirkte er doch noch ziemlich jung. Natürlich konnte es auch junge Kaiser geben, aber Julian hatte ihn sich immer als Greis vorgestellt. Ihn nun als einen Mann in der Blütezeit seines Lebens zu sehen, erfrischte Julian und er dachte für einen Moment, dass es wohl doch gut war, diesen Mann an der Spitze von Anthem Gows zu haben. Schließlich sprach der Kaiser direkt zu Julian:"Nun, Junge. Sag mir doch, wie du heißt."
"Aber natürlich, Eure Majestät. Mein Name ist Julian und ich stamme aus dem kleinen Dorf Herbstweih östlich von hier."
"Soso, Julian also. Die Nachricht deines unerwarteten Auftauchens hat mich durchaus nachdenken lassen. Ich dachte mir, warum wohl ein erschöpfter, junger Mann am Abend dahergelaufen kommt. Als ich so darüber nachdachte, entwickelte ich viele verschiedene Möglichkeiten, was genau geschehen war. Doch bitte ich dich nun, mir die Wahrheit zu sagen. Was ist passiert?"
"Trolle haben mein Dorf überfallen und zerstört. Sie haben alle getötet, die ich je kannte. Aber ich muss wissen, ob meine beiden besten Freunde, Otto und Lisa, noch leben. Denn wenn es nur den kleinsten Funken Hoffnung gibt, dass sie unversehrt sind, dann muss ich sie finden."
"Nur deine besten Freunde willst du finden? Was ist mit deiner Familie, deinen Eltern oder Geschwistern?", fragte der Kaiser sofort. Julian fand das beinahe schon unverschämt, doch da es der Kaiser war, der fragte, verriet er ihm alles.
"Meine Mutter ist schon seit drei Jahren tot und mein Vater ist vor Ewigkeiten verschwunden. Er wollte uns wohl nicht länger ertragen müssen. Außer meinen besten Freunden habe ich also niemanden mehr."
"Das tut mir leid, Julian. Auch das mit deinem Dorf tut mir zutiefst leid. Ich wünschte, ich hätte es verhindern können. Jedoch bin ich davon ausgegangen, dass wir in Zeiten des Friedens leben. Nun hören zu müssen, dass Trolle in meinem Reich unschuldige Dörfer angreifen, deren Bürger sich nicht einmal richtig wehren können, erzürnt mich. Dagegen müssen wir sofort etwas unternehmen."
"Ja, mein Kaiser. Ich möchte auch etwas tun. Ich will der Stadtwache beitreten und dann die Trolle aufspüren und töten."
"Nun, das könntest du wohl tun. Die Stadtwache braucht immer neue Rekruten. Immerhin kann die größte Stadt der Welt niemals gut genug beschützt sein, richtig?"
Gerade als Julian antworten wollte, stürmte Theodor wieder in den Thronsaal. Ohne zu zögern oder irgendwie eine Reaktion des Kaisers abzuwarten, lief er bis ganz hinauf und sagte dann unter heftigem Schnaufen:"Kaiser...Kaiser Theron! Da ist etwas...etwas am Hauptplatz...Ihr müsst sofort...mitkommen!"
"Ruhig, Theodor. Komm erstmal zu Atem."
Theodor gehorchte, atmete langsam ein und aus und beruhigte sich wieder. Dann berichtete er erneut:"Irgendjemand scheint am Hauptplatz auf die Triumphsäule geklettert zu sein. Jedenfalls stehen da oben zwei Menschen und der eine hat gesagt, dass er etwas zu verkünden hat..."
"Ja und? Was hat er denn verkündet?", fragte der Kaiser aufgebracht. Er hatte keine Ahnung, wie jemand auf die Triumphsäule gelangen konnte. Zwar befand sich auf der Spitze ein kleiner Sockel, auf dem man stehen konnte, doch dieser war grundsätzlich nicht dafür gemacht worden. Umso verwirrender war also der Umstand, dass tatsächlich jemand da oben herumstand. Die einzig plausible Erklärung, die Kaiser Theron dafür einfiel, war Teleportation. Theodor antwortete ihm:"Er hat noch gar nichts verkündet. Er sagte, dass er ausschließlich etwas von sich gibt, wenn der Kaiser zusieht."
"Dann nichts wie hin. Wenn dieser Spaßvogel Ärger machen will, dann soll er es versuchen. Mobilisiert die Elitegarde, so schnell wie möglich!"
"Jawohl, mein Kaiser!", antwortete Theodor unter Verbeugung und lief dann schnell aus dem Thronsaal hinaus.
"Und wir sehen uns jetzt an, was es damit auf sich hat. Folgt mir.", sagte Theron zu Julian, Enrique und Dave.
"Natürlich, Kaiser.", antworteten die beiden Wachen sofort. Doch Julian wollte vorerst noch etwas wissen.
"Kaiser, wenn Ihr mir eine Bemerkung gestattet..."
"Was ist denn, Julian? Wir haben im Moment Wichtigeres zu tun."
"Das mag schon sein, aber Eure Tochter geht mir nicht mehr aus dem Kopf."
"Wie bitte!?", schrie der Kaiser fassungslos. Sollte er sich bei Julian etwa geirrt haben? War er vielleicht jemand, der seiner kleinen Tochter etwas antun wollte? Das musste er noch schneller herausfinden, als was auf dem Hauptplatz vor sich ging.
"Erkläre dich sogleich!"
"Natürlich, Kaiser. Ich meine das keineswegs in böser Absicht. Aber als Eure Tochter an mir vorbeigelaufen ist, habe ich seltsame Veränderungen in der Luft wahrgenommen. Sofern ich es mir nicht eingebildet habe. Eure wievielte Tochter ist sie, wenn Ihr mir die Frage gestattet?"
"Nun, ich weiß nicht, was in dir vorgeht, Julian. Nicole ist meine siebte Tochter, wenn dir diese Information irgendetwas hilft. Und natürlich ist sie etwas ganz Besonderes, sie ist meine Tochter. Aber ich denke, ich verstehe, was du meinst. Ich selbst habe schon des Öfteren bestimmte Phänomene beobachtet oder seltsame Energien gespürt, als ich allein mit ihr war. Bislang verstehe ich noch nicht ganz, was an ihr anders ist, doch weiß ich, dass es nichts Schlechtes ist. Bist du nun zufrieden?"
"Natürlich, habt vielen Dank, Kaiser. Zweifellos stand mir ein solches Eindringen in Euer Privatleben nicht zu. Vergebt mir."
"Ich fühle, dass du es nur gut meintest. Daher will ich es nicht weiter beachten. Jetzt aber nichts wie los zum Hauptplatz."
Gesagt, getan, machten sie sich auf zum Hauptplatz. Dafür mussten sie ja nur den Palast durchqueren und die große Treppe hinab schreiten. Schon waren sie näher am Ort des Geschehens, als in einer solchen Situation für einen Kaiser ratsam gewesen wäre. Doch deshalb war Theron ein Kaiser. Er hatte keine Angst vor irgendetwas. Das brauchte er auch nicht, denn außer einem Kaiser war er auch noch ein starker Kämpfer. So jemandem konnte nur wenig wirkliche Angst einjagen. Die Elitegarde hatte sich um die Triumphsäule versammelt und alle blickten mit gezogenen Waffen hinauf. Doch mehr konnten sie nicht tun. Theron begutachtete nun, wie auch Julian, Enrique und Dave, die Gestalten, welche auf der Triumphsäule thronten. Beide standen nebeneinander da und blickten hinab. Jedoch konnte man ihre Gesichter nicht erkennen. Davon abgesehen, dass die Säule auch so schon hoch genug war, um irgendwelche Einzelheiten von darauf befindlichen Menschen wahrzunehmen, verbargen die beiden Fremden auch noch ihre Gesichter. Der eine trug eine seltsame Kapuzenrobe, welche bis zu seinem Gürtel verlief und dort endete. Am Rücken hing sie als Umhang weiter hinab, bis zum Boden. Ansonsten trug er noch eine schwarze Hose und dazu passende, schwarze Stiefel. Die Robe hingegen besaß eine graue Grundfarbe und darauf waren viele, schön verzierte Linien entlang des Verlaufs der Robe eingestickt. Diese Linien besaßen entweder schwarze oder dunkelrote Farbe. Die Kapuze hatte der Fremde sich tief ins Gesicht gezogen, sodass niemand mehr als sein Kinn erkennen konnte. Neben ihm befand sich noch ein zweiter Mann, der am ganzen Körper schwarze, lederne Kleidung trug. Seine Oberkörperbekleidung besaß Ärmel, die hinab bis zu seinen Händen verliefen und schwarze Handschuhe trug er auch. Ebenso wie der andere Fremde, besaß auch dieser Mann einen Umhang, wobei dieser jedoch kein Teil einer Robe war. Die schwarze Kleidung, die seinen gesamten Körper, bis auf den Kopf, einhüllte, glänzte stark und spiegelte das darauf treffende Licht wider. Am Kopf befand sich das einzige, was ein wenig Abwechslung bot. Vielleicht etwas zu viel Abwechslung. Denn dort trug der Fremde eine weiße Maske aus Elfenbein. Deren Oberseite verlief wie ein Halbkreis, die Seiten waren gerade und auf Höhe des Kinns lief die Maske ebenfalls wie ein Kinn zusammen, jedoch schloss sie in der exakten Mitte in einem spitzen V ab. Aber das Verstörendste an dieser Maske war zweifellos der wütende Gesichtsausdruck, mit dem sie einen anstarrte. Dieser wurde allein durch primitive, schwarz untermalte Einbuchtungen für Augen und Mund dargestellt. Was hatte es mit diesen beiden Fremden auf sich? Das musste Kaiser Theron nun herausfinden. Als der Fremde in der Kapuzenrobe bemerkte, dass der Kaiser eingetroffen war, begann er schließlich, zu sprechen.
"Sieh an, der Kaiser von Erudicor ist endlich da. Ihr habt lange auf Euch warten lassen, Euer Majestät.", nach dem letzten Satz lachte er kurz sarkastisch.
"Nun denn, wenn Ihr nun endlich hier seid, kann ich ja die frohe Botschaft verkünden. Dann hört gut zu..."
Seltsamerweise konnte man den Fremden sehr gut verstehen, obwohl er sich so weit oben befand. Kaiser Theron erriet zurecht, dass es sich dabei um Magie handelte. Er befürchtete, dass der Fremde nichts Gutes zu vermelden hatte.
"Ich bin der düstere Magier. Mein richtiger Name spielt keine Rolle. Ebenso wie die Identität meines maskierten Begleiters. Lasst euch nur eines gesagt sein: Wir werden euer aller Untergang sein! Denn hiermit erkläre ich der goldenen Stadt sowie dem Reich Anthem Gows den Krieg! Jeder von euch wird schon bald tot im Staub dieser prunkvollen Stadt liegen. Meine Armee besteht aus 75 000 Kriegern und wird schon bald hier angreifen. Wir sehen uns. Das war's dann eigentlich schon. Bis bald, ihr Todgeweihten!"
Offenbar wollte der düstere Magier schon aufbrechen, doch sein Begleiter flüsterte ihm etwas zu. Dann hielt er kurz inne und sprach schließlich weiter:"Eines hätte ich fast vergessen. Damit Ihr diese Drohung auch ernst nehmt und nicht glaubt, ich scherze nur, lasst mich euch meine Armee ein wenig näher beleuchten. Sie besteht aus sechs verschiedenen Delegationen, jede von ihnen stammt von einem anderen Volk und jede wird von einem General angeführt. Mal sehen, mit wem beginne ich nur? Oh, ich weiß. Die Untoten. Ja ganz recht, Untote gehören auch zu meiner Armee. Angeführt werden sie alle vom Kastill, einem sehr speziellen Wesen, welches einer der engsten Vertrauten des untoten Prinzen ist. Falls irgendwer von Euch auch nur einen winzigen Schimmer davon hat, was ich da rede, wird er die Gefährlichkeit dieser Botschaft verstehen."
Kaiser Theron wusste durchaus, wovon der düstere Magier sprach. Denn der untote Prinz war der mächtigste Untote, der auf der Welt existierte und wahrscheinlich jemals existiert hatte. Kein Wunder, dass man diesem Scheusal noch kein Ende hatte bereiten können. Die Nachricht, dass nun einer seiner engsten Vertrauten in einer Armee kämpfen würde, die Erudicor angreifen soll, gefiel dem Kaiser gar nicht. Doch das hinderte den düsteren Magier nicht daran, weiter zu erzählen.
"Als nächstes haben wir die guten, alten Menschen. Was wäre eine Armee ohne Menschen? Richtig, nur die Hälfte wert. Deshalb möchte auch ich nicht auf sie verzichten. Jede Menge Räuberpack und brutale Gesellen habe ich angeheuert und sie alle werden angeführt vom ruchlosesten und gefährlichsten von allen: General Spitzhacke. Dieser freundliche Zeitgenosse verbringt seine Zeit gerne damit, andere zum Spaß mit seiner Spitzhacke zu töten. Also ein ganz großer Gewinn für mich, ihn dabei zu haben. Dann gibt es natürlich noch die Dunkelelfen und einen ihrer höchsten Krieger. Soweit ich weiß heißt er Katokuin, doch sie nennen ihn Narbengesicht Katokuin. Der Bursche ist riesig, das könnt ihr mir glauben. Aber genug von den Dunkelelfen. Ich habe auch noch die Tantan'Buskili, die so genannten Seelenläufer."
"Das darf doch nicht wahr sein.", dachte sich Kaiser Theron. Auch diese Kreaturen waren ihm durchaus bekannt. Sie hielten sich eher im Hintergrund, doch besaß einer von ihnen die...
"Einer von ihnen besitzt die Kampfkraft von tausend normalen Kriegern, sagt man.", prahlte der düstere Magier. "Wenn ich das mitzähle, dann besitzt meine Armee die Kampfstärke von 80 000 Kriegern, denn fünf von ihnen konnte ich mir als Verbündete sichern. Die größte Delegation besteht aber aus den Machuv'Thal, wobei ich noch nicht genau weiß, welche ihrer Krieger sie mir zur Verfügung stellen."
Auch die Machuv'Thal kannte Kaiser Theron nur zu gut. Denn diese Wesen waren sehr widerstandsfähig und mit normalen Waffen nahezu unmöglich zu töten. Schließlich bestanden sie selbst aus so gut wie allen Metallen, die existierten. Jedoch bestand einer von ihnen immer nur aus einem einzigen Metall. Doch das allein reichte schon aus. Noch dazu war ihr Kaiser Hirion eines der boshaftesten und gefährlichsten Wesen, die auf der Erde existierten.
"Wenn das alles wahr ist, haben wir ein sehr großes Problem.", dachte sich Theron und hoffte, dass es sich dabei nur um einen besonders derben Scherz handelte. Aber je mehr er von der Armee erfuhr, umso unausweichlicher drängte sich ihm die Wahrheit auf, die er nicht wahrhaben wollte.
"Zuletzt werden mir auch noch die Trolle zur Seite stehen. Damit meine ich natürlich die Wiesentrolle, denn die anderen würden sich zu so etwas sicher nicht überreden lassen."
Julian horchte auf. Ob die Trolle, die sein Dorf zerstört hatten, etwa auch in der Armee mitkämpfen würden?
"Die Trolle werden von Fröthljif, dem blauen Troll angeführt.", bei diesem Satz grinste der düstere Magier extra böse, obgleich man es dank der Kapuze und des Höhenunterschieds von unten nicht wirklich erkennen konnte. Julians Herz setzte aus. Fröthljif. Dieser Name war für immer in sein Gedächtnis gebrannt. Er würde nicht eher ruhen, bis er diesen Troll eigenhändig getötet hatte. Erst dann konnte er wieder ruhig schlafen. Er schuldete es dem ganzen Dorf Herbstweih, Fröthljif niederzustrecken. Plötzlich war Julian sonnenklar, was er tun musste. Egal, ob er der Stadtwache beitrat oder nicht, er musste sich dieser Armee entgegenstellen, sobald sie angreifen würde. Dann würde er am Schlachtfeld nach Fröthljif Ausschau halten und ihm schließlich seinen bescheuerten Kopf abschlagen. Auch Kaiser Theron schien die Nachricht mit den Trollen nicht gut aufgenommen zu haben. Der düstere Magier sprach noch ein paar letzte Worte.
"Nun denn, das ist meine Armee. Wenn ihr noch nicht alle Hoffnung verloren habt, so wird auch das noch mit der Zeit kommen. Spätestens, wenn meine Krieger die Mauern der goldenen Stadt niederreißen und alles, was dahinter liegt, dem Erdboden gleich machen." Dann lachte er bösartig und blickte dann direkt dem Kaiser in die Augen. Für einen kurzen Moment hob sich die Kapuze des düsteren Magiers und Kaiser Theron starrte mit seinen grünen Augen in ein teuflisch rot leuchtendes Paar.
"Kaiser, Ihr haltet Euch so bedeckt. Was ist los, hat es Euch die Sprache verschlagen?", spottete der düstere Magier.
"Nein, das hat es nicht!", rief Theron so laut, dass es problemlos zur Triumphsäule hinauf drang. "Wenn Ihr glaubt, dass Ihr mich mit so etwas einschüchtern könnt, kennt Ihr mich wohl nicht sonderlich gut. Eure Armee wird untergehen und zuletzt werdet auch Ihr sterben! Das versichere ich Euch, so wahr ich Kaiser von Anthem Gows bin. Ich werde mit aller Härte gegen Unruhestifter vorgehen, die den Frieden in meinem Reich brechen wollen. Lasst Euch das gesagt sein!"
"Meine Güte, da ist wohl jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden. Schon gut, schon gut. Wir werden ja sehen, wer von uns beiden zuletzt lacht. Aber ich warne Euch. Gegen eine solche Armee wie die meine habt Ihr keine Chance. Also dann, bis bald, ihr Leichen!"
Auf diesen Satz hin wurde es kurz um den düsteren Magier und seinen Begleiter herum schwarz und als sich der dunkle Nebel lichtete, waren beide verschwunden. Die Leute auf dem Hauptplatz flüsterten unruhig und viele blickten Rat suchend zum Kaiser.
"Mein verehrtes Volk. Ich versichere euch, dass es keinen Grund zur Unruhe gibt. Wir werden diese Armee, so sie wirklich existiert, auf jeden Fall aufhalten. Niemand hier in Erudicor ist in Gefahr. Das verspreche ich euch. Bitte geht nun wieder euren Tätigkeiten nach." Dann sprach er leiser zu Julian und seinen drei Wachmännern:"Folgt mir in den Thronsaal. Wir müssen uns über diese Entwicklung unterhalten."
Kapitel II: Der Plan
Im Thronsaal angekommen, setzte sich Theron nicht wieder auf seinen Thron, sondern nahm auf einem der Tische am unteren Ende des Thronsaals Platz. Die anderen taten es ihm gleich. Für eine Weile sagte keiner ein Wort. Schließlich begann Julian als Erster, zu sprechen.
"Kaiser Theron, der Anführer der Trolle..."
"Ja, ich weiß. Das war einer der Trolle, die dein Dorf zerstört haben, nicht wahr?"
"Ja, das ist richtig. Ich habe vergessen, es Euch zu sagen. Er war der Anführer und derjenige, der mich laufen ließ. Ich weiß nicht, warum. Aber ich werde es herausfinden, bevor ich ihn aufschlitze."
"Nun mal ganz langsam, Junge. Du willst doch nicht ernsthaft gegen diese Armee aus Höllenkreaturen kämpfen?", fragte Theron ernst.
"Doch, das will ich. Ich muss diesen verdammten Fröthljif töten, um mein Dorf zu rächen. Ich muss einfach."
"Aber das bringt die Leute aus deinem Dorf doch auch nicht zurück."
"Wollt Ihr ihn etwa davonkommen lassen?"
"Nein, das habe ich nicht gemeint. Ich sage nur, dass man sich nicht von Rache leiten lassen sollte, denn daraus entsteht selten etwas Gutes. Am Ende ist man von seiner Rache sogar so verblendet und unachtsam, dass man noch demjenigen unterliegt, dem man Rache geschworen hat."
"Ich werde diesem Stück Scheiße nicht unterliegen.", antwortete Julian.
"Hüte deine Zunge vor dem Kaiser.", ermahnte Theodor Julian.
"Schon gut, Theodor.", gab Theron zurück. "Ich verstehe Julian. Ich an seiner Stelle würde wohl auch um alles in der Welt denjenigen bestrafen wollen, der mir das antat. Aber jetzt ist nicht die Zeit für voreiliges Handeln. Zunächst müssen wir uns überlegen, wie wir dieser Armee standhalten sollen."
"Wie viele Krieger besitzt denn Erudicor insgesamt?", fragte Julian.
"Etwa um die 25 000.", antwortete Kaiser Theron. Julian bekam große Augen, ebenso wie Enrique und Dave, die bisher auffällig still geblieben waren. Jetzt aber meldeten sie sich zu Wort.
"Aber das ist ja gerade einmal ein Drittel der Armee des düsteren Magiers.", sagte Dave.
"Das weiß ich selbst, verdammt!", schrie Theron, als ob er sich persönlich angegriffen fühlte.
"Wir werden wohl Unterstützung von anderen Königreichen benötigen.", gab Enrique von sich.
"Dem stimme ich zu.", sagte Julian. "Ohne Unterstützung können wir einen Sieg vergessen."
"Vergessen wir hier nicht, dass es sich zum Großteil um Machuv'Thal und andere gefährliche Wesen wie Dunkelelfen oder Untote handelt. Da wird viel Verstärkung nötig sein.", fügte Theodor hinzu.
"Ihr habt alle Recht.", antwortete Kaiser Theron. "Wir werden Unterstützung brauchen. Im restlichen Kaiserreich kann ich wohl noch um die 10 000 Krieger abziehen, ohne andere Teile von Anthem Gows ungeschützt zu lassen. Dennoch fürchte ich, dass wir nicht umhin kommen werden, andere Reiche der Menschen um Hilfe zu bitten. Es geht wohl nicht anders. Doch werde ich mich hüten, das Kaiserreich Ganredlah oder gar diese Barbaren aus Balbien um Hilfe zu bitten. Denen vertraue ich nicht. Doch ich vertraue den Menschen hier in Europa. Und auch jenen in den großen Reichen der Menschen, die weiter entfernt sind. Wir müssen Boten entsenden und das schleunigst."
"In Ordnung, in welche Reiche?", fragte Theodor, bereit für Befehle.
"Wir werden zunächst in Varbitien, Grelia und Falteritanien fragen. Das sind die nächsten Reiche der Menschen. Dann können wir auch noch versuchen, Hilfe aus Raspetanien, Hanveltien und Shanto Gyar zu erlangen. Vielleicht sind uns ja einige der Herrscher gewogen. Ich erwarte zumindest von Hanveltien und Raspetanien Unterstützung. Alle anderen müssen höchstwahrscheinlich überzeugt werden. Dafür werden wir einen guten Diplomaten benötigen."
"Ich mache es.", sagte Julian plötzlich. Alle starrten ihn an.
"Du willst zu den Herrschern reisen und sie bitten, uns Unterstützung zu entsenden?", fragte Theron verwundert.
"Ja, das ist richtig. Je mehr Verbündete wir bekommen, umso höher ist die Chance, dass Fröthljif elendig verreckt. Auch wenn die Chance kleiner wird, dass ich ihn selbst töte, so wird er zumindest sterben und nur das ist wichtig."
"Nun ja, der Schutz des Reiches ist wichtiger, aber du wirst wohl durch das falsche Motiv auf den richtigen Weg geführt."
"Das soll mir genügen.", gab Julian von sich. "Was sagt Ihr, Kaiser? Werdet Ihr mich als Diplomaten entsenden?"
"Eine große Hilfe wäre es schon, dann müsste ich nicht etliche Boten entsenden. Natürlich brauchst du dann auch länger, weil du allein immer nur ein Reich nach dem anderen aufsuchen kannst. Weißt du denn eigentlich etwas über die verschiedenen Reiche der Menschen, abgesehen von deinem Heimatreich Anthem Gows?"
"Genau genommen ist Anthem Gows nicht mein Heimatreich."
"So, wirklich? Von wo stammst du denn dann?", fragte Kaiser Theron.
"Als ich zur Welt kam, lebten meine Eltern gerade in Raspetanien. Doch als ich drei Jahre alt war, zogen wir von dort fort und gelangten schließlich nach Anthem Gows, ins Dorf Herbstweih."
"Interessant. Weißt du etwas über das Reich, aus dem du stammst?"
"Nur, dass es riesengroß ist und fast nur aus Wüste besteht.", gab Julian als Antwort.
"Nun, immerhin ist dieser Fakt korrekt. Aber du hast mich auf eine gute Idee gebracht. Obwohl es viel schneller gehen würde, einfach je einen Boten in jedes Reich zu entsenden, glaube ich, dass es sinnvoller ist, dich allein zu schicken."
"Aber mein Kaiser, wie denn das?", erkundigte sich Theodor.
"Ganz einfach. Julian wurde seine Heimat genommen. Er hatte Glück, dass er überlebte, doch so etwas wie ihm passierte, kann auch anderen passieren."
"Ich verstehe.", gab Theodor von sich.
"Ich nicht. Was genau bedeutet das, mein Kaiser?", fragte Julian.
"Es bedeutet, dass du den Herrschern der anderen Reiche deine Leidensgeschichte erzählst, damit sie mit dir mitfühlen und sich so eher dazu verpflichtet fühlen, uns Hilfe zu entsenden. Einem stumpfen Boten, der den ewig gleichen Text aufsagt, erteilen sie ohne mit der Wimper zu zucken eine Abfuhr. Aber dir, einem gebrandmarkten Opfer des Krieges, werden sie wohl kaum so einfach ins Gesicht sagen, dass sie uns nicht unterstützen."
"Aber ich bin doch gar kein Opfer des Krieges."
"Das brauchen die Herrscher ja nicht zu wissen. Ist nicht dieser Fröthljif, der dein Dorf niedergebrannt hat, als einer der Generäle in der Armee des düsteren Magiers dabei? Ich denke, dieser Zusammenhang reicht völlig aus, um das alles plausibel wirken zu lassen. Darüber hinaus gibt es da bestimmt einen Zusammenhang, denn sonst wäre das ein sehr seltsamer Zufall. Ich mache dir einen Vorschlag, Julian: Ich schicke dich zu den Herrschern der einzelnen Reiche und du sorgst dafür, dass sie uns unterstützen. Sag ihnen, sie sollen so viele Krieger schicken, wie sie entbehren können, um selbst noch einem Angriff standhalten zu können. Zunächst werde ich dir aber noch einiges über die einzelnen Reiche erzählen, damit du dich dort besser auskennst und weißt, wie es dort zugeht und wie du mit den Herrschern umgehen musst. Wenn das alles erledigt ist und wir schließlich der Armee des düsteren Magiers gegenüberstehen, darfst du mitkämpfen und Fröthljif töten, wenn du die Möglichkeit bekommst. Was sagst du?"
"Großartig, ich bin dabei.", sagte Julian freudig. Dann aber äußerte er noch etwas Unbehagliches:"Ich wollte Euch noch mitteilen, dass ich ein sehr schlechtes Gefühl bei diesem düsteren Magier habe. Offenbar ist mit dem nicht zu spaßen."
"Dasselbe Gefühl habe ich auch, Julian. Aber wir werden ihn besiegen."
"Ja, nur irgendwie...Es ist, als ob ich ihn kenne. Irgendetwas an seiner Art kommt mir sehr vertraut vor. Doch ich kann es nicht einordnen."
"Nun ja, das muss nichts heißen. Viele Menschen können dieselben Wesenszüge oder dieselbe Art haben und doch völlig unterschiedliche Individuen sein. Wahrscheinlich kanntest du nur jemanden, der sich ebenso selbstgefällig verhalten hat, wie dieser verdammte Magier. Ich bin mir sicher, das war Schattenmagie, was er da angewandt hat. Das ist nicht gut. Aber genug davon. Julian, ich schlage vor, du brichst sofort morgen früh auf und begibst dich zum ersten Reich, um dort Unterstützung anzufordern."
"In Ordnung. Heißt das, dass ich dann heute noch die Einführung über die Reiche von Euch bekomme?"
"Wir können sofort loslegen, wenn du willst. Das ist schließlich eine Sache von höchster Dringlichkeit. Wir haben schließlich keine Ahnung, wann dieser düstere Magier uns angreifen wird. Vielleicht schon morgen. Oder erst in einem Monat. Jedoch müssen wir für jeden Fall vorbereitet sein. Möchtest du jetzt gleich die Einführung haben?"
"Wenn das in Ordnung ist, mein Kaiser, würde ich lieber zunächst frühstücken und mir dann ein wenig die Stadt ansehen. Können wir die Einführung vielleicht am Nachmittag machen?"
"Ich denke, das wird schon gehen. Am besten kommst du dann gleich wieder hierher. Theodor kennt dich ja schon und wird dich dann unverzüglich zu mir führen. Er soll dir etwas Geld geben, damit du in der Stadt essen gehen kannst. Genug für Frühstück und Mittagessen, Theodor."
"Jawohl, mein Kaiser.", sagte Theodor und führte Julian dann hinaus.
"Also dann, wir sehen uns zu späterer Stunde.", sagte Theron als Abschied. Das also war der Kaiser von Anthem Gows. Julian freute sich, in einem Reich mit einem so freundlichen Herrscher zu leben. Ein anderer hätte Julian womöglich gleich hinrichten lassen oder eigenhändig erschlagen, wenn er ihn über seine Töchter ausgefragt hätte. Doch Theron war ruhig geblieben und hatte sich Julians Anmerkung angehört. Das machte ihn fest entschlossen, dem Kaiser, der goldenen Stadt und Anthem Gows zu helfen, indem er so viele Verbündete für sie gewann, wie ihm möglich war. Als er von Theodor durch den großen Eingangsraum geführt wurde, lief plötzlich ein Mädchen vor die beiden und stellte sich ihnen gegenüber.
"Hallo Theodor. Wer ist denn dein Begleiter?", fragte sie neugierig.
"Ich grüße Euch, Prinzessin Marlene.", antwortete Theodor und verbeugte sich tief.
"Mein Name ist Julian.", gab Julian sofort von sich. "Du musst wohl eine weitere Tochter des Kaisers sein."
"Eine weitere Tochter? Ich bin die Erstgeborene, verdammt noch mal. Ich werde eines Tages Kaiserin von Anthem Gows sein und jeder Bürger dieses Reiches wird zu mir aufsehen! Also behandle mich gefälligst so, wie es sich für jemanden deines Standes gehört! Hast du das verstanden?"
Julian starrte Marlene mit weiten Augen an. Was ihrem Vater an Arroganz und Selbstherrlichkeit fehlte, glich sie problemlos aus. Dabei war sie erst ein kleines Mädchen von 11 Jahren. Ihre hellbraunen Haare und grünen Augen konnten nicht über den Umstand hinwegtäuschen, dass sie in ihrem Inneren schon eine so hohe Meinung von sich selbst besaß, dass niemand auf der Welt diese jemals hätte trüben können. Auch Julian sollte das noch erkennen, doch vorerst blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich ihrem Willen zu beugen.
"Natürlich, bitte verzeiht, Prinzessin Marlene. Ich habe Euch nur als "eine weitere Tochter des Kaisers" bezeichnet, weil ich zuvor Eurer Schwester Nicole begegnet bin. Ich hoffe, dass Ihr meine Entschuldigung annehmen könnt."
"Siehst du, das gefällt mir schon viel besser, Julian. Ich kann durchaus auch entspannt sein, das kommt immer auf mein Gegenüber an. Kann es sein, dass dich Theodor gerade hinausbegleitet?"
"Ja, das ist richtig. Ich werde für Euren Vater, Kaiser Theron, eine wichtige Aufgabe erfüllen und als Diplomat durch die Welt reisen. Doch zuvor will ich mir die goldene Stadt noch ein wenig näher ansehen."
"Du reist durch die Welt? Das klingt großartig. Ich wünschte, ich könnte mitkommen, aber mein Vater würde mich niemals gehen lassen. Dann begleite ich dich eben hier in Erudicor. Ich kenne schöne Gegenden in der Stadt, die den meisten Leuten entgehen. Los, gehen wir."
Sofort musste sich Theodor einmischen.
"Prinzessin Marlene, ich glaube nicht, dass das im Sinne Eures Vaters wäre..."
"Ach, schon gut, Theodor. Er wird das verstehen. Außerdem ist ja Julian bei mir und beschützt mich. Richtig, Julian?"
"Natürlich, Prinzessin. Das wird meine oberste Pflicht sein. Es wäre mir eine Freude, wenn Ihr mich begleitet."
"Sehr gut, dann folge mir. Ich weiß, wo wir hingehen können."
Sowie sie das gesagt hatte, lief sie schon voraus, die große Stiege hinab. Theodor sagte noch zu Julian:"Dass du mir ja auf sie aufpasst, sonst werden wir beide einen Kopf kürzer gemacht."
"Keine Sorge, ich gebe auf sie Acht. Natürlich wäre das mit einer Waffe in meinem Besitz einfacher."
"Na schön, nimm derweil mein Schwert, aber bring es mir unversehrt zurück. Und falls möglich, sollte kein Blut daran kleben. Ach, und hier hast du den Geldbeutel, den ich dir geben sollte."
"Vielen Dank, Theodor. Bis nachher dann, ich kehre schon bald gestärkt und mit Prinzessin Marlene zurück."
"Ja, bis dann.", gab Theodor unzufrieden von sich. Er hatte kein gutes Gefühl bei dieser Sache. Auch wenn dies grundsätzlich friedliche Zeiten waren, so gab es dennoch kleinere Verbrechen, die in allen Städten auf der Welt passierten und erst recht in der größten Stadt der Welt, Erudicor. Daher war es alles andere als ungefährlich für eine Kaiserstochter, erst recht für die Erstgeborene, durch die Stadt zu laufen, als wäre sie ein großer Spielplatz. Doch genau das tat Marlene mit Julian im Schlepptau, der ihr hinterherlaufen musste, weil sie so schnell unterwegs war.
Zur selben Zeit, östlich von Anthem Gows, jenseits von Bangria, dem Reich der Zwerge, in einer der westlicheren Regionen von Ganredlah, versammelte der düstere Magier sein Heer. Die Region war zum größten Teil unbevölkert und die wenigen Einwohner hatte der Magier einfach getötet, sodass die Zusammenkunft seiner Streitkraft unbemerkt vonstatten gehen konnte. Zum jetzigen Zeitpunkt wollte er sich mit seinen Generälen treffen und besprechen, wie viele Krieger sie jeweils zur Verfügung stellen konnten. Die Streitkräfte versammelten sich auf einer weiten Ebene, die großteils von Bergen umringt war. Sie mussten alle unter freiem Himmel kampieren und sich Zelte aufbauen. Einigen der Heerscharen machten jedoch Störfaktoren wie Regen oder heftige Windstürme ohnehin nichts aus. Speziell die Untoten oder die metallenen Krieger der Machuv'Thal ignorierten das Wetter, wenn es etwas ungemütlicher wurde. Bei Menschen und Trollen sah das schon etwas anders aus. Die Dunkelelfen brauchten sich keine Sorgen um das Wetter zu machen, denn sie hatten innerhalb kürzester Zeit steinerne Bauten errichtet, in denen sie geschützt waren. Jedoch ließen sie keines der anderen Völker in ihre Bauten, sondern nutzten sie ausschließlich für sich selbst. Der düstere Magier hatte sich selbst eine Art kleinen Tempel errichtet, von dem aus er seine Heerschar in alle Richtungen überblicken konnte. Den Rest seiner Zeit verbrachte er im Inneren, in seiner provisorischen Bibliothek und versuchte, neue Zauber der Schattenmagie zu lernen. Der Tempel bestand selbst nur aus massiven Schatten, die wahrscheinlicher sogar stabiler als die Steinbauten der Dunkelelfen waren. Im Inneren des Gebäudes herrschte tiefe Finsternis, denn der düstere Magier liebte die Dunkelheit. Wäre es anders gewesen, so hätte er wohl stattdessen Lichtmagie studiert. Er besaß auch einen kleinen Thronsaal, in dem sich ein tiefschwarzer Thron mit dunkelroten Samtpolstern befand. Auf diesem saß der düstere Magier besonders gerne. Auch jetzt, da er die Ankunft seiner Generäle erwartete, befand er sich auf seinem Thron. Doch saß er nicht gerade wie ein anmutiger Herrscher da. Ein Bein ließ er über die Seitenlehne des Throns hängen, während er mit seinem Ellenbogen an der anderen Lehne lehnte und sich mit der Wange auf seine Faust stützte. Währenddessen wartete er. Schließlich traf sein maskierter Begleiter ein und fragte:"Was ist los, wo sind denn alle?"
"Ihr seid der erste, der eingetroffen ist. Diese Arschgesichter lassen ewig auf sich warten. Ich überlege, ob ich den letzten von ihnen, der eintrifft, als Lektion für die anderen töten sollte. Was meint Ihr?"
"Ihr könnt tun, was Ihr willst. Bald wird Euch die ganze Welt gehören. Aber lasst Euch bloß nicht einfallen, Euren Teil unserer Abmachung zu vergessen und nicht zu erfüllen. Das würde Euch nicht gut bekommen."
"War das gerade eine Drohung?"
"Mithriel sharrotteia bardagashaja seo Alleyoria.", antwortete der maskierte Mann in der alten Sprache. Der düstere Magier verstand, was das zu bedeuten hatte und ließ seinen Begleiter zufrieden. Kurze Zeit später stürmte auch schon der erste General herein. Es war der Anführer der Dunkelelfen, Narbengesicht Katokuin. Er musste um die zwei Meter groß sein. Am Körper trug er eine dunkelgraue Rüstung, allerdings nur am Oberkörper und an den Beinen. Hände und Füße wurden von ledernen, braunen Stiefeln und Handschuhen geschützt. Am Rücken trug er einen langen, wallenden, gelben Umhang. In seiner rechten Hand hielt Katokuin einen großen, braunen Hirtenstab, dessen oberes Ende die Form eines umgedrehten "U" einnahm. Sein Gesicht war ungeschützt und man konnte erkennen, dass er zu den wenigen Dunkelelfen gehörte, die dunkelblaue Hautfarbe besaßen. Seine Augen funkelten gelb und er besaß kurze, schwarze Haare. Über sein Gesicht verlief, diagonal, von seinem rechten Auge bis hinunter zur linken Seite seines Kinns, eine große Narbe, die rot inmitten des blauen Teints prangte. Er stellte sich vor dem düsteren Magier und dem maskierten Mann auf und starrte beide an, ohne ein Wort zu sagen. Schließlich sprach ihn der düstere Magier an.
"Was hat da so lange gedauert, verdammt?"
"Wenn es Euch nicht passt, wie schnell ich erscheine, schlage ich vor, dass Ihr einen Blick in den Raum werft. Davon abgesehen, dass man hier mangels Lichtquelle ohnehin nicht viel erkennen wird."
"Wie war das? Habt Ihr mich gerade beleidigt?", fragte der düstere Magier außer sich.
"Wenn Ihr die Wahrheit als Beleidigung auffasst. Darüber hinaus habe ich nichts über Eure Person geäußert, lediglich über die äußeren Umstände."
"Mir gefällt Eure Arroganz nicht, Katokuin. Seht zu, dass Ihr Platz nehmt und den Mund haltet."
"Wie Ihr meint. Auf welchen der sechs freien Stühle soll ich mich setzen?" Katokuin grinste unverschämt. Er genoss es, den düsteren Magier mit der Verspätung seiner Generäle aufzuziehen. Katokuin war keine Person, die sich einen ungerechtfertigten Tadel gefallen ließ. Der Umstand, dass er dem von sich selbst überzeugten Volk der Dunkelelfen angehörte, verstärkte das Ganze noch. Somit reagierte er auf die Kommentare des Mannes, der eigentlich sein Anführer war, mit entsprechenden Erwiderungen.
"Habt Ihr eine Ahnung, wann die anderen hier auftauchen?", fragte der düstere Magier, während er sich die Hand auf die Stirn legte und den Kopf schüttelte. Er war leicht genervt.
"Keine Ahnung. Ich kümmere mich nur um mich selbst und die Dunkelelfen, die mir unterstellt sind."
"Na ganz toll. Verratet mir wenigstens, warum ich keinen verdammten Drakon bekommen habe. Stattdessen muss ich mich mit einem Möchtegern-Schafhirten herumschlagen."
"Passt lieber auf, was Ihr da sagt, Euer Kopf kann Euch schnell abfallen."
"Jetzt ist aber Schluss!", rief der maskierte Mann plötzlich. Er schien außer sich von diesem Gespräch, an dem er nicht einmal Teil genommen hatte. Doch sein Zorn war so groß, dass die beiden Streithähne auf ihn hörten und verstummten. Kurze Zeit nach diesem Vorfall platzte der zweite General in den Thronsaal. Bei ihm handelte es sich um den General der Tantan'Buskili. Seine Haut sah aus wie die eines abgemagerten Menschen, mit ungesundem, orangem Farbton. Sein gesamter Körper war so beschaffen, bis auf den Kopf. Überall konnte man durch die dünne Haut die Umrisse seiner Knochen erkennen. Aber der Kopf war das Schlimmste, denn dabei handelte es sich um den Schädel eines Widders. Zweifellos war dieses Wesen, welches noch viel größer als Katokuin, wahrscheinlich um die 2,7 Meter groß sein musste, kein Widder. Das hinderte es aber nicht daran, trotz allem einen Widderschädel als Kopf zu besitzen. Dieser war so, als ob es völlig natürlich war, mit dem Rest des Körpers verwachsen. Der Schädel sowie die Hörner besaßen jedoch keine gewöhnliche Knochenfarbe, sondern einen Grauton. Dabei waren die Hörner aber in Dunkelgrau gehalten und der Schädel in Hellgrau. Diese Gestalt war nicht der Anführer der Tantan'Buskili, aber seine rechte Hand, sowie ihr stärkster Krieger. Er nannte sich Tasto'Maior. Wenige Menschen kannten die Tantan'Buskili und es gab auch nur ausgesprochen wenige von ihnen. Aber diejenigen, die mit ihnen vertraut waren, wussten, dass diese Wesen jenen, die sie töteten, die Seelen aussaugten. Dann gelangte die Seele nicht mehr ins Jenseits, sondern war verloren und ihre Kraft wurde von dem Tantan'Buskili aufgenommen, um ihn weiter zu stärken.
"Ich bin jetzt hier.", sprach Tasto'Maior mit einer tiefen, dämonischen Stimme. Diese Wesen muteten zwar dämonisch an, waren aber keineswegs mit Luzifers Höllenbrut verwandt.
"Wird aber auch Zeit.", gab der düstere Magier von sich, während er noch immer auf seinem Thron herumlungerte. "Setzt Euch einfach irgendwohin. Und zerstört einen der Stühle. Dann hat der letzte Vollidiot, der eintrifft, keinen Sitzplatz mehr."
"In Ordnung.", sagte Tasto'Maior und zerstörte sogleich den Stuhl zu seiner Rechten, bevor er auf jenem zu seiner Linken Platz nahm. Die Stühle waren um einen kleinen Tisch einige Meter vom Thron entfernt aufgestellt. Katokuin saß dort gelangweilt und als sich nun Tasto'Maior dazugesellte, gab er ein einfaches "Alles klar?" von sich. Doch auch der Tantan'Buskili war sehr gesprächig. "Ja, bei Euch auch?"
"In der Tat.", erwiderte Katokuin. Dann kramte er in einem Stoffbeutel herum, den er an seinem braunen Gürtel trug. Schließlich zog er eine Walnuss heraus und legte sie auf den Tisch. Tasto'Maior blickte interessiert darauf, doch dann wurde sie vor seinen Augen von Katokuins Stab entzweigeschlagen. Dann schnappte sich das Narbengesicht das Innere und aß es auf. Anschließend lehnte er sich zurück und entspannte sich.
"Könnt Ihr das wohl unterlassen?", fragte der düstere Magier zornig. Der Tisch war ihm eigentlich egal, doch der Lärm machte ihn nervös.
"Mein Fehler. Ich werde die Nüsse ab jetzt mit meiner Faust knacken.", gab Katokuin von sich. Dann schnappte er sich noch eine Walnuss aus dem Beutel und drückte mit der Faust so heftig zu, dass man ein lautes Knacken im Raum hören konnte. Auch das hatte dem düsteren Magier nicht behagt. Er spielte schon mit dem Gedanken, den als Ersten erschienen General zu töten. Aber dann konnte er nicht den letzten bestrafen, denn dann wären es nur noch vier von ihnen gewesen. Plötzlich wurde die Tür aus Schatten, die in den Thronsaal führte, so heftig aufgestoßen, dass sie gegen die Wand krachte. Auch dieser Lärm war für den düsteren Magier nicht zumutbar. Aber er ignorierte das, denn der in seinen Augen wertvollste General war gerade eingetreten. Fröthljif, der blaue Troll, stand inmitten des Thronsaals. Er besaß ein Schweinsgesicht mit großen Stoßzähnen. Seine Augen leuchteten gelb, so wie die von Katokuin. An seinem muskulösen, braungrauen Körper trug er eine Rüstung aus Knochen, Stoff und Leder. Diese drei Komponenten waren scheinbar nach dem Zufallsprinzip zu einzelnen Rüstungsteilen kombiniert worden. Allerdings hatten sie alle etwas gemeinsam: Jedes Teil von Fröthljifs Kleidung besaß eine blaue Farbe. Diese Farbe konnte man sonst bei keinem Troll antreffen. Die meisten begnügten sich mit den braunen Lederklüften oder dunkelgrauen Rüstungen. Manche Trolle wollten aber eine etwas persönlichere Rüstung, damit sie unverwechselbar wurden. Fröthljif war so ein Troll. Auf seinem Rücken trug er einen großen Kriegshammer, gefertigt aus Knochen. Der Kopf des Hammers bestand allem Anschein nach aus dem Schädel eines Bären. Zweifellos konnte Fröthljif Bären mit bloßen Fäusten erlegen, denn Trolle waren unnatürlich stark. Dagegen konnte kein Tier gewinnen.
"Bin zu spät, Tschuldigung.", sagte Fröthljif knapp und setzte sich dann auf einen freien Stuhl.
"Endlich mal einer, der sich für seinen Fehler entschuldigen kann.", tönte der düstere Magier. Er war mit Fröthljif sehr zufrieden. "Nehmt Euch ein Beispiel an ihm!"
Sofort danach öffnete sich die Tür wie von Geisterhand und ein seltsames Wesen flog hindurch. Es schwebte und war praktisch ein gigantischer Kopf mit vier Gesichtern. Auf jeder Seite befand sich ein Gesicht und zwischen den einzelnen Gesichtern besaß der Kopf scharfe Spitzen und Stacheln. Die gesamte Hautfarbe des Wesens war ein sehr dunkles, schimmerndes Blau. Ohne Zweifel war dies der General der Untoten, den der düstere Magier den Leuten der goldenen Stadt als Kastill beschrieben hatte. Jedes Gesicht des Kastills zeigte eine andere Art von Untoten. Es gab das Skelettgesicht, das verfaulende Ghulgesicht, das ätherische Geistergesicht mit menschlichem Aussehen, aber ohne Materie und das mächtigste, das Lichgesicht. Die Lichs waren die mächtigsten Untoten, die existierten. Auch der Prinz der Untoten war in Gestalt eines Lichs zurückgekehrt. Für gewöhnlich musste man sehr mächtig sein und große Kräfte besitzen, um als Lich zurückzukehren. Der Körper eines Lichs wies grundsätzlich die geringsten Verfaulungsmerkmale auf, so auch das Lichgesicht des Kastills, das noch sehr gut erhalten war, dessen Augen jedoch in einem sehr ungesunden Giftgrün leuchteten. Der Kastill war eine ungefähre Kugel mit dem Durchmesser der Größe des düsteren Magiers. Da er auf Höhe von 1,5 Metern in der Luft schwebte, wirkte der Kastill noch viel größer. Er gab nur ein Zischen von sich und schwebte dann über einem freien Stuhl. Nun blieb nur noch ein Stuhl für die letzten beiden Generäle übrig. Wer würde zuerst erscheinen? Schließlich trat nach einer weiteren Viertelstunde Wartezeit, die für alle Anwesenden lästig war, General Spitzhacke ein. Er war ein groß gewachsener, muskulöser Mann mit kurzem, schwarzem Haar. Von Rüstungen schien er nichts zu halten, denn er trug nur ein braunes Hemd, eine violette Hose und schwarze Stiefel. Doch das Verstörendste an ihm war definitiv sein Arm. Man mochte sich fragen, warum er General Spitzhacke hieß, doch bei einem Blick auf ihn, wusste ein jeder Bescheid. Statt seines rechten Arms besaß er nämlich an seinen Oberarm anschließend eine Spitzhacke mit hölzernem Schaft und matter, schwarzer Hacke. Wie man es von einem menschlichen Räuber, Söldner oder Dieb gewohnt war, die er ja alle anführte, gab er einen extra dämlichen Spruch von sich, der allen Anwesenden nur höllisch auf die Nerven ging.
"Was ist denn hier los, sind wir hier bei einer Beerdigung oder was soll die Trauerstimmung?"
"Wenn Ihr Euch nicht hinsetzt und still seid, wird es noch Eure Beerdigung.", sagte der düstere Magier ruhig und leise, aber mit spürbarem Zorn hinter der Anmerkung. General Spitzhacke gehorchte. Nun blieb nur noch ein General übrig, der fehlte.
"Verdammt, wo ist dieser Haufen Schrott von den Machuv'Thal. Ich bringe ihn um." Der düstere Magier erhob sich vom Thron. "Ich bringe ihn um!", rief er nun laut. Alle blickten ihn an. Schließlich öffnete sich die Tür ein letztes Mal. Eine normalgroße Gestalt mit humanoiden Proportionen, aber vollkommen aus Kupfer bestehend, trat ein. Die Gestalt besaß große, runde Schulterplatten, die jeweils einen nach Innen gebogenen Stachel besaßen. Am Kopf trug das Wesen einen Helm, dessen Spitze sich wie ein kleiner Turm erhob und schließlich in einer V-förmigen Formation endete. Während die Hände der Gestalt aus spitzen, scharfen Stacheln als Fingern bestanden, befanden sich die Beine wie standhafte Säulen auf dem Boden. Zwischen Beinen und Füßen gab es hier keine Abtrennung, sie gingen einfach ineinander über und waren nur Teil der Säulen. Vom Beginn der Beine bis zum Boden dehnten sich diese säulenartigen Konstrukte ein wenig aus. Im Gesicht sah das Wesen so aus, wie ein Mensch, jedoch besaß es nur die Kupferfarbe und nichts Anderes. Lediglich die Augen leuchteten in einem satten Blau. Der Körper des Wesens war teilweise mit schönen Verzierungen überzogen. Da stand er nun, der letzte General. Der düstere Magier ging auf ihn zu und wollte schon damit beginnen, ihn anzugreifen. Dann begann der General der Machuv'Thal zu sprechen.
"Kiostos, seines Zeichens Kupfergeneral, meldet sich hiermit zum Dienst. Ich bin bereit, Euch zu dienen. Wie lauten Eure Befehle?"
"Meine Befehle?!", schrie der düstere Magier sofort. Er ignorierte, dass sich der Kupfergeneral formal und vollkommen angemessen gemeldet hatte.
"Was hat so lange gedauert, dass Ihr nicht früher auftauchen konntet?"
"Verzeiht, aber es ging nicht schneller. Die Wolfram-Armee ist nicht die schnellste Delegation der Machuv'Thal. Dafür sind sie aber sehr widerstandsfähig und umso mächtiger. Also, Eure Befehle?"
"Mein Befehl lautet: Tötet Euch selbst. Dann muss ich das nicht tun. Na los, worauf wartet Ihr?"
"So, das ist also der Dank dafür? Ich reise mit einem Großteil unserer Delegation den ganzen weiten Weg von Gentrav hierher und dann muss ich mir Wutausbrüche anhören, wie von einem kleinen Kind. Lernt erst einmal, zu akzeptieren, dass nicht alles nach Euren Vorstellungen laufen kann, Bürschchen. Dann könnt Ihr ja noch einmal versuchen, die Machuv'Thal um Hilfe zu bitten. Was mich angeht, ich werde Kaiser Hirion Bescheid sagen, wie lausig Ihr sein Volk behandelt und wie wenig Ihr seine Geste zu schätzen wisst. Die anderen Machuv'Thal, die später eingetroffen wären, werde ich ebenfalls informieren, dass sie sich den Weg sparen können. Euch ist hoffentlich bewusst, dass unser Kaiser Hirion das mächtigste Wesen auf der Erde ist. Wenn auch Ihr das endlich verstanden habt, wird Euch vielleicht klar, was für einen kolossalen Fehler Ihr gerade begangen habt. Möge Euch Eure Arroganz im Halse stecken bleiben."
"Schön, dann verschwindet doch! Ich brauche Euresgleichen nicht! Sagt Hirion ruhig, dass ich auf seine verfluchte Armee scheiße! Ich erobere die goldene Stadt auch ohne euch Machuv'Thal. Also los, verpiss dich, Knecht!"
Kiostos würdigte den düsteren Magier nicht einmal mehr eines Blickes und verließ einfach den Raum. Anschließend zogen die 10 000 Wolframkrieger ab, die er bisher mitgebracht hatte. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich die maximale Größe der Armee des düsteren Magiers von 75 000 auf 50 000 verringert. Als er sich schließlich beruhigt hatte, erkannte er, was er eigentlich getan hatte.
"Verdammt, das ist nicht gut. Jetzt ist meine Armee um ein Drittel geschrumpft. So eine Scheiße!" Der düstere Magier sprang wütend in der Luft herum und trat gegen seinen Thron, während die verbliebenen Generäle ihm dabei zusahen. Schließlich sprach Katokuin:"Wir können trotzdem noch gewinnen. Wer braucht denn schon diese metallenen Spinner? Die sind doch überflüssig. Wir Dunkelelfen werden Euch zum Sieg verhelfen."
"Ist das Euer Ernst?", fragte der düstere Magier hoffnungsvoll.
"Ja, das ist es. Auch wenn wir beide uns nicht gut verstehen, so bin ich dennoch Teil Eurer Armee und einer Eurer Generäle. Und ich kenne meinen Auftrag. Er lautet, meine Dunkelelfen als Teil Eurer Armee zum Sieg zu führen. Wenn ich dabei versagen würde, wäre mein Meister sicher nicht erfreut. Deshalb werde ich alles geben und ich bin überzeugt, alle anderen hier werden ähnlich verfahren. Richtig?"
Alle anderen stimmten mit einem lauten "Aye!" ein. Das heiterte den düsteren Magier auf. Er begann nun, zu glauben, dass er auch mit lediglich 50 000 Kriegern und fünf Generälen siegreich sein konnte. Dann machte er sich eben ein wenig selbst die Finger schmutzig. Besser, als zu verlieren. Seine Stimmung hellte sich wieder auf und er wurde zuversichtlich, dass ihm der Sieg schon bevorstand.
"Wer braucht schon die Machuv'Thal. Ich werde Hirion eigenhändig töten, sobald Anthem Gows mir gehört."
Kapitel III: Der Herzanfall
Marlene hetzte Julian durch die verschiedensten Gassen Erudicors. Es war teilweise wirklich schwer für ihn, ihr zu folgen. Erst gestern hatte er um sein Leben rennen müssen, nun musste er das schon wieder tun, denn wenn er Marlene aus den Augen verlor und ihr etwas zustieß, würde sein Leben ebenso enden. Doch egal, wohin sie gingen oder eher liefen, überall hielt die goldene Stadt ihrem Motto stand. Denn jedes einzelne Dach, und war es noch so klein, bestand aus purem Gold. Das war selbst in den herunter gekommensten Gassen der Stadt noch ein schöner Anblick. So sah Julian einiges aus der Altstadt Erudicors. Diese war selbst so groß, dass man kaum alles an einem Tag erkunden konnte. In die äußeren Bereiche der goldenen Stadt, die sich immer weiter hin zur Mauer erstreckten, hätten sie es nie geschafft. Dafür war die Stadt einfach zu groß. Daher begnügte sich Marlene damit, Julian die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Altstadt zu zeigen. Er wurde von ihr durch den riesigen Marktplatz manövriert, folgte ihr, vorbei am großen, goldenen Theater und durch die wunderschönen Stadtgärten. Dort bestanden die Mauern, die einzelne Teile der Gärten abtrennten, ebenfalls aus Gold. Irgendwann fanden sich die beiden im kulinarischen Viertel der Altstadt wieder, in dem sich besonders viele Tavernen, Restaurants und andere Örtlichkeiten zum Konsum von Speis und Trank befanden. Auch dort lief Marlene zielsicher in eine Richtung. Schließlich betrat sie ein sehr großes Gasthaus mit riesigem Schild. Darauf stand geschrieben "Zum Goldhaus". Julian fragte Marlene, was sie hier wollte.
"Du wolltest doch etwas essen, oder nicht?"
"Ja, das ist schon richtig. Aber seid Ihr sicher, dass das hier der richtige Ort für ein ausgiebiges Frühstück ist?"
"Das Goldhaus ist der richtige Ort für so ziemlich alles. Es ist das älteste Restaurant der Stadt und existiert schon seit Anbeginn Erudicors. Ach, und noch etwas: Wenn wir unter uns sind und keine Wachen zuhören, können wir die Förmlichkeiten weglassen. Alles klar, Julian?"
"Na schön, wenn du das so willst. Aber warum spielst du den Wachen denn etwas vor?"
"Weil ich eines Tages ihre Kaiserin sein werde. Und sie sollen gefälligst machen, was ich sage. Da kann ich nicht allzu offen mit Fremden kommunizieren."
"Du wirst bestimmt mal eine sehr zielstrebige Kaiserin. Hoffentlich dauert es aber noch lange, bis du an der Reihe bist."
"Was soll das heißen?", fauchte ihn Marlene an. "Willst du sagen, dass ich doch keine gute Kaiserin wäre?"
"Nein, aber ich hoffe, dass dein Vater noch lange Kaiser bleibt. Ich mag ihn und er scheint mir ein sehr gerechter und freundlicher Herrscher zu sein."
"Ach, so meinst du das. Ja, da hast du Recht. Vater weiß, wie man ein Kaiserreich regiert. Das kann auch nicht jeder von sich behaupten. Kommst du jetzt rein oder nicht? Hier im Goldhaus gibt es das beste Essen der Stadt, ungelogen."
"Wenn das wirklich wahr ist und sogar die Kaiserstochter das Essen empfiehlt, muss ich es wohl probieren."
"Ja, aber sag das nicht so laut. Sonst kommt noch so ein heller Kopf auf die Idee, dass ich Unmengen an Gold mit mir herumschleppe. Verstanden?"
"Ja, natürlich, entschuldige. Ich habe kurz vergessen, dass ich ja auf dich aufpassen soll."
"Schon gut, komm jetzt."
Dann betraten sie das älteste Restaurant von Erudicor. Im Inneren war es düster, wie in einer Taverne und es gab auch eine Bar wie in einer Taverne. Die meisten Tische und Stühle bestanden aus Holz, welches uralt wirkte. Obgleich es erst früh am Morgen war, saßen schon viele Leute im "Zum Goldhaus" und beinahe das gesamte Etablissement war bereits voll. Doch Julian und Marlene fanden noch einen Tisch an der Wand rechts vom Eingang. Die meisten Tische waren entlang der Wände aufgestellt und in der Mitte befand sich ein riesiger Bereich, der Bar und Küche in einem darstellte. An der Bar war alles offen, doch an der hinteren Seite, wo sich die Küche befand, versperrten Mauern einem die Sicht. Julian und Marlene nahmen am zweiten Tisch rechts vom Eingang Platz. Dahinter war noch ein Tisch frei und ganz in der Ecke saß ein großer Mann mit grünem Umhang für sich. Schließlich erschien der Kellner, händigte beiden hölzerne Speisekarten aus und sprach:"Willkommen im "Zum Goldhaus". Was wünscht Ihr zu trinken? Das heutige Tagesgericht ist ein Wildschweinbraten. Dafür wurden extra Wildschweine aus den hiesigen Wäldern östlich der Stadt gefangen. Ihr Fleisch ist besonders zart. Serviert wird der Braten in einer herzhaften Sauce mit Kartoffelkroketten und Preiselbeeren. Allerdings muss ich Euch sagen, dass es das Tagesgericht erst ab 11:00 Uhr gibt. Ihr könnt es aber gerne vorbestellen."
"Das klingt doch gut, ich möchte den Braten vorbestellen.", sagte Julian.
"Sehr wohl. Für die Dame ebenfalls?"
"Ich bin ein kleines Mädchen, du Speichellecker. Und nein, ich will keinen Wildschweinbraten. Eher würde ich kotzen. Ich möchte den süßesten Kuchen, den Ihr im Moment habt und dazu noch ein Glas voll Kirschmarmelade. Und zu trinken kalte Milch. Verstanden?"
"Du bist ein ganz schön freches, kleines Ding. Aber ja, ich habe verstanden. Was wünscht der Herr?"
"Keine Ahnung, was ist denn hier die Spezialität, wenn's um Frühstück geht?"
"Nun, besonders beliebt ist unsere Frühstückspfanne. Sie beinhaltet vier Spiegeleier, drei Streifen feinsten Bauchspeck und vier Stück Magerschinken. Dazu gibt es noch ein Stück Roggenbrot und als besondere Empfehlung von mir einen Krug frisch gepressten Orangensaft als Getränk."
"Das klingt großartig, genau das möchte ich bitte."
"Sehr wohl, ausgezeichnete Wahl."
Der Kellner entfernte sich. Marlene fing sogleich an, sich über ihn zu beschweren.
"Der hat vielleicht Nerven. Jeder im Goldhaus kennt mich mittlerweile, er muss wohl neu sein."
"Hättest du ihm dann nicht vielleicht sagen sollen, dass du die erstgeborene Tochter des Kaisers bist?"
"Nein, das kann noch lustig werden. Sobald er mich beschimpft, kann ich ihn fertig machen, wenn ich ihm meine wahre Identität enthülle." Marlene grinste schadenfroh.
"Aber das ist doch nicht gerecht. Wenn er wüsste, wer du bist, würde er den Boden küssen, auf dem du wanderst. Und nachdem wir heute schon an so vielen Orten waren, hätte er da einiges zu tun."
"Ja, du hast ja Recht. Dennoch will ich sehen, ob er irgendwann von selbst erkennt, wer da vor ihm sitzt. Vielleicht beschwere ich mich über das Frühstück."
"Es ist immer besonders taktvoll, Leute zu bestrafen, die sich bemühen.", hallte eine Stimme zu den beiden hinüber. Das musste der seltsame Mann in grünem Umhang gewesen sein.
"Was war das?", fragte Marlene sofort laut nach und erwartete sogleich eine Antwort. Doch sie bekam keine. Also hakte sie nach. "Wenn Ihr ein Problem mit mir habt, dann kommt doch her und sagt es mir ins Gesicht."
"Bist du wahnsinnig?!", fragte Julian sie aufgebracht, doch mit mäßiger Stimme. "Ich soll auf dich aufpassen, aber du kannst nicht einfach Fremde anpöbeln. Du bist nicht unbesiegbar, du bist nur ein kleines Mädchen."
"Ach was, dem Lackaffen könnte ich trotzdem in den Arsch treten."
"Davon gehe ich aus.", gab der Fremde im grünen Umhang nun von sich.
"Dann kommt doch her, ich warte.", antwortete Marlene. Julian versuchte indessen, sie zurückzuhalten.
Klack. Klack. Klack. Klack. Die Stadtwache des Osttores wurde indessen wieder einmal Zeuge einer seltsamen Begegnung. Denn ein Mann in weinroter Plattenrüstung stapfte mit laut hallenden Schritten immer näher auf das Osttor zu. Klack. Klack. Er trug am ganzen Körper diese sehr stabile Rüstung, außer an seinen Füßen. Dort trug er spitze, rote Lederschuhe. Sie besaßen niedrige Absätze, welche aus Metall waren. Daher kam auch der Lärm beim Auftreten. Klack. Klack. An der Hüfte hatte der Mann ein dunkelgraues Schwert befestigt, welches stark glänzte und Licht spiegelte. Es besaß keinen Parierschutz, aber einen Griff in der Form eines Herzens. Auch der rote Umhang, den er trug, besaß eine Herzform. An den beiden Halbkreisen des Herzens war der Umhang an seinen Schultern befestigt und auf Höhe seiner Unterschenkel endete er in der Spitze des Herzens. Der Mann besaß rötliches Haar und sehr dunkle, braune Augen. Klack. Klack. Die beiden Wachen, die Dave und Enrique von ihrer Schicht abgelöst hatten, blickten verdutzt drein und wussten nicht, was sie von dieser Gestalt halten sollten. Schließlich hatte der Fremde die Wachen und das Tor erreicht.
"Halt. Keinen Schritt weiter. Wer seid Ihr?", fragte die eine Wache.
"Wer ich bin, ist unwichtig. Wichtig ist nur Folgendes: Ich bin auf der Durchreise, habe Hunger und werde jetzt hier, in Erudicor, etwas essen. Wenn Ihr mich aufhalten wollt, muss ich Euch töten. Aber das wäre nur eine Verschwendung meiner Zeit und Eures Lebens. Also, lasst Ihr mich durch?"
"Wieso wollt Ihr gerade in der goldenen Stadt essen?", fragte die andere Wache.
"Weil ich aus Erfahrung weiß, dass das "Zum Goldhaus" die besten Gerichte in ganz Anthem Gows serviert. Auf diese köstliche Erfahrung möchte ich beim besten Willen nicht verzichten, wenn ich schon in der Nähe bin. Kann ich nun durch?"
Die beiden Wachen sahen einander an und kommunizierten kurz mit Blicken. Schließlich sprach der eine:"Na schön, Ihr könnt hinein. Aber macht ja keinen Ärger."
"Sicher nicht, ich bin ein vernünftiger Mann.", antwortete der Fremde und schritt schon bald hallenden Schrittes durch das geöffnete Tor. Klack. Klack. Klack.
Indessen war Julians und Marlenes Frühstück serviert worden. Während Julian diese Köstlichkeit erst einmal begreifen musste, schmierte sich Marlene so viel Kirschmarmelade, wie sie konnte, auf ein Stück des süßen Kuchens nach dem anderen. Es handelte sich um einen Kuchen aus einer rechteckigen Form, durchsetzt mit kleinen Schokoladenstückchen. Jedem normalen Menschen hätte der Kuchen genügt, doch nicht Marlene. Sie wollte unbedingt noch Unmengen an Marmelade darauf haben. Das Glas Milch, das ihr der Kellner gebracht hatte, hatte sie auch mit einem Schluck geleert. Julian brauchte da schon etwas länger, um den ganzen Krug an Orangensaft auszutrinken. Schließlich nahm sich Marlene einfach auch was vom Orangensaft.
"Was machst du da?", fragte Julian, während er gerade die Hälfte eines Spiegeleis mit einem Blatt Magerschinken verschlang.
"Ich nehme mir den Orangensaft, was sonst?"
"Das ist aber meiner.", gab Julian schmatzend von sich.
"Lern erst einmal, wie man vor einer Prinzessin isst."
"Du kannst dir doch auch noch etwas bestellen."
"Damit dieser stümperhafte Kellner länger als notwendig in meiner Gegenwart ist?"
"Was hast du gegen ihn, er hat doch alles richtig gemacht?"
"Jetzt habe ich aber genug.", sagte plötzlich der Kellner, der gerade vorbei gegangen war, als Marlene ihn beleidigt hatte."Was gibt dir kleinen Göre das Recht, so über mich zu reden?"
"Wisst Ihr eigentlich, wer ich bin?", fragte Marlene herausfordernd. Sie wollte den Kellner in ihre Falle tappen lassen. Dann würde sie ihn zur Sau machen.
"Wer auch immer du bist, dein Benehmen gefällt mir gar nicht. Wollt Ihr nicht etwas dagegen unternehmen?", fragte der Kellner Julian mit erwartungsvollem Blick.
"Das ist nicht mein Problem.", antwortete er schlicht.
"Ich mache es aber zu Eurem Problem. Ihr seid mit ihr hergekommen. Es ist mir egal, ob sie Eure Schwester, Tochter oder ein entführtes Kind aus der Gosse ist, aber schafft sie hier heraus, sofort!"
"Sehe ich etwa aus, wie jemand, der Kinder entführt?", fragte Julian aufgebracht. "Der Kellner ist wirklich ein Arsch", dachte er sich.
"Siehst du, der kann sich nicht beherrschen.", sagte Marlene zu Julian. "Hau ihm eins in die Fresse!"
Obwohl er Marlenes Rat nicht befolgen wollte, erhob er sich vom Tisch und stellte sich dem Kellner gegenüber. Dieser besaß dieselbe Statur wie Julian. Es war schwer zu sagen, wer bei einem Kampf wohl gewinnen würde. Marlene fand das alles mehr als belustigend und feuerte Julian schon an. Plötzlich hallte wieder die Stimme des Fremden im grünen Umhang herüber:"Muss ich jetzt wirklich aufstehen?"
"Ihr müsst gar nichts. Bleibt einfach sitzen.", rief Marlene ihm zu.
"Geht jetzt sofort oder ich rufe die Stadtwache.", sagte der Kellner. "Ich werde an meinem ersten Tag keine Schlägerei mit einem Gast beginnen."
"Sein erster Tag? Hahaha." Marlene konnte sich nicht mehr halten und fiel von ihrem Stuhl. Die ganze Zeit war sie schon darauf herumgesprungen, während sie auf den Beginn der Prügelei gewartet hatte. Doch nun hatte sie sich nicht mehr im Griff, verlor das Gleichgewicht und schlug am Boden auf. Als sie sich aufrichtete, schrie sie schmerzvoll auf und sagte:"Aua, mein Rücken ist verrissen." Dann begann sie, zu weinen. Sie war schließlich nur ein elfjähriges Mädchen.
"Ganz ruhig, Marlene, das wird schon wieder.", sagte Julian. Er ging zu ihr und half ihr auf. Dann ließ er sie sich wieder auf den Stuhl setzen. Der Kellner war nun sehr hilfsbereit und half mit. Anschließend fragte er Julian:"Sagtet Ihr gerade Marlene? Etwa Marlene, die erstgeborene Tochter von Kaiser Theron? Bitte sagt mir, dass das nicht dieses Mädchen ist."
"Nun ja, leider doch."
"Oh Gott, dafür werde ich so was von gehängt. Ich bin schuld daran, dass sich Kaiser Therons Erstgeborene verletzt hat. Bitte, Prinzesin Marlene, vergebt mir. Es tut mir furchtbar leid. Hättet Ihr mir doch nur gesagt, dass Ihr es seid."
Marlene hatte sich wieder ein bisschen beruhigt. Sie sah den Kellner an und sagte:"Ist schon gut. Das war meine Schuld. Euch trifft auch keine Schuld für meinen Sturz. Julian, zahl bei ihm und lass uns dann gehen. Der Hofarzt meines Vaters wird sich meinen Rücken ansehen müssen."
"In Ordnung. Wie viel kostet das alles?", fragte Julian den Kellner.
"Oh bitte, das geht aufs Haus. Wenn Ihr denn wollt, so würde ich mich geehrt fühlen, wenn Ihr uns wieder beehrt."
"Nein, wir bezahlen.", sagte Marlene bestimmt. "Wie viel?"
"Wenn Ihr es wünscht, Prinzessin. Das sind dann insgesamt 200 Silberlinge oder 2 Goldstücke."
"Was für ein Wucher.", sagte Julian. Dann kramte er in dem Beutel, den ihm Theodor zuvor ausgehändigt hatte. Darin befanden sich gerade einmal 30 Silberlinge. Wo auch immer Theodor angenommen hatte, dass Julian essen würde, es war definitiv nicht im "Zum Goldhaus". Marlene zog plötzlich drei Goldstücke hervor und überreichte sie dem Kellner. "Hier bitte. Behaltet das dritte, für Eure Mühen."
"Das ist sehr freundlich von Euch, Prinzessin. Ich danke Euch."
"Hoffentlich seid Ihr noch lange dabei, Ihr macht Eure Arbeit hier wirklich gut.", antwortete Marlene.
Dann wollten sie gerade gehen, als plötzlich der seltsame Fremde in weinroter Rüstung eintrat.
"Ich grüße Euch alle. Wo kann ich hier bestellen? Kellner, hierher!"
Der Kellner sah ihn an und fragte:"Was wollt Ihr?"
"Ich will etwas zu essen haben, aber sofort!"
"Was darf es sein? Wollt Ihr Euch nicht erst einmal setzen?"
"Setzen? Na schön, wenn Ihr darauf besteht."
"Wie es Euch beliebt, Herr. Ihr seid der Gast."
"Ich bin der Gast? Echt? Ich dachte, ich wäre der Eigentümer. Idiot. Bring mir schon zwei große Krüge voll Bier und schnell."
Der Fremde war allen im Restaurant sofort unsympathisch. Der Mann im grünen Umhang schien aufzuhorchen. Während sich der Fremde an einen freien Tisch an der linken Wand vom Eingang aus setzte, brachte der Kellner ihm die zwei Krüge voll Bier.
"Bitte, mein Herr. Was darf es noch sein?"
"Gibt es irgendetwas, das Ihr empfehlen könnt?"
"Heute haben wir Wildschweinbraten als Tagesgericht. Serviert in herzhafter..."
"Jaja, schon gut. Den nehm' ich. Aber auch den schnell, dass das klar ist."
"Verzeiht, Herr, aber das Tagesgericht gibt es erst ab 11:00 Uhr. Ihr könnt es aber gerne vorbestellen. Dann seid Ihr einer der ersten, die es bekommen. Neben den beiden Herrschaften hier drüben und dem jungen Mann dort." Bei den letzten Worten zeigte der Kellner auf Julian. Er hatte über seinen Streit mit dem Kellner ganz vergessen, dass er ja einen Wildschweinbraten vorbestellt hatte. Er und Marlene standen noch immer im Restaurant und beobachteten, was der Fremde sich noch alles erlaubte. Julian hatte ein ungutes Gefühl bei ihm. Ähnlich wie beim düsteren Magier.
"Soso, ich bekomme das Tagesgericht also erst ab 11:00 Uhr. Na dann..."
"Das habe ich gerade gesagt. Seid Ihr beschränkt oder so?", fragte der Kellner.
"Also ganz ehrlich, diskret ist er nicht gerade.", sagte Marlene zu Julian.
"Was war das gerade?", fragte der Fremde. "Wenn Ihr mich beleidigen wollt, dann habt wenigstens die Eier und seht mir in die Augen."
"Aber ich habe Euch in die Augen gesehen.", rechtfertigte sich der Kellner, der die Wahrheit sprach. Er mochte unhöflich sein, doch nur, wenn ein Gast sich zu sehr auf seinen Status als Gast bezog und das ausnutzte.
"Ach wirklich, Ihr habt mir in die Augen gesehen. Soso. Wirklich interessant."
Der Kellner konnte sich kaum noch halten. Schließlich tat Julian etwas, womit er selbst nicht gerechnet hatte. Er zog das Schwert, das ihm Theodor ausgeliehen hatte. Es besaß eine scharfe, violette Klinge und einen goldenen Griff. Der Fremde hatte das sogleich bemerkt. Julian rief:"Wenn Ihr hier Ärger machen wollt, müsst Ihr erst an mir vorbei."
"Ich will Ärger machen?", fragte der Fremde. "Denkt Ihr das?"
"Das ist doch offensichtlich. Ihr ärgert den Kellner nur so lange, bis er die Beherrschung verliert. Jeder hier hätte Euch an seiner Stelle schon lange einen Schlag in Euer dämliches Gesicht verpasst."
Obgleich er sich zwar etwas dämlich präsentierte, besaß der Fremde ein sehr attraktives Gesicht. Doch zweifellos hatte Julian das nur gesagt, um die volle Aufmerksamkeit des Fremden zu bekommen.
"Ihr wollt also Streit, ja?", fragte der Fremde. "Dann erlaubt mir, mich vorzustellen. Ich bin der Herzritter und meine Feinde können leider keine Geschichten über mich erzählen, da ich sie alle getötet habe. Scheinbar habe ich einen neuen Feind gefunden." Nun zog er sein Schwert mit dem Herzgriff.
"Der Herzritter? Sollte ich Euch kennen?", fragte Julian. Er ließ sich nicht einschüchtern. Dieser Mann wirkte zwar wesentlich muskulöser als der Kellner, aber immerhin besaß Julian ja ein Schwert.
"Es ist sicher hilfreich, seinen Mörder im Gedächtnis zu behalten."
"Noch bin ich nicht tot."
"Aber das seid Ihr bald schon!", rief der Herzritter und schoss plötzlich auf Julian zu. So schnell konnte er gar nicht reagieren, da hatte er sich schon seinen Weg durch den Raum gebahnt und auf Julian eingeschlagen. Doch die Klinge hatte Julian nicht erreicht. Denn der große Mann im grünen Umhang war aufgestanden und hatte den Angriff abgewehrt.
"Verschwindet von hier.", sagte er dem Herzritter bestimmt.
"Wer seid Ihr denn? Ihr seht total bescheuert aus."
Der Mann im grünen Umhang besaß wirklich eine eigene Erscheinung. Seine Handschuhe und Stiefel bestanden beide aus orangem Leder, sein grüner Umhang besaß an der Innenseite eine gelbe Farbe, durch die sich ein Feld von diagonalen, schwarzen Linien in zwei sich kreuzende Richtungen zog. Ansonsten trug er eine Kettenrüstung und hielt nun eine große Doppelaxt in Händen. Sein braunes Haar und seine braunen Augen besaßen dieselbe Farbe. Er musste um die zwei Meter groß sein. Der Herzritter ließ sich dennoch nicht beeindrucken. Er schoss wie ein Windstoß durch das Restaurant und kehrte immer wieder zum Unbekannten und zu Julian zurück. Doch ganz egal, wen von beiden er angriff, der Mann im grünen Umhang wehrte alle Schläge ab. Dann sprach er:"Hört sofort auf, oder ich muss Euch töten."
"Ihr wollt mich töten? Mich töten, soso. Dann versucht es doch."
Der Mann im grünen Umhang steckte seine Axt weg. Dann schien er sich zu konzentrieren. Anschließend sagte er:"Wenn Ihr mich mit Eurem Schwert treffen könnt, habt Ihr gewonnen."
"Das ist doch wohl ein Witz?" Dann schoss der Herzritter vor in Richtung des Unbekannten. Währenddessen rief er:"Verreckt an meiner..." Doch mitten im Satz brach er ab, blieb auf der Stelle stehen und griff sich an die Brust.
"Was zum...das kann nicht...mein Herz..."
Dann fiel der Herzritter auf die Knie und bald darauf küsste sein Gesicht den Fußboden. Der Herzritter war offenbar an einem Herzinfarkt gestorben. Alle im Restaurant, auch der Unbekannte, blickten erstaunt auf den toten Mann am Boden.
"Was zur Hölle war das denn?", fragte Julian, der als erster Worte fand.
"Er hatte eine Herzattacke?", fragte Marlene.
"Das geschieht ihm recht.", gab der Kellner von sich.
"Habt...habt Ihr das getan?", fragte Julian den Fremden.
"Nein, ich wollte ihn mit meiner Faust bewusstlos schlagen. Das war wohl wirklich er selbst. Erstaunlich, dass er gerade in einer solchen Situation einen Herzanfall bekam. Unpassender hätte es nun wirklich nicht sein können. Ich bin nur froh, dass niemand verletzt wurde. Es geht doch allen gut, oder?"
Alle im "Zum Goldhaus" gaben ein lautes "Ja" von sich.
"Sehr schön, dann habe ich meine Aufgabe hier wohl erfüllt."
"Wer seid Ihr eigentlich?", fragte Marlene den Unbekannten schließlich.
"Mein Name ist Beatron. Ich bin mit meinem Gefährten auf der Durchreise."
"Aber Ihr seid doch ganz alleine?", fragte Marlene sofort.
"Das stimmt, aber mein Gefährte sollte bald hierher nachkommen."
"Ihr seid der Beatron? Der Held des Westens, von dem ich schon so viel gehört habe?", fragte Julian fasziniert.
"Ja, so nennen mich die Leute für gewöhnlich. Ich versuche, diesem Titel gerecht zu werden."
"Es ist mir eine große Ehre, Euch persönlich zu begegnen. Mein Name ist Julian. Wer hätte gedacht, dass ich einmal dem größten Helden aller Zeiten persönlich gegenüberstehen würde."
"Bitte, das ist wirklich übertrieben. Ich habe nicht ansatzweise so viel Heldenhaftes getan, wie mir nachgesagt wird."
"Ich denke schon, sonst würde sich Euer Ruf nicht über die ganze Welt und darüber hinaus verbreiten. Da fällt mir gerade etwas ein. Habt Ihr in nächster Zeit etwas sehr Dringliches oder Wichtiges zu erledigen?"
"Nein, nicht wirklich. Warum fragt Ihr, Julian?"
"Weil hier vor gar nicht langer Zeit ein Mann, der sich düsterer Magier nennt, gedroht hat, dass er bald mit seiner 75 000 Mann starken Armee die goldene Stadt angreifen wird. Nun versuchen wir, möglichst viel Unterstützung für die bevorstehende Schlacht zu bekommen. Wir wissen leider nicht, wann er angreifen wird, aber es könnte jederzeit passieren. Wenn Ihr uns helfen könntet, Beatron, dann wären wir sicher allein mit Euch bereits im Vorteil. Was sagt Ihr?"
"Ich denke, für genau solche Dinge wurde ich geboren. Es ist gut, dass wir beide uns heute begegnet sind, Julian. Denn ich werde Euch und allen anderen dabei helfen, diesen Angriff aufzuhalten und Erudicor zu verteidigen. Darauf habt Ihr mein Wort. Ich bin sicher, Borthaux wird sich auch freuen, zu helfen."
"Wer ist Borthaux?", fragte Julian.
"Das ist mein Gefährte. Sobald er endlich zu mir stößt, werde ich ihm die Neuigkeiten mitteilen."
"Sehr gut. Ist er genauso stark wie Ihr?"
"Er ist sogar stärker als ich."
"Nicht möglich, Ihr seid doch..."
"Ich bin vielleicht ein großer Held, aber Borthaux ist der stärkere von uns beiden. Glaubt mir."
"Na schön, dann können wir gar nicht verlieren.", gab Julian von sich. Er hatte nun bereits zwei wertvolle Verbündete gewonnen und womöglich würde der Kaiser dafür die mindere Verletzung seiner Erstgeborenen in Kauf nehmen und Julian nicht sofort hinrichten lassen. Mit ein bisschen Glück sagte Marlene auch, dass es ganz allein ihre Schuld war und Julian nichts dagegen tun konnte. Fürs Erste verabschiedeten sie sich von Beatron und kehrten dann so schnell wie möglich zum Kaiserpalast zurück. Dort gab Julian Theodor dessen Schwert und den Geldbeutel zurück. Dann gingen sie zu dritt zum Hofarzt. Dieser hatte sein Behandlungszimmer im ersten Stock des Palastes. Dazu mussten sie in der Eingangshalle am Ende links einem Gang bis zur Treppe nach oben folgen. Der Gang verlief aber noch weiter nach hinten, doch das kümmerte sie nun nicht. Im Moment zählte nur, dass Marlene so schnell wie möglich wieder gesund wurde.
Kapitel IV: Lehrstunde
Nachdem sich der Hofarzt Marlene angesehen hatte, sagte er, dass es nichts Schlimmes war, was sie hatte. Sie hatte sich den Rücken tatsächlich nur ein wenig verrissen und es sollte innerhalb von ein paar Tagen wieder verheilt sein. Anschließend fragte Julian sie:"Also wer von uns soll es deinem Vater sagen?"
"Mach du das, aber ich komme mit und sage, dass es meine Schuld war. Er kann gnadenlos sein, wenn es um seine Töchter geht."
Schließlich begaben sich die beiden in den Thronsaal, wo sich Theron gerade mit einem alten Mann in dunkelblauer Robe unterhielt. Als Theron Marlene erkannte, ließ er den alten Mann verstummen und warten. Dann erhob er sich und ging Marlene entgegen.
"Meine Prinzessin! Wie kommt es, dass du hier zusammen mit Julian auftauchst?"
"Nun ja, ich bin ihm zufällig begegnet und habe ihm angeboten, ihn durch die Stadt zu führen."
"Du hast den Palast verlassen? Habe ich dir das nicht verboten? Julian, wie konntest du das zulassen?"
"Es tut mir leid, mein Kaiser. Sie sagte, dass es in Ordnung wäre."
"Du kannst doch nicht einfach auf ein kleines Mädchen hören. Sie hat doch keine Ahnung, was gut für sie ist."
"Aber Vater!", meldete sich Marlene empört. "Ich weiß sehr gut, was ich tue. Ich kann auf mich selbst aufpassen."
"Ach wirklich? Kann denn Julian diese Aussage bestätigen?"
Julian sah verlegen um sich und sprach zaghaft:"Nun ja...eigentlich...ist sie von einem Stuhl gefallen und hat sich den Rücken verrissen."
"Was?!", brüllte Theron plötzlich. "Wie konnte das passieren?"
"Es war meine Schuld, Vater. Julian konnte nichts dafür und er hätte es auch nicht verhindern können. Es geschah viel zu schnell. Aber ich werde bald schon wieder wohlauf sein. Der Hofarzt hat gesagt, dass es in ein paar Tagen verheilt ist. Mir geht es ohnehin gut, mein Rücken schmerzt nur leicht, wenn ich mich falsch bewege."
"Ich hoffe, dass euch beiden klar ist, was für eine riesige Dummheit ihr da begangen habt. Erst recht von dir, Julian, hätte ich mehr Vernunft erwartet."
"Es tut mir sehr leid. Ich wollte nicht, dass Marlene etwas passiert, Euer Hoheit."
"Nun, jetzt ist es ja schon geschehen. Ich hoffe, dass Marlene die Wahrheit sagt und du wirklich nichts gegen diesen Unfall tun konntest. Denn ansonsten würde das schreckliche Folgen für dich haben."
"Es ist wahr, Vater. Lass Julian zufrieden, er hat nichts falsch gemacht."
"Du gehst jetzt auf dein Zimmer und gehst nicht mehr hinaus. Und wage es nicht einmal, daran zu denken, dich hinaus zu schleichen."
"Aber Vater..."
"Sofort, Marlene!"
"Na gut..."
Gesenkten Hauptes bewegte sich Marlene in Richtung ihres Schlafgemachs. Theron blickte Julian an.
"Und du erzählst mir jetzt in allen Einzelheiten, was ihr beide getan habt, dass so etwas passieren konnte."
Nachdem Julian dem Kaiser die ganze Geschichte erzählt hatte, staunte dieser.
"Also werden Beatron und sein Gefährte Borthaux für uns kämpfen? Das ist großartig, Julian. Somit hat es wenigstens etwas Gutes, dass sich meine Tochter verletzt hat. Natürlich meine ich das nicht so, aber bisher sah ich überhaupt nichts Positives an der Sache. Nun denn, wann beginnen wir mit der Einweisung in die verschiedenen Reiche?"
"Wie spät ist es denn?"
"Es ist nun schon kurz vor Mittag. Du wolltest ursprünglich am Nachmittag beginnen. Bleibst du dabei?"
"Nun ja, da würde eigentlich noch ein Wildschweinbraten im "Zum Goldhaus" auf mich warten, den ich vorher vorbestellt habe."
"Stimmt, den hast du auch kurz erwähnt. Allerdings warst du sehr spartanisch, was die genaue Definition der Speise mitsamt Beilagen angeht. Erläutere mir noch einmal, was alles dabei ist."
"Aber wozu soll das gut sein?"
"Wenn du mir sagst, wie sich die Speise zusammensetzt, dann gehen wir einfach beide ins Goldhaus und essen dort etwas. Ich lade dich ein und kann dir nebenbei gleich den Unterricht über die einzelnen Reiche geben."
"Eine wirklich gute Idee, mein Kaiser. Also der Wildschweinbraten wird in einer herzhaften Sauce mit Preiselbeeren und Kartoffelkroketten serviert. Mehr wurde mir auch nicht gesagt."
"Das klingt ja himmlisch. Lass uns gehen. Ach, bevor ich es vergesse. Der Mann da hinten..." Theron zeigte auf den alten Mann in dunkelblauer Robe. "Das ist mein Hofmagier Azurro." Azurro streckte Julian seine Hand aus. "Freut mich, Euch kennen zu lernen. Wir beide werden Eure Reise planen, nachdem Euch der Kaiser informiert hat."
"Sehr erfreut, Hofmagier Azurro. Habt Ihr schon eine Idee, wo ich zuerst hingehen soll?"
"Nein, das ist alles Euch überlassen. Ihr könnt nach Belieben wählen."
"Gut, dann werde ich mir erst einmal die Informationen über alle einzelnen Reiche anhören und anschließend entscheiden. Dann bis später."
"Bis nachher."
Anschließend brachen Theron, Julian sowie Theodor mit drei weiteren Männern der Elitegarde in Richtung des Goldhauses auf. Als sie schließlich dort angekommen waren, erkannte der Kellner Julian sofort wieder. Allerdings war er nicht darauf vorbereitet, dass sein Begleiter der Kaiser höchstselbst war.
"Eure Majestät, was für eine Ehre, dass Ihr hier in unserem bescheidenen Gasthaus speisen wollt." Bei diesen Worten verbeugte sich der Kellner so tief er konnte.
"Es braucht also nur eine einflussreiche Person und schon findet er seine Manieren wieder.", dachte Julian.
"Wir haben heute als Tagesgericht einen Wildschweinbraten...", begann der Kellner.
"Danke, ich bin bereits darüber informiert worden. So einen hätte ich gerne."
"Natürlich, mein Kaiser. Wir werden ihn sofort zubereiten."
"Ich möchte meinen vorbestellten Braten dann auch haben, bitte.", sagte Julian, während der Kellner schon in der von Mauern umringten Küche verschwand. Theron und Julian nahmen an jenem Tisch Platz, an dem er zuvor auch mit Marlene gesessen hatte. Theron saß auf demselben Stuhl. Nachdem zwei Krüge voll mit feinstem Bier serviert wurden, begann Theron bereits mit seinem Unterricht über die Länder der Erde.
"Also, mit welchem Reich möchtest du beginnen?", fragte er Julian.
"Keine Ahnung.", gab dieser zur Antwort.
"Dann nehmen wir eben deine Heimat. Also Raspetanien ist bekannt als das Reich der Gleichheit. Diesen Titel trägt es zurecht, denn es ist noch ein Stück besser als mein geliebtes Anthem Gows. Denn in Raspetanien ist man zu allen freundlich und jeder ist willkommen, ganz egal, von wo er stammt oder wie er aussieht. In Raspetanien betrachten sich die Menschen als gleichwertig. Ich würde sogar behaupten, dass Raspetanien der letzte Zeuge der einst großen Taten von Tatjana ist."
"Wer ist Tatjana?", fragte Julian sofort.
"Tatjana lebte vor vielen Jahren, aber noch in diesem Zeitalter."
"Zeitalter?", fragte Julian erneut, sichtlich verwirrt.
"Mein Gott, Junge, hast du jemals ein Buch gelesen?"
"Ja, aber ich habe dennoch nie etwas über ein Zeitalter gehört."
"Na schön, wir leben im Zeitalter der Menschen. Es ist das dritte seit Anbeginn. In diesem schon lange andauernden Zeitalter lebte auch Tatjana und sie hat viele große Taten vollbracht, die für die Menschheit von großer Wichtigkeit waren. Aber das ist jetzt nicht so wichtig. Jedenfalls wird Raspetanien nicht von einem einzelnen Herrscher regiert, sondern von einem Rat aus fünf Herrschern. Jeder von ihnen regiert eine der fünf Herrscherstädte und diese sind über das gesamte Reich aufgeteilt. Bevor irgendetwas getan wird, das große Veränderung für das Reich bringt, einigen sich die fünf Herrscher darauf und erst wenn alle zustimmen, wird etwas verändert. Ohne Konsens keine Konsequenz. Das ist das Motto von Raspetanien. Es ist eigentlich unwichtig, in welcher der fünf Herrscherstädte du um Hilfe ansuchst, aber bedenke, dass sie auch das vorher womöglich besprechen wollen und letztendlich allein das Urteil der fünf Herrscher entscheidet, ob wir von ihnen unterstützt werden oder nicht."
"Ich verstehe. Wenn es dort wirklich so ist, dass alle gleich behandelt werden, dann freue ich mich, aus einem so fortschrittlichen Land zu stammen."
"Ja, Julian, darauf darfst du durchaus stolz sein. Welches Reich soll ich dir als nächstes erläutern?"
"Ich habe keine Ahnung, wie wäre es mit Hanveltien?"
"Hanveltien also. Das jüngste Reich unter jenen, die du besuchen wirst. Denn seine Gründer sind selbst nur etwas älter als ich. Sie stammen ursprünglich aus Anthem Gows und machten sich einen Namen als geschickte Kaufleute in Erudicor. Schließlich häuften sie sich so viel Reichtum an, dass sie damit nach Amerika reisten und dort ein vollkommen neues, riesiges Reich gründeten. Hanveltien ist friedlich und bietet jenen eine Heimat, die sie benötigen. Die beiden Herrscher, Wilhelm und Elisabeth, sind sehr freundliche und gütige Menschen. Es würde mich überraschen, wenn sie nicht gewillt wären, uns ihre Unterstützung zu schenken. Bei ihnen solltest du keine Probleme haben. Wie wäre es, wenn ich dir als nächstes das große Kaiserreich Shanto Gyar näher erläutere?"
"In Ordnung, darüber wollte ich ohnehin mehr erfahren."
"Shanto Gyar ist das einzige Kaiserreich unter jenen Ländern, die du bereisen wirst. Weißt du auch, was das bedeutet?"
"Dass ich dort besonders auf mein Auftreten und mein Betragen achten soll?"
"Ganz genau. Aber das ist noch lange nicht alles. Denn ein Kaiser ist etwas Anderes als ein König. Weißt du, warum ich ein Kaiser bin, Julian?"
"Weil Ihr Anthem Gows gerecht regiert und es vor seinen Feinden schützt?"
"Nein. Ich habe mich selbst zum Kaiser ernannt. Dieser radikale Schritt ist in der heutigen Zeit nicht gerne gesehen und ich habe mir dadurch viele Feinde gemacht, auch unter jenen, die eigentlich meine Verbündeten sein sollten. Aber dazu später mehr. Jedenfalls ist ein richtiger Kaiser, der sich nicht einfach selbst erhoben hat, sondern durch die Kraft des Schicksals zum Kaiser wurde, viel, viel mächtiger als ich es je sein werde. Einem Kaiser bringt man Ehrfurcht entgegen, Julian. Und bei keinem Kaiser solltest du das mehr tun, als bei der Kaiserin von Shanto Gyar."
"Shanto Gyar wird von einer Frau regiert? Das wusste ich ja noch gar nicht."
"Ja, so ist es. Sie ist wahrscheinlich der mächtigste Mensch auf unserer Welt, abgesehen von Beatron vielleicht. Glaub mir, wenn ich dir sage, dass sie den Titel "Kaiserin" durchaus zurecht trägt. Sie herrscht über ein gigantisches Reich mit einer riesigen und stetig wachsenden Bevölkerung und sie hat absolut alles im Griff. Aber da so viele Menschen in Shanto Gyar leben, geht die Individualität verloren. Viele von ihnen leben vollkommen identische Leben. Sie machen jeden Tag dasselbe, so lange bis sie sterben. Die Kaiserin muss sich aber um die Bedrohungen von außen kümmern und hat nicht viel Zeit für die wichtigen Probleme im Inneren des Reiches. Dennoch ist sie sehr gütig und hört im Normalfall jeden einzelnen Bürger ihres Reiches an, wenn er es denn wünscht. Jeder, der ihr etwas zu sagen hat, kann zu ihr gehen und mit ihr reden. Gerade diese Einstellung, sich mit dem Volk auszutauschen und ihnen zu zeigen, dass man nicht anders als sie ist, macht sie besonders. Noch dazu fehlt diese Eigenschaft unserem guten, alten Aloisius Rabenkrang, dem Kaiser von Ganredlah. Das ist auch ein Grund, warum ich ihn nicht um Hilfe bitten möchte."
"Also werde ich ohne Probleme mit der Kaiserin von Shanto Gyar sprechen können?"
"In der Tat. Aber wie gesagt, sei ehrfürchtig und zeig ihr, dass du ihre Macht durchaus respektierst."
"Alles klar. Welches Land kommt als nächstes?"
"Machen wir eine kleine Pause. Da kommt ja schon der Wildschweinbraten."
Der Kellner servierte zunächst dem Kaiser, dann Julian, einen wunderbar aussehenden und auch wunderbar duftenden Wildschweinbraten mit der erwähnten Beilage. Als Julian den Braten aß, musste er sich beherrschen, um nicht zu sterben, denn diese Köstlichkeit war nicht von dieser Welt. Er war überzeugt, dass nur Engel dieses wundervolle Gericht zubereitet haben konnten. Ob sich wohl Engel in der geheimnisvollen Küche befanden? Nachdem er darüber nachgedacht hatte, fragte er einfach den Kaiser. Es fiel Theodor und den anderen Männern der Elitegarde schwer, sich nicht auch so einen wundervollen Braten zu bestellen, doch sie mussten den Kaiser beschützen und die Umgebung im Auge behalten.
"Kaiser, sagt mal, glaubt Ihr, dass Engel diesen Braten gekocht haben?"
"In der Tat habe ich dasselbe vermutet, denn der Geschmack ist überirdisch. Es war eine gute Entscheidung von Marlene, dich hierher zu führen. Ansonsten wäre mir dieser vollkommene Genuss noch entgangen. Das wäre sehr traurig gewesen."
Nachdem sie beide schließlich aufgegessen hatten, nahm sich Theron das nächste Reich vor.
"Jetzt kommen wir zu Grelia. Eines der drei Reiche, bei denen es schwieriger wird, Hilfe zu erlangen."
"Wieso denn das?", fragte Julian nach.
"Weil genau die kleineren Reiche der Menschen, die ich dir jetzt erläutere, nicht damit zufrieden sind, dass ich mich selbst zum Kaiser von Anthem Gows ernannt und sie alle damit übertrumpft habe. Sie alle denken, dass ich damit nur zeigen wollte, dass ich etwas Besseres als sie bin. Aber das ist gar nicht der richtige Grund. Ich wollte deshalb ein Kaiser sein, damit es sich jeder Widersacher zweimal überlegt, bevor er Anthem Gows angreift. Bisher hat das immer gut funktioniert."
"Tja, diesmal war das wohl nichts.", sagte Julian.
"Was meinst du?"
"Ich glaube kaum, dass sich der düstere Magier zweimal überlegt hat, Erudicor anzugreifen. Ihm ist es anscheinend völlig egal, ob Ihr Kaiser oder König seid."
"Da hast du wohl recht. Egal, kommen wir zu Grelia. Die Menschen von Grelia sind sehr gesellig, doch sie bekämpfen sich oft mit den Gla-Bogga, deren Reich Anthryla an ihres grenzt. Ihr König, Mysantelos der Handwerker, ist bekannt dafür, besonders stolz auf seine Steintempel zu sein, die er in ganz Grelia aufbaut. Ihm könnte ein kleines bisschen weniger Stolz nicht schaden. Dennoch wäre es das beste, wenn du so tust, als ob er wahrlich ein großartiger Handwerker und König ist. Dann hast du bestimmt seine Aufmerksamkeit und er ist eher gewillt, uns zu helfen. Aber sprich das Thema "Kaiser" lieber nicht an. Und wenn es zur Sprache kommt, gehe nicht darauf ein, sondern wechsle das Thema."
"Das ist ganz schön viel, worauf ich achten muss. Da ist es ja einfacher, nach Shanto Gyar zu gehen."
"Ja, das ist wahr. Aber wir brauchen so viel Unterstützung, wie wir bekommen können. Du hast den düsteren Magier schließlich gehört. 75 000 Krieger sind nicht wenig. Ohne Unterstützung sterben wir alle. Da kann selbst Beatron nichts dagegen tun. Wir brauchen jede Hilfe, die uns angeboten wird. Auch von Varbitien, obwohl das vielleicht die schwierigste Aufgabe von allen wird."
"Warum denn, ich dachte immer, dass Varbitien seinen Verbündeten gerne hilft?"
"Das ist ja im Grunde auch richtig. Varbitien ist ein Land, das anderen in Zeiten der Not immer zu Hilfe kommt. Aber der König, Uselton von Shyr, ist ein sehr grimmiger Zeitgenosse und hat es nicht gut aufgenommen, dass ich ein Kaiser sein soll und er nicht. Ich bin sicher, das wird sein erstes Bedenken sein. Solltest du ihn davon überzeugen können, dass wir seine Hilfe trotzdem brauchen und auch verdienen, so kann Varbitien seinen Ruf, anderen stets zu helfen, aufrechterhalten. Vielleicht mag ihn das umstimmen. Sag ihm das, wenn alles schief geht."
"Na toll, schön langsam glaube ich, dass ich mich ein wenig übernommen habe."
"Du darfst jetzt nicht aufgeben, Julian. Du hast dich freiwillig gemeldet und nun stehe auch zu deiner Entscheidung. Willst du denn Herbstweih nicht rächen? Willst du Fröthljif nicht eigenhändig töten?"
"Mehr als alles andere. Ihr habt völlig Recht, Kaiser. Ich werde es tun und ich werde alle Reiche dazu bringen, uns zu unterstützen."
"Sehr gut. Dann kommen wir schon zum letzten Reich, nämlich Falteritanien. Haggar Borrian, König von Falteritanien, besitzt viele Eigenschaften. Freundlich zu sein, ist keine davon. An ihm wirst du dir die Zähne ausbeißen, falls du glaubst, ihn mit Vernunft oder Mitleid überzeugen zu können. Er hat nur eines im Sinn und das ist sein eigenes Reich. Alles, was sein eigenes Reich schwächt, so wie Truppen in ein anderes Land zu schicken, ist ihm zuwider. Er wird dir vielleicht doch mehr Schwierigkeiten machen als Uselton, aber egal. Du hast selbst gesagt, dass du sie alle überzeugen wirst. Ich hoffe wirklich, du schaffst es. Aber sei bitte besonders in Falteritanien vorsichtig. Wenn du dort etwas Falsches sagst, wirst du gleich eingesperrt oder gar hingerichtet. Achte also ganz genau auf deine Wortwahl. Wenn ich mir das recht überlege, ist es wohl am gesündesten für dich, wenn du dir Falteritanien bis zum Ende aufsparst."
"Aber ich verstehe das nicht. Was ist denn so toll an Falteritanien, dass der König sich nur um sein eigenes Reich kümmert und der Rest der Welt ihm egal ist?"
"Nun ja, sie besitzen eine sehr reichhaltige Kultur und eine weitreichende Vergangenheit. Immerhin lag einst die größte Stadt, die jemals existierte, dort, wo sich heute die ewige Stadt Rom befindet. Sie wurde übrigens auf den Überresten der größten Stadt aller Zeiten errichtet."
"Wie hieß diese Stadt?", fragte Julian neugierig.
"Das weiß ich nicht, aber Haggar Borrian weiß es vielleicht. Du kannst ihn ja mal darauf ansprechen. Wenn er merkt, dass du dich auch für sein Reich interessierst, ist er vielleicht umgänglicher. Ich denke, nun kann ich nichts mehr für dich tun, außer dir alles Gute und viel Erfolg zu wünschen. Hoffentlich kehrst du unversehrt und schon sehr bald zurück. Von nun an kannst du jederzeit aufbrechen, wenn dir danach ist. Das musst du selbst entscheiden. Wenn du bereit bist, sprich einfach mit Azurro. Er befindet sich für gewöhnlich irgendwo im zweiten Stockwerk des Palastes. Theodor kann dich jederzeit zu ihm führen."
"Vielen Dank für die Informationen, mein Kaiser. Ich werde noch den Rest des Tages hier verbringen und morgen früh gleich aufbrechen."
"Warte noch kurz. Hier, das wollte ich dir noch geben. Es ist des Kaisers, also mein Siegel. Wenn du es vorzeigst, solltest du einem Diplomaten entsprechend behandelt werden."
"Vielen Dank, Kaiser. Auf bald."
"Dass wir uns noch in diesem Leben wiedersehen, Julian."
Während er das Restaurant verließ, sah sich Julian das kaiserliche Siegel an. Es war praktisch eine dicke, goldene Scheibe in Kreisform. In der Mitte war das Wappen von Anthem Gows abgebildet, das Julian schon im Thronsaal gesehen hatte. Für den Rest des Tages sah er sich noch einige Gegenden in der Altstadt Erudicors an. Besonders schön fand er die goldenen Spatzen. Dabei handelte es sich um einen wunderschönen, filigranen Brunnen aus purem Gold, auf dem etliche goldene Spatzen thronten. Aus deren Mündern floss das Wasser den Brunnen hinab. Am Abend ging Julian noch einmal ins "Zum Goldhaus" und aß dort "Des Kaisers Mehlspeise". Das waren weiche, unförmige Teigstücke, die wohl ursprünglich ein großer Teigklumpen gewesen sein mussten. Nun waren sie aber gebacken, zerteilt und mit Puderzucker bedeckt. Dazu gab es eine Art Pflaumenmarmelade. Schließlich kam Julian darauf, dass er ja gar kein Geld besaß, doch der Kellner war ihm so dankbar dafür, dass er mit dem Kaiser zu Mittag aufgetaucht war, dass er ihm die Schulden erließ. Schließlich kehrte Julian in die Militärkaserne zurück, was sich schwieriger als erwartet gestaltete. Immerhin hatte er fast den ganzen Tag so viel von der goldenen Stadt gesehen, dass er sich nun an die Wege zu all den Sehenswürdigkeiten, aber nicht an den Weg zur Militärkaserne erinnern konnte. Doch zum Glück konnte man das Gebäude leicht erkennen, da es groß war. Außerdem hatte Julian noch eine ungefähre Ahnung davon, wo es liegen musste. Als er dort angekommen war, legte er sich nach einer Diskussion mit den Wachen in ein freies Bett und schlief bis zum Morgen durch. Am neuen Tag erhob sich Julian und machte sich auf den Weg zum Kaiserpalast. Theodor bemerkte ihn schon, als er die große Stiege hinaufschritt. Er führte Julian durch die große Eingangshalle und dann links zu der Treppe, die hinauf in den ersten Stock führte. Im ersten Stock befand sich etwas nach hinten versetzt eine weitere Treppe, die weiter nach oben führte. Oben angekommen wanderten sie um ein paar Ecken, bis Theodor schließlich vor einem Raum anhielt.
"Wir sind da. Dort drinnen befindet sich Hofmagier Azurro für gewöhnlich."
"Vielen Dank, Theodor."
"Ich lebe, um zu dienen." Mit diesen Worten verschwand Theodor. Julian klopfte an die Tür des Raums.
"Tretet ein.", drang die Stimme des Hofmagiers nach draußen. Julian tat wie ihm geheißen und fand sich in einem großen Raum mit etlichen Portalen wieder. Sie alle besaßen große, goldene Torbögen. Wohin sie wohl führten?
"Ich grüße Euch, Hofmagier Azurro.", begrüßte Julian den Magier.
"Seid ebenfalls gegrüßt, Julian. Nun denn, habt Ihr schon entschieden, wohin Ihr als erstes reisen möchtet?"
"Werden mich diese Portale etwa dorthin bringen?"
"Ja, in der Tat. In jeder Hauptstadt unserer verbündeten Reiche gibt es ebenfalls einen Raum mit solchen Portalen. Also, wohin soll's denn gehen?"
"Ich habe mir gedacht, ich reise als erstes nach Raspetanien."
"Ausgezeichnete Wahl, ich hätte besser nicht wählen können. Das Portal ist allerdings kaputt. Ihr müsst den langen und beschwerlichen Weg nehmen."
"Was? Ist das ein Scherz? Warum ist es dann eine ausgezeichnete Wahl?"
"Weil Raspetanien ein wichtiger Verbündeter sein wird und es wichtig ist, ihre Hilfe unverzüglich zu erlangen."
"Wichtiger als Shanto Gyar?"
"Unter Umständen schon. Außerdem könnt Ihr dann von Raspetanien aus über das Portalsystem in die anderen Reiche reisen."
"Na schön, aber was, wenn der düstere Magier schon vorher angreift?"
"Das wird er nicht. Ich habe in die Zukunft gesehen und bin mir sicher, dass seine Armee erst in etwas mehr als zwei Monaten eintrifft."
"Moment, Ihr könnt in die Zukunft sehen?"
"Aber ja doch. Das ist eine Spezialität der Wassermagie."
"Wassermagie? Was hat Wasser denn mit der Zukunft zu tun?"
"Habt Ihr schon mal vom Zeitfluss gehört, Julian?"
"Nein."
"Ist ja auch egal, es funktioniert jedenfalls. Ich versichere Euch, dass uns genug Zeit bleibt, um Unterstützung anzufordern und es bleibt auch noch genügend Zeit für diese Unterstützung, bei uns einzutreffen."
"Ach ja, das hatte ich noch gar nicht bedacht. Sie müssen die Truppen ja noch bis Erudicor schaffen. Das dauert doch ewig. Da brauchen wir doch noch mehr als ein Jahr Zeit."
"Nein, Julian. Vier der Reiche sind nahe an Anthem Gows. Die beiden, die weiter entfernt liegen, könnten sich verspäten, aber sie werden letztendlich auch an der Schlacht teilnehmen."
"Habt Ihr das alles auch in der Zukunft gesehen?"
"Nicht direkt. Aber ich bin davon überzeugt. Es muss einfach funktionieren. Wir dürfen nicht verlieren, sonst sind Erudicor, Anthem Gows und bald schon die ganze Welt verloren.
"Dann werde ich mich wohl nach einer schnellen Pferdekutsche umsehen müssen.", gab Julian von sich und verlor keine Zeit.
Kapitel V: Das Reich der Gleichheit
Bevor er vom Kaiserpalast losgestürmt war, hatte Julian Theodor noch einmal um Hilfe gebeten. Dieser erklärte ihm, dass Pferdekutschen für Reisen außerhalb sich am äußeren Rand der Stadt, außerhalb der goldenen Stadtmauer befanden. Dort sollte er eine bekommen. Julian machte sich dorthin auf. Um die Kutsche auch bezahlen zu können, hatte ihm Theodor wieder den Geldbeutel gegeben, den er ihm schon am Vortag für das Essen mitgegeben hatte. Als er die Altstadt verließ, kam er an einer Station mit Kutschen vorbei. Diese fuhren ausschließlich innerhalb der Stadtmauer aber außerhalb der Altstadt. Damit konnten Leute die weit vom Zentrum entfernt wohnten schneller dorthin gelangen, sollten sie einmal wichtige Angelegenheiten dort klären müssen oder einen Ausflug dorthin machen wollen. Obwohl es noch sehr früh war, herrschte hier bereits reger Betrieb. Schließlich setzte sich Julian in eine Kutsche, deren Fahrer ihm versicherte, dass sie zum Südtor fuhr. Gegen 5 Silberlinge, was im Vergleich zum überteuerten Essen im "Zum Goldhaus" geradezu ein Schnäppchen war, wurde Julian bequem bis zum Südtor kutschiert. Er teilte sich die Kabine mit drei anderen Leuten, die ebenfalls nach Süden wollten. Einer stieg irgendwo auf halber Strecke aus, die zwei anderen fuhren ebenfalls bis zum Südtor. Nach einer Fahrt von ungefähr einer Stunde, wobei die Kutsche stets zügig unterwegs war, erreichten sie das südliche Stadttor und als Julian dieses passiert hatte, erspähte er sofort Stallungen, bei denen sich Pferde herumtrieben. Dort fragte er nach, wann die nächste Pferdekutsche losfahren würde.
"Tut mir leid, mein Herr, aber die Kutschen fahren erst ab 10 Uhr."
Es war gerade 8 Uhr morgens.
"Ich muss aber so schnell wie möglich ans Meer. Wie kann ich noch dorthin gelangen, ohne ewig zu warten?"
"Nun, lasst mich mal sehen. Ihr könntet ein Pferd kaufen und selbst reiten. Wie viel Geld tragt Ihr bei Euch?"
"Wie wäre es mit 25 Silberlingen?"
"Zu Eurem Pech kostet ein Pferd aber 150 Silberlinge."
"Aber ich brauche dringend eines. Ich muss doch die anderen Reiche davon überzeugen, dass sie uns Unterstützung schicken. Ich bin im Auftrag des Kaisers unterwegs."
"Im Auftrag des Kaisers? Das kann ja jeder behaupten. Habt Ihr denn etwas, dass das auch beweist?"
Da fiel Julian das Siegel ein, welches ihm Kaiser Theron verliehen hatte. Er zeigte es dem Mann und schon bald saß er auf einem schnellen Schimmel, der alles gab, um Julian so schnell es ging ans Meer zu bringen. Der Mann bestand darauf, dass Julian auch noch eine Karte von Europa mitnahm, um seine Route verfolgen und überwachen zu können. Bei einer Karte, die so undetailliert ein so großes Gebiet zeigte, war das nicht einfach, doch es musste reichen und war besser, als keine Karte. Julian konnte außerdem nicht reiten, doch der Mann war so freundlich, ihm die Grundzüge schnell beizubringen. Es war zwar noch eine Herausforderung, aber es funktionierte. Während er weiter südwärts, in Richtung Meer ritt, dachte Julian darüber nach, was ihm das kaiserliche Siegel für Vorteile bringen würde. Davon abgesehen war er schon sehr aufgeregt, Raspetanien endlich zu besichtigen. Er besaß keine Erinnerungen daran aus seiner Kindheit. Umso spannender war es nun, das Reich zu bereisen, in dem er geboren war. Doch davor erwartete ihn noch ein langer Weg. Schon bald gab Julians Pferd alles und brachte ihn schnell voran. Doch nachdem er den ganzen Tag bis abends geritten war, wurde das Pferd langsamer. Es hatte die Grenze seiner Belastbarkeit erreicht und brauchte dringend Nahrung. Also hielt Julian in einem kleinen Dorf, welches sich in einem von Bergen umgrenzten Tal befand. Soweit er wusste, musste er noch in Anthem Gows sein. Die Leute im Dorf waren sehr freundlich und als Julian ihnen das Siegel des Kaisers zeigte, boten sie ihm und seinem Pferd Verpflegung sowie eine Unterkunft für die Nacht an. Es war sinnlos, in der Nacht weiter reiten zu wollen. Das Pferd konnte nicht so gut sehen und Julian ebenso wenig. So konnte schneller ein Unfall geschehen, der Julian nur noch mehr Zeit kosten würde. Dafür hatte er keinen Platz in seinem Plan. Also ruhte er sich über die Nacht aus und am nächsten Tag brach er früh auf. Am Abend zuvor hatte er sich noch von den Leuten im Dorf zeigen lassen, wo genau sie sich befanden. Ohne Zweifel lag das umliegende Land noch in Anthem Gows. In der Nähe gab es sogar einen großen See. Außerdem hatte Julian schon gut die Hälfte des Weges von der goldenen Stadt zum Meer zurückgelegt. Am zweiten Tag war es jedoch umso schwieriger, weil sich viele Berge Julian in den Weg stellten. Meistens ritt er lange Täler bis zum Ende, wo er dann mühsam über schmale Pfade die Berge besteigen musste. Die Hälfte der Zeit ging er zu Fuß neben dem Pferd, weil er sich so sicherer fühlte. Das Pferd war auch nicht gerade berauscht darüber, die Berge erklimmen zu dürfen. Manchmal gab es natürliche Höhlen, die an einer Seite in den Berg hinein und auf der anderen wieder hinausführten. Dann gab es Berge, die recht leicht zu besteigen und schnell überwunden waren. Dennoch nahm das viel Zeit in Anspruch und als schließlich die schlimmsten Berge hinter den beiden lagen und Julian endlich wieder auf freiem Felde reiten konnte, sah er im Westen schon die Sonne langsam verschwinden. Der zweite Tag war vergangen. Doch nun konnte es nicht mehr allzu weit sein. In einem einsamen Haus, das Julian inmitten von unendlich weiten Feldern und Wiesen fand, traf er auf ein altes Ehepaar, welches ihm gerne aushalf. Er musste nicht einmal das kaiserliche Siegel herzeigen und das war auch besser so. Denn die beiden verrieten ihm, dass er sich bereits in Falteritanien befand und die Hafenstadt Genòa nur noch einen Tagesmarsch entfernt lag. "Das sollte mit dem Pferd schnell zu bewältigen sein.", dachte sich Julian. Sein Pferd wurde wie auch am Vortag wieder versorgt und konnte sich von den anstrengenden Anstiegen auf die Berge erholen. Am nächsten Tag brach Julian wie gehabt früh auf und erreichte schon am frühen Nachmittag Genòa, ihres Zeichens die Hafenstadt Falteritaniens, die den Schiffsverkehr in westliche Richtung abwickelte. Alles, was nicht innerhalb des Mittelmeeres blieb, sondern sich durch den schmalen Mittelmeerpass zwischen Selvunia und Raspetanien hinaus in die weiten Ozeane der Welt bewegte, lief dort aus. Umgekehrt kam auch fast alles, was von außerhalb des Mittelmeeres eintraf, in Genòa an. Julian wollte nur über das Mittelmeer hinab zur Nordküste Raspetaniens, doch auch das war von hier aus möglich. Zunächst verkaufte Julian sein Pferd an einen Händler und bekam dafür immerhin 70 Silberlinge. Das kaiserliche Siegel hätte ihm beinahe das Geschäft versaut und außerdem hätte die Stadtwache ihn fast schon genauer unter die Lupe genommen. In einem Gefängnis zu landen und sich von Haggar Borrians Wachen befragen zu lassen, war das letzte, was er jetzt brauchen konnte. Natürlich konnte Julian gleich den nach Kaiser Therons Aussage alles andere als freundlichen König Falteritaniens um Hilfe bitten, doch wenn diesem irgendwas an ihm nicht gefiel, dann würde er vielleicht gleich exekutiert oder weggesperrt werden und wer sollte dann die anderen Reiche um Hilfe bitten? Nein, Haggar Borrian musste warten. Soviel stand fest. Wenn Julian sich Mühe gab, waren sie womöglich gar nicht mehr auf ihn angewiesen. Nun bestand die erste Aufgabe also darin, ein Schiff zu finden, das nach Raspetanien segelte. Schon bald hatte Julian ein großes Segelschiff entdeckt, auf das immer mehr Leute marschierten. Auch viele dunkelhäutige Menschen, die den Großteil der raspetanischen Bevölkerung ausmachten, befanden sich auf dem Schiff. Dann fragte Julian einen Mann mit sehr dunkler Haut und kahl rasiertem Kopf in einem knallgelben Gewand, ob das sein Schiff sei. Er stand selbstbewusst davor und sah jeden, der das Schiff bestieg, genau an. Deshalb nahm Julian an, dass er vielleicht der Kapitän sei.
"Verzeiht, aber gehört Euch dieses Schiff?", fragte Julian.
"Das kann man so sagen, mein Freund.", antwortete der Fremde. "Aber wo bleiben denn meine Manieren. Ich bin Odobar, Prinz des Nebels und Sohn des Statthalters von Bar Golan, der Handelsmetropole Raspetaniens. Mit wem habe ich das Vergnügen?"
"Ich bin Julian aus Anthem Gows und ursprünglich bin auch ich in Raspetanien geboren. Es freut mich, Euch kennen zu lernen, Odobar."
"Ganz meinerseits, Julian. Immer schön, einen Landsmann zu treffen. Was kann ich denn für Euch tun?"
"Nun, wenn dies Euer Schiff ist, liege ich dann richtig in der Annahme, dass Ihr bald nach Raspetanien zurücksegelt?"
"Das ist absolut korrekt, mein Freund. Noch heute Abend brechen wir auf in Richtung Apuerto. Falls Euch dieser Name nichts sagt, dabei handelt es sich um die nördlichste Hafenstadt ganz Afrikas. Noch dazu ist sie ungefähr gleich weit entfernt von der Hauptstadt Raspetaniens, Aschakrhan und Bar Golan, meiner Heimatstadt. Ich schlage dann natürlich den Weg Richtung Süden, nach Bar Golan, ein. Aber warum interessiert Euch das? Wollt Ihr mich begleiten?"
"Ja, wenn das möglich ist, würde ich sehr gerne mit Euch nach Raspetanien segeln. Es ist von äußerster Dringlichkeit."
"Tatsächlich? Dann ist es gut, dass wir einander begegnet sind. Denn bei dringlichen Angelegenheiten vermag ich Euch zu helfen. Worum genau geht es, mein Freund?" Odobar war sehr hilfsbereit und zögerte nicht einen Moment, Julian seine Hilfe anzubieten. Und das, obwohl er ihn nicht einmal kannte. Julian hätte auch einfach lügen können und in Wirklichkeit Motive haben können, Odobar zu schaden und er hätte ihm trotzdem geholfen. Das war der Geist von Raspetanien. Man begegnete allen als gleichgestellt und so konnte man natürlich auch allen Hilfe anbieten, auch wenn einige diese Hilfe gar nicht verdienen würden. Julian erklärte Odobar sofort, was eigentlich los war.
"Es ist sehr wichtig, dass ich mit den Herrschern von Raspetanien spreche, denn Anthem Gows braucht dringend Eure Unterstützung. Erudicor, die goldene Stadt, steht kurz vor einem Angriff durch einen seltsamen Magier und seine 75 000 Mann starke Armee. Allein können wir diesen großen Angriff niemals abwehren. Wir benötigen unbedingt Eure Hilfe. Der Kaiser persönlich schickt mich, um Euch darum zu bitten."
"Verstehe, das ist eine ernste Sache. So gerne ich Euch helfen würde, Freund, kann ich es leider nicht. Aber mein Vater kann es. Er als Statthalter von Bar Golan ist einer der fünf Herrscher von Raspetanien und somit befugt, Truppen an andere Reiche zu entsenden. Dennoch muss zuvor die Entscheidung von allen Mitgliedern des Rats der Fünf abgesegnet werden. Denn wie Ihr vielleicht wisst, lautet das Motto unseres Landes "Ohne Konsens keine Konsequenz"."
"Das ist mir bekannt.", sagte Julian, der nicht begeistert darüber war, dass sich erst der Rat der Fünf beraten musste, bevor sie Truppen zur Unterstützung schicken würden.
"Gibt es denn keine Möglichkeit, schneller Unterstützung von Euch zu erhalten?", fragte Julian schließlich.
"Nein, so funktioniert unser Land nun mal. Bisher hat sich dieses System immer bewährt und wir werden jetzt bestimmt nichts daran ändern. Alles, was ich Euch ans Herz legen kann, mein Freund, ist, mit mir nach Bar Golan zu reisen und meinem Vater mitzuteilen, was Ihr mir gerade erzählt habt. Ich bin sicher, dass sowohl er als auch der Rest vom Rat der Fünf einsichtig sein werden."
"Wie viele Krieger denkt Ihr, könnte Euer Reich entbehren, um Anthem Gows zu unterstützen?"
"Ich denke um die 15 000 werden wohl abkömmlich sein."
"Was, so viele?", platzte es aus Julian heraus. Die schiere Anzahl ließ ihn staunen.
"Überrascht Euch das? Wir sind ein großes Reich und da muss natürlich eine entsprechende Anzahl an Kriegern vorhanden sein, damit wir nicht einfach überrannt und erobert werden."
"Aber dann seid Ihr doch bestimmt das größte und mächtigste Reich der Menschen?"
"Nein, dieser Titel steht Ganredlah zu. Kaiser Aloisius Rabenkrang versteht es meisterhaft, stetig neue Truppen ausbilden. Wenn es zu wenige Krieger in seinem Reich gibt, dann zwingt er einfach Bürger, die gar nicht wollen, Krieger zu werden. Sie können dann entweder kooperieren oder sterben. Er verkauft es dem Volk so, als ob es ihre Entscheidung wäre. Als ob irgendjemand sich lieber töten lassen würde, als ein Krieger zu sein. Wenn man allerdings Krieger für so einen Kaiser sein muss, wäre der Tod wahrscheinlich die bessere Alternative."
"Aber das ist ja furchtbar. Wie kann er so etwas tun?"
"Weil er ein rückständiger Mensch ist, der über ein riesiges Reich herrscht. Er kann tun, was er will und niemand hält ihn davon ab. Denn die Menschen fürchten einen Kaiser. Und das sollten sie auch. Deshalb wird unser Reich von mehreren Personen regiert, damit nicht einer die völlige Kontrolle an sich reißen kann. So etwas wie in Ganredlah darf niemals in Raspetanien passieren, aber auch genauso wenig irgendwo anders. Aber genug davon, kommt Ihr nun mit, mein Freund?"
"Ja, ich werde Euch begleiten. Dann sehe ich mir Bar Golan an und überzeuge den Rat der Fünf davon, Anthem Gows zu unterstützen."
"Keine Sorge, mein Freund. Ich werde Euch helfen."
"Vielen Dank, Odobar. Ihr seid wirklich freundlich."
"Aber natürlich. Ich will den Geist Raspetaniens über die ganze Welt verbreiten. Damit eines Tages alle so fortschrittlich denken wie wir und Tatjanas Vision wahr wird."
"Schon wieder diese Tatjana. Auch Kaiser Theron hat mir von ihr erzählt. Was hat sie so Besonderes getan, dass alle so besessen von ihr sind?"
"Aber nicht doch, keinesfalls besessen. Tatjana lebt in jedem Menschen weiter, der andere als sich gleichgestellt ansieht. Ihr müsst wissen, mein Freund, dass Tatjana den Beinamen "Die große Einerin" trägt. Dem ist deshalb so, weil sie es einst vollbracht hat, das gesamte menschliche Volk, auch wenn wir noch so verschieden in Aussehen, Kultur und Glauben waren, zu einem einzigen Volk zu vereinen. So waren wir alle einander gleich, obwohl wir uns äußerlich stark voneinander unterschieden. Aber das störte damals niemanden. Und auch heute stört es in Raspetanien niemanden, wie andere aussehen und woher sie stammen. Wir müssen endlich anfangen, zu begreifen, dass wir alle ein Volk sind und einander nicht unnötig bekämpfen müssen. Alle Vorurteile und all der Rassismus sind unnötige Konstrukte, die niemals existieren dürften. Wir sind alle Menschen und anstatt, einander abzulehnen und zu hassen, sollten wir uns vereinen und gemeinsam gegen die viel schlimmeren Völker wehren. Denn sind es nicht die anderen Völker, allen voran die Dunkelelfen, die unsere schöne Welt erobern und zerstören wollen? Wir Menschen suchen nur einen Ort, an dem wir uns ein Zuhause errichten können. Das könnte die ganze Welt sein, aber die anderen Völker leben auch in ihren Reichen. Natürlich haben wir kein Recht, ihnen einfach ihr Land wegzunehmen und sie zu töten, aber manche Völker gehören einfach von der Erde getilgt. Ich bin nicht stolz auf diese radikale Sichtweise und doch geht es nicht anders. Denn ich kenne die Dunkelelfen und weiß, dass sie erst zufrieden sind, wenn alles von ihnen eingenommen und verdorben wurde. Aber eher sterbe ich, als zuzusehen wie sie mein geliebtes Raspetanien zerstören."
"Ich hatte ja keine Ahnung, dass Tatjana so Großes geleistet hat. Aber warum hat es nicht gehalten? Und warum genau seht Ihr die Dunkelelfen als so gefährlich an? Sind sie nicht ein Volk wie alle anderen auch?"
"Julian, mein Freund. Wir sind Menschen und die Natur des Menschen ist es nun mal, aus vergangenen Fehlern zu lernen, aber auf Dauer vergessen wir diese Lektionen wieder. So haben sich die Menschen nach der großen Vereinigung durch Tatjana bald schon wieder auseinandergelebt und schließlich waren wir wieder dort, wo wir heute auch stehen. Zu den Dunkelelfen kann ich Euch nur sagen, dass Ihr sie keinesfalls unterschätzen dürft. Ich bin mit der Meinung nicht allein, dass sie das gefährlichste Volk auf dieser Welt darstellen. jeder Kaiser, den Ihr fragen würdet, würde das bestätigen. Kaiser Hirion vielleicht nicht, aber nur weil er will, dass sein eigenes Volk als gefährlicher angesehen wird. Doch niemand kann die Dunkelelfen übersteigen, wenn es um Arroganz, Intrige, Wahnsinn und Machthunger geht. Sie sind wie ein dunkles Geschwür, das sich langsam über die gesamte Welt ausbreitet und sie schließlich zerstört."
"Das klingt sehr bedrohlich. Ein Teil der großen Armee, die Erudicor bald angreifen wird, besteht aus Dunkelelfen."
"Dann wird dieser Teil der wohl gefährlichste sein. Aber ich töte mit Freude jeden einzelnen von ihnen."
"Soll das heißen, Ihr wollt uns auch in der Schlacht unterstützen?"
"Gewiss doch, mein Freund. Wenn ich helfen kann, werde ich es tun. Aber wann genau findet denn der Angriff statt?"
"Das weiß ich nicht. Aber der Hofmagier des Kaisers hat mir gesagt, er ist überzeugt, dass noch genug Zeit bis dahin bleibt, um möglichst viel Verstärkung zu erlangen."
"Ah, ich verstehe. Wir sind nicht das einzige Reich, das Ihr fragen werdet, richtig?"
"Ja, ich werde noch andere Reiche um Hilfe bitten, damit unsere Streitmacht so groß wie möglich wird."
"Dann gebe ich Euch gleich einen Rat, Julian. Fragt Ganredlah nicht um Hilfe. So ein Verbündeter..."
"Keine Sorge, das hatte ich gar nicht vor. Auch der Kaiser fühlt sich dabei nicht wohl, deshalb werde ich den berüchtigten Kaiser Rabenkrang vorerst wohl nicht treffen."
"Das ist auch besser so, denn irgendetwas zutiefst Finsteres geht in diesem riesigen Reich vor sich. Ich habe eine großartige Idee: Was haltet Ihr davon, wenn wir uns in Genòa eine brauchbare Taverne suchen und etwas essen und trinken? Dann warten wir einfach, bis das Schiff ablegt und brechen anschließend auf nach Raspetanien."
"Das klingt wirklich gut, ich bin dabei.", sagte Julian freudig. Gesagt, getan, suchten die beiden in Genòa nach einer Taverne und wurden schnell fündig. Als sie dann einen Krug Bier nach dem anderen leerten, erzählten sie sich dieses und jenes. Odobar erzählte mehr von Bar Golan, der Handelsmetropole. Offenbar war dies die größte Handelsstadt von ganz Raspetanien sowie Afrika. Einzig ein paar wenige Städte, jeweils eine in den Reichen Hanveltien, Shanto Gyar, Ganredlah und Granada, konnten sie noch überragen. Granada war ein riesiges Reich im Norden Amerikas. Es wurde seit jeher von Elfen und Trollen bevölkert. In manchen Gebieten konnten die beiden Völker, die nicht gerade viel gemeinsam hatten, dennoch friedlich miteinander leben, in anderen bekriegten sie sich. Je mehr Julian aber über Bar Golan, die größte Handelsstadt Afrikas erfuhr, umso mehr freute er sich darauf, diese Stadt auch tatsächlich zu besuchen. Dort konnte er ohne Zweifel alles bekommen, sofern er es sich leisten konnte. Das stand außer Frage, doch womöglich würde ihm auch dort das kaiserliche Siegel weiterhelfen. Wenn man allerdings an die Gier der Händler dachte, war es wohl fraglich, ob sie ihre Waren einfach so im Namen der guten Sache herschenkten. Aber darüber dachte Julian nicht nach. Tatsächlich beschäftigte ihn etwas völlig Anderes. Seit er Odobar begegnet war, hatte er sich seinen Verstand zermartert und sich gefragt, was es wohl mit Odobars Titel auf sich hatte. Als "Prinz des Nebels" hatte er sich vorgestellt. Doch was genau sollte das bedeuten? Nun war es an der Zeit, das endlich herauszufinden.
"Odobar, sagt mal, warum nennt man Euch den Prinzen des Nebels?"
"Ha, das habt Ihr Euch gemerkt, mein Freund? Ihr seid wirklich aufmerksam. Dann will ich es Euch mal erklären. Ich werde so genannt, weil ich die Kraft besitze, um mich herum Nebel entstehen zu lassen. Innerhalb kürzester Zeit kann ich ein riesiges Areal in den dichtesten Nebel hüllen, sofern ich es wünsche. Das ist also der Grund für meinen Titel."
"Beeindruckend. Könnt Ihr mir das vorführen?"
Odobar lachte laut. "Immer doch, mein Freund. Aber nicht hier. Ich zeige es Euch später am Schiff."
"In Ordnung. Wann genau brechen wir denn nun auf?", wollte Julian wissen. Er saß nun schon lange mit Odobar in der Taverne. Zwar verstand er sich gut mit dem Prinzen von Bar Golan, doch wollte er auch bei seiner Aufgabe voranschreiten. Bisher konnte er schließlich nur Beatron, dessen mysteriösen Gefährten Borthaux und Odobar als Verbündete gewinnen. Das waren gerade einmal drei Männer, die gegen die Übermacht von 75 000 Kriegern nicht wirklich viel ändern würden. Auch wenn Julian an Beatrons Stärke glaubte, so schien sie dennoch nicht auszureichen. Daher galt es, noch viel mehr Verbündete zu gewinnen. Und das so schnell wie nur möglich. Deshalb war es auch umso passender, als Odobar auf Julians Frage antwortete:"Wir brechen jetzt auf, Julian. Also trinkt aus, mein Freund und auf geht's."
Schon bald nachdem Odobar in der Taverne gezahlt hatte, befanden sich beide wieder am Schiff und innerhalb kürzester Zeit legte es ab. Nun war es schon später Nachmittag und die Sonne verschwand schon langsam hinterm Horizont. Währenddessen setzte sich die "Ertrunkene Marie", Odobars Schiff, in Bewegung und segelte in Richtung Süden. Es dauerte nicht lange und die Sonne verabschiedete sich endgültig. Nun mussten sie in völliger Dunkelheit segeln, denn zu dieser Zeit war gerade Neumond und so würde ihnen das Mondlicht keine eventuellen Hindernisse offenlegen. Sie konnten so gut wie gar nichts mehr erkennen. Nach ein paar Stunden befanden sie sich auf der Höhe von Corse, einer Insel Falteritaniens. Zunächst konnten sie die Landmasse gar nicht ausmachen, doch vereinzelte Lichter waren ab und zu erkennbar. Da die Lichter nicht hoch genug lagen, um Sterne zu sein, nahmen sie alle zu Recht an, dass es sich um beleuchtete Häuser der Einwohner Corses handelte. Die Insel erstreckte sich nun auf Steuerbordseite, was bedeutete, dass Backbord, zu ihrer Linken nicht allzu weit weg das Festland von Falteritanien lag. Während sie neben der Küste Corses weiter nach Süden reisten, passierte nicht viel. Die Fahrt war ruhig und langweilig, nur ab und zu mussten sie darauf Acht geben, nicht zu nahe an die Küste zu gelangen. Die Insel Corse gehörte wie auch alle anderen Inseln westlich von Falteritaniens Festland bis zum Mittelmeer-Engpass zu Haggar Borrians Reich. Einzig eine winzige Insel, die praktisch an der Küste Raspetaniens lag, überließ er dem Reich der Gleichheit. Die östlichen Inseln gehörten alle zu Grelia und Cypressa, die östlichste Insel des Mittelmeeres, war wie sehr viel Festland in ihrer Nähe, in Gebiet des Reiches Gentrav verwandelt worden, über das Kaiser Hirion herrschte. Bald musste die "Ertrunkene Marie" nun die zweite Insel auf ihrem Weg nach Raspetanien erreichen, Aventul. Diese war bedeutend größer als Corse und lag gleich südlich davon. Dazwischen befand sich eine kleine Meerenge. Nun versuchten alle an Bord befindlichen Personen, an die 25, Aventul auszumachen. Bald erkannten sie ganz schwache Lichter unmittelbar vor sich und verloren keine Zeit, das Schiff auf einen sicheren Kurs zu bringen. Dadurch entgingen sie einer Kollision mit den winzigen Inseln an Aventuls Nordostküste. Es vergingen ein paar weitere Stunden, in denen sie an der großen Insel entlangsegelten und dann wurde es endlich wieder hell. Ein neuer Morgen war angebrochen und nun würde es ein Leichtes sein, den restlichen Weg zurückzulegen. Jetzt gab es keine Inseln mehr, die noch Hindernisse darstellen konnten. Das war der perfekte Augenblick für Odobar, um Julian endlich seine Nebelkräfte zu zeigen. Er hob die Arme beschwörend in die Höhe und innerhalb weniger Sekunden entstand ein dichter Nebel um das Schiff herum, sodass die Mannschaft nichts mehr sehen konnte. Julian war beeindruckt und danach löste Odobar den Nebel schnell wieder auf, damit die Besatzung des Schiffs nicht in Panik ausbrach. Als sie wieder sehen konnten, erstreckte sich in alle Richtungen nur das weite Meer. Vielleicht hätte man hinter ihnen noch entfernt die Südküste von Aventul gesehen. Doch diese Insel hatten sie schon überwunden und setzten ihren Weg weiter südwärts fort. Die meiste Zeit der Reise hatten sich Odobar und Julian wieder über verschiedenste Themen unterhalten. Das taten sie auch in den verbleibenden Stunden dieser Reise noch. Je mehr Julian mit dem Prinzen des Nebels redete, umso sympathischer wurde ihm dieser. Da war es natürlich erfreulich für Julian, dass er den weiten Weg durch die Wüste bis nach Bar Golan gemeinsam mit ihm reisen würde. Nach ein paar weiteren Stunden kam endlich das Ziel ihrer Reise in Sichtweite: Apuerto, die nördlichste Hafenstadt Afrikas. Es dauerte nun nicht mehr lange und sie legten endlich im Hafen an. Die "Ertrunkene Marie" hatte sie alle unversehrt nach Afrika gebracht. Natürlich galt dieser Umstand nicht allein dem Schiff, sondern großteils der Besatzung. Julian staunte über Apuerto. Wo er nur hinsah, befanden sich kleine Lehmhäuser. Sie waren stabil gebaut, aber boten nicht sonderlich viel Platz. Ob die Menschen hier wohl glücklich waren? Sofort fragte sich Julian, ob alle im Reich der Gleichheit so lebten. Ansonsten gäbe es allein schon bei der Art der Behausungen Unterschiede, durch die sich das Volk Raspetaniens aufspalten konnte. Odobar und seine Männer luden alle ihre Güter vom Schiff, die sie aus Falteritanien mitgebracht hatten. Das meiste davon befand sich in großen Kisten oder robusten Säcken, sodass Julian nur erahnen konnte, was sich darin wohl verbarg. Er selbst half auch ein wenig mit und trug dieses und jenes vom Schiff herunter. Anschließend wurden die Waren auf Kamele geladen, welche nicht gerade begeistert von den Massen an Gepäck waren, die sie später tragen mussten. Bei diesen Kamelen befanden sich zwei gut gerüstete Männer, die Brustharnisch und Beinschienen mit goldenem Aussehen sowie darunter schwarze Kleidung trugen. In der Hand hielten sie beide einen langen Speer, dessen Klinge gezackt war. Diese beiden stellten sich als eine Eskorte aus Bar Golan heraus, die beauftragt worden war, Odobar und die Waren sicher von Apuerto nach Bar Golan zu eskortieren. Julian war beeindruckt von den beiden Männern und hätte am liebsten selbst so eine Rüstung besessen. Er wusste nicht, was ihn in Raspetanien erwarten würde. Doch er besaß weder ein Schwert noch eine richtige Rüstung für den Ernstfall. Was sollte er dann also tun? Nachdem alle Waren vom Schiff auf Kamele verlagert waren, wurde es Zeit, aufzubrechen. Weitere Kamele beförderten die Reisenden, sodass sie letztendlich eine Karawane von 45 Kamelen darstellten. 27 für Julian, Odobar, die Eskorte aus Bar Golan und die anderen und dann noch 18 Kamele zum Transport der Waren. Diese Karawane zog sofort am späten Nachmittag von Apuerto aus los in Richtung Süden, nach Bar Golan. Julian fasste es nicht. Vor einem Tag war er noch in Falteritanien gewesen und nun ritt er ein Kamel durch die weitreichende Wüste Raspetaniens, nur um am Ende die größte Handelsmetropole Afrikas zu erblicken. Er konnte kaum glauben, dass das alles wirklich passierte. Die Reise würde laut der Aussage von Odobar um die zwei Wochen dauern. Julian befürchtete schon, dass Erudicor, sofern er jemals wieder dorthin zurückkehren konnte, bei seiner Ankunft in Trümmern liegen würde. Aber Azurro hatte damals gesagt, dass noch genug Zeit blieb, um zahlreiche Verbündete zu erlangen. Julian hoffte nur, dass der Hofmagier von Kaiser Theron auch wirklich wusste, dass noch genug Zeit war und nicht nur darauf hoffte. Ansonsten würde Erudicor und danach schon bald ganz Anthem Gows ein schlimmes Schicksal bevorstehen. Doch das durfte Julian nicht zulassen. Also musste er die Karawane so schnell vorantreiben, wie es ging. Aber das ging nur kurze Zeit gut, denn schon bald danach mussten die Kamele rasten. Während sie sich an Sträuchern satt fraßen, nutzten die Männer die Oase, an der sie rasteten, um ihre Wasservorräte zu erweitern. Sie besaßen noch etliche Krüge und Behältnisse, die leer waren und nur darauf warteten, eine Flüssigkeit zu beheimaten. Dieser Wunsch wurde ihnen auch gewährt, sodass bald alle leeren Behälter bis zum Bersten voll mit Wasser gefüllt waren. Dennoch leerten die Reisenden noch drei große Gefäße, bevor sie aufbrachen. Natürlich füllten sie sie erneut nach, bevor sie die Oase verließen. So schlugen sie sich langsam durch die gigantische Sahara, die größte Wüste der Erde. Doch wie schnell Julian auch sein wollte, diese Reise benötigte ihre Zeit. Dagegen konnte er nichts tun. Und wenn sie die Kamele zu sehr beanspruchten, brachen die armen Tiere noch zusammen und verendeten in der Wüste. Dann wäre die Karawane irgendwo gestrandet gewesen und hätte sich zu Fuß weiter durchschlagen müssen. Die Waren hätten sie dann wohl vergessen können, sofern ihnen ihr Leben wichtiger war. Julian wusste nicht, ob das auf Odobars Mannschaft oder die Krieger aus Bar Golan zutraf, doch er selbst schätzte sein Leben doch viel mehr als die Waren, deren Beschaffenheit er noch nicht einmal kannte. So verging Tag um Tag, während das Reisen allmählich immer mühsamer wurde. Am Abend schlugen sie ihre Zelte auf und übernachteten in diesen. In den Nächten wurde die Temperatur geringer, aber meistens war sie angenehm und erreichte nie den Punkt, wo es wirklich kalt wurde. Die Tage hingegen stellten vor allem für Julian die pure Hölle dar. Denn er war das heiße Klima nicht gewohnt, auch wenn er hier geboren war. Drei Jahre in diesem heißen Land konnten wohl nicht gegen 14 Jahre gemäßigtes Klima von Anthem Gows ankommen. Umso schwerer fiel es Julian, in der Hitze tagsüber auch nur irgendwas zu machen. Zum Glück trug ihn sein Kamel, sonst wäre er schon längst irgendwo liegen geblieben und wäre nur zu gerne Futter für die Geier geworden. Im Moment hatte er nur ein Ziel: Bar Golan erreichen und dort am besten den ganzen Tag irgendwo drinnen im Schatten sein. Gerade um die Mittagszeit wurde die Sonne so stark, dass Julian spüren konnte, wie sie trotz allem das Wüstengewand, das man ihm gegeben hatte, durchdrang und ihre heißen Krallen in seine Haut schlug. Auf die Anweisung von Odobar hatte Julian sich seinen gelben Schal um den Kopf gewickelt, um Sonnenstichen vorzubeugen. Darüber zog er sich dann den langen, dünnen Mantel mit Kapuze, der bis zu seinen Beinen reichte. Der Mantel besaß eine hellblaue Farbe. Odobar selbst trug auch einen, jedoch in weiß. Auch die anderen waren so gekleidet, um der Wüste bestmöglich trotzen zu können. Schließlich hatten sie eine Woche hinter sich und befanden sich nun irgendwo, verloren in der Wüste. Odobar wusste genau, wo sie sich befanden, das sagte er zumindest Julian. Dann zeigte er den anderen auf einer Karte Raspetaniens, wo ihr genauer Aufenthaltsort seiner Meinung nach lag. Alle stimmten ihm zu und als Julian schließlich auf die Karte blickte und auf Odobars Finger, der irgendwohin zeigte, sagte ihm das überhaupt nichts. Erst kurz darauf, als Odobar den Finger wegnahm, konnte Julian erkennen, wo auf der Karte sich Bar Golan befand und er merkte, dass sie nun schon ungefähr 60 Prozent der Strecke hinter sich gebracht hatten. Das erfreute ihn und er hoffte, dass Odobar richtig mit seiner Vermutung lag, wo sie sich befanden. Vielleicht würden sie dann ja nicht einmal eine zweite Woche benötigen. Diese Hoffnung motivierte Julian plötzlich und er wollte sofort weiterziehen. Doch die Kamele mussten sich noch länger ausruhen, da sie schon sehr erschöpft waren. Zu diesem Zeitpunkt begann gerade der Nachmittag des achten Tages. Alle ruhten sich im Schatten der Palmen aus und ließen den Kamelen noch ein wenig ihre Ruhe. Julian wurde es irgendwann zu langweilig und er wollte nun die Wüste ein wenig erforschen. Natürlich hatte er nicht vor, allein loszuziehen, da wäre er sofort verloren gewesen. Stattdessen wollte er seine nähere Umgebung, soweit er sehen konnte, mit den Augen inspizieren. Also sah er sich in alle Himmelsrichtungen genau um und suchte nach Grenzsteinen. Nach irgendetwas Auffälligem, das ihm ins Auge stach. Etwas, das er sich merken konnte, das aus dem Wüstenmeer hervorstach. Doch es gab nichts. Weit und breit rundherum nur Wüste. Keine Stadt, kein Dorf, nicht einmal eine andere Oase. Nur grenzenlose Wüste wohin man sah. Wüste. Eine Düne. Noch eine Düne. Eine weitere. Sand. Unmengen an Sand. Eine einsame Gestalt am Horizont. Sand. Noch mehr Sand.
Dann dämmerte es Julian.
"Da kommt jemand!", schrie Julian sofort und als er das tat, beobachtete er ein seltsames Spektakel. Die Gestalt, die er ausgemacht hatte, verschwand einfach. Als ob sie nie da gewesen war. Doch alle hatten sich aufgerichtet und waren innerhalb kürzester Zeit um Julian herum versammelt.
"Wo ist wer?", fragte ein Krieger aus Bar Golan.
"Habt Ihr wirklich jemanden gesehen?", fragte einer von Odobars Männern.
"Julian, mein Freund, ich glaube, dass die Wüste Euch zu schaffen macht.", gab Odobar schließlich von sich.
"Nein, da war wirklich jemand. Ich habe ihn genau gesehen. Eine Gestalt wanderte dort am Horizont. Und es wirkte, als ob sie sich uns näherte.", gab Julian von sich. Er zeigte noch in die Richtung, wo er die Person erspäht hatte. Niemand war dort mehr zu sehen. Entweder erlaubte sich da jemand einen derben Scherz mit Julian oder er hatte wirklich eine Halluzination gehabt. Das gefiel ihm nicht, weil er sich bisher eigentlich immer sicher gewesen war, was nun Illusion und was Realität war. Abgesehen vom Angriff auf das Dorf, doch das zählte nicht, das es ohne Zweifel ein traumatisches Erlebnis gewesen war. Um sich abzulenken wollte Julian nun Dinge erfahren, die eindeutig wahr waren. Also fragte er Odobar:"Sagt mal, gibt es außer Raspetanien eigentlich noch andere Reiche in Afrika? Oder ist alles unterhalb von Eurem Land unbesetztes Areal?"
"Nein, Julian. Das Land südlich Raspetaniens ist durchaus besetzt. Direkt südlich angrenzend liegt Dereboaea, das Reich der Nomaden. Doch dort solltet Ihr nicht hingehen, mein Freund. Außer natürlich, Ihr möchtet einen äußerst schmerzvollen Tod sterben."
"Wieso, was stimmt denn nicht mit den Nomaden?"
"Nun, sie sind sehr eigen. Wenn Ihr uneingeladen ihr Reich betretet, kann das katastrophale Folgen haben. Deshalb tut Ihr besser daran, diesen Ort zu meiden, mein Freund. Zum Glück kommen wir nicht mal ansatzweise in die Nähe der Grenze zu diesem schrecklichen Reich. Denn zwischen Bar Golan und der Grenze liegt noch einmal dieselbe Strecke, die wir gerade von Apuerto nach Bar Golan wandern. Und dafür bin ich auch dankbar. Es ist nur schade, dass die schönste Stadt unseres Reiches und womöglich sogar der ganzen Welt, so nahe an Dereboaea liegt." Odobar sah betrübt zu Boden.
"Die schönste Stadt der Welt? Welche soll das denn sein?"
"Habt Ihr schon mal von Lapeorla gehört, Julian? Das bedeutet "Perle" in der alten Sprache und genau das ist diese Stadt. Sie ist die Perle von Raspetanien und wie gesagt auch die Perle der ganzen Welt. Eine Stadt, so wunderschön, dass es Euch die Sprache verschlagen würde. So mancher ist auf seinen Reisen über diese gut verborgene Stadt gestolpert und nie wieder fort gegangen. Lapeorla befindet sich beinahe schon direkt an der Grenze zu Dereboaea, doch ist die Stadt von einer unscheinbaren Bergkette umrandet, sodass es schwer ist, dort hineinzukommen. Falls die Nomaden versuchen würden, die Stadt zu erobern, müssten sie den einzigen Eingang nehmen, den es gibt und dort würden sie gnadenlos von der Stadtwache vernichtet werden. Über die Berge können sie nicht, denn diese gelten als unüberwindbar. Es ist unmöglich, diese Berge zu erklimmen und selbst wenn man es schafft, muss man auf der anderen Seite noch immer nach unten und die Berge verlaufen auf beiden Seiten so steil, dass es ohne ein Seil und gute Metallhaken zum Festhalten erst recht unmöglich ist. Und selbst mit der richtigen Ausrüstung gibt es noch genug Tücken. So bin ich wenigstens ein wenig beruhigt, dass Lapeorla nicht so schnell von den Nomaden vernichtet oder eingenommen werden kann. Leider kann ich Euch selbst nicht viel von der Stadt berichten, denn ich war auch noch nie dort."
"Dafür, dass Ihr noch nie dort wart, seid Ihr doch gut mit der Stadt und ihrer Umgebung vertraut. Sonst könntet Ihr mir nicht so viel darüber berichten."
"Vielen Dank, mein Freund. Ich weiß das alles nur, weil mein Vater es mir von seinen Reisen berichtet hat. Irgendwann reise ich mal selbst dorthin. Dann kann ich Euch erzählen, wie es war."
"Das würde mich freuen, Freund.", antwortete Julian. Er sah Odobar mittlerweile als einen guten Freund an.
"Dann ist es beschlossen, Julian. Doch zuvor müssen wir erst Bar Golan erreichen und dafür sorgen, dass Erudicor nicht von der Armee dieses bösen Magiers überrannt wird. Wie hieß er noch gleich?"
"Er nennt sich "Düsterer Magier". Aber ich habe ein wirklich schlechtes Gefühl bei ihm. Ich weiß auch nicht, was es ist. Doch irgendwie kommt er mir vertraut vor und dennoch habe ich Angst vor ihm."
"Angst ist gut. Wenn Ihr Euren Gegner fürchtet, mein Freund, seid Ihr im Kampf umsichtiger und könnt nicht so schnell getötet werden."
"Das klingt doch gut. Aber diesen verdammten Fröthljif werde ich niemals fürchten."
"Wer ist Fröthljif?", fragte Odobar sofort. Dann erzählte Julian ihm die Geschichte, wie sein Dorf zerstört wurde und alle getötet wurden, die er je kannte.
"Euer Verlust tut mir furchtbar leid, mein Freund. Aber es klingt so, als ob dieser Fröthljif ein sehr mächtiger Gegner ist. Dann solltet Ihr erst recht Angst haben, mein Freund. Unterschätzt ihn nicht, nur weil Ihr Euch rächen wollt. Handelt mit Bedacht und holt Euch Eure Rache mit einem kühlen Kopf."
"Ich kann nicht. Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich so viel Hass gegen irgendetwas oder irgendjemand verspürt. Und wenn es mich das Leben kostet: Ich töte Fröthljif. Ich töte diesen Sohn einer Hure."
"Genau genommen gibt es keine weiblichen Trolle.", erklärte Odobar.
"Was? Aber wie können sie dann mehr werden?"
"So genau weiß ich das auch nicht. Aber ich glaube, dass mein Vater einmal erwähnt hat, dass ein spezieller Troll die Macht besitzt, andere Trolle zu erschaffen. Er wird einfach mehr Trolle erschaffen, wenn er Lust hat. Doch ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich so einfach ist. Ihr solltet ihn selbst fragen, wenn wir ihn in Bar Golan treffen."
"Gut, das werde ich tun. Ich hoffe nur, dass nicht Fröthljif dieser eine Troll ist, der andere erschaffen kann. Andererseits könnte ich dann dafür sorgen, dass nie mehr ein weiterer Troll erschaffen wird, wenn ich ihn töte."
Odobar wandte sich ab. Er machte sich Sorgen, dass Julians Rache ihn irgendwann noch das Leben kosten würde. Da wusste er, was er zu tun hatte. Er nahm sich vor, in der Schlacht in Julians Nähe zu bleiben und ihm falls nötig gegen Fröthljif zu helfen. Er wollte ihm keinesfalls die Chance auf Rache durch einen persönlichen Zweikampf mit Fröthljif nehmen, doch er wollte ihn auch nicht sterben lassen. Odobar war entschlossen, seinen neu gewonnen Freund zu beschützen. Und das würde er auch tun. Julian blickte inzwischen wieder umher und versuchte, noch einmal die Gestalt zu erspähen, die er vorhin zu sehen geglaubt hatte. Doch nirgendwo ein Anzeichen einer solchen Gestalt. Vielleicht war es ja wirklich nur eine Halluzination und die Wüste hatte ihm nur einen Streich gespielt. Und dennoch hatte er so ein ungutes Gefühl im Magen. Das lag nicht am Essen, denn über die letzten Tage hatte er nicht viel gegessen. Großteils Reis, Fladenbrot, Ziegenkäse, Datteln und Nüsse. Obwohl alles sehr gut schmeckte, sehnte sich Julian nach einem Wildschweinbraten aus dem "Zum Goldhaus". Dieser Braten war eher nach seinem Geschmack. Fleisch war beim Reiseproviant nicht dabei und ein Kamel zu schlachten, stand außer Frage, denn sie benötigten jedes einzelne Tier. Auch wenn das Essen nicht unbedingt nach seinem Geschmack war, so hatte sein Magen es doch ohne Probleme vertragen. Umso nervöser wurde er, denn dieses Gefühl konnte nichts Gutes bedeuten. Er sah sich zu der Gruppe um und während er hoffte, dass sie bereits die Kamele abmarschbereit machten, passierte alles vor seinen Augen viel zu schnell. Er stand einfach abseits und sah zu, was geschah. Irgendeine seltsame Gestalt, die beinahe komplett in Leinenbandagen eingewickelt war, schwang gekonnt eine Kette umher, an deren Ende sich ein metallener Haken befand. Dieser grub sich tief ins Fleisch eines Kriegers aus Bar Golan. Genau am Hals hatte der Haken ihn erwischt und sobald er drinsteckte, wurde er auch schon wieder herausgerissen, während eine Blutfontäne aus dem Hals des Kriegers strömte. Er brach innerhalb weniger Sekunden zusammen und verblutete. Der zweite Krieger stürmte auf die einbandagierte Gestalt zu und stieß seinen Speer in ihre Richtung. Doch die Gestalt war flink und wich dem Speer problemlos mit einer Drehung und zugleich einem Seitwärtsschritt aus, trat dem Krieger mit ihrem Fuß ins Gesicht und schwang dann ihre Kette so, dass sie sich um den Hals des Kriegers wickelte. Dann nahm die Gestalt die Kette und wickelte sie sich um den eigenen Arm, dass sie kürzer wurde. Anschließend sprang sie mit ihrem ganzen Körper so stark sie konnte vom Krieger weg und riss dadurch auch die Kette mit, die durch die plötzliche Bewegung dem Krieger den Kopf verdrehte und ihm das Genick brach. Sofort danach wickelte die Gestalt die Kette von ihrem Arm und dem Hals des Kriegers ab und hielt sie wieder komplett in ihren Händen. Da kamen schon die anderen angestürmt und wollten sich mit Krummsäbeln gegen die seltsame Gestalt verteidigen. Aber die Gestalt blieb wie angewurzelt stehen und schwang ihre Kette mit gezielten Hieben genau so, dass sie jeden einzelnen Krieger traf, der zu nahe an sie herantrat. So wurde manchen das Gesicht aufgekratzt, andere bekamen den Haken direkt ins Auge. Wieder anderen bohrte sich der Haken in die Pulsadern der Hand, mit welcher sie den Säbel führten. Anderen wurde der Hals aufgeschlitzt. So vernichtete diese Gestalt, die Julian schon von weitem erblickt hatte, innerhalb von maximal zwei Minuten seine gesamte Karawane, bis nur noch er und Odobar übrig waren. Dieser war in dem ganzen Tumult erstaunlich untätig geblieben. Julian hatte mehr von ihm erwartet. Im Moment konnte er ihn nicht einmal erspähen. War er tatsächlich geflüchtet? Wenn, dann bestimmt aus dem Reflex heraus zu Fuß. Dann würde er ohnehin nicht weit kommen. Erst recht nicht, wenn er es mit diesem Monstrum zu tun hatte. Also bleiben nur noch Julian und das einbandagierte Scheusal übrig. Julian wagte nicht, sich zu bewegen. Seltsamerweise trug die Gestalt auch über ihren Augen Bandagen, weshalb Julian sich wunderte, wie sie wohl sehen konnte. Nachdem auch das letzte Opfer des Bandagenteufels seinen letzten Laut von sich gegeben hatte, wandte sich das bandagierte Monster Julian zu.
"Nicht so schüchtern. Ich weiß, dass Ihr da seid.", sprach eine eindringliche Stimme. Doch nicht die Tatsache, dass das Monster sprechen konnte, erschütterte Julian. Da war noch etwas an der Stimme, womit er nie gerechnet hätte. Wenn er mehr auf die schlanke Figur des Monsters geachtet hätte, wäre es ihm vielleicht aufgefallen. Das Monster war eine Frau.
Kapitel VI: Die Träne
Julian konnte es kaum fassen. Die Gestalt vor ihm, die er für ein unmenschliches Monster, etwas Grässliches, Abstoßendes gehalten hatte, war in Wirklichkeit eine Frau. Dennoch hatte sie all seine Gefährten umgebracht. Bis auf Odobar natürlich, der geflohen war. Doch auch den hätte sie sich bestimmt geholt. Julian wagte es immer noch nicht, etwas zu sagen, obwohl ihn die Frau schon längst entdeckt hatte.
"Wenn Ihr noch weiter schweigend da herumsteht, seid Ihr der nächste. Habt Ihr verstanden?"
Da nahm Julian all seinen Mut zusammen und antwortete, möglichst gelassen wirkend:"Na schön. Ich habe zwei Fragen. Erstens: Wer seid Ihr? Zweitens: Warum habt Ihr meine gesamte Karawane getötet?"
"Nicht Eure gesamte Karawane, Idiot. Dieser feige Prinz aus Bar Golan ist geflohen und die Kamele leben auch noch. Wobei ich vielleicht eines oder zwei töten werde. Gebratenes Kamel am Abend ist das allerbeste. Habt Ihr es schon einmal probiert?"
"Ich verzichte darauf, Kamele zu essen." Bei diesem Satz wären Julians behaarte Begleiter ihm sicherlich dankbar gewesen, hätten sie ihn verstanden.
"Wie schade aber auch, dann verpasst Ihr einen wahren Genuss. Egal, kommen wir zu Euren Fragen. Ich beantworte sie Euch, aber nur für die Antworten auf zwei Gegenfragen. Seid Ihr damit einverstanden oder zieht Ihr es vor, gleich zu sterben?"
"Nein, ich bin einverstanden. Stellt Eure Fragen."
"Gut. Wer seid Ihr und was macht Ihr in der Gesellschaft des Prinzen von Bar Golan? Das ist übrigens eine Frage."
"Von mir aus. Mein Name ist Julian und ich komme im Auftrag von Kaiser Theron aus Anthem Gows. Ich will Krieger aus Raspetanien als Verbündete gewinnen, denn bald schon wird die goldene Stadt von einer gewaltigen Armee angegriffen. Den Prinzen von Bar Golan, wie Ihr ihn nennt, traf ich nur zufällig und habe mich ihm angeschlossen, um seinen Vater in Bar Golan um Hilfe zu bitten. Seid Ihr damit zufrieden?"
"Ihr seid wirklich bescheuert."
"Wie bitte?!", fragte Julian empört. Er hatte ihr alles verraten, auch noch wahrheitsgetreu, weil er hoffte, so eine höhere Chance aufs Überleben zu besitzen und sie beschimpfte ihn einfach. "Was für eine Schlampe.", musste Julian denken. Zum Glück sagte er es nicht sofort laut, denn die Frau sprach weiter.
"Ihr könnt doch nicht einfach jedem dahergelaufenen Trottel erzählen, was Ihr vorhabt. Jeder würde das ausnutzen, um seinen eigenen Vorteil herauszuschlagen. Begreift Ihr denn gar nichts?"
"Was ist mit Euch? Erfahre ich endlich einmal, wer Ihr seid?"
"Wer ich bin? Gut, wenn Ihr es denn unbedingt wissen wollt. Man nennt mich Sahel. Ich bin eine Nomadin und stamme aus dem Reich der Nomaden, Dereboaea, welches südlich an Raspetanien angrenzt. Davon abgesehen bin ich die viertmächtigste Assassine auf der Welt. Jetzt zufrieden?"
Julian konnte kaum etwas sagen und sein Mund stand so weit offen, dass sich Sahel bei seinem Anblick sicher halb totgelacht hätte. Was Julian da alles vernommen hatte, hatte ihm Ehrfurcht vor seinem Gegenüber eingetrieben. Eine der besten Assassinen, die existierten und eine Nomadin noch dazu. Dennoch wollte er wissen, ob sich alle Nomaden so bescheuert einbandagierten oder ob nur sie Probleme hatte. Vorerst aber wollte und konnte er nicht fragen. Darauf reagierte Sahel sogleich.
"Was ist los? Hat es Euch die Sprache verschlagen? Hallo? Ihr seid doch noch da. Ich spüre Eure Anwesenheit."
"Ja...ja ich bin...noch hier.", gab Julian stockend von sich.
"Sehr schön, dann kann ich ja meine zweite Frage stellen. Habt Ihr eigentlich eine Ahnung, was genau hier vor sich geht?"
"Bitte was? Natürlich nicht! Ich verstehe gar nichts mehr! Und es wird mit jedem weiteren Wort Eurerseits nur schlimmer. Also vielleicht wollt Ihr mich mal erleuchten, denn ich kann es jedenfalls von allein nicht."
"Was für ein Pech. Ich hatte mehr von Euch erwartet, Julian, Sohn Raspetaniens."
Erneut blieb Julian der Mund offen stehen. Konnte diese Assassine hellsehen? Wie konnte sie wissen, dass er ursprünglich aus Raspetanien stammte?
"Woher wisst Ihr...", setzte Julian an.
"Ach bitte, das merke ich sofort. Ich fühle, dass Ihr hier geboren wurdet, bevor Eure Eltern mit Euch nach Anthem Gows ausgewandert sind. War ihnen wohl zu heiß hier. Oder zu langweilig. Oder zu beschissen. Was für ein Drecksladen dieses tolle "Reich der Gleichheit" doch ist." Nach dem letzten Satz spuckte Sahel auf den Boden.
"Seid froh, dass Ihr nicht hiergeblieben seid, Julian."
"Warum sollte ich? Weil ich dadurch Euch nicht begegnen musste? Jetzt ist das auch hinfällig."
"Hahaha, ihr habt Eier, das gefällt mir. Selbst im Angesicht des sicheren Todes seinen Henker noch beleidigen zu können, dafür braucht man große Eier. Die habt Ihr zweifellos."
"Wollt Ihr sie sehen?", fragte Julian unverschämt. Er war sich in diesem Moment sicher, dass er in wenigen Minuten ohnehin sterben würde. Da konnte er auch noch ein wenig Spaß haben und seine Henkerin vorführen. Doch Sahel machte ihm einen Strich durch die Rechnung.
"Oh, so ein Pech, leider kann ich Eure prachtvollen Eier nicht sehen. Das tut mir wirklich leid."
"Warum nicht?", fragte Julian sofort.
"Weil ich blind bin.", erwiderte Sahel.
Julian konnte es kaum fassen. Konnte diese Assassine eigentlich auch mal etwas sagen, das ihm nicht den Mund offenstehen ließ? Ständig enthüllte sie ein neues Detail über sich, das noch unglaublicher als das vorige war.
"Wollt Ihr mich jetzt verarschen?"
"Nein, das ist mein voller Ernst. Wenn Ihr mir nicht glaubt, so zeige ich es Euch. Seht in meine Augen, Julian."
Dann nahm Sahel langsam die Bandagen um ihre Augen herum ab. Erst jetzt erblickte Julian alle Details ihres Aussehens. Sahel war ungefähr so groß wie Julian, vielleicht ein wenig kleiner. Sie besaß eine dunkle Hautfarbe, aber nicht so dunkel wie die meisten Einwohner Raspetaniens sie besaßen. Ihre Hautfarbe war in etwa die Mitte zwischen der wirklich dunklen Hautfarbe von beispielsweise Odobar und der hellen Hautfarbe Julians. Am Großteil ihres Körpers befanden sich die Bandagen, doch an vereinzelten Stellen wie den Armbeugen, den Kniekehlen und Knien, Füßen, Armen und ihrem unteren Gesicht inklusive Mund und Nase befand sich nichts, das die Haut bedeckte. Am Rest ihres Körpers waren die Bandagen großzügig umgewickelt, doch sie wirkten steif und hart. Davon abgesehen hatten sie die Farbe des Sandes angenommen. Zweifellos waren Sandstürme dafür verantwortlich. Julian fragte sich wirklich, wie genau man dazu kam, so auszusehen. Als Sahel die Bandagen um ihre Augen schließlich abgenommen hatte, erstarrte Julian vor Schreck. Sie hatte nicht gelogen. Sahel war ohne jeden Zweifel blind. Das konnte selbst der dümmste Mensch der Welt verstehen, denn Sahel besaß nichts, womit sie hätte sehen können. Ihre Augenhöhlen waren so leer wie die vielen Gefäße, die einst Wasser beinhalteten, aber schon von der mittlerweile toten Karawane geleert worden waren.
"Glaubt Ihr mir nun?", fragte Sahel mit einem boshaften Unterton. Sie konnte genau fühlen, wie unwohl sich Julian gerade fühlte.
"Ja, selbstverständlich. Es tut mir leid, dass Ihr Eure Augenhöhlen für mich entblößt habt."
"Was für ein Charmeur.", sagte Sahel und sie lächelte dabei. "Wenn es Euch wirklich leid tut, dann erklärt mir Eines: Wisst Ihr eigentlich, was genau in diesem Reich passiert?"
"Nein, das weiß ich nicht. So weit waren wir doch schon."
"Keine Ahnung, was hier vor sich geht, nein? Dann eben nicht. Ich werde Euch ohrfeigen, bis Ihr endlich aufwacht. Warum wollte ich wohl Odobar töten?"
"Ihr wollt Odobar töten? Aber was genau hat er Euch denn getan?"
"Was er mir getan hat? Ach, ich verstehe. Ihr habt ihn kennen gelernt als Odobar, Prinz des Nebels, den freundlichsten Prinzen, den man sich nur wünschen kann. Hat er auch einmal erwähnt, was er uns Nomaden angetan hat?"
"Was genau hat er Euch angetan? Das ist doch sicher nur ein Versuch, mich gegen ihn aufzubringen?"
"Wirklich? Das denkt Ihr? Ich kann Euch mit einer einzigen Bewegung meiner Kette töten. Wenn ich Euch belügen wollte, würde ich mir die Zeit sparen und Euch einfach umbringen. Aber ich dachte, dass Ihr mich vielleicht versteht. Niemand sonst kann das. Nur die Nomaden, mein Volk. Also, wollt Ihr meine Geschichte über Odobar hören oder lieber sterben?"
"Wenn es für mich noch eine Möglichkeit gibt, aus alledem lebend herauszukommen, dann wähle ich sie. Das heißt im Grunde: Legt los, erzählt mir die Geschichte."
"Sehr gerne, Julian. Nun denn...
Vor 17 Jahren, als ich noch ein kleines Mädchen im Alter von fünf Jahren war, lebte ich glücklich mit meinen Eltern und meinen beiden älteren Brüdern in Keohn, einem kleinen Grenzdorf, das direkt an der Grenze zwischen Raspetanien und Dereboaea lag. Das Dorf war nicht allzu weit entfernt von Lapeorla, der angeblich schönsten Stadt der Welt. Odobar war damals wohl so alt wie Ihr es heute seid, Julian. Als junger, aufstrebender Sohn des Regenten von Bar Golan war er erpicht darauf, Großes zu vollbringen. Und Großes vollbrachte er auch. Fragt sich nur, für welches Volk. Er teilte die Meinung seines Vaters, dass die Grenze zu Dereboaea viel besser bewacht gehörte. Am liebsten hätte er dort eine riesige Mauer errichtet, allerdings fanden sich für so ein riesiges Unterfangen nicht ausreichend Materialien. Eines Tages beschloss Odobar, dass man einfach einen Streifen der Verwüstung entlang der Grenze erschaffen würde. Dort würden sie einen tiefen Graben ausheben, in den sie etliche Kakteen, sowie verwesende Tiere, Fäkalien und verdorbene Essensreste warfen. Wer dann auch immer die Grenze überqueren wollte, egal in welche Richtung, würde erst diesen schrecklichen Graben überqueren müssen, bei dessen bloßem Gedanken man sich schon übergeben muss. Doch bevor dieser Graben errichtet werden konnte, mussten natürlich alle Siedlungen in der Nähe verlagert werden. Doch alle Dörfer, die zum größeren Teil in Dereboaea lagen, wurden einfach angegriffen und dem Erdboden gleich gemacht. Leider traf auch mein Dorf dieses Schicksal. Mein Vater war an diesem Tag nicht bei uns und seitdem habe ich ihn nie wieder gesehen. Ich weiß nicht, ob er noch lebt oder ob sie ihn auch erwischt haben. Jedenfalls vernichteten sie das Dorf Keohn, töteten so gut wie alle Einwohner und meine Familie nahmen sie gefangen. Warum genau sie gerade uns nicht sofort töteten, wie alle anderen, weiß ich bis heute nicht. Wir wurden dann lange Zeit in einem Kerker festgehalten. Irgendwann erschien dann Odobar und nahm sich den älteren meiner beiden Brüder vor. Er nahm ihn mit in einen angrenzenden Raum, aus dem seine Schmerzensschreie zu uns herüberhallten. Als Odobar wieder aus dem Raum kam, war er am ganzen Körper voll Blut und verließ mit leeren Augen den Kerker. An diese Augen werde ich mich mein ganzes Leben lang erinnern. Auch wenn ich nichts mehr sehe, diese leeren Augen sehe ich für immer deutlich in meinem Kopf. Ich weiß nicht, was er von uns wollte. Wahrscheinlich wollte er Informationen, die wir nicht besaßen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, auch den jüngeren meiner beiden Brüder sowie meine Mutter zu töten. Und ich musste all ihre schrecklichen Schreie mit anhören. Es brach mir das Herz, sie so leiden zu hören. Schließlich war nur noch ich da und Odobar nahm mich mit in das Folterzimmer. Er setzte mich auf einen Stuhl, kniete sich hin, um auf meiner Augenhöhe zu sein und hielt mir einen Silberlöffel vors Gesicht.
"Weißt du, was das ist?", fragte er mit einem diabolischen Grinsen.
"Ein Löffel.", antwortete ich. Ich dachte schon, er will mich verarschen. Als ob ich noch nie einen Löffel gesehen hätte. Doch dieser eine Löffel verfolgt mich auch für den Rest meines Lebens. Denn anschließend sprach Odobar:"Kluges Mädchen. Wenn du nicht möchtest, dass dieser Löffel dein Verhängnis wird, dann sagst du mir jetzt, was du weißt. Was planen die Nomaden? Wissen sie von unserem Plan mit dem Graben?"
"Was für ein Plan? Und was ist ein Verhängens..."
"Verhängnis. Das heißt, dass dir dieser Löffel viel Leid zufügen wird. Du weißt doch, was Leid ist, oder?"
"Das, was meine Mutter und meine Brüder gespürt haben."
"Das ist Schmerz, aber ja, auch sie haben gelitten. Nun, willst du jetzt reden?"
"Worüber?"
"Über den Plan der Nomaden! Gestehe endlich! Du weißt etwas davon, das sehe ich in deinen Augen!", Odobar brüllte mich an. Ich hatte solche Angst.
"Bitte, lasst mich gehen.", flehte ich. Doch es half nichts.
"Wenn du nicht redest, dann wirst du eben leiden müssen."
Ich verstand nicht, was geschah. Alles, was ich sah, war, wie der Löffel immer näher an mein Auge herankam. Dann spürte ich einen höllischen Schmerz und auch wenn ich nicht wusste, was passierte, dachte ich als kleines Kind in diesem Moment wohl, dass ich sterbe. Dann sah ich nur noch mit einem Auge und konnte kaum glauben, worauf ich blickte. Es war mein eigenes Auge, das mir entgegen starrte. Odobar hielt es in der Hand, während er mich teuflisch angrinste. Kurz darauf verlor ich auch mein zweites Auge. Ich sah nichts mehr und wusste nicht, was geschehen würde, bis ich die fürchterlichen Schmerzen an den verschiedensten Stellen meines Körpers spürte. An meinen Armen, Beinen, am Ober- und Unterkörper. Er musste mit einer Art Messer oder Schwert entlang geschnitten haben, so fühlte es sich an. Anschließend bandagierte er mich an den blutenden Stellen und ich wurde so, wie ich heute bin. Die Bandagen schmerzten höllisch auf den offenen Stellen, weil sie in eine Flüssigkeit getränkt waren, die an den Wunden furchtbar brannte. Eigentlich hätte ich sterben müssen, doch irgendetwas hielt mich am Leben. Odobar hatte mich danach nie wieder besucht. Er dachte, ich sei tot. Irgendwann warfen mich seine Männer in die Wüste und überließen mich den Geiern. Doch so kam es nicht. Denn ich erhob mich und wanderte in eine bestimmte Richtung. Irgendwie fühlte ich, dass es in dieser Richtung am ehesten ein Dorf oder ähnliches geben würde. Schließlich gelangte ich wirklich in ein Dorf, wo man mich zunächst verwirrt beäugte, aber mir schließlich half, als ich darum bat. Ich sagte immer wieder "Hilfe. Bitte." Mehr konnte ich nicht mehr herausbringen. Die Menschen in dem Dorf halfen mir. Sie nahmen mich bei sich auf und kümmerten sich um mich. Was ich aber nicht wusste, ist, dass dieses Dorf vielmehr eine Stadt war. Nämlich ebenjene, die Odobar so viel bedeutete. Ich war direkt nach Lapeorla, der schönsten Stadt der Welt, marschiert. Es schmerzte mich, diese Schönheit, obwohl sie zum Greifen nahe war, nicht mit eigenen Augen sehen zu können. Doch dafür wurde mir mein Leben geschenkt. Als ich älter war, schickten mich die Leute aus Lapeorla zu einem alten Mann, der einsam irgendwo in der Wüste lebte. Nach allem, was ich gehört hatte, musste er ein Druide sein, einer der ersten 15 Menschen. Irgendwann fand nicht ich ihn, sondern er mich. Da wäre ich schon wieder beinahe gestorben, doch zuvor half er mir und so überlebte ich erneut. Er brachte mir bei, wie ich meine Sinne trainiere und schärfe und nach sehr hartem und jahrelangem Training wurde ich schließlich zu einer der besten Assassinen, die existieren. Nun sehe ich besser als jemals zuvor und das ganz ohne Augen. Odobar hat damals einen schlimmen Fehler begangen. Er hat nicht sichergestellt, dass ich auch wirklich tot bin. Jetzt holt ihn seine Vergangenheit ein.
Nun kennt Ihr meine Lebensgeschichte, Julian. Was sagt Ihr, glaubt Ihr mir?"
Julian konnte diese Geschichte nicht verarbeiten. Er hatte Tränen in den Augen und war zutiefst erschüttert. Egal ob Odobar oder sonst wer, wer konnte einem armen, kleinen Mädchen nur solche Gräuel antun? Solch unmenschliche Taten durften nicht ungesühnt bleiben. Natürlich konnte sich Sahel das alles auch nur ausdenken, aber sie hatte Julian schon erklärt, dass sie nichts davon hatte, ihn zu belügen. Sie konnte sowohl ihn als auch Odobar mit Leichtigkeit töten. Julian war sich sicher, dass sie ihn überzeugen wollte, dass sie in Wirklichkeit das Opfer war. Und es hatte funktioniert.
"Sahel, ich glaube Euch. Jedes einzelne Wort. Eine solche Geschichte kann man sich nicht einfach ausdenken. Dafür ist sie viel zu genau und Euer Körper ist stummer Zeuge dieser grässlichen Geschehnisse. Es tut mir furchtbar leid, was Euch widerfahren ist. Niemand, egal wer, sollte jemals so etwas durchmachen müssen."
"Wie schön, Julian. Dann muss ich Euch nicht töten. Das ist schon mal eine Erleichterung. Ich mag Euch, Ihr habt eine spezielle Art, die mir unheimlich vertraut scheint. Irgendwie erinnert Ihr mich an meinen Vater Jakar."
Julian glaubte, sich verhört zu haben. Er fragte zur Sicherheit noch mal nach.
"Was habt Ihr gerade gesagt, Sahel?"
"Dass Ihr mich an Jakar, meinen Vater, erinnert."
"Aber Jakar ist mein Vater. Das muss eine Verwechslung sein. Oder es gibt mehrere Jakars. Vielleicht ist es ein häufiger Name in Raspetanien."
"Deshalb also.", sagte Sahel knapp.
"Deshalb was?", wollte Julian wissen.
"Deshalb seid Ihr mir so vertraut. Du hast exakt die Art unseres Vaters, Julian."
"Ich bin kein bisschen wie mein Vater! Er hat meine Mutter und mich im Stich gelassen und selbst wenn er wirklich auch dein Vater ist, hast du selbst gesagt, dass du ihn nach dem Angriff nie wieder gesehen hast. Er ist einfach abgehauen, als er den passenden Moment dafür sah."
"Aber er ist dennoch unser Vater, Halbbruder. Scheinbar sind doch nicht alle Mitglieder meiner Familie tot. Wie klein die Welt doch ist. Endlich habe ich einen kleineren Bruder. Das wollte ich schon immer."
"Jetzt mal ganz langsam. Wir wissen noch immer nicht, ob das wirklich der Wahrheit entspricht."
"Doch natürlich, Julian. Wenn du mir nicht glaubst, nimm meine Hand."
Julian ergriff Sahels Hand und jeglicher Zweifel, dass sie nicht seine Schwester war, wurde weggespült. Er konnte deutlich fühlen, dass eine ganz besondere Macht sie beide verband. Eine Macht, so alt wie die Menschheit selbst, die Kraft der Familie. Er fühlte das Blut seines Vaters, Jakar, durch Sahels Venen strömen und sie nahm dasselbe bei Julian war. Kaum zu glauben, dass die viertmächtigste Assassine der Welt Julians Halbschwester war. Nun schlichen sich einige Erkenntnisse in seinen Kopf. Sein Vater hatte vor seiner Mutter bereits eine Frau gehabt. Letztendlich hatte er beide Familien verlassen. Aber das war nicht alles. Julian besaß tatsächlich eine Schwester. Ebenso wie zwei tote Brüder. Und er hatte seine Schwester gefragt, ob sie seine Eier sehen will. In diesem Moment schämte er sich furchtbar. Sahel schien das nicht zu entgehen.
"Was ist los, Bruder?"
"Ich denke nur gerade an vorhin, als ich dir angeboten habe, meine Eier zu betrachten. Das wirkt jetzt angesichts der neuesten Umstände so falsch."
"Mach dir nichts daraus, das kann doch jedem passieren. Ich hätte zunächst auch nicht geahnt, dass sich mein Bruder, von dem ich bisher nichts wusste, bei dem Mann befindet, der mein Leben zerstört hat. Aber jetzt, da wir das geklärt haben, was sollen wir tun?"
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